Am Bau

Skizze

Architekten und Zeichner, über Rollen und Pläne gebeugt,
sprechen von Linien der Flucht. Dies sei die Zimmerflucht,
jenes die Giebelflucht, drittens die Fensterflucht.
Ein Haus, zur bleibenden Wohnung erdacht, flieht offenbar selbst.
Wohin aber flieht es? Oder flieht es vor wem?
Häuser, gebaut, feste Heimat zu sein, folgen der Sucht
in den Reim.  Der Zeichner weiß: Sein Stift sucht den Sog
eines Punkts der Zentralperspektive.
Der Maurer weiß: Keine Wand wird gebaut ohne Lot,
hineingehalten von der Schwerkraft in die Schlucht.

Märkischer Sand

Sofort eingeprägt hatte sich dem neunjährigen Dorfschüler Andi Preschke das Wort Endmoräne. “Wir leben hier in einer Endmoräne” – so sagte es die Klassenlehrerin am 21. Juni 1982, während sie mit einer Unterwasserbewegung ihres Armes die geografische Höhenlinienkarte von Potsdam und Umgebung umkreiste. “Die Weichsel-Eiszeit in ihrer Brandenburg-Phase. Bis zu uns kamen die Eismassen, vierundzwanzigtausend Jahre ist das her, so, und jetzt ist Schluss. Hitzefrei für alle. Ab nach Hause!”
Wir leben hier in einer Endmoräne – hatte Andi sich dann noch einmal innerlich vor- und nachgesprochen, während seine Mitschüler an ihm vorbei nach draußen gerannt waren, in ihr Hitzefrei hinein. Er schaute dabei auf die Flüssigkeitskristallanzeige seiner neuen Casio-Armbanduhr, eine der ersten dieser Art und ein Geschenk seines Onkels, der alle drei Jahre aus Westberlin in einem nikotinfarbenen Opel Senator seinen Neffen in dem Brandenburger Dorf besuchen kam. Es war genau Elfpunktnulldreiuhr.

Das Land Brandenburg, eine Gegend in Deutschland, die einiges zu bieten hat, viel mehr als der Louvre, aber auch noch viel mehr als Elkes Nagelstudio in Wittstock.  Hier haben Worte wie Endmoräne oder Roggenmuhme ihren Land-Sitz. Und im Land Brandenburg ereignen sich Momente einer ganz allgemeinen Frühe. Ein Reiseführer würde schreiben: Im Sommer sind es die heftig nach Harz duftenden Kiefern, der ziemlich eigenartige märkische Sand, hier und da ein zweigeschossiges Gutshaus, das seiner zwei Geschosse wegen gernzuschnell Schloss genannt wird; alte Eggen und Pflüge, liegengeblieben oder stehengelassen als die eisernen Skelette einer frühindustriellen Epoche, bilden sie den rostigen Saum mancher Wiesen.

“Wir kletterten in die rostigen Reste einer ehemals dampfgetriebenen Dreschmaschine und gaben uns den ersten Kuss.”

Dann einiges silbermondäne Gewässer, teils in Seen, teils in Kanälen, die vor rund 250 Jahren in preussischer Initiative bei der Trockenlegung und Urbarmachung große Sumpfgebiete ausgehoben worden waren, dann natürlich die Havel, natürlich der Wannsee, natürlich die Glienicker Brücke, natürlich der Filmpark Babelsberg, die ehemalige Residenz- und Garnisions-Stadt Potsdam mit dem preussisch-blauen aber französisch begrünten “Sans-soucie ”

So schaut das Land mit seinen graugrünen Augen und rostiger Pupille auf den interessierten Einwohner oder Touristen mit Ansichtskarte.
Endmoränenland. Preussisches Roggenmuhmenfeld.

Sein Duft: Frisch gemähtes Gras und Motorenöl, ein zur Zugmaschine umgebautes dreirädriges -Motorrad, dessen überhitzter Motor nach dem Ausschalten noch etwas nachknackt.

Oder: das Mutterkorn, eine schwarze Anomalie an der Getreide-Ähre, nicht erwünscht, heute unter Kontrolle aber immer mal wieder hervorkommend. Der Verzehr führt zu Halluzinationen.
Das Land Brandenburg zeigt, obwohl etwas nördlicher in Europa gelegen, manchmal Lichter und Stimmungen, wie man sie von dem französischen Landschafts-Maler Cezanne kennt. Oder es ähnelt Südschweden, dem Land Pipi Langstrumpfs und einem wahren Klisché von Kindheit.

Oder: Das Land wird ernst und still und bekommt den Ton angelaufenen Silbers,
zu unheimlichen Mittagszeiten, bei hochstehender Sonne, liegt hier manche Gegend stiller und schwärzer da als in der Nacht. Die Nächte in Brandenburg sind harmlos. In den Nächten kläffen immernoch noch die Hunde hinter den Toreinfahrten auf den Dörfern.
Aber in den hohen Mittagsstunden werden auch diese Hunde still und legen auf heißen Blechen ihre Zungen aus.

Diese Mittagszeit, wenn bei spitziger Sonne in den Getreidefeldern die Roggenmuhme lauert. Wenn sogar das Zirpen den Grillen zu anstrengend ist.  Die Roggenmuhme als etwas Schwarzes im Gold der Getreide-Felder. Eine mythologische Oxidation am Metall der Mittagsstunde.
Die Roggenmuhme als das Foto-Negativ der hochstehenden Sonne….an flimmernden Sommertagen, im flirrenden Sonnenwagen, wenn das Harz in den Kiefernstämmen tickt und kleine Käfer darin festkleben für den kommenden Bernstein, an Tagen, wenn der Teer auf  den Landstraßen weich wird und sogar die Mountainbike-Ausflügler aus Berlin von der Hitze niedergestreckt werden, während die einzig wahnsinnige Stubenfliege der Region gegen eine Fensterscheibe klopft, über einem Stück Streuselkuchen, den Oma Heinrich gebacken hat, im Dorf Güterfelde, kurz vor dem Gewitter.
Brandenburg, das Land, wo der August seine Vorhänge zuzieht und die Wespen in den Birnen wippen und beben, mit ihren eng geschnürten Leiben im schwarzgelben Korsett. Etwas brandet an in Brandenburg.

Warum heißt es: Märkischer Sand?

Der Märkische Sand als der einzige Sand, der im Deutschen so speziell bezeichnet ist. Und Brandenburg liegt unter seinem eignen Himmel, den man auch als Berliner Himmel kennt, nie ganz tiefblau, selten richtig klar, könnte man ihn zu manchen Zeiten als taubengrau bezeichnen und machmal als betonfarben oder auch als erich-honecker-farbenen Himmel, an Eiszeiten erinnernd. Und es ist der Himmel Heinricht von Kleists. Der Himmel über Potsdam und dem Wannsee.

Dieser Himmel wirkt manchmal weit, sehr weit, als würde er hineinfassen in die Mongolei, beinahe russisch manchmal, die Kiefern könnten auch Birken sein,  etwas metallisch, nah und niedrig auf die flaschengrünen Wipfel gelegt, gibt dieser Himmel einen stalinesken Einklang zu dem nicht ganz hell sein wollenden märkischen Sand. Der Geschmack von Rüben oder Roter Beete, hat etwas von diesem märkischen Sand. Kann sein, dieser Märkische Sand ist auch das Mehl des Dreissigjährigen Krieges, der in einigen Regionen hier wie ein Radiergummi  immer hin und her radiert hat. Aber laut Geologie ist der Märkische Sand  ein Ergebnis der letzten großen Eiszeit, ein Mehl oder Geschiebemergel im Schürfen, Drücken, Mahlen und Kratzen riesiger Eis- und Gletschermassen, die bis in die Endmoränen des Fläming hinein gedrückt haben. Brandenburg.

Dann sind da viele Ortschaften mit einer slawischen Einstrahlung von   -“ow” in der Namens-Endung. Höhnow, Teltow, Buckow, Seelow, Machnow, Nudow…

Im Land Brandenburg liegen manchmal viele schwarze Autoreifen hinter  Scheunen unter einer Plane und werden spröde in der Sonne.

Das Sehen schreibt Ansichtskarten an sich selbst. Die Sprache dreht die Karten um und liest. Dabei wird das Denken brandenburgisiert.

Die Gedankenlandmasse

Humboldt-Universität in Berlin. Der Weltreisende Alexander von Humboldt hatte benannt sein Hauptwerk damals “Kosmos.”
Früher musste man noch die Welt bereisen, um den Kosmos zu finden, heute genügt ein kleiner Ausflug in die nähere Umgebung von Berlin, und man gerät aus den höchsten Chimborazzo- Höhen in die tiefste dampfende Trope.

Dem Forscher liefert die Realität selbst einige Zeichen, die imstande sind, ein ganzes Jahrzehnt in gültige Klammern zu setzen oder wenigstens große Teile davon. Eine starke poetische Prozesslupe, die alles bis zur Kenntlichkeit verstärken kann, liefert die Zeit als eine anonyme Poetin oft selbst.

Die Kün(st)lerin Frau Zeit hatte hierfür um die Jahrtausendwende herum im Land Brandenburg ein gigantisches Kunst- oder Kunft-Projekt initiiert, das aber trotzdem absolut unverkäuflich bleibt. Es war nie auf der Dokumenta zu sehen, und doch ist es das Stärkste an Landschafts- und Installations-Kunft, was die letzten 20 Jahre hervorgebracht haben.

Es war einmal im schönen Land Brandenburg Ende der 90iger Jahre bei Kiefernwald im märkischen Sand und nahe dem Ort Brand.

Hier wurde eine der größten – oder sogar d i e größte –  freitragende Luftschiff-Werft-Halle der Welt erdacht und im November des Jahres 2000 fertiggestellt. Riesig, futuristisch, gebläht und schön in den Ausmaßen und der Vision. Das Projekt kann unter Lastenluftschiff, Cargolifter AG in Bildern nachgegoogelt werden.
Ziel des Unternehmens war die Konzipierung und der Bau eines hochmodernen Lastenluftschiffes (größtes Luftschiff der Welt) das mittels eines ausgeklügelten Systems des Ballast-Wechsels (Wasser) schwere und sperrige Lasten über große Entfernungen transportieren sollte.
Eine Idee, als hätte Heinrich von Kleist sie gehabt.
Lasten anheben, nach oben, nach oben! Und dann fahren! Grenzübegreifende Luftschifferei – riesige  Zigarren am Himmel – die moderne Wiederauflage eines ewig futuristischen Geräts – das Luftschiff – Yes!

Die preussische Königin Frau Dauer mit Ihrer Kammerzofe Frau Zeit hatte mit dieser Luftschift-Werft-Halle in die Landschaft Brandenburgs gelegt ein großes Ei, und gegönnt hatte sie diesem Ei ein großes Tor, das man ÖFFNEN konnte, um später  – in  der Vision der Cargolifter AG – das fertiggestellte Luftschiff zu entlassen ins Offene, ins Freie. Damals, Ende der 90iger Jahre erfuhr ich von dem Projekt und dachte: Ja, …genau mit solchen Projekten sollte das neue Jahrtausend mit der Nr. 2000 begrüßt werden. Himmelstürmend und kühn und visionär. Gravitätisch, antigrav.

Das himmelgreifende Ingenieurs-Projekt wurde aus verschiedenen Gründen bald gestoppt. Pionier-Vorhaben sind unsicher im Vorfeld, sie arbeiten sich ab an den technischen Hürden der Praxis und manchmal zermürben vieleicht 100 neue Details, an die man nicht gedacht hatte, die Kalkulationen und Zeitpläne. Aber: Die Projekte bleiben gut, sie werden am Anfang von einem Idealismus getragen, dem man im Nachhinein immer viel mehr Respekt als Kritik zukommen lassen kann. Die Initiatoren-Firma Cargo Lifter AG musste bald Insolvenz anmelden.
Na gut – so what – keine Panik, das kommt vor. Amerika wurde auch nicht von heute auf morgen per Atlantikkabel mit Europa verdrahtet. Kommt Zeit, kommt Last, kommt Luftschiff  – sollte auch heute noch gelten. Es bleibt eine gute Idee.

Die preussische Königin Frau Dauer mit ihrer Kammerzofe Frau Zeit, als die große Künftlerin, zeigte im Land Brandenburg in ihrem Fortgang allerdings ein Zeichen von plastischer Ironie, die nicht mit dem gewöhnlichen oder dem romantischen Ironie-Begriff verwechselt werden darf.

Die gerade fertiggestellte, freitragend luftige Luftschiff-Halle bei dem Ort Brand, in Brandenburg wurde einer ganz neuen und ebenso visionären Idee übergeben, Diese Idee hieß Tropical Island

Eine sehr große Eingebung, die Frau Zeit da hatte.

Die im Moment nicht mehr angesagte Luftschiff-Halle ging in die Metamorphose und verwandelte sich in  ein Bade- und Erlebnisparadies mit Palmen, kleinem Quasi-Dschungel, künstlichen Stränden, Kachel-Wassserbecken, Rutschbahn und Imbiss-Angeboten. Abgedichtet, klimatisiert, und irgendwie auch witzig, so als tropisches Eiland und Biosphäre eine Art Kolonie auf einem ganz fremden Planeten mit dem Namen Brandenburg. Tropical Island.

Diese Eingebung, in gewisser Weise, absolut visionär. Wenn auch in eine andere Richtung. Aus dem Ei wurde ein Eiland. Das große Tor der  freitragenden Luftschiffhalle, aus dem einmal das erste fliegende Lasten-Luftschiffs schlüpfen sollte, ward nach dem Jahre 2003 zugeschweißt, verschlossen – schließlich. Die Vision des Hebens und Schwebens und der Luftschifferei wurde von der Poetin Frau Zeit, nun ja, ein wenig hinwegmodelliert oder gar – verfeinert? Wer braucht Lasten-Luftschiffe in der Höhe, wenn er unten Gummiboote in einem künstlichen Badeparadies haben kann. Warum auch nicht, wenn’s gut gemacht ist.

Warum Lasten in die Höhe tragen, wenn Paradiese sind so nah?

Suchte man heute nach einer Losung, nach einem Satz oder einem sprachlichen Bild, welche die letzten 20 Jahre auf den Punkt bringen, dann könnte man sagen: Das neue Jahrtausend begann mit einer offenen Luftschiff-Werft in der Brandung Brandenburgs und verwandelte sich dann allmählich in eine Badehosen-Tropeninsel für Schwimmer, Kurz-Urlauber, Schnorchelfreunde, Strandliegen etc…, oder frei nach einem Klassiker:

Luftschiffe zu Erlebnisbädern  –

Liebe sehr reale Realität, du bist eine Poeten-Königin, ich bin mir allerdings gerade nicht sicher, ob eventuell meine ungarische Freundin, die Kün(stl)erin Virág Utazási, ihre Hände mit im Spiel hatte. Am Beispiel der Umwandlung einer Luftschiffhalle in ein künstliches Badeparadis mit dem visonären Namen Tropical Island lässt sich auch gut das Über-Füssige abhandeln zum Thema “Fiktion” und “Realität”.
Die Poetin Frau Zeit selbst in Ihrem realen Wirken ist all diesen Diskussionen immer um mehrere Schritte vorraus. Die Geschichte der Luftschiffhalle bei dem Ort Brand ist ein Stück realer Dichtung und Wahrheit am Beginn des 21. Jahrhunderts. Diese Geschichte zeigt eine Passgenauigkeit und eine Poesie, hinter der alle Form von Literatur läppisch zurückfällt.

Wo ist das Badetuch?

War das Denken und Sprechen an früh-mythischen  Tagen aufgebrochen als ein Sagen, das erforschen wollte, suchen, erkunden, entdecken, so zieht es die Vokale und Konsonanten irgendwann zusammen, zu Worten, Wortgruppen, Sätzen und Absätzen, ganze Textcluster – und werden schließlich: Bild.
Vieles gerade sich gebildet habende beschwert sich jetzt zum Bild.
Dieses Bild sinkt nach unten und dümpelt nun zwischen den künstlichen Ufern eines klimatisierten Tropical Island vor einem künstlichen Metaphern- und Alegorien-Dschungel in der Denklandmasse Brandenburg.

Der Forscherdrang sendet sich selbst zurück in ein tropisches Erlebnisbad der Ansichtskarten, die das Denken an sich selber schickt.

Was ehemals Auf-Schreiben war, bildet nun – ab. Hier, in einem metaphorischen Jurassic-Park der Ab-Bilder, Metaphern und Alegorien ist alles Reden und Schreiben sicher vor dem Offenen, sicher vor Erkenntnissen, sicher vor dem Leben und wirklicher Kunft. Der Text kann nicht altern, weil er immer schon alt ist. Das Sprechen, die Texte und Kunstwerke können nichts erkennen, weil sie immer schon selbst erkannt sein möchten.
Die Kunst versperrt ihnen den Weg zu Kunft. Die Artistik versperrt die Artikulation. Wo Kunft sein wollte, findet sich nur noch der Künstler.
Aber das Lasten-Luftschiff kann warten.
Im Tropical Island des Planeten Brandenburg herrscht das Paradies, ganz ohne Vertreibung. Den Himmel der Denk-Ansichtskarten wird nichts öffnen und nichts aufreissen, außer der nächste große Gedanken-Asteroid.

Kunft

In einer Kneipe neulich ein Gespräch
über das so genannte erste Mal.

Weißt du noch, wo du warst, als du
das erste Mal…?
Abschiede waren kein Thema, nein,
wir wollten Künfte.
So redeten wir als Künftler.

Es kamen zur Sprache

die letzten Male,

so als Frage:

Weißt Du noch,

wo du warst

als du

das allerletzte Mal

ungeduldig vor einer

sogenannten Telefonzelle (ja, diese gelben)

gewartet hast?

Langsam weich werdend im Regen…

WO WARST DU?

…ja… Telefonzelle, die immer so nach Pisse gestunken hat,
aber man musste da rein zum telefonieren, ging ja nicht anders…
und dann nie genaug Kleingeld…und der Typ vor dir fand kein Ende..

Weißt Du noch dein

allerletztes Mal

vor so einer Telefonzelle

WARST DU DABEI?

als Du das

allerletzte Mal…

Hast du Abschied genommen

beim letzten Mal

Abschied von diesem Warten
vor der Telefonzelle
Abschied für immer

oder das weiße Rauschen
nach dem Sendeschluss
in deinem so genannten Fernseher,
von dem du das

letzte Mal

aufgewacht bist

Früher schaute man noch in die Röhre,

hattest du gerade Bildröhre gesagt

wann hast du das letzte Mal Bildröhre gesagt

…ja..man schlief immer ein vor dem Gerät und wachte dann auf
Nulluhrfünfzehn, nachts,
wenn der Apparat rauschte…nach Sendeschluss
Weißt du noch dein

letztes Mal,

WO WARST DU?

Hast du bewusst Abschied genommen
von deinem Erwachen
im weißen Rauschen nach Sendeschluss?

Ich weiß noch, wo ich war, als ich das erste Mal…

aber

das letzte Mal….?

Weißt du noch,
WO DU WARST
als du

das letzte Mal

in einer Telefonzelle

den sogenannten Telefonhörer (wie sich das schon anhört!)

wütend

auf die sogenannte Gabel

geknallt hast?

So AUFHÖREND mit einem Gespräch?

Und danach nie wieder.

WARST DU DABEI?

beim allerletzten Mal?

WO WARST DU?

als Du

das letzte Mal

eine sogenannte Ton-Kassette
wegen eines sogenanntem Bandsalats mit einem Bleistift von Hand
einrollend wieder halbwegs in Form gebracht hast –

das allerletzte Mal –

– WARST DU DABEI?

Hast Du Abschied genommen im Bewusstsein
das letzte Mal zu warten vor so einer Telefonzelle?

…im Bewusstsein des Erwachens im letzten weißen Rauschen
nach Sendeschluss?

…Abschied im Bewusstsein der Tonkassette mit dem letzten Bandsalat?

Jeder kann zumeist beantworten die Frage,

Wo ich war, als die Mauer fiel

ICH WAR DABEI

oder

Wo ich war an meinem ersten Schultag

ICH WAR DABEI

Hier weiß man immer genau,
wo gerade der

Fernseher STAND

…oder der Fotograf…

Aber

WO WARST DU

als du

das allerletzte Mal…

…an einem frühen Sommermorgen

im Bewusstsein des fahrenden Zuges

das Fenster im Zug-Abteil ganz nach unten geschoben hast

für den Fahrtwind

für die erste Zigarette des Tages

oder um noch mal zu winken,

ein letztes Mal

in der Nase den Diesel,
die Lok
und das Rot

*

*

*

*

*

*

*
*

nach einer dreiviertel Stunde fiel uns noch ein: Weisst du, dass wir ein Stück Sommer verloren haben?  Hat man uns ein Stück Sommer einfach so weg genommen?

Diese neue Unmöglichkeit, in einem fahrenden Zug an einem Sommermorgen rauchend an einem heruntergeschobenen Fenster zu stehen…im Fahrtwind…das hat uns ein riesiges Stück Sommer einfach weg genommen….

Ja, und das Hinterherwinken, die Abschiede, das gibts auch nicht mehr.

Nu hör aber auf…die haben dafür jetzt überall W-Lan im Zug und du hast dein Smart-Tablet.

Du brauchst dich von niemandem mehr verabschieden.

Tinte und Titte

Von Philosophie und Sophismus in der Nähe der Milchstraße.

Die Fingerkuppen als Tastsinn –  sind der Gaumen.

Die schöpfende Hand, die sich hohl macht, der Magen,
im Greifen der Be-Griff.

Nur die gebeugte aber sorgsam
geschlossene Hand kann Flüssiges schöpfen.

Das Hohlsein der Hand ist Ihr Reichtum.

Die Hand hohl machen heißt zugeben, dass sie leer ist.

Die bloß tastenden Finger ergreifen nichts.

Das Flüssige läuft durch sie hindurch.

Der Appetit schmeckt und tastet.
Vielseitig hierhin und dahin, bleibt aber blind.

Der Hunger greift. Er kann sehen.

Der Sophist befummelt und schmeckt ab.
(mit dem Gaumen seiner  Fingerkuppen)

Deshalb ist der erste Philosoph immer auch der Ingenieur.
Der Sucher, der Finder/Sucher des Papiers, der Erfinder/Sucher der Tinte.

Der, der am Gnomon den Schatten liest.

Der, der das Holz nutzt.

Der, dem der Gallapfel in seinen Traum fällt.

Erst danach, nachdem der Begriff geschaffen wurde, kommt der Sophist und befummelt mit seinen Fingerkuppen die Handarbeit des Philosophen.

Der Sophismus ernährt sich von Philosophie,
aber er ist keine Philosophie.

Der Sophist bleibt immer unangreifbar,
weil er selbst nichts greift.

Er kann mit seinen Fingerkuppen das Wein-Glas entweder so oder so oder so
oder auch anders befummeln.

Der Sophist geht kein Risiko ein, denn er denkt nichts, er baut nichts, er schöpft nichts, er bläst kein Glas, er schöpft keinen Wein.

Philosophie dagegen riskiert Geschöpfe, den Begriff.

Philosophie muss die leere Hand riskieren, um zu greifen.

Der Sophist “befummelt” die Philosophie und riskiert nichts.

Schelling oder Schopenhauer waren philosophische Sucher/Greifer (Hände)
Nietzsche der sophistische Fummler. (Fingerspitzen)

Das alte Lied: Erst wenn der erste  (sehende) Hunger gestillt ist – erst dann kommt der “abschmeckende” Appetit. Der sophistische Fummler.

Dieses Muster lässt sich verfolgen bis heute.

Nietzsches sekundäres Epigonentum. Sogar seine Sternen-  und seine Feuer-Bilder  – im Vergleich mit Schillers Gedicht “Die Glocke” – sind  – auf eine besonders schlechte und falsche Art epigonal.

Es tut mir leid, Friedrich Nietzsche, aber ihre Texte sind Müll.

(Vor mir liegen zwei Bücher mit dem Thema Descartes.
Eins von Otto E. Rössler (Endophysik, Merve, 1992)
Eins von Durs Grünbein ( Der cartesische Taucher, Drei Meditationen,  Suhrkamp 2008,)

Vergleichsprozesse:

Bei Otto E. Rössler hört man jemanden beim F ragen zu. Hier sirrt es und schwirrt es. Heidegger wird zwar nicht erwähnt, er bleibt Persona non grata, aber immerhin geht der Bogen von den Vorsokratikern mit Anaxagoras  bis in die moderne Physik hinein. Insofern ist Heidegger stark anwesend. Der Text wirkt konzentriert und fokussiert. Es stellt die Frage nach den undichten Stellen im Traum der Welt.  Das Buch und die Prosa unternimmt nach Descartes und vor ihm ein echtes Suchen. Der Autor macht sich angreifbar, weil er auf einem hochspannenden, kaum betretenen Gebiet artikuliert. Er schreibt komplett unabgesichert. Das Büchlein ist schmal und leicht gemessen an dem semantischen 600 PS-Motor, der es antreibt. Verglichen mit einem Auto wäre Rösslers Buch eine Art Versuchs-Lamborghini, der noch in der Entwicklungsphase steckt,  aber schon ziemlich gut auf der Teststrecke abgeht. Rössler ist Physiker und Forscher und Frager und auch ein Denker. Und deshalb ist er auch Poet.

Durs Grünbeins Buch zu Descartes ist tuttelige Dritt-Semester-Prosa in beflissener Stoffhuberei. Das Vorzeigen angelesener Bildungspräziosen.
Aussage: Geist und Materie sind echt irgendwie ein spannendes Thema. Irgendwie total interessant irgendwie. Und der Poet ist irgendwie dazwischen. Ein Nicht-Text.
Die Nachricht, dass es früher Menschen gegeben hat, die noch nicht zwischen den  “zwei Kulturen”  getrennt hatten, ist echt neu und echt total überraschend und interessant irgendwie.
Hier sirrt nichts, hier fragt nichts, kein Fokus, keine Sammlung, nichts wird riskiert. Aber man zeigt vor, was man so gelesen oder zusammengegoogelt hat in der Krims-Krams-Kiste von Betulichkeits-Bibliothek.
Wenn man ein bisschen rüttelt und tuttelt, ergibt sich der bekannte “Irgendwie hat alles mit allem irgendwie zu tun-Effekt. Geist und Materie irgendwie auch”  Der sogenannte Wolkenstrass-Effekt.

Eine Meditation dringt in die Tiefe eines einzigen Gedankens vor und lotet ihn erschöpfend aus. Manchmal ist es nur ein Wort.
Aber dieses Buch enthält keine Meditationen.
Es wedelt kompilatorischen Bildungs-Staub.
Darüber hinaus: Das Thema Descartes 2008 ohne Adam Müller, Gödel oder Turing zu behandeln, zeugt entweder von Ahnungslosigkeit oder einfach von Desinteresse oder noch Schlimmeren. Der Text ist eine Karosserie ohne Motor.  Aber um den Fahrzeugvergleich aufrechtzuerhalten: Der Text ist der überladene Trabant Kombi eines Zitate-Touristen. Im Kofferraum ist irgendwann mal flüssige Butter ausgelaufen und hat sich in verschiedene Ritzen verteilt.
Nach zwei Tagen
fängt das ganze Auto an zu riechen. Heidegger oder Adam Müller bleiben Persona non Grata. Grünbein bleibt ein typischer Lyriker, kein Forscher, kein Frager, kein Denker, kein Poet – im Gegensatz zu Descartes unternimmt  er  – nichts.

Sternburg County



Eine  Einsicht in die Stimmung grammatischer Denkvorgänge lässt sich suchen im Verhältnis von Bier zu Wein.
Vielleicht wie ein real existierender römischer Limes, der sich als kleine, aber nicht undurchlässige Barriere zwischen dem Wein und dem Bier durch die mentalen Landschaften schlängelt.

Man kann erinnern, wie einfaches sauberes Wasser im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein keine Selbstverständlichkeit war.  Nichts wußte man oder nur wenig über Krankheitserreger, aber man wusste oder ahnte, wie das Trinken von Wein und Bier die Gesundheit mitunter weniger gefährdete als das einfache Wasser, unklarer Herkunft.
Hier dürfte auch ein Desinfektions-Effekt gewirkt haben, und man kann sich die Menschen früherer Zeiten auch als pragmatische Überlebensalkoholiker denken, die es vorzogen, wenn sie es sich leisten konnten, lieber immer etwas berauscht dahin zu schweben, als vom unsauberen Wasser angesteckt.

Das Bier, vom etwas trüben, sehr nahrhaften Hefeweizen bis zum sonnenhell aufgeklarten Pils, ebenso das laubig-waldige Bockbier oder das nächtliche Schwarzbier, vermittelt und transportiert Erde  – Getreide – die unmittelbare Anbindung an das Erdige der Saat. In den Bier-Sorten sind außerdem eingeschrieben verschiedenen Tag-und-Nacht Licht-Sonne-Mond-Hell-Dunkel-Töne wie Trübe-und Klarheits-Verhältnisse, die beim Trinken immer auch das Nährende transportieren in verschiedenen Schwere-Graden, Gärungsstufen und Gewichten.

-Sternburg, … Sternquell….Braugold…das Sternbräu

Zuverlässigkeit bezeichnet die Fähigkeit zum Verlassen-Können.
Der alkoholische Rausch bestätigt demnach die Zu-ver-lässlichkeit des Bewusstseins. Dieses Bewusstsein konnte nur “selbst” – bewusst werden, weil es gelegentlich als ein Zu-verlassendes/verlassens-fähiges Bewusstsein erlebt wird, das sich seiner Verlässlichkeit im zeitweisen Rausch von alkoholischer Verlassenheit er-innert.

Der sogenannte Kater am nächsten Morgen wäre eine Art Wiedereintrittsphase nach der Verlassenheit.

Dabei drängt sich eine Überlegung auf, die Bier und Wein in einen vermittelnden Erkenntnisprozess hineinzieht.

In der Bier-Sorten-Wahl leben “Gärungsstufen” im Sinne von “obergärig” oder “untergärig” oder Jung-Bier und Alt-Bier; und man weiß auch, dass Bier sprichwörtlich als Nahrungsäquivalent für Brot genommen wird.

Der Biertrinker trinkt eigentlich Näh(e)rungs-Prozesse in der Dauer – während ein Weintrinker eher Zeit (abgeschlossene Jahrgänge, Vergangenheiten) als fertiges  – distanziertes – leicht abgespreiztes – Produkt zu sich nimmt.

Bier muss verdaut werden, Wein eher geschmeckt.
Bier darf man saufen. Wein sollte man eigentlich nur trinken.

Bier ist dar NAHRUNG NÄHER, hat durchschnittlich weniger Umdrehungen.

Wein hat immer etwas “Erlesenes” (Wein-Lese)
Bier wird geerntet oder gepflückt (Hopfen, Gerste etc…)

Wein schmeckt “nach”  – im Abgang.
Das Bier kennt mehr ein “Vorne” und verlangt bald schon wieder die nächste Flasche.

Bier muss fließen, strömen, sonst wird es schal.
Wein kann auch stehen und warten. (Dann wird er oft noch etwas besser.)

Bier hat etwas Atemloses im kontinuierlichen Fluss der Strömung.
Wein muss (auf-)atmen können.

Bier ist Masse, Strömung und Dauer.
Wein eher Jahrgang und ständige Region.

Bier “macht Stimmung” und schneller müde
Wein “bringt Gestimmtheit.” und macht etwas langsamer müde.

Die Blume des Weines entfaltet sich hinten unsichtbar am Gaumen.

Die Blume des Bieres kommt von “vorne” und ist sichtbar.

Bier kann eiskalt getrunken werden, wird aber heiß gebraut.

Ein Rot-Wein entfaltet sich erst bei Zimmertemperatur.

Rotwein wird etwas wärmer getrunken. Weißwein etwas kühler.

Wein hat “Farbe”. ( dunkelrot, blutrot, bordeaux, rosé..etc)
Bier  ist “golden” und hat “Ton” (heller oder dunkler)

Bier ist das Fahren und Fließen . (Bierkutscher, Brauereipferde)
Wein vermittelt Erfahrung. (Warum gibt es hier kein sprachliches Äquivalent zum Brauereipferd und zum Bierkutscher.)

Beim Bier entscheidet der ganze alchemistische Prozess, was und wie das Bier am Ende geraten ist.
Beim Wein spricht noch mehr etwas mit, dass vom Winzer und beim Keltern nicht oder nur bedingt beeinflusst werden kann: Die Lage, die Sonnenenstrahlung, der Boden, das Alter und das Alter und die Art der Fässer
(Der abgeschlossene Jahrgang)

Die Qualität eines Bieres hängt neben dem Geschick des Braumeisters stark von dem Brunnen ab, von der Quelle, von der Qualität des Wasser, das zum Brauen verwendet wird.
Beim Wein entscheidet die “Lage” und der “Boden”, die Sonne und die Rebsorte, ebenso wie das “Wetter-Jahr” (wiederum: Jahrgang.)

Der Bierbrauer kann die Stammwürze von vorn herein
absolut selbst bestimmen und beeinflussen.
Der Weinkellerer muss den Most und seinen Zuckergehalt prüfen und ermitteln.

Bier – klart – auf.

Wein – klärt – ab.

Das Bierbrauen ist stärker ein “Tun”.

Das Weinkeltern ist mehr ein “Lassen”  (Stehenlassen, Reifenlassen)

Der Bierbrauer arbeitet bewusst mit gewählten Temperaturen am Kessel.
Der Weinkellerer arbeitet mit seinem Gefühl für “Reifungen”.

Weinkunst ist mehr ein “Warten” des Reifungsvorgangs.
Bierkunst ist mehr ein “Entgegnen”.

Bier wird gebraut.

Wein wird gekeltert.

Deshalb wirkt es komisch aber nicht weiter verwunderlich, wenn Wilhelm Müller in seinem Gedicht “Stundenglas und Weinglas” den Wein eher “schüttet” – ohne von seinem Aroma oder von seinem Geschmack zu sprechen. Er behandelt den Wein, als wäre er Bier. Aber auch hier muss man wohl an die etwas gröberen Trinkgewohnheiten erinnern.

Der Wein ist in den Trauben und seinem Hochranken zwar dem Himmel näher, aber der Erde ferner oder nur in Vermittlung eines Anstellwinkels (Weinberg) nahe; das Bier komischerweise mag zwar geschmacklich nicht so raffiniert daherkommen, aber stofflich und farblich zeigt es sich in den Sorten höchst ausdifferenziert. Bier ist ebenso ein geistiges Getränk. Es vermittelt den himmelrankenden, etwas bitterlichen Hopfen mit der erdnahen Saat der gemälzten Gerste.

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Das Spezielle einer Getreidepflanze wirkt ja, in dem sie ihre Saat von unten aus der Erde im Laufe des Wachstums wieder nach oben in den Himmel trägt, in den Stern der Ähre.

Beim Wein möchte man die Traube und den Saft – nicht die Kerne in den Trauben. Beim Bier sind genau die Kerne (Samen) als Getreide (Gerste) das Ausgangsmoment.

“Vielleicht bin ich ein Hanswurst.” (Nietzsche in Ecce Homo)

Eine eher unbedeutende Kleinigkeit, zuerst nur eine Art Knistern, dann ein kurzes Stocken, später ein immer stärker sich ausprägender Einsichts-Spalt öffnet sich für den Leser in Nietzsches Ecce Homo.
Dieser – wie ihn Hinz und Kunz heute paraphrasiert – “Philosoph” des Dionysischen und Apollinischen – erzählt in Ecce Homo  von sich selbst und gibt eine merkwürdige Auskunft: “Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes »geistige« Getränk: ich… weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s.
Man kann sich in diese Äußerung hineinfühlen und finden, wie sie dabei immer auffälliger und heller und sagender sich hervorhebt.

Nee, Wasser allein tuts eben nicht.

Wenn man bedenkt, dass Dionysos, und man kann es so banal nehmen, wie es gesagt ist, der Gott des Weines, des Alkohols und des Rausches ist, dann stimmt es doch ironisch, dass ausgerechnet Nietzsche mit dem abgespreizten Finger des Stubenphilologen…. weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s….dort also hinschreibt.

Nietzsche, der sich mit dem oft-und-gerne-sehr-viel-Bier-Trinker Wagner bald überworfen hatte – wen wunderts? – nicht nur wegen des sakralen Moments der Kompositionen, vielleicht auch wegen der schweren Bierhaftigkeit (dem strömenden Bier-Flug) in dieser Musik, (Nietzsche nannte die Wirkung von Bier “entartend”.) hat dann später offenbar noch nicht einmal mehr Wein getrunken.

Nietzsche trägt in sich ein Problem des Deutschtums aus,
das Wagner nicht kannte.

Nietzsche verkörpert einen bestimmten bekannten Typus deutscher Intellektualität. Dieser Typus hält sich für “weltmännisch”, wenn er vorsätzlich allem Deutschen entflieht.
Nietzsche wollte “leicht” sein, Neitzsche wollte “hell” sein.  Er wollte “hoch” sein. Er hasste alles Schwere, Tiefe, Trübe und Plumpe, die schwere deutsche Küche, das Mehlige und Suppige der Speisen, er wollte französisch leicht, geistreich, aromatisch und prickelnd schreiben, und er suchte die südliche Helle und klare Luft der hohen Bergwelt. Nietzsche blieb immer ein Stadt-Mensch.

Deshalb wirkt Nietzsches Wille zur Bergwelt bei ihm immer falsch und künstlich. Nietzsche hat immer nur einen touristischen Bezug zum Denken aber keinen konkreten, wie ihn die Philosophie (und die Dichtung) braucht.

Nietzsche hat Wagner zwar von sich weggestoßen,
aber er blieb immer von ihm affiziert.

Obwohl der Gerne-Viel-Bier-Trinker-Wagner seinen persönlich-künstlerischen Weg auch in starker Berührung mit Frankreich ging, kam es bei ihm nie zu dieser Form von mentaler Nacken-Verpannung wie bei Nietzsche.

Die Frankreich-Berührung war bei Wagner möglicherweise ein kurzzeitiges Ver-Lassen der Prägung, um dann – anders reflektiert einen Wieder-Eintritt zu unternehmen in die deutsche Gestimmtheit.

Einen drittklassigen deutschen Intellektuellen erkennt man seit Nietzsche bis heute immer dann, wenn er sich in seinem Schreib- und Denk-Habitus eher vorsätzlich nicht-deutsch orientiert, also zum Beispiel nach Frankreich oder Italien, – nicht weil die Intellektualität in Frankreich oder Italien drittklassig wäre, aber der deutsch-sozialisierte Sprach-Denker wird sofort drittklassig, wenn er im sprachlichen und denkerischen Millieu vorsätzlich das südlich Milde und Sanfte oder das Hohe aufsucht oder gar vorsätzlich das abgeklärt Leichte oder das “Prickelnde” – den “hohen Ton”…die Melodie.

Das hat mehrere Gründe:

Es gibt einen bestimmten Typus deutscher Intellektualität, der seinen “gelehrsamen” Habitus nur über eine Absetzbewegung verfolgen kann, die zugleich ein Abspreizen ist.

“Kultur”  beginnt für diesen Typus erst beim Wein.

Der Wein ist das “Erlesene” – das Zitat.

Das Bier ordnet dieser Intellektuellen-Typus eher der Unterschicht und dem Volke zu.

Das Bier ist für diesen abgespreizten Typus dumpfer Mainstream, also Strömung.

Die  “Gebildetheit” dieses deutschen Intellektuellen-Typus folgt zumeist einer Absetzbewegung vom Bier-Strom

Schon das Anfassen eines Weinglases mit zwei Fingern, gibt seiner Hand etwas Feines und Abgespreiztes.

Während der “Humpen Bier” oder die “Flasche” immer die ganze Hand erfordert. Der Humpen greift und schöpft voll aus der breiten Bier- Strömung.

Der Wein-Typus muss seine “Distinguiertheit” immer “erwerben” in gesonderter Schule. Und dann vorzeigen.

Er hält sein Glas “am Stil” fest.

Sein Glas hat “einen Stil.”

Dieser Intellektuellen-Typus ist davon überzeugt, dass das Bier eher wenig mit dem hohem Geist zu tun hat, dafür mit Dumpfheit und Stumpfheit.

Demzufolge versucht dieser Intellektuellen-Typus, den “Esprit” mit den “leichteren” und prickelnden Getränken zu unterstreichen.  Mit der “Raffinesse” der Aromen in der Entwicklung am Gaumen.

Das Lieblings-Accessoire dieses deutschen Intellektuellen-Typus ist das Weinglas, dass er zwischen Fingerkuppen “am Stil hält” und nicht mit der festen Hand ergreift. Man hört ihn oft sprechen vom Genuss, dem Geschmack und dem Aroma.

Dieser “distinguierte” deutsche Intellektuellen-Typus der ersten Generation, kommt meistens von unten nach oben – er sehnt sich nach dem “Oben” in den französischem “Esprit” hinein, das wäre so eine Art Champagner-Traum des deutschen Intellektuellen.

Wobei schon dieser Begriff “Esprit” ebenso ein gezimmertes Klisché gibt wie der sprichwörtliche deutsche Tiefsinn. Er wird seinen “Esprit” immer nur im  Vorsatz zusammenschrauben können, oder das, was seinem Klisché von Esprit entspricht – aber letztlich bekommt man doch immer nur Schaumwein-Imitat aus einem Hobbykeller oder mäßige Partywitze.

Umgekehrt das selbe Problem: Was bei Sartre, Deleuze oder auch bei Derrida sich auf den deutschen Tiefsinn (Hegel oder Heidegger) bezieht, ergibt im Französischen zumeist ziemlichen Schwachsinn. Ganz schlimm wird es, wenn das dann wieder ins Deutsche zurückübersetzt und als “Denken” verkauft wird.

Man kann einem nichtdeutschsprachigen Muttersprachler nur schwer vermitteln, dass deutscher “Tiefsinn” im Deutschen nicht Schlamm oder Schwafeln oder Sumpf meint…vielmehr Gewicht aus der Dauer und einen Prozess des Aufklarens. Im Endeffekt Klarheit.

Wagner gehört nicht zu diesem beschriebenen Typus, obwohl er nicht nur Künstler sondern auch ein Denker war.

Was Wagner als Gerne-Biertrinker vielleicht wie kein anderer gespürt hat: Der hohe Flug und der Geist erhebt sich aus einer schlummernden Tiefe im Strömen der Gewichte, er erwacht langsam in der Thermik, doch er verzappelt sich nicht in präziösem Geflatter.

Das Helle wird nicht mit grellfarbenen Pinsel auf eine Fläche gefuchtelt, es klart aus dem Dunklen allmählich hervor.

Der hohe Ton wird nicht in verspannter Kehle erpiepst, er wächst aus dem untersten Bauch däuender Tiefe.

Nur was schwer ist, kann auch schweben.

Die klaren Gipfel erobert man im mählichen Aufstieg mit ansteigender Thermik
Man schraubt sich nach oben, aber man jodelt seine Philosophie nicht aus einer Seilbahnkabine heraus.

Wagner hat selten eine Melodie komponiert, dafür öfter Strömungen und Gewichte. Um das zu empfinden, braucht man einen anderen Zeitbegriff, man braucht das Gefühl für Dauer.
Das Bier. Und die Dauer ist dem Bier näher, weil das Bier das fließendere und gewichtigere Getränk ist. Dauer hat Schwerkraft. Während die Zeit (Wein) immer dicht am Zeit-Geist bleibt, also am “Jahrgang”.

Deshalb kann man es eigentlich nur als deutscher Muttersprachler so gründlich empfinden, wie Nietzsche nur ein Anschauer der Philosophie war, aber kein Philosoph, warum Nietzsche als Dichter und Denker drittklassig war. Er war ein philosophisch-touristischer Jodler, aber kein geborener Hochländer. Er hat das Jodeln nicht erfunden. Er hat es imitiert. Er war ein Fahnenwedler aber kein Gipfelbezwinger.

Was Ihn bis heute für den philosophischen Dilletanten interessant macht, ist, dass sein Dilletantismus aufgewühlt war. Nietzsches Verhältnis zur Philosophie blieb immer auf Abstand, exotistisch, philologisch oder sophistisch, aber nirgends war er philosophisch konkret – im Stoff – in der Substanz.

Jedenfalls muss man nicht viel Phantasie aufwenden, um sich klarzumachen, wie die Evolution des Menschen immer auch verkoppelt gewesen sein dürfte mit temporär Schranken öffnenden Rausch-Erfahrungen, ob freiwillig oder unfreiwillig beim zufälligen Verzehr vergorener Früchte oder leicht alkoholisierten Milchderivaten oder anderen biochemisch sich anbietenden Gärungsprodukten.

Dazu zählen dann wohl auch alle kleineren oder größeren Gifte, denen man zufällig oder absichtlich als Jäger und Sammler in freier Natur so begegnet; denn wie anders hätte ein “Selbst-Bewusstsein” sich über die Jahrtausende ausbilden können, wenn nicht in permanenter Er-Innerung an seine Ver-läss-lichkeit im Rausch, in den auflösenden Derivaten des Zuckers, der Stärke und des Alkohols, zur Öffnung und zum Katerkopfschmerz danach? In einem chronischen Spalt einer Öffnungs-Schließungs-Routine von Vor-dem Kater / Nach-dem-KAter.
Wie anders wären Fabelwesen und mythische Überhöhungen zu erklären, wenn nicht in einer Mischung aus rauschinduzierter Halluzination und narrativer Realisiation in nicht immer ganz kontrollierter Aufarbeitung?

Wenn Nietzsche also von “geistigen Naturen” spricht, aber im selben Atemzug dem Genuss “geistiger Getränke” absagt, dann verschließt er die Tür zu einem historisch-evolutionären Prozess, der ihn selbst erst zur geistigen Natur hat werden lassen. Er dichtet sich selbst gegen das ab, das einen wesentlichen Teil seiner Überlegungen “speist”. Wieder einmal will er nichts mit der Sache selbst zu tun haben, die er so eifrig AB-BILDET. oder BE-SCHREIBT.

Letztlich war es immer ein Problem des 20igsten Jahrhunderts, dass es einem Ab-Gebildeten nachjagte, dass er in der Ab-Bildung oder im Ab-Bild sprachlich nicht genügend auflöste und vom Prozess abschnürte, abdichtete, und so zur “Welt-Anschauung” machte.

“Bildung” war Ab-Bildung.

Es gibt keine einzige Schrift bei Nietzsche, wo er etwa einmal darüber geschrieben hätte, wie zum Beispiel die flüssige Tinte und das Papier in seiner Herstellung (aus dem Flüssigen) geschöpft wurden. Am Anfang ist auch das Papier erstmal flüssig. Wo kommt die Tinte her? (Eisengalltinte) Wo kommt das Papier her? (Bäume?) Wo kommt die Eisenbahn her?

Nietzsche greift auf Techniken (Papier, Druckmaschinen etc…) zurück, um seine Schreiberexistenz zu vermitteln, aber das Schöpfen des Papiers, das Schöpfen der Tinte als technischer/künstlerischer Prozess – kommt in Nietzsches Texten nicht vor. Deshalb ist sein Text “Vom Nutzen und Nachteil der Historie” eben nur halbgebildeter Schwachsinn. Denn zu dieser Historie gehört die Tinte ebenso wie das Papier und alle Druckmaschinen.

So wurde Nietzsche genau das, was er selbst am tiefsten abgelehnt hätte. Er war ein Produzent von Welt-An-Schaung. Ein Ästhetiker. Ein Zeit-Geist-Philosoph.
Ein AB-Bildner. In die selbe Misere schlitterte auch der Marxismus. Der Marxismus blieb in seinem inneren Wesen immer eine Art Ästhetik, ein naiver Rousseauismus.
Ihm zu Grunde liegt das naive Bild des “reinen Wilden” als “Gleichen unter Gleichen” im Urkommunismus, den es so nie gegeben hatte.

Aber jeder Halbgebildete hätte damals schon wissen können, dass eine archaische Kultur nur in einer kosmologisch zyklischen Anbindung zusammenhält und denkbar ist – wie das schöne Wort sagt: Sie ist “orga -nisiert”, jede archaische Kultur formuliert sich über die Anbindung zur Macht der Ahnen. Und die sind immer in einen Himmel-Erde-Bezug eingeschrieben, die eine konkrete Stofflichkeit zeigt

Höchstwahscheinlich ist es dieser kurze  Spalt im Gesamt-Text Nietzsches, der ihn heute und jeden, die ihn so umstandslos für ein flottes Zitat hernimmt, als schlechten Jodler dastehen lässt. Es gibt keinen “Nutzen und Nachteil der Historie”, es gibt nur die Historie. Den Fluss der Dauer.
Man kann nicht vom Dionysischen reden, aber dann vom geistigen  Getränk abraten. Ist Tinte ein geistiges Getränk? Oder das Papier? Nietzsche hat nie etwas geschöpft. Er war kein Künstler. Er hatte Keine Tinte im Füller und kein Papier auf dem Tisch. Er hatte noch nicht mal einen Tisch. Dass er es letztlich wohl ahnte, ändert nichts daran.

Dionysos auf der Suche nach seinem Stil

Irgendeiner ist da immer, der sich freut, wenn du Ihn besuchen kommst und sagst: Ich liebe den roten Wein wie die Lebensart südlicher Länder, aber, mein Freund, heut hab ich mal was  ganz Besonderes für dich mitgebracht: In meinem knisternen Beutel hier, klimpert das Sternburger Bier.  Schau mal, 10 Flaschen Sterni vom Späti – wie gefällt dir das?
Der Freund, ein Feinstschmecker, Tausendgourmet, Lyrikgaumen, Literatur-Anbeter und Sammler und Kenner jeglicher Art von seltenen und abseitigen Kunstpräzisosen des 20igsten Jahrhunderts, steht mit seinem Mund so offen wie in seiner Tür und bittet mich herein.
Selten sah ich ihn ein Wort so voller Andacht hauchen: “Sternburg” und dann noch: …”in Flaschen aus ziemlich dunklem Glas – doch sonnenhell schäumend. Den feinsten Geschmack, den bringst du mir. Jetzt schon verdanke ich Dir viele  weiße Blumen!

Ja, das Sterni..sage ich flüsternd der Genießerschaft, die plastische Tüte knisterlich öffnend: Quasi die blaue Mauritius unter den Getränken. Eiskalt vom nächtlichen Späti, Mondbläschen später im Glas und ebenso sonnenklar. Worauf trinken wir?  Trinken wir zunächst auf die Berge von Büchern in Stapeln. Abstellen werden wir auf ihnen all die Flaschen, die geleert. Ein großer Schluck auf all die Worte, die trinkend wir noch reden werden.

Zitationszitadellen
Lyrizitätslyrizysten
Sprachifikationsssprachikanten
Künstlerizitätskünstlichkeitisten
Interpretationsinterprezysten
Förmlichkeitsformaldehydrauliker
Grammatizitätgrammatikalisten
Ästhetitizitätsanästhesisten
Erotizitätserotogrobmotoriker

(Noch können wir sauber aussprechen all diese Worte,
weil wir noch nicht betrunken sind.)

Ich erhebe mein Sternburg-Pils auf  John Wheelers große Frage:
Wie kommt es zur Bedeutung?

Wir trinken auf die Bedeutsamkeitsbedeutizismen und auf den nächsten großen Prägnanz-Verschieber, auf den, der sagt, dass alles vielleicht irgendwie auch ganz anders sein könnte irgendwie. Etwas weniger prägnant.

…auf unser Prägnanzprobleme, unsere Prägnanzkrise.

auf den Skandal im Saal, auf die Liebe, die Eltern und auf alle
Debatten, und Methodenstreiterein, die noch kommen werden.

Wir trinken auf den nächsten Generationenkonflikt – sowie auf die Geschlechterfrage

Ganz genau! Wir trinken jetzt auf Mann und Frau!

sowie auf das Sternburger Pils, das sonnengelb,

und auf den Spätkauf um die Ecke, der noch bei Vollmond offen hat.

Und auf das Vögeln trinken wir!

Schreibt es auf jede Marmorwand:
Neues Vögeln braucht das Land.

Wir trinken auf den formvollendeten Alexandriner,
den fünfhebigen Jambus,  den perfekten Hexameter, das elegisch Distichon…

Des Springquells flüssige Säule undsoweiter… fällt auch wieder herab.

Doch vergessen wir nicht das Knittelversum,
den Bescheidwisser, den Förmchenanwender
den Geprägtsamkeitsgeprägten.

den Interpretationsinterpretifikationsinterpreten mit 3 Promille

Wir leeren unsere Flasche auf den geheimen Rat und den Pysychoanalytiker

Halt! Stop mal! – sagt jetzt mein schon
etwas angetrunkener Zechgenosse – wir trinken ja auf Alle!

Gibt’s überhaupt noch jemand, den nicht wir trinkend zelebrieren?

Wieso? – frage ich: Wir alle sind doch alle.

Wenn man alle ist – da kann man doch auch mal wieder voll werden.

Keine halben Sachen! Man kann doch nicht immer nur alle sein.

Da kann man doch jedem etwas auf die Lampe gießen!

Auf dass wir alle endlich voll werden und nicht immer nur alle sind.

Ich bin voll. Aber du bist das Volk.
Du bist dicht. Aber ich bin Dichter.

Erst waren wir das Volk, dann waren wir Volker
und jetzt sind wir alle endlich voll.
Voll mit Sternburger Bier.

Jawoll – ganz voll. Total toll. Wir sind das Voll!
Ich bin das Voll aber du bist noch voller!

Ein Schluck auf die Augenbrauer,  die unsere Augenbögen brauen mit Hopfen und Malz….Getreide….und die Kornkreise nicht zu vergessen….

Ein Lied auf das Augenbrauerlid-Lied!

Wir waren Müll, aber jetzt sind wir noch Müller!

– hier kracht jetzt ein Kalauer nach dem anderen!

Karnevall im All! Und wie sich das reimt!

Nein, ich hau mir auf die Schenkel meiner Lederhose!

Auf das Leben ein Sternburg-Toast!
Ich erhebe meine Flasche! Prost!

Trinken wir zu Abwechslung mal auf uns und auf NIEMAND

Trinken wir auf NIEMAND.

NIEMAND hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Darauf trinken wir! Trinken das Sternburger Bier!

Jawoll – into the wall!

All diese Flaschen wenden die Not:
Sternburger Bier ist flüssiges Brot.

Das Allerneueste, wusstest Du’s schon?
Bier trinkt man nicht, man mietet es nur.

Das Klo ist übern Flur.

Am Kosmoskop: Kleine Weltausstellung

Damaszener Stahl: Die Jupiteratmosphäre als Klinge

Quelle: schmiedeglut.de

Jupiter_by_Cassini-Huygens

Gelsenkirchener Barock: Der hölzerne Planet…

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… für die Wohnstube

 

Höhlenungleichnis

Als Kinder haben wir Höhlen gebaut. Gefangene wollten wir sein.
Suchten uns Laken und Tücher des Hauses. Suchten den größeren Tisch,
da unterzukriechen der Platte hölzernen Himmels.

Gingen in unser Gefängnis. Kein Wasser. Kein Brot.
Nur eine Hand voll Süßigkeiten.
Zogen das Laken dann zu.

Weit ragten vier Säulen des Tischs dem Licht der Taschenlampe.
In Gummibären Regenbögen, der Hand ein kleiner Altar.

Dann löschten wir auch das. Aßen es auf.

Unterm Tisch des Hauses, hinter den Laken, lauschten wir denen,
die da frei waren, den Freien, den Großen, den Hellen, Eltern, die Schatten
ihrer Beine, gehend an den Wänden unsrer Höhle, riefen sie: Wo seid ihr?
Wir brauchen den Tisch, Besuch ist jetzt da!

Wir rüherten uns nicht.

Kein Gefangenenbesuch wollten wir jetzt, kein großes Hallo, kein Besteck. Gefangene wollten wir bleiben im Filz unsrer Stifte, Wände der Höhle bemalen, Laken, Tapeten…
Wir wussten, dass sie wussten und sahen, dass sie sahen
und doch sahen wir mehr.

Vorbei an den Wänden der Höhle zogen die Schatten der ungefangenen Eltern…
…die Hellen, die Freien, die Großen, die riefen: Das Essen ist fertig. Wir brauchen den Tisch. Kommt jetzt raus.

Die ungefangenen Schatten von Mutter und Vater – sie suchten nicht wirklich, wussten ja, wo wir waren. Riefen uns nur nebenbei. Wir sahen es an den Wänden.

Sie wussten nicht wirklich, wo wir waren. Sahen es nicht. Gefangene
waren wir und wollten es bleiben in Höhlen.

Wie anders die Wahrheit zu finden als unter den Tischen der Welt.
Sahen wir jemals wieder mehr Licht?