Theorie der phantasielosen Phantastik

„Schreib doch mal einen Roman.“

Titel: Der echte Science Fiktion-Roman.

Gezeigt hatte sich in letzter Zeit, wie (seriöse) Physiker mit ausgetüftelten mathematischen Methoden sehr „phantasievolle“ Modelle entworfen hatten, die theoretisch zwar manches beindruckende Mathematikgestrüpp hervorbrachten aber auf empirischer Seite sehr zu wünschen übrig ließen. Deshalb beschäftigt mich das Phänomen der Phantasielosigkeit.
Eine Theorie der Phantastik im Rahmen der Phantasielosigkeit beginnt mit der Frage, was das eigentlich bedeuten soll: Jemand hat Phantasie.

Eine Kenntnisreichtümelei, die besagt – In einem phantastischen Roman müssten total lustige Figuren/Roboter/Monster/Mischwesen mit witzigen Namen, sensationell artistischer Grammatik in 16 Paralleluniversen und weiteren 25 Raumzeitdimensionen total phantastische Abenteuer erleben, zwischen Dystopie und Utopie auf irre schrill verschrobenen Pogoplaneten oder Sozialismusraumschiffen – hatte schon lange nicht mehr überzeugt.

Weil das alles von der Mythologie geleistet wurde.

Deshalb interessiert mich die Kunst, einen phantasielosen und wirklich einfallslosen Science Fiktion zu schreiben, der so geschrieben ist, dass er drei Kriterien erfüllt: Phantasielosigkeit, Bedeutungslosigkeit, Einfallslosigkeit.

Eine Beobachtung brachte die Künstlerin Virág Utazási auf die Idee des magischen Bleistifts.

Einsteins Bleistift.

Ein Schriftsteller schreibt mit einem Bleistift, doch während dessen verliert sein Stift an Länge, wird kürzer und kürzer und kürzer….
Während der Stift immer kürzer wird, wächst die Zeitspur der Schrift immer weiter an. Der physisch schrumpfende Bleistift verlängert sich in den meta-physischen Bedeutungsraum der Schrift hinein.

Der Stift veräussert sich, während die Schrift sich erinnert.


Stift trifft Schrift.

Physikalisch: Der Bleistift verschwindet im schwarzen Loch der Erinnerung, wird dabei unendlich zerdehnt zu Schrift und „Erinnerung“ – kommt also als Erinnerung irgendwo – in der Zukunft – als Schrift wieder heraus.

Der Bleistift wäre dann so etwas wie ein Monster oder eine Mumie, deren allmählicher Zerfall – in die Schrift hinein – wieder aufersteht.

Ein Effekt der speziellen Relativitätstheorie besagt: In einer beschleunigten Rakete verkürzen sich die Längen (Längenkontraktion) während die Zeit sich dehnt oder verlangsamt (Zeitdilatation). Der Bleistift wird kürzer. Er schrumpft (Längenkontraktion) während die Zeit als Zeichenspur auf dem Papier sich in die Erinnerung hinein verlängert/verlangweilt. (Zeitdilatation)

Einen phantasielosen Science Fiction-Roman nach Albert Einstein hätte man auf diese Weise geschrieben, der die Vergangenheit verkürzt und die Zukunft verlängert. Die Suche nach der verlorenen Zeit (Der Bleistift verliert an Länge) trifft auf die wiedergefundene Zeit. (Die Schrift gewinnt an Kürze)


Eine realistische Geschichte, die nichts bedeutet, außer sich selbst. Ein völlig phantasieloser Text, in dem trotzdem etwas Phantastisches geschieht.

Das schwarze Loch, in das sich der Bleistift hineinverkürzt oder schriftlich hineinverlängert, ist dann der kosmologische Mülleimer, den der homme de lettres oder die femme de lettres bewohnt.

An der deutschen Sprache fällt auf, dass sie schon vor Einsteins Entdeckungen eine relativistische Sprechweise pflegt.
Sie sagt zum Beispiel: „Vor langer Zeit…“ oder: „nach kurzer Zeit“

Lang und kurz geraten hier zu Entfernungsangaben, obwohl es ja eigentlich heißen müßte: „nach schneller Zeit.“ im Sinne von kurzweilig. Oder: „vor langsamer Zeit.“ im Sinne von „langweilig“

Wo ist hier vorne und hinten?

Wenn der (hölzerne) Bleistift annähernd Lichtgeschwindigkeit erreicht hat, ist er nicht nur extrem verkürzt, sondern beinahe unendlich schwer.
Das heißt: Er erreicht die Grenze der Physik und damit die Grenze zum Sagbaren.

Der Bleistift ist ein Baum.

Kunst.

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