Coronalogie: Welkes Land

Neulich beim Hören einer Rede von Gesundheitsminister Jens Spahn musste ich an die Zigarettenmarke Ernte 23 denken. Aber dann fiel mir ein, dass Ernte 23 eine Westzigarette war. Juwel 72 trifft es eigentlich besser.

In der Endzeit der DDR in den späten 80iger Jahren gab es eine Zigarettenmarke Juwel72. Die Schachtel war irgendwie in einem mäßig ambitionierten Eleganzdesign gehalten mit oxidiert grüngoldbräunlich wirkenden Ornamenten. Sie wurde 1972 als „moderne“ Variante der alten Juwel-Zigarette eingeführt. Der edelverwelkte Name Juwel72 sollte irgendwie ausstrahlen Hochwertigkeit, Neuheit und Bestand. Schon zu DDR-Zeiten oder in den späten 80iger Jahren war das eine irgendwie unbeliebte Marke, wurde selten gekauft, hat auch nicht geschmeckt. Zumeist standen fünfzehn oder zwanzig Juwel 72-Schachteln als eine Art Juwelensammlung nebeneinander in einem staubigen Tresen der Mitropagaststätte Magdeburg, um den Mangel an Auswahl zu kaschieren, wenn die anderen und weniger unbeliebten Zigarettenmarken ausverkauft oder nicht lieferbar waren.

Wenn man das Design der Schachtel heute sieht, würde man sagen: welkes Design. Das Wort „verwelkt“ trifft es eigentlich. Juwel 72 war eigentlich schon in den 80iger Jahren in der DDR eine welke Zigarettenmarke. Für den jugendlichen DDR-Konsumenten, der sich im Osten einen Rest von Selbstachtung oder street credibility leisten wollte, war die Marke eigentlich ein No Go oder nur im Notfall attraktiv. Wer ein wenig auf sich Acht gab und auf die Gesundheit seiner nonverbalen Signifikate, rauchte im Osten Cabinet oder Karo.

Am selben Tag der Spahnrede dann dachte ich spontan, als ich mal wieder den Kommentator der ARD, Rainald Becker, in den Tagesthemen sah: Der wirkt auch wie Juwel 72. Und dann war ich von so einem Gefühl ergriffen und zappte zum ZDF, sah noch Marietta Slomka und Klaus Kleber und Anne Will und dachte, ja genau, das ist es: Das wirkt gerade alles wie Juwel72 in der Endzeit der späten 80iger Jahre in der DDR.

Ein welkes Juwelenangebot.

Die Gesichter, der Habitus, der Ton, der Gestus im öffentlich rechtlichen Fernsehen von ARD und ZDF strahlt heute schon die selbe Verwelktheit aus wie eine Packung Juwel 72. Ihr Vorrat an Zukunft ist verbraucht. Genau dieses Abgelaufene und Verbrauchte sieht und spürt man plötzlich als ehemaliger Ossi, wenn man die Endzeit der DDR noch bewusst erlebt hat. Es ist das selbe Gefühl. Ein Wiedererkennen von Verwelktheit.

Und das hat nichts mit dem Alter zu tun. Typen wie Willy Brand oder selbst noch der durchaus fragwürdige Herbert Wehner oder auch Franz Joseph Strauß wirkten selbst im fortgeschrittenen Alter nicht verwelkt. Sie konnten alt wirken oder auch etwas greisenhaft oder ein wenig grau, knarrend oder staubig aber niemals welk. Das Welke und die Verwelktheit ist eher ein Phänomen, das sich auf die Oberfläche von Farbe oder Jugend legt. Und das hat auch nichts mit Männern oder Frauen zu tun, die angeblich auf unterschiedliche Weise altern. Das Welke ist nicht das Graue oder das Gealterte. Das Welke ist etwas, das erscheint, wenn vordergründig noch das Muntere, das Frische oder das Bunte scheinbar dominiert oder behauptet wird. Je öfter und intensiver eine Gesellschschaft Frische oder Buntheit behauptet, desto eher und näher erscheint das Welke. Das Welke ist ein kaum merklicher Schleier, der sich zwischen Realität und Behauptung legt, ein Anhauch von Ende, das gerade in den muntersten und buntesten Aktivismen von Beständigkeit, Frische und Jugend erscheint, wie eine Oberschwingung, die nur vom Unterbewusstsein wahrgenommen wird.

So, wie der Name „Juwel“ bei der Zigarettenmarke eigentlich das Nichtwelke und Beständige und Werthafte als Buntglitzerndes Juwel betonen wollte, und gerade deshalb von besonderer Welkheit betroffen war.

Ein guter Komiker kann altern. Er kann sogar unpeinlich vergreisen. Ein bloßer Spaßmacher verwelkt. Große Künstler und Künstlerinnen können altern und vergreisen, oder sogar früh sterben, der bloße Entertainer verwelkt. Substanzen können altern. Was keine Substanz hat, aber dafür viel Oberfläche, muss verwelken.

Die DDR hatte als Konstruktion keine durchtragende Substanz, und deshalb ist sie nicht gealtert, sondern verwelkt.

Endzeiten, gesellschaftliche Phasenwechsel, Epochenbrüche haben in der Tiefe selten oder nicht ausschließlich etwas mit wirklichen Sachargumenten zu tun, oder nur sehr oberflächlich.

Vielmehr werden sie von etwas Nonverbalem eingeleitet. Ein Stil, ein Design, ein Gestus, ein Ton, ein Schleier, ein Sound, ein Habitus ist plötzlich welk, stimmt plötzlich nicht mehr, ist aus der Zeit gefallen. So etwas gibt es auch in der Sprache. Das Wort „prächtig“ ist heute ein welkes Wort. Wer „prächtig“ sagt, sagt nicht unbedingt etwas Falsches oder Unpassendes oder Unverständliches. Aber die Benutzung des Wortes „prächtig“ offenbart einen Anflug von Verwelktheit. Das Selbe trifft zu auf manche Worte, die als welke Intermediationen auftauchen, wie zum Beispiel „freilich“. Oder auch „gewissermaßen“ Oder auf sehr verwelkte Worte wie „Fernsehballett“ oder „Aerobic“ oder „Disko“ oder „Radioapparat“

Deshalb wirkt auch das Wort „Die Grünen“ besonders welk. Weil die Behauptung von Frische und Sonnenblume nicht mehr mit der Ausstrahlung von Claudia Roth oder Robert Habeck übereinstimmt. Das Selbe gilt für „Die Linke“. Oder sogar jetzt schon für das Wort „Corona“.

Welk ist auch das Bilden eines Plurals bei Worten, die nicht pluralfähig sind, wie zum Beispiel „Die Honige“ oder „Die Marmeladen“.

Das mechanische Wiederholen von Worten wie „Rechtspopulisten“ oder „Verschwörungstheoretiker“ ohne dass sich dahinter ein wesentliches substantielles Denkgeschehen abspielt, trägt heute ebenfalls zu einem allgemeinen Gefühl der Welkness bei. Es wirkt wie das logopädische Üben eines Schlaganfallpatienten, der zum Zwecke seiner Zunge-Zahn-Gaumenkorrespondenz koordinierende Sprechübungen machen muss.

Es geht garnicht mehr darum, wie gefährlich das Virus ist oder wie richtig oder übertrieben der Shutdown. Ob die Demonstranten Verschwörungstheoretiker sind oder nicht. Es geht nicht mehr um richtige oder falsche Argumente oder Diskussionen. Das rückt alles erst später ins Bewusstsein oder auf die Tagesordnung. Es geht um ein Grundgefühl der grundsätzlichen Verbrauchtheit, das Welke oder die Welkness in Konzepten und Gesichtern. Ein Gefühl von Verwelktheit einer ganzen öffentlichen Sphäre. Aber das Gefühl betrifft auch die großen Zeitungen. Ob FAZ oder Spiegel oder Süddeutsche oder Welt oder Zeit oder Tagesspiegel – das ist alles verwelkt, Juwel 72 oder Ernte 23 Die Marken liegen noch eine Weile in den Geschäften, es gibt sie noch, aber sie wissen noch nicht, dass ihr Vorrat an Zukunft verbraucht ist.

So, wie man im welken Juwelenkabinett in der Mitropagaststätte Magdeburg in der DDR 1988 auch noch nicht wusste, dass die DDR in anderthalb Jahren nicht mehr existieren wird.

Magdeburg im Mitropa-Bahnhofsrestaurant, Oktober 1988, DDR.

Die Bahnhofsuhr macht klack. Alles ist wie immer, steinern und grau. Man trinkt einen lauwarmen dünnen Kaffee aus einer Mitropakaffeetasse. Die Tresenkraft schäkert ein bisschen und raucht. Passend zu ihrer Frisur läuft im hinteren Teil des Tresens ein kleines Radio mit einem ganz leise verkrächzten „life is life“. In der Regalvitrine über ihrem Verkaufsstand stauben die Zigarettenschachteln der Marke „Juwel 72“ Daneben zwei kleine Flaschen Goldkrone. Am Tisch nebenan wartet ein NVA-Soldat in Uniform auf seinen Anschlusszug, schlafend, den Kopf auf die Tischplatte gelegt. In einer aufgeschlagenen Zeitung NEUES DEUTSCHLAND Jubelbilder mit Fahnen in grobkörnigem Schwarz-Weiß. Ein müder Schichtarbeiter des Maschinenbaus schaut in sein schaumloses Bier. Das Dösen, das Warten, das Kaffetrinken unterm minütlichen Klack Klack der schweren Zeiger einer Bahnhofsuhr. Alles ist wie immer. Und es könnte noch einhundert Jahre so weiter gehen.

Aber die Luft und der Himmel und die Erde der DDR wissen noch nichts davon, dass sie in anderthalb Jahren nicht mehr die Luft, nicht mehr der Himmel und nicht mehr die Erde der DDR sein werden. In anderthalb Jahren gibt es diese DDR nicht mehr. Magdeburg, Bahnhofsgaststätte im Oktober 1988. Noch ist alles so wie immer. Das NEUE DEUTSCHLAND liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Jubelbilder. Die Tresenkraft schäkert. Der NVA-Soldat döst und wartet. Schaumlos trinkt der Schichtarbeiter aus seinem Glas.

So ein Virus stellt ja auch die Frage nach dem Ansteckenden, nach dem, was Schwung gibt, nach dem, was begeistern kann. Das positiv Ansteckende. Aber wer statt in den Dialog immer in das Populistenbashing ausweicht und nach „Verschwörungstheoretikern“ sucht, der hat die Lage seines Welkseins nicht verstanden. Und der erinnert ein bisschen an Erich Mielke in der letzten späten Endphase der DDR, der seine Welkheit, sein Verwelktsein auch nicht mehr gemerkt hat. Ich liebe Euch doch alle.

Wahrscheinlich wird auch die EU daran zerbrechen. Sie wird nicht am Geld zerbrechen, oder an Schulden. Die Geschichte kennt viele langlebige und muntere lebensfrohe Schnorrer und Schuldner. Die EU wird zerbrechen an mangelnder Ausstrahlung, an Bürokratismus, Menschenferne und an der Erschlaffung oder besser gesagt an der Petrifizierung ihrer Institutionen. Und noch an etwas bisher völlig Unterschätztem: An ihrem Mangel an Komik und Humor. Sie wird verwelken.

Die Idee der EU lacht nicht mehr. Sie schaut pädagogisch streng mit stahlblau gesträhnten Haaren und tief eingefurchten Ehrgeizkerben in den ideologisch und finanzpolitisch verkniffenen Mundwinkeln, wie damals die Volksbildungsministerin Margot Honecker, die zum Ende der DDR lilablaue Strähnen in den Haaren trug.

Wieviel Angst, Humorlosigkeit und Verkniffenheit strahlt ein Gesetz aus, das neuerdings die Herabwürdigung der EU und ihrer Symbole unter Strafe stellt. Es ist eigentlich ein Staatsgesetz, das die Würde von staatlicher Autorität schützen soll, hier jedoch auf ein Gebilde angewandt wird, das de facto kein Staat ist. Und wenn man im Internet nach Zitaten von Jean Claude Junker nachgoogelt, fragt man sich, ob hier ein Geist sich ausdrückt, der mit der Würde und dem Enthusiasmus, dem Vertrauen und der Integrität einer zukunftszündenen Idee im Einklang ist. Wie wenig Zuversicht, Vertrauen und Humor teilt sich darin mit, dass ausgerechnet jetzt, mitten in der Coronakrise ein solches Gesetz im Bundestag erlassen wurde..?

In der Endzeit der DDR wurde das Gesetz gegen die Herabwürdigung der DDR und ihrer Symbole schließlich zum Gummiparagrafen ausgelegt und konnte jederzeit gegen jedwede Form der Kritik in Anwendung gebracht werden.

Als Ossi hat man ein empfindliches Gehör für den Zeitpunkt, an dem ein solches Gesetz gegen die Herabwürdigung der EU und ihrer Symbole erlassen wird.

Die EU wird womöglich daran zerbrechen, dass der Gedanke oder die Idee der EU niemanden mehr anzustecken vermag. Übrig bleibt eine humorlose Angst,- Mangel- Schulden- und Kontrollinstitution, mit gelegentlichen Jubelfeiern, so wie es die DDR in ihren späten und welken Jahren gewesen war.

Die DDR und ihre Gesichter konnten in ihrer Endphase niemanden mehr anstecken, schon garnicht überzeugen. Die DDR war welk, nicht weil sie alt war, sondern weil sie bis zuletzt Munterkeit, Buntheit und Frische verkniffen gegen den totalen Realitätsverlust und die Volksferne ihrer Funktionäre behauptete, fern eines durchwirkenden Grundes, der das Wasser oder die Feuchtigkeit von gesundem Humor, von breiter Akzeptanz oder von Zuversicht hätte spenden können.

Aber man erinnert sich plötzlich wieder daran, wie groß der Kontrast erschienen war, als in der Spätphase der DDR plötzlich so ein Gesicht wie Gorbatschow einen anderen, einen neuen Kommunikationsstil ankündigte. Wie Gorbatschow und sein „Glasnost“ auf uns Ossis eben doch plötzlich stark wirkte neben Figuren wie Willy Stoph, Günther Mittag oder Harry Tisch. Gorbatschov wirkte auf uns Ossis ansteckend. Und unsere DDR-Offiziellen wirkten daneben welk und verbraucht. Gorbatschow berühmtes „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ hatte auch einen bestimmten Humor, den die DDR-Funktionäre nicht kannten.

Oft und gerne strapaziert hatte man in letzter Zeit die Kritik an der Frisur des amerikanischen Präsidenten, an seinem Benehmen und seine Attitüden. Man kann ihn auf bequeme Art schnell kritisieren, skurril oder doof finden, klar, aber er hat es vermocht, wenigstens zum Teil seine Wähler zu begeistern, zu motivieren, anszustecken. Er ist schon älter, aber er wirkt nicht welk. Sicherlich, man muss ihn nicht bejubeln, und Amerika hat eine andere Geschichte. Hier spielt die pathetisch vorgetragene Ansprache, die durchaus auch propagandistisch grobgeschnitzt sein kann, in einer anderen Tradition. Trotzdem stellt sich die Frage: Was strahlen unsere Politiker und öffentlich agierenden Personen aus? Können sie positiv motivieren, Bürger anstecken oder begeistern mit einem neuen Stil?

Es wird zwar gesagt, nichts mehr wird sein, wie es vorher war – auch so eine Leerfloskel – als gäbe es ein Einverständnis in der Wahrnehmung über die Frage, wie es vorher war. Ja, wie war es denn vorher? Als sei man vorher ganz allgemein der große Realitätsversteher gewesen.

Etwas Neues soll beginnen. Man zeigt mit dem Finger auf das Pathos von Trump. Aber geht vom Gestus und der Austrahlung unserer Politiker etwas Neues aus, das ein neues anderes Morgen ankündigt? Strahlen Ihre Gesichter, Kravatten und Frisuren etwas Neues aus, eine Frische, einen positiv ansteckenden Virus? Für eine neue Idee, eine neue Epoche, so wie damals Gorbatschow? Kann Europa anstecken und begeistern mit seinen sexy Abkürzungen wie ESM, EZB und EuGH.?

Man studiert Gesichter, Physiognomien und fragt sich: Wie ist jemand innerlich organisiert, der so ausstrahlt und spricht wie der Gesundheitsminister Jens Spahn? Welchen Hoffnungen gibt seine Ausstrahlung einen begründeten Anlass? Welche Art von Zukunft verbirgt sich im Gesicht des Extremismusforschers Matthias Quendt? Lädt Frau Merkels Mimik dazu ein, sich auf das nächste Jahr zu freuen? Fühlt man sich im Gesicht von Claudia Roth gut aufgehoben? Weisen Robert Habecks Züge in ein erfreuliches Futur? Möchte man mit Anton Hofreiter im Fahrstuhl stecken bleiben? Welche Visionen leuchten im Antlitz von Horst Seehofer? Wirkt die Frisur oder das Gesicht von Ursula von der Leyen wirklich ansteckend für die europäische Idee?

Denn so ein Virus stellt ja auch die Frage nach dem, was positiv ansteckt. Was ansteckend begeistern kann. Was Entusiasmus bringt. Was Schwung gibt. Gerade das braucht man ja in einer Krise. Fragen über Fragen…als ehemaliger DDR-Bürger hat man jetzt so ein Vorgefühl. Magdeburg, Mitropa 1988. Die DDR und ihre welken Juwelen.

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