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Im Bauchgefühl des Trojanischen Pferdes

Der Sodium-Laser, der die Schärfe hütet:

Muss Technik selbst polemisch sein? – fragt sich mein Ineinander.
Wozu Polemik? Brauchst Du immer dein Dagegen?

Wer die Schärfe hüten will, muss sich bewegen –  sage ich.
Die Schärfe hüten, heißt: Wachen im Flimmern, im Zittern, im Hauch
das Auge führen, das nicht schläft, es sieht den Bauch…

…des hölzernen Pferdes?

Es hat ein Bauchgefühl?

Unterbrich nicht, du alter Kalau.

Ein Baumgefühl, der Buchen wegen!

Ein Raumgefühl im Buchstabenregen…

War dieses Pferd gebaut aus Buchen?

Nein, doch dieses wissen wir : Sein Holz kommt vom Papier.

Zurück zum Sodium-Laser – was bedeutet ihm: Der Beam…?

Die Schärfe hüten heißt, den Dunst im Abgleich auszuschalten!

Nein, die Schärfe hüten heißt: Die Luft im Flimmern zu gestalten!

Den Stern verwalten – in der Thermik, die ihm weht.

Er ist kein starrer Star, er funkelt, flimmert – ist doch klar.

Adaptive Optik nennt sich das. Wachheit des Spiegels, Fackeln im Glas.

Flimmern im Gas.

Die Luftschichten mitsichten,
das Flimmern und Funkeln verlichten…
Der Abgleich – in der Sache inter e s s i e r t.

Die Thermik teilt sich – mit.

Ganz genau – nur dann ist man exakt.

Was soll daran polemisch sein?

Der Sodium-Laser gibt den Leitstern, bewegt wird der in Thermik,
nimmt das Flimmern mit und schickt’s dem Untergrund des Teleskops.
Ein zweiter Spiegel, halbdurchlässig, nimmt das Flackern auf
und fackelt selbst auf tausend Stempeln, die ihn heben, senken und – ad-hoc
regiert er – mit.

Mitwipper und Mitwisser einer Luft, die eine Stimme hat, die Wiege ist.

Nur deshalb wird das Bild dann klar.

Nicht starr, nicht starr, doch klar!

Sag ich doch…

Der Sodium-Laser, der die Schärfe hütet.
gibt den Leitstern für das Teleskop.

Stimmt es ein.

Aber mitflackernd….

…ja…ja…ja

Die fackelnden Prozesse, erfasst mit dieser Stimme,
nehmen uns die Sprache ab.

Dann…dann.. dann….?

Was dann? Ein Stimmern?

Nein, dann haben wir die Fackel verloren, äh..ich meine die Stimmer, die Sprache..

Dann gibt’s keine Metapher mehr. Für immer.

Wenn das trojanische Pferd aufplatzt

…dann hat’s sich ausmetaphert.

Das Platzen schafft den Platz.

Sollen wir drin bleiben?

Dienst an der Klarheit?

Sodium-Laser, adaptive Optik, Polemik der Technik.

Das Hüten der Schärfe geht –

mit dem leisesten Bauch.

Es ist so dunkel hier drinnen.

Halt die Klappe

auf.

Wie jeder Ton sich hebt und senkt in seiner Kehle, so wiegt ein Stern sich jeder Seele auf und ab. Kein Meer ist glatt, kein Segel platt, kein Sturmwind hängt ganz gerade. Der Mast ist Baum, das Holz ist Raum, das Schiff kennt sein Gestade. Pferde schnaufen in den Planken, der Boden bäumt sich in den Flanken – Troja – heißt die Stadt.

Diese Lyrik kommt mir hölzern vor.

Dann geh‘  jetzt los und öffne das Tor.

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Der Schneemann.

Jubiläum der Zärtlichkeit.

Ein Klavier gefüllt mit Waschmittel der Marke Omo. Hustensaft. Sauerkraut auf einem Notenständer. Den Wald fegen. Eingedrückte Gummibälle. Freitagsgericht 1A gebratene Fischgräte.

Ein Draht an einer Schiefertafel. Reden mit der Axt in der Hand vor einem Mikrophon…

Was hat das alles zu bedeuten?

Es gibt Bilder. Fotos. Portraits. Und alle sind sofort sehr typisch. Sie zeigen ein, nein, kein Gesicht – sie zeigen ein – Face. Das wäre das passende Wort. Besser: Ein Interface. Ein Adapter.

Augen, die mich anschauen wie freie Anschlüsse. Auch der Mund ist stark ausgeprägt. Ein Mund, dem ich ansehe, dass er auch – klemmen könnte, oder beißen, um etwas festzuhalten. Oder um etwas an sich heran zu ziehen. Anschluss gewinnen.

Hier auf dem Foto, ist der Mund geschlossen. Kurzzeitig verschlossen. Wie zugehalten ohne Hand.

Was ich an dem Mund und an den Augen überhaupt nicht wahrnehme: Lässigkeit, Ironie, fertige Lebensklugheit, Kennerschaft, Stoizismus oder Reife. Ich kann mir dieses Face, dieses Interface, nur schwer vor einem Kamin sitzend oder an einem Buffet stehend vorstellen, obwohl es solche Momente in seinem Leben auch gegeben hat, aber hier, auf dem Bild, bereits über 50 Jahre mit den Anschlüssen dieser Welt in Kontakt, liegt das trotzdem sehr fern.

Dieses… Gesicht also… gibt einen Ernst aus. Aber dieser Ernst wirkt nicht behauptet oder kopiert, auch nicht visionär aufgezogen, nein, dieser Ernst kommt unpersönlich, als käme er von woanders. Wie das Portrait eines für den kurzen Moment des Fotos aus seiner Verbindung gezogenen Steckers.

Aber es gibt auch andere, ernstere Bilder von ihm. Und freundlichere.

Über Joseph Beuys etwas schreiben. Einfach so. Ohne besonderen Anlass. Kein runder Geburtstag, kein Todestag. Was daran leicht ist: Alles was man sagt und denkt, kann nur falsch sein. Und wenn man etwas ganz Falsches schreibt, dann trifft es möglicherweise gerade genau zu. Aber da schon so viel über ihn gesagt wurde, und viele sachliche Quellen und Verweise auch im Netz sofort zugänglich sind, nehme ich mir hier die Freiheit heraus, zu meditieren, unvollständig zu bleiben, oder auch etwas abzuschweifen.

Filz, Fettecken, die Honigpumpe, ein Hut, eine Weste – das also sind die zu medialen Erinnerungs-Schneebällen plastifizierten Handlichmachungen eines Werkes, eines Lebens, einer Biographie. Verständlich. Man braucht eine Benutzeroberfläche für etwas, Begriffe für etwas, dass ja eigentlich weit jenseits der Festigkeiten von schnellen Begriffsplastiken in einem Prozess der Bewegung und Gewinnung seinerzeit ermittelt worden war.

Natürlich, man kann ihn, Beuys, wenn man will, leicht irgendwo herausziehen. Fluxus (das Fließen) nannte sich in den 60igern eine der vielen Unruhen und Vorbeben, die entgrenzen wollten und entgrenzt haben. Staubschlachten, Hühnerfedern, Kompositionen für Dachrinne, Farbtopf, Bohrmaschine und kaputtem Radio. Die Entgrenzungen und Überschreitungen sprengten nicht nur das eine oder andere Musik-Event oder verausgabten sich in  Drogenräuschen – auch in der Kunst geschah einiges. Man wollte die Rahmen zerlegen, Freiheiten prüfen, alte Zeichenhaushalte rütteln und schütteln, aber auch: neue Verbindungen schaffen. Anschlüsse herstellen. Fluxus, fließen lassen also. Das Kunstprodukt ersetzen, auflösen und eintauschen gegen den Kunstprozess. Als Akt der Befreiung, der Bewegung. Auch Joseph Beuys fand sich hier in den Feldern dieser Bewegung. Oder besser: Er berührte sie ganz kurz.

Aber Beuys war, damals in den 60igern, ja bereits über 40 und seit 1961 Inhaber des „Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei“ der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Mein Gott – was für ein schönes Wort. Der Traum vieler kleiner Künstler und Kunsthandwerker: Monumentale Bildhauerei. Monumentaler Bildhauer, wer wollte das nicht sein in den heutigen Stadttheatern und an den Plattenspielern der kleinen Affekte und Befindlichkeiten. Aber natürlich, nichts ist verbotener und dümmer, als Gegenwart gegen Vergangenheit auszuspielen. Und Beuys gibt dazu auch gar keinen Anlass, denn er ist blanke Gegenwart.

So klingt das auch sprachlich biografisch zunächst seltsam prickelnd für den heutigen Rezipienten. Beuys, Monumentale Bildhauerei, – und dazu dann: Badewannen voll mit Hansaplast-Pflaster, Margarine.

Aber Beuys gehörte nicht in der Weise in diese 68iger, wie die Generation, die heute so genannt wird. Er war ja älter, selber noch im Krieg gewesen, als junger Mann bei der Luftwaffe. Im heißen Krieg. Bordfunker, Bordschütze eines Sturzkampfbombers, Pilot angeblich auch. So hatte der Körper Beuys schon sehr früh eine enorme Beschleunigung in „monumentalen“ Energien erfahren gehabt. Steigende und stürzende Waffe. Für damalige Verhältnisse komplett adaptiert in Hochtechnologie. An der vordersten Front. Teil und Mitglied einer monumentalen, furchtbaren Maschine. Im März 1944 stürzt er dann tatsächlich zu tief, irgendwo über der Krim, in einem Schneesturm. Schädelbruch, Knochenbrüche, wird er von Nomaden aus seinem Wrack gezogen und gerettet, dann einem deutschen Suchkommando übergeben. Sein Pilot war gestorben.

Ab August 1944 dann schon wieder Fallschirmjäger an der Westfront. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Dienstgrad des Feldwebels. Gefangenschaft. Internierung. Das ganze volle Programm also. Dann Freilassung. Mit einem von Granatsplittern und Energien bereits plastisch geformten Körper. In-formierte, re-formierte Körperplastik.

Ausrisse, Lebensläufe, Freiläufe:

„1945 schloss er sich der Künstlergruppe Hans Lamers an.“

„Monumentale Bildhauerei.“

„1947 – 1949 arbeitete er mit an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanskie über den Lebensrhythmus des Wildes in der Lüneburger Heide…“

„Bekanntschaft und Gespräche mit Konrad Lorenz, dem Verhaltensforscher…“

Oh ja, man hört sie, die leicht einschläfernde Heinz Sielmann Nachkriegs-Stimme seiner Tier-Dokumentationen. Bis in die späten 70iger Jahre hinein.

Es ist die Stimme einer zerschossenen und physisch und seelisch verkrüppelten Kriegsgeneration.

Ein alter Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang an einem frühen Sonntagabend, davor sitzt ein Mann mit Beinstumpf, Zigarre rauchend, und dann hört sich dieser ganze 2. Weltkrieg so an:

„In seinem feuchten Lebensraum bewegt sich der Schwarzfußflederich wie ein kleiner König….“

Beuys also hatte auch damit zu tun. Mit diesem merkwürdigem Heinz

Sielmann-Nachkrieg in rundlichen Bildröhren und stoffbespannten Lautsprechern.

Die Stimme Heinz Sielmanns im Ohr denke ich also jetzt an Beuys: Sturzkampfbomber, Bordschütze, Filz, Fettecken, Honigpumpe, Zoologie, Monumentalbildhauerei, Verhaltensforschung, Wildgänse, Schädelriss….

Was bedeutet das alles?

Ich selbst habe den Krieg nicht erlebt. Auch nicht die unmittelbare Nachkriegszeit. Ich gehöre auch nicht zur 68iger Generation. Ich bin in den deutschen Puddingbergen des nicht mehr ganz so kalten Krieges aufgewachsen, wenn auch in den weniger großen. Aber irgend etwas ist an diesem Werk dran. Irgendetwas spricht daraus zu mir.

Ich stehe in der Ausstellung des Hamburger Bahnhofs vor einem tischgroßen, sehr massiven und komplett verhärteten Block aus Talg, „Unschlitt“, einem Produkt aus der Fettgewinnung, der inzwischen krasse Risse zeigt. Interessanterweise wirkt dieser organische Talgklotz auf mich viel härter als Marmor, gerade weil er kein Marmor ist. Steingewordenes Leben. Hart. Harte Zeit. Zeit der Härte. Aber in den Rissen tut sich wiederum etwas. Risse sind auch Flüsse. Nichts bleibt ja wirklich ganz unbewegt. Auch diese Risse sind Bewegungen.

Es kursiert die ewige Geschichte, sie stammt von Beuys selbst, dass er damals nach seinem Absturz mit dem Stuka mit gebrochenen Knochen und gerissenem Schädel einige Tage lang von den Nomaden, die ihn im Schnee aus dem Flugzeugwrack gezogen gehabt hatten, gepflegt wurde. Mit Filz umwickelt. Mit Fett gesalbt. Talg.

Funzelige Talglichter. Knirschende Schritte im Schnee. Zuwendung. Jaulende Hunde im Halbdämmer. Blutunterlaufene Augen. Leise klappernde Blechtöpfe. Fremdartiges Getuschel. Knoblauchatem dicht am Gesicht. Messinggeschmack im Mund. Schmerzen.

All diese Angaben bleiben etwas unsicher und anekdotisch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, ob diese Geschichte wirklich genau so stimmt, ob sie sich wirklich so ereignet hat. Wie auch einige andere Details zu seiner Biografie unsicher bleiben. Ich kann sie auch einfach als Angebot nehmen, als Projektionen, zugehörig dem Gesamtkunstwerk Beuys und dort einen berechtigten Platz einnehmend. Und tue dies hier auch.

Was dagegen wirklich sicher bleibt: Beuys wollte bekanntlich mehr als nur Kunst, mehr als Design, mehr als Ästhetik. Auch das kann man schnell nachschlagen und nachgoogeln, was Beuys alles wollte, meinte, sagte und lehrte – in Katalogen, Lexikas, in Interviews, auf Videomaterial.

„Soziale Plastik“, „Akustische Plastik“  „Wärmeplastik“ Erweiterter Kunstbegriff“, „Baumdiplom“ , „Homöopathische Methode. „Kernfragen des Sozialen“

Hier fließt also ein Engagement in der Kunst mit einem Engagement für Gesellschaft zusammen und wird begleitet auch von Theorie und einem Gestaltungswillen, der durchaus auf etwas Ganzes zielt. Aufs Ganze gehen – das ist etwas, dass mir heute in den Diskurseln einer etwas ratlosen Nach-Postmoderne, die sich mehr oder weniger in Details, Designs und Retrodesigns, Nieschen, Geschmäcker, Ansichtssachen, erotischen Simulationen, Zitaten und Zitatzitaten gemütlich gemacht hat, eher selten bis kaum noch begegnet. Kann sein, dass auch das einer notwendigen Bewegung folgt, und als solche auch anzunehmen ist – ja sogar eigene Chancen birgt. Denn nichts ist dümmer und verbotener als die eigene Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielen zu wollen.

Aber irgendwann stehe ich dann eben doch wieder vor irgendeinem der vielen verstreuten Beuys – Objekte und bin baff. Zwei Metallflaschen mit merkwürdig bedroht und zugleich bedrohlich wirkenden Ausblühungen unterhalb eines Pfahls, an dem ein ausgerissener Zeitungsausschnitt geheftet ist, der mit einem Roten Kreuz bemalt wurde. Oder ein Schlittengespann, das Filzrollen transportiert, so arrangiert, dass man die Hunde davor, die nicht da sind, förmlich hören und riechen kann. Ihre Ausdünstungen. Oder ein verschlossenes Apotheken-Gefäß mit einer winzigen Öffnung im Korpus, durch das plötzlich ein ganzes großes Weltsonnenlicht auf den Betrachter fällt.

Wenn ich dann in der selben Ausstellung irgendwo vor einem Baselitz-Gemälde mit einem auf dem Kopf stehenden Männeken stehe, spüre ich deutlich einen steilen Abfall.

Gut, das bleibt alles subjektiv und schwer verallgemeinerbar.

Trotzdem überlege ich, woher diese Wirkung rühren könnte.

Mir widerfährt es so, dass ich bei den meisten Beuys-Objekten immer den Eindruck einer enormen Verletzlichkeit habe. Ich denke immer, das ist keine Kunst, und zwar im positiven Sinne – keine Kunst.

Vielmehr habe ich den Eindruck von etwas Stehengelassenem, etwas Übriggebliebenen. So berühren sie mich auf eine ähnliche Weise wie ein einzelner Handschuh, den man unterwegs irgendwo in einem Drahtzaun stecken sieht. So wie er berühren kann. Nicht muss. Wie eine Frage. Hier war etwas. Und hier ist noch etwas. Etwas hat sich hier ereignet, ist vorbeigegangen, vorüber gezogen, und hat Spuren hinterlassen. Aber es ist eben nicht – vorbei. Man fragt sich, zu wem oder zu was gehört dieser Handschuh? Wo ist der zweite? Wer vermisst ihn jetzt? Der abwesende zweite Handschuh beobachtet mich.

Dabei sind die Objekte von Beuys alles andere als flotte Readymades. Sie sind keine umgedrehten Pinkelbecken, keine ausgeschütteten Farbeimer, und sie sind auch keine hingeworfenen Fehdehandschuhe der seidigen Provokation. Haben damit nichts zu tun. Sie sind sogar enorm kalkuliert, durchdacht, manche sogar geradezu kompliziert, überhaupt nicht einfach, oder simpel. Oder gar unprätentiös, wie man heute sagen würde. Nein, sie sind sehr sehr prätentiös.

Ich habe wieder die Tierfilmdokumentations-Stimme von Heinz Sielmann im Ohr: „Und der kleine Graureiher flüchtet sich jetzt zu den Erwachsenen. “

Zugleich denke ich: Ju 78, Sturzkampfbomber. Und höre dieses Sirenengeschrei der stürzenden Waffe, dass ich selbst zum Glück nur aus eben diesem Fernsehen kenne. Dann Schritte im Schnee knirschen. Hundegebell. Blechtöpfe.

Beuys. Mann mit Filzhut und Weste und diesem ohne Hand zugehaltenen Mund. Diesem Steckdosengesicht. Silberplatte im Schädel. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden. Dann aber oder vielleicht gerade deshalb wurde er ein Monumentalbildhauer. Doch sein nie stillstehender Zug hin zum Ganzheitlichen und seine auf das Ganze, auf das Begreifen gerichtete Neugier blieb ihm erhalten.

Face Beuys. Interface. So ein Typ muss auch schwierig gewesen sein. Nervös. Unlocker. Angespannt. Vielleicht sogar hin und wieder, ja ganz sicher oft auch wirklich unsympathisch. Nervensäge. Stechender Blick. Unheimlich. Für einen bestimmten Typ Frau vielleicht ganz attraktiv.

Aber dann wieder, angehalten vor und von einem seiner Objekte, einer Installation oder einer Skulptur, spüre ich da diese Zärtlichkeit. In starken Momenten eine ungeheure Zärtlichkeit. Ich frage mich wieder, woher kommt das? Was ist das? Wieso kann ein Fetzen Filz so zärtlich sein? Oder dieser Fettklotz. Oder sogar ein Stück Kupferdraht? Ein Zinkblech. Eine Schiefertafel, Waschpulver. Oder eben seine berühmte Honigpumpe….

Was hat das alles zu bedeuten?

Zumal heute noch, wo ich mich prinzipiell schnell vielleicht zu schnell als etwas genervt, als überschult und meistens auch gelangweilt fühle, wenn irgendwo „moderne Kunst“ droht oder das, was ich nicht an ihr mag: Den Schwachsinn der Farben, seriengedehnte Readymade-Schneisen, Kreativitätssimulation, Individualitätskonzepte, Selbstbespiegelungen, Nachmittagswitze, aufgeblasene Schamhaare, Müllhaufen zweiter Ordnung, Neoerotiken, Zitatzitate von Zitatzitaten auf Bildschirmen oder Glanzpapier etc…

Nichts von alledem bei Beuys. Obwohl auch er nicht unbedingt der einzige und erste Pionier der Filze, Zinke, Roste, Fasern und Profanmaterialien war. Auch schon zu seiner Zeit nicht. Auch das lag in der Luft damals. Insofern gehörte er am Anfang dazu, war Teil einer Bewegung.

Aber sicher war er einer der wenigen, vielleicht dann doch der einzige, denen es gelang, all das entfesselte und vermischende Tun, den Fluxus der Zeit vor der Beliebigkeit zu bewahren, in seiner Obhut vor der Trivialität zu retten, indem er diesem Fluss ein formuliertes Recht gab, in ein gedachtes oder gesprochenes Flussbett leitete. Und das eigentlich ganz im Widerspruch zu dem, wofür der „erweiterte Kunstbegriff“ antreten sollte. Denn die erste Pointe eines „erweiterten Kunstbegriffs“, wo er als solcher formuliert und behauptet wird, ist ja, dass dieser Begriff dann selbst  wieder Programm wird. Sich programmatisch schließt. Und wo Programme, da lauern auch wieder Einschluss und Ausschluss. Er aber machte in einem modernen Sinne das Fließen plastisch. Und dass ist wirklich die originale und seltsamste Leistung von Beuys, auch die innere Grundspannung seiner Arbeiten: dass sie ein modellierter Fluss sind. Aber eben jetzt anders als nur der schön modellierte Fluss einer marmornen Schulterlinie oder einer Falte. Sie sind eben wirkhafter Fluss und wirkhafte Plastik zugleich.

Schlagworte und gelebte Konzepte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ „Basisdemokratie per Volksentscheid“ „Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ „Wir brauchen Sonne statt Reagan.“

Tatsächlich hat Beuys einmal alle Bewerber ohne Vorauswahl in seine Kunsthochschule aufgenommen. Tatsächlich hat er Kassel mit Eichen begrünt. Tatsächlich hat er sich Anfang der 80iger dann auch bei den Grünen engagiert. Beuys hat ernst gemacht, weil er ernst war.

Und er tat auch Seltsames. Dinge, denen ich heute in einer Galerie eher aus dem Weg gehen würde. Er schüttete sich Honig über den Kopf, legte Blattgold auf und saß dann mit einem toten Hasen, den er unverwandt anstarrte, in einer Ecke auf einem Stuhl. Oder er stellte sich mit einer Axt in der Hand vor ein Mikrofon, bellte, pfiff und krächzte dann 10 Minuten lang gestikulierend – dies als Professor einer Kunstakademie vor immatrikulierten Studenten. Oder er schüttete eben Waschpulver in ein Klavier, trank öffentlich Hustensaft u.s.w. u.s.w.

Heute würde ich eher dazu neigen, solchem Aktionismus auszuweichen. Man kennt das auch von Epigonen. Ich würde es als etwas unangenehm ernst oder gar ideologisch empfinden, als ein bisschen zu stechend, zu angespannt.

Aber das sagt natürlich gar nichts. Ich lebe in einer anderen Zeit. Und möglicherweise werden andere, spätere Generationen, einmal auf unsere Zeit ebenso befremdet, vielleicht auch fasziniert zurück gucken. Eine Zeit, in der ja alles irgendwie möglich ist und auch gemacht wird, aber in der sich kaum einer irgend  etwas traut. Außer vielleicht der irgendwo imaginär herbeigesehnte Attentäter, dem dann womöglich von irgendeinem verwirrten Stockhausen das Kunstdiplom verliehen wird.

Aber stimmt das so überhaupt? Es gibt sie ja auch heute noch, die Vermischer und Erweiterer, die Schreier und Kleckerer. Aber es gibt sie eben nach Beuys. Wo sie sind, war Beuys schon gewesen, und so gehen sie jetzt in den gut geölten und diskursiv vorgefetteten Ausdifferenzierungen seiner Spur. Wollen neuerdings Sterbende im Museum ausstellen. Na ja, wie sie meinen, sehr originell, Herr Schneider…

Was wollte Beuys? Was wäre das, woran man anschließen könnte, ohne in die 2134igste Kleckerburg irgend eines Neohappenings, irgendeiner Chaosinszenierung zu geraten, in das nächste noch größer aufgeblasene Achselhaar, die nächste Kapitalismuskritik, in den nächsten hoch dotierten Tabubruch-Generalstab, in die nächste Verwirrspielhölle. Was könnte wirklich konstruktiv sein?

Beuys Face. Interface. Adapter. Steckdosengesicht. Sag was. Sturzkampfbomber, was genau ist deine Zärtlichkeit? Was bedeutet dein Filz, deine Seife, dein Fett? Liegst Du bei den Nomaden im Zelt dicht über dem Schnee, in Filz gewickelt, und schweigst dich aus unter deiner Silberplatte in deinem Kopf, den man dir „zurecht geschossen“ hat?

Es wird berichtet, Beuys habe einmal, eines Morgens, die Skulpturen und Kunstwerke seiner Studenten zerschlagen und gesagt: „Das ist auch Kunst.“ Darauf Heulen und Zähne klappern. Ich glaube das sofort.  Ich glaube, er wollte damit sagen: Ihr sollt Euch nicht für Kunst interessieren, sondern für Wirklichkeit. Für ihre Energien, Wirklichkeiten und Gefährdungen. Denn nur so kommt ihr zur Kunst. Oder nie.

Beuys, die stürzende Waffe, der Hochbeschleunigte. Der ein wenig Unheimliche.

Ja, ich glaube Beuys heute vollständig lesen heißt auch diese Seite zu lesen. Beuys war ein Grüner, ein Basisdemokrat, ein Menschenfreund und Bäumepflanzer, Wärme-Mann und netter Christ. Dass er sich auch als Alchemist und Schamane inszenierte, sich in Filz gewickelt 3 Tage lang mit einem wilden Koyoten in einem Raum einschloss, um zu diesem Tier Kontakt aufzunehmen, sagt mir noch etwas anderes. Es sagt mir, dass Kunst, wenn sie mehr sein will als bloßes Unheimlichkeitsdesign, Chaosdesign, Schmutzdesign, Provokationsdesign, Destruktionsdesign – es sagt mir also, dass Kunst zur Kunst wird, erst dort, wo sie sich in die Konstruktion begibt, Verbindung sucht, und eben erst deshalb und davon berührbar wird und berührend. Weil sie ordnen will, ist ihre Ordnung gefährdet. Und erst diese Gefährdung berührt mich. Beuys ging aufs Ordnen und Richten. Er hat nie einfach herum gefriemelt, Geschmack oder Design produziert. Und er hat seine Aktionen nie als Pyramiden inszeniert, die bereits die Form eines zusammengefallenen Haufens, also ihre Destruktion, feixend vorwegnehmen. Und deshalb fällt mir auch wieder ein, warum seine Arbeiten oft eine solche eigenartige Zärtlichkeit ausstrahlen. Alle seine Materialien streicheln über die Haut der Wirklichkeit. Sie ziehen dort ein, wie ein Film. Aber sie treten auch aus dieser Haut hervor wie Absonderungen. So wie er sie arrangiert und geordnet hat, sind es Schmierstoffe und Absonderungen zugleich. Ihre Viskosität und dass Amorphe beinhalten oder transportieren eine komplementäre Erzählung als Praxis. Seine Metalle blühen auch zu Waffen, rostig oder blank, das Kupfer der Projektile. Das Messing der Hülsen. Das Zink der Blechnäpfe – es blüht aus und blüht uns. Sein Fett ist auch das Motorenöl, das Schmierfett der Gewehre, Maschinen und Panzer, das Öl der Technik. Und sein Filz der Stoff der schrecklichen Winter, der Uniformen, der Stiefel, der Massen und der durchschossenen Filze von Stalingrad. Massentodprodukt. Sein Gold kennt die Gier und das Blut; und der Honig als träge Masse, süß, aber in Litern gepumpt, hochenergetisch, ist eben deshalb irgendwie auch frivol und über-viel, erstickend. Als Aggregatzustände der Seele zeigen diese Materialien: Wärme – und Kälteplastik. Fluss und Erstarrung. Anpassung und Widerstand. Gewinnung und Verbrauch. Der Filz, als Gesellschaft aufgefasst, trägt unangenehme und darin auch zeitgemäße Assoziationen mit sich. Insofern hat Beuys den Filz am konsequentesten alegorisch rekonstruiert. Vielleicht erzählt das Viskose und die träge dahin fließende Substanz, das Schmelzende und Amorphe, das Verfilzte, Ausgeblühte, Fettige und Seifige, diese ganze weiche Schicht und Margarine- Struktur unserer Wirklichkeit von einer wirklichen, sehr tiefen, sozusagen gültigen Wahrheit. Die immer irgendwo in der Mitte liegt, nie ganz fest. Sie sind präzisierte Wirklichkeit und keine Kunst – im positiven Sinne keine Kunst. Und deshalb eben doch wieder Kunst.

Ihr nie ganz entschiedener Aggregatzustand verweist so den Messianismus und Schamanismus, den Ideologie-Komplex, den man Beuys auch unterstellen kann, überraschend in die Richtung eines Realismus mit Weltnähe, in Richtung einer Wirklichkeitsfreundlichkeit, die ich ehrlicher und genauer finde als bloß behauptete Menschenfreundlichkeit. Seine Arrangements sind insofern auch Stoff gewordene Realpolitiken der mittleren Zonen. Die Kanzlerin Angela Merkel könnte eine Plastik von Beuys sein. Kernseife und Jeder-Menschin. Ihr Charisma ist substanzieller, innerlicher.

Gewinnungen also, gewonnene Stoffe, gewonnenes Metall, gewonnener Honig, Fett und Wolle – gewonnene, geronnene Welt. Und genau das, diese Gewinnung eben als ganz unironische Realpolitik von Wirklichkeitsermittlung verleiht ihnen ein inneres Charisma, das sich nicht aufdrängt oder laut verausgabt. Weil es eben da ist und nicht produziert oder simuliert werden muss. Es ist substanzieller, weil es stoffliche Substanz hat und damit mehr Kraft, mehr Physik. So erreicht Beuys auch mich in meiner Gegenwart. Deshalb erscheint er mir so monumental gegenwärtig. Deshalb haben seine Werke eben nichts mit chicer Verwirrungs- oder Irritations-Attitüde zu tun, nichts mit Schmutz-Design und noch viel weniger mit Provokation. Und überhaupt nichts mit neuniedlich behaupteter Profanität. Oder dem, was man gerne „Reduktionen“ nennt. Und schon gar nichts mit Kritik am Zeitgeist. Dieses Werk zeigt womöglich einen sehr puren Realismus, ja auch einen Technologismus und eine Vernünftigkeit, dass selbst der Künstler, also Beuys selbst, das nie so ganz wahrhaben mochte oder ausgehalten hat. Weshalb er eben selbst schamanistische oder para-religiöse Überschmückungen vornahm, die dieses schöne Werk aber gar nicht braucht. Aber das wäre nur eine Spekulation, dass Künstler den eigentliche Charakter ihres Werkes bewusst oder unbewusst auch verschleiern.

Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinaus weist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.

Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem „zurecht geschossenen“ Schädel. Nein, er war nicht gelassen.

Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.

Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:

„Der Schneemann.“

Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.

Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.

Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Achsomenschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich. Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.

Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.

Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist.

Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich für Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.

Warum sollte das weniger warm sein?

Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen“ lassen?

Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zu recht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Seht die Risse, macht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.

Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:

„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“

Oben am Himmel ein leises Flugzeug.

Physik der Antiphysik

Teil 1: Schwellen.

Warum etwas opfern. Ein Opfer ist eine Kommunikation mit einer metaphysischen Macht.
So schreiben es die Lexika.
So sagt es Eliade, der Religionsforscher. Alle Religionen dieser Welt kennen eine solche Kommunikation. Der Angesprochene, der Herbeikommunizierte ist ein Geist, ein Ahne, eine Göttin oder ein Gott. Oder ein Zeichen.
Ein Zeichen von Physis oder Nichtphysis.
Der Opfernde gibt etwas hin. Öl, Reis, eine Maske, Rauch, ein Tier, Feuer, ein Tanz, den Rausch, ein Stück Rinde…. auch ein Menschenleben.
Der Grund: Kommunikation. Aber mit wem? Steht hier nicht Physis gegen Metaphysis, das Unsichtbare?
Und überhaupt, ist diese Art zu kommunizieren nicht eher eine Einbahnstraße?
Gibt es Antworten?
Die Mythen gehen immer selbstverständlich davon aus. Und noch die Sagen berichten davon. Der Drache sagt: Bringt mir jährlich eine Jungfrau und ich lass Euch in Ruhe. Dionysos fordert den Rausch, den Ritus, und sogar das Mysterienspiel, das Theater, die frühe griechische Tragödie. Alles soweit klar. Aber wer hat sie wirklich gesehen die Götter, die Geister, die metaphysischen Mächte?
Vielleicht hat man sie früher einfach öfter gesehen. Sie ließen sich eben blicken, kamen vorbei oder zeigten sich in der Extase. Traten hervor.
Als moderner Mensch, der auch gerne mal zwei oder drei Gläser über den Durst trinkt, kann man sich gerade noch vorstellen, dass man etwas hervortreten sieht.
Dafür tanzten früher Befugte, Beauftragte, Priester, Schamanen, Zaubermänner, Spezialisten – mit der Lizenz zum Betrunkensein, zum Rasen, zum Durchdrehen, zum Rausch, ja, auch zum Töten. Ein Hieb mit der Keule, ein Schnitt mit der Klinge und ein langer roter Faden floss vor der ebenso roten Sonne bald über die heiligen Stufen der Stadt Tenochitlan.
Es geht auch weniger brutal. Ein Paar Kokablätter in den Fluss gerieben, damit der nicht oder gerade deshalb über die Ufer trete. Ein Schluck Wein auf die Erde gegossen für den Gott der Ähren und Ernten. Olivenöl für den Olymp…
Opfern bewegt Physis, ist Handlung. Handeln. Ein Handel. Es müssen auch nicht immer Gaben sein. Handlung kann auch Tanz sein, oder ein Rausch, ein Ritus, eine Zeremonie, eine Liturgie. Auf jeden Fall aber meint das immer: Physis. Physis im Rausch, im Tausch. Aber im Tausch gegen was?
Gibt es das Wesen da draußen? Da oben? Im Fluss? Im Himmel? Im Olymp?
Für den Opfernden ist das keine Frage. Denn indem er handelt, Handlung vornimmt, beweist er es. Er bewegt die Luft, zündet Feuer, lässt bluten, schwitzt, tanzt, raucht, schwenkt Töpfe, zündelt in Schalen – und handelt. Schon die Handlung gehört dazu, zur Zeremonie des Opfers. Auch eine Handlung ist Gabe, Hingabe, Physis, Opfer. Zuhören. Sie ist Anspruch auf Ansprache. Kommunikation. Aber mit wem? Wer ist da draußen? Sind es die Ahnen, die Wesen, die Geister, die Götter? Kann man sie sehen?
Wozu der ganze Aufwand? Muss das sein?
Ja. Es muss sein. Der Wald, das Feld, der Fluss, der Himmel, die Frau, der Mann, das Kind müssen einen Sinn haben. Es muss ein Sinn in ihnen wohnen. Es muss da wer sein, den ich ansprechen kann, den ich bitten kann, dass der Regen kommt, bei dem ich mich beschweren kann, wenn er ausbleibt, oder auch, bei dem ich mich entschuldigen kann, wenn ich ihm zu nahe getreten bin. Dafür muss das sein. Wenn der Fluss überläuft, der Wald brennt, oder die Ernte verdorrt, die Tiere brüllen, da draußen muss es einen Bevollmächtigten geben, mit dem ich sprechen kann. Der mit sich reden lässt. Und mit dem man handeln kann. Die Welt ist so eingerichtet. Ich muss etwas tun, handeln, dann handelt sich etwas, verwandelt sich etwas, dann kriege ich etwas. Regen, Rat, Vergebung oder den Sieg, die Frau, die Heirat, die Schlacht, das Kind. Von nichts kommt nichts. Also handle ich, damit der Regen kommt. Oder damit das Blut ausbleibt. Ich rufe den Bevollmächtigten. Den Abschnittsbevollmächtigten. Ich biete einen Tausch an. Ich kommuniziere. Ich opfere. Ich opfere bis es regnet. Ich opfere bis der Arzt kommt. Ich entzünde mein Feuer, ich brenne eine Maske, vergrabe meinen besten Bogen, oder ich stampfe einfach mit den Füßen auf diesen Grund voller Sinn.
Ich opfere. Gebe eine Gabe, ein Leben, meine Kraft – also, lieber Gott, lieber Geist, mach dass es gut wird. Komm schon.
Opfern ist Handeln für einen Sinn. Handeln. Handlung. Gabe. Gebet.
Pflanze, Blut, Fleisch, Rauch, Feuer, Stimme, Physis. Der Opfernde gibt das Wesentliche und erfährt dabei – das Wesen, den Geist, den Gott. Darin, in diesem Handeln im Wesentlichen zeigt er sich schon. Die Metaphysis zeigt sich in der wesentlich erregten Physis. Das ist das Opfer. Das ist der Handel, die Gabe, das Gebet. Die Handlung ist der Handel. Ein Tausch.
Das Wesen des Ganzen wird sichtbar. Sein Sinn. In der Handlung, im Handel, im Tausch mit dem Wesentlichen. Gott wird sichtbar, ohne dass ich ihn anschauen muss. Und der Geist berührt mich in der aufgewühlten Physis, ohne dass ich ihn anfassen muss. Das ist ES. Das ist SIE. Das ist ER. Das bin ICH. Das sind WIR. Mitten im Rauch, im Tanz, im Feuer ahne ich ihn, den Ahnen. Ich ahne den Ahnen, den Geist; im Blut des Geopferten kann ich ihn auch sehen. Ich spüre ihn. Die Kommunikation ist hergestellt. Das System ist stabilisiert. Das Wesen zeigt sich mir im Wesentlichen, in einer mächtigen physischen Bewegung.

So funktionieren fast alle Religionen. Bis heute. Auch die asiatischen. Nur setzen die ein starkes Minuszeichen vor die Physis, dann folgt aus der Beruhigung eine Verwandlung in den Sinn.

Der tiefere Grund für alle Religion:
Das menschliche Bewusstsein ist als „Form“ ebenso offen wie auch geschlossen.
Es ist ein elektrodynamisches Fließgleichgewicht. Um bewusst zu „sein“, muss es eine permanente Fließgleichgewichts-Verhandlungsroutine „tauschen“ zwischen innen und aussen.

Zeichen lesen tauscht gegen Physis schreiben tauscht gegen Zeichenlesen tauscht …etc..

Die Sinne sind die elektromagnetischen Einlasskanäle (Auch Wärme ist eine elektromagnetische Erscheinung im Spektrum) Die Reflexe – als Reaktionkanäle sind als „Gegen“ – Steuerungskanäle die reaktiven nach aussen gerichteten Stabilisatoren. Das Bewusstsein vibriert oder zittert  in einer Oszillation – innen – aussen. Bewusstsein haben heisst: Eine Innen-Außenbalance zu „verhandeln“ Daher auch der Eindruck, eine Person habe „Schwingung“

Das Gehirn muss – um steuern zu können – eine gewisse Autarkie gegenüber der fließenden reinen Physis der Themodynamik behaupten. Es muss einen UNTERSCHIED behaupten, um steuern zu können. Es braucht eine Isolation. Es muss „schwimmend“ gelagert sein. (Der General darf nicht die Schlacht selbst sein) Es muss selbst  – wie eine – autarke Zelle durch eine halbdurchlässige Membran von der nurfließenden Physis abgeschirmt sein.
Dies Abschirmung leistet die Blut-Hirnschranke – bei allen höheren Säugetieren.

Je stärker die Abschirmung durch die Blut-Hirn-Schranke, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Teil der Oszillation von physisch – elektromagnetischer Aktion – Reaktion innerhalb der Zelle gespiegelt – also reflektierend hin und her geworfen wird. Ein Teil der Oszillation kann den Kopf  nur noch stark verzögert sowohl erreichen als auch verlassen.
Dieses Hin – und Her-Spiegeln von Anteilen der flexiven und reflexiven Balance-Handlungen erreicht irgendwann einen „Schwelle“ – an dem das Gehirn so viele Anteile elektromagnetisch re-flextiv hin und her-spiegelt, dass es selbst „Form“ wird – also „WELT“ – in sich selbst spiegelt und mit dieser Spiegelung zu allem was „da draussen“ physisch ist oder von aussen physisch auf es eindringt ein neues Wort sagt – DU!
Das Wort, das zugleich das ICH miterzeugt.

So trennt aber dies Blut-Hirnschranke auch alle höheren Funktionen von der Physis des eigenen Körper ab.

Deshalb externalisiert der frühe Mensch auch alle unbewussten und phyischen Belange, die Triebe und Gewalten und Mächte des eigenen Körpers mit einem „DU!“

Religion ist und war nichts anderes als diesem „Du“ – da draussen vor der Schranke einen Namen zu geben – also den Namen „Gott“

Drogen und Extasen sind eine Möglichkeit die Blut-Hirnschranke zu überwinden und zu diesem Gott Kontakt aufzunhemen. Opfern, Beten, Sprechen sind Opfer – Techniken(!) eine andere Möglichkeit.

Der größete Anteil des Gehirns ist eine schwimmend – gepuffert gelagerte Blase – eine dissipative offen-geschlossene Form in der Zeit. Innerhalb des Cortex fließt keine Realzeit. Das Gehirn und der Cortex selbst exisiteren für sich –  zeitlos.

So bilden Religionen auch Gemeinschaften bis heute. Aber das ist hier nicht wichtig. Ob die ganze Gemeinschaft den Ritus beging, ein einzelner für sich oder nur ein Schamane oder Priester als Stellvertreter im Schauspiel für alle, ein Ritual aufführte, dessen die Umstehenden ansichtig wurden – das eine große Prinzip von Religionen ist der Tausch. Der Tausch Physis gegen Metaphysis. Und dieses Prinzip hat auch die Bauten erstehen lassen, die Sakrale, die Pyramiden, die Menhire, die Werke und Gewölbe, die Kirchen, Tempel, Kathedralen und Moscheen. Ganze Kulturen wären ohne die Physiken des Opfers, und seien es die Opferphysiken der Arbeitskraft, nicht denkbar gewesen. So wirkt das physische Opfer auch als eines der ersten vornehmsten Kräfte der Techniken und der Ästhetiken, der Wirkungen und Anschaungen. Was dem Abwesenden gewidmet war, hat Anwesenheit geschaffen. Die unsichtbaren Metaphysiken haben also doch geantwortet und sich sogar als Baumeister betätigt. Wer oder was hat den Petersdom gebaut? Die Physik oder die Metaphysik? Das Sichtbare oder das Unsichtbare? Geist oder Materie?

Die Kirche als Bau. Die Kathedrale. Sie ist eine Statik, geweihter Ort, Grabstätte, sakraler Raum, Immobilie. Woraus besteht sie? Besteht sie aus Physik oder Metaphysik? Wer hat die Kirche gebaut? Gott oder die Menschen? Was macht ihre Statik? Geist oder Materie?
Ist eine Kathedrale Stein gewordenen Metaphysik? Die heilige Stadt Jerusalem, was ist sie? Physik oder Metaphysik. Ist sie Energie oder Information, Körper oder Geist, Mensch oder Gott? Oder Beides? Sind es zu Ziegeln und Gewölben auskristallisierte Kommunikationen mit Gott?  Sind es statische Opfer?
Ist ein sakraler Bau wie der Kölner Dom vielleicht schon die frühe Verwandlung von religiöser Energie in Masse, in Stein? Viele Jahre vor Einstein? Was ist dieses Gehirn, das nach Antworten sucht und zu kommunizieren beginnt, Kräfte, Energien zu opfern bereit ist? In die Umwandlung hinein gibt und in das Wesen, in die Masse. Um was zu bekommen?

Klick.

Die Kirche war Ende des 15 Jahrhunderts eine solche Masse. Eine ungeheure Masse. Sie war Weltmacht. Eine Masse, ein Brocken, eine Wucht, ein Brocken auch, und ein schöner Konzern. Ein Weltkonzern nach damaligen Maßstäben. Ihr gehörten ganze Gebiete, Wälder, Seen, Landschaften. Bistümer. Sie war reich. Eine große Immobilienbesitzerin. Ihr gehörte die halbe Welt, gut vielleicht nicht ganz, aber fast, jedenfalls regierte sie heftig mit, der damalige europäische Raum stand unter ihrer Fuchtel, obschon die weltlichen Fürsten darüber murrten. Doch sie war das Wirtschaftsimperium ihrer Zeit. Sie war Physik. Aber diese Physik war recht ordentlich organisiert. Sie hatte ihre Tochter und Franchise-Unternehmen in den klösterlichen Orden. Zisterzienser, Augustiner, Benediktiner, Dominikaner. Ganz ordentliche Tochterunternehmen eben, die wie kleine und große Filialen als Geist-Tankstellen die Karte Europas dicht an dicht mit roten, blauen und grünen Stecknadelköpfen übersähten, hätte es damals schon solche Stecknadeln gegeben. Das Netz lag sogar so dicht, dass es eben durchaus möglich war, als Mönch zu Fuß von Köln nach Rom zu pilgern, was nicht selten vorkam. Wenn es auch dauerte. Man liest von erstaunlich vollen Wegen und von Klöstern und kirchlich oder zwielichtig verwalteten Herbergen, die sich eben beinahe alle 50 Kilometer den Wandernden anboten. Es muss einiges los gewesen sein auf diesen Wegen, wenn sie auch nicht unbedingt ganz sicher waren. Und in Rom saß die Konzernzentrale. Sehr üppig. Sehr weltlich. Die Päpste, zuletzt aus weltlichen Advokatendynastien, namen es eher lässlich, vergnügten sich mit ihren Geliebten hinter den Mauern oder scharmützelten mit Venedig herum. Alles in Butter. Und schließlich, auf dem Höhepunkt ihrer Dekadenz ließen sie sich von den Raffaels und Michelangelos dieser Welt beeindruckende Bilder malen. Rom wurde nun Hollywood. Gott auf Breitwand.
Der Konzern funktionierte gut. Abgesehen davon, dass es immer mal wieder Probleme gab mit dem Besetzen von Posten und Pöstchen, dem Unterbringen Nepoten, dem Versorgen von unehelichen Töchtern oder irgendwelchen Bischöfen, die man loswerden musste, weil sie sich als Dummköpfe untauglich zeigten.
Aber auch diese hierarchische Struktur glich exakt dem heutiger Konzerne. Oben saß Gott als der Vorstandsvorsitzende, es folgten der Papst als sein Stellvertreter und dann die Bischöfe, Bosse, Abteilungsleiter, Äbte, Priester, Diakone, Mönche bis hinunter zu den Schafen und Schäfchen, die geweidet und geschoren wurden. Diese Kirche war eine physische Welt. Eine sinnlich greifbare und anschauliche. Sie hatte alles. Neben ihrem ungeheuren Besitz an Immobilien und Länderein gehörten ihr auch die Universitäten und viele Bibliotheken, Schnappsbrennerein und Kräutergärten. Sie bestimmte wesentlich das Geistesleben. Und das war eigentlich gar nicht mal so schlecht. Wahrscheinlich muss man sagen, dass die Intelligenteren damals eher in den Klöster anzutreffen waren als auf dem Feld oder der Straße. Ach was, natürlich, es gab dort alles an Charaktären, vom Taugenichts, zum Drückeberger, der adligen Tochter, die versorgt sein musste, Fett-und Pfropfmönche, hohlwangige Asketen  Gelehrte. Diese Klöster waren eher selten Sündenpfühle, wie es uns Der Name der Rose erzählt, aber es gab auch solche und solche. Solche, in denen arme Nonnen sich prostituierten und solche in denen gearbeitet und gebetet wurde, solche die verlottert waren und solche die wie straffe Wirtschaften funktionierten und Überschüsse verkauften und wo man sich Witze über den Papst erzählte, solche in denen geforscht, geschwiegen und geschrieben wurde und solche in denen es von allem etwas gab; oder solche, in denen kirchliche Kontrollbeamte, die nach dem Rechten sehen wollten auch schon mal verprügelt und nackt wieder vor die Tür gesetzt wurden. Das Leben in den Klöstern war mindestens so bunt wie draußen. Und es war wesentlich vom Charakter des Ordens bestimmt. Trotzdem blieben auch für die Klöster die Sommer kurz und die Winter lang. Die Kirche gab Arbeit und Aufträge. Für Architekten, Baumeister, Künstler und Statiker. Obschon sie Grundlagenforschung kritisch beäugte, reglementierte oder gar repressierte, förderte sie die technischen Wissenschaften und Fertigkeiten erheblich. Vieles was an Wissen über Wirkungen, in der physische Herstellung und des Handelns war, ging auf ihr Konto. Die Kirche war wissenschaftsskeptisch, aber sie war nicht technikfeindlich. Im Gegenteil.

Woher hatte sie das alles? Woher hatte sie diese enorme Physis? Ja, es waren Eroberungen und Politik und Nepotismus im Spiel und Korruption, wie das bei Konzernen und Imperien so üblich ist. Aber ihre Macht und ihren Reichtum und das Gewicht ihrer Stimme gründete letztlich auf etwas Unsichtbares. Auf etwas Metaphysisches. Es gründete sich auf Angst. Und zwar hatten viele Menschen damals nicht unbedingt Angst vor der Kirche als weltliche Macht, das sicherlich auch, aber vor allem hatten sie Angst vor einem ungnädigen Gott, dessen Stellvertreter die Kirche war, und der sie in der Hölle brennen lassen konnte, für immer brennen. Es fällt heute schwer, sich vorzustellen, wie real, wie ernst zunehmen, wie wirklich entsetzlich wirklich und nah und verzweifelt möglich es für die Menschen damals schien, es vielleicht nicht in den Himmel zu schaffen. Wie greifbar war diese Angst? Das Fegefeuer war so nah wie ein Stück Brot.
Eine Welt, in der es diese Möglichkeit ganz real gab, dass man nach dem Tode im Feuer brennen könnte. Diese metaphysische Größe der Wirkung der Angst vor dem Fegefeuer hatte ein solches Gewicht, flößte solchen Schrecken ein, in ihrer Nähe, dass sie eine Wirklichkeit war. Heute würde man sagen: Der Tod selbst war ein Scheißdreck dagegen. Eine greifbare Angst, so greifbar, dass man damit Handel treiben und ein großes Opfertauschgeschäft in Gang setzen konnte.
Ängste, Hoffnungen, der Glaube, all dies sind Wirkungen des Unsichtbaren. Metaphysische Wirkungen. Aber sie schufen Wirklichkeiten.
Die Wucht, die Masse, der Brocken, die Physis, dieses Imperiums Kirche gründete in einem gut organisierten Handel und Tausch von Opferphysiken gegen – nicht gegen Gott, auch nicht gegen den Teufel oder Geister, nein, man ertauschte sich – Gnade. Es war ein Gnadenhandel.
Gnade war das begehrte Gut, dass nur der Klerus als Vermittler im Tausch anbot. Die Gnade des Gottes zu seinen Sündern. Und sündig waren natürlich immer alle. Daran bestand kein Zweifel. Schließlich war man ja Mensch und spielte als solcher auf der Klaviatur der Begierden, Triebe, Sünden und Register.

So waren im Laufe der Jahrhunderte die Gnade und die Angst in die Schlachten gen Jerusalem gezogen, so hatte die Gnade und die Angst Kirchen, Städte, Stifungen, Klöster und Bistümer erbaut. Die Gnade und die Angst hatten Europa physisch möbliert und ihm eine erste supranationale Infrastruktur gegeben. Die Päpste waren so die ersten Vorsitzenden einer Europäischen Gemeinschaft.
Aber auch die Ehrfurcht, Hoffnung und die Emphase hatten mitgebaut. Und  –
Die Liebe.
Aber Fleischeslust gehörte damals zu den Sünden. Und sie war dies notwendigerweise. Denn diese Liebe, obschon sie sich nicht ganz unterbinden ließ, war streng reglementiert. Sie gehörte ja irgendwie doch zur Physis. Ein Reglement, das ihre nicht reglementierbaren Anteile des Sexus und der Lust und der Übertretungen und das Vergnügen und den Rausch den Sünden zurechnete. Und damit die Wirkung der Angst, wie über ein Hebelgesetz in die Routinen der Entlastungen und des Gnadenhandels trieb. Beichten. Gebete. Opfer. Ablässe. Geisselungen. Kniefälle. Nerven-und körperaufreibende Pilgerorgien und zum Teil blutiger Askesen.
Die katholische Kirche bediente sich eines metaphysischen Hebels, indem sie die Liebe, die Lüste und Genüsse und alle definierten registrierbaren Vergehen aus dem Fleisch in Steine trieb. In Technik verwandelte, wo sie zu hohen Räumen, und kathedralen Kristallen gefror. Bezahlt mit Abgaben und dem schlechten Gewissen der Schäfchen. Aber natürlich auch mit Eroberungen.
Angst und Hoffnung auf Gnade, das sind die Steine ihrer Gründungen und Bauten. Die Angst und die Gnade benutzte sie als Werkzeug.
Und dieses Werkzeug baute Großes. Sehr Hohes.
Denn die weltlichen Fürsten und Könige arbeiteten fleißig mit. Sie betätigten sich als Stifter. Auch sie gaben ein Teil ihres Reichtums an die Kirche hin. Davon zeugen die Stifte, die deshalb so heißen. Auch wenn diese weltlichen Stiftungen für die Kirche oft auch von einem taktischen Interesse motiviert waren, immer ein bisschen Korruption auch im Spiel blieb, letztlich konnten sich auch die mächtigsten weltlichen Herrscher nie sicher sein, wie nah oder fern auch ihnen die Hölle lag.
Und noch die Bilder und Meisterwerke der so genannten Renissance sind mit solchem Hebel-Werkzeug erschaffen, dass sie mit Ablässen, Opfern und Gaben finanzierte aus der Registrierkasse der Sünden.
Die Kirche baute und strukturierte und unterhielt ein metaphysisches Imperium, mit einem unsichtbaren Herrscher an der Spitze.

Klick.

Aber wie gerecht war dieses System? Wie gnädig war diese Physis? Sie funktionierte und war zweifellos gut organisiert. Ein Körper, der hierarchisch von einem Gott-Oben genährt wurde und an seinem Hölle-Unten die Angst-und Gnadenbauten ausschied, die wiederum steil nach oben wiesen.

Aber war dieser Gott wirklich gerecht? Murmelte man nicht schon längst hier und da? Flüsterten man nicht schon längst an den Universitäten aber auch hinter den scholastischen Kathetern, dass hier irgend etwas nicht stimmen konnte? Wenn ein Armer, der fast nichts hatte, auch noch etwas geben musste, und infolge dessen noch ärmer wurde, so dass er womöglich von der blanken Not getrieben erneut sündig wurde. Und was waren das für Bischöfe und Päpste und Manager, die sich einen Dreck um das Sündenregister scherten, aber nur weil sie reich waren und in der Hierarchie weiter oben saßen, sich der Gnade näher wähnen durften. Sie sich erkaufen durften. Wer bestimmte eigentlich die Preise? Waren sie nicht auch, ob sie es wollten oder nicht in einem Sündenmechanismus gefangen?

Wie kriege ich einen gerechten Gott?

Und wie kriege ich einen Gott, der bei diesen
Widersprüchen wirklich gnädig sein kann?

Über diese Frage stürzte Luther in tiefe Verzweiflung.

Diese Frage stellte sich Luther. Sie wurde ihm gestellt. Aber von wem? Wer stellte Luther diese Frage? War es der Zweifel selbst? Ein Reflektionsüberschuss, die Verhältnisse?
Hier muss nun abgekürzt und auf einschlägige Werke verwiesen werden. Es dürfte auch schwierig sein, dass exakt nachzuweisen. Denn diese Frage lag damals in der Luft. Die Zeit war reif. Und er war nicht der einzige, der über diese Frage nachdachte.

Scheinbar exakt nachzuweisen, oder jedenfalls Luthers eigener Aussage nach, ist der Zeitpunkt und der Anlass, der ihm Antwort gab.

Luther kam zu diesem Zeitpunkt als Mönch selber aus der kirchlichen Hierarchie und kannte die einschlägigen Argumente und die inzwischen eigentlich ziemlich festgefahrenen Diskurse der Scholastiker, die in hoch verfeinerten Argumentationen sehr klug durchaus auch stritten, sich fetzten und diskutierten. Aber in den Klöstern gab es Hierarchien und viele Mönche, ja wahrscheinlich die meisten, bekamen ihr ganzes Leben lang die Originalschriften der Testamente, der Bilbel, gar nicht zu Gesicht. Sie hatten die Scholastiker zu studieren und betrieben Kommentarstudien oder Abschreibungen der großen Kirchengründer und Lehrer von Augustinus  über den Gründer der Scholastik wie Thomas von Aquin, bis hin zu den Spätscholastikern wie Wilhelm von Ockham oder Duns Scotus, die ihrerseits verschiedene Ansichten vertraten und so immer mal wieder Anlass zu gepflegten Disputen gaben.  Die Diskurse der Scholastiker waren nicht dumm, sie waren auch nicht in dem Sinne dogmatisch, dass sie Überlegungen oder Diskussionen gänzlich ausschlossen. Ja, es wurde sogar gestritten. Aber worüber stritten sie?

Sie stritten durchaus über sehr interessante Fragen:

Stehen Glaube, Liebe, Wille höher als Vernunft?
(Duns Scotus – Ja! Thomas von Aquin – Nein!)

Kommt den metaphysischen Begriffen wie „Glaube“, „Wille“ oder den Klassebegriffen wie „Zahl“
oder den Kategorienbegriffen wie „Form“ eine reale Existenz zu oder sind es nur abstrakte Benennungen, Nomina?

(Wilhelm von Ockham – ja, sie sind real existierend!
Anselm von Canterbary – nein, sie sind es nicht, aber…!)

Dazwischen andere Fragen, gemäßigte Positionen und Haltungen. Frühe sehr kluge Diskurse. Philosopheme, die sich letztlich auf die Grundprobleme zurückführen lassen, die schon die Vorsokratiker auf ihre Weise und dann auch Platon und Aristoteles aufwarfen und bis ins 20igste Jahrhundert die philosophischen Köpfe erhitzten. Und es gab auch immer schon Positionen des Ausgleichs. Die Nein-abers und Ja -abers wucherten und näherten sich an, bis sie sich in einer Art metaphysisch-physischen Unschärferelation verloren.
(Ganz sicher stecken in der ganzen reichen Scholastik eigentlich schon fast alle Debatten und ein Großteil der Philospopheme des 19. Jahrhundert und mehr noch des 20igsten Jahrhunderts. Nur dass im 20igsten Jahrhundert nicht über Realien und Nomina gestritten wurde, sondern über Phänomene (Husserl) und Sprache (Wittgenstein) )
Auch diese Debatten haben sich scholastisch und diskursiv in die Ja-abers, und Nein – abers ausdifferenziert. Haben Lehrstühle erschaffen, Posten genährt, kleine und Große Meister, Schüler, Kirchlein, Väter und Söhne. Und es gab da bis zu Luther durchaus auch interessante Bewegungen, in denen ein Kopf geächtet, und dann, nach einem Jahrhundert, wieder zugelassen war.

Man kann hier fragen, was macht ein Mensch, ein gottesfürchtiger Denker, der klug ist, der weiß, dass es einen unbezweifelbaren Gott gibt, was macht ein solcher Mensch mit seiner Freizeit? Er wendet sich den durchaus interessanten Detailfragen zu. Er richtet seinen Reflektionsüberschuss auf Detailfragen, die keine Detailfragen bleiben müssen. Die Beschäftigung mit ihnen kann durchaus plötzlich ans Ganze rühren und gefährlich werden, wie bei Duns Scotus, der auf Grund seiner Haltung Schwierigkeiten bekam.

Reflektionsüberschuss? Warum gibt es den?

Es gibt ihn, weil sich im Laufe der Jahrhunderte das physisch-metaphysische Opferritual aus der Balance der Räusche und Extasen und im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus auf der einen Seite in einen sich verdünnenden Zustand der gemurmelten und geflüsterteten Zeremonien, der  Lithurgien und Beichten, der Gebete und Gaben hinein beruhigt hatte, während die Physis, der Rausch, das Stampfen, das Blut, der Trieb, die Lust über den Werkzeugkasten des Sündenkatalogs und des von der Kirche betriebenen Gnadenhandels zum großen Teil erst in die Rgistrierkassen und dann per bezahlter Arbeitskraft in die mächtigen Bauten und Kathedralen, in die festen Strukturen der Orden und Unternehmen geflossen war, die eine erste wuchtige physische Infrastruktur errichteten. Physik gebaut mit Metaphysik.

Und das hat Nietzsche nicht gesehen. Diesen Tausch hat er nicht gesehen. Er hat lediglich gesehen, dass der Mensch „gezähmt“ wurde. Aber er hat nicht gesehen, dass die physischen Energien in die physischen und energetischen Strukturen und Bauten der Kirche, der Kathedralen und Stifte geflossen sind und dort auskristallisiert waren. In die erste große reale Infrastruktur Europas.

Nicht Zähmung hat hier stattgefunden, sondern Tausch.

Aber zurück zur Scholastik. Was die Scholastik betrifft, gab es interessanter Weise einen „Sieger“, jedenfalls einen Dominator.
Und der heißt Thomas von Aquin.

Thomas von Aquin also setzt die reflektorischen Erkenntnismöglichkeiten in eine ganz klare und eigentlich sehr durchschaubare rationale Hierarchie, in der es ein Oben und ein Unten gibt. Ganz „oben“ ist das „Sein“, das doppelgesichtig und unscharf ist (analog) In ungeteilter Gänze kommt es nur Gott zu, alles was darunter liegt hat lediglich „Anteil am Sein“ und splittet sich dann in Teilen von Teilen zu Teilen des Seins.

Diese Art der Hierarchisierung hat er von Aristoteles übernommen, der in seiner Art zu denken und zu kategorisieren ebenfalls einen Zug zur Matroschkapuppe hatte.

Warum ist das so erfolgreich? Es ist deshalb erfolgreich, weil man das Problem der Doppelgesichtigkeit – dass also das „Sein“ zu beiden Anteilen aus Physis und Metaphysis (Energie und Information) besteht – ans Jenseits, zu Gott hin delegieren kann. Was man erkenntnistechnisch reflektorisch nicht lösen kann, schiebt man weg. Das Ungelöste bleibt dann eben Gott.

Somit hatte man dann zwar im Reflektorischen die Möglichkeit, unendliche Begriffsbildungen und Nominalien zu erzeugen,mit denen es sich durchaus operieren lässt, über die es sich dann auch streiten und disputieren lies, aber was in den blinden Fleck gerät, ist die Physis, sind die Energien.

Die nämlich, also die Physis, die Physik, die Energien, die Handlung, das Handelnde rutschen dann hierarchisch „hinunter“ in die Ethik und in die Frage nach dem richtigen Leben.
Aber damit geraten sie notwendig hierarchisch u n t e r die Meta-Physis. Werden von Ihr getrennt und nähren fortan den Streit um Substanz und Akzidenz, um Potentialität und Aktualität.
Was de fakto ins unglückliche Bewusstsein (Hegel) oder in die unglückliche Praxis führt (Quantenphysik)
Nur die Mystiker (Meister Eckhard oder Johannes Tauler) und Alchimisten als dialektische Praktiker ahnten immer schon von diesem Tausch, und dass hier an dieser Trennung etwas nicht stimmen kann.
Ebenso später der deutsche Idealismus mit seiner Dialektik auf der Reflexionsseite. (Hegel – Phänomenologie des Geistes: Unglückliches Bewusstsein)

Die abendländische Philosophie nach Aristoteles musste deshalb immer trennen zwischen Metaphysis und Physis, Nomina und Realien, Handeln und Erkennen, zwischen Praxis und Theorie, zwischen der praktischen und der reinen Vernunft, zwischen Phänomenen und Begriffen.
Und schließlich hat sie getrennt die „Zwei Kulturen“ von Wissenschaft und Kunst. Explosion und Ästhetik. Ansicht und Blendung. Und gesellschaftlich zeigt es sich in einem eingependelten Zustand zwischen Stoizismus und Skeptizismus oder im Gegensatzpaar von Statik und Dynamik, Gnosis und Emphase.

Warum aber war damals Thomas von Aquins Denken außerdem so erfolgreich? Weil sich seine Hierarchie der Matroschkapuppe, in der es ein Innen und ein außen gab, ein „Oben“ und ein „Unten“ wunderbar dazu eignete, die hierarchische Struktur der Kirche zu rechtfertigen und zu stützen. Und diese Struktur, die zugleich einen Ernährungszusammenhang begründete, setzte sich noch für Jahrhunderte erfolgreich fest und erschuf bis zu Luther eine metaphysische Moderne, das metaphysische Europa mit seinen Kathedralen als hochragende Abschussrampen.

Klick.

Bis Luther und andere darüber nachdachten, ob diese Struktur gerecht war. Und ob man einen Gott, der in einer Hierarchie oben stand, als gerecht bezeichnen konnte, wenn er doch durch diese Hierrarchie seine Untergebenen mehr oder weniger zur Sünde zwang.
Das Opfern der Religionen, dass ursprünglich immer als Kommunikation um den Ausgleich von Physis und Geist gerungen hatte, war heruntergekommen auf einen Handel der Bereicherung, der den Kirchenfunktionär reich machte, und das unterste Schäfchen ärmer aber beide gleichermaßen nicht frei von Sünde ließ, während die ehemals die in Staub, Blut und Extase der Riten aufgewühlte Physis über die Arbeitskraft in die steinernde Infrastruktur der Bauten, der Klöster, der Technik abfloss.

Luther, talentiert und begabt, arbeitete sich in der Kloster-Hierarchie nach oben, wurschtelte sich mühsam durch die Diskurse  und Kommentare und immer feiner werdenden Argumente der Scholastiker, blieb unzufrieden, und durfte schließlich auch die Quelltexte studieren, besorgte sich die Bibel und las. Und irgendwann las er da im Römerbrief einen Satz des Paulus:

D<em>enn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.</em>

Luther guckt diesen Satz an und überlegt. Er versteht ihn erst nicht ganz, aber er spürt, dass hier irgend etwas sehr wichtiges gesagt wird. Etwas ganz wichtiges.

„…welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt? “

Was soll denn das heißen? Glauben tun wir doch alle irgendwie.

„Der Gerechte wird aus dem Glauben leben…“  Was soll das dann?

Und wann, verflixt, ist denn jemand bitteschön – gerecht?

Luther hat jetzt ein Problem. Dieser Satz ist ein logischer Zirkel, etwas das seit in der aristotelischen Logik verboten ist, weil es sie aufhebt und weil es die klare Hierarchie von Aquin, der ihm allerdings immer unsympathisch war, von oben und unten, von innen und außen in Frage stellt, in dem es sie kurzschließt. Dieser Satz zerstört die schöne Matroschkapuppe, macht sie unmöglich.

Aber dieser Satz ist weder eine klare Aussage, noch eine eindeutige Frage. Er liegt dazwischen.

Luther hat später berichtet, dass er über diese Stelle „meditierte“.

Tagelang? Wochenlang?

Meditieren heißt eigentlich: sich in die Mitte begeben. Vermitteln (meditare)

Der komplementäre Ausdruck für meditieren heißt: Verzweifeln.

Aber ein Sprichwort sagt: Unentschieden ist nur der Tod.

Also meditiert Luther, verzweifelt und stirbt, überwindet den Tod und wird wieder lebendig, indem er für sich eine Entscheidung trifft.

Luther deutet: Der Mensch wird a l l e i n aus dem Glauben leben.

Später steht der Satz auch so da. Das a l l e i n  – ist Luthers Entscheidung und Präzision. Es steht so nicht im griechischen Original, was heute auch allenthalben bekannt ist.

Aber diese Entscheidung hat noch eine Konsequenz. Und Luther ist konsequent.
Wenn der Mensch a l l e i n aus dem Glauben lebt, dann kann Gott nur a l l e i n
aus Gnade gerecht sein.

Dass heißt aber: Es findet kein Handel mehr statt! Kein Opfer!
A l l e i n der Glaube vermittelt jetzt zwischen Gott und dem Menschen. Keine Extasen, keine Räusche mehr, aber auch kein Ablasspredigen und quälenden Busspraktiken mehr.

Allerdings: Das Register der Sünden bleibt.

Glaube, das wäre ein Nomina, eine Metaphysis. Aber was ist mit den Energien, der Physik, der Entlastung, der bequemen Möglichkeit, mich von meinen Sünden frei zu kaufen und frei zu beichten? Was ist mit den Bauten?

Gibt’s alles nicht mehr, sagt Luther. Tut mir leid, wer einen gerecht gnädigen Gott will, muss darauf verzichten. Oder jedenfalls auf das Allermeiste. Und das gilt jetzt für alle Menschen. Für die Schäfchen, wie für den Papst.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Luther wollte nicht die Kirche in Frage stellen, auch nicht die Hierarchien. Schon gar nicht die weltlichen. Aber das war naiv. Denn welches Gesetz gab es noch wirklich, außer diesen in sich selbst verschlungenen Glauben.

Und die weltlichen Fürsten, denen die weltliche Macht der Kirche insgeheim immer schon nicht geschmeckt hatten, beschützten Luther nun. Denn sie ahnten oder wussten, dass damit das gesamte meta-physische Kircheneuropa ins Wanken geriet, und die Macht der Kirche gebrochen wurde. Was ihnen nur Recht sein konnte. Schließlich mussten sie sich jahrhunderte lang mit dieser Kirche die Macht teilen – auf ihren eigenen Territorien.

Und so kam es dann auch – wie man weiß.

Luther hatte meditiert und war durch die Mitte des Zweifels und den Tod des Unentschiedens hindurch für sich selbst und für die, die er dann durch glänzende Rhetorik und brilliante Ableitungen überzeugte zu einer Entscheidung gelangt. Aber er konnte nicht sehen, dass diese Entscheidung noch ganz anderer Fragen berührte, die er nicht oder nur wieder apodiktisch beantworten konnte.

Die Folgen sind bekannt. Luthers Entscheidung war eine systemtheoretische und kommunikative Katastrophe. Woher und wie jetzt noch weltliches Recht definieren, wenn vor Gott alle gleich waren?

Unentschieden ist der Tod.

Und dieser Tod kam  über die Bauern, die auch a l l e i n gerecht und also nicht mehr fremdbestimmt leben wollten. Er kam über Thomas Münzer.

Und schließlich fegte der Tod des Unentschieden wie eine metaphysische Atombombe als Krieg durch Deutschland und halb Europa 30 Jahre lang.

Immer hin und her gingen die Fronten.

Glocken wurden zu Kanonen umgegossen und Kanonen zu Glocken.

Die Physiken, die Energien, die im Gnadenhandel der Kirche so gut gebunden waren, für die Luther aber kein Gefäß und keine Verwendung mehr hatte, keine Sammlungsmöglichkeit bereit stellte, wurden destruktiv frei in einer Spaltung dieser Masse mit Namen Kirche. Als plötzliche Bindungsenergie einer metaphysischen Spaltung, die diese Kirchenspaltung war. Viele Klöster und beinahe die gesamte Infrastruktur der Kirche wurden dem Erdboden gleichgemacht, bis die Bevölkerung durch Pest und Krieg und Hunger und das gesamte Land so müde und erschöpft war, so dass es dann nach 30 Jahren endlich zum Frieden kam.

Dieser Krieg war die reine Physik, die Luther aus der Kommunikation mit dem Gott verbannt hatte. Indem er das Opfer verbot, brachte er Opfer hervor.

Es blieben Ruinen und verbrannte Felder und ein Mensch, der fortan zweifeln musste, wenn er Protestant war.
Dieser zweifelnde Mensch, a l l e i n mit seinem Glauben und a l l e i n mit seinem Gott ist der Mensch der Neuzeit.
Der Zweifel Descarts’ der sich dann zu einem ungeteilten „Ich“ überwand ist ohne Luther nicht zu denken.

So erlebt sich der neuzeitliche Mensch sich heute als ein Isotop, als ein Kern mit einer met-physischen Disballance in einem  meta-physischen Zwiespalt, immer unsicheres Überbleibsel, hervorgegangen aus einer Verzweiflung, Meditation und einer Kirchenkernspaltung.

Heiner Müller lässt in seiner Hamletmaschine den Hamlet, der in Wittenberg studiert hat, aber auch den Hamlet, der in jedem ein wenig steckt, einen Text sprechen:

„Ich sitze zu Hause und schlage die Zeit tot mit meinem ungeteilten Selbst.“

Das ist die Situation des neuzeitlichen Menschen nach Luther, und dann nach Descartes.

Denn der protestantische Mensch der Neuzeit, kann sich nie mehr ganz sicher sein, ob er wirklich alles richtig macht, ob er tief und fest genug glaubt. Ob er gerecht ist, und ob er Gott wirklich erreicht in seinem A L L E I N S E I N nach Luther.

Er darf nicht mehr opfern. Er ist das Opfer.

Oder: Er muss wieder handeln.

Aber was handeln, wenn ihm die Opferhandlung, der physische Ritus verwehrt ist?

Er muss tüchtig werden. Tüchtig und gut.

Und an Stelle der hingebenden Physik des  handelnden Opfers tritt eine Form der Tüchtigkeit und des Interesses. Da ihm habituell der Rausch und die Extase und der Ritus als die direkte und handelnde Verbindung zur Physis aber auch der Gnadenhandel verwehrt ist, entdeckt er die Physis neu. Ganz anders. Sie wird ihm Gegenstand nicht der Vermittlung, aber der Anschauung. Er opfert ihr das Licht seiner Augen und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit.

Diese Bewegung Luthers hat den Gott dezentralisiert. Der protestantische Gläubige ist nun jeweils mit seinem Gott allein, und agiert nun als mobiler Server. Die Hierarchie wandelte sich aus einer fest wurzelnden  Oben – Unten – Struktur – in eine Flächenstruktur. Eine Art religiöses Internet begann die Welt zu überziehen. Erst die protestantische Wende machte die Religion flächig, beweglich. Es gab keine Zentrale mehr.

Und er erkennt nun eine Natur die keine Geister mehr kennt und keine Götter. Es ist eine Natur mehr des Wissens als des Glaubens. Mehr des Zwecks als des Sinns. Mehr des Konstruierens als des Hinnehmens. Und mehr des Hineinschauens als des Davorstehens.  Mechaniken, Apparate, Geräte und Maschinen entstehen. Amerika wird bald auch protestantisch/puritanisch tiefer entdeckt besichtigt und besiedelt. Die Erde neu vermessen.

Der von der Physis getrennte Mensch der Neuzeit wird Wissenschaftler, wird Physiker und darin zum Betrachter der Natur und schließlich zu ihrem genauen Beobachter. Er erforscht.

Physis wird Physik.

Oder, wenn er die Metaphysik betrachten und untersuchen möchte, wird er zum wissenden Metaphysiker, zum Mathematiker. Es entstehen die Kraftgleichungen, die Differenzial – und Integralrechnungen von Leibnitz, Descartes, und Newton, die Wahrscheinlichkeitsrechnungen werden weiter entwickelt oder schon angewandt.
Das zweifelnde Ich Luthers und Descartes hat sein Betätigungsfeld entdeckt.
Das Rechnen und die Beobachtung.

Der Zweifel verwandelt sich in Analyse.

Auch dieses ist ein Tausch im Opfer. Wenn auch leiser, defizieler.
Eine Kommunikation innerhalb eines Systems.
Der Tausch heißt nun: Entbergung gegen Geheimnis.
Hypothese gegen Eperiment. Theorie gegen Praxis.
Gesetz gegen Zufall. Wissen gegen Glauben.

Und schließlich: Bild gegen Fluss. Konstruktion gegen Chaos.

Bis im 19. Jahrhundert sich ganz allmählich erneut ein Kreis zu schließen beginnt.

Denn wer die Physis betrachtet, und Physik betreibt, kommt irgendwann nicht darum herum, zu erkennen, dass er selbst zur Physik gehört. Die Entdeckungen Darwins machten die Runde, die Humboldts, die Maxwells, die Fahradays, die Jouls, die Boltzmanns verloren sich in der Physik, dringen immer tiefer in den Dschungel der Physis vor und finden und entbergen und verknüpfen.
Physis wird nun nicht mehr aufgewühlt oder verschwendet oder nur analysisert. Sie wird nun auch neu verknüpft und in Konstruktionen zurückverwandelt.

Das Feuer, die Wärme wird als Kraft erkannt. Als eine gerechte Kraft, denn sie bleibt erhalten. Der Erhaltungssatz ist ein Gerechtigkeitssatz. Der Magnetismus und die Elektrizität werden zusammengeführt und so zur Dynamik, zum Strom.
In der Extase der durch Anschauung und Erforschung hervortretenden Physis zeigt sich dem Aufmerksamen erneut ein Geist, eine Metaphysis. Der Geist zeigt sich als: Das Gesetz. Ein Naturgesetzt. Ein Axiom. Eine Ableitung. Eine Theorie.  Im Umkehrschritt werden sogleich die Begriffe, Gesetze und Zahlen wieder reinvestiert, verknüpft und zu einer neuen zweiten Natur umkonstruiert.

Neue Manufakturen. Die Hebel der angewandten Naturgesetze, die über Forschung und Konstruktionen in die Technik geflossen sind, haben auch den Menschen verändert, sein Weltbild hat einen neuen Kompass bekommen. Und die Welt neue Bauten. Aber diese Bauten sind jetzt nicht mehr so sehr aus Stein wie vor Luther. Sie sind aus Eisen und Stahl, aus Kohle und Koks.
Es sind Bauten nicht aus Gnade oder Glauben, sondern Bauten aus Wissen, aus Gesetzen, Wärme, Luft und aus Feuer. Es sind Wärmekraftmaschinen. Der Mensch ist selbst zum Schöpfer geworden. Er erschuf:

Eine Natur der Technik.

Und der Mensch?

Luthers Frage nach Gerechtigkeit war nie ganz zur Ruhe gekommen, Weil der Zweifel, die Zweiheit, die Ballance, die in dieser Frage steckt, nie ganz eindeutig entschieden werden kann.

So war sich der Mensch erneut selbst in dieser Frage entgegengetreten. Aus der Neuen Welt, die von Mutigen oder verzweifelten bereist erforscht und entdeckt wurde, drangen Nachrichten zurück nach Europa. Eine erste Rückkopplungsschleife, ermöglicht durch die forcierten Techniken der Seefahrt. Man hörte von wilden Völkern und einem Leben in Ballance. Fast paradiesisch. Rousseau hatte das aufgenommen und träumte vom „reinen Wilden“ als freien Menschen.
Das Bürgertum, unterdessen als technische Produzenten selbstbewusst geworden, wurde zunächst tatsächlich wild. Es erfand ein sauberes Gerät. Es opferte auf diesem Gerät, der technischen halbautomatischen Guillotine, Köpfe gegen Freiheit, tauschte Leben gegen Mechanik, befreite die und sich zu einer neuen Kraft.

Was ist der Mensch? Wenn die Physis im 19. Jahrhundert sagt, Wärme ist eine Kraft, die nicht zerstört, nicht erschaffen, sondern nur umgewandelt werden kann, wenn es einen Erhaltungssatz gibt, dann gibt es innerhalb der Physik eine Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit zwischen Plus und Minus stellt den Strom her. Die Gerechtigkeit zwischen Kälte und Wärme im Ausgleich erzeugt die Arbeit in der Maschine.
Aber was ist dann die Gerechtigkeit in der Gesellschaft? Was ist hier der Ausgleich?
Wenn der Mensch auch Physis ist – was ist dann die Wärme für den Menschen? Muss er frieren, während die Maschinen unter Dampf stehen? Muss er hungern, während die elektrischen Pole sich abwechselnd übersättigen und auskotzen im Blitz?
Wenn man eine Maschine regulieren kann, kann man dann nicht auch eine Gesellschaft regulieren? Denn was sind wir anderes als Physik?

Wie kriege ich eine gnädige Gesellschaft? Wie kriege ich einen gerechten Menschen?

Luthers verzweifelte Frage war wach geblieben und wieder zurückgekehrt.

Und weil Marx und Engels ihre Beobachtungen wie gute Naturwissenschaftler und Physiker ihrer Zeit an der Physis der arbeitenden Wärmekraftmaschinen und der dort Arbeitenden vornahmen, kamen sie auf eine Antwort, die der Luthers damals bei seiner Frage nach dem gerechten Gott ganz ähnlich war:

Wenn die gerechte Wärme (Erhaltungssatz) Arbeit leistet, indem sie sich in der Maschine in Arbeit eintauscht, dann kommt die Gesellschaft zur gerechten Wärme, indem sie die Arbeit gerecht verteilt.

Was soviel heißt wie: Arbeit muss so gerecht verteilt werden können wie Wärme.
Und der gerechte Mensch kommt zur Arbeit nur von der Arbeit allein.

Das bedeutet aber, dass die Arbeit allen gehört. Niemand hat mehr das Recht, die Arbeit sein eigen zu nennen und an die, die keine haben, zu verkaufen (gegen Physis der Arbeitskraft)

Ergo: Wer arbeitet, dem muss die Arbeit auch gehören. (Volkseigentum an Produktionsmitteln)

Es geht auch so rum: Die gerechte Gesellschaft kommt zur Arbeit (allein) aus der Arbeit.

(Römerbrief: Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt.)

Und schon wieder war da ein Gedanke, mit einem furchtbaren Potential der Unentschiedenheit und des Zweifels. Das selbe Problem wie bei Luther.

Aber da man diese Unentschiedenheit selber per Reflektion produziert hatte, brauchte man nun wieder eine Praxis, eine Handlung, eine Physik des Opfers.

Denn Gerechtigkeit der Gesellschaft war vorerst eine abwesende Metaphysis, die im Tausch gegen Physis eingelöst werden muss.

Ein neuer Gnadenhandel war gefragt. Ein neuer Sinnhandel. Man brauchte eine neue hierarchisch strukturierte Kirche, die diesen Sinnhandel organisierte Und diese Kirche hieß jetzt Kommunismus.

Und ihre neue Physik des Opfers, der neue Gnadenhandel und Sinnhandel hieß: Klassenkampf. Hieß: Sich opfern für die Gerechtigkeit. Sich entscheiden gegen eine friedliche Gegenwart im Vertrauen auf eine Zukunft, die keine Hölle mehr war, dafür der Himmel auf Erden, in denen schließlich jeder nach seinen Bedürfnissen leben könnte.

Der Tausch hieß nun wieder wie vor Luthers Zeiten: Physik gegen Sinn (Metaphysik) Ein neues Opfern stand ins Haus. Wie bei den ganz frühen Christen. Die Gerechtigkeit der Wärme musste auf die Gesellschaft übertragen werden. Und dazu musste man sie neu entfesseln. Ekstatisch entfesseln.

Endlich. Endlich wusste man wieder wo der Feind stand. Endlich wusste man wieder, wofür man opfern sollte. Also wofür man selbst stand. Man wusste wieder wo Gott wohnte. Und diese neue Kirche mitsamt ihrem Sinnhandel gab sich eine Infrastruktur, bekam ihre verschiedenen Orden, ihre neuen Scholastiken und Streitigkeiten und doch eine neue Weltgeltung. Sie wurde stark. Seid es sie gab, standen die alten zumal noch von einem schwachen König oder einem reinen Bürgertum regierten Gesellschaften unter Spannung, unter Positionszwang. Sie standen zur Disposition.

Sie standen auch zur Disposition, weil die neue zweite Natur der Technik mit ihren Bauten aus Wärme, Eisen, Luft, und Feuer, die Landschaft weiter verändert hatte. Schienen begannen Europa zu durchziehen. Und die elektrodynamischen Funkstrecken sorgten für neue schnelle Rückkopplungsschleifen und eine Beschleunigung des Nachrichtenwesens, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die zweite neue Natur heiß Industrie, hieß Elektrizität, hieß Mobilität, Eisen, Öl, Kohle, Stahl und Wärme. Viel Wärme. Dynamit und Wärme. Hitze. Die neue zweite Natur zeigte auch eine Tendenz, ebenso schlagartig und katastrophisch auszubrechen oder umzuschlagen, wie es die alte Natur seit Urzeiten konnte.
Der Mensch war in Ihre wieder etwas kleiner geworden. Obschon ihr Schöpfer, sah er darin plötzlich müde und schwach aus. Er konnte ein paar Hebel bewegen, Ventile öffnen oder schließen, einen Abzug betätigen.

Welche Ventile öffnen oder schließen?
Welche Abzüge betätigen? Welche Knöpfe drücken.
Welche Klappen waren es noch mal?

Die neue zweite Natur hatte die Landschaften schlagartig verändert. Die neuen Geschwindigkeiten und Techniken der Übermittlung die Räume verkürzt. Die Kirchen der Gerechtigkeit suchten noch nach ihrer Struktur und ihrer Statik, lieferten sich Scharmützel und Dispute, hatte aber auch Erfolge zu vermelden, wie bürgerliche Gesetze und ein Unternehmerethos, der an manchen Orten seinen Arbeitern ein würdiges Leben in betriebseigenen Siedlungen und Häusern ermöglichte. Unterdessen aber die neue zweite Natur immer weiter wuchs. Die Fragen der Gerechtigkeit waren plötzlich nicht mehr so einfach zu beantworten. Denn den Zwängen und Drücken, die früher von Menschen gegen Menschen ausgeübt wurden, von der Natur gegen den Menschen oder von Menschen gegen die Natur, gesellten sich nun dazu ganz neuartige. Die Drücke in den Kesseln und die Zwänge der Pleuls, Sachzwänge, Dingzwänge, Termin- und Zeitdrücke. Zudem entstanden neue Priesterschaften innerhalb dieser neuen zweiten Natur der Technik. Igenieurspriester waren gefragt, Expertenschamanen, die sich hier noch halbwegs auskannten und diese Natur der Technik zu beschwören verstanden.
Neue Hierarchien wuchsen. Ein Technikadel, nicht von Gottes Gnaden, oder Geburtsrecht aber von Sachverstand und Zweckmäßigkeit, etablierte sich. Auch diese Hierarchien sprachen dem immer unruhiger werdenden Gerechtigkeits – und Austauschgedanken Hohn. Sie trieben die vielen Benachteiligten weiter hinein in eine erhebliche Sinnsuche. Zwar hatte die neue Infrastruktur mitsamt der wissenschaftlich durchdrungenen Landschaft, auch vom rein menschlichen Standpunkt betrachtet, Erfolge erreicht. Die Hygiene hatte sich verbessert, die Medizin, die Kindersterblichkeit war gesungen, die Lebenserwartung gestiegen. Aber diese vielen Lebenden gehörten nicht alle dem Technikadel an und auch nicht den wenigen Glücklichen in den Arbeitersiedlungen der fairen Unternehmer mit Ethos.  Bei diesen weniger Glücklichen und trotzdem aber Lebenden etablierte sich eine Haltung die nach irgend etwas fahndete, wofür es sich zu opfern lohnte, denn Gerechtigkeit und Ausgleich war ein kompliziertes Feld in dieser neuen technischen Landschaft geworden, wo so viele menschliche und nichtmenschliche Verfahren, Drücke und Zwänge sich miteinander vermischten. Die neuen industriellen Zustände förderten immer mehr das Empfinden, dass Wärme sich ganz und gar nicht gleichmäßig verteilte, wie es die Physik versprach. Dafür floss sie sehr deutlich in eine Richtung, nämlich in die Maschinen, in die Technik, die davon immer schneller und heißer wurden, während sich die Gesellschaft immer mehr abzukühlen schien. Wohin sich wenden. Wo hinein sich schließen. Man musste zusammenrücken, um sich zu wärmen, musste wieder Gemeinschaften bilden. Und tat dies auch. In Gartenkollonien und Vereinen und Wandervogelverbindungen, Refombewegungen, antroposophischen Gesprächskreisen, spiritistischen Seancen, wo man erneut zu den ganz alten Wämewesen, Weltbewegern, Dämonen, Ahnenbeschwörungen zurückkehrte. Oder man wandte sich der Kunst zu in kleinen Plainairs, machte Picknick oder wohnte, wenn man es sich leisten konnte, in utopischen Dörfern wie in Worpswede, lauschte der alten Natur, entdeckte wieder den Menschen und sein Gesicht, die Frau und das Kind, die eigene ohne Technik vermittelte Schöpferkraft. Nur Farbtuben, Pinsel und Leinwand lies man gelten.
Überhaupt lagen nun eine Menge Ideen in der Luft. Da nun die Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit übernahmen und dabei dieses Europa im allgemeinen durchaus voranbrachte und die Lebensbedingungen sich letztlich doch sehr stark und schlagartig veränderten, wühlte das die Menschen auf. Wer nicht vollends in den Maschinenhallen eingetaktet war oder, weil er besserer Bildung besaß, konnte sich Gedanken über diese neue plötzliche Welt machen. Und über diese neue zweite Natur. War sie besser, war sie schlechter als die alte? Wen konnte man da jetzt anrufen. Welchen Geist? Wenn sie nach einem Programm lief, die man selbst immer weniger durchschaute, sollte man sich da nicht auch ein eigenes Programm, einen eigenen Algorithmus zulegen? Und so entstanden die neuen Programmatiken, Manifeste, Begriffe, Ismen, andere Ismen, mehr Ismen, neben denen, die man schon kannte. Philospophisch/künstlerische Hybride des halb schöpferichen halb mechanischen Lebensvollzugs. Sie nannten sich Realismus, Naturalismus, Dadaismus, Impressionissmus,Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Imagismus, Suprematismus, Vitalismus, Diese Programme waren ein Versuch der Zuordnung und Anlehnung, auch von Gemeinschaftsbildung und entsprachen darin doch einem mehr oder weniger bewussten Bedürfnis sich selbst ebenso einem kontrollierbaren oder beinahe strengen Ablauf zu unterziehen, wie es die neue technische Welt zeigte. Auch wenn viele dieser Ismen, später erst benannt wurden, so gab es sie als Versuch der Spiegelung und Welteinvernahme. Wenn man sich selbst ein Programm gab, dann gab man sich auch in gewisser Weise eine Mechanik, eine Technik der eigenen Lebensmaschine, die man dann künstlerisch oder in der Lebenspraxis abarbeitete, ja beinahe auch ganz leicht mechanisch befolgen konnte, so wie es die Pleul der Lokomotiven taten. Man setzte sich innerhalb dieser Programme feste Freiheitsgrade, definierte Spiele und Passungen, in denen das eigenen Spiel und der Lebensvollzug nach Gesetzen funktionierte, die klar umrissen standen wie Axiome, so wie man es an der Technik und in den Wissenschaften beobachtete. Das leicht mechanistische all dieser Programme rief deshalb bei den Künstlern auch „Serien“ hervor, „Phasen“ „Richtungen“ Man experimentierte mit der Idee, dass man womöglich auch selbst Technik, Mechanik sein konnte, was vielleicht auch gar nicht so schlimm war. Denn so war auch Zuordnung möglich. Einreihung in ein Ensemble aus Funktionen, das wiederum Sinn stiftete, einen Sinn den man dann wieder im physischen Opfer gegen „Werk“ eintauschte. Lebenszeit wurde geopfert und physisch getauscht gegen „Lebenswerk“ , der kubistischen Malerei, dem naturalistischem Buch, dem expressionistischem Gedicht… etc….
Das waren alles auch die Gedanken. Gedanken und Praktiken Und dies taten die Maler und  Schriftsteller,  Dichter und Philosophen.
Bis in diese neu gewachsene technische Zeit und die neuen immer noch ein wenig unheimlich sich gebärdende technische Natur dann ganz plötzlich ein neues großes Sinnangebot einbrach, dass zunächst einmal alle kleinen und privaten und mühsam gesuchten Sinnangebote und Programme weit übertraf.
Gerade hatte man sich eigentlich in diese neue Welt irgendwie einfinden wollen, da geschah etwas Merkwürdiges. Dieses neue technische Europa, dass doch eigentlich so gut gedieh und dabei war, sich über die neuen Eisenbahnstrecken zu vernetzten und über die Telegrafie zu verlinken, eine neue Infrastruktur ausbildete, dieses Europa bekam ein Angebot, ein Sinnangebot wie aus einer anderen Zeit, oder jedenfalls kam es aus einer Richtung, die man vielleicht ein wenig vergessen, nicht mehr ganz so wahnsinnig wichtig genommen hatte. Dieses Angebot kam von den alten Aristokratien, und ihren schon schwach gewordenen Ständen. (Dass es die überhaupt noch gab.) Und aus alten Abmachungen, Bündnissen und Versprechungen, lächerlichen Animositäten und Verquickungen, die man in der Hektik der Gründerzeit einfach vergessen hatte zu hinterfragen, aufzulösen, zu klären oder ad Acta zu legen.. aber nein, so nebensächlich waren diese Dinge nicht, und es lag wohl auch nicht an den alten Aristokratien, denn die Techniken hatte ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven des imperialen und globalen Ausgreifens eröffnet. Und das musste jetzt verhandelt werden.
Weil irgendein verzweifelter Mensch in Sarajevo den östereichisch ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschossen hatte, kam es von Seiten der KUK – Monarchie zu einem Ultimatum an Serbien, das nicht erfüllt wurde, und damit zur Kriegserklärung und damit zu einem Bündnisfall mit Russland, dem ganz automatisch, ja beinahe könnte man sagen: mechanisch wie in Serie weitere angeschlossene Bündnisfälle folgten und dieses gerade interessant werdende Europa in die Opfer-Ekstasen einer neu aufgewühlten Physis hineinriss, die nun keine Wärmekraftmaschine mehr war, sondern sich von ihrer unheimlichsten Seite zeigte – als aufgewühlte Physis einer heißen Kriegsmaschine. Und Europas Männer waren opferbereit, wollten Physis geben und Vaterland bekommen. Sie gingen da hinein wie in einen Sinn.
Und verteilten sich gleichmäßig wie die Wärme.

Der Taxifetisch, Teil 6

zum 1. Teil
zum 2. Teil.

zum 3. Teil
zum 4. Teil

zum 5. Teil

Es handelt sich um einen ganz bestimmten Punkt, den ich vor der Einfahrt einer größeren Geschäftsbüroimmobilie auf einem stehengebliebenen Mauervorsprung in etwa 90 cm erhöhter Position wartend einnehme. Aus der Beobachtung weiß ich, dass Taxifahrer diesen Ort auf eine besondere Weise anfahren, und zwar so, dass sie von mir aus betrachtet von rechts kommend vor einem Poller anhalten, den ein talentfreier Architekt glaubte aufstellen zu müssen, damit sein hässlicher Kunstmarmor, mit dem er einen weiten Vorbereich des Eingangs belegt hat, nicht mit Reifenspuren entehrt wird. Da mein Mauervorsprung hier an einer sehr günstigen Stelle von einer dicken Kastanie abgedeckt wird, bin ich für einen Ausschau haltenen Taxifahrer solange nicht zu sehen, bis ich mit einem größeren Schritt von dort auf einen Designerpapierkorb übersteige, auf dem ich dann aber ganz plötzlich in voller Pracht gesockelt und ungefähr vier Meter vom Taxi entfernt wie aus dem Nichts im seitlichen Sichtfeld des Fahrers als eine Art „Denkmal des unbekannten Fahrgasts“ auftauche.
Ich muss in diesem Fall nicht lange warten, er kommt nicht zu spät, er kommt nicht zu früh, er kommt genau richtig. Ich bin bereits sehr erregt und es fällt mir wirklich schwer, den richtigen Zeitpunkt für den Überstieg abzuwarten.
Was haben wir denn da, sieh an, sieh an – nicht einmal Hausmannskost heute, sondern Skoda, wirklich ungewöhnlich.
Taxi. Auto. Gelb. (Ich muss diesen inneren Tic noch in den Griff bekommen, halb Dirty Talk, halb Tourettsyndrom, immer wenn’s wirklich heiß wird.) Ich steige über auf den Papierkorb. Da stehe ich nun, und sehe Taxi, Auto, Gelb – mein Schokobienchen. Der Fahrer hat noch nicht ganz realisiert, dass ich da bin, denn er schaut in Richtung Eingang, was ganz falsch ist! Also muss ich nachhelfen und rufe ziemlich laut: „Taxi, Auto, Gelb – hier bin ich!“
Jetzt duckt er sich ein wenig seitlich herunter, und schaut durch die Seitenscheibe, da mein Ruf ja aus einer Nähe kam, die er nicht vermutet hat. Und nun, genau so, wie es sein muss, sieht er etwas, und was er aus seiner Perspektive sieht, sind ein paar grünmetallic glimmernde Fliegenlackschuhe unter Stachelbeerwaden und weinroten Hochwasserhosen auf einem Designerpapierkorb. Ich rufe jetzt zur Sicherheit noch einmal laut: „Ja. Ja. Hallo, Hallo, Taxi, Auto, Gelb. Das ist für mich!“
Nun beugt er sich noch weiter herunter, so dass ich gut beobachten kann, wie mein Auftritt in seinem Gesicht einschlägt. Äußerlich geschieht eigentlich gar nicht so viel, außer dass seine Unterlippe etwas stramm in den Mund einkippt, während seine Augen eher sachlich bleiben und mich anschauen, als würden sie versuchen, aus der Entfernung ein ganz neues, kompliziertes Verkehrsschild zu interpretieren. Ich winke ihm freundlich zu, mit der linken Pfote, wie eine goldene japanische Bierkatze und rufe noch einmal: „Ja. Ja. Für mich. Hallo, Hallo, Auto. Taxi. Gelb!“
Als ich sehe, wie er auf die etwas ausgeprägte Beule in meiner Hose schaut, rufe ich: „Das hat nichts zu bedeuten. Ich bin Herr Behrend, sie kommen doch für Behrend. Auto, Taxi, Gelb. Ist für mich. “
Nun gibt er sich endlich einen Ruck und steigt aus, bleibt aber gleich an der Tür stehen, guckt mich wieder an und sagt jetzt, wie mir scheint, mit etwas aufgesetzter Munterkeit:
„Aber hallo – für Behrend, ja klar.“
Ich steige wie Moses vom Papierlorb zu ihm herab und laufe pitoresk und geräuschvoll auf ihn zu. (Wegen der handgeschmiedeten Scharniere in den Sohlen hört er zwei quietschende auf- und zuklappende- Truhendeckel näher kommen.) Und bleibe, etwas zu dicht vor ihm stehen, da er ja wegen seiner Position vor dem Auto nicht zurückweichen kann, schaue ihm mit meinem ausgeschlafenen Cajal-Blick in die Augen, reiche ihm meine fleischfarbene Hirschlederhand und sage: „Aber hallo – Auto, Taxi, Gelb, für Behrend, ja klar.“
Da er nicht ganz genau weiß, ob er jetzt lächeln oder einfach nur irgendwie gucken soll, enscheidet er sich für ein verbales Ausweichmanöver: „Schöne Schuhe…“
(Wenn er wüsste, welche Freude er mir damit macht!) Ich sage, immer noch dicht vor ihm stehend, mit großer Euphorie in der Stimme: „Ich kann sie doch anlassen, oder?“
Er darauf, mit einer hochinteressanten Mischung aus resigniertem Ausatmer und gedämpfter Munterkeit: „Aber immer doch… immer rein in die gute Stube.“
„Dann fahren wir beide jetzt los.“ – sage ich, lasse ihn frei und quietsche zur Hintertür. Er wiederum macht keinen Versuch, mich vorne auf dem Beifahrersitz zu platzieren, was ich als Zeichen dafür werte, dass er schon nicht mehr ganz konzentriert ist und es in seinem Wald zu pfeifen begonnen hat.

Wie immer verzögert sich der Einstieg noch etwas, weil ich das Geld verliere. Etwa 400 Euro in kleinen Scheinen und ein paar Münzen fallen mir irgendwie aus der Tasche, just in dem Moment, als der Fahrer noch einmal einen Blick auf seinen Fahrgast riskiert. Zum Glück weht kein Wind, so dass er mir nicht helfen muss, (was auch schon vorkam), und er also nicht in aller Öffentlichkeit gemeinsam mit einem peinlichen Menschen kleinen undeutlichen Papierfetzen gebückt über den Kunstmarmorvorplatz hinterherhaschen muss, von denen er ja nicht ganz zu unrecht annimmt, dass sie später womöglich auch in seinen Besitz übergehen könnten.
„Das geht schon. Steigen Sie doch schon mal ins Auto Taxi Gelb.“ – sage ich deshalb, um ihn zu beruhigen, und sammle den Haufen schnell wieder ein.
Dann schließt sich die letzte Tür. Und ich sitze in meinem TAXI. Nur für mich. Ganz allein. Der Fahrer, freundlich jetzt, fragt, wo ich hin möchte und ich nenne ihm mit gepresster Stimme eine Adresse am anderen Ende der Stadt. Er fährt los.
Keine Automatik. Es schließen meine Augen sich mit dem Pedaldruck. Es schaltet in den Nacken meinen Kopf. Und irgendwo da vorn, nicht weit von mir, rotieren feine Zungen im Getriebeöl. In die Leitungen schlägt der Steuerfunke. Durch die Öffnung drückt Nässe. Pumpt. Schießt ein. Brennt. Treibt die Kolben durch den Schacht. Die Öffnung schließt sich. Saugt. Spritzt ein. Platzt. Ich rieche: Diesel. Fossile. Öle. Leben brennt für mich die Schnecken aus vergangenen Meeren. Gesunken. Verdichtet. Gepresst und gefördert. Kopffüsser gehen ins Feuer. Platzen. Hochdruck. Dieselzeit schiebt ins Gewelle, dreht, kippt meinen Kopf. Fasst nach. Die Weichtiere knacken. Ich schwimme über dem Gestänge. Es hakelt. Die Jahre feuern im Block. Knacken. Pumpen. Spritzen ein. Platzen hoch und platzen runter, greifen, kuppeln, züngeln, krallen. Kraft beißt sich fest. Stößt mich ins Polster, Sticht in die Viskose. Schlägt. Kratzt im Stahl. Beißt in den Zahn. Dreht das Rad. Brennt, stößt, reibt, dringt, sticht, drängt! Krümmt sich durchs Rohr und schießt nach außen. Es blitzt.
„War ich zu laut?“ – frage ich den Fahrer. „Ich glaube, ich habe mich gerade ein bisschen nass gemacht. Heftig, heftig, mein lieber Herr Gesangsverein. War aber wirklich gut. Das ist ein sehr schönes Auto, Taxi, Gelb.“
„Nass gemacht“ war wohl jetzt ein Stichwort für ihn. Als er vor einer Ampel hält, dreht er sich zu mir um und fragt: „Alles okey dahinten?“ Ich sage: „Ja – schön alles, ist nur die Hose. Ein kleines bisschen“ Und um ihn noch etwas abzulenken, sage ich noch: „Ich mag auch keinen Ingwertee, aber gucken sie mal, es ist grün.“
Er fährt weiter, schaltet jetzt aber etwas anders, nicht mehr so schön wie vorhin, irgendwie nicht mehr so entspannt. Lässt etwas zu hoch drehen.
Ich sage noch einmal: „Alles ganz okey hier hinten. Richtig okey.“
Es ist auch wirklich okey. Es ist schön. Ein schönes Taxi.
„Unser Taxi.“ – sage ich. „Es ist schön, ein schönes Taxi. Unser Taxi-Schatzi. Hat mich doch gleich ein bißchen durchgenudelt, unser schönes Taxi.“
„Na ja, ist ja auch mein Taxi.“ – sagt er, einen kleinen Stolz simulierend, aber in so einem humorigen Tonfall, wie eben einer glaubt, dass er ihn anschlagen müsste, wenn er mit jemanden redet, der „nicht ganz richtig im Kopf“ ist. Aber ich höre zugleich, wie ihm schon bei den letzten Silben seines Satzes klar wird, dass es wahrscheinlich ein Fehler war und er seine Worte am liebsten mit einer Kohlenzange in seinen Mund zurückgestopft hätte. Denn jetzt sage ich: „Stimmt ja gar nicht. Sie sind nur der Fahrer, aber nicht der Besitzer. Ist ja gar nicht nicht ihr Taxi.“
Und das wiederum stimmt jetzt. Und weil diese Bemerkung so verdammt stimmig ist, sagt er erstmal gar nichts.
Aber so ganz hält er das dann auch wieder nicht durch. Und deshalb murmelt er halblaut nach ungefähr 15 Sekunden: „Na ja, das ist ja wohl auch oft so.“
Ich frage: „Was ist oft so?“
Aber er antwortet nicht. Muss er ja auch nicht. Obwohl ich die Stimmung jetzt als etwas gedrückt empfinde. Andererseits: Er denkt jetzt an mich. Zumal ihn auch gerade der Ingwertee zu beschäftigen beginnt. Keine große Sache eigentlich. Nur dass ihm jetzt einfällt, dass er vor ungefähr einer Woche tatsächlich von jemandem Ingwertee angeboten bekam, den er aber nach einer halben Tasse stehen ließ. Die Spur von diesem Tee war sehr gering, aber dass er sich jetzt gerade schlagartig daran erinnert, riecht, an seinem Nacken, um so stärker, sozusagen zum Himmel. Aber immerhin – er denkt jetzt an mich.
Seine Hand, wie sie jetzt am Innenspiegel nestelt.
Dann sage ich: „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Häuser, die ich eigentlich gar nicht sehen dürfte. Also quasi einen falschen Film.“
Er antwortet nicht. Er fühlt sich ja auch noch nicht direkt angesprochen. Um das zu ändern, füge ich noch hinzu: „Also ich sehe Häuser, die am Rand einer Straße sich befinden, die wir gar nicht nötig haben zu fahren mit unserem Auto, Taxi, Gelb. Fahren wir denn richtig?“
„Na ja, sicher, das ist hier die Tunnelstraße.“
Ich sage: „Ja, die Tunnelstraße, aber müssen wir denn da so sicher langfahren? Nichts ist doch ganz sicher oder? Sind wir irgendwann falsch abgebogen?“
Er sagt: „Also wenn wir da hinfahren, wo wir hinwollen, dann sind wir richtig.“
„Fahren Sie schon lange Taxi?“ – frage ich ihn.
„7 Jahre.“
„Das ist schon eine lange Zeit. Immer die Straßen auf und ab, nicht wahr?“
„Na ja, was soll man machen…gibt schlimmeres.“
„Ich fahre auch gerne mit dem Taxi.“
„Na dann ist ja alles bestens.“
„Ja, wir verstehen uns gut, nicht wahr?“
Er schweigt.
„Sie sagen ja gar nichts mehr.“
„Na muss ja auch ein bißchen fahren, nich…“
Die Königin knistert. Das Schiffchen wiegt sich. Die Wege glänzen.
„Was man eben so macht. – sage ich … sieben Jahre Taxi, und dann über die Tunnelstraße Richtung Süden fahren… schon interessant. Dabei wäre ja Adalbertstraße in den Kreisverkehr rein, durch die Wichert und dann hinterm Bahnhof den Dornweg nach links über das kurze Stück Birnbaumer Straße ja zweikommasieben Kilometer kürzer gewesen.
Aber ist schon in Ordnung. Ich muss mich eben mal ein bißchen tupfen.“
Ich nehme mein Schnuffeltuch ab und wische mir über die Stirn.
„Na ja, der kürzere Weg ist ja nicht immer der schnellere, – sagt er, und redet wieder mit mir, jetzt auf einmal doch wie mit einem Gesunden – Nach dem Kreisverkehr kommen Baustellen.“
Ich sage: „Warum bloß habe ich gewusst, dass sie das sagen werden? Andererseits: Haben wir es denn eilig? Ich habe es nicht eilig mit dem Auto, Taxi, Gelb. Und sind sie sich ganz sicher, dass nach dem Kreisverkehr Baustellen kommen?“
Er antwortet jetzt nichts mehr sondern fährt für sich hin. Er müsste sich jetzt auch sehr genau überlegen, was er sagt.
„Alles okey da vorne?“ – frage ich.
„Bei mir ist alles okey.“ – antwortet er .
„Na ja, man kann ja nie wissen…“ – sage ich.
Ich rede ein bißchen weiter und sage: „Na ja, ich betrüge ja auch, meine Frau zum Beispiel. Hier mit Ihnen.“
Ich weiß, dass es jetzt kitzlig wird. Ich bin bei ihm an einer Grenze. Ich schaue auf den Taxameter und sage: „Was haben wir bis jetzt? 18 Euro?.“ Ich lege ihm einen 50 Euro – Schein nach vorne auf den Beifahrersitz: „Stimmt so. Den Rest gibt’s nachher, wenn wir da sind.
Er fährt. Ich lehne mich in meine Polster zurück. Ich gucke ein bißchen nach oben an den Spannhimmel. Sein Blick im Rückspiegel, ich quietsche mit den Scharnieren und sage nichts.
Dann sage ich: „Sehen Sie, Ich sage schon nichts mehr. Bin ganz ruhig.“
Ich lehne mich nach vorn, zu ihm, stütze beide Ellenbogen auf die Sitze und sage mit sehr warmer leiser Stimme: „Wir beide, hm, wir sind schon ein paar Betrüger, was? Mann, Mann, Mann…
„Ich betrüge niemanden“, sagt er. Und fährt.
„Das ist richtig. Glaube ich Dir. Du bist sauber, oder? Du machst es richtig. Auch nicht manchmal so ein ganz kleines bißchen? Aber du hast Recht, man muss sich wehren gegen solche Unterstellungen. Das ist sehr tapfer. Man muss tapfer sein heutzutage. Aber was mich angeht, ich betrüge schon manchmal. Wenn ich so ganz ehrlich bin.
7 Jahre Taxi. Menschenskind. Und kein einziger kleiner Betrug. Hut ab.“
Wir fahren. Er fährt. Er schweigt. Ich schweige.
Ich lehne mich zurück und lausche dem Wispern der schwarzgelben Königin, die vorne aus dem Gerät funkt und mich schon wieder erregt. Ein Wagen in die Gerdstraße. Nichtraucher. E-Klasse. (Aha) Danke. Taxi, Auto, Gelb. Die Stoßdämpfer, wie sie ins Öl tauchen, in ihre Höhlungen gleiten. Wie das schwarze Gummi über die Steine zittert. Wie das Profil sich spreizt und auf der Straße reitet. Auf und Ab und Auf. Wie es sich wiegt. Wie der kleinen Schalter an den Kontakten leckt. An und Aus. Es summt bis in die Fingerspitzen. Es dringt aus den Schlitzen. Es steigt in die Spitzen. Strom dreht sich. Die Feder spannt. Die Beläge greifen. Reiben warm. Die Muffe dämpft und wölbt. Der Geber schwimmt. Er schwappt, es spritzt. Die Klappe schließt und öffnet, gleitet, schmiert. Der Asphalt zittert. Die Welle giert. Schmatzt. Säuft. Trinkt. Wühlt. Schluckt. Drängt. Saugt ein… der Funke zündet – Fräulein!!!! Das wars, diese Handcreme, wow! Yves Roches, die grüne Linie! Es kommt hier direkt von diesem Türgriff, mein Gott, thats right, Pharmareferentin, 37, perfekt, was für ein….
Hier muss der Bericht zu einem Standbild einfrieren. Denn aus dem Innersten eines Begehrens, aus dem Auge einer Freude, aber auch aus dem Zentrum einer Angst, kann nichts berichtet werden. Es dringt nichts nach außen. Es ist alles möglich, zugleich aber auch nicht. So bricht sich nun alle Welt wie zwischen zwei Spiegeln, springt hin zu meinen lustgeweiteten Augen und her von den angstgeweiteten Pupillen des Fahrers und vervielfacht sich unzählige Male.
Ich bin am Ziel.
Ich möchte den Leser nicht langweilen mit weiteren Schilderungen von mit Mikrowellensendern außer Kraft gesetzten Funkgeräten, inszenierten Pannen durch gestörte Zündverteiler und auch nicht mit Taxifahrern, die sich ganz allmählich im Laufe einer Ausfahrt zu Nervenbündeln verwandeln, wie man sie nur noch in der Ausstellung „Körperwelten“ zu sehen bekommt. Das kann sich jeder ganz gut selber vorstellen.
Stattdessen wähle ich einen schöneren Schluss für meinen Bericht.
Ich sitze da und schaue aus dem Fenster. Kleine Häuser. Große Häuser. Fenster. Ein Baum. Oben die Wolken. Schöne weiße Wolken. Lass uns abhauen! Ich lehne mich zu dem Fahrer vor und brülle ihm, aus voller Kraft, ins Ohr: ICH BIN HERZCHIRURG! HERZCHIRURG! FAHR ZU MANN!! FAHR ZU!!
Und jetzt tritt er, erschrocken, aufs Gaspedal, und es reisst uns in die Lehnen und die Kolben kriegen die Dusche und balllern durch ihre Löcher. Lass knacken Alter. Lass die Dieselzeit los. Die Muffe geht und kommt. Schließt und schnappt. Der Kautschuk zittert über dem Asphalt. Lass es richtig stinken. Lass uns die weißen Striche fressen. Tritt zu. Lass die Häuser verschmieren. Schneller, ich bin HERZCHIRURG.
Mach, dass die Feder geht, dass der Geber knallt, dass die Klappe schnappt. Mach mir einen grauen Schleier an die Scheibe. Ich will nur noch Streifen sehen. Schneller!
Und er tritt und stampft ins Blech. Warum langsam? Worauf warten?
Also heben wir jetzt ab. Ich sehe unter mir das graue Band, die Straße, mit kriechenden Punkten darauf, die immer langsamer werden. Ein paar Bäume, die zu grünen Bällen schrumpfen, Felder wie schmutzige Frottéhandtücher. Lahme Landschaft. Mach schneller. Lass uns dahin gehen, wo es blau wird und dieses verdammte Weltall ficken. Setz die Sonnenbrille auf, und mach die Heizung an, denn jetzt geht’s ab durch die Wolkendecke. Und unser Taxi wird kleiner und kleiner zu einem gelben Punkt, der nicht in der Sonne verschwindet, sondern so ein bisschen daneben, ganz professionell und sehr gediegen.
(Fin)

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frisch gebloggt

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Aufräumtag.

Unprätentiös

Seit Monaten schon liegt ein Wort auf diesem Tisch: Unprätentiös.
Und seither überlege ich daran herum, was es wohl an sich hat.
Ich komme nicht drauf. Sicher bin ich mir nur: Das Wort riecht nicht gut.
Von Anfang an. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
Wenn ich nur wüsste, was.

Vielleicht ist es auch gar nicht das Wort. Vielleicht sind es die Kontexte,
in denen es erscheint, die es erzeugt, die es erzwingt…

Kontexte, die es dämpft?

Etwas klingt madig daran. Aber diese seine Madigkeit durchseucht
sofort den gesamten Verhältnisraum.

Aber madig trifft es eben nicht genau. Unprätentiös. Wenn man dieses Wort
in die Hand nimmt, fühlt es sich an wie ein Stück Styropor aus der
Deckenverdämmung einer eingesunkenen Garage bei Oranienburg.

Dabei ist das Wort ja harmlos. So harmlos etwa wie eine halbvolle Dose Haarspray in hellgrün.
Man findet sie hinten beim Aufräumen eines Badeschränkchens. Nichts Besonderes.
Außen leicht klebrig, aber nicht gefährlich. Nichts, das Aufsehen erregt. Und trotzdem – etwas stimmt mit dem Wort nicht.

Sicher – es beschreibt  eine Haltung, eine Mentalität, ein Ton. Aber wessen?

Unprätentiös. Ein Wort, als würde man  in einer Wohnung beim Renovieren hinter einem Schrank, den man nie abgerückt hat, auf eine Tapetentür stoßen. Erst fühlt man kleine Huckel, Unebenheiten. Man kratzt an der alten Tapete herum, bis man winzige Scharniere entdeckt. Man weiß dann, dass die Wohnung seit Jahren diesen leicht geduckten zweiten Ausgang bereit hielt. Oder war es ein zweiter Eingang?

Soll man jetzt, nach so vielen Jahren, in der vertrauten Wohnung diese geduckte
Tapetentür mit dem Wort öffnen, mit dem Zauberwort?
Die Schultern rund machen und hindurchschlüpfen.

Man tut es. Ganz kurz. Die Neugier. Und entdeckt: Eine kleine Abstellkammer, leer, fensterlos.
Sie riecht nach altem Putz, sonst nichts. Hat man doch glatt übersehen all die Jahre. Also gibt es nicht etwa zwei-einhalb  Zimmer, wie man immer dachte, sondern zwei-sechsachtel Zimmer. Interessant.

Unprätentiös. Ein kleines Kabuff. Das Rätsel ist gelöst, könnte man denken. Und doch bleibt das Wort unaufgeklärt. Sein Hohlkörper, sein Abgrund, sein Resonanzraum ist mobil, begleitet es. Und trotzdem scheint es auch nicht wirklich hohl. Wenn man sich ihm nähert, verschwindet das, was man aus der Ferne für einen Resonanzraum hielt. Dann pocht man mit dem Finger daran, und es macht  „tock“, wie bei einem ausgetrockneten Schwamm. Etwas an dem Wort bleibt falsch. Nichtig. Egal in welchem Kontext.

Oder schal oder….

Vielleicht ein Gift. Wenn es als Lob daherkommt.
Ein Nervengift. Ein Nervenlob. Wie Botolinum.
Ein Wort, das zum Denkstillstand führt.

Oder Mehltau. Der Mehltau des Unprätentiösen.

Wenn ich’s nur besser einkreisen könnte.

Oder sogar hochgefährlich. Ein Fingerhut voll Unprätentiösem ins Trinkwasser einer Großstadt…

Man darf nicht dran denken.

Vielleicht verliert auch, wer das Wort benutzt oder auch nur denkt, sein ganzes Karma.

Dann wird man in seinem nächsten Leben wiedergeboren als Lebensmittelmotte.

Unprätentiös steigt man dann aus einer Haferflockentüte auf.

Mir gefällt das Wort nicht. Mir gefällt nicht, was es mit Menschen macht,
die es hören, lesen oder aussprechen.

Kann es Worte geben, die eine ganze Sprache, ein ganzes Denken befallen
und schwächen wie ein Virus?

Unprätentiös – und plötzlich hat ein ganzer Kontext HIV.

Aber letztlich ist es doch wieder nichts von all dem. Nur ein Wort.

Die Frage lautet also nicht, was bedeutet ein Wort, sondern:
Was hat es zu bedeuten, dass ein Wort im Gebrauch ist?
Für den Zeitpunkt. Für den Raum. Für den Sprecher. Für den Hörer.

Das trifft den Punkt. Das Wort für sich ist ganz belanglos.

Erleichtert trete ich ins Pedal meines Mülleimers.

Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

Tagebuch: Kompliment, verrutschtes.

Was ich Dir immer schon mal sagen wollte:

Du hast den Mund der Mona Lisa,
die Ohren von van Gogh
die Nase von Picasso.
und die Augen von Heike Makatsch.

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Der Taxifetisch, Teil 3

hier zum 1. Teil

hier zum 2. Teil.

Als ein verdecktes Zentrum, kompakt, sich wölbend, in Dunkelheit gepresst, beglänzt, sich kaum bewegend,  leicht eingerollt, sich bäumend, eingeschmiegt in einen Schaum, gelegt, dann wieder ruhend, gestopft, verklebt, bewacht – so stelle ich sie mir vor als die hoch atmende, als die ganz in der Mitte brütende, große Unsichtbare, schwarzgelb knisternde Königin – die Taxifunkzentrale.

Es kommt gehaucht, leise, nicht angestrengt aber ein wenig veräuspert – „Hallo? –  Taxifunk Vierundzwanzig – was kann ich für sie tun?“

Ich höre: Eine neue Stimme, Frau, 41, ein wenig erkältet aber entspannt. Ausgebildete Unterfrequenzen trotz Heiserkeit, also moduliert sie mit dem ganzen Körper, dass heißt, sie ist selbstbewusst, also attraktiv, oder sogar frisch verliebt. Den Doppelresonanzen bei den eingedämpften Spitzen im Amplitudenschnitt nach zu urteilen, trägt sie eine kleine Brücke im linken Oberkiefer, die aber besser gearbeitet sein könnte. Vielleicht sind es aber auch die niedlichen Reste eines Apfels aus der Mittagspause. Die Investition in meine Anlage macht sich bezahlt. Ich sage: „Ach, ich könnt Sie küssen.“

Sie lacht und sagt: „Na da sind sie heute aber nicht der Erste.“

Wußte ich’s doch – frisch verliebt die kleine Sau.

Ich sage: „Ich freue mich für Sie, und wünsche Ihnen alles Gute.“

Sie sagt: „Na danke, das ist nett, wollen Sie ein Taxi.“

(Na sicher. Jadoch.  Ich möchte ein Taxi. Aber ich antworte nicht.)

„Hallo – wollen Sie ein Taxi, sind Sie noch dran?“

Mein Lieblingsspiel. Ich nenne es Das Skalpell. Ich sage nichts. Ich lausche ihrem Lauschen, nur ganz kurz. Ihr zweites Hallo. Was ist das? Ich frage mich immer, wie so eine Pause aussieht, so ein kleiner chirurgischer Einschnitt in einem Gespräch, dass ja noch gar kein Gespräch ist, sondern nur eine Art mündliches Formular.

Um sie bei der Stange zu halten, hüstle ich ein wenig.

„Hallo…?“ – fragt sie noch einmal.

Ja, meine Königin, ich höre, wie dein Hören in die kleine Wunde unseres Dialogs sickert, deine Aufmerksamkeit. Jetzt hörst Du mir wirklich zu. Und das Formular verwandelt sich in ein Gespräch. Wer hätte das gedacht. Und deshalb antworte ich Dir jetzt auch: „Ja, ein Taxi bitte. Und zwar nur für mich. Ganz allein.“

„Wohin?“

„Zu mir.“

„Und wo ist das?“

„Ja, wo ist das – immer wieder eine schöne Frage.“

Sie schmunzelt in ihr Mikrophon, ich nenne ihr die Adresse, sie wiederholt sie noch einmal, damit wir beide wissen, wie ich heiße und wo ich wohne, dann fragt sie:

„Für sofort?“

Ich sage: „Nein, ich denke, 30 Minuten können wir uns schon noch Zeit lassen, also so gegen Siebzehnhundert, mal in der Pilotensprache ausgedrückt.“

Und dann sage ich noch, innerlich schon wieder ganz Zehenspitze:

„Und bitte ohne Spiegelbäumchen. Keine Zitrone, kein Kiefernharz, kein Raumspray“ – und drücke noch etwas nach, in dem ich meiner Stimme einen leichten Aluminiumton gebe: „Haben Sie das verstanden?“

Sie hat. Sie hat. Hmmmm… und wird mir eines ihrer Bienchen schicken.  Zu Siebzehn Hundert. In 30 Minuten. Ich wünsche ihr gute Besserung und freue mich auf das Warten. 

Aber was heißt schon warten. Die Garderobe zum Beispiel. Die Garderobe wird nun wichtig. Wie soll denn das Innenfutter meiner Außenwelt heute aussehen? Eine Ausfahrt ist kein Opernbesuch, das will beachtet sein. Etwas dubiose Schuhe vielleicht? 30 Minuten sind eine schöne Spanne. Ich mache es immer so. Erst das Telefon, dann die 30 Minuten und dann – ja dann: mein Bienchen!

Es gibt Taxifahrer, die auf die Schuhe ihrer Fahrgäste achten. Werde also mal sehen. Dubios dürfen sie sein. Umgekehrt eingerichtet, also erst die 30 Minuten, dann das Telefon und dann „sofort“ irgendwie das Taxi, ergäbe ein unästhetisches Ereignisbild. Stümperhaft. Zerfahren. Zumal es unter den Fahrern Zufrühkommer gibt und Zuspätkommer. Und wann beginnen 30 Minuten? Monsieur Flughafen würde sagen: Ein schweres Verbrechen gegen die chronische Substanz. Und Recht hätte er. Dubiose Schuhe, aber nicht zu dubios, der Fahrer soll nicht gleich erschrecken. Aber verunsichert, das darf er sein. Ein wenig verunsichert. Denn wie und warum oder womit überhaupt dann etwas anfangen? Welches Signal, welcher Impuls? Auch ein Dirigent kommt nicht in den Orchestergraben gelaufen, beginnt irgendwie seinen Tristan, wärend er mit der anderen Hand noch seinen Stab aus dem Frack nestelt. Nein, und das gilt wohl für jedes echte Ereignis, es braucht einen Auftakt. Ohne Auftakt kein Ereignis. Ohne Ereignis keine Zeit. Und ohne Zeit kein Leben. So einfach ist es manchmal. Das habe ich gelernt. Zeit braucht Ereignis, Ereignis braucht Auftakt. Deshalb diese Reihenfolge. Chronische Substanz. Der Meister wäre stolz auf mich. Diese Schuhe könnten genau die richtigen sein…

So beginnt es eigentlich immer, nach dem Telefonat mit der Königin. Innerlich vor mich hin bramabassierend, beflügelt von den köstlichen Schwingen aus Zerfahrenheit und Hyperkonzentration, pendle ich wie ein gescheuchter Schmetterling durch die Wohnung.
Frau und Kind habe ich sich entfernen lassen, in dem ich der Tochter Tage vorher in gewählten Dosen die Aussicht auf einen Zirkusbesuch ins Gemüt träufelte, mit hübschen Ausmalungen über Elefanten, Clowns und gefährlichen Dressuren, bis sie dann so quängelig wurde, dass meine Frau nicht mehr umhin konnte, in den Zeitungsmeldungen nach dem von mir beiläufig erwähnten Wanderzirkus zu suchen, der auch tatsächlich in ungefähr 60 km Entfernung auf einer abgelegenen Wiese sein Zelt aufgeschlagen hat (ich weiß, ich weiß) und damit einen Anlass für einen schönen Familientagesausflug bereit hält, allerdings und bedauerlicherweise plötzlich doch ohne den Vater, der ausgerechnet heute in eine dringende berufliche Angelegenheit verwickelt wird, die ihn unabkömmlich macht – wie schade. Die weitere Entscheidung über den Tagesablauf kann ich dann getrost der Kleinen überlassen. Denn was die Fähigkeit zur Vorfreude betrifft, kommmt sie ganz nach mir. 
Ich bin untröstlich über meinen blöden Termin, und gebe auch zu bedenken, dass der Zirkus bald sein Zelt einrollen werde und niemand wisse, ob er sich jemals wieder hier in der Gegend blicken lasse, was schade sei wegen der Elefanten u.s.w. Dann dauert es ungefähr noch anderthalb Minuten, bis sich auf dem Gesicht meiner Tochter ein  Ausdruck einstellt, den meine Liebste noch viel besser einzuschätzen weiß als ich. Ein Ausdruck, der insbesondere die Mutter noch einmal deutlich daran erinnert, dass gewisse Verabredungen nur durch den Tod beider Elternteile eventuell überprüft werden müssen, ein Fall, der hier aber offensichtlich nicht zutrifft. Es ist auch ein Ausdruck, den man als kleine Wettervorhersage für die nächsten Tage interpretieren könnte, die so etwas wie länger anhaltenden Landregen mit gelegentlichen Hagelschauern ankündigt, vor denen sich ein Vater, ganz naturgemäß, wenn es schlimm kommt, immer unter das Vordach dringender beruflicher Verpflichtungen zurückziehen kann, während die Mutter eines 5 jährigen Kindes, ganz naturgemäß, da eher so ein bisschen draußen stehen bleibt.

Um es kurz zu machen: Ich muss mir meine Ausfahrten, samt den 30 Minuten, die nun mal dazugehören, einfach freiräumen. Und ich konnte mich in diesem Fall ganz auf meine Tochter verlassen, auf die nicht zu unterschätzende Anziehungskraft eines kleinen Vorstadtzirkus, die auch dann wirkt, wenn das Familienauto einfach nicht anspringen will und die 60 Kilometer plötzlich als eine unüberbrückbare Erde – Mond – Distanz sich darstellen. Aber da gibt es ja schließlich immer noch den Vater, der in solchen Fällen gerne die Ärmel hochkrempelt und helfend konstruktiv wird: „Nehmt Euch doch ein Taxi.“

Die Garderobe, die Garderobe. Sie wird nun wichtig. Dubiose Schuhe. Es gilt, den Taxifahrer – nicht zu erschrecken, das wäre zu viel – nur ein wenig aufmerksam soll er werden. Mein Auftritt muss ihn ganz leicht aus der Routine kippen. Es gilt, ihm ein besonderes Gefühl zu vermitteln, ein Gefühl, das ihm sagt, dass er einen Teil seiner Aufmerksamkeit, ganz unbedingt auch noch etwas Anderem zu widmen hat, als nur der Straße. Und dieses Andere sollte er, ganz unbewusst, hinter sich auf der Rückbank sitzend, als anwesend empfinden. Schließlich handelt es sich ja  – um ein Rendezvous.

Fortsetzung hier zum 4. Teil

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

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Der Taxifetisch, Teil 2

hier zum 1. Teil

Der Taxifetischist vermeidet, im Unterschied zum Normalfahrgast, jegliche Form der pragmatischen Inanspruchnahme seines Objekts. Er hasst es sogar. Nichts findet er unerträglicher, nichts scheint ihm absurder, als eine banale  „Beförderung“ von A nach B.  Ganz zu schweigen von kollegialen Fahrgastgemeinschaften. Für ihn der große Alptraum.
In manchen Nächten wacht er dann – festgeklemmt einsitzend zwischen brabbelnden Gesichtern, mit denen er quälend simpel sein Taxi teilt, das von irgendeiner Party eine ewige „Absetzrunde“ fährt – mit schwarzem Schrei auf weißem Kissen auf.

Dabei weiß er, dass er vorbereitet sein muss.

Wenn es dann, zumeist Abends, aus Gründen zu übender sozialtechnischer Übereinkunft geschieht, dass er zum „Mitfahrer“ wird, muss er seine vom Alkohol oder anderen Substanzen angepäppelten Zeitgenossen eben ertragen; eine erdrückende Notgemeinschaft, die durch das Schließen der letzten Tür eine kritische Verdichtung erfährt, was dann wie bei einem zu plötzlich gepressten Senfbeutel den Komiker der Truppe  hervorflutschen lässt (und es gibt immer einen.), der es hygienisch findet, den Fahrer, der nach dem Ziel fragt, mit irgendeinem Jahrhundertwitz zu bespritzen, von dem er dann erwartet, dass alle, der Fahrer eingeschlossen, ihn noch nie gehört haben.
Dies ist dann der Moment, in dem jeder wahre Taxifetschist, während er seinen Blick am Sicherungsknopf der Seitentür aufhängt,  sich in melancholischer Vertrautheit mit dem Menschen hinter dem Lenkrad verbündet, und sei dieser ein noch so randpolitisch eingestellter Exbademeister.

Der Taxifetischist ist kein Misanthrop. Im Gegenteil. Im Alltag ist er so herzlich, so einnehmend oder so missgelaunt wie jeder andere auch. Vieleicht sogar im Durschnitt sonniger.  Nur hat auch er ein Recht auf allergene Sequenzen, für die er sich nicht entschuldigen muss, die er aber gerne ausblendet, da er es selbst nicht mag, wenn er sich gegenüber seinen Mitmenschen als unleidlich erlebt. Ansonsten bleibt alles eine Frage der Disposition.

„Absetzrunden“ lassen sich elegant umgehen, ohne dass er als Fahrgastgemeinschaftsphobiker auffällig wird. Im Bedarfsfall verwickelt er die Kellnerin der Geburtstagskneipe zu später Stunde in ein Gespräch oder flirtet mit ihr so eindringlich, dass seine Kollegen sich irgendwann von ihm verabschieden, vielsagend schmunzelnd noch „einen schönen Abend euch beiden“ wünschen, obwohl es schon 3 Uhr morgens ist, bevor sie dann endlich in ihrem Gemeinschaftstaxi sich zur lustigen Truppe verdichten – ohne ihn.

Neben ihrem primären Zweck verfolgt diese Methode auch noch ein prickelndes Zweitvergnügen, denn obschon in seiner Obsession scharf fokussiert, ist der Taxifetischist als Pansensoriker nicht engstirnig.

Je nach Angebot und Stimmungslage wählt er manchmal auch einfachere Techniken der Fahrgastgemeinschaftsumgehung. Verabschiedet sich zum Beispiel schon gegen halb elf allein und bedauernd aus der Runde mit dem Hinweis, er hätte noch zu tun; oder er gibt sich, wenn es so weit ist, als noch ein-bisschen-frische-Luft-schnappen-müssender-Zufußnachhausegeher aus, wobei er sich dabei selbst schon extra komisch vorkommt und gegenüber seinen Freunden hart am Verdacht operiert.

Dann aber, nach Tagen tantrischer Dämpfungsübung, umgangener oder durchlittener Gefahrgemeinschaft, unzähliger imaginierter weißschokoladiger Szenarien, nach dem ich mindestens schon drei mal meinen Finger über eine bestimmte Kurzwahltaste des Telefons habe schweben lassen, ihn aber wieder zurückzog, weil noch irgend ein Datum, ein Artefakt, ein störendes Kitzeln am Strumpf, ein Sandkorn im Nacken, eine mit dem Reiz nicht im Einvernehmen stehende Kleinigkeit, ein letztes entschlossenes Abknicken der Fingerkuppe verhinderte, dann aber stellt doch schließlich ein mächtiger Ruf, eine Forderung, ein ernsthaftes Aufbäumen, ein Wummern der NATUR die gesamte Sachlage und mein fieberndes Gemüt unwiderruflich auf die Hochstimmung einer einzigen ballerinierenden Zehenspitze, die mich und meine Seele zur Tat tänzeln lässt. Mein Tastenfinger, der jetzt durch keine Betonwand mehr aufzuhalten wäre, dringt nun vor wie automatisch, piekst, sticht, beinahe taubfühlig, und senkt sich ein mit unendlichem Nachdruck in das weiche Gummi der Taste Fünf. Musik. Musik.

Musik trägt mich durchs Vorgebirge meiner Freude. Musik öffnet die weiten Ebenen meiner Lust. Musik geleitet mich auf meine Reise. Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…

So genieße ich, mit geschlossenen Augen, leicht nach hinten gebeugt, beide Hände um die nicht ganz preiswerten Kopfhörer gelegt, die über einen speziellen Hochleistungsröhrenverstärker mit dem Telefon verbunden sind – störungsarm durch niederohmige und militärisch abgeschirmte, an den Verbindern platinierte Signalkabel, die ein Freund mir für eine schmerzhafte Summe aus einem in Afghanistan ausgeschlachteten Kampfjet besorgt hat – meine Lieblingsmusik:    Die Warteschleife in High End.

Ich habe mal erwogen, die von mir bevorzugte Funkzentrale in meine Obsession einzuweihen. Auf dass sie bei Erscheinen meiner Nummer es sehr lange klingeln lasse, etwa 15 Minuten den Bolero einspiele oder Wagners Walküre. Ich entschied mich dagegen. Die Authentizität wäre verdorben und nasse Berechnung hätte unweigerlich die kleine Vorglut, das lebhafte Flämmchen des nicht Ausrechenbaren einer knisternden Realie gedämpft. Musik. Musik. Soll sie es knistern und rauschen lassen das kleine Elektrolilalaunelied der Warteschleife, ob 10 Sekunden, ob 20 Sekunden, mir egal, ich höre es, und liebe es auch so. Ich brauche es nicht anders. Meine kleine Ewigkeit.

Musik. Musik.

Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…. Hallo?

Hier zum Teil 3 des Taxifetisch

Die Geschichte von dem Kind, das sein Nein sehen wollte.

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Es war am Abend ihres 5. Geburtstages, als sie zum ersten Mal bemerkte, dass sie ihr Nein nicht sehen konnte. „Willst Du noch ein Stück von dem Kuchen?“ – hatte ihre Mutter gefragt, während sie mit dem Finger auf das Tablett zeigte, auf dem noch ein einziges Stück lag, das von dem bunten Nachmittag mit den anderen kleinen Gästen aus der Vorschulgruppe übrig geblieben war. Das Mädchen fühlte sich satt und zufrieden und antwortete: „Nein. Kein Stück Kuchen.“
Aber nachdem Sie das ausgesprochen hatte, lauschte sie ihren Worten noch einige Sekunden lang hinterher und bemerkte dabei, dass sie kein Stück Kuchen nicht sehen konnte. Sie sah das letzte Stück Kuchen, aber das Stück mit dem Nein sah sie nicht.  Ein kleiner Schreck durchfuhr sie, deshalb sagte sie noch einmal: „Kein Stück Kuchen.“ Und sah noch einmal auf das Tablett und dann mit fragenden Augen die Mutter an. Die Mutter wickelte das Tablett in eine Tüte, stellte es in den Kühlschrank und sagte: „Gut, dann heben wir es auf.“
Dann klingelte das Telefon.
Als die Mutter aus der Küche zum Apparat gegangen war, öffnete das Mädchen noch einmal den Kühlschrank, hob die Tüte von dem Tablett etwas an und sah: Ein Stück Kuchen. Also flüsterte sie noch einmal in den Kühlschrank: „Kein Stück Kuchen.“ Aber kein Stück Kuchen zeigte sich nicht. Auch nicht, als sie es mit dem Lichtknopf der Kühlschranktür kurz dunkel und wieder hell werden lies, um dem Stück mit dem Nein eine Gelegenheit zu geben.
Nach dem Zähneputzen, als sie im Bett lag, vermutete sie, dass sie kein Stück Kuchen womöglich schon vorher  gegessen hatte, oder jemand ihrer Gäste. Oder sie würde es morgen finden.  Lies es dabei bewenden und schlief ein.

Am nächsten Tag am Frühstückstisch fragte die Mutter sie: „Willst du vielleicht ein Stück Kuchen? Und Lina, das Mädchen, beantwortete die Frage mit einem deutlichen: „Ja. Ein Stück Kuchen.“ Die Mutter ging an den Kühlschrank, holte das Tablett hervor, nahm die Tüte ab und sagte überrascht: „Da ist kein Kuchen.“ Und hielt das Tablett, auf dem kein Stück Kuchen lag, dann dem Vater, der auch mit am Tisch saß, dicht unter die Nase. Der Vater sagte: „Ja, ich hab’s gegessen. Abends noch.“ Lina wiederholte, was die Mutter sagte: „Da ist kein Kuchen.“ Und konnte es wieder nicht sehen, das Stück, das nicht da war.
Der Vater sagte: „Ich hab’s gegessen, geb’s ja zu.“
Lina schaute das leere runde Tablett und dann den Vater an und wiederholte, diesmal aber in fragendem Ton: „Ist da kein Kuchen?“ „Nein,– sagte der Vater kleinlaut – „ich hatte gestern plötzlich einen Mords Appetit, entschuldige Liebes.“ – und zeigte verlegen auf seinen Bauch.
„Na, eine Entschuldigung ist ja wohl das Mindeste.“ – sagte die Mutter.

Lina war es zufrieden. Ihre Frage war damit vorerst beantwortet.

Obwohl sie an dem Vormittag noch etwas grübelte. Wahrscheinlich konnte man das Stück mit dem Nein erst sehen, wenn man erwachsen war.

Der Nachmittag kam, der Abend, und dann ein paar Jahre. Und immer wenn sie ein Tablett sah, auf dem kein Kuchen lag, ein Baum, an dem keine Äpfel hingen, oder ein Fensterbrett, auf dem kein Flamingo saß, freute sie sich auf ihren 18. Geburtstag, an dem sie, das hatte sie herausgefunden, offiziell erwachsen sein würde und eine riesige Vase geschenkt bekäme, in der Keine Blumen standen.

MILD-Zeitung.

Ende Februar bis Mitte April

Frau schnürte sich, nach dem sie angekleidet war, die Stiefel.
Mann nahm von Verkäuferin ein ganzes Brot entgegen.
Von hier, sagte ein Kind, seh‘ ich den Platz vor der Garage.
Nichts übrig ist geblieben von dem vielen Schnee.
Ein Lieferfahrzeug kam gerad an, als man es brauchte.
Glühbirne, die beim Wechseln ins Gewinde quietscht.
Auf dem Kühlschrank steht der Siemens Wasserkocher.
Genau daneben liegen Beutel für zwei Tassen Tee.

*

Wahnsinn als Hobby-e.V.


Der Wahnsinn als Hobby-e.V. wird hiermit gegründet als Verein in gemeinnütziger Trägerschaft zur Pflege des Wahnsinns.

1. Gründungmitglied: Tim Boson. Vorstand und Präsident in Personalunion oder im 4 – wöchigen Rotationsprinzip: Tim Boson, Tim Boson.

Geschäftsführer: Tim Boson. Kassenwart: Tim Boson. Schriftführer zur Tagesordnung: Tim Boson (in Vertretung: Tim Boson)

Öffentlichkeitsarbeit: Tim Boson.

Forschungsbeauftragter Wahnsinnoskop, Wahnsinnotron. Wahnsinnograf, Wahnsinnometer: Tim Boson oder Tim Boson

Liebe Gäste und Gründungsmitglieder, Herr Präsident, meine Damen und Herren,

In unserer Gesellschaft zeichnet sich ein Trend ab. Der Trend zum Wahnsinn.

Der Wahnsinn als Hobby-e.V. möchte diesem Trend eine seriöse und gesellschaftlich akzeptierte Heimstadt bieten. Der hier neu zu gründende Verein hat sich der Pflege und der Tradition des Wahnsinns verschrieben, den wir, die Gründungsmitglieder, ausdrücklich als ein schützens- und bewahrenswertes aber auch weiter in die Zukunft hinein zu entwerfendes Kulturgut betrachten. In dieser Versammlung nun haben sich bereits, und das ist sehr erfreulich, und ich sage das auch noch einmal herzlich in Richtung unserer Gäste, Angehörige aus den verschiedenen Berufsgruppen und Schichten der Gesellschaft zusammengefunden. Piloten, Ärtzte, Manager, Politiker, Widerspruchsforscher, Hausfrauen- und Männer, Arbeitende und Nichtarbeitende, Künstler, Wissenschaftler, Philosophen. Sie und uns alle eint hier die Wahnsinnspflege als ein gemeinsames Anliegen für und mit der Kunst, von der Tagesordnung abzuweichen, oder die Kunst, sich mindestens einmal am Tag etwas ganz und gar Unwahrscheinliches vorzustellen oder im weiterentwickelten Fall, dem Wahnsinn zu fröhnen.

In den Gremien zum Gründungsentwurf wurde, und einige werden sich daran nicht sehr gerne erinnern, ausführlich darüber diskutiert, was vom Verein als Wahnsinn angesehen werden kann. Das war nicht ganz einfach. Denn tatsächlich liegt es gerade in der Natur des Wahnsinns, dass er sich der eindeutigen Definition entzieht. Denn was definiert werden kann, ist nicht mehr Wahnsinn, sondern eben etwas Definiertes, also: Festes. Deshalb wissen wir zunächst nur, was der Wahnsinn ganz sicher nicht ist: Er ist keine Extrem-Sportart und auch nicht der so genannte Alltag, er ist keine Krankheit und auch kein Handeln. Wir wissen, dies fiel am Anfang schwer zu akzeptieren, da in den Gründungssitzungen einige glaubten, sie würden dem Wahnsinn allein durch ihre täglichen Verrichtungen, etwa als Vorstandsvorsitzende, Hausfrau, Mutter, Finanzmanager oder Bundeskanzlerin in irgendeiner privilegierten Art nahe stehen. Dies aber kann nun eindeutig verneint werden. Was die genannten Mitglieder hier als Wahnsinnsnähe zum Wahnsinn auszumachen glaubten, war lediglich der normale Gang der Dinge. Zudem musste auch verneint werden, und dieses fiel uns am Allerschwersten, dass die Liebe sich vielleicht in Wahnsinnsnähe vermuten ließe, vielleicht sogar selbst der Wahnsinn sei oder wenigstens, wie manche meinten, als eine Art Schwester des Wahnsinns gelten könne. Darüber haben wir im Gründungsgremium lange diskutiert, lang und auch laut, aber schließlich mussten wir zu dem Schluss kommen, dass auch die Liebe, obschon ähnlich schwer zu greifen, nicht Wahnsinn ist. Die Liebe ist sogar und ganz sicher der Kern jeder Normalität. Und sie ist es sogar dort, wo sie abwesend scheint. Denn noch in ihrer Abwesenheit, also in der Lieblosigkeit bildet sie Sehnsuchtsattraktoren aus und strukturiert unser Handeln und Trachten fließend zwischen den Polen Liebe und Nichtliebe. Die Realität, die Normalität, ist aus Liebe gebaut, sei sie nun anwesend oder abwesend. Deshalb kann sie nicht der Wahnsinn sein. Der Wahnsinn ist also auch kein Gefühl. Obwohl er sich, dort wo er auftritt, mit Gefühlen vermengt oder mit der Liebe verwechselt werden kann. Um die immer mal wieder auftretenden Ähnlichkeiten von Wahnsinn und Liebe im Auge zu behalten, haben sich die Gründungsmitglieder aber darauf geeinigt, eine Sektion Liebespflege einzurichten, gerade damit hier die Unterschiede erkennbar bleiben und es nicht zu Missverständnissen kommt.

Was also ist der Wahnsinn? Wie können wir den Wahnsinn pflegen, wenn wir nicht sagen können, was er ist? Zumal sich ja auch alle einig waren, dass es einen allgemeinen Trend zum Wahnsinn gibt. Einige Mitglieder glaubten, eine einfache Antwort parat zu haben. Die Pflege des Wahnsinns bestünde darin, selbst wahnsinnig zu werden. Ich möchte hier nur an die Zwischenrufe aus den Sitzungen erinnern, die auch protokolliert wurden, wie zum Beispiel „Dann machen Sie das mal!“ oder auch: „Wenn das so einfach wäre, Herr Dr. Behrens!“

Darin erkennen wir schon eine weitere Schwierigkeit. Denn der Wahnsinn ist nicht von Personen abhängig oder gar innerhalb von Personen fest zu greifen. Im Gegenteil. Die therapeutischen Erfahrungen mit Personen, bei denen angeblich „Wahnsinn diagnostiziert“ wurde, hat gezeigt, dass diese Personen keines Falls von sich behauptet haben, sie seien „wahnsinnig“ oder sie wollten „wahnsinnig werden“. Die „Therapeuten“ glaubten nun meistens die Leugnung des Wahnsinns der jeweiligen Personen gerade als sicheres Anzeichen dafür hernehmen zu können, dass die betreffende Person wahnsinnig sei. Eine fragwürdige Vorgehensweise. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden, der abstreitet, wahnsinnig zu sein, einer Behandlung zuführten? Andererseits kann man von Personen, die von sich behaupten, sie seien wahnsinnig, mit Sicherheit sagen, das sie es nicht sind. Dieser Ansatz führt also nicht weiter. Es verhält sich hier ähnlich wie bei dem bekannten Paradox, dass uns aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, wie zum Beispiel an der Intensität und Häufigkeit, so jemand behauptet, er sei Kommunist, man ganz sicher erkennt, das der betreffende kein Kommunist ist. Die Wahrscheinlichkeit, das die Behauptung der Person zutrifft, sinkt mit der Häufigkeit, in der die Person die Behauptung vorbringt und mit der Intensität, in der die Behauptung vertreten wird. Sehr wohl also gibt es Erkrankungen der Seele, aber der Wahnsinn gehört nicht dazu. Er ist keine Krankheit. Um es kurz zu machen: Im Abschlussprotokoll haben wir uns darauf geeinigt, dass die Pflege des Wahnsinns nur darin bestehen kann, ihn zu suchen, zu umkreisen, ihn zu bewegen, schließlich: ihn für möglich zu halten, für wahrscheinlich , obwohl er das Unwahrscheinlichste ist. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit, wünsche uns für die Zukunft, wenn ich das so sagen darf, viel Wahnsinn und möchte sie nun ans Buffet bitten, dass uns hier freundlicherweise von der Firma Polenz-Dachdeckerei-Dachschadensbehebung und, Dachentwässerung“ gesponsert wurde. Als erste Vereinshandlung im Sinne des Wahnsinns möchte ich zugleich vorschlagen, den Verein aufzulösen.

Gibt es Gegenstimmen?

Architekt.


Der Laden liegt nicht gerade in der Nähe deines Ateliers. Trotzdem gehst du immer mal wieder gerne da hin. Dein Entspannungseinkauf, meistens zum Ende der Mittagszeit. Du hast  dir angewöhnt, es so zu nennen. Eigentlich musst du nichts einkaufen, aber die paar Schritte machst du ganz gern. Im Grunde könntest du auch einfach nur ein paar Runden um den Block gehen, aber es ist eben dieser Laden.
Wenn dich jemand fragte, würdest du sagen, du weißt, es klingt blöd, der Laden hat eine Tür mit einer Türklinke, die man herunterdrücken kann. Die Tür öffnet sich dann, man geht hinein.
Da liegen dann Rasierklingen neben Haribo neben Seifen neben Reis, neben Batterien, und daneben…
Du bist Architekt.
Du hast dich in die Selbstständigkeit geschuftet. Hineingeknüppelt. Hast sehr lange an Telefonhörern riechen müssen; und ja – du bist  Architekt mit einem eigenen Atelier jetzt. Anders als deine Kommillitonen, die inzwischen – wenn sie Glück hatten – in irgendeiner städtischen Baubehörde bei Bremen im öffentlichen Dienst verschwunden sind. Wenn sie Glück hatten.

Der Ladeninhaber ist ein gedrungener Vietnamese. Was du von ihm weißt ist, dass er sich alles asiatische abgewöhnt zu haben scheint. Ihn umgibt nicht mehr die unauslotbare Diskretheit seiner Landsleute, wenn er hinter einem Haufen Socken aus Mischgewebe, zu 2 Euro das Paar, Bananen aufstapelt. 2 Euro. Der Laden ist nicht mal besonders günstig.
Es kam schon vor, dass der Ladeninhaber „unasiatisch“ wurde, du nennst es so, obwohl es Blödsinn ist,  „unasiatisch“,  in dem er dich zurechtgewiesen hat an einem Regal: „Nicht von oben nehmen. Stehen lassen das Bier. Von unten nehmen. Nicht von oben nehmen. Ja, bitte schön.“  „Wird’s bald“ hat er noch nicht gesagt. Dabei kommst du öfter hier her. Ist es das – was du vielleicht sogar beinahe sympathisch findest?
Du gehst gerne in den Laden. Du spürst hier irgend eine Logik, zwischen den Regalen, die dich interessiert. Du könntest ja mal mit ihm plaudern.
Aber du kommst nicht her, um zu plaudern. Du bist einfach nur gern hier.
Deshalb warst du einmal doch überrascht, als der Vietnamese seine Familie hier in dem Laden mit einquartiert hatte. Sie war plötzlich da. Er muss sie irgendwann in den letzten 4 Wochen geholt haben.
Der Ladeninhaber lässt sich seitdem, manchmal, von seiner Frau vertreten.  An der Kasse neuerdings auch, seit ein paar Monaten, von seiner kleinen Tochter, die du auf etwa fünf einhalb schätzt. Vielleicht vier. Eher doch fünf.
Sie selbst behauptet, dass sie sechs sei.
Es ist ein kleines Spiel. Sie nimmt dein Geld. Sie rechnet es nicht in die Kasse ein, noch nicht. Die Mutter hilft ihr. Aber bald wird auch sie all das können.

Heute nachmittag sitzt er nun wieder allein hinter dem Ladentisch. Hat einen kleinen Fernseher laufen und schlürft eine Nudelsuppe. Es klemmt auch wieder der große LKW-Spiegel über der Kasse, mit dem er die beiden Gänge zwischen den Haushaltswaren und den Lebensmitteln im Auge behalten kann.
Du könntest ja, denkst du dir, spaßeshalber, wieder an das Regal mit dem Bier gehen und ganz nach oben greifen.
Du biegst um die Gemüseecke, gehst an den Waschmitteln vorbei und triffst – auf das Mädchen.
Sie ist also doch hier. Sie sitzt auf einem Stapel Kartons und lässt die Beine baumeln. Sie sieht dich kurz an und widmet sich dann wieder einem Malheft. Sie scheint ihren Platz gefunden zu haben. Und sie kennt dich schon.
Ein lautes Geräusch dringt aus dem Fernseher von vorne an der Kasse. Mehr ein Schnarren als ein Ton. Es ist ein Applaussturm, Begeisterungsrufe aus irgendeiner Fernsehshow.
Da weißt du es.
Das Mädchen, dass dich eben kurz angesehen hat – du stehst gerade mitten in ihrer Kindheit.
Du bist der Mann, der manchmal, immer mal wieder in ihre Kindheit hineingelaufen kam zum Einkaufen. Erinnerst du dich? Der Laden. Und du bist  – eine Erinnerung. Der Mann, der nie eine Tasche dabei hatte.
Das Mädchen sitzt auf dem Kartonstapel. Es beachtet dich nicht mehr. Es hat dich gesehen, das reicht.
Was jetzt von hier mitnehmen – Reiskörner?
Du läufst nach vorn, öffnest das Kühlfach und entnimmst ihm ein… du entnimmst nichts.
Du bist Architekt.
Du gehst zum Ladentisch, wo der Angestellte ihrer Erinnerung sitzt, stellst den leeren Korb neben die Kasse.
Dann drückst du die Türklinke herunter, du staunst, wie einfach das geht, die Tür öffnet sich, du trittst wieder auf die Straße. Wo du bald verblasst.

Der Taxifetisch.


Ich gebe es zu und will da auch nichts relativieren oder durch pragmatische Argumente, wie berufliche Umstände oder permanenten Termindruck, entschuldigen – ich gebe also zu: Ich rufe mir gern mal ein Taxi.
Es gibt ja Menschen, die behaupten, man könne nur zu Fuß, so in ganz ursprünglicher Weise dem wahren Leben in seiner an sich schon selbstgefährdenden Beschleunigung „wieder“ auf die Spur kommen. Andere beschwören ganz allgemein eine Technik-Askese, eine „wieder“ entdeckte Langsamkeit und Beschaulichkeit des menschlichen Maßes, das der „urbanen Raserei“ den gemessenen Schritt mutig gebremst entgegensetzt. Dazu sage ich nur: Bitte schön. Würde mich aber interessieren, was genau und ehrlicherweise sich hinter einer solchen Haltung verbirgt. Und werde mich an anderer  Stelle noch damit beschäftigen. Hier soll zunächst der Hinweis genügen, dass ich grundsätzlich alle sexuellen Spielarten respektiere, solange sie nicht strafrechtlich indiziert sind. Aber ich muss sie ja nicht selbst praktizieren. Ich sage es deshalb jetzt: Das Taxi. Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein. Die Inanspruchnahme eines Taxis stimuliert mich sexuell. Das Taxi ist mein Fetisch.                                                                                                                                                                                         So. Jetzt ist es raus. Und kann in aller Gelassenheit weiter sprechen, weil ich glaube, dass ich mit dieser Sache nicht allein dastehe, dass hier vielmehr eine große Minderheit schon eine Weile geduckt vor sich hin schweigt, vielleicht, weil sie Angst hat, als Financial Times –lesende Globalisierungsgewinner irgendwann  denunziert und gefedert zu werden, eben weil man als alleinreisender Taxifahrgast immer im Verdacht steht, es sich dermaßen offensichtlich und obszön bequem zu machen, dass dahinter ja nichts anderes als eine feixende Geste, eine Art Stinkefinger gegen die penetrant Sportlichen, ÖPV-Fahrer aus Verarmung, oberfitten Mountainbiker oder biokonkreten Zufußgeher vermutet werden kann. Im Namen dieser verdächtigten Klientel, stelle ich hiermit klar: Die Lust am Taxi hat damit nichts zu tun. Ausdrücklich verfolge ich mit den nachfolgenden Beschreibungen keine pornographischen Motive, möchte aber all jenen Menschen, die es betrifft, Mut machen, selbstbewusst ihren Fetisch auszuleben und  eine wesentliche Facette ihrer Persönlichkeit nicht im Verborgenen kümmern zu lassen, sondern ihr dringlich den Raum für Entfaltung zu schenken, der ihr als Quelle inneren Reichtums notwendig zusteht.

Auch ich kann aus ökonomischen Gründen meiner Vorliebe nicht so nachgeben, wie ich es vor ein paar Jahren noch glaubte tun zu müssen. Damals, als ich noch dumm war. Damals, als ich unreif und genussunfähig zu allen mögliche Zeiten glaubte, mir den schnellen Sex mit einer 5 Euro-Abwink-Kurzstrecke vom Straßenrand aus besorgen zu müssen. Wie arm das doch war.  Das kann ich jetzt Gott sei Dank so gelassen aussprechen. Inzwischen bin ich weiser geworden, genussfähiger, raffinierter, feiner, und in gewisser Weise auch etwas verdorbener. Zumal ich heute weiß, dass man Lust pflegen und trainieren muss, und zwar nicht, indem man sie immer und jederzeit befriedigt, sondern ganz im Gegenteil, in dem man sie manchmal herausfordert, sie mal mehr mal weniger reizt, sie stimuliert, um ihr dann aber kurz vor der Erlösung noch einmal beherrscht zu entsagen, weil der Moment der Erfüllung gediegen inszeniert sein will.

So habe ich mich über die Jahre zum heimlichen Tantriker meines Fetischs gewandelt, indem ich langsam, sehr langsam, an den  Taxiständen dieser Stadt vorbei schlenderte, die schalgelbe Autoschlange ganz bewusst nur aus dem Augenwinkel betrachtend (ich könnte sie ja alle haben.), um dann aber doch eine Straßenbahn, die ich gleichzeitig im Blick behalte, eben nicht einfach zu bekommen oder langweilig zu erreichen, nein – die Kunst zeigt sich darin, sie hastend – rennend! – gerade noch zu erwischen. Nur um hier mal ein Beispiel aus der mittleren Schule der Pflege meines Fetischs zu geben. Ich sage mittlere Schule, weil ich jemanden kenne, (bewundere?) sein Name ist nicht wichtig, der diese Art der Stimulation noch ausgefeilter betreibt. Er beginnt sein Spiel immer auf dem Vorplatz eines Flughafens, da hier die Schlange der wartenden Taxis noch länger sich hinzieht, was ihn logischerweise bis auf die höchste Klaviertaste hochspannt. Er schreitet die langen Oktaven ab, lehnt sich zu jedem Taxifahrer in den Fond, wedelt mit einem 500 Euro Schein, fragt rhetorisch ob man wechseln könne und hastet dann mit einem Koffer (den er mit alten Blei-Akkus beschwert hat) zu einem ganz bestimmten Bus, und zwar so, dass er den Busfahrer, der gerade losfahren will, mit rotem Kopf devot an die Scheibe pochend, darum bitten muss, extra für ihn die Tür noch einmal zu öffnen. Ganz bestimmter Bus meint, er weiß von dieser Linie, dass sie in einer ungemütlichen Gegend endet, bei einem Vorwerk, abgerostetes Haltestellenschild irgendwo zwischen den zugigen Ruinen einer ehemaligen Mörtelfabrik. Dort steigt er dann aus, ein gut dotierter Rechtsanwalt im leichten Lezard, der sich hier von 80 Prozent alkoholisierten Hartz4 Empfängern fragend beäugt weiß, und läuft eine unbeleuchtete Straße über 2 Stunden lang mit seinem Koffer allein nach Hause. Selbstverständlich mit dem nötigen Kleingeld und eingeschaltetem Handy, auf dem er alle umliegenden Taxizentralen abgespeichert hat. Eine Option, auf die nicht zuzugreifen ihm ein lang anhaltendes Spannungsmoment beschert. Ich möchte hier kein Urteil darüber abgeben, ob diese Art der aufreizenden Lustanstachelung mit forcierter Erfüllungsdämpfung schon eine Perversion andeutet oder einfach tantrische Meisterschaft bezeugt, den rotweißen Gürtel im 8. Dan beim Judo gegen sich selbst, angewandt auf einen Fetisch, von dem ich wie gesagt glaube, dass er eine große Dunkelziffer hat. Ich habe diesen Mann auch nicht danach gefragt, ob er denn überhaupt noch manchmal, hin und wieder, wenigstens einmal im Quartal, sich in der Realität ein Taxi kommen lässt. Und möchte ehrlich gesagt auch nicht wissen, was dann da losgeht.

Ich selbst bin jünger als er und verfolge deshalb immer noch eine gut balancierte Mischung aus Imagination und Verwirklichung. Denn der Taxifetisch bietet ebenso viele Varianten der Stimulation wie der Realisation an – und das kitzliger Weise eben in aller Öffentlichkeit.

Zunächst muss hier natürlich die Farbe erwähnt werden. Die klassische Farbe eines Taxis hierzulande ist ein sehr spezielles, eigentlich gleichgültiges, gleichwohl schillerndes… Farbe kann man eigentlich nicht sagen, oder doch? –weißgelb? Vielleicht eher ein Ton. Manche sagen hellbeige, Eierschale. Oder schmutziges Weiß?  Ich nenne es Gelb. Cremegelb. Hellgelb. Junggelb. Schalgelb. Schwitzweiß. Gilb. Dem Normalerotiker mag das gleichgültig sein, aber dem Fetischisten schenkt diese Farbe jederzeit ein aufreizendes Spiel der Interpretation. Obschon sie als Allerweltsfarbe gelten kann, als Misch- und Nichtfarbe sich liederlich überall im Spektrum bedient, transportiert sie in ihrer vordergründigen Charakterlosigkeit und Schalheit etwas stechend Uniformes. Und das soll sie ja auch sein – eine Uniform für Taxis. Aber so sehr sie Uniformität behauptet, so sehr färbt sie zugleich einen ganz unbehördlichen, nichtmilitärischen, zivilen Gegenstand; einen Gegenstand, der komplett gleichgültig lässt, solange, bis man ihn braucht. Den man übersehen soll, solange, bis man direkt nach ihm Ausschau hält. Der absolut nichts bedeutet, solange, bis man mit Geburtswehen vor der Haustür wartet und ganz weit hinten auf der Fahrbahn einen winzigen gelben Punkt anstarrt, der dann aber irgendwie nach links abbiegt.

Mit etwas Interpretationsspielraum in erregten Momenten empfinde ich diese Lackierung manchmal als eine Art Hautfarbe, die scheelgelb eine Grenze  markiert zwischen gleichgültiger Zivilität und einem streng motorisiertem Stück Blech, dass in seiner kalten, metallisch- obszönen Nacktwaffigkeit ganz dominant nur eine einzige Funktion ausübt: Warmes zugestiegenes Fleisch eine Straße entlang zu bewegen. So imaginiert diese Lackierung im Stadtbild eine an sich unmögliche Mischung aus Signal und Understatement, ein heißkaltes Oszillieren zwischen Exhibitionismus und Verborgenheit – und strahlt als beunruhigte und damit ewig vibrierende Coloration in den Alltag des Taxifetischisten, zieht ihn in ein immerwährendes Intimverhältnis, das er gleichermaßen öffentlich und geheim als Beobachter aktiv gestaltet, zum Beispiel in dem er jeder Zeit dem Objekt seiner Erregung durch das Fenster eines Restaurants hinterher schaut, während er am gleichen Tisch mit seinen sinnlich verarmten Geschäftspartnern, die ihre immergleich abgeschraubten Zoten über Titten und Ärsche reißen, schweigend das Essen einnimmt.

Der mir bekannte Flughafen-Tantriker übrigens hat in einem Gespräch einmal erwähnt, dass ihn die schokoladige Farbe der Taxis auf die Spur der frühkindlich-pathologischen Verankerung seines Fetischs gesetzt hat, den er im Übrigen nie missen wolle. Als er meinen erschrockenen Blick sah, lachte er und sagte, dies sei nur ein Scherz, denn er meine natürlich die weiße Schokolade.  Das hatte er mit Berechnung vorgetragen. Ein Fingerzeig. Eine Klarstellung. Ein Wink mit der stumpfen Kanüle. Ja, ich hatte kapiert. Es wird wohl jedermann einleuchten, dass hier ein Großmeister seines Fachs eben mal durch einen hingeworfenen Knochen seinem jüngeren Gesprächspartner klarmachen wollte, wer hier der Künstler ist. Die farbliche Präzision und synästhetische Raffinesse seines Vergleichs mit einem leichthin eingestreuten oral-sensorischen Kontext hat mich umgehauen. Mit einer einzigen dürren Bemerkung hat er mich zu einem peinlichen Praktikanten und Unterschuster, zu einem öden Fahrgast meiner eigenen Obsession heruntergetitelt.  (Sein eintauchendes Lächeln im Cognacgläschen.) Weiße Schokolade.

Ich musste über diesen Vorfall lange nachdenken. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich davon erholte. Nur mühselig tröste ich mich damit, dass dieser Gigant und Michelangelo seines Fetischs 12 Jahre älter ist als ich. Was nun den eigentlichen Akt betrifft, öffnet der Taxifetisch die Zufahrt zu einer riesigen Satellitenstadt erotischer Praktiken. Er beginnt beim einfachen Quickie, also dem eher schnell und schmutzig von der Straße herunter gewunkenen Taxi und endet noch lange nicht bei einer gut informierten Funkzentrale, die auf Veranlassung Vorlieben bedient, etwa für eine ganz bestimmte seltene Automarke, zum Beispiel Daihatsu eines ganz bestimmten Typs, zum Beispiel Kombi, arrangiert mit einem fein sortiertem Fahrerprofil, zum Beispiel schweigsamer Lenkradberliner, randpolitisierter Familienvater, studentischer Witzbold, nichtbescheid-wissender Marokkaner, Radiokulturhörer, Frau mit Vergangenheit u.s.w.

Um hier gleich einer sich womöglich aufdrängenden Vermutung zu widersprechen: Als Taxifetischist liegt mir nichts ferner als die Diskriminierung einer Berufsgruppe, mit der ich ganz ausdrücklich in einem Verhältnis stehe, das Lebensunterhalt (ihren) und Lebensqualität (meine) aufs engste in Symbiose und damit für beide gewinnbringend vermittelt. Für ein eher durchschnittliches Schäferstündchen ist mir die Automarke eigentlich egal. Da bevorzuge ich Hausmannskost. Obwohl ich wegen der Kunsstoffweichmacherkomponenten in den Armaturen fabrikneue Wagen den älteren Fabrikaten vorziehe. Überhaupt nicht egal ist mir tatsächlich der Innenduft. Spiegelbäumchen Zitrone muss nicht sein. Ebenso wenig aufdringlich appliziertes Kiefernharz. Wie ich überhaupt meine, dass ein Taxi natürlich riechen sollte. Sozusagen nach sich selbst und seiner Bestimmung (Wenn ich meine Nase in einen Haufen Tannennadeln stecken möchte, kann ich in den Thüringer Wald fahren.) Deshalb sage ich der Zentrale immer: Bitte ohne Spiegelbäumchen. Und nehme dafür auch gewisse Wartezeiten in Kauf. Darüber hinaus bleibe ich anspruchslos. Gerade das Authentische, das Mittelmaß, der Durchschnitt ist mir am Fetisch meines Alltags sehr willkommen. Eine gute Mischung aus dünstenden Weichmacherkomponenten, verregnetem Hosenbein, Zwergpudelpeichel, Spuren von Zuspätkommerschweiß, Benzin und etwas, dass ich bisher noch nicht sicher identifizieren konnte, genügt mir für eine anfängliche Erotisierung. Wenn dann noch etwas Duft vom Lippenstift einer eben ausgestiegenen 39 jährigen Unternehmensberaterin mit karrierebedingter Kinderlosigkeit sich beimengt, wird es – pardon – wirklich geil. Trotzdem wäre all dies nur wenig, gäbe es da nicht die bereits erwähnten 4 bis 6 Moleküle, einer von mir nur unsicher zugeordneten Note, die ich oft in Neufahrzeugen zu riechen glaube. Hier möchte ich unter Vorbehalt eine Vermutung äußern, die ich bisher aus verschiedenen Gründen für mich behielt. Ein Neuwagen ist oft per Kredit finanziert. Oder geleast. Bei einem selbstständigen Kleinunternehmer fällt seine Anschaffung möglicherweise zeitlich mit dem Einstieg ins Taxigewerbe zusammen, vielleicht sogar vermittelt in einer Phase der beruflichen Umorientierung, die er nicht ganz freiwillig unternommen hat. Das könnte bedeuten, dass hier ein Geschäft mit einem pikanten Level psychosozialer Dringlichkeit betrieben wird. So ein neues Taxi hat, ausgestattet mit diversen technischen und gewerbebedingten Ponderabilien, trotz Ratenzahlung, einen gewissen Wert, der seinen Besitzer nicht immer durchschlafen lässt, und deshalb glaube ich mittlerweile zu ahnen, was jener minimalen Geruchsbeimischung anhaftet. Ich möchte nicht sagen – Angst. Denn der Angstgeruch ist mir gut vertraut. Aber vielleicht ist es ihr verdünnter Abkömmling, oder eine Art Derivat: Die Sorge. Ich glaube bemerkt zu haben, dass eine hochverdünnte Spur, also der Duft nach Lebensabschnitt, Straßenmüdigkeit und Hoffnung, Absehbarkeit, Kredit und getunnelter Zukunft, vermischt mit gedämpfter Euphorie über eine Neuanschaffung, die ein hartsitzendes Überlebensgerät bleibt, sich in der Nähe der Kopfstütze auf Fahrerseite konzentriert und von dort sich in den Fahrgastraum hinein ausbreitet. (Um die wirklich schwierige Note hier noch präziser zu beschreiben, muss ich den Leser bitten, sich den Geruch dieser Spur ungefähr als eine Mischung aus den Scherben einer implodierten Thermosflasche, frischem Roh-Ei und etwas Kugelschreibertinte vorzustellen.)    Was die genaue Lokalisierung bei den Kopfstützen angeht, bin ich mir nie ganz sicher. Viele Wagen werden im Schichtbetrieb von  verschiedenen Fahrern gesteuert, so dass die Wahrnehmung deshalb auch auf die mentale Verfassung des Gewerbeinhabers hinweisen könnte, der ja nicht immer mit dem Fahrer identisch sein muss. Aber es bleibt undeutlich.  Der zu dieser Sache dann doch wieder von mir befragte Flughafen- Tantriker (unser Verhältnis hat sich seit unserem letzten Gespräch wieder etwas normalisiert) meinte hierzu, ich müsse alle „sensorischen Vorkommnisse“ nicht nur in einem Taxi mindestens drei – wenn nicht vierdimensional interpretieren. Er nenne dies „quatrogenerative Impression.“ Die erste Dimension sei ein unmittelbar Anwesendes, in diesem Fall Fahrer, Innenraum etc… Die zweite Dimension ein abstrakt Anwesendes – in diesem Fall das Gewerbe an sich. Als dritte Dimension schließlich derjenige, der wahrnimmt, also ich selbst. Einen gewissen Anteil müsse ich also immer als „endosuggestives Konstruktionselement“ beachten, zu deutsch: als hausgemacht. Als vierte, eigentlich wichtigste und umgreifende Dimension nannte er die „chronische Substanz“, für die man mit längerer Ausübung seines Fetischs eine diskrete Sensibilität entwickelt. Er führte weiter aus, wenn ich nun diese 4 Dimensionen mit der Anzahl der mir zur Verfügung stehenden Sinne multiplizierte, käme ich auf 5 quatrodimensionale Impressionen pro Moment, also auf  20 sensorisch diskrete „Einzelsituative“. Da aber das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teil sei, müsse man mit 6 multiplizieren, man erhalte dann 24 Einzelsituative, wobei die 4 „imaginären Situative“ immer dafür verantwortlich seien, dass unsere Wahrnehmungen undeutlich blieben und unsere Welt insgesamt unsicher. Denn es sei die Unsicherheit der Welt, die sie stabilisierte, aber das würde ich später erst begreifen. Aber meine Art, wie ich ihm mit dieser Frage gekommen sei, ließe einen guten Weg erkennen. Wie auch immer – diesen „sensorischen Vorkommnissen“ bin ich sehr zugetan, weil in ihr ein Vitalmarker für dynamische Lebensprozesse seinen sinnlichen wenn auch flüchtigen Ausdruck findet.  Auch deshalb meine Vorliebe für Neuwagen, an denen mir übrigens auch immer die – schokoladig – überlackierten Türgriffe eine große Freude bereiten.

Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein.

Hier zum 2. Teil…..