Eichenfrau und Glasmännlein

Muttersprache, Vaterland – oder: Die Sprache aus der Fremde holen?
(in Erinnerung an Chantal Akerman)

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„Warum ist die Welt da wo sie ist
und nicht 1 Meter weiter links?“

Sir Isaac Newton, Philosoph und Naturwissenschaftler

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„Wichtig ist, dass man nie aufhört zu fragen.“
Albert Einstein, Philosoph und Naturwissenschaftler

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„Hänschen klein, ging allein…..“
(Altes deutsches Volkslied)

Lange Zeit wurde Feuerwerk nur in der Drogerie verkauft. Der König des Jahres war für einen Jungen von 9 oder 10 Jahren der Feuerwerksdrogist, der Pharao, der Herrscher über die Pyramiden des 28. Dezember.
Wenn sich am achtundzwanzigsten Dezember morgens um acht Uhr die Türen, nein, die Tore der Drogerie zum Feuerwerksverkauf  eröffneten, dann war das, als würde man betreten ein kleines  Gizeh. Und die hinter dem Ladentisch die Drogerie beherrschten und bewachten, die Pharaonin und der Pharao  – sie hießen Margit und Peter Koslowski. Sie im Nylonkittel und er mit einer ehrfurchtgebietenden Lesebrille an einer Kette um den Hals.
Die ernstbunten Unverzichtalbernheiten auf den Verpackungen von Feuerwerkskörpern der VEB Silberhütte breiteten sich auf diesem Ladentisch aus: „, Fliegender Blitz, Goldsonne, Vulkan, Silberwirbel, Brummer, Salut, Tanzgeister, Filou, Knallkäfer, Harzer, Pfau… “ – für so manches Kind waren das die Namen der eigentlichen Hauptgeister der blaukalten kohledurchdampften Dezembernächte.
Nicht der Weihnachtsmann. An den Weihnachtsmann konnte man glauben oder nicht, aber Goldsonne, Silberwirbel, Brummer, bengalisches-Feuer und Knallkäfer waren real.

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Lange Zeit bin ich früh aufgestanden. Manchmal fielen mir die Worte dabei zu wie Augen und Gedanken. Sehr früh, in der Nacht um 3 Uhr mit Thermosflasche, Mütze und dicken Handschuhen war ein vorderer Platz zu erreichen in der geweihten Schlange vor dem Geschäft mit den Drogen. Zu erscheinen hatte dann der Vater oder der große über 16jährige Bruder vier Stunden später, und zwar bitteschön pünktlich, zum Kauf in der Schlange genau an dem Platz, den man schließlich 4 Stunden lang  frierend mit der Thermosflasche frei gehalten hatte. So waren die letzten Tage vor Silvester immer die Zeit der Ufos, silbersprühend, goldregnend, cromasomatisch funkelnd hineinblitzend zwischen die Jahre, in Rot, in Blau und in Grün.
Die Farben in den Leuchtkugeln, Metallverbindungen: Strontium für rot, Barium für Grün, Kupfer für Blau, Natrium für Gelb.; Magnesium und Eisen für den Funkenregen, für die Blitze, in Silber und in Gold. Schwefel, Kohle, Kalium, Nitrat für die Treibladungen. Nichts wäre heute verbotener als die Alchemisten des Mittelalters zu belächeln. Und nichts wäre falscher, als Pyrotechnik überflüssig zu finden oder verschwenderisch.

Platzende Plätzchen. In rot, in blau, in grün, in gelb, in Silber und in Gold. Fasziniert sind viele Kinder einmal vom F(r)euerwerk. Und mancher immer noch im Erwachsenenalter. Ob das Wort Pyro mit den Pyramiden  ethymologisch verwandt ist, wird heute verneint oder es bleibt unsicher. Ich wäre mir da auch nicht so sicher.

Die Farbenlehre der Ufos.

Und die Farbenlehre Goethes? Gefragt hatte jemand, was ich denn immer mit meiner Polemik zum „Gelehrsamkeitskitsch“ wolle. Auch dieses Blog hier würde doch nur so strotzen von Gelehrsamkeit. Und hat Goethe nicht so vieles vorweggenommen?

Nein. Hat er nicht.

Goethe ist immer egal. Man kann ihn lesen oder nicht, er ist egal.

Ich komme vom Goetheproblem nicht los.

Mein deutsches Naturell verstehen – dagegen ist Quantenphysik
ein Nachtisch für die Frühstückspause.

Der Songwriter Leonard Cohen hatte etwas Gutes geschrieben zum Unterschied zwischen einem nur gelesenen Text und einem nur gesungenen Songtext.
Neulich beim Blättern in einer Biografie waren wir darauf gestoßen.
Und hatte mit M. darüber gesprochen.

Lange schon wirkt in Deutschland, und vielleicht nicht nur hier, eine merkwürdige Trennung zwischen E- (wie Ernst oder klassische Musik, oder E wie die E-Lyrik, oder E-Literatur, die in Deutschland eigentlich keinen interessiert, außer irgendwelche Feuilletonisten) und U (wie Unterhaltung, Songwriter, Pop)

Das Komische ist, dass es in Deutschland manches gute U gibt, also Singer/Songwriter, Musiker –  aber im Bereich E wie Dichtung oder Philosophie seit Heidegger und Uwe Greßmann eigentlich nichts mehr.
Im Vergleich zu Adam Müller kann man auch die letzten 40 Jahre „Philosophie“ anheften im Leitzordner Schwachsinn. Ebenso die vielen Dichter-Imitate.

Vielleicht war Ligeti noch der letzte echte Künstlerphilosoph, der sich für Wissenschaft interessiert hatte, aber der kam ja schon wieder aus Ungarn.

Ins Grübeln waren wir darüber gekommen zum Unterschied von Gelehrsamkeit und Bildung. Und gerieten dabei unfreiwillig in so ein Magnetfeld, das uns nebenbei an einigen Vermutungsplaneten zum Thema „Deutsche Seele“ entlangtreiben lies. Einige Aufzeichnungen davon aus dem Logbuch.

Und in Deutschland wirkt lange schon  eine andere Vertrennung.
Es gibt hier zweierlei Arten von Dichtung – einmal die hohe, tief empfundene, tief gedachte, hymnische, strahlende Dichtung aus dem 19. jahrhundert bis zu Rilke und Däubler

(Theodor Däubler, eine Dichtergröße, den ich lange nicht auf dem Radarschirm hatte, kam letztens wie ein Ufo angeflogen. Er hat nicht nur ein kraftvolles Poem „Nordlicht“ geschrieben und einige großartige Gedichte, sondern auch eine Erzählung „Fliegende Lichter.“ – bei einer nächtlichen Kutschfahrt kommen plötzlich hinter der Kutsche und vor ihr her – „fliegende Lichter“ – , exakt so, wie man es von Spielberg und heutigen Berichten kennt. Dummerweise ist die Geschichte von Theodor Däubler aber 100 Jahre alt. Damals gab es das Wort Ufo noch nicht. Und sie spielt in Europa. Keine Ahnung woher Däubler dieses Motiv hat. Man kann „Fliegende Lichter“ hier nachlesen.)

– und dann gibt es in der deutschen Sprache den Funktionslyrik-Lyriker, oder den Gips-Dichter, das ist so eine Art Convenience- oder Abholkataloglyrik, die nicht stört, aber auch keinen interessiert – so in der mittleren Preisklasse Peter Hacks, Enzensberger, Monika Rinck, Jan Wagner, Grünbein etc…diese Abholkataloglyrik legt sich wie Mehltau auf das, was einmal Deutsche Dichtung genannt wurde. Es ist eine gut gemachte, teilweise ironische oder „geschickliche“ Lyrik, die aber im Vergleich mit originaler deutscher Dichtung immer sofort zu Staub zerfällt. (Gerade Theodor Däublers Dichtung wirkt hier wie ein großer Befreier im Vergleichsmoment) Der Grund hierfür ist simpel. Mit Abholkatalog-Lyrik kann man relativ schnell produzieren, und Gedichtbände oder Literaturhäuser füllen. Mit echter Dichtung nicht. Oder schon seit Jahren nicht mehr.
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Der elegante Nazi

In der Populärkultur kennt man mittlerweile einen allseits verbreiteten Mythos, der zwar immer wieder bemüht wird, aber nie wirklich befragt. Ich nenne ihn hier mal: Der elegante Nazi. Oder der gelehrte Nazi. Das ist eine Kulissenfigur. Er ist eine Ikone der Popkultur geworden. Der Nazi als Ästhet und Buch-Leser oder als Klavierspieler. Seinen Ausdruck hat dieser Mythos auch in vielen Filmen gefunden: Ein SS-Mann der höheren Charge ist dort manchmal ein Mozartliebhaber oder sogar ein Klavierspieler. Vielleicht ist er sogar polyglott und kann dabei auch Gedichte von Goethe aufsagen. Vielleicht sogar von Hölderlin. Darüber hat sich alle Welt immer gewundert. Und wenn man selbst Deutscher ist, wurde einem deswegen die eigene deutsche Kultur immer etwas verdorben. Oder anders gesagt: Man kann die Musik von Wagner oder Franz Liszt nicht mehr hören, ohne dass einem im Kleinhirn sofort  motorisierte Verbände, schwarze Uniformen, lange Ledermäntel,  Stukas und noch Schlimmeres um die Ohren fliegen.
Am Ende sogar Ufos. Es wirkte da auch ein untergründiges Pop-Phänomen in den Symboliken.  Auch das Gedicht „Mnemosyne“ von Hölderlin findet sich auf youtube mindestens einmal mit der Figur Adolf Hitler konotiert. Nun war das in letzter Zeit auch ein wenig sehr trä schick geworden, sich als Künstler zum Beispiel mit einem Hitlergruß zu präsentieren, so als ironisch augenzwinkerndes Markenemblem.
Hitler war Pop geworden. Aber die Fragen, die dahinter stehen, waren es nicht.

Wie kommt es, dass die Deutschen einerseits Größen der Dichtung, der Philosophie oder der Musik hervorgebracht haben, und andererseits so etwas wie Goethe und KZ’s?

Als Deutscher, wenn man sich mit der eigenen Dichtung und Kultur befasst, ist man innerlich immer irgendwo unfreiwillig  und notgedrungen der elegante Nazi, der kultivierte SS-Mann.

Man befindet sich seit über 60 Jahren in einem – wie Gregory Bateson – sagen würde – destruktiven Double-Bind – zur eigenen Heimat.

Oder – wenn man Heimat nicht mehr sagen möchte – im Double Bind zum deutschen Naturell. Ich denke, dass Naturell ein geeignetes Wort ist, irgendwo zwischen Kultur und Heimat.

Der Double-Bind ist eine der größten Entdeckungen von Gregory Bateson.
Den sollten sich alle Intellektuellen mal genau anschauen.
Kurz erklärt ist das eine Verhaltensstörung, die sich aus widersprechenden Verhaltenssignalen ergibt. (Beispiel: Kind muss Mutter lieben, Mutter liebt Kind, aber die Mutter schimpft dauernd mit ihm oder schlägt es sogar.) Bateson leitet daraus später eine (mögliche) lebensbeschädigende Verhaltensstörung ab, eine widersprechende Signallage, die nahe an der Schizophrenie liegt.

Übertragen heißt das: Man liebt seine deutsche Kultur, aber tief im Innern darf man es nicht – wegen der Nazis. Man darf „Heimat“ nicht einfordern, weil das mit Nazi verkoppelt ist. Oder anders gesagt: Man darf sein deutsches Naturell nur lieben, wenn man es nicht liebt. Das ist ein ganz klassischer Double-Bind nach Gregory Bateson.

Ein anderer Double-Bind wirkt im Feminismus. Der Feminismus ist klassisch ein linkes Projekt. Aber der Linke muss „bunte“ Kulturen akzeptieren, bei denen der Feminismus oder die  „Buntheit“ eher nicht gefragt ist oder keine große Rolle spielt.
Nun war der Feminismus, wenn er zur „facettenreichen“ Philosophie aufgeblasen wurde, immer schon Schwachsinn, während die Emanzipation der Frau und Frauenrechte natürlich kein Schwachsinn war.
Ich darf einem Gefühl der plötzlichen Überfremdung keinen Ausdruck verleihen, weil ich dann ein Nazi bin, und so weiter. Double-Bind.

All diese Verklemmungen kommen vom Rechts/Links-Denken. Auch die Sprachregelung
„rechts“ und „links“ wird nicht hinterfragt.

Dabei definiert sich persönliches Leben aber auch Geschichte eher in einem Modus von Vorher/Nachher. Zum Beispiel vor 1789/nach 1789 / vor 1945/nach 1945. Oder vor 1968/nach 1968. Vor dem ersten Kuss, nach dem ersten Kuss.

Zugleich soll man  – als unfreiwillig eleganter Nazi – aber gastfreundlich sein. Man kann aber nur dann auf eine souveräne Art gastfreundlich sein, wenn man die eigenen Heimat, in diesem Falle Deutschland und die deutsche Kultur, das deutsche Naturell, vorbehaltlos lieben darf.

Eine gelungene Gastfreundschaft verlangt, dass der Gastgeber sein eigenes Haus vorbehaltlos (liebevoll) benennen oder aufzeigen kann.
Wenn aber der Gastgeber seine eigene Heimat nur lieben kann, wenn er sie nicht lieben darf, weil Heimatliebe Nazi ist, dann kommt es zu Verklemmungen und Verspannungen.
Es kommt zum Double-Bind. Und es wäre auch albern, zu behaupten, es gäbe keine deutsche Kultur. Da muss man noch nicht mal argumentieren. Man kann es ja auch Naturell nennen.

Wer selbst keine eigene geliebte Heimat hat, wer nicht auf eine „natürliche“ Art in seinem eigenen Naturell zu Hause sein darf, der kann auch nicht auf eine souveräne Art und Weise Besuchern gegenüber gastfreundlich sein und ihnen auf souveräne Art und Weise das  Haus öffnen – so nach dem Motto: Hier ist mein geliebtes Deutsches. Meine Heimat. Mein Naturell. Ich wohne hier, ich bin weltoffen und begrüße gerne alle Besucher und Reisenden. Hier ist der Stuhl, hier ist der Tisch, hier ist das Essen und Trinken, da ist ein Schlaflager, da ist das Fenster, und es gibt auch eine Tür, die wir beide gut kennen.

Souveräne Gastfreundschaft setzt voraus, dass der Gastgeber sein eigenes Haus liebt und lieben darf.  Tut er das nicht, dann kann er auch kein souveräner Gastgeber sein. Er weiß dann  gar nicht, wo, wem und wie er eine Tür öffnen kann.

Besuch zu bekommen hat manchmal auch den Effekt, dass man gezwungen wird, über sein eigenes Naturell, die eigene Heimat tiefer nachzudenken. Insofern gibt der „andere“ Besucher einen Anstoß dazu. Deshalb lasse ich hier einmal die Kulissenfigur „Eleganter SS-Mann“ durch einige Überlegungen laufen.

Eine große Frage ist, ob die Deutschen selbst, in ihrer Heimat, in ihrem ureigenen Naturell auf eine souveräne Art wirklich jemals zu Hause gewesen sind.

Gesetzt den Fall, es gäbe einen Naturgermanen, dann ist klar, dass dieser Naturgermane kein feiner eleganter Ästhet sein kann. Er kennt in seiner Hütte, die er mit den Tieren teilt, kein Klavier und die 12-Ton-Musik auch nicht. Während der elegante Nazi, durch römische Zivilisation geschult, natürlich „ästhetische“ Erziehung genossen hat.

Deutsch ist ein Naturell, eine Art zu denken, zu leben, zu sprechen. Und ich vermute, dass auch dieses Problem sich wieder einmal an der Sprache festmachen lässt. Denn die Deutschen gelten nun mal als das Volk der Dichter und Denker.

Gut möglich, dass all das irgendwo schon einmal gedacht wurde, dann wird es hier eben wiederholt. Es wird ja so viel wiederholt überall. Es wird ja ständig immer nur wiederholt. Auch, in letzter Zeit, eine gewisse Unsicherheit zum Thema Fremdes und Deutsches. Und was hat es eigentlich auf sich mit der weiblichen Muttersprache und dem männlichen Vaterland? Außerdem wird in den Medien viel über Sprachregelungen gesprochen.

Der elegante Nazi fragt sich: Ist das „deutsche Naturell“ ein Konstrukt, das so nicht existiert?  Ich denke, das Problem läuft auf dem Limes zwischen Goethe und Hölderlin/Kleist/Däubler

Dabei sucht der elegante Nazi oder der kultivierte SS-Mann hier nicht nach einer Art Deutschtümelei; er sucht auch nicht nach einem Bauerndeutsch oder etwa nach einem „Zurück zur Natur“ –  nicht nach einem „Zurück zur deutschen Muttersprache ohne römisches Latein“ Ganz und gar nicht. Der elegante Nazi oder der kultivierte SS-Mann haben dem Latein ja sehr viel zu verdanken, zum Beispiel die zivilisatorische Eleganz, das Essen mit Messer und Gabel und einiges an römischer Staatsform.

Insofern muss der elegante Nazi sich eingestehen, dass sein Konzept „Reines Germanentum“ nur zu haben wäre unter Aufgabe aller Errungenschaften an römisch initiierter Zivilisation.

Der elegante Nazi muss sich sogar eingestehen: Es gibt ja keine „reine“ Sprache.
Deshalb gibt es auch kein „reines“ Deutschtum. Überhaupt wäre es naiv, von einer „reinen“ deutschen Sprache zu reden. Das betrifft auch die Sprache als Mischform.
Die deutsche Sprache ist selbst das Ergebnis einer langen historischen Bewegungs- und Mischgeschichte, die tief tief in die Zeit zurückreicht. Also hat der kultivierte SS-Mann ein kleines Problem. Er könnte „reines Germanentum“ nur behaupten, wenn er die Zeit zurückdreht. Das kann er nicht.

Trotzdem wäre es naiv zu behaupten, dass die letzten zweitausend Jahre Geschichte
eine bestimmte Grundprägung als sprachliche Hintergrundstrahlung oder eine kosmogenetische Eingewurzeltheit absolut überschrieben haben.
Man kann bei jeder Sprache eine Hintergrundstrahlung photografieren, die auf die Herkunft der Sprache verweist. Und bei den Deutschen ist das nun einmal  –  Oh, oh…  Klisché – es ist der deutsche Wald.

Der elegante SS-Mann überlegt: Niemand kann heute genau sagen, wieviel von dem Mythos der Deutschen als Waldvolk instrumentalisierte oder romantisierende Kachelmalerei ist, wieviel davon fremdgebasteltes Identitätsmuster und wieviel Richtiges daran ist.
Aber manchmal und über eine sehr lange Zeit werden bestimmte Klischés so verbindlich, dass sie mehr als nur falsch oder richtig sind. Sie werden wahr. Sie werden zur eingeprägten Prägung. Man kann ja für „Wald“ auch  „das Wachsende“ oder die Bäume oder ziehende und schiebende Landschaft einsetzten. Oder eben Natur. (Naturell) Es wird oft vergessen, dass sich die Christianisierung in den slawischen und ostelbisch-germanischen Gebieten lange – bis ins 8. und 10. Jahrhundert hinein – hingezogen hat. Oh, schon wieder ein Minuspunkt für den eleganten und römisch zivilisierten SS-Mann. Er muss zugeben, das ein großer Teil seines Germaniens immer auch slawisch besiedelt war.

Das Merkwürdige an einem Wald ist aber nun, dass er ebenso tiefdunkle als auch gelichtete Bereiche aufweist, den Wald und die Lichtungen. Jedenfalls kommen große kosmogenetische Anteile der deutschen Sprache nicht aus der römisch-lateinischen Zivilisation.

Das wäre jetzt wieder ein Minuspunkt für den eleganten und kulturliebhabenden Nazi.

Gregory Bateson steht ihm mit seiner Double-Bind-Theorie bei.

Es wird auch überliefert, dass die Germanen früher im Wald selbst einige Stellen kannten, vor denen sie enormen Respekt hatten. Außerdem: Der Thing-Baum oder die Linde hat nun mal eine Bedeutung bei den Germanen gehabt. Soviel ist sicher.

Das ist jetzt wieder ein Minuspunkt für den eleganten und römisch kultivierten Ästhetik-Nazi. Denn mit Bäumen und Wald möchte er selbst eigentlich nicht so viel zu tun haben. Dem eleganten SS-Mann schwebt ja eher ein Germania im römischen Stil vor, also mit riesigen Marmorpalästen und einer befestigten Siegesstraße – so wie das römische Reich sie einst hatte.
Man sieht also, dass zivilisatorische Eleganz und echtes Natur-Germanentum in einen performativen Selbstwiderspruch geraten.
Mal ganz davon abgesehen, dass „die Germanen“ auch ein Konstrukt sind aus vielen verschiedenen Stämmen.
Es hat sie als einheitliches „Volk“ lange Zeit gar nicht gegeben. Und eine echte Schriftsprache hatte er lange Zeit auch nicht.

Und man sieht hier, dass schon der elegante SS-Mann als Kulissenfigur, auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt, ein perfekter SS-Mann zu sein, in einem Double-Bind nach Gregory Bateson steckt.

Er möchte doch ein echter Germane sein, aber er darf es nicht, weil dafür sind seine Straßen und seine Gebäude zu sehr aus römischem Stein gebaut. Sie haben zu hohe Säle. Deshalb lasse ich den eleganten SS-Mann hier in seinem Double-Bind auf seiner römischen Straße stehen und begebe mich auf eine Suche.

Es geht um eine Suche. Hänschen klein. Wald hinein.

Der frühe deutsche Philosoph und Mystiker Jakob Böhme, der auch Novalis beeinflusst hat, schreibt:

„Die Finsternis ist die größte Feindschaft des Lichts, und ist doch Ursache, dass das Licht offenbar werde.“ – auch das ist für mich deutsches Naturell.
Es erinnert mich an den dunklen Wald, der hier und da, gelegentlich eine Lichtung zeigt.
Vom Schwarzen Körper der Physik noch gar nicht zu reden.

Mancher Deutsche, nicht jeder, fühlt sich in schummrigen kerzenbeleuchteten Räumen wohler als zum Beispiel in einer Restauration, die mit dem allergrellsten Neonlicht ausgeleuchtet ist. In südlichen Ländern findet man ein geradezu verschwenderischen Umgang mit grellstem Neonlicht.
Der Deutsche, mancher Deutsche, braucht es „gemütlich“ – grellstes Neonlicht in einer Restauration, wie man es zum Beispiel in Portugal oder auf Kreta erleben kann, ist nicht Sache des deutschen Gemüts. Beim Deutschen muss das Licht funkeln oder schimmern. Es darf einen nicht anbellen. Aber gerade dieses Funkeln gibt dem Licht die Schärfe, das Hervorpieksende, das Spitze, den Fokus. Auch ein Brilliant funkelt nur wirklich gut, wenn er vor dunklem Grund präsentiert wird

So hat es auch in Newtons prismatischen Farbenkeller aus dem Dunklen herausgefunkelt. Im Dunkeln ist gut Funkeln.

Newton – den Goethe so gehasst hat. Warum hat Goethe Newton so gehasst?

Ärgert mich Goethe immernoch? Nein, nicht der Mensch Goethe, aber die Rezeption. Weil Goethe mittlerweile bei mir für all das steht, was einem die deutsche Kultur verleiden kann. Nietzsche nannte es das Bildungsphillistertum. Aber Goethe hat er verehrt und davon ausgenommen. Was aber falsch war. Und Nietzsche selbst war leider auch ein Bildungsphillister. Aber ich würde das Wort hier ersetzen mit dem Wort „Aus-wendig-Kenner“. Wenn jemand etwas auswendig gelernt hat und auswendig aufsagen kann, dann ist es nicht mehr in-wendig.

Goethe war der gelehrsame Auswendigkenner , der alles wusste und alles auswendig aufsagen konnte, aber er war kein Sucher. Goethe hat alles untersucht, aber er suchte nichts.  Er fand alles interessant, aber ihn interessierte nichts. Goethe war sein ganzes Leben lang immer satt. Er hatte öfter Sodbrennen, aber er hatte keinen Hunger.
Seine Schriften sind umfangreich aber letztlich ein einziges Schweigen. Goethe gibt das erstaunliche Beispiel eines Gelehrten, der alles wusste, aber nichts verstand; eines Forschers, der alles anfasste, aber nichts begriff; der alles beschrieb und beredete, aber nichts sagte. Goethe war jederzeit „vorbildlich“ – aber er hatte keine Bildung.
Er kannte alle Versmaße, aber er dichtete nichts.  Ihm war nichts wichtig.  Sein Faust hat von Anfang an gar keine Seele, die er dem Mephisto vermachen könnte. Das Stück ist Makulatur. Und da hilft auch das „Vorspiel auf dem Theater“ nichts.

Sicher, Goethe konnte dieses oder jenes aus der Physik noch nicht wissen. Aber Kleist konnte auch dieses oder jenes noch nicht wissen. Und Theodor Däubler auch nicht. Und Adam Müller auch nicht.

Aber warum haben die Deutschen Adam Müller oder Kleist gegen Goethe verraten?

Warum haben die Deutschen einen Gelehrsamkeitsstreber zu ihrem Nationaldichter erklärt? Weil er mehr Schriftstaub produziert hat? Weil er ein Rom- und Italienreisender war? Warum hat man von Theodor Däubler so gut wie nichts gehört, dafür alles von Goethe?

Goethe ist das große Potemkinsche Dorf der deutschen Geistesgeschichte. Seine Farbenlehre ist umfangreich, gelehrsam beobachtet, ja geradezu beflissen vollständig, sogar „die Alchemie ist irgendwie mit drin“ – aber sie ist nicht alchemistisch. Sie ist ohne Funkeln. Und deshalb ist sie eben falsch.

Goethe hat „Alchemie be – schrieben“, aber er selbst war kein Alchemist.

Newton war ein Alchemist.

Goethe konnte nie funkeln oder sprühen, immer nur „wissen“. Vielleicht hatte er ein oder zwei kreative Momente, danach war alles ein einziges „Vorbildlich sein“ – jenseits von Bildung. Damit gibt er das Vorbild für einen Typus des „vorbildlichen“ intellektuellen von heute, nur mit dem Unterschied, dass der Vorbildintellektuelle heute auch kein Gelehrter mehr ist, sondern nur noch ein Surfer auf Diskurswellen.

Goethes Alchemie, seine Forschungen, all das war für ihn nur „Stoff“, aber es war ihm kein Faden. Sein Faust war ihm Stoff, aber er war ihm kein Faden. Er kannte alle „Stoffe“, aber er webte kein Faden. Seine sterbenslangweiligen Aufzählungen, seine Alleskennerei und Gelehrsamkeiten waren ihm Stoff, aber sie waren kein Faden.

Ach, Johann Wolfgang, ausgerechnet gegen den großen Newton…..ausgerechnet gegen Kleist.

Goethe ist der Prototyp des Intellektuellen, dem alles immer nur Stoff ist, aber kein Faden. Er gibt das „Vorbild“ des deutschen Diskursstrebers, der bei Bedarf immer die „richtigen“ Versatzstücke von verschlagworteten Paraphrasen liefert. Und die konnte auch Goehte alle auswendig aufsagen wie ein Aufsageautomat.

Das sind dann immer die Allesrichtigwisser, die alles „richtig“ abbilden, alles  befummeln, alles wissen aber nichts begreifen und von nichts berührt sind. In den Kunst-Akademien, in den Salons, in den Literaturjuries, den Redaktionen, den Humboldtforen und den Poetikdozenturen kann man sie finden, die Verwalter und Funktionäre eines „Geistes“ – den sie selbst nicht haben, der nie an ihre Tür geklopft hat.

Und sie fanden sich auch als Goethefans oder Mozartliebhaber in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wieder. Die eleganten Nazis.
Vielleicht ist das ein Klisché, vielleicht auch nicht. Ich war nicht dabei.

Über dieses mein Kulturvolk der Dichter und Denker hat sich alle Welt immer schwer gewundert. Welches Rätsel steckt dahinter? Ist es der Double-Bind nach Gregory Bateon?

Manchmal wurde gesagt, in der Dichtung wirkten eben Temperamente.
Das Temperament Goethe und das Temperament Hölderlin.
Das stimmt aber nicht. Weil gerade die Dichtung als Genre die Eigenschaft hat, den Autorendarsteller vom wirklichen Dichter zu trennen. In der deutschen Dichtung gibt es keine Temperamente, nur Dichter oder kein Dichter.

Das ist ja das besondere und extrem Anspruchsvolle an der Dichtung, wenn sie auf Deutsch geschrieben ist. Man kann sich in ihr nicht verstecken. Temperamente gibt es im Lied, auch im Song oder in der Musik. In der Dichtung nicht. Und diese Besonderheit im Deutschen lässt auch neben den wenigen echten Dichtern die vielen Dichter-Imitate entstehen.

Wie war das gekommen?

Warum gibt es im Deutschen einerseits die hohe strahlende Dichtung, Musik und Kultur wie Novalis, Hölderlin, Beethoven, Wilhelm Müller, Wolfram von Eschenbach, Kleist, Däubler, Uwe Greßmann, Yvan Goll  – und auf der anderen Seite den erstickenden Mehltau einer bloß primanerhaften Simulation von „Literaturgeschicklichkeit“, bestenfalls eine taube Diskurs-Geschicklichkeit  a la  Goethe, Peter Hacks, Juli Zeh, Monika Rinck, Grünbein, ..etc?

Man kann auch anders fragen: Warum gibt es Hölderlin, und warum die vielen Hölderlinpreisträger?

Ein Mehltau, der sich auf die Pflanze von Denken und Dichtung legt. Tatsächlich hat sich die Pflanze Dichtung in Deutschland immer auch jede Menge Mehltau eingefangen.

Ich glaube, es wirkt in der deutschen Kultur ein Komplex, der jede Menge Diskursgelehrsamkeit oder Zeitgeist oder „Geschicklichkeit“ produzieren und konsumieren kann, und dabei selbst völlig unberührt bleibt. Und deshalb ungraziös. Genau dafür steht für mich Goethe. Seine Texte sind ungraziös. Gelehrsamkeitskisch ist immer ungraziös, während Bildung immer Grazie hat.

Das Nichtberührtsein vom Vers der eigenen Sprache. Das Nicht-In-Wendig-Sein. (Innig)

Er konnte seinen falschen Faust nur schreiben, in dem er Adam Müller und Kleist kaputtverpfuschte und wegstümperte. Adam Müller war graziös. Kleist war graziös.
Goethe war es nicht.

Adam Müller hatte es ja noch so formuliert: „Denn
ihr liebt nur, was ihr mit Eurem eigenen größeren oder kleineren Kunstvermögen erzeugt habt…“ Adam Müllers Text spricht von einem Faust, der liebt, was er tut.

Ein solcher Faust war Sir Isaac Newton. Und ausgerechnet den hat Goethe gehasst.

Goethe aber macht seinen Faust dumm und einfältig, weil er selbst nichts geliebt hat. Und diesen lieblosen Faust lässt er dann durch sein ganzes Stück torkeln.

Nur ein von Anfang an seelenloser Faust, kann so etwas sagen wie: „Habe nun ach, bin so klug als wie zuvor.“ Goethes Faust ist von Anfang an seelenlos. Und da hilft auch das „Vorspiel auf dem Theater“ nichts.

Newton sagt: „Ich kann nur deshalb so weit sehen, weil ich auf den Schultern von Giganten stehe.“

Wo sind diese Giganten im Faust von Goethe?

Im Deutschen hat es Größen der Dichtung gegeben, aber daneben immer auch einen bestimmten Typus des gelehrsamen Papp-Dichters, der sich nach Marmor sehnt, aber immer nur Gips produziert –  von denen Goethe der erste war.
Der seine Rhythmik, seine Allegorien, seine Variationen beherrscht, ja sogar immer einen hübschen Anblick der Metapher liefert, der sich oft und gern auch an die Antike anlehnt. Und der mit viel Wissen und Bescheidwissen klappert. Der aber ohne Faden bleibt.

Dieser Typus beginnt mit Goethe und kleckert seinen Gips durch alle Zeiten.

Dabei gibt sich der Pappdichter immer auch munter, oder er gibt sich engagiert – Oder er gibt sich streitbar. Oder er gibt sich „zeitgemäß“ Er kann jederzeit die anliegenden Themen oder Diskurse bedienen oder antizipieren. Außerdem gibt er sich formal oder sprachlich „vorbildlich“ – oder virtuos.

Aber „Vorbildlichkeit“ ist nicht Bildung.

Und Virtuosität ist nicht Musik.

Manchmal erzeugt der Pappdichter auch Debatten oder Skandale
oder schreibt „Streitschriften“ also er tut alles, um „im Gespräch“  zu sein.

Aber er selbst spricht nichts.

Außerdem baut man jederzeit Fremdwissen und Fremdzitate in die Texte, um sich einen Personalausweis von „Belesenheit“ auszustellen. Man stopft auch immer alle Namen in die Bücher, damit er für die Zukunft abgesichert ist. So nach dem Motto: Taucht der Name auf, dann wurde er auch bedacht und gelesen.
Daher kommt bei Goethe diese  Vielfalt an „Wissensstoff“ im 2. Teil des Faust.
Goethe gehört auch schon zu den beflissenen Vorzeigern von Bildungspräziosen.
Es geht aber gar nicht darum, alles „fleißig aus–wendig“ zu kennen. Es geht um Fragezeichen, innere Fragezeichen und um das Denken, das da wirkt, weil es untergründig einem Dehnen oder Sehnen folgt. Einem Fragen.

Oder der Pappdichter agiert „geheimnisvoll raunend“

Balthasar Gracian schreibt: „Bei Allem lasse man etwas Geheimnisvolles durchblicken und errege, durch seine Verschlossenheit selbst, Ehrfurcht. Sogar, wo man sich herausläßt, vermeide man plan zu sein; eben wie man auch im Umgang sein Inneres nicht Jedem aufschließen darf. Behutsames Schweigen ist das Heiligthum der Klugheit.“

Aus dieser Anweisung von Gracian haben die Pappdichter heute eine leere Geste gemacht. Man tue geheimnisvoll, man raune vielsagend – man schreibe anspielungsreich – man bastle sich ein sphinxhafte Undurchschaubarkeit oder Vieldeutigkeit in den Text – und schon wird man ehrfurchtsvoll als besonders klug erachtet.

Botho Strauß bedient diese Masche seit langem und noch einige andere auch…

Einen drittklassigen deutschen Literaten oder Lyriker erkennt man in Deutschland seit 40 Jahren immer an dem Attribut „geheimnisvoll“ oder an Attributen wie „schwebend dunkel“ oder an dem Attribut „vielsagende Verweisbezüge“ oder an „tastend versuchend“ oder an dem Attribut „souverän virtuos“ u.s.w.
Das ist das Praktische am Lesen von Literaturkritiken heute: Man muss die Bücher selbst nicht mehr lesen, wenn solche Attribute in den Besprechungen auftauchen.

Schaut man hinter diese leere Geste, dann findet sich Pressglass, Pappe, Plastik, Stopfmüll aus Namedropping, Zeitgeist, Distinktionsbedürfnis oder Gelehrsamkeitskitsch – der als Dress übergestreift wird.

Nur Fragen oder Gedanken, die hat der deutsche Gipsdichter nicht.

Das „Geheimnisvolle“ oder das „Raunen“ oder die „schwarze Romantik“ mit samt der ihr angeschlossenen schwarzen Phantastik, die sowohl britisch als auch deutsch verfolgt wurde, war einmal ein Genre, das der Forschung und dem inneren Fragen diente.

Ebenso das „Unheimliche“. Aber es wurde nicht des „Effekts“ wegen erfunden. Das Raunende oder Geheimnisvolle in all diesen Texten war ein Versenken gewesen in die kosmopsychologischen Gründe des Schwarzen Körpers.

Goethe ist der Typ, der egal ist.
Man kann ihn lesen oder nicht, er bleibt egal.
Goethe ist „immer vorbildlich“

Er wollte glänzen.

Wer immer nur so glänzen will, der verliert sein Funkeln.

Und genau deshalb kann kein gesunder Jugendlicher in der Schule mit Goethe etwas anfangen. Und nein, es liegt nicht an den Lehrern. Es liegt am „Lehrstoff“ Denn Goethe war der Erfinder von Dichtung als „Lehrstoff“ ohne Faden.

Bei Kleist ist das nie so – da gibt’s kein egal – aber es gibt einen Faden.
Bei Hölderlin auch – ebenfalls bei Novalis.
Und in Theodor Däublers „Nordlicht“ fliegt einem ja gleich mal alles um die Ohren.

Wer als 13jähriger oder 14jähriger Mensch sich ernsthaft wirklich für einen Text von Goethe begeistert, dem muss dringend geholfen werden, man muss ihn auf den rechten Weg zurückführen mit einem Lied von AC/DC oder von Rainald Grebe.
Und auch das hat nichts mit Pubertät zu tun. Reife oder Unreife haben nichts mit
dem Alter zu tun.

Ich bin nicht erfreut über meine deutsche Kultur, die ich ja nicht anders können kann als lieben muss, und die mir permanent verdorben wurde.
Sie wurde mir durch die KZ’s und durch die KZ-Erzählungen verdorben, aber auch von den Gipsdichtern nach Goethe.

Dabei geht es garnicht gegen Goethe als mittelmäßigen Schriftsteller und Gelehrsamkeitsaufsager. Er ruhe in Frieden. Es geht um die falsche Goetheüberbetonung und um die schlimmen Konsequenzen, die daraus folgten. Ich fühle mich über Goethe belogen. Dafür kann Goethe als Mensch nichts, aber Ich bin darüber schon seit geraumer Zeit not amused. Und ich fühle mich auch über Novalis und Hölderlin belogen von all den Novalisgutfindern und den Hölderlinpreisträgern.

Die Deutschen haben die Angewohnheit, wenn jemand irgendwann von sich selber sagt, dass er nur Mittelmaß produziert hat, so wie Goethe zu Eckermann, es dem Geständigen als besonderes Anzeichen von Größe auszulegen, nach dem Motto: Wer von sich selber so etwas sagt, der muss ein ganz besonders bescheidener und deshalb wirklich großer Dichter sein.

Nein, eben nicht. Umgekehrt, wenn jemand, der ja nicht ganz blöd ist, so ein Geständnis im Hinblick auf sein gesamtes Lebenswerk ablegt, dann bedauert man ihn, man glaubt’s ihm, und führt ihn sacht am Oberarm gefasst aus dem Raum der Geistesgeschichte hinaus. Was natürlich nicht heißt, dass jeder Größenwahnsinnige automatisch dort hineingehört.

Das trifft auch auf Nietzsche zu. Er war kein Dichter, er hat es sich eingestanden, und damit ist es gut. Man müsste auch einem Goethe oder einem Nietzsche nichts nachtragen. Aber weil sie immernoch als „Größen“ im Raum stehen, pflanzt sich gescheitertes Mittelmaß fort bis zu Hitler und in den Nationalsozialismus hinein, der eine besondere Variante des geistigen Mittelmaßes war. Und darüber hinaus bis in heutige Schöngeistigkeits-Akademien und Feuilletons. Und Enzensberger hat das Mittelmaß irgendwann schon einmal zum Prinzip erhoben. Aber anstatt von Bildung zu sprechen, faselt er was von Lebensstandart. Na vielen Dank dafür auch. Die Menschheit lebt ja geradezu davon, dass Newton ein mittelmäßiger Typ war.

Goethe bleibt ein Irrtum. Und auch die Anthroposophen, die sich auf Goethe beziehen, sind nur über den Umweg von Beuys zu ertragen, sonst nicht. Hätte sich Beuys noch tiefer mit Schriftgeschichte befasst, wäre auch ihm der Goethe-Kitsch irgendwann aufgestoßen. Ich kann den Goethekitsch nicht mehr weglächeln. Dieser Irrtum steht für ein intellektuelles Scheitern und Versagen, das im 20igsten Jahrhundert seinen traurigen deutschen Höhepunkt erreicht hatte. Und Thomas Mann mit einem großen Teil seiner Schreiberei steht für den ganzen vermufften Nietzsche- und Stefan-George-Komplex aus Ästhetizismus, Pseudo-Künstlertum und Konservatismus.

Warum haben die Deutschen so ein Problem mit ihrem Deutschtum?
Mit ihrer Heimat? Mit ihrem Naturell? Ich behaupte, der Deutsche weiß nicht, wo er hingehört – in den Wald oder ins Römisch-Zivilisatorische

Darin liegt der Grund, warum es  in Deutschland immer ein besonders schmerzhafter Riss wirkte zwischen „Gelehrsamkeit“ und Bildung.

Und es gibt eine sehr merkwürdige Trennung von Muttersprache und
Vaterland.

Lange Zeit musste der Deutsche alles, was „gelehrsam“ war, aus dem Latein importieren. Seine wirksamen gesellschaftlichen Erzählungen sind römisch-lateinisch, aber nicht deutsch.

Deshalb hat der Deutsche kein selbstverständliches, kein organisch eingefügtes, muttersprachverbundenes Verhältnis zur Bildung.

Der Germane musste, wenn er „gesellschaftlich aufsteigen“ wollte, immer seine seelischen Bäume verleugnen. Er musste seine Blätter und das Grün abschütteln und seine -Birkenfrauen vergessen.

Die Römer hinter dem Limes waren ja nicht einfach nur germanenfeindlich gewesen.
Im Gegenteil. Sie fanden an den Germanen einiges respektabel und boten den Germanen die Möglichkeit des „gesellschaftlichen Aufstiegs“ an.
Aber um den Preis, dass er seinen Wald, seine Heimat, seine innere Landschaft aufzugeben hatte. Auch ein Germane konnte im Römischen „Gelehrsamkeit“ erlangen und über den Umweg der Legion auch „gesellschaftlich aufsteigen“ –  aber dafür musst er seine Sprache verleugnen und seinen Wald möglichst tief verdrängen.

Genau deshalb wirkt im Deutschen eine besondere Verbindung aus „liebloser Gelehrsamkeit“  mit Heimatlosigkeit.

War es das, was Hölderlin meinte, als er schrieb: ..“und haben die Sprache in der Fremde verloren.“ ?

Das Lateinische oder die Gelehrsamkeit, ist beim Germanen immer damit verbunden, ein Stück (mutter-)sprachlicher Heimat oder Verwurzelung zu verdrängen oder zu verlieren.

Deshalb ist der ganze Goethe schon mehr oder weniger ein Mix aus lateinischer Gelehrsamkeit. Dort, wo er philosophierte oder aphoristisch war, ist alles lateinische Kompliation. Es ist Stein, aber nicht Baum.

Gerade der Deutsche ist besonders anfällig für „Gelehrsamkeit“ – für „Stoffe“ ohne Faden, die eben nicht Bildung ist. Was dieser Gelehrtentyp dann in die Finger kriegt, das wird ihm sofort zum „Stoff“,  – bei abgeschnittenem Faden.

Manchmal wird der Faden absichtlich durchtrennt, damit man als origineller Literat irgendeinen huebschen Text absondern kann, oder der durchtrennte Faden wird sogar zum Prinzip erklärt und gelobt.

Man müsste bis zu Hildegard von Bingen oder  bis zu Jakob Böhme zurückgehen, um ein halbwegs deutsches und organisches, das heißt -organisch eingefügtes Verhältnis zur Bildung zu finden, durchschimmernd durch die Folie des Christentums.

Gelehrsamkeit ist im Deutschen oft lieblos. Bildung nicht.
Wagner hatte auch noch Bildung.

„Die Seele ist ein weites Land.“ (Arthur Schnitzler)

Und weil der Deutsche diese Erfahrung lange machen musste, dass Gelehrsamkeit immer mit einem Fremden/Lateinischen aber zugleich auch mit „gesellschaftlichem Aufstieg“ verbunden ist – genau deshalb gibt es im Literatur-Deutschen diese besonders schlechte Form der Unterwürfigkeit gegenüber dem Fremden auf der einen Seite:

Das heißt, der Diskurs-Deutsche ist prinzipiell bereit, seinen seelischen Wald zu verleugnen, wenn er dafür den gesellschaftlichen Aufstieg in die lateinische „Gelehrsamkeit“ bekommt: (lateinisch als Bildungssprache oder Französisch als Etikette und höfische Form)

Was früher das Latein war, ist heute das Argot oder Rotwelsch der Diskurse.
Man erkennt einen Systemtheoretiker nicht an Inhalten, aber an seiner codifizierten Sprache.
Man erkennt einen beflissenen Diskursprimaner, ob er sich nun Popkritiker nennt oder einen philosophischen Schriftsteller, nicht an Gedanken, man erkennt ihn an seiner codifizierten Sprache. Man erkennt einen neudeutschen Lyriker nicht am Denken, oder an wirklichen Gedichten, aber an seiner codifizierten Sprache und vielen Literaturpreisen.

Besonders merkwürdige Beispiele in Deutschland waren immer die Derrida, – oder Deleuze-Intellektuellen. Sie waren nie in der Lage, das Französische oder das mental Sprach-Andere ganz normal zur Kenntnis zu nehmen, zu beschnuppern und auf eine entspannte Art entweder einzubauen oder auf eine entspannte Art einfach außen vor zu lassen. Derrida redet etwas davon, dass wir alle Fliegen im Text-Honig sind, und das ist jetzt der neueste Schrei.  Der deutsche Diskurs-Intellektuelle, muss alles, was von außen kommt, aus Frankreich oder von sonstwo immer zur neuesten Mode erklären, anstatt, wie es normal wäre, das „Andere“ als  Beitrag zu behandeln, den man entspannt in den eigenen muttersprachlichen Kontext einbaut oder eben auch bei Seite lässt. Typisches Beispiel auch Grünbein. Er zieht sich Descartes als  T-Shirt über, auf dem „Wissenschaft und Kunst“ draufsteht.  Und noch dazu „in Deutschland.“ Das peinliche Französeln des intellektuell sowie dichterisch gescheiterten Kataloghauslyrikers, der einmal in seinen frühen Jahren von Heiner Müller gelobt wurde, steht für die Flucht vieler ursprünglich begabter Talente  aus der eigenen Muttersprache hinein in die angeborgte „Eleganz“  – die ihnen immer wie eine zu große Hose um die Schenkel schlottert.
Dabei wissen sie nicht, was wahre Eleganz ist.
So haben sie  die Grazie der eigenen Sprache verloren. Die Grazie der Seele. Übrig bleibt dann der ungraziöse Gips-Lyriker, jenseits der Grazie zum Beispiel eines Theodor Däublers. Und dann stolpert man plump und ungraziös mit seiner Mondlyrik weiter. Novalis wird herabgewürdigt zum Mode-Accessoire von desinteressierten Literaturhauszombis und intellektuellen Gehirnprovinzlern.
Oder auch Botho Strauß: Faselt was von Odysseus und Antike und fertig ist der Bocksgesang.

So gibt es im Deutschen seit 40 Jahren nur noch den T-Shirt-Intellektuellen,
die sich Paraphrasen und Versatzstücke aus dem Kleiderschrank zieht, und morgen
darf es dann schon wieder etwas Neues sein. Gerne werden auch „große Namen“ der Wissenschaft und Kunst als Stopfmaterial für das Diskurskissen verwendet, von Novalis bis Heisenberg, von Hölderlin bist Freud. Von Heidegger bis Benjamin. Weil es hübsch aussieht. Und dann endet man als  Käsehäppchenesser im nichtssagenden Kitsch der Literaturhäuser und gibt Salonparaphrasen von sich. Aber was hat Benjamin denn nun eigentlich gesagt oder gedacht? Interessiert nicht. Hauptsache Mode.

Und wenn Theodor Däubler wieder a la Mode ist, dann wird es auch ganz plötzlich viele Theodor-Däubler-Gutfinder geben. Man kann drauf warten.
Dieses Verhalten ist einem von DDR-Funktionären gut bekannt und berechenbar. Als ehemaliger Ossi hat man eine Nase für sowas. Das Lavieren, das Hin-und Herschielen, das richtige Einhängen der Themen in die anliegenden Winde. Nur Dichten – das möchte man nicht.

Der Deutsche kann „Gelehrsamkeit“, die von außen oder aus der Fremde kommt, nicht einfach „einbauen“ – er kann sie nur annehmen, indem er sein muttersprachliches „natürliches“ – naturell – nature) –  verleugnet.

In dem der Deutsche in den „Gelehrsamkeitsraum“ eintritt muss er hinter sich die Tür zum Wald verschließen. Und dabei verrät er seine eigenen großen Dichter.

Typisches Beispiel auch Luhmann: Da liest er was Interessantes bei Maturana oder George Spencer Brown – aber anstatt diese von außen kommende Anregung in einen wirklich historischen und philosophisch muttersprachlichen Kontext zu stellen, zum Beispiel zu Adam Müller, oder in einen muttersprachlichen Seelenkontext, und daraus seine Lehren zu ziehen, bläst er das, was er da bei anderen gefunden hat, gleich zum allerneuesten Schrei auf.
Systemtheorie, wow! Damit hat er den Deutschen ein weiteres Mal die Möglichkeit gegeben, sich nicht mit ihren eigenen Philosophen zu befassen, nein…der Deutsche konnte ab sofort, statt von Ich und Du oder von Innen und Außen von „System“ und „Umwelt“ faseln. Adam Müller? Nie gehört.

Und das ganz normale Gespräch, der Dialog, wurde ihm zur „Kommunikation“ Wo andere Völker einfach sagen, oder wo Heidegger einfach gesagt hat: „Menschen können miteinander sprechen – da sagt der beflissene Diskurs-Deutsche: „Du, lass und doch mal eine Theorie des kommunikativen Handelns strukturieren“

Und später hat der Deutsche dann das Wort „Umweltschutz“ erfunden oder auch das Wort „Biomasse“ – an Stelle der passenderen Worte „Heimatliebe“ und „Holz/Bäume“ . Vom Baum zur Biomasse.

Nur das Wort „Waldsterben“ – das haben auch die anderen Europäer sofort verstanden und wussten immer sofort – hier sprechen die Deutschen.
Und haben es ihnen nicht übel genommen.

Vor über zweitausend Jahren hatte das begonnen, als ein Germane, der es „zu etwas bringen“ wollte, dies nur in römisch-lateinischen Verhältnissen, also in sprachfremden Garnisionen erreichte.

Als Germane konnte man durchaus im Römischen „aufsteigen“.  Diese tiefe und lange gemachte Erfahrung, dass „gesellschaftlicher Aufstieg“ fast nur zu haben ist, um den Preis der Selbstverleugnung von (angebundener) Mutter-Sprachheimat, das war die (unfreiweillige) Erfahrung des Arminius.

Der Germane kommt sprachlich aus dem Wald, aus der Natur (sein Naturell) Aber wenn er „nach oben aufsteigen“ will, dann muss er seine Heimat verleugnen und wird heimatlos, dass heißt: Er wird zum lieblosen und zu einem waldlosen Gelehrsamkeits-Funktionär.

Wieder ein Double-Bind.

dessen „Gelehrsamkeit“ zwar „funktioniert“ – aber lieblos bleibt. Nicht angebunden. Ohne Faden.

Arminius hatte in Rom zwar gut „funktioniert“ – aber es war nicht seine Heimat. Warum ist die Heimat weiblich und Vaterland männlich?

Diese lieblose „Funktionärs-Gelehrsamkeit“ findet sich heute immer bei vielen, die ihre Reputation an der Masse Ihrer Veröffentlichungen oder an der Masse Ihrer Literaturpreise festmachen. So nach dem Motto: Je größer der Bücherberg, desto klüger und gewichtiger der Gelehrte.

Wie schnell so etwas zusammenfallen kann, sieht man an Adam Müller, wenn man ihn gegen heutige „Philosophen“ hält. Die deutsche Intellektualität hat in den letzten 40 Jahren nur noch ein DDR-haftes Diskursprimanertum hervorgebracht, aber kein Denken. Kein Dichten. Da gab es Adorno, der die Hausordnung aufgehängt hat, und es gab die Hausordnungsabreisser, die so ein bisschen aufgemuckt haben, aber mehr war da nicht.
Mit Adorno ist echte Dichtung nicht möglich.

An den letzten 40 Jahren deutscher Philosophie und Dichtung ist absolut nichts dran. Nix. Rein garnichts.

Und deshalb eignet sich so mancher Gelehrsamkeitsdeutsche auch so gut zum Funktionär. Funktionärstum ist immer ein Ergebnis von innerer Heimatlosigkeit.
Auch der „Skandal“ ist eine Funktion. Ohne Heimat.

…Vermutungsplaneten.

Dieser Verlustschmerz von muttersprachlicher Heimat hat in besonderen Fällen auf der anderen Seite im Deutschen manchmal ein extrem tiefst – sinniges  Denken bei manchen Mystikern und Philosophen hervorgebracht. Das „Tiefdeutsche“ im Denken war unbewusst immer Waldsuche, Baumsuche, Heimatsuche, Muttersuche – durch die Folie des Christentums hindurch. Das tiefdeutsche und Mystische bei Jakob Böhme oder auch bei Hegel war ein Versuch der Bildung, aber es war keine „Gelehrsamkeit“.

Schon ein Wort wie „Weltgeist“ kommt aus dem Wald. „Erdgeist“ (Adam Müller)

(Man kann also nicht absichtlich dumm und unphilosophisch, so wie Botho Strauß, sich als Waldspaziergänger verkleiden und dann „ein Kulturdeutsch“ anrufen.
Wer ohne Adam Müller in den Wald geht, dessen Schriften bleiben geistlos.
Das „Raunen“ bleibt dann die leere Phrase eines durchschnittlichen BRD-Intellektuellen,
eines geistigen Kleinstädters, der glaubt, sich durch „Raunen“ die Aura des „Klugen“ verschaffen zu können.)

„Gelehrsamkeit“ ist im Deutschen immer „heimatlos“. Bildung nicht.

Diese Heimatlosigkeit meint aber nicht Heimatlosigkeit im Sinne von „vaterlandsloser Geselle“ oder Frau Germania (interessant, dass Germania eine Frau ist, einfach mal so in die Feminismusdebatte geworfen…) diese Heimatlosigkeit meint Lieblosigkeit, auf Grund mangelnder Anbindung von Bildung an das Naturell-Muttersprachliche.

Seit über 2000 Jahren muss der Germane seine lieblose und mutter(sprach)lose „Gelehrsamkeit“ damit bezahlen, dass er seine innere Heimat verlässt, den deutschen Misch- und Tannenwald der Muttersprache.  Da legt Heidegger den Finger drauf. (Holzwege)

Man kann diese Vermutung weit hergeholt finden, da es ja nie wirklich eine „reine“ Sprache gegeben hat. Sie ist ja immer ein Misch-Prozess. Und ja, eben, die Sprache ist ein Mischwald. Deshalb würde hier mit Musil antworten: Was man dagegen sagen kann, ist genau so falsch, wie das, was man daür vorbringt. Es sind Vermutungsinseln.

Und diese Lieblosigkeit als ein untergründiges „Fremdeln“ findet sich eben gerade bei vielen deutschen Diskursintellektuellen.

Der normale Bauer, der Schmied, der Handwerker hat all diese Probleme nicht, weil seine „Gelehrsamkeitsambition“ nicht bis zur Selbstverleugnung in den „Diskurs“ oder bis nach sonst wohin reicht. Aber schon bei Goethe findet sich diese Flucht.
Ist doch okay und völlig in Ordnung, wenn er etwas Spannendes bei einem fremdsprachigen Dichter entdeckt oder sogar wiederentdeckt, aber warum muss er selbst im Titel bis zur Selbstverleugnung sein Deutschsein gleich komplett fremdländisch möblieren?

Was bei Goethe auf den ersten Blick sich immer ganz kosmogenetisch gibt, ist es in Wirklichkeit nicht. Der Kosmos geht in konzentrischen Kreisen vom Mittelpunkt der eigenen Heimat aus, die man nicht verleugnen muss, geht von dort langsam nach außen. Man schaut nach außen und zieht das Andere oder das „Fremde“ in seinen eigenen heimatlichen Schwerpunkt hinein. Aber man gibt seinen eigenen inneren Schwerpunkt nicht auf.

Kosmogenetik muss nicht die Anbindung ans Heimatliche verleugnen.
Kosmogenetik beginnt mit der eigenen Heimat in der Mitte.
Dort ist der Schwerpunkt. Und man merkt das auch bei vielen fremdsprachigen Autoren. Die schreiben Weltliteratur, müssen aber deswegen nicht den Schwerpunkt ihrer eigenen Heimat aufgeben. Flaubert oder Proust schreiben Weltliteratur auf Französisch. Dostojewskie oder Arseni Tarkowskie schreiben Weltliteratur auf russisch.  Borges schreibt lateinamerikanisch. Lem schreibt Weltliteratur auf polnisch. Nur die Deutschen haben immer irgendein Problem mit ihrer Sprachheimat. Sie schreiben seit 40 Jahren auf linkisch.

Die Deutschen müssen immer irgendwo hinschielen. Oh, was machen die Franzosen – Poststrukruralismus, das ist ja ganz geil – das machen wir jetzt absolut und total nachahmend auch. Oh, bei den Amis gibt es jetzt Bukowskie oder Jack Keruack, da sind wir jetzt auch gleich mal so die ganz dollen kaugummikauenden und lässigen Beat-Hippis. Oh, die Amerikaner haben so eine geile Shortcut-Technik in ihrer Literatur, dann schreib ich jetzt auch gleich mal mein schwachsinniges Buch über die Wendezeit und nenne es Simple Storys. Oh, die Lateinamerikaner haben so einen tropischen Ton in ihrer Literatur, der noch dazu mit irgendwelchen wildwachsenen Kaktusdrogen ins leicht phantastische hineingetuned wird. Toll, schreib ich jetzt auch gleich nachahmend angeborgt so.
Diese Selbst- und Fremdbewegungen sind normal und auch bei fremdsprachigen Autoren vorhanden, aber im Deutschen ist alles immer verklemmt fremdelnd bis zur Selbstverleugnung.

All diese Probleme hatte Adam Müller noch nicht. Der schreibt einfach, was er denkt. Fertig. Und er hat gedacht auf nicht mal 6 Din A 4 Seiten.

Aber der gelehrsame Diskursintellektuelle in Deutschland kann nicht, wie es bei allen anderen Völkern/Naturellen/ normal wäre, das Fremde oder das „Andere“ einfach neugierig studieren, seine Schlüsse ziehen und in Vergleichsmomenten durch den Kontakt mit dem Fremden das Eigene noch besser verstehen oder auch bereichern –  nein, der deutsche Literaturintellektuelle hat die Tendenz, das Fremde oder das Andere immer gleich unterwürfig noch viel , stärker und gelehrsamer zu finden, als seine eigene genuine muttersprachliche Bildungsmasse.

Übertrieben gesagt: Der Gelehrsamkeits-Deutsche kennt in seinem verstörten Verhältnis von Selbstheit und Fremdheit immer nur die Selbstauslöschung oder die Fremdauslöschung. Bei Adam Müller war das nicht so. Adam Müller kann ganz entspannt Euklid oder Hobbes oder Pythagoras ins Heimatliche einbinden und gelangt so zu einem absolut klaren Denken.

Vermutungsplaneten

Der Literaturdeutsche  hat ganz prinzipiell ein zerstörtes oder verstörtes Verhältnis zu seiner „Selbstheit“ und deshalb auch zur „Fremdheit“ – gerade in allen Bereichen, die sich mit „Gelehrsamkeit“ schmücken. Er befindet sich im Double Bind.

(Quantenphysik als Double-Bind: Du darfst Welle zu mir sagen, aber du darfst es doch nicht.)

Daher kommt das immer etwas überzogene Reagieren. Der LiteraturDeutsche ist entweder besonders unterwürfig gegenüber dem „Fremden“ – also er ist bis zur Selbstverleugnung exotistisch fremdbegeistert, weil in seinem Hypothalamus die Erfahrung gespeichert ist, dass das „Andere“ das Lehrende ist, das Lateinische oder Französische. (Denn nur im Fremden kann der Germane „aufsteigen“ – ) , nach dem 2. Weltkrieg kam dann noch hinzu, dass das Fremde automatisch das Gute und Bessere ist –  –  oder der Deutsche kippt auf der anderen Seite ins jetzt-extra-total-nur-noch-sehrdeutsche, ins Rassistische.

(Typischer deutscher Double-Bind: Der Preuße nennt sein Schlösschen „Sans Soucie.“, spricht am Hof Französisch, und importiert jede Menge Raison&Clarté plus Gelehrsamkeit aus Frankreich, aber der Lieblingsfeind heißt für anderthalb Jahrhunderte Frankreich)

Dabei hat auch der Deutsche das Recht, dem Fremden ganz normal neugierig, freundlich, aber auch reserviert zu begegnen. Er kann sich mit ihm ganz entspannt austauschen und gucken, was das Fremde ihm gibt, um sich selbst besser zu verstehen, aber er muss dafür nicht gleich seine ganze „innere Landschaft“ aufgeben, sein Naturell, seinen inneren Schwerpunkt, den inneren deutschen Wald.

Das Schlecht-Deutsche ist nicht das Deutsche.
Das Schlecht-Deutsche ist die Angst des halbgebildeten Diskursdeutschen
vor dem original Deutschen.

Der Verklemmt-Deutsche ist der, der vor dem Original-Deutschen flieht in die Heimatlosigkeit von „Aufstieg durch Gelehrsamkeit im Fremden.“

Vermutungsplaneten

Wollte man diese Problematik noch tiefer ausleuchten, dann müsste man darüber sprechen, wie es sich für die Germanen damals angefühlt haben muss, als die ersten christlichen Missionare die heiligen Donar-Eichen und Thing-Bäume umhackten, um dann mit einem „Buch“ zu kommen, in dessen ersten Kapiteln wiederum von „Bäumen“ die Rede ist. Also die ganz leichte Schizophrenie, die darin lebt. Ein Double-Bind?
Gregory Bateson gebraucht hier auch das Wort „schismo-genetisch.“ Also „getrennt-zusammen“ oder auch auf deutsch: MITT-TEILUNG.

Das Christentum kommt mit dem Baum der Erkenntnis ins Germanische, muss aber dort erstmal zur Missionierung die Thing-Bäume umhacken. Möglicherweise
war diese Bewegung historisch als Modernisierungsprozess absolut notwendig.

Ich vermute aber, dass diese schmerzhafte Anfangssschismogenie der „in der Luft begrabenen Bäume“ dem nördlichen Teil von Europa einen Keim von „Wahnsinn“ eingepflanzt hatte, der dieses Europa aber auch auf der anderen Seite so merkwürdig selbstbewusst machte. Europa hat durch diese Double-Bind-Schizophrenie ein „Gehirn“ bekommen, mit einem „schwebenden Wald“. Die Deutschen, und vielleicht nicht nur die, sind in ihrem Innern schwebende Bäume.

Man kann sich die Frage stellen, ob der Double-Bind, deutsche Thing-Eichen umgehackt gegen „Bäume im Buch“ eigentlich schon mal in einem bewussten Sinne, sozusagen beim Gregory Bateson auf dem Sofa aufgearbeitet worden ist.

Jetzt bin ich wieder beim eleganten Nazi.
Ein anderes Beispiel für das Falsch-Deutsche ist auch Hitler.
Die ganze Hitlerei war gerade nicht „typisch deutsch“. Sondern eben schlecht-deutsch-heimatlos – also römisch. Der Germane gehört mental in den Wald, aber weil er sich nach dem „Aufstieg“ sehnt, verleugnet er seine Heimat und geht nach Rom. Die ganze Hitlerei war ja auf „Imperium“ aus – und nicht auf Wald.

Es ist kein Zufall, dass Hitlers Lieblingsoper nicht der Ring war oder der Parzival, sondern die Oper Rienzi. Ein römisches Stadt-Stück. Nicht gerade Wagners Highlight.

Also auch Hitler war schon ein heimatloser „Gelehrter“.
Darin trifft er sich mit Goethe.

Der halbgebildete deutsche „Gelehrte“ sucht sein „Heil“ immer in Rom.
Er sucht es nicht mehr unter den Birkenfrauen oder unter der Eichfrau.

Die deutsche Seele verstehen – dagegen ist Quantenphysik ein Nachtisch in der Mittagspause.

Der Nationalsozialismus als Ideologie war keine Erfindung von Bauern oder Handwerkern. Er war ein halbgebildetes Gelehrtenkonstrukt, eine „elegante“ Idee, ein Gelehrsamkeitskitsch, der von halbgebildeten und heimatlosen Intellektuellen und Pseudokünstlern ausgetüftelt worden war. Der Nationalsozialismus wurde „in Büchern“ erdacht – aber nicht auf dem bäuerlichen Feld, nicht im Wald oder in der Schmiede.

Warum liegen in Deutschland das Buch und der Wald so nahe beieinander wie Weimar und Buchenwald?

Und natürlich war auch Hitler nicht einfach nur ein Dummkopf. Ganz im Gegenteil: Er war für seine Zeit ein Allesrichtigmacher, sozusagen ein perfekt angepasster halbgebildeter Intellektueller, ein geschickter Diskursjokey, der immer in den richtigen Momenten vor dem richtigen Publikum mit der richtigen Temperatur die „richtigen“ Skandale oder Extasen erzeugte. Und der auch immer genau das richtge instrumentaliisierte, umlog oder verschwieg.

So wie Heidegger seit 50 Jahren entweder von Diskurs-Karrieristen instrumentalisiert, als T-Shirt angezogen, umgelogen, verschwiegen oder denunziert wird.
Oh, Heidegger hat in seinen Notizbüchern etwas Abschätziges über die Juden gesagt – hinweg mit ihm! Oh, Wagner hat sich auch abschätzig über die Juden geäußert, aber Wagner ist nun mal ein Künstler, der darf das, wir spielen ihn hier und auf der ganzen Welt!

Lasst ihn doch in Ruhe mit Eurem  „Anti“semitismusquatsch.

Könnte es sein, dass gerade die Deutschen und die Juden sich innerlich besonders nahe sind? Weil sie beide auf leicht verschobene Weise „in der Luft begrabene Bäume“ haben. Gerade unter „Ähnlichen“ können Konflikte besonders nah ausfallen. Wer gar nichts miteinander zu tun hat, der hat auch keinen Konflikt miteinander.

Waren die assimilierten Germanen damals in römischen-lateinischen Diensten nicht eigentlich die Juden der Römer? Ist der Germane, der notwendigerweise irgendwann die „steinernde Zivilisation“ mehr schlecht als recht übernehmen musste, und zwar zweimal – einmal mit Rom und dann mit dem Christentum – ist dieser Germane seit dem nicht immer ein wenig heimatlos – baumlos –  oder zumindest stark verunsichert?

Fragen wird nach Einstein ja wohl mal erlaubt sein.

Ein Vermutungsplanet.

Und als die Christianisierung damals die heiligen Eichen der Germanen umgehackt hat, könnte es sein, dass der Deutsche seit dem nicht mehr so genau weiß, wo er seinen Baum suchen soll? Im Buch? Im Wald? Oder im Buchenwald?

220px-Bonifatius_Donareiche

Der Missionar Bonifatius fällt eine heilige Donar-Eiche-

Und könnte es sein, dass der Nationalsozialismus als Hasskatastrophe von Hitler gegen die Juden eine Ähnlichkeitskatastrophe war, die in Hass umgeschlagen ist?
Eine Hasskatastrophe unter Sehr-Ähnlichen – Sehr-Nahen…die sich eigentlich, in ihrem Innern, besser verstehen müssten, als sie sich bewusst sind?

Vermutungsinsel…

Insofern vereinigt Hitler als erster alle „erfolgreichen“ Eigenschaften des lieblosen, weil sprachheimatlosen deutschen Diskursintellektuellen in sich, der erfolgreich aufsteigen will, und der sich immer auf seine „Gesten“ verlassen muss. Gerade dieser heimatlose Deutsche ist immer besonders „gestisch“ – äußerlich. Hitler war ein großer „Ästhet“

Nur mit dem Unterschied, dass Hitler leider tatsächlich ernst gemeint hat, was er gesagt hat. Aber im Prinzip war er ein Typ, der die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ voll ausgelebt hat. Vom Niemand zum Reichskanzler. Wer Hitler bloß als Dummkopf abkanzelt, ist selbst ein Dummkopf. Nein, Hitler war sehr diskursbegabt.
Und er war mehr als nur bauernschlau. Denn er war kein Bauer. Er selbst hatte schon keinen „Boden“ mehr. Nur ein besonders heimatloser und bodenloser Typ, also jemand, der keine echte und „natürliche“ Rückbindung mehr an etwas hat, nur ein solcher heimatloser Typ, kann auf die größenwahnsinnige Idee kommen, seinem „Volk ohne Raum“ einen „Raum“ zu erobern.

Diese besondere Mischung aus liebloser Gelehrsamkeit, hinterherhechelnder Trendschläue, schlechter Deutschtümelei. römisch inspirierem Größenwahn und Aufstiegschancen durch Fremdes in Verbindung mit der jederzeit auswechelbaren Diskursgebärde auf dem T-Shirt – das macht bei vielen deutschen „Gelehrten“, nicht bei allen, seit über 1500 Jahren den ganzen Komplex des fadenlosen und waldlosen Gelehrsamkeitskitsches aus. Gelehrsamkeit ohne Anbindung an den Kosmos. Ohne Mutter. Ohne Natur. Ohne Wald. Ohne den Spinnenfaden. Daraus resultiert im Deutschen dann der Papp-Dichter, der Gips-Intellektuelle.

„Jetzt schau dir unsere Mutter an – sieht die aus wie Thomas Mann?“ Nein! (Grebe)

Was der Deutsche aber garnicht nötig hätte, wenn er seine eigenen großen Dichter oder auch seine Philosophen wirklich DENKEN würde. Anstatt sie nur zu „kennen“. Walter Benjamin – was ist mit dem? Hätte man ja mal mit Heidegger ins Gespräch bringen können. Aber man klebt sich diese Namen eben immer hübsch aufs T-Shirt, und dann werden mittelmäßige Papp- und Gips-Dichter wie Peter Hacks neu entdeckt.

Wer Hölderlins Gedicht „Der Mensch“ aufmerksam hört oder liest, dem sollte auffallen, dass Hölderlin davon spricht, dass die „Rebe“ als Weinrebe hier eine „Amme“ ist, aber sie ist nicht die Mutter. Die Mutter bleibt nach wie vor das Getreide, das Korn.

Goethe steht für das Falsche der deutschen Geistesgeschichte. Sein Faust ist die hilflose Ausarbeitung seines eigenen schlechten Gewissens. Denn Goethe selbst war genau das, gegen das er seinen Faust ins Feld führte: Goethe war der Laffe, der gelehrsame Dummkopf, der Nichtforscher, der Nichtmagische. Goethe selbst war nie Magier, kein Alchemist, kein Feuerwerker. Er war immer nur „gelehrsam.“ Ein Aufsager.

Sein Faust ist nichts weiter als eine misslungene Rechtfertigungsschrift für sein eigenes verpfuschtes Schreiben, das letztendlich in einem Sumpf aus Kenntnisreichtum, Dilletantismus, lateinischem Plagiat, Vielschreiberei und Desinteresse verendete.

Goethe wusste, dass Kleist der Größere war. Und hat ihn mehr oder weniger kaputtverpfuscht. Auch Adam Müller hat er kaputtverpfuscht. Gelehrsamkeit ohne Berührung, ohne Faden. Alles immer nur „Stoff“

Und genau darin vermute ich einen Teil der Lösung des Rätsels, warum es den eleganten Gelehrsamkeits-Nazi gibt, ob als Mythos oder real, bleibt dahingestellt, der seine Mozart-Etuden auf dem Klavier gespielt hat oder vielleicht auch Goethe auswendig aufsagen konnte.

Der Deutsche hat gelernt, Kultur in Form von „Gelehrsamkeit“ ohne mütterliche Anbindung von sich abzuspalten. Der ganze Nationalsozialismus war ein einziger Double-Bind nach Gregory Bateson. Und die ganze verklemme Disposition von
zivilisatorischer „Eleganz“ auf der einen Seite und der unbewältigte „Volks“-tums-Begriff – die abgeschnittene Verbindung zur Natur-Mutter-Sprache, machen die Probleme bis heute.

Brecht und Heiner Müller hatten die Frage gestellt, wann man über Bäume sprechen darf? Ja wann denn? Wann darf man denn?

Das Fadenlose, das Mutterlose der deutschen Gelehrsamkeit – das ist der Grund.

Er weiß, wie Kunst&Kultur „funktioniert“ – aber er ist dabei oft innerlich unangebunden, heimatlos. Er wird zum „Funktionär“.

Goethe steht für ein intellektuelles Scheitern und Versagen, das im 20igsten Jahrhundert seinen traurigen deutschen Höhepunkt erreicht hatte. Und Thomas Mann mit einem großen Teil seiner Schreiberei steht für den ganzen vermufften Nietzsche- und Stefan-George-Komplex aus Ästhetizismus und Konservatismus, dessen Vermuffung bei Thomas Mann nur noch durch Ironie etwas abgefangen wurde.

(Vielleicht war es Kants größter Fehler, dass er Schönheit als „interesseloses“ Wohlgefallen definiert hat. Da muss man sagen, hat Kant leider nicht wirklich
tief gedacht.)

Wenn man den Deutschen einen Vorwurf machen kann, und ich bin selbst gerne Deutscher imernoch, dann den, dass sie mit Goethe einen Nichtssucher, Nichtsfrager und bloßen Vielschreiber zu ihrem „großen Nationaldichter“ erklärt haben, während ihre wahren und echten Größen wie Hölderlin, Kleist, Adam Müller oder Novalis und Däubler in beredter Rede totgeschwiegen wurden.

Das Totschweigen von Dichtung funktioniert in Deutschland seit mindestens 100 Jahren ganz anders, als das Wort es nahelegt. Das Totschweigen von Dichtung funktioniert, in dem man diese Dichter mit einer gleich-gültigen Endlosrede zudeckt, mit Seminaren, mit gelehrsamen Abhandlungen. Man schweigt Kleist, Novalis oder Hölderlin tot, in dem man Hölderlinpreise oder Kleistpreise erfindet und jedes Jahr Reden über sie hält und sogar Institute gründet zur „Pflege des dichterischen Erbes“.

Gerade im Land der Dichter und Denker wird Dichtung durch die beflissene Rede über Dichtung totgeschwiegen wie in keinem anderen Land auf der Welt. Und kein anderes Land auf der Welt hat so viele drittklassige Dichter-Attrappen hervorgebracht wie Deutschland in den letzten 40 bis 50 Jahren. Die vielen intellektuell gescheiterten  und poetisch drittklassigen Existenzen an den Häppchenbuffets der Literaturhäuser geben davon Zeugnis.

Die Deutschen haben Ihre eigenen Dichter und Denker verraten an den Fraß der täglichen Rede, an den „Kenntnisreichtum“ an den institutionalisierten Diskursnarzismus, an den Gelehrsamkeitskrimskrams, an das T-Shirt der auswechselbaren Geste, an das „Künstlertum“, an die „Lyrikszene“ –  und an all die Doktortitel der Germanistik und der Philosophie, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie erworben worden sind.

Sogar Nietzsche muss man heute vor den Nietzschepreisträgern und Nietzschezitierern in Schutz nehmen. Nietzsche konnte nicht wissen, das seine letzten Menschen einmal Nietzschezitierer sein würden. Ein Nietzsche für den Tag. Ein Nietzsche für die Nacht.

Alptraum: Im Traum war ich Diktator und wollte eine große Bücherverbrennung anordnen lassen. Mein Minister für Bücherverbrennung erwiderte erschrocken,
dass alle Bücher bereits digitalisiert seien, mein Führer!
DANN LÖSCHEN SIE! – sabberte ich. ALLE BÖCHER SOFORT LÖSCHEN!
Darüber wachte ich auf, völlig durchnässt.
Beim Abtrocknen fiel mir ein, wie viel an enorm geistreicher Literatur heute ganz kostenfrei zu haben ist. Für Null Euro bekommt man in den digitalen Bibliotheken beinahe alle wesentlichen und wichtigen Texte des abendländischen Dichtens und Denkens und sehr viel 19. Jahrhundert bis zum Anfang des 20igsten Jahrhunderts aufs Kindl geladen. Was sagt das über unserer Zeit aus?

Ist der Geist wertlos geworden, oder ist er absolut unverkäuflich, das heißt:
So wertvoll, dass ihn kein Geldbetrag der Welt mehr ermessen kann.
Robert Musils Essays für Null Euro. Hegel für Null Euro.
Adam Müller für Null Euro. Und so weiter. Ruhemasse Null.

Was ist Heimat? Folgt man Robert Musils Essay: „Das hilflose Europa oder vom Hundertsten ins Tausendste.“ – dann ist Europäer sein heute offenbar verbunden mit der Aufforderung, eine geistige Arbeit zu leisten. Geistige Arbeit ist sein Stichwort. Ich denke mir, das Europas Schönheiten, Freiheiten und Werte, all das, was heute als „Buntheit“ oder als das „Vielfältige“ besprochen wird, das Ergebnis einer extrem schwerwiegenden Historie sind und keine Zauberei oder Zufall. Diese extrem schwerwiegende Historie ist nicht allein eine europäische Geschichte, sie ist Menschheitsgeschichte.  Musil legt nahe, dass man als Europäer sich einer geistigen Arbeit aussetzt, um etwas zu verstehen. Wenn man das nicht tut oder wenigstens versucht, dann bleibt man nur  ein passiver Konsument von Europas Werten, füllt die Latrinen und hat nichts beizutragen. Gerade europäischer Geist ist aus einem Vorher/Nachher erwachsen. Vor 1789/ nach 1789, Vor 1918, nach 1918; vor 1945 nach 1945; vor 1989 nach 1989 – eben deshalb wird eine Sprachregelung die nur von „rechts“ oder von „links“ redet, dieser Vorher/Nachher – Geschichte nicht gerecht. Diese Sprachregelung bleibt thought controll. Darüber sollte man mal nachdenken anstatt über für Frauinnen und Männerinen zu diskutieren.

Songwriter: Beim Blättern in einer Biografie über Leonard Cohen fand sich ganz nebenbei eine gute Bemerkung von ihm zum Unterschied zwischen nur gelesener Dichtung und dem Text eines nur gesungenen Singer/Songwriter-Songs.
Beim Lesen des kleinen Absatzes dachte ich: Wie würde man einem nichtdeutschsprachig sozialisierten Menschen heute erklären, warum es in Deutschland seit etwa 40 Jahren keine wortnahen Dichter als Künstler mehr gegeben hat sondern nur noch schlechte Attrappen und  Diskursgekröse.

(Mit und für M)

Im Deutschland der letzten 30 bis 40 Jahre hat es immer einige gute Singer/Songwriter und auch Popsänger (U wie Unterhaltung) gegeben, aber im gedichteten Wort oder im nur gelesenen Gedicht kam nicht mehr viel.

Davon können wir ein Lied singen – so sagt eine alte Wendung der Rede.
Ein Lied von etwas singen können, meint: Wovon man ein Lied singen kann, das ist schon nicht mehr die allerneueste Neuigkeit. Das Englische springt bei und nennt es dann: The latest News – Die späteste Neuigkeit.

„Davon können wir ein Lied singen.“ – sagt: Durch mindestens einhundert Wendungen ist bereits gegangen der Anlass des Liedes. Sehr bekannt bis allzu bekannt ist das Lied und hat bereits überschritten sein Frischedatum, als es gerade erst in aller Frühe noch am Werden war.

Wovon man ein Lied singen kann, dass ist lange schon gesungen worden. Weit zurückgehen muss man durch die Zeit, als noch niemand ein Lied davon gesungen hat.  Jetzt aber, heute und hier, singen wir davon ein Lied.

Die Trennung von E und U (Ernst und Unterhaltung) oder auch von Pop und klassischer Musik (E) hat gerade in Deutschland zu schweren Behinderungen auf der E-Seite geführt.
Im deutschen Sprachraum gab es bis heute immer einige gute Singer/Songwriter. Und daneben gibt es die zumeist geistig behinderte Literaturhauslyrikerszene, oder die geistig noch schwerer behinderte öffentliche Philosophieszene.
Attrappen, Nachahmung, Irrelevanz und Potemkinsche Dörfer beherrschen seit etwa 40 Jahren das deutsche Literatur- und Philosophie-Feuilleton auf der E-Seite.
Der Literatur- und Philosophiebetrieb auf der E-Seite ist heute ein Elendsgebiet.

Der Grund hierfür wurde schon benannt: E wie „ernst“ hatte in Hölderlin, Adam Müller Rilke und Kleist aber auch in den deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts einen Himalaya aufgeschoben, der nicht mehr mit rein bergsteigerischen Mitteln überboten werden konnte. Man konnte das Gebirge besteigen aber nicht mehr selbst aufschieben.

Deshalb musste der E-Dichter oder der E-Philosoph nach Hölderlin, Adam Müller und Kleist immer nur eine Second Hand-Figur bleiben oder ein Autorendarsteller.

Der deutsche Literaturmensch von heute möchte sich natürlich absichern, in dem er Kleist gutfindet oder Hölderlin gut findet oder man „nennt“ hier und da auch Namen wie Heidegger, Goethe, Novalis, Lem u.s,w,  – aber ohne sich wirklich zu inter-essieren.

In diesem „funktionierenden“ Verhalten ähnelt der Literaturmensch von heute eben auch den klavierspielenden und goethezitierenden KZ-Nazis von vor 70 Jahren.
Man kann wirklich überall Klavier spielen. Und man kann auch ein Gedicht überall aufsagen. Und am besten noch besonders virtuos und fingerfertig.

Aber Virtuosität ist nicht Musik.

Das „Allesrichtigmachen“  von Enzensberger,
von Peter Hacks, Juli Zeh, Grünbein, Botho Strauß oder von Sloterdijk funktioniert überall. Und es „funktioniert“ immer. Weil Funktion eben heimatlos bleibt. In diesem Funktionieren kann man seine „Ansichtssachen“ auswechseln wie T-Shirts. Das einzige Interesse, dass der Diskurs-Schleimer, der Salon-Schleimer seit 40 Jahren in Deutschland hat, ist das Interesse, im Diskurs „ganz vorn“ zu sein. Oder einen „Skandal“ zu machen, weil ihm das Punkte in der Aufmerksamkeitsökonomie bringt.  Die Trendwelle zu erwischen. Mehr nicht. Und auch der sogenannte Skandal „bedient“ nur einen Diskurs von der anderen Seite. ( Gerade bei den vielen Novalisgutfindern in letzter Zeit kann man gut beobachten, wie ihr situationsopportunistisches Schielen nach dem „richtigen Trend“ etwas gehetzt wirkt. Man möchte eine Trendwelle nicht verpassen und möglichst „weit vorn“ mitsurfen.

Es funktioniert hier und es funktioniert da. Und es „funktioniert“ immer.

Ein anderer Grund kommt noch hinzu: Nach dem zweiten Weltkrieg war das Denken und die Sprache, alle starken Potentiale zum Erfassen und Reflektieren von Wirklichkeit im deutschen Sprachraum logischerweise vernichtet oder ausgewandert, emigriert.

Wen es in die intellektuelle Öffentlichkeit drängte, der konnte dies nur um den Preis der ideologischen Fesselung tun oder und um den Preis der poetischen Dürftigkeit.
Der hohe Preis, den der deutsche Sprachraum bezahlt hat für den zweiten Weltkrieg ist unter anderem auch der: Musil verstummt und verarmt, später von vielen interesslosen Doktorarbeiten erschlagen. Einstein ausgewandert. Der ganze Wiener Kreis mehr oder weniger vertrieben. Bauhaus vertrieben oder zur „ästhetischen Geste“ verfälscht.
Stefan Zweig weg, Selbstmord. Goedel ausgewandert, wurde verrückt. Villém Flusser ausgewandert. Gotthardt Günther mehr oder weniger ausgewandert. Alfred Sohn Rethel ausgewandert. Günther Anders letzten Endes verarmt und unbeachtet. Hannah Arendt weg. Heinz von Foerster ausgewandert. Walter Benjamin Selbstmord. Ernst Mach, einfach vergessen und verschluckt.
Was dann kam: Adorno und die ständige Streiterei oder Stänkerei für oder gegen Heidegger, oder Ernst Bloch, aber alles ohne wirklichen Dialog, ohne Gespräch. Immer nur „gelehrsam“.

Methodenstreit – wie bescheuert ist bitte dieses Wort.

Und heute? Maxim Biller, Juli Zeh, Dietmar Dath, Talkshow, Hegemann, Skandal, Skandälchen, Botho Strauß, Precht…

Oh, Kulturindustrie – aber diesmal sowohl mit als auch gegen Adorno.

Wer wirklich etwas erfahren will, muss heute in Deutschland wie vor 70 Jahren unter der Bettdecke den Feindsender BBC gucken oder hören.

Oder er muss den Feindsender Gregory Bateson lesen oder den Feindsender Adam Müller hören.

Seit 40 – 50 Jahren Jahren pendelt die Dichtung und das Denken in Deutschland um die beiden Pole des Schwachsinns irgendwo zwischen Ernst Jandl und Stefan George. Wo denkerische Inkompetenz, Antiquiertheit und  sprachliche Drittklassigkeit kaschiert werden mussten, tat man dies mit „Kenntnisreichtum“ mit „Belesenheit“ oder mit „Virtuosität“  oder mit Pseudowitzigkeit oder mit „vielsagendem Raunen“.

Und wem es im eigenen Diskursregime zu langweilig wurde, der zog sich hier auch schon mal ein anderes T-Shirt über mit einer alternativen Beschriftung.
Die T-shirt-Beschriftungen hießen dann statt „Adorno“ plötzlich wieder „Bocksgesang“ oder sie hießen „Nietzsche“ oder sie hießen „Descartes“ oder man beschriftete sein T-Shirt auch gerne mit „Heidegger“ oder mit „Derrida“ oder mit „Lenin“. Auf manchen  T-shirts stand auch das Wort „Jude“ drauf. Oder das Wort „Deutscher“.

Der T-Shirt-Shop in Deutschland bietet dem Intellektuellen Schriftmenschen jederzeit eine große Auswahl für seinen sprachlichen Dress.
Von heute aus kann man das gut abmessen: Der intellektuell  Heimatlose schneidet sich eine Pilzkopffrisur, wenn Pilzkopf en Vogue ist. Er lässt sich lange Haare und Koteletten wachsen, wenn lange Haare en vogue sind. Und er rasiert sich die Schläfen aus, wenn er glaubt, das es jetzt wieder irgendwie more thinky ist, sich die Schläfen auszurasieren. Und er trägt schultergepolsterte Sakkos oder Lederjacken und färbt sich die Haare , weil es eben gerade die 80iger Jahre sind. Und wenn er zu einer Preisverleihung geht, bindet man sich eine bescheuerten Kravatte um.
Oder man zieht sich als Intellektueller wieder die Männlichkeitshosen an, aber man sichert sie diesmal gleich doppelt mit Gürtel plus Hosenträger. Damit man sie bloß nicht wieder verliert im genderversumpften Korrektnessgeschwalle.
Nur ist es eben nicht sehr stilvoll, die Männlichkeitshose mit einem Gürtel und zusätzlich noch mit einem Hosenträger zu sichern.

Mit anderen Worten: Deutsche Intellektualität im Bereich „E“ wie Ernst wird seit 40 Jahren von einem zutiefst verunsicherten und lieblosen „Gelehrsamkeitsfunktionär“ dominiert – bis in die Feuilletons und die Akademien hinein.
Ein besonders peinliches Phänomen in Deutschland war neben dem E wie ernst immer auch das Wort „Pop“-Literatur und ihre Vertreter. Der Hang zur ordentlichen Kategorisierung machte auch vor dem U wie Unterhaltung nicht halt und nannte es aus einem E-Impuls heraus „Pop-Literatur“

Die ganze deutsche  Literaturszene ist heute so abgrundtief hässlich, ungraziös oder wie Thomas Bernhardt sagen würde: scheußlich geworden, so Juli Zeh-zerstört, so Georg-Dietz-dürftig, so armen avanessian-ärmlich, so grünbeingrauenhaft, dass es eigentlich nur noch die Singer/Songwriter sind, an die man sich halten kann. Und natürlich zum Glück auch an die wenigen souveränen und klugen Erzählerphilosophen wie Sten Nadolny oder Per Olov Enquist, aber ach nee, der kommt ja schon wieder aus Schweden.
Überhaupt, meine geistigen und europäischen Hoffnungsträger kommen im Moment aus Island oder Schweden.

Man erzählt heute kein großes Geheimnis mehr, wenn man sagt, dass die deutschen
E- Dichterfiguren der letzten 40 Jahre immer nur Kunstverbraucher waren aber keine Künstler mehr, keine Dichter. Sie waren Wiederkäuer in den Verbrauchermärkten der Dichtung, die längst immer schon geschrieben worden war.

Aufgefallen war das nur deshalb kaum, weil die Literaturkritiker und das philosophische Feuilleton in Deutschland genau so desinteressiert und gedächtnislos waren und sind, wie die Produzenten. Oder anders gesagt: Im deutschen Feuilleton besprechen seit etwa 40 Jahren viertklassige Kritiker die Bücher von drittklassigen  Autoren. Oder vielleicht war es aufgefallen, aber niemand hat sich daran gestört. Warum nicht?

Zum Überflüssigsten, was die deutsche E-Literatur in den letzten 40 Jahren hervorgebracht hat, gehört eine merkwürdige Verbindung von Konservatismus und Ästhetizismus. Das Begriffspaar Ästhetizismus und Konservatismus – das wabert als pappdummes Begriffspaar seit einem halben Jahrhundert immer wieder durchs Sprach-Feuilleton.

Die pappdummen Gründe des Begriffspaars Ästhetizismus und Konservatismus heißen Friedrich Nietzsche und Stefan George.  Stefan George hatte am Beginn des 20. Jahrhunderts dem pappdummen deutschen Literaturrezipienten einen Floh ins Ohr gesetzt. Dieser Floh flüsterte etwas von Raunen, von Ästhetik, von Konservatismus.

Noch einmal mit Gregory Bateson: Der Naturgermane kann kein „Ästhet“ sein.

Liest man dagegen Kleist, oder Hegel oder Adam Müller: Klarheit. Gedanke. Stringenz. Stimmigkeit. Kein Raunen, kein syntaktisches Gespreize, und nur eine sehr sparsame Metaphernwirtschaft, geradezu preussisch sparsam.

Eben deshalb konnten und mussten die deutschen Literaturhauslyriker und Autorendarsteller eben immer nur das sein: Sprachlich dürftige und poetisch inkompetente Autorendarsteller.

Leonard Cohen also. Dass er ein großer Songwriter ist, wird kaum jemand bestreiten. Leonard Cohen bemerkt zum Unterschied zwischen nurgelesener Dichtung und einem nurgesungenen Songtext: Möglichst beim ersten Hören müsse sich ein Songtext in Verbindung zur Musik dem Hörer mitteilen. Deshalb seien Songtexte oft klar bis minimalistisch gehalten, während ein nurgelesener Text etwas komplexer sein dürfe, weil der Leser hier in der Intimität des Selberlesens den Text vor Augen hat.
Was beim Hören eines Liedes nicht der Fall ist. Leonard Cohen stellt das einfach nur so lässig fest, ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Allerdings steht bei ihm nicht, dass ein nurgelesener Text „extra“-verklausuliert sein müsse.

Der Minimalismus mancher Popsongtexte bringt den Songtext selbst unter seine eigene semantische Oberfläche, wo er inhaltlich (scheinbar) gar keine Rolle mehr spielt, weil die Musik das Tragende wird. Hauptsache es groovt. Und so verhält es ja auch bei vielen Liedern, nicht bei allen, die Texte sind – beinahe – egal, wenn die Musik „funktioniert“ Aber wann „funktioniert“ die Musik?

Wenn man ein Lied von etwas singen kann…

Schwer zu sagen, wie lange es dauern wird, bis all das in den Bewusstseinskontext des durchschnittlichen Neu-Europäers vorgedrungen ist – die Quantenphysik der deutschen Seele.

Roger Waters/ Pink Floyd hatten es damals…. damals wars, lange her…. in ihrem sehr bekannten Songprojekt „The wall“ noch so erzählt: Die Lehrer waren schlimme Pauker, schmallippig autoritär –  und der heimlich im Unterricht gedichtevernehmende Junge so etwas wie ein Keim der Hoffnung auf Sensibilität, Jugend und Durchbruch.

Gerade als ehemaliger Mauer-Ossi erinnert man sich an dieses Lied.
Aber es hatte natürlich damals eine ganz andere Aufladung.
The Wall war das große Stichwort und man war against. Das genügte. Dagegen sein genügte. Das tiefere Anliegen des Songs war nicht so wichtig. Poetry, everybody!

Heute muss niemand mehr Stühle werfen oder Schulen anzünden. Es wäre langweilig.
Es ist langweilig, gegen Gipsfiguren zu treten. Es hätte keinen Stil.
Sie zerbröseln ja von allein. Die Korrektur der Vorgänge kann man letztlich immer der Schwerkraft überlassen.  Die Schwerkraft regelt das, ganz still, ganz unspektakulär. Das weiß man heute. Die Zeiten der Protestgenerationen in der klassischen Form sind vorbei. Und das ist auch ganz okay so. Und gerechterweise muss man sagen, es gibt ja mittlerweile auch gute Schulen und gute Lehrer, obwohl einem oft niemand sagt, wo sie zu finden sind.

Und die „Poetry“- Situation in Deutschland? Sie zeigt sich heute ganz anders.
Sie ist more tricky.

Geradezu verdreht haben sich die Verhältnisse, jedenfalls im deutschen Sprachraum.
In den nurgesungenen Songtexten finden sich nach wie vor gute Leute. Gott sei Dank gab es in Deutschland auch immer wieder gute Liedermacher.
Aber die nurgeschriebene „Poetry“?

Eigentlich beginnt der narrative Keim von Pink Floyds „The wall“ noch viel früher in der Zeit. Das habe ich eine ganze Zeit lang nicht gewusst. Er beginnt mit der Erinnerung eines Jungen an die Zeit des zweiten Weltkriegs. Einer der berühmtesten Popsongs wurzelt im zweiten Weltkrieg, und damit eben in der Figur Adolf Hitler.

Was ist mein dichterisches Deutschland? Meine Sprachheimat? Dieses Sprachdeutschland der letzten 40 bis 50 Jahre hat seinen Adolf Hitler zerkleinert und dabei metaphysisch geklont und stückchenweise verteilt. Es wurden in Kulturakademien und Kultur-Intendanzen Hitler-Protein-Fabriken errichtet. Diese geklonten oder wiederausgesäten Hitlerproteine aus den Hitlerprotein-Fabriken der Diskurse liegen heute täglich auf den Tellern der „Linksmenschen“ ebenso wie auf den Tellern der „Rechtsmenschen.“ In dem Video von Pink Floyd muss der Lehrer in meinen Augen eine Hitlerprotein-Tablette schlucken.

Aber welches Leben definiert sich eigentlich von rechts nach links. Verläuft es nicht eher von Vorher nach Nachher?

Die „Poetry“ wird heute nicht mehr von verbissenen Paukern diskriminiert.
Vielmehr wird sie von halbwitzigen und lieblosen Lyrikdiskursexperten fehlbestellt und damit ver-stellt. Die welterschaffende Kraft der Poesie wurde ausgelöscht mit den nassen Handtüchern vor sich hin sprachelnder Ambitiönchen und leerer Kunstwollerei.

Und die Philosophie? Wer heute irgendein Posten oder Poestchen im sogebannten E-Literaturbetrieb besetzt, der ist ein geistig behinderter Kulturkarrerist aber kein Dichter, kein Künstler mehr.

Ach, lassen wir das…es ist langweilig.

Sehr kongenial an diesem Projekt von Pink Floyd war damals diese Einbettung von nurgelesener oder nurgeschriebener Dichtung in ein liedhaftes -Song-Projekt.

Hier bei Pink Floyd ist es ein Lehrer, offenbar ein Mathematiklehrer,
der diskriminiert die Poetry.

Wie erklärt man einem nichtdeutschsprachigen Muttersprachler ein spezifisch
deutsches Poetry-Problem?

Es stellt sich immer die große Frage, warum in Deutschland heute die besonders ausgestellte Literaturbetriebslyrik (oder das große E wie Ernst ) so schwach wirkt gegenüber den Singer-Songwritern oder den Liedermachern. (U wie Unterhaltung) Warum ist Rainald Grebe so frisch in seinen Texten, und warum ist die Literaturhauskäsehäppchenlyrikszene  so stumpf?

Sogar dort, wo die E-Lyrikszene heiter sein möchte, bringt sie es immer nur zu einem schlecht angerührten Heiterkeits- oder Grinsemannzement. So nach dem Motto: Ich bin lustig und grinse ganz viel, deshalb habe ich die Welt verstanden.
Ich bin der Grinsend-Wissende.

Der deutsche Muttersprachler von heute hat einen tiefsitzenden Komplex, die Angst typisch deutsch zu sein, tumb zu sein, die Angst, zu direkt zu sein, zu scharf, und zu wenig sophisticated. Die german angst vor der eigenen Sprache, vor dem eigenen Denken. Das betrifft natürlich hauptsächlich Intellektuelle, die Poesie, den Schrift-„Steller“

Nichts fürchtet deutsche E-Poetry heute mehr, als den Vorwurf, sie sei zu eckig oder zu wenig geschmeidig, sie sei zu ernst oder sie sei zu wenig komplex oder sie sei zu gerade-heraus im Sprechen und Denken. Oder sie sei humorlos. Die Geradheit gilt als uncool.

Ja, wenn man denn mal etwas sprechen würde!
Ja, wenn man denn Humor haben würde, anstatt die ewig ausgestellte Zellophanlustigkeit.

Der sogenannte Dichter, wenn er ein sogenannter E-Lyriker ist, und kein Songwriter, muss unbedingt vertrickt, vertrackt, verschachtelt, verklausuliert schreiben, niemals gerade heraus, sondern immer schön krumm, um drei Ecken herum. Das gilt als „elegant“. Das gilt als „ästhetisch.“

Dabei erreicht man die krumme Linie  – gerade nicht –  dadurch, dass man im Denken oder im Dichten gewollt krumm daherkommt.

Die krumme Linie „ergibt sich“ von allein, wenn man im Denken und Dichten selbst gerade, scharf und klar bleibt. Aufrecht stehend wie ein Mensch.

Verlassen kann man sich darauf, dass die gebogene Linie sich ganz von selbst einstellt. Aber sie biegt sich nur dann wahrhaftig ein, wenn man damit aufhört, selbst krumm sein zu wollen, wenn man damit aufhört, gewollt krumm zu schreiben oder krumm zu denken.

Weil die krumme Linie ein überindividuelles kosmologisches Prinzip ist, das sich nur dann einstellt, wenn das Krumme nicht gewollt ist. Das Krumme kommt von ganz allein, aber nur, wenn man selbst besonders – gerade heraus – denkt und schreibt.

G.F.W. Hegel schreibt 1818 noch besonders frech und gerade heraus:

„Das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte: es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.“

Wo ist diese herrliche Hegelianische Frechheit und Geradheit hin?
Heute, in all den schiefmündisch gepflegten  „Geschicklichkeiten“ der müde gewordenen „Poetry“ All die falschen Gelassenheits- und Grinsegesten der muffigen Stoa. All die auftrumpfenden aber nichtssagenden Gelehrsamkeitsgesten.

Mut des Erkennens, und: Das Universum will offenbar den philosophisch frech werdenden Menschen, den kühnen, der den Mut zum Erkennen hat. Dem philosophisch frech werdenden Menschen gehört die Zukunft. Und sogar das Wort Genuss ist hier einzig in einen wahren und stimmigen Kontext gesetzt.

Oder Jakob Böhme, komischerweise ein Schuster, der selbst nicht barfuß ging, heute auch so eine kaum mitgedachte Person der Diskurse, schreibt fast 300 Jahre vor dem schwarzen Körper der Quantenphysik:

„Die Finsternis ist die größte Feindschaft des Lichtes und ist doch die Ursache,
daß das Licht offenbar werde.“

Die Liedermacher oder Singer/Songwriter waren hier immer näher am Puls. Deshalb kommt Rainald Grebe immer ebenso gerade wie klar rüber. Oder ein Lied von Röyksopp. Oder AC/DC. Oder Simon&Garfunkel. Oder eben Pink Floyd.

Warum ist die E-Lyrik und die Philosophie in Deutschland seit 40 Jahren  so eine peinliche Veranstaltung?

Ein Hauptgrund liegt sicher darin, dass sich im deutschen Sprachraum schon im 19. Jahrhundert und bis zu Rilke ein Himalaya der (nurgeschriebenen) Dichtung aufgeschoben hatte, der von der heutigen E-Lyrik selbst nicht mehr erreicht werden kann. Wenn der Gebirgshimalaya in Tibet liegt, dann liegt der Dichtungshimalaya der nurgeschriebenen Dichtung in Deutschland.

Hölderlin und Kleist sind die Achttausender, Neuntausender, Zehntausender. Man kann sie vielleicht noch besteigen, aber man kann sie nicht mehr selbst aufschieben.

Oh ich wiederhole mich. Aber es wird ja so viel wiederholt überall.

Deshalb ist der E-Lyriker oder der Literaturhausliterat heute in Deutschland immer eine peinliche Figur und eine Verlegenheitslösung. Der allerspäteste Heiner Müller hat das gewusst, als er sagte: „Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht.“ Was nach ihm kam, das konnte immer nur Attrappe sein und Pappe.

Die heutigen Deutschen können ihre eigenen Geistesriesen  nicht mehr besteigen, weil man dafür Rückbindung braucht, Ausdauer und echte Gespräche, die mehr sind als nur ein Rauschen und die länger währen als ein 45-Minuten-Talk auf irgendeinem Fernsehsofa.

Aber spätestens seit Nietzsche hat der deutsche Poetry-Muttersprachler das klare und reflektierte Denken a la  Hegel aufgegeben oder aufgeben müssen und es endgültig
mit „Rechts“ und  „Links“ – Denken ersetzt. Oder mit „Ästhetik“

So mancher deutsche Intellektuelle engagiert sich heute für „Minderheiten“.  Und hält das für „links“.

Das Engagement für Minderheiten ist gut und richtig, wenn es dabei auch wahrnimmt, wie das Denken selbst ebenfalls in eine Minderheit geraten kann.
Nur ist das Denken eben keine Person. Das Denken ist ein „Flüchtling“, das wegflieht, wenn man es nicht daran hindert oder ihm überzeugende Gründe zum Bleiben aufzeigt.

Es mag ja vielleicht wichtig sein, transgendergerecht markierte Toilettentüren einzufordern oder Nichtraucherzonen plus Raucherinseln. Aber mindestens ebenso wichtig wären noch mehr Zonen, in denen das Denken ausdrücklich erlaubt, vielleicht sogar erwünscht ist.

Aber zurück zur Ernst-Lyrikszene (E). Die E-Lyrik-Szene in Deutschland hat heute in ihrer scheinbaren Marginalisierung eine Art Artistikfunktionärstum ausgebildet.

Nur: Artismus in der Sprache kann heute jeder.

Wer ein bisschen den Stift halten kann, schreibt ein Artistik-Gedicht
heute in 5 Minuten hin.

Eins zwei Hai,
das waren Worte drei,
Fehlt noch ein Zeilenbruch
Huch,
war ein Versuch,
es braucht noch Phantasieworte
Plappergei Rasiertorte
Biosonne, Basmatireis
und ab zu Suhrkamp: Huchelpreis

Der deutsche E-Lyriker schreibt sein Zeug heute so, wie sich Kleinfritzchen
E-Lyrik vorstellt. Damit bedient man ein bestimmtes Klisché von „Raunen“, von „Bedeutsamkeit“ oder von „unauslotbarer Tiefe“ oder von „Hermetik.“

Und der halbgebildete Mittelschichtsleser dankt ihm dafür, dass sein Klisché bedient wird. Das ruft dann die Berufs-Interpreten auf den Plan, den Kritiker, der dann mit  Worthülsen einen Gedichtband folgendermaßen bespricht:

„Der Dichter XY schafft es, den kleinen unscheinbaren Dingen große Poesie zu entlocken und uns einen neuen Blick auf die Welt zu schenken. Die Sprache von Dichter XY entzieht sich subversiv der schnellen Gebrauchsfertigkeit. In originellen Fügungen und überraschenden Brechungen werden Hörgewohnheiten hinterfragt und damit Sinnzusammenhänge freigelegt, die der Alltagsprache verborgen bleiben.“

Mit diesen beiden Hülsensätzen kann man heute und in Zukunft jeden Gedichtband besprechen und fertig ist die Lyrik-Kritik.

Nur ist dieses Abziehbild von Dichtung eben keine Dichtung.

Wie wäre es denn einmal mit dem Versuch, den großen Dingen, große Poesie zu entlocken, eben weil sie groß sind und nicht klein!

Dann gibt es da auf der anderen Seite die anderen E-Schreiber, die „neokonservativen“ Rauner, die mythisch Weihevollen. Sie haben es sich zur Devise gemacht, wenn ein tonaler Sprachgestus nur bedeutsam genug klingt, artistisch „tricky“ ist, oder wenn in den Hebungen und Senkungen der Perioden etwas Gesalbtes oder Weihevolles oder Musikalisches hineinklingt; und wenn man hier und da ein paar seltenere Fremdworte einstreut, garniert mit ein paar abgelegenen Namen aus abgelegeneren Zitateplantagen plus Griechenglutamat –  dann wird so ein Text schon auch irgendwie bedeutsam und gelehrsam sein.

Das ist seit Jahren auch die Masche von Botho Strauß, leider.

Aber Botho Strauß Texte haben mit Dichtung nichts zu tun.
Botho Strauss, ein ehemaliges Talent der deutschen Sprache, hat seinen Erfolg mit seinen mittelmäßigen Arthur-Schnitzler-Tschechov-Versatz-Stücken letztendlich mit Verkalkung, poetischer Dürftigkeit und literarisch-sprachlicher Inkompetenz bezahlt.

Gibt man seine E- Texte wirklich mal in die Materialprüfstelle, dann offenbart sich Recyclingpappe, Spanplatte, Pressglas, Plastik.

Man würde sich die guten alten schmallippigen Pauker heute zurückwünschen, wenn man es mittlerweile nicht besser wuesste.

Wird die nur geschriebene Poesie, in welcher Form auch immer, szeniert, inszeniert, ironisiert, distinktioniert, diskursifiziert, medialisiert – verschwindet sie früher oder später hinter irgendeinem Seelenlack, der entweder aus  weihevollem Raunen (Konservatismus),  aus Pseudowitz oder aus pseudostoischem Grinsen zusammengemixt ist. So leidet die E-Dichtung heute in Deutschland an Ironotremor und Individualizykose.

Insofern behält Pink Floyds Song eben dann doch wieder seine tiefe gültige
Wahrheit.

Der Fleischwolf in dem Video – das ist heute der Küchenmixer
des Gleich-Gültigen der „E-Lyrik-Diskurse“.

Hackepeter – das ist das Einerlei. Einerlei weil geistlos. Hacke Peter Hacks.
Einerlei weil Allerlei. Aber nicht mehr Muskel, nicht Gehirn.

Die Küchenmaschine nimmt alles, weil ihr alles Einerlei ist.
Das Deutsche kennt dieses schöne Wort „Einerlei“ –

Man sagt manchmal: „Das ist mir doch einerlei.“ wenn man
sagen möchte: Das ist mir gleichgültig.

Das Allerlei des Einerlei. Biomasse?

Hölderlin auf einem „Poesiefestival“ zum Thema „Seele“?

Hölderlin auf dem blauen Sofa der Buchmesse, das vorher von Juli Zeh,
von Ann Cotton oder von Ingo Schulze warmgepupst wurde? Undenkbar.

Schon das Wort „Poesiefestival“ ist albern.
Obwohl, es müsste nicht albern sein, wenn es eine Art „Dichterwettstreit“ wäre,
wie ihn die alten Griechen gekannt haben. Aber im Einerlei des Allerlei kann es keinen Dichterwettstreit mehr geben, der Sinn macht.
Denn worüber sollte man streiten oder vielmehr – um was streiten? Um die „witzigste“ oder um die originellste „Diskursschleife“?

Den Dichterwettstreit gibt es heute nicht mehr in der E – Lyrik; es gab ihn frueher einmal in der Chart-Statistik im Radio. Wer mit seinem Song auf die ersten Plätze in die Charts kam, hatte gewonnen. Zumindest beim breiten Publikum. Das ist sogar manchmal heute noch so.

Wobei das heute auch nicht immer eine relevante Aussage ist. Denn nach den nächsten vier Wochen ist schon wieder jemand anderes in den Charts. Aber es gibt auch im Pop große und ewige Klassiker. Wie zum Beispiel Pink Floyd.

Der Küchenmixer – das ist heute in Deutschland das Einerlei des Allerlei.
Das Gleichgültige.

Das Einerlei einer Sprache, die von Poesiefestival zu Poesiefestival hastet, immer in der Hoffnung, dass die Einladungen und Literaturpreise nie abreissen oder dass sich ihnen irgendwann einmal ein Posten oder Pöstchen auftut in irgendeiner Akademie oder in irgendeinem Lyrikgremium.

Wie weit, weit, weg und vergangen das Anliegen dieses berühmten Welt-Songs von Pink Floyd heute erscheint, und wie geradezu verjährt die Aussage in dieser Eingangssequenz daherkommt. Aber nein, das ist sie gerade nicht. Der Song behält weiter seine Aktualität.

Oh, jetzt habe ich mich schon wieder wiederholt.
Aber manchmal hat das auch was für sich, es wird ja so viel überall wiederholt. Es wird ja ständig und immer und überall wiederholt.

Eine alte Redewendung sagt, jemand könne von etwas ein Lied singen.
Wenn jemand von etwas ein Lied singen kann, dann meint das: Wovon man ein Lied  singen kann, dann ist das schon nicht mehr die allerneueste Neuigkeit.

„Davon können wir ein Lied singen.“ – sagt: der Anlass des Liedes ist bereits durch mindestens Einhundert Umdrehungen gegangen und sehr bekannt bis allzubekannt. Der Anlass des Liedes, von dem wir ein Lied singen können, hat sein Frischedatum, als es gerade erst in aller Frühe am Werden war, bereits überschritten.

Wovon man ein Lied singen kann, dass ist durch eine Latenzperiode gegangen, durch eine Zeit hindurch, als noch niemand „ein Lied davon singen konnte“.  Jetzt aber, heute und hier, singen wir davon ein Lied.

Ein Lied von etwas singen können heißt soviel wie: Dieses Lied besingt schon nichts mehr, das wächst, reift und lebt. Es singt eigentlich nur noch eine Mechanik ab. Wovon man ein Lied singen kann, dass ist eine Routine geworden, die man genau so gut auch programmieren oder auf eine Maschine übertragen könnte.

Wovon man ein Lied singen kann, das kann man eigentlich auch ablegen, abheften und in den Schrank stellen oder einer Mechanik übergeben, die „sich selbst singt“.

Dieses „Sich-von Selbst-Singen“ – eines Liedes, von dem man ein Lied singen kann, betrifft auch den Übergang von einfacher Materieansammlung hin zu einer „sich-selbst-erzählenden“ DNA oder einer ersten sich selbst erzählenden (autopoetischen) Zelle.

Im ersten Einzeller begann die Evolution damit, ein Lied zu singen, von dem man ein Lied singen kann. Mit anderen Worten: Die Evolution lernte dazu. Sie eröffnete eine neue Reflexionsmenge. Die Ursuppe auf der frühen Erde hatte irgendwann einmal gefragt: Warum soll ich ständig diesen ganzen Materiebrei hin-und her-schwappen lassen? Können das die Moleküle nicht selbst übernehmen? Können sie ihr Lied nicht selber (autopoetisch) singen?

Kann nicht vielleicht das Leben selbst mein altes Lied, von dem ich ein Lied singen kann, fortan selbst übernehmen?

Insofern sind Lieder, von denen man ein Lied singen kann, auch so etwas ähnliches wie Programmroutien eines Prozesses, der irgendwann beschließt, „sich selbstständig“ zu machen.

Wovon man ein Lied singen kann, das muss einen aktuell lebensbezueglich nicht mehr wirklich beschäftigen. Das Lied singt sich von selbst. Es wird autopoetisch. Man kann das Thema ganz getrost dem Lied übergeben, von dem es dann ein Lied singen kann. Das Lied, von dem man ein Lied singen kann, das kann man, ja das muss man als Mensch sogar verlassen oder abstoßen in Richtung Aufbruch, Entdeckung, Neuigkeit – hinein in eine Region, in der noch keine Lieder gesungen und in der das Fahren noch keine Erfahrung geworden ist.

Das Lied, von dem man ein Lied singen kann, ist am Ende immer ein ganzes Zeitalter oder eine kleine Epoche, die nun abgelegt wird in ein Lied, von dem man ein Lied singen kann.

Ebenso verhält es sich mit Zitaten.
Was man zitieren kann, hat sich bereits „selbstständig gemacht.“ Die DNA, die Zelle oder der Einzeller ist ein „Zitat“ der unbelebten Materie.
Denn jedes Zitat hat bereits ein Eigenleben, ist eine autopoetische Zelle.

So übergibt die hin- und herschwappende Materie der Ursuppe irgendwann ihr Lied, von dem sie ein Lied singen kann, an den ersten Einzeller, der sich fortan selbstständig macht – als ein Zitat des Ganzen. Die Desoxyribonukleinsäure und der Einzeller zitiert die Materie in Anführungsstrichen.

Heiner Müller, Traumwald

Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldener Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

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