Zwischendurch Null

Neulich beim Schlendern auf dem Weg zu einem Termin schnappte ich auf der Straße etwas Jugendsprache auf: „Was los du Warze?“ (1)  und dann noch etwas später nachfolgend: „Ey, voll der Spasti“ (2)  Das erste kam so mittelprächtig. Das zweite lies mich aufhorchen. Ich bekam einen kurzen Schreck. Ein Jugendschimpfwort, uralt, aus einem ganz anderen Jahrhundert.
War hier der Philosoph Søren Kierkegaard gerade in der Nähe? Oder sollte ich das vielleicht auf mich beziehen?  Mit einem Blick versicherte ich mich, dass hier nur eine Schülergruppe untereinander verbal etwas sportelte. Hatte ich noch einmal Glück gehabt.

Einen Moment lang verspürte ich den Impuls, mit einem belehrenden Zeigefinger an den Rufer von (2) heranzutreten und ihm zu erklären, dass seine eigene Jugendsprache nicht mehr so ganz zeitgemäß sei. Er solle sich einmal Gedanken über sein Enterbrainment machen (das Wort hatte ich mir zurecht gelegt, um „cool“ zu wirken) und es ein bisschen aufmöbeln mit Redewendungen wie „Ey, du Geld-zurück-Gesicht.“ oder mit „Was los du Evolutionsbremse?“

Ich tat es dann nicht. Man kann auch mal Fünfe gerade sein lassen.
Lass ihnen doch ihre alte Jugendsprache, dachte ich, warst ja selber auch mal alt. Und es muss ja nicht immer alles superjung sein. Beim Weiterschlendern erinnerte ich mich dafür an eine kleine Geschichte der abwertenden Bezeichnungen.

Vor gefühlten 30 Jahren sagte man:
Ey, du Kaffeekompletttrinker! (als Steigerung: „mit drei ttt – Schreiber!“)
Du Latzhosenträger. Du Damenfahrradromantiker. Du Warmduscher. Du Wackersdorfbewohner. Du Hausordnungsabreißer. Du Strickpullihäkler.
Du fleischgewordene Keksrolle u.s.w.

Was wären die Entsprechungen heute in einem literarischen Kontext?
Du Buchmessenskandal? Du Derrida-Spezialist? Du Simon-Strauß-Kontroversen-Eröffner. Du fleischgewordene Steffen-Popp-Lyrik. Du stellvertretende Akademiepräsidentin. Du Sprachzertrümmerer. Du Regieberserker, Du Juli-Zeh-Interviewer. Du Dystopie-Romancier. Du Gesellschaftskritiker, Du!
Du rechts- oder-links-Träger.
Du Stadtschreiberstipendiat….

Naja, keine Ahnung. Ich ging dann einfach weiter.

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