Coronalogie: Schein und Zeit

Zur Folklore der Medienkritik gehört seit 60 Jahren die Behauptung, der Mensch würde in einer konstruierten oder willkürlich konstruierbaren Realität leben.

Begonnen hatte das Mißverständnis mit einer Auslegung von Kants Vernunftskritik. Man hatte behauptet, Kant hätte behauptet, die Wirklichkeit in ihrem So-Sein sei den Sinnen nicht unmittelbar gegeben, vielmehr nur in Vermittlung eines Wahrnehmungsapparats. Da aber nun der Wahrnehmungsapparat selbst der Realität angehört und als etwas organisch Gewachsenes erka(n)nt werden kann, ist das Wortspiel von der „virtuellen Realität“ bei Seite zu legen.

Exakter wäre hier der Begriff „embedded Reality“.

Hatte man vor zwanzig Jahren noch von „embedded Journalists“ gesprochen, kann man heute von einer Realität sprechen, die im Journalisten eingebettet ist.

Zu den noch unverstandenen Effekten der Digitalisierung gehört das Spannungsverhältnis zwischen „Echtzeit“ und „Nachricht“

Während im deutschen Wort „Nach“ richt noch mitschwingt, dass es sich bei einer Nachricht immer um ein Danach handelt, also um das Abbild eines Geschehens in natürlicher Zeitverzögerung, behauptet die Echtzeit-Welt der Digitalisierung, es gäbe auch eine echtzeitliche synchrone Datenaufbereitung ohne das „Nach“ der Danachrichten.

An dieser Stelle ist die Frage interessant, ob die Echtzeit-Welt der Digitalisierung die gute alte „Nach-Richt“ geradezu aufhebt und verhindert.

Oder anders gesagt: Könnte es sein, dass die Echtzeit-Überlagerung von Daten mit dem Datenereignis den Wert von „Nach“richten ganz grundsätzlich aufhebt?

Die Frage drängt sich auf, weil es ganz offensichtlich einen Zeitverzug gegeben hat im Reagieren auf eine wohlbekannte und ernstzunehmende Gefahrenlage. Es kam ja nichts Plötzliches, Schlagartiges, Unbekanntes auf Europa zu. Sondern der Virus selbst kam im Zeitverzug einer „Nach“ richt aus China. Trotzdem war er offenbar noch schneller als die weltumspannende Lichtgeschwindigkeit der Wissensverteilung und der Datennetze.

Man kann sich also die Frage stellen, ob die „Zeit“ eine ganz wesentliche Rolle in der Vernunfts- Erkenntnis und Urteilskritik spielt.

Die andere Frage, die sich aufdrängt: in der Echtzeit-Welt geschehen die Dinge, wenn wir sie sehen. Sie verlieren dadurch ihren „Nach“richten Wert“

In der Welt der klassischen „Nach“richt haben die Dinge immer noch Zeit, sich zu ereignen. Auch wenn das eine Illusion ist. Aber nur die klassische „Nach“ richt ermöglicht noch die „Reaktion“ auf eine Nachricht.

Wenn aber in der „Echtzeit“ das Datum und die Datenerzeugung in eins fallen, dann kommt jede Reaktion immer zu spät. Das führt dann möglicherweise dazu, dass überhaupt keine Nachricht mehr ernst genommen wird und überhaupt keine Reaktion mehr stattfindet.

Bisher wurde von der Medienkritik immer behauptet: „Die Realität verschwindet in die Bilder hinein.“

Was dabei nur selten beachtet wurde: Der Effekt ist keine Einbahnstraße. Denn mit der Realität stirbt auch das Bild.

Das „Bild“ – so ist es das menschliche Gehirn gewöhnt, ereignet sich immer im Zeitverzug zur Realität. Damit gehört es in eine normale „Ökologie der Nachricht“

Die Gegenwart selbst bleibt normalerweise bilderlos. Ungefähr so, wie sich ein klassischer Film erst im Entwicklerbad langsam entwickelt, so bleibt die reine Gegenwart eine Weile schwarz und entwickelt sich erst allmählich zum Bild einer „Nach“ richt mit dem Zeitverzug der Vergangenheit.

Wenn nun aber davon gesprochen wird, dass Realität und Bild zeitlich in eins fallen, dann stirbt auch das Bild.

Daraus resultiert dann eine „Lähmung“ eine Patt-Situation zwischen Bild und Realität. Es gibt keine „Nach“ richten mehr. Die Nachricht stirbt aus, weil das Bild ausstirbt.

Das bedeutet: Der Mensch muss lernen, ohne „Nach“ richten also in Echtzeit zu leben und zu reagieren, oder es stirbt mit dem „Bild“ auch das Bild vom Menschen. Der Mensch müsste dann lernen, aus der klassischen Abfolge von Aktion und Reaktion auszutreten ebenso wie aus der klassischen Abfolge von Flektion und Reflektion und nur noch in der reinen Aktion leben. Das würde dann jedoch eine Art von Bewusstseinsverlust gleichkommen. Oder einem Bewusstseinsgewinn, wie man’s nimmt. Seine geistige Existenz wäre dann wieder auf dem Status eines Virus angekommen.

Denn auch ein Virus lebt ohne „Nach“ richten.

Eine Antwort zu “Coronalogie: Schein und Zeit

  1. Vielen Dank, dass Sie uns Ihre Gedanken zu diesem Thema mitgeteilt haben. Es ist schwer vorherzusagen, wie die Welt von dieser gegenwärtigen Krise betroffen sein wird. Ich freue mich darauf, mehr aus Ihrem Blog zu lesen.

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