250 Jahre Hölderlin

Die Geburtstagsfeiern und Jubiläumsorgien zu Hölderlin in diesem Jahr:
Als hätte es Heideggers Hölderlinlesungen nie gegeben, gerät die Hölderlinjubiläumsindustrie in Deutschland zu einer mit Sagrotan gereinigten Plastikfeier „des Dichters“.
Hölderlin ist der „Dichter“, genau so, wie sich Kleinfritzchen das Dichtertum vorstellt – das unverständliche, das unverstandene Genie! – das weit in die Zukunft weist!

Hölderlin, die sehr riskierte Existenz, wird gefeiert oder in Serienlesungen entwürdigt von mediokren, unriskierten Existenzen.
Ihm widerfährt damit das gleiche Schicksal wie beinahe alljährlich seinem Bruder Kleist.
Hölderlins Ingenius ist so meilenweit entfernt von seinen Jubileuren aus der deutschen Villamassimokultur, wie Beethoven und Sex von Sagrotan und Händewaschen entfernt ist.
Dabei wird von den Jubileuren immer wieder gerne Hölderlins Deutschenschelte herangezogen, um ihn als deutschen Dichter erglänzen zu lassen, der eigentlich immer schon gegendeutsch gedacht hat.

Aber worauf genau bezog sich die Deutschenschelte Hölderlins?
Man muss schon ganz genau hinhören. Zitat:… Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark […], in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin, waren meine Tröster.
Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag‘ ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

Nach Hölderlin müsste man heute sagen: ...in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend…..und selbst durch Religion barbarischer geworden.

„Übertreibung und Ärmlichkeit“
Die Deutschen müssen immer übertreiben. Wenn die Deutschen etwas verstanden zu haben glauben, müssen sie sofort übertreiben. Haben sie ihr Volkstum verstanden, müssen sie es gleich zur total rassigen Volkigkeit hochturnen. Haben die Deutschen verstanden, wie böse pöse das Deutsche jetzt ist, müssen sie es gleich übertreiben bis zur totalen Auslöschung von allem Deutschen, von Heimat, von Herkunft.
Haben die Deutschen verstanden, dass „Europa“ wichtig ist, sieht man in Deutschland plötzlich nur noch „Europäer“, aber man sieht keine Menschen mehr. Wenn der Deutsche darüber belehrt wurde, dass wahre Eleganz und echter Stil aus Italien oder Frankreich kommt, dann hechelt der Deutsche mit „ars vivendi“ in Richtung Süden oder er trägt schwarze Rollkragenpullover und liest dämliche französische Philosophie.
Wenn der Deutsche verstanden hat, dass auch Sex im Leben eine Rolle spielt, dann wird das sofort mit Sigmund Freud zu einer beinahe exakten Wissenschaft von allem und jedem oder zur Zivilreligion hochtrainiert.
Wenn der Deutsche verstanden hat, dass auch Minderheiten Existenzrechte haben, dann macht er daraus sofort eine Minderheitsreligion oder eine Minoriotätsphilosophie, in der alles Fremde gut und alles Eigene schlecht ist. Wenn der Deutsche verstanden hat, dass es auch Schwule und Lesben gibt, dann gilt Heterosexualität plötzlich als unnormal bis faschistisch.
Wenn der Deutsche verstanden hat, dass auch Frauen gleichberechtigt sein sollten, wird daraus sofort eine Frauenreligion konstruiert. Wenn er im Gegenzug dazu irgendwann einsieht, dass auch Männlichkeit nicht ganz auszurotten ist, dann macht er daraus gleich eine neue Männlichkeitsreligion.
Und so weiter und so weiter….

Hölderlin:....in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit belaidigend….und selbst durch Religion barbarischer geworden.
Insofern lässt sich Hölderlin tatsächlich feiern als ein großer und sagender Dichter.

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