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Mona Lisa am Flachbildschirm

* * 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched(Für M.)

Nach wie vor unbeantwortet bleibt die Frage, warum für manche Worte der Plural fehlt. Die Zeit, die Zeiten – das geht. Aber die Dauer?
Die alte philosophische Frage, ob das Leben ein Traum ist, hat sich insofern erledigt, weil Menschen offenbar so beschaffen sind, zwischen Traum und Nicht-Traum zu unterscheiden. Die Tatsache, dass Menschen diese Frage stellen können, beruht auf einer Unterscheidungs-Fähigkeit. Und diese Unterscheidungsfähigkeit wiederum darf man mit einem alten aus der Mode gekommenen Wort bezeichnen: Geist.
Den Beweis, dass das Leben kein Traum ist, liefert der Klartraum.
Im Klartraum träumen wir und wissen dabei, dass wir träumen.
Umgekehrt habe ich noch nie jemanden sagen hören: Ich lebe und komischerweise weiß ich es auch.

Gerüchte gehen um, ein Museum sei in Planung, dessen Räume gewidmet werden sollen dem wertvollsten Kunstwerk aller Zeiten, und man erzählt sich, dieses Kunstwerk sei der Mensch. Angeblich sähen die Planungen vor, den innersten Teil des Gebäudes zu reservieren für einen kleinen Zettel, hinter Panzerglas und gesichert durch Temperatursensoren und laser-gestützter Positionsüberwachung, einen kleinen Zettel mit kleinkarriertem Linienmuster, auf dem eine Bleistiftkritzelei sich bei kurzer Betrachtung verdeutlicht als die Zeichnung eines herrenlosen Oberlippenbarts.
Es heißt, irgendwer habe diesen  Zettel einmal aus einem kleinen Ring-Notiz-Block gerissen und das Bärtchen darauf gekritzelt, ganz ohne Lippen, ohne Nase und ohne dazu passendes Gesicht, sei dieser herrenlose Oberlippenbart wiederum einem anderen Finder auf einem Dachboden in die Finger geraten, der ihn sofort als das Bärtchen der Mona Lisa identifiziert und der europäischen Kunst-Sach-Verwaltungsbehörde übergeben habe gegen einen unverhältnismäßig kleinen Obulus.
Jetzt soll das Ding im innersten Zentrum des neuen Museums seinen Platz bekommen, streng bewacht als eine Ikone der Ikone: Das Bärtchen der Mona Lisa.
Als verschollen gilt bis heute der Stift des Zeichners, aber wer weiß, vielleicht taucht er irgendwann wieder auf und wird dann auf Samt gebettet und wunderhaft dem ausgerissenen Zettel beigelegt.
Doch weil die Verlegenheit, der Mona Lisa hier zum wievielten Male eigentlich irgendein Sprechen oder Sagen zuzumuten, ebenfalls den berühmten langen Bart ausstellt (und weil es sich anfühlt wie die Besprechung eines Stücks Rauhfasertapete) fehlt bis heute  ein weiteres Requisit: Ockhams Rasiermesser. Würde man es finden, auch ihm gebürte ein Ehrenplatz im Museum des aller Zeiten wertvollen Kunstwerks.

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Kann man die Mona Lisa heute noch stehlen? Sie freistehlen aus ihrem Museum? Kleinkram. Für Meisterdiebe keine Herausforderung. Meisterdiebe üben sich bis heute (vergeblich) darin, die Karrikatur zu ent-wenden, das Bärtchen der Mona Lisa zu klauen und spurlos verschwinden zu lassen, auch wenn sie bisher immer scheitern mussten als wie auch immer denkbar gut organisierte Panzerknackerbande. Sogar die besten Fälscher wären heute nicht mehr im Stande, die Mona Lisa zu malen ohne ihr Bärtchen. Tausendmal stärker gesichert ist das angekritzelte Dingsbums der Mona Lisa als die Identität der Frau auf dem Gemälde selbst. Gesichert ganz ohne Alarmanlage. Die Mona Lisa, ohne Bärtchen, ist nicht mehr zu haben.

Wo war die Mona Lisa? Wo kommt sie her, wo geht sie hin?

Will man der Idee einer Zentralperspektive noch etwas abgewinnen vom Ausgangsort der Gegenwart? Muss man sich hineinbohren in kilometerdicke Sedimente abgelegener Archive, wo schwer zugängliche Materialien aus längst vergangenen Zeiten die Atemwege mit dicken Staubeinträgen belasten, bis sich die Wolken wieder gelegt haben und der Forscher hustend  und pustend ganz allmählich hier und da etwas Brauchbares erkennt, ein Schnipsel, ein Papier, ein Fragment, eine Skizze, eine Leinwand oder ein Artefakt in einem Bild?
So ein fast vergessenes und verstaubtes und schwer zugängliches Bild zeigt hier  eine Frau inmitten einer Landschaft, gemalt/vermählt von einem italienischen Naturwissenschaftler zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

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Das Bild der …Frau in ihrer Landschaft …. ist als typischer Archivfund so gut wie unbekannt. Wohl ganz zu Recht war es deshalb über die Jahrhunderte in die untersten Sedimente der Wahrnehmung eingesunken, und es bedurfte eines großen Aufwands, da heranzukommen, das Bild überhaupt noch einmal zu heben, damit es nun endlich nach Jahrhunderten wiederwahr vor Augen tritt. Doch gerade eben darum, weil das Bild so wenig gesehen und so spärlich interpretiert wurde, nie jemanden inspiriert hat und weitgehend unbekannt geblieben ist, legt es die Motive und Gewichte einer bestimmten Frage nahe, oder viel mehr legt es sie in eine Frage hinein, in der die Zentralperspektive – vielleicht nicht direkt gefunden – aber ziemlich neu belebt und illuminiert zur Aufführung gekommen war.

Die… Frau gemahlt/vermählt in ihrer Landschaft …wie nach getaner Arbeit verschränkt sie die Arme, und was hat sie für eine Schwerstarbeit leisten müssen in den letzten 500 Jahren, war sie müde geworden vom Stemmen der Hunderttausend Tonnen Blicke? Die Arme verschränkt sie jetzt dafür, doch nur so weit, dass die ganze Haltung ihr noch nicht als  „mit verschränkten Armen vor dem Körper“ ausgelegt werden kann. Sie gibt uns noch eine Chance, eine kleine zweite Chance.

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Sie dreht Däumchen – immernoch – oder eben nicht. Worauf wartet sie? Wartet sie auf ihre Applikation? Darf man so dasitzen bei einem Bewerbungsgespräch? Achtet Sie auf Ihre Körpersprache? Würden sie einstellen diese Frau als Mitarbeiterin in ihrem Betrieb? Was sind ihre personell skills?…

…kann sein, als bekannt vorraussetzen darf man das Gemälde bei einigen Spezialisten, Kennern und Anhängern der hartnäckigen Verschwörungstheorie.
Es genießt hier sogar ein gewisses Ansehen. Und wie üblich bei Verschwörungs-Theoretikern, sucht man nach codiert gehaltenen Anzeichen, Geheimwissenschaften oder Symboliken, die nur echten Eingeweihten oder Insidern obskurer Zirkel zugänglich sind.
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Was jedoch nur selten klar zu besprechen ist; nicht aus der Tiefe irgendeines Undercover oder einer  komplexen Verschlüsselung entbergen sich die Geheimnisse; sie entziehen sich dem Blick in fernster Nähe an der Oberfläche einer Sphäre der Jedermanns-Sichtbarkeit und Jedermans-Wissbarkeit.

Seit wann genau lebt der Mensch in einer Verschwörungstheorie gegen sich selbst, die ihm den Zugang zur Lichtung versperrt. Seit wann lebt er in diesem Zeitalter seines angekritzelten  Oberlippenbarts, im Zeitalter seiner eigenen Karrikatur und seiner Doppelcodierung ?

Die Geschichte der Moderne beginnt nicht erst mit der Dampfmaschine, sondern schon viel früher – mit der Erfindung der Schrift und aller ausdeutbaren Zeichen. Die BE-deutsamen Zeichen.

Seit es die „gestellte“ Schrift und ausdeutbare Zeichen im großen Kommunikationsfeld gibt, lebt die Menschengemeinschaft  ganz automatisch in einer Auslegungstradition, die zugleich auch einen Auslegungszwang
mit sich bringt. Ebenso einen BE-Deutungszwang.

Zu jedem „echten“ Zeichen exisitert immer auch schon der Schatten
seiner „Auslegung“
Eine kleine Geschichte der Verschwörungstheorien. Die geschaute Welt hat seit der Erfindung zeichenhaft deutbarer Dokumente und Artefakte ganz prinzipiell und logischerweise ein Fälschungsproblem und ein Authentizitätsbroblem. Man  kann sagen: Mit der Erfindung des zeichenhaften Dokuments, bekam die Welt automatisch einen doppelten Boden in ihr Haus  eingebaut. Absolut jedes Dokment lagert in diesem Zwischenboden zwischen Richtiglesern, Falschlesern und Niemandsfälschern.

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Das Vertrauen auf Unzweideutigkeit der Welt-Lese hatte mit dem großen Inkrafttreten der Schriften und Zeichen einen größeren Knacks bekommen.

Man muss sich also eine frühe Welt vorstellen, in der es keinerlei Dokumente, keinerlei Schrift und keinerlei medialen Zeichen gibt. In dem Moment würde die Welt aufhören, „zweideutig“ zu sein.

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Archaische Schamanen, Priester und Astronomen gingen davon aus, dass man die Welt lesen müsse und keine Schriften.

Dass sie dabei „zufällig“ die ersten mathematischen und astronomischen Gesetze der Natur erkannten, war ein schöner Neben-Effekt.
Deshalb ruht alle Mathematik und alle Naturwissenschaft von ihren Wurzeln her in einem Grund der Welt und nicht in einem Grund der Schrift.

Eine frühe Welt, in der es keine Schrift, keine medial vermittelten  Zeichen und keine Dokumente gibt. In dem Moment fällt ein großer Teil der berühmten Fragen von: „Ist das authentisch oder gefälscht?“ Oder auch: „Wie ist das gemeint?“ Oder auch: „Was wollte uns der Autor damit sagen.“ einfach weg.

Erst in dem Moment, als das „Zeichen“  vom magisch rituellen oder sakralen Gebrauch eines „Welt-Zeichens“  in die Schriftzeichenlage und in den Dokumentenverkehr und schließlich in die rechnenden und handelnden Schriftgeschäfte Einzug hielt, erst in dem Moment beginnt die Menschenwelt als eine ewig doppelbödige und zweideutige Auslegungsfrage und Schriftdeutungslage und Zeichen-BE-Dedeutungsfrage in einen Mißtrauensort großen Stils einzulaufen.

Der notwendige Modernisierungs-Schub durch die Erfindung der lesbaren Zeichen und verkehrsfähiger Dokumente musste erkauft werden zum Preis eines ewigen Mißtrauens gegen diese Schrift und gegen diese Dokumente. Weil der Urheber des „Zeichens“ jetzt nicht mehr „die Welt“ war  (zum Beispiel Blitz und Donner) sondern Urheber des Zeichens war ein Mensch, dessen „Authentizität“ fortan nur noch damit legitimert werden konnte, dass man sagte: Er habe seine Zeichen empfangen von einem übernatürlichen Wesen.

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Ab sofort traten neben dem einfachen Lesenkönnen und dem Schreibenkönnen viele Nebendisziplinen auf den Plan: Das Verschlüsselnkönnen und das Auslegenwollen. Das Nichtlesenwollen oder das Nichtlesendürfen. Das Falschlesenkönnen oder das Falschlesenmüssen eines Zeichens, ob absichtlich oder unabsichtlich, ebenso wie die großen Unsicherheiten zwischen einem Allzuwörtlichlesen und einem alegorisch gebundenen Inhalt.

Nur die Philosophie, dort, wo sie wirklich ernst genommen wurde, hat sich immer den Auftrag bewahrt,  gleichermaßen zwischen Weltferne und Weltnähe aufgespannt zu bleiben und Gespräche, Schriften und Gedanken hervorzubringen, die dem einzig originalen Menschenmerkmal dienen: dem Denken.

Deshalb ist es für einen Nicht-Verschwörungstheoretiker wie für einen Philosophen eminent wichtig, die Herkunft und die Genese seines Werkzeugs, also der Schrift, zu kennen. Und er muss beachten, dass auch Zeichen, Buchstaben, Runen, und das Alphabeth in ihren Anfängen und Gründen aus schamanistischen und magischen Zeichenhandlungen hervorgegangen sind.

Seit dem  Übertrag des „Zeichens“ aus der rituellen und magischen Sphäre auf die Tagesgeschäfte wurde das Weltverhältnis weniger vom Verhältnis der Alphabeten zu den Analphabeten bestimmt, sondern vom Verhältnis der Verschlüsseler und Verklausulierer, die in einem ernährenden Mißtrauensverhältnis agierten  zu den Entschlüsselern,  Korrekt-Auslegern, oder Mißverstehern.

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Ein weiterer nicht zu unterschätzender geschichtsbildener Effekt, der mit der Schrift in Kraft trat, betrifft die Frage nach der „Echtheit“ oder „Unechtheit“ von Dokumenten ebenso wie die Frage nach der „Authentizität“ von Personen, die sich mit echten oder unechten Schrift-Dokumenten immer mehr auszuweisen hatten.

In dieser Phase der Weltgeschichte wurden bald auch die ersten Personaldokumente als Authentizitätsnachweise erfunden und es löste sich so ganz allmählich die Botschaft von dem Boten ab.

Ob ein Mensch „authentisch“ der war, der er vorgab zu sein, musste immer stärker das Schriftdokument oder das Siegel in seiner Hand beantworten und immer weniger stark der real anwesende Mensch selbst.

Kurioserweise wurde damit aber jetzt „fälschbar“der ganze Mensch.
Ein gefälschtes Personal-Dokument genügte und der ganze Mensch war weggefälscht.

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So lässt sich sagen: Mit der Möglichkeit, Gedanken und Nachrichten, Botschaften oder Eindrücke, Ausdrücke „zeichenhaft“ oder schriftlich niederzulegen,  kam zugleich  die Idee der Codierung, des klandestinen „Geheimzeichens“ und der Verklausulierung oder der Fälschung in die Welt.

Mit dem großen Inkrafttreten der Schrift und BE-Deutungszeichen war zugleich ein wesentliches Prinzip der Verschwörungstheorie und – Praxis  geboren worden; und mit ihr eine Moderne, die man auch als konspirative Moderne bezeichnen kann.
Wieviele Geschichten oder Dramen kennt man, in denen nicht selten gefälschte oder unterschlagene oder falschgedeutete, mißverstandene, zu spät gekommene, zu früh gekommene oder verlorengegangene oder in Geheimschrift verfasste Schriftdokumente zum Motiv-Motor dienen konnten  für Intrigen, Tages- oder gar Weltpolitik ?
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Die zeichenkonspirative Moderne „zeichnet sich seit dem aus“ zwischen den Polen  „Verborgenheit“ und „Offenbarung“. Zwischen Figuren mit „echten“ Schlüssel-Rollen und Figuren mit „falschen“ ENT-Schließungs oder Offenbarungshalluzinationen.

Dumm nur, wenn solches Suchen nach Verborgenheiten und Verschwörungstheorie auf Orte übergreift, wo es nichts Verborgenes gibt. Wo alles offen daliegt. Wie zum Beispiel hier bei der Mona Lisa.

Die Wahrheit liegt wie Öl auf dem Wasser. Oder eben wie das Öl auf dem Gemälde. Geheimgehalten wird hier nichts. Verschwörung liegt nicht vor. Alles steht ganz offen, un-heimlich so da, wie es sich zeigt.

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Die Geheimnislosigkeit ist es, die diese Landschaft gewordene Frau so un-heimlich macht. Da liegt überhaupt kein einziges Rätsel in diesem Bild.
Vorne Frau groß. Hinten Landschaft perspektivisch fliehend. Unten eine Morgendämmerung der Hände.  Oben das helle Antlitz, dessen Licht von unten aus dem dämmernden Grund des Bildes zur Stirn hin aufgegangen ist.
Ihre unten aufglimmenden Hände sind nach oben hin aufgegangen zum Gestirn, zum Begriff, zu Geschichten, zum Ge-Sicht.
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Ganz offen da liegen ihre Hände, ganz ruhig da, in Normalverteilung  klar vor unseren Augen. Aber all das liegt nicht nur vor Augen,
es liegt auch  – in einer Landschaft – und hat mit dieser innehaltend ein Verhalten im Verhältnis.

Die Frau also hat im Verhältnis ein Verhalten. Aber mit wem? Wer hält sie?
Was hält sie? Mit wem oder was hält sie – inne? Mit einer Landschaft?
Wie soll man das bewerten mit heutigen genderpolitischen Ambitionen dieses….Verhältnis…zur Landschaft?
Wir haben vor allem ein Verhältnis mit uns selbst, zu anderen Menschen – und wenn es hochkommt  – noch zu einem Land.

Aber was heißt es, ein Verhältnis zur Landschaft haben?

Google, das Wort,  auf einen Zahlenbegriff soll es verweisen für eine Riesenzahl, grenzend  an ein Unendliches. Beim Googlen also im Suchbegriff der „Mona Lisa“  findet „sich“  die Bilder-Auswahl als eine kleine Mentalitätsgeschichte der Deformation. Richtig eingesetzt ergibt die Suche ein anthropologisches Forschungsgerät zur Geschichte des Sehens.
Statistisch zeigen die algorhythmisch ausgegebenen Bildergebnisse „Mona Lisa“ in der Google-Versuchungs-Maschine entweder überwiegend ein Close-up vom Gesichts-Nahbereich der Mona Lisa, oder man erhält ganz viele Karrikaturen und visuelle Verformungen des Motivs als Verballhornungen der Figur.
La Gioconda – „die Heitere“ – oder „die Tröstende“?
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Heiterkeit allein hatte offenbar nicht mehr genügt oder überzeugt in den letzten Hundert Jahren. Immer stärker dagegen wuchs es an, das Bedürfnis, der Heiterkeit des Gemäldes noch etwas anzukritzeln: Ein Schnurrbarrt, eine Brille, eine längere Tabakspfeife etc…
Ein Jahrhundert zeigt sich, in dem allmählich verloren gegangen war das Empfinden für den Gemütszustand der Heiterkeit.
Surrogate traten an Ihre Stelle, die günstiger und billiger zu habende Witzigkeit (Witzischkeit) Hinz-und Kunz-Ironie, Lustigkeit (Lustischkeit) oder eine Art von schiefmündischem Grinsen in Dauerfalschheit.
Proportional – im Verhältnis –  dazu –  ging  ebenso verloren ein Empfinden für den Gemütszustand Melancholie. Man weiß nicht mehr, was das ist, Melancholie.
So wird die Melancholie nur noch verwechselt oder ersetzt  mit Volkskrankeiten wie Depression oder Burnout, während die Heiterkeit allzuoft missinterpretiert wird als die graue Putzmunterkeit eines geistig und mental verödeten Vitalismus.
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Aber Heiterkeit? Deshalb darf man heute fragen: Wie ist jemand innerlich organisiert, der, zum Beispiel wie George Steiner 2008, auf die Idee kommt, einem Buch den Titel zu geben: „Warum Denken traurig macht?“ Wie ist es mit dem Intellekt von jemandem bestellt, der das Denken als traurigmachend denunziert?  Und wie ist mit der Heiterkeit desjenigen bestellt, der der Mona Lisa ein Oberlippenbärtchen anmalt?

Warum wurde das Ge-mählde so oft vom  „Gesichts-Punkt“  des Gesichts her karikiert und nicht vom „Gesichtspunkt“  der Landschaft?

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Na gut, geschenkt, nicht so wichtig. Was den Kosmosphen hier interessiert, ist die „fernste Nähe“, die sich aus der Behandlung der Zentralperspektive ergibt und aus dem offensichtlichen Zusammenhang der Körperhaltung und Kleidung der Frau in Stoffen, Farben und Linien mit den geswundenen und fliehenden Wegen, Bergen und Seen der dahinter liegenden Landschaft.
Ebenso wie die Frage, ob es beim Thema Zentralperspektive noch etwas zu sagen oder zu denken gibt, dass noch nicht gesagt wurde. Findet sich hier im Bekannten ein Noch-Nicht-Erkanntes?

Zentralperspektive: Leonardo am Flachbildschirm.

Der Vorteil eines Gemä(h)ldes gegenüber einem einfachen Bild: Es zeigt eine Vermä(h)lung.  Ein kleiner Wasserfall stürzt über ihre vordere Schulter, dessen Strom im Dunkel der Schlucht Ihrer Arme verschwindet und dann im Hintergrund als fließender Feld-Weg in der Ferne wieder auftaucht und bald auch wieder abfließt – hinein in eine See.
Das ist ihr sehender Weg: Eine um sie herumstürzend herkommende Herkunft und ihr zukommmende Zukunft.
Die Mona Lisa ist – aus ihrem Rücken in ihr Bild gekommen, so, wie man in eine Frage kommt. Die Frau hat zwar Vergangenheit, aber wer das Bild zum ersten Mal sieht, für den kommt die Mona Lisa aus der persönlichen Zukunft.
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Die Lexikas fragen nach der personalen Identität der Figur. Mittlerweile sehr auffällig in der Rezeptionsgeschichte des Bildes steht die Frage nach dem „Wer?“ Wer war die Frau? Gab es sie wirklich? Kennt man ihre „Identität“? Wie war ihr richtiger Name? Hatte Sie vielleicht irgendeine Krankheit? Warum lächelt sie so eigenartig? Sind Ihre Hände geschwollen? Warum guckt sie so komisch? Litt Sie vielleicht an einer Stoffwechselkrankheit oder an einer Gesichtslähmung? Ist es überhaupt eine Frau? Kauft sie bei Amazon ein, oder bestellt sie ihre Klamotten bei Zalando?

Ganz wichtig offenbar war es dem letzten Jahrhundert, diese…. Frau in ihrer Landschaft…. erkennungsdienstlich zu behandeln. Zu gerne möchte man sie   aus ihrer Landschaft herauslösen und an eine erkennungsdienstliche Individualität nageln: Lisa Giocondo… oder Lisa di Noldo Gherardini?
Geboren am… wohnhaft in… verheiratet mit… sozialversichert seit…berufstätig….nimmt gerade das Erziehungsjahr oder auch nicht….
…so, als wäre sie eine illegale Einwanderin oder eine staatenlose Person ohne Personalausweis.

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Sie soll gefälligst staatenhaft werden und mit uns heutigen Wohnungs-und Befindlichkeits-Menschen verheiratet sein, sie soll nicht vermählt bleiben mit ihrer Landschaft. Sie hat gefälligst zu kooperieren mit unserem Wer-bist-Du-Was-machst-du-Wo wohnst du-und-Wie-fühlst-du-dich-Erkennungsdienst.  Sie darf uns verdammt noch mal nicht aus so weit entrückter Ferne so dermaßen zu nahe treten! Wo ist mein Leitzordner, mein Einwohnermeldeamt, mein Stempelkarussel?

So bemüht sich die Forschung seit Jahren dringend, sehr dringend, allzu dringlich, um den Beweis, dass dieser Mensch auf dem Bild da, diese Menschin ja, tatsächlich einen Personalausweis vorweisen kann und zu uns gehört. Ja…sie hat einen Ausweis…eine Zeit lang glaubte man sicher sein zu können, wer die Person war…noch einmal Glück gehabt. Große Erleichterung. Wer hätte das gedacht. Sie ist keine Illegale, keine Sozialschmarotzerin, sondern wahrscheinlich aus identifizierbarem Hause.

Sie aber zeigt die „kalte Schulter“,  die von einem um sie herumstürzenden Wasserfall gekühlt wird. Ein Gemälde mit Wasserkühlung, ein Hochleistungscomputer.

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Dann kippte die Stimmung, und man war sich plötzlich doch wieder nicht so sicher, wen oder was das Bild nun eigentlich zeigt.
Wer mit Nachschlagewerken hantiert, muss diese Nachschlagewerke  immer mit einem Doppelblick für Symptome lesen und erfassen. Jedes Lexikon lässt sich doppelt lesen im Silberblick. Einmal als Nachschlagewerk für Fakten und dann noch einmal als Indiz für die Psychosphäre einer Epoche.
Wonach wird am dringlichsten gefragt? Was liegt am dringlichsten im Interesses der Enzyklopädie? Was gilt gerade als überhaupt nicht befragenswert? Oder in welcher Priorität und Gewichtung werden die Fakten präsentiert? Man darf natürlich auch Lexikas nicht einfach so – lesen – nach Fakten starrend
Die Psychosphäre einer Enzyklopädie-Generation erfasst man, in dem man darauf achtet: Wo liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der Enzyklopädisten. Welchen Fragen wird nachgegangen?
Was wird hier als mitteilenswert, relevant, erfoschenswert und als wichtig erachtet? Und was nicht.
Und natürlich, wie nicht anders zu erwarten, beschäftigt sich Wikipedia als aller Erstes mit dem individuellen Personalausweis des hier gemalten Menschen.

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Habe ich gerade Mensch gesagt? Fragst du nach dem Menschen oder der Fiktion der Mona Lisa oder fragst du nach der Monna Donna, der Frau aus Fleisch und Blut?  Bist Du an Körpern interessiert oder an Verhältnissen, Proportionen und  Ideen ? War das feministisch oder genderpolitisch korrekt?  Hätte ich nicht lieber sagen sollen Frau oder Frau/in ? Oder habe ich mich gerade als asexuelles und sinnenfernes Neutrum geoutet, dem der Arsch und die Titten der Frau Mona Lisa egal sind? Ein noch schlimmeres Vergehen, aufpassen muss man…

Aber – Gott sei Dank – sie kann ja ganz zugleich sein Mensch und Frau. Eine Menschin. Geschichte einer Kern-Spaltung der Mentalitäten: Frage nach dem Geschauten, dem Menschen, dem Wesentlichen und du bist der Gnostiker, der Protestant, der predigende Spielverderber, der schmallippige und unsinnliche Kuttenträger, Mönch und Mystiker. Eine Nonnen-Kapuze sind ihre Haare für den Spielverderber. Frage nach dem Fleisch und Blut der Mona Lisa und du bist der ganze Kerl, der Konkret-Nehmer als Nichtsogenau-Nehmer, der Lebemensch, der Sinnenfreund, der Gaukler etc…

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Bild-Hintergrund: Der sinnenferne Mönch und Kuttenträger, der nach dem Wesentlichen fragt, der humorlos predigende Jesuit, Asket und Ottonormalprotestant. Bild-Vordergrund: Der gaukelnde Lebemensch und Nichtsogenaunehmer. Der schalkhafte Theatraliker, Spieler und Ottonormalkatholik.

Die beiden europäischen Haupt-Motive der Welt-Sicht-Kern-Spaltung sind seit 50 Jahren, genau genommen seit Einstein, verdampft und haben fertig. Flasche leer. Es lässt sich kein dialogischer Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Polen der Welt-Sicht-Kernspaltung mehr ziehen. Jede Art der Literatur, die nach Einstein diese beiden Pole zwischen Ottonormalkatholik und Ottonormalprotestant immer noch befragt hat, oder als „literarisches Narrativ“ ernst genommen hat, ist dummes Zeug.

Dagegen behauptet sich die Kunst des Naturwissenschaftlers da Vinci: Die beiden  Isotope des radioaktiven Welt-Sichts-Zerfalls haben ihn nie interessiert.
Die Welt-Sicht-Kernspaltung war für ihn (noch) kein Thema wie für uns Heutige mit „unserer (Zentral)-Perspektive“ einer schwerverletzten europäischen Geschichte.

Das wäre unser Blick, unser Gesicht auf diesem Bild.

Die kerngespaltene und radioaktive Zerfall der Welt-Sicht zwischen humorlosen Predigern, Mystikern, Wahrheits-Suchern und Kuttenträgern einerseits und den lustigen Gauklern, Künstlern, Nichtsogenaunehmern und Ottonormalkatholiken andererseits macht keinen Sinn mehr bezogen auf die posteinsteinsche Welt –

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Trinity: Die Mona Lisa als Atompilz. Unten die hellen zur Primärexplosion angeschwollenen Hände. Oben der hell aufsteigende Kopf vom Gesicht zum Gestirn, zum Gehirn.

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Aber weil wir nur noch aus unserer heutigen schwerverletzten europäischen Per-Spektive einer Art Welt-Sicht- Kern-Spaltung auf dieses Bild schauen können, erzeugt es seine starke radioaktive Doppelbindung: Steht die Frau aus Fleisch und Blut in ihrem Hier und Jetzt? Oder ist sie eine Menschin im Verhältnis zu den Spuren und Wegen einer Landschaft in Ihrem Rücken, in der PER-SPECTIVE ihres Bild-HinterGRUND?

Einerseits: Gefeiert und gesucht wird die Individualität als Identität. Eine reale Persona nuss die Gioconda gewesen sein, so richtig echt aus Fleisch und Blut, die wirklich existiert hat. Es genügt uns Heutigen nicht allein, dass dieses Gemählde als Ikone unverwechselbar wurde, nein, auch die Frau selbst muss jetzt bekommen eine unverwechselbare Indentität. Mit Melde-Adresse: Lisa della Gioconda oder Lisa di Noldo Gherardini steuernummer… wohnhaft in

Andererseits: Jede „Individualität“ kommt aus einem „Weg im Rücken“, dessen Spur älter und langwieriger vorraus läuft. Die Spur dieses Weges  im Rücken beginnt nicht erst mit seinem Geburtsdatum. Das wäre ihr Verhältnis zur Landschaft.

Wie nomadisch ist die Lisa, die Noma Lisa?

Die heutige scheinbare Schizophrenie:
Als absolut frei interpretiert wird das heutige Individuum und damit herausgeschnitten aus seinem – Verhältnis zur Landschaft –   frei – verfügbar – soll es sein, jedoch herausgeschnitten aus der Fuge seiner Landschaft, den Wegen seiner Herkunft.

Die Passbilder in heutigen  Personalausweisen zeigen im Bild-Hintergrund – keine Landschaft, dafür ein graues Nichts. ENT-FERNT wurde das Individuum  aus seiner Landschaft.  Das landschaftslose Passbild hat das Individuum, wie man so schön sagt: frei-GESTELLT.

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Nur: Ist ein solches absolut ENT-FERNTES Individuum mit Personalausweis und einem Passbild mit grauem Nichts, noch ein ganzer Mensch? So ganz ohne Landschaft?

„Sie möchten also beantragen ein Visum für die Andromeda-Galaxie?  Dann kommen sie ins Konsulat und bringen’S bitte zwei Passbilder mit, die Sie zeigen und ihre Landschaft im Hintergrund .“  (Kosmo-Bürokratie)

Daher das Missverständnis, die Renaissance habe das moderne Individuum erfunden. Hat sie natürlich nicht. Sie hat in ihren besten Momenten den ganzen Menschen sichtbar werden lassen in einem  – Verhältnis –  zu einer Landschaft.
Das moderne, absolut frei-gestellte Individdum, ist eine Halluzination von Rousseau und der französischen Revolution.

Eine vorsichtige Antwort soll an dieser Stelle einmal versucht werden, auf die immer sehr schwerfällig gestellte Philosophenfrage, was den nun eigentlich ein Mensch als Individuum sei und wie es dann mit der Definition seiner Freiheit bestellt ist?

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Das Wort Individuum heißt und meint „Das Unteilbare“. Und das stimmt auch.
Auf was aber bezieht sich die „Unteilbarkeit?“  Tatsächlich ist der Mensch als Individuum un-teilbar (un-trennbar) mit der Spur und dem Weg seiner Her-Kunft verbunden. Er kommt aus einem bestimmten Generationenweg der DAUER in seinem Rücken, seiner Herkunft nach.
Dieser Weg ist der Weg seiner Ahnen und seiner Ähnlichkeit, die ihn auch geprägt haben. Sei es in Kritik an den Ahnen oder in Zuwendung.  Mit dieser generativen Rückbindung nach hinten ist er UN-TEIL-BAR verbunden.
Aber als vernunft- und geistbegabtes Wesen kann er sich ebenso MIT-TEILEN, zum Beispiel über die Sprache, entweder anderen Menschen oder er teilt sich MITT seinem Gemahl oder seiner Gemahlin zu zu einem Gemählde.
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Die Freiheitsgrade seiner MIT-Teilbarkeit eröffnen ihm zugleich Freiheitsgrade der Erkenntnis seiner selbst in Bezug auf seinen unteilbaren Herkunfts-Weg im Rücken.
Je mehr Vergleichsprozesse ich bewusst mit anderen Individuen oder deren Gedanken in MITT-Teilung durchführe, desto mehr schärft sich die Wahrnehmung für das eigene Profil.
Und die Freiheitsgrade seines MIT-Gefühls zu anderen Menschen eröffnen ihm Freiheitsgrade, selbst wenn er stumm, taub oder blind geboren wurde. Weil der Mensch, der im Mit-Gefühl steht, sich allein schon dadurch mit-teilt, dass er ein Mensch unter anderen Menschen ist, die dieses Mit-Gefühl mit ihm teilen.
Mitgefühl ist also ein Mitt-Teilungs-Gefühl und kann insofern allen Menschen unterstellt werden, solange es immer eine statistische Normalverteilung gibt, in denen Menschen mit Mitgefühl zahlenmäßig überwiegen, was optimistischer Weise hier angenommen wird.
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So kann rein statistisch von einer normalverteilten Mehrheit auch für diejenigen gesorgt werden, deren Freiheitsgrade durch Krankheit oder andere Ursachen (Herkünfte oder Unglücksfälle) eingeschränkt sind.

Was man hierbei nur noch beachten sollte: Auch Konflikte, Konkurrenzen, Streit etc…sind Phänomene, die ebenso auf MIT-Teilungen beruhen. Denn ein Streit dreht sich ja immer UM eine gemeinsame Interessens-Achse in der Mitte des Streits. Gäbe es keine solche gemeinsame „um“-strittene Interessensachse, dann hätte der Streit oder der Konflikt seinen archimedischen Punkt verloren. Dann gäbe es keinen Streit, also auch keine MITT-Teilung. So sind denn auch „negative“ Mit-Gefühle wie zum Beispiel Ablehnung oder Wut nichts desto trotz Mitt-Gefühle in einem gravitativen Ungleichgewicht, das darauf hofft, qua Handeln oder eben qua Streit ein Gleichgewicht wieder herzustellen.
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Wenn man um diese Mechanik weiß, kann man de-engagiert, also nichtkatastrophisch streiten, vorrausgesetzt dem anderen ist diese Sachlage ebenso bewusst.

Eine Philosophie zum Individuum (das Unteilbare) hätte also mit-zu-teilen, dass die gegebene UN-TEIL-BARKEIT nach hinten (der unteilbare individuelle Weg der geschichtlichen Herkunft) in diversen Akten der MIT-TEILBARKEIT  zu anderen Menschen peu a peu kompensiert werden kann, wobei sich eine Bewusstseinserweiterung im Hinblick auf die eigenen Existenz einstellt und der PER-SPEKTIV-WINKEL des Bewusstseins sich dadurch erweitert und damit auch der FreiheitsGRAD im Tun und Lassen.  Dieser Weg ist prinzipiell ein Konjunktiv und deshalb gibt es das Wort „Würde“ – das ja ein Konjunktiv von Werden ist. Dieses Werden aber meint den WEG der Herkunft ebenso wie den der Zukunft.

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Je mehr ich über mich selbst weiß oder an Selbsterkenntnis erlange, desto größer wird mein „Spielraum“ in dem ich mich selbst als Marionette dieses UM-mich-selbst-Wissens ausführen kann. Allerdings erfordert dieser Akt der Selbsterkenntnis einen Willen und eine gewisse Beuge-Arbeit, auf die man sich durch Selbstaufmerksamkeit einlassen muss und die einem niemand anderer abnehmen kann. Von allein und einfach so stellt sich der aktiv handelbare und erweiterte Bewusstseins-Perspektiv-winkel nicht ein.

Heidegger befragt nach seinem VERHÄLTNIS zum Seyn, antwortet, Zitat: „…dass das Seyn, bzw die Offenbarkeit des Seyns den Menschen braucht und dass umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, sofern er in der Offenbarkeit des Seyns steht. Damit dürfte die Frage, inwieweit ich nur mit dem Seyn beschäftigt bin und den Menschen vergessen habe, erledigt sein. Man kann nicht nach dem Seyn fragen, ohne nach dem Wesen des Menschen zu fragen.“

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Damit hat er eigentlich das Prinzip des da Vinci formuliert:
Leonardo hat keine Bilder produziert, sondern Gemahl und Gemahlin in einem Gemählde vermählt.
In diesem Falle: Eine Menschin mit einer Landschaft. Die Menschin  – im Verhältnis mit ihrer Landschaft – steht in einer Lichtung des Seyns  – leicht eingedreht da. Sie folgt Ihrem „Spin“, einer Ein-Drehung.
Die Mona Lisa – west an.  Nicht ganz frontal zeigt sie sich, sondern kommt aus einer Zu-Wendung, die einer kleinen Tendenz zur Ab-Wendung zeigt.
Eine Not-Wendigkeit. Eine Drehung. Ihr Körper hat die Tendenz zur „kalten Schulter“.  Die Figur dreht sich von hinten aus einer ENT-fernten, ab-wegigen Dauer in den Blick hinein. Erst mit dieser minimalen Eindrehung/Einwendung von Kopf und Körper bekommt ihre Figur einen Bezug zum RÜCKEN oder zu einer BE-RÜCKUNG. und damit zum  – landschaftlich ab-wegigen –  Hintergrund, der als HinterGRUND mit dem kleinen ebenfalls in sich gewundenen Kleidungs-Wasserfall über ihrer Schulter beginnt und sich im HinterGRUND als gewundener Feldweg fortsetzt.
*

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Der kleine gewundene Feldweg, sichtbar,  jedoch hinter ihrem RÜCKEN, lässt offen, ob sie von dort her-kommt oder ob das nicht ein zu-kommender /zukünftiger Weg sein könnte, vielleicht sogar ein Weg, den man mit der Lisa della Giocond0 gehen kann.

Die bekannten Fragen: Willst Du mit mir gehen?

Willst du mit mir kommen?  Kommen? Bist Du gekommen?
Gekommen ja, aber woher?
Woher kommst du? Aus welcher Landschaft?
Auf welchen Wegen?

Frage am Standesamt: Wollen Sie mit dieser Frau oder diesem Mann auch den kommenden Weg teilen, der sie beide zusammengeführt hat? Wollen Sie gemeinsam herkommen? Von wo? Von wo kommen Sie her? Welche Herkunft?
Hier kommt zusammen, was zusammen ge-HÖRT.?

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Aber seien wir doch mal realistisch. Wie abgrundtief verstiegen, romantisch und geschlechtsneutral muss dieser Leonardo da Vinci eigentlich gewesen sein, um so ein Gemählde zu vermählen?  Die Realität sieht doch ganz anders aus.
Man weiß doch ganz allgemein, wie und zu was sich Ehepaare am Ende wortlos auserzählen und wie viele von ihnen begonnen haben, ohne sich je etwas gesagt zu haben… Der Herr Gemahl und die Frau Gemahlin – wie gemahlt.
Nein, nein…das ist zum Glück nicht immer so, da darf man sprechen viel optimistischer freundlicher und positiver.

Wenn von Realität die Rede ist, dann müsste man sagen, dass wir bis heute vor diesem Gemälde herumhopsen wie die Primaten vor Stanley Kubriks schwarzem Monolithen. Da können wir dem Gemählde, der Gemahlin oder dem Gemahl noch so viele Witzischkeits-Applikationen ankritzeln, den tausendsten Schnurrbart oder die fünfundvierzigste Brille aufsetzen oder den nächsten Joint ins Gesicht stecken – wir bleiben da unten und hopsen und zetern und kreischen – als die felltragende bucklichte Verwandschaft der Monnaconda.

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Kann sein, ein absolut banaler Grund hat dieses Bild so werden lassen, wie es sich jetzt zeigt.  Durchaus möglich, es wurde bereits beauftragt mit der Intention,  die Mona Lisa keinesfalls darzustellen „ungebunden“.
Möglicherweise angewiesen hat der Auftraggeber den da Vinci
„seine Frau“ zu mahlen als vermählt.

Gesagt hat er vielleicht zu Leonardo: Male sie, aber male sie so, dass ihre Haare wirken wie eine Nonnenkapuze. Nicht aufreizen soll sie andere Blicke mit ihrer  Figur. Zeige Sie da seiend, aber mache klar, dass sie „gebunden“  ist.
Stelle heraus ihre Schönheit aber halte alles züchtig im BE-GRIFF.

Ikonische Strenge und Nichtüppigkeit, daraus ergibt sie sich möglicherweise, die ganze Anodnung. Aber  das Gemälde ist deswegen wohl kaum verklemmt.

Noch ein anderer Aspekt betrifft die Alterung und die Nachdunklung. Die Nachdunklung schwächt die Farbkontraste ab und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Geist des Gemäldes.
Auch dieses ein Effekt der DAUER und nicht der Zeit.
Die Mona Lisa gibt einen idealen Vergleichsprozess, wenn es darum geht, zu erkunden, ob jemand im Rahmen seiner Ausdrucksmittel (Schrift, Stift, Pinsel oder Sprache)  etwas sagt. Oder ob er schwafelt. Das Schöne an dem Gemälde ist, das Leonardo da Vinci keine Kunst zeigt, sondern Welt, Kosmos und Natur. Und genau eben deshalb ein Künstler ist.

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Ein anderer „Gesichtspunkt“ der Zentralperspektive betrifft die moderne  Relativitätstheorie und Astrophysik.

Ein Wort mit einer sehr scopischen oder per-spektivischen Kompetenz ist das Wort „ENT-FERNUNG.“

Die heutige Astrophysik geht davon aus  (geht davon aus – schöne Redewendung), dass „weit entfernte Objekte“ eine Größe und eine Masse aufweisen, die unabhängig von der ENT-FERNUNG des Beobachters eine Realität hat.  Sie glaubt, dass zum Beispiel ein Planet eine bestimmte  Größe und eine bestimmte Masse aufweist.
Tatsächlich aber hat er nur eine verhältnismäßige Masse und eine verhältnismäßige Größe im Verhältnis zu seiner ENT-FERNUNG.

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Wenn ein Astrophysiker sagt: „Dieser Planet dort hinten zeigt sich dem bloßen Auge als kleiner Punkt. Aber „in Wirklichkeit“ ist er doch ziemlich groß – dann wäre dem aus Sicht einer zentralperspektivischen Kosmologie zu entgegnen:
„In Wirklichkeit“ – also jetzt und hier  – ist dieser Planet WIRKLICH KLEIN. Aber wenn ich mit GROßEM Aufwand ein großes Teleskop baue und dann hindurchschaue, dann MACHE ich den Planeten größer. Und zwar durch die reale Herstellung einer gebeugten Reflexions-Fläche.
Ebenso MACHE ich den Planeten auch größer, wenn ich zum Beispiel ein Raumschiff baue und hinfliege.

Das interessante an dem Wort ENT-FERNUNG ist seine transitorische Qualität. Ich ENT-STAUBE ein Regal, soll heißen: Ich mache den Staub weg. Oder man sagt: Ich ENT-FERNE die Vogelscheiße von der Schulter meines Sakkos, dann klingt das ENT-FERNEN plötzlich nach enormer Nähe und Er-REICHbarkeit.

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Sind dann die Aussagen der Astrophysiker zur Größe des Jupiters oder zur Größe des Sterns Arcturus falsch? Nein.
Es ent-spricht natürlich der Wa(h)rheit, dass der Jupiter zum Beispiel im VER-HÄLTNIS (Proportion) zur Erde eine ausgezeichnete Größe und Masse hat.

Und es ent-spricht auch der Wa(h)rheit, dass die Sonne  – im Verhältnis – viel größer ist als der Jupiter. Ebenso entspricht es der Wa(h)rheit, dass Arcturus noch einmal – im Verhältnis – viel größer ist als die Sonne.
Denn das alles ent-spricht ja einer Ver-Hältnis-mäßigen Ordnung (Einem Ver-HALTEN) in der Anordnung aller Massepunkte des Sonnensystems und des Universums.
Eine Verhältnismäßigkeit in einem Verhalten, aus der auch der Mensch hervorgegangen ist.

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Falsch wäre es jedoch, zu sagen, die Sonne oder der Jupiter hätten eine absolute Größe und eine absolute Masse, die unabhängig von der ENT-FERNUNG ausgesagt werden kann. Denn: Würden Sonne und Jupiter aufeinanderprallen, könnte man nicht mehr sagen, ob der Zusammenstoß dem Jupiter einen Massezuwachs beschert hat oder der Sonne.
Im Zusammenstoß heben sich die beiden „Objekte“ Sonne und Jupiter auf. Sie haben sich im Zusammenstoß ENT-FERNT.

Hier kann die Zentralperspektive der Renaissance der heutigen Astrophysik/Kosmologie auf die Sprünge helfen: Das Grundprinzip der Zentralperspektive ist ein FLUCHTpunkt, der in einer gedachten Unendlichen die Parallelen zweier Linien in einem BRENNpunkt zusammenführt.

Das entspricht dem alten Witz von den zwei Wanderen, die auf einem Einsenbahn-Schienenstrang laufen, und der eine Wanderer sagt: Da vorne kommen wir nicht mehr durch.

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Das Verrückte daran ist aber jetzt, dass diese „fliehnden Linien“ auf einem FLACHEN Stück Leinwand oder auf einem FLACHEN Stück Pappelholz beim Betrachter den EIN-DRUCK hervorrufen, die Fläche habe eine TIEFE.

Und noch erstaunlicher ist, dass „in Wirklichkeit“ alle Punkte auf der realen stofflichen Fläche des realen Zeichenpapiers gleich weit vom Betrachter ent-fernt sind. Das heißt: Sie sind alle gleich NAH. Die fernste Nähe.

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Wie ist das möglich? Eine Täuschung? Oder ein Tausch?
Der (seriöse) Wissenschaftler würde jetzt sagen: Der perspektivische da Vinci  „täuscht“ den Betrachter, in dem er die Raum-Anodnung in einem WINKEL-Verhältnis zueinander in Beziehung setzt. Sein Papier oder sein Pappelholz bleibt flach. Es hat  – in Wirklichkeit – keine Tiefe, obwohl der Betrachter eine TIEFE wahrnimmt.

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Die Frage allerdings, die sich hier wieder stellt: Was ist eine Täuschung? Wo doch Täuschen auf einen Tausch verweist. Man kann sich die Frage stellen, ob eine perspektivische Zeichnung auf einem Blatt Papier der Wirklichkeit des realen Kosmos viel näher kommt, jedenfalls einem Kosmos, in dem jede SICHT auf ein  Objekt und dessen relative Größe von der WINKEL-ÖFFNUNG eines Teleskops, sprich: von seiner BRENN-WEITE abhängig ist.

(Bezogen auf eine Sanduhr entspricht der WINKEL einem ZEIT-lichen Verhältnis zu einem zentralen Masse-Fluchtpunkt – in diesem Falle: dem schwarzen Loch.)

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Dass ein Objekt als GRÖSSER oder KLEINER wahrgenommen wird, bleibt ja unmittelbar mit der Frage vermählt, ob mein Teleskop einen GRÖSSEREN oder eine KLEINEREN  ÖFFNUNGS-WINKEL hat, der das Licht auffängt und bündelt. Dass ein Objekt größer wird, heißt nichts anderes als: Sein Winkel öffnet sich nach vorn. Oder: Das Objekt –  flieht – fliehend –  auf den Betrachter zu. Wenn das Objekt kleiner wird – dann „verengt“ sich der WINKEL nach hinten.

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Man hat sich oft die Frage gestellt, was Heidegger damit meinte, wenn er sagte: Die Kunst könne womöglich ein Hinweis geben, wie Technik/Wissenschaft und Poetik zusammengehen. Die Antwort lautet: Sie waren ja nie ganz getrennt. Außer natürlich in einer bestimmten Art des Denkens.

Was tut ein Naturwissenschafts-Künstler wie Da Vinci?
Er muss sowohl ein Analytiker sein als auch ein Synthetiker.
Genau so, wie es Adam Müller beschrieben hat. Und das war er auch.
Wie jeder gute Forscher und Wissenschaftler.
Erst, wenn man die Farben und Pigmente im aufmerksamen Studium analytisch, das heißt: wissenschaftlich trennend in diversen Versuchen und Laboranordnungen von einander getrennt betrachtet hat, in Ihrer WIRKUNG analysiert hat, um sie  in EIN-SICHT zu VERSTEHEN erst dann kann er sie auch wieder zu einem Ganzen zusammensetzen, das heißt: Synthetisieren und vermählen zu einer Kunst im Gemählde von Gemahlin und Gemahl.
An dieser Stelle darf man es auch einmal sagen: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Kennen in Er-Erkenntnis.

Was haben Maxwell und Faraday gemacht? Sie haben zunächst die Elektrizität und den Magnetismus getrennt wahrgenommen und analysisert, um dann nach der Analyse in einer Synthese zum Faraday-Maxwellschen Elektromagnetismus zu gelangen. Analyse – Synthese.

Was hatte vor ihnen Newton getan?  Er hat das Licht am Prisma zunächst analytisch auseinander genommen. Aber warum hat er es durch eine enge Lochblende geschickt und überdies in einer „dunklen Kammer“ analysiert ? (Wofür ihn Goethe so sehr gehasst hat.)

Nicht deshalb, wie Goethe gezetert hat, um das Licht labormäßig  in scientistischer Isolation un-an-schaulich auseinanderzunehmen, sondern deshalb, weil Newton – im Gegensatz zu Goethe – ein Denker und Ver-Dichter war, der sehr gut wusste, dass seit der Renaissance das Licht und seine Strahlengänge immer nur durch einen Öffnungs-WINKELl, das heißt mit einer Lochblende in einer schwarzen Kammer, die unserer schwarzen Pupille gleicht in den FOCUS einer Einsicht gerät. Wer etwas über die Natur des Lichts erfahren möchte, muss sich also zunächst ins Dunkle begeben.

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Denn die Loch-Blende entsprich ja dem STERN am schwarzen Himmel. Schon in diesem Vorgehen bewies Newton einen SYNTHETISCHEN Instinkt, weil er bewusst oder unbewusst richtiger Weise davon ausging, dass Licht zunächst einmal von einer Quelle mit räumlich begrenzten Umfang, nämlich dem Stern abgestrahlt wird.
Damit war Newtons Vorgehensweise zugleich die kosmologisch realistischere als auch die „stimmigere“ Art der Natur-Wahrnehmung.
Selbstverständlich war Newtons Vorgehensweise kosmologisch genauer und damit  bereits ein künsterischer Akt.

Newton und Maxwell/Faraday waren – ebenso wie da Vinci – Wissenschaftler und Künstler, Auseinandernehmer und Zusammensetzer, Analytiker und Synthetiker.

Erst, nachdem da Vinci  und seine Vorgänger die Anatomie von Linien und Flächen und das „Sehen“ wissenschaftlich analytisch auseinander genommen hatten, erst dann konnte er sie wieder – verstehend –  zu einem (künsterischen) Ge-mählde vermählen.
Zusammengefasst heißt das nichts anderes als:
Ein Mensch ist der, der be-GREIFT, womit er es zu tun hat.

Wer die Mona Lisa stiehlt, hinterlässt die un-heimlichste Spur, die man sich denken kann: Den weißen Schatten, ein heller Fleck auf einer flachen Wand.

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Im Bauchgefühl des Trojanischen Pferdes

Der Sodium-Laser, der die Schärfe hütet:

Muss Technik selbst polemisch sein? – fragt sich mein Ineinander.
Wozu Polemik? Brauchst Du immer dein Dagegen?

Wer die Schärfe hüten will, muss sich bewegen –  sage ich.
Die Schärfe hüten, heißt: Wachen im Flimmern, im Zittern, im Hauch
das Auge führen, das nicht schläft, es sieht den Bauch…

…des hölzernen Pferdes?

Es hat ein Bauchgefühl?

Unterbrich nicht, du alter Kalau.

Ein Baumgefühl, der Buchen wegen!

Ein Raumgefühl im Buchstabenregen…

War dieses Pferd gebaut aus Buchen?

Nein, doch dieses wissen wir : Sein Holz kommt vom Papier.

Zurück zum Sodium-Laser – was bedeutet ihm: Der Beam…?

Die Schärfe hüten heißt, den Dunst im Abgleich auszuschalten!

Nein, die Schärfe hüten heißt: Die Luft im Flimmern zu gestalten!

Den Stern verwalten – in der Thermik, die ihm weht.

Er ist kein starrer Star, er funkelt, flimmert – ist doch klar.

Adaptive Optik nennt sich das. Wachheit des Spiegels, Fackeln im Glas.

Flimmern im Gas.

Die Luftschichten mitsichten,
das Flimmern und Funkeln verlichten…
Der Abgleich – in der Sache inter e s s i e r t.

Die Thermik teilt sich – mit.

Ganz genau – nur dann ist man exakt.

Was soll daran polemisch sein?

Der Sodium-Laser gibt den Leitstern, bewegt wird der in Thermik,
nimmt das Flimmern mit und schickt’s dem Untergrund des Teleskops.
Ein zweiter Spiegel, halbdurchlässig, nimmt das Flackern auf
und fackelt selbst auf tausend Stempeln, die ihn heben, senken und – ad-hoc
regiert er – mit.

Mitwipper und Mitwisser einer Luft, die eine Stimme hat, die Wiege ist.

Nur deshalb wird das Bild dann klar.

Nicht starr, nicht starr, doch klar!

Sag ich doch…

Der Sodium-Laser, der die Schärfe hütet.
gibt den Leitstern für das Teleskop.

Stimmt es ein.

Aber mitflackernd….

…ja…ja…ja

Die fackelnden Prozesse, erfasst mit dieser Stimme,
nehmen uns die Sprache ab.

Dann…dann.. dann….?

Was dann? Ein Stimmern?

Nein, dann haben wir die Fackel verloren, äh..ich meine die Stimmer, die Sprache..

Dann gibt’s keine Metapher mehr. Für immer.

Wenn das trojanische Pferd aufplatzt

…dann hat’s sich ausmetaphert.

Das Platzen schafft den Platz.

Sollen wir drin bleiben?

Dienst an der Klarheit?

Sodium-Laser, adaptive Optik, Polemik der Technik.

Das Hüten der Schärfe geht –

mit dem leisesten Bauch.

Es ist so dunkel hier drinnen.

Halt die Klappe

auf.

Wie jeder Ton sich hebt und senkt in seiner Kehle, so wiegt ein Stern sich jeder Seele auf und ab. Kein Meer ist glatt, kein Segel platt, kein Sturmwind hängt ganz gerade. Der Mast ist Baum, das Holz ist Raum, das Schiff kennt sein Gestade. Pferde schnaufen in den Planken, der Boden bäumt sich in den Flanken – Troja – heißt die Stadt.

Diese Lyrik kommt mir hölzern vor.

Dann geh‘  jetzt los und öffne das Tor.

roots of the blues: Physik des Fragens


Novalis und Uwe Greßmann gewidmet, den wenigen echten Dichtern unter den hunderttausend Dichter-Imitaten.

Zum Schönen des philosophischen Fragens an die Natur ge(hört), dass der Fragesteller sich selbst immer als – in die Frage kommender – begreift,  dem die Frage (von vor_ her) zukommt.  Er hat mit seinen Fragen  „zu tun“ – noch bevor er sie als Frage be-greift. Novalis war ein Dichteringenieur, weil er etwas vom Bergbau verstand und demzufolge nicht nur über den Bergbau redete. Demzufolge verstand er auch etwas von Dichtung und redete nicht nur über Dichtung.

Das philosophische Fragen an die Natur, das zugleich ein dichterisches Fragen ist, kennt eine Art Handwerk des Fragens.

Wenn der Philosoph-Dichter-Ingenieur eine „Wie“- Frage stellt, – „Wie funktioniert das?“ –

– dann ist in dem WIE bereits ein Vergleichsprozess mit eingeschleift.  WIE funktioniert das? – fragt ebenso der Wissenschaftler und der Ingenieur.  So bleibt eine WIE-Frage an die Natur durchaus  eine philosophische Frage.  Jeder Ingenieur und Wissenschaftler ist, ob freiwillig oder unfreiwillig ein Philosoph, wenn er eine WIE-Frage stellt.

WIE? meint einen Vergleich zum „Funktioniert das WIE dieses oder jenes?“

WIE funktioniert das?- setzt also als WIE-Frage etwas voraus, mit dem man etwas vergleichen kann.

Dreht sich ein Rad (so) ähnlich WIE dieses oder jenes? WIE (so) dreht sich das Rad? Es dreht sich (so) ähnlich WIE…

WIE funktioniert das?

WIE macht als Frage einen SINN, wenn ich etwas habe, mit dem ich es vergleichen kann: WIE funktioniert das? – meint immer schon: Funktioniert es etwa (so) ähnlich WIE dieses oder jenes?

Daraus folgt: Es kann gar keine einsame WIE-Frage nach Funktion geben, die dem Fragesteller aus dem Nichts heraus zufliegt. Das WIE in einer WIE – Frage beinhaltet immer schon einen Teil der Antwort als Teil eines Ver-Gleichs-Prozesses.

Schon die Frage wird ge-geben. WIE-BITTE? geht denn das jetzt?

Daran kann man sehen, dass alle WIE-Fragen zunächst immer an die Natur gestellt werden und nicht an die Formalie von Texten.

(Der Stumpfsinn und der Schwachsinn aller Textkritik und Literaturkritik  ergibt sich aus einem Mißverstehen der WIE-Frage.
Die abgestumpfte und verblödete Form der WIE-Frage an einen Text begnügt sich im Vergleichen von Formen mit Formen. WIE schreibt er? WIE setzt er das Versmaß? WIE behandelt er die Hebungen und Senkungen?  WIE setzt er die Vokale. WIE handelt er seine Metaphern?

Daraus ergibt  sich dann die Kitschkultur der formalen Exegese, die nur noch Formen mit Formen vergleicht und den eigentlichen Hintergrund (Kosmos, Natur) einer echten WIE-Frage stumpf macht und schließlich abtötet.

Dann entsteht Lyrizitäts-Lyrik und Literarizitäts-Literatur als künstliches und wurzelloses Gebilde, die ähnlich wie superkünstlich gezogene Fabrik-Tomaten kein Aroma mehr haben, keinen echten Boden mehr durchschmecken lassen und keine echte Heimat. Eine Heimat, die der Kosmos ist.  Diese Situation  beschreibt dann die Hölle der „Kennerschaft“ – in der „Kenner-Künstler“ für „Kunst-Kenner“  Künstlichkeits-Kitsch produzieren.

Höhepunkt des Stumpfsinns der verblödeten WIE-Fragerei vergleicht schließlich nur noch Namen mit Namen.
„Dieses schreibt er WIE Goethe. Jenes schreibt er WIE Beckett. Anderes schreibt er WIE Schnitzler. Hier spintisiert er WIE Borges. Dort alegorisiert er WIE Proust. Hier träumt er WIE Novalis…etc…“

Das ist schweres Nervengift für Kultur. Damit bekommt man „Kenner-Orden“ als Mitredner aber man bekommt kein Denken, kein Dichten und auch keinen Menschen.

(Der Weinkenner ist meistens jemand, der den Wein eigentlich nicht kennt.)

***

Eine WAS-Frage im Sinne von: Was ist das? oder: Was funktioniert hier? oder auch „Was ist los? -Was ist lose? “ –  meint als Frage die offenste und zugleich verwunderlichteste Grammatik, weil hier die WAS-Frage – ein DAS immer schon mit einschließt, DAS zunächst mal nur eine Vermeldung von Gegenwärtigkeit im Gehör ausfragt, aber ohne jede Historie. – WAS?

– fragt immer in der Überraschung des Auf-Hörens oder des Auf-Horchens – WAS? What happens?

Das Auf-Hören. Hör auf.  Auf WAS?
Auf was soll ich hören?

ETWAS?  ETWA?  ET WAS?   UND WAS?

Die- Was-Frage besetzt ein starkes Gegenwärtigkeits-Feld des JETZT.
WAS JETZT? Und meint den ersten Impuls von Wahrnehmung.

Schließlich fragt man: WARUM funktioniert das? In einer Warum-Frage ist immer schon, halb-unausgesprochen ein Bezug zur Kausalität und damit zur zeitlichen Dauer gesetzt. Warum meint immer: Aus welchem Grund? Aus welcher Be-GRÜNDUNG heraus funktioniert etwas. Wo dreht die U(h)r-Sache für…und schließlich meint eine Warum-Frage immer: Aus welchem VOR-HER heraus funktioniert dieses oder jenes in sein NACH-HER hinein.

Eine erweiterte und anspruchsvollere Funktion des Fragens fragt sehr konkret nach der Involvierung des Fragestellers. Dieses Frage lautet deshalb:

Warum zeigt SICH mir dieses oder jenes? Warum ZEIGT sich MIR dieses und jenes?

In welcher Haltung VER-HALTE ich mich gerade? Dass SICH MIR dieses oder jenes ZEIGT. Welches VER-HÄLTNIS hält mein VER-Halten gerade INNE? Warum zeigt „ES SICH“ ?

Beim Ranque-Hilsch-Wirbelrohr, das nichts mit irgendeinem Maxwell-Dämon zu tun hat, könnte man also zunächst fragen – WIE- funktioniert das? Die philosophische Frage fragt nach einem Vergleich.

Funktioniert es WIE…?

Wie was?

Es genügt eigentlich völlig, sich hier klarzumachen, dass im Wirbelrohr ein
Winkel-Verhältnis wirkt.

Ein Luftstrom wird tangential, sozusagen im „rechten“- „richtenden“ Winkel eingeblasen und DREHT dann in eine Wärmearbeit der Kühlungshandlung hinein.
Es wird hier ein GRAD-Unterschied in der Temperatur erreicht mittels eines tangentialen Winkel-GRAD-Verhältnisses.

Woran erinnert mich das??

… wenn man sich klar macht, dass bereits jede Denkleistung, auch die mathematische, immer in einem Durchfluss in einem Ge-denken des Durchfließens operiert.)

Deshalb kann man an dieser Stelle auch einmal sagen, warum Temperatur eigentlich ist.

Temperatur ist ein UNTER-Schied. Eine Differenz. Eine Differenz aber kann immer nur im Unter-Schied zu ETWAS angegeben werden.

Da kein Mathematiker und auch kein Physiker oder irgendein Rechner im Universum starr und steif dasteht, ohne Temperatur,  ist auch Mathematik und die Arithmetik immer nur ein Ver-HÄLTNIS im INNE-Halten eines Ver-Haltens.  Selbstadjustiert.

Die Zahl Pi beschreibt keinen geschlossenen Kreis.

Sie beschreibt ein VER-HÄLTNIS in einem VERHALTEN zwischen Umfang und Durchmesser einer WENDUNG UND DREHUNG.  Sie ist immer unabhängig von der Größe des Kreises „die Selbe“.  SELBST-ADJUSTIERT.

Die selbe Zahl PI muss aber nicht unbedingt „die gleiche“ Zahl PI sein.

Wenn PI aber unabhängig von der Größe des Kreises ist, dann ist klar, dass alle Mathematik ein VER-HALTEN im Ver-Hältnis meint und keine starre oder steife Geometrie.

Die Mathematik be-GREIFT, womit sie es zu TUN hat.

Die wohlfeile Identifikation von Rationalität mit „Kälte“  –
(zum Beispiel Nietzsches kleinfritzchenhafte Behauptung, Parmenides sei ein kalter Denker gewesen…war es in Griechenland etwa kalt??) –

– ebenso die unbedachte Gleichsetzung von Gefühlen mit „Wärme“  –
– die kleinfritzchenhafte Gleichsetzung von Kunst mit „Intuition und Schönheit“
– bei gleichzeitiger Denunziation von „Wissenschaft und Forschung“ als „kühle Funktion“

dürfte sich hiermit erledigt haben.

( Für die Kosmologie: Wenn Temperatur ein „Verhältnis“ (Verhalten) in einem bewegten Universum ist, dann muss man sich die Frage stellen, ob weit entfernte Objekte tatsächlich im „gleichen“ Ver-Hältnis zu betrachten sind oder im „selben Ver-Hältnis“ zum  Betrachter.  Also kann man die Frage danach stellen, was „nah“ und „fern“ ist oder auch „groß“ und „klein“. Außerdem sollte man beachten in welchem Temperatur-VER-HALTEN ein in-formiert Betrachtender sich zu einem schwarzen Loch verhält. Also was bedeutet die Winkelstellung eines Betrachters zur Akkretionsscheibe eines Schwarzen Lochs. Was bedeutet das im evolutionären DAUERN seines Evolulutions-Zeit-Raums?)

Roots of the Blues…laut zu hören auf einer guten Anlage…
Andrew Wyeth – einer von den wenigen Malern des 20. Jahrhunderts, die tatsächlich auch Künstler waren
*

Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

ZUR ROLLE DER ÄSTHETIK IN DEN MATHEMATISCHEN NATURWISSENSCHAFTEN AM BEISPIEL DES MAXWELL-FARADAYSCHEN ELEKTROMAGNETISMUS

Erstes Gespräch: Hochtechnologie – über das Risiko moderne
Kathedralen zu bauen.

„The mathematicians and the physics men have their mythologie; they work alongside the truth never touching it; equations are false but things work.“
-Robinson Jeffers –


Eigentlich wollte ich hier nur ein Buch rezensieren. Das Buch heißt:

Eine Geschichte des Glasperlenspiels. Irreversibilität in der Physik. Irritationen und Folgen. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1990.

Aber ein durchaus nicht zufälliger Umstand gab mir Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Autor des Buches. Mit einem Raumfahrt-Ingenieur und Autor, der sich in Gefilden der Hochtechnologie ebenso auskennt wie in höhermathematischen Regionen der Wissenschaft – und hier mit einer exzellent ausgeprägten Kompetenz für die methodischen Basics  theoretischer und praktischer Physik  aufwarten kann.

Zwischenmeldung:
Zu diesem Buch gibt es eine aktuelle Anekdote, die ich kurz erwähnen möchte: AMAZON bewirbt ab Mitte 2010 die neuen Bücher der zwei Spitzenphysiker Stephen Hawking und Leonard Susskind. SH ist Astrophysiker & Kosmologe („Die Randbedingung des Universums besteht darin, das es keinen Rand hat.“), LS sieht sich als Kosmologe („Black Hole Information Paradox“) und ist einer der Gründer der Stringtheorie. Beide Autoren führen über ihre Bücher eine heftige Kontroverse („Krieg“) um Sinn & Unsinn der Schwarzen Löcher. Im Zentrum steht dabei die Rolle der ENTROPIE.
AMAZON wendet sich nun mit der Kaufempfehlung für Susskinds Buch explizit an jene Leser, die Straubs ‚Geschichte des Glasperlenspiels’ (GPS) gekauft haben. Diese Begründung ist schon deshalb erstaunlich, weil das GPS seit mehr als zehn Jahren vergriffen ist, und antiquarisch inzwischen teilweise astronomische Preise erzielt. Absurd wird sie indes für jene Leser, die das GPS nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben. Ihnen wurde gewiss schnell klar, dass der Autor eher zu jenen Kritikern gehört, der die Theorien von SH und LS gleichermaßen zurückweisen würde. Er würde beiden zweifellos bescheinigen, ein ‚Glasperlenspiel’ reinsten Wassers eher im Stil scholastischer Spekulation zu zelebrieren als eine in der Tradition Kants an experimentell fundierter Wissenschaftlichkeit orientierte Kontroverse zu führen. Dafür spricht auch SH’s lapidare Bestätigung Nietzsches ‚Gott ist tot’. Konkreter wird LS; er bescheinigt dem Wiener Kardinalerzbischof Christoph Schönborn in Bezug auf das von ihm vehement vertretene »string-landscape-concept« den richtigen Blick für die ‚Ironic Science’: *There is evident irony in the fact that the cardinal seems to grasp the issue much better than some physicists.*

Die Generalüberschrift des vorliegenden Interviews deutet bereits an, dass ich auf die durch AMAZON angestoßene Problematik später zurückkommen möchte, zumal der Autor des GPS mit guten Gründen zur Skepsis oder auch Kritik gegenüber diesen Glasperlenspielen aufwarten kann.

Kurz vorab: Es darf ausnahmsweise eine kleine Lese-Anleitung gegeben werden. Der Text kommt nicht sofort auf die angekündigte Thematik seiner Hauptüberschriften. Warum das notwendigerweise so ist, wird sich dem Leser später erschließen. Zudem werden im nachfolgenden Interview immer wieder „schwierige Passagen“ durchwandert, die nicht weiter vereinfacht werden konnten, ohne dabei den Anspruch auf Seriosität und Integrität des Gesprächspartners zu beschädigen.
Deshalb empfehle ich dem geneigten Leser, hier den lesenden Blick ab und zu auch auf „weit“ zu stellen und mit einem „unscharfen Blick“ zu lesen, wie in einer Text-Landschaft, in der er bestimmte Passagen gegebenenfalls zunächst umgeht und vielleicht später noch einmal aufsucht.

  • Universitätsprofessor Dr. Dieter Straub, geboren 1934, war von 1974 bis zu seiner Emeritierung Ende 1999 Ordentlicher Professor für Thermodynamik sowie Wärme- & Stoffübertragung an der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik der Universität der Bundeswehr München (UniBwM).
  • Als Diplomingenieur promovierte er 1964 mit der »Theorie eines allgemeinen Korrespondenzprinzips der thermischen Eigenschaften fluider Stoffe« zum Doktoringenieur an der Universität Karlsruhe (TU) beim “Kälte-Papst” Professor Rudolf Plank, sowie bei Prof. Kurt Nesselmann.
  • An der Universität Karlsruhe (TU) Fridericiana habilitierte er 1971 mit »exakten Gleichungen für die Transportkoeffizienten eines Fünfkomponenten-Gemisches als Modell dissoziierter Luft in Re-entry-Strömungen«.
  • Von 1971 bis zu seiner Berufung an die neu gegründete Hochschule/ Universität der Bundeswehr München war er Privatdozent für Theoretische Thermodynamik & Gaskinetik an der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik der Universität Karlsruhe (TU).
  • Dr. Straub bildete zusammen mit Kollegen aus Mathematik, Numerik und Physik die erste bundesdeutsche Arbeitsgemeinschaft für Grenzschichtprozesse in Hyperschall- Plasmaströmungen.
  • Das Hauptprojekt der AG betraf die thermodynamischen Prozesse beim Wiedereintritt von Raumflugkörpern in die Atmosphäre (Rückkehr-Technologie). Nach erfolgreichem Abschluss des Projekts begann Dr. Straub 1971 sein außeruniversitäres Berufleben im Umfeld des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT). In der im Auftrag des BMFT tätigen ›Gesellschaft für Weltraumforschung (GfW)‹ in Bad Godesberg arbeitete er unter anderem als Fachgruppenleiter für Aerodynamik, Flugmechanik, Thermodynamik.
  • Schon 1972 wechselte er zur Hauptabteilung Space Technology der (ehemals) Deutschen Versuchsanstalt für Luft- & Raumfahrt (DFVLR – heute DLR) – in Bonn/Porz-Wahn. Dort initiierte und leitete Dr. Straub im Rahmen des Raumfahrt-Basisprogramms der Bundesregierung die ›Arbeitsgemeinschaft RÜCKKEHRTECHNOLOGIE (ART)‹. Die ART realisierte den ersten Zusammenschluss der deutschen Kapazitäten in Industrie, Großforschungsanstalten und Universitäten in einem Mehrjahresprogramm zur Grundlagenforschung für die Rückkehrtechnologie (in nationaler Verantwortung und internationaler Kooperation).
  • Nach Auskunft von Prof. Straub wurde das ART-Programm wegen seiner Erfolge auf Druck der NASA und der französischen Regierung gegen Ende der 80er Jahre eingestellt. Deren Motiv waren die raschen Fortschritte in der systematischen ART-Grundlagenforschung bei gleichzeitig drohender langjähriger Stagnation der unterfinanzierten US-Basisforschung in bemannter Raumfahrt zugunsten des laufenden Space-Shuttle-Technologie-Projekts und der damit verbundenen Missionen. Und die agilen Franzosen? Sie hofften durch den Stopp des ART-Programms, ihren damaligen technologischen Rückstand verringern zu können, um dann die Führungsrolle in einem geplanten europäischen ART-Nachfolgeprojekt zu übernehmen – ein Ziel, das sie dann einige Jahre später zwischen 1985 und 1992 mit dem letztlich erfolglosen Programm »(bemannter) Raumgleiter Hermes« der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) erreichten.
  • Als einziger Europäer war Prof. Straub vom BMFT – auf dringende Bitten des Marshall Space Flight Center (MSFC), Huntsville, Ala – zur Sonderkonferenz der NASA im Februar 1985 in Huntsville als Fachberater für Thermodynamik abgeordnet – betreffend alle verfügbaren und vor allem zukünftigen ›Haupttriebwerke der Space-Shuttle-Flotte (SSME). Die Konferenz endete mit einer einstimmigen Empfehlung der US-Experten: Die NASA sollte ‒ für Korrekturen & Verbesserungen des im Westen längst zum Standard erklärten »NASA-Lewis-Code« zur Leistungsermittlung für die wiederverwendbaren Flüssigkeitsraketentriebwerke ‒ die so genannte Münchner Methode (MM) verwenden, die von Prof. Straub und Mitarbeitern entwickelt wurde.
  • Im Auftrag des BMFT verfasste Prof. Straub eine Dokumentation der MSFC-Konferenz in Buchform betitelt:
    Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions. Extended Lewis Code Fundamentals. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1989.
  • Mit dem Marshall Space Flight Center arbeitete der Autor bis Ende 1991 zusammen. Alsdann kooperierte er und sein Münchner Institut bis 1999 mit dem Mathematiker Prof. W. Ames am Fachbereich Applied Mathematics des ›Georgia Institute of Technology‹ in Atlanta.
  • Neben vielen anderen, oft umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen hat Prof. Straub ca. 50 Dissertationen betreut. Als seine originärste Arbeit nannte er das Buch, welches auf der Re-Formulierung der Thermodynamik durch J. Willard Gibbs & Gottfried Falk fußt:
Alternative Mathematical Theory of Non-equilibrium Phenomena. Academic Press: San Diego, London 1997.
Erhaltene Auszeichnungen: 1997: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für besondere Verdienste: – beim Aufbau der UniBwM u.a. die Planung für Studiengänge, personelle und räumliche Ausstattung, Geräteausstattung…etc..
2002: Verleihung der Goldenen Herrmann Oberth-Medailie durch den Internationalen Förderkreis für Raumfahrt Hermann Oberth – Wernher von Baun (IFR) e. V. in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste um die Raumfahrt-Wissenschaften, insbes. NASA. Thermodynamik. Space-Shuttle-Main-Engines)

Besonders die Gibbs-Falk-Dynamik verbindet mein Gesprächspartner mit einigen signifikanten Eigenschaften der heutigen Quantentheorie, gar mit genuinen Aspekten der theoretischen Ökonomik. Dass sich Prof. Straub darüber hinaus sogar für die Wissenschaftsgeschichte und -Philosophie seiner eigenen Fächer interessiert, und sich hier extrem gut auskennt, macht ihn zum seltenen Glücksfall für einen „Widerspruchsforscher“.
Für die Öffentlichkeit – so auch für unser Gespräch – benutzt Prof. Straub schon seit Jahrzehnten aus schriftstellerischen Gründen den Namen T. S. W. Salomon. Die Initialen TSW stehen exemplarisch und austauschbar für Themistokles, Schrödinger, Whitehead, ergo für Persönlichkeiten, deren Namen TSWS derzeit aus diversen Motiven & Gründen als Orientierungsmarken favorisiert. Man darf sie aber auch lesen als Abkürzungen für naturwissenschaftliche Schlüsselbegriffe wie z. B. die »allgemein-physikalischen Größen« Entropie (S), Zeit (t) oder Temperatur (T) oder Leistung bzw. Arbeit (W).

Ich selbst benutze mein Pseudonym Tim Boson. Unser Gespräch ist mehrteilig konzipiert; es wurde und wird per Email bzw. Telefon geführt. Es mag in fachlichen Fragen vom Leser als Antwort nach bestem Wissen bezüglich wissenschaftshistorischer, physikalischer und technischer Zusammenhänge bewertet werden. „Errare humanum est, ignoscere divinum“ (Cicero).

Tim Boson:
Herr Professor Salomon, was mir an ihrer Forscherbiografie spontan auffiel: Ich entnehme aus ihr, dass es in der bemannten Raumfahrt beinahe ein und dieselbe Kompetenz braucht, um mittels mächtiger Raketentriebwerke von der Erde aus zu ‚flüchten’, als auch per ausgefeilter Rückkehrtechnologie wieder zu ihr zurückzukehren. In beiden Fällen hat man es mit überschallschnell strömenden Gasen sehr hoher Temperatur zu tun – verbunden mit extremer Materialbelastung. Deshalb meine erste Frage: Wie kam es zu Ihrem Engagement beim Space-Shuttle-Programm der NASA?

TSWS:
Die Sache war die: Die US-Raumfähren werden ja nicht nur je von den beiden weißen wieder verwendbaren Feststoff-Boostern (an der Seite) ‚hochgeliftet’ – jede Raumfähre verfügt selbst auch noch über einen fest eingebauten Antrieb. Das sind die 3 Kegeldüsen, die man hinten direkt am Orbiter sieht. Dieser Antrieb schiebt von der Startphase an mit und wird von der ‚dicken braunen Tank-Zigarre’ mit einem Gemisch aus Flüssigtreibstoff versorgt. Und genau dieser Antrieb konfrontierte die Ingenieure der NASA von Anfang mit gravierenden technischen Schwierigkeiten, weil er relativ eng dimensioniert sein und dennoch eine große Leistung erbringen musste. Vor allem aber, weil die Raumfähren der NASA durch ihre jahrelange Wiederverwendbarkeit und ihren steuerbaren Gleitflug besondere Anforderungen bei extremen Sicherheitsstandards zu erfüllen haben.

Tim Boson:

Flüssiggastriebwerke kannte man zu diesem Zeitpunkt doch schon länger? Musste hier das Rad neu erfunden werden? Was war also das eigentliche Problem?

TSWS:
Einfach ausgedrückt, das Dauerproblem waren die zu erwartenden Belastungen und Leistungen und wie man sie berechnet. Diese Hochleistungsraketentriebwerke waren in ihrer Art ein Neuentwurf und mit heißer Nadel gestrickt. Schon der Jungfernflug 1983 hätte schief gehen können.

Tim Boson:

Sie meinen einen Unfall?

TSWS:

Sagen wir es so: Diese Art der Raumfahrt birgt immer ein hohes Risiko. Man konstruiert in Grenzbereichen, denkt in Neuvorstößen. In solchen Bereichen von Leistung und Materialbelastung hat man es bei jeder Entwicklung immer mit Pionierarbeit an Prototypen zu tun. Das Einzige was hier normal ist – dass nichts normal ist. Da greift man nur selten auf ‚angestaubte Langzeiterfahrungen’ zurück, keine gepflegten Großserien wie in der Rüstungsindustrie sind verfügbar, keine langjährigen Praxisbeweise wie in einer Fabrik für Nähmaschinen. Dazu kommen die menschlichen Ressourcen an Erfahrung. Ein Ingenieur kann in seinem ganzen Arbeitsleben vielleicht an einem – wenn es hochkommt – an zwei verschiedenen Großtriebwerken mitentwickeln, dann gehen er und seine vielfältigen Erfahrungen in Rente.

SSME (SPACE SHUTTLE MAINE ENGINE)SSME (Space Shuttle Main-Engine.) Das Objekt der Begierde – 50 Millionen Dollar pro Stück. Das SSME wird von Pratt & Whitney Rockedyne gebaut und wiegt 3,2 Tonnen. Die Schubdüse hat eine Länge von 2,87 Metern und einen maximalen Durchmesser von 2,39 Metern. Jeder Orbiter hat drei Stück davon in einem Cluster eingebaut. Beim Start beträgt die Brenndauer achteinhalb Minuten. Im Gegensatz zu den Feststoffraketen kann jedoch bei diesem Triebwerk der Schub geregelt werden oder im Flug abgestellt werden. Jedes Treibwerk liefert mehr als 2000 Kilonewton (200 Tonnen) Schub. In der Brennkammer erreicht die Temperatur über 3300 Grad Celsius. Durch Turbopumpen wird der Treibstoff mit einem Druck von ca 450 Bar und der Oxidator mit ca 300 Bar zur Brennkammer befördert. Dabei erreichen die Pumpen Drehzahlen von ca 35 000 U/min. Der Erstlauf eines SSME fand im Oktober 1975 statt. Auch noch nach fast 35 Jahren zählen die SSMEs zum Hauptrisikofaktor der Shuttle-Flüge.

Die NASA verfügte zum Zeitpunkt der Entwicklungen über keine wirklich zuverlässigen numerischen Verfahren; sie benutzte standardisierte, aber teilweise veraltete Berechnungsmethoden zur Dimensionierung eines solchen neuen Triebwerks wie es die SSME (Space Shuttle Main Engine) ist. Die Physik, die sich in solchen Strömungsprozessen im Verhältnis zwischen Gasgeschwindigkeit, Druck, Temperatur und Materialverhalten abspielt, gehört zum Anspruchsvollsten, was man heutzutage mathematisch zuverlässig formulieren und numerisch mit ausreichender Genauigkeit berechnen kann. Und die mathematischen, vorrangig numerischen Methoden, die man dafür benötigt, um z. B. turbulente Strömungen reaktiver Gase berechnen zu können, sind oft mindestens unter zwei Aspekten unzureichend: Erstens fehlen auf der numerischen Seite gewöhnlich die adäquaten Lösungsalgorithmen, und zweitens herrscht ein eklatanter Mangel vor an zuverlässigen Materialfunktionen. Beispielsweise gibt es nur die rein mechanistische kinetische Gastheorie, 100 Jahre alt, um die Viskositäten, oder die Wärmeleitfähigkeiten oder die polynären Diffusionskoeffizienten eines reaktiven Vielkomponenten-Gasgemisches bei hohen Temperaturen zu ermitteln. Eine experimentelle Überprüfung dieser Daten ist in aller Regel ohnehin unmöglich!

Tim Boson:

Können Sie das Problem ein bisschen näher beschreiben?

TSWS:

Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Die elektrische Zündung eines solchen Triebwerks verursacht zunächst eine gewaltige Explosion in der Brennkammer. Alles fliegt auseinander. Das können Sie wörtlich nehmen. Da gibt es sozusagen keinen einzigen Punkt in den strömenden Gasen, der sich im Laufe des Startvorgangs nicht irgendwie bewegt und verschiebt. Temperatur, Druck, Gegendruck, Gaszusammensetzung und Gasströmung sorgen dafür, dass kein Teilchen an der Stelle bleibt, an der es vor der Zündung war.

Im Endeffekt resultiert eine Vorzugsrichtung im Raketenmotor, in die sich das Gas rasch ausbreitet, um die Brennkammer zu verlassen. Das gilt indes nicht für die Wandmaterialien, welche die Brennkammer begrenzen und schützen. Übrigens expandiert ein solches “explodierendes” Milieu nicht homogen, sondern zeigt in aller Regel ein nichtlineares Verhalten – ergo, es explodiert zum Beginn der Zündung anders als in der Mitte und am Ende der Startphase, weil sich die Temperaturen und Drücke des Gases nicht plötzlich, sondern kontinuierlich einstellen und sich entlang der Vorzugsrichtung verändern. Außerdem muss man beachten, dass das ganze SHUTTLE ja mit jeder Sekunde an Gewicht verliert, weil der Treibstoff verbrennt. Außentemperaturen, Luftdruck und Luftdichte variieren ebenfalls. Besonders charakteristisch verändert sich die Gasgeschwindigkeit entlang der Brennkammer-Düsen-Achse.

Wenn Sie so wollen, hat man es also bei einem Raketenstart ‒ ingenieurtechnisch und praktisch von innen betrachtet ‒ mit einem Bewegungsvorgang ´ohne Konstanten` zu tun. Das einzige, was man kennt, sind Grenzwerte für Gas- und Materialverhalten, für Temperaturen oder Drücke, statistische Mittelwerte der Gaskonzentrationen und natürlich die ‚Außenkonstanten’ wie die Erdanziehung oder das Wetter. Alle Daten sind miteinander ‚vernetzt’ und sollen nun so reguliert werden, dass aus einer Explosion eine irreversible, stationäre Strömung wird.

Und hier kommt die Mathematik ins Spiel: Die Mathematik der Thermodynamik; sie optimiert über den ›Massenstrom pro Zeiteinheit‹ das ganze SYSTEM – das heißt das reaktive Gasgemisch hoher Machzahl. (Anmerkung T. B.: 1 Mach ist die Maßeinheit für die Schallgeschwindigkeit, die strömenden Gase können mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen – in der Wiedereintrittsphase erreicht der Orbiter Mach 25) Die Verbrennungsgase ‚bewegen’ das Triebwerk durch den resultierenden Schub. M. a. W.: Je nach gewähltem Betriebszustand muss der Durchsatz des reaktiven Gasgemisches an die charakteristischen geometrischen Kenndaten des Triebwerks optimal angepasst werden. Dazu ist ein geschlossener Regelkreis ausschlaggebend – betreffend die zulässigen, d. h. materialbedingten Maximaltemperaturen sowie die passende chemische Kinetik des SYSTEMS.

Tim Boson:

Sie haben SYSTEM hier groß geschrieben. Das wird uns an anderer Stelle sicher noch beschäftigen. Zunächst einmal wurden Sie angefragt….

TSWS:

Ja. Auf meine Bitte hin, hatte das Marshal Space Flight Center auch meinen Münchener Kollegen, Herrn Professor Rudi Waibel † im Februar 1985 nach Huntsville zu einem Meeting eingeladen. Dem war in den USA eine jahrelange Geschichte vorausgegangen, die bereits ca. 20 Jahre früher – ich möchte sagen – einen äußerst riskanten Anfang genommen hatte. Diese Story würde ich im Nachhinein als hochgefährliches Spiel zwischen der NASA und dem Lockheed-Konzern bezeichnen, zumal die Verantwortlichen des Marshall Space Flight Center ‚offensichtlich jetzt’ (1985) plötzlich kalte Füße bekommen hatten. Das war zweifellos der Hauptgrund, weshalb mein Kollege und ich als neutrale Gutachter ins MSFC nach Alabama kommen sollten.

Tim Boson:

Ich schätze, diese Vorgeschichte müssen Sie jetzt etwas näher ausführen…

TSWS:
Im Jahre 1969 erstellte Mr. P. R. J., Ingenieur und damals Mitarbeiter der Lockheed Corporation, Bethesda, Maryland, im Auftrag des MSFC eine gutachterliche Stellungnahme zur Auslegung der geplanten leistungsstarken Antriebsaggregate für die US-Raumfähre „Space Shuttle“. Besonderes Interesse zeigte die NASA an einer theoretischen Analyse über den Einfluss der endlichen Brennkammer-Querschnittsfläche auf die Antriebsleistung eines Hochleistungs-Raketenmotors ‒ am Ende der Brennkammer, im Vergleich zu der bei Leistungsberechnungen üblicherweise unterstellten (theoretisch) unendlich großen Querschnittsfläche – dort, wo letztere in die nachgeschaltete Düse übergeht.

Tim Boson:

Moment,…die Brennkammer ist ja wohl der Raum, in welchem der Treibstoff zur Explosion gebracht wird? Warum hat man bis zum Jahre 1969 mit einem unendlich großen Brennkammerquerschnitt gerechnet? In Wirklichkeit gibt es so etwas doch gar nicht – sagt mir mein gesunder Menschenverstand…

TSWS:

…ja, aber für Berechnungen war es bis dahin angeblich praktikabler, einen unendlich großen Querschnitt zu unterstellen. Der Wert der Explosionsgeschwindigkeit eines Gasgemischs ist im Prinzip immer derselbe, ob innerhalb oder außerhalb einer Brennkammer. Die Frage war immer nur, ob die Kammer mechanisch stabil bleibt und die oft hohen thermischen Belastungen aushält. Denn die Triebwerke werden je nach Nutzlast, die gestemmt werden soll, leistungsseitig natürlich verschieden beansprucht. Im Falle des Gutachtens von Mr. P. R. J. ging es indes zunächst um die Leistungsberechnung für die Durchführung von Forschungs- und Beobachtungsmissionen, dann um ›Space-Station-Projekte‹, heute konkret um die Versorgung der ISS (bemannte Internationale Raumstation) sowie für bestimmte „weltraumnahe“ Missionen – betreffend „weltraumnahe“ Objekte (z. B. Satelliten oder Weltraumschrott).

Die Planungen der NASA erforderten dafür zuverlässige Informationen über die jeweils erforderliche ›Schubleistung pro SSME‹ und ihre adäquate Bestimmung. Dazu benötigte man vorrangig einen ›idealisierten Ersatzprozess‹ (Idealized Replacement Process = IRP), der es mittels der ab 1975 geplanten Testprogramme erlauben sollte, das an der realen SSME experi-mentell ermittelte Leistungsspektrum sicher beurteilen und systematisch verbessern zu können.

Entscheidend ist: Die NASA muss davon ausgehen, dass das den IRP definierende Modell nach dem ‚State of the Art’, ergo nach den in den USA geltenden Regeln der zeitgenössischen Ingenieurkunst gestaltet ist. M. a. W.: Die NASA schuf sich – was die wissenschaftlichen Grundlagen der Gasdynamik, Thermodynamik, Gas- & Reaktionskinetik, etc. angeht, einen eigenen Standard, der für alle ihre Vertragspartner verbindlich ist.

Das Raketentriebwerk der SSME selbst wurde für den ERSATZPROZESS abstrahiert, d. h. ‚realistisch’ konzipiert, bezogen auf zwei charakteristische Bauteile: Erstens auf einen Zylinder konstanten Durchmessers. Das eine Zylinderende ist abgeschottet; am anderen Ende wird –zweitens– eine so genannte (rotationssymmetrisch gestaltete) Lavaldüse (Sie dürfen Kegeldüse sagen.) derart angeflanscht, dass Brennkammer und Düse eine gemeinsame Achse bilden; zudem ist die Austrittsquerschnittsfläche des Zylinders mit der Eintrittsquerschnittsfläche der Düse identisch. Noch ein wichtiges Detail: Der variable Querschnitt der Lavaldüse verengt sich zunächst und weitet sich bis zum Gasaustritt wieder auf, wodurch ein durchströmendes Gas auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt werden kann, ohne dass es zu starken (verlustreichen) Verdichtungsstößen kommt. Die Schallgeschwindigkeit des Verbrennungsgases wird genau im engsten Querschnitt der Düse, ihrer ‚Kehle’ (Throat) erreicht.

In diesem Video sind die Girls im Vordergrund sehr dekorativ, aber der Ton auf jeden Fall bemerkenswert. Das “Knattern” wird durch die Überschallbeschleunigung der Verbrennungsgase erzeugt, die in Verdichtungsstößen ihre eigene Schallmauer durchbrechen. Der Vorgang ist so laut, dass sich die Frau links im Bild kurz bekreuzigt – fast könnte man sagen: wie es sich in einer modernen Kathedrale auch gehört.

Tim Boson:

Ich verstehe einen Aspekt immer noch nicht: Was bedeutet für die Auslegung einer SSME, wenn man einerseits beim Gebrauch des NASA-LEWIS-CODE mit einem Brennkammerquerschnitt von (theoretisch) ‚unendlich’ rechnet, andererseits aber für den ERSATZPROZESS bei sonst gleichen Abmessungen der Lavaldüse mit dem realen Wert des Brennkammerquerschnitts kalkuliert?
Um mir eine konkrete Vorstellung machen zu können, habe ich hier mal die wahren Querschnitts-werte A der SSME aus ihrem ‚Raketenbuch’ herausgesucht:

Brennkammer AC; Throat AT; Austrittsquerschnitt der Lavaldüse AE:

AT = 538 cm2; AC / AT = 2. 96; AE / AT = 77.5.

Können Sie damit besagten Unterschied einigermaßen plausibel begründen?

TSWS:

Mein Versuch, dem Laien die Sachlage halbwegs verständlich zu machen, muss für manchen Leser vielleicht zu ‚formal’ ausfallen – leider! Je nach Gemütslage sollte er reagieren: die Textpassage überspringen und einfach glauben, ohne sich zu ärgern oder aber sich zu quälen und die Chance zu nutzen, auf sich selber ein bisschen stolz zu sein: Common Sense und Geduld genügen!

Maßgeblich für die Auslegung des Raketenmotors mittels des ERSATZPROZESSES (IRP) sind die Strömungsverhältnisse in der Lavaldüse. Die Massenerhaltung entlang der Düse bedeutet, dass der Massenstrom ż (in kg/s) sich durch die simple Formel ż = ρvA ausdrücken lässt; mit ρ ist die mittlere Massendichte (in kg/cm3) der Verbrennungsgase, mit v (in cm/s) die gemittelte Gasgeschwindigkeit und mit A (in cm2) die jeweilige Querschnittsfläche bezeichnet. Da sich der Massendurchsatz ż entlang der Düsenachse nicht ändert, gilt nach der o. a. Formel einfach die Kontinuitätsbedingung ρTvTAT = ρEvEAE = ż für die Lavaldüse mit zwei ihrer drei ausgezeichneten Querschnittsflächen. Diese physikalisch vorgeschriebene Zwangsbedingung muss aber sowohl für die Brennkammerquerschnittsfläche gelten als auch gleichermaßen für die Eintrittsquerschnittsfläche der Lavaldüse: ż = ρC vC AC.

Die Auflösung des Rätsels ist einfach: Bei finitem (endlichen) Wert der Massendichte ρC muss für den Grenzfall AC → ∞ das Produkt (ρC vC AC) einen ‚mathematisch unbestimmten Ausdruck’ (ρC 0 ∞) ergeben. Nach den mathematischen Spielregeln darf man diesen Grenzwert durch jeden Wert ersetzen, der einer wahren Lösung des Produkts (ρC vC AC) entspricht. Letzere ist aber durch die o. a. Kontinuitätsgleichungen der Düse festgelegt und bekannt.

Es ist evident, dass bei dieser Rechnung ein beliebig großer Wert von AC → ∞ auf der Brennkammerseite ebenso wie der korrespondierende Geschwindigkeitswert vC → 0 nur bedeuten, dass sie zur Definition des ERSATZPROZESSES gehören. In diesem Sinn ist der originale NASA-Lewis-Code (bis 1988) Teil dieses Modells. 

Ergo gilt, dass eine Berechnungsprozedur ohne Berücksichtigung der Querschnittsfläche AC der Brennkammer zunächst einmal nicht falsch ist. Die Konsequenz wird erst in der MÜNCHNER METHODE (MM) von Dieter Straub & Stefan Dirmeier gezogen. Die Münchner Methode (MM) benutzt demgegenüber keinen IRP im Sinn der o. a. Definition, sondern den ›idealen Vergleichsprozess‹ (Ideal Comparative Process = ICP); er richtet sich nach rein wissenschaftlichen Kriterien. Der ICP erlaubt eine strenge Modifikation der Berechnungsprozedur, die darauf hinausläuft, durch Einbeziehung der dritten Fläche AC ein Iterationsverfahren zu konstruieren, das den Durchsatz ż als Problemlösung zu berechnen gestattet, wobei die gesamten komplexen Berechnungen der chemischen Reaktionen des Verbrennungsgases entlang des Strömungswegs vom Brennkammeranfang bis zum Düsenende iterativ mit einbezogen werden. Darin besteht der grundsätzliche Unterschied zwischen dem IRP (idealer Ersatzprozess) und dem ICP!

(Anmerkung T.B. : “Iteration” – schrittweises wiederholendes Annähern, Rechnen)

Tim Boson:

Für Spezialisten scheint die von Ihnen präsentierte Beantwortung meiner Frage leicht nachvoll-ziehbar. Vielleicht ist es indes für den Nicht-Spezialisten nützlich zu wissen, dass es nur in der Thermodynamik noch einige andere streng ›naturwissenschaftlich begründete VERGLEICHS-PROZESSE‹ gibt, wie z. B die Schwarz-Körper-Strahlung. (Das Thema IDEALER VERGLEICHSPROZESS werde ich mir merken. Es scheint mir verbunden zu sein mit der kognitiven Problematik des UNTERSCHIEDS. Ich kann nur dann etwas UNTERSCHEIDEN, wenn ich es vor einem (gemeinsamen) Hintergrund VERGLEICHE.) Aber erstmal zum Thema. Gibt es darüber hinaus zur Münchner Methode noch relevante Kommentare, die kurz zur Sprache kommen sollten?

TSWS:

Diese Anregung nehme ich gern in Anspruch. Zwei Konsequenzen ergeben sich aus den Erfahrungen mit der Münchner Methode: (1) Das Konzept der idealtypischen Konfiguration, bei dem der reale Triebwerkstyp abstrahiert wird, ermöglicht den Übergang vom ‚geschlossenen’ Raketenmotor auf durchströmte, luftatmende Flugantriebe mit & ohne Kühlung. Wichtige Beispiele sind Leistungsberechnungen für Staustrahltriebwerke mit Unterschallverbrennung, den so genannten Ramjets. (2) Der NASA-Lewis Code, das amerikanische Standardverfahren zur numerischen Berechnung komplexer chemischer Gleichgewichtsreaktionen, enthält in seiner Originalfassung bezüglich der o. a. besprochenen »Infinite Area Combustion Method« einen Fehler: Bei dieser Methode werden die kinetischen Anteile der Erhaltungsgleichungen für Impuls und Totalenthalpie in der Brennkammer (Zustand C) fälschlicherweise vernachlässigt.

(Anmerkung T.B. “Totalenthalpie” als grober Vergleich: Man kennt den Effekt von der Strömung in einer Luftpumpe. Kompression erwärmt. Expansion kühlt ab. Die Bedeutung der Totalenthalpie bei Raketenmotoren liegt darin, dass Enthalpie als “Maß für den Wärmegehalt” einer Strömung auch in kinetische Energie des strömenden Mediums überführt werden kann. Im ersten Fall kommt es zur Expansion und meist zur Abkühlung; und umgekehrt: kinetische Energie – kann in Enthalpie überführt werden (Staudruck, also Kompression – damit einhergehend meist Temperaturerhöhung. Das Problem bei der Dimensionierung von Raketenmotoren liegt in dem “guten” Verhältnis von Staudruck und Expansion bezogen auf Leistung und Temperatur. Die Strömung dann auch noch stationär zu regeln – das ist die Kunst.)

Tim Boson:

…und dann brachte das Lockheed-Gutachten 1969 von Mr. P. R. J. die NASA auf die Idee, dass ja auch der endliche Querschnitt der Brennkammer selbst ein Leistungsfaktor sein könnte…?

TSWS:

Ja, weil es notwendig geworden war, Triebwerke kompakter und kleiner zu bauen, begann man sich dafür zu interessieren.

Tim Boson:

Und was hat Mr. P. R. J. denn eigentlich gemacht?

TSWS:

Der hat eine Art von Gutachten erstellt, das mit endlichen Querschnitten einer Brennkammer rechnete, und er kam für das Triebwerk J-2 auf phantastische Leistungssteigerungen. Und zwar schon bei Gastemperaturen in der Brennkammer von nur(!) 2600 Grad – im Gegensatz zu einem Wert von über 3300°C, wie man sie aus dem originalen NASA-Lewis-Code erhält.

Tim Boson:

Das war phantastisch?

TSWS:
Ja, es war voller Phantasie, hatte aber nur wenig mit der Realität zu tun.

Tim Boson:

Was geschah dann?

TSWS:

Die NASA begann Anfang der 1970er Jahre damit, die ersten SSMEs in Kenntnis dieser Lockheed-Studie zu planen und der Raumfahrtindustrie Entwicklungs- & Produktionsaufträge zu erteilen.

Tim Boson:

Sie wurden dann von Rocketdyne gebaut, getestet und in die Space-Shuttles integriert?

TSWS:
Ja, drei Stück davon jeweils in einen Orbiter

Tim Boson:

Das würde bedeuten, dass die Tests ebenso wie die allerersten Flüge der Missionen mit Haupt-triebwerken unternommen wurden, die bezüglich der Brennkammertemperaturen falsch ausgelegt waren mit der Folge, dass sie chronisch ‚überhitzt’ werden mussten, denn der missionsbedingte Schub war ja unabdingbar. Warum hat man das bei Tests nicht bemerkt?

TSWS:

Das Problem bei Tests ist, dass sie kostspielig sind und ein solches Triebwerk sehr viel Geld kostet: Sie müssen bei einem Test immer einkalkulieren, dass sie 50 Millionen Dollar zerstören, wenn Sie so ein Triebwerk bis an eventuell notwendige Leistungsgrenzen bringen oder kurzfristig darüber hinausgehen. Ab einem bestimmten finanziellen Volumen sind solcherart Tests immer – harmlos ausgedrückt – ‚kompromissbelastet’.

Tim Boson:

Und nicht harmlos ausgedrückt?

TSWS:
Man testet solche Triebwerke so, dass sie beim Test nicht kaputt gehen.

Tim Boson:

Gut, aber es wird ja einen Grund gegeben haben, dass sich die NASA an Sie nach München wandte?

TSWS:

Nun, der Grund wird gewesen sein, dass sie z. B. bei den Missionen über verschiedene Optionen verfügte, die zur Folge hatten, dass bei der Besatzung sowie der Bodenstation von einander abweichende Temperaturen registriert wurden und es Leistungseinschränkungen in der Vollschub-Phase gegeben hat. Zumindest wird es immer sehr eng mit den ohnehin kritischen Temperaturen geworden sein.

Tim Boson:

Genauer bitte,…..!

TSWS:

Sie werden durchschnittlich höhere Temperaturen gemessen haben als die ca. 2600°C, die ihnen seit 1969 Mr. P. R. J. wie das ‚Gelobte Land’ prophezeit hatte. Sie waren die Messlatte! Oder sie haben 2600 Grad gemessen, als das Triebwerk noch nicht unter Volllast lief. Sie werden sich bei jeder Mission gefragt haben. Sind wir wirklich korrekt dimensioniert? Dürfen wir den Gashebel wirklich so weit aufdrehen, wie wir es tun? Der Leser sollte wissen, dass diese Triebwerke geregelt werden können und etwa 40 Sekunden nach dem Abheben auf Voll-Last von der Besatzung des Shuttles hochgefahren werden. Die geben dann noch mal richtig Gas. 
Solche Missionen sind aber energieseitig immer sehr eng berechnet, weil die Shuttles oft große Lasten transportieren und damit die Erdanziehung überwinden müssen. Sie können also, wenn Besatzung und Bodenstation feststellen, dass das Triebwerk zu heiß läuft, nicht einfach sagen, dann nehme ich den Gashebel eben zurück, weil sie dann ihr Ziel einfach nicht erreichen und die Mission scheitert. Wenn sie sich einmal dazu entschieden haben, abzuheben, dann sind sie gezwungen, Gas zu geben, (fast) ganz egal, was die vielen Messeinrichtungen und Computer an Bord und am Boden signalisieren. Auch wenn sie dabei ein mulmiges Gefühl haben – sie müssen da durch!

Ein sehr vollständiges Video. Auf dem Video erkennt man, wie die Haupttriebwerke ca 5 Sekunden vor den Feststoffboostern gezündet werden. Nach dem Abwurf der Feststoff-Booster schieben die Haupttriebwerke allein weiter. Auch das kann man noch sehen. (Etwa bei 1:17 des Videos hört man von Houston das Kommando: “Atlantis – Go at problem.” – eine sehr sprechende Kurzversion für “Machen Sie ihr Ding.” oder “Erledigen Sie den Auftrag.”)

Tim Boson:

Die NASA hatte also sehr heiße Triebwerke und ziemlich kalte Füße.

TSWS:
Ja, und wie. Dazu muss ich Ihnen eine Episode erzählen, die ich erst kürzlich erfahren habe. Meines Erachtens handelt es sich um eine Schlüsselszene für alle Dimensionen unserer Story.

Sie erinnern sich gewiss an den Dienstag, dem 28. Januar 1986. Beim Start zur 25. Space-Shuttle-Mission explodierte die STS-51-L – CHALLENGER; die gesamte Besatzung kam ums Leben.

Mitglied der Regierungskommission zur Aufklärung dieser Katastrophe war auch der damals vielleicht renommierteste US-Naturwissenschaftler, der theoretische Physiker & Nobelpreisträger Richard P. Feynman. Wir werden später noch viel von ihm hören. Hier geht es um seinen sehr persönlichen, sehr lesenswerten Bericht über seine Erfahrungen in Washington D. C. bei dieser Kommission-sarbeit. In der deutschen Übersetzung trägt der Bericht den Titel „Mr. Feynman geht nach Washington, um die Challenger-Katastrophe zu untersuchen“. (in R. P. F.: Kümmert Sie, was andere Leute denken? Piper: 2008).

Zur Vorbereitung seiner Untersuchungstätigkeit ließ er sich gründlich von Ingenieuren des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena instruieren. In seinem Bericht findet sich die folgende für mich entlarvende Notiz (S. 116):

Die Ingenieure verrieten mir sogar, dass etliche der für die Triebwerke zuständigen Fachleute bei jedem [Space Shuttle]-Flug den Daumen halten und sich, als das Shuttle explodierte, sicher waren, dass es an den Triebwerken lag.

Tim Boson:

Formulierung und Inhalt der Bemerkung klingen tatsächlich irritierend, aber warum „entlarvend“?

TSWS:

Weil sich die Notiz Feynmans auf eine Zustandbeschreibung im Jahr 1986 bezog. Die in ihr zum Ausdruck kommende Befürchtung wurde aber mir und meinem Mitarbeitern gegenüber nahezu wortgleich von den Mitgliedern der NASA-Abordnung geäußert, die mich drei Jahre früher im August 1983 in München aufsuchten. Unmissverständlich berichteten sie, dass die Ingenieure jahrelang bei jedem Flug die Explosion eines der Haupttriebwerke befürchteten.

Endlich nach 10 Jahren entschied das Management des MSFC, das Lockheed-Gutachten von Mr. P. R. J. von einer anderen Firma, der Continuum Inc., Huntsville, Ala ´gegenchecken` zu lassen. Der »Witz« – sofern es einer war – war aber der, dass Mr. P. R. J. mittlerweile Karriere gemacht hatte und zu Continuum Inc. gewechselt war, und nun sein eigenes Gutachten noch einmal begutachtete und – wer hätte das gedacht – nichts beanstandete!

Tim Boson:

Die Neutralität war nicht mehr gegeben…?

TSWS:

Das klingt aber sehr ‚diplomatisch’: Nein, es war eigentlich skandalös – und die Öffentlichkeit sollte nichts erfahren. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie viel Menschlich-Persönliches an Eitelkeiten in so einem gewagten Unternehmen mit unübersehbaren Optionen die Sicherheit gefährdet….

Tim Boson:

Doch, kann ich mir gut vorstellen…aber es ist erstaunlich, dass es immer wieder passiert. Und dann bekamen sie den Anruf?

Charlie Brown: When the music stops…

„Musical Chairs.“

Möglich, das Spiel erzählt  einen physikalischen Seins-Ablauf
Eine Ordnung verändert sich, indem sie streut, peu a peu
an das Offene abgibt. Die Anzahl der Stühle nimmt ab,
die Moleküle einer Formation streuen. Dabei kopiert sich ein Vorgang.
Man könnte auch sagen: So existiert diese Ordnung, in dem sie abgibt.

Oder als ein Prinzip von Wahrnehmung: Der Moment
einer Beobachtung hält einen Prozess an und er-zählt ihn.
Das Quantisieren aber, die Er-Zählung, ist nur zu haben
um den Preis der aussetzenden Musik.
Ein kurzer Stillstand, der einen Verlust an Bewegung bedeutet.
Die Wahrnehmung quantelt. Sie hackt. Die Musik stoppt. Still.
Die Musik „stillt“ Aber dieses „Stillen“ , das  Aussetzen der Musik formiert etwas.
Ein Bild. Und dieses Bild ist eine In-Formation. Still.

Nachdem man lange nichts mehr von seinen Experimenten mit rotierenden gekühlten Massen gehört hatte – findet sich nun doch wieder ein Eintrag des österreichischen Forschers Martin Tajmar aus dem Jahre 2010, der nahe legt, dass der gravitomagnetische Effekt sogar mit flüssigkaltem Helium registriert werden kann.

Von hier aus kann man dem Forscher nur alles Gute wünschen und viel Erfolg beim weiteren Experimentieren mit rotierenden und gekühlten Rädern, Ringen und Massen. Auf dass er auch noch andere Rotationswinkel und Achsenstellungen ausprobiert. Dass es bei den Experimenten weniger auf die Supraleitung ankommt und mehr auf die thermische Kühlung und die Rotation, wurde von ihm ja schon des Öfteren bestätigt. Zudem übertrifft er den vorher bereits bekannten Lense-Thirring-Effekt um ein vielfaches.

Das kann von hier aus auch deutlich unterstrichen werden, da ja die Entropie mit der Temperatur konjugiert ist und demzufolge auch mit der Energie überhaupt, also mit der Masse also mit der Raumzeit, zu der man aber besser ZEIT-RAUM sagen müsste, wenn die wissenschaftliche Gemeinde einsehen würde, dass die Raumzeit-Krümmung eben in Wirklichkeit nicht (nur) „-Geometrie“ ist, sondern eine thermische Dynamis als Fluss, der verwirbeln kann. Ich würde Martin Tajmar auch empfehlen, mal einige hochgenaue Atomuhren in der Nähe seines rotierenden Experiments aufzustellen.
Wir erinnern uns, was Entropie auf altgriechisch heißt: Hinein-Drehen. Um-Wandeln. Wobei man das „Um“ – hier wörtlich nehmen kann – im Sinne von: um-drehen.

Skeptisch gegen die Skepsis:
Hesekiel Kapitel 10/13 Und die Räder wurden genannt „der Wirbel“, daß …
Luther Bibel (1545) Und es rief zu den Rädern: Galgal! daß ich’s hörete. Elberfelder Bibel (1871) Die Räder, sie wurden vor meinen Ohren „Wirbel“ genannt ….

hebräisch-„Galgal“ : Rad, Wirbel, ….

Was war mit Albert Einstein los?

Neulich bin ich erschrocken.

Den Mann muss man nicht mehr erklären.
Kennt man, den Mann. Und jeder weiß ungefähr, was mit dem lustigen
Strubbelhaar – und Strickjackenprofessor in Verbindung zu bringen ist.
Das habe ich auch gedacht – bis ich herausfand, dass
Albert Einstein vor allem eins war. Er war……

…und das in einem – sozusagen – extremen Sinne.

Atombombe

Einstein: „Mein größter Fehler.“

Seine Leistung, die eigentliche Leistung bezeugte sich weniger darin, dass er Raum, Zeit, Masse, Energie in ein Verhältnis gesetzt hat; diese Entdeckungen sind beinahe pille palle gegenüber der eigentlichen Grundbewegung – nein, sind sie nicht – aber mindestens ebenso – äh, nein, doch, ich sage jetzt einfach: noch viel erschreckender ist die bewusstseins-seitige Grundbewegung, die zu diesen Entdeckungen geführt hat.
Der eigentliche Punkt, und das wirklich Haarsträubende an der Vorgehensweise Albert Einsteins war eine Grundbewegung von Bewusstsein.

Das habe ICH bisher nicht gewusst.
Das war MIR gar nicht so klar – bisher.

MAN hat das bisher immer ein wenig versachlicht,
in dem MAN von Beobachter-Verhältnissen gesprochen hat
Der Beobachter und sein Standpunkt.

Ein Beobachter in einer beschleunigten Rakete…

MAN stelle sich einen Beobachter auf einem Lichtrahl reitend..usw

Zu den ersten Überlegungen Einsteins – noch von Ernst Mach inspiriert,
gehörte ja, dass ein Mensch in einer beschleunigten Kiste die
selbe Schwerkraft erfahren könne, wie wenn er still auf der
Erde stünde.

…oder viel mehr auch: dass er sich ebenso in einer fallenden
Kiste als schwerelos empfände. Wenn sie verschlossen ist,
weiß er nicht, ob er im Weltraum schwerelos oder hier in
einer Kiste fällt, schwebt oder steht. Das war tatsächlich Einsteins
originärer Funke –

Das nimmt man heute so hin und denkt sich – naja, coole Überlegung, klar.
Aber mir war neulich klargeworden, dass diese Überlegung, und damals,
eigentlich überhaupt nicht klar war, und sie war –
und als ich dann länger darüber nachgedacht hatte – wurde mir immer klarer:

Sie war auf wundersame Weise asozial.

Wer so etwas denkt oder denken konnte, muss ein asozialer
Typ gewesen sein.

Weil eine solche Überlegung, das ICH relativiert.

Eine asoziale Überlegung.

Denn dass „ICH“ in der Welt ist normalerweise etwas,
dass eine Meinung verteidigt, eine Haltung, einen: Standpunkt.

Seine ontologische Gravität. Sein Gewicht. Seine Nichttauschbarkeit.

SEIN Wissen. SEIN Können. SEIN Machen. SEIN Tun.

Heute würde man wieder sagen: SEIN Mensch. SEIN Subjekt. SEIN Schicksal.

Dieses ICH hat einen Ort und der ist nicht tauschbar.

Und manchmal behängt sich dieses Ich noch
zusätzlich mit schweren ICH – Mänteln und ICH -Blei-Gewichten
aus Überzeugungen, „Erfahrungen“, und das Unschönste
eines solchen schwer behängten ICHs ist dann: Die Haltung.

Das ICH ist grundsätzlich etwas, dass verteidigt gehört
gegenüber….

….gegenüber was?

Gegen die Tauschbarkeit seines Standpunkts.

Nichts ist ja bedrohlicher, kaum etwas ekliger als ein
Hinweis, der sagt: DU und dein Standpunkt bist tauschbar.

Nicht Unhöflichkeit, nicht Ignoranz, nicht Gleichgütltigkeit ist asozial.

Wenn jemand sagt: „Alles schön und gut, aber ich kann deine Kiste sehen.
Deine ICH-Kiste, in der DU so wunderbar zu Hause bist. DU denkst DU
bist SCHWER, dabei bist du nur fremdbeschleunigt.“

Fahrstuhl

Fahrstuhl

Ich…

Einstein nimmt dieses Ich und sagt,
DU kannst deinen Standpunkt haben, aber er ist in jedem Fall
– eine Kiste, ein Fahrstuhl, oder ein Fall….

Dein Standpunkt ist beweglich, tauschbar.

So etwas zu denken, ist asozial.

Wenn DU DICH wichtig, schwer und massiv fühlst, dann könnte es sein, dass DU nur
ein ganz feines Häärchen bist, das in einer sehr schnell beschleunigten
Kiste liegt, die nicht mal DIR gehört, von der DU noch nicht mal etwas weißt.

Und wenn ICH gerade so schön schwebe, dann könnte es sein,
dass ICH einfach nur falle.

Ach Albert, ich bewundere Dich für deine Theorie, aber ich liebe
Dich für diese gigantische Asozialität.

Asozial ist nicht, wer die Anderen durch Andersheit in Frage stellt.
Asozial ist, wer das ICH in Frage stellt. Seinen Standpunkt grundsätzlich relativiert.

Dem ICH seine ICH-KISTE aufzeigen, das ist asozial.

Nicht Feindschaft ist asozial, sondern die Relativierung von Standpunkten,
und zwar von allen Standpunkten.

Wer sich gegeneinander Feind ist, kommt bestens miteinander klar.
Feindschaft ist sozial. Streiten ist sozial. Widerspruch ist sozial.
Selbst der Krieg – in gewisser Weise – leider leider – gehört zur Sozialität.

Etwas das noch nie ausreichend gewürdigt wurde.
Dieser Albert Einstein könnte heute oder hätte damals auch
gelesen werden können – als ein Gesellschafts-Utopist.

Manche ekligen Iche, die heute so schwerstbeinig sozial in der Gegend herumstapfen,
Stark-verhaftete ICH-Gebisse in den ICH-Gesichtern und ICH-Mänteln
in den schweren ICH-Möbeln…

…na was denn?

…sitzen vielleicht nur in einer fremd beschleunigten Kiste?

Und die Schwebenden, die Leichten, die Tanzenden? – fallen sie?

Jut, jut, ist unappetitlich, solche Fragen letztgültig zu übertragen
oder zu beantworten.

Aber schön wäre, eine Gruppe, ein Häuflein, ein Gesellschaftchen
gelegentlich mit einem Klima dieser Frage zu versehen.
Jede einzelne Psyche gehört mit einem Deo dieser Frage besprüht.
Das Deo Albert

Einsteinisch desodorierte Psychen, weniger schwere ICH – Gerüche.

Manche ICH-Psychen riechen einfach zu streng unter ihren ICH – Achseln.

Das Irre, das wirklich Verückte, zeigt sich darin, dass es eine
Bewusstseins-Bewegung war, die diese Welt damals in ein energetisch heißes
und physisch und kosmologisch neu aufblitzendes Zeitalter überführt hat.

Einsteins Ideenleistung war vielmehr eine Kongenialität als eine Genialität.

Der Beginn dieser neuen physischen Epoche war eine Hinterfragung
von Beobachterstandpunkten.

Genau das hätte eigentlich eine riesige Chance sein können.

Eine Epoche der bewegten Bezugssysteme.

Aber es wurde die Epoche der irritierten Systeme
(Heiner Müller, Hamletmaschine, Der Auftrag: Mann im Fahrstuhl)

Leider später bald: Ein paar Millionen Grad Celsius im Kern dieses Ereignisses.

Aus Kisten wurden Särge.

Nein, Albert Einstein, Du bist nicht Schuld an der Atombombe.
Schuld sind die, die es nicht aushalten, einfach nur zu sein.

Schuld sind die, die unbedingt ICH sein müssen.

Die schweren Kerne des ICH, die schweren ICH – Uran – Kerne.

Sind sie instabil? Wie schnell zu spalten? Wie süchtig nach Spaltung? Nach Strahlung?

Die schweren ICH-Kerne sind künstliche Isotope. Sie müssen in jedem Fall angereichert
werden. Künstlich. Sie kommen in der Natur nicht vor. Schwere ICH-Kisten.

Aber auch das ist so nicht wahr. Es wäre zu einfach….

Man hat das nicht verstanden damals und es war nicht auszuhalten,
bis heute nicht. Das ICH darf nicht relativiert werden.

Zu Not wird es bis aufs Blut verteidigt.

Und ja: Das ICH darf nicht verdampfen.

Ein soziales Ich, muss ganz unrelativ ICH sagen dürfen,
damit ein DU überhaupt möglich wird.

Denn wo kein ICH, da kein DU.

Trotzdem. Die allzu schweren ICHe, wie sind die?
All diese ICHs und DUs, die vor lauter ICH und DU kaum laufen
können. Sie sind nicht immer sympathisch, weil man
ihre Kisten sehen kann. Ihre ICH-Kisten.
Immer wenn ich eine ICH-Kiste sehe…dann…

…ist es langweilig

Nee nee, da falle ich lieber und schwebe ein bisschen.
Ist aber auch eine Kiste. Oder: Kann eine Kiste
werden. Man muss in jedem Fall aufpassen.

Unsympathisch ist, wenn Leute ihre Kisten
an den Mann oder die Frau bringen und das für
„authentisch“ halten.

Es wäre vielleicht besser, wir würden alle nur noch SIE und ER
zu uns sagen.

ER habe Hunger. Er habe Durst. Er liebe Sie.
Sie reibe sich mit der Lotion ein.

Ja, sorry, aber so ganz ohne Asozialität geht es nicht,
wenn man wirklich mal etwas wuppen will.
Da muss man auch mal eine asoziale Schiene fahren.

Albert verzeih, du warst ein guter bis sehr guter Physiker, ein eher
mäßiger bis fauler Mathematiker, ein mäßiger Geigespieler.

Nur zu einem Großen darf man so etwas sagen.

Denn du warst ein umso gigantischerer Naturwissenschaftler.

Du unglaublich asoziale dumme schlaue soziale coole Sau.

Du kannst die Zunge jetzt wieder reinstecken.

Transmission zwischen Form und Fehler.

Aus einem Gespräch.

Hier zum Kontext

Lieber Martin B. Zu ihren Fragen:
Was ist denn ein Wärmeverbrauch?
Gut, exakter: Jeder kognitive Vorgang, also auch das Bilden von Zahlen, Funktionen oder das Denken von Begriffen – kann ganz unmöglich ohne Energieumsatz geschehen. Soll heißen: Das Gehirn ist ein Energieverbraucher. Es muss Transmitter-Vorgänge zwischen den synaptischen Spalten fügen, bewegen, koordinieren: Also leistet es Arbeit. Diese Arbeit, die hier beim Denken geleistet wird, setzt Energie um in komplexe Transmitter-Prozesse, Parallel-Kontexte, Gedächtnis etc….. Sie können diese Aktivität als Arbeitsleistung betrachten. Bei dieser Arbeit und für diese Arbeit muss ein Stoffwechselprozess aktiviert sein, der Glukose-Sauerstoff-Wechsel plus eine per Ionenaustausch aktivierte elektromagnetische Trans-mitteraktivierung – Wenn der Entropie-Satz gilt, dann gilt er auch hier: Dieser Vorgang streut auch einen Teil Wärme. Das heißt, ein Teil der Nährstoffe, die dem Gehirn über die BHS zur Verfügung gestellt werden, wird nicht in Denkleistung umgesetzt, sondern in Wärme abgestrahlt.

Was soll es bedeuten, sich selbst quantitativ zu stabiliseren?

Das bedeutet, noch bevor Sie selbst „1“ sagen oder „2“ und „2“ zusammenzählen, sich bereits selbst als „Ich“ g e g e n ihre Gegenstände, die sie zählen, stabilisert haben müssen. Das heißt: Dass Sie selbst quantisieren können, setzt stillschweigend vorraus, dass Sie sich vorher bereits selbst als „1“ – in die Welt hineingezählt haben. Diese Selbstquantisierung ist so selbst-verständlich, dass sie nicht wahrgenommen wird.
Jeder Quantisierung geht eine Selbstquantisierung vorran, die eine Unterscheidung zwischen „Ich“ und „Welt“ leistet.
Mit anderen Worten: Willst du etwas erkennen, musst du es unterscheiden/Willst du etwas unterscheiden, musst du es erkennen.
Die aller erste Beobachtung, die allen anderen Beobachtungen vorrangeht, ist aber eine Unterscheidung zwischen „Ich“ als Zähler und der „Welt“ als Gezähltes. Schon diese Unterscheidung ist eine physische Leistung. Schon diese Unterscheidung, die unser Bewusstsein von der Welt da draussen diskretiert, hat einen Energie-Verbrauch.

Was ist eine Wärme-Streuung?

Eine Wärme-Streuung resultiert aus der  Tatsache, dass jeder Arbeitskreislauf als Schwingung oder Sinusrotation, als Richtungs-Tausch-Prozess beschrieben werden kann, der aber nicht ganz dicht ist: Im Gehirn ist dies der Austausch von Transmittern am synaptischen Spalt.
Tausch deshalb, weil es jeweils ein Abgeben (Verlieren) und ein Anehmen (Gewinnen) zwischen den Spalt-Enden beschreibt, „INFORMATION“ setzt sich aus beiden Vorgängen zusammen, dem Abgeben und dem Annehmen. Da auch der Transmitterwechsel am Synaptischen Spalt eine Arbeit (Kraft mal Weg) im physikalischen Sinne ist, kann man diesen Tausch auch als Arbeits-Maschine betrachten, der nach Clausius einen Energieverlust verursacht. Ein gewisser Anteil von Energie (Glukose- Sauerstoff-Wechsel) wird also nicht in Bewegung von Transmittern umgesetzt, sondern strahlt als Wärme an die Umgebung ab.
Deshalb ist jede „Zahl“ das Ergebnis einer Arbeit, und auch diese Arbeit als Maschine betrachtet, kann keinen Wirkungsgrad 1 haben. Kein perpetuum mobile.

ABER DIESER VERLUST BEIM DENKEN EINER ZAHL; DIESEN VERLUST
KANN DAS DENKEN SELBST NICHT ERFASSEN ALSO SYNCHRON –
MITRECHNEN ODER AUSDRÜCKEN IM MOMENT DES DENKENS.

Aus diesem Grunde, verursacht alle Mathematik einen ontologischen Fehler, weil sie den Wärmeverlust ihres eigenen Rechnens im Moment des Rechnens nicht mitrechnen kann. Deshalb ist alle Mathematik nicht nur mengentheoretisch undicht (Goedel) sondern auch thermodynamisch undicht. (Clausius)

Deshalb ist ihr Hinweis auf reversibel computing nicht zielführend gewesen, weil auch reversibel computing einen uneinholbaren Wärme-Verlust (Abtrahlung) nach aussen produziert, den das Rechnen selbst synchron beim Rechnen nicht abbilden kann. Reversibel computing ist eine logische simulation des Fließgleichgewichts. Aber auch ein Fließgleichgewicht hat einen thermischen Streuverlust an die Umgebung. Auch ein Fleißgleichgewicht (oder ein stationärer Zustand.) ist kein perpetuum mobile, es ist nur per Zuführung und Abführung von Energie stabilisert.
Dieser Streu-Verlust sammelt sich beim reversibel computing aber in form von bits an, die über kurz oder lang die speicher verstopfen oder eben wieder operativ gelöscht werden müssen…
Das alles ändert aber nichts daran, dass Mathemtik ganz grundsätzlich kein abstraktes, also temperaturloses Geschehen ist, sondern sie tut so, als seien Zahlen temperaturlos – aber das ist bereits die diskrete Entscheidung eines Beobachters.
Aber auch jede Beoabachtung ist schon eine Diskretion und als solche ist jede Beobachtung eine physikalische Arbeit, die einem Stoff-Wechsel unterliegt, den die Beobachtung aber selbst nicht vollständig abbilden kann.
(Der ontologische blinde Fleck des Beobachters)
Jede Beobachtung schneidet etwas aus der thermodynamischen kontinuierlichen Realzeit aus. Jede Beobachtung diskretiert und stabilisiert damit eine Form, einen Unterschied. Dies war uns bisher nicht bewusst, weil die allererste Diskretion, die Diskretion ist, die unser Bewusstsein von der Umwelt diskretiert (Evolutionär mit der Blut-Hirnschranke)
Das Problem bei der Entropie ist, dass jede Beobachtung einen Zeitausschnitt als eine Grenze definiert, die sagt:
Zu diesem ZEITPUNKT fängt mein System an und zu diesem ZEITPUNKT hört mein System auf.
Jede Beobachtung ist eine Zeit-Entscheidung.
Deshalb beobachtet der Beobachter streng genommen nur ZEIT- MOMENTE, die er dann aber als RÄUME – sprich SYSTEME stabilisert.
Das kleinste SYSTEM, dass er stabiliseren kann ist die Planck-Konstante. Aber auch die Planck-Konstante, das Quantum ist nur ein thermodynamisches ZEIT-MOMENT – ein Beobachtungs-Event, in diesem Falle eine konstruktive Resonanz zwischen der thermisch verlusthaften Zahl in unserem Kopf und der thermischen Verlusthaftigkeit, also OFFENHEIT aller Ränder im Kosmos.
(Die tiefere Erklärung für den Tunneleffekt liegt auch hierin begründet. Was hier „tunnelt“, ist kein Quantum. Wir können aber nur Quanten diskretieren. Was hier „tunnelt“ ist in Wirklichkeit die normal Öffnung aller Ränder. Materie und alles, was wir quantisieren können, ist nur eine Verdichtung, ein pseudo-diskreter Wirbel des thermodynamischen Entropie-Zeitpfeils. (Da sind keine Quanten. Es gibt nur die thermodynamische Realzeit, den Zeitpfeil)
Da wir aber selbst als Beobachter in einer probabilistisch stabilisierten Primär-Diskretion stehen ( Blut-Hirn-Schranke),
können wir selbst die Welt kognitiv in Diskretionen abbilden (Zahlen) oder in Diskretionen erzeugen (Technik)

Aber alle diese „Diskretionen“ sind immer nur Pseudo-Diskretionen. Alle Zahlen haben einen offenen Rand – ebenso wie alle Maschinen keinen Wirkungsgrad 1 erreichen können. Keine geschlossenen Ränder, nirgends.
Da aber der Beobachter selbst ein pseudo-diskretiertes System ist (ein Arbeitskreis der nicht zu 100 Prozent thermisch geschlossen ist) kann er selbst nur pseudodiskretierte System erzeugen und beobachten.

Deshalb ist die Mathematik, die quantisiert – ebenso wie die Quantentheorie ontologisch falsch aber konstruktiv richtig.
Wenn man aber das Geheimnis der Masse enträtseln will, muss man sich von der Quantentheorie verabschieden und von einer Mathematik, die so tut, als seien Zahlen zeitlose, abstrakte, kalte, also temperaturlose Gebilde.

Alle „Teilchen“, die bis jetzt diskretiert und kategorisiert wurden, waren nur wieder konstruktive „Diskretionen“ – von denen nicht gesagt werden kann, ob sie beobachtet oder von einem Beobachter erzeugt wurden.
Die „Stimmigkeit“ – als Übereinstimmung von Mathematik und diskretierten Teilchen entspricht ungefähr der Stimmigkeit und mathematischen Übereinstimmung des Ptolemäischen Epizyklen-Modells, welches den Planeten mathematisch berechenbare Schleifenbahnen andichtete. Es hat mathematisch eine Weile gut mit der Beobachtung übereingestimmt:
War aber trotzdem falsch.
Die heutige Quantentheorie ist das falsche aber „stimmige“ Epizyklenmodell der postmodernen Rationalität.
Die Quantentheorie, die mit Teilchen rechnet und solche erzeugt ist stimmig aber falsch.
Es gibt im ganzen Universum nur eine einzige Wechselwirkung.
Und diese Wechselwirkung ist die zwischen Energie und Information, mit anderen Worten:
Die Wechselwirkung von Symmetrie und Symmetrieverlust. Aber diese Wechselwirkung hat keine „Teilchen“. Sie ist eine Rotation. Eine Routine. Ein Wirbel, der keinen „Kern“ hat, ausser einen informationellen Anfang.
Mit noch anderen Worten: Die Tatsache, dass es keine idealen Kreise gibt, sondern nur Ellipsen, beschreibt die Dialektik zwischen Symmetrie und Symmetrie-Verlust.
Man kann alle Teilchen als Verwirbelung der thermodynmischen Entropie-Zeipfeil-Raumzeit beschreiben,
die einen Strömungsdruck hat und zugleich vortreibt.
Ob Wirbel sich abstoßen oder anziehen hängt von ihren Rotationsachsen ab.
Wirbel mit unterschiedlicher Drehachse treiben aufeinander zu. Wirbel mit gleicher
Drehachse stossen sich ab. Wirbel mit senkrecht dazu gestellter Drehachse können als Teilchen ohne Ladung beschrieben werden.
Die thermodynamische Entropie ist nicht Ordnung oder Unordnung. Sie ist eine Tendenz, ein Strömungsdruck mit einem Zeitpfeil, der alle Ränder sowohl schließt (Formung durch „Gravitation“ zur Masse) als auch öffnet (Verlust durch Entropie – Wärme- Streuung).
Ordnung oder Unordnung, Mischung oder Entmischung sind beobachter- also zeitabhängige ENT-SCHEIDUNGEN. Das menschliche Bewusstsein ist selbst schon eine ENT-SCHEIDUNG (Blut-Hirn-Schranke) und kann deshalb selbst nur ENT-SCHEIDUNG erzeugen, reflektieren, produzieren (Diskretionen, Zahlen)

Aber alle Diskretionen in diesem Universum sind Pseudo-Diskretionen. (Verwirbelungen der thermodynamischen Realzeit zu Raumzeiten.)
Da sind keine Parallel-Univeren, and no Strings und auch keine 16 Dimensionen, die irgendwie eingerollt wären.
Das sind alles Epizyklen- Modelle, die versuchen, die Primär-Diskretion ICH und WELT auf ein Aussen zu übertragen.
In Wirklichkeit: Keine einzige Diskretion, nirgends.
Und alle Symmetrien sind schon gebrochen, wenn wir sie erzeugen oder erkennen.
Es gilt nur: DIE ZEIT.

Am Illusionenbeschleuniger: Seltsames Roulette im CERN bei Genf.

Im Ring des CERN läuft bald eine seltsame Roulette-Kugel.

Der Ring ist eine Maschine zur wissenschaftlichen Erzeugung
von Irrtümern.

Vorab: Hier soll nicht das CERN schlecht gemacht werden.
Ganz im Gegenteil. Der hier schreibt, ist sogar ein großer Fan.
Da aber selbst ein Irrtum auch eine Information erzeugt, war das
CERN in keinem Fall umsonst. Insofern erzeugt das CERN immer
eine Information.

Hier kann überlegt werden, warum die Idee der Physiker,
man könne sich mit einem Aufwand von Energie dem Urknall
annähern, um soundso viel zigstel Sekunden hinter dem Nullkomma,
um dann das Geheimnis der „Masse“ zu enträtseln –
warum also diese Idee einen mathematischen-Fehler enthält.

Denn das würde ja bedeuten – nach Einstein – das „Geheimnis der Energie“
zu enträtseln. Masse und Energie sind ja äquivalent.

Man kann aber nicht Energie benutzen, um Energie zu analysieren.
Hier klafft ein Mengenwiderspruch im Hinblick auf die Mathematik.
Nach Kurt Gödel kann man nicht mit einer Zeichenmenge (Energie)
die selbe Zeichenmenge (Energie) vollständig abbilden, oder man
müsste dabei in eine andere Reflektionsmenge ausweichen.

In welche?

(Münchhausen kann sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.)

was wiederum bedeuten würde – zeitlich „hinter“ den Urknall
zu kommen. Das wäre dann aber ein informatorischer Modell-Fehler oder
das Experiment erzeugt selbst einen echten Urknall.
Ein „Miniatur-Urknall“ – ist als Redewendung nett – aber Humbug.

Warum die Quantentheorie und mit ihm das Higgs-Modell objektiv falsch ist
aber sozial – evolutionär – technologisch richtig, wurde hier schon beleuchtet.

Der Urknall selbst kann nicht „unendlich heiß“ oder „unendlich dicht“ gewesen sein.

Was ist Information?

Erkenntnistheoretische Vorbemerkung:

Wenn wir in der Lage sind, zwischen Kausalität
und Nichtkausalität zu unterscheiden, dann hat diese
Unterscheidung eine Ursache.

Entweder: Die Unterscheidung zwischen Kausalität und
Nichtkausalität hat nie stattgefunden, oder der
Begriff „Kausalität“ ist insgesamt sinnlos.

Dann kann es aber auch keine Nichtkausalität geben.

Das menschliche Bewusstsein und mit ihm die Welt
wäre – ad-hoc – ohne Ursache – einfach so da.

Da wir aber zwischen Kausalität
und Nichtkausalität unterscheiden,
gibt es eine Ursache dieser Unterscheidung.
Deshalb muss im ganzen Universum Kausalität
Geltung haben. „Nichtkausalität“ ist demnach ungültig.

Weil jeder Unterscheidung als Ursache ein
Nichtunterschiedenes vorrangeht, scheint die
Annahme eines Urknalls als allererste Unterscheidung
vor allen folgenden Unterscheidungen plausibel.

Dann muss aber jedes Experiment im Kosmos, so
auch das CERN-Experiment lediglich eine Folge-Unterscheidung
von vorrangegangenen Unterscheidungen sein, und sich
somit – kausal vom Urknall entfernen. Es kann sich nicht
„annähern.“

Weil das hieße: Vorlaufende Entscheidungen rückgängig machen.

(Geht nicht – weil dann das Cern-Experiment selbst unmöglich würde.)

Wo die Mathematik versagt,
hilft nur noch die Sprache weiter:

Was sagt das Urknall-Modell:

Es heißt: Man soll sich das ganze All
auf einen einzigen Punkt zusammen denken.

Aber dieser mathematische Punkt

ist noch keine Singularität.
Denn dieser Punkt hat ja noch jemanden,
der den Punkt als Mathematiker denkt.
Also ist dieser Punkt noch nicht allein, singulär.

Der Punkt kommuniziert noch mit dem Denken – und streut dabei Zeit.

Es muss dieser Punkt – ohne Denken – gedacht werden. Ohne Mathematik.

Dann hätte man einen „punktlosen Punkt.“

Aber jetzt hat man immer noch keine Singularität.

Weil das Punktlose des Punktes noch immer mit dem Punkt
bilateral – informativ (unterschieden) zeiträumlich kommuniziert.

Erst wenn man die Punkt-losigkeit des Punktes allein stellt,
also den Punkt löscht – bleibt „losigkeit“ übrig.

Dieses „Punkt-los“ ohne „Punkt“ ist jetzt nur noch das – los.

DIE SINGULARITÄT.

Das los ist die ALL- EINHEIT als Alleinheit.

Keine Zeit. Kein Raum. Keine Bewegung. Kein Name.

STILL. (Hier müsste der Autor und der Leser selbst verschwinden.)

Diese Singularität kann deshalb sowohl unendlich
kalt als auch unendlich heiß sein.

Von Temperatur zu sprechen – ist hier sinnlos.

Aber auch „unendlich“ ist hier sinnlos, weil es keine
Refferenz für eine Unterscheidung nach „endlich“ gibt.

Denn eine Singularität hat keine informellen Skalen,
und keine Sprache, ist temperatur-los

Schon ein Sprechen von Hitze oder Kälte oder Energie
würde die Singularität ent-zweien.
Denn es existiert noch kein bilaterales
Informations-Verhältnis zu einem „Sprecher“ der „Hitze“ oder
„Kälte“ – s a g t – also selbst davon UNTER-SCHIEDEN ist.

Und es existiert noch kein Mathematiker,
der dem ..l0s einen „Punkt“ zeichnet.

Das los der Singularität ist absolut unentschieden.

Das los der Singularität ist unterscheidungs-los

Es hat keinen Namen, trägt keine Information.
Es ist kein Zeichen.

Es ist nicht „Ewigkeit“ und auch nicht das „Nichts“

Es ist das absolut stille los ohne Punkt.

Es ist: Eine reine Schwelle. Hier können auch
keine „Zahlen“ gelten.

Es kann weder eine zeitliche noch eine
räumliche noch eine energetische noch eine
mathematische „Nähe“ zu dieser Schwelle formuliert
werden.

Wenn also die Physiker davon sprechen,
sie würden sich mit der und der Energie einer Zeit
von 0,000000000…..Sekunden „nach dem Urknall“ annähern,
dann ist es in Wirklichkeit umgekehrt:

Mit Erhöhung der Energie entfernt man sich vom Urknall.

Weil jede Handlung in diesem Universum, so auch jede
technische Konstruktion in Zahlen, Gehirnen oder
Beschleuniger-Ringen, die INFORMATIONEN des
Universums vermehrt. Die Zahl der Ereignisse/unterschiedene Ereignisse
irreversibel vermehrt – und damit die Expansion

Da der Mensch selbst ein Ereignis des Universums ist,
vermehrt auch jede menschliche Handlung als pseudodiskretes
Ereignis, die Wärme-Verteilung und Wärme-Streuung irreversibel.

Und damit also – entfernt sich jegliches energetische Ereignis
wärme-streuend vom Urknall.

Wie schon berichtet, sagt die
Quantenphysik also nichts über die Natur aus, sondern
lediglich etwas über das Funktionieren einer gekoppelten
Resonanz zwischen Mensch und Kosmos – in Ausdehnung.
Das Ergebnis dieser Kopplung heisst: „Funktionierende Funktion“,
heisst: Bewusstsein und Technik.

Heisst aber nicht: „Wahrheit Natur“

Dieses „Funktionieren“ wurde bisher
immer für eine „Bestätigung der Richtigkeit“ der
Quantentheorie gehalten.

Bestätigt wurde aber lediglich immer nur die Funktion
des Universums mit dem – technischen – Menschen darin.

Mit der Quantentphysik erreicht die mathematisch-technische
Disketion die Auflösungsgrenze ihrer eigenen Materialität und ihrer
eigenen Energie-Dichte. Deshalb löst sich mit der Quantenphysik
auch der Beobachter in seine reine Zeitlichkeit/Wahrscheinlichkeit auf.

Das „Detektieren“ von Teilchen und das „Erzeugen“
von Teilchen ist das Selbe.

Information und Energie sind äquivalent.

Form und Beobachter der Form können nicht mehr
unterschieden werden.

Die Idee eines diskretierbaren Wechselwirkungs-Teilchens
für die „Masse“muss deshalb versagen, weil Masse der
Symmetriebruch selbst ist.

Der Urknall war das erste Ereignis und
damit die allererste
Reflektion von „Form“ und „Stoff“

Eine Reflektion aber kann nie wieder rückgängig
gemacht werden, es sei denn sie reflektiert auf sich selbst,
aber damit würde sie nur weiter reflektieren – expandieren,
weil auch eine Rückreflektion auf sich selbst, wieder Zeit
verbraucht (schafft) und damit Raum vergrößert.

Masse ist der Unterschied, die In – FORMATION jeglicher „denkbaren“
Skala von UNTERSCHEIDUNGEN. (Formen)

Und die Skala der Unterscheidungen dehnt sich
unterscheidend (reflektierend) immer weiter aus.
Das ist die Expansion des Kosmos.

Mit dem „Urknall“ als erste Unterscheidung,
wurden auch alle Skalen erst geschaffen.

„Masse“ ist DIE informationelle UNTERSCHEIDUNG zwischen „Punkt“ – und dem „los“

Materie/Masse = Prozess= Zeit = Raum

Die sichtbare Materie ist eine Verdichtung, eine Verwirbelung
– der INFORMATION.

Die dunkle Materie ist unverdichtetes informationelles Potential.

Die dunkle Energie ist eine Reflektion des Universums auf sich selbst,
dass sich mit jedem Ereignis selbst reflektiert.
Wie zwei zu einander gestellte Spiegel die Reflektion ins Unendliche
ausdehnen, so dehnt sich auch das Universum sich
mit jedem Ereignis (Reflektion) immer weiter aus – und immer schneller.

Es schafft Ereignis und damit Zeit und damit Raum.

Sollten am Cern „neue“ Teilchen gefunden/erzeugt werden,
haben sie mit „Masse“ nichts zu tun.

Es wären lediglich neu erzeugte Unterscheidungen (Beobachtungen.)

Warum es leicht und doch nicht einfach ist.

Das Bewusstsein ist eine Symmetrie-Maschine,
die uns gegeben ist, um die Symmetrie zu brechen.

Eine Gleichgewichtsfunktion, die uns gegeben ist,
um das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein Fließgleichgewicht, dass uns fließen lässt.

Ein Fehler, der uns rechnen lässt.

Ein Schweigen, das zur Sprache bringt.

Ein Dummes, das uns wissen macht

Ein Teufel, der uns Glauben schenkt.

Aber auch: Die Grenze, die uns in Liebende – ent-zweit.

Eine Potentialität, die aus Aktualität hervorging
und sich wiederum in Aktualität (Technik, Zahl, Begriff)
nach – aussen – potenziert.

Erst wenn man sich von den Details, den medizinischen
Diversifikationen und Komplexitäten in den Beschreibungen der
Blut-Hirn-Schranke nicht mehr beeindrucken und ablenken lässt,
erst dann kommt man zur eigentlichen, zur physikalischen,
zur kosmologischen Bedeutung dieser Grenze.

Simplifikation.

Die Funktion der BHS als thermodynamische
elektromagnetische und damit als kosmologische und
evolutionär notwendige Grenze zu erkennen – ist so leicht,
dass es offenbar wahnsinnig schwer fällt.

Die Primärdualität unseres Weltverhältnisses
ist die Dualität zwischen Statik (Stoff, Hirn) und Dynamik (Form, Blut.)

Davon abgeleitet alle anderen reflektierbaren Dualitäten, die
immer in einem dialektischen wechselwirkenden Verhältnis stehen.

Aktualität (Blut) / Potentialität (Hirn) (Aristoteles, Thomas von Aquin)

Vollständigkeit / Unvollständigkeit (Frege, Russel, Whitehead, Goedel)

Energie-Erhaltungssatz/Entropie-Satz. (Mayer, Helmholz, Clausius)

Phänomene/Begriffe (Husserl, Wittgenstein)

Welle/Teilchen (Maxwell, Boltzmann/ Planck)

Natur/ Technik (Gott, Wissenschaft.)

Eine Grenze, die uns teilt, spaltet, in all die Dualitäten,
die seit Jahrtausenden das Bewusstsein beschäftigen.

Es geht darum, einzusehen, dass die Trennung der Disziplinen
Medizin und Physik (Mathematik), Biologie, Religion und Philosophie –
sagen wir seit Goethes Zeiten, vielleicht aber schon seit Galileos Zeiten
in die Spezialisierungen und schließlich in die Hochspezialisierungen eingemündet ist.

Vielleicht war dies notwendig, um in den einzelnen Disziplinen
„Effizienz“ zu ermöglichen. D i s k r e t i o n.

Aber die Primär-Diskretion aller Diskretionen, die Primär-Barriere
aller Barrieren – ist die Barriere zwischen Blut und Hirn, die nichts anderes
darstellt als die Barriere zwischen Denken und Leben, Kunst und Forschung
Religion und Wissenschaft. Ratio und Gefühl.

Die Kultur dieser Barrieren war seit Jahrtausenden anthropologische
Barrierenkultur, welche in konstruktiver Destruktion (Krieg) und destruktiver
Konstruktion (Liebe) – die dialektische Verhandlung zwischen GRENZEN
dynamisierte.

Und schließlich und endlich dynamisierte sie die Reflektion des
Bewusstseins – nach aussen. In die FUNKTIONEN der TECHNIK
als konstruktive Resonanz (Verifikation) oder destruktive Resonanz
(Falsifikation) – in zeitlich fortlaufender Wechselwirkung in den
ERFOLG des Überlebens hinein. In die Wechselwirkungsmaschine
zwischen TRIAL and ERROR. VERSUCH und IRRTUM.

Seit Planck steht aber die gute alte Rationalität in der Irritation,
dass sie sich beim Forschen permanent selbst begegnet.

Und diese Selbstbegegnung konnte nur wieder „wiederspruchsfrei“
operativ werden, indem man eine „Diskretion“ zugleich wahrnehmen
als auch konstruieren musste, damit der wissenschaftliche Hase operativ
irgendwie weiterlaufen konnte. Und das tat er auch, weil es so gut
funktionierte.

Die Funktion aber ist falsch. Sie ist nicht die „Wahrheit der Natur“
Die Trennung und Dialektik zwischen „Welle“ und „Teilchen“ ist nichts
anderes als die xte Perpetuierung der Trennung zwischen Blut und Gehirn.

Die Quantentheorie ist objektiv falsch.

Es gibt keine „Teilchen“ Nur „Formen“ als Zeitformen (Wirbel)

Weil die Symmetrien in unserem Kopf Asymmetrien sind.

Zahlen sind Wirbel.

In der ganzen Natur existiert keine einzige Symmetrie,
sondern nur ein Wechselverhältnis zwischen
Symmetrie und Symmetrieverlust.

Dieses Verhältnis beschreibt das Verhältnis
von Energie und Information als Schwingung.
(Reflektion)

Sex, Hunde, Katzen, kein Higgs-Teilchen.

Ich wette um 4242, 42 Euro, dass im CERN kein
Higgs-Teilchen gefunden wird. Und das
kann ganz ohne Formeln hergeleitet
werden.

Ja, die Überschrift ist bissel reisserisch.
Ich habe auch erst überlegt, ob ich den Sex weglasse
und stattdessen nur schreibe:
„Ich wette um 4242, 42 Euro.“
Aber dann dachte ich, seien wir doch mal realistisch,
Sex schlägt Geld, immer noch um Längen. Deshalb habe ich
mich dann auch für eine – zugegeben – sprachlich
etwas ungelenke Mischung entschieden. Die Hunde
und Katzen sind für die Tierfreunde, der Sex
ein Zugeständnis an alle, die gerne Texte lesen,
in denen es um Sex geht.

Dabei geht es hier gar nicht um Sex, oder nicht nur,
sondern um eine nachvollziehbare Überlegung zur
Forschung, genauer: Zur Quantenphysik. Noch genauer:

Es geht um die Antwort auf eine Jahrhundert-Frage, und um
die begründete Voraussage, dass im CERN
keine Wechselwirkungsteilchen für die Masse gefunden
werden.

Die Higgs-Theorie, die ein Higgs-Teilchen
voraussagt, ist falsch.

Der Grund: Die Quantentheorie ist objektiv falsch,
obwohl sie subjektiv – sozial – technologisch – richtig ist.

Wie ist das nun gemeint?

Die Begründung dafür ist eigentlich ganz einfach:

Seit ungefähr 500 Millionen Jahren hat die Evolution
die Angewohnheit, wenn sie bei höheren Tieren
Nervensysteme und Gehirne ausbildet, diese Gehirne
thermodynamisch/elektrodynamisch abzuschirmen.

Anders ausgedrückt: Ein Gehirn muss thermodynamisch/
elektrodynamisch „diskret“ – also unterschieden sein,
damit es sich – „gegen“ – das thermodynamische Fliessen
im Chaos da draussen behaupten kann. Diese Abschirmung
leistet bei allen höheren Tieren, so auch beim Menschen,
die Blut – Hirn-Schranke.

An dem Wort „diskret“ kann man schon erkennen,
wie sich der Bogen zur Quantenphysik spannt.

Denn die Hauptmarkierung der Quantenphysik ist
die „Diskretion“ – also die Erfahrung und Berechnung,
dass Energie nur in „diskreten“ auf deutsch: gehackten
Energie-Paketen – eben den Quanten – übergeben wird.

Zugleich rätselt aber seit etwa 100 Jahren
die Philosophie darüber – und Heisenberg hat sich
der Frage auch zugewandt – wie es denn sein könne,
das Energie, sprich: Wärme, sprich: Strahlung –
sich zugleich als Wellenfunktion und als Teilchenfunktion
beschreiben lasse – und wie es denn sein könne, dass
beide Funktionen zugleich vorlägen – solange – bis ein
Experimentator nachschaue – und hier also erst
mit seinem Nachschauen das Messergebnis festlege.

Berühmtes Beispiel: Schrödingers Katze.

Heisenberg brachte diese Sache auf den Punkt,
indem er feststellte: Seit der Quantenphysik befragt
der Mensch nicht mehr die Natur, sondern der Mensch
befragt die Art, wie er seine Frage an die Natur stellt.

Experimentator und Experiment sind unhintergehbar
miteinander verkoppelt.

Eine Merkwürdigkeit, die bis heute die Philosophen und
nicht wenige Physiker unter Ihnen immer wieder beschäftigt.

Bis dahin war die Wissenschaft immer davon ausgegangen,
dass der Experimentator objektiv ausserhalb des
Experiments stehe.

Und dieses Problem kann hier jetzt geklärt werden:

Die Blut-Hirn-Schranke diskretiert unser Bewusstsein.
Sie ist eine Barriere, die das molekulare, elektromagnetisch
kontinuierlich fließende Chaos sortiert, selektiert und in ein
thermodynamisches (und elektrodynamisches)
Fließgleichgewicht überführt.

Dieses Fließgleichgewicht ist das, was man Gehirn, und bei
uns auch  – Bewusstsein nennt.

Ein Fließgleichgewicht ist eine vorübergehend
stabilisierte Balance zwischen Binnenspannung
und Aussendrift.

Ein Fließgleichgewicht ist eine Diskretion, eine Stabilisierung
innerhalb der Entropie. Aber auch eine „Form“ innerhalb
des Chaos.

Ein Fließgleichgewicht ist ein Wirbel in einem Fluss.

Innerhalb des Wirbels entsteht der Eindruck von
Stabilität. (Der Eindruck von Zeitlosigkeit)

Innerhalb eines Fließgleichgewichts können Symmetrien
gerechnet, mathematisch erzeugt und halbwegs stabilisiert
werden.

(Symmetrien sind heute die Standartfunktionen der Quanten-Physik.)

Und innerhalb eines Fließgleichgewichts kann hin – und her
gerechnet werden.Vor und zurück.

Und schließlich: Innerhalb eines Fließgleichgewichts
kann – fälschlicherweise – angenommen werden,
dass Zeit relativ sei. Da sich innerhalb eines
Fließgleichgewichts ja vordergründig nicht viel verändert.

(Hier ist der thermodynamische Zeitpfeil gemeint,
nicht die Einsteinzeit, dazu weiter unten.)

Also der „Bewohner“ eines Wirbels kann nicht wissen,
dass sein Wirbel in einer Strömung in eine bestimmte
Richtung strömt. Unser cognitives – rechnendes
Bewusstsein kann deshalb vor und zurückrechnen,
und so tun, als gäbe es für Zahlen –  keine Zeit.

Unser Gehirn rechnet mit zeitlosen „kalten“ Zahlen,
was einen ontologischen Fehler mit erzeugt.
Denn Zahlen sind nicht kalt.

Da aber nun das Gehirn selbst nur in einem evolutionär
stabiliserten thermodynamischen Fließgleichgewicht
existieren kann – tut es was?

Antwort: Es reflektiert seine eigene Diskretion, seine eigene
thermodynamische Stabilität in „Gleichheitszeichen“ – in
Funktionen in Symmetrien – in Mathematik – in die
Wahrscheinlichkeits-Kalkulation – und schließlich
in Handeln, in experimentelle Technik, angewandte
Technik. Das sind – nach extern – reflektierte Stabilisierungen.

Es konstruiert – es reflektiert – da draussen – nach draussen
seine eigene Fließgleichgewichts-Symmetrie in die jeweils
neueste „Funktion“ , Technik, Gerätschaft – in ein neues
Gleichheits-Zeichen einer vorübergehend stabilisierten
Funktion, die – eine Weile – funktioniert.

Da es aber im ganzen Universum keine ganz geschlossenen
Ränder gibt, (2. Hauptsatz der Thermodynamik) hat jede
Symmetrie-Konstruktion einen natürlichen Fehler – einen Verlust,
einen Symmetrieverlust.

Ebenso wie auch ein Wirbel nicht wirklich geschlossen ist, sondern
sowohl offen als auch geschlossen.

Dieser Symmetrieverlust (Funktionsverlust) als natürlicher
Fehler, häuft sich jeweils solange an, bis „alte“ Fehler gegen
„neue“ Funktionen getauscht werden – im Wechselspiel
von Falsifikation nach Verifikation. ( Paradigmenwechsel,
Ptolemäus-Kopernikus – Newton, Einstein – Boltzmann, Maxwell – Planck etc….)

Jede Theorie ist irgendwann so fehlerbehaftet, dass
sie durch eine neue erweitert, ergänzt oder ersetzt werden muss.
Diese Entwicklung setzt sich ins Unendliche fort.

Vor ca 150 Jahren war das wissenschaftlich – technologische
Wechselspiel zwischen Verifikation und Falsifikation
bei der Beschreibung der „Energie“ angelangt.

Es konstruierte zunächst gedanklich
den „Schwarzen Körper“ als perfekt
symmetrische Reflektion von Symmetrie um die
Wärmeverteilung von Strahlung im Spektrum perfekt
symmetrisch zu beschreiben:

Zitat:

“Wenn ein Raum von Körpern gleicher Temperatur
umschlossen ist und durch diese Körper keine Strahlen
durchdringen können, so ist ein jedes Strahlenbündel
im Innern des Raumes seiner Qualität und Intensität
nach gerade so beschaffen, als ob es von einem voll-
kommen schwarzen Körper derselben Temperatur her-
käme, ist also unabhängig von der Beschaffenheit und
Gestalt der Körper und nur durch die Temperatur be-
dingt.“ Gustav Kirchhoff, 1860

Man glaubte und nahm an,
dass Wärmestrahlung und Wärme-Verteilung
kontinuierlich fließend sich gleichmäßig
von kalt nach heiß absolut gleichmäßig
verteilt abbilden ließe und sich auch so
verhielte.

Bereits diese Annahme war zugleich richtig und zugleich falsch,
(zugleich offen als auch geschlossen) weil ein solcher absolut perfekter schwarzer Körper idealisiert in Natura nicht existiert, oder er müsste total geschlossen sein,
Dann könnte man ihn aber nicht mehr bemessen.

So steckt also schon im theoretischen Gedanken
des Schwarzen Körpers das Mess-Problem, weil
jede Messung den Körper ja wieder öffnet, und er
dann nicht mehr perfekt schwarz ist.

Weil aber unser Gehirn selbst ein im Fließgleichgewicht
als wahrnehmendes und berechnendes,
die Welt über Funktionen stabilisierendes,
thermodynamisch/elektromagnetisches
Organ ist, kam es deshalb bei der
experimentellen (und mathematischen)
Überprüfung durch Max Planck zu einer
folgerichtigen Überraschung:

Die „Verteilung“ der Energie zeigte
sich nicht mehr symmetrisch und gleichmäßig
fließend, sondern bei kurzen Wellenlängen
gequantelt, gehackt.

Max Planck musste – selbst widerwillig –
das Wirkungsquantum (h) als rechnerische
Größe einführen, um die Abweichungen
der Verteilungskurve bei kurzen
Wellenlängen mathematisch zu versöhnen.

Widerwillig deshalb, weil Planck selbst ursprünglich
an Kontinuität glaubte, und ihm sein eigenes
Vorgehen und die Konsequenz überhaupt nicht
behagte.

Eine statische rechnerische Größe ist
aber selbst nur wieder eine reflektierte
Stabiliserung.

Eine Konstante ist – wie der Name schon sagt –
eine Konstante, also stabilisiert. So auch die
Konstante: h

Der experimentelle schwarze Körper
am Kaiser Wilhelm-Institut in Berlin war jedoch
auch kein perfekt geschlossener schwarzer Körper.

Er war nur sehr scharf auf eine „Beinahe-Geschlossenheit“
experimentell erpresst. (Ein Hohlraum mit einer winzigen Öffnung)
Auch dieser schwarze Körper war also bestenfalls pseudo-diskret.
Genau so – wie die warmen Zahlen und die gesamte Mathematik
in unserem Gehirn  pseudodiskret sind.
Denn auch eine Zahl, eine Funktion,
eine Gleichung, hat – im übertragenen Sinne – einen
permanenten Energie-Verlust.
Eine Zahl in unserem Kopf, eine mathematische Funktion, ist
bereits eine neuronal verteilt arbeitende „Form“ der Zeit, die
im Fließgleichgewicht des Gehirns ihre „Form“
als relativ stabil behaupten kann.
Eine Zahl wäre damit ebenfalls ein fast perfekter schwarzer Körper,
der aber nicht absolut geschlossen ist. Auch die neuronale
„Form Zahl“ hat bereits einen Symmetrieverlust.

Daran hat aber damals keiner gedacht.
Und daran hat bis heute keiner gedacht.

Max Planck tat dabei etwas, das bis heute
philosophisch nicht aufgearbeitet wurde. Er bediente
sich, um die Abweichungen im Strahlungsspektrum
mathematisch zu versöhnen, einer Formel von Ludwig Boltzmann,
die er rechnerisch umfomte.

Ludwig Boltzmanns Formel aber, welche die Wärmeverteilung
an Molekülen ca 30 Jahre früher für ideal geschlossene
Gasvolumina beschrieb, galt bis dahin eben für Moleküle, also
für diskrete und abzählbare relativ große Elemente, die
Boltzmann selbst zu seiner Zeit auch nur hypothetisch
annehmen konnte. Auch Boltzmann konnte seine Moleküle
zu seiner Zeit noch garnicht sehen.

Planck aber hatte es mit Strahlungs-Verteilung zu tun.

Jede Wahrscheinlichkeitsrechnung braucht, um Verteilungen
zu berechnen, diskrete Abzählbarkeiten (diskrete Ereignisse,
oder diskrete Dinge, Elemente, Ereignisse oder Häufigkeiten)

Hier sieht man also schon, dass bereits die Wahrscheinlichkeits-
rechnung „Diskretion“ vorraussetzt und schließlich auf diskrete
Zahlen und Ereignisse (zählbare, schätzbare Häufigkeiten)
projeziert, die sie einfach so als diskret geschlossen annimmt.

Wahrscheinlichkeit braucht Unterscheidung. Diskretion. – also Zeit.

Und die Primär-Diskretion (Unterscheidung) für unser Bewusstsein
leistet thermodynamisch/ elektrodynamisch die Blut- Hirn-Schranke.

Und die Pointe heißt: Die Blut-Hirn-Schranke selbst sortiert bereits
die ungeordnete molekulare, thermische, chaotische und
elektromagnetisch undifferenzierte Physis (Atmung, Ernährung, Ionen, Blut)
in ein geordnetes, sozusagen halbwegs berechenbares Millieu – der
ungefähren Gleichverteilung. Das Fließgleichgewicht in unserem Kopf.

Die Blut-Hirnschranke selbst sortiert und selektiert molekulare Verteilung
und elektromagnetische Verteilung.

Genau das aber beschreibt auch den historischen Übergang von
Ludwig Boltzmann (Moleküle) – nach Max Planck. (Strahlung)

Zwischen Boltzmann und Planck erkennt man eine
historische Blut-Hirn-Schranke im wissenschaftlichen
Diskretieren.

Während Boltzmann – im übertragenene Sinne für die warme Physis steht
(Blut, Moleküle, Körper)
steht Max Planck für die warme Strahlung (Gehirn, Elektromagnetismus, Ionen)

Und siehe da: Es passte. Plötzlich war auch das Strahlungs-Spektrum mit
diskreten abzählbaren Elementen (den Wirkungs-Quanten) so beschreibbar,
dass die experimentell gemessene Kurve der Verteilung „widerspruchsfrei“
abgebildet werden konnte.

Die Energie „funktionierte“ – wechselwirkte –
im wahrsten Sinne des Wortes mit der Mathematik in
unserem oder diesem Gehirn, welche ja ebenfalls letztlich
nichts anderes darstellt als eine energetische – probabilistische
(wahrscheinliche) – Bewegung.

Das Plancksche Wirkungsquantum ist also nichts anderes,
als eine konstruktive Resonanz zwischen zwei „Diskretionen“
(Pseudo-Diskretionen)

1. die energetischen „Diskretion“ unseres Gehirns durch die
Blut-Hirnschranke (bio-evolutionär), samt Zahlen, Symmetrien, Funktionen, Zeichen, Gedanken im Fließgleichgewicht.

2. der technischen Diskretion als reflektierte Diskretion (techno-evolutionär) Geräte, Experimente, Gleichungen, Labore, schwarze Körper.

Auch ein technisches Gerät ist ein Fließgleichgewicht.
Es muss als Funktion durch Strom/Energie in  Funktion – stabilisiert werden.

Das Funktionieren der Quantenphysik als Beschreibungsmodell
bis in die Techniken hinein, also bis heute, sagt damit etwas über das Funktionieren einer funktionalen Wechselwirkung
zwischen Mensch, Kognition, Bewusstsein ( brain inside) und der nur diskretiert
beobachtbaren und beschreibbaren energetischen Natur aus. (brain outside)

Deshalb sind funktionierende Techniken und Geräte bestenfalls
Bestätigungen und Perpetuierungen dieser Wechselwirkungen.
Sie sagen aber nichts über die Natur als solche aus.

Um hier gleich einem Missverständnis vorzubeugen:
Das ist kein solipsistischer Standpunkt.
Und nein, damit wird nicht behauptet,
es gäbe keine objektive Realität.

Vielmehr wird damit gesagt und zugleich bewiesen,
dass der Mensch selbst voll mit seinem Bewusstsein in
einer expansiven, also sich thermisch und informell
ausdehnenden Wechselwirkung als Teil einer
Wechselwirkung mit der Realität befindet.

Information und Energie unterliegen beide der Entropie,
also der Streuung. Und in dieser Streuung, das weiß man
seit Ilya Prigogine, können auch wieder neue Formen
entstehen. (Formen sind Diskretionen)

Ungefähr so wie ein Segler auch Teil der Thermik ist,
die ihn zugleich trägt, die er aber auch benutzt und dadurch
verändert. Ein Segler innerhalb einer Strömung verändert
auch die Strömung

Und die unhintergehbare nichtrelativierbare objektive Größe
dieser Bewegung ist die thermodynamische Entropie, mit anderen
Worten: Die absolute kosmologische Realzeit.
Mit noch anderen Worten: Die Expansion des Kosmos.

Diese Expansion hat einen Strömungsdruck der zu „Raumzeiten“
verwirbelt. Ergo Massen. Aber diese Zeit ist nicht relativ. Denn die Zeit ist die Entropie Strömung, die zu Massen (und Leben und  – statistisch dann – bei entsprechenden Bedingungen zu Einzellern, Mehrzellern und Gehirnen) verwirbelt. Weil Dissipation bei entsprechenden Bedingungen sich in
Diversifikation von Details fortsetzen kann.

Das widerspricht Einstein nicht. Es setzt nur den Schwerpunkt
anders, hier auf den Strömungsdruck der Entropie,
der zu Zeit-Räumen verwirbelt, die sich schließlich zu Massen
verdichten. (Energie-Dichten)

Mit wieder anderen Worten: Zeit = Form = Masse = Energie.

Massen sind „Formen“ – und als solche „Formen“ sind
Massen beschleunigt rotierende Wirbel der kosmischen
Expansion.

Die so genannte dunkle Energie ist
der Strömungsdruck der expansiven Entropie,
der Formen, Massen, Leben, und schließlich „Bewusstsein“
wirbelnd – rotierend – „formt“.

Die so genannte „dunkle Materie“ ist das informationelle
Potential, „ungeformte“ Masse, welche die sichtbare gewirbelte
Materie wie „Wasser“ einschließt.

Masse = Zeit. Gravitation ist der Strömungs-Sog – zwischen Zeit-Raum-Wirbeln (Massen)

Ein „Wechselwirkungteilchen“ der Masse kann deshalb am CERN nicht gefunden werden.

War das CERN deshalb umsonst?

Nein, weil auch eine Falsifikation, also ein Irrtum eine Information ist,
die Entwicklung vorrantreibt, in dem Falle eine neue Physik, eine
Physik ohne Blut-Hirnschranke, eine Physik die mit warmen Zahlen
rechnet, und nicht mehr mit kalten, zeitlosen.

Mensch und Technik wachsen synchron in Wechselwirkung von Funktion
nach Dysfunktion nach Funktion…..von Symmetriekonstruktion
nach Symmetrieverlust nach Symmetriekonstruktion aus der
Entropie hervor.

Und diese Feststellung ist objektiv. Eine objektive
Realität. Die unabhängig von einem Beobachter ist.

Die Quantentheorie ist eine subjektiv-soziale- „richtige“ Theorie
aber objektiv ist sie falsch.

Wechselwirkung braucht keine „Teilchen“
Wechselwirkungen sind Rotationen (Routinen)
Richtungstausch-Routinen zwischen Wirbeln,
die sich entweder anziehen (unterschiedliche Drehrichtung)
oder abstoßen (gleiche Dreh-Richtung)

Deshalb kann jede Wechselwirkung auch als Schwingung
(Sinus-Rotation) abgebildet werden.

Was also sind Quanten?

Ein kurzes Bild:

Wenn man einen Ton auf einer Mundharmonika bläst, dann
erhält man einen kontinuierlichen Ton.
Wenn man zusätzlich aber mit seinem Kehlkopf noch einen Ton dazu erzeugt,
dann fängt der Ton insgesamt an zu flattern. Weil der Kehlkopfton
den Ton der Mundharmonika konstruktiv auslöscht und „diskretiert“
Dieses Tonflattern schwingt nun zwischen den Stimmlippen des Kehlkopfs
und der Stimmlippe der Munharmonika hin und her.
Im übertragenen Sinne sind dieses Tonfllattern die Quanten.
Es kann nicht genau gesagt werden, ob der Kehlkopfton des Beobachters flattert (brain inside) oder der Ton der Stimmlippe der Mundharmonika (brain outside)
Beide Orte sind gleich wahrscheinlich und wechselwirkend schwingend miteinander gekoppelt. Eine konstruktive Resonanz, die sich ergibt, weil
unser eigenes Bewusstsein historisch über permanente trial and error – Prozesse –
über die weitere Feinausbildung der experimentellen Fähigkeit irgendwann
die „Resonanz-Auflösung“ seiner eigenen thermodynamischen „Diskretion“ durch die Blut-Hirnschranke auf seine energetische Umwelt – diskret – konstruktiv – überträgt.

Was genau der hier postulierte Strömungsdruck ist und warum er exsistiert, wird
die Zukunft beantworten. Ich vermute, dass der Urknall ein erster Symetriebruch zwischen Energie und Information war, also nichts anderes als die Erfindung der „Eins“ – die nur in Wechselwirkung zur „Nicht-Eins“ exisiteren kann.

Ich wette 4242,42 Euro, dass im CERN kein Higgs-Teilchen diskretiert wird.

Weil Masse = Form = Zeit – ist.

Der Mensch, sein Gehirn, seine Technik ist lediglich selbst ein mit der
Energie gleich-gültiger kosmologischer Verteiler von
gleich-gültigen Ereignissen. (Diskretionen.)

Der freie Wille ist sowohl wahr als auch scheinlich.

Ein Lebewesen mit Bewusstsein ist selbst nur  eine
wahrscheinliche statistisch verteilte Wahrscheinlichkeit.

Die Zeit-Verzögerungen bei den Libet-Experimenten der Hirn-Forschung, sagen
nichts weiteraus, als dass die Hirnforscher selbst auch ein Gehirn haben. Die Zeitverzögerung zwischen Bereitschaftspotential und der Ausübung einer Handlung ist eine gekoppelte Irritation zwischen den Hirnforschen, der Technik und der Versuchs-Person.

Die Kopplung zwischen unserem Bewusstsein und der thermischen „Funktion“
als Technik, ist auch der Grund, warum Physiker sich regelmäßig darüber wundern, warum bestimmte Konstanten so fein abgestimmt sind, dass nur eine minimale Änderung hinter dem Komma den ganzen Bau, den ganzen Kosmos und damit den Menschen unmöglich machen würde. Mit anderen Worten:

Die Physiker haben immer mal wieder den Eindruck, dass die Katze genau da
die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken. Auch diese Frage wäre
damit nun geklärt.

Soviel zu Ockhams Rasiermesser.

Abschlussbericht Labor, Freitag der 13. November 2009

Achso, der Hund fehlt noch, der Pudel, des Pudels Kern – ein Wirbel hat kein Kern.

Nachtrag: Es ist sehr wichtig, dass die Wissenschaft in Zukunft das Resonanzverhältnis zwischen unserem internen Fließgleichgewicht (brain-inside) und dem kontinuierlichen DELTA-Feld der Entropie (Universum-brain-outside) darauf hin untersucht, ob es anthropo-harmonische Wahrnehmungs-Selektionen gibt, die auf einer ganz bestimmten Resonanz, also auf einem ganz bestimmten „harmonischen“ Verhältnis zur entropischen Energie des Universums hinweisen. Hier muss nach selektiven Harmonisierungen gefahndet werden (Fourier, Metrik, Lissayou, Musik-Wissenschaft) – ebenso wie nach einem harmoniserten Verhältnis zur Zahl PI.
Es ist höchstwahrscheinlich, dass die antrophotechnische Physik uns nur einen möglichen Ausschnitt des Universums zeigt, nämlich den, der „harmonisch“ oder „metrisch“ mit unserer evolutionären Routinen-Resonanz konstruktiv gekoppelt ist.

Meta-Thermik: Zeit als Form

Der Zusammenhang war mir noch nicht ganz klar.
Deshalb griff ich nach einem weißen Blatt Papier,
und knüllte es in meiner Hand zu einer Knüll-Kugel.

„Was habe ich getan?“ – frage ich Kaminskie.
„Habe ich dem Papier Zeit zugefügt?
Oder Energie ?

Kaminski sagt: „Beides. Du hast eine gewisse Arbeit
in das Papier gesteckt. Kraft mal Weg.“

„Ich habe es geformt.“

„Ja, du hast es geknüllt.“

„Geformt, darauf bestehe ich.“

„Na gut, geformt“

„Interessant daran ist aber, – sage ich zu Kaminski –
„das diese Knüllpapierkugel jetzt belastbarer ist
als ein Stück Papier, wenn es ungeknüllt bliebe.
Ich kann mit dem Knüllball jetzt Fussball spielen,
Es verändert ihn nicht großartig.
Er ist sogar elastisch jetzt, flexibel, stabil.

(Ich werfe ihm die Kugel zu.)

„Worauf willst Du hinaus.“ – fragt er .

„Ich frage mich“ – sage ich zu Kaminski -„ob es einen ganz
direkten Zusammenhang gibt zwischen Form und Zeit –
oder vielmehr: Information – und Zeit. Ich frage mich,
ob in dieser Papierkugel Zeit gespeichert ist.
Und ich frage mich, ob ich die Zeit, die in der Papierkugel steckt,
wiederhaben kann.“

Kaminskie antwortet: „Also es ist so, du hast genau genommen
Energie als Arbeit in die Form der Kugel investiert. Du hast eine
Kraft mal Weg – Funktion investiert, um die Fläche des Papiers
auf eine Kugel zusammen zu knautschen.“

„Aber das Knüllen des Papiers hat auch Zeit in Anspruch genommen.
Warum steckt in der Formel für Arbeit: Kraft mal Weg – keine Zeit?“

„Ich kann dich beruhigen“ – sagt Kaminski – „wenn man den
Vorgang als Energieumsetzung betrachtet,
hast du die Zeit wieder drin.“

1 Joule = 1Newtonmeter = 1 Wattsekunde.

„Verstehe, in „1 Joule“ steckt also immer auch die Zeit
als Watt-Sekunde.“

„Ja, das Knüllen der Kugel hat eine gewisse Zeit in Anspruch genommen.
Aber diese Zeiteinheit ist ein beweglicher Faktor.
Denn du hättest das Blatt Papier ja schnell oder langsam falten können.
Auf die Form der Kugel hat das keinen Einfluss.“

„Moment, Kaminski, dass heißt aber dann, wenn ich die Kugel
ganz langsam und gemächlich gefaltet hätte, wäre genau so viel
Energie sprich Wärme umgesetzt worden, als wenn ich
sie blitzschnell zusammengeknautscht hätte?“

„Ja, prinzipiell, wenn du sie in beiden Fällen exakt gleich formst,
wenn man sie also als absolut form-identische Fälle von
Zusammenknüllung betrachtet, bleibt der Energieaufwand der selbe.“

„Was schätzt du?“

„Na ich schätze mal, du hast beim Knüllen ungefähr 50 Wattsekunden
umgesetzt oder 50 Joule oder etwa eine Arbeit von 50 Newtonmetern geleistet.“

„Gut Kaminski, aber du musst zugeben, dass ein Teil dieser Energie oder der
Zeitanteile jetzt irgendwie in dieser Form gespeichert ist.
Warum ist diese Knüllkugel um so vieles formstabiler als ein offenes Blatt Papier?
Habe ich dem Papier nicht, in dem ich es knüllte, eine Art Zeitvorrat gegeben?
Ein Zeitvorrat, der sich darin zeigt, dass diese Papierkugel nun
resistenter gegen weitere Veränderung durch Entropie ist.
Der Zusammenhang ist doch irgendwie offensichtlich….“

„Das musst du mir näher beschreiben, damit ich deine Frage besser verstehe.“

„Gut, also stell dir vor, dein Leben würde von ein paar Sekunden abhängen,
die den Unterschied ausmachen, ob ich eine fest geknüllte Papierkugel
in einen Ofen werfe oder ein loses Blatt Papier.
Welche Form würde schneller verbrennen?“

„Das Blatt Papier würde schneller verbrennen.
Bei der Knüll-Kugel würde es länger dauern.
Weil das offene Blatt Papier mehr Angriffsfläche
für die Hitze bereitstellt. Bei der Knüllkugel würde es
eindeutig länger dauern.“

„Richtig. Das heißt aber doch dann, dass mir die Form der geknüllten Kugel
jetzt sozusagen mehr Zeit schenkt. Sie schenkt mir möglicherweise ein
paar Joule wieder zurück, in Sekunden, aber jetzt nicht als Energie –
sondern als reine Zeit, die sie länger dem Feuer stand hält.
Und das, obwohl es ja nicht irgendwie „mehr“ Papier oder „mehr“ Materie ist.“

„Das stimmt“ – sagt Kaminskie – „aber nur immer im Verhältnis
zu diesem ungefalteten Papier.“

„Müsste man aber dann nicht“ – frage ich Kaminski –
„über einen Zeiterhaltungssatz“ nachdenken, der über
das Phänomen „Form“ vermittelt ist? Es stellt sich doch die Frage,
ob in diesem Sinne nicht vielleicht jede „Form“, also jede Materie
letztendlich nichts anderes ist – als thermodynamische ZEIT – FORM.
Ich habe nicht umsonst die Wärme des Ofens bemüht.

Anders ausgedrückt: Zeit und Form wären äquivalent.

Oder noch anders: Zeit = Form = Wärme = Materie= Gravitation.

Was ist mit diesen Sekunden, die es länger dauert,
bis eine geformte Knüllkugel verbrannt ist, im Gegensatz
zu einem losen Blatt Papier?

Oder noch anders: Materie wäre ein thermodynamisches
Fließgleichgewicht der Zeit.
Eine temporär stabilisierte Form der Zeit. Ein Wirbel in einem Fluss.
Eine Fluss-Faltung der Entropie.

Eine geknüllte Papierkugel wiegt zwar genau so viel, wie das lose Blatt,
aber dafür – „hat“ – sie mehr ZEIT. – im Feuer – in der Wärme.“

„Darüber muss ich nachdenken.“ – sagt Kaminskie.

Es ist ein Gedankenexperiment, dass eigentlich danach fragt,
was genau Form ist. Wie kann man den abstrakten Begriff „Form“
definieren unabhängig von einem Stoff, der die Form „hat“..
Also anders ausgedrückt: Was heißt: „Form haben“ ?
Denn „Form“ und das, was sie bezeichnet, hat ja keine Temperatur,
sie ist ein Akzidenzbegriff.
Deshalb die Idee der Untersuchung, was Formung bedeutet,
ohne dass ich dem Material etwas wegnehme oder hinzufüge – das Knüllen.
Die Spekulation überlegt hier, ob es nicht ganz grundsätzlich so sein könnte,
dass im Prinzip jeder „Stoff“ also jede „Materie“ lediglich „Form“ ist.
Ob „Form“ und „Stoff/Materie“ eigentlich das selbe sind.

Normalerweise nimmt man nach Einstein an, dass Zeit relativ zur Masse ist.
Aber es gäbe noch eine andere Betrachtungsweise.
Was, wenn die Thermodynamik kosmologisch so dominant ist, dass eine
Art Strömungsdruck der Entropie wirkt, weil alle Ränder offen sind.
Ein Strömungsdruck, der zu Massen verwirbelt. Und diese Massen wären dann
quasi Zeit-Wirbel, Zeit-Formungen?
Dann wäre die einzige echte Konstante des Universums die thermodynamische
Strömung von warm nach kalt. Als gerichteter Prozess.

Die „Form“ entspricht hier in diesem Fall offenbar einem
höheren Ordnungsgrad. Aber von was?
Thermodynamisch hieße das: Ich habe das Blatt Papier verdichtet,
oder innerlich beschleunigt wie ein Gas.
Die Knüllkugel müsste dann also – im übertragenen Sinne –
eine höhere „Temperatur“ haben. Oder eine Art „innere Beschleunigung“
Die relativ chaotischen Faltungen innerhalb der Kugel –
was bedeuten sie eigentlich?
Oder ist es umgekehrt: Hat die geknüllte Form innerlich
eine geringere Temperatur? Aber eigentlich habe ich nicht das Papier,
sondern lediglich seine Struktur verändert.
Seinen Raum-Bedarf. Oder seinen Raumanteil auf ungefähr
den einer Kugel verringert? Aber was das eigentlich bedeutet, ist mir nicht
ganz klar. Mir ist auch nicht klar, was die Prozessverzögerung Verbrennen
der Kugel thermodynamisch oder zeit-raum-dynamisch
eigentlich aussagt.
Witzigerweise ist das ja hier alles noch klassische Physik vor Einstein.
Allerdings ist das Szenario thermodynamisch gewählt, weil alle thermischen
Prozesse einem gerichteten Prozesspfeil von Warm nach Kalt unterliegen,
der auch als thermodynamischer Zeitpfeil bezeichnet wird.
Was hier interessant scheint, ist dieses seltsame Umtauschverhalten zwischen
investierter Arbeit, die eine Raum-Größe enthält (Weg) und eine
Zeitgröße in den Wattsekunden – dann aber wieder durch verlangsamten
Abbrand in einem Tauschverhältnis steht. Denn ich könnte ja selbst, in den
Sekunden, die die Papierkugel länger dem Fauer standhält,
auch einen Weg zurücklegen……Fluchtweg (Sorge?)
Oder ist vielleicht schon die Formung selbst Sorge –
nämlich Sorge um eine Form, Sorge um ein Blatt Papier…

Physik der Antiphysik

Teil 1: Schwellen.

Warum etwas opfern. Ein Opfer ist eine Kommunikation mit einer metaphysischen Macht.
So schreiben es die Lexika.
So sagt es Eliade, der Religionsforscher. Alle Religionen dieser Welt kennen eine solche Kommunikation. Der Angesprochene, der Herbeikommunizierte ist ein Geist, ein Ahne, eine Göttin oder ein Gott. Oder ein Zeichen.
Ein Zeichen von Physis oder Nichtphysis.
Der Opfernde gibt etwas hin. Öl, Reis, eine Maske, Rauch, ein Tier, Feuer, ein Tanz, den Rausch, ein Stück Rinde…. auch ein Menschenleben.
Der Grund: Kommunikation. Aber mit wem? Steht hier nicht Physis gegen Metaphysis, das Unsichtbare?
Und überhaupt, ist diese Art zu kommunizieren nicht eher eine Einbahnstraße?
Gibt es Antworten?
Die Mythen gehen immer selbstverständlich davon aus. Und noch die Sagen berichten davon. Der Drache sagt: Bringt mir jährlich eine Jungfrau und ich lass Euch in Ruhe. Dionysos fordert den Rausch, den Ritus, und sogar das Mysterienspiel, das Theater, die frühe griechische Tragödie. Alles soweit klar. Aber wer hat sie wirklich gesehen die Götter, die Geister, die metaphysischen Mächte?
Vielleicht hat man sie früher einfach öfter gesehen. Sie ließen sich eben blicken, kamen vorbei oder zeigten sich in der Extase. Traten hervor.
Als moderner Mensch, der auch gerne mal zwei oder drei Gläser über den Durst trinkt, kann man sich gerade noch vorstellen, dass man etwas hervortreten sieht.
Dafür tanzten früher Befugte, Beauftragte, Priester, Schamanen, Zaubermänner, Spezialisten – mit der Lizenz zum Betrunkensein, zum Rasen, zum Durchdrehen, zum Rausch, ja, auch zum Töten. Ein Hieb mit der Keule, ein Schnitt mit der Klinge und ein langer roter Faden floss vor der ebenso roten Sonne bald über die heiligen Stufen der Stadt Tenochitlan.
Es geht auch weniger brutal. Ein Paar Kokablätter in den Fluss gerieben, damit der nicht oder gerade deshalb über die Ufer trete. Ein Schluck Wein auf die Erde gegossen für den Gott der Ähren und Ernten. Olivenöl für den Olymp…
Opfern bewegt Physis, ist Handlung. Handeln. Ein Handel. Es müssen auch nicht immer Gaben sein. Handlung kann auch Tanz sein, oder ein Rausch, ein Ritus, eine Zeremonie, eine Liturgie. Auf jeden Fall aber meint das immer: Physis. Physis im Rausch, im Tausch. Aber im Tausch gegen was?
Gibt es das Wesen da draußen? Da oben? Im Fluss? Im Himmel? Im Olymp?
Für den Opfernden ist das keine Frage. Denn indem er handelt, Handlung vornimmt, beweist er es. Er bewegt die Luft, zündet Feuer, lässt bluten, schwitzt, tanzt, raucht, schwenkt Töpfe, zündelt in Schalen – und handelt. Schon die Handlung gehört dazu, zur Zeremonie des Opfers. Auch eine Handlung ist Gabe, Hingabe, Physis, Opfer. Zuhören. Sie ist Anspruch auf Ansprache. Kommunikation. Aber mit wem? Wer ist da draußen? Sind es die Ahnen, die Wesen, die Geister, die Götter? Kann man sie sehen?
Wozu der ganze Aufwand? Muss das sein?
Ja. Es muss sein. Der Wald, das Feld, der Fluss, der Himmel, die Frau, der Mann, das Kind müssen einen Sinn haben. Es muss ein Sinn in ihnen wohnen. Es muss da wer sein, den ich ansprechen kann, den ich bitten kann, dass der Regen kommt, bei dem ich mich beschweren kann, wenn er ausbleibt, oder auch, bei dem ich mich entschuldigen kann, wenn ich ihm zu nahe getreten bin. Dafür muss das sein. Wenn der Fluss überläuft, der Wald brennt, oder die Ernte verdorrt, die Tiere brüllen, da draußen muss es einen Bevollmächtigten geben, mit dem ich sprechen kann. Der mit sich reden lässt. Und mit dem man handeln kann. Die Welt ist so eingerichtet. Ich muss etwas tun, handeln, dann handelt sich etwas, verwandelt sich etwas, dann kriege ich etwas. Regen, Rat, Vergebung oder den Sieg, die Frau, die Heirat, die Schlacht, das Kind. Von nichts kommt nichts. Also handle ich, damit der Regen kommt. Oder damit das Blut ausbleibt. Ich rufe den Bevollmächtigten. Den Abschnittsbevollmächtigten. Ich biete einen Tausch an. Ich kommuniziere. Ich opfere. Ich opfere bis es regnet. Ich opfere bis der Arzt kommt. Ich entzünde mein Feuer, ich brenne eine Maske, vergrabe meinen besten Bogen, oder ich stampfe einfach mit den Füßen auf diesen Grund voller Sinn.
Ich opfere. Gebe eine Gabe, ein Leben, meine Kraft – also, lieber Gott, lieber Geist, mach dass es gut wird. Komm schon.
Opfern ist Handeln für einen Sinn. Handeln. Handlung. Gabe. Gebet.
Pflanze, Blut, Fleisch, Rauch, Feuer, Stimme, Physis. Der Opfernde gibt das Wesentliche und erfährt dabei – das Wesen, den Geist, den Gott. Darin, in diesem Handeln im Wesentlichen zeigt er sich schon. Die Metaphysis zeigt sich in der wesentlich erregten Physis. Das ist das Opfer. Das ist der Handel, die Gabe, das Gebet. Die Handlung ist der Handel. Ein Tausch.
Das Wesen des Ganzen wird sichtbar. Sein Sinn. In der Handlung, im Handel, im Tausch mit dem Wesentlichen. Gott wird sichtbar, ohne dass ich ihn anschauen muss. Und der Geist berührt mich in der aufgewühlten Physis, ohne dass ich ihn anfassen muss. Das ist ES. Das ist SIE. Das ist ER. Das bin ICH. Das sind WIR. Mitten im Rauch, im Tanz, im Feuer ahne ich ihn, den Ahnen. Ich ahne den Ahnen, den Geist; im Blut des Geopferten kann ich ihn auch sehen. Ich spüre ihn. Die Kommunikation ist hergestellt. Das System ist stabilisiert. Das Wesen zeigt sich mir im Wesentlichen, in einer mächtigen physischen Bewegung.

So funktionieren fast alle Religionen. Bis heute. Auch die asiatischen. Nur setzen die ein starkes Minuszeichen vor die Physis, dann folgt aus der Beruhigung eine Verwandlung in den Sinn.

Der tiefere Grund für alle Religion:
Das menschliche Bewusstsein ist als „Form“ ebenso offen wie auch geschlossen.
Es ist ein elektrodynamisches Fließgleichgewicht. Um bewusst zu „sein“, muss es eine permanente Fließgleichgewichts-Verhandlungsroutine „tauschen“ zwischen innen und aussen.

Zeichen lesen tauscht gegen Physis schreiben tauscht gegen Zeichenlesen tauscht …etc..

Die Sinne sind die elektromagnetischen Einlasskanäle (Auch Wärme ist eine elektromagnetische Erscheinung im Spektrum) Die Reflexe – als Reaktionkanäle sind als „Gegen“ – Steuerungskanäle die reaktiven nach aussen gerichteten Stabilisatoren. Das Bewusstsein vibriert oder zittert  in einer Oszillation – innen – aussen. Bewusstsein haben heisst: Eine Innen-Außenbalance zu „verhandeln“ Daher auch der Eindruck, eine Person habe „Schwingung“

Das Gehirn muss – um steuern zu können – eine gewisse Autarkie gegenüber der fließenden reinen Physis der Themodynamik behaupten. Es muss einen UNTERSCHIED behaupten, um steuern zu können. Es braucht eine Isolation. Es muss „schwimmend“ gelagert sein. (Der General darf nicht die Schlacht selbst sein) Es muss selbst  – wie eine – autarke Zelle durch eine halbdurchlässige Membran von der nurfließenden Physis abgeschirmt sein.
Dies Abschirmung leistet die Blut-Hirnschranke – bei allen höheren Säugetieren.

Je stärker die Abschirmung durch die Blut-Hirn-Schranke, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Teil der Oszillation von physisch – elektromagnetischer Aktion – Reaktion innerhalb der Zelle gespiegelt – also reflektierend hin und her geworfen wird. Ein Teil der Oszillation kann den Kopf  nur noch stark verzögert sowohl erreichen als auch verlassen.
Dieses Hin – und Her-Spiegeln von Anteilen der flexiven und reflexiven Balance-Handlungen erreicht irgendwann einen „Schwelle“ – an dem das Gehirn so viele Anteile elektromagnetisch re-flextiv hin und her-spiegelt, dass es selbst „Form“ wird – also „WELT“ – in sich selbst spiegelt und mit dieser Spiegelung zu allem was „da draussen“ physisch ist oder von aussen physisch auf es eindringt ein neues Wort sagt – DU!
Das Wort, das zugleich das ICH miterzeugt.

So trennt aber dies Blut-Hirnschranke auch alle höheren Funktionen von der Physis des eigenen Körper ab.

Deshalb externalisiert der frühe Mensch auch alle unbewussten und phyischen Belange, die Triebe und Gewalten und Mächte des eigenen Körpers mit einem „DU!“

Religion ist und war nichts anderes als diesem „Du“ – da draussen vor der Schranke einen Namen zu geben – also den Namen „Gott“

Drogen und Extasen sind eine Möglichkeit die Blut-Hirnschranke zu überwinden und zu diesem Gott Kontakt aufzunhemen. Opfern, Beten, Sprechen sind Opfer – Techniken(!) eine andere Möglichkeit.

Der größete Anteil des Gehirns ist eine schwimmend – gepuffert gelagerte Blase – eine dissipative offen-geschlossene Form in der Zeit. Innerhalb des Cortex fließt keine Realzeit. Das Gehirn und der Cortex selbst exisiteren für sich –  zeitlos.

So bilden Religionen auch Gemeinschaften bis heute. Aber das ist hier nicht wichtig. Ob die ganze Gemeinschaft den Ritus beging, ein einzelner für sich oder nur ein Schamane oder Priester als Stellvertreter im Schauspiel für alle, ein Ritual aufführte, dessen die Umstehenden ansichtig wurden – das eine große Prinzip von Religionen ist der Tausch. Der Tausch Physis gegen Metaphysis. Und dieses Prinzip hat auch die Bauten erstehen lassen, die Sakrale, die Pyramiden, die Menhire, die Werke und Gewölbe, die Kirchen, Tempel, Kathedralen und Moscheen. Ganze Kulturen wären ohne die Physiken des Opfers, und seien es die Opferphysiken der Arbeitskraft, nicht denkbar gewesen. So wirkt das physische Opfer auch als eines der ersten vornehmsten Kräfte der Techniken und der Ästhetiken, der Wirkungen und Anschaungen. Was dem Abwesenden gewidmet war, hat Anwesenheit geschaffen. Die unsichtbaren Metaphysiken haben also doch geantwortet und sich sogar als Baumeister betätigt. Wer oder was hat den Petersdom gebaut? Die Physik oder die Metaphysik? Das Sichtbare oder das Unsichtbare? Geist oder Materie?

Die Kirche als Bau. Die Kathedrale. Sie ist eine Statik, geweihter Ort, Grabstätte, sakraler Raum, Immobilie. Woraus besteht sie? Besteht sie aus Physik oder Metaphysik? Wer hat die Kirche gebaut? Gott oder die Menschen? Was macht ihre Statik? Geist oder Materie?
Ist eine Kathedrale Stein gewordenen Metaphysik? Die heilige Stadt Jerusalem, was ist sie? Physik oder Metaphysik. Ist sie Energie oder Information, Körper oder Geist, Mensch oder Gott? Oder Beides? Sind es zu Ziegeln und Gewölben auskristallisierte Kommunikationen mit Gott?  Sind es statische Opfer?
Ist ein sakraler Bau wie der Kölner Dom vielleicht schon die frühe Verwandlung von religiöser Energie in Masse, in Stein? Viele Jahre vor Einstein? Was ist dieses Gehirn, das nach Antworten sucht und zu kommunizieren beginnt, Kräfte, Energien zu opfern bereit ist? In die Umwandlung hinein gibt und in das Wesen, in die Masse. Um was zu bekommen?

Klick.

Die Kirche war Ende des 15 Jahrhunderts eine solche Masse. Eine ungeheure Masse. Sie war Weltmacht. Eine Masse, ein Brocken, eine Wucht, ein Brocken auch, und ein schöner Konzern. Ein Weltkonzern nach damaligen Maßstäben. Ihr gehörten ganze Gebiete, Wälder, Seen, Landschaften. Bistümer. Sie war reich. Eine große Immobilienbesitzerin. Ihr gehörte die halbe Welt, gut vielleicht nicht ganz, aber fast, jedenfalls regierte sie heftig mit, der damalige europäische Raum stand unter ihrer Fuchtel, obschon die weltlichen Fürsten darüber murrten. Doch sie war das Wirtschaftsimperium ihrer Zeit. Sie war Physik. Aber diese Physik war recht ordentlich organisiert. Sie hatte ihre Tochter und Franchise-Unternehmen in den klösterlichen Orden. Zisterzienser, Augustiner, Benediktiner, Dominikaner. Ganz ordentliche Tochterunternehmen eben, die wie kleine und große Filialen als Geist-Tankstellen die Karte Europas dicht an dicht mit roten, blauen und grünen Stecknadelköpfen übersähten, hätte es damals schon solche Stecknadeln gegeben. Das Netz lag sogar so dicht, dass es eben durchaus möglich war, als Mönch zu Fuß von Köln nach Rom zu pilgern, was nicht selten vorkam. Wenn es auch dauerte. Man liest von erstaunlich vollen Wegen und von Klöstern und kirchlich oder zwielichtig verwalteten Herbergen, die sich eben beinahe alle 50 Kilometer den Wandernden anboten. Es muss einiges los gewesen sein auf diesen Wegen, wenn sie auch nicht unbedingt ganz sicher waren. Und in Rom saß die Konzernzentrale. Sehr üppig. Sehr weltlich. Die Päpste, zuletzt aus weltlichen Advokatendynastien, namen es eher lässlich, vergnügten sich mit ihren Geliebten hinter den Mauern oder scharmützelten mit Venedig herum. Alles in Butter. Und schließlich, auf dem Höhepunkt ihrer Dekadenz ließen sie sich von den Raffaels und Michelangelos dieser Welt beeindruckende Bilder malen. Rom wurde nun Hollywood. Gott auf Breitwand.
Der Konzern funktionierte gut. Abgesehen davon, dass es immer mal wieder Probleme gab mit dem Besetzen von Posten und Pöstchen, dem Unterbringen Nepoten, dem Versorgen von unehelichen Töchtern oder irgendwelchen Bischöfen, die man loswerden musste, weil sie sich als Dummköpfe untauglich zeigten.
Aber auch diese hierarchische Struktur glich exakt dem heutiger Konzerne. Oben saß Gott als der Vorstandsvorsitzende, es folgten der Papst als sein Stellvertreter und dann die Bischöfe, Bosse, Abteilungsleiter, Äbte, Priester, Diakone, Mönche bis hinunter zu den Schafen und Schäfchen, die geweidet und geschoren wurden. Diese Kirche war eine physische Welt. Eine sinnlich greifbare und anschauliche. Sie hatte alles. Neben ihrem ungeheuren Besitz an Immobilien und Länderein gehörten ihr auch die Universitäten und viele Bibliotheken, Schnappsbrennerein und Kräutergärten. Sie bestimmte wesentlich das Geistesleben. Und das war eigentlich gar nicht mal so schlecht. Wahrscheinlich muss man sagen, dass die Intelligenteren damals eher in den Klöster anzutreffen waren als auf dem Feld oder der Straße. Ach was, natürlich, es gab dort alles an Charaktären, vom Taugenichts, zum Drückeberger, der adligen Tochter, die versorgt sein musste, Fett-und Pfropfmönche, hohlwangige Asketen  Gelehrte. Diese Klöster waren eher selten Sündenpfühle, wie es uns Der Name der Rose erzählt, aber es gab auch solche und solche. Solche, in denen arme Nonnen sich prostituierten und solche in denen gearbeitet und gebetet wurde, solche die verlottert waren und solche die wie straffe Wirtschaften funktionierten und Überschüsse verkauften und wo man sich Witze über den Papst erzählte, solche in denen geforscht, geschwiegen und geschrieben wurde und solche in denen es von allem etwas gab; oder solche, in denen kirchliche Kontrollbeamte, die nach dem Rechten sehen wollten auch schon mal verprügelt und nackt wieder vor die Tür gesetzt wurden. Das Leben in den Klöstern war mindestens so bunt wie draußen. Und es war wesentlich vom Charakter des Ordens bestimmt. Trotzdem blieben auch für die Klöster die Sommer kurz und die Winter lang. Die Kirche gab Arbeit und Aufträge. Für Architekten, Baumeister, Künstler und Statiker. Obschon sie Grundlagenforschung kritisch beäugte, reglementierte oder gar repressierte, förderte sie die technischen Wissenschaften und Fertigkeiten erheblich. Vieles was an Wissen über Wirkungen, in der physische Herstellung und des Handelns war, ging auf ihr Konto. Die Kirche war wissenschaftsskeptisch, aber sie war nicht technikfeindlich. Im Gegenteil.

Woher hatte sie das alles? Woher hatte sie diese enorme Physis? Ja, es waren Eroberungen und Politik und Nepotismus im Spiel und Korruption, wie das bei Konzernen und Imperien so üblich ist. Aber ihre Macht und ihren Reichtum und das Gewicht ihrer Stimme gründete letztlich auf etwas Unsichtbares. Auf etwas Metaphysisches. Es gründete sich auf Angst. Und zwar hatten viele Menschen damals nicht unbedingt Angst vor der Kirche als weltliche Macht, das sicherlich auch, aber vor allem hatten sie Angst vor einem ungnädigen Gott, dessen Stellvertreter die Kirche war, und der sie in der Hölle brennen lassen konnte, für immer brennen. Es fällt heute schwer, sich vorzustellen, wie real, wie ernst zunehmen, wie wirklich entsetzlich wirklich und nah und verzweifelt möglich es für die Menschen damals schien, es vielleicht nicht in den Himmel zu schaffen. Wie greifbar war diese Angst? Das Fegefeuer war so nah wie ein Stück Brot.
Eine Welt, in der es diese Möglichkeit ganz real gab, dass man nach dem Tode im Feuer brennen könnte. Diese metaphysische Größe der Wirkung der Angst vor dem Fegefeuer hatte ein solches Gewicht, flößte solchen Schrecken ein, in ihrer Nähe, dass sie eine Wirklichkeit war. Heute würde man sagen: Der Tod selbst war ein Scheißdreck dagegen. Eine greifbare Angst, so greifbar, dass man damit Handel treiben und ein großes Opfertauschgeschäft in Gang setzen konnte.
Ängste, Hoffnungen, der Glaube, all dies sind Wirkungen des Unsichtbaren. Metaphysische Wirkungen. Aber sie schufen Wirklichkeiten.
Die Wucht, die Masse, der Brocken, die Physis, dieses Imperiums Kirche gründete in einem gut organisierten Handel und Tausch von Opferphysiken gegen – nicht gegen Gott, auch nicht gegen den Teufel oder Geister, nein, man ertauschte sich – Gnade. Es war ein Gnadenhandel.
Gnade war das begehrte Gut, dass nur der Klerus als Vermittler im Tausch anbot. Die Gnade des Gottes zu seinen Sündern. Und sündig waren natürlich immer alle. Daran bestand kein Zweifel. Schließlich war man ja Mensch und spielte als solcher auf der Klaviatur der Begierden, Triebe, Sünden und Register.

So waren im Laufe der Jahrhunderte die Gnade und die Angst in die Schlachten gen Jerusalem gezogen, so hatte die Gnade und die Angst Kirchen, Städte, Stifungen, Klöster und Bistümer erbaut. Die Gnade und die Angst hatten Europa physisch möbliert und ihm eine erste supranationale Infrastruktur gegeben. Die Päpste waren so die ersten Vorsitzenden einer Europäischen Gemeinschaft.
Aber auch die Ehrfurcht, Hoffnung und die Emphase hatten mitgebaut. Und  –
Die Liebe.
Aber Fleischeslust gehörte damals zu den Sünden. Und sie war dies notwendigerweise. Denn diese Liebe, obschon sie sich nicht ganz unterbinden ließ, war streng reglementiert. Sie gehörte ja irgendwie doch zur Physis. Ein Reglement, das ihre nicht reglementierbaren Anteile des Sexus und der Lust und der Übertretungen und das Vergnügen und den Rausch den Sünden zurechnete. Und damit die Wirkung der Angst, wie über ein Hebelgesetz in die Routinen der Entlastungen und des Gnadenhandels trieb. Beichten. Gebete. Opfer. Ablässe. Geisselungen. Kniefälle. Nerven-und körperaufreibende Pilgerorgien und zum Teil blutiger Askesen.
Die katholische Kirche bediente sich eines metaphysischen Hebels, indem sie die Liebe, die Lüste und Genüsse und alle definierten registrierbaren Vergehen aus dem Fleisch in Steine trieb. In Technik verwandelte, wo sie zu hohen Räumen, und kathedralen Kristallen gefror. Bezahlt mit Abgaben und dem schlechten Gewissen der Schäfchen. Aber natürlich auch mit Eroberungen.
Angst und Hoffnung auf Gnade, das sind die Steine ihrer Gründungen und Bauten. Die Angst und die Gnade benutzte sie als Werkzeug.
Und dieses Werkzeug baute Großes. Sehr Hohes.
Denn die weltlichen Fürsten und Könige arbeiteten fleißig mit. Sie betätigten sich als Stifter. Auch sie gaben ein Teil ihres Reichtums an die Kirche hin. Davon zeugen die Stifte, die deshalb so heißen. Auch wenn diese weltlichen Stiftungen für die Kirche oft auch von einem taktischen Interesse motiviert waren, immer ein bisschen Korruption auch im Spiel blieb, letztlich konnten sich auch die mächtigsten weltlichen Herrscher nie sicher sein, wie nah oder fern auch ihnen die Hölle lag.
Und noch die Bilder und Meisterwerke der so genannten Renissance sind mit solchem Hebel-Werkzeug erschaffen, dass sie mit Ablässen, Opfern und Gaben finanzierte aus der Registrierkasse der Sünden.
Die Kirche baute und strukturierte und unterhielt ein metaphysisches Imperium, mit einem unsichtbaren Herrscher an der Spitze.

Klick.

Aber wie gerecht war dieses System? Wie gnädig war diese Physis? Sie funktionierte und war zweifellos gut organisiert. Ein Körper, der hierarchisch von einem Gott-Oben genährt wurde und an seinem Hölle-Unten die Angst-und Gnadenbauten ausschied, die wiederum steil nach oben wiesen.

Aber war dieser Gott wirklich gerecht? Murmelte man nicht schon längst hier und da? Flüsterten man nicht schon längst an den Universitäten aber auch hinter den scholastischen Kathetern, dass hier irgend etwas nicht stimmen konnte? Wenn ein Armer, der fast nichts hatte, auch noch etwas geben musste, und infolge dessen noch ärmer wurde, so dass er womöglich von der blanken Not getrieben erneut sündig wurde. Und was waren das für Bischöfe und Päpste und Manager, die sich einen Dreck um das Sündenregister scherten, aber nur weil sie reich waren und in der Hierarchie weiter oben saßen, sich der Gnade näher wähnen durften. Sie sich erkaufen durften. Wer bestimmte eigentlich die Preise? Waren sie nicht auch, ob sie es wollten oder nicht in einem Sündenmechanismus gefangen?

Wie kriege ich einen gerechten Gott?

Und wie kriege ich einen Gott, der bei diesen
Widersprüchen wirklich gnädig sein kann?

Über diese Frage stürzte Luther in tiefe Verzweiflung.

Diese Frage stellte sich Luther. Sie wurde ihm gestellt. Aber von wem? Wer stellte Luther diese Frage? War es der Zweifel selbst? Ein Reflektionsüberschuss, die Verhältnisse?
Hier muss nun abgekürzt und auf einschlägige Werke verwiesen werden. Es dürfte auch schwierig sein, dass exakt nachzuweisen. Denn diese Frage lag damals in der Luft. Die Zeit war reif. Und er war nicht der einzige, der über diese Frage nachdachte.

Scheinbar exakt nachzuweisen, oder jedenfalls Luthers eigener Aussage nach, ist der Zeitpunkt und der Anlass, der ihm Antwort gab.

Luther kam zu diesem Zeitpunkt als Mönch selber aus der kirchlichen Hierarchie und kannte die einschlägigen Argumente und die inzwischen eigentlich ziemlich festgefahrenen Diskurse der Scholastiker, die in hoch verfeinerten Argumentationen sehr klug durchaus auch stritten, sich fetzten und diskutierten. Aber in den Klöstern gab es Hierarchien und viele Mönche, ja wahrscheinlich die meisten, bekamen ihr ganzes Leben lang die Originalschriften der Testamente, der Bilbel, gar nicht zu Gesicht. Sie hatten die Scholastiker zu studieren und betrieben Kommentarstudien oder Abschreibungen der großen Kirchengründer und Lehrer von Augustinus  über den Gründer der Scholastik wie Thomas von Aquin, bis hin zu den Spätscholastikern wie Wilhelm von Ockham oder Duns Scotus, die ihrerseits verschiedene Ansichten vertraten und so immer mal wieder Anlass zu gepflegten Disputen gaben.  Die Diskurse der Scholastiker waren nicht dumm, sie waren auch nicht in dem Sinne dogmatisch, dass sie Überlegungen oder Diskussionen gänzlich ausschlossen. Ja, es wurde sogar gestritten. Aber worüber stritten sie?

Sie stritten durchaus über sehr interessante Fragen:

Stehen Glaube, Liebe, Wille höher als Vernunft?
(Duns Scotus – Ja! Thomas von Aquin – Nein!)

Kommt den metaphysischen Begriffen wie „Glaube“, „Wille“ oder den Klassebegriffen wie „Zahl“
oder den Kategorienbegriffen wie „Form“ eine reale Existenz zu oder sind es nur abstrakte Benennungen, Nomina?

(Wilhelm von Ockham – ja, sie sind real existierend!
Anselm von Canterbary – nein, sie sind es nicht, aber…!)

Dazwischen andere Fragen, gemäßigte Positionen und Haltungen. Frühe sehr kluge Diskurse. Philosopheme, die sich letztlich auf die Grundprobleme zurückführen lassen, die schon die Vorsokratiker auf ihre Weise und dann auch Platon und Aristoteles aufwarfen und bis ins 20igste Jahrhundert die philosophischen Köpfe erhitzten. Und es gab auch immer schon Positionen des Ausgleichs. Die Nein-abers und Ja -abers wucherten und näherten sich an, bis sie sich in einer Art metaphysisch-physischen Unschärferelation verloren.
(Ganz sicher stecken in der ganzen reichen Scholastik eigentlich schon fast alle Debatten und ein Großteil der Philospopheme des 19. Jahrhundert und mehr noch des 20igsten Jahrhunderts. Nur dass im 20igsten Jahrhundert nicht über Realien und Nomina gestritten wurde, sondern über Phänomene (Husserl) und Sprache (Wittgenstein) )
Auch diese Debatten haben sich scholastisch und diskursiv in die Ja-abers, und Nein – abers ausdifferenziert. Haben Lehrstühle erschaffen, Posten genährt, kleine und Große Meister, Schüler, Kirchlein, Väter und Söhne. Und es gab da bis zu Luther durchaus auch interessante Bewegungen, in denen ein Kopf geächtet, und dann, nach einem Jahrhundert, wieder zugelassen war.

Man kann hier fragen, was macht ein Mensch, ein gottesfürchtiger Denker, der klug ist, der weiß, dass es einen unbezweifelbaren Gott gibt, was macht ein solcher Mensch mit seiner Freizeit? Er wendet sich den durchaus interessanten Detailfragen zu. Er richtet seinen Reflektionsüberschuss auf Detailfragen, die keine Detailfragen bleiben müssen. Die Beschäftigung mit ihnen kann durchaus plötzlich ans Ganze rühren und gefährlich werden, wie bei Duns Scotus, der auf Grund seiner Haltung Schwierigkeiten bekam.

Reflektionsüberschuss? Warum gibt es den?

Es gibt ihn, weil sich im Laufe der Jahrhunderte das physisch-metaphysische Opferritual aus der Balance der Räusche und Extasen und im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus auf der einen Seite in einen sich verdünnenden Zustand der gemurmelten und geflüsterteten Zeremonien, der  Lithurgien und Beichten, der Gebete und Gaben hinein beruhigt hatte, während die Physis, der Rausch, das Stampfen, das Blut, der Trieb, die Lust über den Werkzeugkasten des Sündenkatalogs und des von der Kirche betriebenen Gnadenhandels zum großen Teil erst in die Rgistrierkassen und dann per bezahlter Arbeitskraft in die mächtigen Bauten und Kathedralen, in die festen Strukturen der Orden und Unternehmen geflossen war, die eine erste wuchtige physische Infrastruktur errichteten. Physik gebaut mit Metaphysik.

Und das hat Nietzsche nicht gesehen. Diesen Tausch hat er nicht gesehen. Er hat lediglich gesehen, dass der Mensch „gezähmt“ wurde. Aber er hat nicht gesehen, dass die physischen Energien in die physischen und energetischen Strukturen und Bauten der Kirche, der Kathedralen und Stifte geflossen sind und dort auskristallisiert waren. In die erste große reale Infrastruktur Europas.

Nicht Zähmung hat hier stattgefunden, sondern Tausch.

Aber zurück zur Scholastik. Was die Scholastik betrifft, gab es interessanter Weise einen „Sieger“, jedenfalls einen Dominator.
Und der heißt Thomas von Aquin.

Thomas von Aquin also setzt die reflektorischen Erkenntnismöglichkeiten in eine ganz klare und eigentlich sehr durchschaubare rationale Hierarchie, in der es ein Oben und ein Unten gibt. Ganz „oben“ ist das „Sein“, das doppelgesichtig und unscharf ist (analog) In ungeteilter Gänze kommt es nur Gott zu, alles was darunter liegt hat lediglich „Anteil am Sein“ und splittet sich dann in Teilen von Teilen zu Teilen des Seins.

Diese Art der Hierarchisierung hat er von Aristoteles übernommen, der in seiner Art zu denken und zu kategorisieren ebenfalls einen Zug zur Matroschkapuppe hatte.

Warum ist das so erfolgreich? Es ist deshalb erfolgreich, weil man das Problem der Doppelgesichtigkeit – dass also das „Sein“ zu beiden Anteilen aus Physis und Metaphysis (Energie und Information) besteht – ans Jenseits, zu Gott hin delegieren kann. Was man erkenntnistechnisch reflektorisch nicht lösen kann, schiebt man weg. Das Ungelöste bleibt dann eben Gott.

Somit hatte man dann zwar im Reflektorischen die Möglichkeit, unendliche Begriffsbildungen und Nominalien zu erzeugen,mit denen es sich durchaus operieren lässt, über die es sich dann auch streiten und disputieren lies, aber was in den blinden Fleck gerät, ist die Physis, sind die Energien.

Die nämlich, also die Physis, die Physik, die Energien, die Handlung, das Handelnde rutschen dann hierarchisch „hinunter“ in die Ethik und in die Frage nach dem richtigen Leben.
Aber damit geraten sie notwendig hierarchisch u n t e r die Meta-Physis. Werden von Ihr getrennt und nähren fortan den Streit um Substanz und Akzidenz, um Potentialität und Aktualität.
Was de fakto ins unglückliche Bewusstsein (Hegel) oder in die unglückliche Praxis führt (Quantenphysik)
Nur die Mystiker (Meister Eckhard oder Johannes Tauler) und Alchimisten als dialektische Praktiker ahnten immer schon von diesem Tausch, und dass hier an dieser Trennung etwas nicht stimmen kann.
Ebenso später der deutsche Idealismus mit seiner Dialektik auf der Reflexionsseite. (Hegel – Phänomenologie des Geistes: Unglückliches Bewusstsein)

Die abendländische Philosophie nach Aristoteles musste deshalb immer trennen zwischen Metaphysis und Physis, Nomina und Realien, Handeln und Erkennen, zwischen Praxis und Theorie, zwischen der praktischen und der reinen Vernunft, zwischen Phänomenen und Begriffen.
Und schließlich hat sie getrennt die „Zwei Kulturen“ von Wissenschaft und Kunst. Explosion und Ästhetik. Ansicht und Blendung. Und gesellschaftlich zeigt es sich in einem eingependelten Zustand zwischen Stoizismus und Skeptizismus oder im Gegensatzpaar von Statik und Dynamik, Gnosis und Emphase.

Warum aber war damals Thomas von Aquins Denken außerdem so erfolgreich? Weil sich seine Hierarchie der Matroschkapuppe, in der es ein Innen und ein außen gab, ein „Oben“ und ein „Unten“ wunderbar dazu eignete, die hierarchische Struktur der Kirche zu rechtfertigen und zu stützen. Und diese Struktur, die zugleich einen Ernährungszusammenhang begründete, setzte sich noch für Jahrhunderte erfolgreich fest und erschuf bis zu Luther eine metaphysische Moderne, das metaphysische Europa mit seinen Kathedralen als hochragende Abschussrampen.

Klick.

Bis Luther und andere darüber nachdachten, ob diese Struktur gerecht war. Und ob man einen Gott, der in einer Hierarchie oben stand, als gerecht bezeichnen konnte, wenn er doch durch diese Hierrarchie seine Untergebenen mehr oder weniger zur Sünde zwang.
Das Opfern der Religionen, dass ursprünglich immer als Kommunikation um den Ausgleich von Physis und Geist gerungen hatte, war heruntergekommen auf einen Handel der Bereicherung, der den Kirchenfunktionär reich machte, und das unterste Schäfchen ärmer aber beide gleichermaßen nicht frei von Sünde ließ, während die ehemals die in Staub, Blut und Extase der Riten aufgewühlte Physis über die Arbeitskraft in die steinernde Infrastruktur der Bauten, der Klöster, der Technik abfloss.

Luther, talentiert und begabt, arbeitete sich in der Kloster-Hierarchie nach oben, wurschtelte sich mühsam durch die Diskurse  und Kommentare und immer feiner werdenden Argumente der Scholastiker, blieb unzufrieden, und durfte schließlich auch die Quelltexte studieren, besorgte sich die Bibel und las. Und irgendwann las er da im Römerbrief einen Satz des Paulus:

D<em>enn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.</em>

Luther guckt diesen Satz an und überlegt. Er versteht ihn erst nicht ganz, aber er spürt, dass hier irgend etwas sehr wichtiges gesagt wird. Etwas ganz wichtiges.

„…welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt? “

Was soll denn das heißen? Glauben tun wir doch alle irgendwie.

„Der Gerechte wird aus dem Glauben leben…“  Was soll das dann?

Und wann, verflixt, ist denn jemand bitteschön – gerecht?

Luther hat jetzt ein Problem. Dieser Satz ist ein logischer Zirkel, etwas das seit in der aristotelischen Logik verboten ist, weil es sie aufhebt und weil es die klare Hierarchie von Aquin, der ihm allerdings immer unsympathisch war, von oben und unten, von innen und außen in Frage stellt, in dem es sie kurzschließt. Dieser Satz zerstört die schöne Matroschkapuppe, macht sie unmöglich.

Aber dieser Satz ist weder eine klare Aussage, noch eine eindeutige Frage. Er liegt dazwischen.

Luther hat später berichtet, dass er über diese Stelle „meditierte“.

Tagelang? Wochenlang?

Meditieren heißt eigentlich: sich in die Mitte begeben. Vermitteln (meditare)

Der komplementäre Ausdruck für meditieren heißt: Verzweifeln.

Aber ein Sprichwort sagt: Unentschieden ist nur der Tod.

Also meditiert Luther, verzweifelt und stirbt, überwindet den Tod und wird wieder lebendig, indem er für sich eine Entscheidung trifft.

Luther deutet: Der Mensch wird a l l e i n aus dem Glauben leben.

Später steht der Satz auch so da. Das a l l e i n  – ist Luthers Entscheidung und Präzision. Es steht so nicht im griechischen Original, was heute auch allenthalben bekannt ist.

Aber diese Entscheidung hat noch eine Konsequenz. Und Luther ist konsequent.
Wenn der Mensch a l l e i n aus dem Glauben lebt, dann kann Gott nur a l l e i n
aus Gnade gerecht sein.

Dass heißt aber: Es findet kein Handel mehr statt! Kein Opfer!
A l l e i n der Glaube vermittelt jetzt zwischen Gott und dem Menschen. Keine Extasen, keine Räusche mehr, aber auch kein Ablasspredigen und quälenden Busspraktiken mehr.

Allerdings: Das Register der Sünden bleibt.

Glaube, das wäre ein Nomina, eine Metaphysis. Aber was ist mit den Energien, der Physik, der Entlastung, der bequemen Möglichkeit, mich von meinen Sünden frei zu kaufen und frei zu beichten? Was ist mit den Bauten?

Gibt’s alles nicht mehr, sagt Luther. Tut mir leid, wer einen gerecht gnädigen Gott will, muss darauf verzichten. Oder jedenfalls auf das Allermeiste. Und das gilt jetzt für alle Menschen. Für die Schäfchen, wie für den Papst.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Luther wollte nicht die Kirche in Frage stellen, auch nicht die Hierarchien. Schon gar nicht die weltlichen. Aber das war naiv. Denn welches Gesetz gab es noch wirklich, außer diesen in sich selbst verschlungenen Glauben.

Und die weltlichen Fürsten, denen die weltliche Macht der Kirche insgeheim immer schon nicht geschmeckt hatten, beschützten Luther nun. Denn sie ahnten oder wussten, dass damit das gesamte meta-physische Kircheneuropa ins Wanken geriet, und die Macht der Kirche gebrochen wurde. Was ihnen nur Recht sein konnte. Schließlich mussten sie sich jahrhunderte lang mit dieser Kirche die Macht teilen – auf ihren eigenen Territorien.

Und so kam es dann auch – wie man weiß.

Luther hatte meditiert und war durch die Mitte des Zweifels und den Tod des Unentschiedens hindurch für sich selbst und für die, die er dann durch glänzende Rhetorik und brilliante Ableitungen überzeugte zu einer Entscheidung gelangt. Aber er konnte nicht sehen, dass diese Entscheidung noch ganz anderer Fragen berührte, die er nicht oder nur wieder apodiktisch beantworten konnte.

Die Folgen sind bekannt. Luthers Entscheidung war eine systemtheoretische und kommunikative Katastrophe. Woher und wie jetzt noch weltliches Recht definieren, wenn vor Gott alle gleich waren?

Unentschieden ist der Tod.

Und dieser Tod kam  über die Bauern, die auch a l l e i n gerecht und also nicht mehr fremdbestimmt leben wollten. Er kam über Thomas Münzer.

Und schließlich fegte der Tod des Unentschieden wie eine metaphysische Atombombe als Krieg durch Deutschland und halb Europa 30 Jahre lang.

Immer hin und her gingen die Fronten.

Glocken wurden zu Kanonen umgegossen und Kanonen zu Glocken.

Die Physiken, die Energien, die im Gnadenhandel der Kirche so gut gebunden waren, für die Luther aber kein Gefäß und keine Verwendung mehr hatte, keine Sammlungsmöglichkeit bereit stellte, wurden destruktiv frei in einer Spaltung dieser Masse mit Namen Kirche. Als plötzliche Bindungsenergie einer metaphysischen Spaltung, die diese Kirchenspaltung war. Viele Klöster und beinahe die gesamte Infrastruktur der Kirche wurden dem Erdboden gleichgemacht, bis die Bevölkerung durch Pest und Krieg und Hunger und das gesamte Land so müde und erschöpft war, so dass es dann nach 30 Jahren endlich zum Frieden kam.

Dieser Krieg war die reine Physik, die Luther aus der Kommunikation mit dem Gott verbannt hatte. Indem er das Opfer verbot, brachte er Opfer hervor.

Es blieben Ruinen und verbrannte Felder und ein Mensch, der fortan zweifeln musste, wenn er Protestant war.
Dieser zweifelnde Mensch, a l l e i n mit seinem Glauben und a l l e i n mit seinem Gott ist der Mensch der Neuzeit.
Der Zweifel Descarts’ der sich dann zu einem ungeteilten „Ich“ überwand ist ohne Luther nicht zu denken.

So erlebt sich der neuzeitliche Mensch sich heute als ein Isotop, als ein Kern mit einer met-physischen Disballance in einem  meta-physischen Zwiespalt, immer unsicheres Überbleibsel, hervorgegangen aus einer Verzweiflung, Meditation und einer Kirchenkernspaltung.

Heiner Müller lässt in seiner Hamletmaschine den Hamlet, der in Wittenberg studiert hat, aber auch den Hamlet, der in jedem ein wenig steckt, einen Text sprechen:

„Ich sitze zu Hause und schlage die Zeit tot mit meinem ungeteilten Selbst.“

Das ist die Situation des neuzeitlichen Menschen nach Luther, und dann nach Descartes.

Denn der protestantische Mensch der Neuzeit, kann sich nie mehr ganz sicher sein, ob er wirklich alles richtig macht, ob er tief und fest genug glaubt. Ob er gerecht ist, und ob er Gott wirklich erreicht in seinem A L L E I N S E I N nach Luther.

Er darf nicht mehr opfern. Er ist das Opfer.

Oder: Er muss wieder handeln.

Aber was handeln, wenn ihm die Opferhandlung, der physische Ritus verwehrt ist?

Er muss tüchtig werden. Tüchtig und gut.

Und an Stelle der hingebenden Physik des  handelnden Opfers tritt eine Form der Tüchtigkeit und des Interesses. Da ihm habituell der Rausch und die Extase und der Ritus als die direkte und handelnde Verbindung zur Physis aber auch der Gnadenhandel verwehrt ist, entdeckt er die Physis neu. Ganz anders. Sie wird ihm Gegenstand nicht der Vermittlung, aber der Anschauung. Er opfert ihr das Licht seiner Augen und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit.

Diese Bewegung Luthers hat den Gott dezentralisiert. Der protestantische Gläubige ist nun jeweils mit seinem Gott allein, und agiert nun als mobiler Server. Die Hierarchie wandelte sich aus einer fest wurzelnden  Oben – Unten – Struktur – in eine Flächenstruktur. Eine Art religiöses Internet begann die Welt zu überziehen. Erst die protestantische Wende machte die Religion flächig, beweglich. Es gab keine Zentrale mehr.

Und er erkennt nun eine Natur die keine Geister mehr kennt und keine Götter. Es ist eine Natur mehr des Wissens als des Glaubens. Mehr des Zwecks als des Sinns. Mehr des Konstruierens als des Hinnehmens. Und mehr des Hineinschauens als des Davorstehens.  Mechaniken, Apparate, Geräte und Maschinen entstehen. Amerika wird bald auch protestantisch/puritanisch tiefer entdeckt besichtigt und besiedelt. Die Erde neu vermessen.

Der von der Physis getrennte Mensch der Neuzeit wird Wissenschaftler, wird Physiker und darin zum Betrachter der Natur und schließlich zu ihrem genauen Beobachter. Er erforscht.

Physis wird Physik.

Oder, wenn er die Metaphysik betrachten und untersuchen möchte, wird er zum wissenden Metaphysiker, zum Mathematiker. Es entstehen die Kraftgleichungen, die Differenzial – und Integralrechnungen von Leibnitz, Descartes, und Newton, die Wahrscheinlichkeitsrechnungen werden weiter entwickelt oder schon angewandt.
Das zweifelnde Ich Luthers und Descartes hat sein Betätigungsfeld entdeckt.
Das Rechnen und die Beobachtung.

Der Zweifel verwandelt sich in Analyse.

Auch dieses ist ein Tausch im Opfer. Wenn auch leiser, defizieler.
Eine Kommunikation innerhalb eines Systems.
Der Tausch heißt nun: Entbergung gegen Geheimnis.
Hypothese gegen Eperiment. Theorie gegen Praxis.
Gesetz gegen Zufall. Wissen gegen Glauben.

Und schließlich: Bild gegen Fluss. Konstruktion gegen Chaos.

Bis im 19. Jahrhundert sich ganz allmählich erneut ein Kreis zu schließen beginnt.

Denn wer die Physis betrachtet, und Physik betreibt, kommt irgendwann nicht darum herum, zu erkennen, dass er selbst zur Physik gehört. Die Entdeckungen Darwins machten die Runde, die Humboldts, die Maxwells, die Fahradays, die Jouls, die Boltzmanns verloren sich in der Physik, dringen immer tiefer in den Dschungel der Physis vor und finden und entbergen und verknüpfen.
Physis wird nun nicht mehr aufgewühlt oder verschwendet oder nur analysisert. Sie wird nun auch neu verknüpft und in Konstruktionen zurückverwandelt.

Das Feuer, die Wärme wird als Kraft erkannt. Als eine gerechte Kraft, denn sie bleibt erhalten. Der Erhaltungssatz ist ein Gerechtigkeitssatz. Der Magnetismus und die Elektrizität werden zusammengeführt und so zur Dynamik, zum Strom.
In der Extase der durch Anschauung und Erforschung hervortretenden Physis zeigt sich dem Aufmerksamen erneut ein Geist, eine Metaphysis. Der Geist zeigt sich als: Das Gesetz. Ein Naturgesetzt. Ein Axiom. Eine Ableitung. Eine Theorie.  Im Umkehrschritt werden sogleich die Begriffe, Gesetze und Zahlen wieder reinvestiert, verknüpft und zu einer neuen zweiten Natur umkonstruiert.

Neue Manufakturen. Die Hebel der angewandten Naturgesetze, die über Forschung und Konstruktionen in die Technik geflossen sind, haben auch den Menschen verändert, sein Weltbild hat einen neuen Kompass bekommen. Und die Welt neue Bauten. Aber diese Bauten sind jetzt nicht mehr so sehr aus Stein wie vor Luther. Sie sind aus Eisen und Stahl, aus Kohle und Koks.
Es sind Bauten nicht aus Gnade oder Glauben, sondern Bauten aus Wissen, aus Gesetzen, Wärme, Luft und aus Feuer. Es sind Wärmekraftmaschinen. Der Mensch ist selbst zum Schöpfer geworden. Er erschuf:

Eine Natur der Technik.

Und der Mensch?

Luthers Frage nach Gerechtigkeit war nie ganz zur Ruhe gekommen, Weil der Zweifel, die Zweiheit, die Ballance, die in dieser Frage steckt, nie ganz eindeutig entschieden werden kann.

So war sich der Mensch erneut selbst in dieser Frage entgegengetreten. Aus der Neuen Welt, die von Mutigen oder verzweifelten bereist erforscht und entdeckt wurde, drangen Nachrichten zurück nach Europa. Eine erste Rückkopplungsschleife, ermöglicht durch die forcierten Techniken der Seefahrt. Man hörte von wilden Völkern und einem Leben in Ballance. Fast paradiesisch. Rousseau hatte das aufgenommen und träumte vom „reinen Wilden“ als freien Menschen.
Das Bürgertum, unterdessen als technische Produzenten selbstbewusst geworden, wurde zunächst tatsächlich wild. Es erfand ein sauberes Gerät. Es opferte auf diesem Gerät, der technischen halbautomatischen Guillotine, Köpfe gegen Freiheit, tauschte Leben gegen Mechanik, befreite die und sich zu einer neuen Kraft.

Was ist der Mensch? Wenn die Physis im 19. Jahrhundert sagt, Wärme ist eine Kraft, die nicht zerstört, nicht erschaffen, sondern nur umgewandelt werden kann, wenn es einen Erhaltungssatz gibt, dann gibt es innerhalb der Physik eine Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit zwischen Plus und Minus stellt den Strom her. Die Gerechtigkeit zwischen Kälte und Wärme im Ausgleich erzeugt die Arbeit in der Maschine.
Aber was ist dann die Gerechtigkeit in der Gesellschaft? Was ist hier der Ausgleich?
Wenn der Mensch auch Physis ist – was ist dann die Wärme für den Menschen? Muss er frieren, während die Maschinen unter Dampf stehen? Muss er hungern, während die elektrischen Pole sich abwechselnd übersättigen und auskotzen im Blitz?
Wenn man eine Maschine regulieren kann, kann man dann nicht auch eine Gesellschaft regulieren? Denn was sind wir anderes als Physik?

Wie kriege ich eine gnädige Gesellschaft? Wie kriege ich einen gerechten Menschen?

Luthers verzweifelte Frage war wach geblieben und wieder zurückgekehrt.

Und weil Marx und Engels ihre Beobachtungen wie gute Naturwissenschaftler und Physiker ihrer Zeit an der Physis der arbeitenden Wärmekraftmaschinen und der dort Arbeitenden vornahmen, kamen sie auf eine Antwort, die der Luthers damals bei seiner Frage nach dem gerechten Gott ganz ähnlich war:

Wenn die gerechte Wärme (Erhaltungssatz) Arbeit leistet, indem sie sich in der Maschine in Arbeit eintauscht, dann kommt die Gesellschaft zur gerechten Wärme, indem sie die Arbeit gerecht verteilt.

Was soviel heißt wie: Arbeit muss so gerecht verteilt werden können wie Wärme.
Und der gerechte Mensch kommt zur Arbeit nur von der Arbeit allein.

Das bedeutet aber, dass die Arbeit allen gehört. Niemand hat mehr das Recht, die Arbeit sein eigen zu nennen und an die, die keine haben, zu verkaufen (gegen Physis der Arbeitskraft)

Ergo: Wer arbeitet, dem muss die Arbeit auch gehören. (Volkseigentum an Produktionsmitteln)

Es geht auch so rum: Die gerechte Gesellschaft kommt zur Arbeit (allein) aus der Arbeit.

(Römerbrief: Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt.)

Und schon wieder war da ein Gedanke, mit einem furchtbaren Potential der Unentschiedenheit und des Zweifels. Das selbe Problem wie bei Luther.

Aber da man diese Unentschiedenheit selber per Reflektion produziert hatte, brauchte man nun wieder eine Praxis, eine Handlung, eine Physik des Opfers.

Denn Gerechtigkeit der Gesellschaft war vorerst eine abwesende Metaphysis, die im Tausch gegen Physis eingelöst werden muss.

Ein neuer Gnadenhandel war gefragt. Ein neuer Sinnhandel. Man brauchte eine neue hierarchisch strukturierte Kirche, die diesen Sinnhandel organisierte Und diese Kirche hieß jetzt Kommunismus.

Und ihre neue Physik des Opfers, der neue Gnadenhandel und Sinnhandel hieß: Klassenkampf. Hieß: Sich opfern für die Gerechtigkeit. Sich entscheiden gegen eine friedliche Gegenwart im Vertrauen auf eine Zukunft, die keine Hölle mehr war, dafür der Himmel auf Erden, in denen schließlich jeder nach seinen Bedürfnissen leben könnte.

Der Tausch hieß nun wieder wie vor Luthers Zeiten: Physik gegen Sinn (Metaphysik) Ein neues Opfern stand ins Haus. Wie bei den ganz frühen Christen. Die Gerechtigkeit der Wärme musste auf die Gesellschaft übertragen werden. Und dazu musste man sie neu entfesseln. Ekstatisch entfesseln.

Endlich. Endlich wusste man wieder wo der Feind stand. Endlich wusste man wieder, wofür man opfern sollte. Also wofür man selbst stand. Man wusste wieder wo Gott wohnte. Und diese neue Kirche mitsamt ihrem Sinnhandel gab sich eine Infrastruktur, bekam ihre verschiedenen Orden, ihre neuen Scholastiken und Streitigkeiten und doch eine neue Weltgeltung. Sie wurde stark. Seid es sie gab, standen die alten zumal noch von einem schwachen König oder einem reinen Bürgertum regierten Gesellschaften unter Spannung, unter Positionszwang. Sie standen zur Disposition.

Sie standen auch zur Disposition, weil die neue zweite Natur der Technik mit ihren Bauten aus Wärme, Eisen, Luft, und Feuer, die Landschaft weiter verändert hatte. Schienen begannen Europa zu durchziehen. Und die elektrodynamischen Funkstrecken sorgten für neue schnelle Rückkopplungsschleifen und eine Beschleunigung des Nachrichtenwesens, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die zweite neue Natur heiß Industrie, hieß Elektrizität, hieß Mobilität, Eisen, Öl, Kohle, Stahl und Wärme. Viel Wärme. Dynamit und Wärme. Hitze. Die neue zweite Natur zeigte auch eine Tendenz, ebenso schlagartig und katastrophisch auszubrechen oder umzuschlagen, wie es die alte Natur seit Urzeiten konnte.
Der Mensch war in Ihre wieder etwas kleiner geworden. Obschon ihr Schöpfer, sah er darin plötzlich müde und schwach aus. Er konnte ein paar Hebel bewegen, Ventile öffnen oder schließen, einen Abzug betätigen.

Welche Ventile öffnen oder schließen?
Welche Abzüge betätigen? Welche Knöpfe drücken.
Welche Klappen waren es noch mal?

Die neue zweite Natur hatte die Landschaften schlagartig verändert. Die neuen Geschwindigkeiten und Techniken der Übermittlung die Räume verkürzt. Die Kirchen der Gerechtigkeit suchten noch nach ihrer Struktur und ihrer Statik, lieferten sich Scharmützel und Dispute, hatte aber auch Erfolge zu vermelden, wie bürgerliche Gesetze und ein Unternehmerethos, der an manchen Orten seinen Arbeitern ein würdiges Leben in betriebseigenen Siedlungen und Häusern ermöglichte. Unterdessen aber die neue zweite Natur immer weiter wuchs. Die Fragen der Gerechtigkeit waren plötzlich nicht mehr so einfach zu beantworten. Denn den Zwängen und Drücken, die früher von Menschen gegen Menschen ausgeübt wurden, von der Natur gegen den Menschen oder von Menschen gegen die Natur, gesellten sich nun dazu ganz neuartige. Die Drücke in den Kesseln und die Zwänge der Pleuls, Sachzwänge, Dingzwänge, Termin- und Zeitdrücke. Zudem entstanden neue Priesterschaften innerhalb dieser neuen zweiten Natur der Technik. Igenieurspriester waren gefragt, Expertenschamanen, die sich hier noch halbwegs auskannten und diese Natur der Technik zu beschwören verstanden.
Neue Hierarchien wuchsen. Ein Technikadel, nicht von Gottes Gnaden, oder Geburtsrecht aber von Sachverstand und Zweckmäßigkeit, etablierte sich. Auch diese Hierarchien sprachen dem immer unruhiger werdenden Gerechtigkeits – und Austauschgedanken Hohn. Sie trieben die vielen Benachteiligten weiter hinein in eine erhebliche Sinnsuche. Zwar hatte die neue Infrastruktur mitsamt der wissenschaftlich durchdrungenen Landschaft, auch vom rein menschlichen Standpunkt betrachtet, Erfolge erreicht. Die Hygiene hatte sich verbessert, die Medizin, die Kindersterblichkeit war gesungen, die Lebenserwartung gestiegen. Aber diese vielen Lebenden gehörten nicht alle dem Technikadel an und auch nicht den wenigen Glücklichen in den Arbeitersiedlungen der fairen Unternehmer mit Ethos.  Bei diesen weniger Glücklichen und trotzdem aber Lebenden etablierte sich eine Haltung die nach irgend etwas fahndete, wofür es sich zu opfern lohnte, denn Gerechtigkeit und Ausgleich war ein kompliziertes Feld in dieser neuen technischen Landschaft geworden, wo so viele menschliche und nichtmenschliche Verfahren, Drücke und Zwänge sich miteinander vermischten. Die neuen industriellen Zustände förderten immer mehr das Empfinden, dass Wärme sich ganz und gar nicht gleichmäßig verteilte, wie es die Physik versprach. Dafür floss sie sehr deutlich in eine Richtung, nämlich in die Maschinen, in die Technik, die davon immer schneller und heißer wurden, während sich die Gesellschaft immer mehr abzukühlen schien. Wohin sich wenden. Wo hinein sich schließen. Man musste zusammenrücken, um sich zu wärmen, musste wieder Gemeinschaften bilden. Und tat dies auch. In Gartenkollonien und Vereinen und Wandervogelverbindungen, Refombewegungen, antroposophischen Gesprächskreisen, spiritistischen Seancen, wo man erneut zu den ganz alten Wämewesen, Weltbewegern, Dämonen, Ahnenbeschwörungen zurückkehrte. Oder man wandte sich der Kunst zu in kleinen Plainairs, machte Picknick oder wohnte, wenn man es sich leisten konnte, in utopischen Dörfern wie in Worpswede, lauschte der alten Natur, entdeckte wieder den Menschen und sein Gesicht, die Frau und das Kind, die eigene ohne Technik vermittelte Schöpferkraft. Nur Farbtuben, Pinsel und Leinwand lies man gelten.
Überhaupt lagen nun eine Menge Ideen in der Luft. Da nun die Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit übernahmen und dabei dieses Europa im allgemeinen durchaus voranbrachte und die Lebensbedingungen sich letztlich doch sehr stark und schlagartig veränderten, wühlte das die Menschen auf. Wer nicht vollends in den Maschinenhallen eingetaktet war oder, weil er besserer Bildung besaß, konnte sich Gedanken über diese neue plötzliche Welt machen. Und über diese neue zweite Natur. War sie besser, war sie schlechter als die alte? Wen konnte man da jetzt anrufen. Welchen Geist? Wenn sie nach einem Programm lief, die man selbst immer weniger durchschaute, sollte man sich da nicht auch ein eigenes Programm, einen eigenen Algorithmus zulegen? Und so entstanden die neuen Programmatiken, Manifeste, Begriffe, Ismen, andere Ismen, mehr Ismen, neben denen, die man schon kannte. Philospophisch/künstlerische Hybride des halb schöpferichen halb mechanischen Lebensvollzugs. Sie nannten sich Realismus, Naturalismus, Dadaismus, Impressionissmus,Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Imagismus, Suprematismus, Vitalismus, Diese Programme waren ein Versuch der Zuordnung und Anlehnung, auch von Gemeinschaftsbildung und entsprachen darin doch einem mehr oder weniger bewussten Bedürfnis sich selbst ebenso einem kontrollierbaren oder beinahe strengen Ablauf zu unterziehen, wie es die neue technische Welt zeigte. Auch wenn viele dieser Ismen, später erst benannt wurden, so gab es sie als Versuch der Spiegelung und Welteinvernahme. Wenn man sich selbst ein Programm gab, dann gab man sich auch in gewisser Weise eine Mechanik, eine Technik der eigenen Lebensmaschine, die man dann künstlerisch oder in der Lebenspraxis abarbeitete, ja beinahe auch ganz leicht mechanisch befolgen konnte, so wie es die Pleul der Lokomotiven taten. Man setzte sich innerhalb dieser Programme feste Freiheitsgrade, definierte Spiele und Passungen, in denen das eigenen Spiel und der Lebensvollzug nach Gesetzen funktionierte, die klar umrissen standen wie Axiome, so wie man es an der Technik und in den Wissenschaften beobachtete. Das leicht mechanistische all dieser Programme rief deshalb bei den Künstlern auch „Serien“ hervor, „Phasen“ „Richtungen“ Man experimentierte mit der Idee, dass man womöglich auch selbst Technik, Mechanik sein konnte, was vielleicht auch gar nicht so schlimm war. Denn so war auch Zuordnung möglich. Einreihung in ein Ensemble aus Funktionen, das wiederum Sinn stiftete, einen Sinn den man dann wieder im physischen Opfer gegen „Werk“ eintauschte. Lebenszeit wurde geopfert und physisch getauscht gegen „Lebenswerk“ , der kubistischen Malerei, dem naturalistischem Buch, dem expressionistischem Gedicht… etc….
Das waren alles auch die Gedanken. Gedanken und Praktiken Und dies taten die Maler und  Schriftsteller,  Dichter und Philosophen.
Bis in diese neu gewachsene technische Zeit und die neuen immer noch ein wenig unheimlich sich gebärdende technische Natur dann ganz plötzlich ein neues großes Sinnangebot einbrach, dass zunächst einmal alle kleinen und privaten und mühsam gesuchten Sinnangebote und Programme weit übertraf.
Gerade hatte man sich eigentlich in diese neue Welt irgendwie einfinden wollen, da geschah etwas Merkwürdiges. Dieses neue technische Europa, dass doch eigentlich so gut gedieh und dabei war, sich über die neuen Eisenbahnstrecken zu vernetzten und über die Telegrafie zu verlinken, eine neue Infrastruktur ausbildete, dieses Europa bekam ein Angebot, ein Sinnangebot wie aus einer anderen Zeit, oder jedenfalls kam es aus einer Richtung, die man vielleicht ein wenig vergessen, nicht mehr ganz so wahnsinnig wichtig genommen hatte. Dieses Angebot kam von den alten Aristokratien, und ihren schon schwach gewordenen Ständen. (Dass es die überhaupt noch gab.) Und aus alten Abmachungen, Bündnissen und Versprechungen, lächerlichen Animositäten und Verquickungen, die man in der Hektik der Gründerzeit einfach vergessen hatte zu hinterfragen, aufzulösen, zu klären oder ad Acta zu legen.. aber nein, so nebensächlich waren diese Dinge nicht, und es lag wohl auch nicht an den alten Aristokratien, denn die Techniken hatte ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven des imperialen und globalen Ausgreifens eröffnet. Und das musste jetzt verhandelt werden.
Weil irgendein verzweifelter Mensch in Sarajevo den östereichisch ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschossen hatte, kam es von Seiten der KUK – Monarchie zu einem Ultimatum an Serbien, das nicht erfüllt wurde, und damit zur Kriegserklärung und damit zu einem Bündnisfall mit Russland, dem ganz automatisch, ja beinahe könnte man sagen: mechanisch wie in Serie weitere angeschlossene Bündnisfälle folgten und dieses gerade interessant werdende Europa in die Opfer-Ekstasen einer neu aufgewühlten Physis hineinriss, die nun keine Wärmekraftmaschine mehr war, sondern sich von ihrer unheimlichsten Seite zeigte – als aufgewühlte Physis einer heißen Kriegsmaschine. Und Europas Männer waren opferbereit, wollten Physis geben und Vaterland bekommen. Sie gingen da hinein wie in einen Sinn.
Und verteilten sich gleichmäßig wie die Wärme.

Wenn Galaxien zusammenstoßen.

Nach kosmischem Maß offenbar ein alltäglicher Vorgang.
Zum Staunen sind die Größenverhältnisse: Unser Sonnensystem hat den Durchmesser einer DVD. Eine Galaxie wie hier zu sehen – auch unsere Milchstraße – ist dann so groß wie die Erde.

In dem Universum, das sich nachweisbar ausdehnt, scheint immerhin Begegnung möglich. Und sei es die Begegnung von Galaxien.
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Vielleicht eine Form von Karate oder Aikido.
Zwei Gegner prallen hier nicht aufeinander, eher versucht der eine
das Kraftfeld des anderen für sich zu vereinnahmen.

Die Frage stellt sich aber, was man als Alltagsbewältiger und Nichtastronom mit all diesem (zumeist) nutzlosen Wissen macht, das so gut aufbereitet überall herumlungert. Welche Einsichten mir diese Einblicke und Ansichten vermitteln sollen. Oder ob sie letztlich nur für eine postironische Witzelei taugen.

Mir fiel das Wort Wahrnehmungs-Gefüge ein.

Es finden sich dazu auch Simulationen

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Berechnet von wassergekühlten Supercomputern und aufgefüttert mit Beobachtungsdaten, Theorien, Modellen, Algorhythmen,
verdeutlicht man sich die Bewegungsabläufe.

So, wie nach Auskunft der Astrophysiker in ferner Zukunft auch unsere Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie zusammenstoßen wird.
Dies alles unter dem Vorbehalt: Nach dem Stand heutiger Erkenntnis.

Als Nichtexperte kann ich kaum einschätzen, wie grob oder genau, wie vorsichtig oder wie annähernd sich eine solche Simulation bemüht, ein über Jahrmillionen ablaufendes hypergigantisches Ereignis in die niedliche Bildschirmübersicht einer kurzen Filmsequenz zu sperren.
Aber als Realist und Techniknutzer denke ich, dass gewisse Simulationen heute mit einer hinreichenden Wirklichkeitsnähe auch an – zum Beispiel – Flugzeugkonstruktionen beteiligt sind, die hinterher tatsächlich in ihren realen Eigenschaften ein simulationsnahes Verhalten zeigen.
Warum also einer solchen Simulation von vorn herein misstrauen.

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Ich sehe zwei spiralförmige Gebilde, die um sich selbst rotierend gleichzeitig aufeinander zu treiben.
Ich sehe auch, das der schwarze Raum um die Galaxien herum relativistisch eingerechnet wurde, oder zumindest, und das ist merkwürdig – „spüre“ ich es beim Anschauen. Der Raum selbst ist, nach den Verhältnissen der Relativität von Massen beeinflusst, gekrümmt, gezerrt etc….

So habe ich beim Anschauen der Simulation das Gefühl, als würden die beiden Spiralgalaxien in einem schwarzen viskosen Honig sich bewegen.
Aber der leere Raum ist keine Substanz, kein schwarzer Honig. Oder ist er vielleicht doch so etwas ähnliches? Eine Dynamik?
Ich sehe eben nur, dass die beiden Spiral-Galaxien, in ihrer Bewegung zu einander hin so ein „Wahrnehmungs-Gefüge“ von einem Verschmiertwerden in einem viskosen, zähfließenden Material vermitteln.

Was mich weiter an der Bewegung interessiert, ist die Wirbelstruktur.

Die Simulation zeigt mir, dass die beiden Spiralgalaxien nicht etwa beim ersten Aufeinandertreffen einfach so miteinander kollidieren und dann miteinander verschmelzen, sondern sie begegnen sich beim ersten Mal in einer Art Streifschuss, der sie beide schon stark verformt. Aber sie treiben noch einmal aneinander vorbei, wobei sie offenbar einen Teil ihrer Bewegungsenergie abgeben.
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Erst dann, nachdem sie noch einmal aneinander vorbei gedriftet sind, geraten sie in eine Rückholbewegung, die sie endlich ein zweites Mal aufeinander zu treiben lässt – in die endgültige Kollision und den Beginn einer Verschmelzung.

Der Vorgang hat eine gewisse Grazie, obwohl er real über riesige Zeiträume gedehnt und im einzelnen katastrophisch chaotisch ablaufen dürfte.
Im einzelnen bleibt außer Betracht, was dabei mit den einzelnen Sternen und Bahnen, den kleinen Umrundungs-Uhrwerken in den beteiligten Galaxien-Armen geschieht.

Aber der Simulationsfilm liefert mir das Bild für eine elementare Überlegung, die sich mir, wenn ich sie sprachlich aufgreife, mit einem kleinen Erkenntniswert anbietet.
Ich sage mir:

Hier sind sich also zwei Weltorte begegnet – und schließlich miteinander verschmolzen.

Wenn sich zwei Weltorte in Vereinigung begegnen sollen, dann prallen sie nicht einfach so platt aufeinander und kleben dann zusammen.
Nein, sie flirten vorher, sie drehen sich in ihre Begegnung hinein, öffnen ihre spiralige Form, verformen sich, ihre Arme, und kommen so – sich ziehend – ineinander verwindend – trotzdem jede für sich weiter rotierend – auf einander zu…

„Halb zog er sie, halb sank sie hin“ – fällt mir dazu ein,
und finde es beinahe in dieser Riesensimulation bestätigt.

Die Galaxien-Welten aber lassen sich Zeit. Sie lassen sich nach dem „Streifstoß“ noch einmal ganz aneinander vorbei treiben, als würden sie sich verfehlen, um erst in einer zweiten Rückholbewegung sich ineinander eindrehend, zusammen zu wirbeln

Ein Tanz, denke ich mir, und finde es noch plausibler, diesen Bildern wenigstens eine gewisse Realitätsnähe zu unterstellen.

Die Simulation zeigt, dass auch nach der zweiten Rückholbewegung,
es nicht bei einem einfachen Verschmelzen oder Zusammenkleben bleibt.

Vielmehr begegnen sich die beiden Galaxien in einem weiteren permanenten Ineinanderschwingen, ihren gemeinsamen Schwerpunkt suchend, findend, und noch einmal verlierend und wieder findend zu ihrer irgendwann neueren – größeren – Formation. Die sich aber ebenfalls immer weiter drehen wird. Nach Angaben der Astronomen verschmelzen dabei auch jeweils die inneren supermassiven Schwarzen Löcher zu noch größeren Monstern.

Was sagt mir das? Was soll ich damit?

Ich sage mir, dass immer dort, wo etwas aufeinander trifft, es eigentlich immer Welten sind, Galaxien – oder zumindest Wirbel – die hier aufeinandertreffen.

Mensch trifft Mensch – in der Kommunikation (Gespräch, Kampf, Liebe., Handel…)

aber auch:

Epoche trifft auf Epoche,

Kultur trifft auf Kultur.

Weltzeit-Raum trifft Weltzeit-Raum.

Text auf Leser u.s.w.

Die Galaxien-Begegnung regt mich zu dem Gedanken an, ob es möglich ist, über die Reflexion von Naturabläufen, wie sie sich in solchen Simulationen zeigen, ein besseres Verhältnis zu Bewegungsmomenten zu erlangen, seien sie nun privater oder gesellschaftlicher Art.

Entwicklungsmomente in der Zeit und dem Raum. Formationsmomente.
Auch psychische.
Auch politische.
Auch gesellschaftliche.
Auch historische.

Bewegungsmomente. Wahrnehmungs-Gefüge.

Die bildgebenden Verfahren der Wissenschaft zeigen mir Prozesse und Formationen, die alle nicht geradlinig ablaufen, Bewegungsmomente, die in ihrer Eingedrehtheit, in ihrem geradezu tänzerischen und schwingenden, ihrem sich ein – und auswirbelnden Charakter so mir präsentieren, dass es kaum wirklich direkte, umweglose Formbildungsprozesse gibt – dass Formfindungen und Formbildungen sich erst über umständliche Streifstöße, Kraftfeldschnitte, über Hin – und Rückholbewegungen etablieren, in sich einfließen. Die aber trotzdem nie in irgend einen festen Endzustand hinein stoppen, vielmehr sich diesem immer nur weiter rotierend annähern.

Ja.. ich komme dann irgendwann wieder zu einem Motiv, dass mir sagt: Auch das, was man als Seele, als Menscheninneres mehr suchend als findend bezeichnet, wahrscheinlich mit so einer Galaxie gut zu vergleichen ist.
Das Schöne an so einer Galaxie ist ja, dass sie eine offene Form ist. Ihr gelingt als Form jederzeit das, wonach Menschen immer fahnden: Form zu sein, quasi-geschlossen, aber doch auch mit offenen Gezeitenarmen in der Welt wirbelnd, anschlussfähig, veränderbar – um nicht zu sagen: elastisch – viskos. Ansprechend, In der Zeit kommunikativ.

Kurioserweise aber können diese Bilder nur erzeugt werden nach einer langen Historie wissenschenschaftlich exakter Ermittlungsarbeit.

Was passiert, passiert, nach bestimmten Gesetzen, von denen einige auf exakten Axiomen fußen.

Da wäre dieser erste „Streifstoß“ zum Beispiel.

Ein erstes „Aneinandervorbeireden“ der Galaxien, das offenbar ebenso normal wie notwendig ist.

Könnte man daraus eine Kultur des Aneinandervorbeiredens ableiten, die positiv grundiert ist?

Wissen, dass ein Aneinandervorbeireden notwendig ist, um sich irgendwann besser zu finden, zu verstehen?

Wissen, dass man vielleicht immer auch ganz notwendig aneinander vorbei redet.

Dass Ziel nicht genau anvisieren, damit man es erreicht?
(chinesische Strategie)

Hier schließlich laufen relativ komplexe Simulationen in uralte Volksweisheiten ein.

Ich gehe nicht auf einen Basar, um zielgenau irgend etwas Bestimmtes zu kaufen.
Ich gehe auf einen Basar, um erstmal bei einer Tasse Tee aneinander vorbei zu reden.
Oder um „an der Sache vorbei“ zu reden. Vielleicht kauft man. Vielleicht nicht.
Aber erst dieses Vielleicht, diese Streifschüsse der Wahrscheinlichkeit, fördern das Zusammentreffen.

Das Feilschen als ein Aneinandervorbeireden, ein
Schwingen, bis man sich irgendwann – vielleicht – geeinigt hat.

Oder ich denke mir: Wenn zwei zusammenkommen wollen, müssen sie sich beide dafür verändern, ihre Spiralarme ausbreiten, sich insgesamt neu formieren.

Der Blick, der mehr sieht, wenn er nicht genau hinschaut. Wenn er vorbeischaut.

Der eine zieht den anderen in sein Kraftfeld hinein. Aber das verändert beide.

In diesem und in weiteren Sinnen vielleicht wären die neueren Bilder und Ergebnisse der Wissenschaft auch philosophisch zu interpretieren.

In einem – Wahrnehmungs-Gefüge.

Im angedachten Fall so, dass sie nicht nur wissend machen, sondern – vielleicht – auch schlauer.

Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

Kaminskie zu Besuch.

Der Sonntag brachte  eine willkommene Ablenkung. Kaminskie (Sektion Physik) stand wieder mal vor meiner Tür. Er hatte „das Bedürfnis zu denken“ – wie er es nennt. Ich kenne Kaminskie und seine Frau vom Powerpoint-Karaoke-e.V. Wir treffen uns dort alle paar Wochen einmal zusammen mit Freunden oder Kollegen von der Fakultät. Ein gemütlicher Raum mit einem Beamer und einem Computer. Jeder bringt einen USB-Stick mit einer Powerpointpräsentation mit, die er irgendwo gefunden oder aus dem Netz gezogen hat. Bier, Chips, und dann geht es los. Die Präsentationen werden gemischt und so per Zufall auf die Anwesenden verteilt. Sinn der Übung ist es, eine plausible Präsentation zu halten, die man selbst nicht kennt und möglichst über ein Thema, von dem man garantiert nichts versteht.
Man könnte nun zu Recht fragen, warum man das nun auch noch in seiner Freizeit macht. Die Antwort wäre: Einfach um zu trainieren. Um im Nichtsverstehen noch besser zu werden. Denn darum geht es im Leben. Nicht nur. Aber meistens.
Sehr beliebt sind Präsentationen, die chinesisch oder arabisch erstellt wurden. Aber auch gefürchtet, nicht weil sie wegen der unlesbaren Schriftzeichen besonders schwierig zu improvisieren wären, sondern ganz im Gegenteil (ggW) Gerade die besondere Fremdheit einer Sache, eines Aufbaus, einer Struktur, entlässt den Präsentator und die Zuhörenden, nach dem man sich engagiert durchgeklickt, durchgestammelt und improvisiert hat, mit dem frapierenden Eindruck, dass man mit dem scheinbar Fernliegensten verspielter, mutiger, produktiver, beinahe vertrauter umgeht als mit Themen, die das so genannte eigene Fach berühren. Diese Einsicht wirkt gleichermaßen frustrierend wie ermutigend. Gegenüber dem Fremden, dem Neuen, ist jeder Mensch ein Anfänger. Und Anfänger haben bekanntlich das sprichwörtliche Glück.
Wie weit dieses Anfängerglück reichen kann, zeigte sich an dem Abend, als Kaminskie zum ersten Mal beim Powerpoint-Karaoke-ev. erschienen war. Ich kam dran und erwischte eine Präsentation zum Thema: „Berechnung lokalisierter Strukturen in dissipativen Systemen im Spezialfall diskreter Dynamiken bei Trajektorie in einer subharmonischen Bifurkation.“ Wirklich nicht mein Fach. Schließlich bin ich Widerspruchsforscher. Eine mathematische Beweisführung in kyrillischer Schrift, die jemand von einem russischen Server gezogen hatte, gehört nicht gerade zu den Gebieten, auf denen ich mich auskenne. (Den Titel habe ich mir hinterher von Kaminskie, der aus dem Baltikum stammt, aber russisch kann, übersetzen lassen.)
Ich erinnere mich, dass Kaminskies baltische Ostseeaugen, während ich mich nun durch das Powerpointdokument hindurchstotterte und improvisierte, erst irgendwie einen bewölkten bis erloschenen Ausdruck annahmen, dann aber öfter heftig blinzelten, schließlich immer konzentrierter schauten, bis er schließlich einen Zettel und einen Stift hervorkramte und sich Notizen machte. Ich hielt Kaminskie für humorlos und mich für komplett ahnungslos aber wenigstens ein bisschen witzig.
Dass sich jemand während einer solchen Präsentations-Karaoke Notizen machte, war selten aber immer schon mal vorgekommen, aber meistens hielten diese Notizen nur ungewöhnliche Formulierungen fest, oder Strichmännchen, wenn die Präsentation gar zu uninspiriert ausfiel, was auch möglich war.
Natürlich fragte ich ihn nach meiner Präsentation, die beim Publikum diesmal für nur mäßigen Unterhaltungswert gesorgt hatte, was er sich denn notiert habe.
Er antwortete mir darauf, dass ich gleich am Anfang und im letzten Drittel zwei Thesen aufgestellt hätte. Eine davon sei interessant. Die andere genial. Er müsse es in der Sektion überprüfen lassen. Ich sagte ihm, dass ich ja wüsste, dass ich genial sei, (Kopernikus, Luther und so weiter), aber ich selbst hätte von dem, was ich geredet hätte, kein Wort verstanden und nun auch alles wieder vergessen.
Kaminskie stellte sich mir also vor. Er sei Physiker. Er erklärte mir, die Präsentation, die ich improvisiert hatte, behandelte Rechenmodelle, die in der Chaosforschung eine Rolle spielten: Dichteverteilung bei Wetterphänomenen, Kristallisiationsbildungen bei Materialsynthesen, aber auch spontane Strukturbildungen in komplexen Molekülverbänden, fließende Dynamiken, Wirbel etc… was ich gesagt hätte, könne er mir nicht weiter auseinandersetzen, weil ich es sowieso nicht verstehen würde. Es sei zu komplex.
Also ein ganz klassischer Fall von Anfängerglück. Wenn ich bedenke, dass mir weder die Formeln noch die kyrillischen Buchstaben der Präsentation auch nur das geringste erdeutet hatten und ich in Wirklichkeit weder Luther, noch Kopernikus, noch Napoleon bin, weder Mathematiker oder Russe, noch genial, also ich muss schon sagen.. stolz bin ich allemal.
Dabei darf es als Widerspruchsforscher für mich kein Gebiet geben, dass mich nicht interessiert. Denn einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch gibt es überall.
Kaminskie wusste das auch schnell zu schätzen. Wir freundeten uns an, aber wirklich nicht nur wegen seiner Frau, die übrigens auch sehr reizvoll ist.
Kaminskie also, Balte, Physiker mit Ostseeaugen, eher klein in einem teuren und taillierten sandfarbenen Hemd, Liebhaber des Käsekuchens, den ich extra für ihn immer bei Kaisers kaufe, wenn er mich besucht, oder bereithalte, denn manchmal kommt er unangemeldet; Kaminskie, der Mann mit einem unklaren Sonderbereich in seiner Sektion, beinahe kreisrunden Fingernägeln und einem erschreckend guten Deutsch; Kaminski, der aussieht wie jemand, der auch die Nachrichten im Fernsehen sprechen könnte, wenn nicht eine Besonderheit in seiner Mimik ihn oft spontan stark blinzelnd dreinschauen ließe, als würde er von einem plötzlichen Licht geblendet, sei es nun da oder auch nicht.
Das erste Mal nach unserem Kennenlernen und einigen weiteren Powerpoint-karaoke-Abenden, als er vor meiner Tür stand, unangemeldet, so erinnere ich mich, sagte Kaminski: „Entschuldigen Sie die Störung,“ – und es klang genau so, wie es die S-Bahn-Verkäufer von Obdachlosenzeitungen immer sagen – „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden, mit dem ich ein wenig denken kann.“
Ich habe ihm sofort das Du angeboten.

Dabei weiß ich nie genau, ob ich mich einfach so freuen soll, wenn Kaminskie vor der Tür steht. Wenn er kommt, wird es oft schwierig. Dann gibt es Arbeit. Er kommt, um mit jemanden zu denken, das sagt er selbst. Dass er als Physiker da so ein ausgesprochenes Bedürfnis hat, wundert mich trotzdem. Kaminskie hält mich für einen Philosophen. Ein Missverständnis, dass ich nur ganz schwer aufklären kann. Ich bin Widerspruchsforscher. Das ist etwas ganz anderes. Ich komme in meinem Bereich nicht ganz ohne Denken aus, das gebe ich gern zu. Bis heute habe ich Ihm nicht erklären können, worin der Unterschied besteht. Wenn ich ihm sage, ich beschäftige mich mit Widersprüchen, nicht mit Philosophie, dann meint er da immer abwinken zu müssen mit der Bemerkung, das eben sei ja Philosophie. Nun habe ich selbst noch nicht definiert, was genau den Unterschied ausmacht. Ich weiß nur, dass ein Widerspruchsforscher kein Philosoph ist. Ganz sicher nicht. Es kann mir aber auch egal sein, was Kaminskie darüber denkt. Es würde auch nichts ändern, wenn er verstünde was ein Widerspruchsforscher tut. Unsere Gespräche sind so oder so für mich erhellend. Ich schneide sie mit und protokolliere die wichtigen Teile. Er weiß das und hat nichts dagegen, weil er es als Wissenschaftler versteht. Gespräche gehören zu meinen Forschungsgegenständen. Dafür hat er das Privileg, mich aufzusuchen wann immer er will. Und er nutzt es. Meistens fängt es ganz harmlos an.

Letzten Sonntag zum Beispiel wollte ich von ihm wissen, ob seine Sektion schon „meine“ Thesen überprüft habe.
Nein, das sei noch nicht geschehen. Es dauere. Das Kauderwelsch, das ich verzapft hätte, müsse erst noch algorithmisiert werden werden, erst dann lasse sich feststellen, ob er sich auf offene oder geschlossene Strukturen anwenden lasse. Das müsse aufwendig berechnet werden. Zudem sei es nicht das Fachgebiet seiner Sektion. Deshalb habe man einen Experten aus Russland angeworben, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt. Aber die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen.

Da es meiner Eitelkeit unendlich schmeichelt, dass ich als mathematischer Blindgänger und Clown einer Powerpoint-Karaoke nun eine Arbeitsgruppe beschäftige, die zudem noch einen russischen Experten anwerben muss, hake ich hier willkürlich ein und tue jetzt so, als ob ich der große Auskenner bin. Und sage folgendes zu Kaminskie:

Beginn des Protokolls

„…allgemein betrachtet sind wir alle doch offene Gebilde. Während wir hier sitzen wird unser Gehirn durchblutet, beatmet, ernährt: Temperiert. Ja, es konnte nur aus dieser Offenheit erwachsen. Zeitlich: Im Prozess der Bildung von Struktur. Räumlich: Im Prozess der Konzentration von Struktur. Von daher und als Ort, an dem eine bestimmte Temperatur und ein Ernährungsstand im Zufluss und im Abfluss geregelt, gehalten und immer wieder neu ermittelt wird, muss es ein offenes Gebilde sein und bleiben. Es schwimmt in und mit der Welt. Wie eine vorübergehende Konzentrationserhöhung, Kräuselung, Strömungs-Verdichtung im allgemeinen Fluss der zeitlichen und stofflichen Bewegtheit, sprich: der stofflichen Weltbewegung. Sein „Innen“ schwimmt im Blut des „Außen“. Und wird von ihm genährt.

Einigermaßen enttäuschend daran ist, dass all dies Gesagte auch von einem Stein gesagt werden kann.

Das behauptet jedenfalls Kaminski.
Und der antwortet so:

„Ein Ort im Universum, wo ein Gehirn ist, verhält sich zu einem Ort im Universum, wo kein Gehirn ist, in gleicher Weise, wie sich ein Ort im Universum, wo ein Stein ist, zu einem Ort im Universum verhält, wo kein Stein ist.“

Kaminskies Terror der Grammatik.

„Willst Du damit sagen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein gibt.“

„Nein. Ich habe noch gar nichts über den Unterschied gesagt. Ich suche nach der Referenz, die einen Unterschied erst ermöglicht. Sinnvoll macht.“

„Wird auch ein Stein beatmet, durchblutet, ernährt, temperiert?“

„Sieh mal, wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund, vor dem du diese beiden Dinge betrachten kannst. Ein Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.

„Das verstehe ich nicht. Wieso „gleich macht“? Ich will sie doch unterscheiden?“

„Gut, also stell Dir vor, du willst eine Kugel und einen Würfel voneinander unterscheiden. Worin unterscheiden sie sich?
„Das eine Ding ist rund. Das andere Ding hat Ecken und Kanten.“
„Und was bedeutet „rund sein“ oder „Ecken und Kanten haben“ ?
„Sie haben eine Geometrie.“?
„Richtig. Siehst du. Es sind geometrische Körper. Aber dass sie „Geometrie haben“ gilt für beide. Mit dem Wort Geometrie hast du sie beide gleich gemacht, um sie unterscheiden zu können.“

„Kamninskie, willst du damit sagen, dass jede Unterscheidung eigentlich eine Gleichmacherei ist? Das wäre ja ein ausgewachsener gutbürgerlicher Widerspruch, Ein sehr gepflegter noch dazu! Danke dir dafür. Das heißt, wir unterscheiden den Würfel und die Kugel, indem wir sie gleich machen und beide als geometrische Körper bezeichnen. Das ist …

„Eben. Wir „vergleichen“ sie. So heißt das Wort. Meine Frage wäre nun, ob es sinnvoll ist, ein Gehirn und einen Stein danach zu unterscheiden, ob sie durchblutet werden oder nicht? Oder ob es denken kann oder nicht. Wenn du einfach nur sagst, die Kugel ist nicht eckig, der Würfel aber schon, was hast du damit gewonnen? Was weißt du dann mehr?“

„Ich könnte mir jetzt zum Beispiel vorstellen, dass man eine Kugel gut rollen kann, einen Würfel aber nicht. Ist doch sehr praktisch.“

„Na schön. Aber du hast sie damit wieder nicht unterschieden, sondern gleich gemacht. Denn „rollen können“ und „nicht rollen können“ haben welchen gemeinsamen Hintergrund?“

„Die Idee der Bewegung. Verstehe.“

„Siehst Du. Man kommt vom Hundertsten ins Tausenste. Zudem könnte auch ein anderer kommen und sagen, Kugel und Würfel unterscheiden sich gar nicht, denn beide sind rot. Zum Beispiel. Weil er als Referenz die Farbe nimmt. Es gäbe noch zig Möglichkeiten, sie voneinander zu unterscheiden oder gleich zu machen“

„Aber Kaminskie, mal ehrlich, so ein bisschen ist das doch Platon für Arme oder?“

„Für Reiche, mein Lieber! Für Reiche! Dass wir diese Unterscheidungen auf Grund einer Gleichmacherei – du nennst das einen gepflegten Widerspruch – vornehmen können, ist eine Riesenleistung!

Aber was heißt das denn jetzt? Gibt es nun einen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein oder gibt es ihn nicht?

Im Grunde interessiert mich diese Frage hier gar nicht. Ich bin weder Philosoph noch Hirnphysiologe, sondern Widerspruchsforscher. Aber mich interessiert die Struktur unseres Gesprächs. Kaminskie weiß das. Auch ihn interessiert diese Frage nur mittelbar. Aber er spielt gut mit. Auch er hat schließlich ein Forschungsgebiet. Ein sehr guter Partner.

Kaminskie antwortet, indem er sich ziemlich lässig zurücklehnt, als würde er meine Frage wie Asche von einer inneren Havanna Cohiba abtippen:

„Also, zunächst ist ein Gehirn nichts weiter als irgendwas zwischen 1200g und 1300g Materie. Aber missversteh mich da bitte nicht, wenn ich sage: „nichts weiter“. 1300g Materie sind zwar nicht gerade eine kosmische Größe, aber physikalisch betracht kann man sich damit schon ein kleines Feuerchen anmachen. Und es braucht auch ein kleines Feuerchen, um 1300g Materie zu erzeugen.“

Er rechnet mir vor, dass nach der Einsteinschen Materie-Energie-Äquivalenz 1300g Materie komplett in Energie dargestellt etwa der Jahresleistung von 4 Kernkraftwerken entspräche.

Leider aber gilt das Selbe auch für einen Stein, der 1300g schwer ist, und für ein Stück Holz ebenso wie für eine 1300g schwere Echse.
Ich bin nicht sehr amüsiert.

Kaminskie sieht es mir an meinem Gesichtsausdruck an. Deshalb sagte er:
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ein Stein kein offenes System ist und nicht so wie unser Gehirn an der stofflichen Bewegtheit des Weltgeschehens teilnimmt? War der Stein etwa keiner zeitlichen Strukturbildung unterworfen? Und gilt für ihn nicht auch, dass sich an seinem Ort eine bestimmte Struktur konzentriert hat? Und steht ein Stein etwa nicht im energetischen Austausch? Zieht er sich nicht zusammen wenn es kalt wird, und dehnt er sich nicht aus, wenn es warm wird, und wird er nicht von Wind und Wasser geformt, geschliffen, verändert und sogar wieder zerstreut wie ein ganzer Mensch mit seinem Gehirn?“

„Ja ja, nein nein, doch doch, aber ich meine….“

Kaminskie fährt fort: „Ich wollte dir mit unserem kleinen Smalltalk über die Kernkraftwerke lediglich zu verstehen geben, dass alle Punkte im Universum, egal ob da nun ein Stein liegt, ein Gehirn herumwabbelt, oder gar nichts ist, zuerst ihrer Temperatur nach bezeichnet werden können. (Kaminski spricht perfekt deutsch, aber immer wenn er Temperatur sagt, dann hört man ihm das Baltische an.) Und wenn wir Physiker von Temperatur sprechen, dann meinen wir immer auch: Energie. Aber es kommt noch besser: Wenn wir von Energie sprechen, dann meinen wir seit Einstein immer auch: Materie. Und dass die Annahme dieses Äquivalents seine Richtigkeit hat, ist – leider – bombensicher, davon kannst Du mal ausgehen.“

„Also sorry“, – sage ich zu ihm – „das klingt jetzt beinahe so, als würdest Du gar keinen Unterscheid zwischen einem Stein und einem Gehirn gelten lassen. Damit bin ich aber nicht einverstanden. Immerhin unterhalten wir uns hier. Könnte es außerdem sein, dass wir irgendwie unterschiedliche Temperaturbegriffe benutzen?

Dazu sagt er dann folgendes:
„Ja, du sprichst da wirklich ein Dilemma an, dass bei Laien oft zu Missverständnissen führt. Ich will es so formulieren: Wir Physiker sprechen zwar immer mal wieder entweder von Temperatur oder von Energie, oder auch Frequenz, und wir benutzen auch verschiedene Maßeinheiten wie Kelvin, Elektronenvolt, Hertz oder Joule, tatsächlich aber meinen wir immer das selbe, nämlich Energie. Wann wir was und warum benutzen, ist abhängig von dem Kontext, verstehst du, was gemessen werden soll, von dem Ort auf der Skala, und von den Formen, in denen sie auftritt. Aber Sie können die verschiedenen Maßeinheiten prinzipiell zueinander in ein Verhältnis setzen, ineinander umwandeln. Ich möchte dich nicht mit Formelkram und Lexikoninhalten langweilen, aber was oft verdrängt wird, ist das:
Energie gibt es nicht. Also so, wie es ein Stück Brot gibt. Energie ist eigentlich so etwas wie eine – hier überlegt er sehr lange und blinzelt – sehr reale Halluzination. Mit Energie wurde lediglich ein Begriff gefunden, der die Fähigkeit eines Systems definiert, Arbeit zu verrichten. Und das immer im Unterscheid zu einem vorher definierten Zustand, in dem keine Arbeit verrichtet wird.
Dass sich Wassermoleküle bei einer bestimmten Temperatur bewegen, bescheinigt Ihnen eben die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Zum Beispiel andere Moleküle anzustoßen. Bescheinigt Ihnen, dass sie energiereich sind. Nur macht es in diesem Kontext eben keinen Sinn, die Temperatur in Elektronenvolt anzugeben, weil uns hier nicht interessiert, welche Bewegungsenergie die beteiligten Neutronen haben, sondern wann mein Wasser so heiß ist, die Moleküle sich so schnell bewegen, dass sie den Dreck aus der Wäsche lösen. Zwischen Molekülen und Neutronen liegt aber eine gigantische, fast schon kosmische Skala. Deshalb hier Kelvin oder im Alltagsgebrauch Celsius. Du kannst es noch allgemeiner formulieren: Der Begriff Energie ist ein sehr brauchbares Werkzeug, um auszudrücken und zu ermitteln, dass überhaupt etwas geschieht, dass sich etwas bewegt, wie stark es sich bewegt, oder ob eben gerade mal überhaupt nichts passiert…. wobei es den absoluten Stillstand eigentlich nicht gibt.
Ich will also damit sagen, dass die Worte Temperatur und Energie für einen Physiker beinahe das Selbe meinen. Da wir aber Prozesse auf riesigen Skalen beschreiben, wechseln wir manchmal die Maßeinheiten und Begriffe. Weil man mit einer Waschmaschine eben etwas ganz anderes verfolgt als etwa mit einem Teilchenbeschleuniger….“

„Warum kommst Du mir mit diesem Zeug? Damit wären wir ja wieder bei der Idee der Bewegung“

„Ich komme dir damit erstens, damit wir unsere Temperaturbegriffe gegeneinander abgleichen können und zweitens, um dir damit, wie sagt man bei Euch, durch die Blume, mitzuteilen, was hinter deinen philosophischen Begriffen von „Strukturbildung“, „Bewegtheit des Weltganzen“ „Strukturkonzentration“ „Durchblutung“, „Ernährung“ „Beatmung“…“Kräuselung“… und was Du noch so erfunden hast, steckt: Es sind Temperaturprozesse, Energie.
Wenn du dich dem Gehirn als Diskussionsgegenstand und energetisch offenem System nähern willst, reicht es eben nicht allein, dass du dort ein Thermometer hinein steckst und dann abliest: 37 Grad Celsius, ein bisschen Blut, ein bisschen Wasser, Zucker, Salz und hoppla: Es kann denken.
Unser Gehirn hat noch eine ganz andere Temperatur, die du in deiner Sichtweise der Sache immer vernachlässigst. Willst Du wissen, welche Temperatur mein oder dein Gehirn nach Einstein hat? Ich sag’s dir: 1300g Gehirnmasse nach der speziellen Relativitätstheorie verlustfrei in Energie umgesetzt (hier pustet er sich kurz ein Fussel vom Ärmel) bringen 117 000 000 000 Mjoul Energie (sprich: Einhundertsiebzehntausendmillionen Megajoul) Soll ich’s Dir in Hiroshimabomben umrechnen?“
„Muss das sein? Du klingst wie so ein Typ von der Scientology-Sekte“
„Du weißt, dass ich von etwas ganz anderem spreche. Es sind zufällig round about 1300 Hiroshimabomben.“
„Willst Du eine ungefähre Vorstellung von der Temperatur haben, die dabei auftritt?
„Du sagst es mir sowieso.“
„Stell Dir einen Blitz vor, der ungefähr 10 Sekunden lang dauert. Dann sind es
im Zentrum des Ereignisses ungefähr Eintausendmilionen und ein paar zerquetschte Grad Celsius. Zehn Sekunden lang. Sprich die Zahl Eintausendmillionen 4 mal aus und 10 Sekunden sind vergangen. Näherungswerte, sehr theoretisch und grob überschlagen. Aber es wird sehr warm.“

„Das nennst du also Vorstellung. 10 Sekunden sind eine lange Zeit.“

„Ja, eine lang lange Zeit. Da kann man sich schon sein Pfeifchen dran anzünden. Und deine Sonnebrille kannst du hinterher auch wegschmeißen, wenn es noch etwas gibt, wo du sie hinschmeißen kannst.“

„Gut, aber was beweist das? Auch der Dreck unter meinem Fingernagel, nach Einstein verlustfrei in Energie umgesetzt, dürfte theoretisch schon einen enormen Heizwert haben.“

„Ich wollte Dir damit gar nichts beweisen. Ich habe dir nur das Äquivalent von Energie vorgerechnet, die in der Masse unseres Gehirns steckt. Vielleicht versteht man ja das Gehirn besser, wenn man seine Strukturbildung und seine grundsätzliche Offenheit nicht nur biologisch betrachtet, sondern auch physikalisch.“

„Gut, wir haben also einen enormen sehr theoretischen Blitz im Kopf, der in Materie gefangen ist, aber dieser Äquivalenzblitz steckt auch in einem Stein von der selben Masse, oder in einer großen Echse von mir aus. Sie steckt eben überall. Du kannst auch den ganzen Menschen nehmen, oder alle Menschen… damit kannst du wahrscheinlich die ganze Welt in die Luft sprengen….das besagt doch gar nichts. Gefragt war doch, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet.“

„Na eine Antwort wäre zum Beispiel: Es kann auf mehr oder weniger erfreuliche Art Masse in Energie verwandeln.“

„Na toll. Wirklich sehr überraschend. Da haben wir uns ja wunderbar im Kreis bewegt. Ich will aber wissen, warum es das kann. Und ein Stein eben nicht. Und es verwandelt ja auch nicht seine eigene Masse in Energie, sondern die von mühselig angereichertem Uran oder anderen Stoffen Und dazu benutzt es Hände, Stift, Papier, Schaufelbagger….“

„Vielleicht hast du oder haben wir einfach die falschen Prämissen zur Unterscheidung angesetzt. Es wird doch wohl erlaubt sein, das Gehirn zunächst einmal auch als physikalisches Objekt zu betrachten, in diesem Fall als Masse…“

„Entschuldige, aber was soll das bringen?“

Also, du hast mich gefragt, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet. Aber wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund…..

… „Ich weiß, einen Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.“

Genau. „Ich habe nach einem Hintergrund gesucht, vor dem eine Unterscheidung überhaupt erst sinnvoll ist, und habe hierfür, also als großen Gleichmacher, die Temperatur, sprich: Die Energie, sprich: die Materie vorgeschlagen. Ob dieser Hintergrund praktikabel oder ganz falsch ist, wissen wir noch nicht.

„Aber das alles haben wir jetzt mit unserem Gehirn gemacht, Kaminskie.“

„Eine Atombombe funktioniert auch außerhalb unseres Gehirns, das kannst du einfach mal glauben.“

Ende des Protokolls

Die Gespräche mit Kaminskie nehmen oft diesen seltsamen Verlauf. Das Problem an Kaminskie und unseren Gesprächen ist, dass er sich mir gegenüber Lässigkeiten und Verallgemeinerungen erlaubt, die er sich gegenüber seinen Fachkollegen nicht erlauben würde. Er tut das mit einem guten Vorsatz. Er möchte unsere Gespräche nicht durch Details verfilzen lassen. Dabei hält er meine Zumutbarkeitsschwelle für niedriger, als sie tatsächlich ist.

Laborintern zur Weiterbearbeitung:
Wenn Kaminskie von „riesigen Skalen“ spricht, könnte er sich ja durchaus zu einem anschaulichen Beispiel bequemen. Auch deshalb bin ich nie so ganz zufrieden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, weil seine Besuche sich mir oft zu ganzen „Kaminskie-Tagen“ erweitern, an denen ich dann mühsam einigen Details hinterher recherchiere. Wenn er von riesigen Skalen spricht, dann meint er Verhältnisse. Dass etwa der Kern eines Atoms sich zur Atomhülle verhält wie ein Pfirsichkern in der Mitte des Olympiastadions. Wenn ich mir dann vorstelle, dass dieser Pfirsichkern beinahe die gesamte Masse des Olympiastadions enthält, fühlt sich das bereits merkwürdig an. Ein einziges Wassermolekül, dass aus einem H –Atom und zwei O – Atomen besteht, muss ich mir dann als 3 Olympiastadien vorstellen, die aneinander gekoppelt sind, mit jeweils einem Pfirsichkern in der Mitte.
Zudem hat Kaminskie auch allzu lässig die Energieäquivalenz von 1300g Masse nach der speziellen Relativitätstheorie und der berühmten Formel E=mc quadrat berechnet. Obwohl er es besser weiß. Besser als ich. Kann man prinzipiell machen, ist aber dermaßen theoretisch vereinfacht, dass es sich schon beinahe wieder verbietet. Die Vorraussetzungen hierfür sind einigermaßen kompliziert. Wenn sich 1300g Materie einfach so in einem Einsteinofen vollständig in Energie darstellen ließen, hätte man ja alle Energieprobleme gelöst. Bei der Hiroshimabombe wurden aber gerade mal
1 Gramm der beteiligten Uran-Ruhe-Masse (es waren insgesamt ca 50 Kg) auf diese Weise ad hoc in Energie verwandelt. Dass funktionierte aber auch nur deshalb, weil Atomkerne gespalten wurden, die von vornherein instabil waren, angereichert, künstlich aufgepumpt wie übergroße Wassertropfen, die ab einer bestimmten Größe durch einen Anstoß in kleinere Tropfen auseinanderplatzen. Was da an Energie frei wurde, entsprach immer nur der Bindungsenergie von diesen aufgepumpten Urankernen bei jeweils einer Spaltung, schlagartig potenziert in Kettenreaktion.
Zwischennotiz Bindungsenergie – sehr interessanter Effekt, der sich als Widerspruch tarnt, aber keiner ist: Die Teile eines Atomkerns, wenn man ihn spaltet, haben mehr Bindungsenergie, als der Atomkern, wenn man ihn ganz lässt. Dieses Mehr an Bindungsenergie entspricht einer relativistischen Masse, die im Moment der Spaltung nicht als Masse, sondern als Energie, Temperatur und Strahlungsdruck vorliegt. Diese Sache muss ich besser verstehen, weiter untersuchen. Merkwürdiges Phänomen.
Die zwei entstandenen neuen Spaltkerne (Nuklide) wurden dann aber schon nicht mehr in Kettenreaktion gespalten. Sie flogen in der Gegend herum, oder zerstrahlten langsam. Gereicht hat dieses eine Gramm Massedefekt leider trotzdem.
Wollte man 1300g Gehirnmasse auf diese Weise vollständig ad hoc in einen Energieblitz verwandeln, müsste man alle beteiligten Elemente ad hoc spalten, bis sie allesamt zu Wasserstoffkernen mit jeweils einem Proton im Kern zurückverwandelt worden sind. Da aber beginnt schon die Schwierigkeit. Ein Kohlenstoffatomkern ist sehr sehr stabil. Ihn ad hoc einfach zu spalten, fällt sehr sehr sehr schwer. Alle Elemente, die im Periodensystem vor Eisen liegen, lassen sich nur spalten, wenn man mehr Energie dafür aufwendet, als man erhält. Also müsste man sie fusionieren. Alle Elemente schwerer als Wasserstoff sind aber schon Fusionsprodukte, Wasserstoffkinder. Wasserstoffkindeskinder. Wasserstoffenkel.
Dann müsste man zum Schluss auf zauberische Weise alle verbliebenen Wasserstoffkerne mit der gleichen Menge von Antiwasserstoffkernen (ggW?), die man sich auf quantenmechanische Art und Weise irgendwie aus dem Vakuum geborgt hat, zusammenschießen, um alle Materie in einen letzten reinen Energieblitz zu verwandeln. Oder man wartet, bis sie von alleine zerstrahlt sind. Was aber dauert. Kaminskie könnte mir schon etwas mehr zumuten.
Vielleicht geht es aber noch anders. Um an die Energie heranzukommen, die in 1300 g Gehirnmasse materialisiert ist, könnte man alle beteiligten Elemente auf ihren Geburtsweg zurückschicken, durch mehrere Generationen von Sternen hindurch, bei deren Tod sie in ihrem Inneren durch Kernfusion erbrütet wurden, müsste sie noch weiter in ihren Geburts-Zeitkanal zurückstopfen bis zu den ersten Ursternen, die nur aus reinstem Wasserstoff sich bildeten und noch weiter zurück bis in die Zeit als noch gar keine Sterne existierten, sondern nur eine große Wasserstoffwolke, aber auch durch diese Zeit müsste man die Kerne noch rückwärts hindurch tragen, bis zu jenem Augenblick, als noch nicht einmal Kerne existierten und ein ursymmetrischer und ultraheißer Zustand durch eine winzige Unregelmäßigkeit so gestört wurde, dass es nicht mehr genau 50 zu 50 für Materie und Antimaterie stand (Antimaterie – ggW? klären, was das ist.) , die sich in einem Blitz beide vollständig hätten in Energie erlösen können, nein, es stand irgendwie 50,7 für Materie und 49,3 für Antimaterie, vielleicht durch einen Fussel am Ärmel Kaminskies, der dazu führte, dass eben nicht alle Materie wie Antimaterie sich in einen Energieblitz vernichtete, dafür aber ein Dreck von Materie bleiben durfte, aus der wir heute und alles Anfassbare bestehen. Dabei hätte man aber rein gar nichts gewonnen, weil das Energieäquivalent von 1300g Gehirnmasse eben der Energie entspricht, die es brauchte, um sie durch den Geburtszeitkanal in unsere Gegenwart und schließlich in meinen oder Kaminskies Kopf hinein ploppen zu lassen.
Man kann es sich natürlich auch leichter machen, so wie Kaminskie, einfach so
die Masse des Gehirns mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit multiplizieren, und dann sein Pfeifchen dran anzünden. Dabei ist er der Physiker von uns. Gut, er will unsere Gespräche nicht verfilzen lassen.

Kurzum: Kaminskie hat mir in seinem entspannten Sonntagsinteresse für Philosophie, und vielleicht auch weil er mich nicht überfordern wollte, unterschlagen, dass die Quantenmechanik bestimmte Bedingungen stellt, damit E=mc quadrat gilt.
Die Formel ist deshalb nicht falsch, aber davor steht die Zicke Quantenmechanik, die ihre Bedingungen stellt. Und diese Bedingungen sind nicht ohne weiteres zu erfüllen, schon gar nicht zu umgehen. Sie stellt Regeln auf, die verhindern, dass bestimmte Sorten von Teilchen zusammenkommen oder sich trennen dürfen und sich nur unter bestimmten Vorraussetzungen ineinander umwandeln. Soll ich dem nun auch noch hinterher recherchieren, Kaminskie?

Insofern war Einstein eigentlich ein ziemlicher Fußgänger. Das muss man einfach auch mal sagen dürfen. Seine Leistung war doch sehr relativ! Er hat uns mit seiner Superformel Hoffnung gemacht auf Zeitreisen und ein energetisches Schlaraffenland, und was ist davon geblieben? Ein abgenagtes Hühnerbein auf einer Toilettengeld-Untertasse. Und das wird auch noch bewacht von der alten Fettel Quantenmechanik, die eine Atombombe in der Hand hat, von der sich herausstellt, dass man sie wahrscheinlich sogar ohne E=mc quadrat zusammenbasteln kann. Ich finde das alles ein wenig enttäuschend.

Ganz ausdrücklich: Ich bin nicht Albert Einstein!

Okey, das nehme ich zurück. Beides.

Grundsätzlich hat Kaminskie Recht: Jede Masse entspricht einem Energieäquivalent. Hat sogar, wie ich jetzt mühsam recherchiert habe, eine Strahlungsfrequenz. (Planck) Nur ist es Blödsinn von einer Umwandlung zu sprechen. Masse IST Energie in einer anderen Form

Problem: Zwischen einer biologischen Betrachtung und einer physikalischen liegen gigantische Skalen.

37 Grad Celsius. Reden Biologen und Physiker eigentlich miteinander? Können sie sich hören?

Worin Kaminskie auch wieder gut war: Mit seinem Hinweis auf die Referenz, die es braucht, um ein Ding von einem anderen Ding sinnvoll unterscheiden zu können. Ein Gehirn von einem Stein. Überhaupt – die Gleichmacherei in der Unterscheidung. Das Ver-Gleichen.

Willst Du etwas erkennen, musst Du es unterscheiden.
Willst Du etwas unterscheiden, musst Du es erkennen.

Vor welchem Hintergrund. Was bestimmt Ihn?

Allerdings wusste das vor Kaminskie schon George Spencer Brown.

Wie ist es möglich, dass wir gleichzeitig unterscheiden indem wir gleichmachen, ohne uns zu verheddern?

Sehr gepflegter, gut gekämmter und gut angezogener Widerspruch. Mit glänzenden Budapester Schuhen.

Muss Kaminskie das nächste Mal fragen, woran er eigentlich genau arbeitet.

Unsere Gesprächskultur justieren.

Käsekuchen einkaufen.

Nachtbild Ernährung/Notiz

Ob man nun will oder nicht, schickt das Gehirn seine ihm zugespielten Reize immer noch einmal in den Toaster, weil es mit der realen Lappigkeit des Wirklichen nicht umgehen will, nicht umgehen kann. Es gehört ja selbst dazu. Also toastet es die Prozesse, die es ergreift, zu Krusten, damit sie Denk-Gegenstände werden, kognitiv Biss haben, al dente sind. Was Fließen, was Bewegung war, wird Gegenstand. Der krachende Biss hält ein Stück Bewegung fest. Erobert sie. Begreifend. Im Gebiss. Aber es ist immer nur ein Stück. Den Rest muss es am Gebiss vorbeischwimmen lassen. Bis es das nächste Mal danach schnappt. Aber so ganz peu a peu hat es überall schon einmal zugebissen und große Körner gekrustet. So entsteht ein grobkörniges Bild von dem, was IST. Noch kein schönes Bild, und man kann noch kaum etwas erkennen. Aber dann zerbeißt es die Körner feiner und feiner und das Bild wird feinkörniger, schärfer. Wenn man sie verstehen will diese Bewegung, kann man Bewegung nicht gleichsam widerstandslos trinken, atmen, lutschen. Kein Beweis, aber eine Stütze der These: Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte Durst auf Leben oder Durst nach Liebe? Oder dass jemand gesagt hätte: „Ich habe Dich zum Trinken gern.“ Hier regiert der Hunger. Dabei ist der Durst viel mächtiger als Hunger. Man kommt 40 Tage ohne Essen aus, aber schon nach 5 Tagen ohne Trinken beginnt das Sterben. Trotzdem ist es der Hunger, der regiert. Lebenshunger – Liebeshungrig. Der krachende Biss. Aber weil der Biss regiert, heißt das noch lange nicht, dass nun gleich alles zum Beißen ist. Wie ist der Rest? Wo ist das Andere? Und vor allem: Was ist es? Wissensdurst! Ich geh erst mal ins Bett und stell mich dumm.

Wenn ich aufwache, bin ich Künstler.

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Was Aristoteles schon über die Finanzkrise wusste.

Potentialität und Aktualität.

So steht man heute wieder vor uralten Fragen, deren Gründe viel tiefer in die Zeit zurückreichen, als nur bis zu Marx.

Die strukturierten Produkte, die Zertifikate des Finanzwesens, waren ja zunächst aus einer ganz sinnvollen Überlegung hervorgegangen. Sie sollten die Risiken eines monoformen Papiers über den Verbund, in der Vermischung mit verschiedenen anderen Papieren, Versicherungen und Rückversicherungen, die sich jeweils dann in geknüllte schwer zu durchschauende Zertifikate einbetteten, in ein polyformes Verbundmaterial verwandeln, das stabiler ist, weniger risikobehaftet. Eine Art Sperrholz oder Damastzenerstahl der Finanzbranche.

Eigentlich funktioniert das ja auch. Man kann ein Anlage-Portfolio so mischen, oder knüllen oder falten, dass es stabiler bleibt, elastischer, aber dann agiert es weniger effizient, weniger produktiv. Es verformt sich dann als geknülltes Portfolio weniger heftig in Richtung Verlustzone aber auch weniger in Richtung Gewinnzone. In dem man zum Beispiel Kauf – und Verkaufsoptionen mit Aktien aus verschiedenen Branchen mischt.

Der Anleger spricht dann von einer „langweiligen“ aber relativ stabilen Anlagestrategie.

Aber warum waren die problematischen Mischstrategien, die ja ebenfalls als Verbund- und Schichtmaterialien konstruiert wurden so brisante „plötzliche“ Sprengstoffe? Warum waren sie instabil?
Faule Zutaten sind das eine. Das andere war der Irrtum, dass man glaubte, etwas könne zugleich enorm effizient, produktiv und und zugleich enorm belastbar, also stabil sein. Das funktioniert nicht, wie man heute mathematisch ebenso wie physikalisch simpel nachweisen kann.

(Ein Raketentriebwerk ist höchst effizient – aber! – Es soll auch nur 8 Minuten durchhalten. Und auch diese 8 Minuten müssen empfindlich gut kalkuliert sein, damit es einen nicht um die Ohren fliegt! Deshalb ist hohe Effizienz immer verbunden mit einer kurzen Funktionsdauer des jeweiligen Systems ebenso wie mit bedrohlicher Gesamtanfälligkeit!)

Der Finanzexperte Bernhard Litaer hat in der Brand1 vom Januar 09 darauf aufmerksam gemacht, dass ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang zwischen Produktivität und Belastbarkeit bei Systemen wirkt. Wenn man Produktivität definiert als eine Durchsatzmenge an Energie oder Information pro Zeiteinheit –  und Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Störungen, Abweichungen, Durchsatzsenken oder Durchsatzspitzen so abzufedern, ohne dass es in seiner Gesamtstruktur bedroht ist oder gleich ganz zusammenbricht.

Ungefähr so, wie ein Blatt Papier als geknüllte Kugel stabiler, krisenresistenter ist, als ein ungeknülltes.

Die andere Antwort liefert möglicherweise wieder die Technikgeschichte.

Ein Portfolio so zu mischen, dass es weniger brisant, also stabiler bleibt, entspricht dem Handeln nach dem, was Alfred Nobel damals mit dem Nitroglyzerin gemacht hat.

Es liefert ein Bild zum aristotelischen Problem von Potentialität und Aktualität.

Reines Nitroglyzerin ist nicht wirklich handlich, zu gefährlich, zu instabil, zu effizient. Es ist – zu aktuell. Also hat Alfred Nobel das allzu aktuelle Nitroglyzerin gemischt, langsam gemacht, belastbarer, geknüllt, mit „langweiligem“ Kieselgur und seine Konzentration so verringert, dass es handlich wurde. Sein Dynamit war plötzlich ein harmloser Stoff. Andere Zusatzstoffe machten es sogar unempfindlich gegen eine Streichholzflamme. Erst eine Initialzündung bringt es zur Explosion.

Hier liegt wohl die Schwierigkeit. Die aktuelle Harmlosigkeit des Dynamits kann viel mehr informell-energetisches Potential anhäufen. 20 Liter reines Nitroglyzerin irgendwo zu lagern oder durch eine Leitung zu pumpen wäre Wahnsinn. Fünfzig Tonnen Dynamit dagegen sind kein Problem.

Allerdings – wenn eine geknüllte polyforme Papierkugel – die sich im Prinzip nicht so schnell entzünden lässt wie ein loses Blatt Papier  – wenn sie aber doch einmal brennt, dann lässt sie sich auch nicht so schnell löschen. Sie schwelt dann durch.

Das Dynamit explodiert.

Die Brisanz des Nitroglyzerins, die eher eine „aktuelle“ Brisanz genannt werden kann, wurde von Alfred Nobel in die „potentielle“ Brisanz der Mischform Dynamit überführt.

Die Philosophiegeschichte hat seit Aristoteles und dann über Thomas von Aquin versucht, den Zusammenhang zwischen Aktualität und Potentialität zu klären. Was nicht ganz einfach ist.

In seiner Metaphysik erläutert Aristoteles, dass die Aktualität der Potentialität vorangeht.

Im Rahmen seiner Argumentation gibt es dafür auch einen Grund.

Für Aristoteles gab es als Ursache aller Dinge nur die Kraft der Bewegung (griechisch: Dynamis) also kein statisches Wesen. Die Bewegung aber, so folgert er, ist immer Aktualität. Also aktuell agierend. Und aus der Aktualität der Bewegung formen sich auch die Begriffe, die Instrumente, die Techniken.

Und deshalb schreibt Aristoteles:

Sie (die Potentialität) ist ein Prinzip der Bewegung, freilich der Bewegung nicht in einem anderen, sondern in dem Wesen selbst, insofern es dieses Wesen ist. Jeder solchen Potentialität also geht die Aktualität dem Begriffe nach und dem Wesen nach voran; auch der Zeit nach, wenigstens in gewissem Sinne; in anderem Sinne freilich wieder nicht. Zunächst, daß sie dem Begriffe nach vorangeht, leuchtet von selber ein. Denn das ursprünglich mit Potentialität Ausgestattete hat Potentialität insofern, als es zur Aktualität zu gelangen vermag, wie z.B. Baumeister ist, wer zu bauen vermag, Sehkraft hat, wer zu sehen vermag, und sichtbar ist, was gesehen werden kann. Das gleiche begriffliche Verhältnis herrscht auch in allem anderen. Mithin ist der Begriff des Aktuellen notwendig der ursprünglichere, und wer den Begriff des Potentiellen erfassen will, der muß zuvor den Begriff des Aktuellen erfaßt haben.

Wenn man jetzt für den Begriff des Aktuellen „Nitroglyzerin“ einsetzt und für den Begriff des Potentiellen das  „Dynamit“, man also weiß, dass das Nitroglyzerin in der menschlichen Entwicklung vor dem Dynamit entborgen war, dann kommt man nicht umhin, Aristoteles für seinen Weitblick und Scharfsinn zu bestaunen.

Tatsächlich scheint sich die mensch-technische Entwicklungsgeschichte immer genau in dieser Reihenfolge abzuspielen. Der Zivilisationsprozess überführt die aktuelle Brisanz der Aktualität in den scheinbar weniger brisanten (aber dafür lauernden) Zustand der Potentialität.

Greifen wird Begriff.

(Er-)zählen wird Zahl.

Dynamis wird Dynamit.

Tauschen wird Geld.

Aus dem Kreisen wird das Rad.

Aus dem Rad wird der Wagen.

Bewegung wird Bewegendes.

Aus der Arbeit wird die Maschine… (was Marx auch schon gewusst hat..)

und schließlich:

aus dem Denken wird die Denkmaschine, die Ideologie (ein Problem, das Marx leider nicht so stark beachtet hat.)

aus dem Fühlen wird Gefühltes, der Roman, der Film, das Theater…etc…

Der überschaubare Tausch zwei Schafe gegen ein Pferd, der sich nur in der reinen Aktualität handeln lässt. (Ein Tausch, der wie das Nitroglyzerin auch sofort platzen kann, weil des Pferd zum Beispiel krank ist und ich ein konkret schlechtes Geschäft gemacht habe)

Dieser überschaubare Tausch wird bereits durch die Erfindung des Geldes in eine handlichere Potentialität überführt. Wenn ich Geld statt ein Pferd nehme, kann das Geld nicht krank sein, es sei denn es wurde gefälscht. Aber prinzipiell ist es das handlichere Geschäft. Aber schon dieses Geld, dass bereits ein Äquvalent ist, hat Dynamiteigenschaften. Ich könnte dieses Geld jetzt verleihen, gegen Zinsen, damit es wächst, sprich: explodiert.

Und so weiter bis hin zu den heutigen Finanzmarktinstrumenten.

Heute weiß man – die Tatsache, dass Sprengstoffe „handlich“ wurden, hat sie global betrachtet erst zur massenhaften Anwendung gebracht, für ihre Verbreitung gesorgt. Ihre potentielle Brisanz ist gestiegen.

Sprengstoffe sind manchmal sinnvoll. Ebenso wie im Prinzip die gemischten Papiere nicht einfach nur destruktiv sind.

Die menschlich-technische Evolution wird den Weg in Richtung Verbundstoff weiter beschreiten. Und dies über Brüche, die notwendig sind, um Dehnungsfugen auszubilden. Dass wir dabei selber in einen globalen Verbundstoff eingegliedert werden, steht ausser Frage.

Wenn Bernard Litaer jetzt vorschlägt, die monoformen und potentiell überbrisanten Finanzhandlungsstrukturen durch einen polyformen Verbund von regionalen Wirtschaftszonen zu entlasten, aufzulockern, dann macht er damit den Vorschlag, das Dynamit nicht mehr an wenigen großen Orten herzustellen oder zu bewegen, sondern an vielen kapillar verteilten. Das ist durchaus vernünftig. Aber unabhängig davon, ob es vernünftig ist oder nicht, wird es sowieso geschehen. Es wird geschehen als etwas, das durch gewaltsames Zerbrechen sowieso geschieht. Durch Krisen. Klüger wäre es natürlich, selbst zu tun, was geschieht.

In seinen regional gedachten Wirtschaftszonen, erfolgt ein Teil des Tausches wieder etwas direkter, also aktueller, über kürzere Wege. Er gewinnt mehr Aktualität und verliert etwas von seiner zerstörerisch sich anhäufenden Potentialität.

So wäre heute also zu bedenken, wie man das Verhältnis von Aktualität zu Potentialität  zivilisations- freundlich moderiert.

Rotation und Information.

Rotation, Information, Schließung und Streuung.

Erde und Mond; Sonne und Erde – die Planeten: das Sonnensystem – all das vermittelt sich über ein Rotationsverhältnis zwischen gekrümmten Räumen.
Der Drehimpuls von Massen, die einander seit Ewigkeiten in ihre gekrümmten Räume hinein zufallen, um einander herum fallen; diese Massen drehen sich, weil jede Massenverdichtung im Universum auf einen imaginären Mittelpunkt hin sich gravitativ zusammenzieht, das Zentrum jedoch natürlicherweise nie ganz trifft, es immer leicht verfehlt, – weil eine Massengröße auf irgend einer Seite zu viel oder zu wenig  den gravitativen Vektor an diesem imaginären Punkt vorbei lanciert  – und so die  Richtung dieser Kraft, die alle Massen eigentlich auf einen Punkt hin zusammenziehen möchte, an diesem Punkt vorbei in die Radiale einer Rotation ableitet, in die Phase einer Drehbewegung.
Die Drehbewegung balanciert dann einen Kompromiss aus idealem Zentrum, Lagrange-Punkten und Gravitation, fliehend in den Dreh einer Elipse.

Die natürliche Symmetrieverfehlung verlangt, innerhalb des Verdichtungsprozesses, eine Richtungsentscheidung: rechtsherum oder linksherum.

Dass Körper im Universum rotieren, oder vielmehr elliptisch herum eiern, ineinander oder umeinander, auch um sich selbst, in einer bestimmten Richtung, ist das Ergebnis einer solchen Symmetrieverfehlung während der Zusammenballung von Teilchenwolken zu Massen, Planeten, Systemen, Sternen.

Urbewegung der Rotation, die auch Aristoteles schon als die Urbewegung schlechthin erkannte.

Wenn es stimmt, und vieles spricht dafür, dass die Formen der ersten Einzeller oder Protozeller im Wasser der frühen Meere als in einer Art Ursuppe ihren Anfang genommen haben, dann spekuliere ich, dass dieses nicht direkt im Meer, sondern an seinen schwappenden Rändern sich ereignet haben könnte. An den Stränden, den Watten.
Hier, wo ein Tidenhub der Gezeiten, verursacht durch die Rotation des Mondes um die Erde, der damals auch noch näher und beeindruckend groß am Himmel stand,  die vorhandenen Molekülbausteine regelmäßig –

abtrocknete und anfeuchtete,

wärmte und abkühlte,

belichtete und abdunkelte,

aufhob und niederlegte,

hinrollte und herrollte,

untertauchen und hochsteigen ließ…

– läge es nahe, möglicherweise – war es ja auch diese regelmäßig hin – und her-rollende auf und niedersenkende Bewegung, dieser Gezeitenhub, der ursprünglich dafür sorgte, dass irgendwann die ersten komplexeren Moleküle sich an halbfeuchten – halbtrockenen Strandlagen ansammelnd, selbst einrundeten, sich autopoietisch einkugelten in einer ersten Selbstschließung, Selbstrundung, wie in einer Art erstem Reflexionsprozess, diesen Gezeitenhub, der ja die rotatorische Bahnschließung des Mondes im Verhältnis zur Erde als Schwingung weitergibt, aber auch der Erde im Verhältnis zur Sonne,  –  so in sich selbst einschlossen, indem sie das rhythmisch pulsierende Hin-und Herrollen ihres Elements, das sie IN-FORMIERTE, EINKREISTE,  in eine FORM der Eigenschließung, Eigenrundung als Zelle oder Protozelle nachvollzogen, überführten in die FORM – so – die Rotation – quasi reflektierend.

Ähnlich wie ja auch jede Sinusrhythmik in Schwingung nichts anderes darstellt als die abgerollte Funktion eines Kreislaufes.

Vielleicht ein noch unvollständiges Bild, aber doch nachvollziehbar.

Ich erfahre, dass verschiedene Versuchsanordnungen in ursuppen-ähnlichen Millieus oder in nachgeahmten Protoatmosphären mittels Funkenentladungen und dem Einfluss von UV-Licht experimentiert, hier auch gewisse Ergebnisse brachten bei der Bildung langkettiger Grundmoleküle, Aminosäuren, Bausteinen des Lebens.  Ebenso wie man  chemischen Millieus verschiedener Dichte kleine Tröpfchen mit eingekugelter Oberflächenspannung erzeugt hat, als mögliche Vorläufer von membranumschlossenen Zell-Gebilden.

Von einer Wirkung des Gezeitenhubs erfährt man nichts.

Aber sicher und ausreichend erklärend scheinen die Laborversuche alle nicht. Man forscht hier weiter.

Ein wechselndes Trocken- und Nass-, Heller- und Dunkler- Werden, das die Ausbildung von halbdurchlässigen Protozell-Membranen angeregt haben könnte, die ja in ihrer habituellen Unentschiedenheit zwischen Trocken und Nass, Struktur und Nicht-Struktur, Offenheit und Geschlossensein ihrerseits wieder abbilden eine Strandregion in Microformat, als würden sie diesen Strand jetzt materiell nachgebaut reflektieren.

Ist der Einzeller nicht auch ein kleiner Kontinent, der an seinen Rändern von dem fließenden Gezeitenhub der Nährstoffe formuliert, umsorgt und versorgt wird?

So auch als eine kleine erste Blut-Hirnschranke zwischen den Welten sich ausbildend, zwischen reversiblem Gezeitenhub und irreversibler Strukturbildung.

Auch die Blut-Hirnschranke kann ich mir vorstellen wie ein Wattenmeer in Gezeiten, einen Strand als Grenzregion zwischen einem festen Kontinent und dem Meer des Blutkreislaufs, das den Kontinent des Gehirns über Jahrmillionen der Evolution umschwemmte, umlagerte, versorgte, beatmete, anschwemmte, umsorgte – solange – bis dieser Strand des Gehirns schließlich selbst – jetzt aber auf der rein informatorischen Seite reflexiv erneut eine Zelle ausbildete, die dann dieses interessante vertrauteste unvertrauteste aller Worte sagte, fühlte, und dachte: „Du“ .

Wenn hier, an dieser Stelle, möglicherweise ein Gesetz der großen Zahl wirkt, eine Riesenmenge an Ereignishäufigkeiten und Verteilungshäufigkeiten, dann wäre es naheliegend anzunehmen,  nachdem die IN-FORMATION einer Rotationsbewegung über den von ihr verursachten Schwingungsverlauf einer Gezeiten-Rhythmik schließlich  zu einem molekularen oder protozellulären Kreisschluss als FORM führt, dann gäbe das ein gutes Bild  für die Überführung Energie/Bewegung/ – Information – Form. Zumindest für das Phänomen „Leben“.

Selbst die Struktur der DNA-Doppelhelix-Leiter zeigt eine rotatorische, sinuswellenartige Verwindung, die ein Zusammenhang mit eben dieser rotierenden Rhythmik des Gezeitenhubs nahe legt.

Aber auch mit der Elektrodynamik. Die Form einer elektromagnetischen Schwingung ist der einer gewundenen Helix nicht unähnlich, oder zumindest könnte die Elektrodynamik form-gebend hier eingeschlossen sein. (Würde mich interessieren, ob diese Doppelhelixform sich zwingend aus der Anordnung der beteiligten Basen und Zuckermoleküle ergibt, oder ob die Elemente im  Prinzip auch anders angeordnet sein könnten-Kaminski fragen.)

Letztlich ist aber auch das UV-Licht, wie jede energetische Erscheinung im Spektrum, ebenso wie auch Funkenentladungen, eine schwingende Energie-Erscheinung mit einer bestimmten Wellenlänge, also Kreis- Frequenz im Spektrum, die möglicherweise ebenso als formendes Energie-Potential, in-formatorisch eine „Form“  rundet, einkugelt, einkreist, einrollt und halbdurchlässig abschließt.

Man kennt heute einen Zusammenhang zwischen Formbildungsprozessen und überlagernden Schwingungen in den Lissajou-Figuren des Physikers Jules Antoine Lissajou.

Hier zeigen sich auffällig formale Ähnlichkeiten mit bestimmten Molekülstrukturen aber auch einzelligen Lebewesen. (Die visuellen Effekte bei itunes-arbeiten mit einer Lissajou-Funktion, die über Pseudo-Zufallszahlen Farbe und Form generieren.)

Dieses spekulativ angenommen, drängt sich der Folgegedanke auf, dass der Prozess ein Verhältnis von In-formation und Wirklichkeit beschreibt, in der Weise, dass „Leben“ wiederum als etwas erscheint, das in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zur Rotation als Formschluss FASSUNG GEWINNT oder an dieser Rotation gewonnen hat.

Dann wäre Leben selbst beschreibbar als eine sehr spezielle Art des In-Form-Gehens der Rotation (Bewegung/Energie); Leben als das Gefäß einer stehenden Welle, die aber ihre Energie (oder ihre Information) auch wieder abgibt, weiter ausdifferenziert , über die Ahnenfolge, mutative Streuung, und bestimmte Reflexionsschwellen, in einem Prozess der informellen Streuung.

Erwin Schrödinger hat hierfür den Begriff negative Entropie vorgeschlagen, den man heute (nach Illya Prigogin), aber auch einfacher übersetzen kann mit:

Informationsstreuung – Dissipation der Information.

Selbst wenn das Leben parallel, oder sogar ursprünglich in der Tiefsee im Umfeld der lichtlosen Schwefel- Vulkane (Schwarze Raucher) evolutioniert sein sollte,  dann folgt es auch hier einem Gezeiten-Hub – im Stoffwechsel, weil das nach oben strömende erhitzte Wasser, einrollende Konvektionsbewegungen ausführt.

Diese Konvektionsbewegungen sind wiederum kreisschlüssig, einkreisend – eben genau das, was Illya Prigogin als „dissipative Struktur“ beschrieb.

(Wer einmal lose Erbsen in einem kochenden Wasser-Topf beobachtet hat, wie sie auf – und nieder tanzen, der hat im Prinzip die kreisschlüssigen dissipativen Strukturen von Ilya Prigogin gesehen.)

Auch wenn man nur die Wärme selbst als formbildende Energie annimmt, wirkt hier der infrarote Anteil der Wärmestrahlung als schwingend im elektromagnetischen Spektrum wiederum mit einer bestimmten Frequenz als möglicherweise form-einkreisend, formabschluss-erzeugend.

Insofern bringt jede elementare Energie, weil Schwingung, einen Tidenhub, ein Gezeitenwechsel mit sich, der form-einkreisend form-abschließend wirken könnte. Fest steht, dass alles „Leben“ in einem rhythmischen Gezeitenhub des Stoffwechsels operiert.

Die Frage, die sich hier stellt, wenn Information ebenso wie die Wärme auch der Dissipation unterliegt, dann muss man einen „2. Hauptsatz der Information“ annehmen, ebenso wie daraus dann dissipative Strukturen als „Informationsgefäße“ folgen müssten. (neue informelle Millieus)

„Leben“ in seinen verschiedenen Ausformungen, seiner Vielfalt, wäre dann das materielle Gefäß einer solchen dissipativen Struktur der Information, die aber immer weiter, und in andere Formen sich streut, nun auch in technische, wo sie wiederum informelle Millieus ausbildet.

Das menschliche Gehirn wäre dann nach der Ein-Zelle, den Vielzellern und Meta-Zellern, eine dissipative Struktur der Information an einer bestimmten Schwelle hin zum „Ich“

Dann könnte man das Gehirn ebenso wie den ersten Einzeller als eine Reflexions-Schwelle  der Rotation/Information betrachten, ein Gehirn das nun seinerseits über bestimmte Reflexionsschwellen wieder damit beginnt, auf technischem Wege Information in Energie (Kernspaltung/Kernfusion) umzuwandeln – oder sogar neuerdings, in dem es am CERN den Urknall simuliert, eigentlich das Universum selbst damit wieder reflektierend, denkend, manipulierend-informell wiederholt.
Dann ließe sich auch einsehen, warum eine Informationsgesellschaft möglicherweise den Übergang in einen informellen Metazeller dynamisiert, in dem sie per Technologie den informellen Stoffwechsel der einzelnen Gehirne jetzt zu einem Mehrkörper-Ensemble verkoppelt.
Eine Art Groß-Gehirn von planetarem Ausmaß als bio-technologischem Metazeller.

So etwas ähnliches meinte Joel de Rosnay 1997 mit seinem „Kybionten“, der als bio-technischer Mehrzeller sich in einer hybriden Mischung aus Menschen und Technologie im Sinne eines globalen Superorganismus ausbildet.Eine Annahme, die nicht ganz abwegig scheint, zumal gewisse Anzeichen darauf hindeuten. Entwicklungen, die das einzelne Subjekt hier lediglich als „Funktion“ immer stärker in die Gesamtdynamik eines solchen Kybionten einbinden.

Auch die soziale Arbeitsstruktur am CERN deutet darauf hin.

Die Einwände gegen Joel de Rosnay, die eher formaler Natur sind, wirken auffallend schwächlich, beinahe hysterisch, gemessen an der Entwicklung, die seit 1997 technisch geradezu marschiert ist.

Die Dynamik wäre weiter zu untersuchen unter der weniger phantastisch klingenden Bezeichnung „Mehrkörper-Ensemble.

Notwendig wäre eine kleine große Renaissance, welche den Graben zwischen den „zwei Kulturen“ (Peter Snow) Naturwissenschaft und Gesellschaft überbrücken hilft. Und ihr auch in Deutschland eine starke „dritte Kultur“ verbindend, verstehend, zur Seite stellt.

Eine neue philosophische Anschauung der Wissenschaften, ihrer Wirkungen und Vorraussetzungen, ihrer Anwendungen in ihrem Verhältnis zur technologischen Tatsächlichkeit, zur Gegenwart, die in einer Dynamik fließt, ein Dynamik-bewusstes Denken, das nicht mehr gegen die Wissenschaften oder an ihr vorbei redet, oder sie lediglich als „ästhetisches“ Phänomen sensationiert oder verniedlicht, oder als rationales Ungetüm.

Die Blendung von Hieroshima muss allmählich aufgegeben werden.

Eine Renaissance, die Wissenschaft und Technik nicht mehr unter Verdacht stellt, sondern sie zu verstehen sucht in einem informatorischen Gesamtverhältnis von Energie und Gesellschaft, also von Wirklichkeit.

Ob Joel de Rosnays „Kybiont“ eine taugliche Beschreibung liefert, positiv oder negativ, mag dahingestellt bleiben.

Selbst wenn nicht –

– steht die Zivilisation trotzdem vor der Frage, ob sie etwas versteht oder verdrängt, ob sie sich inmitten einer energetisch-technisch hoch aufgeladenen Welt weiter ihren Phantasien und Illusionen überlässt – oder die Wirklichkeit selbst als phantastisch genug anerkennt, bestaunt und deshalb eben erforscht – oder ob sie Dynamik weiter bezweifelt, ignoriert, tabuisiert, auf die Bäume zurück will.

Vor allen Dingen steht sie aber vor der Frage, welche natur- und wirklichkeitsgesetzlichen Zusammenhänge zwischen Energie und Information wirksam sind und was das bedeutet für eine zu formulierende In-Formations-Ethik.

Eine Ethik der In-Formation – aus der auch so etwas Sinnvolles erwachsen könnte wie eine dynamische Zukunftsprojektion im 2. Hauptsatz der Information.

Sapiens – der Einsichtige.

Einsicht nehmend, weil neugierig.

Einsicht habend, auf das, was ES ist, was ER oder SIE ist, WIR, in diesem Kosmos, mit diesem Kosmos.

Einsichtig handelnd nach den Erkenntnissen und Wirklichkeiten, die er gewinnt, in dem er sich seinem eigenen Erkenntniss – und Konstruktionsprozess selbst erkenntlich zeigt und einsichtig.

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Wahnsinn als Hobby-e.V.


Der Wahnsinn als Hobby-e.V. wird hiermit gegründet als Verein in gemeinnütziger Trägerschaft zur Pflege des Wahnsinns.

1. Gründungmitglied: Tim Boson. Vorstand und Präsident in Personalunion oder im 4 – wöchigen Rotationsprinzip: Tim Boson, Tim Boson.

Geschäftsführer: Tim Boson. Kassenwart: Tim Boson. Schriftführer zur Tagesordnung: Tim Boson (in Vertretung: Tim Boson)

Öffentlichkeitsarbeit: Tim Boson.

Forschungsbeauftragter Wahnsinnoskop, Wahnsinnotron. Wahnsinnograf, Wahnsinnometer: Tim Boson oder Tim Boson

Liebe Gäste und Gründungsmitglieder, Herr Präsident, meine Damen und Herren,

In unserer Gesellschaft zeichnet sich ein Trend ab. Der Trend zum Wahnsinn.

Der Wahnsinn als Hobby-e.V. möchte diesem Trend eine seriöse und gesellschaftlich akzeptierte Heimstadt bieten. Der hier neu zu gründende Verein hat sich der Pflege und der Tradition des Wahnsinns verschrieben, den wir, die Gründungsmitglieder, ausdrücklich als ein schützens- und bewahrenswertes aber auch weiter in die Zukunft hinein zu entwerfendes Kulturgut betrachten. In dieser Versammlung nun haben sich bereits, und das ist sehr erfreulich, und ich sage das auch noch einmal herzlich in Richtung unserer Gäste, Angehörige aus den verschiedenen Berufsgruppen und Schichten der Gesellschaft zusammengefunden. Piloten, Ärtzte, Manager, Politiker, Widerspruchsforscher, Hausfrauen- und Männer, Arbeitende und Nichtarbeitende, Künstler, Wissenschaftler, Philosophen. Sie und uns alle eint hier die Wahnsinnspflege als ein gemeinsames Anliegen für und mit der Kunst, von der Tagesordnung abzuweichen, oder die Kunst, sich mindestens einmal am Tag etwas ganz und gar Unwahrscheinliches vorzustellen oder im weiterentwickelten Fall, dem Wahnsinn zu fröhnen.

In den Gremien zum Gründungsentwurf wurde, und einige werden sich daran nicht sehr gerne erinnern, ausführlich darüber diskutiert, was vom Verein als Wahnsinn angesehen werden kann. Das war nicht ganz einfach. Denn tatsächlich liegt es gerade in der Natur des Wahnsinns, dass er sich der eindeutigen Definition entzieht. Denn was definiert werden kann, ist nicht mehr Wahnsinn, sondern eben etwas Definiertes, also: Festes. Deshalb wissen wir zunächst nur, was der Wahnsinn ganz sicher nicht ist: Er ist keine Extrem-Sportart und auch nicht der so genannte Alltag, er ist keine Krankheit und auch kein Handeln. Wir wissen, dies fiel am Anfang schwer zu akzeptieren, da in den Gründungssitzungen einige glaubten, sie würden dem Wahnsinn allein durch ihre täglichen Verrichtungen, etwa als Vorstandsvorsitzende, Hausfrau, Mutter, Finanzmanager oder Bundeskanzlerin in irgendeiner privilegierten Art nahe stehen. Dies aber kann nun eindeutig verneint werden. Was die genannten Mitglieder hier als Wahnsinnsnähe zum Wahnsinn auszumachen glaubten, war lediglich der normale Gang der Dinge. Zudem musste auch verneint werden, und dieses fiel uns am Allerschwersten, dass die Liebe sich vielleicht in Wahnsinnsnähe vermuten ließe, vielleicht sogar selbst der Wahnsinn sei oder wenigstens, wie manche meinten, als eine Art Schwester des Wahnsinns gelten könne. Darüber haben wir im Gründungsgremium lange diskutiert, lang und auch laut, aber schließlich mussten wir zu dem Schluss kommen, dass auch die Liebe, obschon ähnlich schwer zu greifen, nicht Wahnsinn ist. Die Liebe ist sogar und ganz sicher der Kern jeder Normalität. Und sie ist es sogar dort, wo sie abwesend scheint. Denn noch in ihrer Abwesenheit, also in der Lieblosigkeit bildet sie Sehnsuchtsattraktoren aus und strukturiert unser Handeln und Trachten fließend zwischen den Polen Liebe und Nichtliebe. Die Realität, die Normalität, ist aus Liebe gebaut, sei sie nun anwesend oder abwesend. Deshalb kann sie nicht der Wahnsinn sein. Der Wahnsinn ist also auch kein Gefühl. Obwohl er sich, dort wo er auftritt, mit Gefühlen vermengt oder mit der Liebe verwechselt werden kann. Um die immer mal wieder auftretenden Ähnlichkeiten von Wahnsinn und Liebe im Auge zu behalten, haben sich die Gründungsmitglieder aber darauf geeinigt, eine Sektion Liebespflege einzurichten, gerade damit hier die Unterschiede erkennbar bleiben und es nicht zu Missverständnissen kommt.

Was also ist der Wahnsinn? Wie können wir den Wahnsinn pflegen, wenn wir nicht sagen können, was er ist? Zumal sich ja auch alle einig waren, dass es einen allgemeinen Trend zum Wahnsinn gibt. Einige Mitglieder glaubten, eine einfache Antwort parat zu haben. Die Pflege des Wahnsinns bestünde darin, selbst wahnsinnig zu werden. Ich möchte hier nur an die Zwischenrufe aus den Sitzungen erinnern, die auch protokolliert wurden, wie zum Beispiel „Dann machen Sie das mal!“ oder auch: „Wenn das so einfach wäre, Herr Dr. Behrens!“

Darin erkennen wir schon eine weitere Schwierigkeit. Denn der Wahnsinn ist nicht von Personen abhängig oder gar innerhalb von Personen fest zu greifen. Im Gegenteil. Die therapeutischen Erfahrungen mit Personen, bei denen angeblich „Wahnsinn diagnostiziert“ wurde, hat gezeigt, dass diese Personen keines Falls von sich behauptet haben, sie seien „wahnsinnig“ oder sie wollten „wahnsinnig werden“. Die „Therapeuten“ glaubten nun meistens die Leugnung des Wahnsinns der jeweiligen Personen gerade als sicheres Anzeichen dafür hernehmen zu können, dass die betreffende Person wahnsinnig sei. Eine fragwürdige Vorgehensweise. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden, der abstreitet, wahnsinnig zu sein, einer Behandlung zuführten? Andererseits kann man von Personen, die von sich behaupten, sie seien wahnsinnig, mit Sicherheit sagen, das sie es nicht sind. Dieser Ansatz führt also nicht weiter. Es verhält sich hier ähnlich wie bei dem bekannten Paradox, dass uns aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, wie zum Beispiel an der Intensität und Häufigkeit, so jemand behauptet, er sei Kommunist, man ganz sicher erkennt, das der betreffende kein Kommunist ist. Die Wahrscheinlichkeit, das die Behauptung der Person zutrifft, sinkt mit der Häufigkeit, in der die Person die Behauptung vorbringt und mit der Intensität, in der die Behauptung vertreten wird. Sehr wohl also gibt es Erkrankungen der Seele, aber der Wahnsinn gehört nicht dazu. Er ist keine Krankheit. Um es kurz zu machen: Im Abschlussprotokoll haben wir uns darauf geeinigt, dass die Pflege des Wahnsinns nur darin bestehen kann, ihn zu suchen, zu umkreisen, ihn zu bewegen, schließlich: ihn für möglich zu halten, für wahrscheinlich , obwohl er das Unwahrscheinlichste ist. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit, wünsche uns für die Zukunft, wenn ich das so sagen darf, viel Wahnsinn und möchte sie nun ans Buffet bitten, dass uns hier freundlicherweise von der Firma Polenz-Dachdeckerei-Dachschadensbehebung und, Dachentwässerung“ gesponsert wurde. Als erste Vereinshandlung im Sinne des Wahnsinns möchte ich zugleich vorschlagen, den Verein aufzulösen.

Gibt es Gegenstimmen?