Adam Müller.

Ein Text von Adam Müller kann auf Jahre hinweg jede Menge Literatur- Kunst- und Wissenschaftsphilosophie überflüssig machen.  Unangenehm daran ist nur, dass er bereits 200 Jahre alt ist und als solcher nun auch die Frage nach der verlorenen Zeit aufwirft.

Adam Müller, 1808
I. Prolegomena einer Kunst-Philosophie.

1.

Alles Streben der Philosophie hat sich immer in zwei entgegengesetzten Richtungen bewegen müssen. Entweder ward eine wahrgenommene, egriffene Einheit in eine Mannichfaltigkeit von Theilen, Elementen, oder Gliedern zerlegt, oder es ward aus der Verknüpfung, aus der organischen Verbindung mannichfaltiger Erscheinungen ein Einfaches, ein Ganzes gebildet. Dergestalt nahm die Philosophie zwei entgegengesetzte Fähigkeiten des Geistes in Anspruch: die eine war die Fähigkeit des Theilens, des Zertrennen, Zergliederns: die andre die des Vereinigens, des Vermittelns, des Verbindens. – Offenbar setzt die Fähigkeit des Zergliederns (die anatomische oder chemische Fähigkeit) voraus, daß eine Einheit wirklich ergriffen sei; eben so die Fähigkeit der Vereinigung, (die physiologische, oder physicalische Fähigkeit) setzt voraus, eine wahrhaft erkannte Mannichfaltigkeit.–

Wir werden, wenn wir diese beiden Elemente des Geistes, der Welt, oder der Philosophie näher betrachten, einsehn, daß wir die trennende Fähigkeit in uns nicht besser bezeichnen können als mit dem Namen des wissenschaftlichen oder speculativen Talents, daß hingegen vereinigende Fähigkeit am sichersten unter dem Zeichen des practischen oder Kunst-Talents angeschaut werde. Das Object der Betrachtung, der Speculation, und also der Wissenschaft ist immer der Contrast, der Gegensatz, die Differenz – daher von einseitigen Freunden der Kunst, oder von sentimentalen Bewunderern der Natur, gar zu leicht der Wissenschaft der Vorwurf gemacht wird, sie tödte das Leben der Natur. Übrigens wollen wir auch gar nicht in Abrede sein, daß die meisten Freunde der Wissenschaft diesen Vorwurf durch ihre Einseitigkeit verdienen. – Wie die Wissenschaft es mit der Trennung zu thun hat, so ist der Kunst offenbar das Geschäft der Vereinigung zugewiesen. Einheit, Ganzheit, Zusammenhang, macht das Kunstwerk zum Kunstwerk. Und wenn die Wissenschaft einerseits den Character ihres Objects der Trennung, nemlich, annimmt, ewige Spaltungen und unendlichen Streit unter den Dingen anrichtet, so lößt Leben und Frieden erzeugend die Kunst, alle Gegensätze wieder in Einheit auf. DieWissenschaft hat ihr Auge gerichtet auf das Bestehende, auf das Vergangene; sie empfängt, was sich schon tausendfältig in Farben gebrochen, was sich schon in unendlichen Individualitäten gespalten hat: die Kunst wendet sich nach der noch ungebrochenen Zukunft hin, ein Einfaches, ein Werk der einfachen Zukunft hinreichend. Erwägen wir, zu welchem Zwecke wir Wissenschaft und Kunst, das vereinigende und das trennende Vermögen betrachtet haben, und wie wir es gethan haben. Wir haben Wissenschaft und Kunst einander gegenüber gestellt: wir haben Wissenschaft und Kunst, das wissenschaftliche und das Kunstvermögen im Menschen getrennt. Wir haben den Begriff der Vereinigung von dem Begriffe der Trennung getrennt. Es mußte also, damit wir trennen konnten, eine Vereinigung der beiden Begriffe vorhanden sein. Vielleicht war die Vereinigung, die wir vorfanden, nur eine rohe Mischung: gleichviel wie lax der Zusammenhang war, genug wir haben ihn aufgehoben. Wer in meine Bezeichnung der Begriffe einstweilen eingegangen, wird mir zugeben, daß ich, indem ich der Wissenschaft einen trennenden Character beilegte, und dann selbst die Wissenschaft von der Kunst trennte, wissenschaftlich verfahren mußte, daß also durch mein ganzes Verfahren die Existenz einer Wissenschaft der Wissenschaft und Kunst erwiesen worden ist. – Diese Wissenschaft der Wissenschaft und Kunst setzt, indem sie ihre beiden Objecte also auch die Kunst umfaßt, auch Kunstvermögen in mir voraus. Daß man das wissenschaftliche Talent von dem Kunstvermögen im gemeinen Leben absolut zu trennen gewohnt ist, und dem einen bloßes wissenschaftliches, dem andern bloßes Kunst-Talent zuschreibt, kann natürlich nicht von der Idee, sondern blos von den endlichen und einseitigen Repräsentanten der Idee, und auch von diesen nicht ganz ausschließend gelten. Indem ich also eine Wissenschaft der Wissenschaft und Kunst annehme, ist zugleich die Kunst der Wissenschaft und Kunst vorausgesetzt. – Ich bin die Wissenschaft sowohl als die Kunst, das trennende und das vereinigende Vermögen zugleich zu setzen genöthigt: die Vereinigung ist die Bedingung der Trennung, die Trennung die Bedingung der Vereinigung: die Vereinigung ist nur etwas (man vergönne mir den Ausdruck:) im Gegensatze der Trennung und umgekehrt: ich finde in alle Ewigkeit keinen Grund, weder die Vereinigung noch die Trennung als Princip anzunehmen.
Die Wissenschaft betrachtet das große Kunstwerk: die Welt. Sie zergliedert den schönen großen Bau, den die vergangenen Zeitalter zurückgelassen: das große Gemälde gleichsam einer einzigen That, eines ganzen Geschlechts, lößt sie auf in unendlich viele Individualitäten, deren Verein jene That erzeugte: viele entfernte Epochen der Weltgeschichte entwickelt sie sich aus dem einfachen Weltbilde vor ihr. Die Kunst andrerseits ergreift einzelne Epochen der Geschichte, und vermählt, verbindet, vermittelt, vereinigt sie zu einem historischen Ganzen; aus verschiedenartigen, streitenden Characteren bildet sie ein harmonisches, friedliches Ganzes. – Auf diese Weise arbeiten beide, Wissenschaft und Kunst, ohne Ende einander in die Hände. Die Wissenschaft zergliedert die Werke der Kunst, damit eine höhere Kunst die getrennten Elemente zu einem höheren Werke vereinigen könne, dann eine wieder höhere Wissenschaft eine schärfere, reinere Zergliederung vornehmen könne, und so ins Unendliche fort.
Sollte hiermit wirklich etwas anderes dargestellt sein, als der Wechsel von Tod und Leben selbst? Die Idee ist frei; sie ist keineswegs an menschliche Individualität gebunden. Tragen wir sie demnach frei auf den Welt- oder Erdgeist über. Dieser Wechsel von Tod und Leben ist nichts anders als bis ins Unendliche in einander verschlungene Trennung der Elemente und Vereinigung der Elemente, und höhere Trennung und höherer Verein u. s. f. Die Wissenschaft dieses Erdgeistes (die Wissenschaft, das Bewußtsein, das er im Tode, im Wandel und Wechsel vornehmlich offenbart) und seine Kunst, seine bildende Kunst (die ich nicht beschreibe, weil tausend seiner Werke uns unmittelbar ansprechen) seine Wissenschaft und seine Kunst scheinen höherer Natur als die unsrige, und dies vornehmlich deshalb, weil Tod und Leben in ihm eins ist, weil er uns unmittelbar im Bilden das Zergliedern und das Verzehren, und unmittelbar im Verzehren das Bilden zeigt, wir hingegen eines nach dem andern zu vollbringen scheinen, oft wohl gar bloße, reine, absolute Zergliederer (Wissenschaftler) oder bloße Bildner (Künstler) zu sein glauben. –
Das Verhältniß zwischen Wissenschaft und Kunst, von dem hier die Rede gewesen ist, ist oft, und besonders von dem ersten philosophischen Geiste, unter den lebenden Deutschen, von Schelling bemerkt worden. Sehr mit Recht eifert dieser Schriftsteller gegen die absolute Trennung, den absoluten Gegensatz von Wissenschaft und Kunst, oder was dasselbe sagen will, da alles Handeln Kunst ist und sein soll, und da es kein unkünstlerisches, d. h. unproductives Handeln giebt, gegen den absoluten Gegensatz von Handeln und Wissen. – Aber die absolute Einheit beider, die absolute Identität des Wissens und Handelns, zu deren Annahme Schelling und die deustche Naturphilosophie mit ihm ihre Zuflucht nahm, ist eben so einseitig. Ich glaube an dieser Stelle, die oben von mir erwähnte Bezeichnung: Kunst der Wissenschaft und Kunst, als gleichbedeutend mit der Naturphilosophie aufstellen zu können. Anstatt nemlich, daß in meiner Ansicht Wissenschaft und Kunst sowohl betrachtet werden können aus dem Standpunct einer höheren Wissenschaft, getrennt nemlich; als auch gebildet (vereinigt) werden können, zu einer neuen höheren Kunst, und diese höhere Wissenschaft und höhere Kunst gemeinschaftlich wieder gebildet werden können zu einer noch höheren Wissenschaft und noch höheren Kunst und so ins Unendliche fort, – so glaubt die Naturphilosophie, oder überhaupt die gegenwärtige Philosophie einen letzten Standpunct gefunden zu haben, eine letzte und höchste absolute Wissenschaft oder absolute Kunst: eine Wissenschaft, d. h. eine Trennung, einen Gegensatz, den die höhere Kunst nicht mehr aufzulösen vermöge; oder andrerseits eine Kunst, eine Einheit, ein schöpferisches  Princip, worüber die trennende Gewalt einer höheren Wissenschaft nichts mehr vermöge. –
Wenn in meiner Ansicht Wissenschaft und Kunst bald getrennt ihren Weg gehn, sich losreissen von einander, jede gleichsam ihren Geschlechtscharacter, die Wissenschaft den Männlichen, die Kunst den Weiblichen schärfer und schärfer bestimmt, damit ein höherer, klarerer, reinerer Verein zwischen ihnen geschlossen werden könne, damit ferner aus ihrer Vermählung als Kind hervorgehn könne eine sichtbare Einheit beider, die aber heranwachsend wieder einen noch reineren Geschlechtscharacter annehmen, sich endlich noch reiner vermählen wird u. s. f. – wenn auf diese Weise Wissenschaft und Kunst durch ihre ewige und nothwendige Wechselwirkung einander gegenseitig ewiges Leben und ewiges Fortschreiten garantiren, eine abhängig von der andern, und zugleich eine herrschend über die andre – so wird in der cursirenden Ansicht, eben durch die Annahme eines Maximums, der Wissenschaft und Kunst eine tyrannische Constitution angeheftet, die dann freilich das Schicksal mancher andren Constitution theilt, indem gleichgültig gegen sie das ihr anscheinend unterworfene Leben ein freies und göttliches Spiel treibt und seinen Gang fortgeht, gefühllos gegen das Gesetz, woran es der Autor gefesselt zu haben glaubt.
Noch einmal: die Natur steht nicht stille, weil ihr sie darstellen wollt. – Ohne euch selbst zu bewegen, werdet ihr nie die Bewegung des Universums darstellen können. Wie die Natur vom Leben zum Tode und vom Tode zum Leben mit so unendlicher Leichtigkeit und Ironie fortschreitet, daß sie euch wie ein einziges Reich des Lebens und des Todes zugleich, erscheint, – so sollt ihr die heiligsten Erzeugnisse eurer Kunst, die reichsten Erscheinungen eures Lebens, und eure höchsten und liebsten Güter, (denn ihr liebt nur was ihr mit eurem eignen größeren oder geringeren Kunstvermögen erzeugt habt) so sollt ihre eure schönsten Werke in ihre wissenschaftlichen Elemente zu zerlegen wissen, um neue Werke zu erzeugen u. s. f. Jemehr euer Auge an wissenschaftlicher Schärfe gewinnt, um so mehr wird die Kraft der Kunst eure Hand beleben; Wissenschaft und Kunst, Trennung und Vereinigung sind nur etwas durch ihren Gegensatz und ihre Wechselwirkung. – Der Philosoph, den die hier dargestellte dialectische Bewegung ergriffen hat, der im Bewußtsein dieser Bewegung oder in ächter, platonischer Ironie lebt, der ferner nicht blos im Bewußtsein, sondern auch im Glauben an die Unendlichkeit dieser Bewegung mit beständigem Ernst zu bilden und zu wirken weiß – der ist Künstler und Gelehrter zugleich, und so und nicht anders soll sein heiliges Amt gedacht werden. Ernst und Spiel, Tod und Leben scheinen sich in ihm zu durchdringen: jemehr die Bewegung seines Lebens sich beschleunigt, um so tiefer bemeistert sich seiner Rhythmus und Ruhe. Wir bleiben zweifelhaft, ob er sich ein Kind oder einen Gott zum Muster genommen: in den Spielen der Kindheit und im Wirken der Natur finden wir ihn in verjüngtem und erweitertem Maße wieder.
Es kann nun nicht weiter befremden, und selbst der Schein der Paradoxie wird nicht zu befürchten sein, wenn ich erkläre, daß wir in unsrer Unterhaltung über den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Kunst, ächt mathematische Gegenstände behandelt haben. Die Mathematik ist in den Augen ihrer wahren Freunde, des Pythagoras, des Hobbes, des Keppler, des Leibnitz und selbst des Euklides nichts anderes gewesen, als die Wissenschaft des Gegensatzes zwischen Mannichfaltigkeit und Einheit, zwischen Zahl und Stetigkeit, zwischen Arithmetik und Geometrie, und die unsterblichen Werke jener Männer waren nichts anderes als Übungen in der Kunst der Vermittlung zwischen Mannichfaltigkeit und Einheit, zwischen Zahl und Stetigkeit, zwischen Arithmetik und Geometrie. Ich beziehe mich nur auf das eine Beispiel der Analysis des Unendlichen, in der die philosophische Wechselwirkung zwischen den Progressionen und der krummen Linie, aber auch die Wechselwirkung zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Behandlung derselben besonders sichtbar ist. –

Betrachten wir indeß nur die Arithmetik und Geometrie in ihrer gewöhnlichsten Gestalt, so werden wir finden, daß die Arithmetik, wenn in ihr auch (wie oben in der Wissenschaft), der Begriff der Trennung, der Zahl, der Zweiheit zu herrschen scheint, sie dennoch bei jedem ihrer Schritte, des Begriffes der Vereinigung oder der Stetigkeit, den sie von der Kunst oder von der Geometrie erhält, bedarf. Addition und Multiplication sind offenbare Stetigungen, künstlerische, organische Verbindungen mehrerer gleichartiger Zahlen zu einer einzigen, eben so Subtraction und Multiplication, wo entgegengesetzte Zahlen zu einer einzigen, die ihr Verhältniß, die Natur ihres Gegensatzes anzeigt, verbunden werden; und so fort durch alle Operationen der Arithmetik: unendliche Wechselwirkung zwischen Trennung und Vereinigung, zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Vermögen des Menschen. – Die Geometrie andrer Seits mag immerhin von dem Begriffe der Einheit, des stetigen einfachen Zusammenhangs der Linie, der Fläche ausgehn, ihr Geschäft ist nichts destoweniger ein arithmetisches, ein Zerlegen der einfachen Figur in ihre Linien, Winkel u. s. f. und so vermag auch sie, der Kunsttheil der Mathematik nur zu leben durch ewigen Einfluß des Wissenschaftstheils, nemlich der Arithmetik. – In der Arithmetik einheimisch ist der Begriff der Zwei, in der Geometrie der Begriff der Linie; aber damit dort in der Arithmetik die Zwei begriffen werden könne, muß die Geometrie ihren Geist in einem Repräsentanten neben der arithmetischen 2 aufstellen, und dieser Repräsentant ist die arithmetische Eins. Damit andrerseits die Geometrie und der ihr eigenthümliche Grundbegriff der geometrischen, einfachen, stetigen Linie nur angeschaut werden könne, muß auch die Arithmetik der Geometrie einen Repräsentanten herübergeben, und dieser Repräsentant, durch den eine bestimmte Linie begriffen wird, ist die geometrische Zweiheit, oder der Winkel, die Annahme einer zweiten Linie, durch welche die erste nur erst eine bestimmte, anschaubare Richtung erhält. So verweben sich in der Mathematik ins Unendliche  Einheit und Trennung; das beständige rege Bewußtsein dieser Wechselwirkung und dieses Wechselgeschäfts ist das Wesen aller mathematischen Dialektik, und so überlasse ich es der Entscheidung meiner Leser, ob der unaufhörliche Gegensatz zwischen Mathematik und Philosophie, der bisher allenthalben angenommen worden, wirklich fernerhin statt finden könne.

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