Schlagwort-Archive: Kunst

Cézanne im Windkanal

Wäre ich ein Maler,
zwei Pfirsiche würde ich malen und Äpfel zwei
ein Gemälde voller Kugeln, voller Sonnen, voller Rund
würde es malen als Obst in der Schale
Auf dunklem holzgewachsenem Grund
lägen sie beieinander
in voller Reife, voller Farbe, vollem Prall
bei unversehrter Haut
jede Frucht ein ungeplatzter Ball
doch voller Risse, voller Bisse und..

… ich bin kein Maler
Meine Schale ist die Sprache
und die ist voller Mund

Hallo Paul Cézanne, schön, dass Sie hier einmal vorbeischauen. Réalisation – so hieß eines Ihrer Lieblingsworte, das Sie im Zusammenhang mit Ihrer Kunst gern gebrauchten und sich vorgaben als Programm. Etwas, wonach Sie suchten und was Ihnen die Arbeit so langsam machte und zugleich so anspruchsvoll.  „Réalisation“ – eine Art von Synchronaktivität zum Wesen der Naturwahrnehmung?
Die Ergebnisse Ihrer Bemühungen sieht man heute immer wieder gern. So wurden Sie unter den Malern der erste Flugzeugkonstrukteur. Ich habe Ihre Konstruktion hier sogleich in den Windkanal genommen. Sie
hat Auftrieb. Ich gratuliere. 

 

der-bahndurchstich

Paul Cézanne: „Der Bahndurchstich“  – um 1870

 

Was genau ist eigentlich ein Pinselstrich?

Mona Lisa am Flachbildschirm

* * 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched(Für M.)

Nach wie vor unbeantwortet bleibt die Frage, warum für manche Worte der Plural fehlt. Die Zeit, die Zeiten – das geht. Aber die Dauer?
Die alte philosophische Frage, ob das Leben ein Traum ist, hat sich insofern erledigt, weil Menschen offenbar so beschaffen sind, zwischen Traum und Nicht-Traum zu unterscheiden. Die Tatsache, dass Menschen diese Frage stellen können, beruht auf einer Unterscheidungs-Fähigkeit. Und diese Unterscheidungsfähigkeit wiederum darf man mit einem alten aus der Mode gekommenen Wort bezeichnen: Geist.
Den Beweis, dass das Leben kein Traum ist, liefert der Klartraum.
Im Klartraum träumen wir und wissen dabei, dass wir träumen.
Umgekehrt habe ich noch nie jemanden sagen hören: Ich lebe und komischerweise weiß ich es auch.

Gerüchte gehen um, ein Museum sei in Planung, dessen Räume gewidmet werden sollen dem wertvollsten Kunstwerk aller Zeiten, und man erzählt sich, dieses Kunstwerk sei der Mensch. Angeblich sähen die Planungen vor, den innersten Teil des Gebäudes zu reservieren für einen kleinen Zettel, hinter Panzerglas und gesichert durch Temperatursensoren und laser-gestützter Positionsüberwachung, einen kleinen Zettel mit kleinkarriertem Linienmuster, auf dem eine Bleistiftkritzelei sich bei kurzer Betrachtung verdeutlicht als die Zeichnung eines herrenlosen Oberlippenbarts.
Es heißt, irgendwer habe diesen  Zettel einmal aus einem kleinen Ring-Notiz-Block gerissen und das Bärtchen darauf gekritzelt, ganz ohne Lippen, ohne Nase und ohne dazu passendes Gesicht, sei dieser herrenlose Oberlippenbart wiederum einem anderen Finder auf einem Dachboden in die Finger geraten, der ihn sofort als das Bärtchen der Mona Lisa identifiziert und der europäischen Kunst-Sach-Verwaltungsbehörde übergeben habe gegen einen unverhältnismäßig kleinen Obulus.
Jetzt soll das Ding im innersten Zentrum des neuen Museums seinen Platz bekommen, streng bewacht als eine Ikone der Ikone: Das Bärtchen der Mona Lisa.
Als verschollen gilt bis heute der Stift des Zeichners, aber wer weiß, vielleicht taucht er irgendwann wieder auf und wird dann auf Samt gebettet und wunderhaft dem ausgerissenen Zettel beigelegt.
Doch weil die Verlegenheit, der Mona Lisa hier zum wievielten Male eigentlich irgendein Sprechen oder Sagen zuzumuten, ebenfalls den berühmten langen Bart ausstellt (und weil es sich anfühlt wie die Besprechung eines Stücks Rauhfasertapete) fehlt bis heute  ein weiteres Requisit: Ockhams Rasiermesser. Würde man es finden, auch ihm gebürte ein Ehrenplatz im Museum des aller Zeiten wertvollen Kunstwerks.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Kann man die Mona Lisa heute noch stehlen? Sie freistehlen aus ihrem Museum? Kleinkram. Für Meisterdiebe keine Herausforderung. Meisterdiebe üben sich bis heute (vergeblich) darin, die Karrikatur zu ent-wenden, das Bärtchen der Mona Lisa zu klauen und spurlos verschwinden zu lassen, auch wenn sie bisher immer scheitern mussten als wie auch immer denkbar gut organisierte Panzerknackerbande. Sogar die besten Fälscher wären heute nicht mehr im Stande, die Mona Lisa zu malen ohne ihr Bärtchen. Tausendmal stärker gesichert ist das angekritzelte Dingsbums der Mona Lisa als die Identität der Frau auf dem Gemälde selbst. Gesichert ganz ohne Alarmanlage. Die Mona Lisa, ohne Bärtchen, ist nicht mehr zu haben.

Wo war die Mona Lisa? Wo kommt sie her, wo geht sie hin?

Will man der Idee einer Zentralperspektive noch etwas abgewinnen vom Ausgangsort der Gegenwart? Muss man sich hineinbohren in kilometerdicke Sedimente abgelegener Archive, wo schwer zugängliche Materialien aus längst vergangenen Zeiten die Atemwege mit dicken Staubeinträgen belasten, bis sich die Wolken wieder gelegt haben und der Forscher hustend  und pustend ganz allmählich hier und da etwas Brauchbares erkennt, ein Schnipsel, ein Papier, ein Fragment, eine Skizze, eine Leinwand oder ein Artefakt in einem Bild?
So ein fast vergessenes und verstaubtes und schwer zugängliches Bild zeigt hier  eine Frau inmitten einer Landschaft, gemalt/vermählt von einem italienischen Naturwissenschaftler zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Das Bild der …Frau in ihrer Landschaft …. ist als typischer Archivfund so gut wie unbekannt. Wohl ganz zu Recht war es deshalb über die Jahrhunderte in die untersten Sedimente der Wahrnehmung eingesunken, und es bedurfte eines großen Aufwands, da heranzukommen, das Bild überhaupt noch einmal zu heben, damit es nun endlich nach Jahrhunderten wiederwahr vor Augen tritt. Doch gerade eben darum, weil das Bild so wenig gesehen und so spärlich interpretiert wurde, nie jemanden inspiriert hat und weitgehend unbekannt geblieben ist, legt es die Motive und Gewichte einer bestimmten Frage nahe, oder viel mehr legt es sie in eine Frage hinein, in der die Zentralperspektive – vielleicht nicht direkt gefunden – aber ziemlich neu belebt und illuminiert zur Aufführung gekommen war.

Die… Frau gemahlt/vermählt in ihrer Landschaft …wie nach getaner Arbeit verschränkt sie die Arme, und was hat sie für eine Schwerstarbeit leisten müssen in den letzten 500 Jahren, war sie müde geworden vom Stemmen der Hunderttausend Tonnen Blicke? Die Arme verschränkt sie jetzt dafür, doch nur so weit, dass die ganze Haltung ihr noch nicht als  „mit verschränkten Armen vor dem Körper“ ausgelegt werden kann. Sie gibt uns noch eine Chance, eine kleine zweite Chance.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Sie dreht Däumchen – immernoch – oder eben nicht. Worauf wartet sie? Wartet sie auf ihre Applikation? Darf man so dasitzen bei einem Bewerbungsgespräch? Achtet Sie auf Ihre Körpersprache? Würden sie einstellen diese Frau als Mitarbeiterin in ihrem Betrieb? Was sind ihre personell skills?…

…kann sein, als bekannt vorraussetzen darf man das Gemälde bei einigen Spezialisten, Kennern und Anhängern der hartnäckigen Verschwörungstheorie.
Es genießt hier sogar ein gewisses Ansehen. Und wie üblich bei Verschwörungs-Theoretikern, sucht man nach codiert gehaltenen Anzeichen, Geheimwissenschaften oder Symboliken, die nur echten Eingeweihten oder Insidern obskurer Zirkel zugänglich sind.
* 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched*
Was jedoch nur selten klar zu besprechen ist; nicht aus der Tiefe irgendeines Undercover oder einer  komplexen Verschlüsselung entbergen sich die Geheimnisse; sie entziehen sich dem Blick in fernster Nähe an der Oberfläche einer Sphäre der Jedermanns-Sichtbarkeit und Jedermans-Wissbarkeit.

Seit wann genau lebt der Mensch in einer Verschwörungstheorie gegen sich selbst, die ihm den Zugang zur Lichtung versperrt. Seit wann lebt er in diesem Zeitalter seines angekritzelten  Oberlippenbarts, im Zeitalter seiner eigenen Karrikatur und seiner Doppelcodierung ?

Die Geschichte der Moderne beginnt nicht erst mit der Dampfmaschine, sondern schon viel früher – mit der Erfindung der Schrift und aller ausdeutbaren Zeichen. Die BE-deutsamen Zeichen.

Seit es die „gestellte“ Schrift und ausdeutbare Zeichen im großen Kommunikationsfeld gibt, lebt die Menschengemeinschaft  ganz automatisch in einer Auslegungstradition, die zugleich auch einen Auslegungszwang
mit sich bringt. Ebenso einen BE-Deutungszwang.

Zu jedem „echten“ Zeichen exisitert immer auch schon der Schatten
seiner „Auslegung“
Eine kleine Geschichte der Verschwörungstheorien. Die geschaute Welt hat seit der Erfindung zeichenhaft deutbarer Dokumente und Artefakte ganz prinzipiell und logischerweise ein Fälschungsproblem und ein Authentizitätsbroblem. Man  kann sagen: Mit der Erfindung des zeichenhaften Dokuments, bekam die Welt automatisch einen doppelten Boden in ihr Haus  eingebaut. Absolut jedes Dokment lagert in diesem Zwischenboden zwischen Richtiglesern, Falschlesern und Niemandsfälschern.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Das Vertrauen auf Unzweideutigkeit der Welt-Lese hatte mit dem großen Inkrafttreten der Schriften und Zeichen einen größeren Knacks bekommen.

Man muss sich also eine frühe Welt vorstellen, in der es keinerlei Dokumente, keinerlei Schrift und keinerlei medialen Zeichen gibt. In dem Moment würde die Welt aufhören, „zweideutig“ zu sein.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Archaische Schamanen, Priester und Astronomen gingen davon aus, dass man die Welt lesen müsse und keine Schriften.

Dass sie dabei „zufällig“ die ersten mathematischen und astronomischen Gesetze der Natur erkannten, war ein schöner Neben-Effekt.
Deshalb ruht alle Mathematik und alle Naturwissenschaft von ihren Wurzeln her in einem Grund der Welt und nicht in einem Grund der Schrift.

Eine frühe Welt, in der es keine Schrift, keine medial vermittelten  Zeichen und keine Dokumente gibt. In dem Moment fällt ein großer Teil der berühmten Fragen von: „Ist das authentisch oder gefälscht?“ Oder auch: „Wie ist das gemeint?“ Oder auch: „Was wollte uns der Autor damit sagen.“ einfach weg.

Erst in dem Moment, als das „Zeichen“  vom magisch rituellen oder sakralen Gebrauch eines „Welt-Zeichens“  in die Schriftzeichenlage und in den Dokumentenverkehr und schließlich in die rechnenden und handelnden Schriftgeschäfte Einzug hielt, erst in dem Moment beginnt die Menschenwelt als eine ewig doppelbödige und zweideutige Auslegungsfrage und Schriftdeutungslage und Zeichen-BE-Dedeutungsfrage in einen Mißtrauensort großen Stils einzulaufen.

Der notwendige Modernisierungs-Schub durch die Erfindung der lesbaren Zeichen und verkehrsfähiger Dokumente musste erkauft werden zum Preis eines ewigen Mißtrauens gegen diese Schrift und gegen diese Dokumente. Weil der Urheber des „Zeichens“ jetzt nicht mehr „die Welt“ war  (zum Beispiel Blitz und Donner) sondern Urheber des Zeichens war ein Mensch, dessen „Authentizität“ fortan nur noch damit legitimert werden konnte, dass man sagte: Er habe seine Zeichen empfangen von einem übernatürlichen Wesen.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Ab sofort traten neben dem einfachen Lesenkönnen und dem Schreibenkönnen viele Nebendisziplinen auf den Plan: Das Verschlüsselnkönnen und das Auslegenwollen. Das Nichtlesenwollen oder das Nichtlesendürfen. Das Falschlesenkönnen oder das Falschlesenmüssen eines Zeichens, ob absichtlich oder unabsichtlich, ebenso wie die großen Unsicherheiten zwischen einem Allzuwörtlichlesen und einem alegorisch gebundenen Inhalt.

Nur die Philosophie, dort, wo sie wirklich ernst genommen wurde, hat sich immer den Auftrag bewahrt,  gleichermaßen zwischen Weltferne und Weltnähe aufgespannt zu bleiben und Gespräche, Schriften und Gedanken hervorzubringen, die dem einzig originalen Menschenmerkmal dienen: dem Denken.

Deshalb ist es für einen Nicht-Verschwörungstheoretiker wie für einen Philosophen eminent wichtig, die Herkunft und die Genese seines Werkzeugs, also der Schrift, zu kennen. Und er muss beachten, dass auch Zeichen, Buchstaben, Runen, und das Alphabeth in ihren Anfängen und Gründen aus schamanistischen und magischen Zeichenhandlungen hervorgegangen sind.

Seit dem  Übertrag des „Zeichens“ aus der rituellen und magischen Sphäre auf die Tagesgeschäfte wurde das Weltverhältnis weniger vom Verhältnis der Alphabeten zu den Analphabeten bestimmt, sondern vom Verhältnis der Verschlüsseler und Verklausulierer, die in einem ernährenden Mißtrauensverhältnis agierten  zu den Entschlüsselern,  Korrekt-Auslegern, oder Mißverstehern.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Ein weiterer nicht zu unterschätzender geschichtsbildener Effekt, der mit der Schrift in Kraft trat, betrifft die Frage nach der „Echtheit“ oder „Unechtheit“ von Dokumenten ebenso wie die Frage nach der „Authentizität“ von Personen, die sich mit echten oder unechten Schrift-Dokumenten immer mehr auszuweisen hatten.

In dieser Phase der Weltgeschichte wurden bald auch die ersten Personaldokumente als Authentizitätsnachweise erfunden und es löste sich so ganz allmählich die Botschaft von dem Boten ab.

Ob ein Mensch „authentisch“ der war, der er vorgab zu sein, musste immer stärker das Schriftdokument oder das Siegel in seiner Hand beantworten und immer weniger stark der real anwesende Mensch selbst.

Kurioserweise wurde damit aber jetzt „fälschbar“der ganze Mensch.
Ein gefälschtes Personal-Dokument genügte und der ganze Mensch war weggefälscht.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

So lässt sich sagen: Mit der Möglichkeit, Gedanken und Nachrichten, Botschaften oder Eindrücke, Ausdrücke „zeichenhaft“ oder schriftlich niederzulegen,  kam zugleich  die Idee der Codierung, des klandestinen „Geheimzeichens“ und der Verklausulierung oder der Fälschung in die Welt.

Mit dem großen Inkrafttreten der Schrift und BE-Deutungszeichen war zugleich ein wesentliches Prinzip der Verschwörungstheorie und – Praxis  geboren worden; und mit ihr eine Moderne, die man auch als konspirative Moderne bezeichnen kann.
Wieviele Geschichten oder Dramen kennt man, in denen nicht selten gefälschte oder unterschlagene oder falschgedeutete, mißverstandene, zu spät gekommene, zu früh gekommene oder verlorengegangene oder in Geheimschrift verfasste Schriftdokumente zum Motiv-Motor dienen konnten  für Intrigen, Tages- oder gar Weltpolitik ?
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
*
Die zeichenkonspirative Moderne „zeichnet sich seit dem aus“ zwischen den Polen  „Verborgenheit“ und „Offenbarung“. Zwischen Figuren mit „echten“ Schlüssel-Rollen und Figuren mit „falschen“ ENT-Schließungs oder Offenbarungshalluzinationen.

Dumm nur, wenn solches Suchen nach Verborgenheiten und Verschwörungstheorie auf Orte übergreift, wo es nichts Verborgenes gibt. Wo alles offen daliegt. Wie zum Beispiel hier bei der Mona Lisa.

Die Wahrheit liegt wie Öl auf dem Wasser. Oder eben wie das Öl auf dem Gemälde. Geheimgehalten wird hier nichts. Verschwörung liegt nicht vor. Alles steht ganz offen, un-heimlich so da, wie es sich zeigt.

*
302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Die Geheimnislosigkeit ist es, die diese Landschaft gewordene Frau so un-heimlich macht. Da liegt überhaupt kein einziges Rätsel in diesem Bild.
Vorne Frau groß. Hinten Landschaft perspektivisch fliehend. Unten eine Morgendämmerung der Hände.  Oben das helle Antlitz, dessen Licht von unten aus dem dämmernden Grund des Bildes zur Stirn hin aufgegangen ist.
Ihre unten aufglimmenden Hände sind nach oben hin aufgegangen zum Gestirn, zum Begriff, zu Geschichten, zum Ge-Sicht.
*
302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
*
Ganz offen da liegen ihre Hände, ganz ruhig da, in Normalverteilung  klar vor unseren Augen. Aber all das liegt nicht nur vor Augen,
es liegt auch  – in einer Landschaft – und hat mit dieser innehaltend ein Verhalten im Verhältnis.

Die Frau also hat im Verhältnis ein Verhalten. Aber mit wem? Wer hält sie?
Was hält sie? Mit wem oder was hält sie – inne? Mit einer Landschaft?
Wie soll man das bewerten mit heutigen genderpolitischen Ambitionen dieses….Verhältnis…zur Landschaft?
Wir haben vor allem ein Verhältnis mit uns selbst, zu anderen Menschen – und wenn es hochkommt  – noch zu einem Land.

Aber was heißt es, ein Verhältnis zur Landschaft haben?

Google, das Wort,  auf einen Zahlenbegriff soll es verweisen für eine Riesenzahl, grenzend  an ein Unendliches. Beim Googlen also im Suchbegriff der „Mona Lisa“  findet „sich“  die Bilder-Auswahl als eine kleine Mentalitätsgeschichte der Deformation. Richtig eingesetzt ergibt die Suche ein anthropologisches Forschungsgerät zur Geschichte des Sehens.
Statistisch zeigen die algorhythmisch ausgegebenen Bildergebnisse „Mona Lisa“ in der Google-Versuchungs-Maschine entweder überwiegend ein Close-up vom Gesichts-Nahbereich der Mona Lisa, oder man erhält ganz viele Karrikaturen und visuelle Verformungen des Motivs als Verballhornungen der Figur.
La Gioconda – „die Heitere“ – oder „die Tröstende“?
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Heiterkeit allein hatte offenbar nicht mehr genügt oder überzeugt in den letzten Hundert Jahren. Immer stärker dagegen wuchs es an, das Bedürfnis, der Heiterkeit des Gemäldes noch etwas anzukritzeln: Ein Schnurrbarrt, eine Brille, eine längere Tabakspfeife etc…
Ein Jahrhundert zeigt sich, in dem allmählich verloren gegangen war das Empfinden für den Gemütszustand der Heiterkeit.
Surrogate traten an Ihre Stelle, die günstiger und billiger zu habende Witzigkeit (Witzischkeit) Hinz-und Kunz-Ironie, Lustigkeit (Lustischkeit) oder eine Art von schiefmündischem Grinsen in Dauerfalschheit.
Proportional – im Verhältnis –  dazu –  ging  ebenso verloren ein Empfinden für den Gemütszustand Melancholie. Man weiß nicht mehr, was das ist, Melancholie.
So wird die Melancholie nur noch verwechselt oder ersetzt  mit Volkskrankeiten wie Depression oder Burnout, während die Heiterkeit allzuoft missinterpretiert wird als die graue Putzmunterkeit eines geistig und mental verödeten Vitalismus.
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Aber Heiterkeit? Deshalb darf man heute fragen: Wie ist jemand innerlich organisiert, der, zum Beispiel wie George Steiner 2008, auf die Idee kommt, einem Buch den Titel zu geben: „Warum Denken traurig macht?“ Wie ist es mit dem Intellekt von jemandem bestellt, der das Denken als traurigmachend denunziert?  Und wie ist mit der Heiterkeit desjenigen bestellt, der der Mona Lisa ein Oberlippenbärtchen anmalt?

Warum wurde das Ge-mählde so oft vom  „Gesichts-Punkt“  des Gesichts her karikiert und nicht vom „Gesichtspunkt“  der Landschaft?

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Na gut, geschenkt, nicht so wichtig. Was den Kosmosphen hier interessiert, ist die „fernste Nähe“, die sich aus der Behandlung der Zentralperspektive ergibt und aus dem offensichtlichen Zusammenhang der Körperhaltung und Kleidung der Frau in Stoffen, Farben und Linien mit den geswundenen und fliehenden Wegen, Bergen und Seen der dahinter liegenden Landschaft.
Ebenso wie die Frage, ob es beim Thema Zentralperspektive noch etwas zu sagen oder zu denken gibt, dass noch nicht gesagt wurde. Findet sich hier im Bekannten ein Noch-Nicht-Erkanntes?

Zentralperspektive: Leonardo am Flachbildschirm.

Der Vorteil eines Gemä(h)ldes gegenüber einem einfachen Bild: Es zeigt eine Vermä(h)lung.  Ein kleiner Wasserfall stürzt über ihre vordere Schulter, dessen Strom im Dunkel der Schlucht Ihrer Arme verschwindet und dann im Hintergrund als fließender Feld-Weg in der Ferne wieder auftaucht und bald auch wieder abfließt – hinein in eine See.
Das ist ihr sehender Weg: Eine um sie herumstürzend herkommende Herkunft und ihr zukommmende Zukunft.
Die Mona Lisa ist – aus ihrem Rücken in ihr Bild gekommen, so, wie man in eine Frage kommt. Die Frau hat zwar Vergangenheit, aber wer das Bild zum ersten Mal sieht, für den kommt die Mona Lisa aus der persönlichen Zukunft.
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Die Lexikas fragen nach der personalen Identität der Figur. Mittlerweile sehr auffällig in der Rezeptionsgeschichte des Bildes steht die Frage nach dem „Wer?“ Wer war die Frau? Gab es sie wirklich? Kennt man ihre „Identität“? Wie war ihr richtiger Name? Hatte Sie vielleicht irgendeine Krankheit? Warum lächelt sie so eigenartig? Sind Ihre Hände geschwollen? Warum guckt sie so komisch? Litt Sie vielleicht an einer Stoffwechselkrankheit oder an einer Gesichtslähmung? Ist es überhaupt eine Frau? Kauft sie bei Amazon ein, oder bestellt sie ihre Klamotten bei Zalando?

Ganz wichtig offenbar war es dem letzten Jahrhundert, diese…. Frau in ihrer Landschaft…. erkennungsdienstlich zu behandeln. Zu gerne möchte man sie   aus ihrer Landschaft herauslösen und an eine erkennungsdienstliche Individualität nageln: Lisa Giocondo… oder Lisa di Noldo Gherardini?
Geboren am… wohnhaft in… verheiratet mit… sozialversichert seit…berufstätig….nimmt gerade das Erziehungsjahr oder auch nicht….
…so, als wäre sie eine illegale Einwanderin oder eine staatenlose Person ohne Personalausweis.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Sie soll gefälligst staatenhaft werden und mit uns heutigen Wohnungs-und Befindlichkeits-Menschen verheiratet sein, sie soll nicht vermählt bleiben mit ihrer Landschaft. Sie hat gefälligst zu kooperieren mit unserem Wer-bist-Du-Was-machst-du-Wo wohnst du-und-Wie-fühlst-du-dich-Erkennungsdienst.  Sie darf uns verdammt noch mal nicht aus so weit entrückter Ferne so dermaßen zu nahe treten! Wo ist mein Leitzordner, mein Einwohnermeldeamt, mein Stempelkarussel?

So bemüht sich die Forschung seit Jahren dringend, sehr dringend, allzu dringlich, um den Beweis, dass dieser Mensch auf dem Bild da, diese Menschin ja, tatsächlich einen Personalausweis vorweisen kann und zu uns gehört. Ja…sie hat einen Ausweis…eine Zeit lang glaubte man sicher sein zu können, wer die Person war…noch einmal Glück gehabt. Große Erleichterung. Wer hätte das gedacht. Sie ist keine Illegale, keine Sozialschmarotzerin, sondern wahrscheinlich aus identifizierbarem Hause.

Sie aber zeigt die „kalte Schulter“,  die von einem um sie herumstürzenden Wasserfall gekühlt wird. Ein Gemälde mit Wasserkühlung, ein Hochleistungscomputer.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched*

Dann kippte die Stimmung, und man war sich plötzlich doch wieder nicht so sicher, wen oder was das Bild nun eigentlich zeigt.
Wer mit Nachschlagewerken hantiert, muss diese Nachschlagewerke  immer mit einem Doppelblick für Symptome lesen und erfassen. Jedes Lexikon lässt sich doppelt lesen im Silberblick. Einmal als Nachschlagewerk für Fakten und dann noch einmal als Indiz für die Psychosphäre einer Epoche.
Wonach wird am dringlichsten gefragt? Was liegt am dringlichsten im Interesses der Enzyklopädie? Was gilt gerade als überhaupt nicht befragenswert? Oder in welcher Priorität und Gewichtung werden die Fakten präsentiert? Man darf natürlich auch Lexikas nicht einfach so – lesen – nach Fakten starrend
Die Psychosphäre einer Enzyklopädie-Generation erfasst man, in dem man darauf achtet: Wo liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der Enzyklopädisten. Welchen Fragen wird nachgegangen?
Was wird hier als mitteilenswert, relevant, erfoschenswert und als wichtig erachtet? Und was nicht.
Und natürlich, wie nicht anders zu erwarten, beschäftigt sich Wikipedia als aller Erstes mit dem individuellen Personalausweis des hier gemalten Menschen.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Habe ich gerade Mensch gesagt? Fragst du nach dem Menschen oder der Fiktion der Mona Lisa oder fragst du nach der Monna Donna, der Frau aus Fleisch und Blut?  Bist Du an Körpern interessiert oder an Verhältnissen, Proportionen und  Ideen ? War das feministisch oder genderpolitisch korrekt?  Hätte ich nicht lieber sagen sollen Frau oder Frau/in ? Oder habe ich mich gerade als asexuelles und sinnenfernes Neutrum geoutet, dem der Arsch und die Titten der Frau Mona Lisa egal sind? Ein noch schlimmeres Vergehen, aufpassen muss man…

Aber – Gott sei Dank – sie kann ja ganz zugleich sein Mensch und Frau. Eine Menschin. Geschichte einer Kern-Spaltung der Mentalitäten: Frage nach dem Geschauten, dem Menschen, dem Wesentlichen und du bist der Gnostiker, der Protestant, der predigende Spielverderber, der schmallippige und unsinnliche Kuttenträger, Mönch und Mystiker. Eine Nonnen-Kapuze sind ihre Haare für den Spielverderber. Frage nach dem Fleisch und Blut der Mona Lisa und du bist der ganze Kerl, der Konkret-Nehmer als Nichtsogenau-Nehmer, der Lebemensch, der Sinnenfreund, der Gaukler etc…

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Bild-Hintergrund: Der sinnenferne Mönch und Kuttenträger, der nach dem Wesentlichen fragt, der humorlos predigende Jesuit, Asket und Ottonormalprotestant. Bild-Vordergrund: Der gaukelnde Lebemensch und Nichtsogenaunehmer. Der schalkhafte Theatraliker, Spieler und Ottonormalkatholik.

Die beiden europäischen Haupt-Motive der Welt-Sicht-Kern-Spaltung sind seit 50 Jahren, genau genommen seit Einstein, verdampft und haben fertig. Flasche leer. Es lässt sich kein dialogischer Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Polen der Welt-Sicht-Kernspaltung mehr ziehen. Jede Art der Literatur, die nach Einstein diese beiden Pole zwischen Ottonormalkatholik und Ottonormalprotestant immer noch befragt hat, oder als „literarisches Narrativ“ ernst genommen hat, ist dummes Zeug.

Dagegen behauptet sich die Kunst des Naturwissenschaftlers da Vinci: Die beiden  Isotope des radioaktiven Welt-Sichts-Zerfalls haben ihn nie interessiert.
Die Welt-Sicht-Kernspaltung war für ihn (noch) kein Thema wie für uns Heutige mit „unserer (Zentral)-Perspektive“ einer schwerverletzten europäischen Geschichte.

Das wäre unser Blick, unser Gesicht auf diesem Bild.

Die kerngespaltene und radioaktive Zerfall der Welt-Sicht zwischen humorlosen Predigern, Mystikern, Wahrheits-Suchern und Kuttenträgern einerseits und den lustigen Gauklern, Künstlern, Nichtsogenaunehmern und Ottonormalkatholiken andererseits macht keinen Sinn mehr bezogen auf die posteinsteinsche Welt –

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Trinity: Die Mona Lisa als Atompilz. Unten die hellen zur Primärexplosion angeschwollenen Hände. Oben der hell aufsteigende Kopf vom Gesicht zum Gestirn, zum Gehirn.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Aber weil wir nur noch aus unserer heutigen schwerverletzten europäischen Per-Spektive einer Art Welt-Sicht- Kern-Spaltung auf dieses Bild schauen können, erzeugt es seine starke radioaktive Doppelbindung: Steht die Frau aus Fleisch und Blut in ihrem Hier und Jetzt? Oder ist sie eine Menschin im Verhältnis zu den Spuren und Wegen einer Landschaft in Ihrem Rücken, in der PER-SPECTIVE ihres Bild-HinterGRUND?

Einerseits: Gefeiert und gesucht wird die Individualität als Identität. Eine reale Persona nuss die Gioconda gewesen sein, so richtig echt aus Fleisch und Blut, die wirklich existiert hat. Es genügt uns Heutigen nicht allein, dass dieses Gemählde als Ikone unverwechselbar wurde, nein, auch die Frau selbst muss jetzt bekommen eine unverwechselbare Indentität. Mit Melde-Adresse: Lisa della Gioconda oder Lisa di Noldo Gherardini steuernummer… wohnhaft in

Andererseits: Jede „Individualität“ kommt aus einem „Weg im Rücken“, dessen Spur älter und langwieriger vorraus läuft. Die Spur dieses Weges  im Rücken beginnt nicht erst mit seinem Geburtsdatum. Das wäre ihr Verhältnis zur Landschaft.

Wie nomadisch ist die Lisa, die Noma Lisa?

Die heutige scheinbare Schizophrenie:
Als absolut frei interpretiert wird das heutige Individuum und damit herausgeschnitten aus seinem – Verhältnis zur Landschaft –   frei – verfügbar – soll es sein, jedoch herausgeschnitten aus der Fuge seiner Landschaft, den Wegen seiner Herkunft.

Die Passbilder in heutigen  Personalausweisen zeigen im Bild-Hintergrund – keine Landschaft, dafür ein graues Nichts. ENT-FERNT wurde das Individuum  aus seiner Landschaft.  Das landschaftslose Passbild hat das Individuum, wie man so schön sagt: frei-GESTELLT.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Nur: Ist ein solches absolut ENT-FERNTES Individuum mit Personalausweis und einem Passbild mit grauem Nichts, noch ein ganzer Mensch? So ganz ohne Landschaft?

„Sie möchten also beantragen ein Visum für die Andromeda-Galaxie?  Dann kommen sie ins Konsulat und bringen’S bitte zwei Passbilder mit, die Sie zeigen und ihre Landschaft im Hintergrund .“  (Kosmo-Bürokratie)

Daher das Missverständnis, die Renaissance habe das moderne Individuum erfunden. Hat sie natürlich nicht. Sie hat in ihren besten Momenten den ganzen Menschen sichtbar werden lassen in einem  – Verhältnis –  zu einer Landschaft.
Das moderne, absolut frei-gestellte Individdum, ist eine Halluzination von Rousseau und der französischen Revolution.

Eine vorsichtige Antwort soll an dieser Stelle einmal versucht werden, auf die immer sehr schwerfällig gestellte Philosophenfrage, was den nun eigentlich ein Mensch als Individuum sei und wie es dann mit der Definition seiner Freiheit bestellt ist?

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Das Wort Individuum heißt und meint „Das Unteilbare“. Und das stimmt auch.
Auf was aber bezieht sich die „Unteilbarkeit?“  Tatsächlich ist der Mensch als Individuum un-teilbar (un-trennbar) mit der Spur und dem Weg seiner Her-Kunft verbunden. Er kommt aus einem bestimmten Generationenweg der DAUER in seinem Rücken, seiner Herkunft nach.
Dieser Weg ist der Weg seiner Ahnen und seiner Ähnlichkeit, die ihn auch geprägt haben. Sei es in Kritik an den Ahnen oder in Zuwendung.  Mit dieser generativen Rückbindung nach hinten ist er UN-TEIL-BAR verbunden.
Aber als vernunft- und geistbegabtes Wesen kann er sich ebenso MIT-TEILEN, zum Beispiel über die Sprache, entweder anderen Menschen oder er teilt sich MITT seinem Gemahl oder seiner Gemahlin zu zu einem Gemählde.
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Die Freiheitsgrade seiner MIT-Teilbarkeit eröffnen ihm zugleich Freiheitsgrade der Erkenntnis seiner selbst in Bezug auf seinen unteilbaren Herkunfts-Weg im Rücken.
Je mehr Vergleichsprozesse ich bewusst mit anderen Individuen oder deren Gedanken in MITT-Teilung durchführe, desto mehr schärft sich die Wahrnehmung für das eigene Profil.
Und die Freiheitsgrade seines MIT-Gefühls zu anderen Menschen eröffnen ihm Freiheitsgrade, selbst wenn er stumm, taub oder blind geboren wurde. Weil der Mensch, der im Mit-Gefühl steht, sich allein schon dadurch mit-teilt, dass er ein Mensch unter anderen Menschen ist, die dieses Mit-Gefühl mit ihm teilen.
Mitgefühl ist also ein Mitt-Teilungs-Gefühl und kann insofern allen Menschen unterstellt werden, solange es immer eine statistische Normalverteilung gibt, in denen Menschen mit Mitgefühl zahlenmäßig überwiegen, was optimistischer Weise hier angenommen wird.
*
302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
So kann rein statistisch von einer normalverteilten Mehrheit auch für diejenigen gesorgt werden, deren Freiheitsgrade durch Krankheit oder andere Ursachen (Herkünfte oder Unglücksfälle) eingeschränkt sind.

Was man hierbei nur noch beachten sollte: Auch Konflikte, Konkurrenzen, Streit etc…sind Phänomene, die ebenso auf MIT-Teilungen beruhen. Denn ein Streit dreht sich ja immer UM eine gemeinsame Interessens-Achse in der Mitte des Streits. Gäbe es keine solche gemeinsame „um“-strittene Interessensachse, dann hätte der Streit oder der Konflikt seinen archimedischen Punkt verloren. Dann gäbe es keinen Streit, also auch keine MITT-Teilung. So sind denn auch „negative“ Mit-Gefühle wie zum Beispiel Ablehnung oder Wut nichts desto trotz Mitt-Gefühle in einem gravitativen Ungleichgewicht, das darauf hofft, qua Handeln oder eben qua Streit ein Gleichgewicht wieder herzustellen.
*
302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Wenn man um diese Mechanik weiß, kann man de-engagiert, also nichtkatastrophisch streiten, vorrausgesetzt dem anderen ist diese Sachlage ebenso bewusst.

Eine Philosophie zum Individuum (das Unteilbare) hätte also mit-zu-teilen, dass die gegebene UN-TEIL-BARKEIT nach hinten (der unteilbare individuelle Weg der geschichtlichen Herkunft) in diversen Akten der MIT-TEILBARKEIT  zu anderen Menschen peu a peu kompensiert werden kann, wobei sich eine Bewusstseinserweiterung im Hinblick auf die eigenen Existenz einstellt und der PER-SPEKTIV-WINKEL des Bewusstseins sich dadurch erweitert und damit auch der FreiheitsGRAD im Tun und Lassen.  Dieser Weg ist prinzipiell ein Konjunktiv und deshalb gibt es das Wort „Würde“ – das ja ein Konjunktiv von Werden ist. Dieses Werden aber meint den WEG der Herkunft ebenso wie den der Zukunft.

*
302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Je mehr ich über mich selbst weiß oder an Selbsterkenntnis erlange, desto größer wird mein „Spielraum“ in dem ich mich selbst als Marionette dieses UM-mich-selbst-Wissens ausführen kann. Allerdings erfordert dieser Akt der Selbsterkenntnis einen Willen und eine gewisse Beuge-Arbeit, auf die man sich durch Selbstaufmerksamkeit einlassen muss und die einem niemand anderer abnehmen kann. Von allein und einfach so stellt sich der aktiv handelbare und erweiterte Bewusstseins-Perspektiv-winkel nicht ein.

Heidegger befragt nach seinem VERHÄLTNIS zum Seyn, antwortet, Zitat: „…dass das Seyn, bzw die Offenbarkeit des Seyns den Menschen braucht und dass umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, sofern er in der Offenbarkeit des Seyns steht. Damit dürfte die Frage, inwieweit ich nur mit dem Seyn beschäftigt bin und den Menschen vergessen habe, erledigt sein. Man kann nicht nach dem Seyn fragen, ohne nach dem Wesen des Menschen zu fragen.“

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Damit hat er eigentlich das Prinzip des da Vinci formuliert:
Leonardo hat keine Bilder produziert, sondern Gemahl und Gemahlin in einem Gemählde vermählt.
In diesem Falle: Eine Menschin mit einer Landschaft. Die Menschin  – im Verhältnis mit ihrer Landschaft – steht in einer Lichtung des Seyns  – leicht eingedreht da. Sie folgt Ihrem „Spin“, einer Ein-Drehung.
Die Mona Lisa – west an.  Nicht ganz frontal zeigt sie sich, sondern kommt aus einer Zu-Wendung, die einer kleinen Tendenz zur Ab-Wendung zeigt.
Eine Not-Wendigkeit. Eine Drehung. Ihr Körper hat die Tendenz zur „kalten Schulter“.  Die Figur dreht sich von hinten aus einer ENT-fernten, ab-wegigen Dauer in den Blick hinein. Erst mit dieser minimalen Eindrehung/Einwendung von Kopf und Körper bekommt ihre Figur einen Bezug zum RÜCKEN oder zu einer BE-RÜCKUNG. und damit zum  – landschaftlich ab-wegigen –  Hintergrund, der als HinterGRUND mit dem kleinen ebenfalls in sich gewundenen Kleidungs-Wasserfall über ihrer Schulter beginnt und sich im HinterGRUND als gewundener Feldweg fortsetzt.
*

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Der kleine gewundene Feldweg, sichtbar,  jedoch hinter ihrem RÜCKEN, lässt offen, ob sie von dort her-kommt oder ob das nicht ein zu-kommender /zukünftiger Weg sein könnte, vielleicht sogar ein Weg, den man mit der Lisa della Giocond0 gehen kann.

Die bekannten Fragen: Willst Du mit mir gehen?

Willst du mit mir kommen?  Kommen? Bist Du gekommen?
Gekommen ja, aber woher?
Woher kommst du? Aus welcher Landschaft?
Auf welchen Wegen?

Frage am Standesamt: Wollen Sie mit dieser Frau oder diesem Mann auch den kommenden Weg teilen, der sie beide zusammengeführt hat? Wollen Sie gemeinsam herkommen? Von wo? Von wo kommen Sie her? Welche Herkunft?
Hier kommt zusammen, was zusammen ge-HÖRT.?

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Aber seien wir doch mal realistisch. Wie abgrundtief verstiegen, romantisch und geschlechtsneutral muss dieser Leonardo da Vinci eigentlich gewesen sein, um so ein Gemählde zu vermählen?  Die Realität sieht doch ganz anders aus.
Man weiß doch ganz allgemein, wie und zu was sich Ehepaare am Ende wortlos auserzählen und wie viele von ihnen begonnen haben, ohne sich je etwas gesagt zu haben… Der Herr Gemahl und die Frau Gemahlin – wie gemahlt.
Nein, nein…das ist zum Glück nicht immer so, da darf man sprechen viel optimistischer freundlicher und positiver.

Wenn von Realität die Rede ist, dann müsste man sagen, dass wir bis heute vor diesem Gemälde herumhopsen wie die Primaten vor Stanley Kubriks schwarzem Monolithen. Da können wir dem Gemählde, der Gemahlin oder dem Gemahl noch so viele Witzischkeits-Applikationen ankritzeln, den tausendsten Schnurrbart oder die fünfundvierzigste Brille aufsetzen oder den nächsten Joint ins Gesicht stecken – wir bleiben da unten und hopsen und zetern und kreischen – als die felltragende bucklichte Verwandschaft der Monnaconda.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Kann sein, ein absolut banaler Grund hat dieses Bild so werden lassen, wie es sich jetzt zeigt.  Durchaus möglich, es wurde bereits beauftragt mit der Intention,  die Mona Lisa keinesfalls darzustellen „ungebunden“.
Möglicherweise angewiesen hat der Auftraggeber den da Vinci
„seine Frau“ zu mahlen als vermählt.

Gesagt hat er vielleicht zu Leonardo: Male sie, aber male sie so, dass ihre Haare wirken wie eine Nonnenkapuze. Nicht aufreizen soll sie andere Blicke mit ihrer  Figur. Zeige Sie da seiend, aber mache klar, dass sie „gebunden“  ist.
Stelle heraus ihre Schönheit aber halte alles züchtig im BE-GRIFF.

Ikonische Strenge und Nichtüppigkeit, daraus ergibt sie sich möglicherweise, die ganze Anodnung. Aber  das Gemälde ist deswegen wohl kaum verklemmt.

Noch ein anderer Aspekt betrifft die Alterung und die Nachdunklung. Die Nachdunklung schwächt die Farbkontraste ab und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Geist des Gemäldes.
Auch dieses ein Effekt der DAUER und nicht der Zeit.
Die Mona Lisa gibt einen idealen Vergleichsprozess, wenn es darum geht, zu erkunden, ob jemand im Rahmen seiner Ausdrucksmittel (Schrift, Stift, Pinsel oder Sprache)  etwas sagt. Oder ob er schwafelt. Das Schöne an dem Gemälde ist, das Leonardo da Vinci keine Kunst zeigt, sondern Welt, Kosmos und Natur. Und genau eben deshalb ein Künstler ist.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Ein anderer „Gesichtspunkt“ der Zentralperspektive betrifft die moderne  Relativitätstheorie und Astrophysik.

Ein Wort mit einer sehr scopischen oder per-spektivischen Kompetenz ist das Wort „ENT-FERNUNG.“

Die heutige Astrophysik geht davon aus  (geht davon aus – schöne Redewendung), dass „weit entfernte Objekte“ eine Größe und eine Masse aufweisen, die unabhängig von der ENT-FERNUNG des Beobachters eine Realität hat.  Sie glaubt, dass zum Beispiel ein Planet eine bestimmte  Größe und eine bestimmte Masse aufweist.
Tatsächlich aber hat er nur eine verhältnismäßige Masse und eine verhältnismäßige Größe im Verhältnis zu seiner ENT-FERNUNG.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Wenn ein Astrophysiker sagt: „Dieser Planet dort hinten zeigt sich dem bloßen Auge als kleiner Punkt. Aber „in Wirklichkeit“ ist er doch ziemlich groß – dann wäre dem aus Sicht einer zentralperspektivischen Kosmologie zu entgegnen:
„In Wirklichkeit“ – also jetzt und hier  – ist dieser Planet WIRKLICH KLEIN. Aber wenn ich mit GROßEM Aufwand ein großes Teleskop baue und dann hindurchschaue, dann MACHE ich den Planeten größer. Und zwar durch die reale Herstellung einer gebeugten Reflexions-Fläche.
Ebenso MACHE ich den Planeten auch größer, wenn ich zum Beispiel ein Raumschiff baue und hinfliege.

Das interessante an dem Wort ENT-FERNUNG ist seine transitorische Qualität. Ich ENT-STAUBE ein Regal, soll heißen: Ich mache den Staub weg. Oder man sagt: Ich ENT-FERNE die Vogelscheiße von der Schulter meines Sakkos, dann klingt das ENT-FERNEN plötzlich nach enormer Nähe und Er-REICHbarkeit.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Sind dann die Aussagen der Astrophysiker zur Größe des Jupiters oder zur Größe des Sterns Arcturus falsch? Nein.
Es ent-spricht natürlich der Wa(h)rheit, dass der Jupiter zum Beispiel im VER-HÄLTNIS (Proportion) zur Erde eine ausgezeichnete Größe und Masse hat.

Und es ent-spricht auch der Wa(h)rheit, dass die Sonne  – im Verhältnis – viel größer ist als der Jupiter. Ebenso entspricht es der Wa(h)rheit, dass Arcturus noch einmal – im Verhältnis – viel größer ist als die Sonne.
Denn das alles ent-spricht ja einer Ver-Hältnis-mäßigen Ordnung (Einem Ver-HALTEN) in der Anordnung aller Massepunkte des Sonnensystems und des Universums.
Eine Verhältnismäßigkeit in einem Verhalten, aus der auch der Mensch hervorgegangen ist.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Falsch wäre es jedoch, zu sagen, die Sonne oder der Jupiter hätten eine absolute Größe und eine absolute Masse, die unabhängig von der ENT-FERNUNG ausgesagt werden kann. Denn: Würden Sonne und Jupiter aufeinanderprallen, könnte man nicht mehr sagen, ob der Zusammenstoß dem Jupiter einen Massezuwachs beschert hat oder der Sonne.
Im Zusammenstoß heben sich die beiden „Objekte“ Sonne und Jupiter auf. Sie haben sich im Zusammenstoß ENT-FERNT.

Hier kann die Zentralperspektive der Renaissance der heutigen Astrophysik/Kosmologie auf die Sprünge helfen: Das Grundprinzip der Zentralperspektive ist ein FLUCHTpunkt, der in einer gedachten Unendlichen die Parallelen zweier Linien in einem BRENNpunkt zusammenführt.

Das entspricht dem alten Witz von den zwei Wanderen, die auf einem Einsenbahn-Schienenstrang laufen, und der eine Wanderer sagt: Da vorne kommen wir nicht mehr durch.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Das Verrückte daran ist aber jetzt, dass diese „fliehnden Linien“ auf einem FLACHEN Stück Leinwand oder auf einem FLACHEN Stück Pappelholz beim Betrachter den EIN-DRUCK hervorrufen, die Fläche habe eine TIEFE.

Und noch erstaunlicher ist, dass „in Wirklichkeit“ alle Punkte auf der realen stofflichen Fläche des realen Zeichenpapiers gleich weit vom Betrachter ent-fernt sind. Das heißt: Sie sind alle gleich NAH. Die fernste Nähe.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Wie ist das möglich? Eine Täuschung? Oder ein Tausch?
Der (seriöse) Wissenschaftler würde jetzt sagen: Der perspektivische da Vinci  „täuscht“ den Betrachter, in dem er die Raum-Anodnung in einem WINKEL-Verhältnis zueinander in Beziehung setzt. Sein Papier oder sein Pappelholz bleibt flach. Es hat  – in Wirklichkeit – keine Tiefe, obwohl der Betrachter eine TIEFE wahrnimmt.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Die Frage allerdings, die sich hier wieder stellt: Was ist eine Täuschung? Wo doch Täuschen auf einen Tausch verweist. Man kann sich die Frage stellen, ob eine perspektivische Zeichnung auf einem Blatt Papier der Wirklichkeit des realen Kosmos viel näher kommt, jedenfalls einem Kosmos, in dem jede SICHT auf ein  Objekt und dessen relative Größe von der WINKEL-ÖFFNUNG eines Teleskops, sprich: von seiner BRENN-WEITE abhängig ist.

(Bezogen auf eine Sanduhr entspricht der WINKEL einem ZEIT-lichen Verhältnis zu einem zentralen Masse-Fluchtpunkt – in diesem Falle: dem schwarzen Loch.)

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Dass ein Objekt als GRÖSSER oder KLEINER wahrgenommen wird, bleibt ja unmittelbar mit der Frage vermählt, ob mein Teleskop einen GRÖSSEREN oder eine KLEINEREN  ÖFFNUNGS-WINKEL hat, der das Licht auffängt und bündelt. Dass ein Objekt größer wird, heißt nichts anderes als: Sein Winkel öffnet sich nach vorn. Oder: Das Objekt –  flieht – fliehend –  auf den Betrachter zu. Wenn das Objekt kleiner wird – dann „verengt“ sich der WINKEL nach hinten.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched
Man hat sich oft die Frage gestellt, was Heidegger damit meinte, wenn er sagte: Die Kunst könne womöglich ein Hinweis geben, wie Technik/Wissenschaft und Poetik zusammengehen. Die Antwort lautet: Sie waren ja nie ganz getrennt. Außer natürlich in einer bestimmten Art des Denkens.

Was tut ein Naturwissenschafts-Künstler wie Da Vinci?
Er muss sowohl ein Analytiker sein als auch ein Synthetiker.
Genau so, wie es Adam Müller beschrieben hat. Und das war er auch.
Wie jeder gute Forscher und Wissenschaftler.
Erst, wenn man die Farben und Pigmente im aufmerksamen Studium analytisch, das heißt: wissenschaftlich trennend in diversen Versuchen und Laboranordnungen von einander getrennt betrachtet hat, in Ihrer WIRKUNG analysiert hat, um sie  in EIN-SICHT zu VERSTEHEN erst dann kann er sie auch wieder zu einem Ganzen zusammensetzen, das heißt: Synthetisieren und vermählen zu einer Kunst im Gemählde von Gemahlin und Gemahl.
An dieser Stelle darf man es auch einmal sagen: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Kennen in Er-Erkenntnis.

Was haben Maxwell und Faraday gemacht? Sie haben zunächst die Elektrizität und den Magnetismus getrennt wahrgenommen und analysisert, um dann nach der Analyse in einer Synthese zum Faraday-Maxwellschen Elektromagnetismus zu gelangen. Analyse – Synthese.

Was hatte vor ihnen Newton getan?  Er hat das Licht am Prisma zunächst analytisch auseinander genommen. Aber warum hat er es durch eine enge Lochblende geschickt und überdies in einer „dunklen Kammer“ analysiert ? (Wofür ihn Goethe so sehr gehasst hat.)

Nicht deshalb, wie Goethe gezetert hat, um das Licht labormäßig  in scientistischer Isolation un-an-schaulich auseinanderzunehmen, sondern deshalb, weil Newton – im Gegensatz zu Goethe – ein Denker und Ver-Dichter war, der sehr gut wusste, dass seit der Renaissance das Licht und seine Strahlengänge immer nur durch einen Öffnungs-WINKELl, das heißt mit einer Lochblende in einer schwarzen Kammer, die unserer schwarzen Pupille gleicht in den FOCUS einer Einsicht gerät. Wer etwas über die Natur des Lichts erfahren möchte, muss sich also zunächst ins Dunkle begeben.

302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched

Denn die Loch-Blende entsprich ja dem STERN am schwarzen Himmel. Schon in diesem Vorgehen bewies Newton einen SYNTHETISCHEN Instinkt, weil er bewusst oder unbewusst richtiger Weise davon ausging, dass Licht zunächst einmal von einer Quelle mit räumlich begrenzten Umfang, nämlich dem Stern abgestrahlt wird.
Damit war Newtons Vorgehensweise zugleich die kosmologisch realistischere als auch die „stimmigere“ Art der Natur-Wahrnehmung.
Selbstverständlich war Newtons Vorgehensweise kosmologisch genauer und damit  bereits ein künsterischer Akt.

Newton und Maxwell/Faraday waren – ebenso wie da Vinci – Wissenschaftler und Künstler, Auseinandernehmer und Zusammensetzer, Analytiker und Synthetiker.

Erst, nachdem da Vinci  und seine Vorgänger die Anatomie von Linien und Flächen und das „Sehen“ wissenschaftlich analytisch auseinander genommen hatten, erst dann konnte er sie wieder – verstehend –  zu einem (künsterischen) Ge-mählde vermählen.
Zusammengefasst heißt das nichts anderes als:
Ein Mensch ist der, der be-GREIFT, womit er es zu tun hat.

Wer die Mona Lisa stiehlt, hinterlässt die un-heimlichste Spur, die man sich denken kann: Den weißen Schatten, ein heller Fleck auf einer flachen Wand.

Der Schneemann.

Jubiläum der Zärtlichkeit.

Ein Klavier gefüllt mit Waschmittel der Marke Omo. Hustensaft. Sauerkraut auf einem Notenständer. Den Wald fegen. Eingedrückte Gummibälle. Freitagsgericht 1A gebratene Fischgräte.

Ein Draht an einer Schiefertafel. Reden mit der Axt in der Hand vor einem Mikrophon…

Was hat das alles zu bedeuten?

Es gibt Bilder. Fotos. Portraits. Und alle sind sofort sehr typisch. Sie zeigen ein, nein, kein Gesicht – sie zeigen ein – Face. Das wäre das passende Wort. Besser: Ein Interface. Ein Adapter.

Augen, die mich anschauen wie freie Anschlüsse. Auch der Mund ist stark ausgeprägt. Ein Mund, dem ich ansehe, dass er auch – klemmen könnte, oder beißen, um etwas festzuhalten. Oder um etwas an sich heran zu ziehen. Anschluss gewinnen.

Hier auf dem Foto, ist der Mund geschlossen. Kurzzeitig verschlossen. Wie zugehalten ohne Hand.

Was ich an dem Mund und an den Augen überhaupt nicht wahrnehme: Lässigkeit, Ironie, fertige Lebensklugheit, Kennerschaft, Stoizismus oder Reife. Ich kann mir dieses Face, dieses Interface, nur schwer vor einem Kamin sitzend oder an einem Buffet stehend vorstellen, obwohl es solche Momente in seinem Leben auch gegeben hat, aber hier, auf dem Bild, bereits über 50 Jahre mit den Anschlüssen dieser Welt in Kontakt, liegt das trotzdem sehr fern.

Dieses… Gesicht also… gibt einen Ernst aus. Aber dieser Ernst wirkt nicht behauptet oder kopiert, auch nicht visionär aufgezogen, nein, dieser Ernst kommt unpersönlich, als käme er von woanders. Wie das Portrait eines für den kurzen Moment des Fotos aus seiner Verbindung gezogenen Steckers.

Aber es gibt auch andere, ernstere Bilder von ihm. Und freundlichere.

Über Joseph Beuys etwas schreiben. Einfach so. Ohne besonderen Anlass. Kein runder Geburtstag, kein Todestag. Was daran leicht ist: Alles was man sagt und denkt, kann nur falsch sein. Und wenn man etwas ganz Falsches schreibt, dann trifft es möglicherweise gerade genau zu. Aber da schon so viel über ihn gesagt wurde, und viele sachliche Quellen und Verweise auch im Netz sofort zugänglich sind, nehme ich mir hier die Freiheit heraus, zu meditieren, unvollständig zu bleiben, oder auch etwas abzuschweifen.

Filz, Fettecken, die Honigpumpe, ein Hut, eine Weste – das also sind die zu medialen Erinnerungs-Schneebällen plastifizierten Handlichmachungen eines Werkes, eines Lebens, einer Biographie. Verständlich. Man braucht eine Benutzeroberfläche für etwas, Begriffe für etwas, dass ja eigentlich weit jenseits der Festigkeiten von schnellen Begriffsplastiken in einem Prozess der Bewegung und Gewinnung seinerzeit ermittelt worden war.

Natürlich, man kann ihn, Beuys, wenn man will, leicht irgendwo herausziehen. Fluxus (das Fließen) nannte sich in den 60igern eine der vielen Unruhen und Vorbeben, die entgrenzen wollten und entgrenzt haben. Staubschlachten, Hühnerfedern, Kompositionen für Dachrinne, Farbtopf, Bohrmaschine und kaputtem Radio. Die Entgrenzungen und Überschreitungen sprengten nicht nur das eine oder andere Musik-Event oder verausgabten sich in  Drogenräuschen – auch in der Kunst geschah einiges. Man wollte die Rahmen zerlegen, Freiheiten prüfen, alte Zeichenhaushalte rütteln und schütteln, aber auch: neue Verbindungen schaffen. Anschlüsse herstellen. Fluxus, fließen lassen also. Das Kunstprodukt ersetzen, auflösen und eintauschen gegen den Kunstprozess. Als Akt der Befreiung, der Bewegung. Auch Joseph Beuys fand sich hier in den Feldern dieser Bewegung. Oder besser: Er berührte sie ganz kurz.

Aber Beuys war, damals in den 60igern, ja bereits über 40 und seit 1961 Inhaber des „Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei“ der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Mein Gott – was für ein schönes Wort. Der Traum vieler kleiner Künstler und Kunsthandwerker: Monumentale Bildhauerei. Monumentaler Bildhauer, wer wollte das nicht sein in den heutigen Stadttheatern und an den Plattenspielern der kleinen Affekte und Befindlichkeiten. Aber natürlich, nichts ist verbotener und dümmer, als Gegenwart gegen Vergangenheit auszuspielen. Und Beuys gibt dazu auch gar keinen Anlass, denn er ist blanke Gegenwart.

So klingt das auch sprachlich biografisch zunächst seltsam prickelnd für den heutigen Rezipienten. Beuys, Monumentale Bildhauerei, – und dazu dann: Badewannen voll mit Hansaplast-Pflaster, Margarine.

Aber Beuys gehörte nicht in der Weise in diese 68iger, wie die Generation, die heute so genannt wird. Er war ja älter, selber noch im Krieg gewesen, als junger Mann bei der Luftwaffe. Im heißen Krieg. Bordfunker, Bordschütze eines Sturzkampfbombers, Pilot angeblich auch. So hatte der Körper Beuys schon sehr früh eine enorme Beschleunigung in „monumentalen“ Energien erfahren gehabt. Steigende und stürzende Waffe. Für damalige Verhältnisse komplett adaptiert in Hochtechnologie. An der vordersten Front. Teil und Mitglied einer monumentalen, furchtbaren Maschine. Im März 1944 stürzt er dann tatsächlich zu tief, irgendwo über der Krim, in einem Schneesturm. Schädelbruch, Knochenbrüche, wird er von Nomaden aus seinem Wrack gezogen und gerettet, dann einem deutschen Suchkommando übergeben. Sein Pilot war gestorben.

Ab August 1944 dann schon wieder Fallschirmjäger an der Westfront. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Dienstgrad des Feldwebels. Gefangenschaft. Internierung. Das ganze volle Programm also. Dann Freilassung. Mit einem von Granatsplittern und Energien bereits plastisch geformten Körper. In-formierte, re-formierte Körperplastik.

Ausrisse, Lebensläufe, Freiläufe:

„1945 schloss er sich der Künstlergruppe Hans Lamers an.“

„Monumentale Bildhauerei.“

„1947 – 1949 arbeitete er mit an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanskie über den Lebensrhythmus des Wildes in der Lüneburger Heide…“

„Bekanntschaft und Gespräche mit Konrad Lorenz, dem Verhaltensforscher…“

Oh ja, man hört sie, die leicht einschläfernde Heinz Sielmann Nachkriegs-Stimme seiner Tier-Dokumentationen. Bis in die späten 70iger Jahre hinein.

Es ist die Stimme einer zerschossenen und physisch und seelisch verkrüppelten Kriegsgeneration.

Ein alter Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang an einem frühen Sonntagabend, davor sitzt ein Mann mit Beinstumpf, Zigarre rauchend, und dann hört sich dieser ganze 2. Weltkrieg so an:

„In seinem feuchten Lebensraum bewegt sich der Schwarzfußflederich wie ein kleiner König….“

Beuys also hatte auch damit zu tun. Mit diesem merkwürdigem Heinz

Sielmann-Nachkrieg in rundlichen Bildröhren und stoffbespannten Lautsprechern.

Die Stimme Heinz Sielmanns im Ohr denke ich also jetzt an Beuys: Sturzkampfbomber, Bordschütze, Filz, Fettecken, Honigpumpe, Zoologie, Monumentalbildhauerei, Verhaltensforschung, Wildgänse, Schädelriss….

Was bedeutet das alles?

Ich selbst habe den Krieg nicht erlebt. Auch nicht die unmittelbare Nachkriegszeit. Ich gehöre auch nicht zur 68iger Generation. Ich bin in den deutschen Puddingbergen des nicht mehr ganz so kalten Krieges aufgewachsen, wenn auch in den weniger großen. Aber irgend etwas ist an diesem Werk dran. Irgendetwas spricht daraus zu mir.

Ich stehe in der Ausstellung des Hamburger Bahnhofs vor einem tischgroßen, sehr massiven und komplett verhärteten Block aus Talg, „Unschlitt“, einem Produkt aus der Fettgewinnung, der inzwischen krasse Risse zeigt. Interessanterweise wirkt dieser organische Talgklotz auf mich viel härter als Marmor, gerade weil er kein Marmor ist. Steingewordenes Leben. Hart. Harte Zeit. Zeit der Härte. Aber in den Rissen tut sich wiederum etwas. Risse sind auch Flüsse. Nichts bleibt ja wirklich ganz unbewegt. Auch diese Risse sind Bewegungen.

Es kursiert die ewige Geschichte, sie stammt von Beuys selbst, dass er damals nach seinem Absturz mit dem Stuka mit gebrochenen Knochen und gerissenem Schädel einige Tage lang von den Nomaden, die ihn im Schnee aus dem Flugzeugwrack gezogen gehabt hatten, gepflegt wurde. Mit Filz umwickelt. Mit Fett gesalbt. Talg.

Funzelige Talglichter. Knirschende Schritte im Schnee. Zuwendung. Jaulende Hunde im Halbdämmer. Blutunterlaufene Augen. Leise klappernde Blechtöpfe. Fremdartiges Getuschel. Knoblauchatem dicht am Gesicht. Messinggeschmack im Mund. Schmerzen.

All diese Angaben bleiben etwas unsicher und anekdotisch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, ob diese Geschichte wirklich genau so stimmt, ob sie sich wirklich so ereignet hat. Wie auch einige andere Details zu seiner Biografie unsicher bleiben. Ich kann sie auch einfach als Angebot nehmen, als Projektionen, zugehörig dem Gesamtkunstwerk Beuys und dort einen berechtigten Platz einnehmend. Und tue dies hier auch.

Was dagegen wirklich sicher bleibt: Beuys wollte bekanntlich mehr als nur Kunst, mehr als Design, mehr als Ästhetik. Auch das kann man schnell nachschlagen und nachgoogeln, was Beuys alles wollte, meinte, sagte und lehrte – in Katalogen, Lexikas, in Interviews, auf Videomaterial.

„Soziale Plastik“, „Akustische Plastik“  „Wärmeplastik“ Erweiterter Kunstbegriff“, „Baumdiplom“ , „Homöopathische Methode. „Kernfragen des Sozialen“

Hier fließt also ein Engagement in der Kunst mit einem Engagement für Gesellschaft zusammen und wird begleitet auch von Theorie und einem Gestaltungswillen, der durchaus auf etwas Ganzes zielt. Aufs Ganze gehen – das ist etwas, dass mir heute in den Diskurseln einer etwas ratlosen Nach-Postmoderne, die sich mehr oder weniger in Details, Designs und Retrodesigns, Nieschen, Geschmäcker, Ansichtssachen, erotischen Simulationen, Zitaten und Zitatzitaten gemütlich gemacht hat, eher selten bis kaum noch begegnet. Kann sein, dass auch das einer notwendigen Bewegung folgt, und als solche auch anzunehmen ist – ja sogar eigene Chancen birgt. Denn nichts ist dümmer und verbotener als die eigene Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielen zu wollen.

Aber irgendwann stehe ich dann eben doch wieder vor irgendeinem der vielen verstreuten Beuys – Objekte und bin baff. Zwei Metallflaschen mit merkwürdig bedroht und zugleich bedrohlich wirkenden Ausblühungen unterhalb eines Pfahls, an dem ein ausgerissener Zeitungsausschnitt geheftet ist, der mit einem Roten Kreuz bemalt wurde. Oder ein Schlittengespann, das Filzrollen transportiert, so arrangiert, dass man die Hunde davor, die nicht da sind, förmlich hören und riechen kann. Ihre Ausdünstungen. Oder ein verschlossenes Apotheken-Gefäß mit einer winzigen Öffnung im Korpus, durch das plötzlich ein ganzes großes Weltsonnenlicht auf den Betrachter fällt.

Wenn ich dann in der selben Ausstellung irgendwo vor einem Baselitz-Gemälde mit einem auf dem Kopf stehenden Männeken stehe, spüre ich deutlich einen steilen Abfall.

Gut, das bleibt alles subjektiv und schwer verallgemeinerbar.

Trotzdem überlege ich, woher diese Wirkung rühren könnte.

Mir widerfährt es so, dass ich bei den meisten Beuys-Objekten immer den Eindruck einer enormen Verletzlichkeit habe. Ich denke immer, das ist keine Kunst, und zwar im positiven Sinne – keine Kunst.

Vielmehr habe ich den Eindruck von etwas Stehengelassenem, etwas Übriggebliebenen. So berühren sie mich auf eine ähnliche Weise wie ein einzelner Handschuh, den man unterwegs irgendwo in einem Drahtzaun stecken sieht. So wie er berühren kann. Nicht muss. Wie eine Frage. Hier war etwas. Und hier ist noch etwas. Etwas hat sich hier ereignet, ist vorbeigegangen, vorüber gezogen, und hat Spuren hinterlassen. Aber es ist eben nicht – vorbei. Man fragt sich, zu wem oder zu was gehört dieser Handschuh? Wo ist der zweite? Wer vermisst ihn jetzt? Der abwesende zweite Handschuh beobachtet mich.

Dabei sind die Objekte von Beuys alles andere als flotte Readymades. Sie sind keine umgedrehten Pinkelbecken, keine ausgeschütteten Farbeimer, und sie sind auch keine hingeworfenen Fehdehandschuhe der seidigen Provokation. Haben damit nichts zu tun. Sie sind sogar enorm kalkuliert, durchdacht, manche sogar geradezu kompliziert, überhaupt nicht einfach, oder simpel. Oder gar unprätentiös, wie man heute sagen würde. Nein, sie sind sehr sehr prätentiös.

Ich habe wieder die Tierfilmdokumentations-Stimme von Heinz Sielmann im Ohr: „Und der kleine Graureiher flüchtet sich jetzt zu den Erwachsenen. “

Zugleich denke ich: Ju 78, Sturzkampfbomber. Und höre dieses Sirenengeschrei der stürzenden Waffe, dass ich selbst zum Glück nur aus eben diesem Fernsehen kenne. Dann Schritte im Schnee knirschen. Hundegebell. Blechtöpfe.

Beuys. Mann mit Filzhut und Weste und diesem ohne Hand zugehaltenen Mund. Diesem Steckdosengesicht. Silberplatte im Schädel. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden. Dann aber oder vielleicht gerade deshalb wurde er ein Monumentalbildhauer. Doch sein nie stillstehender Zug hin zum Ganzheitlichen und seine auf das Ganze, auf das Begreifen gerichtete Neugier blieb ihm erhalten.

Face Beuys. Interface. So ein Typ muss auch schwierig gewesen sein. Nervös. Unlocker. Angespannt. Vielleicht sogar hin und wieder, ja ganz sicher oft auch wirklich unsympathisch. Nervensäge. Stechender Blick. Unheimlich. Für einen bestimmten Typ Frau vielleicht ganz attraktiv.

Aber dann wieder, angehalten vor und von einem seiner Objekte, einer Installation oder einer Skulptur, spüre ich da diese Zärtlichkeit. In starken Momenten eine ungeheure Zärtlichkeit. Ich frage mich wieder, woher kommt das? Was ist das? Wieso kann ein Fetzen Filz so zärtlich sein? Oder dieser Fettklotz. Oder sogar ein Stück Kupferdraht? Ein Zinkblech. Eine Schiefertafel, Waschpulver. Oder eben seine berühmte Honigpumpe….

Was hat das alles zu bedeuten?

Zumal heute noch, wo ich mich prinzipiell schnell vielleicht zu schnell als etwas genervt, als überschult und meistens auch gelangweilt fühle, wenn irgendwo „moderne Kunst“ droht oder das, was ich nicht an ihr mag: Den Schwachsinn der Farben, seriengedehnte Readymade-Schneisen, Kreativitätssimulation, Individualitätskonzepte, Selbstbespiegelungen, Nachmittagswitze, aufgeblasene Schamhaare, Müllhaufen zweiter Ordnung, Neoerotiken, Zitatzitate von Zitatzitaten auf Bildschirmen oder Glanzpapier etc…

Nichts von alledem bei Beuys. Obwohl auch er nicht unbedingt der einzige und erste Pionier der Filze, Zinke, Roste, Fasern und Profanmaterialien war. Auch schon zu seiner Zeit nicht. Auch das lag in der Luft damals. Insofern gehörte er am Anfang dazu, war Teil einer Bewegung.

Aber sicher war er einer der wenigen, vielleicht dann doch der einzige, denen es gelang, all das entfesselte und vermischende Tun, den Fluxus der Zeit vor der Beliebigkeit zu bewahren, in seiner Obhut vor der Trivialität zu retten, indem er diesem Fluss ein formuliertes Recht gab, in ein gedachtes oder gesprochenes Flussbett leitete. Und das eigentlich ganz im Widerspruch zu dem, wofür der „erweiterte Kunstbegriff“ antreten sollte. Denn die erste Pointe eines „erweiterten Kunstbegriffs“, wo er als solcher formuliert und behauptet wird, ist ja, dass dieser Begriff dann selbst  wieder Programm wird. Sich programmatisch schließt. Und wo Programme, da lauern auch wieder Einschluss und Ausschluss. Er aber machte in einem modernen Sinne das Fließen plastisch. Und dass ist wirklich die originale und seltsamste Leistung von Beuys, auch die innere Grundspannung seiner Arbeiten: dass sie ein modellierter Fluss sind. Aber eben jetzt anders als nur der schön modellierte Fluss einer marmornen Schulterlinie oder einer Falte. Sie sind eben wirkhafter Fluss und wirkhafte Plastik zugleich.

Schlagworte und gelebte Konzepte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ „Basisdemokratie per Volksentscheid“ „Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ „Wir brauchen Sonne statt Reagan.“

Tatsächlich hat Beuys einmal alle Bewerber ohne Vorauswahl in seine Kunsthochschule aufgenommen. Tatsächlich hat er Kassel mit Eichen begrünt. Tatsächlich hat er sich Anfang der 80iger dann auch bei den Grünen engagiert. Beuys hat ernst gemacht, weil er ernst war.

Und er tat auch Seltsames. Dinge, denen ich heute in einer Galerie eher aus dem Weg gehen würde. Er schüttete sich Honig über den Kopf, legte Blattgold auf und saß dann mit einem toten Hasen, den er unverwandt anstarrte, in einer Ecke auf einem Stuhl. Oder er stellte sich mit einer Axt in der Hand vor ein Mikrofon, bellte, pfiff und krächzte dann 10 Minuten lang gestikulierend – dies als Professor einer Kunstakademie vor immatrikulierten Studenten. Oder er schüttete eben Waschpulver in ein Klavier, trank öffentlich Hustensaft u.s.w. u.s.w.

Heute würde ich eher dazu neigen, solchem Aktionismus auszuweichen. Man kennt das auch von Epigonen. Ich würde es als etwas unangenehm ernst oder gar ideologisch empfinden, als ein bisschen zu stechend, zu angespannt.

Aber das sagt natürlich gar nichts. Ich lebe in einer anderen Zeit. Und möglicherweise werden andere, spätere Generationen, einmal auf unsere Zeit ebenso befremdet, vielleicht auch fasziniert zurück gucken. Eine Zeit, in der ja alles irgendwie möglich ist und auch gemacht wird, aber in der sich kaum einer irgend  etwas traut. Außer vielleicht der irgendwo imaginär herbeigesehnte Attentäter, dem dann womöglich von irgendeinem verwirrten Stockhausen das Kunstdiplom verliehen wird.

Aber stimmt das so überhaupt? Es gibt sie ja auch heute noch, die Vermischer und Erweiterer, die Schreier und Kleckerer. Aber es gibt sie eben nach Beuys. Wo sie sind, war Beuys schon gewesen, und so gehen sie jetzt in den gut geölten und diskursiv vorgefetteten Ausdifferenzierungen seiner Spur. Wollen neuerdings Sterbende im Museum ausstellen. Na ja, wie sie meinen, sehr originell, Herr Schneider…

Was wollte Beuys? Was wäre das, woran man anschließen könnte, ohne in die 2134igste Kleckerburg irgend eines Neohappenings, irgendeiner Chaosinszenierung zu geraten, in das nächste noch größer aufgeblasene Achselhaar, die nächste Kapitalismuskritik, in den nächsten hoch dotierten Tabubruch-Generalstab, in die nächste Verwirrspielhölle. Was könnte wirklich konstruktiv sein?

Beuys Face. Interface. Adapter. Steckdosengesicht. Sag was. Sturzkampfbomber, was genau ist deine Zärtlichkeit? Was bedeutet dein Filz, deine Seife, dein Fett? Liegst Du bei den Nomaden im Zelt dicht über dem Schnee, in Filz gewickelt, und schweigst dich aus unter deiner Silberplatte in deinem Kopf, den man dir „zurecht geschossen“ hat?

Es wird berichtet, Beuys habe einmal, eines Morgens, die Skulpturen und Kunstwerke seiner Studenten zerschlagen und gesagt: „Das ist auch Kunst.“ Darauf Heulen und Zähne klappern. Ich glaube das sofort.  Ich glaube, er wollte damit sagen: Ihr sollt Euch nicht für Kunst interessieren, sondern für Wirklichkeit. Für ihre Energien, Wirklichkeiten und Gefährdungen. Denn nur so kommt ihr zur Kunst. Oder nie.

Beuys, die stürzende Waffe, der Hochbeschleunigte. Der ein wenig Unheimliche.

Ja, ich glaube Beuys heute vollständig lesen heißt auch diese Seite zu lesen. Beuys war ein Grüner, ein Basisdemokrat, ein Menschenfreund und Bäumepflanzer, Wärme-Mann und netter Christ. Dass er sich auch als Alchemist und Schamane inszenierte, sich in Filz gewickelt 3 Tage lang mit einem wilden Koyoten in einem Raum einschloss, um zu diesem Tier Kontakt aufzunehmen, sagt mir noch etwas anderes. Es sagt mir, dass Kunst, wenn sie mehr sein will als bloßes Unheimlichkeitsdesign, Chaosdesign, Schmutzdesign, Provokationsdesign, Destruktionsdesign – es sagt mir also, dass Kunst zur Kunst wird, erst dort, wo sie sich in die Konstruktion begibt, Verbindung sucht, und eben erst deshalb und davon berührbar wird und berührend. Weil sie ordnen will, ist ihre Ordnung gefährdet. Und erst diese Gefährdung berührt mich. Beuys ging aufs Ordnen und Richten. Er hat nie einfach herum gefriemelt, Geschmack oder Design produziert. Und er hat seine Aktionen nie als Pyramiden inszeniert, die bereits die Form eines zusammengefallenen Haufens, also ihre Destruktion, feixend vorwegnehmen. Und deshalb fällt mir auch wieder ein, warum seine Arbeiten oft eine solche eigenartige Zärtlichkeit ausstrahlen. Alle seine Materialien streicheln über die Haut der Wirklichkeit. Sie ziehen dort ein, wie ein Film. Aber sie treten auch aus dieser Haut hervor wie Absonderungen. So wie er sie arrangiert und geordnet hat, sind es Schmierstoffe und Absonderungen zugleich. Ihre Viskosität und dass Amorphe beinhalten oder transportieren eine komplementäre Erzählung als Praxis. Seine Metalle blühen auch zu Waffen, rostig oder blank, das Kupfer der Projektile. Das Messing der Hülsen. Das Zink der Blechnäpfe – es blüht aus und blüht uns. Sein Fett ist auch das Motorenöl, das Schmierfett der Gewehre, Maschinen und Panzer, das Öl der Technik. Und sein Filz der Stoff der schrecklichen Winter, der Uniformen, der Stiefel, der Massen und der durchschossenen Filze von Stalingrad. Massentodprodukt. Sein Gold kennt die Gier und das Blut; und der Honig als träge Masse, süß, aber in Litern gepumpt, hochenergetisch, ist eben deshalb irgendwie auch frivol und über-viel, erstickend. Als Aggregatzustände der Seele zeigen diese Materialien: Wärme – und Kälteplastik. Fluss und Erstarrung. Anpassung und Widerstand. Gewinnung und Verbrauch. Der Filz, als Gesellschaft aufgefasst, trägt unangenehme und darin auch zeitgemäße Assoziationen mit sich. Insofern hat Beuys den Filz am konsequentesten alegorisch rekonstruiert. Vielleicht erzählt das Viskose und die träge dahin fließende Substanz, das Schmelzende und Amorphe, das Verfilzte, Ausgeblühte, Fettige und Seifige, diese ganze weiche Schicht und Margarine- Struktur unserer Wirklichkeit von einer wirklichen, sehr tiefen, sozusagen gültigen Wahrheit. Die immer irgendwo in der Mitte liegt, nie ganz fest. Sie sind präzisierte Wirklichkeit und keine Kunst – im positiven Sinne keine Kunst. Und deshalb eben doch wieder Kunst.

Ihr nie ganz entschiedener Aggregatzustand verweist so den Messianismus und Schamanismus, den Ideologie-Komplex, den man Beuys auch unterstellen kann, überraschend in die Richtung eines Realismus mit Weltnähe, in Richtung einer Wirklichkeitsfreundlichkeit, die ich ehrlicher und genauer finde als bloß behauptete Menschenfreundlichkeit. Seine Arrangements sind insofern auch Stoff gewordene Realpolitiken der mittleren Zonen. Die Kanzlerin Angela Merkel könnte eine Plastik von Beuys sein. Kernseife und Jeder-Menschin. Ihr Charisma ist substanzieller, innerlicher.

Gewinnungen also, gewonnene Stoffe, gewonnenes Metall, gewonnener Honig, Fett und Wolle – gewonnene, geronnene Welt. Und genau das, diese Gewinnung eben als ganz unironische Realpolitik von Wirklichkeitsermittlung verleiht ihnen ein inneres Charisma, das sich nicht aufdrängt oder laut verausgabt. Weil es eben da ist und nicht produziert oder simuliert werden muss. Es ist substanzieller, weil es stoffliche Substanz hat und damit mehr Kraft, mehr Physik. So erreicht Beuys auch mich in meiner Gegenwart. Deshalb erscheint er mir so monumental gegenwärtig. Deshalb haben seine Werke eben nichts mit chicer Verwirrungs- oder Irritations-Attitüde zu tun, nichts mit Schmutz-Design und noch viel weniger mit Provokation. Und überhaupt nichts mit neuniedlich behaupteter Profanität. Oder dem, was man gerne „Reduktionen“ nennt. Und schon gar nichts mit Kritik am Zeitgeist. Dieses Werk zeigt womöglich einen sehr puren Realismus, ja auch einen Technologismus und eine Vernünftigkeit, dass selbst der Künstler, also Beuys selbst, das nie so ganz wahrhaben mochte oder ausgehalten hat. Weshalb er eben selbst schamanistische oder para-religiöse Überschmückungen vornahm, die dieses schöne Werk aber gar nicht braucht. Aber das wäre nur eine Spekulation, dass Künstler den eigentliche Charakter ihres Werkes bewusst oder unbewusst auch verschleiern.

Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinaus weist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.

Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem „zurecht geschossenen“ Schädel. Nein, er war nicht gelassen.

Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.

Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:

„Der Schneemann.“

Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.

Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.

Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Achsomenschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich. Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.

Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.

Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist.

Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich für Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.

Warum sollte das weniger warm sein?

Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen“ lassen?

Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zu recht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Seht die Risse, macht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.

Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:

„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“

Oben am Himmel ein leises Flugzeug.

Tagebuch: Kompliment, verrutschtes.

Was ich Dir immer schon mal sagen wollte:

Du hast den Mund der Mona Lisa,
die Ohren von van Gogh
die Nase von Picasso.
und die Augen von Heike Makatsch.

Der Kuss.

Heute war der Tag sehr hoch. Und wir haben da ganz weit unten gelegen.
Wie Fliegen in den Taschen eines Mantels, der hinten im Schrank hängt. So fühlten wir uns an.
Aber man darf die Fühler nicht eingerollt lassen.
Es führt ein Weg nach draussen. Oder nach oben. Auch der höchste Tag ist einmal überwunden.
Gehen wir es an. Wollen doch mal diese Wand in Angriff nehmen.
Endgültig: Dieser Tag ist eine hohe Wand. Und wir stehen an seinem Grund.
Diese Wand, die den Schatten macht. Mensch ist das hoch.
Aber wir sind schließlich Freikletterer. Freeclimber.
Mit nichts als unseren blanken Händen schicken wir eine SMS.
Die erste so gegen Zehnuhrdreissig. Die erste ist immer die Schwerste.
Das wäre geschafft. Wir stehen auf einem kleinen Vorsprung. Sind auch schon ein wenig stolz.
Nicht sehr hoch, aber immerhin, die Antwort kommt schon eine Stunde später.
Ein dünnes Seil von oben als Piepen in der Hosentasche. „Ja, ich freu mich.“
Aber das hält nicht lange. War ja nur ganz dünn. Zack, schon durchgescheuert.
Erstmal ein Schluck Wasser trinken. Zum Kaffee. Zur Stärkung. Dazu ein Keks.
Die nächsten Schritte. Mit nichts als den blanken Fingern greife ich in diesen Papierstapel und ordne ihn, wirklich nur mit den blanken Händen greife ich nach der Tabelle. Beim ersten Mal rutsche ich ab. Beim zweiten Mal hält der Griff. Und die Füsse dabei immer schön fest gegen den Teppich gedrückt.
Da können schon mal die Muskeln zittern. Aufpassen. Man muss sich gut einteilen. Nein, ich kann jetzt da nicht mal eben schnell in diese Besprechung! Du siehst doch, dass ich hier voll in der Wand hänge. Wie spät ist es? 13 Uhr erst? Na so wird das aber nichts hier. Man soll nicht dauernd auf die Uhr gucken. Das kostet Kraft. Immerhin erreiche ich dann aber einen nicht ganz so steilen Abschnitt. Die Mittagspassage. Pause. Da kann man sich auch gut an den Kollegen festhalten. In die Gespräche eingreifen und sich daran weiter hochziehen. Kraft einteilen für den Teil der Strecke, der dann umso härter auf uns zukommt.
So zwischen Fünfzehn und Fünfzehnuhrdreissig muss ich dann mit nichts weiter als meinen nackten Augen ein Dokument lesen. Ich weiß, das wird schwer. Das brennt. Und danach noch mit nichts weiter als der blanken Stimme dazu etwas sagen. Wort für Wort. Absatz für Absatz. Winzige Absätze. Alles ohne Seil. Sich weiterziehen. Nur Stimmbänder. Keine Karabinerhaken. Keine Wasserflasche. Eindrücke suchen, wo keine Eindrücke sind. Keine Vorwände zum Festhalten. Kaum Vorsprünge. Alles platt und glatt. Es ist eine Quälerei. Todeszone so gegen 16 Uhr. Bloß nicht einschlafen hier im Meeting. Es gibt keine Seile, in denen du hängen könntest. Du musst aufpassen. Du darfst nicht einschlafen. Jetzt. Du musst wach bleiben. Du könntest sonst abrutschen. Ein Schritt nach dem anderen. Ich muss jetzt mit nichts als meinen beiden Ohren hören, was die anderen sagen. Kein Eishammer zur Verfügung. Nur das winzige Hämmerchen im eigenen Ohr. Und dann muss ich antworten. Wieder nur mit nichts als den blanken Stimmbändern. Teil dir den Sauerstoff ein. Rede nicht so schnell. Und immer schön die Füße auf den Teppich drücken. Mach einen kleinen Fortschritt. Bald kommt ein kleiner Abschnitt, die Strecke bis zum Kopierer, der fällt dann wieder leichter. Ein Schritt nach dem anderen. Nutze die Reibung des Teppichs, trinke ein Schluck aus dem Wasserspender. Du hast es gleich geschafft. Strecke den Arm aus und presse zwei Finger in die grüne Taste des Kopierers. Dort kannst Du dich ein wenig ausruhen. Es gibt da an der Klappe links beim Einzugschacht noch eine Kante, einen kleinen Vorsprung, zieh dich da hin, da kannst du dich festhalten. Ein sicherer Halt. Ein Vorwand. Schau das Licht. Es fällt nicht mehr so steil durch den Tag. Das schlimmste liegt hinter Dir. Schau nicht nach unten. Nicht auf den Fußboden. Jetzt noch ein paar Türklinken, sie lassen sich gut greifen. Sind stabil. Fass da an. Achte auf deine Füsse. Tritt da ein. Schau nach Vorwänden. Zieh dich weiter nach oben. Überhaupt, kannst du wieder mehr greifen. Die Begriffe werden wieder stärker. Sie geben einen Eindruck, einen Vorgriff. Greif da hinein. Zieh dich langsam hoch. Schicke noch eine SMS. Vielleicht kommt Antwort. Da! Hörst du, es piept schon wieder.

Kurz vor dem Ziel. Ein guter Abend.
Wir haben uns verabredet mit dem Ende dieses Tages in einem Garten.
Von weitem sehe ich ihr Kleid an die Dämmerung gehängt.
Ein helles Tuch in der Luft unter dem Ahorn. Der Boden ist voll Gras und ganz gerade.
Hier klettern wir uns entgegen. Noch einmal höher. Jetzt eine Treppe. Stufe für Stufe die allerletzten Hochmeter.
Jeder steigt seine Treppe auf einem geraden Boden.
Sie kennt meinen Namen.
Ich weiß wie sie heißt.
Mit unruhigen Knien.
Stehen wir vor uns.
Zwanziguhrsechs.
Oberster Absatz.
Und lassen
uns aus dieser Höhe ineinander kippen. Einstürzende Häuser, so nennen wir unsere Freude. Fallende Steine, sinkende Fenster, die Wände unserer Stirnen brechen herunter, Telefone, die sich begegnen, egale Regale, bodenlose Füße in den Gängen, eine Tür verlässt ihren Rahmen, die Kollegen Zähne an den Wasserleitungen, da kommen zwei Bildschirme auf mich, ihre Augen, der Mund fällt, der Kiefer geht nach unten, die Chefetage öffnet sich, Fahrstühle sausen. Ihre Lippen sind Farb-Patronen. Die Zunge ein Laserdrucker. Sie knnet meinn Nmanen um Zwaunnssiguhdire. Ich weiß wie sie hßtei. Da sthne riw zungelb trüme lefoneTe, leck Rchtg tief jtzt enein ziegel ähnez ommk sptze ippeln noch lma los kommt, Rhmanen dre Tür os drähte stckdosn stein putz wie drhestühle aus dre akntine bltzitzt rot die cola ziegl Gschirre ellert, abgeln, asser varenkerung kartffoln dringt ein lsa guss nass, kommt win osx tsstatrur stnneinen vorstssoen ktenordner brsetü, schnkle fechteue sane splaten, ressise beisssen dkomenute Tsche, funktoinien znge prckeln verfahren lcken nsae kt ikkfl, lis ngt, genehmigt ktion la toff shl ook lis sig kn ällt sig sil kmnmost mus litr sind au iegel los schwend isch L L krmo ersil effer elso cweben K L A S ss kkd quet rgb rgb r r o o o lache grün gelb skkk kks k koewig gfj öööj fb ru u u u5ö h ö4 uht uhr oksk dk kk ++ ll l,, ,0 10101010
01001001001010001100000100111 001010100100 01 1ismus ismus trias ollsld ld l p % § & tisch woerteer kd 12o2o101001 i ii p p r tt dd auch ismus so z i pati smus fut i i ppp p kn Ld o o sstt udu km ahh aha o o l öö l lllqo2o3 3 4i – — ,- – ,- – ß ? ? eis haöä k l mus s e lle ö 01 101 01 011 01 0100 10 111 sehr
nack sel stuhl sel 0 sich dernd 0 du weift lei ost o k o m v b m k lila selb hie lkj
f h t 2 D L@ L @ r : 🙂 . ö ? .-) ik
. .. .. … .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m .m. ,. ,. ,. .,., .,.t. .r.,r. .e. . . …3.. . ..
…. – . .-.weoioe : :: – ._. :-._ .: wiemqqp _:-: -: :_: -:lel _:_: _: * -: -:_: _:-:- :-: :-_:_: _ ._:_: _. -:-. -:- -: – -: _:.- : .t. ..t. ät.tt . ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _ -.. ._ . ._._._:_ — _. . * _:_._ _. _ _._- dernd 0 du weift lei ost o k o m v * b m * k lila * selb hie lkj . .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m *** ** * : .,..,..; : ;. ;.::;::.: . .. ;: ,.. .,m.,.:. ;.;: ;: ;:: :,:: , :; ,.;. ;.m.,:M;::.;::: :,: ,::: :., * * * * *** ** **
f h * t 2 D L@ 🙂 L @ r : * . ö ? .-) ik *
. .. .. … .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m .m. ,. ,. ,. .,., .,.t. .r.,r. .e. . . …3.. . ..
…. – . .-.weoioe : :: – ._. :-._ .: wiemqqp _:-: -: :_: -:lel _:_: _: -: -:_: _. -:-. -:- -: – -: _:.- * : .t. ..t. ät.tt . * . * . . ….. *
: _. -:-. -:- -: – -:* _:.- * * : .t. ..t. ät.tt . * ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -:-. -:- -: – -: _:.- -. -:- -: – -: _:.- _. -:-. -:- -: – -: _:.- : .t. ..t. ät.tt . * ._: . _:_ * 🙂 t üör ltotp :_ _. _ -.- _-: – -: _:.- _. -:-. -:- -: -* -: _:.- -. -:- -: – -: _:.- * * _. -:-. -:- -: – -: _:.- * * * 🙂 * * *
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -::;Ö Ö;Ö _;_;-,; ;_ ;; *; _;; ;; _; _; ; ; _; _ :__: __: :_: _; ;: :. ; ::;:; : : ; : :::: :::: ::: :: :::: ::*:: ::: :::::: ::::: ::::::::::* :::::::: : :: : ::: :::: :::::: ::: ::: ::: _. -:-. -:- * -: – -: _:.- * : .t. ..t. ät.tt . ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _ 🙂 * * * * *** * + * ******** **************** ****
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -: ;: . : M :: .; :; : ; : : ;. ;: ; ;: ; : :;: : :;: ; :; ;; :
* * * * * * * * *
* * * ** ** * * *** ** ** * ** *

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Der Taxifetisch, Teil 2

hier zum 1. Teil

Der Taxifetischist vermeidet, im Unterschied zum Normalfahrgast, jegliche Form der pragmatischen Inanspruchnahme seines Objekts. Er hasst es sogar. Nichts findet er unerträglicher, nichts scheint ihm absurder, als eine banale  „Beförderung“ von A nach B.  Ganz zu schweigen von kollegialen Fahrgastgemeinschaften. Für ihn der große Alptraum.
In manchen Nächten wacht er dann – festgeklemmt einsitzend zwischen brabbelnden Gesichtern, mit denen er quälend simpel sein Taxi teilt, das von irgendeiner Party eine ewige „Absetzrunde“ fährt – mit schwarzem Schrei auf weißem Kissen auf.

Dabei weiß er, dass er vorbereitet sein muss.

Wenn es dann, zumeist Abends, aus Gründen zu übender sozialtechnischer Übereinkunft geschieht, dass er zum „Mitfahrer“ wird, muss er seine vom Alkohol oder anderen Substanzen angepäppelten Zeitgenossen eben ertragen; eine erdrückende Notgemeinschaft, die durch das Schließen der letzten Tür eine kritische Verdichtung erfährt, was dann wie bei einem zu plötzlich gepressten Senfbeutel den Komiker der Truppe  hervorflutschen lässt (und es gibt immer einen.), der es hygienisch findet, den Fahrer, der nach dem Ziel fragt, mit irgendeinem Jahrhundertwitz zu bespritzen, von dem er dann erwartet, dass alle, der Fahrer eingeschlossen, ihn noch nie gehört haben.
Dies ist dann der Moment, in dem jeder wahre Taxifetschist, während er seinen Blick am Sicherungsknopf der Seitentür aufhängt,  sich in melancholischer Vertrautheit mit dem Menschen hinter dem Lenkrad verbündet, und sei dieser ein noch so randpolitisch eingestellter Exbademeister.

Der Taxifetischist ist kein Misanthrop. Im Gegenteil. Im Alltag ist er so herzlich, so einnehmend oder so missgelaunt wie jeder andere auch. Vieleicht sogar im Durschnitt sonniger.  Nur hat auch er ein Recht auf allergene Sequenzen, für die er sich nicht entschuldigen muss, die er aber gerne ausblendet, da er es selbst nicht mag, wenn er sich gegenüber seinen Mitmenschen als unleidlich erlebt. Ansonsten bleibt alles eine Frage der Disposition.

„Absetzrunden“ lassen sich elegant umgehen, ohne dass er als Fahrgastgemeinschaftsphobiker auffällig wird. Im Bedarfsfall verwickelt er die Kellnerin der Geburtstagskneipe zu später Stunde in ein Gespräch oder flirtet mit ihr so eindringlich, dass seine Kollegen sich irgendwann von ihm verabschieden, vielsagend schmunzelnd noch „einen schönen Abend euch beiden“ wünschen, obwohl es schon 3 Uhr morgens ist, bevor sie dann endlich in ihrem Gemeinschaftstaxi sich zur lustigen Truppe verdichten – ohne ihn.

Neben ihrem primären Zweck verfolgt diese Methode auch noch ein prickelndes Zweitvergnügen, denn obschon in seiner Obsession scharf fokussiert, ist der Taxifetischist als Pansensoriker nicht engstirnig.

Je nach Angebot und Stimmungslage wählt er manchmal auch einfachere Techniken der Fahrgastgemeinschaftsumgehung. Verabschiedet sich zum Beispiel schon gegen halb elf allein und bedauernd aus der Runde mit dem Hinweis, er hätte noch zu tun; oder er gibt sich, wenn es so weit ist, als noch ein-bisschen-frische-Luft-schnappen-müssender-Zufußnachhausegeher aus, wobei er sich dabei selbst schon extra komisch vorkommt und gegenüber seinen Freunden hart am Verdacht operiert.

Dann aber, nach Tagen tantrischer Dämpfungsübung, umgangener oder durchlittener Gefahrgemeinschaft, unzähliger imaginierter weißschokoladiger Szenarien, nach dem ich mindestens schon drei mal meinen Finger über eine bestimmte Kurzwahltaste des Telefons habe schweben lassen, ihn aber wieder zurückzog, weil noch irgend ein Datum, ein Artefakt, ein störendes Kitzeln am Strumpf, ein Sandkorn im Nacken, eine mit dem Reiz nicht im Einvernehmen stehende Kleinigkeit, ein letztes entschlossenes Abknicken der Fingerkuppe verhinderte, dann aber stellt doch schließlich ein mächtiger Ruf, eine Forderung, ein ernsthaftes Aufbäumen, ein Wummern der NATUR die gesamte Sachlage und mein fieberndes Gemüt unwiderruflich auf die Hochstimmung einer einzigen ballerinierenden Zehenspitze, die mich und meine Seele zur Tat tänzeln lässt. Mein Tastenfinger, der jetzt durch keine Betonwand mehr aufzuhalten wäre, dringt nun vor wie automatisch, piekst, sticht, beinahe taubfühlig, und senkt sich ein mit unendlichem Nachdruck in das weiche Gummi der Taste Fünf. Musik. Musik.

Musik trägt mich durchs Vorgebirge meiner Freude. Musik öffnet die weiten Ebenen meiner Lust. Musik geleitet mich auf meine Reise. Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…

So genieße ich, mit geschlossenen Augen, leicht nach hinten gebeugt, beide Hände um die nicht ganz preiswerten Kopfhörer gelegt, die über einen speziellen Hochleistungsröhrenverstärker mit dem Telefon verbunden sind – störungsarm durch niederohmige und militärisch abgeschirmte, an den Verbindern platinierte Signalkabel, die ein Freund mir für eine schmerzhafte Summe aus einem in Afghanistan ausgeschlachteten Kampfjet besorgt hat – meine Lieblingsmusik:    Die Warteschleife in High End.

Ich habe mal erwogen, die von mir bevorzugte Funkzentrale in meine Obsession einzuweihen. Auf dass sie bei Erscheinen meiner Nummer es sehr lange klingeln lasse, etwa 15 Minuten den Bolero einspiele oder Wagners Walküre. Ich entschied mich dagegen. Die Authentizität wäre verdorben und nasse Berechnung hätte unweigerlich die kleine Vorglut, das lebhafte Flämmchen des nicht Ausrechenbaren einer knisternden Realie gedämpft. Musik. Musik. Soll sie es knistern und rauschen lassen das kleine Elektrolilalaunelied der Warteschleife, ob 10 Sekunden, ob 20 Sekunden, mir egal, ich höre es, und liebe es auch so. Ich brauche es nicht anders. Meine kleine Ewigkeit.

Musik. Musik.

Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…. Hallo?

Hier zum Teil 3 des Taxifetisch

MILD-Zeitung.

Ende Februar bis Mitte April

Frau schnürte sich, nach dem sie angekleidet war, die Stiefel.
Mann nahm von Verkäuferin ein ganzes Brot entgegen.
Von hier, sagte ein Kind, seh‘ ich den Platz vor der Garage.
Nichts übrig ist geblieben von dem vielen Schnee.
Ein Lieferfahrzeug kam gerad an, als man es brauchte.
Glühbirne, die beim Wechseln ins Gewinde quietscht.
Auf dem Kühlschrank steht der Siemens Wasserkocher.
Genau daneben liegen Beutel für zwei Tassen Tee.

*

Wahnsinn als Hobby-e.V.


Der Wahnsinn als Hobby-e.V. wird hiermit gegründet als Verein in gemeinnütziger Trägerschaft zur Pflege des Wahnsinns.

1. Gründungmitglied: Tim Boson. Vorstand und Präsident in Personalunion oder im 4 – wöchigen Rotationsprinzip: Tim Boson, Tim Boson.

Geschäftsführer: Tim Boson. Kassenwart: Tim Boson. Schriftführer zur Tagesordnung: Tim Boson (in Vertretung: Tim Boson)

Öffentlichkeitsarbeit: Tim Boson.

Forschungsbeauftragter Wahnsinnoskop, Wahnsinnotron. Wahnsinnograf, Wahnsinnometer: Tim Boson oder Tim Boson

Liebe Gäste und Gründungsmitglieder, Herr Präsident, meine Damen und Herren,

In unserer Gesellschaft zeichnet sich ein Trend ab. Der Trend zum Wahnsinn.

Der Wahnsinn als Hobby-e.V. möchte diesem Trend eine seriöse und gesellschaftlich akzeptierte Heimstadt bieten. Der hier neu zu gründende Verein hat sich der Pflege und der Tradition des Wahnsinns verschrieben, den wir, die Gründungsmitglieder, ausdrücklich als ein schützens- und bewahrenswertes aber auch weiter in die Zukunft hinein zu entwerfendes Kulturgut betrachten. In dieser Versammlung nun haben sich bereits, und das ist sehr erfreulich, und ich sage das auch noch einmal herzlich in Richtung unserer Gäste, Angehörige aus den verschiedenen Berufsgruppen und Schichten der Gesellschaft zusammengefunden. Piloten, Ärtzte, Manager, Politiker, Widerspruchsforscher, Hausfrauen- und Männer, Arbeitende und Nichtarbeitende, Künstler, Wissenschaftler, Philosophen. Sie und uns alle eint hier die Wahnsinnspflege als ein gemeinsames Anliegen für und mit der Kunst, von der Tagesordnung abzuweichen, oder die Kunst, sich mindestens einmal am Tag etwas ganz und gar Unwahrscheinliches vorzustellen oder im weiterentwickelten Fall, dem Wahnsinn zu fröhnen.

In den Gremien zum Gründungsentwurf wurde, und einige werden sich daran nicht sehr gerne erinnern, ausführlich darüber diskutiert, was vom Verein als Wahnsinn angesehen werden kann. Das war nicht ganz einfach. Denn tatsächlich liegt es gerade in der Natur des Wahnsinns, dass er sich der eindeutigen Definition entzieht. Denn was definiert werden kann, ist nicht mehr Wahnsinn, sondern eben etwas Definiertes, also: Festes. Deshalb wissen wir zunächst nur, was der Wahnsinn ganz sicher nicht ist: Er ist keine Extrem-Sportart und auch nicht der so genannte Alltag, er ist keine Krankheit und auch kein Handeln. Wir wissen, dies fiel am Anfang schwer zu akzeptieren, da in den Gründungssitzungen einige glaubten, sie würden dem Wahnsinn allein durch ihre täglichen Verrichtungen, etwa als Vorstandsvorsitzende, Hausfrau, Mutter, Finanzmanager oder Bundeskanzlerin in irgendeiner privilegierten Art nahe stehen. Dies aber kann nun eindeutig verneint werden. Was die genannten Mitglieder hier als Wahnsinnsnähe zum Wahnsinn auszumachen glaubten, war lediglich der normale Gang der Dinge. Zudem musste auch verneint werden, und dieses fiel uns am Allerschwersten, dass die Liebe sich vielleicht in Wahnsinnsnähe vermuten ließe, vielleicht sogar selbst der Wahnsinn sei oder wenigstens, wie manche meinten, als eine Art Schwester des Wahnsinns gelten könne. Darüber haben wir im Gründungsgremium lange diskutiert, lang und auch laut, aber schließlich mussten wir zu dem Schluss kommen, dass auch die Liebe, obschon ähnlich schwer zu greifen, nicht Wahnsinn ist. Die Liebe ist sogar und ganz sicher der Kern jeder Normalität. Und sie ist es sogar dort, wo sie abwesend scheint. Denn noch in ihrer Abwesenheit, also in der Lieblosigkeit bildet sie Sehnsuchtsattraktoren aus und strukturiert unser Handeln und Trachten fließend zwischen den Polen Liebe und Nichtliebe. Die Realität, die Normalität, ist aus Liebe gebaut, sei sie nun anwesend oder abwesend. Deshalb kann sie nicht der Wahnsinn sein. Der Wahnsinn ist also auch kein Gefühl. Obwohl er sich, dort wo er auftritt, mit Gefühlen vermengt oder mit der Liebe verwechselt werden kann. Um die immer mal wieder auftretenden Ähnlichkeiten von Wahnsinn und Liebe im Auge zu behalten, haben sich die Gründungsmitglieder aber darauf geeinigt, eine Sektion Liebespflege einzurichten, gerade damit hier die Unterschiede erkennbar bleiben und es nicht zu Missverständnissen kommt.

Was also ist der Wahnsinn? Wie können wir den Wahnsinn pflegen, wenn wir nicht sagen können, was er ist? Zumal sich ja auch alle einig waren, dass es einen allgemeinen Trend zum Wahnsinn gibt. Einige Mitglieder glaubten, eine einfache Antwort parat zu haben. Die Pflege des Wahnsinns bestünde darin, selbst wahnsinnig zu werden. Ich möchte hier nur an die Zwischenrufe aus den Sitzungen erinnern, die auch protokolliert wurden, wie zum Beispiel „Dann machen Sie das mal!“ oder auch: „Wenn das so einfach wäre, Herr Dr. Behrens!“

Darin erkennen wir schon eine weitere Schwierigkeit. Denn der Wahnsinn ist nicht von Personen abhängig oder gar innerhalb von Personen fest zu greifen. Im Gegenteil. Die therapeutischen Erfahrungen mit Personen, bei denen angeblich „Wahnsinn diagnostiziert“ wurde, hat gezeigt, dass diese Personen keines Falls von sich behauptet haben, sie seien „wahnsinnig“ oder sie wollten „wahnsinnig werden“. Die „Therapeuten“ glaubten nun meistens die Leugnung des Wahnsinns der jeweiligen Personen gerade als sicheres Anzeichen dafür hernehmen zu können, dass die betreffende Person wahnsinnig sei. Eine fragwürdige Vorgehensweise. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden, der abstreitet, wahnsinnig zu sein, einer Behandlung zuführten? Andererseits kann man von Personen, die von sich behaupten, sie seien wahnsinnig, mit Sicherheit sagen, das sie es nicht sind. Dieser Ansatz führt also nicht weiter. Es verhält sich hier ähnlich wie bei dem bekannten Paradox, dass uns aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, wie zum Beispiel an der Intensität und Häufigkeit, so jemand behauptet, er sei Kommunist, man ganz sicher erkennt, das der betreffende kein Kommunist ist. Die Wahrscheinlichkeit, das die Behauptung der Person zutrifft, sinkt mit der Häufigkeit, in der die Person die Behauptung vorbringt und mit der Intensität, in der die Behauptung vertreten wird. Sehr wohl also gibt es Erkrankungen der Seele, aber der Wahnsinn gehört nicht dazu. Er ist keine Krankheit. Um es kurz zu machen: Im Abschlussprotokoll haben wir uns darauf geeinigt, dass die Pflege des Wahnsinns nur darin bestehen kann, ihn zu suchen, zu umkreisen, ihn zu bewegen, schließlich: ihn für möglich zu halten, für wahrscheinlich , obwohl er das Unwahrscheinlichste ist. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit, wünsche uns für die Zukunft, wenn ich das so sagen darf, viel Wahnsinn und möchte sie nun ans Buffet bitten, dass uns hier freundlicherweise von der Firma Polenz-Dachdeckerei-Dachschadensbehebung und, Dachentwässerung“ gesponsert wurde. Als erste Vereinshandlung im Sinne des Wahnsinns möchte ich zugleich vorschlagen, den Verein aufzulösen.

Gibt es Gegenstimmen?

Architekt.


Der Laden liegt nicht gerade in der Nähe deines Ateliers. Trotzdem gehst du immer mal wieder gerne da hin. Dein Entspannungseinkauf, meistens zum Ende der Mittagszeit. Du hast  dir angewöhnt, es so zu nennen. Eigentlich musst du nichts einkaufen, aber die paar Schritte machst du ganz gern. Im Grunde könntest du auch einfach nur ein paar Runden um den Block gehen, aber es ist eben dieser Laden.
Wenn dich jemand fragte, würdest du sagen, du weißt, es klingt blöd, der Laden hat eine Tür mit einer Türklinke, die man herunterdrücken kann. Die Tür öffnet sich dann, man geht hinein.
Da liegen dann Rasierklingen neben Haribo neben Seifen neben Reis, neben Batterien, und daneben…
Du bist Architekt.
Du hast dich in die Selbstständigkeit geschuftet. Hineingeknüppelt. Hast sehr lange an Telefonhörern riechen müssen; und ja – du bist  Architekt mit einem eigenen Atelier jetzt. Anders als deine Kommillitonen, die inzwischen – wenn sie Glück hatten – in irgendeiner städtischen Baubehörde bei Bremen im öffentlichen Dienst verschwunden sind. Wenn sie Glück hatten.

Der Ladeninhaber ist ein gedrungener Vietnamese. Was du von ihm weißt ist, dass er sich alles asiatische abgewöhnt zu haben scheint. Ihn umgibt nicht mehr die unauslotbare Diskretheit seiner Landsleute, wenn er hinter einem Haufen Socken aus Mischgewebe, zu 2 Euro das Paar, Bananen aufstapelt. 2 Euro. Der Laden ist nicht mal besonders günstig.
Es kam schon vor, dass der Ladeninhaber „unasiatisch“ wurde, du nennst es so, obwohl es Blödsinn ist,  „unasiatisch“,  in dem er dich zurechtgewiesen hat an einem Regal: „Nicht von oben nehmen. Stehen lassen das Bier. Von unten nehmen. Nicht von oben nehmen. Ja, bitte schön.“  „Wird’s bald“ hat er noch nicht gesagt. Dabei kommst du öfter hier her. Ist es das – was du vielleicht sogar beinahe sympathisch findest?
Du gehst gerne in den Laden. Du spürst hier irgend eine Logik, zwischen den Regalen, die dich interessiert. Du könntest ja mal mit ihm plaudern.
Aber du kommst nicht her, um zu plaudern. Du bist einfach nur gern hier.
Deshalb warst du einmal doch überrascht, als der Vietnamese seine Familie hier in dem Laden mit einquartiert hatte. Sie war plötzlich da. Er muss sie irgendwann in den letzten 4 Wochen geholt haben.
Der Ladeninhaber lässt sich seitdem, manchmal, von seiner Frau vertreten.  An der Kasse neuerdings auch, seit ein paar Monaten, von seiner kleinen Tochter, die du auf etwa fünf einhalb schätzt. Vielleicht vier. Eher doch fünf.
Sie selbst behauptet, dass sie sechs sei.
Es ist ein kleines Spiel. Sie nimmt dein Geld. Sie rechnet es nicht in die Kasse ein, noch nicht. Die Mutter hilft ihr. Aber bald wird auch sie all das können.

Heute nachmittag sitzt er nun wieder allein hinter dem Ladentisch. Hat einen kleinen Fernseher laufen und schlürft eine Nudelsuppe. Es klemmt auch wieder der große LKW-Spiegel über der Kasse, mit dem er die beiden Gänge zwischen den Haushaltswaren und den Lebensmitteln im Auge behalten kann.
Du könntest ja, denkst du dir, spaßeshalber, wieder an das Regal mit dem Bier gehen und ganz nach oben greifen.
Du biegst um die Gemüseecke, gehst an den Waschmitteln vorbei und triffst – auf das Mädchen.
Sie ist also doch hier. Sie sitzt auf einem Stapel Kartons und lässt die Beine baumeln. Sie sieht dich kurz an und widmet sich dann wieder einem Malheft. Sie scheint ihren Platz gefunden zu haben. Und sie kennt dich schon.
Ein lautes Geräusch dringt aus dem Fernseher von vorne an der Kasse. Mehr ein Schnarren als ein Ton. Es ist ein Applaussturm, Begeisterungsrufe aus irgendeiner Fernsehshow.
Da weißt du es.
Das Mädchen, dass dich eben kurz angesehen hat – du stehst gerade mitten in ihrer Kindheit.
Du bist der Mann, der manchmal, immer mal wieder in ihre Kindheit hineingelaufen kam zum Einkaufen. Erinnerst du dich? Der Laden. Und du bist  – eine Erinnerung. Der Mann, der nie eine Tasche dabei hatte.
Das Mädchen sitzt auf dem Kartonstapel. Es beachtet dich nicht mehr. Es hat dich gesehen, das reicht.
Was jetzt von hier mitnehmen – Reiskörner?
Du läufst nach vorn, öffnest das Kühlfach und entnimmst ihm ein… du entnimmst nichts.
Du bist Architekt.
Du gehst zum Ladentisch, wo der Angestellte ihrer Erinnerung sitzt, stellst den leeren Korb neben die Kasse.
Dann drückst du die Türklinke herunter, du staunst, wie einfach das geht, die Tür öffnet sich, du trittst wieder auf die Straße. Wo du bald verblasst.