Unvernünftelei

Wert der Kunst

Unterwegs im Zug, angeregt von einer kleinen Filmdoku über den Lyriker Oswald Egger und einem Ästhetikkongress mit Monika Rinck. 

„Das Nichtkünstlerische an zeitgenössischer deutscher Schriftlyrik“  – sagte meine Mitreisende zu mir – „oder das Nichtkünstlerische an der  zeitgenössischen deutschen Kunst, wo sie sich im E- Bereich als Anspruchsinstitut gebärdet, das Nichtkünstlerische ist doch, dass die Künstler die vornehmste Aufgabe der Kunst, nämlich den Geist der Kindheit zu erinnern und zu feiern – dass sie diese vornehme Aufgabe also verraten an die eingeübte Künstlergeste – die dann als Künstlergeste immer so abgeranzt erwachsen wirkt.

So, wie man in deutschen Akademien einen Gelehrsamkeitskitsch findet, so findet man auch einen Künstlerkitsch.

Der deutsche Künstlerkitsch erwächst heute in einer Mischung aus Gelehrsamkeit,  Künstlerambition -und einem Rest von „Kritischem Bewusstsein“  immer dort, wo man die Kunst als Gebärde in Anschlag bringt „gegen das bloß vernünftige und gewöhnliche“ Leben.   (eines Programmierers, eines Büromenschen oder eines Ingenieurs.)

Aber natürlich ist heute nichts spießiger als diese behauptete Opposition von gewöhnlicher Vernunft gegen die künstlerische Unvernunft.

Gerade in Deutschland wirkt lange schon eine geistlose Masse von einem sich-hinauf-ambitionierendem Künstlertum.

Man könnte es das Juli-Zeh-Ambitionierte nennen. Oder das Monika-Rinck-Syndrom. Oder das marcelbeyerparfümierte Kunstbewusstsein.

Aber jeder brandenburgische Maschinenschlosser hat heute mehr Kunst, mehr Grazie, mehr Gutes und Wahres als die unvernünftelnde Geschreibselhuberei im  Gestus von Verdacht und Marginalisierung… das hinter jedem „vernünftig deutschen“ Lebensausdruck immer  gleich das nächste KZ vermutet, hinter jedem Hundesportverein den Mengele wittert und hinter jeder Zahlenkolonne in einem deutschen Taschenrechner eine versteckte Waffen-SS.

All dieses Vernünftige gilt dem deutschen Künstler als verdächtig.

Ein „vernünftiger“  deutscher Aussagesatz in der Folge von Subjekt, Prädikat, Objekt gilt dem deutschen Sprachkünstler bereits als faschistischer Aufmarsch, der die Welt mit einem Sinnhakenkreuz bedroht und insgeheim schon die nächste Bücherverbrennung plant. Nein, der deutsche Künstler muss stammeln oder raunen.

Gerade die Kunst müsste doch eigentlich“ – sagte meine Mitreisende zu mir- „den Bereich markieren, in dem der Zauber des Kindheitlichen bewahrt, geschützt und aufgehoben bleibt. Genau darin sollte doch die Kunst ausschöpfen ihre sogenannte Freiheit. Aber was tun die zeitgenössischen deutschen Künstler heute?

Gerade die zeitgenössischen Künstler in ihrem deutschen Anspruchsinstitut sind heute die traurigsten Nichtkinder.

Sie schrumpfen ihr Talent zu einer kalkulierten Geste mit dem Henkel für Erwachsene ein.  Ulf Stolterfoth will immer witzig sein, doch er ist niemals komisch. Oswald Eggers mit bedeutungvoller Künstlermine herbeibehinderte Sprachpuzzelei hat sich nach zwei Zeilen immer schon verbraucht.  Diese Lyrik hat überhaupt kein Interesse ausser das Interesse am schlechten Spiegel ihres sprachelnden Versprachlichtseins.

Nichts wird heute so sorgsam und erwachsen kalkuliert wie die Legende des Nichtkalkulierbaren. Nichts wird bei den E-Künstlern mit soviel Aufwand an Vernünftigkeit festgeschraubt  wie der gefeierte Fetisch ihrer Unvernunft.

Diese Unvernunft glauben sie sich ausborgen zu können aus der schlegelschen Romantik.  Nur folgt das eben einem Missverständnis der Romantik, die in ihrem Kern das Vernünftigste war und verteidigt hat.

Das gefeiert Unvernünftige rollen die Künstler dann im sehr vernünftigen Wortwägelchen von argumentativer Rationalität auf die Tribüne.  Sie sind  die wohlgeordnet Unordendlichen, die phantasielosen Phantasten. Sie schauspielern das Spielerische, aber sie spielen nicht. Denn dafür fehlt ihnen der kindlich suchende Ernst.  Ihre Strubbelhaare sind frisiert, ihre Glatzen sind gekämmt; und besonders säuberlich abgezirkelt ist gerade immer der Bereich, der ihnen vorschwebt als das dionysisch Schoepferische, das chthonisch Numinose in seinem schlechten Abziehbild.

Ihre Künstlerfalten sind gebügelt, ihre Lockerheit ist zementiert; und mit den buntesten Farben, die sie kleckern, schaffen sie immer nur ihr Künstlergrau.

Das ist das Grau des traurig eingeübten Künstlertums.

Das Erwachsene des zeitgenössischen deutschen Künstlers nach Nietzsche.

Nietzsche war der grosse Erwachsene. Das große Nichtkind. Er war der Prototyp einer Sorte von Nichtkünstlern. Die eben nicht verstehen, dass Dionysos sich nur denen zuneigt, die keine Verse produzieren sondern Verse sind.

Nichts lächerlicher, als der Versuch, Dionysos anzulocken mit dem gelehrten Versmaß Dithyrambos.

Aber noch lächerlicher, den Dionysos  beeindrucken zu wollen mit irgendeiner Unvernünftelei, die vom argumentativen Reissbrett kommt.

Nichts abgeschmackter, als den Apoll in Marmor oder Bronze noch einmal zu duplizieren in vorbildlicher Kunstwollerei. Und nichts vergrämt den Dionysos mehr, als irgendein Begriff von Kunst.

Dionysos ist der Geist des Unkünstlerischen und Nichtästhetischen, das nicht mit Hässlichkeit verwechselt werden darf, ebenso nicht mit Dekonstruktion.

Aber Dionysos flieht die Ästhetik.  Schon wer das Wort Ästhetik auch nur ernsthaft denkt, fällt in die Sickergrube seines Künstlertums.

Die Sprache ist ein Hindernis zur Überwindung von Hindernissen (Flusser) Doch sie ist kein Gegenstand der Ästhetik.

Dionysos aber ist der Geist vor aller Kunst, der Geist vor aller verabredeten  Ästhetik. Er ist sogar der Geist vor aller komponierten Musik.

Dionysos ist nicht der Geist des Künstlerschals, des frisierten Strubbelhaars und der gekämmten Glatze.

Und absolut garnicht ist Dionysos der Geist des großen Skandals im Saal.

Dionysos sitzt nicht auf dem Barhocker, er besucht keine Poetikkongresse. Aber er sitzt auch nicht in der Psychatrie.

Die dionysische Unvernunft ist die kindlich ernste Vernunft des frühen fragenden Menschen.

Dionysos ist das  Ver-  .. vor der… – nunft.

Aber damit gehört er der Vernunft natürlich an.

Doch flieht er die berechnete Unvernünftelei des Künstlertums.

Als Nichtkinder ihrer unvernünftelnden Gebärde stehen die Künstler heute auf Vernissagen herum; sie lesen auf Lesungen Gedichte vor,  oder sie verrichten von hohen Podien herab ihr niedriges Künstlergeschäft. Und das sogar noch in der Geste irgendeiner Antikunst in  durchgestylter Kleckerei.

Aber Dionysos ist leider auch nicht der Gott des Schrei- und Klecker- und Skandalhanswurst.

Dionysos ist das ernste Kind.

Jeder Ingenieur und Maschienenbauer ist heute, wo er sucht und forscht, dem Kindlich-Ernsten des Dionysos viel näher als alles abgeranzte Künstlertum.

Denn die heutigen Anspruchskünstler zitieren nur ein Spiel, das sie selbst nicht spielen. Sie simulieren das Kind, das sie nicht sind. Gerade die Unverechenbarkeit kommt beim zeitgenössischen deutschen Künstler  immer aus dem Taschenrechner. Sie sind die aufgeräumtesten Chaoten und ihr  Stammeln, das Matschen und Patschen und Kleckern ist immer schon mit dem Akkuschrauber festgespaxt.

Sie wissen immer schon im Vorraus, was ihr Publikum von ihnen wissen moechte: Dass Sie die Künstler sind. In der Sickergrube ihres Künstlertums. Die Traumverkäufer ohne eigenen Traum.  Sie sind die hochtoupiert Unfrisierten. Die spontan Nichtspontanen im Netz ihrer vorverabredeten Unvernünftelei.  Die förmlich Aufmüpfigen mit den Angepasstschweissperlen auf der Rebellenstirn. Die Seriösen im Konfektionsanzug der Nichtseriosität.

All das ist Dionysos gerade nicht.

Denn Dionysos ist der Gott der Nicht-Verabredung. Nur ein nichtverabredeter Rausch ist auch ein dionysischer.

„Aber gab es denn jemals wirkliche Künstler?“ – fragte ich meine Mitreisende.

„Natürlich“ , sagte sie. „Alle wirklich Fragenden und Suchenden sind es. Darunter auch viele Naturwissenschaftler und Ingenieure, die Forscher waren. Dort zeigt sich auch Dionysos. Dionysos hat Newton besucht und Einstein. Und alle fragenden Alchemisten. Und er war natürlich auch bei Konrad Röntgen im Labor. Dionysos gehört denen, die selbst einen Traum haben und gegen den Traum aufständisch wurden. Die gegen den Traum Aufständischen, das sind die Dionysiker.

Dionysos kommt nicht allein aus dem Weinglas, aus dem Alkohol oder aus irgendeinem Ficki Ficki.

Cézanne zum Beispiel war ernst in seinem Tun. Aber er war nicht stirnrunzelnd ernst in der Künstlergeste.  Er war ein Sucher. Cézanne war kein „Künstler“ im heutigen Sinne. Er war ein Forscher, ein Ingenieur der Wahrnehmung.  Musil war kein „Schriftsteller“ in der  literaturhauspeinlichen Schrumpfform von Schriftstellerei, er war ein Ingenieur des Fragens und der Wahrnehmung.

Vor der ganz frühen Moderne bekomme ich immer mehr Respekt.  Denn diese ganz frühe Kunstmoderne war ihrem Wesen nach ernst.

Und sie hatte noch kein witzelndes Verhältnis zum Geist. Deshalb konnte sie wahrhaft kindlich sein. Auch die bekannte Floskel: Maler male, rede nicht. – galt durchaus nicht für diese Frühmoderne der Kunst.

Die Legende vom dummen Künstler oder vom dummen Dichter ist eine späte und schlechtdeutsche Erfindung des 2Oigsten Jahrhunderts, in dem der Mensch damit begonnen hatte, sich für seinen Geist zu schämen.

Noch ein Cézanne konnte immer sehr reflektiert benennen und auch besprechen, wonach er suchte. Und war dabei immer sehr artikuliert.

Erst sehr viel später hatte das Jahrhundert damit begonnen, sich für den Geist zu schämen. Und an die Stelle des dionysischen Geistes trat der schmale Herrenwitz. Das ist bis heute noch garnicht wirklich reflektiert.

Früher hatte man dem Menschen immer unterstellt, er würde sich schämen für seine Nacktheit am Körper. Seit dem zwanzigsten Jahrhundert aber gilt die weitaus grössere Scham der Nacktheit seines Geistes. Die frühe klassische Moderne war noch schamlos geistreich.

Aber schon bei Picasso lässt das ein wenig nach. Schon mit Picasso kommt das Gebrauchsfertige und Geschickliche der zweiten und dritten Generationen nach den wahren Ergründern.

Was bei Cézanne und van Gogh noch im kindlich kosmologischen Spielernst gesucht, erfragt und errungen wurde, das kommt bei Picasso oder Braque schon ein wenig aus der Künstlereimaschine.

Ebenso die Literatur.  Was bei Gressmann oder Däubler noch spielernstes Fragen war, und deshalb echte Kunst,.. das ist bei Jan Wagner, Grünbein, Marcel Beyer, Egger oder Steffen Popp nur noch hohle Hülse.

Oder die neue Musik. Ligeti ist ein Original. Aber schon einem Wolfgang Rhim glaube ich keine Note mehr. Gut, das ist alles Geschmackssache.  So könnte es immer weiter gehen.  Paul Klee – ja unbedingt. Sigmar Polke – naja.. eher nicht. Stanislav Lem – ganz unbedingt – ja. Slotterdijk – nö eher nicht. Gut, alles subjektiv.  Ernst Jandl – okey..war ganz anregend. Ann Cotton oder Monika Rinck.. puhhh..hochtoupierte Unvernünftelei.

Was bei Joseph Beuys noch als ein schreckgeleitetes Ersuchen und Erfragen eine echte Welt aufriss, das war bei Meese oder Schlingensief nur noch schale Geste.

Gut, das ist alles ganz subjektiv.

So subjektiv wie die schale Erwachsenheit jeglichen Künstlertums, das sein Kindlichsein verfehlt oder verrät an die mittelmässige Performance.

Dann befindet man sich im Tal des verbredeten Künstlertums. Hier verhandelt man seine schnellfertige Gebrauchsmelancholie, seine Heimwerkeraufmüpfigkeit, sein Abholkataloggriechentum oder den Herrenwitz irgendeiner Westentaschenerotik. Kurz gesagt: Man ist angekommen im Tal aller „kritischen Bewusstseine“ wo man sich mit anderen kritschen Bewusstseierein die Hände schüttelt und auf die unvernünftelnden Künstlerschultern klopft.

Und deshalb kann man heute so gut erkennen, was die Klasse von Dichtern wie Däubler/Rilke/Gressmann ausmacht im Vergleich mit dem Haarfestiger im Vokuhila einer aus zweiter Hand erworbenen Künstlermüpfigkeit.

Denn wer den Traum nur als losen Effektewert verkauft, der hat keine Träume. Denn er weiss ja immer schon genau, was er tut. Ein verabredeter Rausch kann nicht mehr rauschen. Dieses Räuschlein verkommt zum Rauschobjekt der unvernünftelnd Unberauschten auf dem Effektemarkt des Künstlertums.

Wer Phantasie bloß phantasiert, hat keine Phantasie.

Wer Poesie nur produziert, ist kein Poet.

Wer das Spielen nur spielt, der verfehlt den Ernst des wirklichen Fragens.

Wer bloß die Sprache redet, der spricht keine Welt.

Wer Theater „macht“ – der zerstoert das Theater.

Und wer das Unscharfe zum Prinzip verklärt, der verfehlt den Dionysos und läuft direkt in die Wüste seiner Künstlerlügen.

Viele waren vor einiger Zeit traurig bis verschnupft über das Verschwinden der Volksbühne in Berlin. Aber gerade dieser Lustigkeitspalast mit seinen letzten 20 bis 30 Jahren nichtkünstlerischen Künstlertums hatte den Theatergott Dionysos lange schon gründlich aus der Stadt vertrieben gehabt. Der längst wohlfeil gewordene weil nur noch verabredete Künstlerbockwurst-kartoffelsalatschiessmichweggestus hatte den Theatergott schon vor vielen Jahren aus der Stadt vergrault. Irgendwann musste er sich offenbar dafür revangieren.

Kaum etwas hatte meine Mitreisende in letzter Zeit mehr bestätigt, als der symbolisch doppelte Zusammensturz dieses Palastes alles nichtdionysischen Nichtkünstlertums – Volksbühne Berlin.

Ein asphaltierter Parkplatz dort wäre jetzt genau das richtige.

Danke, Dionysos, danke.

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