Archiv der Kategorie: Essays

Reflexionen zumeist über deutsche Geschichte.

Beim Schmied

„Zeitreisen“  –
sagte der Schmied und langte
hin zu einem Stahl,
den er mir reichte –

– „sind keine Zauberei.

Schau ihn Dir an und sag mir, was du siehst.“

Ich nahm den Stahl und sah

an einem Ende

breiter war
nach vorne hin

verschlankte

also

auslief

hin

zu einer engen

Spitze.

So sagte ich:

„Ein Streifen seh‘ ich, vorne breit,
jedoch nach hinten schmaler werdend,
verengt er sich zu einer Spitze.
Wird’s ein Schwert?“

„Verjüngt,“ –
sagte der Schmied, –

-„nach hinten hin –
verjüngt.“

„Ja, ein Stahl,
nach vorne sich

verdünnt.“  –

bestätigte ich ihn –

Der Schmied jedoch bestand auf seinem word:
„Der Stahl nach hinten sich verjüngt.“

„Ja wie? “ – so fragte ich- „Das andere, das breite

Ende

dort –

– also der Griff , wo man ergreift –

ist dieser dann

veraltet?“

Hier stutzte er und sagte:

„Nein…

was sich verjüngt daran

ist nur die Spitze.

Der Griff bleibt Griff,

das andre Ende.“

Den Stahl er aus der Hand mir nahm
und drückte –

randhaft nur

die Spitze,

die verdünnte,

gegen mein Gewand.

„Das andre Ende?“

– fragte ich.

„Nein, die Spitze war’s “ –

betonte er,

die dich verjüngte.“

Und plötzlich:

Ich verstand.

 

 

 

 

Mona Lisa am Flachbildschirm

* * 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched(Für M.)

Nach wie vor unbeantwortet bleibt die Frage, warum für manche Worte der Plural fehlt. Die Zeit, die Zeiten – das geht. Aber die Dauer?
Die alte philosophische Frage, ob das Leben ein Traum ist, hat sich insofern erledigt, weil Menschen offenbar so beschaffen sind, zwischen Traum und Nicht-Traum zu unterscheiden. Die Tatsache, dass Menschen diese Frage stellen können, beruht auf einer Unterscheidungs-Fähigkeit. Und diese Unterscheidungsfähigkeit wiederum darf man mit einem alten aus der Mode gekommenen Wort bezeichnen: Geist.
Den Beweis, dass das Leben kein Traum ist, liefert der Klartraum.
Im Klartraum träumen wir und wissen dabei, dass wir träumen.
Umgekehrt habe ich noch nie jemanden sagen hören: Ich lebe und komischerweise weiß ich es auch.

Gerüchte gehen um, ein Museum sei in Planung, dessen Räume gewidmet werden sollen dem wertvollsten Kunstwerk aller Zeiten, und man erzählt sich, dieses Kunstwerk sei der Mensch. Angeblich sähen die Planungen vor, den innersten Teil des Gebäudes zu reservieren für einen kleinen Zettel, hinter Panzerglas und gesichert durch Temperatursensoren und laser-gestützter Positionsüberwachung, einen kleinen Zettel mit kleinkarriertem Linienmuster, auf dem eine Bleistiftkritzelei sich bei kurzer Betrachtung verdeutlicht als die Zeichnung eines herrenlosen Oberlippenbarts.
Es heißt, irgendwer habe diesen  Zettel einmal aus einem kleinen Ring-Notiz-Block gerissen und das Bärtchen darauf gekritzelt, ganz ohne Lippen, ohne Nase und ohne dazu passendes Gesicht, sei dieser herrenlose Oberlippenbart wiederum einem anderen Finder auf einem Dachboden in die Finger geraten, der ihn sofort als das Bärtchen der Mona Lisa identifiziert und der europäischen Kunst-Sach-Verwaltungsbehörde übergeben habe gegen einen unverhältnismäßig kleinen Obulus.
Jetzt soll das Ding im innersten Zentrum des neuen Museums seinen Platz bekommen, streng bewacht als eine Ikone der Ikone: Das Bärtchen der Mona Lisa.
Als verschollen gilt bis heute der Stift des Zeichners, aber wer weiß, vielleicht taucht er irgendwann wieder auf und wird dann auf Samt gebettet und wunderhaft dem ausgerissenen Zettel beigelegt.
Doch weil die Verlegenheit, der Mona Lisa hier zum wievielten Male eigentlich irgendein Sprechen oder Sagen zuzumuten, ebenfalls den berühmten langen Bart ausstellt (und weil es sich anfühlt wie die Besprechung eines Stücks Rauhfasertapete) fehlt bis heute  ein weiteres Requisit: Ockhams Rasiermesser. Würde man es finden, auch ihm gebürte ein Ehrenplatz im Museum des aller Zeiten wertvollen Kunstwerks.

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Kann man die Mona Lisa heute noch stehlen? Sie freistehlen aus ihrem Museum? Kleinkram. Für Meisterdiebe keine Herausforderung. Meisterdiebe üben sich bis heute (vergeblich) darin, die Karrikatur zu ent-wenden, das Bärtchen der Mona Lisa zu klauen und spurlos verschwinden zu lassen, auch wenn sie bisher immer scheitern mussten als wie auch immer denkbar gut organisierte Panzerknackerbande. Sogar die besten Fälscher wären heute nicht mehr im Stande, die Mona Lisa zu malen ohne ihr Bärtchen. Tausendmal stärker gesichert ist das angekritzelte Dingsbums der Mona Lisa als die Identität der Frau auf dem Gemälde selbst. Gesichert ganz ohne Alarmanlage. Die Mona Lisa, ohne Bärtchen, ist nicht mehr zu haben.

Wo war die Mona Lisa? Wo kommt sie her, wo geht sie hin?

Will man der Idee einer Zentralperspektive noch etwas abgewinnen vom Ausgangsort der Gegenwart? Muss man sich hineinbohren in kilometerdicke Sedimente abgelegener Archive, wo schwer zugängliche Materialien aus längst vergangenen Zeiten die Atemwege mit dicken Staubeinträgen belasten, bis sich die Wolken wieder gelegt haben und der Forscher hustend  und pustend ganz allmählich hier und da etwas Brauchbares erkennt, ein Schnipsel, ein Papier, ein Fragment, eine Skizze, eine Leinwand oder ein Artefakt in einem Bild?
So ein fast vergessenes und verstaubtes und schwer zugängliches Bild zeigt hier  eine Frau inmitten einer Landschaft, gemalt/vermählt von einem italienischen Naturwissenschaftler zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

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Das Bild der …Frau in ihrer Landschaft …. ist als typischer Archivfund so gut wie unbekannt. Wohl ganz zu Recht war es deshalb über die Jahrhunderte in die untersten Sedimente der Wahrnehmung eingesunken, und es bedurfte eines großen Aufwands, da heranzukommen, das Bild überhaupt noch einmal zu heben, damit es nun endlich nach Jahrhunderten wiederwahr vor Augen tritt. Doch gerade eben darum, weil das Bild so wenig gesehen und so spärlich interpretiert wurde, nie jemanden inspiriert hat und weitgehend unbekannt geblieben ist, legt es die Motive und Gewichte einer bestimmten Frage nahe, oder viel mehr legt es sie in eine Frage hinein, in der die Zentralperspektive – vielleicht nicht direkt gefunden – aber ziemlich neu belebt und illuminiert zur Aufführung gekommen war.

Die… Frau gemahlt/vermählt in ihrer Landschaft …wie nach getaner Arbeit verschränkt sie die Arme, und was hat sie für eine Schwerstarbeit leisten müssen in den letzten 500 Jahren, war sie müde geworden vom Stemmen der Hunderttausend Tonnen Blicke? Die Arme verschränkt sie jetzt dafür, doch nur so weit, dass die ganze Haltung ihr noch nicht als  „mit verschränkten Armen vor dem Körper“ ausgelegt werden kann. Sie gibt uns noch eine Chance, eine kleine zweite Chance.

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Sie dreht Däumchen – immernoch – oder eben nicht. Worauf wartet sie? Wartet sie auf ihre Applikation? Darf man so dasitzen bei einem Bewerbungsgespräch? Achtet Sie auf Ihre Körpersprache? Würden sie einstellen diese Frau als Mitarbeiterin in ihrem Betrieb? Was sind ihre personell skills?…

…kann sein, als bekannt vorraussetzen darf man das Gemälde bei einigen Spezialisten, Kennern und Anhängern der hartnäckigen Verschwörungstheorie.
Es genießt hier sogar ein gewisses Ansehen. Und wie üblich bei Verschwörungs-Theoretikern, sucht man nach codiert gehaltenen Anzeichen, Geheimwissenschaften oder Symboliken, die nur echten Eingeweihten oder Insidern obskurer Zirkel zugänglich sind.
* 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched*
Was jedoch nur selten klar zu besprechen ist; nicht aus der Tiefe irgendeines Undercover oder einer  komplexen Verschlüsselung entbergen sich die Geheimnisse; sie entziehen sich dem Blick in fernster Nähe an der Oberfläche einer Sphäre der Jedermanns-Sichtbarkeit und Jedermans-Wissbarkeit.

Seit wann genau lebt der Mensch in einer Verschwörungstheorie gegen sich selbst, die ihm den Zugang zur Lichtung versperrt. Seit wann lebt er in diesem Zeitalter seines angekritzelten  Oberlippenbarts, im Zeitalter seiner eigenen Karrikatur und seiner Doppelcodierung ?

Die Geschichte der Moderne beginnt nicht erst mit der Dampfmaschine, sondern schon viel früher – mit der Erfindung der Schrift und aller ausdeutbaren Zeichen. Die BE-deutsamen Zeichen.

Seit es die „gestellte“ Schrift und ausdeutbare Zeichen im großen Kommunikationsfeld gibt, lebt die Menschengemeinschaft  ganz automatisch in einer Auslegungstradition, die zugleich auch einen Auslegungszwang
mit sich bringt. Ebenso einen BE-Deutungszwang.

Zu jedem „echten“ Zeichen exisitert immer auch schon der Schatten
seiner „Auslegung“
Eine kleine Geschichte der Verschwörungstheorien. Die geschaute Welt hat seit der Erfindung zeichenhaft deutbarer Dokumente und Artefakte ganz prinzipiell und logischerweise ein Fälschungsproblem und ein Authentizitätsbroblem. Man  kann sagen: Mit der Erfindung des zeichenhaften Dokuments, bekam die Welt automatisch einen doppelten Boden in ihr Haus  eingebaut. Absolut jedes Dokment lagert in diesem Zwischenboden zwischen Richtiglesern, Falschlesern und Niemandsfälschern.

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Das Vertrauen auf Unzweideutigkeit der Welt-Lese hatte mit dem großen Inkrafttreten der Schriften und Zeichen einen größeren Knacks bekommen.

Man muss sich also eine frühe Welt vorstellen, in der es keinerlei Dokumente, keinerlei Schrift und keinerlei medialen Zeichen gibt. In dem Moment würde die Welt aufhören, „zweideutig“ zu sein.

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Archaische Schamanen, Priester und Astronomen gingen davon aus, dass man die Welt lesen müsse und keine Schriften.

Dass sie dabei „zufällig“ die ersten mathematischen und astronomischen Gesetze der Natur erkannten, war ein schöner Neben-Effekt.
Deshalb ruht alle Mathematik und alle Naturwissenschaft von ihren Wurzeln her in einem Grund der Welt und nicht in einem Grund der Schrift.

Eine frühe Welt, in der es keine Schrift, keine medial vermittelten  Zeichen und keine Dokumente gibt. In dem Moment fällt ein großer Teil der berühmten Fragen von: „Ist das authentisch oder gefälscht?“ Oder auch: „Wie ist das gemeint?“ Oder auch: „Was wollte uns der Autor damit sagen.“ einfach weg.

Erst in dem Moment, als das „Zeichen“  vom magisch rituellen oder sakralen Gebrauch eines „Welt-Zeichens“  in die Schriftzeichenlage und in den Dokumentenverkehr und schließlich in die rechnenden und handelnden Schriftgeschäfte Einzug hielt, erst in dem Moment beginnt die Menschenwelt als eine ewig doppelbödige und zweideutige Auslegungsfrage und Schriftdeutungslage und Zeichen-BE-Dedeutungsfrage in einen Mißtrauensort großen Stils einzulaufen.

Der notwendige Modernisierungs-Schub durch die Erfindung der lesbaren Zeichen und verkehrsfähiger Dokumente musste erkauft werden zum Preis eines ewigen Mißtrauens gegen diese Schrift und gegen diese Dokumente. Weil der Urheber des „Zeichens“ jetzt nicht mehr „die Welt“ war  (zum Beispiel Blitz und Donner) sondern Urheber des Zeichens war ein Mensch, dessen „Authentizität“ fortan nur noch damit legitimert werden konnte, dass man sagte: Er habe seine Zeichen empfangen von einem übernatürlichen Wesen.

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Ab sofort traten neben dem einfachen Lesenkönnen und dem Schreibenkönnen viele Nebendisziplinen auf den Plan: Das Verschlüsselnkönnen und das Auslegenwollen. Das Nichtlesenwollen oder das Nichtlesendürfen. Das Falschlesenkönnen oder das Falschlesenmüssen eines Zeichens, ob absichtlich oder unabsichtlich, ebenso wie die großen Unsicherheiten zwischen einem Allzuwörtlichlesen und einem alegorisch gebundenen Inhalt.

Nur die Philosophie, dort, wo sie wirklich ernst genommen wurde, hat sich immer den Auftrag bewahrt,  gleichermaßen zwischen Weltferne und Weltnähe aufgespannt zu bleiben und Gespräche, Schriften und Gedanken hervorzubringen, die dem einzig originalen Menschenmerkmal dienen: dem Denken.

Deshalb ist es für einen Nicht-Verschwörungstheoretiker wie für einen Philosophen eminent wichtig, die Herkunft und die Genese seines Werkzeugs, also der Schrift, zu kennen. Und er muss beachten, dass auch Zeichen, Buchstaben, Runen, und das Alphabeth in ihren Anfängen und Gründen aus schamanistischen und magischen Zeichenhandlungen hervorgegangen sind.

Seit dem  Übertrag des „Zeichens“ aus der rituellen und magischen Sphäre auf die Tagesgeschäfte wurde das Weltverhältnis weniger vom Verhältnis der Alphabeten zu den Analphabeten bestimmt, sondern vom Verhältnis der Verschlüsseler und Verklausulierer, die in einem ernährenden Mißtrauensverhältnis agierten  zu den Entschlüsselern,  Korrekt-Auslegern, oder Mißverstehern.

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Ein weiterer nicht zu unterschätzender geschichtsbildener Effekt, der mit der Schrift in Kraft trat, betrifft die Frage nach der „Echtheit“ oder „Unechtheit“ von Dokumenten ebenso wie die Frage nach der „Authentizität“ von Personen, die sich mit echten oder unechten Schrift-Dokumenten immer mehr auszuweisen hatten.

In dieser Phase der Weltgeschichte wurden bald auch die ersten Personaldokumente als Authentizitätsnachweise erfunden und es löste sich so ganz allmählich die Botschaft von dem Boten ab.

Ob ein Mensch „authentisch“ der war, der er vorgab zu sein, musste immer stärker das Schriftdokument oder das Siegel in seiner Hand beantworten und immer weniger stark der real anwesende Mensch selbst.

Kurioserweise wurde damit aber jetzt „fälschbar“der ganze Mensch.
Ein gefälschtes Personal-Dokument genügte und der ganze Mensch war weggefälscht.

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So lässt sich sagen: Mit der Möglichkeit, Gedanken und Nachrichten, Botschaften oder Eindrücke, Ausdrücke „zeichenhaft“ oder schriftlich niederzulegen,  kam zugleich  die Idee der Codierung, des klandestinen „Geheimzeichens“ und der Verklausulierung oder der Fälschung in die Welt.

Mit dem großen Inkrafttreten der Schrift und BE-Deutungszeichen war zugleich ein wesentliches Prinzip der Verschwörungstheorie und – Praxis  geboren worden; und mit ihr eine Moderne, die man auch als konspirative Moderne bezeichnen kann.
Wieviele Geschichten oder Dramen kennt man, in denen nicht selten gefälschte oder unterschlagene oder falschgedeutete, mißverstandene, zu spät gekommene, zu früh gekommene oder verlorengegangene oder in Geheimschrift verfasste Schriftdokumente zum Motiv-Motor dienen konnten  für Intrigen, Tages- oder gar Weltpolitik ?
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Die zeichenkonspirative Moderne „zeichnet sich seit dem aus“ zwischen den Polen  „Verborgenheit“ und „Offenbarung“. Zwischen Figuren mit „echten“ Schlüssel-Rollen und Figuren mit „falschen“ ENT-Schließungs oder Offenbarungshalluzinationen.

Dumm nur, wenn solches Suchen nach Verborgenheiten und Verschwörungstheorie auf Orte übergreift, wo es nichts Verborgenes gibt. Wo alles offen daliegt. Wie zum Beispiel hier bei der Mona Lisa.

Die Wahrheit liegt wie Öl auf dem Wasser. Oder eben wie das Öl auf dem Gemälde. Geheimgehalten wird hier nichts. Verschwörung liegt nicht vor. Alles steht ganz offen, un-heimlich so da, wie es sich zeigt.

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Die Geheimnislosigkeit ist es, die diese Landschaft gewordene Frau so un-heimlich macht. Da liegt überhaupt kein einziges Rätsel in diesem Bild.
Vorne Frau groß. Hinten Landschaft perspektivisch fliehend. Unten eine Morgendämmerung der Hände.  Oben das helle Antlitz, dessen Licht von unten aus dem dämmernden Grund des Bildes zur Stirn hin aufgegangen ist.
Ihre unten aufglimmenden Hände sind nach oben hin aufgegangen zum Gestirn, zum Begriff, zu Geschichten, zum Ge-Sicht.
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Ganz offen da liegen ihre Hände, ganz ruhig da, in Normalverteilung  klar vor unseren Augen. Aber all das liegt nicht nur vor Augen,
es liegt auch  – in einer Landschaft – und hat mit dieser innehaltend ein Verhalten im Verhältnis.

Die Frau also hat im Verhältnis ein Verhalten. Aber mit wem? Wer hält sie?
Was hält sie? Mit wem oder was hält sie – inne? Mit einer Landschaft?
Wie soll man das bewerten mit heutigen genderpolitischen Ambitionen dieses….Verhältnis…zur Landschaft?
Wir haben vor allem ein Verhältnis mit uns selbst, zu anderen Menschen – und wenn es hochkommt  – noch zu einem Land.

Aber was heißt es, ein Verhältnis zur Landschaft haben?

Google, das Wort,  auf einen Zahlenbegriff soll es verweisen für eine Riesenzahl, grenzend  an ein Unendliches. Beim Googlen also im Suchbegriff der „Mona Lisa“  findet „sich“  die Bilder-Auswahl als eine kleine Mentalitätsgeschichte der Deformation. Richtig eingesetzt ergibt die Suche ein anthropologisches Forschungsgerät zur Geschichte des Sehens.
Statistisch zeigen die algorhythmisch ausgegebenen Bildergebnisse „Mona Lisa“ in der Google-Versuchungs-Maschine entweder überwiegend ein Close-up vom Gesichts-Nahbereich der Mona Lisa, oder man erhält ganz viele Karrikaturen und visuelle Verformungen des Motivs als Verballhornungen der Figur.
La Gioconda – „die Heitere“ – oder „die Tröstende“?
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Heiterkeit allein hatte offenbar nicht mehr genügt oder überzeugt in den letzten Hundert Jahren. Immer stärker dagegen wuchs es an, das Bedürfnis, der Heiterkeit des Gemäldes noch etwas anzukritzeln: Ein Schnurrbarrt, eine Brille, eine längere Tabakspfeife etc…
Ein Jahrhundert zeigt sich, in dem allmählich verloren gegangen war das Empfinden für den Gemütszustand der Heiterkeit.
Surrogate traten an Ihre Stelle, die günstiger und billiger zu habende Witzigkeit (Witzischkeit) Hinz-und Kunz-Ironie, Lustigkeit (Lustischkeit) oder eine Art von schiefmündischem Grinsen in Dauerfalschheit.
Proportional – im Verhältnis –  dazu –  ging  ebenso verloren ein Empfinden für den Gemütszustand Melancholie. Man weiß nicht mehr, was das ist, Melancholie.
So wird die Melancholie nur noch verwechselt oder ersetzt  mit Volkskrankeiten wie Depression oder Burnout, während die Heiterkeit allzuoft missinterpretiert wird als die graue Putzmunterkeit eines geistig und mental verödeten Vitalismus.
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Aber Heiterkeit? Deshalb darf man heute fragen: Wie ist jemand innerlich organisiert, der, zum Beispiel wie George Steiner 2008, auf die Idee kommt, einem Buch den Titel zu geben: „Warum Denken traurig macht?“ Wie ist es mit dem Intellekt von jemandem bestellt, der das Denken als traurigmachend denunziert?  Und wie ist mit der Heiterkeit desjenigen bestellt, der der Mona Lisa ein Oberlippenbärtchen anmalt?

Warum wurde das Ge-mählde so oft vom  „Gesichts-Punkt“  des Gesichts her karikiert und nicht vom „Gesichtspunkt“  der Landschaft?

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Na gut, geschenkt, nicht so wichtig. Was den Kosmosphen hier interessiert, ist die „fernste Nähe“, die sich aus der Behandlung der Zentralperspektive ergibt und aus dem offensichtlichen Zusammenhang der Körperhaltung und Kleidung der Frau in Stoffen, Farben und Linien mit den geswundenen und fliehenden Wegen, Bergen und Seen der dahinter liegenden Landschaft.
Ebenso wie die Frage, ob es beim Thema Zentralperspektive noch etwas zu sagen oder zu denken gibt, dass noch nicht gesagt wurde. Findet sich hier im Bekannten ein Noch-Nicht-Erkanntes?

Zentralperspektive: Leonardo am Flachbildschirm.

Der Vorteil eines Gemä(h)ldes gegenüber einem einfachen Bild: Es zeigt eine Vermä(h)lung.  Ein kleiner Wasserfall stürzt über ihre vordere Schulter, dessen Strom im Dunkel der Schlucht Ihrer Arme verschwindet und dann im Hintergrund als fließender Feld-Weg in der Ferne wieder auftaucht und bald auch wieder abfließt – hinein in eine See.
Das ist ihr sehender Weg: Eine um sie herumstürzend herkommende Herkunft und ihr zukommmende Zukunft.
Die Mona Lisa ist – aus ihrem Rücken in ihr Bild gekommen, so, wie man in eine Frage kommt. Die Frau hat zwar Vergangenheit, aber wer das Bild zum ersten Mal sieht, für den kommt die Mona Lisa aus der persönlichen Zukunft.
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Die Lexikas fragen nach der personalen Identität der Figur. Mittlerweile sehr auffällig in der Rezeptionsgeschichte des Bildes steht die Frage nach dem „Wer?“ Wer war die Frau? Gab es sie wirklich? Kennt man ihre „Identität“? Wie war ihr richtiger Name? Hatte Sie vielleicht irgendeine Krankheit? Warum lächelt sie so eigenartig? Sind Ihre Hände geschwollen? Warum guckt sie so komisch? Litt Sie vielleicht an einer Stoffwechselkrankheit oder an einer Gesichtslähmung? Ist es überhaupt eine Frau? Kauft sie bei Amazon ein, oder bestellt sie ihre Klamotten bei Zalando?

Ganz wichtig offenbar war es dem letzten Jahrhundert, diese…. Frau in ihrer Landschaft…. erkennungsdienstlich zu behandeln. Zu gerne möchte man sie   aus ihrer Landschaft herauslösen und an eine erkennungsdienstliche Individualität nageln: Lisa Giocondo… oder Lisa di Noldo Gherardini?
Geboren am… wohnhaft in… verheiratet mit… sozialversichert seit…berufstätig….nimmt gerade das Erziehungsjahr oder auch nicht….
…so, als wäre sie eine illegale Einwanderin oder eine staatenlose Person ohne Personalausweis.

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Sie soll gefälligst staatenhaft werden und mit uns heutigen Wohnungs-und Befindlichkeits-Menschen verheiratet sein, sie soll nicht vermählt bleiben mit ihrer Landschaft. Sie hat gefälligst zu kooperieren mit unserem Wer-bist-Du-Was-machst-du-Wo wohnst du-und-Wie-fühlst-du-dich-Erkennungsdienst.  Sie darf uns verdammt noch mal nicht aus so weit entrückter Ferne so dermaßen zu nahe treten! Wo ist mein Leitzordner, mein Einwohnermeldeamt, mein Stempelkarussel?

So bemüht sich die Forschung seit Jahren dringend, sehr dringend, allzu dringlich, um den Beweis, dass dieser Mensch auf dem Bild da, diese Menschin ja, tatsächlich einen Personalausweis vorweisen kann und zu uns gehört. Ja…sie hat einen Ausweis…eine Zeit lang glaubte man sicher sein zu können, wer die Person war…noch einmal Glück gehabt. Große Erleichterung. Wer hätte das gedacht. Sie ist keine Illegale, keine Sozialschmarotzerin, sondern wahrscheinlich aus identifizierbarem Hause.

Sie aber zeigt die „kalte Schulter“,  die von einem um sie herumstürzenden Wasserfall gekühlt wird. Ein Gemälde mit Wasserkühlung, ein Hochleistungscomputer.

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Dann kippte die Stimmung, und man war sich plötzlich doch wieder nicht so sicher, wen oder was das Bild nun eigentlich zeigt.
Wer mit Nachschlagewerken hantiert, muss diese Nachschlagewerke  immer mit einem Doppelblick für Symptome lesen und erfassen. Jedes Lexikon lässt sich doppelt lesen im Silberblick. Einmal als Nachschlagewerk für Fakten und dann noch einmal als Indiz für die Psychosphäre einer Epoche.
Wonach wird am dringlichsten gefragt? Was liegt am dringlichsten im Interesses der Enzyklopädie? Was gilt gerade als überhaupt nicht befragenswert? Oder in welcher Priorität und Gewichtung werden die Fakten präsentiert? Man darf natürlich auch Lexikas nicht einfach so – lesen – nach Fakten starrend
Die Psychosphäre einer Enzyklopädie-Generation erfasst man, in dem man darauf achtet: Wo liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der Enzyklopädisten. Welchen Fragen wird nachgegangen?
Was wird hier als mitteilenswert, relevant, erfoschenswert und als wichtig erachtet? Und was nicht.
Und natürlich, wie nicht anders zu erwarten, beschäftigt sich Wikipedia als aller Erstes mit dem individuellen Personalausweis des hier gemalten Menschen.

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Habe ich gerade Mensch gesagt? Fragst du nach dem Menschen oder der Fiktion der Mona Lisa oder fragst du nach der Monna Donna, der Frau aus Fleisch und Blut?  Bist Du an Körpern interessiert oder an Verhältnissen, Proportionen und  Ideen ? War das feministisch oder genderpolitisch korrekt?  Hätte ich nicht lieber sagen sollen Frau oder Frau/in ? Oder habe ich mich gerade als asexuelles und sinnenfernes Neutrum geoutet, dem der Arsch und die Titten der Frau Mona Lisa egal sind? Ein noch schlimmeres Vergehen, aufpassen muss man…

Aber – Gott sei Dank – sie kann ja ganz zugleich sein Mensch und Frau. Eine Menschin. Geschichte einer Kern-Spaltung der Mentalitäten: Frage nach dem Geschauten, dem Menschen, dem Wesentlichen und du bist der Gnostiker, der Protestant, der predigende Spielverderber, der schmallippige und unsinnliche Kuttenträger, Mönch und Mystiker. Eine Nonnen-Kapuze sind ihre Haare für den Spielverderber. Frage nach dem Fleisch und Blut der Mona Lisa und du bist der ganze Kerl, der Konkret-Nehmer als Nichtsogenau-Nehmer, der Lebemensch, der Sinnenfreund, der Gaukler etc…

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Bild-Hintergrund: Der sinnenferne Mönch und Kuttenträger, der nach dem Wesentlichen fragt, der humorlos predigende Jesuit, Asket und Ottonormalprotestant. Bild-Vordergrund: Der gaukelnde Lebemensch und Nichtsogenaunehmer. Der schalkhafte Theatraliker, Spieler und Ottonormalkatholik.

Die beiden europäischen Haupt-Motive der Welt-Sicht-Kern-Spaltung sind seit 50 Jahren, genau genommen seit Einstein, verdampft und haben fertig. Flasche leer. Es lässt sich kein dialogischer Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Polen der Welt-Sicht-Kernspaltung mehr ziehen. Jede Art der Literatur, die nach Einstein diese beiden Pole zwischen Ottonormalkatholik und Ottonormalprotestant immer noch befragt hat, oder als „literarisches Narrativ“ ernst genommen hat, ist dummes Zeug.

Dagegen behauptet sich die Kunst des Naturwissenschaftlers da Vinci: Die beiden  Isotope des radioaktiven Welt-Sichts-Zerfalls haben ihn nie interessiert.
Die Welt-Sicht-Kernspaltung war für ihn (noch) kein Thema wie für uns Heutige mit „unserer (Zentral)-Perspektive“ einer schwerverletzten europäischen Geschichte.

Das wäre unser Blick, unser Gesicht auf diesem Bild.

Die kerngespaltene und radioaktive Zerfall der Welt-Sicht zwischen humorlosen Predigern, Mystikern, Wahrheits-Suchern und Kuttenträgern einerseits und den lustigen Gauklern, Künstlern, Nichtsogenaunehmern und Ottonormalkatholiken andererseits macht keinen Sinn mehr bezogen auf die posteinsteinsche Welt –

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Trinity: Die Mona Lisa als Atompilz. Unten die hellen zur Primärexplosion angeschwollenen Hände. Oben der hell aufsteigende Kopf vom Gesicht zum Gestirn, zum Gehirn.

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Aber weil wir nur noch aus unserer heutigen schwerverletzten europäischen Per-Spektive einer Art Welt-Sicht- Kern-Spaltung auf dieses Bild schauen können, erzeugt es seine starke radioaktive Doppelbindung: Steht die Frau aus Fleisch und Blut in ihrem Hier und Jetzt? Oder ist sie eine Menschin im Verhältnis zu den Spuren und Wegen einer Landschaft in Ihrem Rücken, in der PER-SPECTIVE ihres Bild-HinterGRUND?

Einerseits: Gefeiert und gesucht wird die Individualität als Identität. Eine reale Persona nuss die Gioconda gewesen sein, so richtig echt aus Fleisch und Blut, die wirklich existiert hat. Es genügt uns Heutigen nicht allein, dass dieses Gemählde als Ikone unverwechselbar wurde, nein, auch die Frau selbst muss jetzt bekommen eine unverwechselbare Indentität. Mit Melde-Adresse: Lisa della Gioconda oder Lisa di Noldo Gherardini steuernummer… wohnhaft in

Andererseits: Jede „Individualität“ kommt aus einem „Weg im Rücken“, dessen Spur älter und langwieriger vorraus läuft. Die Spur dieses Weges  im Rücken beginnt nicht erst mit seinem Geburtsdatum. Das wäre ihr Verhältnis zur Landschaft.

Wie nomadisch ist die Lisa, die Noma Lisa?

Die heutige scheinbare Schizophrenie:
Als absolut frei interpretiert wird das heutige Individuum und damit herausgeschnitten aus seinem – Verhältnis zur Landschaft –   frei – verfügbar – soll es sein, jedoch herausgeschnitten aus der Fuge seiner Landschaft, den Wegen seiner Herkunft.

Die Passbilder in heutigen  Personalausweisen zeigen im Bild-Hintergrund – keine Landschaft, dafür ein graues Nichts. ENT-FERNT wurde das Individuum  aus seiner Landschaft.  Das landschaftslose Passbild hat das Individuum, wie man so schön sagt: frei-GESTELLT.

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Nur: Ist ein solches absolut ENT-FERNTES Individuum mit Personalausweis und einem Passbild mit grauem Nichts, noch ein ganzer Mensch? So ganz ohne Landschaft?

„Sie möchten also beantragen ein Visum für die Andromeda-Galaxie?  Dann kommen sie ins Konsulat und bringen’S bitte zwei Passbilder mit, die Sie zeigen und ihre Landschaft im Hintergrund .“  (Kosmo-Bürokratie)

Daher das Missverständnis, die Renaissance habe das moderne Individuum erfunden. Hat sie natürlich nicht. Sie hat in ihren besten Momenten den ganzen Menschen sichtbar werden lassen in einem  – Verhältnis –  zu einer Landschaft.
Das moderne, absolut frei-gestellte Individdum, ist eine Halluzination von Rousseau und der französischen Revolution.

Eine vorsichtige Antwort soll an dieser Stelle einmal versucht werden, auf die immer sehr schwerfällig gestellte Philosophenfrage, was den nun eigentlich ein Mensch als Individuum sei und wie es dann mit der Definition seiner Freiheit bestellt ist?

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Das Wort Individuum heißt und meint „Das Unteilbare“. Und das stimmt auch.
Auf was aber bezieht sich die „Unteilbarkeit?“  Tatsächlich ist der Mensch als Individuum un-teilbar (un-trennbar) mit der Spur und dem Weg seiner Her-Kunft verbunden. Er kommt aus einem bestimmten Generationenweg der DAUER in seinem Rücken, seiner Herkunft nach.
Dieser Weg ist der Weg seiner Ahnen und seiner Ähnlichkeit, die ihn auch geprägt haben. Sei es in Kritik an den Ahnen oder in Zuwendung.  Mit dieser generativen Rückbindung nach hinten ist er UN-TEIL-BAR verbunden.
Aber als vernunft- und geistbegabtes Wesen kann er sich ebenso MIT-TEILEN, zum Beispiel über die Sprache, entweder anderen Menschen oder er teilt sich MITT seinem Gemahl oder seiner Gemahlin zu zu einem Gemählde.
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Die Freiheitsgrade seiner MIT-Teilbarkeit eröffnen ihm zugleich Freiheitsgrade der Erkenntnis seiner selbst in Bezug auf seinen unteilbaren Herkunfts-Weg im Rücken.
Je mehr Vergleichsprozesse ich bewusst mit anderen Individuen oder deren Gedanken in MITT-Teilung durchführe, desto mehr schärft sich die Wahrnehmung für das eigene Profil.
Und die Freiheitsgrade seines MIT-Gefühls zu anderen Menschen eröffnen ihm Freiheitsgrade, selbst wenn er stumm, taub oder blind geboren wurde. Weil der Mensch, der im Mit-Gefühl steht, sich allein schon dadurch mit-teilt, dass er ein Mensch unter anderen Menschen ist, die dieses Mit-Gefühl mit ihm teilen.
Mitgefühl ist also ein Mitt-Teilungs-Gefühl und kann insofern allen Menschen unterstellt werden, solange es immer eine statistische Normalverteilung gibt, in denen Menschen mit Mitgefühl zahlenmäßig überwiegen, was optimistischer Weise hier angenommen wird.
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So kann rein statistisch von einer normalverteilten Mehrheit auch für diejenigen gesorgt werden, deren Freiheitsgrade durch Krankheit oder andere Ursachen (Herkünfte oder Unglücksfälle) eingeschränkt sind.

Was man hierbei nur noch beachten sollte: Auch Konflikte, Konkurrenzen, Streit etc…sind Phänomene, die ebenso auf MIT-Teilungen beruhen. Denn ein Streit dreht sich ja immer UM eine gemeinsame Interessens-Achse in der Mitte des Streits. Gäbe es keine solche gemeinsame „um“-strittene Interessensachse, dann hätte der Streit oder der Konflikt seinen archimedischen Punkt verloren. Dann gäbe es keinen Streit, also auch keine MITT-Teilung. So sind denn auch „negative“ Mit-Gefühle wie zum Beispiel Ablehnung oder Wut nichts desto trotz Mitt-Gefühle in einem gravitativen Ungleichgewicht, das darauf hofft, qua Handeln oder eben qua Streit ein Gleichgewicht wieder herzustellen.
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Wenn man um diese Mechanik weiß, kann man de-engagiert, also nichtkatastrophisch streiten, vorrausgesetzt dem anderen ist diese Sachlage ebenso bewusst.

Eine Philosophie zum Individuum (das Unteilbare) hätte also mit-zu-teilen, dass die gegebene UN-TEIL-BARKEIT nach hinten (der unteilbare individuelle Weg der geschichtlichen Herkunft) in diversen Akten der MIT-TEILBARKEIT  zu anderen Menschen peu a peu kompensiert werden kann, wobei sich eine Bewusstseinserweiterung im Hinblick auf die eigenen Existenz einstellt und der PER-SPEKTIV-WINKEL des Bewusstseins sich dadurch erweitert und damit auch der FreiheitsGRAD im Tun und Lassen.  Dieser Weg ist prinzipiell ein Konjunktiv und deshalb gibt es das Wort „Würde“ – das ja ein Konjunktiv von Werden ist. Dieses Werden aber meint den WEG der Herkunft ebenso wie den der Zukunft.

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Je mehr ich über mich selbst weiß oder an Selbsterkenntnis erlange, desto größer wird mein „Spielraum“ in dem ich mich selbst als Marionette dieses UM-mich-selbst-Wissens ausführen kann. Allerdings erfordert dieser Akt der Selbsterkenntnis einen Willen und eine gewisse Beuge-Arbeit, auf die man sich durch Selbstaufmerksamkeit einlassen muss und die einem niemand anderer abnehmen kann. Von allein und einfach so stellt sich der aktiv handelbare und erweiterte Bewusstseins-Perspektiv-winkel nicht ein.

Heidegger befragt nach seinem VERHÄLTNIS zum Seyn, antwortet, Zitat: „…dass das Seyn, bzw die Offenbarkeit des Seyns den Menschen braucht und dass umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, sofern er in der Offenbarkeit des Seyns steht. Damit dürfte die Frage, inwieweit ich nur mit dem Seyn beschäftigt bin und den Menschen vergessen habe, erledigt sein. Man kann nicht nach dem Seyn fragen, ohne nach dem Wesen des Menschen zu fragen.“

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Damit hat er eigentlich das Prinzip des da Vinci formuliert:
Leonardo hat keine Bilder produziert, sondern Gemahl und Gemahlin in einem Gemählde vermählt.
In diesem Falle: Eine Menschin mit einer Landschaft. Die Menschin  – im Verhältnis mit ihrer Landschaft – steht in einer Lichtung des Seyns  – leicht eingedreht da. Sie folgt Ihrem „Spin“, einer Ein-Drehung.
Die Mona Lisa – west an.  Nicht ganz frontal zeigt sie sich, sondern kommt aus einer Zu-Wendung, die einer kleinen Tendenz zur Ab-Wendung zeigt.
Eine Not-Wendigkeit. Eine Drehung. Ihr Körper hat die Tendenz zur „kalten Schulter“.  Die Figur dreht sich von hinten aus einer ENT-fernten, ab-wegigen Dauer in den Blick hinein. Erst mit dieser minimalen Eindrehung/Einwendung von Kopf und Körper bekommt ihre Figur einen Bezug zum RÜCKEN oder zu einer BE-RÜCKUNG. und damit zum  – landschaftlich ab-wegigen –  Hintergrund, der als HinterGRUND mit dem kleinen ebenfalls in sich gewundenen Kleidungs-Wasserfall über ihrer Schulter beginnt und sich im HinterGRUND als gewundener Feldweg fortsetzt.
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Der kleine gewundene Feldweg, sichtbar,  jedoch hinter ihrem RÜCKEN, lässt offen, ob sie von dort her-kommt oder ob das nicht ein zu-kommender /zukünftiger Weg sein könnte, vielleicht sogar ein Weg, den man mit der Lisa della Giocond0 gehen kann.

Die bekannten Fragen: Willst Du mit mir gehen?

Willst du mit mir kommen?  Kommen? Bist Du gekommen?
Gekommen ja, aber woher?
Woher kommst du? Aus welcher Landschaft?
Auf welchen Wegen?

Frage am Standesamt: Wollen Sie mit dieser Frau oder diesem Mann auch den kommenden Weg teilen, der sie beide zusammengeführt hat? Wollen Sie gemeinsam herkommen? Von wo? Von wo kommen Sie her? Welche Herkunft?
Hier kommt zusammen, was zusammen ge-HÖRT.?

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Aber seien wir doch mal realistisch. Wie abgrundtief verstiegen, romantisch und geschlechtsneutral muss dieser Leonardo da Vinci eigentlich gewesen sein, um so ein Gemählde zu vermählen?  Die Realität sieht doch ganz anders aus.
Man weiß doch ganz allgemein, wie und zu was sich Ehepaare am Ende wortlos auserzählen und wie viele von ihnen begonnen haben, ohne sich je etwas gesagt zu haben… Der Herr Gemahl und die Frau Gemahlin – wie gemahlt.
Nein, nein…das ist zum Glück nicht immer so, da darf man sprechen viel optimistischer freundlicher und positiver.

Wenn von Realität die Rede ist, dann müsste man sagen, dass wir bis heute vor diesem Gemälde herumhopsen wie die Primaten vor Stanley Kubriks schwarzem Monolithen. Da können wir dem Gemählde, der Gemahlin oder dem Gemahl noch so viele Witzischkeits-Applikationen ankritzeln, den tausendsten Schnurrbart oder die fünfundvierzigste Brille aufsetzen oder den nächsten Joint ins Gesicht stecken – wir bleiben da unten und hopsen und zetern und kreischen – als die felltragende bucklichte Verwandschaft der Monnaconda.

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Kann sein, ein absolut banaler Grund hat dieses Bild so werden lassen, wie es sich jetzt zeigt.  Durchaus möglich, es wurde bereits beauftragt mit der Intention,  die Mona Lisa keinesfalls darzustellen „ungebunden“.
Möglicherweise angewiesen hat der Auftraggeber den da Vinci
„seine Frau“ zu mahlen als vermählt.

Gesagt hat er vielleicht zu Leonardo: Male sie, aber male sie so, dass ihre Haare wirken wie eine Nonnenkapuze. Nicht aufreizen soll sie andere Blicke mit ihrer  Figur. Zeige Sie da seiend, aber mache klar, dass sie „gebunden“  ist.
Stelle heraus ihre Schönheit aber halte alles züchtig im BE-GRIFF.

Ikonische Strenge und Nichtüppigkeit, daraus ergibt sie sich möglicherweise, die ganze Anodnung. Aber  das Gemälde ist deswegen wohl kaum verklemmt.

Noch ein anderer Aspekt betrifft die Alterung und die Nachdunklung. Die Nachdunklung schwächt die Farbkontraste ab und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Geist des Gemäldes.
Auch dieses ein Effekt der DAUER und nicht der Zeit.
Die Mona Lisa gibt einen idealen Vergleichsprozess, wenn es darum geht, zu erkunden, ob jemand im Rahmen seiner Ausdrucksmittel (Schrift, Stift, Pinsel oder Sprache)  etwas sagt. Oder ob er schwafelt. Das Schöne an dem Gemälde ist, das Leonardo da Vinci keine Kunst zeigt, sondern Welt, Kosmos und Natur. Und genau eben deshalb ein Künstler ist.

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Ein anderer „Gesichtspunkt“ der Zentralperspektive betrifft die moderne  Relativitätstheorie und Astrophysik.

Ein Wort mit einer sehr scopischen oder per-spektivischen Kompetenz ist das Wort „ENT-FERNUNG.“

Die heutige Astrophysik geht davon aus  (geht davon aus – schöne Redewendung), dass „weit entfernte Objekte“ eine Größe und eine Masse aufweisen, die unabhängig von der ENT-FERNUNG des Beobachters eine Realität hat.  Sie glaubt, dass zum Beispiel ein Planet eine bestimmte  Größe und eine bestimmte Masse aufweist.
Tatsächlich aber hat er nur eine verhältnismäßige Masse und eine verhältnismäßige Größe im Verhältnis zu seiner ENT-FERNUNG.

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Wenn ein Astrophysiker sagt: „Dieser Planet dort hinten zeigt sich dem bloßen Auge als kleiner Punkt. Aber „in Wirklichkeit“ ist er doch ziemlich groß – dann wäre dem aus Sicht einer zentralperspektivischen Kosmologie zu entgegnen:
„In Wirklichkeit“ – also jetzt und hier  – ist dieser Planet WIRKLICH KLEIN. Aber wenn ich mit GROßEM Aufwand ein großes Teleskop baue und dann hindurchschaue, dann MACHE ich den Planeten größer. Und zwar durch die reale Herstellung einer gebeugten Reflexions-Fläche.
Ebenso MACHE ich den Planeten auch größer, wenn ich zum Beispiel ein Raumschiff baue und hinfliege.

Das interessante an dem Wort ENT-FERNUNG ist seine transitorische Qualität. Ich ENT-STAUBE ein Regal, soll heißen: Ich mache den Staub weg. Oder man sagt: Ich ENT-FERNE die Vogelscheiße von der Schulter meines Sakkos, dann klingt das ENT-FERNEN plötzlich nach enormer Nähe und Er-REICHbarkeit.

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Sind dann die Aussagen der Astrophysiker zur Größe des Jupiters oder zur Größe des Sterns Arcturus falsch? Nein.
Es ent-spricht natürlich der Wa(h)rheit, dass der Jupiter zum Beispiel im VER-HÄLTNIS (Proportion) zur Erde eine ausgezeichnete Größe und Masse hat.

Und es ent-spricht auch der Wa(h)rheit, dass die Sonne  – im Verhältnis – viel größer ist als der Jupiter. Ebenso entspricht es der Wa(h)rheit, dass Arcturus noch einmal – im Verhältnis – viel größer ist als die Sonne.
Denn das alles ent-spricht ja einer Ver-Hältnis-mäßigen Ordnung (Einem Ver-HALTEN) in der Anordnung aller Massepunkte des Sonnensystems und des Universums.
Eine Verhältnismäßigkeit in einem Verhalten, aus der auch der Mensch hervorgegangen ist.

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Falsch wäre es jedoch, zu sagen, die Sonne oder der Jupiter hätten eine absolute Größe und eine absolute Masse, die unabhängig von der ENT-FERNUNG ausgesagt werden kann. Denn: Würden Sonne und Jupiter aufeinanderprallen, könnte man nicht mehr sagen, ob der Zusammenstoß dem Jupiter einen Massezuwachs beschert hat oder der Sonne.
Im Zusammenstoß heben sich die beiden „Objekte“ Sonne und Jupiter auf. Sie haben sich im Zusammenstoß ENT-FERNT.

Hier kann die Zentralperspektive der Renaissance der heutigen Astrophysik/Kosmologie auf die Sprünge helfen: Das Grundprinzip der Zentralperspektive ist ein FLUCHTpunkt, der in einer gedachten Unendlichen die Parallelen zweier Linien in einem BRENNpunkt zusammenführt.

Das entspricht dem alten Witz von den zwei Wanderen, die auf einem Einsenbahn-Schienenstrang laufen, und der eine Wanderer sagt: Da vorne kommen wir nicht mehr durch.

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Das Verrückte daran ist aber jetzt, dass diese „fliehnden Linien“ auf einem FLACHEN Stück Leinwand oder auf einem FLACHEN Stück Pappelholz beim Betrachter den EIN-DRUCK hervorrufen, die Fläche habe eine TIEFE.

Und noch erstaunlicher ist, dass „in Wirklichkeit“ alle Punkte auf der realen stofflichen Fläche des realen Zeichenpapiers gleich weit vom Betrachter ent-fernt sind. Das heißt: Sie sind alle gleich NAH. Die fernste Nähe.

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Wie ist das möglich? Eine Täuschung? Oder ein Tausch?
Der (seriöse) Wissenschaftler würde jetzt sagen: Der perspektivische da Vinci  „täuscht“ den Betrachter, in dem er die Raum-Anodnung in einem WINKEL-Verhältnis zueinander in Beziehung setzt. Sein Papier oder sein Pappelholz bleibt flach. Es hat  – in Wirklichkeit – keine Tiefe, obwohl der Betrachter eine TIEFE wahrnimmt.

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Die Frage allerdings, die sich hier wieder stellt: Was ist eine Täuschung? Wo doch Täuschen auf einen Tausch verweist. Man kann sich die Frage stellen, ob eine perspektivische Zeichnung auf einem Blatt Papier der Wirklichkeit des realen Kosmos viel näher kommt, jedenfalls einem Kosmos, in dem jede SICHT auf ein  Objekt und dessen relative Größe von der WINKEL-ÖFFNUNG eines Teleskops, sprich: von seiner BRENN-WEITE abhängig ist.

(Bezogen auf eine Sanduhr entspricht der WINKEL einem ZEIT-lichen Verhältnis zu einem zentralen Masse-Fluchtpunkt – in diesem Falle: dem schwarzen Loch.)

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Dass ein Objekt als GRÖSSER oder KLEINER wahrgenommen wird, bleibt ja unmittelbar mit der Frage vermählt, ob mein Teleskop einen GRÖSSEREN oder eine KLEINEREN  ÖFFNUNGS-WINKEL hat, der das Licht auffängt und bündelt. Dass ein Objekt größer wird, heißt nichts anderes als: Sein Winkel öffnet sich nach vorn. Oder: Das Objekt –  flieht – fliehend –  auf den Betrachter zu. Wenn das Objekt kleiner wird – dann „verengt“ sich der WINKEL nach hinten.

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Man hat sich oft die Frage gestellt, was Heidegger damit meinte, wenn er sagte: Die Kunst könne womöglich ein Hinweis geben, wie Technik/Wissenschaft und Poetik zusammengehen. Die Antwort lautet: Sie waren ja nie ganz getrennt. Außer natürlich in einer bestimmten Art des Denkens.

Was tut ein Naturwissenschafts-Künstler wie Da Vinci?
Er muss sowohl ein Analytiker sein als auch ein Synthetiker.
Genau so, wie es Adam Müller beschrieben hat. Und das war er auch.
Wie jeder gute Forscher und Wissenschaftler.
Erst, wenn man die Farben und Pigmente im aufmerksamen Studium analytisch, das heißt: wissenschaftlich trennend in diversen Versuchen und Laboranordnungen von einander getrennt betrachtet hat, in Ihrer WIRKUNG analysiert hat, um sie  in EIN-SICHT zu VERSTEHEN erst dann kann er sie auch wieder zu einem Ganzen zusammensetzen, das heißt: Synthetisieren und vermählen zu einer Kunst im Gemählde von Gemahlin und Gemahl.
An dieser Stelle darf man es auch einmal sagen: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Kennen in Er-Erkenntnis.

Was haben Maxwell und Faraday gemacht? Sie haben zunächst die Elektrizität und den Magnetismus getrennt wahrgenommen und analysisert, um dann nach der Analyse in einer Synthese zum Faraday-Maxwellschen Elektromagnetismus zu gelangen. Analyse – Synthese.

Was hatte vor ihnen Newton getan?  Er hat das Licht am Prisma zunächst analytisch auseinander genommen. Aber warum hat er es durch eine enge Lochblende geschickt und überdies in einer „dunklen Kammer“ analysiert ? (Wofür ihn Goethe so sehr gehasst hat.)

Nicht deshalb, wie Goethe gezetert hat, um das Licht labormäßig  in scientistischer Isolation un-an-schaulich auseinanderzunehmen, sondern deshalb, weil Newton – im Gegensatz zu Goethe – ein Denker und Ver-Dichter war, der sehr gut wusste, dass seit der Renaissance das Licht und seine Strahlengänge immer nur durch einen Öffnungs-WINKELl, das heißt mit einer Lochblende in einer schwarzen Kammer, die unserer schwarzen Pupille gleicht in den FOCUS einer Einsicht gerät. Wer etwas über die Natur des Lichts erfahren möchte, muss sich also zunächst ins Dunkle begeben.

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Denn die Loch-Blende entsprich ja dem STERN am schwarzen Himmel. Schon in diesem Vorgehen bewies Newton einen SYNTHETISCHEN Instinkt, weil er bewusst oder unbewusst richtiger Weise davon ausging, dass Licht zunächst einmal von einer Quelle mit räumlich begrenzten Umfang, nämlich dem Stern abgestrahlt wird.
Damit war Newtons Vorgehensweise zugleich die kosmologisch realistischere als auch die „stimmigere“ Art der Natur-Wahrnehmung.
Selbstverständlich war Newtons Vorgehensweise kosmologisch genauer und damit  bereits ein künsterischer Akt.

Newton und Maxwell/Faraday waren – ebenso wie da Vinci – Wissenschaftler und Künstler, Auseinandernehmer und Zusammensetzer, Analytiker und Synthetiker.

Erst, nachdem da Vinci  und seine Vorgänger die Anatomie von Linien und Flächen und das „Sehen“ wissenschaftlich analytisch auseinander genommen hatten, erst dann konnte er sie wieder – verstehend –  zu einem (künsterischen) Ge-mählde vermählen.
Zusammengefasst heißt das nichts anderes als:
Ein Mensch ist der, der be-GREIFT, womit er es zu tun hat.

Wer die Mona Lisa stiehlt, hinterlässt die un-heimlichste Spur, die man sich denken kann: Den weißen Schatten, ein heller Fleck auf einer flachen Wand.

Physik des Phönix

„Mancher vermeint, wenn verwest im verschlossenen Grabe das Rückgrad
Werde das menschliche Mark zur gewundenen Schlange gewandelt.
Doch dies alles empfängt des Geschlechts Anfänge von andrem;

Nur ein Vogel besteht, der selbst sich zeugt und erneuert,
Phoinix bei den Assyrern genannt. Nicht Kräuter und Feldfrucht
Nähren ihn, sondern der Saft von Amomum und Tränen des Weihrauchs.

Wenn er erfüllte die Zeit und fünf Jahrhunderte lebte,
Macht er ein Nest sich zurecht (im Wipfel der schwankenden Palme
Oder im Eichengezweig) mit Krallen und reinlichem Schnabel.

Wenn er sich Kassia dann und Ähren der öligen Narde
Untergelegt und Stücke von Zimt samt gelblicher Myrrhe
Setzt er sich oben darauf und endet in Düften das Leben.

Dann steigt neu, wie es heißt, vom Leibe des Vaters ein kleiner
Phoinix, welchem bestimmt, gleich viele der Jahre zu leben.
Wenn den kräftig gemacht und der Bürde gewachsen das Alter,
Hebt er des Nestes Gewicht von den Ästen des ragenden Baumes
Trägt in kindlicher Treue die eigene Wieg und des Vaters
Grab durch wehende Luft, und gelangt zu der Stadt Hyperions,
Legt er es hin vor dem Tor im geweihetem Raum Hyperions“

Ovid, Metamorphosen 15

„Ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: »Wissen Väter immer mehr als Söhne?«, und der Vater sagte: »ja«. Die nächste Frage war: »Papi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der Vater sagte: »James Watt«. Darauf der Sohn: »- aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?« (aus: Gregory Bateson,
Metalog „Wieviel weisst du“?)

Bei Gregory Bateson blättern hilft immer, um in die stilistische Hochform philosophischen Fragens zu gelangen.

Was mich bei Botho Strauß immer irritiert hat: Ein gewisser Hang zur Verklärung der Dummheit. Ein unstimmiger Dummheitsbegriff. Es ist eine Berufskrankheit von Intellektuellen, dass sie sich Dummheit herbeisehnen, oder versuchsweise mit ihr flirten. Man versteht’s ja auch. Zu oft muss der Intellektuelle erfahren, dass es sich dumm scheinbar einfacher lebt und produziert. Aber es stimmt eben am Ende dann doch nicht. Dumm produziert schneller, aber eben nicht nachhaltig und letztlich immer mittelmäßig.
Leonardo, Bach,  Dürer, Wagner etc….das ist mit Dummheit nicht zu machen.

Trotzdem leben manche Dichter  heute in ständiger Sorge vor dem Allzugescheiten, vor dem allzu starken „Gewissen“ in ihren Artikulationen.

Es kursiert da ein Gerücht, dass große Kunst niemals aus Gewissen oder Intelligenz erwächst, sondern aus Instinkt und Intuition, einem Quäntchen Dummheit und aus einem  – irgendwie als „positive Idiotie“  – ettiketiertem Abseitsstehen.

Das Gerücht sagt: Ein Kunstwerk und ein Künstler dürfe im Moment der Schöpfungserregung sich selbst nie ganz durchsichtig sein – denn: Wo bliebe dann sein „blinder Rücken“, der sich „blind-sehend“ zur Zukunft wendet?

Das ist alles Quatsch. Die verlorene Unschuld des „Idioten“ ist schon seit mindestens 200 Jahren verloren. Es gibt kein zurück in die Idiotie.

John Searle sagt: „Die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass sie sich selbst rationaler Mittel bedient. Weil jedes Geschäft der Kritik ein rationales Geschäft ist und ein Weltverhältnis vorraussetzt, das unzweideutig ist.“

Was sicherlich richtig ist: Man darf als Dichter und Künstler auch dumm sein. Nur eben nicht gewollt oder absichtlich. Die Frage ist also, auf welchem Niveau die Dummheit sich bespricht. Dichter und Künstler sind verpflichtet, Ihre Dummheit auf das höchst mögliche Niveau von Konkretion und Zeitgenossenschaft zu hieven.

Kubricks beste Film-Arbeiten hatten technologische Zeit-Höhe in Konkretion. Dafür musste er kein großer Physiker oder Ovid-Kenner sein. Aber die interessantesten Sequenzen in seinen Filmen wurden nicht „phantasievoll erfunden“ – sie haben sich „er-geben“ in Prozessen eines fragenden Such-Gangs innerhalb von tatsächlich obwirkender Technologie. Kubrik war ein meisterhafter Optiker und Film-Technologe.

Wilhelm Müllers Gedicht „Stundenglas und Weinglas“ hat große Konkretion und Klarheit des Wahrnehmens. Es ist „in der Sache“…sehr konkret, ohne „dunkel-raunenden“ Sprachbrei a la Botho Strauß.

Nur so erreicht die „gewünschte“ Dummheit  den angemessenen Grad von Zeitgenossenschaft, sozusagen einen hochtechnologischen Grad der Dummheit, die dem Text oder dem Kunstwerk seinen „blinden“ aber sehenden Rücken gibt;
Diese sehende Form der Dummheit findet man in Reinstform aber nur in der Ethymologie von Worten, in der absolut klaren Konkretion der techné, im technologischen Gesamtkunstwerk und im Mythos.

Der Berufsdichter heute schreibt zumeist nur halbdumm oder dreivierteldumm. Das heißt: Man schreibt Gelehrsamkeitsparaphrasen und versucht dabei  seine reale Dummheit zu verbergen hinter stilistischen Nebelkerzen oder im Mustopf irgendeines Formenkrampfes einer schlappen Lithurgie, die man mit der Laubsäge in sein steifes Textbrett sägt.

Man nennt das dann das „Raunen des Verborgenen“ oder „Musik“.

Das ergibt dann immer nur halbdumme oder dreivierteldumme Texte, deren Semantik nie das erforderliche Niveau der produktiven Dummheit in einem sehenden Sinne erreicht. Das sind dann die furchtbar schlechten Texte.

Warum hat die Dampfmaschine nicht James Watts Vater erfunden?

Zur Frage der historischen Überlieferung gehört die Frage nach dem Generationenverhältnis selbst. Wie funktioniert Historie? Wie funktioniert die Übergabe (Tradierung) von Generation X zur nächsten Generation Y?

Oft wird von den Alten beklagt, die Jugend würde sich von den Traditionen abwenden und ihr eigenes Ding machen.

Wie „richtig“ ist eine solche Diagnose?

Man kennt zu dieser Frage einen tiefer reichenden Aphorismus.
Thomas Morus sagte sinngemäß:

„Tradition ist die Übergabe der Glut, nicht der Asche.“

Wenn man diesen Ausspruch heute hört, muss man gezwungener Maßen zustimmen. Seit dem mythischen Prometheus als Feuerbringer wirkt eine absolut bruchlose Überlieferung.
Die Behauptung der „Postmoderne“, dass irgendein Faden der Überlieferung gerissen sei (Foucauld), ist in dieser Perspektive also unrichtig.

Aber warum klagen dann die Älteren so oft über die ach so traditionsvergessene Jugend? Wieso und warum gibt es den „Generationenkonflikt“, wenn das Feuer und die Glut über die Dampfmaschine, den Verbrennungsmotor, die Mondrakete, die Atombombe, dem Laser bis zum Fusionsreaktor eine klar funktionierende Überlieferung beweist? Welcher Faden soll hier gerissen sein? Welche Tradition wurde mißachtet?

Es kann ja durchaus sein, dass die „Glut“ – die übergeben wird, ebenso der „Mut“ ist. Oder eine Art von Wut. Eine Wut-Glut der Jungen gegen die Alten. Man spricht von glühender Wut. Insofern bleibt Thomas Morus Gedanke zur Überlieferung in Kraft. Die einzig sinnvolle und korrektive Anmerkung bestünde darin, zu erkennen, dass auch die „Wut“ von den Ahnen in die Jüngeren hinein-induziert wird. Ebenso der „Mut“ Dann ließe sich abwandeln:

Tradition ist die Übergabe von Mut und nicht von Asche. Oder anders:

Tradition ist die Übergabe der Wut und nicht der Asche.

Wenn man dass aber nun weiß, dann kann man sich vielleicht von bestimmten unbedachten historischen Automatismen befreien…in dem Sinne, dass mit der Glut eine Art „Sinn“ immer in Kraft bleibt – und sei es nur als Elektrizität, die vom Bernstein über die galvanischen Frosch-Schenkel bis zur Glühlampe und dem Laser übertragen wird.

Wie funktioniert ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis?
Der jüngere Schüler übernimmt vom älteren Lehrer zunächst den Mut des Fragens, der Unruhe, des Zweifelns und der Neugier, aber er übernimmt nicht – unbesehen und automatisch –  die ganze Asche der zu Kenntnissen und Katechismen erkalteten Antworten.
Der Lehrer „unter“-richtet.

Ein guter Lehrer lehrt das Fragen und die Geschichte des Fragens und erst in zweiter Linie sehr vorsichtig gewisse vorläufige Antworten. Deshalb war Heidegger ein guter Lehrer. Sein Fragen lauteteten – Woher? – und Wozu? und Warum? Deshalb bleibt er eine Autorität, die nicht peinlich oder angemaßt daherkommt.

Thomas Morus Überlieferung der Glut im Verhältnis zur Asche beschreibt das Verhältnis zwischen der „gespeisten“ und „speisenden“ Glut in den Zeitläufen und den darin zugleich sich immer wieder – einäschernden – „Gewissheiten“. (von der Glut verzehrte Gewissheiten, zum Beispiel so genannte Paradigmenwechsel)

Damit wäre Überlieferung zwischen den Generationen ein Art
Vogel Phönix: Entflammtes in Wut oder in Glut oder in Mut.

Obwohl bei Ovid inter-essanter Weise nicht direkt von Glut die Rede ist, jedoch von „Düften“…der alte Vogel Phönix der Assyrer löst sich auf, – hinauf – zu etwas, das „in der Luft liegt“…das kann ein Verwesungsgeruch sein oder ein Gemisch aus den zimtigen Gewürzpflanzen oder Räucherpflanzen, Rauch oder beides, aber im Prinzip wird hier von thermodynamischen Aggregatwechseln gesprochen, der Vogel  – löst  – sich –  auf, er ana-lysiert sich, wird zum Hauch, zum Aroma, zum Rausch, zum „odoribus aevum“…im Lateinischen – der Phönix verwandelt sich zum VIELLEICHT der statistischen Thermodynamik – und zweitens überliefert dieser Vogel Phönix durchaus nicht nur Düfte, sondern auch das „Gewicht“ des Grabs seines Vaters….als sein eignes Nest, seine eigene Kinderstube, die er später wieder „vom hohen Baum durch die Lüfte“ trägt…in Synthese mit seinen Ahnen. Er bringt die „Asche“ seiner Kinderstube „vor das Tor.“

Hier dürften auch Astrophysiker die Tradierung von „Elementen“ bei den Brennprozessen in Sternen wiedererkennen, von der ersten Verdichtung – über das weitere Schalenbrennen – bis zur explodierenden Supernova, deren Elemente ja unsere Asche ausmacht, die Sternen-Asche, aus der wir gemacht sind. Der Stern „beginnt“ mit dem „leichten“ Wasserstoff…und später und peu a peu erreicht er die Phasen bis zur Eisen-Schwelle. Eisen ist – nach dem Stand heutiger Erkenntnis – genau die Schwelle, das letzte Element nach einer Reihe von Reaktionen, das durch klassische Fusionsreaktionen in Sternen erbrütet wird.  Alle „schwereren“ Elemente nach Eisen im Periodensystem, werden in „roten Riesen“ und extremen Novae-Prozessen (Explosionen, Auflösungen) erbrütet. (Nach dem Stand heutiger „An-Sichts-Sachen“ zum Thema „Brüten“ von Elementen in Sternen)
Es ist ein bis heute wenig beachteter Fakt, dass alles „Material“ unserer Erde älter ist als unsere eigene Sonne. Vor unserer Sonne muss es schon einmal eine große Sonne gegeben haben, die explodiert ist. Weil das Eisen, und alle Elemente auf der Erde nicht von der jetzigen Sonne stammen können. (Die ist ja noch nicht explodiert.)

Doch in der Asche glimmt die Stirn.

Ebenso durchlaufen der Start und der Wiedereintritt eines Space-Shuttles eine Art Vogel-Phönix–Zyklus.

Bei Ovid durchläuft der Phönix einen Zyklus von 500 Jahren. Da wäre man jetzt zurückgerechnet bei Albrecht Dürer in der Renaissance angekommen.

Generationen-Konflikte, Generations-Brüche, ergeben sich immer dann, wenn bestimmte kulturelle Lebensgewohnheiten und zunftbildenende Verabredungen durch allzu kreisschlüssiges Wiederholen in immer die selben Verhaltenskreisläufe „eingekreuzt“ werden.

Man kennt dazu ein Beispiel aus der Genetik.

Tierzüchter aber auch Tierschützer können ein Lied davon singen:
Bestimmte erwünschte Wesensmerkmale bei Hunden oder Katzen kann man nicht beliebig oft redundant in nachfolgende Generationen „einkreuzen“  weil es dann zu schweren Degenerationserscheinung der gesamten Erbmasse kommt.
Die Tiere leiden dann früher oder später an gesundheitlichen Inzucht-Problemen durch mangelnde genetische Varianz – sogenannte Qualzuchten mit monogenetischen Deffekten. (verlegte Atemwege, Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, Knochenanomalien etc…)

Je tiefer die „reinrassige“ Angora-Katze in das Sofakissen hineingezüchtet wird, also quasi selbst zum Sofakissen umgeformt wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit für eine generell krankhafte und In-Zucht-geschädigte Konstitution der Tiere.

Je „reiner“ die „Rassigkeit“ (sog. Aus-Stellungs-Erfolge) von Züchtern herausgearbeitet werden soll, desto mehr verliert die genetische Gesundheit des Gesamtorganismus über mehrere Generationen innerhalb eines schleichenden Prozesses. Eben deshalb die genetische Varianz verloren geht.

Die Natur wehrt sich gegen das monogenetische, monothematische  Inzüchten des Genpools (Das Heraus-Stellen gewisser „Aus-Stellungs-Erfolge“) irgendwann mit Abbau oder Degeneration.

So kann man sich das auch bei Traditionen, Kulturen, Sprachen etc…denken:

Wird eine bestimmte Tradition oder ein bestimmtes Brauchtum oder eine kulturelle Verabredung oder eine Verhaltensgewohnheit von Generation zu Generation allzu kreisschlüssig monothematisch immer wieder in das eigene Sofakissen der bewährten Gewissheiten und Katechismen eingekreuzt,
leidet der ganze Überlieferungszirkel spätestens mit der 6. oder 7. Generation irgendwann an  monogenetischen Defekten des Denkens, die bis zur intellektuellen Schwerstbehinderung ausarten kann. Das heißt – der Kulturkreis bekommt In-Zucht-Schwäche, wird brüchig. Es verliert seine genetische Varianz.Es kann zu habituellen oder organischen Katastrophen kommen

Andererseits: Überlieferung von Fertigkeiten in handwerklichen Zünften ist in jedem Fall wünschenswert. Ein klassischer Geigenbauer in der 7. Generation ist sicher einer der besten Geigenbauer der Welt…und deshalb auch unverzichtbar – aber er ist extrem darauf angewiesen, dass sich der Bedarf und die Definition für die Art seiner Geigen nicht allzu plötzlich ändert. Wie gut wäre er vorbereitet, sollte sich der Bedarf bei bestimmten Musikinstrumenten plötzlich verschieben?

Wird er den „Synthesizer“ oder die „Hammond-Orgel“  erfinden? Oder das Grammophon?

Warum wurde der Syntheziser oder die Hammond-Orgel von Elektronikern und Bastlern erfunden, aber nicht von klassischen Instrumentenbauern?

Warum wurde das Grammophon nicht von einem Dirigenten erfunden?

Warum wurde das Grammophon überhaupt erfunden?

Warum war Kolumbus der Sohn eines Wollwebers und nicht ein Kapitän
in 5. Generation?

Genetiker wissen heute, dass die Epigenetik äußerer Umwelteinflüsse mindestens 50 Prozent der Überlieferung ausmacht und die Varianz ebenso beeinflusst wie das Immunsystem und die Auslese. Wird Epiginetik und Varianz-Streuung ausgeschlossen durch allzustarke Abdichtung innerhalb eines sehr hermetischen Überlieferungszirkels, kommt es zu monogenetischen Deffekten.

Das Risiko durch monogenetische Tradierungen kann man gelegentlich auch spüren in geschlossenen Akademien, in bestimmten Forschungszirkeln, Universitäten und auch in Literatur-„Kreisen“.

Wo Menschen sich ausschließlich in immer wieder den selben verabredeten Paraphrasen von Codes und Gegencodes bewegen, (in den selben Retourkutschen aus Spruch und Widerspruch, die selben Abgrenzungs/Zustimmungs-Mechanismen ) kommt es zuerst zu einer Art von Vereins-Stickluft, einschließlich der berühmten deformation professionelle und schließlich zum informellen Totalversagen des Gesamt-Organismus. Das heißt: Die Akademien und Universitäten und „Zirkel“ ersterben und vertrocknen in leblosen Diskurs-Spinnweben und in Zitate-Seilschaften. Sie dienen nur noch sich selbst als Seilschaft oder zur Versorgung im leeren Networking der Vernetzung, aber sie dienen nicht mehr der Erkenntnis oder dem Fragen in ein Offenes hinaus.

Die Seilschaften besteigen keine Berge mehr. Diese Zirkel können nichts mehr von außen empfangen oder nach innen einlassen und trocknen schließlich ganz aus. Sie verblöden zu intellektuellen Qualzuchten in monothematischen Redundanzen.

Die Spinnen haben irgendwann das Haus verlassen, oder sind vertrocknet, weil nichts mehr an-zufangen ist. Alles leergefangen, die Luft ist tot, Türen und Fenster werden nicht mehr geöffnet. Zurück bleibt leeres Gehänge. Niemand spinnt mehr.

Eben deshalb waren kulturelle Generationen-Auf-Brüche in den vergangenen Zeiten notwendig und immer folgerichtig. Generations-Aufbrüche öffnen allzu stark geschlossene Verabredungskreisläufe oder Brauchtumsgewohnheiten und vermeiden die kulturelle Inzucht samt intellektueller Schwerstbehinderung und monothematischer Deformation.

(Auch wenn sich heutige Eltern allzu tolerant geben; die Kinder finden immer etwas, womit sie die „Alten“ ärgern können und sei es nur, indem diese Kinder heute eine provozierende Spießigkeit an den Tag legen. (Jetzt extra wieder total angepasst mit Trachtenjanker, Kochkurs, Bionade und Golfplatz-Abo, obwohl man erst 22 Jahre alt ist.)

Aber die Formulierung: „Tradition ist die Übergabe der Glut/Mut/Wut  und nicht der Asche.“  bleibt deshalb sehr menschen-sinnvoll und immer noch nicht in der Tiefe verstanden.

Denn „die Glut“ bezeichnet ja auch das Sehen, und die „Sicht“ des Vogels Phönix. Also die Tatsache, dass der Vogel Phönix Sicht hat und „gesehen“ werden kann.

Zu den unbefragtesten Asche-Floskeln der letzten 150 Jahre gehört auch die Behauptung: Mit dem Vordringen der modernen Wisschenschaft könne sich der Mensch nicht mehr einfach so auf seine „Sinne“ verlassen, wenn er die Welt wahrheitsgemäß erkennen oder verstehen will.
Alles sei ja  – ach so0000 abstrakt geworden.

Übersehen wird bei dieser unbefragten Asche-Floskel jedoch immer, dass dieses Vordringen der modernen Wissenschaften von Menschen betrieben wurde, die zunächst auch immer nur ihre Sinne angestrengt hatten – in dem Sinne – wie ein „Sinn“ nur „Sinn“ macht, wenn es einen „Sinn“ gibt.

Mathematik und jede Abstraktion gründet in den Sinnen, die einen „Sinn“ geben innerhalb von Besonnenheit. Deshalb ist die Rede: Der Mensch könne sich seit der modernen Wissenschaft nicht mehr einfach so auf seine Sinne verlassen, ein sinnloser Stumpfsinn. Und bezogen auf die achso abstrakte und unsinnliche Atom-Bombe sogar eine Frechheit.

Bei der Sondierung abendländischen Denkens fällt auf, dass ein Mißverhältnis herrscht zwischen einer hochgradigen Verehrung gewisser Köpfe der Vergangenheit und Ihrem Ernstnehmen als Impulsgeber für Problemlösungen. So kennt jeder heute als Beispiel Albert Einstein, man weiß beinahe alles über ihn, man verehrt ihn, man zitiert ihn sogar, und er ist sogar eine Art Pop-Figur.

Wenn Einstein schreibt: „Probleme lassen sich niemals mit dem selben Denken lösen, das in die Probleme hineingeführt hat.“ – dann ist das doch bedenkenswert. Eine Inzucht-Warnung. Dann heißt das so viel wie: Probleme sind Folge von Denkmentalitäten und Methoden, die in allzustarker Wiederholung zu gewissen Inzucht-Deformationen geführt haben.

„Tradition ist das Überliefern der Glut und nicht der Asche.“

Zugeben, nach 1945- 1946 sah es so aus, oder es gab Gründe, keine Gluten mehr überliefern zu wollen. Das war einsehbar. Aber es ändert ja nichts daran, dass die Moderne im 20igsten Jahrhundert eine in ihrer Helligkeit nicht mehr zu überbietende Glut und eine Wut überliefert hat, die man schwerlich ignorieren kann.

Die Philosophie der letzten Jahrzehnte aber hat Asche geredet.

Deshalb bleibt ein großes Problem bis heute das große Originelle, das sich vor das Originale schiebt. Der originelle Schreiber, artikuliert originell, weil er sich als „originelles“ Individuum vor der „Leserschaft“ legitimieren muss. Er hat etwas „Neues“ zu bringen. Das heißt aber in Wirklichkeit, er produziert immer schon Asche, noch bevor er überhaupt die Glut oder die Wut oder den Mut der Überlieferung in seinen Text einlässt. Ironien sind Asche. Paraphrasen sind Asche. Syntaktische Löckchen sind Asche und schlechter Stil.

Sogar „Kenntnisse“ und angelesene Fakten sind Asche, solange sie nicht die Glut und den Mut der Überlieferung mit hinübertragen. Legitimität wird dann durch Pseudo-Neuheit (Originellheit) von Artikulation erkauft.

Zu einem sehr hohen Preis: Dem Aschedenken und dem Ascheschreiben. Deshalb werden „originelle“ Begriffe erfunden, oder „originelle Bezugsrahmen“,  die sich dann vor das Originale schieben. („ab origine“ – von Beginn an)

Selbst dort, wo man scheinbar rückbezüglich mit irgendeinem Homer-Zitat beginnt, bleibt das meiste im Paraphrasenkitsch eines „Philsophierens als ob.“

Das heißt, man redet in paraphrasenhaften „originellen Wendungen“ nur noch von der Asche – innerhalb der Asche  – aber man kommt innerhalb der Asche nicht mehr zur Glut, zur Kohle, zum Holz, zum Funken, ….

Warum hat das 20igste Jahrhundert Wittgenstein hyperventiliert und Schelling unbeachtet gelassen? Warum musste da ein „origineller“  Wittgenstein „neu“-reden, man hätte doch die Schelling-Schriften einfach nur mit den neueren Erkenntnissen der Relativitätstheorie und mit Goedel konfrontieren können…oder mit Adam Müller oder mit Aristoteles…aber gut…das sind so die Um-Wege..

Man generiert heute nicht viele Fans, wenn man sagt, dass Dichtung und „Philosophie“ der vergangenen 30 bis 50 Jahre – wenigsten hier im deutschsprachigen Raum eher im Bedienmodus von Simulation betrieben wurde; noch schlimmer der Gedanke, dass in den Simulatoren vielleicht selbst nur Simulationspuppen saßen, die man an Stelle von echten Philosophen und echten Dichtern in die Sessel der Simulatoren geschnallt hatte.
Die Sprache war diesen augenlosen aber stark vernetzten und verdrahteten Simulationspuppen ein Flugsimulator mit vielen bunten Knöpfen, die blinkten und piepten und flackerten. Und Ihre Hände aus Schaumgummi patschten in die Tastatur.
Und dann blinkte und fiepte es um so stärker. Aber niemand flog. Kein Phönix.

 Wirklich und höchstselbst und in echt – wollte niemand nach irgendwohin hinaus…

Also saß man (oder etwas) in den letzten 50 Jahren in Philosophie-Simulatoren und simulierte Philosophie, man saß in Dichtungs- und Poesie-Simulatoren und simulierte „Poesie“.  Niemand wollte sich auf das denk-sprachliche Apollo-Programm eines echten poetisch-wissenschaftlichen Erkenntnis-Unternehmens einlassen.
Na gut, aber Raumfahrtprogramme brauchen im Vorfeld auch die Puppen und die Simulation – Insofern: Alles richtig, alles gut.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Bewegungen vergangener Jahrhunderte auf monogenetische oder monothematisch Deffekte verweisen. Verurssacht durch eine mangelnde Einsicht in den dauernden Überlieferungsgang von Analyse nach Synthese.

Gut möglich, dass gewisse Konflikte in Zukunft stark beeinflusst werden von der Art und Weise, wie ein jeweiliger Kultur-Zirkel sein Verhältnis zur Überlieferung definiert. Deshalb kann man wohl sagen, dass immer dort, wo sich räumliche Fronten in „Gegenwart“ auftun, in Wirklichkeit noch etwas anderes vor sich geht: „Gegen-Warten“ sind Konflikte, in denen verschiedene Definitionen aufeinander stoßen und einen Streit über die Frage austragen, was eigentlich Überlieferung ist.

Zwei Reiche wechselwirken bis heute in Georg Büchners Stück Leonce und Lena. Das Reich Pipi (Lena) und ein Reich Popo (Leonce).
Jederzeit lesbar, damals wie heute, als fühlbare Allegorie für Kleinstaaterei.

Hatte Charles Percy Snow in den 50iger Jahren noch von „2 Kulturen“ gesprochen, muss man heute mindestens 85 Kulturen oder mehr annehmen.
Die Lage hat sich verschärft. Die neue Metternichzeit zeigt sich heute in einer Kleinstaaterei der Sprachen, Kulturen, Zeichen, und Codes..
Ebenso wie in den tausend kleinen Imperien eines Redens „als ob“.

Zu den schönsten aller wiederkehrenden Komödien der letzten 50 Jahren gehören 45 minütige Podiumsgespräche, nach-23-Uhr-Talks im Radio oder sogenannte „Arbeitsgruppen“, in denen „Künstler“ und „Wissenschaftler“ ein bisschen so tun, als interessierten sie sich für einander. Als sei das anliegende Problem irgendwie zu fassen, wenn man „mal so ein bisschen drüber redet.“

So gehört es seit Jahren zum guten Ton in Salongesprächen, wenn man als „Künstler“ hier und da Worte einstreut wie „Unschärferelation“ oder „Quantenphysik“ oder „Hirnforschung.“ Kann nicht schaden. Hört sich immer up to date an.

Ebenso kann es nicht schaden, wenn man als Wissenschaftler sich gelegentlich entzückt zeigt von einem „herrlich vielschichtigen“ Kunstwerk. Dann fühlen sich alle im Salon sehr problembewusst irgendwie und irgendwie echt auf der Höhe der Zeit – irgendwie.

Was dabei herauskommt: Esotherik im schlecht vernutzten, im schief gelegten Sinne des Begriffs. Dann sitzen Künstler und Wissenschaftler im Dunst imaginärer Räucherstäbchen auf einer mentalen Lamafelldecke in sprachlicher Yoga-Stellung (die grammatisch-syntaktischen Beine hinter dem Hals) und tauschen im 45 Minuten Talk An-Sichtssachen und Gelehrsamkeiten aus.

Die schlecht vernutzte, weil seit 200 Jahren schief verstandene Esotherik vernebelt als Denk-Gift die hirnforschenden Gehirne ebenso wie die quantenphysikalischen Poesie-Interessenten.

Die Unschärferelation* als das gern genommene Esotherik-Räucherstäbchen für
vernebelte Gesprächskreise und Arbeitsgruppen zum Thema Kunst und
Quantenphysik.

Deshalb zurück zu Leonce und Lena von Georg Büchner:

Reich Pipi und Reich Popo…was sind die beiden Reiche heute?

Reich Pipi Ort / Reich Popo Impuls

Reich Pipi Bumsdings/ Reich Popo Dingsbums

Reich Pipi Identität/ Reich Popo Zweifel

Reich Pipi Lyrik/Reich Popo Mathematik

Reich Pipi Vielfalt/ Reich Popo Statisitk

Reich Pipi Analyse/ Reich Popo Synthese

Reich Pipi Kunst/ Reich Popo Leben

Reich Pipi JA / Reich Popo NEIN

Reich Pipi Emphase / Reich Popo Extase

Reich Pipi von Dichter X / Reich Popo von Wissenschaftler Y

Reich Pipi Ansichtssache x/ Reich Popo Ansichtssache y

Reich Pipi von Philosoph X / Reich Popo von Philosoph Y

Liste kann vervollständigt werden.

Die größte Katastrophe – in der Literatur  – für die Literatur – ist der sogenannten  Literatur bisher erspart geblieben: Dass irgendjemand einmal auf die Idee gekommen wäre, die Einsichten dieser Literatur auf die Literatur selbst anzuwenden.

Leonce: „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“

„Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“

Die endgültige Definition für das rätselhafte deutsche Wort „Kitsch“:

KITSCH ist alles, das von Reich Pipi nach Reich Popo Zeichen generiert,
die mehr bedeuten wollen als eine Scheidung, die sich im Scheiden bereits selbst wieder neu die Heiratsurkunde ausstellt.

*Jeder normal denkende Mensch wird einsehen, dass die „Unschärferelation“ eine tautologische Formulierung darstellt, weil sie sagt, dass der „Ort“ und der „Impuls“ eines „Teilchens“ nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden kann. Demzufolge gibt es in der Natur keine zwei exakt gleichzeitigen Startpunkte für Bewegung.  „Gleichzeitigkeit.“ wird also prinzipiell ausgeschlossen.
Wenn aber prinzipiell „Gleichzeitigkeit“ ausgeschlossen wird, dann ist die Aussage der Unschärferelation tautologisch, selbstbezüglich und damit entweder unendlich sinnlos oder unendlich sinnvoll, ebenso wie das Konzept „Teilchen“.
Die Unschärferelation sagt dann: Einen „Ort“ gibt es prinzipiell nicht.
Wenn es aber prinzipiell keinen „Ort“ gibt, dann ist das Konzept
„Ort und / oder Impuls“ als Aussage hinfällig oder nichtsagend.

Niemand braucht mit großem intellektuellen Aufwand einen „Ort“ verneinen, den es nie gegeben hat. Oder anders gesagt: Man muss keinen Fisch mühsam ins Wasser tauchen, um ihm das schwimmen zu lehren. Man muss keinen Schneemann weiß anmalen, damit er schön weiß ist. Die Unschärferelation hebt sich als Aussage selbst auf. Deshalb kommt es zur „spukhaften Fernwirkung“ bei verschränkten „Teilchen“, weil „kein Ort“ soviel heißt wie:
Der „Ort“ (Impuls) ist dann überall.
Ich plädiere aus realistischen Gründen und weil es so schön ist, zu sagen: Seien wir doch mal realistisch. –  für die Option: Überall.
Wie unscharf sind die Sterne?

Sehr witzig, Herr Schrödinger...

Sehr witzig, Herr Schrödinger…


„Verbrennt die Sehnsucht nach dem reinen Reim
Der Welt in Wüste wandelt Tag in Traum.
Reime sind Witze im Einsteinschen Raum.
Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum.
Brechts Denkmal ist ein kahler Pflaumenbaum
Und so weiter was die Sprache hergibt.“
Heiner Müller

*

„Verarschen kann ick mir alleene.“
Berliner Volksmund

*

Labornotizen Null – Schnipsel…Redundanzen… anläßlich der Lektüre von Hans Werner Richters Aufzeichnungen „Mittendrin“ zur Gruppe 47,  1966 – 1972 (C.H.Beck Verlag, 2012)
Heideggers langwierigste Dehnung: Sich befassen mit der deutschen Sprache – heißt auch Erkenntnis gewinnen zu meinem Deutschland.
„Reime sind Witze im Einsteinschen Raum. Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum“ – Am Ende wusste auch Heiner Müller, dass von Brecht womöglich nicht mehr bleibt, als sein kleines frühes Gedicht vom Pflaumenbaum. Und von ihm selbst wohl auch nicht so viel. Die offiziöse Nachkriegsliteratur der DDR/BRD war  ein notwendiger Irrtum…dort, wo sie sich ästhetisch diskursiv definieren wollte. Die Berichte, das real Erlebte, die Bücher von Lothar Günther Buchheim, von Wolfgang Koeppen, oder sogar die frühen Romane von H.W.Richter selbst, werden als echte Literatur wohl Bestand haben.
… Neulich beim Blättern von Hans Werner Richters „Mittendrin“ war ich eine Weile irgendwo abwechselnd fasziniert und eingesunken und hatte mich gefragt: Könnte es sein, dass ein ganzes offiziös-literarisches und ehemals geistbewohntes Deutschland von 1945 bis in die Nachwendezeit, mit Ausnahme von Heidegger, nur eine Eismumie des Kalten Krieges war, oder so etwas wie eine lebende Wachsfigur?

Sicherlich muss man unterscheiden zwischen Literatur und Philosophie, aber diese Unterscheidung bleibt gerade in der deutschen Sprache immer unsicher, weil es im Deutschen das Wort Dichtung gibt und diese muss dem DENKEN/der Fähe, dem Ge-Dächtnis nahestehen, oder sie ist keine Dichtung.
Blöderweise trafen mich Hans Werner Richters Aufzeichnungen auch noch parallel zu den Erinnerungen von Fritz Jörg Raddatz. Eine Art Doppelschlag.
Da dachte ich ein Moment lang: Ende, Aus, Feierabend – die großoffiziöse Literatur der alten „BRD/DDR“ war, nein keine Wachsfigur, keine Eismumie, eher eine Art Schwammpilz im feuchtgeweinten oder feucht-geschwitzten Haus der Nachkriegszeit. Der Schweiß kam vom Wiederaufbau, die Tränen vom Krieg. Ist das Haus fort oder die Feuchte allmählich am Abtrocknen  – verschwindet auch der Schwammpilz. In der DDR war die Lage ja nicht besser.
Realität, Ge-Fahr erzeugt Erfahrungsdruck. Erfahrungsdruck macht Sprache, formt Ausdruck.

Ein Schreiber schreibt einen „stimmigen“ Text, weil hier eine „stimmige“ Resonanz von Teil-Nahme, Mittelung, Ermittelung und Mitteilbarkeit wirkt. Die ziehende Mitte einer Schwerkraft des „Mit“ Mit-Einander. Mitte. Der Text ist dann „rund“ – er „stimmt“ einfach. Er steht in einem Inter-Esse. Er atmet „in sich“ und mit der Welt.
Man könnte auch sagen, der Text „reimt“ sich, weil er sich in Ver-Mählung zur all-mählichen Erfahrung ver-mählt am Erfahrungsort des schreibenden Autors. Diese Art von „Reim“ kann auch in einem ganz normalen Prosatext wirken, ganz ohne Zeilenreime, dann ist er gut.
Man kann ein Gespür dafür ausbilden, mit dem man herausspürt, wann ein Text in einer all-mählichen Reimung wirkt, im Ge-dächtnis der Erfahrung steht, und wann jemand lediglich „Schrift stellt“ oder „Literatur macht.“
Die Probleme der Initiative „Gruppe 47“ hatten sich ergeben, weil sie eben doch einer bestimmten Programmatik verhaftet war. Die Programmatik lautete: Disziplinierung zur Normalität. Programmatiken erzeugen/formen Diskurse, aber Diskurse sind am Ende immer schlecht für Dichtung. Weil die Autoren dann im schleichenden Gift der Diskursivität sich an den inneren Diskursen entlangschreiben, die zumeist „Ästhetik-Debatten“ sind. Aber genau das stört die schreibende Dichtung, wenn sie damit beginnt, sich vor dem Spiegel einer Programmatik oder einer diskursiven Ästhetik die Haare zu kämmen oder die Haare zu raufen. Dann geht sie in die Gefangenschaft. Sie entkommt dieser Gefangenschaft auch dann nicht, wenn sie – wie zum Beispiel Handke – einfach nur wütend auf den diskursiven Spiegel spuckt oder ihn zertrümmern möchte oder in abgewetzten Punk-Klamotten vor den diskursiven Spiegel tritt. Weil auch derjenige, der im „Anti-Diskurs“ auf ein Diskurs reagiert, eben nur re-agiert, als Gefangener des Spiegels. Er kommt nicht hinter die Spiegel. Man muss aber hinter die Spiegel kommen oder den Spiegel krümmen. Es ist leider kein Klisché, dass die diskursiv-ästhetische Be-Spiegelung Kunst tötet und Dichtung kaputt macht. Weil die Diskurse sich zwischen den Reim schieben….Dichtung kommt aus dem ATEM der Erfahrung oder aus dem Denken und aus sonst gar nichts.

Aber im Prinzip ist das auch wieder etwas ganz Normales. Jede Literatur oder jede Sprachkultur, dort, wo sie sich zu einer Art Diskursivität hochpäppelt oder als ein „ismus“ im Sinne von Trends, Vorgaben, Manifesten, Dekreten oder Gegendekreten auswächst, gedeiht zum Schwammerl, dessen luftiger Umbau immer viel voluminöser erscheint, als die vorhandene elementare Substanz… die sich von Feuchten ernährt, manchmal im Nahrungsbedarf spezialisiert und hochangepasst an bestimmte Spuren-Elemente.
Klimaveränderungen oder eine Art von Windwechsel können einen Schwammpilz ebenso schnell wegtrocknen lassen, wie er gekommen ist. Allerdings bleiben immer unauffällige Sporen im Mauerwerk und in der Raumluft. Insofern war die Initiative zur „Gruppe 47“  von H.W. Richter damals eine  kommunikative Feucht-Nieschen-Verwertung. Aber es muss einen Grund geben, warum die deutschsprachige Literatur nach dem Weltkrieg II formal und inhaltlich immer nur den Trends, die von anderen kamen, hinterhergehechelt ist.
Weil ausgerechnet ihre Kern-Kompetenz, das Denken und das dichtende Philosophieren, schon im 19. Jh. so weit fortgeschritten war, dass man dem vorerst nichts mehr hinzufügen konnte.

Wenn man es etwas zugespitzt formulieren wollte: Die deutsche Sprache hat das Pech Hölderlin, das Pech Kleist.
Dichtung – das deutsche Wort bezeichnet etwas, das in der Deutlichkeit in kaum einer anderen Sprache benannt wird – Ver-Dichtung. Das meint noch mal etwas ganz anderes als Lyrik. Lyrik meint die Leier, die Lyra, den Gesang. Dichtung aber meint Ver-Dichtung, Schöpfung. Dichtung kann im Deutschen völlig unlyrisch sein, und bleibt trotzdem Dichtung/Poesie. Genau genommen muss man sogar sagen, dass sich deutsche Dichtung außerhalb eines klassischen Literaturbegriffs stellt. Dichtung ist nicht kritisierbar in einem literaturkritischen Sinne, weil sie dort, wo sie Dichtung ist, zugleich auch der Wa(h)rheit als dem Unverborgenen nahesteht. Das Unverborgene ist nicht kritisierbar mit literaturkritischen Mitteln. Man kann es nur zur Kenntnis nehmen. Dichtung kommuniziert nicht. Sie sagt.

Die deutsche Literatur hat mit dem Unterschied Dichtung/Literatur immer ein Problem. Weil die Dichtung im Gegensatz zur Lyrik den Sog hin zur Ge-Fährnis und zu einem Dreh- Moment in der Sprache hat. Die AHNUNG der deutschen Sprache. Dichtung verlangt im Deutschen etwas ganz anderes als den Sprach-Artisten. Dichtung will die denkende Er-Leidnis, die „Fähe“, wobei damit nicht der leidende Dichter oder die fiebrige Dichterstirn gemeint ist, eher  eine bestimmte Grundhaltung zur Welt-Ent-Sprechung, in die sich der Dichter einbeugen muss. Dichtung kommt aus Einbeugung, aus Demut. Die so genannte Lyrik oder die Literatur läuft im Deutschen zumeist unter „Guck mal, was ich schönes kann und weiß.“ Oder „Guck mal, was ich mir Lustiges ausgedacht habe.“

Deshalb kann es im Deutschen jede Menge „interessante Lyrik“ geben oder jede Menge „interessante Literatur“ die aber trotzdem keine Dichtung ist. Dichtung steht im Deutschen auch jenseits von „Sich etwas Ausdenken“. Hölderlins Texte haben keine Phantasie. Sie haben Wa(h)rheit. Imagination.

Die deutsche Dichtung, in diesem Sinne verstanden, hatte im 19. Jahrhundert einen riesigen Berg aufgeschoben. Verglichen mit Hölderlin, Kleist, Schelling, Schlegel, dann noch Heidegger, blieb alle übrige Dichtung/Philosophie die reinste Schmalspur. Goethe war sowieso immer ein Irrtum gewesen.

Die deutsche Literatur, dort wo sie denkende Dichtung war, hatte das unheimliche Pech, seit dem 19. Jarhundert sich selbst um etwa 200 Jahre voraus gewesen zu sein. Bei Hölderlin oder Kleist, Schlegel und noch bei Schiller gab es dichterische Momente, die sind seit 200 Jahren nicht mehr zu toppen oder zu überbieten. Einige Texte von Kleist fliegen für immer vorraus. Man kann ihm nur nachschreiben. Mit dieser speziellen Besonderheit von Dichtung muss man in der deutschen Sprache immer leben. Das 19. Jahrhundert hat in seinen deutschen Dichtungen etwas artikuliert, das man nur noch verdauen kann. Die Dichtung und die Philosophie hatten im 19. Jahrhundert sehr viel über die kommende Moderne gesagt, was es zu sagen gibt. Aber man hat offenbar nicht richtig hingehört.

Warum es hier lange nicht weiterging, hatte einen Grund: Die Kulturen waren bald getrennt. Der sogenannte Schöngeist agierte nach Schelling überwiegend physiklos, techniklos, ohne Anbindung an die Wissenschaft, ohne Physik, ohne Thermik, ohne Kosmologie. Stattdessen produzierte er Figuren, Bilder.. so wie Nietzsche. Liest man dagegen Texte von Ernst Mach zur Sinnesphysiologie (erscheinen bereits 1886) hat man es sofort mit realer Poesie zu tun. Sozusagen mit Dichtung. Weil Ernst Mach ein Strömungsdynamiker und Philosoph gewesen war. (Genau so, wie man es bei Gustav Kirchhofs Schwarzem Körper mit Dichtung zu tun hat, und nicht mit Lyrik. )
Weil ein Ernst Mach bewusst oder unbewusst an Schelling und Kleist sich anschloß. Dagegen war die sogenannte künstlerische Avantgarde des 20igsten Jahrhunderts nie eine echte Avantgarde gewesen. Immer nur eine Pseudo-Avantgarde, die Ernst Mach nicht willentlich bedenkend zur Kenntnis genommen hatte. Mit der großen Ausnahme von Robert Musil, der über Ernst Mach promoviert hatte.
Die künstlerischen Pseudo-Avantgarden wollten im Grunde etwas ganz Altes in neuem Gewandt: Sie wollten „neue Ästhetiken“ und sie wollte neue „Figuren“ und sie wollten „Genies“. Deshalb haben sie ich zum Beispiel auch Imagisten genannt. Imagination aber meint nicht Ästhetik, sondern den aufklarenden Prozess des Geistes. Ein-bildungs-kraft. Wären Ernst Machs Beiträge zur Sinnes-Physiologie zum allgmeinen Kanon geworden, hätte sich das 20igste Jahrhundert einiges ersparen können. Das 20igste Jahrhundert ist auch an seinen falschen Genie-Begriffen gescheitert. Oder man muss sogar sagen: Das zwanzigste Jahrundert hat seine schlimmsten „Genies“ dann bekommen.
(Robert Musil: „Alles ist heute genial. Das Rennpferd ist genial, der Tennisspieler ist genial…“)

H.W. Richter selbst schreibt in seinen Aufzeichnungen sehr un-genial, was gut ist, und bestätigt mit seinen Aufzeichnungen indirekt: Literarische Ambition schadet der Literatur eher, als dass sie ihr nützt.
Die Herausforderung für einen Künstler heute: Vermeiden, ein so genannter Künstler sein zu wollen. Es muss da etwas wirken, das seinen Weg zu einer Bahn krümmt, ihn ablenkt oder einbeugt, eine gravitationale Ablenkung, die ihn zwingt und bezwingt. Das wäre eine forschende Frage, der er sich unterwirft, forschend unterordnet. Denn in technologischen Zeiten haftet den Dingen und den Produkten immer schon viel mehr Formung an, als es eine  Kunstformung noch erreichen könnte. Es braucht deshalb einen kunstfremden Attraktor als eine bahnende Kraft, die als Bogen-Kraft-Zwinge immer stärker sein muss als jeder  Werkwille, Stilwille, Kunstwille. Nicht die Faulheit oder die Trägheit sind die Widersacher des Künstlers. Der stärkste Widersacher des Künstlers ist der Kunstwille. Diesem muss er ausweichen und stattdessen die all-mähliche Bogenzwingkraft aufsuchen. Er muss die Bogenzwingkraft, die immer stärker sein wird, als sein Ego, regelrecht aufspüren wie eine Thermik, wenn er vermeiden will, dass sein Ton, seine Stimme, sein Farbtopf, der Malpinsel oder was auch immer, sich zu einer bloß gekonnten Masche begradigt und dann verfestigt. Sucht er diese Bogenzwingkraft nicht auf, kommt er bald herunter auf die Schrumpf-Form von Kunst, dem so genannten Künstlertum, dessen traurigste Ausformung dann die so genannte Machenschaft ist. Oder eine sich immerwiederholende Langspielplatte einer Idiosyncrasie. Dann wäre er, wie man so schön sagt, gelandet.

Gerade die Schmucklosigkeit von H.W. Richters Aufzeichnungen machen sie so dicht. Man kann kaum atmen beim Lesen. Man ist sprachlos. Stimmbänder. Suche nach Gedanken, dem Gesagten. Die Bänder unter den Stimmen. Die Bänder sind das Tragende, nicht die Stimme.

Vielleicht war ja das literarische Leben um die „Gruppe 47“ herum, die ja keine homogene Gruppe stellte, deshalb wichtig; um als ein Dokument hinterlegt zu werden, von dem man heute ablesen kann, was in der literarischen Kunst in Deutschland zum überwiegenden Teil schief gelaufen ist. Die Schriftsteller, um die es bei Richter geht, standen mental oder thematisch hinter einer Modernitätsbarriere. Physik, Raumfahrt, Technik, und Wissenschaft waren keine vordergründigen Themen. Der Autor H.W. Richter denkt in seinen Aufzeichnungen etwas melancholisch darüber nach, ob seine Freunde und Schriftsteller aus dem Umfeld der 47iger womöglich den eigenen Bedeutungsverlust spüren in einer Zeit, in der „Raumfahrt und Technik wichtiger werden als die Literatur“. So Richter wörtlich. Aber die Autoren seines Umfelds reagieren darauf mit Selbstbefestigungs-Strategien, entweder als alberne Künstlersubjekte, in eifrigen Harlekiniaden des Autorendarstellers oder mit dem Gang auf sehr falsche oder aber sehr nahe liegende Öffentlichkeitspodien. Uwe Johnson ging in den Alkohol, in den Spiritus hinein. Unfassbar und kaum zu glauben, wie der 60igjährige Opa Richter in seiner Zeitauffassung den damals aufspringenden Garagen-Firmen von Steve Jobs bereits näher gestanden hatte, als seine neuerdings/alterdings wiedervergreisten  Schriftstellerfreunde, die im Schnitt 20 Jahre jünger waren als er.


Aber jede Philosophie, die sich Philosophie nennt, wird wohl an Schelling anschließen, oder sie ist keine. Das ist auch der Grund, warum ausgerechnet das große Cinema als philosophische Kunst der deutschen Nachkriegsliteratur immer voraus war. Denn das Kino, das auch mißbraucht werden konnte für klassizistische Zwecke, hatte im Laufe seiner dramaturgischen Evolution die Chance, den Schellingschen Blick und das Schellingsche „Schauen“ mit seiner genuinen „Lichtgeschwindigkeit“ in die Geist-Mensch-Natur überbiegend einzubeugen. Und hatte diese Chance auch genutzt.

Literatur lebt nicht von Sprache oder von der Form, eher von der Sprachstörung und der Formstörung. Ebenso wie die Philosophie von der Philosophiestörung, die Kunst von der Kunststörung und das Leben von der Lebensstörung lebt. Diese Art von Störung wurde auch bei Raymond Queneau thematisiert.

Zu meinem Schreck im Doppelschlag Raddatz/Richter kam hinzu ein erneutes Lesen von Raymond Queneaus „Stilübungen“ von 1947.
99 stilistische Variationen auf einen Mann in einer Buslinie, der sich angerempelt fühlt und 3 Haltestellen weiter gesagt bekommt, dass ein Knopf an seinem Mantel etwas höher angenäht werden müßte –  ein leider nicht wegzudiskutierendes Paradigma für die Tatsache, dass jede Form der sprachlichen Wendung oder der verbalen Volte simuliert werden kann als Technik und demzufolge abrufbar wird aus einem sprachlichen Abholkatalog. Wenn man diesen Katalog kennt, ihn aufmerksam blättert. Queneau hatte den Abhol-Katalog für grammatische und stilistische Affekte erfunden. Ab sofort hätte sich eigentlich jede Stildiskussion im Sinne einer Qualitäts-Diskussion von „stilistisch richtig“ oder „stilistisch falsch“ erledigt gehabt.
Wenn man Queneau gelesen hat, langweilt man sich hinterher bei allen sprachlich-dramaturgischen  Tricks – die einem in Büchern begegnen. Sogar die Fragen, wo der Autor in seinem Text steht, hatte Queneau bereits gültig beantwortet. Ab sofort war hier nur noch infinte jest möglich. Nach Queneau kann man nur noch ein Second-Order-Verhältnis zur Sprache haben.  Es gibt auf dieser Seite keine neuen Wendungen mehr nach Queneau. Nur noch Anwendungen. Jede nur denkbare Grammatik-Perspektive war nach 1947 auserzählt. Was folgte, waren Redundanzen oder weißes Rauschen.

Stilübung Nr 22 dazu:

„Ich autobusplattformte mit-mengenähnlicherweise in einem lutecio-meridionalen Zeitraum und nachbarlichte mit einem langhalslichen, rotznasigen Kordelumdenhutgetüm. Selbiges sagte zu einem Irgendanonym: ‚Sie anrempelscheinen mich.‘ Dies ausgestoßen, freiplatzte es sich gierig. In einer späteren Raum-Zeitlichkeit sah ich es wieder, wie es mit einem X saint-lazarierte, der zu ihm sagte: ‚Du solltest deinen Überzieher knopfvervollständigen.‘ Und er warumerklärte ihm die Sache.“

Soweit Raymond Queneau in durchaus brauchbarer deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Es ist kein Wunder, dass Literatur heute nicht mehr vom Geschriebenen oder von Inhalten lebt. Sie hat kein Gewicht mehr als Präsenz-Text. Sie kann nur noch repräsentieren. Zumeist irgendeine Sprach-Krankheit. Sie lebt von ihren Doppel-Bildern, den Nachahmungseffekten, den Projektionen, der Literatur-Ausstellung. Weil nach Schelling, nach Kleist oder nach Hölderlin intellektuell nichts mehr dazu kommen konnte, das einen Mehrwert hätte anbieten können. Das westliche Abendland hatte auf literarischer /poeitischer/philosophischer Ebene kaum etwas zu bieten, was nicht schon bei Schelling, Kleist oder Hölderlin artikuliert war. Oder nur noch grammatische Hysterien. Die Kunst, oder das, was einmal artikulierende oder weltbezügliche Kunst genannt wurde, war mit dem 19. Jahrhundert an die Techniker und Wissenschaftler und Forscher übergegangen. Der einzelne schreibende Künstler, im klassischen Sinne verstanden, war Dekorateur geworden, der für Wohnlichkeit sorgte, Ablenkung oder Zeitvertreibe.  Nur dort, wo sich der Artikulator ganz bewusst auf Erforschung einließ oder von realer Erfahrung berührt wurde, artikulierte sich die Erfahrung als Reportage oder als Vorauswurf wie in den Labortexten von Max Planck, Ernst Mach und Co.
Oder später dann bei Lem und anderen wissenschaftlichen Autoren. Noch Proust kann man als einen Erforscher ansprechen. Ebenso haben Queneaus Stilübüngen noch Forschungscharakter. Dann konnte sie wieder im Sinne von Weltkunst relevant werden. Später dann auch bei Kubrik, Scott, Zemeckies/CarlSagan oder HR Giger in ihrem Kino. Forscherkünstler.

Die künstlerische Durchdringung von Wirklichkeit hatte im 20igsten Jahhrundert das Cinema übernommen, weil Cinema trotz der Regie immer auch technisches Teamworking bleibt – ein realer technologischer Apparat erzählt er aus Technologien heraus – in Technologien –  über Technologien; und wie man sieht, steht das Cinema heute  mit seiner avancierten Narration in Schelling-Nähe. Wer hätte das gedacht, das Schelling so weit vorraus gewesen war. Auch das heutige Cinema und überhaupt alle visuellen Künste münden, wo sie nichtdumm sind, in Schelling ein. Oder sie bleibt Dekoration, Zeitgeräusch. Die Literatur muss dagegen immer schlafmützig wirken.

Lem erzählte schon in den 60iger Jahren eine Geschichte über Roboter, die sich gegenseitig Liebesbriefe schrieben, in denen sie sich mit „mein allerliebstes Röhrchen“ oder mein „glühendstes Drähtchen“ anredeten. Die Liebesbriefe waren unterschrieben mit „dein ewiges Elektrönchen.“ Eine Behörde, die davon Wind bekam, lies die Roboter zur Heilung in eine Anstalt einweisen. Aber auch dort schoben sich die Maschinen weiterhin Briefchen durch die Türschlitze.
Wer braucht noch ein Foucault nach solchen Geschichten. Zu dieser Art von geistesgegenwärtigem Witz hatte es die Literatur in Deutschland in den 60iger Jahren Hans Werner Richters wohl kaum gebracht.
Es gehört es zu den großen Ironien der DDR/BRD-Geschichte, dass man in den 80iger Jahren bereits das meiste von Lem in der DDR zu lesen bekommen hatte und ihn hier bereits als wissenschaftlichen Schriftsteller kennenlernte. Er unterflog oder überflog mit seinen Themen jegliches Zensurradar, weil er cleverer Weise etwas tat, das zu dieser Zeit und bis in die späten Nuller Jahre hinein ganz unbekannt war: Er betrieb wissenschaftliche Poietik. Heidegger hätte so etwas Denken genannt. Blätterte man nach der Wende in Buchhandlungen durch deutschsprachige zeitgenössische „Philosophen“ – langweilte man sich zumeist, weil man in Deutschland eher Jargonwettbewerbe und verbale Positionierungskämpfe austrug, nach dem Motto – wer formuliert am Witzigsten, wer drechselt die hübscheren Sätze oder wer ist der demokratischste und undoktrinärste Kommunikationstheoretiker aller Zeiten. Habermas, Sloterdijk, Luhmann etc…waren, verglichen mit Lems Technopoietik, typische deutsche Nachkriegserscheinungen. Absolut notwendig. Völlig richtig. Sehr in Ordnung. Manchmal super witzig. Herrlich ironisch. Nur leider eben denkerisch eher still, technisch nicht auf der Höhe.

Ansonsten galt für die gute alte Literatur: Wenn sprachliche Affekte aus einem Queneau-Katalog abholbar geworden waren, dann stand die so genannte gekonnte Grammatik  ab jetzt nur noch in einer rein technischen Funktionsbewertung  – wie eine Tiffany-Lampe oder wie bestimmte Schokoladensorten. Es schmeckt einem oder es schmeckt einem halt nicht. 

Stilübung Nr. 17 dazu:

„Mir schien, als sei alles neblig und perlmuttern um mich her, ich nahm zahllose und undeutliche Wesen wahr, unter denen sich indes die Gestalt eines jungen Mannes abzeichnete, dessen zu langer Hals allein schon den zugleich feigen und widerspenstigen Charakter der Person anzuzeigen schien. Anstelle des Bandes trug er ein geflochtenes Seil um den Hut. Er stritt sich darauf mit einem Individuum herum, das ich allerdings nicht sah; dann stürzte er sich, wie von plötzlicher Angst gepackt, in den Schatten eines Ganges. Ein anderer Teil des Traumes zeigt ihn mir in der grellen Sonne, vor der GareSaint-Lazare wandelnd. Er ist in Begleitung eines Gefährten, der zu ihm sagt:“Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Darüber wachte ich auf.“

Der idosynkratische Psychoklasmus eines einzelnen Autoren war nach Queneaus „Stilübungen“ technologisch nicht mehr systemrelevant.
Dass ein Autor irgendwelche Sprach-Störungen hat, wen interessierte das noch, außer das unmittelbare Umfeld oder einen Therapeuten. Eine Fernseh-Dokumentation oder ein aufmerksamer Dokumentarfilm konnte ab sofort eindringlicher und umfassender zur Gegenwart erzählen als die Literatur. So, wie heute auch die wirklich starken amerikanischen Fernsehserien den narrativen Gegenwarts-Job übernommen haben. Im technologischen Medienzeitalter nach Queneau oder Musil kann die Literatur nicht mehr die Höhe erreichen wie noch zu Zeiten Hölderlins. Aber sie wird natürlich immer wichtig bleiben als Hobby oder Zulieferbetrieb für die technologischen Künste.

Die rein individuelle Sprach-Störung, auf die sich die Kunst als Kunststörung bis dato immer so viel eingebildet hatte, sagt im technologischen Zeitalter nichts mehr aus. Weil es keinen Unterschied gegeben hat zwischen einem gut designten Papierkorb und einem gut designten Buch. Beide Gegenstände gehören in die techné-poietische Wechselwirkung von Funktion und Dysfunktion – und damit eben zur HochKultur. Ein Mülleimer neben dem Schreibtisch hat informationell betrachtet die selbe Wertungs-Kultur wie ein Vers oder Satz auf dem Schreibtisch. Es wirkt eben deshalb nicht wertlos oder zweckfrei, ein Buch für den Mülleimer zu schreiben – weil genau dafür sind Mülleimer – als kulturelle Einrichtungen – erfunden worden. Weil ein Mülleimer neben dem Schreibtisch Texte besser macht. Ein Papierkorb neben dem Tisch ist ein Schreibgerät. Wer ihn nicht mindestens so oft benutzt, wie seine Tastatur, hat das Schreiben im technologischen Zeitalter nicht erreicht.
Darüber hinaus gilt: In einer zivilisierten und technologischen Medien-Kultur gibt es keinen techno-poietischen Unterschied mehr zwischen einem Schlosser, Elektriker, Software-Ingenieur, Anlagenbauer und einem Buchschreiber. Jeder macht, was er am besten kann.
Ein Schriftsteller kann sein Buch so anlegen, dass es möglichst von vielen Menschen gelesen wird. Ein Schriftsteller schreibt für Leute oder er schreibt für den Papierkorb. Er kann sich entscheiden. Er macht aber seinen Job genauso gut, wenn er nur für den Papierkorb schreibt. Wenn ein Autor Sprachstörungen hat, dann kann er sie so veredeln oder umarbeiten, bis es nach Design klingt und beim Lesen Spaß macht. Ein Autobauer kann sein Auto so bauen, dass es möglichst viele Menschen fahren wollen. Er kann aber auch eine sogenannte Papierkorb-Studie bauen. Beide bedienen sich in ihren Bereichen einer Zulieferindustrie. Bei einem Schriftsteller wäre das ein Queneau-Katalog aus grammatisch-stilistischen Affekten, den er zusammen mit „Einfällen“ oder „Sujets“ zu einem Ensemble von funktionstüchtigen Einheiten montiert, welche man dann Roman nennt oder Geschichte. Seine indidviduellen Psychoklasmen kann er dabei bindend verwenden als Leim, Schrauben, Bolzen, Schweißpunkte, oder Lack. Darüber hinaus kann ein Schriftsteller auch Innovation wagen, wie ein Autobauer, in dem er die Blinker ein bißchen runder gestaltet oder höher setzt; oder eine neue Art von elektronischer Einparkhilfe in sein Buch einführt. Vielleicht riskiert er auch den Hybrid-Antrieb aus Denken und Schreiben. Aber da muss er sich bereits entsprechend einstellen auf eine kleinere Zielgruppe.
Auch Autobauer riskieren manchmal „ungewöhnliche“ Entwürfe – aber das wird in allen Prozessen von der Produktion bis zum Marketing zumeist streng durchkalkuliert, zum Beispiel, in dem man von vorn herein eine kleinere Zielgruppe oder Käuferschicht anvisiert. Alle aufgewendeten Energien sind dann so dimensioniert, dass selbst ein sogenannter Totalflop für die Konzernbilanz noch verkraftbar bleibt.

Die Nachkriegszeit brachte (leider) etwas sehr Altes in die Sprache zurück – den großen allgemeinen – moralisch erlittenen Überbau, der plötzlich wieder für alle galt, die kollektive Er-Fahrung als Er-Fährnis und Ge-Fährt von Leid, Macht, Ohnmacht, Verlust.  Und warf damit den spielerisch-technologischen Apparat von Queneau tief zurück ins 17. Jahr- hundert. Die Diskussionen der Gruppe 47, wenn man sie an Raymond Queneaus Zuliefer-Katalog mißt –  waren jungvergreiste Wiederholungen von etwas lange schon Bearbeiteten. Komplett überflüssig. Aber als Feuchte-Schwammpilz waren sie damals unvermeidlich, wahrscheinlich notwendig.

Man hätte seit 1947 immer sagen müssen: Das hat Raymond Queneau alles schon besser durchgespielt.

Aber Deutsch ist eben nicht Französisch. Im Deutschen wirkt vertrakter Weise – noch viel stärker – ein ganz überpersönlicher Tiefen-Sog in der Sprache, der sich im besonderen Fall als Dichtung bemerkbar macht. Das deutsche Wort Dichtung und das, was es meint, ist eigentlich für andere Sprachen unübersetzbar. Es zwingt das Denken in die Ver-Dichtung hinein und damit in das strömende – wesenhaft verdichtende – Gedächtnis. Nichts ist läppischer für Dichtung im Deutschen als der sogenannten „eigene Stil“. Der „eigene Stil“ oder „die eigene Stimme“ wirkt im Deutschen immer läppisch. Wenn man ein Ohr für den überpersonalen gedenkenden Sog des Deutschen ausgebildet hat. Je näher man sich darauf einläßt, desto unpersönlicher, aber umso zwingender erscheint das Sagen.

(Deshalb bleibt die Forderung: „Schreibe kein Zeitungsdeutsch und benutze keine abgegriffenen Floskeln, sei originell und rede „deine eigene Sprache“ immer zwiespältig. Weil gerade die sogenannte Floskel manchmal etwas zu sagen hat, das wichtiger und gewichtiger wirkt, als der individuelle Psychoklasmus eines Einzelnen. Denn die Sprache, die alle sprechen, hat einen Grund, warum. Der Grund, warum man zum Beispiel im Deutschen sagt: „Wo-rum geht es. Wo-rum handelt es sich“ oder auch: „Das ge-fällt mir“ )

Ausnahmen, Ausnahmen, Ausnahmen, beide Teile Deutschlands hatten ihr Leben und ihre Literatur. Kempowskies Echolot war ein wichtiges und wertvolles Projekt. Trotzdem bleibt da nach der Lektüre von H.W. Richter ein Stachel. Vor allem, wenn man das parallel zur F.J. Raddatz liest. Die Einsicht einer kompletten teleologische Wirrnis bis zur totalen Sinnlosigkeit jeglicher „ästhetisch“ diskutierten Sprache. Wenn ich so drüber nachdenke –  meine eigene Sprachprägung durchmisst verschiedene Klimazonen. Kindheit/ Frühe Jugend DDR-Sprache/Funktionssprache Technik-Ost/offizieller Propaganda-Sprech und inoffiizell-subkutaner Volksmund/ plus gelesene Literatursprache Prosa/Lyrik west-ost-, erst mehr Pflichtfach russisch/dann englisch / späte Jugend in Wende-und Nachwendezeit/Rhythmus-Ohr durch Theatersprachen aller Art von Hochklassik bis Psychokitsch bis Horror/ Filmdialoge/dann neu und aufregend: Sprachen der Wirtschaftskommunikation, der ganz direkte Werbetext/Dramaturgie /Film/Funk/ Soziologie/ Philosophie/Technik – und immer wieder mündlich: Gespräche mit verschiedensten Menschen. Der Volksmund. Ich bin froh, kein grammatischer-Fach-Idiot zu sein. Oder zumindest ermöglichen mir die vielen Klimazonen, ganz gut abgleichen zu können, wann und warum ein deutscher Text etwas sagt und wann nicht.

Die aufreizende Erkenntnis ungefähr 10 Jahre nach der Wiedervereinigung lautete: In der alten/neuen Bundesrepublik herrschte zwar Gedankenfreiheit aber für viel zu wenige Gedanken. Die Gedanken-frei-heit. In bestimmten Bereichen hatte sich ein seminaristisches Wichtigwelsch und Blähdeutsch etabliert. Die Sprache in vielen sich als philosophisch ausgebenden Büchern war psychosozilogistisch jargongebläht, seifenschaumartig aufgeplustert, oder schwer verfärbt und gebremst mit spätfranzösischer Tertiärphilosophie aus den  80iger Jahren. Andere kultivierten ein Unwohlsein zur Unwohlfühl-Literatur. Aber es gab auch hier Ausnahmen, wie Oswald Schwemmer, der ein toller Philosophievermittler ist. Nur prinzipiell fand sich in Deutschland nicht viel Neues nach Schelling, nach Ernst Mach oder Heidegger. Außer dann eben interessanterweise in der operativen Physik.  Schelling war bereits auf der Höhe Ernst Machs, Gödels, Einsteins  und den „Problemen“ der kosmologischen Physik gewesen. (Ernst Mach muss hier überhaupt einmal ein gesondertes Kapitel gewidmet werden. Er scheint so etwas wie ein Loch im philosophischen Kanon von Europa zu sein) Aber, und das war dann sehr wichtig, man bekam jetzt auch viele Bücher von Gregory Bateson und einigen emigrierten Denkern der Ernst-Mach-Schule/Wiener Kreis. Nur kam das eben nicht aus Deutschland, dafür aus den USA. Und die Literatur?  

Ein  Teil des literarischen Lebens des geteilten Nachkriegs-Deutschlands war nicht einfach nur Kitsch, nicht hoffnungslos bräsig, nicht ausnahmslos stickig oder Wachsfigur, nicht immer nur Gelsenkirchener Barock. So würde ich jetzt den Vater der „Gruppe 47 “ –  H.W. Richter selbst –  zu den interessanteren Schreibern zählen. Seine Aufzeichnungen machen regelrecht neugierig auf seine eigenen Romane.

Der unheimliche materielle Wohlstand, der sich ab 1955 bis etwa 1979 in der alten Bundesrepublik ausbreitete, weist hin auf eine historisch unwiederholbare Episode, auf eine Art Gegenamplitude nach den Abgründen des Zusammenbruchs von 1945. Keinem Land auf der Welt ging es jemals so glänzend wie der alten Bundesrepublik in jenen 20 Jahren zwischen 1955 und 1979. Vielleicht noch Schweden. Das wäre mein Dank an alle Ärmelhochkrempler damals, das muß ausdrücklich gesagt sein. Eine fleißige Generation. Diese Generation durfte erleben, wie etwas aus Trümmern wieder ganz wurde. Etwas wieder ganz machen, etwas konstruieren, ist natürlich am Ende erhebender als etwas kaputtzumachen. Man könnte sagen: Die eigentlichen Dichter,  die eigentlichen Künstler der 50iger und 60iger und 70iger Jahre waren die Aufbauer und Wiederaufbauer, die vielen Ingenieure und  Ärmelhochkrempler, die mit ihrem wirtschaftlichen Fleiß dafür gesorgt haben, dass ich heute in einem halbwegs gediegenen Deutschland lebe. Danke dafür. Und Riesendank auch an die USA für den Marshall-Plan.

Zu den nach wie vor nicht wirklich verwundenen Effekten jener Zeit nach WK2 gehört die Tatsache, dass Nachkriegszeiten eben nicht stille stehen, in Starre verharren und trauern, diese Nachkriegszeit schon garnicht. Sie konnte es sich nicht leisten. Das ‚Es muss jetzt aber weitergehen‘  hatte einen Drive, der beinahe ebenso drängte, schob und beschleunigte wie der schlimme Krieg davor.

Nur kann man halt nicht alles haben: Für Literaturen war diese Zeit offenbar schwierig. Für Sprachen, die sich in ihrem Selbstverständnis entweder im Dagegen-Sein, in der wiederbürgerlichen Einmümmelung oder im formelhaften Wichtigwelsch irgendwelcher Ästhetikdebatten positionieren wollten. Unter solchen Prämissen gedeihen bestenfalls Spiegelgefechte, wiederaufgekochte Klassizismen, muffige Stoa, Repräsentationstete oder eben die stillen Aufzeichnungen von H.W.Richter. Weil die Wirklichkeiten ausserhalb der Literatur immer viel stärker und schneller sind/waren – als das erinnernde und nachlaufende Wort.
Die technischen Ver-Dichter, die Ingenieure und Technologen hatten hier das Sagen als Wieder-Aufbauer. Dazu kam noch der kalte Krieg. Eine enorm komplizierte Situation. Sprache oder das Erzählen lebt prinzipiell vom Erinnern.
Draußen vor den Schreibtischen der Schriftsteller tobte der Wiederaufbau. Aber über dem Ganzen schwebte der unheimliche Himmel des Kalten Krieges. So eine Situation war sehr sehr kompliziert für Literatur.

Es sei denn, man gehörte noch einer älteren Generation an, wie damals H.W.Richter, Wolfgang Koeppen, oder Joseph Beys, Max Bense oder auch, ja..der frühverstobene Wolfgang Borchardt… Paul Celan.

Jetzt lese ich H.W. Richters  Aufzeichnungen, die ich sehr ansprechend geschrieben finde, aber nicht wegen der Enthüllungen oder des Schlüssellocheffekts – dass sich im  weichen Kern der Initiative „Gruppe 47 “ nicht gerade die literarischen Highlander tummelten, war ja länger schon bekannt  –  aber aufschlussreich finde ich Richters Schilderungen zum Verhältnis der Schrift-Steller zur Technologie und zur Raumfahrt. Das muss ich aber einmal gesondert beatmen. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Bei Hans Werner Richter findet sich die  hohe Schule des witzlosen Schreibens. Keine doppelten Böden in der Aussage, keine musikalischen Kadenzen im Satzbau, keine lustigen Wortschöpfungen, kein Kitzel in den Kommatas, keine semantischen Kringel, keine Anspielungen. Nominalsätze. Aber das nicht ‚tastend‘, gerade nicht ‚bescheiden im Nebel‘, ganz ohne dieses ‚Es könnte vielleicht auch’…nein – einfach so: Es könnte nicht. Es ist hier in der Sache. Klar gefragt oder gesagt. So einfach kann gute Literatur sein. Immer da, wo sie einen klaren Berichtscharakter annimmt, ist sie gut. Aufzeichnungen eben. Wenn es aber so klar und einfach sein kann – worüber und warum wurde dann soviel zur Literatur diskutiert damals? Und was war es, das die „Gruppe 47“ später so verdächtig machte?
Der Hauptpunkt war wohl, dass Richter als Gründer der Initiative in seiner Prämisse einem schwierigen Balanceakt folgte. Einerseits wollte er die Literatur frei halten von jedem keifenden, dogmatischen, kommunistischen, spätexpressionistisch lärmenden oder gar neonationalistischem Ideologie-Ton. Weil das die „Diskutierfähigkeit“ bei den Treffen eingeschränkt hätte. Andererseits bedeutete das aber auch: Die unmittelbare Vergangenheit aus der Literatur ausschließen zu Gunsten jener berüchtigten „Stunde Null.“

Die Amerikaner hatten nach dem Krieg Broschüren an die Deutschen verteilen lasssen, in denen stand drin, wie man in Gruppen-Diskussionen sogar noch am Ende verschiedener Meinung bleiben könne, ohne das man sich anschließend verhaftete oder an die Wand stellte. Das musste zunächst wieder neu gelernt werden. Die demokratische Normalität und die „Zivilität“ wurde gezwungenermaßen pädagogisch hinein behauptet. Daher kamen auch Richters Prämissen zur Gruppe 47. Das bedeutete zumeist: Ausschluß von vielen Stimmen und Tönen aus der Vergangenheit. So etwas blieb natürlich philosophisch betrachtet ganz schwierig, ein riesiges Dilemma. Später dann auch die klassische Geburtskrankheit vielleicht. Weil überhaupt jede Sprache und die deutsche Sprache, zumal wenn sie erzählt, auf die Vergangenheit angewiesen ist. Denn erzählen heißt IMMER Erinnern.

Der Geburtsfehler der gut gemeinten aber philosophisch unhaltbaren Richterschen Programmatik zur „Gruppe 47“  machte sich dann später in einem wohlgerundeten Normalitäts- und Diskutanten-Biedermeiertum  bemerkbar, in dem eine Art falsche Verbürgerlichung oder Frühverformung von Sprache anklang, die nichts mehr zu tun hatte mit den beschleunigten Realitäten sowohl der frühen Vergangenheiten als auch des technologischen Wiederaufbaus. An ihrem schlechten Ende landeten viele Literaturen, welche durch die Gruppe 47 gegangen waren, entweder beim Gelsenkirchener Barock oder später dann nach 68 bei einer sehr fragwürdigen Engagiertheit von  plötzlich wieder lange Haare und Kotelletten tragenden Männern, die sich hinein bogen in den 68iger Trend. Daraus kam dann sehr viel Unwohlfühl-Literatur. Die sogenannte Beat-Generation oder die Beat-Literatur gab sich zwar „links“ aber sie mischte am Wiederaufbau kräftig mit. Die 68iger Bewegung hat das Denken und die Köpfe freigepustet für neue Märkte, für neue Ideen – und die kamen dann von Steve Jobs und Bill Gates. Die 68iger haben den Kapitalismus gerettet und technisch liquide gemacht – was ausdrücklich zu begrüßen bleibt.

Bezeichnend aber für den Widersteit von behaupteter Normalität und Realität bleibt eine programmatische Äusserung von Wolfgang Borchardt (Draußen vor der Tür) kurz nach 1945: „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre. Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv .“

Das klingt nach dem frühen Rainald Goetz, einer der in den „fettesten“ Jahren der BRD gegen den Spiegel spuckte, sogar blutete – aber gesagt hat es Wolfgang Borchardt. Es wäre sehr leicht und einfach, solche Äußerungen zu belächeln als verwirrtes spätexpressionistisches Pathos  – wegen des „heiss und heiser geschluchzten Gefühls“; aber nee nee nee, das sagt jemand, der alles erlebt hat, darunter das Unwohnlichste in kalten russischen Wintern. Jetzt würde man denken, ausgerechnet so einer müsste sich doch nach dem wohl temperierten Klavier regelrecht sehnen. Ausgerechnet so einer müsste doch jetzt die Stille wollen oder das Leise oder das Raffinement oder das raffiniert Gebügelte – aber nein, er will, dass man zu BAUM wieder BAUM sagt, zu WEIB WEIB Und ein JA. wo es ein JA. gibt, und ein Nein, wenn es ein Nein braucht. Deutlich. Ohne Konjunktive. Wolfgang Borchardt wollte keine „gute“ Grammatik. Es war eine lange Zeit vergangen, bis man’s nach gefühlten 500 Jahren wieder begreifen durfte: Da wirkt im Deutschen ein Unterschied zwischen Lyrik und Dichtung.

Ironisch, witzig, parlierend schreiben, mit semantischen Kringeln und syntaktischen Mehrdeutigkeiten – das kann jeder, der so ein bisschen den Stift halten kann, aber wirklich witzlos schreiben… …das witzlose Schreiben, das so anspruchsvoll schwierig geworden war, gelingt  Hans Werner Richter in seinen  Aufzeichnungen vorzüglich. Für einen sprachlich in der ehemaligen DDR sozialisierten Menschen ist dieses Buch sehr wichtig. Danke an den CH-Beck Verlag für diese tolle Herausgabe. Die Gefahr eines jeden Künstlers: Er beginnt tastend, forschend, fahrend, frisch und voller Unruhe; aber  irgendwann findet sich etwas, das er gut kann, oder das er so la la nachahmt, das sich gut einpasst in seinen Weltbezug, vielleicht sogar gut ankommt; dann tappt er in die Bärenfalle des eigenen Talents; dann  reproduziert er sich fort-laufend selbst und wird zum Bediensteten eines Einfalls, einer Proportion oder eines Farbtons, der ihm an einem beschwippsten Nachmittag einmal gelungen war und der ihm fortan immer wieder gelingt in Variationen. Jetzt nennt er es „seinen Stil“ , – aber er weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Später dann möchte er den Tic oder die Masche wieder ablegen, aber es geht nicht mehr, denn er hat jetzt einen Namen. Gefesselt vom eigenen Namen im Atelier steht er dann vor der Leinwand und malt seinen Stiefel. Er unterliegt der Selbsteindummung durch Talent.  Aber im Grunde hat er alles richtig gemacht. Es geht ihm nicht schlecht. Aber es geht auch nicht mehr weg. Er ist jetzt – leider – ein Künstler – eine lebende Wachsfigur. Hans Werner Richters Aufzeichnungen sind ganz Stimmband, kaum Stimme. Das macht sie so stark.

Besonders wertvoll an diesem kürzlich erschienen Buch „Mittendrin“ wirken die Einsichten Hans Werner Richters zum Verhältnis der (deutschen) Literatur zur technologisch-zivilisatorischen Entwicklung. Richters Aufzeichnungen betreffen die Zeit, in der all das begann, was heute im Großen wirksam ist. Damals so genannt: „Die dritte technologisch-industrielle Revolution.“ Was daran so verwirrend ist: Richter selbst war damals schon so etwas wie ein Opa. Bereits 60ig-jährig aber denkt und registriert er offenbar moderner und zeitgemäßer als seine 20 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen. Darunter schon die heute Prominenten. Der 60igjährige Opa Hans Werner Richter ist damals in der Einschätzung der globalen Entwicklungen einem Steve Jobs näher als die meisten seines Umfelds. Richter spricht von einer Generation, deren Lebensbewegung die ständige Neu-Anpassung und Umpassung geblieben war und als solche sich weiter bewegte, umpasste, vorpasste, nachpasste. Erst noch als ganz Jugendliche im Volkssturm und dann nach dem Krieg oder in Kriegsgefangenenlagern, es musste ja irgendwie weitergehen, umlernend gemäßigte Liberale, „Literaten“, „Künstler“ Dazu die üblichen Schanzen, kleine Rivalitäten… Nur zu dem, was eigentlich ablief, wirkte offenbar kaum Fühlung. Zur „dritten technologisch-industrielle Revolution“ wollte sich niemand mental verhalten. Was mich verwirrt: Die Aufzeichnungen von Hans Werner Richter wirken im Moment so, als seien sie das einzige wirklich literarische Dokument zur deutschen Situation in jener Zeit. Ich empfinde: Das sind gute Texte.

Mundpflaster könnte ich sagen, gemeint bliebe aber der Kuss. Vom Naschvollautomaten könnte ich sprechen, weil mir das Wort Schokoriegel zu profan erschiene. Heute Augenringverschluß nach Komabechern. Trotzdem war’n es (gestern) nur zwei Kasten Bier mit Flaschenöffner. Guck mal, ein Achgottchen! Und meine doch nur das Maskotchen.

Die Weise des verstärkenden Schreibens dreht sich aus der Weise des hantierenden Schreibens heraus. Einige philosophische Schriftsteller hatten sich ja in den vergangenen Jahren einen hantierenden Stil angewöhnt, der ziemlich altvertraute Dinge noch einmal besonders chic novelliert in den Vordergrund rückte. So wurde zum Beispiel hantiert mit dem Wort Vertikalspannung, anstatt mit dem langweiligen Wort Gravitation, die ja garnicht so langweilig ist, würde man sich tatsächlich in Philosophie interessieren, die immer eine physikalische Philosophie zu sein hat. Oder man hätte mit dem guten alten Wort Schwerkraft im Zirkel-Prozess Schellings realer – lichtender –  Philosophie nachforschen können, wenn man den Job der Philosophie ernst genommen hätte..

…im Prinzip wäre ja gegen einen rhetorisch-werblichen Aufputz der Philosophie nichts einzuwenden, weil auch Philosophie durchaus den Werbetext braucht und die vermittelnde Sprache.  Philosophie muss heute sich genau so verkaufen wie auch ein Auto. Die Philosophie hat das Recht, alle Sprachmöglichkeiten zu aktivieren wie ein Naschvollautomat. Insofern kann es manchmal sinnvoll sein, statt Kuss einfach Mundpflaster zu sagen und statt Kaktus eben unrasierter Sukulenten-Bohemien. Wenn es denn dem Image des Kaktus nützt oder das Küssen befördert – ja mei – warum denn nicht…dafür sind Werbetexte da.

..aber ein wirklich guter Werbetext funktioniert eigentlich noch ein bisschen anders. Er sagt nicht: Distinktionseminenz durch anthropo-machinale Innovationsdynamik. Er sagt: Vorsprung durch Technik. Ein guter Werbetext sagt: Freude am Fahren. Er sagt nicht: Euphorisierte Affektlage bei forciertem Dynamikkonsum. Daran sieht man, wie ein guter Werbetext, der sich von der Reclame unterscheidet, eben nicht bläht oder nuschelt, dafür genau das sagt, was Phase ist: Freude am Fahren. Manchmal sagt er es etwas verstärkender oder verspielter, aber trotzdem bleibt er in der Sache immer dicht am relevanten Punkt.

Tim Boson: Bauernfest nach Pieter Breughel, d. Ä.

Mein Mähdrescher Fünfhundertfünfzig – i der Serie T,
<Starfire – ITC im Lösungspaket mit Komponenten:
Klimaanlage, Driftkorrektur, AMS, Satellitensignal,
angezeigt hochaufgelöst im Monitor der Kabine,
rasiert das Feld auch nachts. Die Xenonscheinwerfer,
bei eingeschaltetem Autopilot – beinahe überflüssig.

Das Softwaretool, dimensioniert auf Mehrfachoption,
voreinstellbar nach Tonnage, Mahtgut, Feldausdehnung,
kommuniziert, wenn ich will, mit der Aussensensorik.
Feinanpassung der Messerwinkel an Luftfeuchtigkeit
erfolgt per Knopfdruck (samt Gebläsedrehzahl) dynamisch.

Die Agrarmanagement Systemlösung Doppelpunkt:
Übersichtliche Datenverwaltung am Halm optimiert
Maschinenauslastung, Gewinnmitnahme, Kalkulation,
und erhöht, bei gut reguliertem Verhältnis Investment
versus Verschleiß nachhaltig das betriebliche Endergebnis.

Von Hand selbst umzuschalten wäre nur das Programm
des Fernsehers, digital, Buchse hier neben der Lenksäule,
sechspolig ausgelegt, ist Mehrfachadapter, optional
verwendungsfähig für Handy, Tuner, Kaffemaschine.
Bei Weizen guck ich ARTE, bei Roggen gerne mal Pro 7.

Noch Fragen?

Eine Philosophie oder das Denken nach der Philosophie muss sich deshalb nicht gegen das Philosophiemarketing oder den guten Werbetext verwahren, wohl aber gegen schlechte Werbetexte oder gegen Philosophievortäuschung. Denn die Philosophie, so hat mal jemand gesagt, sei ein  Baum. Aber dieser Baum blüht nicht, weil Kollibris in ihm brummen, oder Schmetterling oder Elfen und kleine Äffchen darin herumklettern. Sondern die Kolibris brummen darin, weil der Baum blüht. Der Baum war VOR-HER da. Der Baum der Philosophie blüht, weil er ein Baum ist, der wie alle Bäume in einem Grund wurzelt. Und seine Wurzeln reichen in ein Grundwasser der Grundfragen hinab, und seine Blätter wechselwirken in Clorophyllprozessen mit dem Licht und der Dunkelheit, mit dem Wind, mit den Jahreszeiten, mit dem Rhythmus von Tag und Nacht. Das ist der Baum der Philosophie. Die Philosophen sind sein Holz, seine Wurzeln, seine Äste, sein  Atmen, seine Blätter und seine Früchte. Ihre Fragen ziehen osmotisch, kapillarisch das Grund-Wasser aus der Grund-Strömung, und ihre Denkbewegungen im Rauschen der Blätter können Kohlendioxyd in Sauerstoff umwandeln und per Abgabe von feinstem Wasserdampf das Klima verbesssern oder ein wenig atembarer machen, während Blüten und Früchte das Auge oder sogar den Magen nähren.  So funktioniert der Baum der Philosophie, wenn man ihn denn als Baum beschreiben wollte, der wächst und lebt und gedeiht, also immer unterwegs bleibt.

Den gut geschriebenen Werbetext kann man wie gut geschriebene Gebrauchsanweisungen (es gibt auch schlecht geschriebene) zur relevanten zeitgenössischen Sprachbewegung zählen, das heißt: Zur Philosophiekultur und zur Literaturkultur. Eben gerade deshalb, weil der Werbetexter niemals von sich spricht. Er übt täglich das anonyme Sprechen. Er spricht für eine Sache, einen Dienst, für eine andere Person oder im Auftrag einer Technik. Insofern wäre der Werbetexter so etwas wie ein Ghostwriter / Geistschreiber.  Dafür geht er täglich durch eine große Übung, die manchmal die härteste Sprachübung überhaupt sein kann. Beinahe schon eine Art Drill. Er muss einerseits seine persönliche Stimme, sein ganz eigenes psychoklastisches Sprechdingsbums so weit beruhigen und anonymisieren können, dass möglichst nur noch das Produkt oder die Dienstleistung spricht – er muss sich selbst gläsern machen – syntaktisch unsichtbar, aber andererseits muss er im Auftrag einer Sache sprexeln und spielen können und dann, an der richtigen Stelle, wo es passst und stimmt, kommt er dann auch straff auf den Punkt.

Die Anforderung des In-vielen-Zungen-Sprechens und des Sich-selbst-gläsern- haltens  – setzt voraus, dass ein Werbetexter sich nicht nur für sein Handwerk oder sein Handwerkszeug, für die Sprache, für die Filme, für die Bilder interessiert; er muss sich zudem immer hineinlassen in die jeweilige Materie. Und Hineinlassen meint zunächst Hineinlassen. Meint zunächst gar nicht erfinden oder phantasieren. Und diese Materie, in die er sich hinein lässt -lässt er auch in sich hinein – heißt zumeist: Dingsprache, Menschensprache. Gegenwartsprache, Techniksprache, Wirtschaftssprache, Lebenssprache, Innovation. Man könnte auch sagen: Sein sprachgebendes Element ist Frau und Himmel, Zahnrad, Bier, Brot und Scheiße. Es dürfen ihn deshalb und darüber hinaus durchaus auch Heidegger, die Bildzeitung, das Internet, Schlager, das Theater und Gedichte interessieren. Sogar die Lyrik.  Denn all das gehört in den Sprachraum, aus dem er schöpfen kann. Aber die hohe Schule eines guten Gebrauchstextes und Werbetextes bleibt noch immer oder gerade deshalb das klare, unmiß-verständliche Sagen –  in dem möglichst viele Menschen zur Sprache kommen in einer ungefähr ähnlichen Weltinterpretation:

Die Pommes-Offensive: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketschup oder Mayo satt.“

Deutlich. Heidegger würde sagen: Hier west die Sprache an. Man könnte bei der Pommes-Offensive beinahe schon, aber jetzt in einem positiven Sinne von einem Jargon der Eigentlichkeit reden. Da weiß man wieder, dass Sprache nicht immer nur um den Mund herum redet. So ein Text steht einer Hölderlin-Elegie „Brot und Wein“ viel näher als manches seminaristische Wichtig-Welsch. Daran sieht man, wie auch innerhalb einer  komplexen Zivilisation die Sprache nicht immer und überall in geblähtes Geschweife und kolloquiale Bescheidhuberei zerfällt. Hier in der Pommes-Offensive bewahrt sie sich ihren klaren und sagenden Charakter mit einem unmißverständlichen Sendungs-Auftrag: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt. Da fällt mir gerade ein, wie die berühmte babylonische Sprachverwirrung in dieser ersten legendären Stadt oft fehlinterpretiert wurde, in dem man unterstellt hatte, sie beträfe das Zusammenleben verschiedener Ethnien oder Kulturen auf engstem Raum, die sich dann eben wegen verschiedener Sprachen verwirrt hätten.

Aber das kann eigentlich nicht gemeint gewesen sein. Man versteht sich doch in elementaren Angelegenheiten, wie zum Beispiel beim Essen und dem Trinken immer sehr gut mit allen Nationen. Und eigentlich sogar beinahe wortlos.  Der Türke fragt mich: Wüsstu schafff? Und ich sag: Nee, heut ohne. Und er lässt die scharfe Sauce weg. Von Sprachverwirrung kann hier keine Rede sein. Beim Chinesen sage ich einfach eine Zahl. Zum Beispiel: Die 19 bitte. (Mathematik dann doch als Sprache der Welt?) Und er versteht mich auch. Die eigentliche Sprachverwirrung wirkt nicht zwischen verschiedenen Ethnien oder Kulturen. Weil gerade verschiedene Kulturen sich gegenseitig im Umgang miteinander zur Substanzialität anhalten und nicht zur Verkomplizierung.

Die Sprachverwirrung kann innerhalb ein und derselben Kultur einsetzen, gerade dort, wo sie damit beginnt, „Kultur- Kultur“ oder „Geschmacks-Geschmack“ kulturzuüberkultivieren. Auch unsere Zivilisation neigt irgendwann zu Doppelbildern auf der Netzhaut oder im Gehirn. Wenn bestimmte Reflexionsprozesse durchlaufen wurden, dann verdoppeln sich bestimmte Reflexe zu Doppelreflexen. Aus dem Film wird dann der Film-Film, aus dem Roman der Roman-Roman, gemeint ist ein besonders romanhafter Roman, oder man erhält das Doppelbild der Frau-Frau, die (jetzt wieder) besonders frauliche Frau, den (jetzt wieder) besonders männlichen Mann als Mann-Mann, die philosophische Philosophie-Philosophie des Philosophie-Philosophierens. Oder man trinkt einen Kaffee-Kaffee.

Wie in der gediegenen Filiale einer Kaffe-und-Kuchen-Franchise-Kette. Nicht mehr ganz aktuell, aber man kann das noch einmal anführen. Ein alltagssprachlich begabter Satz wie: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“ wird hier plötzlich zu einer Sprache, mit der man sich verdächtig macht; oder als zu bemitleidender Kaffee-Komplett-Idiot und Eingeborener seiner sehr simplen Wunschwelt mit einem Mal sehr hilfsbedürftig und sprachbehindert erscheint.

Hier muss man sich als ausgebuffter Kaffee-Erlebnisweltmeister und Geschmacks-Papillen-Professor durch ein Tausend-Meilen-Reich oder eine ganze künstliche Bibliothek von Alexandria in Sachen groß-klein-dick-dünn-schaum-Coconut mit oder ohne Rum-Aroma zu seiner Tasse Kaffee hindurchstammeln –  oder aber, wenn man die Spezialgrammatik einmal drauf hat und zum federnden Establishment der –  tja –  eben der Kaffeeweltbürger gehört und Bescheid weiß, gibt man dann eben seine Bestellung in Spezial-Esperanto auf. Lässig parlierend.

Der Effekt einer solchen Sprachverfeinerung folgt natürlich der thermischen Ding-Verfeinerung und Auffächerung von Wunsch-und Wahl-Dingen zu Wunsch-und Wahl-Grammatiken; das ist ganz normal, gehört eben zum Luxus und zeigt überhaupt nichts Schlechtes.

Aber in einem hypnotisch halluzinatorischen Selbstlauf der Weltzerbröselung und Feinverstäubung  zu immer kleinteiligeren Wunschwelten und vaporisierten oder aufgeschäumten Wahlgrammatiken kann es dann passieren, dass irgendwann niemand mehr weiß, was „eine Tasse Kaffee“ einmal war. Oder dass der Kaffee sogar ganz verschwindet. Dann bekäme man irgendwann nur noch getürmte Milch-Bläschen (Achtung – Turm, Babylon), zu Coconut-Aroma aber keinen Kaffee mehr.
Weil die spezialgrammatische Vaporisation und Kleinteilung von Weltverhältnis zu einer Verpuffungsreaktion führen kann wie bei einer Klein-Teilchen-Staubexplosion, in der „die Tasse Kaffee an sich“  sich in die quasi-metaphysische Sphäre des „Dings an sich“ hinein verabschiedet. Aber an der Angebots-Tafel oben stünde dann immer noch vor jedem Spezial-Esperanto das Wort „Kaffee“. Spätere Generationen könnten  dann als  Nachgeborene gar nicht mehr wissen, dass Milchbläschen mit Coconut-Aroma eben kein Kaffee mehr ist.  Die „Tasse Kaffe“ hätte sich  dann zu einer quasi- metaphysischen Größe verflüchtigt, zu einem „Ding an sich“, dass wir ja nach Kant niemals erkennen können u. s. w…

Deshalb hier noch mal zur Sicherheit für den Kalender: Eine Tasse Kaffee war zu ihrer Zeit keine nurmetaphysische Größe oder ein Wortspiel, kein Kantisches „Ding an sich“, sondern real existierend. Es handelte sich um ein rundes Gefäß mit einem Durchmesser von etwa 8 cm und einer Gefäßtiefe von etwa 5 cm. (Kleine Abweichungen in beiden Richtungen von etwa 1-2 cm,) Das Gefäß-Material heißt Porzellan und wird in diversen Enzyklopädien näher beschrieben. Die „Kaffee“ genannte Flüssigkeit darin zeigte eine tiefbraune bis schwärzliche Färbung und entsprach einem wassergelösten koffeinhaltigem Sud. Dieser wurde erzeugt, indem man kochendes Wasser durch das Mehl von gemahlenen Kaffeebohnen laufen ließ, das man in ein feinporiges Sieb, ein Netz oder ein Filter (sog. Kaffeefilter) hinein portionierte und für den Zeitraum des Durchlaufs über dem Gefäß installierte. Die Stärke des Suds, seine Färbung und der Coffeingehalt war optimal eingestellt, wenn die Flüssigkeit die Tasse (bei oben angegebener Bemaßung) bis kurz unter den Rand befüllt hatte und  bei In-Augenscheinnahme durch einen Prüfblick  in das Gefäß-Innere hinein der Boden des Gefäßes nicht mehr erkennbar war. In einer abgewandelten Version des Brauchtums „Tasse Kaffee“  wurde die Flüssigkeit aufgehellt mittels einer kleinen Portion Milch, die man in so genannten Kaffeehäusern oder Restaurants in einem kleinen Kännchen dazu gestellt bekam. Manchmal nach Absprache mit dem Bedienpersonal und manchmal auch unabgesprochen einfach als alternativ-obligate Zugabe.

Da man als Bürger einer komplexen Zivilisation heute ungefähr fünf sechstel seiner Lebenszeit damit verbringt, Spezialgrammatiken regelrecht zu büffeln, sei es vor einem unergonomischen Fahrkartenautomaten in Bedienungsanleitungen oder beim Bestellen eines Kaffees, kann daraus peu a peu der Lebensirrtum erwachsen, der da lautet: Sich spezialgrammatisch auskennen sei wichtiger als etwas zu kennen oder gar Erkenntnis. Die Sprache des Kaffees sei wichtiger als der Kaffee. Der Fahrkartenautomat sei wichtiger als die Fahrkarte.
Tatsächlich können Wirklichkeits-Verhältnisse eintreten, in denen man zum Beispiel einfach einen bestimmten Zug verpasst, also ganz real nicht mit einem Zug fährt, wie man sich ursprünglich vorgenommen hatte – nicht etwa, weil das Geld fehlte, oder weil man den Bahnhof zu spät erreicht hätte, sondern ganz einfach deshalb, weil der Fahrkartenautomat keine Sprache spricht, die dem an sich trivialen Anliegen: „Ich möchte eine Fahrkarte von Hier nach Dort.“ mit einer ebenso trivialen Grammatik begegnet.   Stattdessen hat man es bei einem Automaten immer mit einer Abfrage-Routine zu tun, die dem Esperanto in der Kaffee-Hauskette nicht unähnlich ist: Mit. Ohne. Dick. Dünn. Groß. Klein. Coconut. Aber der Zug ist dann auch schon mal weg.

Als jemand, der in der DDR noch sozialisiert wurde, erinnere ich mich, wie ich die „Legende Westen“ damals so aufregend fand, weil, so hatte man  gemunkelt,  dort immer genau das zu bekommen sei, was man brauchte –  aber nicht das, was man nicht brauchte. Oder man hatte gemunkelt, dort könne man alles „einfach so sagen, wie es eben sei.“

Aber die Illusion des „alles einfach so sagen, wie es eben sei“ musste sich bald mit der Erfahrung auseinandersetzen, dass man außerhalb der Sphäre der Pommes-Offensive in eine geheimnisvolle Mehrdimensionen-Spiegelkammer von Interpretations-Interpretationen geraten war, insbesondere wenn man in Buchhandlungen aktuelle Philosophie vermutete – betrat man hier zumeist eine Kirmesbude, in der überhaupt nichts mehr so sein sollte wie es eben sei; in der ein BAUM nicht mehr BAUM sein durfte – und in der das einfache „So-Sagen“, geschweige denn das einfache So- Sein kaum noch möglich war.

Ein so genannter „Diskurs-Teilnehmer“, das galt auch für den stillen Zu-Hause-ein-Buch-Leser,  hatte sich zumeist mit seminaristischem Wichtigwelsch an der Diskurs-Zugangskontrolle auszuweisen. Obwohl er dann lediglich durch eine Geisterbahn geschickt wurde. Er musste erstmal beweisen, dass er falsches Wichtigwelsch richtig beherrscht. Mit „Tasse Kaffee“  oder „Pommes zu Ketchup und Mayo satt“ – kam man hier nicht mehr weiter.

Die babylonische Sprachverirrung meinte nie das Nebeneinander verschiedener Sprach-Kulturen. Sie meinte dass allmähliche Überblähen und Substanzloswerden von Sprache innerhalb der jeweils eigenen grammatischen Kultur. Besonders überraschend, geradezu überrumpelnd dann, folgte daraus die Einsicht, dass zum Beispiel Hegel oder Schelling oder Kant, niemals „schwierige Autoren“ gewesen waren – verglichen mit dem schummrigen Sprachgebrösel und dem klandestinen Wortspray zeitgenössischer philosozystischer Diskurse. Verglichen damit lasen sich Kant oder Hegel plötzlich wie leicht eingängige Comic-Hefte. Gegen Deleuzerrida-Kauderwelsch erschien Schelling mit einem Mahl wie ein gut durchrutschender Trivial-Autor. Und Heidegger entkleidete sich vor den lesenden Augen zu einer sehr angenehmen Courts-Mahler des denkklaren Sprachstils.

Luxus-Probleme, zugegeben. Aber in ihrer Gesamtheit kann die grammatische Verblähung eben am Ende zu einem babylonischen Turm-Einsturz führen, weil die innerlich aufgeschäumten Wahlgrammatiken die Wirklichkeiten nur noch schwer gebremst, verspätet oder gar nicht mehr einlöst. Dann kommt es zu einem permanenten grammatischen Wirklichkeits-Verzug von Sprache, die sozusagen immer ratloser vor dem Fahrkartenautomaten herumfummelt und dabei ihren Zug verpasst – oder – weil die Tasse Kaffe unerreichbar bleibt, plötzlich einschläft. Deshalb bleibt der gute Werbetext und der klare Gebrauchstext in einer Zivilisation so wichtig. Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt – erinnert daran, wie Sprache durchaus sagend bleiben kann ohne jegliche Verkomplizierung.

„Das Ding ist von innen geöffnet worden…“

Zeichen, Bilder, Striche, Bögen, Runen…Schrift.
Warum bewegen: Zeichen, warum bewegen: Schrift.

Schrift: Ein Zittern des Kosmos an der Hand eines Schreibers.
Der Aufschreiber  distanziert das mündliche Sagen  in das Zittern
und Flimmern seiner  Schreibfüßchen hinein ; zuckende Nadel
der Träger-Schallplatte; hin-und her webende Kreuzspinne, im Rad ihres Netzes, dem Gewebe, der Textilie, dem Text.

– Schrift ist: Um-Gehung des Mundes.

Die flimmernden Finger des Schreibers zittern die Zeichen auf ein Papyros, dem Meißel auf einen Stein, ein Papier,  eine Tastatur, oder technisch: in die elektronische Leiterbahn von Trägerschichten.

Schrift ist ein Kabel. Ein Stecker – ist Schrift.
Der photochemisch gedruckte Schaltkreis – ist Schrift.

Der Strom aber: keine Schrift.
Der Strom ist der Strom.
Die Thermik. Nahrung.

Nahrung. Was ist Nahrung?
Ist sie das Nahe, das nährt, weil es das NAHESTE ist?

NAHrung als Näherung. In der Verdauung. Ohne Um-Weg.

Nahrung kommt über die Haut, das Ohr, das Auge, die Nase, den Mund.

Es ist möglich, es könnte eintreten: dass ein Schrift-Werk überhaupt nichts mehr BE-deutet.

Nicht mehr als das, was immer schon da wa(h)r.
Deutlich wird es ganz.

Das Zittern und Zucken der Schrift-Hand kehrt dann wieder ein ins U(h)r-Sprüngliche. Die Schriftspur wird Flimmern, Pumpen, Flattern, Bäumen, Lidschlag, Herzschlag, Atmung, kriechende Welle und  Wehe, Knistern, Funkeln und Rauschen….

Zuckender Blitz.

Zeichen und Runen: Blitze.

Könnte man wirklich aufessen die Schrift, die Schriftrolle aufessen – dann würde die Philosophie, die Literatur, die geschriebene Sprache, jedwedes Zeichensystem aufgelöst und eingelöst. In dem sie wiedereinkehrt in die All-Bedeutung  – hier deutlich wird in der Deutlichkeit total – als NAHrung, die das Nahe ist.

Was in sich selbst ganz deutlich wird –  BE-deutet nichts mehr.

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos“ (Hölderlin.)

Das beträfe dann auch den Schreiber.

Er selbst BE-Deutet dann nichts – mehr, das heißt:
Nichts – mehr –  bedeutet er dann als das, was er – in jedem Moment – ist.

Keine BE-Deutung mehr und keine BE-Deutsamtkeit bräuchte es noch, wenn alles ganz deutlich würde.
Adresse und Absender ver-mählen sich.

Dann wirkt das S*AGEN.

Die menschliche Wirbelsäule war nie gerade.
Sie bleibt immer ein S, Sinus zwischen Reflex-Bogen und Beuge…
… Schrift-Rune der Natur.

Das S der Wirbelsäule – wenn man das zur Seite kippt,
sieht man eine Welle, gebäumt. Eine Flut?

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“

Der Schreiber und sein Leser waren lange Zeit Undeutlichkeitsdesigner.
Denn ganz und gar deutlich wäre nur das Zeichen selbst – an und für sich,
in seiner aus-sagenden Thermik, das Seyn selbst. Der Hauch?

Was.  War.  Ist.  Wahr. Gewesen.

Verdauung.

BE-Deutung ist das „Brot“ des undeutlichen Schreibers.
Ist der undeutliche Schreiber ein Näherer?

Solange er auslegbar bleibt, bleibt er BE-Deutsam. Vor sich selbst.
Und vor anderen. Das heißt zugleich: Er bleibt Frag-Würdig.

Gibt es den Undeutlichkeits-Spieler?

Dann ernährt er sich von BE-Deutung. Der Philosoph
ernährt sich davon, dass er nie ohne Nachfragen ganz klar wird.
Denn: Würde er ein für alle mal ganz deutlich und ohne „Wie bitte“ klar
werden, dann wäre er arbeitslos. Es gäbe nichts mehr zu er-klären.

Nichts muss mehr er-klärt werden, weil alles ganz klar ist.

So ist es. So. Und nicht anders.
Das fühlt sich kribbelig an, aber nicht schlimm.

So ist es. Klar.

Wenn man weiß, dass alles Reden immer nur ein um-das- ganz-NAHE
HERUM-Reden bleibt, dann muss man sich als Philosoph einen
anderen Job suchen. Die wortlose Wahrnehmung trainieren.

Es spürt sich, da könnte ein Übergang wirken, in dem philosophische Schriften
und literarische Bücher nichts mehr BE-deuten.

Wenn alle Undeutlichkeits-Spiele gespielt sind, dann beginnen die Variationen
und Versionen und Unschärfen und alle Nachfragen zu ver-wesen.

Das Interpretieren und das Auslegen, das Nachfragen… und jede Art der Exegese von Schrift, jede Art der Hermeneutik kehrt dann wieder in den Mund zurück. Es isst die Schriftrolle auf. Es verdaut und dauert –

Es wird total klar: Das All.

Nimmt Gestalt an.

specere, lateinisch: Das Sehen, das Schauen/

Die Spezialität – das deutlich Gesehene.

SPECIES: Das Geschaute/Die Gestalt.

Ein Nachfragen wie: „Habe ich das so richtig gelesen…?“
Oder auch: „Wie soll ich das jetzt deuten?“   –

– ist schon mit der Frage beantwortet. Die Frage war immer Teil der Antwort.

Es gibt nichts mehr zu BE-Deuten.

Wir sind ein Zeichen, deutungslos. (Hölderlin)

Wenn deutlich wurde, wie die zittrige Undeutlichkeit zum infinite jest der zittrigen Nachfrage gehört, das um der zittrigen Undeutlichkeit Willen gespielt wird, weil eine zittrige Schrift immer nur um den Mund herum reden kann, dann verwest alle BE-Deutung in der Deutlichkeit. Dann zittert –  nichts –  mehr. Oder alles –

– wird ein Beben.

Das wäre das Ende jeder Auslegung.

Man muss dann kein Zeichen mehr „lesen“ auf eine BE-deutung hin.
Dann SIEHT man die Schrift, als das, was sie ist: Chronische Species.

DEUTLICH.

(Was im Moment noch etwas schwer zu erklären ist: Man kann die ganze Welt als Zeichen lesen, ohne zu kommunizieren. Die Wahrnehmung. Eine entwickelte Intelligenz kommuniziert nicht mehr. Sie redet nicht mehr. Sie schreibt nicht mehr auf. Sie nimmt wahr. Sie tauscht keine Zeichenvorräte mehr hin und her. Sie ist an-wesend. )

Vielleicht wäre das die kürzeste Erklärung für Schrift,
solange sie noch etwas BE-deutet:

Schrift ist Chronik.

Wenn aber das k am Ende der Chroni-k wegfällt, dann ist sie das Chronische selbst, der Cronos…

Dann wäre die Schrift wieder Flimmern, Pumpen, Schlängeln, Herzschlag. Die Vokale und Konsonanten als Blitz und Donner. Systole, Diastole als Hebungen und Senkungen…auf der See.

Die Hand des Schreibers wiegt sich hin und her.
Die Augen des Lesers wiegen sich her und hin.

Waage. Welle. Wiege. Wie auf einem Wasser.

Die See – sehen. Darin das Auge sich senkt.

Und wieder hebt. Und wieder senkt.

Die Zeilen: Sind Wellen. Die Zeichen: Gischt.

„Masern des Holzes. Wogen wie Wasser…“ (Uwe Greßmann.)

Ge-Bäumt. Gebogen. Gewogen.

Entry – Re-Entry…

Der Mund ist von innen geöffnet worden.

Running on Ockhams Katana

Das Ding hat den Lagrange-Punkt L 3 erreicht.

Es gegen-wartet in ihm.

Same des Ahorns
Flügel im Anfang der Welt
Wirbelnd geht sein Fall

Das Auto und der Baum

Ein Autofahrer, der bemerkt, wie er in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert – was empfindet der?

Ich nähere mich in dieser Sekunde einem vom Frühherbst gefärbten – kanadischen – Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…?

Seine Wahrnehmung dürfte für die Sekunde, wenn überhaupt,
sich eher abstrakt einfühlen in die Situation:

Baum.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer nähert sich dem vom Frühherbst gefärbten kanadischen Zucker-Ahorn  – ohne Adjektive.

Sein BAUM hat keine Eigenschaften mehr. Er verliert alle Blätter und Äste, wird abstrakt, platonisch kahl.  Eigenschaftslos, wie ohne Licht.

Der Baum wird GEGEN-WART.

Die „Fähe“ zur Abstraktion scheint ein sehr alter Gang.

Der detailversonnene Naturfreund würde immer sagen:  (Sinn. Sonne. Versonnenheit.)

Den Baum – an sich –  gibt es garnicht.

Der Baum ist eine reine Mengenbezeichnung, eine Abstraktion.

Die technokratische Trockenheit, welche die Welt der kleinen liebenswürdigen Details und Unterschiede mißachtet und in  Mengen-Abstraktionen hineinreglementiert, sei das ganze Gegenteil von Wirklichkeit, ja es mißachte alle Sinnlichkeit und Versonnenheit.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer aber befindet sich gerade in der sinnlichsten und wirklichsten Situation, die überhaupt möglich  ist. Er befindet „sich in Fahrt.“ Fern jeder Kontrolle über den Vorgang.

(Dem Eros darin sehr nahe. Zumal er gerade dabei ist, sich mit dem Baum im Konflikt „zu paaren“. – ) – ver-gleichen. ( )

Seine Wahrnehmung muss jetzt abstrahieren, um zu überleben. Er „hat gerade keinen Sinn dafür“ – sich darüber Gedanken zu machen, welche Art von Baum da auf ihn zukommt in welcher jahreszeitlichen Schönheitshypothese.
Jeder geklügelte Satz und jedes geblümelte Adjektiv wäre in dieser Sekunde zuviel.

BAUM!

Das gibt einen guten Grund zur Einsicht, wie die Fähigkeit zur Abstraktion aus der Gefahr kommt, b.z.w. aus der Geschwindigkeit und der Bewegung in die NOT-WENDUNG läuft.

Das Lenkrad herumreißen – JETZT! ) Re-Flex (

In der Bewegung ver-dichten sich alle Details zu abstrakten Mengen-Wesen.

Der Autofahrer muss den kanadischen Zuckerahorn „bannen“ oder „bändigen“,
in dem er ihn auf sein Wesentliches abstrahiert.

– BAUM!

Der Kampf des Autofahrers gegen den BAUM lautet jetzt:
Wer abstrahiert wen zuerst?

Man begegnet und schaut sich – „gebannt“.

Der Bewegte er-fährt selbst die stärkste Sinnlichkeit – während der BAUM, indem er kahl und abstrakt ohne Adjektive als „gebannte“ Mengenbezeichnung BAUM! auf ihn zukommt, sich gerade darin ganz besonders und plötzlich  verwandelt in einen sehr KONKRETEN GEGENSTAND . Ganz und garnicht abstrakt. Der BAUM wird auf eine unangenehme Art an-wesend.

Der Baum – kommt – auf  –  ihn –  zu.

Der BAUM! wird für den Autofahrer in einer Art und Weise konkret und sinnlich, wie es der „vom Frühherbst gefärbte kanadische Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…“ nie und nimmer gewesen war.

Autofahrer und Baum werden  zum GE-DICHT.

Diese Art der Ge-DICHTUNG markiert den poietischen Bereich aller
Er-Fahrung, die ihren Gegenstand aus der Bewegung  und der
WACHHEIT gewinnt. Sehr konkret in PAARUNG und
VER-MÄHLUNG in Gegenwart von Gefahr.

Das Ergebnis heißt: Sprachlosigkeit. Bann. Stummheit. MAHL. Gründung:
Handlung – NOT-WENDUNG – sprich: POESIE.

In der kahl-abstrakten Menge BAUM begegnet der Autofahrer dem WESEN
aller Bäume.

Er begegnet dem GEBÄUMTEN

Aber gerade dieses Wesen wird geboren aus Bewegung und Vermählung.
(Ge-Fahr)

Die Fähe zur Abstraktion kommt aus der Erinnerung von Ge-FAHREN. Abstraktion ist eine Not-Wendung, die wir in GEGENWART von Ge-FAHR vollziehen im erotischen Tausch von Details mit/gegen WIRK-lichkeit. Das Ergebnis heißt: Ge-DICHT.

Der umgekehrte Fall – die Liebe zum Detail des kanadischen Zucker-Ahorns – wäre die „Lösung des Banns“ –

– das Ge-DICHT lockert sich, entspannt sich (explodiert) in die Er-Zählung von Details hinein.

Es wird „Lyrik.“

(Vergleiche hierzu Totalenthalpie in einem Raketentriebwerk: Erhitzung – Verdichtung/Entspanung – Abkühlung – Lockerung)

Hier an dieser Stelle erkennt man, wie ein Erzeuger von Texten, gerade dann, wenn er besonders detailversonnen und beschreibungsfreudig daherkommt, selbst im Effekt der thermischen Abkühlung und Entspannung schreibt.

Sein Sprechen kommt immer postpoietisch – nach dem Ge-dicht.

Gelockert. Entfährdet. Entdichtet. Gelichtet. Auf-atmend.

Sprechen entspannt. Es lichtet. Es ent-spricht. Es löst das Dickicht. Es atmet auf.

Noch einmal Glück gehabt.

Literatur, die etwas taugt, macht sich bemerkbar, weil sie ihren Text in einem engen Verhältnis zur Sprachlosigkeit oder um die Sprachlosigkeit herum organisiert. Sie bezieht ihre Spannungs-Dichte aus einer Nähe zum Dickicht der Stummheit, aus der Nähe zum Moment einer poietischen Gefährdung.
Nur in einem solchen Verhältnis bleibt sie halbwegs entfernt vom Geschwafel,  dem bloßen „Stellen von Schrift“.

Jeder gute Schreiber kämpft sein ganzes Leben lang darum, kein Schrift-Steller zu sein. Meistens verliert er diesen Kampf. Dann „stellt“ er Schrift.

(Thomas Bernhardt: „Da schreiben sie, wie sie vom Haus in den Garten gehen, und schon sind 30 Seiten getippt.“)

Das Sagen sehnt sich nach dem Tod im Gedicht. Aber es ekelt sich vor dem Dichter.

Der Thermische Kondor (Nach Albert Einstein)

Nur was schwer ist, kann auch schweben.

Was sich nicht wiegt, wird auch nicht fliegen.

Gedanken zu einem eye-genartigen Universum. (Für Albert Zweistein.)

1. vorgeschaltete Frage:
Ein Mensch, der  – wie man sagt – ein Ziel ins Auge fasst, dass er erreichen will, zum Beispiel einen Stern, muss dieses Ziel dauernd er-innern – damit er es  – wie es dann heißt:  „nicht aus dem Auge verliert.“

Ein Ziel erreichen wollen heißt: Das Ziel dauernd er:innern. Der Mensch erinnert sein Ziel, das er erreichen will. Wenn er aber das Ziel – dauernd erinnern muss – um es zu erreichen – liegt das Ziel dann in der Vergangenheit oder in der Zukunft?

Ein Astronom, der – mit dem Vorsatz –  einen Stern zu beobachten, an sein Teleskop geht, steht vor einem philosophischen Problem: Da sein Beobachtenwollen sein Vorsatz ist, müsste der Stern für ihn die Zukunft sein.  Als Astronom aber weiß er, dass er „in Wirklichkeit“ (oder angeblich) nur die Vergangenheit des Sterns sieht. Er sieht den Stern so, wie er z. B. „vor 3000 Lichtjahren“ war. Schaut der Astronom die Zukunft oder die Vergangenheit?  Woher weiß die „Vergangenheit“ des Sterns, dass sie  „in Zukunft“ von dem Astronomen beobachtet wird? Woher kennt der Astronom den Stern? Woher kennt er das Teleskop? Kennt er das Teleskop aus der Erinnerung oder aus der Zukunft?


2.  Frage:

Wenn ich einen Menschen – zum Beispiel –  in 100 Metern Entfernung sehe,
dann sage  ich: Der sieht aber ganz schön klein aus.
Wenn ich zu dem Menschen hingehe – mache – ich den Menschen größer.
Das heißt: Ich MACHE einen „Unter“-schied zwischen klein (vorher weit weg) und groß (nachher nah dran)  In dem ich zu dem Menschen hingehe, wende ich Energie auf  – oder auch eine gewisse Zeit  – oder einen Weg.  Ich MACHE einen „Unter“schied.

Eine allzuschnelle Antwort lautet hier immer: Der Größen“unter“schied
auf Entfernungen sei eine „optische Täuschung“. Hier darf man sich fragen, ob das wirklich so ist, ob das kosmologisch korrekt gedacht ist. Ob die Annahme einer optischen Täuschung den TATsachen entspricht?
Oder vielmehr: Was ist eine Täuschung? – wenn doch Täuschung  im Wortsinne auf einen TAUSCH verweist.

Sind nicht alle „Unter“schiede und „Unter“scheidungen geMACHTE Unterschiede, die mit einem Energieverbrauch oder mit einem zeitlichen oder technisch (dauernden)  Aufwand sich ver-GLEICHEN. – ?

Ist nicht jeder Unterschied, den ich „feststelle“ immer ein ge-machter Unterschied, der mit einem Energie – oder Zeitaufwand vertäuscht ist?
Oder mit einem UNTER-WEGS-SEYN?

Und: Sind nicht alle Größen – und Massenverhältnisse im Universum in einem ge-machten Sinne aufeinander bezogen – in einem PROZESS des DAUERNDEN VER-GLEICHS – in der Rotation? (Bogen/Beuge) – ihrem UNTERwegs-SEYN?
In einem Ab-TAUSCH.

Wenn ich ein Fernglas benutze, anstatt zu dem Menschen hinzugehen, dann benutze ich nicht einfach nur ein Ding. Ich „benutze“ eine lange lange
Evolutionsgeschichte, die bis zu meinem Entschluss und dem „Gerät Fernglas“ –
g e r a t e n  ist.
Bescheidener: Die Evolutionsgeschichte „benutzt“ mich. Wenn mir „eingefallen ist“ – dass ich ein Fernglas benutzen kann, dann habe ich das Fernglas „erinnert“. Wenn ich zu einem Fernglas greife – kommt das Fernglas aus der Vergangenheit (meine Erinnerung) oder kommt es aus der Zukunft auf mich zu?

(Die Tatsache, dass ein Fernglas auch verkehrt-herum benutzbar ist, so dass die Dinge in die Ferne rücken – kann in einem vertäuschten/vertauschten Sinne auch darauf verweisen, dass die SCHAU der Welt insgesamt tauschbar ist. )

3.  Frage:

Wenn ein  hypothetischer Zeitreisender in die Vergangenheit reist, um seinen Groß-Vater zu ermorden, noch bevor der die Großmutter kennengelernt hat,  dann gilt dieses Paradox bis heute immer als „kniffliges Problem“ zum Thema Zeitreisen.

Wirklich knifflig aber ist  ein anderes Problem: Wenn ich in die
Vergangenheit reisen wollte mit dem „Vorsatz“, meinen Großvater zu töten, dann würde ich ja einem „Vorsatz“ folgen, der auf ein Ziel gerichtet ist.

Liegt das „Ziel“ meiner Reise dann in „meiner“  Vergangenheit oder in „meiner“ Zukunft?

(was ist eigentlich mit den vielen Blumentöpfen und Ziegelsteinen, die den Großvater nicht erschlagen oder nur knapp verfehlt haben? Waren all diese nicht heruntergefallenen Blumentöpfe und  danebentreffenden Ziegelsteine „freundliche Boten“ aus der Zukunft meines Großvaters?)

4.  vorgeschaltete Frage:

Warum verbrennt eine geknüllte Papierkugel in einem Ofen langsamer als das lose Blatt vom selben Papier, wenn es ungeknüllt bleibt?
Hier kommt oft die allzuschnelle Antwort: Die geknüllte
Papierkugel brennt über die Zeit betrachtet „kühler“ – und deshalb „langsamer“.

Das beantwortet aber nicht die Frage, was das eigentlich bedeutet.

Denn „kühler als“ und „langsamer als“  sind Aussagen in einem Vergleichs-Prozess, denn die Zeit, in der die ge-gnüllte Kugel langsamer verbrennt, kann mit einem Weg verknüpft werden, der irreversibel ist.  Zum Beispiel ein Fluchtweg!

Was also bedeutet das Verhältnis kühler – langsamer/heißer – schneller? – Was bedeutet das kosmologisch – bezogen auf die Form und die Dauer – und bezogen auf Wege ebenso wie auf Entfernungen?

5. vorgeschaltete Frage:

Die Lichtgeschwindigkeit wird mit Metern pro Sekunde angegeben. Wenn aber in einer beschleunigten Rakete sowohl die Längen sich verkürzen bzw. die Zeit sich verlangsamt (Längen-Kontraktion bzw. Zeit-Dillatation) woher wollen wir dann wissen, was ein METER und eine SEKUNDE , eine ZAHL  oder ein GRAMM in diesem Universum „objektiv“ – ist?
Da jeder „Beobachter“ in diesem Universum bogenförmig in einer Beuge oder in einem Bogen (Kreisbeschleunigung) sich befindet – was kann er dann noch über METER oder SEKUNDEN aussagen?  Zumal das Universum sich dazu auch noch beschleunigt dehnt? Was ist die EINS oder eine ZAHL,  ein METER oder eine SEKUNDE objektiv? (Gödel- Einstein – Disput: bis heute einfach unter den Tisch gewischt.)
. . .

Einstein war ein toller Naturwissenschaftler. Seine Entdeckungen gründen in einer philosophischen ErWÄGUNG. Dem Äquivalenzprinzip von Ernst Mach. Albert Einsteins ErWÄGUNG zur Äquivalenz war ein VER-GLEICHS-PROZESS in einer denkerischen Imagination. (Die Betonung bei Vergleichsprozess muss immer auf Prozess liegen.)

( Wortverwandtschaft equilibrium/äquivalenz)

Einstein konnte überhaupt nur deshalb zwei bewegte Beobachter sich imaginieren, weil er selbst ebenfalls bewegt war – thermisch kreisend durchblutet.

Einstein musste die Maxwell-Funktionen ER-INNERN.

Kommen die Maxwell-Funktionen aus Einsteins Zukunft oder aus Einsteins Vergangenheit?

Die beiden Relativitätstheorien sind richtig, insofern sie „funktionieren“.
Aber eine Funktion muss doch immer wieder neu funktionieren.  Sie muss – dauernd – funktionieren – in einem dauernden VER-GLEICH(S-Prozess).

So wird sich in den nächsten Jahren erweisen, dass alle sogenannten Naturkonstanten sich ständig abgleichend im Strom des Bewusstseins als ein Verhältnis zum  thermischen Bogen des Alls selbstadjustieren  – so – wie ein Wirbel in einer Strömung sich immer „selbstadjustiert“….und bewegend nach vorn rollend stabilisiert. Diese Selbstadjustierung macht „Konstanten“.

Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit – ist gültig für ein Bewusstsein, das in einem bestimmten Verhältniss/Vergleichs-Prozess aus der DAUER evolutionär hervorgewachsen ist.

Heidegger sprach einmal vom „Hüten des Seyns“. Aber dieses Hüten kann als aktiver Prozess gesehen werden, wenn man weiß, dass eine Herde zum Beispiel von einem Hüte-Hund immer umkreist werden muss, damit sie beieinander bleibt. So ist unser Bewusstsein der kreisende Hüte-Hund unserer Naturkonstanten.

So auch der thermische Kondor, der in der Luft seine Kreise zieht. Ziehen muss. In diesem Kreisen – hütet – und be-wacht – der Kondor das SEYN.
Der thermische Kondor hütet – das Seyn.

In dem der thermische Kondor steuert, bewegt er sich – kreisend. Aber indem er sich kreisend bewegt, bewegt er zugleich die Strömung – und damit sich selbst und die ganze Welt.

Wa-herum kann sich der Kondor kreisend stabilisieren?
Eben deshalb, weil er sein GEWICHT in die ER-WÄGUNG mit der STRÖMUNG  bringt!

Wäre der Kondor ohne Gewicht, er könnte nicht kreisen, nicht fliegen.

Der thermische Kondor be-wacht das Seyn. Er ist zugleich sein eigener Wächter, das kreisend sich Hütende und die zu bewachende Welt.

Jede Mathematik, auch die komplexeste Mathematik, lässt sich zurückführen auf und beruht in ihrem Wesen auf dem BOGEN (Flexion) und der BEUGE (Re-Flexion) In einem thermodynamischen Vollzug. Den (konstruktiven) Vollzug aber  kann sie immer nur in einem zeitlichen VERZUG  zur DAUER leisten.

Wenn ein Mathematiker Mathematik benutzt, kommt sie dann aus der Erinnerung oder aus seiner Zukunft?

Ein Gehirn oder ein Rechner rechnet entweder VOR oder er rechnet NACH.  Keine Mathematik der Welt aber rechnet synchron im echtzeitlichen Vollzug der Entropie. (Dauer) Diesen Vollzug kann nur das poietische (handelnde) Denken leisten. Das wäre der Moment, in dem die Philosophie in der Wissenschaft aufgeht. Eine Vermählung, die beide verändert. Oder anders gesagt:
Die Hochzeit von Ge-Denken und Physik.

Hausaufgaben für die große Sommerpause.

. . .

Der Kondor und das Mädchen.
(„Andenmärchen“, Dietmar H. Melzer, idime Verlag, ISBN 3-924026-13-0, Seiten 27-33)

Kleider werden von Frauen gefertigt. Doch der Mann macht die Schuhe. Sogar wenn er Diener hat, bindet er selbst für sich und seine Familie Leder und Wolle zu einem haltbaren Schutz für die Füße zusammen. Ein Bauer, der vor einiger Zeit am schäumenden Urubambafluß wohnte, war nicht so fürsorglich für seine Familie. Frau und Tochter gingen meist barfuß auf Weide und Feld. Eines Tages zog die Tochter mit der Lamaherde wieder einmal in die Berge. Felskanten und das scharfe Schallakagras verletzten ihre Füße dermaßen, daß sie bluteten. Ein Mann in einem schwarzen Poncho kam ihr entgegen. Mitleidig schaute er sie an.

„Du mußt große Schmerzen haben“, sagte der Mann.
„Oh, ja“, antwortete das Mädchen. „Aber ich kann nichts dagegen tun. Mein Vater hat mir keine Schuhe gegeben.“
„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Doch als sich ihre Sehnsucht erfüllte, spürte sie, daß sie flogen. Der Mann hatte sich in einen Kondor verwandelt und trug seine Geliebte in seinen Horst über der Schlucht. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, ging der Bauer sie suchen. In den Bergen fand er nur die unbewachte Herde. Voller Sorge führte er sie in das Tal zurück. Dem Mädchen in dem Horst ging es sehr gut. Der Vogel brachte ihr köstliche Speisen, zartes Fleisch von Meerschweinchen oder in Blättern gebackenen Mais. Er verwöhnte sie auch mit glitzernden Steinen aus dem Inneren der Berge. Einmal brachte er sogar farbige Muscheln aus dem grauen Meer mit. Nach einem Jahr gebar sie ein Kind. Doch war sie nicht glücklich. Ihr fehlten die Eltern, das Haus und die Herde. Auch die Freundinnen aus dem Ayllu vermißte sie sehr. Mit Heimweh im Herzen schaute sie in die Ferne, wo das vertraute Dorf sein mochte. Da gewahrte sie einen Kolibri, der zufällig vorbeigeflogen kam. „K´enti!“ rief sie. „Geh zu meinen Eltern und sag ihnen, wo ich bin!“

Der Kolibri ließ sich von ihrer Stimme rühren. Er flog zu den Bauersleuten im Urubambatal und brachte den gramgebeugten Eltern die Nachricht von ihrer Tochter. Unverzüglich wollte der Bauer mit anderen aus dem Dorf in den Horst steigen, um die Tochter zu befreien. Aber der Kolibri sagte: „Fangt zuerst zwei Kröten. Die legt ihr dem Kondor in das Nest. Ich will ihn damit täuschen.“

So geschah es. Die Leute fingen zuerst zwei Kröten und machten sich mit ihnen auf den Weg in die Berge. Behutsam schlichen sie sich an das Lager des Kondors heran und konnten die Tochter des Bauern und ihr Kind befreien. Ins leere Nest legten sie die zwei Kröten.

Der Kolibri indessen flog zu dem Kondor und erzählte ihm eine traurige Geschichte: „Ein böser Zauber ist über uns gekommen. Frauen und Kinder verwandeln sich. Deine Frau und dein Kind sind Kröten geworden.“ Ungläubig flog der Kondor in seinen Horst. Er fand tatsächlich nur noch zwei Kröten vor. Einsam zog er über der Schlucht seine Kreise. Doch anstatt nun für seine Tochter zu sorgen, schickte der Bauer sie wieder barfuß auf die Weide. Mit blutenden Füßen hütete sie die Herde. Und eines Tages kam jener Mann im schwarzen Poncho und schaute sie mitleidig an.

„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Wie damals erfüllte sich ihre Sehnsucht, und der Kondor trug sie in seinen Horst zurück. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, wußte der Bauer, wo er sie zu suchen hatte. Im Morgengrauen des nächsten Tages ging er mit allen starken Männern des Ayllu in die Berge. Sie hatten sich mit der Kriegskeule bewaffnet und sangen zornige Lieder. Doch als sie am Horst ankamen, hielten sie ein. Die Tochter des Bauern konnten sie nicht mehr befreien. Sie hatte inzwischen Flügel bekommen.

Labornotizen:
Antimaterie. Gegenmaterie…  („Gegen-Energie“ War Energie nicht immer Bewegung? Die Sprache spricht. Ein symmetrisch halluziniertes Glasperlenspiel. Sehr putzig.

Hier liegen überall Zettel herum mit Zitaten, wie Steine, die auch immer überall he-rum – liegen.

„Chramer, gip die varwe mir,
Krämer! Gib die Farbe mir, 
die min wengel roete,
Meine Wangen rot zu malen…“

„Sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, womit Sie es zu tun haben.“

„Big things have small beginnings.“

Ich müsste den Tisch aufräumen.

Hier noch eins:

„Sie haben mein Mitgefühl.“

So viel Papier überall.

Juli 2012
 

Erlkönig Postscriptum Kleist

Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Werke für die deutschsprachige Literatur eine Art idealen Vergleichsprozess bereitstellen in der Schub-und Strömungs-dimension von Sprache.  Soll heißen: Im Verdichungs-Prozess ihres physischen Triebwerks.

Die deutsche Sprache spricht von der Physis her, aus der Physis heraus, sehr
undiplomatisch und direkt; eine Pferdesprache, deren Aletheia ganz direkt am zuckenden Muskel sitzt, ohne Spalt, ohne Maske, dicht aufliegt am Fleisch der
Be-Wegung.  Das Deutsche, gut geritten, lässt keinen Platz  und keine Zeit für ein „Wie bitte?“

Man sitzt nicht in der deutschen Sprache wie in einer Kutsche, man reitet diese Sprache, und zwar ohne Sattel und Bügel geschmiegt an den heißen Rücken ihres Ge-Horchs.
Mit Kleist kann man erleben, wie die Schenkel beim Reiten dieser Sprache immer mehr hineinsinken in die Flanken des Pferdes, so mit ihnen verschmelzen,
der Reiter duckt und drückt sich immer dichter an den Rücken, wird dicht und dichter mit dem Tier, versinkt in ihm, beschleunigt weiter , duckt und drückt sich  und verschwindet so beim Reiten ganz in dem Pferd der Sprache, wird selbst ganz Fleisch, ganz Muskel, ganz Atem, ganz Rückrad, ganz Wind; da ist dann überhaupt kein Spalt mehr zum Lügen oder zum Flirten oder auch nur zum Zwinkern, kein Zwischenraum mehr für die Charmance – da, wo so gerne ein entlastend Zweideutiges  hin und her klappern  würde, im Spalt zwischen Wahrheit und Lüge –  das alles reitet sich und dichtet sich mit Kleist ganz  hinein ins Fleisch der Bewegung, der Zwischenraum schließt sich, kein Klappern mehr, es drängt und dichtet sich – sprechend – vollständig hinein in die Muskeln und den Schweiß der Spur  und der Sprünge; die führen den Leser in die Verdichtung,  in einen Sektor wo die Alternative „Dichtung und Wahrheit“ nichts mehr gilt,
nur noch Atem, das Rennen, der Muskel, Durchblutung, Puls – Geh! Geh! Geh! eben das, was die Sprache ist, wo sie herkommt, vom Körper, von der Wirkung, von der Technik der Natur – im Dichtwerden und Dichterwerden im Wahrheitwerden der  Geschwindigkeit in  Strömung erreicht sie dann beinahe wieder schnaufend, atmend, ihren wiederstummen Grund.

Da wittert der  Eros der deutschen Sprache. In ihrem Vorwärtsdrängen, das den Reiter mit dem Pferd verdichtet  zur Einheit der Funktion von Bewegung, Richtung und Lauf. Da hat die deutsche Sprache ihren Speed, ihren Sex.

Die deutsche Sprache eignet sich  deshalb gerade nicht für die  „sexuelle“  oder „erotische“ Schrift.  Sie redet auch nicht „vom Sex“ und „über Erotik“. Eben weil das Deutsche eigentlich – in seinem Innern – keinen Maskenspalt zur
BE-Schreibung offen hält.  Die deutsche Sprache i s t  der Eros. Sie nimmt umweglos Teil an ihm. Sie beisst und zittert und wittert und reitet sich biss ins Universum hinein.

Deshalb macht sie das Philosophische im Deutschen so stark.
Weil das Denken und das Philosophieren im Deutschen  nicht trocken ist, sondern wirklich physisch, pochend , nass und heiß durchströmt. Dampfend.

Den ironischen Reiter schüttelt sich das Pferd dieser Sprache vom Rücken,
wirft ihn ins Läppische ab.

Weil die deutsche Sprache selbst zu dicht am Fleisch, an der Atmung, am Muskel sitzt. An der Technik der Natur – deshalb ist da auch kein Platz für Ironie.

Kleist ist heute deshalb im Inter-Esse, weil er einen Vergleichsprozess stellt, mit dem man das Kutschieren, das  Stolzieren erkennt, das Stil-Pinseln, das Porzellanmalen der deutschen Sprache so gut erkennen kann, all das, was einem angelernten oder angefühlten Salon- und Kommunikationskanon hinterherfuchtelt.

Das All-Ein-Werden mit dem Pferd der deutschen Sprache aber, beim Ritt in der Aletheia, mit der Aletheia, verbietet jede Atitüde. Ein wirklich guter Reiter, und hier ist gemeint ein wirklich guter Reiter, muss nicht nur sein Handwerk vergessen, zudem auch  noch sich selbst. Ein wirklich guter Reiter sitzt zwar auf dem Pferd, aber  er sitzt dort nicht wirklich, er wird zum Pferd, er ist das Pferd, er verschwindet im Pferd und mit dem Pferd  und dichtet sich an den Hals heran, in den Düsenhals hinein, zur ernsten Frage seines Warum. Davon erst kommt sprachliche Bewegung. Das erst macht Dichtung. Als Ver-Dichtung. Das gibt ihr den Bumms. Er vergisst sein Reiter-Sein. Das Pferd der Sprache vergisst ihn und macht sich mit ihm –  in ihm –  auf den Weg ins  Reich des SAGENS.

Wer so reitet, dem stirbt auch nicht das Kind.

Die Sprache ver-gessen, das hat Kleist gemeint.

Ein Mensch – hält keine Hand.
Ein Mensch hat – eine Hand.
Seine Hand ist all-ein.
Diese Hand braucht keine Handpuppen mehr,
keine Hütchen, Symbole oder Metaphern.

So hat der Mensch auch die Sprache.

Er hat die Sprache als Hand.
Er hat sie nicht als  Krankheit oder Hautausschlag.
Er „trägt“ die Sprache auch nicht wie ein Hütchen,
und er „spielt“ sie schon gar nicht „wie “ ein Instrument oder „als ob“ sie ein Instrument wäre.

Das eben berührt auch den Begriff der Grazie, so gemeint von Kleist.

Die Grazie, die einer  Bewusstlosigkeit bedarf oder: aus einem Verschmelzen und Sichhineinlassen mit dem Ganzen der Aletheia das totale Bewusstsein wenigstens ab und zu berührt. Nicht immer, aber manchmal. Im ALL-Ein-Sein.

Aber ein  kulturelles Millieu, das mit „Ästhetik-Begriffen“ fuchtelt oder mit
Stil-Pinseln  in Phantasieräume hinein fummelt, macht es graziösen Texten ganz  schwer.

Wirklich graziös ist heute nur noch – manchmal –  der aktuelle Mensch selbst, wie er in Gegenwart über eine Straße läuft, wie er eine Einkaufstüte packt, in einem  Zimmer steht oder auf dem Bett liegt – und graziös ist beinahe jedes Gerät wie zum Beispiel das Hubble-Teleskop. Oder ein Space-Shuttle, wenn es in den Himmel steigt. Das hat die selbe Grazie wie ein Mensch.

Wem einmal ein Ohr für das Ge-Horch der eigenen Sprache gewachsen ist,  für ihren Ritt im kosmologischen Muskel, dem wird dieses Ohr sofort empfindlich,  schon wenn er  ein  Wort hört  wie „Roman“  oder „Gedicht“ oder „Short-Story“ oder auch nur  das Wort „Literatur“.

Gute deutsche Texte findet man heute entweder in älteren Texten der  Philosophie, in sehr konkreten Reportagen oder sehr oft auch zwischen
den Seiten eines aktuellen wissenschaftlichen Fachbuchs.

Manchmal sogar in einfachen Gebrauchsanweisungen: „Nehmen Sie den Untersetzer. Fassen Sie ihn links vom Griff an. Schrauben Sie ihn ab. Achten Sie auf die rote Markierung. “ Das sind gute deutsche Texte. Das ist der Sex der deutschen Sprache. Ganz ohne „Wie-bitte?“

Sehr graziös sind auch viele physikalische Sachtexte oder Vorträge, sogar wenn sie aus dem 19. Jahrhundert kommen. Weil man hier selten bis gar nicht von Autoren oder Dichtern belästigt wird, die „Literatur“ produzieren oder besonders originell schreiben wollen, vielmehr an einer Sache dran sind, von einem wirklichen Problem geritten werden, darin einer Warum-Frage ge-horchen, in einem wirklichen INTER-ESSE.  Genau deswegen dann zum Teil sehr aufregende Texte produzieren – weil die Sprache hier plötzlich wieder bewusstlos wird und damit graziös. Die Sprache wird geritten von einer physischen Frage und nicht umgekehrt.

Der Physiker Gustav Kirchhoff zum Schwarzen Körper wäre so ein Beispiel. Oder viele Texte von Planck, Ernst Mach oder auch Boltzmann, auch wenn das schon etwas länger zurückliegt.

Was in den letzten Jahren  an „deutscher Literatur“ sich zeigte, soweit ich das, selbstverständlich  ganz subjektiv, in Buchhandlungen gelegentlich müde blätternd, zu Kenntnis nehmen durfte, kam mir  – manchmal, oder: nicht selten, ehrlich gesagt: meistens, vielmehr: fast immer –  irgendwie verklemmt oder verstolpert vor. Es wird stolziert, es wird gekutschert, es wird mühsam paradiert, es wird getümelt, es wird verziert, es wird kopiert, es wird gedrechselt, es wird herumphantasiert, es wird gefenstert, es wird künstlich dramatisiert, es wird hilflos herumgestochert in irgendwelchen „Einfällen“ oder „Sujets“.

Aber kaum einer reitet in einem schönen Pferd.

(Besonders quälend wirkt es,  wenn Physiker am Bachmannwettbewerb teilnehmen und dort „Romane“ vorlesen, wo doch ihre Fachtexte so viel spannender sind.)

Die verklemmten Masken der literarischen Ironie, von denen auch Philosophen nicht mehr lassen können, gehen einem im Deutschen genau so auf die Nerven wie die verklemmten Masken von klassizistelnder Sprachformung  oder das nicht eben sehr tiefsinnige Wortgeknautsche und der Mikro-Zeilenzerbuch von  Lyrik.

Aber das alles kann, selbstverständlich, ja,  auch ein ganz falscher, ein ganz subjektiver Eindruck sein. Das Leben lebt von der Abwechslung und von der Vielfalt. So gesehen  – ist darin wieder alles enthalten und bedacht.

Aber Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Dichtung einen Vergleichsprozess bereitstellt, so ähnlich wie die Carmina Burana. Ein Vergleichsprozess, der hilft, den Verdichtungs- und Schubprozess  von Sprache zu dimensionieren oder einzuschätzen. Man könnte beinahe sprechen von einem Instrument für objektive, wissenschaftliche Literaturkritik.

Prost.

Heinrich der Raumfahrer

 
*

„Ich kann ein Differentiale finden, und einen Vers machen; sind das nicht die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit?“
Heinrich von Kleist, Brief an Pfuel, 1805

*

Es bleibt eine beeindruckend langsame Zeitlupe, die Heinrich von Kleist da angeworfen hat.  Seit über zweihundert Jahren schon fliegt, schwebt, nein  – schleicht die Kleistische Pistolenkugel aus ihrem Lauf hervor und hat seinen Gaumen noch garnicht durchschlagen, derweil sie, ganz langsam, seinen Mund durchwandernd, wie durch ein überlichtschnelles Sternentor geschleust, die Gehirne der nach ihm geborenen Schreiber zerfetzt –

– und immer schon zerfetzt hat Kleists letzte Kugel den philomantischen Bregen des 19. Jahrhunderts und dann des 20igsten, vieler, sehr vieler, fast aller nachkommenden Kleist-Interessenten, Kleist-Zitierer oder  Kleist-Verwerfer; ob sie sich nun Autoren nennen, Lyriker, Journalisten oder Philosophen; deren  Vokalübungen,  Syntaktiken, Meinungen oder Taxonomie-Versuche zerplatzen immer jubiläumspünktlich auf den neuesten Papierseiten, blutdruckerschwarz durchsengt von der Kleistischen Kugel, ein immer wieder sich öffnendes Oster-Ei, das seit zweihundert Jahren hier ausgeblasen wird.

Während das Projektil aus seinem Kelch heraus immer noch schleicht, immer noch nicht hat erreicht sein nahstes Ziel: Den empfindlichen Gaumen seines Schützen.

Die Kugel schwebt noch immer, langsam, in Pulverwolken vorm Novemberhimmel seines Gaumens. Kleist lebt. Während ganz viele seiner Nachkommer immer schon getroffen sind und sehr sehr tod.

Die Sternentor-Zeitlupe verspätet auch diesen Jubiläumsartikel.

Was soll man noch sagen zur langen Weile
der Kleistischen Pistolenkugel, was nicht schon gesagt wurde?

Es bleibt aufzuschreiben, was hier im Feld der In-Formations-Forschung –
wichtig wird.

Ein eigenes Genre der Second-Order-Schreiberei ist mittlerweile der
„Kleist-Artikel“ geworden; so wie man die Novelle, den Roman, die Farce oder die Komödie auch als Genre nennt, so muss wohl jeder mit Sprache befasste wenigstens einmal etwas zu Kleist gesagt haben, über Kleist oder um Kleist herum – sonst bleibt da im Denk-Sprech-Apparat etwas unentwickelt. Irgendwelche Drüsen werden dann nicht aktiviert. Sonst bleibt da, früher oder später, die Spucke weg.

Aber was soll man noch sagen zur langen Weile der
Kleistischen Pistolenkugel?

„Ach??“ – der Kleistsche Gaumenlaut.

Ist Kleist unter den deutschen Schreibern vielleicht der größte Langweiler und gerade deshalb ihr Bedeutendster? Die Superzeitlupe der Literatur, die sich vor 200 Jahren angeschaltet hatte als  hochdrehzahlige Kamera in extremer Frequenz von poetischen Erwägung?

Immer mal wieder möchte man es abwiegeln; aber es bleibt da ein Grundgewitter, ein Hochstaunen, das sich nicht einfach abwiegeln lässt.

Die deutsche und vielleicht nicht nur die deutsche Schriftgemeinschaft bietet dem Schreiber, dem Autor, dem Künstler, dem Schriftsteller…oder wie man das auch immer nennen will, nur zwei „Enden“ von Schrift-Existenz an:
Den strömenden Ver-Dichter  und in der Sprache physisch Fahrenden/ oder den moderierten Schrift-Onkel als den Ab-Dichter, den Nachschreiber,  den Porzellanmaler, den Irgendwie-Phantasievollen, den Tonsetzer oder Bilder-Macher irgendeiner Gesinnungsästhetik.

Gezogen  aber hat Heinrich von Kleist mit der Hand seiner Sprache, direkt auf dem steinernen Küchen-Fußboden, einen deutlich sichtbaren Kreidestrich.

Vor diesem Kreidestrich, auf der sicheren Seite:  vertritt sich die mäßige Zeitgenossenschaft ihre Füße, die wohldosierte Epochenklugheit, das gut Gekonnte, das witzig Ausgedachte, das eifrig Nachgeahmte, das gar nicht Untalentierte, das putzig Skandalöse, das tüchtig Gefeilte, das interessant Routinierte, das wollend Thematische, das immergut Sexuelle, das pünktlich Richtige, das irgendwie Intuitive, das köstlich Feuilletonistische, das lustig wortschöpfende, das ganz ganz toll schreibende, das gattungsgeschichtlich hineinhechelnde –  kurz gesagt: das in  Stimmungen und Literarizitäts-Vermutungen sich hinein talentierende Schrift – und Schreib-Gestocher.

Hinter dem Kreide-Strich aber:

Beginnt Kleist. Eine Expedition, eine Fahrt, ein Suchen, die Sprache, die Dichtung, die Forschung, die Dauer, der Raum, das Schiff.
Und  – wer hätte das gedacht: Ein Schmerz und eine Liebe.

Der Schuss von Heinrich von Kleist trifft ihn selbst seit zweihundert Jahren nicht.

Dafür immer genau in die Hirne eben all der Bücheronkel, Schriftproduzenten, Zeitgenossenschaftsbeamten und moderativ gestimmten Feuilletonisten ihrer jeweiligen Epoche, und immer jubiläumspünktlich.
Dabei war, ist und bleibt Kleist so handlich, so mündlich, so physisch, logistisch, fast mathematisch, und dabei: Wirklich poetisch.
Sehr sehr modern.

Physio-logisch.

Dort, wo Sprache wirklich  ist – wo sie ursprünglich herkommt, dort war sie immer… weniger als nur schön, weniger… als nur kitzlig, weniger als nur provokativ, weniger als  gekonnt, weniger als nur fleißig, weniger als memorierend, weniger als  gewitzt, weniger als nur  phantasievoll, weniger als interessant, weniger als nur gewaltig, weniger als  sensibel, weniger als  akrobatisch, weniger als nur abenteuerlich, weniger als nur dramatisch, weniger als nur musikalisch, weniger als nur gut beherrscht –

– Dort: Kommt Sprache aus einem Bereich, in dem sie all das … w e n i g e r  ist  –  um dann hinein zu explodieren in ein V I E L M E H R -A L S -D A S…

Dieser Bereich der Sprache heißt: Total-Ermittlung.

Die Sprache der Totalermittlung kommt aus dem Mund – wenn man so will – kommt sie vom Gaumen. Und fliegt in ihn zurück.

Sapiens, lat: Das Salzige. Der Schmeckende.

Dort: Beginnt das Sagen der Sprache.

Und dort: Hat sie einen anderen Geschmack als das irgendwie Geschmackvolle. Dort liegt sie nicht „immer richtig“ – aber sie hat: eine Richtung. Einen Vektor.

Dort: Verbündet sich die Sprache mit ihrer eigenen Erzählung in ErZähltheit anders geschmackvoll mit dem Empfinden und dem Denken von WERDUNG.
In physischer Zählung und Verzahnung immer in Wirklichkeit; und wirkt sich dann wieder hinein in die Ge-Fahr des Aus-Sprechens, das sich, so zwischen die Lippen hindurch, züngelnd, wieder in die Ge-Fahr des Denkens zurückwindet und dann im Sprechen – wieder hervorschnellt. Bedauernd oder dauernd. Kriechend oder riechend. Kauend oder lauernd.

An diesem Dort: oder vor diesem Dort: Steht ein Schild.
Es trägt die Aufschrift – es muss da und kann nur da stehen mit der Aufschrift:

Schluss mit lustig.

Hier endet jedes onkelhafte Regal von gewählter Symbolik, gemütlicher Metaphorik und gepflegter Dramatik. Sie verlassen den Sektor jeder Gesinnungsästhetik, gedrechselter Phantastik oder stilistischen Hutmacherei.

Ab hier betreten sie den Sektor von Dynamik, Ver-Dichtung und Sprache.
Sie betreten den Bereich des Ur-Poetischen. Sie betreten den Sektor Heinrich von Kleist.

Totalermittlung. Mehr muss man zu Kleist garnicht sagen. Totalermittlung heißt: Das ermittelnde Selbst ist immer auch selbst Bewegtes in diesem ermittelnden Verfahren. Ein sehr offener ungeschützter Vergleichsprozess – der regelrecht physisch BISS in die Sprache hinein reicht.

Man könnte nun einwenden, dass die Totalermittlung immer etwas Pubertäres mit sich herumschleppt,  sich darin verkaut, einer ewigen Pubertätskrise frönt.

Ein sprachliches Wesen, sprechend in der Totalermittlung auf der Suche nach sich selbst, wirkt  immer auch pubertär, also unreif. Hamletal gefährdet – könnte man das nennen.  Oder wenigstens hamletal angezählt.
Ja, Kleist war in einem übertragenen Sinne – ein  Hamlet. Nur etwas mehr eigenverantwortet. Seine Schrift ist – aus den Fugen.

Nur komischer Weise sind alle Schrift-Erzeugnisse, denen man  so etwas wie Reife oder mentale Gesetztheit anriecht, so ein geschickt Ankomponiertes im Sinne  von „Endlich weiß ich, worauf es im Leben wirklich ankommt, und  ich weiß jetzt besonders schön, witzig, keck, überraschend  oder elegant davon zu berichten, und mein Instrument beherrsche ich jetzt auch sehr gut  “ –  wenn man davon etwas zwischen Buchdeckeln oder Zeilen wahrnimmt – textlich – ist sofort immer alles gleich sehr tod.

Schon die Spur einer so genannten gekonnten Dramaturgie, einer abgeschmeckten Geschicklichkeit im Satzbau oder in der Vokalführung, das Mü von Komposition, gibt egal welchem Text, wenn er auf deutsch geschrieben ist, sofort einen verdächtigen Geruch, der eher zum Weglegen als zum Weiterlesen auffordert. Selbst bei den ganz Cleveren, die ihre Schriftlings-Akte mit einer gewissen künstlichen Unsauberkeit  tarnen,  mit irgendwelchen Zeichen von ausgeklügelter Spontanitätsproduktion, reicht  eine winzige wahrnehmbare Spur einer solchen gewollten Maßnahme, und der Text wird sofort müll-fällig.

Kleist gehört zu den ganz wenigen, man darf es sagen: zu den  Dichtern, bei dem sogar noch das Ausgeklügelte – auch in ihm hatte sich ja etwas ausgeklügelt –  das Dramaturgische, die Syntax oder die Vokalführung bis in den Rhythmus hinein, trotzdem nicht aus dem „Dichter“  kommen, nicht aus irgendeinem  ästhetischen Gesinnungs-Rohr herausgedrechselt werden, nein, diese  Texte, ihr Rhythmus, die Vokalführung kommen aus einer Sache, aus einer Passion, aus einer Erwägung, einer Bewegung, kurz gesagt: Sie kommen aus einer sich leer gebeugt habenden  Schale einer Warum-Frage.  Aus einer BerÜHRrung ohne Punkte über über dem U.

Aber woher soll Dichtung sonst kommen? Aus der  Jonglage, vom  Teller, aus irgendeinem pfiffigen Satzbau, einem süffigem Wortschatz?  Vom Aufspreizen irgendeines Talents?

Wie langsam die Zeitlupe von Kleist immer noch läuft, wie fern die Kugel noch dem Gaumen ihres Schützen  schwebt, zeigte neulich wieder eine Jubiläums-Serie der Wochenzeitung Die Zeit: „Wie gefährlich ist Kleist?“
Ein Popkritiker und Sciencefiktion-Autor  hatte da in einem irgendwie-witzig-aber-bescheiden-sein-wollenden Langsatz den verunglückten DDR-Funktionär und Staatsdummkopf Peter Hacks mit Heinrich von Kleist zusammen in einer Zeile verstrickt.
Und dann in eben  der Dunkelkammer dieses irgendwie- wollend -intelligent-aber- bescheiden-klingen-sollenden-Langsatzes Else-Lasker-Schüler hineingewirkt –  um am Schluss wiederum den Raumfahrer Heinrich von Kleist mit der abgestandenen  Glücks – Unglücks- Plakette zu bekleben.
Man muss der Wochenzeitung dankbar sein für diese Serie, die das  ganze geistige Elend offenbarte mit dem Lockstoff eines Kurzbeitrags, für den heute jeder Popkritiker und „Science-Fiktion-Autor“ den Helden und Vorreiter aller wirklich guten Science-Fiktion mit seinem kleinen Mütchen belegt. Und das auch noch im Namen irgend eines – sich bescheiden gebenden –  schlechten Gewissens, das sich ästhetisch situiert am beherrschten oder unbeherrschten Alexandriner. Aber wen überrascht das?

Woher kommt dieser  Hamlet mit dem Namen Heinrich?

1.  Alter  preussischer Militär-Adel , gute Schulbildung, Fahnenjunker Leutnant und Offiziersanwärter.  Frühzeitige Kriegserfahrung mit Todesnähe oder Tötungsnähe (Rheinschlacht) mit ca 16-17 Jahren. Darin Kontakt mit der Hochtechnologie von Europas damalig modernster Militärmaschine.

In einem frühen Brief an Ulrike schreibt Kleist : “
„….das unmoralische Thöten hier…. soll aufhören.“

2. Mathematik-und Physik-Student (nicht aus Pflicht, aus Inter-Esse)

3.  denkerisch beunruhigt von den aufklärerischen
Gedanken seiner Zeit (Kant, Adam Müller) und davon  um-getrieben.

4.  Vertraut mit dem Altgriechischen und der Antike.

5. Ein deutscher  Muttersprachler der preussischen (Pferde-) Sprache

6. Viel zu welt-inter-essiert, um keine religiös sich umwälzenden Fragenkomplexe zu haben.

7. Ein Umherfahrender in Europa.

8. Liebe? Ja, sehr. Leider. Gott sei Dank.

Es gibt an diesem Weg nichts zu verklären aber auch nichts zu dämonisieren. Das frühe Kriegserleben im zarten Alter war damals nichts Ungewöhnliches. Die Kongo-Rebellen  sind nicht die Erfinder der Kindersoldaten. Dass junge bis sehr junge Männer sich in Kriegen „beweisen“  müssen, beweisen sollen oder wollen ist erst seit sehr kurzer Zeit mit gewissen, allerdings absolut berechtigten Fragezeichen und Zweifeln behaftet.
Genau deshalb aber muss man Kleist informationell als eine Nachricht aus dem Übergang lesen. Er lebte eben genau in der Zeit, als all das begann, was heute Humansimus oder Aufklärung heißt. Und aus diesem Übergang, fast könnte man sagen, auf einer Blut-Hirnschranke – wandernd, hat er uns als Dichter etwas zu berichten. Deshalb und dafür hat auch seine (verunglückte?) Raumfahrer-Biografie das, was man  Würde nennt.

…wenn „so etwas“ dann auch noch in einer  ungepolsterten politischen Lage während der napoleonischen Kriege durch halb Europa fährt, als  Spion verhaftet wird etc…was  soll dabei herauskommen?  Gemütlichkeitsprosa? Konversationsgedichte?

Es macht, von heute aus gesehen, keinen Sinn mehr, Kleist politisch einordnen, ablehnen oder vereinnahmen zu wollen, links oder rechts oder napoleonisch oder deutsch-nationalistisch zu bewerten, oder – noch schlimmer – ihn  tätscheln oder  verhauen zu wollen mit irgendeiner Fliegenklatsche von Psychologie.

Man kommt auch mit klebrigem Mitleid nicht weiter. Wer sich Kleist mit Mitleid nähert, etwa indem er ihn einen unglücklichen Menschen nennt, hat schon verloren. Rollstuhlfahrer wollen so etwas – auf Dauer –  auch nicht.  Denn Kleists biografische Ballistik war von ihrem Anfang her eine Bestimmung und Be-Sinnung mit einer 50ig prozentigen Chance. Es hätte auch anders ausgehen können. Ein guter Nachmittag an einem besseren Tag der Besinnung, ein wohlmeinender Bekannter vielleicht, der sich für ihn doch noch auf eine geschickte Art verwendet hätte, oder am Schluss  nasses Pulver, ein klemmender Abzug, was auch immer…

Vieviel Entbehrungen muss ein Kosmonaut auf sich nehmen, bis er in die Kapsel darf, bis er seinen Fuß auf den Mond setzen darf oder auch nur bis in den Orbit? Bis er womöglich stirbt, weil seine Kapsel vorher explodiert. Wieviele Entbehrungen? Wieviel Risiko? Wieviel Schmerz?
Ja, man bedauert und betrauert den Tod eines Astronauten zu Recht. Aber man betrauert den Unfall und den Tod, nicht den Weg.  Man bemitleidet ihn nicht für den vorangegangenen Weg, der ihn bis in den zu betrauernden Unfall hinein geführt hat. Denn dieser Weg hat trotz des Unfalls oder gerade deshalb eine Würde.

(Übrigens betrifft das eine Art der Würde, die denjenigen in ein sehr scharfes Licht stellt, der Kleist mit einem Genie-Begriff belegt, die andere Seite des falschen Mitleids – das ihn bei Seite bringt, ihn noch einmal wegzählt, in dem man sagt, Kleist sei nicht von dieser Welt gewesen – eben ein Genie oder gar ein Alien. Wer so etwas sagt, hat sich selbst als Intellektueller oder als Schriftsteller disqualifiziert. Er wäre dann besser, er ließe seinen Bleistift fallen und suchte sich ein anderes Hobby, das seine hominiden Kapazitäten nicht überfordert. Wer Kleist ein Genie nennt, einen armen Menschen oder gar einen „heimlichen“ Idylliker, der outet sich als ein Analphabeth, der lesen und schreiben kann. (Die schlimmere Form des Analphabetismus.) Er entwürdigt sich selbst.

Kleists Unfall also. War es überhaupt ein Unfall?

Um wie viel ärgerlicher wäre es gewesen, wäre Kleist einfach nur von irgendeiner Leiter gefallen oder wäre mit verknackstem Fuss irgendwo im Gebirge liegengeblieben?

Wenn all das Psychologische hier noch einmal gestreift wird, dann im Sinne einer Sympthomforschung im Feld der Information.

Kleist lesen heißt: Ihn physio-logisch lesen.

Der urkomische Dorfrichter Adam im Zerbrochenen Krug spricht „selbst“-verständlich von Kant. Und er spricht von Kleist. Er ermittelt gegen sich selbst. Vielleicht spricht er sogar – ein möglicher Witz –  von seinem Kollegen und respektable Herausgeberpartner Adam.  Den Adam Müller.

Das Gefäß, der Krug, die Metaphore ist z e r b r o c h e n und irgendetwas strömt da jetzt – aus. Ein Prozess.

So wie Kant versucht hat, ansatzweise inmitten des Selbst und für das Selbst im Namen des urteilenden Selbst zu ermitteln. In einem Prozess. Wie urteilt man?
Wer urteilt? Der Krug ist das zerbrechliche oder mindestens  unsicher werdende Gefäß einer  Selbst-Ermittelung – in einem RINGEN UM FASSUNG…

Und „selbst“-verständlich meint die Marquise von O keine Muschebubu-Geschichte über Männer und Frauen als kichernder Ero-Schmöker; sie stellt auch kein gender-problemelndes Manifest.

Diese Novelle wirkt als eine Selbstermittelung von ermittelnden Subjektilen, abgeschossen in einen beinahe technischen Ver-Gleichsprozess hinein, Subjektile, die sich selbst zum Inhalt der Ermittlung werden und um-gekehrt – sich darin w ä g e n, also w a g e n – in die Gefahr der Subjekt-Objekt-Drehung sich hinein drillen – in einer Los-Gelassenheit.

Selbst-verständlich ist  das wieder Kant. Vielleicht schon und noch mehr der noch kaum publizierte Hegel. Aber eben viel physischer, technischer, wirklicher.

Das Schalten einer Zeitungsannonce der Marquise von O ist auch ein technologischer Akt. Blutdruckerschwarz im damals zur Verfügung stehenden schnellsten und technischstem Medium: der Zeit-ung.

Die „Gewaltigung“. Das technologische Rückspiel von Kriegstechnik in Form einer Flug-Blatt-Aktion per Annonce. Davon handelt die Marquise von O.
Krieg als Massenmedium von physischer Information. „Gewaltigung“ versus „Zeitung.“ Die Schwangerschaft der Zeit.

Selbst-verständlich drillt die Penthesilea eine weitere Um-Windung der Marquise von O, noch einmal gedreht und re-flektiert als Ermittelungsverfahren, in dem die beteiligte Subjektile sich selbst zum Objektil eines Gesetzes werden und wieder zum Subjektil ihres Handelns zurückwinden. Und darin sich treffen und zerreissen. Dann aufessen. Sich einschlängelnd vom Kopf in den Schwanz beißen. Schmeckend dann.

Vergleichsprozesse am Gaumen.

Selbst-verständlich ist der Kohlhaas die Geschichte eines Subjektils in seiner objektilen Bezugnahme zum Gesetz, dass ihn – in einem Vergleichsprozess – wie zwischen zwei Gesetzen – wiederum zum Objektil werden lässt, aus dem heraus er sich noch einmal zum Subjektil wendet und darin  – wieder objektil – umkommend – loslässt.

Auch das – wieder – ein biss-chen Kant. Noch einmal und ganz sicher noch mehr aber Adam Müllers „Lehre vom Gegensatze.“ Und eigentlich dann auch wieder Hegel.

Heute kann man Kleist vor allem erkennen als den Kurt Gödel der Dichtung.

Ein zeichenhaft gegebener Inhalt ermittelt sich selbst. Aber in der Ermittlung trifft er: Auf sich selbst. Doch der Prozess bleibt unvollständig, unschließbar.
Immer ausweichen muss er in eine zum Teil schmerzhafte neue Ereignismenge.

Kleist hat nichts anderes getan, als die Kantschen Vernunfts- und Urteils-philosophie einer Prozess und Mengen-Kritik zu unterziehen: In der physischen Dauer.  An dauernden Körpern.

Der Dorfrichter Adam muss gegen sich selbst be-richten lassen und ermitteln.

Dass hier auf Grund einer Unvollständigkeit irgendwann immer in eine andere physische Menge ausgewichen wird, macht bei allen wichtigen Kleist-Texten das Grundprinzip aus.

Der Dorfrichter Adam könnte sich retten, wenn der Prozess, den er führt
u n e n d l i c h lange dauern dürfte. Der Dorfrichter Adam steht vor dem Problem: Endlichkeit versus Unendlichkeit. Der Prozess, solange er ihn führt, solnge er die Entscheidung im Urteil hinauszögert, verbirgt ihn und rettet ihn.

Solange bis er eine Entscheidung zu fällen hat. Und diese Entscheidung erst macht die Ge-Fahr – erst dieses Urteil sprengt den Ring, zerbricht den Krug dann wirklich. Solange der Prozess läuft, gilt Kant. In dem er aber enden muss, gilt das Leben, also Kleist.

Die klagenden Parteien und Zeugen sind alle endliche und sterbliche Wesen. Sie haben nicht u n e n d l i c h  viel Zeit.

Deshalb wirkt dieser Zerbrochene Krug in seinem Innern auch als ein philosophischer Prozess der Dauer gegen die Zeit.

Im Amphitryon wirkt eine ähnliche Gödelsche Bewegung: Eine Figur trifft auf sich selbst, oder besser: Die beiden Enden einer Figur RINGEN um die Figur. Die Figur ringt um Fassung. Amphitryon tritt sich selbst als Jupiter gegenüber, und jetzt wird verhandelt, wer er ist. Jupiter-Amphitryon oder Amphitryon-Jupiter?

An der Reaktion Goethes in einem Brief an Adam Müller zum Amphytrion, kann man Kurt Gödel direkt erkennen. Goethe schreibt 1807 dazu:

„Nach meiner Ansicht scheiden sich bei diesem Werk (Amphitryon) Modernes und Antikes mehr, als dass sie sich vereinigen. Wenn man die beiden entgegengesetzten Enden eines Wesens durch Kontorsion zusammenbringt, so gibt das noch keine neue Art der Organisation; es ist allenfalls nur ein wunderliches Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“

„…Kontorsion.“ „…wunderliches Symbol.“ …noch keine neue Art der Organisation…“

„Kontorsion“ – warum benutzt Goethe dieses eigenartige, etwas umständliche, Wort?

Warum sagt er nicht – RE-FLEXION?

Man kann Goethe nicht vorwerfen, dass er die Kleist-Texte nicht gelesen hätte. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er damals noch keinen Kurt Gödel und kein Bild der DNA gekannt haben konnte. Wohl aber kannte man schon das RAD und die Planeten-Umläufe. Ausserdem waren da noch Kant, Schelling, Fichte, Hegel etc…

Was man Goethe aber vorwerfen kann: Dass er gegen die Antike ahnungslos blieb. Oder bewusst abdichtend sich verhielt. Sein Antike-Bild war beruhigter, gibserner Murks. Charaktertheater. Griechen-ZDF.

Ja, man soll Goethe auch verteidigen, in dem man ihm zuschreibt, dass er selbst und seine Zeitgenossen überhaupt erst lernen wollten oder lernen mussten, wie man Zivilität lebt und überhaupt adressieren kann, ausserhalb von Mord- und Totschlag und allen plötzlichen Energien. Man kann Goethe also – in einem gewissen Sinne – auch verstehen.
Sie wollten ja dort in Weimar die Zivilität definieren und die Höflichkeit adressieren. Und hatten darin ja auch irgendwo sehr Recht in einer Epoche, die gerade aus ihrem dunkelsten Klima heraus etwas am Aufklaren war.
Deshalb kann man nicht einfach so gegen Goethe argumentieren. Nicht einfach so. Aber….

Zu Kleists „Zerbrochenem Krug“ schreibt Goethe an den selben Adressaten Adam Müller:

„Das Talent des Verfassers, so lebendig es auch darzustellen vermag, neigt sich eher gegen das Dialektische hin, wie er es denn selbst in dieser stationären Prozessform auf das Wunderbarste manifestiert hat. Könnte er mit dem selben Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen, und eine Handlung vor unseren Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt, so würde es für das deutsche Theater ein großes Glück sein.“

„…vor unseren Augen und Sinnen“ – Goethe der Anschauer und Zuschauer.

„…eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt“ – Kleist der Er-Innerer, der Teil-Nehmer, der Er-ZÄHLER. Ein Botentheater, das die Nachrichten enthüllt. Schlechte Nachrichten für Goethe?

„stationäre Prozessform“ – eine Goethische Sprachverlegenheit oder ein Wirbel?

„Kontorsion“: Rückwindung. Einbiegung.

Als sei die Erinnerung nichts Anschauliches, kein physisch dauernder Akt.

(Die Bedrohung der Kleistschen Sichtweise für Goethe ergibt sich, weil auch ein HOF nicht aus dem Nichts kommt oder aus dem Nichts heraus entsteht. Auch ein Weimarer Hof hat eine Geschichte der Ge-Stattung, der Kriege, der Beute, das heißt: Es gibt auch für einen Hof in Weimar eine ER-INNERUNG an die energetischen Grundvorraussetzungen der Ernährung. Davon wollte Goethe nicht so viel wissen.)

Heinrich von Kleist wird später in seinem Aufsatz zum Marionettentheater, einem der ungeheuerlichsten  Texte, die jemals in den letzten 200 Jahren geschrieben wurden – sagen:

„Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der
einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche,
plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des
Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötz-
lich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkennt-
nis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder
ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körper-
bau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendli-
ches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.
Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem
Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzu-
fallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel
von der Geschichte der Welt.“

Mein lieber Herr Gesangsverein. Da liegt die Latte für alle Science-Fiktion-Autoren.  Bis heute. Im Brennpunkt dieser ungeheuerlichen Dichtung verdampft die literarische und philosophische Produktion des gesamten 19. Jahrhunderts; und noch vom 20igsten Jahrhundert bleibt nicht viel mehr übrig als ein bisschen Rilke,  Heidegger, Musil, Frisch….schon ThomasMann bruzzelt hier als nachsingender Schwan in der Kleistschen Bratpfanne.

Goethes Faust macht im Brennspiegel dieses Textes kurz „Puff“ und verschwindet wie ein Wassertropfen von einer heißen Herdplatte.
Und Nietzsches Zarathustra-Knattermimik riecht mit einem mal ganz schlecht.
Gegen diesen Kleist-Text ist beinahe der  ganze Nietzsche Wundschaum oder Müll. Er ist es schon im Vergleich mit der Carmina Burana.
Kleist sieht im Vergleich mit der Carmina schon  sehr viel besser aus.

Kleist hat auf der Höhe des Denkens und physischen Wirkens seiner Zeit empfunden, geschrieben und gedacht, aber vor allem auch auf der Höhe ihrer Bewegtheit und physischen Be-Wegnis.

In der Los-Gelassenheit.

Alles, was denkerisch und philosophisch nach Kleist kam, steht hierarchisch unter diesem Text zum Marionettentheater, oder es bleibt Zeitvertreib und Knattermimik. Das ist eine sehr erschreckende Einsicht, aber leider nicht zu ändern. Kleist bleibt mit diesem Text der Speer und die  Spitze. Auch wenn es noch ein Jahrtausend dauern sollte, bis das angekommen ist.

Als Zeitgenosse der napoleonischen Kriege war Kleist „in Fahrt“ gewesen. Und das hat er, das hat ihn – dermaßen dicht verfolgt, auch geformt, das hielt ihn so versrickt, dass er noch wahrer und noch dichter als die Philosophen selbst artikulierte. Physisch denkend, energetisch empfindend, kosmologisch berührt und projektiert. Er war in einem INTER-ESSE. In einer ER-MITTeLUNG. In einem PROZESS gegen – nicht gegen den Richter Adam – aber gegen den Krug – inmitten des Krugs.

Daraus folgt die seltsam untergründige Zartheit seiner Entwürfe bei aller manchmal hervorstechenden Grausamkeit.
Sie berühren, weil Kleist nicht von aussen gegen den Krug prozessierte, sondern von innen. Er war selbst im Krug. Er war Teil des Krugs.

Diese Involvierung unterscheidet ihn ganz grundsätzlich von allen dümmlichen Grausamkeits-Literaten , hebt ihn deutlich ab von irgendwelchen  Schock-Effektlern und  von jeder Art von  Salon-Plümeranz  oder  angestrengtem  Tabu-Bruch-Design.

Ja, das ist ein – biss-chen – weniger trivial.
Ein biss-chen unanschaulich für den, der keine Augen im Kopf hat.

Kleist war der Dichter, der in Schellings AUGE der Natur schrieb, das „im Menschen die Augen aufgeschlagen“ hatte, in der Blüte europäischen Denkens und geistigen Aufbruchs gelebt, geschrieben, empfunden und gedacht hat. Kant, Schelling, Fichte, Hegel, Adam Müller. Sehr hell, sehr klar, aufgewühlt, berührt. Zusammen mit einigen empfindlichen Bekannten und Freunden war er auf der Höhe der Fahrt und der Gefahren dieser Zeit.

In ihrer Losgelassenheit.

Die Stimmung dieser Zeit ist in den Sinfonien Beethofens eingefangen. Man kann sie hören. Was für ein Aufbruch in dieser Musik!

Wer  das an sich heranlässt, kann  nachempfinden den geradezu körperlichen Ekelschock, den Beethofen und dann auch Kleist und viele andere erfahren haben mussten, als Napoleon Bonaparte sich in schockierender „Kontorsion“ zum Kaiser rückverzauberte.

Schon wieder ein Kaiser. Was für ein Schock. Welche Enttäuschung.

Es wird überliefert, dass Beethofen unter einer Komposition, die er Napoleon gewidmet hatte als den großen Zeitenwender und Befreier Europas vom Absolutismus , eben diese Widmung  wieder vom Papier kratzte, wütend und mit Tränen in den Augen , als er von der Kaiserkrönung Napoleons erfuhr.

Was für eine Enttäuschung. Ein Reiter, erwartet als der frische Zephir-Wind Europas, der den Absolutismus ablösen sollte, und mit dem sogar viele fortschrittlich denkende deutsche Geister  naiver Weise sympathisierten, war plötzlich zum Reiterstandbild gefroren, hatte sich eingeschwärzt aus der Bewegung zum dunklen Selbstbild des Kaisers und Imperators.

Hätte man die Toten der jakobinischen Raserei in Frankreich noch halbwegs mit dem ungeübten revolutionären Rausch und einem allerfurchtbarsten Unfall entschuldigen können – so waren sie jetzt noch einmal enthauptet worden, doppelt tod.

Hier irgendwo, zwischen 1800 und 1810 liegt ein virtuelles europäisches Grab geschockter und herztoter Hoffnungen. Aus diesem Grab heraus stinken nicht nur die Geschockten von damals. Aus diesem Grab stinken immer auch die kleinen oder großen Stänkerein, die sich zwischen den beiden Kunstkonzepten „Romantik“ versus „Klassik“ immer leicht und immer ganz falsch anzetteln. Selbstverständlich mit ihren typisch falsch gewählten Vertretern.

Weil schon die Einteilung Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Spät-Romantik immer schon ein schlechter Gebärdenkrampf gewesen war. Falsch und überflüssig.

Wenn eine Einteilung Sinn macht, dann die zwischen Schreiber-Onkel und Dichter oder die zwischen einem fahrenden Forscher und einem bloßen Sammler und Anschauer. Oder noch anders: Die Unterscheidung zwischen Kleist und dem Rest.

Der Forscher befindet – „sich in Fahrt.“ (zum Beispiel Kleist)

Der Anschauer – „geht auf Reisen.“ (zum Beispiel Goethe)

Die Kaiserwerdung Napoleons steht für ein bekanntes  geschichtliches Symptom. Die neue Klasse des Bürgertums wollte gar nicht Bürgertum sein und neu – sie wollte Adel sein und alt. Das Neue wollte das Alte sein.

So zeigt sich auch in der Figur Napoleons eine „Kontorsion“ – die damals von vielen fortschrittlichen deutschen Zeitgenossen nicht verstanden  oder nur schwer geschockt und enttäuscht zur Kenntnis genommen werden konnte  Diese Kontorsion wirkte dann später, bis heute eigentlich, immer in allen „Bewegungen“.

Die Beweger, die Reiter, wollen irgendwann alle Standbild werden. Auf dem Kamm, auf dem Scheitel der Bewegung, wollen die Beweger selbst Standbild sein, Kaiser.  Noch lebendig aber schon wieder Bronze. Sozusagen unantastbar.

(Das auch berührt einen Teil des Wahnsinns und die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus. Die Kontorsion, die Einwendung von Dynamik zum Standbild. Das Bildende soll Bild werden. Das Funktionierende soll Funktionär werden. Das Führende eröffnet/erschließt sich den Führer)

Das berührt auch Goethes Unverständnis und sein Versagen gegenüber den Kleist-Texten. Oder war es Betroffenheit? Angst?

Denn auch ein Goethe selbst steht für eine Form des kontorsierenden Karierismus. Er war und blieb letztlich immer ein empfindlicher Bürgersohn, kam also eigentlich aus der kommenden, bewegenden Schicht, hatte dann  aber nichts eiligeres zu tun, als sich in einem Adelshof einzurichten.

Das ist die Perversion nicht der Kunst, sondern der Geschichte. Das berührt die Kontorsion, von der die Kleist-Texte handeln, die Goethe nicht verstanden hat oder verstehen wollte. Das Zum-Jupiter-Werden, anstatt zum Jupiter zu fahren.

Der psychologistisch motivierten Literatur-Interpretations-Kultur, insbesondere der Nachkriegsbundesrepublik, fiel sehr oft nichts anders ein, als in Kleists Sprache und Themenwahl zu fahnden nach sexuellen Pathologien, Psychologismen und Skandalen.

Die 100 000 Euro-Fragen lauteten hier immer: Welches Verhältnis hatte Kleist zu den Frauen. Zu seinen Eltern. Zu seiner Kindheit.

Es ist immer noch nicht abzuschätzen, welchen intellektuellen Schaden die endgültige Trennung der „Lebenswissenschaften“ von den Physik im 19. Jahrhundert bis heute in den Köpfen und im geistigen Milieu der Literatur angerichtet hat. Die Waste-Lands findet man heute nicht in Fukushima, oder in der Kalahri, auf  dem Mond oder in Tschernobyl, die wirklichen Waste-Lands findet man in der von physikloser „Lebenswissenschaft“ ausgetrockneten Hermeneutik.

Die  Wüsten finden sich heute in den Bibliotheken der „Psychologie“ und der „Lebenswissenschaft“ – dort, wo man – ohne Physik –  von den „Weisen der Welterzeugung“ redet, von „Intentionalität“ oder „Beobachterrelativität“ – dort stauben die Denkwüsten erbarmungslos gegen alles Leben. „Lebensphilosophie“ physiklos als das Lebensfeindlichste.

Der psychologistische Kleistinterpret bleibt ahnungslos gegenüber dem, was eigentlich der Eros meint und was der Kosmos, wie dieser Eros eine Dichtung kosmologisch  regelrecht zurichten kann  – davon weiß dieser Interpret nichts. Dass jede Psychologie immer nur eine Maske der kosmologischen Physis bleibt – mit dieser Einsicht waren Leute wie Euripides oder Kleist geschlagen.

Der Horizont eines durchschnittlichen Kleist- Interpreten reicht nur bis zu Fragen wie: War Kleist ein preussischer Kindersoldat gewesen, traumatisiert? Hat er sich auf seiner „heimlichen Würzburger Reise“ eine Vorhautverengung wegoperieren lassen?

Da enden die Fragenhorizonte, bis dahin reicht das Interesse, dort erschöpfen sich die allermeisten Begehungen zur Kleistlese.

Ja, es dürfte eine gewisse Geltung haben: Heinrich von Kleist war schon mit 16 oder 17 Jahren an militärischen Kampfhandlungen  beteiligt gewesen. Er erlebte in diesem Alter das Schlachtfeld.
Als Offiziersanwärter der preussischen Armee, zum Teil stationiert in Potsdam, hatte er bis zu seinem 19. Lebensjahr erlebt, was eiserne Form ist, was Disziplin und Drill bis in den Stumpfsinn hinein bedeuten können. Die höfische Höflichkeit des jungen Kleist war die Höflichkeit der Kasernenhöfe.

Kleist hat in einem Lebens-Alter eine Form und eine Förmlichkeit und eine Disziplin und eine Höflichkeit erfahren und gelebt, wie sie ein Goethe sich nicht hätte ausdenken oder künstlich hätte erwirtschaften können.

Goethe, der sich in seinen Aufzeichnungen immer ganz viel auf seine wohlorganisierte Dienstbeflissenheit, seine noch im Dilletantischen ausgeschwitzte Taschenuhr-Uhr-Pünktlichkeit eingebildet hatte, auf seine im ministeriellen Geheimrats-Rock  eingebügelte Tüchtigkeit als eine formgebende Maßnahme eingebildet hatte – dieser Goethe also blieb gegenüber einem Kleist zeitlebens der Mann, mit der geringeren Lebenserfahrung und der geringeren Form-Erfahrung.

Obwohl er viel älter als Kleist war. Und viel geschrieben hat.

Darin liegt sicher ein bisher noch wenig beleuchtetes Missverständniss, wenn man den Form- Haushalt eines Kleist mit dem Form-Willen eines Goethe vergleicht. Kleist war der ältere, der erfahrenere Dichter, obwohl er so viel jünger war als Goethe.

Denn ein Form-Willen ist etwas, das nicht kann, sondern wollen muss, während ein mit der Muttermilch eingesogener Formaler Haushalt wie selbstverständlich immer ausfließt, und sich demzufolge nicht auf die Form konzentriert, nicht konzentrieren muss, dafür viel mehr auf das zu SAGENDE oder zu DENKENDE.

Deshalb bleibt Kleist gegenüber Goethe in einem deutlichen Sinne der größere, der interessantere und der modernere Dichter. Der wahrere. Der Dichter mit mehr Drive in die Aletheia hinein. In das Unverborgende.  Der Dichter mit der stärkeren Denk-Empfindungs-Kraft und Formgewalt. Zugleich der jüngere und ältere.

Was die vitale Form-Erfahrung betrifft, war Goethe zeitlebens immer eine Lusche, der sich zur Form zwingen musste, sie regelrecht erobern musste, der die Form gesucht hat. Und das  erzeugt dann immer etwas Primanerhaftes und verschwitzt Streberhaftes, eben: Etwas ängstlich Bürgerliches –

–  während ein Kleist, aus einem preussischen Militär-Adel kommend, Form und Disziplin und Maß und Rhythmus und Höflichkeit bereits mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dessen Lebensbewegung demzufolge versuchte, diese eingeborene Form-Geprägtheit wieder mehr zu verflüssigen,  oder neu besinnend zu artikulieren, ausfließen zu lassen in Besagung und Bewegung.

Deshalb könnte man sagen: Kleists Lebens-Text kommt aus der Form und fließt gekonnt aus. Goethes Lebens-Text will in die Form und fließt gewollt hinein.

Schon hier zeigt sich, auf welcher Seite das Gekonnte wohnt und auf welcher Seite das Gewollte.

Unangenehm bleibt, dass Kleist diesen weit nach ihm rangierenden Geheimrat so verehrt und angehimmelt hat.

Goethe bleibt mental immer richtig für die Selbstberuhigung im formalen Sofa irgendeiner Weisheit, die zum „geflügelten Wort“ geronnen ist, für die Abdichtung in irgendeinem Merksatz, für das Zuhause-Sein und das Verstandenhaben.

Der aufkommende Verdacht, dass die freundliche  Zitierfähigkeit von einigen Goethischen Sentenzen – sie auch in eine Ablage hinein beruhigt, in dem sie nichts mehr sagen.  Was Goethe gesagt hat, stirbt im Merksatzwerden, weil es Goethe gesagt hat.

Goethe ist der Held der Angekommenen. Der Traum vom „Es geschafft haben.“ Und deshalb hat sein Formwillen und sein Harmonie-Streben immer irgendwo die mentale Pantoffel an. Diese Pantoffeln hat er noch als Italienreisender an den Füßen, der „auf Reisen geht.“ – aquarellierend.

Während Kleist selbst-verständlich immer der Jüngere, der Schnellere, der Wahrere, der Dichtere, der Unruhigere und Fahrende bleibt. Zugleich aber auch der Ältere. Der Mann in ziemlich festem Schuhwerk.

Was die philomantisch-intellektuellen Ergebnisse, die philosophischen Sondierungen eines Goethe anbelangt, da darf man die Frage stellen, in wie weit sie die Erkenntnisse zum Beispiel eines Montaigne oder eines Voltaires oder eines Descartes wirklich erreichen, geschweige denn übersteigen.

Die Deutschen hatten mit Luther zwar eine geistespolitische Wende gezündet, waren danach aber, auf Grund furchtbarster Kriege  intellektuell zurückgefallen. Zu Goethes Zeiten mussten die Deutschen erst einmal zu den Franzosen intellektuell wieder aufschließen. Die Deutschen waren in manchen Belangen, vor allem in literarischen, zu Goethes Zeiten, gegenüber den Franzosen geistige Spätzünder. Die tumben, die naiven Deutschen. Das sollte sich später wieder ändern.

Auf Seiten der Philosophie und in einigen Bereichen der Naturwissenschaft und Experimental-Physik, sah die Lage schon sehr anders aus.

Eines der bis heute völlig ungeklärten Form-Verhältnisse im Vergleich von Kleist zu Goethe betrifft den Unterschied zwischen militärischer Formation und höfischer Formation. Beide Formationen waren zumindest im ausgehenden 18. und anbrechenden 19. Jahrhundert  – noch – Höf-Lichkeiten. Es gab Schlacht-Ordnungen, Kasernen-Höflichkeiten, und Hof-Höflichkeiten als Etiketten.

Kleists Dichtung, sein formal-sprachlicher Grundton kommt aus der Schlachtformation. Sie kommt im wahrsten Sinn des Wortes aus einem DRILL.

Oder wie aus dem DRALL eines Geschosslaufs. Deshalb ist Kleists formaler sprachlicher Haushalt auf Effizienz, Durchschlagskraft und Geschoss-Ballistik regelrecht gedrillt.

Kleists formaler sprachlicher Haushalt verfolgt die Raumsprengung und die militärische Distanznahme. Während Goethes formaler Haushalt eine etwas verkorkste Sicherheitstechnik zur Gebäudesicherung bereitstellt.

Könnte man daraus nun eine dialektische Gleichberechtigung beider Konzepte ableiten und den „Krieg“ zwischen Kleist und Goethe als unentschieden für beendet erklären?

Schließlich will doch jeder einmal irgendwo ankommen und zu Hause sein. Wollte das Kleist nicht auch? Gerade er wollte es doch so sehr. Gerade Kleist wollte doch mit dem Militär nichts mehr zu tun haben und der große Dichter sein. Ankommen im Ruhm.

Nein, so einfach kann man es sich leider immer noch nicht machen. Denn Kleist wollte beides. Er wusste um eine spezielle Wahrheit. Seine Texte verhandeln das, was Rilke über ein Jahrhundert später das  „Gewagt sein im weiten Umkreis des drohend Offenen“ nennt.

Auch Goethe hatte ja am Schluss seines Faust eine Allegorie mit der Landgewinnung gestellt, die einem drohenden Meer abgetrotzt ist.

Aber Kleist blieb unter den Deutschen Dichtern der einzige, der verstanden hatte, der von irgendwoher wusste, wie diese Gezeiten, wie ein solcher  Tidenhub in uns selbst schwappt, nicht nur schwappt, vielmehr RINGT und dass ein solches Wissen etwas bedeutet, etwas sehr Zukünftiges. Und Kleist war der einzige, der diese RINGEN in Totalermittlung – unter Auflösung aller Sefishness nachgezeichnet hat. Es gibt da keinen Strand, dem „wir“ irgend ein Land abtrotzen. Wir sind dieser Strand selbst.

Kleine letzte Psychologie zu Kleist.

Das Freudsche Sofa, als der onkelhafteste und bürgerlichste und wohnlichste Einrichtungsgegenstand, das samtigste und gemütlichste Etui, das man sich überhaupt vorstellen kann – hat mit Kleists Texten insofern etwas zu tun, als das es auf eine urkomische Art wie ein paradoxes Traumschiff auf die Fahrt geschickt wird mit einem zutiefst immobilen und gemütlich in die Polster eingesunkenen Patienten-Passagier, der ja eigentlich an genau seiner Eingesunkenheit und gemütlichen Sofapolsterung leidet, an seiner flauschigen Immobilität, die ja das ganze Gegenteil von einem Schiff behauptet.

Diese paradoxe Situation hätte Potential für ein weiteres vielleicht ur-komisches Kleist-Drama. Weil der bürgerlich in die Polster eingesunkene Sofa-Passagier bei Freud gegen sich selbst ermittelt, also gegen das, was er so gerne nicht sein will, nämlich getrieben, schiffsgewaltig angetrieben. Was er sich angeblich versagt?
Dies tut er aber auf einem gewaltig schweren Anti-Schiff der Immobilität. Ein physischer Etikettenschwindel, den Kleist sofort aufgedeckt hätte.
Kleist hätte irgendwann gefragt: Wo ist denn hier der Schiffsdiesel, der Verbrennungsmotor an diesem Sofa? Warum hat dieses Sofa keine Dampfmaschine? Ihr habt das doch alles da. Wieso fehlt das hier?

Damit wäre aber bewiesen, das Kleist sich nicht als ein Patient der Psychoanalyse eignet, sondern genau umgekehrt: Die Psychoanalyse wäre ein perfektes Sujet, ein Patient für ein Kleist-Drama der Selbstermittlung.

Mit anderen Worten: Freud selbst wäre eine Figur, die schon Kleist erfunden hat oder hätte erfinden können.

Die geistige Urkatastrophe des 20igsten Jahrhunderts ist möglicherweise auch diese nichttechnische Psychologie, welche die dynamisch-technische
und kosmologische Physis in eine schwer gefederte und traumweiche, zutiefst bürgerliche Anhalteposition hineinmaskiert hat oder hineinmaskieren wollte. Status malus.

Adam Müller. Apropos. Wenn man Adam Müllers „Proligomena einer Kunstphilsophie“ liest, veröffentlicht im Phöbus 1808, kann man wirklich melancholisch werden über diese verlorene Zeit. Wie klar, wie zugewandt, wie hell Leute wie Adam Müller geschrieben haben. Zur Wissenschaft und Kunst und Literatur. In Wechselwirkung schon 1808 geschrieben haben. Und wohin das alles dann abgesunken ist, wie es verschwunden war und verschütt gehen musste im Dumpfsinn und Stumpfsinn der territorialen Schiebungen, im Postengerangel, im Ernährungswettlauf dieses unreifen und verzweifelten, sich immer mehr falsche Bilder machenden Europas.

Dumme, verlorene, Zeit. Abgebrochenes, regelrecht amputiertes Empfinden und Denken, dessen schlecht behandelter Amputationsstumpf dann in eine schwärende Figur wie Nietzsche hineineiterte und dort als etwas Wundes aufbrach, aufschäumte, unrettbar zum Vorschein kam, verspätet, falsch bis schräg beatmet. Kaum belichtet.

Warum musste es nach Adam Müllers allerfröhlichster und allerklarster Wissenschaft noch einmal diese gekränkte Wurst Nietzsche geben? Der zwar kurz die Nase an der Physik hatte, mehr aber auch nicht.

1808 war alles Richtige und alles Wichtige für die Zukunft des Denkens im Menschen schon gesagt worden. Von Adam Müller. Von Schelling. Von Heinrich von Kleist. Und von Caspar David Friedrich oder Phillip Otto Runge wurde es gemalt.

Warum musste sich das alles wieder schlafen legen?

Dumme, verlorene, Zeit.

Was ist der Faust von Goethe oder der Zarathustra von Nietzsche verglichen  mit der Carmina Burana?

Antwort: Auswalzung. Wiederholung. Verschlammung. Geschwafel. Wundschaum. Blähung. Handpuppentheater. Hyperventilation. Knattermimik.

Handpuppentheater, nicht für schöne neugierige Kinder, sondern zur absichtlichen Wiederverdummung eines Menschen, der drauf und dran war, erwachsen zu werden. Erwachsen werden wollte.
Ein Handpuppentheater ist physikalisch  etwas grundsätzlich anderes als ein Marionettentheater.

Was ist ein Text von Heinrich von Kleist verglichen mit dem Text der Carmina Burana? Hier muss die Antwort weitaus respektvoller ausfallen.
Ein Kleisttext steht neben der Carmina Burana sehr viel besser da. Auf Augenhöhe mit den Energien. Auch Adam Müller sieht hier sehr gut aus.
Und zwar ein dreiviertel Jahrhundert vor dem unpräzisen Dampfplauderer Nietzsche.

Dagegen wieder Gottfried Benn? Dümmlich. Ein urbaner Penner.

Was geschah sonst noch auf geisteswissenschaftlicher Ebene nach Adam Müller oder nach Schelling? Was war nach Kleist noch erwähnenswert in der Dichtung? Was war danach noch in der Philosophie, oder in der Dichtung, was nicht schon in der Carmina Burana oder bei Schelling oder Adam Müller schon da war?

Wittgenstein?

Als sei das Schweigen keine Physik.
Als hätte das Schweigen keine Dauer.
Als könne das Schweigen nicht gelesen werden und gehört.
Als würde das Schweigen nicht ebenso schreien laut,
wie alles Sprechen dieser immer hoch fallenden Welt.

Ach! (Der Kleistsche Gaumenlaut aus dem Sektor Sapiens)

Oder hat man Wittgenstein nur auch wieder nicht richtig gelesen,
so wie man Nietzsche nicht richtig gelesen hat? Aber warum auch? Warum hätte man das tun sollen? Es hatte doch schon einen so klar denkenden Adam Müller gegeben. Warum hat man einen Adam Müller nicht richtig gelesen? Einen Schelling nicht. Einen Kleist nicht, etc…

Nein, früher war nichts besser als heute.
Es war eben immer nur einiges schon mal klarer da gewesen.

Kleist, der Forscher in Fahrt. Goethe, der „Dichter“ auf Reisen.

Mehr braucht man zum Unterschied zwischen den Temperamenten eigentlich nicht zu sagen. Es ist klar, dass von einem Forscher letztlich die stärkeren Berichte und Texte und Literaturen kommen, die schärfere Wahrnehmung, die schnellere, sozusagen mündlichere und gefährdete Notierung, mehr gerufen und geatmet als geschrieben. Der Zeitdruck eines sich in Fahrt befindenden Forschers schärft alle Sinne auf die Ge-Fahr hin,  beschleunigt und verdichtet das Sprechen auch.

Kleists angeblich komplizierter oder „kunstvoller“ Lang-Satzbau in der Prosa ergibt sich aus einer Art des Mit-Stenografierens im Starkstrom des „selbst sich in Fahrt“ befindenden Forschers. Kleists Art zu sprechen ist eher der Anstrengung eingedrillt, die Sprache gerade noch so zu behalten. Sie in einer Ballistik zu stabiliseren. Sie nicht in die Atemlosigkeit oder in einen unkontrollierten Funkenüberschlag abreissen zu lassen. Daraus ergibt sich ein starker physischer, fast technischer Ton. Manchmal regelrecht metallisch.
Und darin wieder scharf glänzend.

Während es bei Goethe genau umgekehrt klingt. Der Goethe-Ton wirkt angestrengt. Die immer leicht primanermäßige und später onkel-hafte Stilaufpolsterung der Goethe-Prosa in Richtung „Schönheit“ und überhaupt auch der meisten seiner dramatischen Kompositionen sind der Anstrengung geschuldet, sich einem inneren (und falschen) Bild von „Adel“ anzuschmiegen, das heißt: als Bürgersohn „aufzusteigen“ ins Höfische, das er mit Weltbürgertum verwechselte.

Was ihm ja auch  – zu seinem Pech – dann gelungen ist.
Die Komik oder die besondere Tragik eines Goethe, wenn man ihn mit Kleist vergleicht, ergibt sich aus dem Umstand, dass Goethe den „Adel“ für sich entdeckte oder entdecken zu müssen glaubte, nach einem ganz falschen Bild.
Während Kleist aus dem Adel kam, und hier richtigerweise eigentlich erstmal  weg wollte – nämlich in die wirkliche Fahrt, die wirkliche Welt, die damals gerade damit begann, sich wirklich zu bewegen.
Kleist der ältere und zugleich jüngere.

Denn der „Adel in Europa“  zu dieser Zeit, sofern er fest installiert war, stellte selbst zumeist keine Leuchten auf. An den schlecht gelüfteten Höfen überwogen doch meistens die leicht degenerierten Dummköpfe. Auch der Herzog von Weimar war mental und intellektuell eher so etwas wie eine 16 Watt-Birne. Aber man hatte eben den Adel und das Geld, eine gewisse generativ bedingte Feinabstimmung in der Benutzung von Messer und Gabel, sprach französisch, ja, und frönte sicher auch „schöngeistigen Interessen“ – dazu erübrigte man die Mittel, um sich „interessante Menschen“ an den Hof zu holen. Wie interessante Insekten.

Aber aus sich selbst heraus konnte dieser Adel zumeist kein echtes Weltbürgertum verkörpern.
Dass man irgendwie überall in Europa verschwistert und verschwägert blieb, dementsprechend öfter  mal „auf Reisen ging“, machte noch keine Weltbürger aus der ganzen Muschpoke. Man blieb unter sich. Und man „hielt sich“ – wenn die Mittel es zuließen, „interessante Menschen“ am Hof. Zur Unterhaltung, zur Abwechslung, zur Konversation, oder auch als Lehrer für die Kinder.

Wer sich welche „interessanten Menschen“ bei Hofe „hielt“, konnte durchaus zu so einer Art Statussymbol avancieren, so wie heute eine Automarke. Auch Bildung wurde mehr „genossen“ als gelebt oder entwickelt.
In einem besonderen Glücksfall konnte daraus so etwas wie ein „kulturelles Klima“ bei Hofe sich einstellen, ein Effekt, den man seit Weimar oder im Zusammenhang mit Weimar bis heute mit Kultur verwechselt, der man den Namen „Weimarer Klasssik“ gibt.

Genützt hat das historisch offenbar alles nicht so viel. Die Höfe hatte wohl ihre Verdienste. Aber hatten sie wirklich Kultur?

Goethe hatte das Pech, als nicht unbegabter junger Mann einen Bestseller  geschrieben oder vielmehr dem Zeitgeist abempfunden zu haben, der ihn berühmt gemacht hatte und dann eben auch als einen „interessanten Menschen“ bei Hofe vorstellte.

In gewisser Weise verkörpert er damit bis heute eine Art Hausfrauentraum vom Aufstieg. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Berühmtheit verdankte Goethe schon zu Lebzeiten eher diesem Aufstieg und nicht der Schärfe seines Denkens oder gar der besonderen Qualität seiner Literatur. Da waren andere, zum Beispiel Adam Müller, Kant, Voltaire, Diderot, Hegel, Herder, Schelling oder Hegel doch ganz andere Kaliber. Oder Montaigne viel früher vor ihm.

Aber genau das ist es auch, was Goethes „dichterische“ Betätigungen,
seine vordergründige Beredsamkeit und schriftlingshafte Tüchtigkeit so overdressed erscheinen lassen.
Das primanerhafte, das onkelhaft überblümelte, und das Handpuppentheatermäßige seiner Arrangements haben immer etwas von einem Tic zu viel, einem Tic zu überformt, einem Tic zu gebildet, einem Tic zu vorbildlich gesetzt. Eigentlich: In eine allmähliche Verdummung hinein geformt.

Goethe gibt das traurige Beispiel eines Menschen, den sein eigenes, ursprünglich vorhandenes Talent, aus dem wirklichen Weltkontakt allmählich hinauskomplimentiert. Das Talent wendet sich gegen den Talentierten wie ein freundlicher Saal-Ordner und führt diesen zum Ausgang aus der Veranstaltung, die da Kunst, Bildung, Welt und Unruhe genannt werden kann. Der freundliche Saalordner zeigt dem Talent den Weg zum Ausgang in Richtung Dunkelheit und Kitsch. Schade eigentlich.

So wirkt der Umfang und das Ausmaß seiner Schrift-Onkel-Existenz wie ein Panzer, oder wie ein übergroßer und überbunter Blumenstrauß, den ein Mann seiner Geliebten schenkt, der gegenüber er irgendwo ein schlechtes Gewissen behält. Es ist eben alles aufgepolstert, geplustert, zu viel, zu groß, zu lang, für zu wenig Substanz. So auch sein Faust.

Nicht dass der Faust keine Substanz hätte, aber eben eine ganz falsche Substanz. Denn der Autor Goethe begeht sozusagen einen Anfängerfehler.
Der Autor verrät im allerersten Satz seine Hauptfigur. Er verrät seinen Faust.
Der Autor verrät seine Hauptfigur.  Nicht an den Teufel, sondern an eine platte Lüge. Oder zumindest an einen mäßig platten Trick.
Indem er seinen Faust sagen lässt, dass alles Forschen nichts gebracht hat. Dass er „so klug als wie zuvor“ sei. Das ist und bleibt sehr sehr dumm. Und sehr sehr falsch. Ein sehr falscher Stückbeginn für etwas,  das seit zweihundert Jahren die Gymnasien und Theater zustopft.

Habe nun, ach…

Dieses „Ach“, klingt so, als hätte es jemand anderes dort hineingehaucht.

Das Kleistsche „Ach“… War es der Geist Kleists?

Warum heißt sein Faust eigentlich Heinrich?

Fausts Traum von der Reversibilität, von der  Jugend, die irgendwie zurück zu erlangen wäre, blieb der flache, der nichttechnische Traum der Zeit gegen die Dauer . Dass Goethe mit diesem Traum den Mephisto ins Spiel bringt, rettet ihn nicht in die Raffinesse des Kalküls eines wirklich guten Autors. Es bleibt der Unfall eines Abdichters gegen den Geist.

Goethes Verrat an seinem Faust bestand darin, dass kein wirklicher FAUST nach einem intensiven Forscherleben so einen kindischen Schluss ziehen würde. Dass er „so klug als wie zuvor“ sei. Kein wirklicher  FAUST würde so reden.

Wie  beinahe empfindlich  stolz Goethe gegenüber Eckermann doch selbst auf seine „Farbenlehre“ beharrt hatte, am Ende seines „Forscher-Lebens.“ Wie wichtig ihm das wahr.

Aber seinen Faust lässt er sagen: „Habe nun, ach…..bin so klug als wie zuvor.“ Was für ein Verrat.

Für ein so dummes Stück, für so einen schlechten Faust war sich der Teufel zu  schade. Deshalb schickte er irgendeinen luschen Stellvertreter,
irgendeinen Pudel.

Goethes betrogene Geliebte, der er einen so  vom schlechten Gewissen überblähten Lügen-Blumenstrauß erarbeitete, war eben die Welt.

Goethe ist  – vielleicht unfreiwillig – der große Volksverdummer in der deutschen Geistesgeschichte.

Im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Weltbürger, nur ein Aufsteiger. (Absteiger.)
Und im Gegensatz zu Kleist schrieb Goethe keine Weltliteratur, nur Aufsteigerliteratur. Hofliteratur. Zeitliteratur. Konversationsliteratur.
Und im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Forscher, nur ein Anschauer, der auf Reisen ging.

Kann sein, die Welt wird immer den „Aufsteigern“ gehören.
Denen, die alles richtig machen.
Aber gewidmet bleibt sie den Fliegern.
Denen, die eine Richtung haben.

Heinrich von Kleist lebt.
Sein Herz schlägt.
Hier.

Noch einmal Heidegger: Stadt, Land, Sprache…

Bei Heidegger, um ihn herum…findet sich ein Ungelöstes. Eine Art Rätsel. Warum und wozu nahm er im Denken den bäuerlich-feldgängigen, den ländlichen Sprachton an? Ein Ton des Sprechens und Denkens, der sich bei ihm irgendwann verdichtet hatte zu einer Note, die bis heute angezweifelt oder ignoriert oder gar nicht verstanden wird; die Aussage und Behauptung nämlich, dass „die Sprache spricht.“ Oder noch verschärfter: Dass die Sprache wahr spricht und hier umfassend objektivierbar sich in das hineinbohrt, was man die wirkliche Wahrheit (Aletheia – das Unverborgene) nennen kann.

Mit dieser Note steht Heidegger seit ungefähr 60 Jahren…nicht ganz allein aber doch halbverstanden, kaum verstanden und immer verdächtig… zwischen den federnden Intentionalisten des Sprachgebrauchs, die auf einen Psychologismus der Intentionalität und Kulturrelativität allen Sprechens hinweisen, was sie als „Sprachreichtum“ markieren oder regelrecht abfeiern – während auf der anderen Seite seine Anhänger als „Heideggerianer“ zumeist hilflos – eben „heideggernd“ davon zeugen, dass der Philosoph selbst zu Lebzeiten auch nicht immer der Konsequenteste seiner Methode gewesen war, und auch nicht immer die hellsten Schüler um sich versammelte.

Dabei ist Heideggers Feld, – Wald – und Wiesen-Gestus gar nicht antimodern oder antistädtisch oder antizivilisatorisch. Er spricht noch nicht einmal wirklich bäuerlich. Heidegger spricht eher vorstädtisch. Heidegger wohnt im Denken vor der Stadt, aber er kennt die Stadt sehr gut. Vielleicht kennt Heidegger die Stadt sogar sehr viel besser als die meisten heutigen Stadtbewohner. Ich denke, er umkreist sie. Sein vorstädtischer Sprach-Gestus war die bewusste Wahl eines modernen Zivilisationszeitgenossen und nicht, wie manchmal behauptet wird, generativ hineingeprägt in das milchverglaste Gemüt eines Schafhirten und Messkirchdieners, der irgendwann Philosophie studiert gehabt hatte. Wer von einem Edmund Husserl philosophisch sich ableitet, der zählt ein für alle mal als ein Moderner. Der gehört in eine Zivilisation, die ihre eigenen „Um-Kehren“ immer schon parat hat.

Zunächst muss ich mir kurz das Wort Orbis vergegenwärtigen, von dem sich auch der kosmonautische Orbit ableitet. Orbis wird übersetzt einerseits mit Gleis, Geleis, also Weg und andererseits mit „Umkreis“ im Sinne von „Umland“ oder „Welt-Kreis.“ Die lateinische Formel Urbi et Orbi wird schnell mit „Stadt und Land“ übersetzt, meint aber etwas offener Stadtkreis und Weltkreis. So gesehen wird in der Formel, die älter ist als das institutionalisierte Christentum und schon bei Ovid auftaucht, eine Unterscheidung ansprechbar.

Angesprochen wird hier, wie ein Stadtkreis immer umgeben ist oder eingebettet wird von einem Umland, den man als Weltkreis (Orbis) bezeichnet. Es ist ganz interessant, auf was man stösst, wenn man den Orbis in dieser Bedeutung sich vergegenwärtigt.

Heidegger in seiner ländlichen Denk-Art war ein orbitaler Philosoph, ein Quasi-Kosmonaut des Weltkreises, Umlands und des Wegs.
Deshalb bleibt es spannend, wenn man in Bezug auf Heidegger das Verhältnis von Stadt und Land einmal ganz physisch-thermisch benennt, sozusagen orbital.

Wie beschreibt sich das thermisch-informationelle Verhältnis vom Land zur Stadt? Oder von Weltkreis zu Stadtkreis? Der Weg zu Heidegger, durch ihn hindurch und über ihn hinaus verlangt nach einer Antwort auf diese Frage.

Die Umrandung der Stadt mit Schutzwällen, Stadtmauern und Wehrtürmen als Keimzelle jeder Zivilisation bleibt für die Sprach- und Philosophiegeschichte das Problem.

Was die Stadt erlaubt, was sie ge-stattet – als Keimzelle der Zivilisation, das schneidet sie zugleich auch – ab.

Aber von was?

Ein relevantes Fragen von Sprachkritik in der Sprache kümmert sich nicht um die Prägungen, Dialekte, Melodien, Mißverständnisse, nicht um Lautverschiebungen, um die Abschliffe, nicht um Veränderungen, nicht um Intentionalität, nicht um die Kulturrelativität oder das Rauschen zwischen verschiedenen „Individuen“ und Subjekten der Spracherfahrung. Dies alles sind eher Teil-Aspekte einer anderen, einer größeren und viel schwerer wiegenden Frage.
Das eigentliche Problem oder die große relevante Frage von Sprachbefragung für den Frager, der etwas Wichtiges über die Sprache erfahren will, lautet: Wie beschreibt sich das Verhältnis von Stadtsprache (Zeit) und Landsprache (Dauer)? Die wirklich relevante Frage jeder philosophischen Sprachkritik lautet:

Wie sehr ging eine Sprache durch die Stadt und wie lange übers offene Land?

Durch Stadttore hindurch ernährt sich die Stadt. Eingang und Ausgang. Zugespielt und vorgetragen, beäugt, kontrolliert, verzollt und ge-stattet – so erreichen die Dinge und Waren und Menschen die Stadt. Waren, Getreide, Tiere, Ernährung, Geschmeide und Brennholz – ebenso wie Neuigkeiten als Nachrichten zum Geschehen da draussen – können die Stadt nur erreichen über den Masken-Spalt der kontrollierenden und Zoll erhebenden Tore und Häfen. Deshalb bleibt „Die Stadt“ gegenüber dem Um-Land, dem Orbis, der zeit-habende und ver-arbeitende Raum. Die Stadt ist – gestattete Zeit. Ein Aufenthalt. Ein Status.

Eine Stadt wächst zu einer schranken- und mauer-vermittelten Ge-Stattung, während das Land als der Orbis drum herum strömt als der produzierende, der umwitternde und umwirkende Orbit. Das ernährende Blut als – der Lieferant der Stadt. Deshalb fühlt sich eine Stadt, ähnlich wie ein Gehirn, in ihrem Innern, ohne Dauer an. Die Stadt fühlt in ihrem Innern vielleicht Zeit, aber sie fühlt keine Dauer mehr. Denn die Dauer wirkt fühlbar orbital nur im Umland, dem Orbit der Stadt.

Die Stadt ist Ge-stattung, die in der Dauer gestattet ist. So jedenfalls über viele Jahrtausende.

Die Stadt steht – ohne Dauer – gestattet. Gestattet inmitten von Witterung und Wetter. Die Stadt – steht – gestattet – unweit von bestattet – wie das so treffend sagt – als Stadt. Sie hat Stadt.

Die Feinde der Stadt, ebenso wie ihre Ernährung, das Getreide, das Brennholz und auch Nachrichten von draussen – kommen von außen durchs Tor. Sie müssen immer durchs Tor. Durch die Schranken der Zollstationen und Stadtmauern hindurch wird, was da kommt, kontrolliert und ge-stattet. Und weil da dieses Aussen wirkt – deshalb ent-steht die Stadt. In der Stadt und hinter den gesicherten Mauern, kann – dann – in Ruhe – gestattet – gedacht, erkannt, verarbeitet werden, gespielt, getauscht, gerichtet, erwogen und erwählt. (Auch Städte, die an Flüssen oder Furten erwuchsen, hatten hier immer Einrichtung der fluss-seitigen Wehr – Zoll- Wach- und Kontrollstation. Nichts und niemand kam „einfach so“ in die Stadt hinein.)

Weil aber die Stadt nur über Stadtmauern und kontrollierte Einlass-Kanäle und Tore oder Häfen – sozusagen gequantelt – vom Umland ernährt werden kann, entsprechen die Stadtmauern in etwa der Funktion einer Blut-Hirn-Schranke. Die Stadt ist eine Art Gehirn, während das gefährliche, unbewachte chaotisch strömende Land drum herum dem orbitalen Blut entspricht, von dem nur manches kontrolliert Einlass erhält, während alles draussen bleiben soll, was Feind ist.

Die Stadt als Feier und Festung, das Fest des Landes. Brüter oder Brut-Stätte, die vom Orbis, dem Um-Land, bebrütet, beheizt und genährt bleibt, aber auch bedroht.

Weil die Stadt eine umrandete und umschlossene Ge-Stattung stehend stellt – deshalb kann man sie thermodynamisch und von innen her als zeitlos beschreiben – oder besser: als einen Ort mit einer eigenen Zeit. Oder besser: mit einer Innen-Zeit, dem eigenen Innenrhythmus – im Unterschied zur andauernden umströmenden IRREVERSIBLEN Dauer des Landes, welcher die Stadt wie ein andauernder Orbit umströmt.

Die Stadt bildet thermodynamisch in ihrem Innern eine starke Reversibilität aus. Sie neigt in ihrem Innern zu wiederkehrenden Routinen und Rhythmen, zu ganz innenstehenden Wiederholungen, man könnte sagen: Eine Stadt reflektiert und refferiert sich selbst an den Innenseiten ihrer Stadtmauer – ihrer Blut-Hirnschranke.

Die Stadt als etwas erbrütetes und Brütendes – in der Brühe des Landes.
Die Stadt als eine Art Ei.

Die Stadt „hat“ stehend und gestattend – Zeit. Das Land brütet die Stadt.

Die Stadt ist ein Zeit-Raum. Ei-gen.

Die Stadt erlöst ihre Bewohner vom an-dauernden Zeitdruck des Landes. Sie nimmt die Stadtbewohner hinein in eine Brut und brütet aus: Universitäten, neue Ideen und neue Worte, eigene Regeln, Handwerke, Muster, neue Fertigkeiten, Wortvielfalten, Wortwahlfreiheiten, Fachsprachen, Spezialgrammatiken, Jargons, Erfindungen – und vielleicht und später dann: schlüpft aus dem Ei der Stadt eine ganze große Zivilisation – zum Beispiel Griechenland, zum Beispiel Rom.

Im Status einer imperialen Zivilisation weitet und wächst sich die Innenzeit der Eizelle Stadt aus – auf ein ganzes imperiales Gebiet – ein ganzer Staat – so wie damals Athen.

Wenn das Ei der Stadt aufplatzt, dann schlüpft manchmal ein Imperium und wächst zum Staat.
Aber das markiert dann zugleich eine Phase, in dem der Orbit, als das umlandende Land als Weltkreis der Stadt für immer mehr Menschen generativ und allmählich in eine diffuse Ferne rückt.

Man könnte sagen: Die Städte „vergessen“, dass sie vom Umland lediglich: ge-stattet sind.

Und irgendwann hält sich die Stadt selbst auch für das Umland. Sie wird Staat.

Bei Ovid findet sich dazu eine sehr aufschlussreiche Bemerkung: „Andere Völker haben ein Gebiet mit festen Grenzen: Nur bei dem römischen deckt sich die Stadt mit dem Erdkreis“, (Fasti II)

Diese Sentenz von Ovid ist sehr aufschlussreich. Heute könnte man sagen, Ovid spricht davon, dass eine Zivilisation (damals die römische) irgendwann alles internalisiert und inventarisiert, so dass sich der Unterschied zwischen „System“ und „Umwelt“ beinahe ganz aufhebt. In einem römischen Imperium wie zu Ovids Zeiten gibt es sozusagen gar keinen Orbi mehr, weil alles Urbi geworden ist, also Stadt.

Ein ganz typisches Zivilisationsmerkmal, das aber leider auch Risiken und Nebenwirkungen zeigt.

Eine stehende und gestattete Stadt hinter den Mauern ihres „Zeit-Habens“, sei sie nun eine Stadt oder eine ganze imperiale Zivilisation, produziert irgendwann in ihrem Innern auch den Überschaum, die städtischen Moden, die Phantasien, das Geschwätz, das Gerede, die Faxen und das Geschwafel auf Marktplätzen und Statt-Plätzen, die Brot- und Spiele-Spiele, die Nuancen und immer mehr Nuancen, die Wucherungen und Abarten von Philosophemen und semiphilosophemischen Gewächsen… endlose Ausdifferenzierungen hinein in den Geräusche-Markt-Platz der Unterschiede – so – als die viel gewusste, schon oft beschriebene und seit Jahrtausenden bekannte und hochberühmte zivilisatorische Decadence – bis hin zur allmählich ungesünder werdenden Sophistik (die einmal als gesunde und notwendige Redekunst begann) – all das bleibt parasitäres aber eben auch schönes und angenehmes und verspieltes Nebengeräusch des Luxus – in der Lichtung – der Stadt.

Wenn sich die Stadt als Keimzelle von Zivilisation über die Mechanismen der imperialen Expansion zu einem Imperium ausweiten konnte – dann kommt irgendwann die DAUER zurück ins Spiel.

Was hat das nun mit Sprache zu tun?

Die Stadt innerhalb ihrer Grenzen in thermodynamischer Abschirmung und Schrankenvermittlung beeinflusst und überführt die Sprechgewohnheiten und die Sprachentwicklung vom Modus des nomadischen Zeitdrucks der DAUER (einer physisch ANSPRECHENDEN Sprache) in den Modus des städtischen „Zeit-Habens“ Und das bedeutet: In einer Stadt, als beinahe-geschlossenem System, wirkt die Entropie nach innen – auflösend, hochlösend oder einlösend.

Anders gesagt: Die Sprachen und das Sprechen innerhalb von Stadt verfeinern und mischen und atomisieren sich zu Sprachfeinheiten, Wortdifferenzen, Wortwahl-Freiheiten, Sophistikationen. Der Sprachgestus wandelt sich vom dringenden BE-RICHTEN und ER-ZÄHLEN in das kultiviertere REDEN und dann ins feine BE-SCHREIBEN, was zugleich den Übergang vom Sprechgestus zum Schriftgestus markiert.

Diese innerstädtisch-entropische Atomisierung und Verfeinerung der Sprache ist einerseits Segen, andererseits Fluch.

In dem eine solche Sprache vom physisch drängenden Gestus des Er-Zählens Be-Richtens in den kultivierten Gestus der Rede und des BE-Schreibens überwechselt, entfernt sie sich von der NOT-WENDUNG des physischen An-SPRUCHS, sie entfernt sich also von dem SCHREI, dem PULS, dem ATEM dem SCHUB dem SCHRECK, dem SCHOCK und der ZÄHLUNG von Sprache.

(Eine ganz simple Begründung hierfür geben auch die vielen steinernden Wände und Innenräume der Stadt. Die erfordern ein „leiseres“ – höf-licheres Sprechen. In Höfen und Innenräumen, sowie zwischen Wänden oder Mauern wirkt es eher unpassend, auf SCHUB und SCHRECK zu sprechen. Der „Rück-Knall“ von steinernden Wänden wäre auf Dauer unangenehm. Zum anderen ist die Stadt der Ort, an dem nichts mehr „zieht“ oder „schiebt“ oder hindurchzieht. Die Stadt ist nicht mehr der Ort des unmittelbaren Handelns im andauernden Zeitdruck, sondern des VER-Handelns auf Marktplätzen. Nicht mehr der Ort des physischen Sprechens im unbedingten An-SPRUCH, dafür ein Ort des Be-Sprechens auf dem Platz.

Es wird spürbar, wie der thermodynamisch umgrenzte „Gefäß-Status“ einer Stadt eine gar nicht zu unterschätzende Auswirkung auf jegliche Sprachentwicklung hat. Und es ist in diesem Zusammenhang sehr nachvollziehbar, wie zum Beispiel die META-PHER (Phore-Gefäß) als Sprachgefäß eben primär nichts zu tun hat mit „Schönheit“ oder mit „Eleganz“ oder mit „Geistes-Tiefe“ im lyrischen Erguss, nein – die MetaPHER ist eine Höf-lichkeit. Die Metapher oder das sprachliche Bild ist eine eher pragmatische Folge-Erscheinung von Stadtsprache. Denn die Metapher will selbst umranden, umschließen, bergen.
(Die meisten sogenannten Dichter von heute halten die Metapher für etwas Tiefes oder für etwas besonders Gewitztes, Geschicktes oder irgendwie Kitzliges. All dass kann sie heute manchmal sein, weil man sich an die Metapher gewöhnt hat, wie an etwas Naturgegebenes der Sprache. Was sie aber nicht ist. Die Metapher ist etwas, dass sich aus der sprachlichen Situation im Gefäß-Status Stadt ergeben hat.
Die Metapher ist eine HÖF-Lichkeit, ein Gefäß, mehr nicht. Man schreit sich in einer Stadt nicht mehr an oder hinterher, man ver-handelt und be-spricht, man tauscht in Sprach-Gefäßen auf Nah-Bereichs-Markt-Plätzen.

Aber was lauert nun als Fluch einer solchen sprachlichen Entwicklung, die man sich über Jahrhunderte bis Jahrtausende langsam ablaufend vorstellen muss?

Das Problem von Städten und Staaten, sprich: von Zivilisationen, die sich über mehrere Generationen halten, auswachsen und ausbilden – also DAUERN – entwickelt sich dann in der vierten und fünften und zehnten oder 30igsten Menschen-Generation nach der Gründung allmählich zu einer Art Sprachschwäche der Landlosigkeit. Das wäre sozusagen ein überbrüteter Zustand der Stadt im Status eine lange sich eingespielt habenden Zivilisation.
Nach Generationen der städtischen Dauer hat die Sprache ihre ursprüngliche Anbindung an die physische Not-Wendung verloren. Der PULS, der SCHRECK , der SCHUB, der SCHREI, der SPRUCH der Sprache, ihr rein mündlicher HAUCH ist jetzt über Generationen metaphorisch geborgen und eingehegt. Alles Sprechen kommt jetzt doppelbödig gepflegt, sophistisch sumpfig, ironisch mehrdeutig interpretierbar und feintönig daher. Es herrscht die Wortwahlfreiheit und die Feinheit, die metaphorische Erfindungsgabe und Gefäßmacherkunst. Das Sprecher-Ohr und das Leser-Ohr hört jetzt in die Differenzen der Sprach-Bruch-Wort-Echos und in die Metaphern-Schäume in der Sprachfläche; aber es ge-horcht kaum noch dem vertikalen physischen An-Hauch der Sprachphysis.

Die bergende Metaphore der Stadt hat in Zivilisationen irgendwann die gesamte Sprache umschlossen, sozusagen eingeschlossen, metaphorisiert – geborgen. Die Sprache selbst ist jetzt eine geborgene Sprache. Zuletzt vermischt sich diese geborgene Sprache mit geschriebener Sprache zu einem Gelehrten- und Kennerjargon, einer doppelt geborgenen Sprache, die fast nur noch redet, umspielt und zitiert, aber nichts mehr sagt.

Die wirkende Wahrheit aber, die Aletheia (griechisch: Das Unverborgene) kommt aus der wirkenden Physis und Physik einer Sprache, die selbst noch aus dem Ungeborgenen kommt, also nicht aus der Stadt, nicht aus der geborgenen Umrandung und Ummauerung, nein, die Wahrheit kommt aus dem Orbis, dem ernährenden Land, sie ist der Orbit. Aletheia kommt aus dem un-heimlichen und ungeschützten strömenden Weltkreis, dem kreisenden Orbis der Stadt. Die Aletheia als das Unverborgene und Un-Heimliche ist NICHT Metapher und Gefäß, sondern Fahrt und Gefahr, Knall und Fall, Schub und Puls, Hauch und Atem – das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein galoppierendes schnaufendes Pferd, das über offenes Land rennt – irreversibel – das ist die Aletheia.

Der überbrütete Zustand des Städtischen aber kann nun schon seit Generationen nichts mehr anderes aussprechen, und nichts anderes mehr bereden, als das Oft-Schon-Beredete. Die Stadt ergeht sich in Wiederholungen des Eingespielten, in Selbstwiederholung der überlieferten Routinen, Verkehrsregeln und Romane, der Spiele, Kommunikationen und Simulationen und Inventarisierungen. So rundet und umrundet, so schließt und umschließt eine Stadt-Sprache allmählich alles Sagen in ihr Gefäß. Man könnte auch sagen: Die Sprache wandert aus dem Sprechen ins Versprechen.

(Das Einwandern der Sprache aus dem Sprechen ins Versprechen metaphorisiert die Aktualität, den Atem und den Puls eines Geschehens in ein Gefäß hinein, umschließt es dort wie in einer bemalten Amphore oder Vase, dessen Aufnahmefähigkeit offenbar nicht unendlich groß ist. Ein Versprechen ist ein Gefäß zur Aufbewahrung von Zukunft und will irgendwann wieder sich ausgießen oder eingelöst sein in Handeln und Geschehnis.)

Die späten und Xten Generationen der Stadt sind dann die zweiten und dritten und vierten und Xten Generationen nach einem lange zurück liegenden, kaum noch erinnerten Gründungsakt der Ge-Stattung. Diese späten Generationen sprechen jetzt hochverfeinert, aber ihre Feinheit gleicht dem eines Souflés. Die Feinheit der Sprache bleibt substanzarm, blutleer und bodenlos. Diese späte und überbrütete Generation in den Städten ist immer schwer gesprächig und beschäftigt, und dabei hoch reizbar, verletzlich und gelangweilt. Die späte Generation ist ausserordentlich gebildet und kenntnisreich, unterscheidungsfähig, aber existenziell verdummt und immer ein bisschen bodenlos. Habituell aktiv und verspielt, aber ziellos und ungeerdet. Diese städtisch-zivilisatorisch aufgewachsenen Spät-und Folge-Generationen geben dann den Typus des Dandys, des Zynikers (oder Kynikers), des Flaneurs, des Eleganten, des Künstler-Bohemiens, des Satirikers, des Kritikers im „Querdenkertum“ oder im „Dagegen-Sein“ oder den Stoiker, den intellektuellen Stadtstreicher, den „Provokateur“ oder oder…All das, diese ganze Entwicklung der städtischen Sprache, kann man in den Literaturen und Berichten aus römischer und spätrömischer Zeit bereits herauslesen, manchmal auch aus griechischer Zeit in Folge einer imperialen Entwicklung, sofern überliefert. Auch in römischer Zeit gab es schon den „witzigen Skeptiker“ , den „zynischen Intellektuellen“ – den „Satiriker“ ebenso wie den „mythisch Raunenden“, den „Reiseschriftsteller“ den „Abenteurer“, den „ewigen Aussenseiter“ den „Großphilosophen“, den „Staatsdichter“ , den „Erotiker“ den „epikuräischen Gleichgewichtler“ etc…
Aber schon ein Ovid sagt zu seiner Zeit nichts Neues mehr. Auch ein Ovid schreibt nur noch um, dreht und wendet alte Stoffe und schreibt sie noch einmal auf. Auch er bereits ein aus dem Sprechen ins Versprechen ausgewanderter. Er zitiert und zitiert und zitiert….aber das tut er hübsch, fein, silbrig glänzend, melodiös und urban vertratscht. Aber auch bei ihm ist der Eros nur noch „Stoff zur Rede“ Auch er ist schon ganz „Stoff-Redner“ von „Stoffen“ aus längst beredeten Archiven und vergangenen Zeiten. Seine Verbannung war eher ulkig, Sport.

Heiner Müller fällt mir hier kurz ein. Er hat sich einmal die Frage gestellt, warum der Historiker Theodor Mommsen keinen 4. Band der römischen Geschichte mehr geschrieben hat. Dieser 4. Band hätte den Zeitabschnitt behandeln sollen, in dem auch ein Ovid lebte, die beginnende Kaiserzeit. Müller interpretiert das „Schweigen“ von Theodor Mommsen, den nicht mehr geschriebenen Band über diesen Abschnitt der römischen Geschichte mit einer gewissen Lethargie des Historikers. Mommsen habe nicht mehr „die Leidenschaft gehabt“, diesen Abschnitt der römischen Geschichte aufzuschreiben – warum nicht? Die Antwort, die Müller aus Briefen von Mommsen herausfühlt, lautet: „Nur noch Klatsch und Hoftratsch, Getändel, Spiele, Intrigen und die üblichen Scharmützel“ Die mit Augustus beginnende Kaiserzeit war für den Historiker nicht mehr interessant. Für diesen Abschnitt findet sich in den historischen Archiven nur noch Klatsch und Hoftratsch und „silbriges Latein“ Mit anderen Worten: Für den Historiker Mommsen hat dieses Rom der Geschichte nichts mehr zu erzählen, ausser seine Innenberichte. Die Archive erzählen fast nur noch Innen-Status. Kaum noch Dynamis.
Die Sprache und das Latein dieses Zeitabschnitts ist g e b o r g e n. Warum soll man so etwas noch einmal als Historiker aufschreiben? Dazu hatte der Historiker Mommsen keine Lust mehr.
Ich nehme diese Geschichte hier als Verweis auf den Zustand von imperialer Stadtsprache, die ganz in eine g e b o r g e n e Gefäß-Sprache eingemündet ist. In solchen Zeitaltern haben die „Dichter“ Hochkonjunktur, welche die „FORM“ wahren und das „MAß“ umspielen.

Das, worauf Heidegger hinauswollte, ist oder war etwas ganz anderes. Heidegger wollte auf die Aletheia hinaus, das Unverborgene.
Das Unverborgene aber ist, wie gesagt, NICHT Form und NICHT MAß und NICHT Stadt. Das Unverborgene ist keine Inventarisierung, sondern STRÖMUNG.
Obwohl sich auch bei ihm manchmal Formulierungen finden, die nach Maßgabe seiner eigenen Methodik unvollendet wirken, in denen er nuschelt und murmelt und man beim Lesen öfter denkt: Warum sagt er es nicht noch deutlicher? Warum murmelt er so?
Und während man das denkt, findet sich dann plötzlich diese Passage:

„Das Wort „Wage“ bedeutet im Mittelalter noch so viel wie Gefahr. Das ist die Lage, in der etwas so oder so ausschlagen kann. Darum heißt das Gerät, das sich in der Weise bewegt, daß es so oder so sich neigt, die Wage. Sie spielt und spielt sich ein. Das Wort Wage in der Bedeutung von Gefahr (Anmerkung T.B.: etwas wagen.) und als Name des Gerätes kommt von wägen, wegen, einen Weg machen, d. h. gehen, im Gang sein. Be-wägen heißt auf den Weg und so in den Gang bringen: wiegen. Was wiegt, heißt so, weil es vermag, die Wage so oder so ins Spiel der Bewegung zu bringen. Was wiegt, hat Gewicht. Wagen heißt: in den Gang des Spieles bringen, auf die Wage legen, in die Gefahr loslassen.“

Houston – das war Heidegger at his best. Das war das Space-Shuttle mit dem Namen Martin Heidegger. Das war Denken. Und es weist, wie man jetzt wissen kann, auf den Vergleichsprozess der Thermodynamik. Wer von der Wage und vom Wagen spricht, – vom Erwägen, der spricht letztlich – und im Innern der Ge-Fahr – vom thermodynamischen VerGleichsProzess – der auch ein Ab-Wägen oder Vergleichen in GeFahr verfolgt – das ins Spiel bringen des Ver-Gleichs im Ab-Gleich zu einer Strömung….oder kognitiver: Den kognitiven Ver-Gleichs-Prozess, dessen es bedarf, damit ein Gehirn überhaupt etwas einschätzen oder vergleichen kann.

…und weil hier an anderer Stelle einmal etwas Abschätziges über Rilkes „Kitschgedichte“ gesagt wurde, soll hier einmal ein wirklich Gutes von ihm lobend beigestellt sein. Nicht deshalb, weil Heideggers Text sich auf dieses Gedicht bezieht, sondern weil es Rilke selbst als jemanden zeigt, der sich Gedanken macht – erstens, und zweitens, weil dieses forschende Gedanken-Machen sofort das Versmaß lockert und ihm die Parfümierung nimmt.

„Wie die Natur die Wesen überläßt dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins besonders schützt in Scholle und Geäst, so sind auch wir dem Urgrund unsres Seins nicht weiter lieb; es wagt uns. Nur daß wir, mehr noch als Pflanze oder Tier mit diesem Wagnis gehn, es wollen, manchmal auch wagender sind (und nicht aus Eigennutz), als selbst das Leben ist, um einen Hauch wagender …. Dies schafft uns, außerhalb von Schutz, ein Sichersein, dort, wo die Schwerkraft wirkt der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt, ist unser Schutzlossein und daß wirs so ins Offne wandten, da wirs drohen sahen, um es, im weitsten Umkreis irgendwo, wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.“

Dieses Gedicht von Rilke kann man lesen als eine positive Widmung ans Space-Shuttle. Das Gedicht wurde 1924 improvisiert oder: entworfen – könnte man sagen, und zählt zu den sogenannten späten Gedichte von Rilke. Und es ist ein gutes Beispiel für eine nichtdumme Dichtung, die keine Ab-dichtung ist.

Das Kribbelige dran bleibt nun, dass die Heidegger-Anmerkung zu dem Rilke-Gedicht sich in einem Band findet, der „Holzwege“ heißt mit der schönen Überschrift: „Wozu Dichter?“ – eine Frage, die wiederum einem Hölderlin-Gedicht entnommen wurde mit der Zeile: „Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“

Nach mehrmaligem Lesen dieses Textes innerhalb der letzten Jahre, glaube ich, dass genau dieser Text den ganzen Heidegger zeigt in seiner Stärke aber auch in seinem, tja, wie soll man sagen… Ungelösten, seiner Schwäche? Oder womöglich in einem schweren Missverständnis? Entscheidend bleibt eben das „zu“ in Wo-zu? – was ja als ein Wo-hinaus? oder Wohin? gemeint ist.

Das Ungelöste bei Heidegger blieb eben, dass er womöglich nie ganz deutlich ausprechen wollte oder begründen oder beschreiben konnte, warum die Sprache selbst zur Technik gehört oder selbst Technik-Charakter hat, also selbst etwas Physisches bleibt und eben nichts Metaphysisches.

Hier in diesem Text – „Wozu Dichter?“ – kommt er aber sehr nah heran, in dem er davon spricht, wie das Sagen selbst als ein „Handhaben“ wirkt. Weil der Mensch die Sprache HAT. Trotzdem spricht er dann beinahe im selben Atemzug: „Logik gibt es nur in der Metaphysik“ Und das stimmt eben nicht. Das ist falsch. Seit Gödel macht eine solche Aussage keinen Sinn mehr.
Weil schon die Differenz zwischen Physik und Metaphysik „Logik hat“. Anders gesagt: Die Aussage: „Logik gibt es nur in der Metaphysik“ ist selbst bereits eine ganz physische Logik – weil eine verteilende und zuteilende L o g i s t i k. Und diese Logik als Logistik erzeugt sich an der Blut-Hirn-Schranke. Sie ge-stattet die statistische Primär-Organ-isation allen „Habens“ und „Handhabens“ in einem ab-wägenden Vergleichsprozess – der Homoöstase – sie stellt die Mauer und das Tor zwischen Stadtkreis (Gehirn) und Weltkreis (Blut, Orbit)

Trotzdem geht dieser Heidegger-Text „Wozu Dichter?“ sehr weit; so weit, bis Heidegger sich einen Dichter vorstellt, der – Zitat: „…das Wesen der Dichtung selbst frag-würdig findet.“

Damit hat er Recht – mit diesem „fragwürdig“.

Das bleibt dann wieder gut erspürt, weil man jetzt, nach der eingehenden Studie zur Space-Shuttle-Main-Engine und zum Vergleichsprozess deutlich erkennt, wie die Technik selbst Dichtung und
Ge-Wichtung ist. Ein Wagen im VerGleich. Das Space-Shuttle selbst ist ein Ge-Dicht und ein Ge-Schöpf. Und als Ge-Dicht gehört es sogar zu den „wagenden“ Ge-Fährten des Rilke-Heideggerschen „Weltinnenraums“ Das Space-Shuttle ist – wie alle Technik – auch ein Ge-Schöpf der Thermik, ein Ge-Fährt der Gravitation.

Die Bemerkung von Robinson Jeffers, Mathematiker und Physiker bauten mit falschen (Ver-)Gleichungen (Er-WÄGUNGEN) richtig funktionierende Dinge, liest sich jetzt umgekehrt dionysisch. Das Donnern des Space-Shuttles in der ver-Dichteten Strömung wäre ein mythisches Donnern des wagenden Vergleichs zum aufsteigenden Abgrund.
Aber als Gott des Weines, des Besäufnis und des Alkohols bleibt er auch zuständig für die Blut-Hirn-Schranken-Wartung, und damit ein wartender LOGOS – als ein Schrankenwärter, Logistiker und Verteiler, der im Primär-Vergleich der Homoöstase die Schranke hebt und senkt, die Erinnerung an das wach hält, was URBI et ORBI – Stadtkreis und Weltkreis – vermittelt.

Ich habe hier an anderer Stelle schon einmal überlegt und wohl auch genügend begründet, warum ausgerechnet die deutsche Sprache eine starke Anbindung an das Unverborgene hält und damit dem orbitalen Fahren, dem Wagen, und der Gefährnis näher liegt als das „silbrige Latein“ der stehenden Städte. Denn das Deutsche war lange Zeit weder maßgebliche Schriftsprache noch städtische Zivilisationssprache. Ihr Puls, ihr Hauch, ihr Atem, ihr Schub speist sich aus dem orbitalen und ländlich-nomadischen Schub-Zug der Unruhe und Geleise.

Man kennt eine Redewendung, die sagt: „Hier bist du mit deinem Latein am Ende.“ Man könnte erweitern: „Hier kommst du nur noch deutsch weiter.“

Heideggers Er-Wägungen zur Wage und zum Wagen in Ge-fahr – kann man jetzt direkt anwenden auf die Physis des thermodynamischen Vergleichsprozess, der nichts anderes meint als ein physisches Abwägen – in Kalkulation einer thermisch irreversiblen Strömung, die der Hauch ist.

Was nicht weniger bedeutet als der Beweis, dass Sprache wirklich und tatsächlich wahrheitsfähig sein kann, in dem sie das Unverborgene – s a g t.

Aber wer dies annehmen soll, muss vielleicht – hier in diesem Fall – wirklich ein geborener und nativ deutscher Muttersprachler sein.

Epilog:

Städte und Zivilisationen sind notwendig, folgerichtig und nichts Schlechtes. Aber alle Tragödie nimmt ihren Lauf, wenn die Stadt das Land oder den Weltkreis „vergisst“.

Die großen tragischen Texte handeln davon.

Troja, eine Stadt, die sich nur noch als reine Festung definiert, fällt irgendwann furchtbar um.

Oder anderes Beispiel: Man muss sich sehr genau überlegen, ob man eine Medea, die man „draussen vor der Stadt“ kennenlernt…man sollte sich also gut überlegen, wie man diese Medea dann im Nachhinein behandelt.

Und man wird sich auch, wenn man Pentheus heißt, zweimal überlegen, ob es wirklich vorteilhaft ist, auf einen geschlossenen Stadt-Status zu beharren, falls man danach doch irgendwann einmal „da draussen – vor der Stadt“ auf einen Baum klettert.

ET CETERA PI PI

Auch die Erde ist bloß ge-stattet. Ein größerer Astereoid, kann sie jederzeit zum Troja machen.

Heideggers Feld,- Wald,- und Wiesen-Gestus, seine Sondierung des Unverborgenen galt und gilt dem Orbit als dem ORBIS – dem Weltkreis, der die Stadt ge-stattet.
Deshalb bleibt sein Denken konstruktiv nach vorn gerichtet und nicht rückwärts gewandt. Eine Zivilisation, wenn sie nicht so enden möchte, wie bisher alle Zivilisationen, braucht den dringenden und bewussten Kontakt mit ihren Rändern und Grenzen. Dem Orbit. Einerseits, damit sie sich weitet, andererseits – damit sie sich als zu – ver – lässig (verlassens-fähig) formuliert.
Binnenspannung versus Aussendrift. Wenn der Planet „die Stadt“ ist oder „die Stadt“ sein will, dann muss er eine wagende Verbindung mit dem Orbit aufnehmen. Er darf sich nicht einigeln. Deshalb ist und bleibt alle Raumfahrt notwendig.

Kultur, Sprache und insbesondere die Literatur wird langweilig, stumpf, und sie verblödet, wenn sie nicht versteht, dass Techné selbst immer die stärkere Dichtung ist. Eine große Weltdichtung, neben der alle reinen Texte auf Papier, solange man sie nur liest, anstatt sie zu denken, immer in Atem-und Beweisnot stehen.
Der Rest ist Tratsch und Hofklatsch.

Im Kopfhörer: Helicopter aus Porzellan.

Am Versionenbeschleuniger: Das Kogniversum

VERSO, lateinisch: herumwälzen, hin-und her-wälzen.
Entropie, griechisch: hinein-drehen – um-wandeln.
Peristaltik, griechisch: herum-stellendes In-Gang-bringen…
Um, deutsch: umherspringen, herumfliegen, umgreifen, umbiegen, umarmen, umstellen, umzingeln, herumstreiten, umbiegen, UM-WANDELN

VERSO, lateinisch: umwälzen, hin-und her-wälzen.

Guten Tag,

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.
Es ist egal welchen Stern man wählt,
weil jede Wahl passt und immer die richtige ist.

Willkommen im Kogniversum.

Das RINGEN UM Fassung.

Wa-rum-Fragen.
Wa-rum sind wir so nackt? Wa-rum wirkt die Wirk-lichkeit so nackt?
Wirklichkeit- das um-wirkte, wirkende, umwirkende,
der gesponnene gewirkte Faden,
der Faden vor allen Texten, Texturen, Textilien.
Das WIRKENDE —aus dem erst jeder Faden – umwirkt ist und kommen kann.

Der umwirkte Faden, der noch gar kein Text ist, keine Textur, keine Textilie.
Noch gar kein Kleid.

Erst im UM-FASSEN – der UM-FASSENDEN und UM-RINGENDEN DAUER wird aus dem WIRKEN der Faden des gewirkten WIRKENS
Er wird umwirkend geDICHTET. Ein-WIRKEND.
Er DÄUT.
Und erst danach und daraus – dann – eine Textur – eine TEXTILIE
Ein Kleid. Und erst danach ein TEXT.

Das um-wirkende – DÄUEN der WIRKLICHKEIT – das nie gerissen war –
und nie reissen kann und reissen wird.

Das UM-WIRKENDE der WIRKLICHKEIT kann nicht reissen.
(Deshalb sind da auch keine Quanten in WIRKliCHKEIT.)

(Nein, String-Theorie, Du bist es auch nicht. Denn auch deine Strings
sind ja gerissen – also tot. Strings gibt es ab jetzt nur noch als String-Tangas. )

Das WIRKENDE war nie gerissen. Das WIRKENDE reisst nicht.

Deshalb WIRKT das WIRKENDE so nackt.
Weil der Faden für alle Texte,
der Faden für alle Textilien
und alle Kleider an allen Kaisern
immer erst UM-WIRKEND – WIRKEN muss – Be-WIRKT- was er wirkt.
Gewirkt worden war. In der Wirk-lich-keit.

Erst das Wirken des nie abreissenden Fadens.
Danach und daraus – dann – kommt die Textilie, das KLEID
der TEXT. Der Stoff.

Die entropische Hierarchie der Dauer. Des vorher/nachher.

Erst die Gestirne – daraus die Stirn.
Erst das Befeuern – darin die Glut.
Erst das Umwinden – darin Gehirn.
Erst das Erbrühten – daraus die Bruht.

Erst das Schlagen. Davon der Schaum.
Erst das Schäumen. Darin der Saum
Erst das Umsäumen. Darin der Raum.

Erst ein Wittern. Darin Gewalt.
Erst ein Senken. Darin die See.
Erst ein Wälzen. Davon die Welle.

Erst ein Umwehen. Davon das Weh.

Erst das Umzingeln. Darin die Zelle.
Erst das Umwallen. Darin der Wille.

Erst das Erwägen. Davon die Wucht.

Erst ein Umwuchten – davon die Wand
Erst ein Ersuchen – darin die Sucht.

So räumt die Welle. So wuchtet das ALL.

Erst das Schwemmen. Daran das Land.
Erst das UM-Ringen. Davon der Rand.
Erst das Verhandeln. Davon die Hand.

Erst das Kreisen, Daraus der Kreis.
Erst das Erblühen. Daraus der Blick.
Erst das Nicken. Dann das Genick.

Erst das Weisen. Dann der Beweis.
Erst das Schicken. Darin Geschick.

Erst das Scheissen. Davon der Scheiss.
Erst das Gestatten. Davon die Stadt.
Erst das Brühen. Darin die Brut.

Erst das Greifen. Daraus Begriff.
Erst das Erzählen. Davon die Zahl.
Erst das BerÜHRen. Darin die UHR.

Erst die Gestirne – daran die Stirn
Erst das Gefeuer – daraus Gefahr.
Erst das Erfahren. Daraus die Fahrt.
Erst das Erglühen – darin die Glut.
Erst das Verwinden. Darin Gehirn.
Erst das Berühren. Darin die Bruht.

Die um-wirkende um-windende WIRKLICHKEIT.

Das Papier und die Tinte müssen erst werden – geschöpft.
Der Stahl muss erst werden – geglüht.
Der Draht muss erst werden – gedreht.
Der Stein muss erst werden – gerollt.
Der Meissel muss werden – geschreckt.
Die Linse muss werden – gewölbt
Der Spiegel muss werden – gesenkt.
Der Mund muss werden – gebeugt
Das Auge muss werden – erblickt.

Das Buch muss werden – gehalten.
Das Buch muss werden – offen.
Die Schrift muss erst werden – gelesen.

Die Frucht muss werden – gespeist.
Der Boden muss werden – bestellt.
Der Baum muss werden – gepflanzt.
Der Same muss werden – geplatzt.
Die Blüte muss werden – erblüht.

Der Apfel muss werden – gegessen.

ESSEN.

DIE VER-GESSEN-HEIT.

Die DAUER muss DAUERN und DÄUEN.

VERDAUEN.

Erst das DAUERN. VERGESSEN. Und darin die ZEIT.

Das Universum DAUERT – mich.

Das Universum DÄUT –

Es RÜHRT um und um.

Es RÜHRT mich um. Es BE-RÜHRT mich. Es um-wirkt.

Es brüht und brütet mich in seiner umrührenden Brühe.

Es RINGT um FASSUNG mit mir darin.

Das RINGEN um Fassung.

Es WIRKT immer weiter UM Fassung.
Es RINGT um FASSUNG in

VERSIONEN.

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE und VERSIONEN.

So physio-logisch hat man Wagner noch nie RINGEN hören:

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE

VERSO – Das VERSUM

Der PHYSIO-LOGOS

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.

Es ist egal, welchen Stern man wählt.
Weil jede Wahl passt und immer die Richtige ist.
Gestern. Heute. Morgen. Übermorgen.

Willkommen im KogniVersum.

Seien wir nachsichtig mit den CERNianern
Sie brauchen noch ein wenig Zeit,
bis auch bei Ihnen der Groschen gefallen ist.

Sie müssen Forschungsgelder verteidigen.
Stützungsanträge, Karieren und Pensionen.
Wer muss das nicht? Seien wir also nur ein ganz klein wenig: Ungeduldig.

Wir aber überlegen unterdessen schon mal, wie es weiter geht.

Tatsache ist, dass wir in einem Kogni-Versum leben.

Was heißt das?

Das heißt zunächst mal, dass wir die Aussage:

„Zeit ist relativ.“

ausweiten müssen auf die Aussage:

Zeit und Raum sind relativ.

Aber damit werden wiederum
die Einzelaussagen: „Zeit ist relativ.“ und „Raum ist relativ“ –

– gegeneinander – relativ.

Unser gesamtes Habitat wird damit – IN DIESEM AUGENBLICK – viskos – sich dehnend. Und dabei um-wirkend.

Sich dehnend. Sich ausdehnend im UM-WIRKENDEN Dehnen.

Das bedeutet konkret:

Wir leben in einer um-wirkenden/umwälzenden Ausdehnung. In einem DAUERNDEN Wirbel.

VERSO – etwas wälzen, umdrehen. Wir leben in einem Vers. Wir sind ein Vers.

Die technologischen Messungen zeigen uns keine objektiven Entfernungen
– und keine objektiven Zeiten oder Größen.
Anders gesagt: Das Universum zeigt sich unserer – Technik in einem Objektivitätsgrad – aber nicht in Objektivität.

Je weiter die „Entfernung“ desto weniger der Objektivitätsgrad.

Das bedeutet auch: Alle unsere Skalen dehnen und krümmen sich.
Das Meter ebenso wie die Sekunden. Nichts ist objektiv konstant.

Die Entfernungs – und Größenbestimmungen über die Supernovae vom TYP 1A sind ein SICH-IN-DIE TASCHE-LÜGEN der Astrophysiker.

Denn in diesem Universum gibt es nicht 1 Ereignis, dass mit einem 2. Ereignis VER-GLEICH-BAR wäre. Das Universum kennt keine Gleichheiten.
Es gibt in diesem Universum keine SUPERNOVA TYP 1A.

Weil dieses Universum nicht von einem Beamten für Beamte gemacht wurde!
Es kennt nur Versionen, also Harmonisierungen.

Alles, was wir mit unserer Technik beobachten sind Harmonisierungen vom TYP MENSCH.

Dieses Universum produziert nur Ähnlichkeiten (als Versionen) aber keine Gleichheiten.

Das Uni-Versum selbst – ist komplementär beschreibbar.

Es ist entweder – zeitlos – oder entfernungslos – raumlos – beschreibbar.

Aber es hat in jedem Fall: Eine DAUER und eine AUS-DEHNUNG

Weil es sich – immer – bewegt – schöpfend – dehnt.

Und deshalb bewegt es sich immer als Bewegendes. IRREVERSIBEL.

Es schöpft. Es dehnt. Es DAUERT.

Dass sich unser Meter und unsere Sekunde (scheinbar) für uns nicht ändert,
liegt daran, dass wir uns selbst immer mitändern.

Und es liegt daran, dass wir selbst uns in einer Art
großen um – wälzenden (versierten) sich eindrehenden stabilisierten Uhr befinden – die unser Habitat sowohl stabilisiert als auch harmonisiert.

Es gibt im ganzen Universum nicht eine einzige ganz gerade Linie.
Es gibt keine konstante Sekunde. Und keinen konstanten Meter.

Unsere spezielle umwälzende Uhr ist unsere Galaxie….und darin gekoppelt harmonisiert: Unser Sonnensystem an seinem wahr-scheinlichen Ort.

Wir selbst befinden uns – versiert – in einer DÄUENDEN,
sich ständig um-wälzenden – um-ringenden VERSION

Wir sind eine VERSION des UniVERSUMS. Ein VERS.

Wie lange die wirkende Dauer des gesamten Universums schon DÄUT,
lässt sich objektiv – von hier aus – nicht sagen,

weil wir selbst nur in einem bestimmten Zeitraum-Wirbel/Wirkung als in einer
Ver-dichtung (Dichtung) zu Hause sind. Dichtung: Vers. Version. Uni-Version.

Wir selbst sind also eine Ver-Dichtung. Ein Vers. Ein Uni-Vers.

(eine sich herum-wälzende Schöpfung) an einem ganz bestimmten
PHYSIO-LOGOS – in diesem dauernden Uni – Versum.

(VERSO, lateinisch: umdrehen, hin- und her-wälzen.)

Wir sind eine Version. Ein Vers. Eine Dichtung – eine Ver-Dichtung
An einem wahrscheinlichen (aber nicht absolut zufälligen) Zeit-Raum.

Jedes Sandkorn, jedes Ereignis, jeder Stern, jeder Mensch
ist eine Version, also ein VERS.

Reversibel in der Zeit. Aber irreversibel in der DAUER.

Deshalb ist jedes Wesen und jedes Ding einmalig – als Version – aber uni-versal,
weil aus der Dauer des Universums kommend und in seine Existenz hinein-gewälzt.

In unserer – Dichtung – als Version – er-zählen wir uns – in „Versen“
(als versierte Vers-ionen)

Das ist unsere Sprache – der Logos – der PHYSIO-LOGOS unserer VERSION

Er wälzt sich seit Jahrtausenden HERUM im VERS an Ge-STIRNEN von Frage und Antwort, Ja und Nein, Schweigen und Sprechen, Versuch und Irrtum, Leben und Tod. Angriff und Verteidigung. FLEXION und Re-FLEXION.

Das ist die uni-verse Physis der Gestirne und der uni-verse Logos – die Sprache.
Der PHYSIO-LOGOS- die VERSE des Uni-VERSUMS –
– der immer umwälzenden – aber niemals genau wieder einkehrenden Versionen im Uni-versum.

Reversibel in der Zeit – aber irreversibel in der DAUER

Die Sprache der um-ringenden DAUER. Der Wirbel des Physio-Logos.

Das ist unser RING – aber nicht als geschlossener und fester RING

Es ist unser RINGEN.

DAS RINGEN UM FASSUNG, in dem wir immer geboren werden.

Version (Das Wälzen) unserer Galaxie.
Version (Das Wälzen) unseres Sonnensystems.
Version (Das Wälzen) unseres planetaren Habitats.
Version unseres Blutkreislaufs. Versionen unserer Religionen, Geometrien,
Theorien und Gesänge….

Das UM-Wälzen von „Problemen“ – im Denken.

Frage-Nachfrage-Antwort etc….ER-ZÄHLEN.

Versionen (Drehungen) der Technik, der DNA, Motoren, CERN, Informations-Kreisläufe etc….

..und Versionen unserer konkav/konvexen Linsen und Spiegel
(das Hohlmachen, Einwälzen und das Aufbiegen/Aufwälzen – konvex-konkav)

Die DEMUT des Hohlspiegels, der „sich hohlt“ – hohl macht, leerbeugt, um sich im Licht zu er-zählen. (Hubble-Teleskop.)

Alle unsere Werkzeuge und unsere Geräte sind TAT-SACHEN.
(Wir tun mit ihnen in der Dauer.)

Auch unsere Sprache ist eine tuende tätige Tat. In der Dauer.

Aber als uni-verse Ge-Schöpfe ( er-zählte Vers-ionen)
bleiben wir immer mit dem gesamten Uni-Versum verschränkt.

Das heißt: Wir kommen aus seiner Dauer.

Alle unsere Handlungen; alle kleinen und großen Entschlüsse (ER-ZÄHLUNGEN) eines jeden Menschen liegen potentiell immer schon als Wahrscheinlichkeit im Uni-Versum vor.

Aber verschränkt sind wir nicht nur mit den Vers-ionen der Planeten-Umwälzungen, sondern mit absolut allem, denn wir sind UNI-VERS-
EN-TROPISCH GeWälzte.

(Darin liegt auch der tiefere Grund für die Präzision des Maya-Kalenders.)

Das Schick-Sal eines Menschen, einer Zivilisation oder eines Planeten
ist weder ganz zufällig noch ganz determiniert, aber es folgt einer
Wahr-Scheinlichkeit im uni-versen Feld – in das es ge-schickt wurde und ge-schickt ist.

Auch wir sind als Gattung ge-schickte. Gewälzte.

(Nehmen wir es an. Seien wir ab jetzt Ge-Schickte)

VERSIBEL und VERSIERT in der ZEIT. Aber IRREVERSIBEL in der DAUER.

Ein solches Feld der Schickung ist ein Feld der thermodynamischen Verteilung.
Es hat offene Mitten und offene Ränder.

Die Ränder machen die Mitten. Die Mitten machen die Ränder.

In Paarbildung.

Ver-Teilung meint hier ganz wörtlich:
Jedes Ge-Schöpf wird geboren mit An-Lagen.

Jede Existenz hat ihr eigenens An-Liegen an ihr Gestern und an ihr Morgen.

Das gilt auch für Steine, Tiere, Pflanzen, Planeten etc…

Sie liegen – an. In Gegen-Wart. – warten – sie ihr – Ei-genes.

Das Ei des Ei-genen.

Etwas liegt – von früher her – an – und wälzt sich- versiert – ge-schickt entropisch – gegen – das Morgen hinein.

Deshalb ist jeder Stein, jedes Ereignis, jeder Planet
und jedes Wesen ein kausales Ge-Schöpf.

Es kommt an-liegend aus der von früher – an-liegenden DAUER.

Es dreht sich, es wälzt sich schöpfend in sein Er -Ei- gnis.

Es ist Ei gen. Eine Ei-genheit.

Da dieses an-liegende sich dehnende Feld im Ereignis
aber prinzipiell offene Ränder hat – sind wir zwar ge-schickte
und kausale Ge-Schöpfe –

aber mit offenen Rändern –

wir sind nicht total determiniert, aber wir sind trotzdem kausal.

Oder anders gesagt: Wir sind als uni-verse Ge-Schöpfe voll kausal,
bleiben aber wahr-scheinlich.

Die Redewendung: Jemand wurde unter einem bestimmten Stern geboren – ist genau so zu verstehen. Als in einem Feld der Verteilungen eingestreut.

Auf Grund der prinzipiellen (ad-hoc) Verschränkung mit der DAUER des UniVERSUMS – ist auch Prophetie oder Fernwahrnehmung möglich, und – in bestimmten Fällen – nicht ganz ausgeschlossen – leider – der so genannten Spuk – im Sinne einer psycho-physischen Wechselwirkung mit dem offenen VERSO der PSYCHE und dem VERSO der Physis.

(Dass hier viele lustige Spinner, Witzbolde oder Scharlatane unterwegs sind, gehört zum Spiel, ändert aber nichts an der Wahrheit.)

Warum nun werden so-genannte „Freak-Events“ – als Spuk
oder telepathische Erfahrungen oder Offenbarungen
als nicht-wissenschaftlich eingestuft?

Und warum werden Menschen denunziert, oder trauen sich nicht,
mit bestimmten Erfahrungen öffentlich zu werden.

Die Antwort lautet: Weil diese Erfahrungen irreversibel sind.

Das bedeutet: Sie sind nicht reversibel.
Also nicht beliebig wiederholbar.

Wissenschaftlich gesprochen:
Sie sind nicht in einem Labor beliebig reproduzierbar.

Warum sind sie das nicht?

Sie sind deshalb nicht reproduzierbar –
weil sie irreversibel sind – also nicht reversibel – nicht reproduzierbar.
Zwar leben wir als Vers-ionen in reversibler Umwälzung – also zeitlichen Reversibilitäten,
aber diese Umwälzungen folgen einem irreversiblen Zeitpfeil – in der DAUER, so wie ein Wirbel, der in sich umwälzt – aber irreversibel in einer Richtung strömt. Wir sitzen prinzipiell im innern unseres Wirbels. Aber die Flussrichtung dieses Wirbels ist irreversibel in der Dauer.

Weil das Universum prinzipiell seit seiner Entstehung irreversibel – kausal sich dehnt.

In seine Dauer hinein dehnt.

Da unser Bewusst-Sein aber einer sehr starken – scheinbar – reversiblen Um-Wälzung folgt (Blut-Hirn) und selbst das Er-Ei – gnis einer starken Ein-Krümmung/Ein-Windung ist – und im Innern seines – däuenden – Wirbels sitzt, konstruiert es die Welt zeitlich reversibel – wiederholend. Scheinbar wiederholend.

Also reproduzierbar.

Das ist auch lebens-NOT-WENDIG.

Weil nur in der zeitlichen Reversibilität also in der Wiederholung ein Ding,
ein Gerät, eine Sache, eine Pflanze, ein Tier, ein „ICH“ und ein „DU“
seine Ei-gene DAUER haben kann.

Auch ein Wirbel ist innerlich reversibel, aber bezogen auf seine Richtung irreversibel.

In dem wir unsere Reversibilität – dauernd – reproduzieren/ VERSIEREN
wiederholen wir uns in unser Eignis hinein als Er Ei gnis.

Das Ei-gene ist – das „Ei“ des Bewusst-Seins.

Die Eigen-Heit eines jeden Menschen ist seine Reversibilität in den Umdrehungen seines Wirbels.

Aber die Uni-Versalität ist seine Nichtwiederholbarkeit als Charakter
bezogen auf die DAUER.

Die Eigenheit meint aber nicht: Geschlossensein

Die Eigenheit meint: Nichtwiederholbarkeit.

Dieses Ei im EI-GEN-SEIN hat offene Ränder, weil es kein Ei ist
sondern – IN WIRKLICHEKEIT eine starke Einkrümmung/
Verwirbelung in der DAUER

Die Dauer – ist irreversibel in ringender Dehnung. Sie DÄUT.

Ein Wirbel mit einer bestimmten Richtung und in einer bestimmten Achse.

„Freak-Events“ oder „Erlebnisse“ oder „un-heimliche Begegnungen“ sind
ein Grenz-Schicht-Geschehen und im wahrsten Sinne des Wortes –
RAND-ERSCHEINUNGEN – des Offenen. (Offen-Barungen)

Des irreversiblen – also nicht beliebig wiederholbaren VERSO.

Zur Physik:

Materie ist eine FORM und zwar eine gewirbelte ZEIT-FORM der
thermischen DAUER.

Materie ist genau so eine ZEIT-FORM wie LEBEN oder BEWUSST-SEIN.

All dies sind IN-VERSIONEN – EIN-WÄLZUNGEN – Von der DAUER geformte oder verdichtete- Zeit-Räume.

Kleine oder große TORNADOS. (Ein-Wendungen)

Die schwache Wechselwirkung – der radioaktive Zerfall –
ist der „drehende Wind“ in den Aussenbezirken eines Tornados,
der sich all-mählich verbraucht und der ebenfalls keine scharfen Ränder hat.

Deshalb zerfällt auch Materie. Das heißt: Sie löst sich nicht auf, sondern ein.
Die eine schneller, die andere langsamer.

Die starke Wechselwirkung, welche die „Kerne“ im Innern der Materie
zusammenhält, ist der „drehende STURM“ im Schlauch des Tornados.

Bei der Kernspaltung wird Energie frei, weil ein Tornado-Schlauch, wenn
er platzt – seine Dreh-Impuls-Energie – plötzlich abgeben muss.

(Die Anreicherung von Uran-in Zentrifugen oder per Diffusions-Trennung
meint nichts anderes, als dass man ein „Element“ künstlich nach Drehimpulsen anreichert – oder sortiert und es damit „schwerer“ macht – als es von Natur aus ist. Man macht den Tornadoschlauch dicker und schwerer.

Der Tornado-Schlauch wird – radio-aktiviert.
(Man beachte das „radius“ im Wort)

Aber damit wird er zugleich instabiler, zer-fälliger.

Bei der „Kernfusion“ wiederum wird Energie frei, (Unsere Sonne)
weil ein Tornado-Schlauch sich gegen seine Zusammenpressung verteidigt –
in dem er Dreh- Impuls-Energie abgibt.

Der Tornado-Schlauch „verteidigt sich“ per Energie-Abgabe gegen die Zusammenpressung, weil er prinzipiell nicht stille stehen kann. Also man kann ihn nicht an-halten, denn das würde bedeuten – das Universum anhalten – die Dauer anhalten – und das ist nicht möglich.

Die ENERGIE, um die es hier geht – ist WARME oder HEISSE, HARTE STRAHLUNG und zwar eine aus der ROTATION geborenen WELLE – als Schwingung, als Dreh-Impuls-Energie. LICHT und das elektromagnetische Spektrum.

Diese ENERGIE ist die Uni-VERSE ENERGIE der DAUER.

Energie ist DAUER. SIE däut. Sie VERDAUT. In dem sie Arbeit leistet.

Diese ENERGIE gehörte immer schon dem Universum an und unterliegt
deshalb ebenfalls der Entropie. Auch eine Maxwell-Funktion hat Entropie.

Die Lichtgeschwindigkeit selbst – dehnt sich – in der Dehnung des Universums.

Aber damit kann man kaum noch von einer „Geschwindigkeit“ sprechen, höchstens von einer Ausbreitung, Ausdehnung.

Sprechen kann man nur noch davon:
LICHT WIRD. DAS UNIVERSUM WIRD.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen ZEIT-RAUM-WIRBELN
der DAUER.

In Wirklichkeit gibt es weder „Protonen“, noch „Elektronen“, noch „Neutronen“,
noch „Quarks“ … und auch keine Alpha oder Beta-Teilchen.

Was hier – als „Teilchen“ – falsch/richtig diskret gezählt und immer wieder reproduziert wird – sind „harmonisierte“ Dreh-Impulse unseres ganz speziellen Zeit-Raum – Habitats – hier an unserem harmonisierten Ort samt unserer harmonisierten Techniken und Geräte – in einer streng harmonisierten Evolution.

Diese unsere Evolution beginnt streng genommen immer schon mit dem Beginn
des gesamten Universums, dessen letzte Ursache nach wie vor unklar bleibt

Unsere Harmonisierung aber ist so dominant, (versiert) dass sie uns alles im Universum nach unserer Geräte-Harmonisierung und der technischen Gelingens-Harmonisierung sozusagen – technisch zurecht-legt.

Sogar unserer Elemente-Unterteilungen, wie wir sie ER-ZÄHLEN und auch „erleben“ die Spektral-Linien, die wir ER-ZÄHLEN, sind harmonisierte Zurecht-Dichtungen. Also NOT-WENDUNGEN unserer Verschränkung mit der DAUER des Universum. Hier im harmonisierten EI unserer Ei-Genheit.
Deshalb auch die berühmte Nadelspitze aller unserer kosmologischen Werte – von der „Feinstrukturkonstante“ bis zum „Elektronenvolt“ – die Katze, die immer da die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken – als „anthropisches Prinzip“

Diese harmonisierten „Diskretionen“ in unserer Elemente-Tafel (Pseudo-Diskretionen) zeigen eine Morphologie, unsere Morphologie – hier in unserem Zeit-Ort-Wirbel.
Unsere Zeit-Raum-Uhr im Zusammenspiel unserer harmonisierten ER-Eignisse.

Die Harmonisierung ist so dominant mit unserer Technik verknüpft, dass wir auch in fernen Sternen und Galaxien die „selben“ Elemente vorzufinden glauben.

Und also die „selben“ Unterteilungen für die „gleichen“ Unterteilungen halten.
Was sie aber nicht sind.

All das zeigt immer UNS SELBST und unsere Geräte als – gezählte – quantisierte „Zähler“ des Uni-Versums. In Versionen. (Im funktionalen Herum-Wälzen) In Er-Ei-gnissen. Oder Er-Gebnissen (In Ergebenheit.)

Versionen sind Harmonisierungen – (Verse) und als solche
pseudo-diskrete Ereignisse.

Statistisch hervor-gewälzt aus unserem evolutionären Ge-Schick im RINGEN von Trial and Error, Versuch und Irrtum, Rede und Widerrede. Gegenwart und Widerwart.

Das – was wir GELINGEN nennen – oder technisches GELINGEN nennen – ist eine Harmonisierung – unseres RINGENS – eine weitere VERSION – ein weiterer VERS – eine DICHTUNG. Hervorgegangen aus dem WÄLZEN von Problemen – in EX-Perimenten und Laboren.

Die Irritation am Doppelspalt (Welle/Teilchen) ergibt sich, weil unser eigenes Handeln als EX-perimentierende immer mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums korreliert.

Wenn wir das Universum beobachten, beobachten wir uns selbst, das heißt:

Das Universum beobachtet auch uns – und zwar ad hoc.

Indem das Universum uns beobachtet – erzeugt es uns – als Handelnde – im Er-Eignis. Pseudo-Diskret. Als „Beobachter“.

Das selbe gilt für die „Verschränkung“ am Mach-Zehnder-Interferrometer.

Das “ verschränkte Teilchen“ ist kein „Teilchen“ – oder „zwei Teilchen“ – sondern die Ad-hoc-Korrelation unserer Handlung mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums.

Das heißt: Wir waren immer schon verschränkt.

Ob man eine Kaffee-Tasse anhebt oder ein Teilchen erzeugt oder eine Atombombe baut ist gleich-gültig. (Mit Binde-Strich, also nicht: Gleichgültig)

Alle „Er-eignisse“ kommen aus der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums
als einem Wahrscheinlichkeits-Feld mit offenen Rändern.

Deshalb ist die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenphysik eine
Lebens-Lüge der ästhetischen Physik.

Eine LEBENS-LÜGE – not-WENDIG, um den MATHEMATIKER und den PHYSIKER als „kalte“ Beobachter am Leben zu halten. Als TECHNIKER zu plausibilisieren.

Der Strömungs-Sog der Gravitation hat die Reichweite unendlich,
weil er aus der DAUER des Universums kommt.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen Zeit-Raum-Wirbeln.

Die Gravitation ist ein Effekt der Expansion, das ist: Die DAUER des Universums in Aus-Dehnung.

Deshalb kann man sie mittels (tiefer) Temperatur und Rotation auch ein-kehren.
oder umkehren (Martin Tajmar). Weil die DAUER des Universums mit der Energie und der Masse – also mit dem Hinein-Drehen der Entropie konjugiert ist.

Was folgt noch aus einem Kogniversum?

Daraus folgt, dass unsere eigene sich aufrichtende Vertikal-Spannung auch motiviert sein könnte von einem Dialog, den wir seit je her – in der Kognition – mit anderen Zivilisationen (Versionen) führen. Wir nehmen unbewusst daran An-Teil.

Aber schon alles, was sich dreht, ist bereits eine VERSION.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weiter-entwickelte Zivilisationen gelernt haben, sich kognitiv „zu unterhalten“ – quasi telepathisch.

Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir etwas davon abbekommen.

Eine höher entwickelte Zivilisation dürfte die Fähigkeit ausgebildet haben,
ihre Abschirmungs-Strategien (Ihre Ei-gen-Heit) je nach Belieben an- oder abzuschalten.

Womöglich kann sie sich sogar über weite Strecken „bewegen“ ohne
Probleme mit „Einsamkeit“ zu bekommen – eben weil sie die kognitive
Kommunikation beherrscht.

Insofern spielt hier die „Lichtgeschwindigkeit“ überhaupt keine Rolle mehr.

Zum Anderen könnte eine geringe Zahl von „echten“ Ufo-Sichtungen
oder „Begegnungen“ als „Freak-Events“ auf eben unsere kognitiv
offenen Ränder hinweisen – folgend aus der grundsätzlichen Offenheit
aller thermodynamischen Ränder

Als Rand-Erscheinung des nichtgeschlossenen Ereignisfelds sind sie wahr-scheinlich.

Es ist möglich, dass höher entwickelte Zivilisationen sich sozusagen in
kognitiven Schiffen – also in kognitiver Navigation bewegen können.

Und unter bestimmten rand-öffnenden Bedingungen könnten sie sich uns
dann „zeigen“ – – –

Bei uns HERUM-SPRINGEN – HERUM-FLIEGEN – HERUM-SPUKEN.

UM-WANDELN.

(Aber das war jetzt weit vorgegriffen.)

Es bleibt dabei: Wer immer noch glaubt, Zahlen oder mathematische Funktionen
seien temperaturlose also dauer-lose oder „kalte“ Gebilde ohne Dauer – der kann sich noch die nachfolgenden Einwendungen zu Gemüte führen, oder er stellt sich die Frage, welchen Sinn Zahlen machen, die von keinem rechnenden – also warmen – Gehirn geführt werden.

Wer meint, Mathematik stünde über dem ein-wendenden und entropischen VERSO des Logos – müsste sich vielleicht noch einmal mit der Geschichte der Philosophie und aller Wissenschaft befassen, insbsondere mit der evolutionären Erkenntnistheorie.

Wer sagt, Arithmetik oder Geometrie seien „einfach so da“ – temperaturlos im Apriori – der wäre gehalten, einen Mathematiker, einen Computer oder einen Physiker vorzustellen, der ohne Ernährung, Essen, Trinken oder Strom auskommt – folglich: Ohne Temperatur.

Wer die Meinung vertritt, die Raumzeit-Krümmung sei nur Geometrie, sollte dann auch begründen können, wie in einem randunscharfen Universum „Linien“ oder „Flächen“ genau zu definieren sind.

Wer glaubt, eine sogenannte „Funktion“ bräuchte keine
energetische Dreh-Routine – sei es als Stromkreis im Rechner oder als
Blut-Kreislauf im rechnenden Mathematiker – der glaubt eben nur.

Wer irgendwelche temperaturlosen „mathematischen Punkte“ oder Eulersche Masse-Punkte im Universum vermutet, der müsste dann auch überzeugend Punkte im Universum vorweisen, die ganz ohne Temperatur sind. Was nach heutigem Ermessen eher schwer fallen dürfte.

Wer Worte wie „Reversibilität“ oder „System“ oder „Punkt“ oder „Konstante“ oder „Teilchen“ benutzt ohne dabei zugleich mitzuteilen, dass es sich hierbei nur um eine begriffliche Hilfs-Krücke (h wie Hilfskrücke) der temporären Stabilisierung handelt – in einer speziellen Harmonisierung, der kann diese Überlegung mit ein bisschen Selbstüberwindung immer noch nachholen.

Wer das Wort oder die Zahl „Eins“ benutzt, könnte dabei zugleich mitreflektieren, dass vor jeder „Eins“ immer schon ein „ICH“ im „DU“ aus der DAUER hervorgegangen sein müssen.

Wer nicht so richtig versteht, wie die ENTROPIE als das EIN-WENDENDE Geschehen wirkt, das sowohl Formen schafft – indem es die DAUER zu reversiblen ZEIT-Räumen (Funktionen) verwirbelt – und diese auch wieder öffnet – eben weil ein Wirbel sowohl offen als auch geschlossen ist – und nur eine endliche ZEIT haben kann – aber eine vor-und nachläufige DAUER, der könnte sich auch einmal mit Sprache befassen, die das Universum auch zu einem Kogniversum macht.

Unserem Gehör ist ein spiralförmiger verwirbelter Apparat vorgelegt – die Cochlea.

Das Gleichgewichtsorgan für die Lage im Raum sitzt bei uns im Innen-Ohr
und zeigt ebenfalls eine sich ein-krümmende – bogenförmige Ausprägung.

Ich muss keine VERSIONEN mehr hören. Denn ich habe sie immer schon im Ohr.

Carmina Burana, 12.-13. Jahrhundert.

Das Wort Schöpfung meint wörtlich ein Schöpfen wie von Wasser mit den
hohlen Händen der Sprache. Die Sprache muss sich selbst leer machen, um voll zu werden. Dieses Sich-Leermachen der Sprache verweist auf ein Ausserhalb der Sprache. Sprache, die im Chronischen  ihre Hände hohl formt, vom Chronischen geformt wird, und es schöpft, ausschöpft – das ist Schöpfung, also Dichtung.

Eine Anerkenntnis. Da sind Kompositionen und Texte, die behalten auch nach tausendfacher Ver-Ohrwurmung und Verschlagerung  ihre un-heimliche Autorität, ihre unbestreitbare Dichtungs-Qualität von Artikulation.

Diese Texte sind  Gefäße, in welche viel nachfolgendes
Gerede hineinplätschert wie in den großen Gulli einer Kanalisation.

Carl Orffs musikalische Eingebung zu diesem alten Text der Carmina Burana verdankt sich einem Gespür für das Einfache und ganz Einfache, das  nicht trivial ist.
Erst eine bestimmte Art von Demut, die sich zu einem Welt-Gefäß, zu einer Welt-Schale leer-beugt, leerschmiegt – kann ein Pathos schöpfen, das kein Kitsch ist – sondern  Re-Flexion – nach – der Flexion (Biegung)

Das Rad der Fortuna

Das Rad der Fortuna

Da wirkt das große rund  (gebogene, flexive) umgreifende Pathos der Schöpfung als einer Geburt aus dem Tod – des  an-dauernden, anrollenden Wirbels/Rades  – (eben dieses Rad, das auch der immerkranke und halbgenaue Nietzsche nur von Hesekiel geklaut hatte, wenn auch unbewusst.)

Aber diese sich leerbeugende Schale ist keine zappelnde Fuchtel, keine Knattermimik der bloßen Zeugung und Selbstbezeugung, oder der kulissischen Verklärung.

Sprache, die nur noch konvex zeugend aber nicht mehr konkav/konvex schöpfend agiert, kann keine Welt-Linse/Schale sein.
Eine solche Sprache wackelt sich selbst etwas vor, zappelt dabei immer im Halben, fuchtelt und stochert im Irrelevanten.

Linsen oder Spiegel als gedrehte Schalen

Linsen oder Spiegel als gedrehte Schalen

Das Wort Schöpfung meint wörtlich ein Schöpfen wie von Wasser mit den
hohlen Händen der Sprache. Die Sprache muss sich selbst leer machen, um voll zu werden. Dieses sich Leermachen der Sprache verweist auf ein Ausserhalb der Sprache. Sprache, die im DAUERNDEN herum ihre hohle Hand formt, biegt, beugt, vom Dauernden gebeugt wird, (Flexion – Re-Flexion) und es schöpft, ausschöpft – das ist Schöpfung, also Dichtung.

Wo Sie aufdringlich sich selbst bezeugt, in Stilen, Tricks, Tönen und Jonglagen gerät sie zur ontisch/ontologischen  Ab-Dichtung. Die Ästhese, die sich mit dem K verstopft –  zur Ästehti-k

In einer frühen Zeit, in der Dichter manchmal auch Lügner genannt werden durften, was man als Kompliment verstehen muss, eben weil sie klug und nicht dumm waren, zum Teil notlügend, weil sie als Umherstreifende (Vaganten) lebten – mit höchstem Lebensrisiko und nicht als  „Wohnende“ und „Habende“  – in dieser Zeit konnte sogar das Latein im Kontakt mit dem Mittelhochdeutschen und Provencalischen der Felder, Straßen und Wege lebendig sich beatmen. Der Vagant, als der Umherstreifende, ist der Typus des nichtdummen Dichters.

Das 19. Jahrhundert hat dann – nach den römisch saturierten Satirikern den Flaneur wiederbelebt als Pseudo-Vagant. Oder Vaganten-Ersatz. Aber dieser städtische Pseudo-Vagant dichtet längst ungefährdet, umbaut und umstädtert.
Er ist und bleibt eine Kaffee-Haus-Figur, ein Trottoire-Troubadour hinter zivilisatorischen Sicherungen der Stadt-lichkeit. Seine Artikulationen sind immer auch Selbststaffagen vor (platten) Spiegeln, vor  Schaufenstern.
Die Dichter im Paris des 19.Jahrhunderts, das eben diesen Flaneur erfand, haben das immer auch gewusst und artikuliert.
Die eigentliche Qualität der Dichtungen eines Rimbaud  speist sich aus ihrem Selbstekel. Das l’art pour l’art ist immer schon Selbstekel. Schon der berühmte Titel „Blumen des Bösen“ von Baudelaire spricht eben als  eine ganz helle und ganz deutliche Metapher. Überhaupt nichts Geheimnisvolles oder gar Dunkles „verbirgt“ sich darin.
Es spricht sich darin aus eine sehr genaue Exaktion zur eigenen Existenz.
Die Besten unter den Pariser Künstlern flüchteten dann auch in die Südsee.

Ein Vagant des 12. 13. und 14. Jahrhunderts dagegen, ausserhalb der Stadt, war noch nicht mal eine Blume mit einem Boden, er war zugleich mehr und auch weniger, er war ein treibender Same. So ein Vagant musste auf der Hut bleiben. Er konnte jederzeit für ein Wort oder aus Versehen oder aus purem Zorn von einem reitenden Herren, dem Ritter, zertreten und zerschlagen werden.

O Fortuna –   Rad des Ge-Schicks. (Schick-sals) Hier dreht das Rad, das als Fortuna sich immer wieder wendet von Höhepunkt nach Totpunkt. Zugesprochen dem Wechsel der Mondphasen (velut luna). In der Natur der Technik leben die Hebungen und Senkungen der kreisenden, sich ein – und aufbiegenden (Flexion, Reflexion) (atmenden) Kreisläufe der phasendrehenden Motoren und an-dauernden Wellen bis in die DNA hinein und wieder aufwogend bis in die Linsen und Spiegel kosmologischer oder mikroskopischer Beobachtung

Sinus: Drehung, Dreieck, Kreis und Winkel.

Sinus: Drehung, Dreieck, Kreis und Winkel.

Elektromagnetische Schwingung

Elektromagnetische Schwingung

„esse“-lateinisch: sein  – kommt aber ethymologisch ebenfalls von: atmen.
Die Dauer  schickt  dieses Atmen in das technische Ge-Schick hinein.

1. Fortuna, Imperiatrix mundi

O Fortuna velut luna statu variabilis, O Fortuna! Wie der Mond  – so veränderlich,

semper crescis aut decrescis; vita detestabilis  Wachst du immer oder schwindest! Schmähliches Leben!

nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem, Erst misshandelt, dann verwöhnt es spielerisch den wachen Sinn.

egestatem, potestatem, dissolvit ut glaciem. Dürftigkeit, Großmächtigkeit, sie zergehn vor ihm wie Eis.

Sors immanis et inanis, rota tu volubilis, Schicksal, ungeschlacht und eitel! Rad, du rollendes!

Drehmoment eines Elektromotors

Drehmoment eines Elektromotors

status malus, vana salus semper dissolubilis, Schlimm dein Wesen, dein Glück nichtig, Immer im Zergehn!

obumbrata et velata michi quoque niteris; Überschattet und verschleiert kommst du nun auch über mich.

nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris. Um des Spieles deiner Bosheit trag ich jetzt den Buckel bloß.

Sors salutis et virtutis michi nunc contraria, Los des Heiles und der Tugend sind jetzt gegen mich.

est affectus et defectus semper in angaria. Willenskraft und Schwachheit liegen immer in der Fron.

Hebungen und Senkungen der DNA (Wellen)

Hebungen und Senkungen der DNA (Wellen)

Hac in hora sine mora corde pulsum tangite; Drum zur Stunde ohne Säumen rührt die Saiten!

quod per sortem sternit fortem, mecum omnes plangite! Wie den Wackeren das Schicksal hinstreckt; alle klagt mit mir!

2. Fortune plango vulnera    2. Die Wunden, die Fortuna schlug

Fortune plango vulnera stillantibus ocellis. Die Wunden, die Fortuna schlug, beklage ich mit nassen Augen,

quod sua michi munera subtrahit rebellis. Weil sie ihre Gaben mir entzieht, die Widerspenstige.

Verum est, quod legitur, fronte capillata, Zwar, wie zu lesen steht, es prangt ihr an der Stirn die Locke,

sed plerumque sequitur Occasio calvata. doch kommt dann die Gelegenheit, zeigt sie meistens ihren Kahlkopf.

In Fortune solio sederam elatus, Auf Fortunas Herrscherstuhl saß ich, hoch erhoben,

prosperitatis vario flore coronatus;   mit dem bunten Blumenkranz des Erfolges gekrönt.

quicquid enim florui felix et beatus, Doch, wie ich auch in der Blüte stand, glücklich und gesegnet:

Prinzip der Peristaltik 1

Prinzip der Peristaltik 1

nunc a summo corrui gloria privatus. Jetzt stürze ich vom Gipfel ab, beraubt der Herrlichkeit.

Quantisierende Peristaltik (Verdauung)

Quantisierende Peristaltik (Verdauung)

Fortune rota volvitur: descendo minoratus; Fortunas Rad, es dreht sich um: Ich sinke, werde weniger,

Sinus: Drehung, Winkel, Dreieck, Kreis,

Sinus: Drehung, Winkel, Dreieck, Kreis,

alter in altum tollitur; nimis exaltatus  den anderen trägt es hinauf: Gar zu hoch erhoben

rex sedet in vertice – caveat ruinam! sitzt der König auf dem Grat: Er hüte sich vor dem Falle!

nam sub axe legimus Hecubam reginam. Denn unter dem Rade lesen wir: Königin Hecuba.

Prinzip der peristaltischen Pumpe

Prinzip der peristaltischen Pumpe

O VERE / FRÜHLING

3. Veris leta facies 3. Frühlings heiteres Gesicht

Veris leta facies mundo propinatur, Frühlings heiteres Gesicht schenkt der Welt sich wieder

hiemalis acies victa iam fugatur, Winters Strenge muss, besiegt, nun vom Felde weichen.

in vestitu vario Flora principatur,  Flora tritt im bunten Kleid ihre Herrschaft an,

nemorum dulcisono que cantu celebratur. mit süßtönendem Gesang feiern sie die Wälder.

Flore fusus gremio Phebus novo more In Floras Schoße hingestreckt lacht Phoebus nun aufs Neue.

risum dat, hoc vario iam stipata flore. Von diesem mannigfachen Blühn umringt,

Zephyrus nectareo spirans in odore. atmet Zephyrus in nektarreinem Dufte.

Certatim pro bravio curramus in amore. Lasst uns um die Wette laufen nach dem Preis der Liebe.

Cytharizat cantico dulcis Philomena, Mit ihrem süßen Liede präludiert die süße Philomele.

flore rident vario prata iam serena,  Voll bunter Blumen lachen nun heiter schon die Wiesen.

salit cetus avium silve per amena, Vogelschwärme ziehen durch des Waldes Lieblichkeiten.

chorus promit virginum iam gaudia millena.  Reigentanz der Mädchen bringt Freuden tausendfältig.

Das CERN im Schema

Das CERN im Schema

4. Alles macht die Sonne mild

Omnia sol temperat purus et subtilis, Alles macht die Sonne mild, sie, die Reine, Zarte.

novo mundo reserat faciem Aprilis, Neues schließt das Angesicht des Aprils der Welt auf.

ad amorem properat animus herilis Wiederum zu Amor hin drängt die Brust des Mannes.

et iocundis imperat deus puerilis. Über alles Liebliche herrscht der Gott, der Knabe.

Rerum tanta novitas in solemni vere Solche Allerneuerung in dem feierlichen Frühling,

et veris auctoritas jubet nos gaudere; und des Frühlings Machtgebot will, daß wir uns freuen.

vias prebet solitas, et in tuo vere Altvertraute Wege weist er, auch in deinem Frühling

fides est et probitas tuum retinere. fordert Treu und rechten Sinn: Halt ihn fest, der Dein ist!

Ama me fideliter, fidem meam noto: Liebe mich mit treuem Sinn! Sieh auf meine Treue,

de corde totaliter et ex mente tota die von ganzem Herzen kommt und von ganzem Sinne.

sum presentialiter absens in remota, Gegenwärtig bin ich dir auch in weiter Ferne.

quisquis amat taliter, volvitur in rota. Wer auf solche Weise liebt, ist aufs Rad geflochten.

5. Ecce gratum 5. Sieh, der Holde!

Ecce gratum et optatum Ver reducit gaudia, Sieh, der Holde und ersehnte Frühling bringt zurück die Freuden.

purpuratum floret pratum, Sol serenat omnia. Purpurrot blüht die Wiese, alles macht die Sonne heiter.

Iam iam cedant tristia! Weiche nun die Traurigkeit!

Estas redit, nunc recedit Hyemis sevitia. Sommer kehrt zurück, des Winters Strenge muss nun weichen

Ah! Ah!

Iam liquescit et decrescit grando, nix et cetera; Nun schmilzt hin und schwindet Hagel, Schnee und alles Andere.

bruma fugit, et iam sugit Ver Estatis ubera; Der Winter flieht und schon saugt der Frühling an des Sommers Brüsten.

illi mens est misera, Das muss ein Armseliger sein,

qui nec vivit, nec lascivit sub Estatis dextera. der nicht lebt und nicht liebt unter des Sommers Herrschaft.

Ah! Ah!

Gloriantur et letantur in melle dulcedinis, Es prangen und schwelgen in Honigsü.e,

qui conantur, ut utantur premio Cupidinis: die’s wagen und greifen nach Cupidos Lohn.

simus jussu Cypridis Auf Cypri’s Geheiß

gloriantes et letantes pares esse Paridis. wollen prangend und schwelgend dem Paris es gleichtun.

7. Floret silva nobilis 7. Der edle Wald grünt

Floret silva nobilis, floribus et foliis. Es grünt der Wald, der edle, mit Blüten und mit Blättern.

Ubi est antiquus meus amicus? Wo ist mein Vertrauter, mein Geselle?

Hinc equitavit, eia, quis me amabit? Er ist hinweggeritten! Eia! Wer wird mich lieben?

Floret silva undique, Es grünt der Wald allenthalben.

nah min gesellen ist mir wê. Nach meinem Gesellen ist mir weh.

Gruonet der walt allenthalben, Es grünt der Wald allenthalben.

wa ist min geselle alse lange? Wo bleibt mein Geselle so lange?

Der ist geriten hinnen, Er ist hinweggeritten!

o wi, wer sol mich minnen? Oh weh! wer wird mich lieben?

8. Chramer, gip die varwe mir 8. Krämer! Gib die Farbe mir

Chramer, gip die varwe mir, Krämer! Gib die Farbe mir,

die min wengel roete, Meine Wangen rot zu malen,

damit ich die jungen man Dass ich so die jungen Männer,

an ir dank der minnenliebe noete. Ob sie wollen oder nicht, zur Liebe zwinge.

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Männer!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

Minnet, tugentliche man, Liebet, rechte Männer,

minnecliche frouwen! Liebenswerte Frauen!

minne tuot iu hoch gemout Liebe macht euch hochgemut

unde lat iuch in hohen eren schouwen. Und läßt euch in hohen Ehren prangen.

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Männer!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

Wol dir, werlt, daz du bist also freudenriche! Heil dir, Welt, daß du bist an Freuden so reich!

ich will dir sin undertan Ich will dir sein Untertan

durch din liebe immer sicherliche. Deiner Güte wegen immer sicherlich!

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Mäner!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

9. Reie 9. Reigen

Swaz hie gat umbe, daz sint alles megede, Was hier im Reigen geht, sind alles Mägdlein,

die wellent ân man alle disen sumer gan! die wollen ohne Mann diesen ganzen Sommer gehn.

Ah! Sla! Ah! Sla!

Chume, chum, geselle min, Komme, komme, Geselle mein!

ih enbite harte din, Ich erwarte dich so sehr,

ih enbite harte din, Ich erwarte dich so sehr.

chume, chum, geselle min. Komme, komme, Geselle mein!

Suzer rosenvarwer munt, Sü.er, rosfarbener Mund!

chum un mache mich gesunt, Komm und mache mich gesund!

chum un mache mich gesunt, Komm und mache mich gesund,

Ah! Ah!

suzer rosenvarwer munt. Sü.er rosafarbener Mund!

Swaz hie gat umbe, daz sint alles megede, Was hier im Reigen geht, sind alles Mägdlein,

die wellent ân man alle disen sumer gan! Die wollen ohne Mann diesen ganzen Sommer gehn.

Ah! Sla! Ah! Sla!

10. Were diu werlt alle min 10. Wäre auch die Welt ganz mein

Were diu werlt alle min Wäre auch die Welt ganz mein

von deme mere unze an den Rin Von dem Meer bis an den Rhein,

des wolt ih mih darben, Gern ließe ich sie fahren,

daz diu chünegin von Engellant wenn die Königin von Engelland

lege an miner armen. Hei! Läge in meinen Armen. Hei!

II. IN TABERNA / IM WIRTSHAUS

11. Estuans interius 11. Glühend in mir

Estuans interius ira vehementi Glühend in mir von heftigem Ingrimm

in amaritudine loquor mee menti: Sprech ich voller Bitterkeit zu meinem Herzen:

factus de materia, cinis elementi Geschaffen aus Staub, Asche der Erde,

similis sum folio, de quo ludunt venti. Bin ich dem Blatt gleich, mit dem die Winde spielen.

Cum sit enim proprium viro sapienti Wenn es die Art ist des weisen Mannes,

supra petram ponere sedem fundamenti, Auf Fels zu gründen sein Fundament:

stultus ego comparor fluvio labenti, Gleiche ich Tor dem Fluss, der dahinströmt,

sub eodem tramite nunquam permanenti. Niemals im selben Lauf sich hält.

Feror ego veluti sine nauta navis, Ich treibe dahin wie ein Boot ohne Mann,

ut per vias aeris vaga fertur avis; Wie auf luftigen Wegen der Vogel schweift.

non me tenent vincula, non me tenet clavis, Mich binden nicht Fesseln mich hält kein Schloss,

quero mihi similes et adiungor pravis. Ich such meinesgleichen, schlag mich zu den Lumpen.

Mihi cordis gravitas res videtur gravis; Ein schwerer Ernst dünkt mich zu schwer.

iocis est amabilis dulciorque favis; Scherz ist lieblich und sü.er als Waben.

quicquid Venus imperat, labor est suavis, Was Venus gebietet, ist wonnige Müh,

que nunquam in cordibus habitat ignavis. Niemals wohnt sie in feigen Seelen.

Via lata gradior more iuventutis Die breite Straße fahr ich nach der Art der Jugend,

inplicor et vitiis immemor virtutis, Geselle mich zum Laster, frage nichts nach Tugend.

voluptatis avidus magis quam salutis, Nach Sinnenlust dürstend mehr als nach dem Heil,

mortuus in anima curam gero cutis. Will ich, an der Seele tot, gütlich tun dem Leib!

12. Olim lacus colueram 12. Einst schwamm ich auf den Seen umher

(Cignus ustus cantat) (Der gebratene Schwan singt)

Olim lacus colueram, Einst schwamm ich auf den Seen umher,

olim pulcher extiteram, Einst lebte ich und war schön,

dum cignus ego fueram. Als ich ein Schwan noch war.

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

Girat, regirat garcifer; Es dreht und wendet mich der Koch.

me rogus urit fortiter; Das Feuer brennt mich sehr.

propinat me nunc dapifer, Nun setzt mich vor der Speisemeister.

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

Nunc in scutella iaceo, Jetzt liege ich auf der Schüssel

et volitare nequeo Und kann nicht mehr fliegen,

dentes frendentes video: Sehe bleckende Zähne um mich her!

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

13. Ego sum abbas 13. Ich bin der Abt

Ego sum abbas Cucaniensis Ich bin der Abt von Cucanien,

consilium meum est cum bibulis, Und – meinen Konvent halte ich mit den Saufbrüdern

et in secta Decii voluntas mea est, Und – meine Wohlgeneigtheit gehört dem Orden der Würfelspieler

et qui mane me quesierit in taberna, Und – macht einer mir morgens seine Aufwartung in der Schenke,

post vesperam nudus egredietur, Geht er nach der Vesper fort und ist ausgezogen

et sic denudatus veste clamabit: Und – also ausgezogen, wird er ein Geschrei erheben:

Wafna, wafna! Wafna! Wafna!

quid fecisti sors turpassi? Was hast du getan, Pech, schändlichstes?

Nostre vite gaudia Unseres Lebens Freuden hast du

abstulisti omnia! Fortgenommen alle!

Wafna! Wafna! Wafna! Wafna!

Ha, Ha! Ha, Ha!

14. In taberna quando sumus 14. Wenn wir in der Scheune sitzen

In taberna quando sumus Wenn wir sitzen in der Schenke,

non curamus quid sit humus, Fragen wir nichts nach dem Grabe,

sed ad ludum properamus, Sondern machen uns ans Spiel,

cui semper insudamus. Über dem wir immer schwitzen.

Quid agatur in taberna Was sich in der Schenke tut,

ubi nummus est pincerna, Wenn der Batzen Wein herbeischafft,

hoc est opus ut queratur, Das verlohnt sich, zu vernehmen:

sic quid loquar, audiatur. Hörte, was ich sage!

Quidam ludunt, quidam bibunt, Manche spielen, manche trinken,

quidam indiscrete vivunt. Manche leben liederlich

Sed in ludo qui morantur, Aber die beim Spiel verweilen:

ex his quidam denudantur Da wird mancher ausgezogen,

quidam ibi vestiuntur, Mancher kommt zu einem Rocke,

quidam saccis induuntur. Manche wickeln sich in Säcke,

Ibi nullus timet mortem Keiner fürchtet dort den Tod,

sed pro Baccho mittunt sortem: Nein, um Bacchus würfelt man.

Primo pro nummata vini, Erstens: wer die Zeche zahlt:

ex hac bibunt libertini; Davon trinkt das lockre Volk,

semel bibunt pro captivis, Einmal auf die Eingelochten,

post hec bibunt ter pro vivis, Dreimal dann auf die, die leben,

quater pro Christianis cunctis Viermal auf die Christenheit,

quinquies pro fidelibus defunctis, Fünfmal, die im Herrn verstarben,

sexies pro sororibus vanis, Sechsmal auf die leichten Schwestern,

septies pro militibus silvanis. Siebenmal auf die Heckenreiterei.

Octies pro fratribus perversis, Achtmal die verirrten Brüder,

nonies pro monachis dispersis, Neunmal die versprengten Mönche,

decies pro navigantibus Zehnmal, die die See befahren,

undecies pro discordantibus, Elfmal, die in Zwietracht liegen,

duodecies pro penitentibus, Zwölfmal, die in Buße leben,

tredecies pro iter agentibus. Dreizehnmal, die unterwegs sind;

Tam pro papa quam pro rege Auf den Papst wie auf den König

bibunt omnes sine lege. Trinken alle schrankenlos:

Bibit hera, bibit herus, Trinkt die Herrin, trinkt der Herr,

bibit miles, bibit clerus, Trinkt der Ritter, trinkt der Pfaffe,

bibit ille, bibit illa, Trinket dieser, trinket jene,

bibit servus cum ancilla, Trinkt der Knecht und trinkt die Magd,

bibit velox, bibit piger, Trinkt der Schnelle, trinkt der Faule,

bibit albus, bibit niger, Trinkt der Blonde, trinkt der Schwarze,

bibit constans, bibit vagus Trinkt, wer sesshaft, trinkt, wer fahrend,

bibit rudis, bibit magus. Trinkt der Tölpel, trinkt der Weise;

Bibit pauper et egrotus, Trinkt der Arme und der Kranke,

bibit exul et ignotus, Der Verbannte, Unbekannte,

bibit puer, bibit canus, Trinkt das Kind und trinkt der Kahle,

bibit presul et decanus, Trinken Bischof und Dekan;

bibit soror, bibit frater, Trinkt die Schwester, trinkt der Bruder,

bibit anus, bibit mater, Trinkt die Ahne, trinkt die Mutter,

bibit ista, bibit ille, Trinket dieser, trinket jener,

bibunt centum, bibunt mille. Trinken hundert, trinken tausend.

Parum sexcente nummate Sechshundert Zechinen reichen

durant, cum immoderate Lange nicht, wenn maßlos alle

bibunt omnes sine meta. Trinken ohne Rand und Band. –

Quamvis bibant mente leta, Trinken sie auch frohgemut,

sic nos rodunt omnes gentes Schmähen uns doch alle Völker,

et sic erimus egentes. Und wir werden arm davon.

Qui nos rodunt confundantur Mögen, die uns schmäh’n, verkommen,

et cum iustis Nicht im Buche der Gerechten

non scribantur. Aufgeschrieben sein!

Io io io io io io io io io! Io io io io io io io io io!

III. COUR D’AMOURS / GERICHTSHOF DER LIEBE

15. Amor volat undique 15. Amor fliegt überall

Amor volat undique, captus est libidine. Amor fliegt überall, ist ergriffen von Verlangen.

Iuvenes, iuvencule coniunguntur merito. Jünglinge und Jüngferlein finden sich, und das ist recht!

Siqua sine socio, caret omni gaudio; Wenn eine keinen Liebsten hat, so ist sie aller Freuden leer,

tenet noctis infima sub intimo Muss verschließen tiefste Nacht drinne in ihres

cordis in custodia: fit res amarissima. Herzens Haft. Das ist ein bitter Ding.

16. Dies, nox et omnia 16. Tag, Nacht und Alles

Dies, nox et omnia michi sunt contraria; Tag, Nacht und alles ist mir zuwider.

virginum colloquia me fay planszer, Plaudern der Mädchen macht mich weinen

oy suvenz suspirer, plu me fay temer. Und vielmals seufzen und fürchten noch mehr.

O sodales, ludite, vos qui scitis dicite Freunde! ihr scherzt! Ihr sprecht, wie ihr´s wißt!

michi mesto parcite, grand ey dolur, Schont mich Betrüben! Groß ist mein Schmerz.

attamen consulite per voster honur. Ratet mir doch, bei eurer Ehr´!

Tua pulchra facies me fay planszer milies, Dein schönes Antlitz macht mich weinen viel tausend Mal

pectus habet glacies. A remender Dein Herz ist von Eis. – Mach´s wieder gut!

statim vivus fierem per un baser. Ich würde lebendig sogleich durch einen Kuss.

17. Stetit puella 17. Stand da ein Mägdelein

Stetit puella rufa tunica; Stand da ein Mägdelein in rotem Hemd.

si quis eam tetigit, tunica crepuit. Wenn man dran rührte, knisterte das Hemd.

Eia. Eia!

Stetit puella tamquam rosula; Stand da ein Mägdelein gleich einem Röslein.

facie splenduit, os eius fioruit. Es strahlte ihr Antlitz und blühte ihr Mund.

Eia! Eia!

18. Circa mea pectora 18. In meinem Herzen sind viele Seufzer

Circa mea pectora multa sunt suspiria In meinem Herzen sind viele Seufzer,

de tua pulchritudine, que me ledunt misere. Weil du so schön bist: Davon bin ich ganz wund.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

Tui lucent oculi sicut solis radii, Deine Augen leuchten wie Sonnenstrahlen,

sicut splendor fulguris lucem donat tenebris. Wie der Glanz des Blitzes die Nacht erhellt.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

Vellet deus, vellent dii quod mente proposui: Gebe Gott, geben´s die Götter, was ich mir hab vorgesetzt:

ut eius virginea reserassem vincula. Dass ich ihrer Jungfernschaft Fesseln noch entriegle.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

19. Si puer cum puellula 19. Wenn Knabe und Mägdelein

Si puer cum puellula Wenn Knabe und Mägdelein

moraretur in cellula, Verweilen im Kämmerlein

felix coniunctio. Seliges Beisammensein!

Amore suscrescente Wächst die Liebe sacht heran

pariter e medio Und ist zwischen beiden alle Scham

avulso procul tedio, Gleicherweise abgetan,

fit ludus ineffabilis Beginnt ein unaussprechlich Spiel

membris, lacertis, labiis. Mit Gliedern, Armen, Lippen.

Wenn Knabe und Mägdelein

Si puer cum puellula

moraretur in cellula, Verweilen im Kämmerlein

Seliges Beisammensein!

20. Veni, veni, venias 20. Komm, komm, komme!

Veni, veni, venias, Komm, komm, komme!

ne me mori facias, Lass mich nicht sterben!

hyrca, hyrce, nazaza, Hycra, hycra, nazaza,

trillirivos! Trillirivos!

Pulchra tibi facies Schön ist dein Angesicht,

oculorum acies, Deiner Augen Schimmer,

capillorum series, Deiner Haare Flechten!

o quam clara species! O wie herrlich die Gestalt!

Rosa rubicundior, Roter als Rosen

lilio candidior Weißer als Lilien!

omnibus formosior, Du Allerschönste,

semper in te glorior! Stets bist du mein Ruhm!

21. In truitina 21. Unentschieden

In truitina mentis dubia Auf des Herzens unentschiedener

fluctuant contraria Waage schwanken widerstreitend

lascivus amor et pudicitia. Scham und liebendes Verlangen.

Sed eligo quod video, Doch ich wähle, was ich sehe,

collum iugo prebeo: Biete meinen Hals dem Joch,

ad iugum tamen suave transeo. Trete unters Joch, das doch so sü..

22. Tempus est iocundum 22. Lieblich ist die Zeit

Tempus est iocundum, o virgines, Lieblich ist die Zeit, o Mädchen!

modo congaudete vos iuvenes. Freut euch jetzt mit uns, ihr Burschen!

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Mea me confortat promissio, Mein Versprechen gibt mir Mut,

mea me deportat negatio. mein Verweigern drückt mich nieder.

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Tempore brumali vir patiens, Zur Winterszeit ist träg der Mann

animo vernali lasciviens. Im Hauch des Frühlings erwacht seine Lust.

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Mea mecum ludit virginitas, Es lockt und zieht mich hin: Ich bin ein Mädchen.

mea me detrudit simplicitas. Es schreckt und ängstigt mich, bin ach so einfach!

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Veni, domicella, cum gaudio, Komm, Geliebte! Bring Freude!

veni, veni, pulchra, iam pereo. Komm, komm, du Schöne! Schon muss ich vergehn!

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

23. Sü.ester

23. Dulcissime

Du Sü.ester!

Dulcissime,

Ganz Dir ergeb ich mich!

Ah! Totam tibi subdo me!

BLANZIFLOR ET HELENA BLANZIFLOR UND HELENA

24. Ave formosissima 24. Heil Dir, Schönste

Ave formosissima, gemma pretiosa, Heil dir, schönste, köstliche Perle!

ave decus virginum, virgo gloriosa, Heil dir, Zierde der Frauen! Jungfrau, hochgelobt!

ave mundi luminar, ave mundi rosa, Heil dir, Leuchte der Welt! Heil dir, Rose der Welt!

Blanziflor et Helena, Venus generosa! Blanziflor und Helena! Noble Venus!

FORTUNA IMPERATRIX MUNDI GLÜCK, DIE KAISERIN DER WELT

25. O Fortuna 25. O Fortuna

O Fortuna, velut luna statu variabilis, O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich,

semper crescis aut decrescis; vita detestabilis Wachst du immer oder schwindest! Schmähliches Leben!

nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem, Erst misshandelt, dann verwöhnt es spielerisch den wachen Sinn.

egestatem, potestatem dissolvit ut glaciem. Dürftigkeit, Großmächtigkeit, sie zergehn vor ihm wie Eis.

Sors immanis et inanis, rota tu volubilis, Schicksal, ungeschlacht und eitel! Rad, du rollendes!

status malus, vana salus semper dissolubilis, Schlimm dein Wesen, dein Glück nichtig, immer im Zergehn!

obumbrata et velata michi quoque niteris; Überschattet und verschleiert kommst du nun auch über mich.

nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris. Um des Spieles deiner Bosheit trag ich jetzt den Buckel bloß.

Sors salutis et virtutis michi nunc contraria, Los des Heiles und der Tugend sind jetzt gegen mich.

est affectus et defectus semper in angaria. Willenskraft und Schwachheit liegen immer in der Fron.

Hac in hora sine mora corde pulsum tangite; Drum zur Stunde ohne Saumen rührt die Saiten!

quod per sortem sternit fortem, mecum omnes plangite! Wie den Wackeren das Schicksal hinstreckt; alle klagt mit mir!

Blutkreislauf, hier falsch/richtig unter Ausschluss des Gehirns (BHS)

Blutkreislauf, hier falsch/richtig unter Ausschluss des Gehirns (BHS)

Dauer und Verdauung – nach Bergson, nach Heidegger

Zur Biophysik des „Metaphysischen.“

Schriebe eine Frau Dauer einen Brief an eine Frau Zeit, so wäre es der  Brief einer reisenden Königin  – gerichtet an ihre daheim gebliebene Kammerzofe.

Es war der französische Philosoph Henri Bergson, der vor etwa 100 Jahren den Begriff der  Dauer (franz: Durée) als Achtungswort und um-greifenden Terminus einführte in die philosophische Diskussion zum Zeit-Problem.

Bergson argumentierte gegen Zenons
 Pfeil-Paradoxon – einem Gedankenspiel des  Zenon (als Schüler von Parmenides), das jegliche Bewegung und Veränderung als Illusion markiert haben wollte –

– Zenon meinte,  ein fliegender Pfeil auf seiner Bahn halte sich an einer unendlichen Zahl von stehenden Raum-Zeit-Punkten auf, –  er könne sich demnach gar nicht bewegen,  ja es gäbe überhaupt gar keine Bewegung, denn jede Bewegung  müsse als eine beliebige Anzahl stehender Raum-Zeit-Punkte aufgefasst werden. Eben deshalb sei jede Bewegung eine Illusion. Tatsächlich herrsche Stillstand.

Henri Bergson hat einigen philosophischen Aufwand betrieben, mit dem er dieses Paradox des Zenon als unrichtig und Schein-Paradox entschleierte.

Ein Aufwand zur Widerlegung Zenons, der sich in meiner Muttersprache nicht ganz so aufwendig darstellt, wenn man sagt:

Zenon tat nichts anderes, als die Bahn des fliegenden Pfeils zu ER – ZÄHLEN.

Das schöne Wort ER-ZÄHLEN umgreift die Scheinparadoxa des Zenon.
Und löst sie zugleich ein – in die Peristaltik – dem notwendigen Blinzeln in quantisierten Intervallen – jeglichen Bewusst-Seins.

Das Bewusst-Sein verhält sich ER-ZÄHLEND innerhalb jeglicher Veränderung und zwingt damit den Lebensvollzug aus der  Kontinuität (der an-dauernden Aktuale ) in das quantelnde Korsett von ER-ZÄHLUNG – ZÄHLUNG – und ZAHL.

Das Bewusst-Sein  ER-INNERT (verdaut)  den Pfeil. ER-ZÄHLEND.

Deshalb läuft das Bewusst-Sein der aktuellen DAUER in Gegen-Wart der Bewegung immer hinterher.

ER-ZÄHLEN heißt: ER-INNERN. Das INNE-WERDEN. Das VER-DAUEN

Oder eben: Das DAUERNDE GREIFEN gebiert irgendwann den BEGRIFF –

Der BE-GRIFF ist Er-innertes GREIFEN – also immer schon nachlaufend.

In der VER-DAUUNG.

Die DAUER mündet in die peristaltische Quantelung der VER-DAUUNG
von Zeit-Punkt nach Zeit-Punkt.

Peristaltisch.

Bewusst-Sein ist  immer schon der kontinuierlichen DAUER nachlaufend. ER-INNERND.  Im INNE-Werden der VERDAUUNG hinkt es hinterher.

Die ER-ZÄHLUNG aber – und darauf lief ja  Bergsons Kritik hinaus – verräumlicht die DAUER.
Erst n a c h dem Akt jeder Bewegung, im nachhinein, in reflexiv nachlaufender Distanz zum kontinuierlichen  und gegen-wärtigen Akt des Lebensvollzugs zwingt es den Pfeil in eine ER-ZÄHLBARE nach Punkten ER-ZÄHLTEN Raum-Zeit.

In einer solchen RAUM-ZEIT können dann unendlich viele „Raum-Punkte“
ER-INNERT werden, und zwar sowohl geometrisch als auch arithmetisch.

Bergson war dagegen.

Gegen eine solche, in Zeitpunkten quantisierenden ZEIT führte Bergson die den Begriff der D A U E R ein.

Als ein Wort, das den wirkenden und nicht quantisierbaren, sprich: kontinuierlichen AKT als AKTUAL der DAUER nicht-quantisiert zur Geltung bringt.

Aber hier, an dieser Stelle, muss Bergson  korrigiert werden
oder besser: kritisch präzisiert.

Hier kann ein deutsch gesprochenes Wort noch mehr Einsicht nehmen, als es Bergsons „Dureé“ selbst tat.

Die VERDAUUNG  nämlich wäre der  PHYSIO-LOGOS, 
welcher klar macht, dass Quantisierung und Lebensprozess
 sich nicht etwa  ausschließen – wie  Bergson meinte – nein, die Quantisierung ist ein Effekt des Lebensvollzugs.
Oder noch direkter: Quantisierung ist die Vorraussetzung für das Leben in seiner Bewusst-Seins-Dauer der  VERDAUUNG.

PERISTALTISCH.

Wo Leben ist, da ist auch Quantisierung, sprich: Peristaltik in Perioden und Rythmen. (Das Pumpen und Flimmern und Atmen und Schlängeln)

Mit anderen Worten: Quantisierung und Lebensvollzug bedingen einander.

BE-WUSST-SEIN ist VER-DAUUNG im wahrsten Sinne des Wortes: Peristaltisches (quantisiertes) Sich-ER-INNERN im INNE WERDEN im einkrümmenden  AKT oder besser: im RINGENDEN Akt der Temperatur – (Entropie)

Die selbe Quantisierung ist jedoch n i c h t  gleich verbindlich für
 das gesammte Universum, in dem die DAUER als einkrümmender Akt (Entropie) die stets weiter hinausreisende Königin ist  und nicht die  arithmetisch oder geometrisch wohnende Raum-Zeit als Kammerzofe.

Die Zeit kann im Bewusst-Sein der Dauer immer nur hinterher laufen.
Wo die Zeit ankommt, war die DAUER schon da. VER-DAUEND.

Mit dem altgriechischen Wort der PERISTALTIK kann man nach Henri Bergson und nach Heidegger jetzt darauf hinweisen, dass der PHYSIO-LOGOS  ein zeitliches VER-DAUEN meint. Im DÄUEN der Dauer.

-im einkrümmenden (um-ringenden) AKT der Entropie, die in der Zeit um Fassung RINGT – sprich: VER-DAUEND der ZEIT  INNE wird.

ER-INNERND.

Auch Zenons Pfeil ist immer schon ER-INNERT, und deshalb quantisiert
ER-ZÄHL-BAR

Die Verdauung ist das unmittelbare INNE WERDEN der Zeit.

Bis heute verstehen es die Kosmologen nicht, den Unterschied zwischen der DAUER und der ZEIT für Ihre Arbeit fruchtbar zu machen. Oder wenigstens zur Kenntnis zu nehmen.

Ernährung, ER-INNERN. Das kollektive Unbewusste – ?:

Da sagte er zu mir: „Menschensohn, nimm diese Schriftrolle und iss sie auf! (Hesekiel 2.9) Ich öffnete den Mund, und er gab mir die Rolle zu essen.  Dabei sagte er: „Menschensohn, verspeise diese Schriftrolle, die ich dir gebe. Füll deinen Magen damit!“ Ich aß die Rolle. Sie schmeckte süß wie Honig…


Buch Ezechiel, Kapitel 1: Fermi-Lab, CERN (LHC)

Jedem, der hier die letzten Texte gelesen hat, dürfte klar geworden sein:
Die Ringe der großen Teilchenbeschleuniger – sind Schrott.

(Altes Testament, Buch Hesekiel, Kapitel 1 – nun muss man aber nicht gleich nervös werden – nur weil die Heiligen-Scheine in der malerischen Kunst zumeist ringförmig über den Köpfen schwebend erscheinen. Man beachte aber die Beschreibung der Räder und „Felgen“ im Buch Hesekiel, Kapitel 1. )

Nicht nervös werden: Es könnte sich immer noch – um –
das kollektive Unbewusste handeln.

Aber es kann hier auch gesagt sein, dass die wirklich hohe Schule
der skeptischen Philosophie sich erst darin zeigt, wenn sie sogar
skeptisch gegen die Skepsis agiert.

Die Quantenmechanik ist – kosmologisch betrachtet: Schrott.

Lustiger Schrott. Bunter Schrott. Not-wendiger Schrott.

All diesen Schrott werden wir als Hilfs-Schrott auch noch weiterhin
benötigen – nur dass wir es jetzt eben wissen – dass es Hilfs-Schrott ist.

Kein böser Schrott. Wirklich not-wendiger Hilfsschrott.
Die Not-Wendung in die Ringe hinein, in die Beschleunigerringe –
hat das Internet daraus erwachsen lassen.
(Tim Berners Lee.)

Das Internet aber ist eben das, was
NICHT WIEDER in den Ring EINGEKEHRT ist.

Wie spät ist es? Ja, richtig. Wir haben gerade das HOLOZÄN.

Hat man im Fermi-Lab vor kurzem
ein sensationelles Signal gefunden – eine 5. Kraft?

Der Spiegel hatte kurz davon berichtet.

Auf ganz ganz geringen Distanzen könnte sie wirken?

Wenn man sich anstrengt, wird man auch noch eine
6. und 7. und 8. Kraft finden…und eine 9. und eine 10……..

….Etc….PI PI

Die kosmologische Zukunft aber gehört längst
Martin Tajmar und der Neogravitation.

Wenn die Physiker langsam verdaut haben, dass all ihre
Doktorarbeiten zu Symmetrien und Anti-Symmetrien Tautologien waren,
Weiße Schimmel (Pferde.) Tautologien auf die simple Tatsache, dass die Welt
immer UM Fassung RINGT. Und das auch schon in jedem BLUTKREISLAUF.

…weshalb jede Symmetrie- immer automatisch „dreht“ – drehen muss,
damit sie überhaupt ausgesagt werden kann. (Vergleichsprozess.)

…wenn sie verstanden haben – dass ein Bewusstsein nur über Barriere-Prozesse
des SICH-TOT-STELLENS bereits AUS DER ZEIT heraus-gedreht wird.
Sich eindrehend. (Er-eignend)

(Schon das menschliche Bewusstsein ist EX-trahiert.)

Wenn sie kapiert haben, dass Quantisierung nichts anderes als die
WIEDER-HOLUNG der eigenen Selbstquantisierung ist.

So wie jeder Raum immer nur ein temporärer ZEIT-RAUM ist. Verwirbelt vom
irreversiblen Zeitstrom…. SICH WIEDER HOLEND u.s.w.

Von Emanuel Kant wurden die 4 berühmten Fragen zur Ethik überliefert:

1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?

Ein erstes beginnendes Antworten darauf verlangt
zunächst nach einer Um-Wandlung der Fragen:

1. Wa-rum kann ich wissen?
2. Wa-rum soll ich tun?
3. Wa-rum darf ich hoffen?
4. Wa-rum ist der Mensch?

Wa-herum…

Die Um-Wandlung der Kantischen Was-Fragen in Wa-rum-Fragen könnte helfen, etwas zu formodulieren, das man bisher mit dem Wort „Ethik“ nur sehr schlecht und zum Teil katastrophal scheiternd fassbar gemacht hat.

Wenn man das „um“ – das in dem Fragewort Wa-rum? enthalten ist, als ein
um-wandelndes und um-greifendes Um-Fragen versteht, welches die Neugier,
die unbändige Neugier aller Warum-Fragen bereits als Teil jeder Antwort
in eine um-ringende Dauer überführt sieht – also jedes Wa-rum-Fragende
in ein Um-Drehen und Hinein-Drehen eines entropischen Zeit-Raums der
ver-daue(r)nden Um-Fragung erkennt….
εντροπία [entropía], von εν~ [en~] – ein~, in~ und τροπή [tropē] – Wendung, Umwandlung)
Περίσταλσις (Peristaltis/ peri = „herum“ und stellein = „in Gang bringen“)

…..dann höre und sehe ich, dass die unbändige Neugier aller
Warum-Fragen sogar einen vollständig nichtreligiösen – oder richtiger: –
– nicht mehr meta-physischen Ethik-Ersatz – andeuten kann, weil eben
jedes „Wa-rum“ immer schon klar macht, dass da ein „Ringen@ um Fassung“ wirkt, schon in dem Fragenden selbst! Dieses RINGEN UM FASSUNG@ ist nun
im wahrsten Sinne des Wortes ein PHYSIO-LOGOS.@

Aber: IN DER ZEIT.

Nicht: Was – hält die Welt im Innersten zusammen – Wa-herum hält sie. @

Das die allermeisten Kinder irgendwann auch einmal ansprechen
mit einem ergreifend und grandios einfachen –

– „Da-rum!“

Nein, es geht hier nicht – um – Naivität oder – um – kecke Vereinfachung.
Auch nicht – um – ein Spielen auf Zeit, – um – ein Ausweichen oder gar
– um – die Leugnung von Situationen, in denen schnelle Was, Wie, Wo, Wer –
und Wann-Entscheidungen getroffen werden müssen….

Aber Wo-rum geht es?

…es geht – um – das UM-DREHEN der Welt.

… so verstanden ist eine Wa-rum-Frage viel genauer und präziser als
eine „Was“-Frage.

Eine „Was“ – Frage setzt immer schon stillschweigend
ein „Das“ voraus –

– welches von der „War-um“ – Frage richtigerweise erst
noch um-kreist, also eingekreist werden muss…

Eine Was-Frage agiert deshalb immer schon gefährlich tautologisch.

Die WAS-Fragen führen irgendwann immer in den Terror.

Insofern kann man erkennen, dass eine „Wa-rum“-Frage überhaupt
die einzig wirkliche und präzise Art zu fragen darstellt.

Und letztlich wird jeder bestätigen, dass die wichtigsten Entscheidungen
oder auch Erkenntnisse, welche gewonnen wurden, immer auf vorangestellte
Warum-Fragen abgehoben haben.

„MEIN GOTT, MEIN GOTT – WA-RUM HAST DU MICH VERLASSEN?“

„DA-RUM!“

Wenn man also einen Philosophen fragen wollte (Ich bin keiner, nur Informationsforscher.) – wa-rum denn nun eine menschliche Gesellschaft in Zukunft organisiert sein müsste, dann kann er antworten: Sie müsste so organisiert sein, weil sie das WA-HERUM? und das DA-HERUM! – anerkennt.

In dem Wissen, dass alles um-wandelt,
aber NIE WIEDER ganz genau SO EINKEHRT.

In dem Wissen, dass es ein her-um-stellendes in Gang bringen ist,
welches ich hier das RINGEN um FASSUNG genannt habe.

Artikel 1: Das WA-RUM des DA-RUM ist unantastbar.

Im Anfang war das Wort. Man beachte das IM – es war nicht AM – es war IM.

IM Anfang.

εν~ [en~] – ein~, in~

(herumfliegen….herumtollen….herumspringen….herumknutschen……)

Ich erkenne die Macht an und entschuldige mich bei ihr.
Ich bin nur ein Mensch. Ein ganz normaler Mensch.

Helmholz-Resonator…untersuchen. Labornotiz.

Das deutsche Gerät: Heit, Keit, Schaft, Lich, Ung, Bar, Tät..

oder: Sprache als Getränk.

Weit dringender
als den Taschen,
fehlt dem Kopf
der fallende Groschen,
wenn der da nicht reinfällt,
spielt niemand am Flipper,
wächst der Einwurfschlitz zu
im Laufe der Zeit
und blinder werden die Bilder.
(Tim Boson, Selbstzitat.)

Ausgerechnet in Zeiten der „Globalisierung“; in Zeiten der englisch- und pidginvermittelten Internationalisierung und Flächen-Vernetzung – stoße ich auf ein vertikal reichendes oder wurzelhaft anmutendes Thema: Die eigene Muttersprache – das unheimliche Deutsche.
Heute durchaus keine globale Weltsprache, kann das deutsche Sprach-Gerät unter bestimmten Bedingungen eine laser-scharf konzentrierte Hoch-Temperatur ausbilden, mit der es sich bis zur Pupille des zeitlich bewegten Sturm-Auges durchbrennt.

Husserl, und dann Heidegger – ich habe diesen sprachlich phänomenologischen Zug eine Zeit lang ein bisschen unterschätzt. Oder bewusst gemieden. Oder vielleicht sogar belächelt und der Etümelei verdächtigt. Habe Übertreibung gewittert in der Aussage: „Wer wirklich denken möchte, kann dies nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun.“ (Heidegger)

Unheimlich. Schon bei Hegel, Fichte oder Schelling, hatte ich immer mal wieder deutlich bemerkt gehabt, dass die deutsche Sprache schon im 19. Jahrhundert zu einem Gerät entwickelt ward, das man noch heute, im 21. Jahrhundert, nicht anders als ein High-Tech-Gerät empfinden muss, das Schutzbrille erfordert und kein Spielzeug für Kinder mehr ist. Schon das Wort unheimlich kann man hier wörtlich für nicht heimlich nehmen, offen, ausgesetzt, deutlich, eben deutsch. Das Unheimliche – im Gegensatz zum schnellen Gebrauch des Wortes – als das Scharfe, das dem Wittern und Wettern ausgesetzte, das bemerkbar wache Sprechen und physikalisierte Denken. Nicht das Unklare oder Verwaschene, das Verschwafelte, das Milde oder bloß Angefühlte..

Obschon Etymologie, wo sie unkritisch sich hinabsteigert, zur Etümelei entarten kann; aber wenn da einmal ein Ohr für das unheimliche Deutsche gewachsen ist, wird man dieses Ohr so schnell nicht mehr los.

Eine Zeit lang war ich gehalten von Einflüsterungen der sprachkritischen Philosophie, die ein Misstrauen vorhielt der muttersprachlich gelenkten Welt-Vernehmung, ihre Obacht-Schilder aufstellte im sprachlichen Weltverkehr, Verkehrszeichen für Brückenhöhen, Stopp – und Vorfahrtsregelungen. Ihr Argument lautete: Wisse, dass Du immer so denkst, wie Du sprichst. Deine Welt ist deine Sprache. Und wisse, dass solches Sprechen nicht – umgreifend – weltverbindlich sein kann

Wirklich?

Aber: Wer hatte den sprachkritischen Einwand zum ersten Mal wieder (seit den mittelalterlichen Denkern) philosophisch deutlich (deutsch) aufs Tablett gestellt? Es waren wiederum die grammatischen Deutschen, Wilhelm von Humboldt, dann die Österreicher, die Positivisten nach und mit Wittgenstein und dann eben Heidegger nach Humboldt.

Dazu wirkte im Deutschen Gerät immer lange auch eine sprachpolitische Erziehungs-Bewegung; sie wirkte, seit dem es Sinn macht, von einem typisch deutschen oder germanischen Sprachgebaren ausfließend zu artikulieren.

Das deutsche Sprach-Gerät war lange schon Objekt einer Erziehung gewesen, welche dieser Sprache wie einem bösen hyperaktiven Kind Manieren beibringen glaubte müssen… zu…sollen. Erziehung. Das deutsche Gerät musste aus seinem Wittern, den Wäldern und Wettern seiner unheimlich ausgesetzten und ansprechenden Wachheit in zivilisatorische, also lateinisch-romanischere Gefilde geführt werden. Dorthin, wo Sprache eine menschenumgänglichere Wortwahlfreiheit und auffächernde Milde bekommt, wo der Klang von Worten oder die Töne eines Satzes diplomatische Flucht – und Interpretationsräume offenlassen – gegen die genagelte und festnagelnde Härte der Befehlstöne des Seins in unmissverständlicher Deutschheit und Deutlichkeit.

Woher kommt das?

So wie in wirtschaftlichen Verläufen Wachtums- und Krisenphasen abwechseln, so begegenen sich im Sprachlichen womöglich die Zeiten, in denen eine gediegene bis verfettete Sprache der Wortreichtümer und Manierismen, der Ziselierungen, der tonalen Feingerüche und Interpretationsangebote mit einer dynamisch knochigen bis dürren Läufer – und Aufbruchssprache abwechseln, deren grammatische Physis nach Effizienz und Impuls-Nutzen organisiert bleibt.

Historische Seitenblicke offenbaren, dass sogar die Deutschen selbst immer ein zwiespältiges Verhältnis zu Ihrer „Volks-Sprache“ unterhielten. Bekanntlich wurde an vielen deutschen Fürsten-Höfen über lange Zeit viel bis ausschließlich französisch gesprochen, auch und gerade am preußischen Hof. („Deutsch spreche ich nur mit meinen Pferden“ – sagte (nicht nur) ein preußischer Rex. ) Man könnte das als degenerierten oder überzogenen Snobismus markieren, der sich vom „Volke“ abheben will, was aber ganz falsch interpretiert wäre.

Treffender wäre hier, dass barocke oder rokoköse Hofstaaten innersystemisch dermaßen empfindliche, geradezu fein klimatisierte Sozial-Gebilde einrichten, in denen alles Sehr-Deutliche, Unmissverständliche und Allzu-Nackte im sprachlichen Verkehr sofort soziale Verwüstungen im zarten Spinnenweb Hofstaat anrichten können.

Originaldeutsches Sprechen kann die Durschlagskraft von großkalibrigen Projektilen freisetzen, zu energiereich für die innersystemisch fein justierten tapetenwand- vorhang- und gardinen-moderierten Hofstaaten.
In einem barocken oder rokokösen Hofstaat schießt man mit kaum sichtbaren Pfeilchen, giftig surrend, man steuert mit Blicken, degradiert mit Schweigen, oder man vernichtet mit leisen Tönen und Nuancen.

Das Abfeuern von energiereichen deutschen Sprachmaschinen-Großkalibern verbietet sich zwischen höfischen Vorhängen, diplomatischen Feingespinnsten und politischen Rigibswänden
Das deutsche Gerät gehörte also lange Zeit in den Stall zu den dampfenden Pferden, ein womöglich notwendig richtiger Instinkt des preussischen Königs. (der allerdings dann doch öfter deutsch sprach, als er vorgab.)

Aber: „Wer wirklich denken möchte, kann das nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun.“

Wollte Heidegger provozieren mit dieser Äußerung? Der Satz bleibt ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass im deutschen Sprachgerät lange Zeit eigentlich alles, was den „Geist“ ansprechen wollte, immer ein Importgeschäft aus dem lateinischen oder romanischen Sprachraum pflegte.

Im wörtlichen Sinne war es lange Zeit der lateinische „Spiritus“ und dann der französische „Esprit“, der die „höheren“ Stände in ganz Europa be- geisterte.

Warum also dieser denkwürdige Satz von Heidegger?

Eine Überlegung dazu: Das Deutsche Gerät war lange Zeit von der diskursiven Verschriftlichung in Bibliotheken und zwischen Buchdeckeln ausgeschlossen. Lange Zeit war das Geistesleben vom Latein dominiert worden.

Das Deutsche aber, eine Sprache, die lange selbst nicht im großen Stil am schriftlichen Transport von Überlieferung und gelehrter philosophischer Be-Geisterung teilgenommen hatte, – bewahrte sich etwas, dass für ein nachsondierendes Denken und Philosophieren unendlich wertvoll ist. Sie bewahrt sich die Originalität Ihrer physisch- bis physikalischen Vibrationen, ihre Anbindung an die Physik des Notwendigen und der Not-Wendungen im Wesentlichen ihres Anspruchs – und Wirkraums der körperlichen Gesprochenheit – und entgeht damit der konservatorischen Frisur von gelehrter Überlieferungs-Sprache.

Eine hauptsächlich nur gesprochene und vom wesentlichen Schriftverkehr getrennt lebende Sprache kann nicht durch offiziöse Interessen zensiert oder frisiert werden. Eben weil sie handelnde Impuls- und Moment-Sprache bleibt mit einem starken impulsiven Momentum behaftet.

Das Deutsche Gerät war lange Zeit in der Welt, pochend, auf Straßen und Plätzen, Feldern, Furten und Wegen, atemend-sprechend-wirkend, und erst sehr spät geriet es zwischen die Buchdeckel von schriftlicher Maßgeblichkeit.

Alles Lateinisch-Romanische aber war immer schon durch die Friseurgeschäfte und Maßschneiderein von Zivilisationssprache der Verschriftlichung gegangen, namentlich der römischen, der Dekrete und Erlasse, der Schreib-Schulen und der großen Gesetze, der Steintafeln und imperialen Texte – und schließlich wurde es eingeschlossen in die christlichen Klöster, Orden und Schulen.

Eine wenig verschriftete Sprache kann auch schneller einfach so aussterben und verschwinden. Was dem Deutschen aber nicht passiert ist. Dafür war oder ist dieser spezielle Sprachraum doch zu mächtig gewesen.

Während eine große schriftliche Geistverkehrs-Sprache und Schultafelsprache wie das Latein immer nachprüfbar und damit letztlich auch von Intentionen und Intendanten zensierbar blieb und auch bewusst oder unbewusst frisiert wurde, instrumentalisiert und maßgenommen.

Das Lateinische, das dominierend aus dem gediegenen römischen Zivilisationsraum gekommen war, und das immer wieder kopiert, abgeschrieben und überschrieben wurde, musste irgendwann durch die Selektionsschleusen und Filter der bewussten und unbewussten Zensoren. Kommentatoren und Interpretatoren hindurch, in die Interpretationsräume der gelehrten Leser und Widerleser, der Schreiber und Abschreiber- und Feinsieber.

Ebenso wie es in die  Derivatsprachen der romanisierten Provinzregionen hineinverrauschte, wo es sich dann zu eigenständigen romanischen Derivat-Dialekten wie französisch, spanisch oder portugiesisch noch einmal als Provinz-Latein volkssprachlich abmilderte, klimatisierte, verzweigte, mit den arabischen oder afrikanischen Peripherien mischte, entspannte und verdünnte.

Der schriftliche Gebrauch von Sprache zur Überlieferung und zivilisatorischen (römisch-imperialen) Dekretierung ist für die „Bildung“ und die Überlieferung von Geschichte, Religion, Wissen und Denken nützlich und unabdingbar.
Aber schon das Wort Überliefern erzählt etwas über ein sprachregulierend wirkendes Procedere. Was Lieferung und Überlieferung leisten soll, muss handlich gemacht, prozessual beruhigt und letztlich standardisiert werden. Was überliefert und in Büchern oder auf Steintafeln ausgeliefert werden soll, bedarf der „Be-Handlung“ – des konservatorischen Eingriffs, damit eine solche Sprache konservatorische Verbindlicheit erlangt auch und gerade für frühe Recht-sprechnungen. Vielleicht wurde das Latein zu einer ersten ganz frühen Programmiersprache eines geistigen Internets zwischen Zeiten und Räumen.

Ein Konserviertes aber, das von einem nächsten Konservator oder Kommentator wieder und wider gelesen und abgeschrieben und unbewusst zensiert wird, entfernt sich irgendwann als Sprache von allen physischen Not-Wendungen des alltäglichen Gesprächgebrauchs in Gegenwart der Not-Wendungen (Not-Wendigkeiten) auf Märkten, Furten, Plätzen, Wäldern, Wegen, und Straßen.
Eine solche Sprache kann irgendwann „sophisticated“ werden, etwas, für das ein deutsches Sprachgerät kein eigenes Wort bereit hält. Der Sophismus wiederum wuchs als eine Entwicklung der mündlichen Dispute, der Rechtssprechnungen und Verteidigungsreden, wie sie nur in der griechischen Polis gedeihen konnte, unter Zuständen halbweg langfristig gesicherter Sesshaftigkeit  und erster Rechtsstaatlichkeit – und später dann auch im Römischen weiter gepflegt werden konnte.

Aber auch das Altgriechische blieb von allzustarker schriftlicher Vernutzung offenbar verschont. Davor schob sich der lateinisch römische Zivilisationsraum in seinem lateinischen Sprechen.

Aber wie gesagt, eine starke Verschriftlichung von Sprache nimmt ihr auf Dauer das Unheimliche, ihr Ausgesetztes, – macht sie erst heimisch und dann heimlig. Im Sinne des Wortes heimelig zwischen Buchdeckeln und Klausuren. Die Sprache kehrt in ihr Sicheres ein, verfestigt sich, wird schulbar– und schließlich versteinert ihre Grammatik zu einer Tafel-Grammatik.

Genau das ist dem Latein über Jahrtausende passiert. Zeitlich lange vor dem Deutschen. Es geriet aus der Unheimlichkeit aller Not-Wendungen in die Heimeligkeit der Bücher und Köpfe, Klöster, Gesetze, Tafeln und Klausuren. Das Latein mutierte zu einer Experten- und Gelehrten-Sprache; in zunehmender Klausur unter Luftabschluss gärte es hier wie in einer Destille zu einem hochprozentigen Spiritus aus.

Das Bemerkenswerte an einem Spiritus (Geist) ist aber nun, dass man ihm einerseits hochprozentigen Essenz-Charakter zusprechen kann. Andererseits aber ist ein Spiritus desinfiziert, oder besser: er wirkt desinfizierend auf das Denken und Philosophieren. Der Spiritus selbst lebt nicht mehr. Obwohl er selbst belebende Wirkung hat und die Blut-Hirnschranke durchdringt. Der Spiritus kann selbst Räusche verursachen; aber er ist selbst nicht der Rausch, sondern eigentlich tot. In einem Spiritus kann nichts leben. Weil er ein verzolltes Konservierungsmittel ist zur Überlieferung – muss er zugleich desinfizierend wirken. In dem der Spiritus die Blut-Hirn-Schranke überwindet, verpflichtet er sich selbst zum Totsein.

(Kurzes Abschweifen: Diese Sache kann durchaus beschäftigen. Hier war oder ist auch das Lateinische später auf vom (Hauch, Atem – spiritus) auf den Alkohol übertragen worden. Den Alkohol – der unter Gärungsprozessen, zum Teil unter Luftabschluss entsteht, bezeichnet es als „Geist“ – der vom „Saft“ zum Beispiel dem Saft einer Williams–Birne – über Barriereprozesse – ex – trahiert werden kann.)

Deshalb vielleicht auch hat das Lateinische bis heute in den Benennungen der Schul-Medizin überlebt.

(Zugleich fällt dem Schreibenden hier eine Sentenz ein: Nur der Tod überwindet alle Grenzen. Oder anders gesagt: Der Tod kennt keine Schranken. Daraus folgt auch für eine Kosmologie, solange sie von Lebenden betrieben wird, dass diese Kosmologie eine (falsche) systemische Begrenzung zeigt. Eine wahre Kosmologie, im streng physikalischen Sinne, kann nur eine Kosmologie ohne Blut-Hirnschranke sein.)

Zurück zum Lateinischen: Man darf sich hier nicht täuschen lassen. Zwar bietet die lateinische Grammatik und Phonetik klanglich zum Teil eine wie in Stein gemeißelte Klarheit aus, die in vielen Sprichworten und überlieferten Redewendungen attraktiv daherkommt. Aber das Gemeißelte dieser lateinischen Wendungen ist eben versteinert, tod, unter Luftabschluss zum Spiritus destilliert, also tot und physisch nicht gärend – deshalb als „toter“ Spiritus mitunter scharf anregend aber mit äußerster Vorsicht oder nur interpretatorisch verdünnt abzuschmecken.

Der ganze aktuale „Rausch“ einer Sprache im Rauschen der Fehler, Dialekte, Missverständnisse, Gespräche, Zurufe, Witze, Schreie und Auswüchse verwandelte sich in den schriftlich – imperialen (christlichen) Luftabschluss-Prozeduren und Festschreibungen der Überlieferungen vom Latein zum Kirchenlatein und Tafellatein, und geriet so über die Luftabschlusstechniken der Verschriftlichung zwischen Buchdeckeln in Formeln der Klausuren und Klöster. Das Latein verwandelte sich zum Spiritus Sanctus, zum heiligen Geist mit einem hohen Reinheitsgrad, der die Sprache selbst aber sehr stark desinfizierte.

Das Lebend-Vibrierende, das Atmende, Klopfende, Pochende und Fließende einer ursprünglich lebendigen Sprache verwandelte sich destillatorisch über die Luftabschlusstechnik der Verschriftlichung zu einer Aroma- und Geschmacks-Sprache, deren „Wahrheitsgehalt“ rein semantisch nicht mehr ganz so einfach und umweglos „für bar“ hergeleitet werden kann, sondern hoch destilliert, konzentriert oder kondensiert jetzt der Geschmäcker, der Verkoster und Interpretatoren bedarf, der semantischen Mundschenke, der Auskenner in den schulischen Interpretationsräumen, wo sich ein Sinn-Aroma oder ein Klang-Aroma erst entfalten muss oder entfalten kann.

Deshalb eignen sich heute viele latinisiert-romanischen Herkunfts-Sprachen zumeist sehr gut als Aroma – Klang – und Geschmacks-Sprachen für zwischenmenschliche Diplomatien. Ihre semantische Produktion kommt nicht so scharf und direkt auf den Punkt wie im Deutschen Gerät – einfach deshalb nicht, weil das Lateinische in vielen schriftlichen Überlagerungen ein Sinn-Rauschen der Mehrfachbedeutungen mit eingefangen hat; so braucht und schafft das Lateinisch-Romanische zivilisatorischen Raum, eine interpretatorische Gaumen-Höhle, in die sich der Angesprochene oder das Angesprochene zur Not immer auch auf das Abschmecken des Sinns eine Weile zurückziehen kann. Sinn darf sich als ein vom Spiritus transportiertes Aroma entwickeln, aber er erpresst dabei den Hörenden nicht zum Hörigen.

Beim original-deutschen Sprachgerät verhält sich das ganz anders. Das deutsche Sprachgerät geriet nie unter Luftabschluss und blieb von starker Verschriftlichung oder von Klausur im großen Stil lange Zeit verschont. Es gärte und lebte und sprach und stammelte, witzelte und brabbelte immer weiter. Jedenfalls bis zu Luther und der Erfindung des Buchdrucks. Es lebte auch außerhalb der Klöster und Höfe auf den Straßen, Plätzen, Märkten, Feldern und Furten.

Die sprachlich explosive Wucht der Luther-Bibel kommt daher. Richard Friedenthal erwähnt in seiner Luther-Biografie, wie das Luther-Ohr sich diesem wuchtigen und frischem Deutsch der Straßen und Plätze und Furten bedient hat – und damit ein erstes deutsch-sprachiges Paradigma schuf, dessen Gewalt dann die deutsche Hochsprache ausstülpte

Was hat das zu bedeuten in Bezug auf den Heideggersatz: „Wer wirklich denken möchte, kann das nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun?“

Selbst kein hundertsprachig versierter Komparatist, kann ich der Frage persönlich unter wenigen Aspekten nachgehen:

Zunächst mal weiß ich, dass der als leicht überheblich klingende Satz nicht wirklich ganz so krass gelesen – oder zumindest dann ausgeweitet werden müsste auf das Englische, da auch das Englische als das Angelsächsische in westgermanischer Sprache spricht. Zudem gehört das Denken an sich sowieso nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Menschen. Schon deshalb ist der Heidegger-Satz nicht wirklich provozierend. Wer will schon denken? Die Frage, wie man am besten denkt, ist ja vielleicht schon als Frage sehr deutsch.

Dazu kommt, dass die komplizierte historische Entwicklung aller heutigen Sprachen immer noch viel weniger aufgeklärt ist, als beispielsweise die Bio-Genese des Schachtelhalms. Ganze Völkermischungen und Sprachgeschiebeschichten liegen nach wie vor unaufgeklärt im Dunkeln.
Man weiß bis heute nicht genau, wer oder was eigentlich das indogermanisch sprechende Urvolk gewesen sein soll. Gegen diese Unwissenheit sind die Dinosaurier fast schon langweilige Haustiere.

Wenn hier also vom „deutschen Gerät“ die Rede ist, schließt das mit ein, dass höchstwahrscheinlich noch viele andere Sprachen die selben Fähigkeiten ausbilden konnten, aber womöglich weniger auffällig, die ich hier aber einmal aus dem Vergleich lasse und mich deshalb auf „das grammatische Deutsche“ beschränke, das mir in bestimmte Eigenarten eben doch stark sonderbar begegnet.

Das vorerst Erstaunliche an jeder aktiven Sprache bleibt, dass sie ein lebendes sich immer häutendes Reptil ist, das auf Zungen wohnt. Ihre fossilen oder reptilen Elemente werden von feuchten Zungen durchgereicht. Alle neu einfließenden Sprach-Not-Wendungen heften sich dann an die sehr raue, sehr aufnahmefähige Haut dieses Zungen-Reptils, fallen wieder ab, oder wachsen irgendwann einfach ein.

Zum anderen würde ich unterstellen, dass jeder denken-wollend Sprechende ganz automatisch irgendwann sowieso agiert als ein vergleichender oder wenigstens sprachaufmerksamer Denker. Aber okay, das war vielleicht nicht immer selbstverständlich.

Was das Altgriechische betrifft – da sich planetarische Kultur, oder das, was sie technisch ist, was sie platonisch und mathematisch leistet – gesamtglobal planetarisch leistet – sich von altgriechischen Denkbewegungen ableitet, hat Heidegger auch hier einen richtigen Instinkt. Insofern ist das Altgriechische mit sicher wirkenden (ebenfalls ungeklärten) Einströmungen wenigstens aus dem arabischen Raum oder sogar dem Nil-Delta heute sowieso technisches Welt-Denken.

Trotzdem müssen die Erwägungen hier unvollständig bleiben, da mir 99 Prozent der auf der ganzen Welt immer noch lebenden Inselsprachen und Dialekte nicht geläufig sind. Nur im Russischen immerhin kenne ich mich noch etwas aus. (Auch das Russische transportiert eine sehr wache und lebendige Vibration durch die Zeit) Vom Chinesischen weiß ich nur Theoretisches und von den italisch/lateinisch/romanisch abgebogenen Weltsprachen weiß man, dass sie komparatistisch als Misch-Sprachen bezeichnet werden, die in römische Provinzbezirke hinein verrauscht sind, deren Urgroßmutter, das Original-Latein als lebendige Sprache eben beinahe – ausgestorben ist oder eben zum stark   aromatischen Spiritus destilliert wurde.

Anders das original Deutsche, meine Muttersprache. Ihr kann ich stärker nachspüren. Das Deutsche jedenfalls (scheint mir) zu nähren eine lebendige vertikale Radix, ein zeitentief züngelndes und nach wie vor deutlich unverstopftes Pumprohr in protolinguale Grundgewässer. Das lässt sich irgendwie nicht leugnen. Wie schön doch das Wort „Vergessen“ so deutlich unverrauscht ins „Gegessen haben“ eintaucht in tierblind glitschige und wechselwarme Verdauungs- und Kontemplationsräume der Urzeit. Etwas zu vergessen bleibt ein Effekt der Sättigung. Das ist einfach so wahr!

Nun könnte man fragen: Woher weißt Du denn, dass die Verbindung von Vergessen und Gegessen haben „stimmig“ ist im Sinne einer objektivierbaren Wissenschaftlichkeit von Weltbeschreibung? Gar im Sinne einer ernstzunehmenden Biophysik des Metaphysischen?

Darauf würde ich antworten: Diese Verbindung muss stimmig sein, weil Sprache ein Werkzeug ist, dass sich letztlich in einem Kontext der Nützlichkeit und Brauchbarkeit beweisen muss, und damit zur technischen Evolution gehört und damit einem darwinistischem Ausleseprozess unterliegt. Falsche oder nichtstimmige onomatopoetisch/semantische Verbindlichkeiten würden sich einfach nicht auf Dauer halten. Sie würden sprachlich aussterben – oder sich verändern, was sie zum Teil ja auch tun. Was so lange unverrauscht durchhält, muss epistemologisch ernst genommen werden dürfen.

(Trotzdem muss man immer aufmerksam bleiben und schauen, in wie weit sich Bedeutungen von Worten verändert haben – damit eine Etymologie nicht zur Etümelei entartet.)
Wenn Heidegger auf so etwas immer mal wieder gepocht hat, dann muss man einfach sagen: Da hatte er Recht, der Alte. Ja, es hat da eine Zeit lang auch ein Heidegger-Überdruss gewirkt, ein Belächeln, das bis in den Spott hineinreichte – bis hin zur Denunziation im „Heideggern“….und daran war er selbst nicht unschuldig. Aber in welcher Sprache lebt eine so sinnige Verbindung von Zählen und Erzählen?; vom Greifen zum Begriff? Welches Wort kann präziser sein als das Wort Gegen-wart?

Es bleibt dann erstaunlich, wie sehr Sprache hier eben doch einen tatsächlich objektivierbaren Entbergungs – und Besinnungswert erreicht, bis hin zu einer Präzision, die einer mathematisch grundierten Funktionen-Übung unbedingt gleichgestellt werden kann.

Dieser onomatopoetisch/semantische Laserbohrkopf geht dann durch Zeiten wie durch Butter und flößt mir selbst manchmal solchen Respekt ein, dass ich die eigene Muttersprache als eine Fremdsprache wieder empfinde, als ein wirklich starkes Gerät.
Und noch in den technischen Fachsprachen, erreicht sie zum Beispiel mit dem Wort Auflösung eine erstaunlich hohe Besinnungsqualität.

Schon im Englischen mit seinen vielen lateinischen Einsprengseln ist da – manchmal, nicht immer – einiges verrauschter, in Wort-Wahlfreiheiten hinein verbreitert, abgebogen (vergessen, forget, essen, eaten, disremember, oblivion) Der bekannte Wortreichtum der englischen Sprache eignet sich für Diplomatien in der handelnden Fläche – für philosophische Obsessionen in Exaktheit kann er hinderlich sein.

Eine andere Eigenart von Sprache lebt in Abfolgen von langen Perioden eines nicht harmlosen, wie eingebremsten Schläfer-Daseins, in dem ein Wort als verstummter uralter Lotus-Same hinter den Zungen weitergereicht wird, bis der dann irgendwann hineinfällt in ein Boden oder in ein Millieu und als Wort „Entropie“ dort aufkeimt, ja aufplatzt, und die Relativitätstheorien erweitert, ein ganzes Universum zum Blühen bringt.

Als hätte Rudolph Clausius auf seinem Foto diesen Samenkern hinter seinen fest verschlossenen Lippen lange lange unterm Licht hindurch getragen. Dabei hat er Ihn in seiner inneren Bedeutung ja selbst schon (unbewusst?) erfasst und prä-formuliert. Dabei wussten es immer alle schon. Wie sogar dieses schöne Zitat von Arnold Sommerfeld beweist:

„In der riesigen Fabrik der Naturprozesse nimmt das ENTROPIE-PRINZIP die Stelle des Direktors ein. Denn es schreibt die Art und den Ablauf des gesamten Geschäftsgangs vor. Das ENERGIE-PRINZIP spielt nur die Rolle des BUCHHALTERS, der Soll und Haben ins Gleichgewicht bringt.“ Arnold Sommerfeld, Vorlesungen über theoretische Physik, Band V Thermodynamik und Statistik, Wiesbaden 1962

Dass aber diese Entropie, der man bis dato immer Auflösung, Mischung, Unordnung und Expansion unterstellt hat, noch die sprachliche Bedeutung der Einkrümmung und Einkreisung sprachlich bereit hält, also das Hineindrehen in die Kehre einer neuen Form – das erst lässt sie heute und in Zukunft für die kosmologische Physik so wichtig werden.

(Verbunden mit der zeitlich-thermodynamischen Dimension samt Einkrümmung erfasst das Wort Entropie den gesammten Heidegger plus Einstein-)

Leicht gewusst ist, dass jede Sprache Ihre relativen Stärken als auch Ihre relativen Schwächen behauptet. Andererseits frage ich mich: Wo hat Deutsch Schwächen? Zumindest was die zeitliche Formodulation der Ernährung bis in die Verdauung hinein berührt, arbeitet die deutsche Grammatik als ein Verdauungs-Trakt, der so ziemlich alles elegant peristaltisch – durchführt. Das macht Ihre Fähigkeit, Potentiali-tät und Aktuali-tät (tät tät tät erätätätät) fließend in den Staudrücken und Entladungen (ung ung ung) präzise peristaltisch weiter zu schieben, ohne dass die Ursprungsworte dabei sehr verändert werden müssten.

Man schraubt oder steckt einfach ein ung – heit – keit – schaft oder – tät an und fertig ist die substantivische Laube. Oder man schraubt sie eben wieder ab und weiter geht’s.

Selbst wenn man in die Verdauung noch aufmerksamer hineinhorcht – däut da die zeitliche Dauer. Heftig. Ebenso das Gerät, das von etwas zeugt, das geraten ist. Aber gut. Wollen mal nicht übertreiben.

Dieser peristaltische Vorschub des grammatischen Deutschen, in der es seine Substantivierungs-Zelte oder: Jurten – hätte ich beinahe gesagt – auf Substantivierungs-Rast-Plätzen schnell auf und wieder abbauen kann – diese Mobilität also macht das Deutsche zu einer Steck- Klapp- und Camping-Sprache, Nomadensprache. Die Hütte einer Substantivierung ist schnell mal eben mit heit, keit, schaft, ung aufgebaut und wieder abgebaut. Das Material aber bleibt beinahe unverändert, wird handelnd samt der Wort-Tuche und Zelt-Heringe auf den Weg mitgenommen, um es an anderer Stelle erneut substantivierend wieder aufzuschlagen. Ja, deshalb lebt das Deutsche als eine „praktische“ Sprache, ein Reise-Werkzeug, technisch und deshalb nicht einfach, aber – zunächst – nicht als sonderlich elegante oder wortreich luxurierte Sprache.

Das Deutsche behilft sich mit Steck – und Klapp – Techniken: erzählen, abzählen, zuzählen, vorzählen, anzählen… (hierfür gäbe es im Lateinischen bereits drei bis vier ganz eigene Worte)

Deshalb kann man sagen: Das Deutsche entstammt einer „ziehenden“ Nomadensprache. Als eine echte Be-Wegungs-Sprache in der ZEIT. Deshalb eignet sich das Deutsche so gut zur Er-Zählung der Dialektik zwischen Statik und Dynamik. Hierin ist die deutsche Sprache ebenso transparent wie präzise und in ihrer physischen Relevanz enorm stark; eine Be-Weg-ung, die im Fluss der Zeit so in einer zeitlichen Be-Wegung substantivische Moment-Hütten aufstellt, den eigenen Werkzeugcharakter mitführt, bewegt, ja sogar vorzeigt – und diesen wieder auflösend – hier verflüssigt einlöst und handelnd verbal im wirbelnden Prozess er-zähl-bar wieder ins Ganze der fließenden Zeit integriert.

(Gegen diese originale und selbstverständliche Fähigkeit der deutschen Sprache, wirkt der ganze Derrida eigentlich von vorn herein angestrengt, schwächlich und sekundär. Derridas Versuch, Hegel zu „dekonstruieren“ blieb letztlich der Kamikaze-Angriff einer Stubenfliege gegen einen Flugzeugträger. Sicherlich deswegen auch besonders mutig.)

Als Nachteil oder gar als gefährlich gilt das leicht Schematische dieser innergrammatischen deutschen Camping-Technik, die dann auch schnell mal zum Stechschritt mutiert:

Tät. Schaft. Tät. Schaft. Ung. Tätärätätät….

Der unheimliche Vorteil aber bleibt: die originaldeutschen Trägerworte bleiben unangetastet und reichen als lebende linguale Fossile – wenn man aufmerksam hinhört – jederzeit ihre poetologischen Ur-Gene weiter. Wirklicher Wort-Reich-Tum, soll heißen: Der Luxus, für ein Ding mehrere fast gleich benennende Worte auszubilden, ist nicht Sache des Deutschen. Wortreichtum ist eine Frage von Sesshaftigkeit, eine Frage des „Zeit-Habens“. Wirklicher Wortreichtum blüht in gediegenen und verstädterten – Platz haltenden Zivilisationen. Wortwahlfreiheiten sind Sympthome der Luxurierung in stabilen und gut genährten, sophistischen Städten. In diesem Sinne kann Wortreichtum auch eine Sprache verfetten, ihr die Athletik nehmen.

Unter nomadischem Zeitdruck braucht man eine effiziente Sprache, eine dynamische, eher technische Sprache. Eine Grammatik des Campierens, des Auspackens und Wiedereinklappens und Weiterziehens, nicht so sehr des Habens und des Wohnens oder der BE-Schreibung. Zudem werden alle Worte in der nomadischen Bewegung einem hohen statistischen Auslesedruck unterworfen: Wirklich überleben können dann nur die Worte, die im nomadischen Generationenzug tatsächlich tauglich bleiben. Brauchbar. (Dürftig) Aber ohne Schnickschnack. Ohne Ballast. Also die wirklich treffenden, die wirklich guten Worte. Die unverrauschten. Die effizienten. Die stimmigen. Die deutlichen. Die Unmissverständlichen. Eben: Die deutschen Worte.

Deshalb würde ich sagen: In einem starken deutschen Wort wie zum Beispiel Gegen-wart sind ganze Bibliotheken und die Leben ganzer Nomadenzüge statistisch zu einem semantischen Diamanten hineinverdichtet. Das Original-Deutsche bietet in den Trägerworten nicht so einen hohen oder streuenden Wortreichtum; aber die Worte, die da sind, haben’s in sich.

In meiner Muttersprache leben Worte, die selbst schon Dichtung sind.

Ein anderer hoch verdichteter Diamant ist das Wort Be-Wegung oder eben Er-Zählung. In diesen Worten steckt der ganze französische Postsrukturalismus – noch bevor der überhaupt wusste, dass es ihn gibt.

Wenn man ein spezielles Ohr für diesen dringlichen Dichtungscharakter in den Worten selbst entwickelt, wird sofort klar, was im Deutschen nicht funktioniert:

Nicht funktioniert zum Beispiel der Versuch, die Ansprache im Sinngehalt von Texten, Literatur oder Prosa auf das Musikalische, also den Klang der Sprache zu übertragen.

Die Deutschen haben deshalb so bedeutende Musiker als Komponisten hervorgebracht, weil Ihre gesprochene Sprache – allein – zu genau ist, zu dicht an die Bedeutung gelehnt und auf sie angewiesen.

Im Deutschen fällt sofort auf, wenn jemand schwafelt. Oder posiert. Wenn er also redet, indes er nichts zu sagen hat. Rein musikalisch organisiertes Sprechen wirkt im Deutschen Gerät auf Dauer lächerlich. Das Deutsche Gerät verzeiht keine Gedankenlosigkeit. Das ist auch der Grund, warum deutschsprachige Dichtung und Literatur zugleich immer den Denker braucht. Die wirklich großen Schriftsteller und Dichter im Deutschen Gerät waren immer auch Denker, auch wenn sie oft falsch gedacht haben, aber sie waren Denker, oft sogar Ideologen, die etwas sagen mussten oder sagen wollten oder zu sagen hatten.

Erst dann, wenn das zu Sagende denkerisch führt, dann erst greift auch Prosodie, Lithurgie, Rhythmus, Hebung und Senkung im Deutschen. Dann kann auch das deutsche Gerät gewaltig musikalisch werden. Vorher nicht.

Was sich von Goethe eingehakt hat, sind Sinn-Verse und Sinn-Gedichte und Sinn-Zeilen. Also sprachliche Schöpfungen, die etwas zu sagen hatten und es dann gut gesagt haben, auch musikalisch. Kaum jemand merkt sich Zeilen, die obzwar musikalisch, nicht vom Sinn geführt werden.

Das seit geraumer Zeit beliebte Konzept des Dummen Dichters (der „ästhetische Dichter“ ) der zwar dumm ist, aber angeblich gut schreiben kann, oder besonders viel schreibt oder besonders schön schreibt, oder gar „automatisch“ schreibt, funktioniert im Deutschen nicht und hat keine Perspektive, ausser als kurzatmiger Lustigkeits-Mops im Dada, Neodada oder Post-Dada. Früher oder später geht diesem Mops immer die Luft aus.

Ein deutschsprachiger Schreiber, der gedanklich inaktiv ist oder nur konservativ, oder interesselos (was das selbe ist) schreibt nicht gut, oder er schreibt nichts, das von dauerhaftem Interesse ist. Bei Musikern, Malern oder bildenden Künstlern verhält sich das anders. Die dürfen denkerisch inaktiv (aber nicht interesselos) sein, und können trotzdem berührende Werke hervorbringen. Aber schon beim so genannten Gesamtkunstwerk wie dem Film, dem Theater, wird’s mit Dummheit schwierig.

Die schlechte Nachricht lautet also: Wer im Deutschen Sprach-Gerät bleibende Literatur hervorbringen möchte, muss entweder Ideologe (Philosoph) sein oder ein Chronist im Sinne von Reporter – oder er entlarvt sich als Schwafler. Goethe war Ideologe. Thomas Mann war Ideologe (und Reporter) Schiller war Ideologe. Brecht war Ideologe. Kleist war Ideologe (und Reporter) Büchner war Ideologe. Heine war Ideologe. Musil war ein Reporter (und Ideologe) Kafka war Ideologe (und Reporter) Botho Strauss ist in seinen besten Texten Reporter. Ernst Jünger war in seinen interessanten Texten auch Reporter oder Ideologe. Rainald Goetz ist Reporter. (und manchmal Ideologe) Literarische Kunst entsteht dort oder kann nur entstehen, wo etwas berichtet, also reportiert wird oder wo Gedanken am Werk sind. Dies sollte für alle Sprachen zutreffen, aber im Deutschen fällt das Vernuschelte, das Unklare oder das Schwafeln schneller auf. Und das Sophistische fällt schneller auf die Nerven.
Wer sich im Deutschen Gerät auf das bloß sprachliche Singen verlegt, ohne etwas sagen zu können, oder dabei allzu bekanntes repetiert, der wird von diesem Gerät erbarmungslos als Schwafler enttarnt.
(Auch die beliebte Ironie kann sich im Deutschen Sprachgerät, trotz Thomas Mann, nie ganz sicher fühlen. Sie muss sehr gekonnt sein, und im Hintergrund einen starken Sinn-Attraktor projezieren, um nicht als Masche auf die Nerven zu fallen. (Auf die Dauer erlebt man Heinrich Mann als große Erholung von dem manchmal allzu gekünstelten und verklemmten Ironie-Manierismus seines Bruders )

Alles nichtideologische Summen, Ästhetisieren, Stammeln, Experimentieren, Nuscheln oder Singen – funktioniert im deutschen Gerät nicht auf Dauer. Bleibt lustiger Moment-Mops. Es kann bereichern und beleben, aber der Klang war und ist nicht das tragende Element des Deutschen.

Die noch schlechtere Nachricht lautet deshalb: Auch der „nur lyrische“ oder der interesselose „Dichter“ funktioniert hier nicht. Ein Gedicht oder ein Spracherzeugnis, das im Deutschen kein „Interesse“ hat, außer an sich selbst und seiner Klang-Form – ist blau umtüteter Müll.
Als Müll empfinde ich alle reinen Ohr-Texte – auch wenn sie sich auf die Tradition des DADA hinausreden können. Selbst die bekannte Beruhigungsformel, ein „Text“ könne ja womöglich klüger als sein Autor sein, gehört zu den Betriebsfabeln der geschäftlichen Dummheit. Gute deutsche Texte werden von denkenden Autoren oder intelligenten Reportern oder Philosophen geschrieben und nicht von nichtdenkenden. Ob dabei alles im Schreibprozess selbst dem Autor immer direkt präsent ist, oder ob der Autor „korrekt denkt“ steht auf einem anderen Blatt.

Aber zurück zur Sprache:

Das Wort Gegenwart also als dicht geschliffener Semant. Das, was übrig bleibt, nach Millionen von nomadischen Kilometern, tausenden Jahren und nach all den Dringlichkeitssignalen, draußen im Flackern der nächtlichen Wachfeuer vor den Warten, Zelten, Hütten und Tieren in einem großen gemeinschaftlichen Nomadenzug: Gegen-Wart, die auf das Gegen wartet. Gewärtigsein. Im Wachen. Im Wittern. Draußen am Feuer im technischen Dringlichkeits-Hochdruck der Zeit. Die deutsche Sprache „hat“ keine Zeit. Sie muss vielmehr selbst Zeit und Verlauf bewegen. Ihre Grammatik ist der Be-Wegung und dem Be-Wegen eingedrillt, der Er-Zählung und nicht so sehr dem gediegenen Platz-Halten der zivilisatorisch steinernden Sicherungen.

Deutsch ist – obwohl man das erstmal nicht glauben würde – eine schnelle Sprache, eine athletische Sprache. Sie ist eine Ruf- Sprache des Zurufs der Impulse in der Bewegung (die Betonungen liegen zumeist auf den ersten Silben. Die ersten Impulse müssen verstanden werden: Machen. Hier lang. Dort. Essen. Trinken. Jagen. Schlafen. ) und weniger eine ausgeprägte Steinsprache des Gemeißelten, der Erlasse und Dekrete in frühen zivilisatorischen Rechtsgebilden, wie das Lateinische. „Ad tempus concessa post tempus censetur denegata“ Auch das Lateinische klingt trainiert, aber es hat keinen Gegner. Es ruht sich auf dem letzten Wort aus und wohnt hinter zivilisatorischen Befestigungen in der Behausung seines Gesamtklangs. Es glaubt, in der steinernden Ewigkeit angekommen zu sein. Das Deutsche dagegen ist Impuls, Schub auf der ersten Silbe und nomadischer Aufbruch. Los. Aufstehen. Anziehen. Einpacken. Mitkommen.

Deshalb eignet sich das Deutsche auch so gut für gebrüllte Befehle. Man muss gar nicht das ganze Wort verstanden haben. Die erste gebrüllte Silbe reicht eigentlich schon.

Die deutsche Sprache will etwas, den Aufbruch. Das Lateinische lässt verlauten, sichert ein Terrain und legt fest.

Der hier schreibt, vermutet, dass die wirklich unangenehme Widerständigkeit der Teutonen in den furchtbaren Wäldern hinter dem Limes der römischen Provinzen gegenüber den Legionären auch auf die beweglichere und praktikablere und damit etwas schnellere Funk-und Impuls-Sprache der Teutonen zurückzuführen war. Der impulsive Sprachschub im Deutschen kann schon Waffe sein. Eine Luftwaffe.

Im Deutschen also kann beinahe jedes Verb, jede handelnde Aktualität sehr schnell und unkompliziert zu einem Substantivierungs-Zelt potentialisiert aber auch wieder abgebaut und aktualisiert werden. Wenn man die Technik beherrscht. Temporäre Moment-Hütten. Die grammatische Mobilität des Deutschen bildet ihre ganze Raffinesse deshalb als Strömungssprache im nomadisch peristaltischen Schub-Zug der Grammatik aus, weniger in den Wortreichtümern oder Wort-Individualitäten, wohlklingenden Wortpalästen.
Für ein starkes deutsches Wort findet man kaum passende Synonyme: Mit welchem deutschen Synonym, das nicht gleich viel schwächer ist, kann man Gegen-Wart noch ersetzen? Oder Be-Wegung. Man findet keins.

Gegen ein Wort wie Be-Wegung oder Er-zählung wirkt der französische Poststrukturalismus sehr langwierig.

Es ist diese hoch erstaunliche, beinahe schon schmerzhafte Genauigkeit einiger Wortbildungen, die selbst eben schon anonyme Ver-Dichtungen sind – und jedes „künstlerische“ oder „lyrische“ Gezappel in Prosa oder Prosodie wie Stammeln erscheinen lassen, wenn sie sich dieser Sache nicht bewusst ist.

Ja, das hat – vordergründig betrachtet, auch etwas Hartes oder gar Primitives. Aber wer hier Primitivität vermutet, sieht eben nicht, dass diese Wortbildungen Ergebnis von Zeit und statistischem – natürlichem Zeit-Druck sind. Und nicht von künstlicher Frisur. Und ob harte Flusskiesel oder Rohdiamanten primitiv sind – darüber lässt sich streiten. Wehe – Sie werden poliert und besinnend in ein Collier eingefasst. Dann hat man es mit deutscher Philosophie zu tun.

Man darf hier auch die Frage stellen, warum im Deutschen ausgerechnet das Wort „Führer“ so ein explosives Ding wurde. Lauscht man etwas tiefer in dieses heute sehr unangenehme, fast verbotene Wort, hinein, entdeckt man sofort, dass „Führer“ nicht „Thron“ oder „Stuhl“ meint. Die Hierarchie, die im Wort „Führer“ benannt wird, gilt einer Dynamik in der Zeit, sie gilt dem Strom, dem Werden, dem Fließen, also dem Führen einer „Be-Wegung“. Wenn man mal für einen kurzen Augenblick die furchtbare Hitler-Scheiße bei Seite lässt, was sicher schwer fallen mag, fällt sofort auf, wie das in die „Führungskraft“ mit „Führungsqualität“ heutiger Stellenanzeigen eingeflossen ist und hier offenbar eine sprechende Wichtigkeit beansprucht, die Zeit meint, Dynamik meint – und nicht zwingend Vertikal-Hierarchie oder ewige Posten, Trone und Stühle.

Insofern muss man sagen, dass der „Führer“ von vorn herein ein nomadisches und damit ein auswechselbares Konzept anspricht. Ein Führer ist prinzipiell sterblich, weil ganz vorne ausgesetzt. Er hat eigentlich keinen festen Palast und bleibt der Witterung ausgesetzt.

Er gilt dem „Führen“ durch Wege und nicht dem Sitzen oder Tronen in Gründen, oder auf getürmten Stühlen, nicht auf alten Plätzen oder ewigen Gewissheiten. Ein großer Unterschied zum Lateinischen, zum Imperator.

Vielleicht handelt diese innere Grammatik auch von der Frage, warum es den Deutschen lange Zeit immer besonders schwer fiel, wirklich zivilisatorische Gesellschafts-Verhältnisse zu begründen oder gar zu akzeptieren, die echten zivilisatorischen Charakter zeigen. Bleibende zivilisatorische Übereinkünfte in Gründungen, die auf einem „platzhaltenden“ – ordnend imperialen Verständnis beruhen und weniger auf einem dynamisch nomadischen Hinein-Reichen in nomadische Weit-Reiche der Aufbrüche.

Auch die Zersplitterung und das Nichteinigwerden über lange Zeit könnte man dem impulsiven Moment der deutschen Grammatik zurechnen. Wo alle im grammatischen Schub-Zug – denken und sprechen, kann nichts so einfach einigend beruhigt werden. Wenn alle Nomaden sind, dann will jeder auch für sich ziehen.

Es wirkt schon in der deutschen Grammatik und damit eben auch im deutschen Denken ein Bewegungsdruck, der immer ein STAUDRUCK blieb und sich mit „Gründungen“ im Sinne von „Platz halten“ nie so ganz gut vertragen hat oder zufrieden gab.

Was dann immer dazu führte, dass „Die Deutschen“ – wenn sie „Platz“ wollten, zumeist nie weniger als ein weit hinaus reichendes „Reich“ meinten, das dann schnell mal auch die ganze Welt sein durfte.

Alles, was nicht in ein Reich hinaus Reicht oder nicht als Reich hinreichend projeziert werden kann, interessiert den grammatisch nomadischen Deutschen nicht.

Der Deutsche will sein Reich, und sei es nur in seiner Zwei-Zimmerwohnung.

Der Brite will sein Castel, was schon viel bescheidener und zurückhaltender klingt. Umrandeter.

Wobei in einem Reich immer schon der Verdacht hineingesprochen bleibt,
dass es wieder mal nicht ganz hin reichen könnte.

(Ganz im Gegensatz zu einem Imperium, dass sich mit der Vorsilbe Im – als einschließendes einfassendes Territorium interpretiert, als Platz haltend umrandet, während Das Reich immer als ein Experium nomadisch unruhig in das Hinaus Reichende ausstrahlt)

Unter einem Reich macht es der grammatische Deutsche nicht.
Sein Reich ist potentiell unendlich…grenzenlos und deshalb immer auch todesanfällig.

Selbst das schlimme „Volk ohne Raum“ gibt diesen gedanklichen semantischen Nachstellungen irgendwie eine fatale Stimmigkeit. Dazu passt auch, dass die Deutschen in Nordamerika neben Iren und Briten den größten Einwandererteil stellten. Beinahe wäre Deutsch die nordamerikanische Amtssprache geworden und nicht englisch.

Nach wie vor muss man auch akzeptieren, dass die dicken, fetten, berühmten und „ganz alten“ deutschen Städte wie Trier oder Kölln dann doch zumeist aus römischen Gründungen hervor wuchsen.

Während die genuin deutsche Art, Stätte zu interpretieren – auf Burgen und Festungen zurückgeht: Magdeburg, Flensburg, Hamburg, Naumburg, Brandenburg, Augsburg, Wartburg. Die Feste Burg: Gegen-Wart-Schaft. Wartburg. Graf-Schaft. Oder auf Furten, den frühen nomadischen Campingplätzen vor Grenzüberschreitungen: Frankfurt, Erfurt, Querfurt…

Schaffen. Anschaffen. Herbeischaffen. Abschaffen…ge-SCHÄFTIG bleiben. Burgschaft. Gerätschaft. Aschaffenburg. Das klingt zunächst alles nicht nach den sprachlichen Feingerüchen von zivilisatorischer Raffinesse und einem Einwohnen in gediegen ziselierter Vielfalt….

Eher nach robuster und praktischer Bevorratung für lange, kalte und harte Winter – Festungen. Burgen und Schaften. Was feiert der Deutsche? Er feiert Feste. Wenn etwas fest bleibt, stabil ist, dann freut er sich, dann hat er was geschafft – für diesen Winter. Dann hat er sein zugiges Nomadentum doch einmal in eine Feste Burg hinein verfestigt.
Dann feiert er die Feste.

So wundert es dann auch nicht, dass alle Worte, die auf lichtere oder transparentere Unterkünfte verweisen, die zwar stabiler sind als Zelte oder Hütten, aber weniger düster als feste Burgen, – aus dem römisch – lateinischen kommen. So zum Beispiel das sehr wichtige Fenster, Fenestra

Der grammatische Deutsche an sich war lange fensterlos. Duster. Zwischen den Extremen seines zugigen, wetterausgesetzten zelt- und hütten-nomadischen Daseins und seinen dick umbauten einschließenden Festen, den verfrorenen, soliden aber engschartigen Winter- und Wetter-Burgen hatte er für Fenster offenbar keinen passenden Wortbedarf. Scharten, Luken, Schlitze, Löcher vielleicht. Aber Fenster?

Das Fenster musste er als Wort und Ding aus dem Lateinischen importieren.

Und erst dieses Fenster, das ein – im übertragenden Sinne – grammatisches Wohnen in existenziell moderierter Mittellage ermöglicht. Eine grammatisch fenestre Existenz, die sich weder ganz in der Festen Burg düster verbarrikadiert noch ganz der Wetter-Zeitströmung des Ungeheuren im nomadischen Dasein aussetzt. Diese fenestre Mittel-Lage kennt der grammatische Deutsche nicht originär. Das hat er übernehmen müssen, lernend.

Das lateinische Fenestra erst entspannt die Existenz nach beiden Seiten. Erst das Fenster ermöglicht Zivilisation. Eine feine Glasscheide zwischen dem Sein und der Wirklichkeit.

Das Fenster. Vielleicht sogar die erste extern erweiterte Nachbildung einer Blut-Hirnschranke, halbdurchlässig trennend/verbindend zwischen innen und außen. Gar nicht nur im metaphorischen Sinne.

Das Fenster ermöglicht inneres Wohnen ohne gänzlich verbarrikadierten Einschluss und schützt trotzdem vor der scharfen Witterung und den meisten wilden Tieren. Das Fenster schreibt auch eine bestimmte neue Art von Gebäude vor.

Ein gutes Fenster entspannt die Lage. Es reguliert als dialektische Barriere. Ein gutes Fenster ermöglicht grammatische Diplomatie nach innen und außen – und nimmt dem Staudruck des grammatischen Deutschen etwas von seinen dynamischen Stauungen nach innen, und erlöst es auch etwas von den verbarrikadierenden und dickwandigen Festungs-Drücken gen Außen. Mit dem Fenster verschwindet die Düsternis der Burgen und Festungen aber auch das zugig Witternde der Hütten, Zelte und Verschläge.
Erst mit dem lateinischen Fenster wurde das Deutsche auch ein bisschen „gemütlich“.

Mit dem lateinischen Fenster bekommt das fensterlos grammatische Wehr- und Wucht- Deutsche mehr Transparenz und Lichtung. Und die grammatikalische lauernde Nomaden-Existenz muss nicht mehr so extrem gegen-wartend – harren – in feuernder Witterung.

Erst das Fenster verwandelt die harrende Gegenwart in ein entspannteres Präsens.

Wenn man das weiß, dann kann man ungefährdet wieder deutsch denken und deutsch sprechen und manchmal auch ein bisschen „heideggern“, sich an einem Wort wie Gegenwart oder Vergessen oder Erzählung oder Bewegung erfreuen.

Gegenwart. Welches Wort gibt die Dialektik zwischen einer dynamisch nomadischen Strömung und dem STAUDRUCK in Festen und Burgen, den Druckfesten und Seinsburgen im JETZT noch präziser und so überaus physiologisch wieder. Ich kenne kein anderes.

Aber in diesem inneren Widerstreit – in diesem Staudruck des Gegen-Wartens ihrer grammatischen Fügungen, bleibt die deutsche Sprache von der Genetik her enorm wach und vibrierend. Zeitempfindlich. Gegen-Wartend. Gefährdet. Harrend. Witternd. Hier gewogen und gewichtet. Weit reichend…

Tim Boson: Die Lichtgeschwindigkeit: Eine Erinnerung.

Ein Bild unserer Welt: Der Moment des Hörens: Jack Bradlay fotografierte einen taub geborenen Jungen, der zum ersten Mal hört, was „Hören“ ist. Der Moment zeigt den Moment, in dem das Hörgerät eingeschaltet wird.

Tim Boson: Gibt es so etwas wie einen Neid auf das Universum?

Ich, Tim Boson, erinnere mich  – beinahe könnte man sagen – dunkel – an viele viele Menschen, Remineszenzen, schattige Gestalten aus meiner Vergangenheit, die einmal in ihrer so genannten Jugend durchaus angerührt waren vom Kichern der Sterne, ihrem Glanz und von dem Zwinkern des Mondes. Vom Sog dieses Universums. Die Sterne waren unsere Freunde und Träume, die viele von uns einmal hatten. Aber irgendwann wurde dann eben anderes wichtiger.

Tim Boson: Meine Träume sind es noch.

Dann, irgendwann, drangen die Geschmäcker, die Ansichtssachen, aber auch die kleinen Sicherheitsbedürfnisse und irdischen Annehmlichkeiten in unsere Sternen-Kreise ein, die Witzigkeiten, die kleinen Sarkasmen und Lebensführungen, die Tricks,  die Rückversicherungen und die gespielten und wohlüberlegten Lässigkeiten und designten Förmlichkeiten infizierten unsere Töne und Träume mit einer eigenartigen Krankheit. Wir nannten diese Krankheit Klugheit.  Klugheit – nicht Bildung, nicht Wissen, nicht Denken, nicht Unruhe.
Die Klugheit ließ uns plötzlich eine Art Existenz-Mikado spielen. Man passte plötzlich wahnsinnig genau auf, keine Stäbchen mehr zu bewegen. Und wenn, dann sollte es nur das Stäbchen mit der richtigen Farbe sein. Die Farbe, die sich mit den Farben des Milieus vertrugen, mit der richtigen Reihenfolge.  Oder mit den eigenen Idiosynkrasien oder denen eines Publikums, eines Auftraggebers. Vorzeigbare Farben. Oder man bewegte nur noch das Stäbchen, was sich noch einfach, ohne großen Aufwand wegnehmen ließ. Das sich schnell anbot. Existenz-Mikado: Merkwürdige Spielregeln ließen die Sternenträume plötzlich verblassen. Diese Spielregeln hießen: Seinen Platz finden oder sie hießen: Seinen Platz halten……oder sie hießen: Seinen Platz parfümieren. Oder sie hießen: Heute sind wir alle mal dagegen. Oder sie hießen: Heute sind wir mal ein bisschen lustig.

Tim Boson: Naja…ich blieb…mehr oder weniger…von der ganzen Schwere der Spielregeln dieser Art verschont.

Tim Boson: Wirkliche Träume lassen sich aber nicht verarschen.
Nicht auf Dauer.

Tim Boson:
Mich haben die Sterne  erwischt als Sechzehnjähriger in den Mittagspausen unter dem Einsteinturm in Potsdam. Auf einer Bank.  Meine Lehrzeit als Elektroniker beim wissenschaftlichen Gerätebau. In der Tasche den zerknitterten Stanislav Lem von Reclam. Ein früher Roman von ihm hieß:
Der Unbesiegbare.
Klar, so hieß auch gleich mal ein großes Raumschiff.

Aber irgendwie war die Mannschaft, in diesem Roman, ihrem eigenen Raumschiff, das Der Unbesiegbare hieß, und dem Planeten, den es besuchte, oder dem  eigenen Auftrag nicht gewachsen. Die Mannschaft ging an merkwürdigen Symptomen zu Grunde: Sie infantilisierte. Schließlich fand man nur noch die Zahn-Abdrücke versuchter Nahrungsaufnahme in den Seifenstücken der Waschräume. Neben angefressenen Kondom-Verpackungen. Das Raumschiff selbst aber blieb unversehrt.

So sind Träume: Sie sind Raumschiffe. Sie sind unbesiegbar.
Im Positiven wie im Negativen.

Tim Boson: Träume können überfordern. Sie müssen es sogar.

Aber wie heißt es so schön: Man muss es eben dann auch wirklich mal tun. Machen. Und das kann dann anstrengend werden.

Und deshalb kam irgendwann Heinrich von Kleist. Ein absoluter Knall.

Dass Kleist ein Science-Fiktion-Autor ist, aber das ganze Gegenteil von einem Phantasten, war mir irgendwie bald schnell klar.

Und dann: Der Golem: Die Natur der Technik – auch das hat gezackt.

Und Honest Ani , eine gänzlich schweigende artificial intelligence.
Ihr Schweigen hat mich noch einmal stark angesprochen.

Ein großes, etwas schwieriges Projekt in Hellerau bei Dresden über mehrere Jahre zusammen mit einem neugierigen, forschenden und fragenden und deshalb anwesentlichen Freund. Mit einem Co-Regisseur, Dialogpartner und dringenden Fragensteller. Ein Fragensteller – also das ganze Gegenteil von einem Kulissen-Steller. Kein Wände-Anmaler. Kein lausbübischer Gedanken-Simulant.

Träume sind das Ernste und Wirkliche, in das man vom Leben hineingestellt sein kann. Neben der Liebe natürlich. Ihr wesentlicher Inhalt sind Fragen. Ihr Ernst-Sein ist ihr Anspruch und ihre Schönheit und verlangt Ausdauer, Kraft, Energie, Risiko und Mut. Sie binden auch viel Lust und Zeit.
So war es immer auch mit der Luft- und Raumfahrt.
Heinrich von Kleist wusste das.

Träumen wird man nicht damit gerecht, dass man sie so ein bisschen träumt.
Dann hat man sie nicht verstanden.

Oder dass man bloß etwas interessant findet oder merkwürdig oder ästhetisch.

Träume sind Raumfahrt. Und: Man kann sich Träume eigentlich nicht aussuchen.

Träume hat man nicht. Träume sind.

Aber man kann sie natürlich verschludern, überdecken, ausbleichen, zum Schweigen bringen, also verlieren, an das zunächst immer Machbare, an das Leichte, an das Gekonnte, an das schnell und einfach Kommunizierbare. An das Ausgeglichene. Vor allem aber verliert man Träume an die Fähigkeiten, in denen man vermeintlicherweise von Anfang an gut ist. Also man kann Träume auch an das eigene Talent verlieren. Man kann Träume sogar an die Kunst verlieren. An das Artistische. Wo die Kunst beginnt, hört der Traum auf.
Nur im Explosiven, im Strömenden in den Fugen und Rissen, im  Risiko, –  dort lebt der Traum. Nicht im Handwerk. Nicht in der Dienstleistung. Nicht im Interessantheitskatalog. Nicht im Produkt. Nicht im Kolloquium. Nicht in der bloßen Nachdenklichkeit. Nicht im Aperçu. Nicht im Gemachten. Nicht im Meeting. Nicht beim Stammtisch. Und auch nicht in der Simulation von Ästhetik.

Natürlich muss er da auch einmal durch, der Traum. Aber leben und überleben – tut – er woanders.

Oder man findet Entschuldigungen. Ausreden. Sehr sehr taugliche und ehrliche Ausreden. Oder sogar Schuldige. Dann ist man das ewige Opfer. Der Übergangene. Der Verkannte. Und so entschuldigt man sich ein ganzes Leben lang. Und beschuldigt dafür Andere. Man beschuldigt den Commerz, den Pop, den Kapitalismus oder irgendwelche bösen Verhältnisse, eine schwierige Kindheit.., und glaubt, dass das ausreicht für einen Traum. Man glaubt, dass ein Traum schon genug genährt ist, wenn man Schuldige benennt, oder einfach nur „Kritik übt“  Und man selbst sich auf der Seite der „Richtigen“ wähnt. Mit ein paar augenzwinkernden Ironien natürlich, so ganz blöd ist man ja nicht.

Aber für einen Traum reicht das nicht. Dann hat es sich ganz schnell ausgeträumt. Man blättert noch ein paar Bücher, hört ein bisschen Musik, macht seine Arbeit, das war’s.

Wer Träume nur träumt, hat keine. Träume sind reale Wege oder sie sind nicht.
Träume sind keine Werke. Keine Spielpläne. Keine Terminkalender. Sie sind Fluten. Sie sind auch keine Arbeit im einfachen Sinne. Träume sind auch keine Kunst, Hervorbringungen oder Leistungen, Kunst und Arbeit können Träume sogar kaputtmachen. Weil sie damit nichts zu tun haben. Träume sind der Antrieb, eine Brennkammer, ein energetisch-informeller Reaktorkern, ein Motor. Eine Unruhe, ein Motiv. Träume sind Ströme. Der thermische Hauptstrom. Alles, was auf diesem Strom passiert und verwirbelt gehört dazu.

Oder sie sind eine Sonde. Die Richtung für Sondierungen. Eines Weges.

Träume haben noch nicht mal etwas mit dem schnell dahin geworfenen Begriff „Leben“ zu tun. Oder mit der Kitsch-Attribution „Gerne Leben.“

Träume sind keine Kulissen und auch keine Bühnen die man zur Selbstdarstellung hervorkehrt oder um sich den Anstrich von Interessanz oder Tiefe zu geben. Nein, Träume sind der Ernst. Kein „heiliger“ Ernst. Aber ziemlich ernst. Und so wollen sie auch behandelt werden. Genau so. So behandeln sie uns.

Träume sind Anlässe, sich unmöglich zu machen und zwar: sich wirklich unmöglich zu machen, und zwar so unmöglich, dass man sogar sich selbst manchmal dabei peinlich werden kann. Sich selbst peinlich machend bis hin zu unmöglich.

So sind Träume. Oder es sind keine Träume.

Ein Traum sagt: Man muss es dann eben auch wirklich mal tun!
Das ist dann natürlich anstrengend.

Wir also waren damals verzaubert und verwirrt von dem drängenden und so unfassbar klaren  Geruch  dieses Universums, – ja es hat eine Art Geruch – von seiner Offenheit und seiner Möglichkeit von Zukunft und den schönen offenen Horizonten vieler Fiktionen und Visionen.
Die wir in unserer so genannten frühen Jugend besprochen, verschlungen, gelesen – erdacht – oder in die Filme  hineingesehen hatten. Geheimnisse. Weite. Tiefe. Große, langsam dahinschweigende cinematografische Raumschiffe. Schiffe, Ja!  Und wie anrührend: Jedes Hineinspüren, Hineinsehen in dieses Universum will und wollte immer Fiktion, Geheimnis und Rätsel, Entbergung; Lösung und Entdeckung; Gefangensein und Entkommen zugleich.

Und meinte auch immer: Reale Zukunft. Realistische Zukunft. Unterwegs sein.

Aber doch: Das Hineinspüren in das so zukunftsvolle  Universum fühlt sich auch immer an wie eine tiefreichende Erinnerung, eine Remineszenz. An eine weit entfernte Vergangenheit.

Das ist vielleicht das Seltsamste an diesem Hineinsehen in die Sterne: Es will so unbedingt Zukunft und Morgen und Weite und spürt doch ganz automatisch eine tiefe Vergangenheit. Der Blick in den Sternenhimmel ist der einzige wahrhaftige Vergangenheitsblick, der deshalb auch unverlogen Zukunft produziert. Eine futuristische Remineszenz. Für mich die einzig erträgliche Art, Vergangenheit schön zu finden: In das alte neue Licht der Sterne zu blinzeln.

Ein Licht, das von Gestern ist und jedes Mal so unheimlich zukünftig.

Tim Boson: Die Sehnsucht nach den Sternen ist die einzig legitime Sehnsucht nach Vergangenheit. Es gibt keinen besseren Dienst an der Vergangenheit als den Dienst am Universum. Von dort kommt die Zukunft und alles was geliebt werden kann.

Ich, Tim Boson, denke an das Blau, an das funkelnde Schwarz. All dieser zukünftigen Vergangenheiten. Die mich immer gereizt haben.  Ich erinnere mich. Genau so, wie die vielen vielen Menschen, die einmal in ihrer frühen Jugend…..damals… so angefasst waren von diesem Zauber…in Vorstattkinos oder in verschwitzten Paperbackausgaben irritierender Geschichten. In den narrativen Stern-Warten. Den Gegen-Warten eines Blicks.

Irgendwann aber vergeht diese frühe Jugend und man lernt die irdischen Annehmlichkeiten näher kennen und – durchaus – durchaus: schätzen. Und die Sterne und der Mond werden so ganz allmählich stiller und leiser. Viele tauschen ihren frühen unfassbaren, beunruhigten Stern- Warten-Blick in Nähe ein. Gegen das Nahe, das Jetzt, gegen die Erde. Der Alltag ruft. Das Unternehmen. Das Brot. Das Fortkommen. Die Familie. Das Machen und Tun.  Man tauscht die Positionen der Sterne gegen Positiönchen. Nicht alle tun dies. Den Sternen sei dank.  Aber sehr viele dann eben doch. Naja, es ist ja auch notwendig irgendwo….realistisch zu bleiben.

Seien wir doch mal realistisch.

Genau, seien wir realistisch!

Damals…als wir sehr jung waren.

Viele Menschen tauschen das unfassbar schöne und funkelnde Universum ihrer Jugend ein gegen ein halbwackliges, pseudostabilisiertes und pflegeschweres  Ego.

Höchstens dass man die Sterne noch in den Augen einer Liebe wiederentdeckt. Was auch sehr schön ist. Dann ist es schön. Aber dann….

…wenn man die anderen, die großen Sterne, die wirklichen Sterne doch noch im Herzen hat, dann verbirgt man sie jetzt, lässt sie vielleicht manchmal noch halberstickt blinken, findet sie wie Krümel und verbogene Kürzel in den Innentaschen gelegentlicher Flüstereien. Unter dem Tisch zitiert man sie noch. Halbverschämt oder gar witzelnd. Oder ironisch verkleidet. Oder man drückt sich – allein – heimlich vielleicht noch einmal in die Nachmittagsvorstellung irgendeines Programmkinos, das gerade noch einmal einen dieser Sehnsuchts-Schmacht-Streifen von damals hervorgeholt hat für ein paar zerstreute Köpfe in den Stuhlreihen.
Langsam dahingleitende Schiffe mit der so genannten LICHTGESCHWINDIGKEIT der Filme.
Man schaut – wie man sagt: Einen alten Science Fiktion. Angefasst von einem alten Gefühl und einer Tüte mit Studentenfutter.

Irgendwie spürt man: Inmitten einer agenda-gesetteten Kultur wäre kaum etwas  befremdlicher als plötzlich auf dem Spannteppich stehen zu bleiben und auszurufen:

Aber die Sterne!! Das Universum!!

Es sei denn, man ist  selbst Astronom geworden. Es sei denn, man ist selbst ein Berufs-Sach- und Fachverständiger in Sachen Weltenraum. Aber auch hier droht oft die Einmauerung dieses Funkelsten aller Themen in den Berufsalltag zwischen Wasserspender, Farbkopierer, Büro-Intrige, Budjet-Zuteilung, Interessenvertretung und Karriere-Ventilator.

Nicht allen unter den Professionellen passiert das. Den Sternen sei dank.
Aber doch vielen.

So findet man unter den Astrophysikern oder den Raumfahrt-Ingenieuren berufsbedingt nicht sehr viele wirklich ernsthafte Träumer, nicht sehr viele wirklich Angefasste. Also solche Träumer, die auch bereit sind, sich vor sich selbst und vor anderen unmöglich zu machen. Auch wenn sie es vielleicht in ihrer frühen Jugend einmal waren. Denn Leidenschaft und Professionalität – heute würde man sagen – mitteltemperierte oder diplomatische Teamfähigkeit vertragen sich nicht immer sehr gut. Mit eben dieser Leidenschaft. Leider. Merkwürdigerweise. Auch: Notwendigerweise

Ja, auch dieses Manko bleibt irgendwo notwendig. Sehr sehr notwendig. Denn Technik und Forschung  braucht auch die Trockenheit. Die Routine, die Abläufe, das Schema. Die Exaktheit. Die Perfektion. Das Unaufgeregte. Das Professionelle. Die Einhaltung von Abfolgen, das Agenda-Setting. Das Sichere. Das weniger Phantastische.

Aber manchmal kann dieses Sichere, Unaufgeregte und Professionelle, das Agenda-Gesettete eben auch gefährlich werden. Ein Systemfehler, der zum Totalzusammenbruch führt.

Ja, manchmal kann das Nichtaufgeregte oder das „Gentle“ oder der Common sense unter Umständen richtig gefährlich werden.

Ich bin sehr froh, einen Menschen kennen gelernt zu haben, dem es gelang, seine Leidenschaft und seine Neugier bei aller auch schon wieder unfassbaren Professionalität zu bewahren und mit ihr zu verkoppeln.

Ich nenne ihn hier mal „Den Raketenprofessor“ TSW Salomon.

Ich sage „Raketenprofessor“ – weil man so etwas normalerweise nur aus Trickfilmen kennt, die Samstag vormittag im Fernsehen laufen.

Aber es gibt sie wirklich.

Ein Raketenprofessor, Physiker, Mathematiker und Thermodynamiker „vor dem Herrn“ , der ein „Raketenbuch“ geschrieben hat und ein Buch zur Mathematik von Nichtgleichgewichtsprozessen und ein Buch zur Aufklärung historisch-philosophischer Verwickeltheiten in Sachen Physik. Alle sind wohl echte Zukunftsbücher und als solche würde ich Sie hier sogar einem guten Begriff von „Literatur“ zuordnen. Ja, sogar der Philosophie, von der Heidegger sagte: „Das Ende der Philosophie ist erreicht, wenn sie in den Wissenschaften aufgeht.“  Obwohl diese Bücher sicher nicht einfach zu lesen sind und hier und da auch mit Formeln gespickt.  Aber ein Joyce war ja auch nicht einfach so zu lesen und voller Formeln. Nur komischerweise interessiert mich ein Raketenbuch heute – noch etwas mehr als, sagen wir mal: Ein poststrukuralistischer „Roman“ oder ein so genanntes „Drama“.
Kleist und die  anderen echten Raumfahrer unter den Dramatikern mal ausgenommen.

Tja, was gibt es noch zu sagen. Ich wollte mich erinnern an alte Bekannte, die auch mal was wollten, die auch mal mehr wollten als das, was sie so tun. Die einmal angefasst waren vom Zauber des Universums, seiner Faszination seiner Vergangenheit und Zukunft. Aber es kann oder muss auch nicht jeder so einen unbedingt intensiven Wahr-Traum  haben. Der dann wirklich auch anstrengend ist:

Dass man es dann eben einfach auch mal tut.

Das Universum lässt sich nicht verarschen.

Neogravitation. Formodulation der Raumzeit.

*
*
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Zur Erweiterung der Relativitätstheorien.

*εντροπία (Entropia altgriech: Hineinwendung, Eindrehung, Kehre)

Zeit, die unsere Persona einlöst. In einer Zeit, die unsere Masken ablöst und auslöst. Zeit, in der wir das System, den Beobachter, das Milieu, unsere Du’s und Ich’s sich ereignen lassen in Ereignissen zu Gewichten, die  aber nicht dort  gewichtet werden oder hier nur gesichtbar sind; die sich immer wieder neu ereignen, herausdrehen und hineinwiegen, nicht nur in einem anderen Raum  – in einer anderen, neuen Zeit.  Zeit, die wir vernehmen, als die sich immer Ereignende im Fliehen wiederkehrend, einkehrend, ins neue Eigene hinein. Das Ereignis. Zeit, die  sich eignet im Gewicht von Sichtung. Die wir nicht mehr aushandeln müssen oder tauschen müssen oder erzählen müssen oder ausmessen müssen: Zeit, die wir nicht eintauschen müssen, weil das Müssen jetzt in einem Können sich erkennt, in dem es als ein Müssen oder Müsste wiedereinkehrt, aus dem dann wieder ein Könnte sich herauskehren kann – dann – in dieser Zeit  – lösen wir die Gleichheitszeichen aus den Formeln ihres Zahlentauschs,  aus den Rechnungen ihres Warentauschs, aus den Taschen ihres Münzentauschs, enteignen die Gleichheitszeichen aus dem Auge des Gesichtertauschs,  aus den Zähnen eines Leistungstauschs, den Kesseln ihres Arbeitstauschs, den Gebeten unseres Gnadentauschs, aus den Zungen  ihres Wahrheitstauschs,  aus den Händen ihres Schlagabtauschs – hinaus holen wir die Gleichheitszeichen aus der lauen Wärme ihres ganz urkalten Schnees und befreien sie hinein in ein großes UNGLEICHHEITSZEICHEN: so in die Welt hinein, dass kein Gleiches mehr verglichen werden kann, wo doch immer nur ein Ungleich nach Ungleich zum Ereignis  sich eignet und wiegt – hier –  – gewogen wird – dort. Vorüberströmend…

Das kollektive Unbewusste: Du sollst Dir kein Bild machen. Denn dieses Bild ist schon wieder das nächste Bild. Ein anderes in einer neuen Zeit. Denn Zeit und Formen fliehen, weil sie fliehen müssen. Keine Konstanten. Du selbst bist dein Bild und bist es nicht.

Zeit, die sich enteignet in Zahlen, Worten, Gedanken, Funktionen, Begriffen, so warm  wie Münder und Hände, wo sie als Begriffe erst im Ergreifen einkehrend ausskehrend sich begreifen, erfahren, und besprechen, als Sprache; als Zahlen sich erzählen, als Formeln sich einformeln und ausformulieren in der Zeit – aus der sie immer schon gekommen waren und gewesen sein werden, in der sie sich eindrehen und wieder hinauskehren: Zeit, die Subjekt und Objekt nicht mehr versteht als einsam oder zweisam oder dreisam oder viersam hin – und – her- schaukelnde Quanten, sie s o nicht mehr erkennt. Zeit, die wir erleben als wiederkehrend Fliehende, gehalten ungehalten, frei wie in Ketten eines Karussells mit wehen Haaren treibend nach aussen, von innen gezogen, nach hinten geworfen, nach vorne rotierend – weiter erfahrend als Ganzes in Fahrt – uns selbst durch die Zeit  zu Formen erschweren und wieder erleichtern nach vorn – dann – erst – können wir die Raumzeit verbiegen. Die Gravitation selbst ereignen. Und werden ganz leicht. Dann haben wir sie schon verbogen, und fahren auf keiner geraden Geraden mehr; und das vielleicht zum aller ersten Mal. Dann erst ist alles wirklich – ungleich. Und damit nicht mehr austauschbar. So werden wir, weil nichts mehr wirklich gleich sein kann, zum ersten mal All uns ähnlich.

Am Personenbeschleuniger: Peter Sloterdijk

Sehr geehrter Herr Sloterdijk,

(eine Rezension zu: Peter Sloterdijk. Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft, Suhrkamp 2010)

Verteiler an:
Mister Buckminster Fuller
Carl Friedrich von Weizsäcker
John Archibald Wheeler.

*
Ich schreibe diese Rezension als ein Brief, Herr Sloterdijk, nicht direkt an Sie persönlich, deshalb auch die Namen in den Verteilern. Ich schreibe diesen Brief an ein Problem und auch an eine bestimmte Art des Sprechens, oder an die Art, wie eine bestimmte Art des Sprechens zu einer bestimmten Art von Fragen oder auch Problemen (ge)führt. (hat.) Wenn ich hier also im folgenden Namen anspreche, dann spreche ich sie als Gefäße oder Träger an, die ein qicklebendiges Denken und Leben beinhalten oder sich „zum Tragen“ darum herum geformt haben, so zum Tragen auch gekommen sind.

Öffnung und Schließung der Kapsel. Einatmen. Ausatmen. Das Raumschiff Erde leben lernen.

Ontologie zwischen Entry und Re-Entry

Persona (griech: Die Maske) hat mich zu einer Modifikation oder Weiterentwicklung meines Illusionenbeschleunigers inspiriert, den ich hier als Personenbeschleuniger in den Bestand des Labors mit aufnehme. Wenn hier also „Personen“ beschleunigt werden, dann nur in einem erweiterten Verfahren der Illusionenbeschleunigung – jedoch nicht – wie man vielleicht meinen könnte, im Sinne einer „Masken“ – Beschleunigung oder „Menschen“ – Beschleunigung.

Deshalb möchte ich Sie vorab meiner Hochachtung versichern; und wenn ich im Folgenden hier und da etwas polemisch werde oder geworden bin, dann zielt das nicht ad hominem oder ad personam, sondern will einfach nur etwas Gewürz beigeben, denn schließlich – wo leben wir denn, und sie wissen es auch: Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht zuletzt diverse Gewürze, die uns zu intelligenten Wesen geformt haben, denn unter ihnen fanden sich immer auch solche Gewürze, welche es vermochten, die Blut-Hirnschranke zu durchdringen, nicht zu zerschlagen oder zu perforieren, das sage ich deutlich – also – Herr Sloterdijk – in dem diese pfefferartigen Gewürze dosiert diese Blut-Hirnschranke evolutionär trainierten, weltempfindlich hielten, und damit den Kontakt mit der wirklichen Wirklichkeit in Intervallen einübten, – also in zeitlichen Wartungsintervallen formulierten – denn eine solche Gegenwärterin in quantisierenden Intervallen ist diese Schranke ganz sicher.

Ausserdem haben Sie, Herr Sloterdijk, auf Ihrer eigenen Internetseite einen schönen und engagierten Text zu einer großen Metapher von Mister Buckminster Fuller eingestellt, auf den ich hier ausdrücklich hinweise:
Ihr Text „Wie groß ist groß“ zu „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“
Dazu möchte ich Ihnen oder Herrn Buckminster Fuller, obwohl er nicht mehr unter uns weilt, gerne etwas antworten und beifügen.

Sie, Herr Sloterdijk, haben in letzter Zeit häufiger den Namen Carl Friedrich von Weizsäcker in ihrem Schreiben erwähnt, und machten dabei immer den Eindruck eines etwas ratlosen oder nachdenklichen Pflichtübenden. – so als könnten Sie selbst nicht so richtig entscheiden, ob dieser Philosoph und Wissenschaftler nun in den Leitzordnern Ihres philosophischen Wahrneh-mungsbüros einfach nur im Regal steht, aussortiert gehört, oder vielleicht doch einmal etwas genauer gelesen werden muss.

Zuletzt in ihrem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dem ich hier auch schon eine Rezension gewidmet hatte, sowie in ihrem letzten Suhrkamp-Heft zum Thema „Wissenschaft und Philosophie.“ Sie erwähnten Weizsäcker auch hier zwar, ließen ihn aber dann doch irgendwie eher unangetastet bei Seite liegen; gerade hier, in diesem letzten Heft von 2010, das eigentlich nur eine längere Rede von Ihnen abdruckte, hatte ich mir dazu etwas mehr versprochen in dieser Richtung. Es kam dann aber nicht, nun gut.

So beschränkten Sie sich auf eine sorgfältige Aufzählung einer Historie der „Monster“ – so nannten Sie die, also einer Historie der Sektierer, der Abgekapselten und Eingeschlossenen, die aus idealisierten Laborbedingungen heraus – sozusagen als scheinbar perfekt daneben stehende Beobachter glaubten, die Welt distinkt beobachten zu können – und ja, auch zum Teil nicht nur beobachtet sondern auch wirklich verändert haben, nicht immer zum Besseren, das wissen wir, aber zumeist dann irreversibel. Etwas marginal und nur zwischen den Zeilen räumten Sie dabei ein, dass man hier auch die eher autarke Vorgehensweise Albert Einsteins wohl zu den Wirkmächtigsten zählen müsse, da auch er – aus einer zunächst ziemlich abgeschotteten Situation heraus eine ungeheure Weltverschiebung in Gang setzte – in dem er nämlich Beobachter beobachtete. Bis heute noch erstaunlich und beunruhigend, wie ein Mensch es vermochte, einen eigentlich grundsätzlich unbeobachtbaren Sachverhalt zu entbergen, indem er gegen alle Kantische Maßstäbe einen Schleier lüftete.

Danach aber zeigten Sie, Herr Slotterdijk, dann sehr vollständig all die „Monsieure Testes‘ “ in die Runde, angefangen von Platons (pythagoräischer) Akademie von vor beinahe 2500 Jahren bis zu Paul Valerys gleichnamigem Held und schließlich auch Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den Sie dann tatsächlich als „Monster“ – kann ich sagen – ein wenig denunzierten?

Herr Sloterdijk, dem aufmerksamen Leser dieser Schrift konnte nicht entgehen, wie sehr sie hier auf dem von ihnen gern beschrittenen Grad zwischen kolloquial seriösem Aufzählen, sich enthaltender Wertung, und einer microdimensionierten Ironie – bei halbem Warnton in dieser Historie herumballancierten – eine Herumbalanciererei – oder Ziererei – die ich manchmal als Stärke und manchmal auch als groteske Masche empfinde, die auch schon mal zum vorzeitigen Zuklappen ihrer Bücher geführt hat. Denn Sie müssen natürlich damit rechnen, dass Sie auch halbwegs informierte Leser haben, auch solche, die „Töne“ in der Sprache mitlesen können.

(Ich komme gleich zu Carl Friedrich von Weizsäcker und weiter unten auf die globale Relevanz des Themas, dass ich hier anschreibe in Richtung Buckminster Fullers schöner Metapher von „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“)

Darüber hinaus waren Sie auch in dieser zuletzt veröffentlichten Rede erneut von einem Gedanken angeregt, den Sie nicht zum ersten Mal vorbrachten, und den ich mal eben kurz zusammenfassen darf:

Sie haben immer mal wieder darauf hingewiesen, dass Platon seine Akademie in einem historischen Zeitfenster begründete, als das hellenistische Imperium bereits auf dem absteigenden Ast sich bewegte, oder anders gesagt: Sie notierten den Eintritt des platonischen, also metaphysischen Denkens der griechischen academia, als Kompensationsgeschäft von „Loosern“, als Symptom eines Zeitalters, als man da draussen, ausserhalb der Akademie, nicht viel mehr vorfand als imperialen Niedergang, von Kriegen ermüdet und fortschreitender Dekadenz gezeichnet – demzufolge Platon sich dann über den Umweg eines Besuchs bei Pythagoras dann flüchtete in die platonischen Gleichgewichtsräume der „platonischen“ Ideen, die ja den großen Vorteil der Unantastbakeit, Unvergänglichkeit und Reinheit haben, im Gegensatz zu Imperien, Straßen und Plätzen und einer dazu gehörigen „unreinen“ Realität.

Ihr Hinweis hat zweifellos etwas Zwingendes, und lässt sich als Muster auch immer wieder vorbringen. So zum Beispiel in der Geschichte des Christentums, das mit Kaiser Constantin genau zu dem Zeitpunkt erst weltmächtig erstarkte und sich kommunikativ im großen Stil vermarkten ließ, als das Römische Imperium – wie man so schön sagt – abkackte.

Man hat es also, wenn man Ihnen darin folgt, bei jeglicher Form von Platonismus – und auch die monotheistischen Religionen sind Derivate des Platonismus – mit einem „Platonismus für Arme“ zu tun; oder anders ausgedrückt: Die platonische Akademie wäre eigentlich nur für „Verlierer“ interessant, die sich an unvergänglichen „reinen“ platonischen Ideen-Konstruktionen aufrichten müssen oder sich an Idealen schadlos halten, heißen Sie nun „Gott“ oder „Oktaeder“ oder „Der Satz des Pythagoras“ oder der so genannte „Ideale Vergleichsprozess“ – den ich hier in meinem Labor mit einem durchaus nicht nur platonisch denkenden und handelnden Menschen gerade untersucht habe und weiter untersuchen werde.

Sogar die so genannte „reine Sinnlichkeit und Körperlichkeit“ ist heute zu einem Platonismus für Verlierer mutiert. Das sind die Verlierer, die heute einen Verlust verspüren, einen Abort des Lebendigen, Vitalen, Chtonischen und Sinnlichen in Richtung technischer oder ökonomischer Ratio – und nun also als Verlierer dagegen eine Religion des Körpers, der Vitalität und der Sinnlichkeit glauben aufrichten zu müssen, so in antidirekter Spiegelung eines Verlierertums im Verlierertum. Diese Entwicklung hatte bekanntlich Stanislav Lem schon mal in den 70iger Jahren vorausgesagt, in einer Prophetie, der heute die Bioläden und die „biologisch somatisch Gestik“ des künstlich wiederhergestellten „Natürlichen“ entsprechen, zu denen auch ganze Sparten von „Berufs-Lebendigen“ zählen.

Herr Sloterdijk, wollen wir dieses Ping-Pong-Spiel nun noch bis in alle Ewigkeit blind weiterspielen? Ich meine jetzt – nicht aufs wahre Leben bezogen – sondern denkerisch, philosophisch?

Vitalismus-Platonismus-Vitalismus-Platonismus/ Somatismus – Technologismus – Somatismus- Rationalismus?
Sicher werden wir das Ping-Pong-Spiel weiter spielen müssen, solange keine anderen globalen Beschäftigungstherapien in Aussicht stehen.

Aber man muss heute einfach auch mal darauf hinweisen dürfen, dass dieses Spiel, also das Ping-Pong-Spiel Platonismus versus Vitalismus bis in alle Ewigkeiten vorhersehbar bleiben wird, wenn wir nicht irgendwann einmal von dieser verrosteten Hin-und-Her-Schaukel, von diesem mäßigem Fahrgeschäft eines vorstädtischen Armuts-Zirkus Abstand nehmen. (Und jetzt schon kann ich hier andeuten: Dieser Abstand wurde bereits genommen.)

Denn zunehmend, das muss man sagen, leben wir – als Philosophen – heute nicht mehr in einer wirklich „Neuen Welt“ – vielmehr stolpern wir uns alle heute mehr oder weniger durch bereits vorgelatschte und denkerisch verausgabte Wellenpfade von philosophischer Weltmaßnahme, so dass man sich – wäre man pessimistisch eingestellt – nur noch als Erfüllungsgehilfe von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (Watzlawik) empfinden könnte. Und hier käme es dann nur noch darauf an, in die sich gerade darbietenden Wellendynamik gut hineinzuspüren – sozusagen als Gegenwartsbegleiterscheinung.

Aus diesem Grunde ist es auch keine große Kunst, heute gewisse Bewegungen vorherzusehen, zwar nicht detailiert, aber wenigstens ihrer Morphologie nach – sie sprachen das in ihrem Text sehr schön an: „Den Erlösern folgen immer auch die Erlöser, die uns von den Erlösern erlösen.“ So sehen Sie eine Epoche der Erlösereitelkeiten heraufziehen, hierin sicher den selben prophetischen Instinkten folgend wie Stanislav Lem zu seiner Zeit.

Wo aber Gefähr ist, da wächst das Rettende auch.

Deshalb ginge es darum, die Vertikalitäten, die hier in den Worten „Wachsen“ und „Stuhlen“ anklingen, zu Amplituden umzudeuten, zwischen denen ein sich vollziehendes planetares Leben wie zwischen den Hoch-und Tief-Punkten einer sich fortpflanzenden Wellendynamik dynamisiert und so in einem Entry/Re-Enty – Verhältnis die katastrophischen Erstarrungen meidet, jedoch die Energien der Vertikal-Spannungen in die ZEIT – hinein – lösend, entspannend, produktiv macht.

Aber was solls – die (fragwürdige) Idee des „Verlierertums im Platonismus“ war ja schon bei Nietzsche deutlich virulent, der aber gerade hier und in genau diesem Punkt sich selbst und anderen gegenüber immer etwas ungreifbar blieb, in Folge dessen sich die Exegeten bei Nietzsche immer heraussuchen können, was Ihnen gerade wichtig erscheint. Aber bis heute stehen wir vor dem Dilemma, dass wir nicht genau sagen können, ob „Die Macht“ im technologischen Zeitalter subjektlos wurde und immer subjektloser wird – sich in Folge dessen auf einen statistischen „Mann ohne Eigenschaften“ überträgt, oder ob sie den so genannten „Übermenschen“ generiert – als „Neues Subjekt.“
Und weil Nietzsche genau in dieser Frage nie so ganz eindeutig interpretiert werden kann, eiert es sich auch so schön bei ihm herum, weil er selbst herumeierte. Ich selbst habe hier schon einmal gesagt, dass man in Kleists Aufsatz zum Marionetten-Theater eine weitaus subtilere oder wenigstens kompensierende Beschreibung der Problematik finden kann, und bleibe auch weiter dabei.

Aber finden Sie nicht, dass es langsam Zeit wäre, von dem Ping-Pong-Spiel Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus Abstand zu nehmen. Ich meine das nicht im budhistischen Sinn.

Denn heute wären wir in solchem Widerstreit doch zum überwiederholten Male eingekehrt, denn – und das wissen Sie auch, Herr Sloterdijk, war es ja gerade seit zweitausendfünfhundert Jahren das platonische Denken, dass die angeblichen Verlierer dann doch verwandelte in technologisch Mächtige, ungeheuer Mächtige, um nicht zusagen: Ungeheuer oder Monster an technologischer Mächtigkeit. Denn unsere Technologien beruhen auf Mathematik und unsere Mathematik beruht auf Platonismus, also auf der ewig verschiebbaren Illusion von Symmetrie, Gleichgewicht oder pythagoräischen Harmonie, welche die „Gleichheitszeichen“ in unseren Köpfen zu unantastbaren IDEALEN VEGLEICHSPROZESSEN stabilisierten, die wir natürlich alle brauchen, weil sie notwendig sind. Und daran ändern auch die hochverfeinerten Methoden der höhere Mathematik nichts, weil auch diese Mathematik nur in einem stabilisierten oder harmoniserten Habitat innerhalb eines Fließgleichgewichts (als stabilisierter Zustand) vor und zurück rechnen kann, das von der Blut-Hirnschranke reguliert und schließlich als kognitives Bewusstsein aktiviert wird.

Sie selbst haben, und das achte ich sehr, in ihren Büchern gelegentlich auf die „Immunologische Geschichte“ der Menschheit hingewiesen, von Menschen, die sich auch mittels psychopolitischer Immunologisierung vor „Kränkungen“ schützten.
Einer These von Siegmund Freud folgend schützen sich diese Menschen immer vor solchen Kränkungen, die Ihn als „das Maß aller Dinge“ aus dem Mittelpunkt des Geschehens rückten, so dass er in den Strom des Geschehens selbst hineingestoßen wurde, was ihm nicht immer angenehm war.

Nietzsches zum Teil hysterische Denkbewegungen sind womöglich auch einem unangenehmen Gefühl aus dieser Ecke heraus geschuldet.

Regelmäßig wurde der Mensch aus der Illusion einer Existenz als Zentralgeschöpf vertrieben von Erkenntnissen, die ihn seiner Zentrumsposition beraubten und in die Peripherie des Geschehens stellten.
Aber diesen Vertreibungen folgten auch immer – um eine Metapher von Ihnen einmal umzudrehen – Ptolemäische Mobilmachungen – Rückbefestigungen hinter neuen, geradezu künstlich errichteten immunologischen Brandmauern.

Immer mussten lange Zeiten vergehen, bis für diesen Menschen die unabweisbare narzisstische Kränkung annehmbar geworden war – so wie die Erde, als Beispiel, nicht im Mittelpunkt der Welt sich drehte; in kleinen Dosen mutete er sich diese Tatsache irgendwann doch zu, begleitet von Kämpfen und Krämpfen und erst nach wiederholt ausgefüllten Anträgen der unabweisbaren Vernunft, nahm er sie dann an.

Oder vielleicht gewöhnte er sich auch nur an Gifte?

Bis die Kränkung schließlich immunologisch eingebaut und akzeptiert wurde als wissenschaftliches Paradigma in den historischen Körper der Entwicklung. Nach langen Krämpfen und Fieberschüben der Verletzung.

Vielleicht haben Sie vergessen zu erwähnen, dass jede eingebaute und als Paradigma akzeptierte Kränkung, die Immunologiserungstendenz dieses Menschen ja nicht aufhebt, sondern sie nur etwas weiter nach innen verschiebt, wo sie dann andere psychopolitischen Immunsysteme gegen nachfolgende Kränkungen zunächst einmal umso stärker rückbefestigt oder aktiviert.

Die Erde also und der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

Sie, Herr Sloterdijk, müssen sich demzufolge auch sehr wohl darüber im Klaren sein, dass der Platonismus und seine Derivate zu den großen Immunologie-Geschichten überhaupt gezählt werden muss. Wenn nicht sogar d i e Immunologisierungs – Revolution schlechthin bedeutet.

Der Platoniker, und wir alle sind immer auch ein wenig Platoniker, „immunisiert“ sich in gleichbleibenden Gleichheitszeichen, in Ideen, sei es als Pfarrer oder Antipfarrer „in Gott“, sei es als Denker „in Gedanken“, sei es als Mathematiker, in „Funktionen“ oder sei es als Psychologe in „Kategorien der Neurose“, sei es als Künstler in „Arbeit und Werken“ oder als Händler „in Geld“ sei es als Systemtheoretiker in der Figur des „Beobachters“ , als Liebende in dem Geliebten – oder einfach als Mensch im „Sein.“

An der Breite meiner Aufzählung können Sie bereits sehen, dass Immuniesierung immer ein Vollzug ist und nicht nur Ergebnis. Weil der Vollzug im Sein uns selbst in Zeit, also Form verwandelt, in Form hält, die Zeit, die wir ohne Vollzug nur einfach erleiden müssten.

Und ja, auch ein Nietzsche war ganz unfreiwillig ein Platoniker, da auch er nur „in Gedanken“ denken konnte.

So also stabilisiert jeder seine Welt oder transportiert sie reflektorisch zunächst in platonischen Waggons der Kategorien und Begriffe, der Zahlen, der Funktionen, der Werke und Ideen auf vital-grammatikalischen Gleisen hinein in die Bahnhöfe seiner Überzeugungen und Haltungen. Und wenn es gut geht – dann auch wieder hinaus in die Weiterfahrt, den Weiterbau.

Tätigkeiten, Beziehungen, Funktionen, Arbeiten, die selbst zugleich im wahrsten Sinne des Wortes ZEITVERWANDLUNG und IMMUNISIERUNG leisten – aber damit immer auch Hoffnung produzieren. Denn solange wir an unseren vital-grammatikalischen, vitalistischen oder ästheischem Gleisbau mit samt den zu Güterzügen verkoppelten Seins-Waggons uns abarbeiten, sind wir unterwegs – doch nicht verloren.

Der sich immunisierende Mensch immunisiert sich also psychopolitisch durch platonistische Aktiva, die entweder Zahlen, Ideen, Zeichen, Begriffe, Funktionen oder Gott genannt werden und physiologisch primär an der Blut-Hirn-Schranke gegen die Entropie der Thermodynamik abgeschirmt oder ausballanciert werden.

Anders gesagt: Der Mensch, seine gesamte Psychopolitik kann nur immer hinter einem Schließmuskel existierend, gedacht werden, der aber zur Öffnung fähig und – verdammt bleibt, solange er lebt. Er ist Bahnhof aber kein Kopfbahnhof.

Und der Primär-Schließmuskel hierfür ist unsere permeable Blut-Hirn-Schranke, an der die Natur über Jahrmillionen von Jahren Abwägung vornahm: Blut gegen Geist – und sich schließlich irgendwann dazu „ermächtigt“ hatte, der Blut-Seite eine Geist-Seite als Tauschobjekt zu offerieren, vielleicht die allergrößte und entscheidendste Öffnungs-Schließung als schwerster immunologischer Vollzug – der einem Wesen von der Natur jemals zugefügt wurde. Wenn auch die konstruktivste und folgenreichste für den Planeten Erde, und dieses Wesens selbst.

So ist der Mensch also per se das gekränkte Wesen, dessen „Gesundheit am Sein“ sich nur durch öffnende und schließende Ballance-Handlungen bei trainierender Schließmuskel-Aktivität in platonische oder vitalistische Funktionen-Modi überführt, wobei eine Einkapselung oder Abkapselung immer auch die totale Entkapselung also Öffnung ausgleichen muss, die totale Öffnung, die nur der Tod leisten kann – schließlich.
Damit ich hier nicht zu einseitig verstanden werde: Solche Schließungs-Öffnungs-Muskel sind auch der sprechende Mund, der schluckende Kehlkopf und letztlich auch das nervös – arterielle und venöse Spiel zwischen Systole und Diastole – bis hinein in die Herzkammern gewährter oder verbotener Blicke, Augenaufschläge und Techniken des Schweigens und der Verlautbarung, welche als Öffnungen und Schließungen von Gesprächs- oder Kommunikations-Zeit-Kapseln verstanden werden können.

Sie selbst nannten all diese platonischen Techniken der Stabiliserung einmal „Homöotechniken“ – ohne jedoch hier auf die Thermodynamik näher einzugehen.

So immunisiert sich der Mensch in einer ständigen Mitte zwischen Klausur und Aperture, Zusammenziehung und Streuung, Entry und Re-Entry.

Aber nicht der Mensch, Pflanzen und Tiere immunisieren sich allein so, sondern sie alle sind das Ergebnis von Vorgänger- immunologsierungen des Universums.

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn ich hier anführe, dass diese Blut-Hirn-Schranke, nun die Primär-Immunologie aller Human-Imunologien abbildet. Und ich sie damit als primäre Homöotechnik der Natur und grundlegende Vorraussetzung für alle nachfolgenden Homöotechniken benenne.
Und dies eben gerade nicht nur in Bezug auf Viren oder Bakterien – nein. Denn diese Schranke markiert ein Gebiet oder ein Strand, an dem sich seit Jahrmillionen von Jahren der Tidenhub und die Wellen-Pulsation des Flüssigen in „gleichgleiche“ Substanz von Festem verwandelt hat – und hier – mit ihrer immunologischen Funktion im Vollzug für die Dauer unseres Lebens auch für ein ungefähres thermodynamisches „Vollzugs-Gleichgwicht“ sorgt – die uns zu dem formuliert, was wir sind – ein ungefähres-Ufer an einem ungefährem Fluss. Ein halb-festes Ufer, das aber eines strömenden Flusses bedarf, um sich als Ufer dagegen abzuheben und zu formulieren, in dem es sich selbst zugleich kenntlich und unkenntlich macht.

Und hier also eine physisch – metaphysische Komplementarität ausbildete, die man ausdrücken kann mit den Worten:

Der Fluss weiß nichts von seinen Ufern, denn der Fluss sind seine Ufer.
Die Ufer wissen nichts von ihrem Fluss, denn die Ufer sind der Fluss.

Und darin, Herr Sloterdijk, wiederholt auch die Blut-Hirnschranke nur eine Immunologische Komplementarität, wie sie unser Planet als „Raumschiff Erde“ stabilisiert in seiner dialogischen Routine um die eigene Achse als auch um die Sonne in „Immunisierung“ also Abkapselung gegen das Anströmen der Entropie zu einem System – im Vollzugs-Gleichgewicht – ; ein System, dass seine „Routinen“ als Lagrange-Gleichgewichte der Immunisierung auslegt – gegen – das treibende expandierende Ungleich-gewicht einer vorangegangenen Supernova, der es aber bedurfte zum Anschub der Stabiliserungsbewegungen in die Routinen hinein.

Denn dass wir uns stabil um unsere Achse drehen, ist eine Folge im Ausgleich von Implosion (Zusammenziehung) und Explosion (Ausdehnung) in einer „immunologischen Routine“ stabilisiert zu einem System mit Namen Erde-Mond-Sonne.

Denn auch eine Drehung kann nach einer Umdrehung als ein Vollzug von Entry nach Re-Entry bezeichnet werden. Sie ist eine Atmung.

Insofern sind Erde Mond und Sonne zwar nicht eine atmosphärisch klimatisierte Kapsel wie die Erde, sehr wohl aber eine mehrkörpermechanisch stabilisierte Kapsel, in einem statistischen „Lagrange-Klima“ des ungefähren Gleichgewichts.

Die informationelle Komplementarität des Universums lässt sich deshalb ungefähr so ausdrücken:
Ohne Explosion (Expansion) gäbe es keine stabilisierten Details, aber nur in Details kann sich eine Explosion ereignen und abbilden.

Mit anderen Worten: Wir selbst sind das wahrscheinliche Ergebnis einer ganzen Abfolge von physikalischen „Immuno-logisierungen“, die sich im Universum immer in Routinen, also Rotationen, zu „Systemen“ also temporären Lagrange-Mehr-Körper-Gleichgewichten stabilisiert haben – gegen – die Expansion – imitten – der Expansion.

Deshalb ist alles, was wir als „stimmige“ oder „funktionierende Funktion“ erleben, nur eine Perpetuierung eines ganz speziellen immunologischen Gleichgewichts, dass uns schließlich hier unten auf der Erde den schwer bürdenden Luxus eines Bewusstsein eröffnete/erschloss als ungefähr gleichbleibend stabilisierte Beobachter hier auf unserem Raumschiff Erde, dass seine Gleich-Gewichte öffnend – schließend und damit GEQUANTELT oder ROTIEREND balancieren muss.

So will ich hier jetzt auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückkommen. Ein durchaus respektabler Physiker und Philosoph, der bekanntlich ahnte, dass so eine Frage wie: Was ist Information? – dringend auf der Tagesordnung steht. Ebenso wie John Archibald Wheeler, der diese Frage ebenfalls stellte.

Vielleicht ahnen Sie es schon, Herr Sloterdijk, ich kann Ihnen dazu nur sagen: Weizsäckers Quantentheorie der Information ist leider falsch, weil er sich selbst nie dazu durchringen konnte, die Quantentheorie, auf der sein Konzept der „Ure“ beruht, als das zu betrachten, was sie ist: Sie ist keine Wahrheit der Natur, sondern das Quantum ergibt sich als Stabilisierung aus der immuno-logischen Stabiliserung von Bewusstsein, das nur in einem gequantelten Modus von Öffnung nach Schließung denkbar ist. Das Bewusstsein muss bis in die Techniken hinein – blinzeln. Das Quantum ist keine Konstante, sondern ein perpetuiertes Verhältnis seines Blinzelns in einer Öffnungs – Schließungs – Routine. ES blinzelt.

Bisher war es üblich, ähnliche (nicht diese) Überlegungen in die Ecke von philosophischer Geschmäcklerei zu rücken, wo man sie dann als „anthropische Prinzipien“ entweder „stark“ oder „schwach“ mehr oder weniger schulterzuckend zu einem Orchideenthema der Ansichtssachen degradierte.

Diese Zeiten sollten nun aber, davon bin ich überzeugt, langsam vorbei sein, da sich bei eingehender Betrachtung herausstellt, dass wir bis heute, bis in die Ingenieur-Akademien hinein eine zum Teil haarsträubend missverstandene oder pragmatisch verkürzte Thermodynamik pflegen, die noch nicht mal in der Lage ist, die beiden Hauptsätze in ihrer dialektischen Komplementarität zu vermitteln. Und nur selten werden historische Zusammenhänge der Wissenschaften in Philosophie-, Ingenieurs- oder Physik-Seminaren mehr als oberflächlich, wenn überhaupt, behandelt. Von den soziologischen und pädagogischen Fakultäten ganz zu schweigen.

Ich will damit also sagen: Unsere Techniken, Geräte, Apparate und Schulen funktionieren wohl, aber wie sie funktionieren, sagt noch nichts darüber aus, ob das Universum als Ganzes so funktioniert und zwar, weil wir die nächste große Kränkung noch nicht einmal anrücken sehen wollen und diese Kränkung lautet, um mit Schopenhauer zu sprechen:

Wir können – vielleicht – tun was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.

So kann hier auch deutlich in Richtung Prof. Holger Lyre und Frau Prof. Brigitte Falkenburg gesagt werden:
Das Quantum und mit ihm auch alle so genannten „Naturkonstanten“ sind stabilisierte und konstruktive „Real-Halluzinationen“ – die sich aus dem Umstand herleiten, dass die gesamte Mathematik, ebenso wie die gesamte anthropotechnische Evolution aus einer platonisch immunologischen Kapsel gegen die Entropie – mit der Entropie – homöostatisch dialektisch stabilisiert wurde in einem bestimmten harmonisierten Verhältnis – und sich auch darin weiter stabilisiert in der ständigen Übergabe von Fehler nach Funktion, von Öffnung nach Schließung, von Entry nach Re-Entry, von Verifikation nach Falsifikation – so in die Ausdifferenzierung weiter überwechselt in Richtung Technik und Erkenntnis. Das „harmonisierte Verhältnis“ soll besagen, dass wir innerhalb nur eines ganz bestimmten Verhältnisses „Teilchen“ zerteilen oder erzeugen können, aber dieses Verhältnis weist eben nur wieder auf u n s e r immunologisch stabilisertes Bewusstseins-Verhältnis hin, das nicht für das gesamte Universum verbindlich ist.
Die Planckzahl ist ein anthropotechnisches kapsel-klimatisches Verhältnis, evolutionär harmonisert, aber keine Naturkonstante. Weil es in einem expandierenden Universum keine echten Konstanten geben kann.

Aus diesem Grunde kommt man hier, kosmologisch betrachtet, mit klassisch mathematischen Argumenten nur noch sehr bedingt bis gar nicht mehr weiter, obschon es für die Zukunft nicht ganz ausgeschlossen bleibt, dass man weiter kommt, wenn man die Mathematik modifiziert, und sie aus ihrer arithmetischen und geometrischen Sterilität heraus bewusst vermischt mit natürlichen dialogischen Gesprächssprachen – und nicht nur unbewusst, wie es bis jetzt Praxis war.

Sonnen, Planeten, Staubkörner, Leben, Menschen und Technik, Funktionen – und sogar Zeichen und Sprachen sind also die platonischen Verlierer – Gewinner. Sie sind in ihrem Verhältnis zu unserem Bewusstsein durchaus real existierend. Aber die Werte und Größen, mit denen wir ihre Funktionen beschreiben sind – in den Werten – nicht verbindlich für das ganze Universum.

Da unser Bewusstsein AUS DER THERMODYNAMISCHEN ZEIT sich herausgedreht und eingekapselt hat, steht es seit dem in einem bestimmten expliziten Verhältnis zu seiner Herausdrehung – in einem bestimmten Gleichgewicht – das es zugleich auch in sich selbst eindreht.

Das bedeutet konkret, Herr Sloterdijk: Es ist völlig sinnlos, gegen die Metaphysik zu ironisieren oder zu polemisieren, (was Sie klugerweise auch immer nur eher verschmitzt getan haben, so weit ich weiß) und zwar deshalb sinnlos, weil weder eine „Meta-Physik“ noch eine davon irgendwie getrennte „Physik“ obwirkt. Das einzige, das real wirkt, wäre ein informationelles Potential, dass sich per Expansion und Explosion (Aktualität) in die Potentiale von Materie (Potentialität) ausdetailiert oder zu Kognition über Falsifikations-Routinen in Erkenntnisse, Begriffen, Symmetrien oder Techniken diversifiziert.

Deshalb muss, Herr Sloterdijk, wer heute ernsthaft Philosophie und kosmologische Physik betreiben will, sich mit der Geschichte der Thermodynamik bezogen auf die evolutionäre Erkennntistheorie beschäftigen und damit also auch mit den immunologischen Blut-Organschranken- die in eine kosmologische und thermodynamische Erwägung von Energie, Rotation, Information UND DIVERSIFIKATION zu ziehen sind. Womöglich auch statistisch. Und zwar seit der Bildung der ersten Protozeller.

Und jetzt schreibe ich Ihnen gleich noch etwas dazu, falls Sie auf die Idee kommen sollten, ich litte an Erlöser – oder Aufklärer-Größenwahn. Mich also mit der Frage befangen wollten, woher ich, also Tim Boson, denn meine Wassersuppe nähme, kraft welcher ich Ihnen das Universum erklärte. Denn auch ich könne mich ja selbst ganz unmöglich ohne blinden Fleck bewegen. Oder gar ausserhalb der Prozesse mich verorten, auf einem Punkt, von dem ich dann das alles überblicken könne. Es müsse sich ja auch unter meinen Füssen ein blinder Fleck befinden, der mir selbst unbeschreibbar bleibt.

Darauf würde ich so antworten: Nun, ich bin ja – hier in diesem Text – nicht ich. Ich bin ein Boson. Zudem wird ja hier auch nicht das ganze Universum erklärt. Durchaus nicht. Aber in der Bewegung von Information, die eine Bewegung von Potentialität nach Aktualität nach Potentialität darstellt, die immer auch eine Reflektion abbildet, wirkt eine sedimentierende Gang-Abfolge, welche die Reflektion in die Lage versetzt, nach einem wiederholtem generationenlangen Durchlauf von Wiederholungen auf eine nächste Reflektionsschwelle zu gelangen. Sie nannten solches Wiederholen einmal „ÜBEN“. Ein solches ÜBEN findet auch im Gang wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis statt.

Sie kennen den berühmten Ausspruch von Gotthard Günther, den er seinerseits sich von einem Lehrer sehr zu Herzen nahm:

Wenn man seit zweitausend Jahren immer wieder die selben Fragen wälzt (routiniert) und keine befriedigenden Antworten erhält, dann könnte es sein, dass nicht die Antworten falsch sind, sondern die Art der Fragen.

Sie wissen, Gotthard Günther war dem Thema sehr nahe auf der Spur. Sein Pech aber war eine zu einseitige Fokussierung des Themas auf der „metapyhsischen“ Zeichen-Seite. Die Thermodynamik hat er nicht im großen Stil behandelt und beachtet.

Man muss es sich klarmachen wie bei den Wachstumsringen eines Baumes oder den sedimentierenden Schichten am Grunde eines Sees. Oder in Eisbohrkernen. Da wirken Grenzschichtereignisse, die auf Zyklen, Routinen, Rotationen, ergo Jahreszeiten verweisen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist eine Routine oder ein Zyklus umrundet und es wächst ein neues Jahr, ein neuer Frühling – ein neuer Baum-Ring der Reflexion, ein neues Sediment, das nun im Abstand zu den Vorgänger-Schichten deutlich erkennbar sich abhebt, in dem es hier Abstandnahme markiert, aber zugleich auch den Vorgängerring mit einschließt und umfasst. Die „Fehler“ oder die Widersprüche einer alten Weltbeschreibung wirken als „negative“ Konstruktionselemente in eine neue Theorie hinein. Die jeweils neue Weltfunktionenbeschreibung „ernährt“ sich von den „Fehlern“ der Vorgängerfunktion.

Die Fehler werden regelrecht aufgegessen oder absorbiert per Falsifikation und immunologisch eingebaut, funktionalisiert, in die neue Funktionenbeschreibung. Ungefähr so, wie die Mitochondrien, die ursprünglich autonome Einzeller waren, sich dann aber im Laufer der Evolution als Energie-Zubringer in die mehrzelligen Organismen integrierten, wo sie heute als „Energie-Kraftwerke“ eine Funktion ausüben.

Deshalb war das Wort „Falsifikation“ von Raymund Popper im Grunde genommen immer zu einseitig in die Diskussion getragen worden oder vielmehr: Undialektisch. Denn in Wahrheit wird nie etwas einfach nur falsifiziert. Die Falsifikation ist zugleich immer der notwendige Nährboden oder die sedimentierende Schicht für „Richtigstellungen“ in Folgeschichten, die dann über diese Falsifikationen wie über Räuberleitern der nächsten Erkenntnisschwelle entgegenklettern oder entgegenwachsen. Den Rest kennen wir von Thomas Kuhn.

Aus genau diesem Grunde konnte auch ein Einstein vor beinahe 100 Jahren die Newtonsche Physik in seine Relativitätstheorien als unteren Ring oder innere Schicht mit einschließen, als Spezialfall. Die Zeit war einfach reif. Und ob es einen Einstein, einen Luther, einen Kopernikus, einen Gallilei oder wen auch immer dann erwischt, der dann die Formulierungsaufgaben übernimmt, das ist beinahe – nur eine Frage der Statistik. Einstein formulierte in vollkommen durchsichtiger Bescheidenheit: „Ich stehe nur als Zwerg auf den Schultern von Riesen.“

Weizsäckers Quantentheorie der Information, bringt uns hier nicht mehr viel weiter als ihn selbst, und das war schon weit, weil sie die ontologisch falsche Quantentheorie zu einer ontologisch falschen Informationstheorie erweitern wollte. Aber natürlich eignet sich die Falsifikation von Weizsäcker als brauchbare Räuberleiter, um weiter zu klettern. So sind alle „Falsifikationen“ zugleich die notwendigen Räuberleitern, um eine nächste Stufe der Reflektionsfähigkeit zu erringen.

Denn Weizsäckers „Ure“ sind als zeitlose – also platonische Elemente konzipiert, und damit eben wieder nur von einem thermo-dynamisch stabilisierten homöostatischen Gehirn her gedacht. Aber die idealen Stabilisierungen existieren nur in unserem Kopf. Sie dienen uns als „platonische Schneiderpuppen“ auf denen wir die Maßanzüge unserer Funktionen schneidern, indem wir ITERIEREN – also mathematisch annähern, bis die Funktion oder ein Gerät funktioniert. Die Dinge funktionieren, aber die Gleichungen bleiben jeweils nur angenähert infinitisimal, jedoch real immer ein wenig unvollständig. Das hat uns bisher nur deshalb nicht interessiert, weil das Gerät selbst ja nicht ewig (infinitisimal) funktionieren soll, und kann, sondern nur solange seine Funktion gebraucht wird. Und weil aber unsere Funktionen und Geräte immer wieder per Energiezufuhr „gewartet“ also erneuert werden, fällt uns nicht auf, dass unter den Funktionen die platonischen Schneiderpuppen derweil weiter sich entropisch bewegt und ausgedehnt haben – wie alles. So halten wir unsere „gleichen Funktionen“  immer für die „selben Funktionen“  – was sie aber nicht sind. Denn auch innerhalb der Wartungs- Intervalle ist ja Zeit vergangen.

Mit anderen Worten: Der Graphitabrieb einer Bleistiftmine, die eine Formel zur Entropie auf ein Blatt Papier schreibt, kann mit dieser Formel nicht vollständig abgebildet werden. Hierin reichen sich sowohl Kurt Goedel als auch Rudolph Clausius die Hand.

Und damit schließt sich ein „meta-physischer“ Cern – Ring. In dem sich aber dieser Ring schließt, können wir ihn jetzt verlassen.

Ein nächster Wachstumsring liegt an.

Man muss deshalb hier wieder auf Eckard von Hochheim verweisen, der das Erkennen selbst als eine Struktur der Welt bezeichnete, allerdings in dem man heute Struktur durch die Worte „Prozess“ oder „Routine“ oder „Diversifikation“ ersetzen muss. Eine Diversifikation, in der die „Erkenner“ also die „Mathematiker“ oder der „Physiker“ selbst mit eingeschlossen bleiben.
Denn die Diversifikation in Details ist die Fortsetzung der Entropie (Expansion) auf der Informationsseite. Zugleich aber integrieren sich die neuen Details wieder in neue technische Funktionen-Gefäße, unsere Geräte, die alle als Homöostate der Information eine „neue Funktion“ – vorrübergehend – stabilisieren – aber zugleich auch weiter in Gang halten – bis zum nächsten Verschleiß. Auch die „neuen Funktionen“ dienen dann als Räuber-Leitern für nächste Erkenntnisse. Siehe Space- Shuttle. Siehe Hubble-Teleskop.

Was hat das alles nun, Herr Sloterdijk, mit ihrem Text zu Buckminster Fuller zu tun –

Zurecht fragen Sie am Beginn ihres Textes auf ihrer Internetseite: Wie groß ist groß? Wie groß dürfen wir denken? Und umspielen dann Buckminster Fullers Metapher vom Raumschiff Erde.

Eine Metapher, die darin Ihre Qualität zeigt, weil Sie klarmacht, dass unser bewohnbarer Raum vorerst begrenzt ist, und wir für die Zukunft uns darüber einig werden müssen, wie wir dieses bewohnbare Raumschiff Erde „betriebsfähig“ halten, so dass solches Raumschiff Erde uns Menschen als darauf lebende „Raumfahrer“ ungefährdet weiter beherrbergt. Dazu haben Sie nun viel Wichtiges gesagt.

Aber – und diese Anmerkung – gehört hier her, Herr Sloterdijk – Das Jahr 1969, in dem Mister Buckminster Fuller seine Metapher vom Raumschiff Erde prägte – war das Jahr der Mondlandung! Und es waren die Jahre, in denen der Mensch zum ersten Mal einen ganzen BLICK ZURÜCK auf diese blaue Erde werfen konnte, ja gezwungen wurde, es zu tun. Und Buckminster Fullers Metapher vom „Raumschiff Erde“ kann nur aus einem großen raumfahrenden Blick zurück generiert worden sein und dadurch verständlich werden. Ich will Ihnen damit andeuten, dass wir uns vor einer allzu blauäugigen oder blauerdigen Naivität und Rhetorik schützen sollten, die unterstellt, wir Menschen bewohnten einfach nur ein Raumschiff Erde, so wie man Käse auf ein Stück Brot legt – nein, Herr Sloterdijk, die Metapher vom Raumschiff Erde muss dahin gehend präzisiert werden, dass wir das Raumschiff Erde nur durch einen Blick weiter ausbauen und betriebsfähig halten können, der selbst nicht mehr von dieser Erde kommt, sondern von ausserhalb. Das ist die Abstandnahme, von der ich oben sprach! Ein Blick der erkennt, dass wir, unsere Gattung samt Erde kein Raumschiff bewohnen, sondern wir selbst sind der BLICK, der das Raumschiff konstruiert. Und dieser Blick eröffnet uns erst einen RE-ENTRY – einen WIEDEREINTRITT in die Unterscheidung!

Und damit Herr Sloterdijk, soll gesagt sein, zum wiederholten Mal gesagt sein, denn ich bin nicht der Erste, dem das auffällt, dass das Jahr 1969 die Überschreitung eine Reflexionsschwelle markiert, hinter die es kein Zurück mehr geben darf und kann. Die Brücken sind verbrannt.

Es sollte also deutlich klar gemacht werden, Herr Sloterdijk, dass das Jahr 1969 ein Monster generierte in einer bis dahin nie da gewesenen Extremform von Abkapselung, Sektierertum, Askese, Klausur und Selbsteinschließung, Autarkie und Akademie. Und diese neue platonische Akademie, diese Abkapselungen waren die KAPSELN der Apollo-Missionen, die uns als fliegende platonische Akademien darüber aufklärten, dass unser Planet ein Raumschiff Erde ist, das man nur deshalb bewusst und sorgsam bewohnen kann, weil diese Erde ab jetzt und für immer auch als ein Objekt von Verlassensein und Verlassenheit erkannt sein wird. Wir haben uns im Jahre 1969 von oben und von hinten gesehen!

Der Blick der Apollomissionen zurück auf die Erde war der Blick eines Sterbenden, die Nahtoderfahrung in einer Agonie, der im Sterben zurück auf seinen ganzen eigenen Körper blickt. Der RE-ENTRY in Form von zurückgefunkten Signalen dieser Bilder und der geglückte Wiedereintritt seiner Astronauten – nun als unfreiwillig platonische Belehrte – liegen in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zur Kuba-Krise, was sicher ein Zufall sein mag, aber man kann auch diesen Zufall als Metapher deuten.

Das bedeutet, dass wir spätestens seit dem Jahr 1969 in ein neues Zeitalter der ANSCHAULICHKEIT eingetreten sind. Dies als Ergebnis von Wegen, welche die Wissenschaften über lange Zeiträume hinweg in aller mathematischen und physikalischen Unanschaulichkeit zurückgelegt hatte.

Und es bedeutet weiterhin, dass wir die „Kapseln“ also die verklausulierten „platonischen Monster“ auch in Zukunft notwendigerweise brauchen, jetzt allerdings mit wissendem Bedacht, um die notwendige Entry-Re-Entry-Dynamik überführen zu können in eine operationsfähige Dialektik, die mit der Rotation und der Entropie der Thermodynamik rechnet. Alle Trennungen zwischen Physik und Metaphysik sind damit obsolet geworden. Die Höhen und Abgründe, die seit Jahrtausenden zwischen Physik und Metaphysik sich vertikal aufgespannt haben, müssen und können nur noch als Tauschprozess einer operativen Dialektik von Entry und Re-Entry zwischen Austritt, Eintritt, Blick und Rückblick, Wiedereintritt und Wiederaustritt erkannt werden!
Wer ab jetzt auf diesem Planeten sein religiöses „Stuhlen“ sein weltliches „Tronen“ oder sein handelndes „Wachsen“ in die physischen Hochsteigerungen oder in die metaphysischen Abgründe als seine persönliche Lebensentscheidung einer bloß subjektiv definierten Kategorie von „Willensfreiheit“ oder „Religionsfreiheit“ oder „Handelsfreiheit“ oder „Meinungsfreiheit“ einbettet, der muss dabei ab sofort immer mitbedenken, dass er – ob er das „will“ oder „nicht will“ in einer historisch begründeten und determinierten fließenden Dynamik mitströmt, die ihn selbst ernährt, ebenso wie auch alle seine „Widerstände“ also Gegenbewegungen, Verweigerungen und Abstoßungen, die er – gegen – den Strom vorbringen mag. Und er sollte wissen, dass nicht er allein wollen kann, was er will, dass nicht er allein verliert, was er verliert, und dass nicht er allein gewinnt, was er gewinnt.

Das Raumschiff Erde bewegt sich nicht durch den Raum, indem es sich als Planet durch den Raum um die Sonne dreht. Das Raumschiff Erde bewegt sich mit seiner Gattung durch die Zeit. Und diese Bewegung heißt EXPLOSION und EXPANSION.
Die EXPLOSION FAHREN LERNEN heißt: Dissipation und Diversifikation unterscheiden lernen und sie als physisch – metaphysische Entry – Re-Entry – Tausch-Dynamik zu ATMEN. In einer Geschichte der Blicke und Rückblicke, der Austritte und Wiedereintritte. Die EXPANSION fahren lernen bedeutet: Physische Explosionen (Entkapselung, Ausstreuung) im Tausch gegen metaphysische Inversion (Verkapselung, Einstreuung, Klausur) als Informations – und Tausch-Dynamik zu begreifen – und so – produktiv in eine gelingende nichtkatastrophische Wellenbewegung einer technischen Zukunft hinein quantisiert zu entspannen.

Wenn verstanden wurde, dass die treibende Kraft dieser operativen Dialektik die informationelle Themodynamik ist, in der Diversifikation und Dissipation als Phänomene ein und des selben Effekts sich blickend und rückblickend austretend und wiedereintretend – also atmend – in einem Verhältnis zueinander konstruiert.

Und die erste Kapsel, oder das erste „Monster“, das sich in einer solchen operationsfähigen Dialektik von Entry nach Re-Entry sich verklausulierte, und sich damit der Entropie dankbar zeigte, indem es sich mit der Entropie gegen die Entropie in ein eigenes inneres Gleichgewicht hinein verkapselte – dieses Monster nennen wir den EINZELLER.

Warum Quanten? – fragte John A. Wheeler.

„Why the Quantum?“
John A. Wheeler.

Und bezeichnete diese Frage als eine der „großen ungelösten Fragen“ der Menschheit.
Sie rollen über und rollen sich ab – die Epochen der Geschichte. Tektonik, Gebirge und Täler, ja, es widerholt sich alles, nein, es wiederholt sich nichts. Doch in ihrer Bewegung zeigen sie ein Schema, die Art, wie sie ihre Menschengenerationen dabei zu sich in die Höhe spülen und wieder niedersenken, indes der Tidenhub der Sinuswellenberge den Epochen-Scheitel abwechselnd niederrollt zu asketischer Weltflucht gefolgt von aufbäumenden Em-Phasen erotischer Zueignung. Oder, wenn man die Bewegung erkenntniskritisch nähme, wirkt da ein Niedergehen von Epochen mit stark gnostischer Tendenz, gefolgt vom Anschäumen eines Zeitalters dynamischen Handelns, physischer Pragmatik und hedonistischer Fraglosigkeit.
Dass hier aber eine peristaltische Bewegung sich abwechselnd bäumt, aufhügelt und absenkt, deren Morphologie sich über die Berge und Täler wirtschaftlicher Wachstums- und Krisenphasen bis in die biophysiologische „Portionik“ der Füllung und Senkung von Ernährung hineinspüren lässt, kann plausibel erwogen werden.
Denn was bildet sich anderes ab im Wechsel von Weltnähe und Weltferne als der peristaltische Wechsel von emphatischer Weltzufuhr im portionierenden und quantisierenden ZUBISS mit wegschschluckender Vergessenheit hinein ins Gegessene der peristaltisch (trans)portierenden Verdauung bis zum Ausscheiden (Deportieren) von Welt, sprich: bis zur Verabschiedung von religiösen Gesetzen oder – den jeweils – angeblich unantastbaren „Naturkonstanten“ von Wissenschaft und Technik.

Denn das Quantum entspricht einem energetischem Abbruch, einem Stück von Selbstvergewisserung, das gegen die eigene Strömung der Verwässerung in Intervallen gesetzt werden muss.

Normalerweiser sucht das individuelle Erwachsenwerden eines Menschen eine lebbare, rhythmisierte Mittellage, in der er sich auf Fragen einübt, die ihn selbst höchst persönlich etwas angehen. Er bemüht sich um so genannte Lebensqualitäten, in denen er nach den für ihn angemessenen Zimmer – und Millieutemperaturen fahndet, und – was noch viel wichtiger ist: nach seinen liebsten Mitmenschen, denn insgeheim weiß jeder um die Dauer, also um sein eigenes Quantsein, um den kurzen Schauer seiner eigenen Existenz….ein Schauer, der gehegt und gepflegt, konstruiert oder phantasmagoriert – ja auch genossen und gegessen sein will – und der wenn auch immer nur kurzfristig in intimer Vertrautheit mit einem anderen Menschen für schöne Momente „entschauert“ werden kann.

Da steht so eine Frage – „Why the Quantum?“ – von John Wheeler beinahe schon beantwortet im Zimmer herum, wo sie zunächst nur eine Gegenfrage provoziert: Wer das denn so dringend wissen will? Und warum?
Aber genau diese Gegenfrage macht ja die Frage so fragend. Denn es war ein großer Instinkt von John Wheeler, der seine Frage in eine Ahnung hineinstellte, in der sie durchaus kein Orchideenthema, nämlich überphysikalisch von Bedeutung bleibt.

Die Natur, die „im Menschen die Augen aufschlagen hat“ (Schelling) war und ist immer ein Gegenwart, eine Gegen-Wärterin, die das Gegen wartet. Die „Wartung“ aber kann garnicht anders als in Intervallen sich vollziehen, so in wiederholten Übungen des Augenoffenhaltens gegen den eigenen Schatten des Lides, dem das Öffnen und Schließen am beißenden Mund als zuführende und abführenden (portierende) Seins-Zufuhr unserer vorfahrenden Tiere immer schon entsprochen hat.
Obwohl alles Leben und auch der Mensch fraglos aus einer ununterbrochenen Linie historischer Gewordenheit, man könnte auch sagen: aus einer kausalen Anströmung und Zumutung hervorwirbelte, so braucht das Bewusstsein doch, um bewusst zu sein – die ständige Vergewisserung, Wartung und Vergegenwartung seines Augenaufschlags.
Diese wiederholte Vergegenwärtigung macht aber nötig, dass ein „Jetzt“ immer wieder neu hergestellt und eindrehend stabilisiert werden muss – gegen – die fluide Anströmung seiner Vergangenheit und – gegen – das Wegströmen in Richtung Zukunft. Deshalb muss auch das Bewusstsein „blinzeln“ – das heißt: Die Macht seines Gewärtigseins in Selbstbwusstheit braucht zur Stabilisierung die Wartungs-Intervalle der Vergessenheit, des scheinbar bewusstlosen „unmittelbaren“ Handelns.
Nur so kann es aus einem strömendem Geschehen heraus sich selbst zu einem Ereignis formen, dass sich er-eignet.
Wie und warum das John Wheelers Frage sehr stark berührt oder sogar beantworten kann, soll hier kurz verfolgt werden.

Friedrich Nietzsche also. In seiner Betrachtung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ schreibt er: “Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andre glücklich macht. Denkt euch das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinanderfließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört Vergessen…”

“Zu allem Handeln gehört Vergessen.” Ja, Friedrich, da ist was dran. Das hat Heinrich von Kleist vor dir auch schon einmal sehr pointiert untersucht. Aber warum sollte man nicht wagen, den Finger zu erheben? Wir befinden uns hier immerhin am oberen Kolben-Zünd-Punkt unserer Kultur, der für das abendländische Denken immer ein Zündpunkt zum explosiven Weiterdrehen war. Da darf man schon mal den Finger heben.
Wie funktioniert das? Warum kommen Menschen immer mal wieder auf dieses Thema zu sprechen, dass im „unmittelbaren“ Moment, im Nunc des Handelns, die ganze Historie, die in diesen Moment des Handelns eingeströmt war, bewusstseinsseitig ausgeblendet oder verklappt werden muss. Hinein – in die jubilierende Bewusstlosigkeit einer blind handelnden “reinen” Gegenwart.

Im “Prinz von Homburg” lässt Kleist einen Offizier in die Schlacht gegen den Feind reiten – und siegen. Der Prinz von Homburg handelt und siegt – allerdings: in “Vergessenheit” einer historisch gewachsenen Befehlskette. Der Prinz gewinnt die Schlacht, weil er im Handeln vergessen hat, vergessen musste, dass er eigentlich nicht vorpreschen hätte dürfen ohne Befehl des Kurfürsten. Er hat “eigenmächtig” gesiegt. Aber trotz seines Sieges wird er dann von den eigenen Leuten vor Gericht gestellt, weil er eigenmächtig siegte und nicht die historisch gewachsenen Befehlskette beachtete.

Zu allem Handeln gehört Vergessen. Kleist also und sein Schüler Nietzsche. Auch Nietzsche gehört in die Reihe der Schuster, die selbst barfuß gingen. Wer Ende des 19. Jahrhunderts “vom Augenblick” spricht und dabei die Metapher einer “Siegesgöttin” benutzt – wird selbst nur selten im Augenblick geweilt haben. Auch hier gilt wieder: Nietzsche selbst war kein Nietzscheaner. Dafür war er zu empfindlich.

“Zu allem Handeln gehört Vergessen.”

Diese Feststellung kann in eine biophysiologische Peristaltik des Vergessens dynamisiert und verflüssigt werden:

Ich nenne es den Kehlkopf der Kultur, der das nunc des Handeln separiert und abschneidet von der ganzen Anströmung seiner eigenen Historie – und diesen Moment im augenblicklichen Erfahren des Moments separiert – ihn im Umklappen geschichtslos oder geschichtsvergessen erscheinen lässt. Der Kehlkopf trennt das Schlucken von der Strömung. Strömung und Schlucken schließen sich wechselseitig aus. Beides in Gleichzeitigkeit bleibt einem Menschen versagt. Oder er verschluckt sich. Im Augenblick des Schluckens (Handelns) muss die Stimme schweigen und das Anströmen der Historie wird unterbrochen. Im Augenblick des Handelns, das immer der Ernährung im Strom für den Strom dient, muss das Wissen um die heraklitische Strömung meines Ernährungs-Handelns “geschluckt werden” Sie wird regelrecht verklappt.
Und auf dem Grat dieses Handelns, im umittelbaren Moment des Handelns – bin ich dann ganz Gegenwart, ganz geschichtslos, ganz ahistorisch. Der Augenblick, der auf der Spitze seines Momentums jubiliert und dabei seine ganze Historie in einem kurzen allein gestellten “Höhepunkt”auslöscht.

Was bisher immer nur dem Orgasmus zugestanden wurde, der kleine Tod, muss hier einmal dringend und ausnahmsweise auch auf den Komplex der Ernährung ausgeweitet werden, wenn man sie als Muster für “Handeln” begreift. Weil es primär die Ernährung ist, die jedes Lebewesen in den heraklitischen Strom allen Werdens und Geschehens mit hineindreht. – Das Atmen. Das Essen.
Das Trinken.

Am Komplex der Ernährung erkennt man, warum sich das Sein als gehackt, als gequantelt zeigt. Oder in Konvulsionen. Weil im Moment der Ernährungshandlung ein mental-informeller Kehlkopf die im Augenblick erfahrbare Handlung von ihrer Historie, der Erfahrung, trennt. Er klappt um und zerhackt oder quantelt unser energetisches Weltverhältnis in einen expansiv glücklichen – erotisch-technischen Teil (das geschichtsvergessene Handeln entropisch, energetisch) und einen impansiv kritischen Teil der Demut und der informellen Introspektion. (Die nachfolgende Verdauung, Kontemplation, Religion)
Ich schätze, dass noch niemand die Bedeutung dieser Tatsache für die Informationsproblematik herangezogen hat, die in der Historie unserer eigenen Biophysis gründet.

Man sieht es an den Flimmerhäärchen der Pantoffeltierchen. Sie müssen flimmern, quanteln. Der Tintenfisch muss sich gequantelt stoßweise fortbewegen. Und da ist die Ernährung: Bei manchen Lurchen, Echsen, oder Fröschen kann man es sehr direkt sehen: Wenn sie große Insekten oder Brocken in einem Stück hinunterschlingen, klappen im Moment des Schluckens die Augen nach innen weg oder verschließen sich mit einem zweiten Lid. Da wirkt ein sehr kurzer AUGENBLICK, der nicht statt findet, er wird geschluckt, gequantelt, verdunkelt. So auch das Nick-Lid beim Hai, der beim Zubeissen sein Nick-Lid schließt, kurzzeitig erblindet – als wolle er nicht sehen, was er da tut. (Tatsächlich schützt er seine Augen, weil er ausgerechnet im Moment des Zubeissens besonders angreifbar ist. ) Ein Vorgang, der nicht nur beim Fressen, bei der Nahrungsaufnahme zu beobachten ist. Auch beim Ausscheiden der Nahrung, beim Scheißen, zeigt sich bei Hunden und Katzen ein plötzlich und kurzzeitig nach innen gekehrter Blick, wenn nicht sogar, wie auch beim Menschen, ein kurzes Verschließen, Zusammenkneifen oder Wegdrehen der Augen. Hier wird die Historie der Ernährung im AUGENBLICK nicht geschluckt, dafür verpresst von einer dringenden “unmittelbaren” und essentiellen Gegenwart.

Das ernährungsseitige und energetische Weltverhältnis beinahe aller Lebewesen ist peristaltisch organisiert, also gequantelt oder portioniert. Die Peristaltik oder besser: Die Portioniertheit als konvulsivische Quantelung eines sich nährenden Weltverhältnisses beginnt im umklappenden Trennungsverhalten des Kehlkopfs läuft über die portionierende Peristaltik des Verdauungstrakts und endet schließlich im abpackenden Verhalten des Enddarms.

Der Eros im Orgasmus schließlich verdichtet die Portionierung dieses
Verhältnisses in “Schauern” – kleinen Glücksschüben, Glücksquanten.

Der große vorsokratische Gegensatz zwischen einem alles durchdringendem Fließen in ständiger Veränderung (Heraklit) und einem ewigen unveränderlichen Moment (Parmenides) kann mit der Biophysik der Konvulsion als Peristaltik des Vergessens zu einer Funktion vereinigt werden. Beide bedingen einander.

In dem Wort “Unmittelbar” konserviert sich
die Illusion, es gäbe ein Leben ohne “Mittel” – also ohne Technik.
Daher ist die Technik immer das Vergessene im Handeln. Und jeder Musiker, eigentlich jeder Mensch übt und übt und übt das Sein in Quanten und Portionen der Wiederholung – damit er eben diese Technik vergessen kann. Indem er aber die Technik vergisst, baut er sie in den Körper ein. Er verschmilzt “organisch” mit seinem Instrument – so durchdringend –
dass er selbst wird, was er immer schon war: Technik der Natur.

Die abstrahierende Quantentheorie ist deshalb eine Entsprechnung der portionierenden oder konvulsivischen Existenz, die selbst im heraklitischen Fluss nur “am Stück” – oder “zuckend” – oder “portioniert” – oder “gehackt” in Quanten des Glücks ein Weltverhältnis aufnimmt, dass von Episoden des Vergessens rhythmisiert oder gequantelt also – geformt- wird.

Mit anderen Worten: Die Quantentheorie und das Leben bestätigen sich gegenseitig, jedoch nicht die gesamte Natur (des Universums) als solche.

Existenz in Schauern, in Episoden. Existenz des in die Rhythmik einer Peristaltik verpackten – technologischen Gelingens. Vom Vergessen geformt zu glücklichen oder geglückten Paketen.

Zu einer Frage.

Man könnte fragen, was geschieht, wenn eine unklar schwingende Esoterikerin und ein exakt denkender Naturwissenschaftler ein Kind zeugen? Antwort: Das Kind wird eine rationale Esoterikerin, die zwischen den Stühlen sitzt. Handlungsunfähig. Ein kleines Gedankenexperiment. Es überlegt, wie „Träger“ von zugeschriebenen Eigenschaften ihre „Eigenschaftlichkeit“ in sich selbst hineinwenden – oder anwenden. Umgekehrt funktioniert das auch: Man kann auch einen unklar schwingenden Esoteriker darauf aufmerksam machen, dass er einen großen Teil seines Alltags Produkten und Funktionen verdankt, die aus einer Geschichte von strenger Rationalität heraus ihn täglich berühren. Ob er nun Straßenbahn fährt oder einen Computer benutzt.

(Unter Esoterik summiere ich hier mal alle Formen von Welteinvernahme, die nicht scharf definiert in den Routinen von Mathematik, Physik oder Beweisbarkeit agieren. Das darf hier jetzt von Nina Hagen, einem Wünschelrutengänger, über Sloterdijk, der Kunst, bis zu Peter Handke interpretiert werden. )

Ebenso wie der Wissenschaftler samt Wissenschaft aus einem langwierigen historischen, evolutionären und sozialen „Schwingungs“ – Prozess hervorging, der zum überwiegenden Teil mythologisch, sektiererisch (Pythagoras) und dialogisch – ebenso wie sprachlich oder sogar mystisch klösterlich beeinflusst ist. Und nur zum geringsten Anteil kühl mathematisch. Auch die exakten Wissenschaften haben zunächst einmal eine Fleisch-und Blut-Geschichte, eine Sprachgeschichte und erst dann eine rein mathematische.

Was aber zeigt die immer mal wieder aufkommende Streitausspielung: Unklar schwingende Esoterik versus exakte Wissenschaft? Abgesehen davon, dass beide Disziplinen in ihren Radikalausführungen sowieso immer verblödet sind.

Die eigentliche Lage scheint heute komplizierter oder man könnte auch wieder sagen – witziger. Denn eigentlich zeigt die heutige klassisch – physikalische Rationalität eher eine verdeckte Religiösität. Während die sogenannte Esotherik so ein bisschen auf dem Vormarsch in Richtung Salonfähigkeit sich befindet…

Der Streit funktionalisiert eine Arbeitsteilung.

Einerseits: Die heutige, noch klassisch orientierte Rationalität hat ein Problem. Sie kann oder will ihr eigenes Handeln, ihren eigenen Prozess nicht mit den Mitteln ihrer Rationalität selbst vollständig abbilden.

Sie kann zwar 1 + 1 zusammenzählen, aber sie kann nicht erklären, warum diese Funktionen funktionieren. Und andere Funktionen nicht funktionieren.

So käme die „harte“ Physik heute nicht auf die Idee, danach zu fragen, warum sie selbst eigentlich in diesem expansiven Prozess einer sich immer weiter ausdifferenzierenden „Naturerklärung“ vorranschreitet. Die Frage nach der eigenen Aufklärungs-Dynamik scheint selbst nicht Frage von Physik zu sein.

Warum nicht? Das war nicht immer so. Es gab einmal eine Tradition großer philosophisch denkender Physiker.

Damit sollen sich Soziologen beschäftigen oder Philosophen, Dichter, Esoteriker, damit sie etwas zu beschwafeln haben.

Die Religiösität der Rationalität zeigt sich darin, dass sie alle tieferen Warum- Fragen abweist und dem Bereich der Religionen zuordnet oder der Philosophie.

Aber damit forciert sie eben jene alte Arbeitsteilung. Das Abweisen von existentiellen Warumfragen von Seiten der Wissenschaft ist kein Ausweis von Rationalität, eher von Religiösität.

Die Standartantwort lautet hier immer: Die Wissenschaft fragt nicht nach dem großen Warum Ihres eigenen Handelns. Sie fragt immer nur nach dem nächsten Wie einer Funktion.

Wirklich? Und – weiter gefragt: Warum ist das so?

Robert Musil hat einmal seinen Helden Ulrich im „Mann ohne Eigenschaften“ die Frage stellen lassen, warum Ingenieure und Techniker, die sonst eigentlich zumeist an vorderster Front der Funktionalisierung und Rationalität stehen, solche merkwürdigen Hirsch-Horn-Kravatten-Nadeln tragen und warum in Ihren Häusern Wildschweinköpfe an der Wand hängen? Ob denn nach Feierabend Wissenschaftler ihre Rationalität vielleicht nicht auf sich selbst anwenden könnten…?

Nun ist dieser Roman von Robert Musil an die 80 Jahre alt.

Aber diese zugespitzte Frage trifft heute immer noch. Tatsächlich lässt sich heute nicht nur eine gesellschaftliche ArbeitsTeilung in den Fragestellungen diagnostizieren. Es scheint auch eine ganz natürliche Arbeitsteilung zwischen Feierabendkultur und Laborkultur zu herrschen.

Nach dem man vormittags ein stammzellgezüchtetes Trommelfell in der Petrischale pipetiert hat, geht man Abends in die Oper, einen gediegenen Wagner anzuhören.

Rezeption findet hier dann nichtfunktional – also ästhetisch – statt.

Andererseits: Umgekehrt herrscht das gleiche Verhältnis: Der weltabgewandte Lyrikerdarsteller schickt seine „Naturlyrik“ durch die allerfeinsten computerisierten High-Tec-Druck-Stufen. In seinem Schreiben aber vernimmt man nicht selten Zivilisationskritik.

Oft schreibt er sogar vom chtonischen Blubbern auf dem Computer. Der Dialog zwischen den Kulturen hat sich hier ein gegenseitiges intrinsisches Beschweigen verordnet. Man begegnet sich nicht, man stört sich nicht. Aber man benutzt sich zu gegenseitigen, fast schon technischen Abgrenzung.

Die Rationalität, die Wissenschaft, die Technik, reicht mit Gummihandschuhen alle „Warum-Fragen“ an die Religion weiter – oder erstickt sie in dem berühmten Wittgensteinschen Schweigegebot.

Wissenschaft will Welt nicht erklären, aber sie verändert sie peu a peu und dann massiv mit den Neuerfindungen und Nebenprodukten ihrer Forschungs-Routinen.

Die so genannte schöngeistige ästhetische Existenz päppelt sich dann zumeist unreflektiert mit den neuesten Errungenschaften der rationalen Technologie.

Die Mathematik, die Technik, die „funktionierende Funktion“ kann oder will sich nur schwer darüber aufklären, dass sie selbst – im Funktionieren – eine Bewegung ausführt, die innerhalb einer kosmologischen und durchaus physikalischen Gesamtwahrscheinlichkeit von Bewegung enthalten ist, also zum Universum gehört und nicht irgendwie ausserhalb steht.

Der menschliche Geist darf selbst nicht zum Gegenstand von „harter“ Physik werden.

Ausgenommen einige lobenswerte Versuche der Hirnforscher.

Aber ein CERN des Bewusstseins, Ein CERN des Gehirns, mit dem selbem Budget finanziert,
existiert nicht. Ganz zu schweigen von einem CERN der Gesellschaft.

Und das kann als ein Symptom von Religiösität und nicht von Rationalität auffällig werden.

Solange diese Rationalität behauptet, dass sie mathematisch metaphysisch und damit metakosmologisch agiert, bietet sie keine echte Alternative zum Glauben, sondern lediglich eine Funktionalisierung des Stummen hinein in die Stummheit von Funktion, Technik und Ernährung. Sie droht zur Funktionenfunktion zu verkommen und ist dann keine Naturwissenschaft mehr.

Wer isst und schluckt, kann nicht sprechen. Der kann das Gegessene und Geschluckte nur ausgiebig beschweigen. Kauen.

Tatsächlich aber liegt der tiefere Grund für das angedeutete Dilemma in der Unfähigkeit der klassischen Rationalität, sich selbst als Teil eines physikalischen und kosmologischen Prozess‘ zu verorten, der die so genannte strenge Definition, den strengen Systemabschluss, nur deshalb leisten kann, weil in Natura kein einziges streng geschlossenes System existiert.

Indem das System Wissenschaft ein System zur Untersuchnung definiert und diskretiert, öffnet sie es ja für Beobachtung. Die Beobachtung aber erzeugt informationelle Routinen. Zuwachs an Wissen.

Aber dieses Wissen rutsch sofort auf die Anwenderseite der Funktion, nur äusserst selten rutscht es zurück in die Aufklärung des Beobachters selbst.

Wo die Wissenschaft aber streng definiert, scheint es ihr nicht der Rede wert, dass jede Definition lediglich selbst ein Teil einer öffnenden Bewegung ist. Und diese Bewegung gehört zur Entropie selbst. Das Definieren eines Systems innerhalb von Entropie vergrößert die Entropie. Und zwar – jetzt – auf der Informationsseite.

Wissenszuwachs bedeutet eine Zunahme an unterscheidbaren Unterscheidungen. Und Zunahme heißt: Ausdehnung, Expansion.

Die Bewegung läuft von wenig-Sterne-unterscheiden-können nach viel-Sterne-unterscheiden-können. Von wenig-Bakterien unterscheiden-können nach viel-Bakterien-unterscheiden können. Diese Bewegung ist gerichtet und irreversibel. Sie gehört damit zur Entropie der Thermodynamik.

Unterschiedenes breitet sich aus wie Wärme.
Mit anderen Worten: In einem ideal geschlossenen kognitiven System nimmt die Entropie der Information kontinuierlich zu.

Teil 2

Negative Kosmologie….. (Aus einem Gespräch.)

Okay, folgendes: Ich versuche es ganz klar zu halten:

Zunächst mal ist aktuell am Teleskop nicht viel zu erklären. Weil es um eine viel tiefere Sachlage geht, die einen kosmologischen Vorlauf hat. Selbstverständlich liefert uns ein Teleskop ein operatives Abbild der Lage da draussen, aber es liefert uns kein genaues Abbild von dem eigentlichen Prozess, der bis zu Ihnen und dem Teleskop geführt hat….

Deshalb muss ich weiter ausholen…

Zunächst einmal, den Umstand, dass Sie „Sie“ sind, der sie da jetzt stehen und beobachten, verdanken sie einer – Stabilisierung.

Sie könnten diesen Stern nicht beobachten, als „Objekt“, wenn Sie selbst nicht als „Subjekt“ in der Welt stabilisiert wären.

Soll heißen: Ihr Bewusstsein muss die Möglichkeit haben – „Stern dort“ zu denken.

Um das überhaupt sagen, wissen, denken zu können, müssen Sie aber „Martin hier“ sein können.

Genau so, wie sie „das Teleskop da“ nur denken und – wiederholt identifizieren können, wenn sie „Martin“ – vom Teleskop abgrenzen.

Sie, Martin.B. wissen sich selbst heute, ebenso, wie Sie gestern gewusst haben, dass sie Martin B. sind – und nicht das Teleskop.

Sie selbst sind sozusagen als relativ stabilisierter Martin B. in die Welt hinein-gezählt.

Aber das sie in die Welt hinein gezählt sind, zählt sie zugleich auch hinaus – hinaus aus der Welt in Ihr eigenes Innensein. Und das ist notwendig.

Sie müssen also, um als Martin B in die Welt sich hineinzuzählen, müssen Sie sich „gegen“ die Welt abgrenzen.

Nur weil sie gegen die Welt abgegrenzt sind, können Sie die Welt überhaupt
erkennen… er – z ä h l e n . Sie dürfen ja nicht mit der Welt zerfließen.

Dieser Umstand ist nicht trivial. Weil allein dieser Umstand eine physische, thermische Arbeit ist,
die einen Energieverbrauch hat. Und einen biophysischen Wärmedurchsatz.

Sie selbst sind als „Form“ stabilisiert. in der Zeit. Aber als Form, die ständig ernährt werden muss, damit diese Form nicht die Form verliert.

Ihre eigene Binnenspannung „gegen“ die Welt zu behaupten, ist eine physische Arbeit.

All das, was sie als Martin B. täglich routiniert wiederholen, um Martin.B. zu sein, aber ebenso, dass Sie gestern und heute immer noch wissen, was ein Teleskop ist, wie sie den Weg dort hin finden…etc… all das verdanken sie als relativ gesunder Mensch dem Umstand, dass Ihr Gehirn in einem Millieu – gehalten – wird, das dafür sorgt, dass die „Person Martin B.“ innerlich sozusagen unverändert bleibt.

Quasi zeitlos. (Das meinte Ich, wenn ich sagte, dass ihr Bewusstsein eine Schüssel Wasser ist, die vom Fluss Wasser abgegrenzt ist. Und dieser Fluss da draussen, das ist das DELTA – Feld.)

Die Person „Martin B.“ geht vom Kalten ins Warme, fährt Auto, ist, trinkt, schläft, etc…und ist aber statistisch rein durchschnittlich innerlich immer in der Lage, sich als sich selbst zu identifzieren, sich von „der Welt da“ abzugrenzen.

Und dieses sich „von der Welt-da“ abgrenzen ist eine Arbeit. Und diese Arbeit leisten sie ständig, permanent.

Sie können zwar hören, sehen, riechen etc…aber ganz innen drinnen, in ihrem Cortex herrscht trotzdem eine starke Abschirmung, die dafür sorgt, dass sie nie so viel hören sehen riechen, dass sie komplett mit der Welt eins werden.

Ausser sie nehmen harte Drogen, die die Blut-Hirn-Schranke durchbrechen.

Und die allererste Abgrenzung noch vor allen charakterlichen oder psychischen Abgrenzungen ist eine physisch-stoffliche-eine thermodynamische – und elektromagnetische Eingrenzung dieses Ortes, der da Martin B. mit Gehirn heisst.

Und die allererste Vorraussetzung, noch vor allen anderen psychologischen Vorraussetzungen, die Ihnen diese wiederholte Selbstquantisierung als „Martin B“ gestattet, macht möglich, dass ihr Gehirn physisch betrachtet immer ungefähr in einem ähnlichen thermodynamischen und elektromagnetischen Millieu operiert.

Das leistet die Blut-Hirn-Schranke. Sie merken schon, wenn sie Alkohol trinken, dass da was passiert, aber sogar alkoholisiert können sie noch eine mittelschwere Aufgabe rechnen….

Aber tief drinnen sind sie immer in der Lage, sich weiterhin selbst zu quantisieren, was nichts anderes heißt als: Sich selbst zu routinieren, zu wiederholen.

Sie selbst sind also ein Quant. Diskret (scheinbar diskret) von der Welt abgeschirmt.

Verstehen Sie, und diese scheinbare Diskretion, also unser eigenes Quantsein, projezieren wir immer wieder in die Welt hinein, seit Beginn der Evolution des Menschen.

Zwar sind wir mit der Welt verbunden. Wir atmen, essen, trinken, aber unser Cortex muss einen Spielraum haben, eine Abschirmung, die es ihm ermöglicht, sich als „schwimmend“ gelagert oder „gepuffert“ gelagert … eben als stabiliserte Form abzugrenzen, die innen drinnen quasi zeitlos agiert, reversibel.

Dass wir reversibel rechnen können, verdanken wir dem Umstand, dass wir ständig mit einem reversiblen Blut-Puls durchströmt werden.

Ob wir zählen, ob wir rechnen, ob wir Begriffe oder mathematische Funktionen ausbilden – wir wiederholen immer unsere eigene Quantisierung als Routine, als Rotation.

Diese Selbstquantisierung ist allererste Vorraussetzung, um die Welt fremdzuquantisieren.

Und der Dialog zwischen Selbstquantisierung und Fremdquantiserung – dieser Dialog ist eine operative Schwingung, der evolutionär übersetzt werden kann mit der Schwingung zwischen „Trial and Error“ – Erfolg und Misserfolg.

Und dass müssen sie jetzt nicht erst mit dem ersten Menschen ansetzen, sondern diese Selbstquantisierung beginnt schon mit der ersten Selbstschließung der ersten Protozelle, dem ersten Einzeller…

Da der Misserfolg (error) aber evolutionär nicht oder nur passiv indirekt als Auslese überliefert wird, haben wir kein Empfinden dafür, wie unsere gesamte antropotechnische Evolution in dieser dialogischen „Schwingung“ sich abgespielt hat.

Denn überliefert wird logischerweise immer nur der nächste ERFOLG. Das nächste ÜBERLEBEN.

Wenn ich von Wirbeln spreche, dann meine ich eine Rotation, bildhaft auch – unter anderem – als Schwingung, weil jede Rotation auch als Schwingung, als Sinusrotation sich abbilden lässt.

Ein Wirbel ist eine Stabiliserung. Und unser Inderweltsein – ist eine solche Stabiliserung.

Zurück zum Teleskop: Wenn sie heute also an einem Teleskop stehen, dann nehmen sie Anteil an einer Evolutionsgeschichte, die sich technisch bis zu ihnen hin – eingeschwungen hat. Routinisiert hat. Das heißt alle Ihre Gerätschaften, all ihr Wissen, all ihre Mathematik ist evolutionär – dimensioniert worden – sozusagen herausgeschält aus einer Riesenmenge an Ereignissen – die bis zu Ihnen hin geführt haben, der sie jetzt da am Teleskop stehen und nun diesen Stern anschauen lässt.

Aber alle das zeigt Ihnen das Teleskop nicht. Das Teleskop zeigt Ihnen nicht die energetisch und statistische Dimensionierung ihrer eigenen Erfolgsgeschichte. Und das Teleskop zeigt Ihnen auch nicht die evolutionäre statistische Stabiliserung, die sowohl in Ihnen selbst steckt als auch in diesem Teleskop….denn auch dieses Teleskop eine Evolutionsgeschichte aus Trial and Error-Ereignissen, die unmittelbar mit unserer eigenen Geschichte verknüpft ist.

Wenn sie dieses Teleskop benutzen, oder wenn sie Mathematik betreiben, dann bedienen sie sich all dieser Dinge so, als seien sie sozusagen „starr“ zeitlos in der Welt. Genau so, wie sie nicht jeden Morgen zu sich selbst sagen: Ich Martin B. bin das Ergebnis von 10 hoch 33 evolutionären Trial-and Error-Ereignissen….

Was will ich damit sagen. Ich will damit sagen, dass wir evolutionär hier an unserem kosmologischen Ort eine ganz bestimmte unverwechselbare Signatur unserer Intelligenz bekommen haben, eine Signatur unseres ganz speziellen Zeitorts unserer kosmologischen Geschichte. Diese Signatur ist wahrscheinlich von der Signatur her einmalig und einzigartig gegenüber anderen Intelligenzen. Und diese Signatur hat eine bestimmte Dimension.
Die Dimensioniertheit dieser Signatur versteckt sich auch in der Planck-Konstante…die ich ja als eine anthropotechnische Verhältniszahl betrachte und nicht als Naturkonstante.

Aber die ganze Historie dieser Signatur zeigt uns das Teleskop nicht. Das Teleskop zeigt uns lediglich 1 „Blick“ .

Unseren Blick.

Und dieser Blick ist nicht „falsch“ – also nicht, dass sie mich missverstehen, nur ist er nicht vollständig, absolut nicht vollständig in Bezug auf den Gesamtprozess. Weil der Kosmos eben ein fließender expansiver Prozess ist.

Und ich denke: Unsere evolutionäre Signatur, die wir selbst noch nicht in ein Verhältnis mit der Naturwissenschaft gebracht haben, hindert uns heute noch daran, zu verstehen, dass wir selbst, sie und ich immer in einem DELTA-FELD der sich permanent ändernden Skala mitfließen….

Die Schachfelder dehnen sich mit den Reiskörnern aus.

Erweiterte Rationalität:

Es ist denkbar, dass die rätselhaften Bahnabweichungen der Pioneer-Sonden auf eine Skalendehnung hinweisen.

Ausserdem:

Es ist sehr wichtig, dass die Wissenschaft in Zukunft das Resonanzverhältnis zwischen unserem internen Fließgleichgewicht (brain-inside) und dem kontinuierlichen DELTA-Feld der Entropie (Universum-brain-outside)
darauf hin untersucht, ob es anthropo-harmonische Wahrnehmungs-Selektionen gibt, die auf einer ganz bestimmten Resonanz, also auf einem ganz bestimmte „harmonische“ Kalibrierung zum entropischen Skalenfluss des Universums hinweisen. Hier muss nach selektiven Harmonisierungen gefahndet werden (Fourier, Metrik, Lissayou, Musik-Wissenschaft) – ebenso wie nach einem harmoniserten Verhältnis zur Zahl PI.
Es ist höchstwahrscheinlich, dass die antrophotechnische Physik uns nur einen möglichen Ausschnitt des Universums zeigt, nämlich den, der „harmonisch“ oder „metrisch“ mit unserer energetischen Eigenfrequenz konstruktiv gekoppelt ist.

Dass wir die dunkle Materie nicht detektieren können, bedeutet: Sie ist entweder unverwirbeltes DELTA-FELD oder disharmonisch signaturiert, so dass sie nicht mit uns wechselwirkt.

Charlie Brown: When the music stops…

„Musical Chairs.“

Möglich, das Spiel erzählt  einen physikalischen Seins-Ablauf
Eine Ordnung verändert sich, indem sie streut, peu a peu
an das Offene abgibt. Die Anzahl der Stühle nimmt ab,
die Moleküle einer Formation streuen. Dabei kopiert sich ein Vorgang.
Man könnte auch sagen: So existiert diese Ordnung, in dem sie abgibt.

Oder als ein Prinzip von Wahrnehmung: Der Moment
einer Beobachtung hält einen Prozess an und er-zählt ihn.
Das Quantisieren aber, die Er-Zählung, ist nur zu haben
um den Preis der aussetzenden Musik.
Ein kurzer Stillstand, der einen Verlust an Bewegung bedeutet.
Die Wahrnehmung quantelt. Sie hackt. Die Musik stoppt.
Aber das Aussetzen der Musik formiert etwas. Ein Bild.
Und dieses Bild ist eine In-Formation.

Nachdem man lange nichts mehr von seinen Experimenten mit rotierenden gekühlten Massen gehört hatte – findet sich nun doch wieder ein Eintrag des österreichischen Forschers Martin Tajmar aus dem Jahre 2010, der nahe legt, dass der gravitomagnetische Effekt sogar mit flüssigkaltem Helium registriert werden kann.

Von hier aus kann man dem Forscher nur alles Gute wünschen und viel Erfolg beim weiteren Experimentieren mit rotierenden und gekühlten Rädern, Ringen und Massen. Auf dass er auch noch andere Rotationswinkel und Achsenstellungen ausprobiert. Dass es bei den Experimenten weniger auf die Supraleitung ankommt und mehr auf die thermische Kühlung und die Rotation, wurde von ihm ja schon des Öfteren bestätigt. Zudem übertrifft er den vorher bereits bekannten Lense-Thirring-Effekt um ein vielfaches.

Das kann von hier aus auch deutlich unterstrichen werden, da ja die Entropie mit der Temperatur konjugiert ist und demzufolge auch mit der Energie überhaupt, also mit der Masse also mit der Raumzeit, zu der man aber besser ZEIT-RAUM sagen müsste, wenn die wissenschaftliche Gemeinde einsehen würde, dass die Raumzeit-Krümmung eben in Wirklichkeit nicht (nur) „-Geometrie“ ist, sondern eine thermische Dynamis als Fluss, der verwirbeln kann. Ich würde Martin Tajmar auch empfehlen, mal einige hochgenaue Atomuhren in der Nähe seines rotierenden Experiments aufzustellen.
Wir erinnern uns, was Entropie auf altgriechisch heißt: Hinein-Drehen. Um-Wandeln. Wobei man das „Um“ – hier wörtlich nehmen kann – im Sinne von: um-drehen.

Skeptisch gegen die Skepsis:
Hesekiel Kapitel 10/13 Und die Räder wurden genannt „der Wirbel“, daß …
Luther Bibel (1545) Und es rief zu den Rädern: Galgal! daß ich’s hörete. Elberfelder Bibel (1871) Die Räder, sie wurden vor meinen Ohren „Wirbel“ genannt ….

hebräisch-„Galgal“ : Rad, Wirbel, ….

Der Schneemann.

Jubiläum der Zärtlichkeit.

Ein Klavier gefüllt mit Waschmittel der Marke Omo. Hustensaft. Sauerkraut auf einem Notenständer. Den Wald fegen. Eingedrückte Gummibälle. Freitagsgericht 1A gebratene Fischgräte.

Ein Draht an einer Schiefertafel. Reden mit der Axt in der Hand vor einem Mikrophon…

Was hat das alles zu bedeuten?

Es gibt Bilder. Fotos. Portraits. Und alle sind sofort sehr typisch. Sie zeigen ein, nein, kein Gesicht – sie zeigen ein – Face. Das wäre das passende Wort. Besser: Ein Interface. Ein Adapter.

Augen, die mich anschauen wie freie Anschlüsse. Auch der Mund ist stark ausgeprägt. Ein Mund, dem ich ansehe, dass er auch – klemmen könnte, oder beißen, um etwas festzuhalten. Oder um etwas an sich heran zu ziehen. Anschluss gewinnen.

Hier auf dem Foto, ist der Mund geschlossen. Kurzzeitig verschlossen. Wie zugehalten ohne Hand.

Was ich an dem Mund und an den Augen überhaupt nicht wahrnehme: Lässigkeit, Ironie, fertige Lebensklugheit, Kennerschaft, Stoizismus oder Reife. Ich kann mir dieses Face, dieses Interface, nur schwer vor einem Kamin sitzend oder an einem Buffet stehend vorstellen, obwohl es solche Momente in seinem Leben auch gegeben hat, aber hier, auf dem Bild, bereits über 50 Jahre mit den Anschlüssen dieser Welt in Kontakt, liegt das trotzdem sehr fern.

Dieses… Gesicht also… gibt einen Ernst aus. Aber dieser Ernst wirkt nicht behauptet oder kopiert, auch nicht visionär aufgezogen, nein, dieser Ernst kommt unpersönlich, als käme er von woanders. Wie das Portrait eines für den kurzen Moment des Fotos aus seiner Verbindung gezogenen Steckers.

Aber es gibt auch andere, ernstere Bilder von ihm. Und freundlichere.

Über Joseph Beuys etwas schreiben. Einfach so. Ohne besonderen Anlass. Kein runder Geburtstag, kein Todestag. Was daran leicht ist: Alles was man sagt und denkt, kann nur falsch sein. Und wenn man etwas ganz Falsches schreibt, dann trifft es möglicherweise gerade genau zu. Aber da schon so viel über ihn gesagt wurde, und viele sachliche Quellen und Verweise auch im Netz sofort zugänglich sind, nehme ich mir hier die Freiheit heraus, zu meditieren, unvollständig zu bleiben, oder auch etwas abzuschweifen.

Filz, Fettecken, die Honigpumpe, ein Hut, eine Weste – das also sind die zu medialen Erinnerungs-Schneebällen plastifizierten Handlichmachungen eines Werkes, eines Lebens, einer Biographie. Verständlich. Man braucht eine Benutzeroberfläche für etwas, Begriffe für etwas, dass ja eigentlich weit jenseits der Festigkeiten von schnellen Begriffsplastiken in einem Prozess der Bewegung und Gewinnung seinerzeit ermittelt worden war.

Natürlich, man kann ihn, Beuys, wenn man will, leicht irgendwo herausziehen. Fluxus (das Fließen) nannte sich in den 60igern eine der vielen Unruhen und Vorbeben, die entgrenzen wollten und entgrenzt haben. Staubschlachten, Hühnerfedern, Kompositionen für Dachrinne, Farbtopf, Bohrmaschine und kaputtem Radio. Die Entgrenzungen und Überschreitungen sprengten nicht nur das eine oder andere Musik-Event oder verausgabten sich in  Drogenräuschen – auch in der Kunst geschah einiges. Man wollte die Rahmen zerlegen, Freiheiten prüfen, alte Zeichenhaushalte rütteln und schütteln, aber auch: neue Verbindungen schaffen. Anschlüsse herstellen. Fluxus, fließen lassen also. Das Kunstprodukt ersetzen, auflösen und eintauschen gegen den Kunstprozess. Als Akt der Befreiung, der Bewegung. Auch Joseph Beuys fand sich hier in den Feldern dieser Bewegung. Oder besser: Er berührte sie ganz kurz.

Aber Beuys war, damals in den 60igern, ja bereits über 40 und seit 1961 Inhaber des „Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei“ der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Mein Gott – was für ein schönes Wort. Der Traum vieler kleiner Künstler und Kunsthandwerker: Monumentale Bildhauerei. Monumentaler Bildhauer, wer wollte das nicht sein in den heutigen Stadttheatern und an den Plattenspielern der kleinen Affekte und Befindlichkeiten. Aber natürlich, nichts ist verbotener und dümmer, als Gegenwart gegen Vergangenheit auszuspielen. Und Beuys gibt dazu auch gar keinen Anlass, denn er ist blanke Gegenwart.

So klingt das auch sprachlich biografisch zunächst seltsam prickelnd für den heutigen Rezipienten. Beuys, Monumentale Bildhauerei, – und dazu dann: Badewannen voll mit Hansaplast-Pflaster, Margarine.

Aber Beuys gehörte nicht in der Weise in diese 68iger, wie die Generation, die heute so genannt wird. Er war ja älter, selber noch im Krieg gewesen, als junger Mann bei der Luftwaffe. Im heißen Krieg. Bordfunker, Bordschütze eines Sturzkampfbombers, Pilot angeblich auch. So hatte der Körper Beuys schon sehr früh eine enorme Beschleunigung in „monumentalen“ Energien erfahren gehabt. Steigende und stürzende Waffe. Für damalige Verhältnisse komplett adaptiert in Hochtechnologie. An der vordersten Front. Teil und Mitglied einer monumentalen, furchtbaren Maschine. Im März 1944 stürzt er dann tatsächlich zu tief, irgendwo über der Krim, in einem Schneesturm. Schädelbruch, Knochenbrüche, wird er von Nomaden aus seinem Wrack gezogen und gerettet, dann einem deutschen Suchkommando übergeben. Sein Pilot war gestorben.

Ab August 1944 dann schon wieder Fallschirmjäger an der Westfront. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Dienstgrad des Feldwebels. Gefangenschaft. Internierung. Das ganze volle Programm also. Dann Freilassung. Mit einem von Granatsplittern und Energien bereits plastisch geformten Körper. In-formierte, re-formierte Körperplastik.

Ausrisse, Lebensläufe, Freiläufe:

„1945 schloss er sich der Künstlergruppe Hans Lamers an.“

„Monumentale Bildhauerei.“

„1947 – 1949 arbeitete er mit an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanskie über den Lebensrhythmus des Wildes in der Lüneburger Heide…“

„Bekanntschaft und Gespräche mit Konrad Lorenz, dem Verhaltensforscher…“

Oh ja, man hört sie, die leicht einschläfernde Heinz Sielmann Nachkriegs-Stimme seiner Tier-Dokumentationen. Bis in die späten 70iger Jahre hinein.

Es ist die Stimme einer zerschossenen und physisch und seelisch verkrüppelten Kriegsgeneration.

Ein alter Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang an einem frühen Sonntagabend, davor sitzt ein Mann mit Beinstumpf, Zigarre rauchend, und dann hört sich dieser ganze 2. Weltkrieg so an:

„In seinem feuchten Lebensraum bewegt sich der Schwarzfußflederich wie ein kleiner König….“

Beuys also hatte auch damit zu tun. Mit diesem merkwürdigem Heinz

Sielmann-Nachkrieg in rundlichen Bildröhren und stoffbespannten Lautsprechern.

Die Stimme Heinz Sielmanns im Ohr denke ich also jetzt an Beuys: Sturzkampfbomber, Bordschütze, Filz, Fettecken, Honigpumpe, Zoologie, Monumentalbildhauerei, Verhaltensforschung, Wildgänse, Schädelriss….

Was bedeutet das alles?

Ich selbst habe den Krieg nicht erlebt. Auch nicht die unmittelbare Nachkriegszeit. Ich gehöre auch nicht zur 68iger Generation. Ich bin in den deutschen Puddingbergen des nicht mehr ganz so kalten Krieges aufgewachsen, wenn auch in den weniger großen. Aber irgend etwas ist an diesem Werk dran. Irgendetwas spricht daraus zu mir.

Ich stehe in der Ausstellung des Hamburger Bahnhofs vor einem tischgroßen, sehr massiven und komplett verhärteten Block aus Talg, „Unschlitt“, einem Produkt aus der Fettgewinnung, der inzwischen krasse Risse zeigt. Interessanterweise wirkt dieser organische Talgklotz auf mich viel härter als Marmor, gerade weil er kein Marmor ist. Steingewordenes Leben. Hart. Harte Zeit. Zeit der Härte. Aber in den Rissen tut sich wiederum etwas. Risse sind auch Flüsse. Nichts bleibt ja wirklich ganz unbewegt. Auch diese Risse sind Bewegungen.

Es kursiert die ewige Geschichte, sie stammt von Beuys selbst, dass er damals nach seinem Absturz mit dem Stuka mit gebrochenen Knochen und gerissenem Schädel einige Tage lang von den Nomaden, die ihn im Schnee aus dem Flugzeugwrack gezogen gehabt hatten, gepflegt wurde. Mit Filz umwickelt. Mit Fett gesalbt. Talg.

Funzelige Talglichter. Knirschende Schritte im Schnee. Zuwendung. Jaulende Hunde im Halbdämmer. Blutunterlaufene Augen. Leise klappernde Blechtöpfe. Fremdartiges Getuschel. Knoblauchatem dicht am Gesicht. Messinggeschmack im Mund. Schmerzen.

All diese Angaben bleiben etwas unsicher und anekdotisch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, ob diese Geschichte wirklich genau so stimmt, ob sie sich wirklich so ereignet hat. Wie auch einige andere Details zu seiner Biografie unsicher bleiben. Ich kann sie auch einfach als Angebot nehmen, als Projektionen, zugehörig dem Gesamtkunstwerk Beuys und dort einen berechtigten Platz einnehmend. Und tue dies hier auch.

Was dagegen wirklich sicher bleibt: Beuys wollte bekanntlich mehr als nur Kunst, mehr als Design, mehr als Ästhetik. Auch das kann man schnell nachschlagen und nachgoogeln, was Beuys alles wollte, meinte, sagte und lehrte – in Katalogen, Lexikas, in Interviews, auf Videomaterial.

„Soziale Plastik“, „Akustische Plastik“  „Wärmeplastik“ Erweiterter Kunstbegriff“, „Baumdiplom“ , „Homöopathische Methode. „Kernfragen des Sozialen“

Hier fließt also ein Engagement in der Kunst mit einem Engagement für Gesellschaft zusammen und wird begleitet auch von Theorie und einem Gestaltungswillen, der durchaus auf etwas Ganzes zielt. Aufs Ganze gehen – das ist etwas, dass mir heute in den Diskurseln einer etwas ratlosen Nach-Postmoderne, die sich mehr oder weniger in Details, Designs und Retrodesigns, Nieschen, Geschmäcker, Ansichtssachen, erotischen Simulationen, Zitaten und Zitatzitaten gemütlich gemacht hat, eher selten bis kaum noch begegnet. Kann sein, dass auch das einer notwendigen Bewegung folgt, und als solche auch anzunehmen ist – ja sogar eigene Chancen birgt. Denn nichts ist dümmer und verbotener als die eigene Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielen zu wollen.

Aber irgendwann stehe ich dann eben doch wieder vor irgendeinem der vielen verstreuten Beuys – Objekte und bin baff. Zwei Metallflaschen mit merkwürdig bedroht und zugleich bedrohlich wirkenden Ausblühungen unterhalb eines Pfahls, an dem ein ausgerissener Zeitungsausschnitt geheftet ist, der mit einem Roten Kreuz bemalt wurde. Oder ein Schlittengespann, das Filzrollen transportiert, so arrangiert, dass man die Hunde davor, die nicht da sind, förmlich hören und riechen kann. Ihre Ausdünstungen. Oder ein verschlossenes Apotheken-Gefäß mit einer winzigen Öffnung im Korpus, durch das plötzlich ein ganzes großes Weltsonnenlicht auf den Betrachter fällt.

Wenn ich dann in der selben Ausstellung irgendwo vor einem Baselitz-Gemälde mit einem auf dem Kopf stehenden Männeken stehe, spüre ich deutlich einen steilen Abfall.

Gut, das bleibt alles subjektiv und schwer verallgemeinerbar.

Trotzdem überlege ich, woher diese Wirkung rühren könnte.

Mir widerfährt es so, dass ich bei den meisten Beuys-Objekten immer den Eindruck einer enormen Verletzlichkeit habe. Ich denke immer, das ist keine Kunst, und zwar im positiven Sinne – keine Kunst.

Vielmehr habe ich den Eindruck von etwas Stehengelassenem, etwas Übriggebliebenen. So berühren sie mich auf eine ähnliche Weise wie ein einzelner Handschuh, den man unterwegs irgendwo in einem Drahtzaun stecken sieht. So wie er berühren kann. Nicht muss. Wie eine Frage. Hier war etwas. Und hier ist noch etwas. Etwas hat sich hier ereignet, ist vorbeigegangen, vorüber gezogen, und hat Spuren hinterlassen. Aber es ist eben nicht – vorbei. Man fragt sich, zu wem oder zu was gehört dieser Handschuh? Wo ist der zweite? Wer vermisst ihn jetzt? Der abwesende zweite Handschuh beobachtet mich.

Dabei sind die Objekte von Beuys alles andere als flotte Readymades. Sie sind keine umgedrehten Pinkelbecken, keine ausgeschütteten Farbeimer, und sie sind auch keine hingeworfenen Fehdehandschuhe der seidigen Provokation. Haben damit nichts zu tun. Sie sind sogar enorm kalkuliert, durchdacht, manche sogar geradezu kompliziert, überhaupt nicht einfach, oder simpel. Oder gar unprätentiös, wie man heute sagen würde. Nein, sie sind sehr sehr prätentiös.

Ich habe wieder die Tierfilmdokumentations-Stimme von Heinz Sielmann im Ohr: „Und der kleine Graureiher flüchtet sich jetzt zu den Erwachsenen. “

Zugleich denke ich: Ju 78, Sturzkampfbomber. Und höre dieses Sirenengeschrei der stürzenden Waffe, dass ich selbst zum Glück nur aus eben diesem Fernsehen kenne. Dann Schritte im Schnee knirschen. Hundegebell. Blechtöpfe.

Beuys. Mann mit Filzhut und Weste und diesem ohne Hand zugehaltenen Mund. Diesem Steckdosengesicht. Silberplatte im Schädel. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden. Dann aber oder vielleicht gerade deshalb wurde er ein Monumentalbildhauer. Doch sein nie stillstehender Zug hin zum Ganzheitlichen und seine auf das Ganze, auf das Begreifen gerichtete Neugier blieb ihm erhalten.

Face Beuys. Interface. So ein Typ muss auch schwierig gewesen sein. Nervös. Unlocker. Angespannt. Vielleicht sogar hin und wieder, ja ganz sicher oft auch wirklich unsympathisch. Nervensäge. Stechender Blick. Unheimlich. Für einen bestimmten Typ Frau vielleicht ganz attraktiv.

Aber dann wieder, angehalten vor und von einem seiner Objekte, einer Installation oder einer Skulptur, spüre ich da diese Zärtlichkeit. In starken Momenten eine ungeheure Zärtlichkeit. Ich frage mich wieder, woher kommt das? Was ist das? Wieso kann ein Fetzen Filz so zärtlich sein? Oder dieser Fettklotz. Oder sogar ein Stück Kupferdraht? Ein Zinkblech. Eine Schiefertafel, Waschpulver. Oder eben seine berühmte Honigpumpe….

Was hat das alles zu bedeuten?

Zumal heute noch, wo ich mich prinzipiell schnell vielleicht zu schnell als etwas genervt, als überschult und meistens auch gelangweilt fühle, wenn irgendwo „moderne Kunst“ droht oder das, was ich nicht an ihr mag: Den Schwachsinn der Farben, seriengedehnte Readymade-Schneisen, Kreativitätssimulation, Individualitätskonzepte, Selbstbespiegelungen, Nachmittagswitze, aufgeblasene Schamhaare, Müllhaufen zweiter Ordnung, Neoerotiken, Zitatzitate von Zitatzitaten auf Bildschirmen oder Glanzpapier etc…

Nichts von alledem bei Beuys. Obwohl auch er nicht unbedingt der einzige und erste Pionier der Filze, Zinke, Roste, Fasern und Profanmaterialien war. Auch schon zu seiner Zeit nicht. Auch das lag in der Luft damals. Insofern gehörte er am Anfang dazu, war Teil einer Bewegung.

Aber sicher war er einer der wenigen, vielleicht dann doch der einzige, denen es gelang, all das entfesselte und vermischende Tun, den Fluxus der Zeit vor der Beliebigkeit zu bewahren, in seiner Obhut vor der Trivialität zu retten, indem er diesem Fluss ein formuliertes Recht gab, in ein gedachtes oder gesprochenes Flussbett leitete. Und das eigentlich ganz im Widerspruch zu dem, wofür der „erweiterte Kunstbegriff“ antreten sollte. Denn die erste Pointe eines „erweiterten Kunstbegriffs“, wo er als solcher formuliert und behauptet wird, ist ja, dass dieser Begriff dann selbst  wieder Programm wird. Sich programmatisch schließt. Und wo Programme, da lauern auch wieder Einschluss und Ausschluss. Er aber machte in einem modernen Sinne das Fließen plastisch. Und dass ist wirklich die originale und seltsamste Leistung von Beuys, auch die innere Grundspannung seiner Arbeiten: dass sie ein modellierter Fluss sind. Aber eben jetzt anders als nur der schön modellierte Fluss einer marmornen Schulterlinie oder einer Falte. Sie sind eben wirkhafter Fluss und wirkhafte Plastik zugleich.

Schlagworte und gelebte Konzepte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ „Basisdemokratie per Volksentscheid“ „Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ „Wir brauchen Sonne statt Reagan.“

Tatsächlich hat Beuys einmal alle Bewerber ohne Vorauswahl in seine Kunsthochschule aufgenommen. Tatsächlich hat er Kassel mit Eichen begrünt. Tatsächlich hat er sich Anfang der 80iger dann auch bei den Grünen engagiert. Beuys hat ernst gemacht, weil er ernst war.

Und er tat auch Seltsames. Dinge, denen ich heute in einer Galerie eher aus dem Weg gehen würde. Er schüttete sich Honig über den Kopf, legte Blattgold auf und saß dann mit einem toten Hasen, den er unverwandt anstarrte, in einer Ecke auf einem Stuhl. Oder er stellte sich mit einer Axt in der Hand vor ein Mikrofon, bellte, pfiff und krächzte dann 10 Minuten lang gestikulierend – dies als Professor einer Kunstakademie vor immatrikulierten Studenten. Oder er schüttete eben Waschpulver in ein Klavier, trank öffentlich Hustensaft u.s.w. u.s.w.

Heute würde ich eher dazu neigen, solchem Aktionismus auszuweichen. Man kennt das auch von Epigonen. Ich würde es als etwas unangenehm ernst oder gar ideologisch empfinden, als ein bisschen zu stechend, zu angespannt.

Aber das sagt natürlich gar nichts. Ich lebe in einer anderen Zeit. Und möglicherweise werden andere, spätere Generationen, einmal auf unsere Zeit ebenso befremdet, vielleicht auch fasziniert zurück gucken. Eine Zeit, in der ja alles irgendwie möglich ist und auch gemacht wird, aber in der sich kaum einer irgend  etwas traut. Außer vielleicht der irgendwo imaginär herbeigesehnte Attentäter, dem dann womöglich von irgendeinem verwirrten Stockhausen das Kunstdiplom verliehen wird.

Aber stimmt das so überhaupt? Es gibt sie ja auch heute noch, die Vermischer und Erweiterer, die Schreier und Kleckerer. Aber es gibt sie eben nach Beuys. Wo sie sind, war Beuys schon gewesen, und so gehen sie jetzt in den gut geölten und diskursiv vorgefetteten Ausdifferenzierungen seiner Spur. Wollen neuerdings Sterbende im Museum ausstellen. Na ja, wie sie meinen, sehr originell, Herr Schneider…

Was wollte Beuys? Was wäre das, woran man anschließen könnte, ohne in die 2134igste Kleckerburg irgend eines Neohappenings, irgendeiner Chaosinszenierung zu geraten, in das nächste noch größer aufgeblasene Achselhaar, die nächste Kapitalismuskritik, in den nächsten hoch dotierten Tabubruch-Generalstab, in die nächste Verwirrspielhölle. Was könnte wirklich konstruktiv sein?

Beuys Face. Interface. Adapter. Steckdosengesicht. Sag was. Sturzkampfbomber, was genau ist deine Zärtlichkeit? Was bedeutet dein Filz, deine Seife, dein Fett? Liegst Du bei den Nomaden im Zelt dicht über dem Schnee, in Filz gewickelt, und schweigst dich aus unter deiner Silberplatte in deinem Kopf, den man dir „zurecht geschossen“ hat?

Es wird berichtet, Beuys habe einmal, eines Morgens, die Skulpturen und Kunstwerke seiner Studenten zerschlagen und gesagt: „Das ist auch Kunst.“ Darauf Heulen und Zähne klappern. Ich glaube das sofort.  Ich glaube, er wollte damit sagen: Ihr sollt Euch nicht für Kunst interessieren, sondern für Wirklichkeit. Für ihre Energien, Wirklichkeiten und Gefährdungen. Denn nur so kommt ihr zur Kunst. Oder nie.

Beuys, die stürzende Waffe, der Hochbeschleunigte. Der ein wenig Unheimliche.

Ja, ich glaube Beuys heute vollständig lesen heißt auch diese Seite zu lesen. Beuys war ein Grüner, ein Basisdemokrat, ein Menschenfreund und Bäumepflanzer, Wärme-Mann und netter Christ. Dass er sich auch als Alchemist und Schamane inszenierte, sich in Filz gewickelt 3 Tage lang mit einem wilden Koyoten in einem Raum einschloss, um zu diesem Tier Kontakt aufzunehmen, sagt mir noch etwas anderes. Es sagt mir, dass Kunst, wenn sie mehr sein will als bloßes Unheimlichkeitsdesign, Chaosdesign, Schmutzdesign, Provokationsdesign, Destruktionsdesign – es sagt mir also, dass Kunst zur Kunst wird, erst dort, wo sie sich in die Konstruktion begibt, Verbindung sucht, und eben erst deshalb und davon berührbar wird und berührend. Weil sie ordnen will, ist ihre Ordnung gefährdet. Und erst diese Gefährdung berührt mich. Beuys ging aufs Ordnen und Richten. Er hat nie einfach herum gefriemelt, Geschmack oder Design produziert. Und er hat seine Aktionen nie als Pyramiden inszeniert, die bereits die Form eines zusammengefallenen Haufens, also ihre Destruktion, feixend vorwegnehmen. Und deshalb fällt mir auch wieder ein, warum seine Arbeiten oft eine solche eigenartige Zärtlichkeit ausstrahlen. Alle seine Materialien streicheln über die Haut der Wirklichkeit. Sie ziehen dort ein, wie ein Film. Aber sie treten auch aus dieser Haut hervor wie Absonderungen. So wie er sie arrangiert und geordnet hat, sind es Schmierstoffe und Absonderungen zugleich. Ihre Viskosität und dass Amorphe beinhalten oder transportieren eine komplementäre Erzählung als Praxis. Seine Metalle blühen auch zu Waffen, rostig oder blank, das Kupfer der Projektile. Das Messing der Hülsen. Das Zink der Blechnäpfe – es blüht aus und blüht uns. Sein Fett ist auch das Motorenöl, das Schmierfett der Gewehre, Maschinen und Panzer, das Öl der Technik. Und sein Filz der Stoff der schrecklichen Winter, der Uniformen, der Stiefel, der Massen und der durchschossenen Filze von Stalingrad. Massentodprodukt. Sein Gold kennt die Gier und das Blut; und der Honig als träge Masse, süß, aber in Litern gepumpt, hochenergetisch, ist eben deshalb irgendwie auch frivol und über-viel, erstickend. Als Aggregatzustände der Seele zeigen diese Materialien: Wärme – und Kälteplastik. Fluss und Erstarrung. Anpassung und Widerstand. Gewinnung und Verbrauch. Der Filz, als Gesellschaft aufgefasst, trägt unangenehme und darin auch zeitgemäße Assoziationen mit sich. Insofern hat Beuys den Filz am konsequentesten alegorisch rekonstruiert. Vielleicht erzählt das Viskose und die träge dahin fließende Substanz, das Schmelzende und Amorphe, das Verfilzte, Ausgeblühte, Fettige und Seifige, diese ganze weiche Schicht und Margarine- Struktur unserer Wirklichkeit von einer wirklichen, sehr tiefen, sozusagen gültigen Wahrheit. Die immer irgendwo in der Mitte liegt, nie ganz fest. Sie sind präzisierte Wirklichkeit und keine Kunst – im positiven Sinne keine Kunst. Und deshalb eben doch wieder Kunst.

Ihr nie ganz entschiedener Aggregatzustand verweist so den Messianismus und Schamanismus, den Ideologie-Komplex, den man Beuys auch unterstellen kann, überraschend in die Richtung eines Realismus mit Weltnähe, in Richtung einer Wirklichkeitsfreundlichkeit, die ich ehrlicher und genauer finde als bloß behauptete Menschenfreundlichkeit. Seine Arrangements sind insofern auch Stoff gewordene Realpolitiken der mittleren Zonen. Die Kanzlerin Angela Merkel könnte eine Plastik von Beuys sein. Kernseife und Jeder-Menschin. Ihr Charisma ist substanzieller, innerlicher.

Gewinnungen also, gewonnene Stoffe, gewonnenes Metall, gewonnener Honig, Fett und Wolle – gewonnene, geronnene Welt. Und genau das, diese Gewinnung eben als ganz unironische Realpolitik von Wirklichkeitsermittlung verleiht ihnen ein inneres Charisma, das sich nicht aufdrängt oder laut verausgabt. Weil es eben da ist und nicht produziert oder simuliert werden muss. Es ist substanzieller, weil es stoffliche Substanz hat und damit mehr Kraft, mehr Physik. So erreicht Beuys auch mich in meiner Gegenwart. Deshalb erscheint er mir so monumental gegenwärtig. Deshalb haben seine Werke eben nichts mit chicer Verwirrungs- oder Irritations-Attitüde zu tun, nichts mit Schmutz-Design und noch viel weniger mit Provokation. Und überhaupt nichts mit neuniedlich behaupteter Profanität. Oder dem, was man gerne „Reduktionen“ nennt. Und schon gar nichts mit Kritik am Zeitgeist. Dieses Werk zeigt womöglich einen sehr puren Realismus, ja auch einen Technologismus und eine Vernünftigkeit, dass selbst der Künstler, also Beuys selbst, das nie so ganz wahrhaben mochte oder ausgehalten hat. Weshalb er eben selbst schamanistische oder para-religiöse Überschmückungen vornahm, die dieses schöne Werk aber gar nicht braucht. Aber das wäre nur eine Spekulation, dass Künstler den eigentliche Charakter ihres Werkes bewusst oder unbewusst auch verschleiern.

Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinaus weist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.

Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem „zurecht geschossenen“ Schädel. Nein, er war nicht gelassen.

Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.

Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:

„Der Schneemann.“

Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.

Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.

Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Achsomenschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich. Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.

Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.

Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist.

Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich für Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.

Warum sollte das weniger warm sein?

Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen“ lassen?

Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zu recht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Seht die Risse, macht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.

Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:

„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“

Oben am Himmel ein leises Flugzeug.

Was war mit Albert Einstein los?

Neulich bin ich erschrocken.

Den Mann muss man nicht mehr erklären.
Kennt man, den Mann. Und jeder weiß ungefähr, was mit dem lustigen
Strubbelhaar – und Strickjackenprofessor in Verbindung zu bringen ist.
Das habe ich auch gedacht – bis ich herausfand, dass
Albert Einstein vor allem eins war. Er war……

…und das in einem – sozusagen – extremen Sinne.

Atombombe

Einstein: „Mein größter Fehler.“

Seine Leistung, die eigentliche Leistung bezeugte sich weniger darin, dass er Raum, Zeit, Masse, Energie in ein Verhältnis gesetzt hat; diese Entdeckungen sind beinahe pille palle gegenüber der eigentlichen Grundbewegung – nein, sind sie nicht – aber mindestens ebenso – äh, nein, doch, ich sage jetzt einfach: noch viel erschreckender ist die bewusstseins-seitige Grundbewegung, die zu diesen Entdeckungen geführt hat.
Der eigentliche Punkt, und das wirklich Haarsträubende an der Vorgehensweise Albert Einsteins war eine Grundbewegung von Bewusstsein.

Das habe ICH bisher nicht gewusst.
Das war MIR gar nicht so klar – bisher.

MAN hat das bisher immer ein wenig versachlicht,
in dem MAN von Beobachter-Verhältnissen gesprochen hat
Der Beobachter und sein Standpunkt.

Ein Beobachter in einer beschleunigten Rakete…

MAN stelle sich einen Beobachter auf einem Lichtrahl reitend..usw

Zu den ersten Überlegungen Einsteins – noch von Ernst Mach inspiriert,
gehörte ja, dass ein Mensch in einer beschleunigten Kiste die
selbe Schwerkraft erfahren könne, wie wenn er still auf der
Erde stünde.

…oder viel mehr auch: dass er sich ebenso in einer fallenden
Kiste als schwerelos empfände. Wenn sie verschlossen ist,
weiß er nicht, ob er im Weltraum schwerelos oder hier in
einer Kiste fällt, schwebt oder steht. Das war tatsächlich Einsteins
originärer Funke –

Das nimmt man heute so hin und denkt sich – naja, coole Überlegung, klar.
Aber mir war neulich klargeworden, dass diese Überlegung, und damals,
eigentlich überhaupt nicht klar war, und sie war –
und als ich dann länger darüber nachgedacht hatte – wurde mir immer klarer:

Sie war auf wundersame Weise asozial.

Wer so etwas denkt oder denken konnte, muss ein asozialer
Typ gewesen sein.

Weil eine solche Überlegung, das ICH relativiert.

Eine asoziale Überlegung.

Denn dass „ICH“ in der Welt ist normalerweise etwas,
dass eine Meinung verteidigt, eine Haltung, einen: Standpunkt.

Seine ontologische Gravität. Sein Gewicht. Seine Nichttauschbarkeit.

SEIN Wissen. SEIN Können. SEIN Machen. SEIN Tun.

Heute würde man wieder sagen: SEIN Mensch. SEIN Subjekt. SEIN Schicksal.

Dieses ICH hat einen Ort und der ist nicht tauschbar.

Und manchmal behängt sich dieses Ich noch
zusätzlich mit schweren ICH – Mänteln und ICH -Blei-Gewichten
aus Überzeugungen, „Erfahrungen“, und das Unschönste
eines solchen schwer behängten ICHs ist dann: Die Haltung.

Das ICH ist grundsätzlich etwas, dass verteidigt gehört
gegenüber….

….gegenüber was?

Gegen die Tauschbarkeit seines Standpunkts.

Nichts ist ja bedrohlicher, kaum etwas ekliger als ein
Hinweis, der sagt: DU und dein Standpunkt bist tauschbar.

Nicht Unhöflichkeit, nicht Ignoranz, nicht Gleichgütltigkeit ist asozial.

Wenn jemand sagt: „Alles schön und gut, aber ich kann deine Kiste sehen.
Deine ICH-Kiste, in der DU so wunderbar zu Hause bist. DU denkst DU
bist SCHWER, dabei bist du nur fremdbeschleunigt.“

Fahrstuhl

Fahrstuhl

Ich…

Einstein nimmt dieses Ich und sagt,
DU kannst deinen Standpunkt haben, aber er ist in jedem Fall
– eine Kiste, ein Fahrstuhl, oder ein Fall….

Dein Standpunkt ist beweglich, tauschbar.

So etwas zu denken, ist asozial.

Wenn DU DICH wichtig, schwer und massiv fühlst, dann könnte es sein, dass DU nur
ein ganz feines Häärchen bist, das in einer sehr schnell beschleunigten
Kiste liegt, die nicht mal DIR gehört, von der DU noch nicht mal etwas weißt.

Und wenn ICH gerade so schön schwebe, dann könnte es sein,
dass ICH einfach nur falle.

Ach Albert, ich bewundere Dich für deine Theorie, aber ich liebe
Dich für diese gigantische Asozialität.

Asozial ist nicht, wer die Anderen durch Andersheit in Frage stellt.
Asozial ist, wer das ICH in Frage stellt. Seinen Standpunkt grundsätzlich relativiert.

Dem ICH seine ICH-KISTE aufzeigen, das ist asozial.

Nicht Feindschaft ist asozial, sondern die Relativierung von Standpunkten,
und zwar von allen Standpunkten.

Wer sich gegeneinander Feind ist, kommt bestens miteinander klar.
Feindschaft ist sozial. Streiten ist sozial. Widerspruch ist sozial.
Selbst der Krieg – in gewisser Weise – leider leider – gehört zur Sozialität.

Etwas das noch nie ausreichend gewürdigt wurde.
Dieser Albert Einstein könnte heute oder hätte damals auch
gelesen werden können – als ein Gesellschafts-Utopist.

Manche ekligen Iche, die heute so schwerstbeinig sozial in der Gegend herumstapfen,
Stark-verhaftete ICH-Gebisse in den ICH-Gesichtern und ICH-Mänteln
in den schweren ICH-Möbeln…

…na was denn?

…sitzen vielleicht nur in einer fremd beschleunigten Kiste?

Und die Schwebenden, die Leichten, die Tanzenden? – fallen sie?

Jut, jut, ist unappetitlich, solche Fragen letztgültig zu übertragen
oder zu beantworten.

Aber schön wäre, eine Gruppe, ein Häuflein, ein Gesellschaftchen
gelegentlich mit einem Klima dieser Frage zu versehen.
Jede einzelne Psyche gehört mit einem Deo dieser Frage besprüht.
Das Deo Albert

Einsteinisch desodorierte Psychen, weniger schwere ICH – Gerüche.

Manche ICH-Psychen riechen einfach zu streng unter ihren ICH – Achseln.

Das Irre, das wirklich Verückte, zeigt sich darin, dass es eine
Bewusstseins-Bewegung war, die diese Welt damals in ein energetisch heißes
und physisch und kosmologisch neu aufblitzendes Zeitalter überführt hat.

Einsteins Ideenleistung war vielmehr eine Kongenialität als eine Genialität.

Der Beginn dieser neuen physischen Epoche war eine Hinterfragung
von Beobachterstandpunkten.

Genau das hätte eigentlich eine riesige Chance sein können.

Eine Epoche der bewegten Bezugssysteme.

Aber es wurde die Epoche der irritierten Systeme
(Heiner Müller, Hamletmaschine, Der Auftrag: Mann im Fahrstuhl)

Leider später bald: Ein paar Millionen Grad Celsius im Kern dieses Ereignisses.

Aus Kisten wurden Särge.

Nein, Albert Einstein, Du bist nicht Schuld an der Atombombe.
Schuld sind die, die es nicht aushalten, einfach nur zu sein.

Schuld sind die, die unbedingt ICH sein müssen.

Die schweren Kerne des ICH, die schweren ICH – Uran – Kerne.

Sind sie instabil? Wie schnell zu spalten? Wie süchtig nach Spaltung? Nach Strahlung?

Die schweren ICH-Kerne sind künstliche Isotope. Sie müssen in jedem Fall angereichert
werden. Künstlich. Sie kommen in der Natur nicht vor. Schwere ICH-Kisten.

Aber auch das ist so nicht wahr. Es wäre zu einfach….

Man hat das nicht verstanden damals und es war nicht auszuhalten,
bis heute nicht. Das ICH darf nicht relativiert werden.

Zu Not wird es bis aufs Blut verteidigt.

Und ja: Das ICH darf nicht verdampfen.

Ein soziales Ich, muss ganz unrelativ ICH sagen dürfen,
damit ein DU überhaupt möglich wird.

Denn wo kein ICH, da kein DU.

Trotzdem. Die allzu schweren ICHe, wie sind die?
All diese ICHs und DUs, die vor lauter ICH und DU kaum laufen
können. Sie sind nicht immer sympathisch, weil man
ihre Kisten sehen kann. Ihre ICH-Kisten.
Immer wenn ich eine ICH-Kiste sehe…dann…

…ist es langweilig

Nee nee, da falle ich lieber und schwebe ein bisschen.
Ist aber auch eine Kiste. Oder: Kann eine Kiste
werden. Man muss in jedem Fall aufpassen.

Unsympathisch ist, wenn Leute ihre Kisten
an den Mann oder die Frau bringen und das für
„authentisch“ halten.

Es wäre vielleicht besser, wir würden alle nur noch SIE und ER
zu uns sagen.

ER habe Hunger. Er habe Durst. Er liebe Sie.
Sie reibe sich mit der Lotion ein.

Ja, sorry, aber so ganz ohne Asozialität geht es nicht,
wenn man wirklich mal etwas wuppen will.
Da muss man auch mal eine asoziale Schiene fahren.

Albert verzeih, du warst ein guter bis sehr guter Physiker, ein eher
mäßiger bis fauler Mathematiker, ein mäßiger Geigespieler.

Nur zu einem Großen darf man so etwas sagen.

Denn du warst ein umso gigantischerer Naturwissenschaftler.

Du unglaublich asoziale dumme schlaue soziale coole Sau.

Du kannst die Zunge jetzt wieder reinstecken.

Das umklappbare Bewusstsein.

Es könnten bald Zeiten anstehen,
in denen es als phantasielos gilt, eine Idee
zu haben, und in denen das Vermeiden von
Ideen eine Qualifizierung darstellt.

Herrmann von H. Genius der Einfallslosigkeit

Ein kommendes Zeitalter, in dem man sich der Kreativität, der Ideen und der Phantasie nur noch erleichtert erinnert, wie an ein abgelegtes Laster. Der so genannte Kreative oder überhaupt: die alte Kreativität wäre, sofern man noch von ihr belästigt wird – dann nur noch prollig. Wer in diesem Zeitalter noch mit Projekten durch die Gegend läuft, ist einer von Gestern.

Die Kraft der negativen Effizienz

So wäre bald auch ein Nobelpreis für das Nichtentdeckte zu erwarten.
Ein Ehrenpreis für das Verborgene.  Ein Literaturpreis für das Ungesagte.
Dem Genius des größten ausbleibenden Einfalls.

Patente für ungesagte Sätze, Fördergelder für nichterfundene Patente,
Lesungen ungeschriebener Bücher (Schweigungen.)

Diese alte  – hysterische Produktivität – wie war die?

Jahrhundertelang waren Menschen in Mitteleuropa Ideenhaber
und Produzenten, darauf trainiert – gegen – die natürliche Knappheit
und Verfalls-Tendenz aller Dinge stark anwirtschaften zu müssen.
Der Imperativ lautete immer: Tue etwas.

Das Produzieren und Erfinden hatte zur Plausibilisierung als Gegenstand
den natürlichen Verlust, das Abwesende.

Schaffe Anwesendes gegen das Abwesende.
Lass Dir was einfallen. Sei Kreator, denn
der Tod, der Verlust, der Fehler, ist mächtig.

Die Maschine, die den Ingenieur erfindet.

Wenn ein tüchtiger Ingenieur – damals –  eine Maschine konstruierte,
dann erzeugte er sich selbst zugleich mit als Handelnden,
der eine möglichst positive Energiebilanz – im Gerät –  anstrebte.

Die beste Funktion.

Aber die Maschine erzeugte immer auch den Ingenieur.

Dieser Ingenieur hatte versucht, eine Maschine zu bauen,
die möglichst wenig thermische oder informelle „Verluste“ streute.

Er wollte: Dichtigkeit. Positive Effizienz.

Er wollte: Einen Arbeitskreislauf erfinden, entwickeln, bauen, verbessern,
der möglichst viel von der hinein-investierten Energie in möglichst hohen
erwünschten und nutzbaren Effekt/Arbeit umwandelte (Hoher Wirkungsgrad.)

Ein Naturgesetz sagte ihm, dass ein perfekter, optimaler,
Wirkungsgrad 1 nie erreicht werden kann. (Kein perpetuum mobile.)

Und der vorbildliche Ingenieur kannte dieses Naturbeschränkung auch,
aber das trübte seinen Ehrgeiz nicht. Im Gegenteil, er wurde davon
angestachelt, seine Konstruktion noch besser, noch dichter zu verfügen,
denn er wusste, dass er sich diesem Wirkungsgrad unendlich dicht
annähern konnte, obwohl er ihn nie zu 100 Prozent erreichen würde.

Auch wenn er noch so perfekt konstruierte –
ein winziger Verlust blieb – ihm –  immer.

So zeigte sich ein Movens der Evolution erkenntlich.
Der kleine Verlust, der nie und nimmer einzuholende
kleine thermische Fehler –

– dieser Fehler, dieser nicht einzuholende Verlust bewegte den Ingenieur dazu
Ingenieur zu sein – und immer noch eine bessere Idee der Abdichtung zu haben.

Der kleine thermische Fehler – war die Maschine, die den Ingenieur erzeugte.

So gesehen war der Ingenieur, auch der Unternehmer,
eigentlich kein autonom Handelnder, er war logische Folge
eines thermischen Verlustes, einer undichten Stelle.

Der Ingenieur war selbst ein Produkt der Thermik.

Der Verlust, der kleine, die undichte Stelle,
der nächste Fehler – wärmte den Ingenieur, beleuchtete ihn
und ließ ihn beruflich wachsen..in die nächste, bessere Konstruktion.

Der Verlust – erfand den Erfinder.

Das Abwesende zeugte das Anwesende.

Das Gerät schenkte Verluste. Der Konstrukteur bot „Dichtungen“,
und positive Effizienz. Die nächst bessere Funktion. Ein Tausch.

Rudolf C. Vater des Verlustes

Der Verlust war die Mutter des Ingenieurs.

Der Fehler war der Vater des Mathematikers.

Die Fehlstellen waren die Eltern von Ideen.

Ohne Verluste, ohne Fehler, keine Mathematik.

Hier, an dieser Stelle, könnte bald einmal
das ökonomische, das gesellschaftliche Bewusstsein umklappen.

Wenn die Produktivität einer Informationsgesellschaft eine gewisse Schwelle
erreicht, dann kippt etwas, dann macht die alte Plausibilisierung:
Produziere und konstruiere das Anwesende
gegen den Verlust an. – keinen Sinn mehr.

Weil die Abschüssigkeit der verlusthaften Thermik nunmehr
nach der Seite der Produktivität gekippt ist.

Die Entropie streut jetzt nicht mehr Wärme. Sie streut Dinge, Produkte,
Teile, Varianten, Diversifikationen.

Die Ökonomie wird jetzt selbst zu einer undichten Maschine,
die sich immer mehr unerwünscht öffnet. Und ihr Ausstoß wird
jetzt plötzlich zu einer Belastung wie bei einem undichten
Motor in früheren Zeiten.

Die Produktivität selbst ist dann der Verlust.

Undicht ist jetzt immer weniger die einzelne Maschine.
Undicht wird die Ökonomie als solche. Die Produktion,
die Wärmestreuung in unendliche Diversifikationen,
in Klein und Kleinstdifferenzen, Phantsamen, Farb-
kombinationen und Individualabspaltungen in Teilen und Teilesteilen –

Plötzlich ist „die Produktivität“ der Verlust. Ab jetzt gehört „Kreativität“
zu den Verlusten, die zu vermeiden sind.

Jede neue Idee wäre eine Belästigung.

Die vielen Ideen und Verbesserungen werden zum Fehlerbösen,
zum Krebs einer Ökonomie, die in Produktivität hinein wuchert,
sich hinein streut: Die Sinnerzeugung ohne Zeugen. Die Effizienz
ohne natürliche Verlust – Plausibilität.

Ideen, Bücher, Projekte, Konzepte werden zunehmend mechanisch
abgesondert. Die Ökonomie kann – ihr Wasser nicht mehr halten.

Sie wird selbst – undicht.

Schließlich wird sogar die Fortpflanzung der Produzenten selbst
fragwürdig.

Weil „Die Pille“ – oder „Die Verhütung“ nun die Funktion einer „weichen Bombe“ der Menschenvermeidung als informationelle Bombe übernimmt.

Evolution der Anwesenheit: Ein besonders bewegliches Stativ.

Wenn das einmal angekommen ist, dann wäre es möglich,
dass eine Politik, eine Gesellschaft, eine Ökonomie mit Abwesenheiten
ebenso produktiv und konstruktiv umgeht, umgehen muss,
wie mit Anwesenheiten.

Abwesenheit würde plötzlich wertvoll.

Die Kunst, die Herausforderung, bestünde,
dann nicht mehr darin, etwas zu produzieren,
eine Idee zu haben oder ein Buch zu schreiben,
sondern genau umgekehrt:

Man müsste jetzt damit beginnen,
Ingenieure des Nichtstuns auszubilden,
Professoren der Unterlassung,
Spezialisten der Einfallslosigkeit,
Erfinder von klassischen Verlusten…

Universitäten für Irrtümer.

Kurz gesagt: Die Gesellschaft müsste ein produktives
Bewusstsein für „negative Effizienzen“
entwickeln.

Man erkennt  hier, dass die Realität selbst immer und überall
ontologisch „undicht“ ist.

Das thermische  und informationelle Undicht-Sein der Realität
treibt jede Entwicklung voran – in die nächste Funktion/Expansion.

Bis jetzt funktioniert unsere Realitätsmaschine als eine
klassische Maschine, die Fehler gegen Funktionen, Abwesendes
gegen Anwesendes eintauscht.

Da das  klassische Bewusstsein
aber nur mit Anwesenheiten rechnet,
kennt es nur die „positive“ Effizienz.
Die „positive“ Maschine der Anwesenheit.

Weil das eine einseitige Ökonomie ist, häufen sich in ihrem Rücken,
die nicht-bewirtschafteten Fehler an: Umwelt, Kreditblasen, Überproduktion.

Sie selbst aber kennt bis jetzt nur das „Fehlerböse“ – dass der Effizienz
entgegensteht.

Unser Bewusstsein ist  heute noch nicht in der Lage, mit
„Abwesenheiten“  rational  zu rechnen – und sie als
Produktivkraft zu entwickeln, zu pflegen und zu gestalten.

Ein umklappendes Bewusstsein müsste realisieren, dass ab
einer bestimmten Schwelle von Produktivität jedem Tisch,
jedem Ding, jeder Glühlampe – ein Nicht-Tisch, ein Nicht-Ding,
eine Nicht-Glühlampe gegenübersteht.

Ein umklappendes Bewusstsein könnte irgendwann damit beginnen,
dem Nichtvorhandenen, dem Abwesenden, genau so viel Produktion
zu schenken wie dem Anwesenden.

Der Nicht-Tisch würde plötzlich wertvoller
und schwieriger zu realisieren als der Tisch.

Das umklappende Bewusstsein sollte wissen,
dass auch eine Unterlassung, ein Nichthandeln
genau so produktiv ist – also realitätserzeugend, wie
ein „positiv effizientes“ Machen und Tun und Herstellen
und Konstruieren.

Denn ab einer bestimmten Schwelle ist jedes Produzieren simpel,
ontologisch brutal.

Etwas zu produzieren und zu konstruieren kann dann so brutal
und einfallslos sein, wie heute etwas zu zerstören oder kaputt zu machen
oder zu töten.

Es könnte sogar sein, dass ab einer bestimmten Schwelle
der Produktivität den 10 Geboten noch ein 11 hinzugefügt
werden müsste:

Du sollst nicht produzieren.

Und zwar in dem Moment, wenn das Abwesende ontologisch
in der Minderheit ist.

Weil es aber heute für Abwesenheiten nur eine Sprache
und ein Zeichensystem gibt, dass  Abwesenheit sofort
in den Zeichenhaushalt einer Positivität einspiegelt:

„Es ist kein Tisch da.“ – so ist das Bewusstsein selten in
der Lage, sich bewusst produktiv zur Abwesenheit zur verhalten.

Es könnte ja auch anders reagieren – so als Techniker der Abwesenheit:

„Da ist kein Tisch. Warum nur ein Tisch? Wäre es nicht besser,
es würden alle Tische da nicht sein.

DA – ist kein Tisch!

Die Produktion von „positiven Effizienzen“ eskaliert heute
oft noch in die Brutalität des Anwesenheits-Schwachsinns,
weil ihr keine Entsprechung in Produktivität von
„negativen Effizienzen“ gegenüber – gedacht wird.

Der Tisch, der nicht DA ist.

Gäbe es ein ausgeglichenes bewusstseins-seitiges
Verhältnis zur Abwesenheit, könnte sich eine Ökonomie
zumindest teilweise von einem permanenten krebsartigen
Wachstums-Stress emanzipieren, die all ihre „positive“ Effizienz-
produktion irgendwann auf das brutal „Fehlerböse“ eines
Totalzusammenbruchs einer Hyperkrise abläd.

Eine Ökonomie, die bewusst immer kleine Minikrisen produziert,
wäre dann gegen die große sich als Potential anstauende Hyperkrise
abgesichert.

Früher waren Kriege für negative Produktivitäten verantwortlich.
Und heute ist es die Pille als weiche Bombe, welche die Wachstumsraten
in den Industrienationen an den „Entscheider“ oder die „Entscheiderin“
deligiert. Dies aber blind. (Die Pille und die Verhütung sind  als informationeller „Tausch – Effekt“, als Gegenwendung gegen den Produzenten, noch nicht verstanden.)

Eine Gesellschaft, die keinen Krieg mehr will, und auch den weichen Krieg der Menschenvermeidung nicht mehr blind führen will, braucht eine andere
Form von bewusster – negativer Effizienz.

Die Gesellschaft, eine Ökonomie, braucht
in Zukunft mehr Ingenieure des positiv Undichten.

Denkbar wären in Zukunft „negative“ Maschinen zur
geregelten Produktion von Verlusten. Realitätsmaschinen
mit einer offenen Stelle, durch die wir entweichen können.

Gemeint wäre hier also nicht die Abschaffung des Kapitalismus,
die bloße Faulheit oder Lässigkeit, eher ein wissendes,
bewusstes und  produktives Verhältnis zur Abwesenheit, das
die Abwesenheit selbst kapitalisiert. Ein positives Verhältnis zur
negativen Effizienz, dem ein negatives
Verhältnis zur positiven Effizienz gleichberechtigt gegenübersteht.
Ein Unternehmertum dem ein Unterlassertum bewusst
gegenübergestellt wäre, um in der Ballance von positiver und negativer
Effizienz ein Klima der ontologischen Gelassenheit zu erzeugen.

Briefmarke ohne Erfinder

Briefmarke ohne Erfinder

Sex, Hunde, Katzen, kein Higgs-Teilchen.

Ich wette um 4242, 42 Euro, dass im CERN kein
Higgs-Teilchen gefunden wird. Und das
kann ganz ohne Formeln hergeleitet
werden.

Ja, die Überschrift ist bissel reisserisch.
Ich habe auch erst überlegt, ob ich den Sex weglasse
und stattdessen nur schreibe:
„Ich wette um 4242, 42 Euro.“
Aber dann dachte ich, seien wir doch mal realistisch,
Sex schlägt Geld, immer noch um Längen. Deshalb habe ich
mich dann auch für eine – zugegeben – sprachlich
etwas ungelenke Mischung entschieden. Die Hunde
und Katzen sind für die Tierfreunde, der Sex
ein Zugeständnis an alle, die gerne Texte lesen,
in denen es um Sex geht.

Dabei geht es hier gar nicht um Sex, oder nicht nur,
sondern um eine nachvollziehbare Überlegung zur
Forschung, genauer: Zur Quantenphysik. Noch genauer:

Es geht um die Antwort auf eine Jahrhundert-Frage, und um
die begründete Voraussage, dass im CERN
keine Wechselwirkungsteilchen für die Masse gefunden
werden.

Die Higgs-Theorie, die ein Higgs-Teilchen
voraussagt, ist falsch.

Der Grund: Die Quantentheorie ist objektiv falsch,
obwohl sie subjektiv – sozial – technologisch – richtig ist.

Wie ist das nun gemeint?

Die Begründung dafür ist eigentlich ganz einfach:

Seit ungefähr 500 Millionen Jahren hat die Evolution
die Angewohnheit, wenn sie bei höheren Tieren
Nervensysteme und Gehirne ausbildet, diese Gehirne
thermodynamisch/elektrodynamisch abzuschirmen.

Anders ausgedrückt: Ein Gehirn muss thermodynamisch/
elektrodynamisch „diskret“ – also unterschieden sein,
damit es sich – „gegen“ – das thermodynamische Fliessen
im Chaos da draussen behaupten kann. Diese Abschirmung
leistet bei allen höheren Tieren, so auch beim Menschen,
die Blut – Hirn-Schranke.

An dem Wort „diskret“ kann man schon erkennen,
wie sich der Bogen zur Quantenphysik spannt.

Denn die Hauptmarkierung der Quantenphysik ist
die „Diskretion“ – also die Erfahrung und Berechnung,
dass Energie nur in „diskreten“ auf deutsch: gehackten
Energie-Paketen – eben den Quanten – übergeben wird.

Zugleich rätselt aber seit etwa 100 Jahren
die Philosophie darüber – und Heisenberg hat sich
der Frage auch zugewandt – wie es denn sein könne,
das Energie, sprich: Wärme, sprich: Strahlung –
sich zugleich als Wellenfunktion und als Teilchenfunktion
beschreiben lasse – und wie es denn sein könne, dass
beide Funktionen zugleich vorlägen – solange – bis ein
Experimentator nachschaue – und hier also erst
mit seinem Nachschauen das Messergebnis festlege.

Berühmtes Beispiel: Schrödingers Katze.

Heisenberg brachte diese Sache auf den Punkt,
indem er feststellte: Seit der Quantenphysik befragt
der Mensch nicht mehr die Natur, sondern der Mensch
befragt die Art, wie er seine Frage an die Natur stellt.

Experimentator und Experiment sind unhintergehbar
miteinander verkoppelt.

Eine Merkwürdigkeit, die bis heute die Philosophen und
nicht wenige Physiker unter Ihnen immer wieder beschäftigt.

Bis dahin war die Wissenschaft immer davon ausgegangen,
dass der Experimentator objektiv ausserhalb des
Experiments stehe.

Und dieses Problem kann hier jetzt geklärt werden:

Die Blut-Hirn-Schranke diskretiert unser Bewusstsein.
Sie ist eine Barriere, die das molekulare, elektromagnetisch
kontinuierlich fließende Chaos sortiert, selektiert und in ein
thermodynamisches (und elektrodynamisches)
Fließgleichgewicht überführt.

Dieses Fließgleichgewicht ist das, was man Gehirn, und bei
uns auch  – Bewusstsein nennt.

Ein Fließgleichgewicht ist eine vorübergehend
stabilisierte Balance zwischen Binnenspannung
und Aussendrift.

Ein Fließgleichgewicht ist eine Diskretion, eine Stabilisierung
innerhalb der Entropie. Aber auch eine „Form“ innerhalb
des Chaos.

Ein Fließgleichgewicht ist ein Wirbel in einem Fluss.

Innerhalb des Wirbels entsteht der Eindruck von
Stabilität. (Der Eindruck von Zeitlosigkeit)

Innerhalb eines Fließgleichgewichts können Symmetrien
gerechnet, mathematisch erzeugt und halbwegs stabilisiert
werden.

(Symmetrien sind heute die Standartfunktionen der Quanten-Physik.)

Und innerhalb eines Fließgleichgewichts kann hin – und her
gerechnet werden.Vor und zurück.

Und schließlich: Innerhalb eines Fließgleichgewichts
kann – fälschlicherweise – angenommen werden,
dass Zeit relativ sei. Da sich innerhalb eines
Fließgleichgewichts ja vordergründig nicht viel verändert.

(Hier ist der thermodynamische Zeitpfeil gemeint,
nicht die Einsteinzeit, dazu weiter unten.)

Also der „Bewohner“ eines Wirbels kann nicht wissen,
dass sein Wirbel in einer Strömung in eine bestimmte
Richtung strömt. Unser cognitives – rechnendes
Bewusstsein kann deshalb vor und zurückrechnen,
und so tun, als gäbe es für Zahlen –  keine Zeit.

Unser Gehirn rechnet mit zeitlosen „kalten“ Zahlen,
was einen ontologischen Fehler mit erzeugt.
Denn Zahlen sind nicht kalt.

Da aber nun das Gehirn selbst nur in einem evolutionär
stabiliserten thermodynamischen Fließgleichgewicht
existieren kann – tut es was?

Antwort: Es reflektiert seine eigene Diskretion, seine eigene
thermodynamische Stabilität in „Gleichheitszeichen“ – in
Funktionen in Symmetrien – in Mathematik – in die
Wahrscheinlichkeits-Kalkulation – und schließlich
in Handeln, in experimentelle Technik, angewandte
Technik. Das sind – nach extern – reflektierte Stabilisierungen.

Es konstruiert – es reflektiert – da draussen – nach draussen
seine eigene Fließgleichgewichts-Symmetrie in die jeweils
neueste „Funktion“ , Technik, Gerätschaft – in ein neues
Gleichheits-Zeichen einer vorübergehend stabilisierten
Funktion, die – eine Weile – funktioniert.

Da es aber im ganzen Universum keine ganz geschlossenen
Ränder gibt, (2. Hauptsatz der Thermodynamik) hat jede
Symmetrie-Konstruktion einen natürlichen Fehler – einen Verlust,
einen Symmetrieverlust.

Ebenso wie auch ein Wirbel nicht wirklich geschlossen ist, sondern
sowohl offen als auch geschlossen.

Dieser Symmetrieverlust (Funktionsverlust) als natürlicher
Fehler, häuft sich jeweils solange an, bis „alte“ Fehler gegen
„neue“ Funktionen getauscht werden – im Wechselspiel
von Falsifikation nach Verifikation. ( Paradigmenwechsel,
Ptolemäus-Kopernikus – Newton, Einstein – Boltzmann, Maxwell – Planck etc….)

Jede Theorie ist irgendwann so fehlerbehaftet, dass
sie durch eine neue erweitert, ergänzt oder ersetzt werden muss.
Diese Entwicklung setzt sich ins Unendliche fort.

Vor ca 150 Jahren war das wissenschaftlich – technologische
Wechselspiel zwischen Verifikation und Falsifikation
bei der Beschreibung der „Energie“ angelangt.

Es konstruierte zunächst gedanklich
den „Schwarzen Körper“ als perfekt
symmetrische Reflektion von Symmetrie um die
Wärmeverteilung von Strahlung im Spektrum perfekt
symmetrisch zu beschreiben:

Zitat:

“Wenn ein Raum von Körpern gleicher Temperatur
umschlossen ist und durch diese Körper keine Strahlen
durchdringen können, so ist ein jedes Strahlenbündel
im Innern des Raumes seiner Qualität und Intensität
nach gerade so beschaffen, als ob es von einem voll-
kommen schwarzen Körper derselben Temperatur her-
käme, ist also unabhängig von der Beschaffenheit und
Gestalt der Körper und nur durch die Temperatur be-
dingt.“ Gustav Kirchhoff, 1860

Man glaubte und nahm an,
dass Wärmestrahlung und Wärme-Verteilung
kontinuierlich fließend sich gleichmäßig
von kalt nach heiß absolut gleichmäßig
verteilt abbilden ließe und sich auch so
verhielte.

Bereits diese Annahme war zugleich richtig und zugleich falsch,
(zugleich offen als auch geschlossen) weil ein solcher absolut perfekter schwarzer Körper idealisiert in Natura nicht existiert, oder er müsste total geschlossen sein,
Dann könnte man ihn aber nicht mehr bemessen.

So steckt also schon im theoretischen Gedanken
des Schwarzen Körpers das Mess-Problem, weil
jede Messung den Körper ja wieder öffnet, und er
dann nicht mehr perfekt schwarz ist.

Weil aber unser Gehirn selbst ein im Fließgleichgewicht
als wahrnehmendes und berechnendes,
die Welt über Funktionen stabilisierendes,
thermodynamisch/elektromagnetisches
Organ ist, kam es deshalb bei der
experimentellen (und mathematischen)
Überprüfung durch Max Planck zu einer
folgerichtigen Überraschung:

Die „Verteilung“ der Energie zeigte
sich nicht mehr symmetrisch und gleichmäßig
fließend, sondern bei kurzen Wellenlängen
gequantelt, gehackt.

Max Planck musste – selbst widerwillig –
das Wirkungsquantum (h) als rechnerische
Größe einführen, um die Abweichungen
der Verteilungskurve bei kurzen
Wellenlängen mathematisch zu versöhnen.

Widerwillig deshalb, weil Planck selbst ursprünglich
an Kontinuität glaubte, und ihm sein eigenes
Vorgehen und die Konsequenz überhaupt nicht
behagte.

Eine statische rechnerische Größe ist
aber selbst nur wieder eine reflektierte
Stabiliserung.

Eine Konstante ist – wie der Name schon sagt –
eine Konstante, also stabilisiert. So auch die
Konstante: h

Der experimentelle schwarze Körper
am Kaiser Wilhelm-Institut in Berlin war jedoch
auch kein perfekt geschlossener schwarzer Körper.

Er war nur sehr scharf auf eine „Beinahe-Geschlossenheit“
experimentell erpresst. (Ein Hohlraum mit einer winzigen Öffnung)
Auch dieser schwarze Körper war also bestenfalls pseudo-diskret.
Genau so – wie die warmen Zahlen und die gesamte Mathematik
in unserem Gehirn  pseudodiskret sind.
Denn auch eine Zahl, eine Funktion,
eine Gleichung, hat – im übertragenen Sinne – einen
permanenten Energie-Verlust.
Eine Zahl in unserem Kopf, eine mathematische Funktion, ist
bereits eine neuronal verteilt arbeitende „Form“ der Zeit, die
im Fließgleichgewicht des Gehirns ihre „Form“
als relativ stabil behaupten kann.
Eine Zahl wäre damit ebenfalls ein fast perfekter schwarzer Körper,
der aber nicht absolut geschlossen ist. Auch die neuronale
„Form Zahl“ hat bereits einen Symmetrieverlust.

Daran hat aber damals keiner gedacht.
Und daran hat bis heute keiner gedacht.

Max Planck tat dabei etwas, das bis heute
philosophisch nicht aufgearbeitet wurde. Er bediente
sich, um die Abweichungen im Strahlungsspektrum
mathematisch zu versöhnen, einer Formel von Ludwig Boltzmann,
die er rechnerisch umfomte.

Ludwig Boltzmanns Formel aber, welche die Wärmeverteilung
an Molekülen ca 30 Jahre früher für ideal geschlossene
Gasvolumina beschrieb, galt bis dahin eben für Moleküle, also
für diskrete und abzählbare relativ große Elemente, die
Boltzmann selbst zu seiner Zeit auch nur hypothetisch
annehmen konnte. Auch Boltzmann konnte seine Moleküle
zu seiner Zeit noch garnicht sehen.

Planck aber hatte es mit Strahlungs-Verteilung zu tun.

Jede Wahrscheinlichkeitsrechnung braucht, um Verteilungen
zu berechnen, diskrete Abzählbarkeiten (diskrete Ereignisse,
oder diskrete Dinge, Elemente, Ereignisse oder Häufigkeiten)

Hier sieht man also schon, dass bereits die Wahrscheinlichkeits-
rechnung „Diskretion“ vorraussetzt und schließlich auf diskrete
Zahlen und Ereignisse (zählbare, schätzbare Häufigkeiten)
projeziert, die sie einfach so als diskret geschlossen annimmt.

Wahrscheinlichkeit braucht Unterscheidung. Diskretion. – also Zeit.

Und die Primär-Diskretion (Unterscheidung) für unser Bewusstsein
leistet thermodynamisch/ elektrodynamisch die Blut- Hirn-Schranke.

Und die Pointe heißt: Die Blut-Hirn-Schranke selbst sortiert bereits
die ungeordnete molekulare, thermische, chaotische und
elektromagnetisch undifferenzierte Physis (Atmung, Ernährung, Ionen, Blut)
in ein geordnetes, sozusagen halbwegs berechenbares Millieu – der
ungefähren Gleichverteilung. Das Fließgleichgewicht in unserem Kopf.

Die Blut-Hirnschranke selbst sortiert und selektiert molekulare Verteilung
und elektromagnetische Verteilung.

Genau das aber beschreibt auch den historischen Übergang von
Ludwig Boltzmann (Moleküle) – nach Max Planck. (Strahlung)

Zwischen Boltzmann und Planck erkennt man eine
historische Blut-Hirn-Schranke im wissenschaftlichen
Diskretieren.

Während Boltzmann – im übertragenene Sinne für die warme Physis steht
(Blut, Moleküle, Körper)
steht Max Planck für die warme Strahlung (Gehirn, Elektromagnetismus, Ionen)

Und siehe da: Es passte. Plötzlich war auch das Strahlungs-Spektrum mit
diskreten abzählbaren Elementen (den Wirkungs-Quanten) so beschreibbar,
dass die experimentell gemessene Kurve der Verteilung „widerspruchsfrei“
abgebildet werden konnte.

Die Energie „funktionierte“ – wechselwirkte –
im wahrsten Sinne des Wortes mit der Mathematik in
unserem oder diesem Gehirn, welche ja ebenfalls letztlich
nichts anderes darstellt als eine energetische – probabilistische
(wahrscheinliche) – Bewegung.

Das Plancksche Wirkungsquantum ist also nichts anderes,
als eine konstruktive Resonanz zwischen zwei „Diskretionen“
(Pseudo-Diskretionen)

1. die energetischen „Diskretion“ unseres Gehirns durch die
Blut-Hirnschranke (bio-evolutionär), samt Zahlen, Symmetrien, Funktionen, Zeichen, Gedanken im Fließgleichgewicht.

2. der technischen Diskretion als reflektierte Diskretion (techno-evolutionär) Geräte, Experimente, Gleichungen, Labore, schwarze Körper.

Auch ein technisches Gerät ist ein Fließgleichgewicht.
Es muss als Funktion durch Strom/Energie in  Funktion – stabilisiert werden.

Das Funktionieren der Quantenphysik als Beschreibungsmodell
bis in die Techniken hinein, also bis heute, sagt damit etwas über das Funktionieren einer funktionalen Wechselwirkung
zwischen Mensch, Kognition, Bewusstsein ( brain inside) und der nur diskretiert
beobachtbaren und beschreibbaren energetischen Natur aus. (brain outside)

Deshalb sind funktionierende Techniken und Geräte bestenfalls
Bestätigungen und Perpetuierungen dieser Wechselwirkungen.
Sie sagen aber nichts über die Natur als solche aus.

Um hier gleich einem Missverständnis vorzubeugen:
Das ist kein solipsistischer Standpunkt.
Und nein, damit wird nicht behauptet,
es gäbe keine objektive Realität.

Vielmehr wird damit gesagt und zugleich bewiesen,
dass der Mensch selbst voll mit seinem Bewusstsein in
einer expansiven, also sich thermisch und informell
ausdehnenden Wechselwirkung als Teil einer
Wechselwirkung mit der Realität befindet.

Information und Energie unterliegen beide der Entropie,
also der Streuung. Und in dieser Streuung, das weiß man
seit Ilya Prigogine, können auch wieder neue Formen
entstehen. (Formen sind Diskretionen)

Ungefähr so wie ein Segler auch Teil der Thermik ist,
die ihn zugleich trägt, die er aber auch benutzt und dadurch
verändert. Ein Segler innerhalb einer Strömung verändert
auch die Strömung

Und die unhintergehbare nichtrelativierbare objektive Größe
dieser Bewegung ist die thermodynamische Entropie, mit anderen
Worten: Die absolute kosmologische Realzeit.
Mit noch anderen Worten: Die Expansion des Kosmos.

Diese Expansion hat einen Strömungsdruck der zu „Raumzeiten“
verwirbelt. Ergo Massen. Aber diese Zeit ist nicht relativ. Denn die Zeit ist die Entropie Strömung, die zu Massen (und Leben und  – statistisch dann – bei entsprechenden Bedingungen zu Einzellern, Mehrzellern und Gehirnen) verwirbelt. Weil Dissipation bei entsprechenden Bedingungen sich in
Diversifikation von Details fortsetzen kann.

Das widerspricht Einstein nicht. Es setzt nur den Schwerpunkt
anders, hier auf den Strömungsdruck der Entropie,
der zu Zeit-Räumen verwirbelt, die sich schließlich zu Massen
verdichten. (Energie-Dichten)

Mit wieder anderen Worten: Zeit = Form = Masse = Energie.

Massen sind „Formen“ – und als solche „Formen“ sind
Massen beschleunigt rotierende Wirbel der kosmischen
Expansion.

Die so genannte dunkle Energie ist
der Strömungsdruck der expansiven Entropie,
der Formen, Massen, Leben, und schließlich „Bewusstsein“
wirbelnd – rotierend – „formt“.

Die so genannte „dunkle Materie“ ist das informationelle
Potential, „ungeformte“ Masse, welche die sichtbare gewirbelte
Materie wie „Wasser“ einschließt.

Masse = Zeit. Gravitation ist der Strömungs-Sog – zwischen Zeit-Raum-Wirbeln (Massen)

Ein „Wechselwirkungteilchen“ der Masse kann deshalb am CERN nicht gefunden werden.

War das CERN deshalb umsonst?

Nein, weil auch eine Falsifikation, also ein Irrtum eine Information ist,
die Entwicklung vorrantreibt, in dem Falle eine neue Physik, eine
Physik ohne Blut-Hirnschranke, eine Physik die mit warmen Zahlen
rechnet, und nicht mehr mit kalten, zeitlosen.

Mensch und Technik wachsen synchron in Wechselwirkung von Funktion
nach Dysfunktion nach Funktion…..von Symmetriekonstruktion
nach Symmetrieverlust nach Symmetriekonstruktion aus der
Entropie hervor.

Und diese Feststellung ist objektiv. Eine objektive
Realität. Die unabhängig von einem Beobachter ist.

Die Quantentheorie ist eine subjektiv-soziale- „richtige“ Theorie
aber objektiv ist sie falsch.

Wechselwirkung braucht keine „Teilchen“
Wechselwirkungen sind Rotationen (Routinen)
Richtungstausch-Routinen zwischen Wirbeln,
die sich entweder anziehen (unterschiedliche Drehrichtung)
oder abstoßen (gleiche Dreh-Richtung)

Deshalb kann jede Wechselwirkung auch als Schwingung
(Sinus-Rotation) abgebildet werden.

Was also sind Quanten?

Ein kurzes Bild:

Wenn man einen Ton auf einer Mundharmonika bläst, dann
erhält man einen kontinuierlichen Ton.
Wenn man zusätzlich aber mit seinem Kehlkopf noch einen Ton dazu erzeugt,
dann fängt der Ton insgesamt an zu flattern. Weil der Kehlkopfton
den Ton der Mundharmonika konstruktiv auslöscht und „diskretiert“
Dieses Tonflattern schwingt nun zwischen den Stimmlippen des Kehlkopfs
und der Stimmlippe der Munharmonika hin und her.
Im übertragenen Sinne sind dieses Tonfllattern die Quanten.
Es kann nicht genau gesagt werden, ob der Kehlkopfton des Beobachters flattert (brain inside) oder der Ton der Stimmlippe der Mundharmonika (brain outside)
Beide Orte sind gleich wahrscheinlich und wechselwirkend schwingend miteinander gekoppelt. Eine konstruktive Resonanz, die sich ergibt, weil
unser eigenes Bewusstsein historisch über permanente trial and error – Prozesse –
über die weitere Feinausbildung der experimentellen Fähigkeit irgendwann
die „Resonanz-Auflösung“ seiner eigenen thermodynamischen „Diskretion“ durch die Blut-Hirnschranke auf seine energetische Umwelt – diskret – konstruktiv – überträgt.

Was genau der hier postulierte Strömungsdruck ist und warum er exsistiert, wird
die Zukunft beantworten. Ich vermute, dass der Urknall ein erster Symetriebruch zwischen Energie und Information war, also nichts anderes als die Erfindung der „Eins“ – die nur in Wechselwirkung zur „Nicht-Eins“ exisiteren kann.

Ich wette 4242,42 Euro, dass im CERN kein Higgs-Teilchen diskretiert wird.

Weil Masse = Form = Zeit – ist.

Der Mensch, sein Gehirn, seine Technik ist lediglich selbst ein mit der
Energie gleich-gültiger kosmologischer Verteiler von
gleich-gültigen Ereignissen. (Diskretionen.)

Der freie Wille ist sowohl wahr als auch scheinlich.

Ein Lebewesen mit Bewusstsein ist selbst nur  eine
wahrscheinliche statistisch verteilte Wahrscheinlichkeit.

Die Zeit-Verzögerungen bei den Libet-Experimenten der Hirn-Forschung, sagen
nichts weiteraus, als dass die Hirnforscher selbst auch ein Gehirn haben. Die Zeitverzögerung zwischen Bereitschaftspotential und der Ausübung einer Handlung ist eine gekoppelte Irritation zwischen den Hirnforschen, der Technik und der Versuchs-Person.

Die Kopplung zwischen unserem Bewusstsein und der thermischen „Funktion“
als Technik, ist auch der Grund, warum Physiker sich regelmäßig darüber wundern, warum bestimmte Konstanten so fein abgestimmt sind, dass nur eine minimale Änderung hinter dem Komma den ganzen Bau, den ganzen Kosmos und damit den Menschen unmöglich machen würde. Mit anderen Worten:

Die Physiker haben immer mal wieder den Eindruck, dass die Katze genau da
die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken. Auch diese Frage wäre
damit nun geklärt.

Soviel zu Ockhams Rasiermesser.

Abschlussbericht Labor, Freitag der 13. November 2009

Achso, der Hund fehlt noch, der Pudel, des Pudels Kern – ein Wirbel hat kein Kern.

Nachtrag: Es ist sehr wichtig, dass die Wissenschaft in Zukunft das Resonanzverhältnis zwischen unserem internen Fließgleichgewicht (brain-inside) und dem kontinuierlichen DELTA-Feld der Entropie (Universum-brain-outside) darauf hin untersucht, ob es anthropo-harmonische Wahrnehmungs-Selektionen gibt, die auf einer ganz bestimmten Resonanz, also auf einem ganz bestimmten „harmonischen“ Verhältnis zur entropischen Energie des Universums hinweisen. Hier muss nach selektiven Harmonisierungen gefahndet werden (Fourier, Metrik, Lissayou, Musik-Wissenschaft) – ebenso wie nach einem harmoniserten Verhältnis zur Zahl PI.
Es ist höchstwahrscheinlich, dass die antrophotechnische Physik uns nur einen möglichen Ausschnitt des Universums zeigt, nämlich den, der „harmonisch“ oder „metrisch“ mit unserer evolutionären Routinen-Resonanz konstruktiv gekoppelt ist.

Meta-Thermik: Zeit als Form

Der Zusammenhang war mir noch nicht ganz klar.
Deshalb griff ich nach einem weißen Blatt Papier,
und knüllte es in meiner Hand zu einer Knüll-Kugel.

„Was habe ich getan?“ – frage ich Kaminskie.
„Habe ich dem Papier Zeit zugefügt?
Oder Energie ?

Kaminski sagt: „Beides. Du hast eine gewisse Arbeit
in das Papier gesteckt. Kraft mal Weg.“

„Ich habe es geformt.“

„Ja, du hast es geknüllt.“

„Geformt, darauf bestehe ich.“

„Na gut, geformt“

„Interessant daran ist aber, – sage ich zu Kaminski –
„das diese Knüllpapierkugel jetzt belastbarer ist
als ein Stück Papier, wenn es ungeknüllt bliebe.
Ich kann mit dem Knüllball jetzt Fussball spielen,
Es verändert ihn nicht großartig.
Er ist sogar elastisch jetzt, flexibel, stabil.

(Ich werfe ihm die Kugel zu.)

„Worauf willst Du hinaus.“ – fragt er .

„Ich frage mich“ – sage ich zu Kaminski -„ob es einen ganz
direkten Zusammenhang gibt zwischen Form und Zeit –
oder vielmehr: Information – und Zeit. Ich frage mich,
ob in dieser Papierkugel Zeit gespeichert ist.
Und ich frage mich, ob ich die Zeit, die in der Papierkugel steckt,
wiederhaben kann.“

Kaminskie antwortet: „Also es ist so, du hast genau genommen
Energie als Arbeit in die Form der Kugel investiert. Du hast eine
Kraft mal Weg – Funktion investiert, um die Fläche des Papiers
auf eine Kugel zusammen zu knautschen.“

„Aber das Knüllen des Papiers hat auch Zeit in Anspruch genommen.
Warum steckt in der Formel für Arbeit: Kraft mal Weg – keine Zeit?“

„Ich kann dich beruhigen“ – sagt Kaminski – „wenn man den
Vorgang als Energieumsetzung betrachtet,
hast du die Zeit wieder drin.“

1 Joule = 1Newtonmeter = 1 Wattsekunde.

„Verstehe, in „1 Joule“ steckt also immer auch die Zeit
als Watt-Sekunde.“

„Ja, das Knüllen der Kugel hat eine gewisse Zeit in Anspruch genommen.
Aber diese Zeiteinheit ist ein beweglicher Faktor.
Denn du hättest das Blatt Papier ja schnell oder langsam falten können.
Auf die Form der Kugel hat das keinen Einfluss.“

„Moment, Kaminski, dass heißt aber dann, wenn ich die Kugel
ganz langsam und gemächlich gefaltet hätte, wäre genau so viel
Energie sprich Wärme umgesetzt worden, als wenn ich
sie blitzschnell zusammengeknautscht hätte?“

„Ja, prinzipiell, wenn du sie in beiden Fällen exakt gleich formst,
wenn man sie also als absolut form-identische Fälle von
Zusammenknüllung betrachtet, bleibt der Energieaufwand der selbe.“

„Was schätzt du?“

„Na ich schätze mal, du hast beim Knüllen ungefähr 50 Wattsekunden
umgesetzt oder 50 Joule oder etwa eine Arbeit von 50 Newtonmetern geleistet.“

„Gut Kaminski, aber du musst zugeben, dass ein Teil dieser Energie oder der
Zeitanteile jetzt irgendwie in dieser Form gespeichert ist.
Warum ist diese Knüllkugel um so vieles formstabiler als ein offenes Blatt Papier?
Habe ich dem Papier nicht, in dem ich es knüllte, eine Art Zeitvorrat gegeben?
Ein Zeitvorrat, der sich darin zeigt, dass diese Papierkugel nun
resistenter gegen weitere Veränderung durch Entropie ist.
Der Zusammenhang ist doch irgendwie offensichtlich….“

„Das musst du mir näher beschreiben, damit ich deine Frage besser verstehe.“

„Gut, also stell dir vor, dein Leben würde von ein paar Sekunden abhängen,
die den Unterschied ausmachen, ob ich eine fest geknüllte Papierkugel
in einen Ofen werfe oder ein loses Blatt Papier.
Welche Form würde schneller verbrennen?“

„Das Blatt Papier würde schneller verbrennen.
Bei der Knüll-Kugel würde es länger dauern.
Weil das offene Blatt Papier mehr Angriffsfläche
für die Hitze bereitstellt. Bei der Knüllkugel würde es
eindeutig länger dauern.“

„Richtig. Das heißt aber doch dann, dass mir die Form der geknüllten Kugel
jetzt sozusagen mehr Zeit schenkt. Sie schenkt mir möglicherweise ein
paar Joule wieder zurück, in Sekunden, aber jetzt nicht als Energie –
sondern als reine Zeit, die sie länger dem Feuer stand hält.
Und das, obwohl es ja nicht irgendwie „mehr“ Papier oder „mehr“ Materie ist.“

„Das stimmt“ – sagt Kaminskie – „aber nur immer im Verhältnis
zu diesem ungefalteten Papier.“

„Müsste man aber dann nicht“ – frage ich Kaminski –
„über einen Zeiterhaltungssatz“ nachdenken, der über
das Phänomen „Form“ vermittelt ist? Es stellt sich doch die Frage,
ob in diesem Sinne nicht vielleicht jede „Form“, also jede Materie
letztendlich nichts anderes ist – als thermodynamische ZEIT – FORM.
Ich habe nicht umsonst die Wärme des Ofens bemüht.

Anders ausgedrückt: Zeit und Form wären äquivalent.

Oder noch anders: Zeit = Form = Wärme = Materie= Gravitation.

Was ist mit diesen Sekunden, die es länger dauert,
bis eine geformte Knüllkugel verbrannt ist, im Gegensatz
zu einem losen Blatt Papier?

Oder noch anders: Materie wäre ein thermodynamisches
Fließgleichgewicht der Zeit.
Eine temporär stabilisierte Form der Zeit. Ein Wirbel in einem Fluss.
Eine Fluss-Faltung der Entropie.

Eine geknüllte Papierkugel wiegt zwar genau so viel, wie das lose Blatt,
aber dafür – „hat“ – sie mehr ZEIT. – im Feuer – in der Wärme.“

„Darüber muss ich nachdenken.“ – sagt Kaminskie.

Es ist ein Gedankenexperiment, dass eigentlich danach fragt,
was genau Form ist. Wie kann man den abstrakten Begriff „Form“
definieren unabhängig von einem Stoff, der die Form „hat“..
Also anders ausgedrückt: Was heißt: „Form haben“ ?
Denn „Form“ und das, was sie bezeichnet, hat ja keine Temperatur,
sie ist ein Akzidenzbegriff.
Deshalb die Idee der Untersuchung, was Formung bedeutet,
ohne dass ich dem Material etwas wegnehme oder hinzufüge – das Knüllen.
Die Spekulation überlegt hier, ob es nicht ganz grundsätzlich so sein könnte,
dass im Prinzip jeder „Stoff“ also jede „Materie“ lediglich „Form“ ist.
Ob „Form“ und „Stoff/Materie“ eigentlich das selbe sind.

Normalerweise nimmt man nach Einstein an, dass Zeit relativ zur Masse ist.
Aber es gäbe noch eine andere Betrachtungsweise.
Was, wenn die Thermodynamik kosmologisch so dominant ist, dass eine
Art Strömungsdruck der Entropie wirkt, weil alle Ränder offen sind.
Ein Strömungsdruck, der zu Massen verwirbelt. Und diese Massen wären dann
quasi Zeit-Wirbel, Zeit-Formungen?
Dann wäre die einzige echte Konstante des Universums die thermodynamische
Strömung von warm nach kalt. Als gerichteter Prozess.

Die „Form“ entspricht hier in diesem Fall offenbar einem
höheren Ordnungsgrad. Aber von was?
Thermodynamisch hieße das: Ich habe das Blatt Papier verdichtet,
oder innerlich beschleunigt wie ein Gas.
Die Knüllkugel müsste dann also – im übertragenen Sinne –
eine höhere „Temperatur“ haben. Oder eine Art „innere Beschleunigung“
Die relativ chaotischen Faltungen innerhalb der Kugel –
was bedeuten sie eigentlich?
Oder ist es umgekehrt: Hat die geknüllte Form innerlich
eine geringere Temperatur? Aber eigentlich habe ich nicht das Papier,
sondern lediglich seine Struktur verändert.
Seinen Raum-Bedarf. Oder seinen Raumanteil auf ungefähr
den einer Kugel verringert? Aber was das eigentlich bedeutet, ist mir nicht
ganz klar. Mir ist auch nicht klar, was die Prozessverzögerung Verbrennen
der Kugel thermodynamisch oder zeit-raum-dynamisch
eigentlich aussagt.
Witzigerweise ist das ja hier alles noch klassische Physik vor Einstein.
Allerdings ist das Szenario thermodynamisch gewählt, weil alle thermischen
Prozesse einem gerichteten Prozesspfeil von Warm nach Kalt unterliegen,
der auch als thermodynamischer Zeitpfeil bezeichnet wird.
Was hier interessant scheint, ist dieses seltsame Umtauschverhalten zwischen
investierter Arbeit, die eine Raum-Größe enthält (Weg) und eine
Zeitgröße in den Wattsekunden – dann aber wieder durch verlangsamten
Abbrand in einem Tauschverhältnis steht. Denn ich könnte ja selbst, in den
Sekunden, die die Papierkugel länger dem Fauer standhält,
auch einen Weg zurücklegen……Fluchtweg (Sorge?)
Oder ist vielleicht schon die Formung selbst Sorge –
nämlich Sorge um eine Form, Sorge um ein Blatt Papier…

Wenn Galaxien zusammenstoßen.

Nach kosmischem Maß offenbar ein alltäglicher Vorgang.
Zum Staunen sind die Größenverhältnisse: Unser Sonnensystem hat den Durchmesser einer DVD. Eine Galaxie wie hier zu sehen – auch unsere Milchstraße – ist dann so groß wie die Erde.

In dem Universum, das sich nachweisbar ausdehnt, scheint immerhin Begegnung möglich. Und sei es die Begegnung von Galaxien.
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Vielleicht eine Form von Karate oder Aikido.
Zwei Gegner prallen hier nicht aufeinander, eher versucht der eine
das Kraftfeld des anderen für sich zu vereinnahmen.

Die Frage stellt sich aber, was man als Alltagsbewältiger und Nichtastronom mit all diesem (zumeist) nutzlosen Wissen macht, das so gut aufbereitet überall herumlungert. Welche Einsichten mir diese Einblicke und Ansichten vermitteln sollen. Oder ob sie letztlich nur für eine postironische Witzelei taugen.

Mir fiel das Wort Wahrnehmungs-Gefüge ein.

Es finden sich dazu auch Simulationen

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Berechnet von wassergekühlten Supercomputern und aufgefüttert mit Beobachtungsdaten, Theorien, Modellen, Algorhythmen,
verdeutlicht man sich die Bewegungsabläufe.

So, wie nach Auskunft der Astrophysiker in ferner Zukunft auch unsere Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie zusammenstoßen wird.
Dies alles unter dem Vorbehalt: Nach dem Stand heutiger Erkenntnis.

Als Nichtexperte kann ich kaum einschätzen, wie grob oder genau, wie vorsichtig oder wie annähernd sich eine solche Simulation bemüht, ein über Jahrmillionen ablaufendes hypergigantisches Ereignis in die niedliche Bildschirmübersicht einer kurzen Filmsequenz zu sperren.
Aber als Realist und Techniknutzer denke ich, dass gewisse Simulationen heute mit einer hinreichenden Wirklichkeitsnähe auch an – zum Beispiel – Flugzeugkonstruktionen beteiligt sind, die hinterher tatsächlich in ihren realen Eigenschaften ein simulationsnahes Verhalten zeigen.
Warum also einer solchen Simulation von vorn herein misstrauen.

*

Ich sehe zwei spiralförmige Gebilde, die um sich selbst rotierend gleichzeitig aufeinander zu treiben.
Ich sehe auch, das der schwarze Raum um die Galaxien herum relativistisch eingerechnet wurde, oder zumindest, und das ist merkwürdig – „spüre“ ich es beim Anschauen. Der Raum selbst ist, nach den Verhältnissen der Relativität von Massen beeinflusst, gekrümmt, gezerrt etc….

So habe ich beim Anschauen der Simulation das Gefühl, als würden die beiden Spiralgalaxien in einem schwarzen viskosen Honig sich bewegen.
Aber der leere Raum ist keine Substanz, kein schwarzer Honig. Oder ist er vielleicht doch so etwas ähnliches? Eine Dynamik?
Ich sehe eben nur, dass die beiden Spiral-Galaxien, in ihrer Bewegung zu einander hin so ein „Wahrnehmungs-Gefüge“ von einem Verschmiertwerden in einem viskosen, zähfließenden Material vermitteln.

Was mich weiter an der Bewegung interessiert, ist die Wirbelstruktur.

Die Simulation zeigt mir, dass die beiden Spiralgalaxien nicht etwa beim ersten Aufeinandertreffen einfach so miteinander kollidieren und dann miteinander verschmelzen, sondern sie begegnen sich beim ersten Mal in einer Art Streifschuss, der sie beide schon stark verformt. Aber sie treiben noch einmal aneinander vorbei, wobei sie offenbar einen Teil ihrer Bewegungsenergie abgeben.
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Erst dann, nachdem sie noch einmal aneinander vorbei gedriftet sind, geraten sie in eine Rückholbewegung, die sie endlich ein zweites Mal aufeinander zu treiben lässt – in die endgültige Kollision und den Beginn einer Verschmelzung.

Der Vorgang hat eine gewisse Grazie, obwohl er real über riesige Zeiträume gedehnt und im einzelnen katastrophisch chaotisch ablaufen dürfte.
Im einzelnen bleibt außer Betracht, was dabei mit den einzelnen Sternen und Bahnen, den kleinen Umrundungs-Uhrwerken in den beteiligten Galaxien-Armen geschieht.

Aber der Simulationsfilm liefert mir das Bild für eine elementare Überlegung, die sich mir, wenn ich sie sprachlich aufgreife, mit einem kleinen Erkenntniswert anbietet.
Ich sage mir:

Hier sind sich also zwei Weltorte begegnet – und schließlich miteinander verschmolzen.

Wenn sich zwei Weltorte in Vereinigung begegnen sollen, dann prallen sie nicht einfach so platt aufeinander und kleben dann zusammen.
Nein, sie flirten vorher, sie drehen sich in ihre Begegnung hinein, öffnen ihre spiralige Form, verformen sich, ihre Arme, und kommen so – sich ziehend – ineinander verwindend – trotzdem jede für sich weiter rotierend – auf einander zu…

„Halb zog er sie, halb sank sie hin“ – fällt mir dazu ein,
und finde es beinahe in dieser Riesensimulation bestätigt.

Die Galaxien-Welten aber lassen sich Zeit. Sie lassen sich nach dem „Streifstoß“ noch einmal ganz aneinander vorbei treiben, als würden sie sich verfehlen, um erst in einer zweiten Rückholbewegung sich ineinander eindrehend, zusammen zu wirbeln

Ein Tanz, denke ich mir, und finde es noch plausibler, diesen Bildern wenigstens eine gewisse Realitätsnähe zu unterstellen.

Die Simulation zeigt, dass auch nach der zweiten Rückholbewegung,
es nicht bei einem einfachen Verschmelzen oder Zusammenkleben bleibt.

Vielmehr begegnen sich die beiden Galaxien in einem weiteren permanenten Ineinanderschwingen, ihren gemeinsamen Schwerpunkt suchend, findend, und noch einmal verlierend und wieder findend zu ihrer irgendwann neueren – größeren – Formation. Die sich aber ebenfalls immer weiter drehen wird. Nach Angaben der Astronomen verschmelzen dabei auch jeweils die inneren supermassiven Schwarzen Löcher zu noch größeren Monstern.

Was sagt mir das? Was soll ich damit?

Ich sage mir, dass immer dort, wo etwas aufeinander trifft, es eigentlich immer Welten sind, Galaxien – oder zumindest Wirbel – die hier aufeinandertreffen.

Mensch trifft Mensch – in der Kommunikation (Gespräch, Kampf, Liebe., Handel…)

aber auch:

Epoche trifft auf Epoche,

Kultur trifft auf Kultur.

Weltzeit-Raum trifft Weltzeit-Raum.

Text auf Leser u.s.w.

Die Galaxien-Begegnung regt mich zu dem Gedanken an, ob es möglich ist, über die Reflexion von Naturabläufen, wie sie sich in solchen Simulationen zeigen, ein besseres Verhältnis zu Bewegungsmomenten zu erlangen, seien sie nun privater oder gesellschaftlicher Art.

Entwicklungsmomente in der Zeit und dem Raum. Formationsmomente.
Auch psychische.
Auch politische.
Auch gesellschaftliche.
Auch historische.

Bewegungsmomente. Wahrnehmungs-Gefüge.

Die bildgebenden Verfahren der Wissenschaft zeigen mir Prozesse und Formationen, die alle nicht geradlinig ablaufen, Bewegungsmomente, die in ihrer Eingedrehtheit, in ihrem geradezu tänzerischen und schwingenden, ihrem sich ein – und auswirbelnden Charakter so mir präsentieren, dass es kaum wirklich direkte, umweglose Formbildungsprozesse gibt – dass Formfindungen und Formbildungen sich erst über umständliche Streifstöße, Kraftfeldschnitte, über Hin – und Rückholbewegungen etablieren, in sich einfließen. Die aber trotzdem nie in irgend einen festen Endzustand hinein stoppen, vielmehr sich diesem immer nur weiter rotierend annähern.

Ja.. ich komme dann irgendwann wieder zu einem Motiv, dass mir sagt: Auch das, was man als Seele, als Menscheninneres mehr suchend als findend bezeichnet, wahrscheinlich mit so einer Galaxie gut zu vergleichen ist.
Das Schöne an so einer Galaxie ist ja, dass sie eine offene Form ist. Ihr gelingt als Form jederzeit das, wonach Menschen immer fahnden: Form zu sein, quasi-geschlossen, aber doch auch mit offenen Gezeitenarmen in der Welt wirbelnd, anschlussfähig, veränderbar – um nicht zu sagen: elastisch – viskos. Ansprechend, In der Zeit kommunikativ.

Kurioserweise aber können diese Bilder nur erzeugt werden nach einer langen Historie wissenschenschaftlich exakter Ermittlungsarbeit.

Was passiert, passiert, nach bestimmten Gesetzen, von denen einige auf exakten Axiomen fußen.

Da wäre dieser erste „Streifstoß“ zum Beispiel.

Ein erstes „Aneinandervorbeireden“ der Galaxien, das offenbar ebenso normal wie notwendig ist.

Könnte man daraus eine Kultur des Aneinandervorbeiredens ableiten, die positiv grundiert ist?

Wissen, dass ein Aneinandervorbeireden notwendig ist, um sich irgendwann besser zu finden, zu verstehen?

Wissen, dass man vielleicht immer auch ganz notwendig aneinander vorbei redet.

Dass Ziel nicht genau anvisieren, damit man es erreicht?
(chinesische Strategie)

Hier schließlich laufen relativ komplexe Simulationen in uralte Volksweisheiten ein.

Ich gehe nicht auf einen Basar, um zielgenau irgend etwas Bestimmtes zu kaufen.
Ich gehe auf einen Basar, um erstmal bei einer Tasse Tee aneinander vorbei zu reden.
Oder um „an der Sache vorbei“ zu reden. Vielleicht kauft man. Vielleicht nicht.
Aber erst dieses Vielleicht, diese Streifschüsse der Wahrscheinlichkeit, fördern das Zusammentreffen.

Das Feilschen als ein Aneinandervorbeireden, ein
Schwingen, bis man sich irgendwann – vielleicht – geeinigt hat.

Oder ich denke mir: Wenn zwei zusammenkommen wollen, müssen sie sich beide dafür verändern, ihre Spiralarme ausbreiten, sich insgesamt neu formieren.

Der Blick, der mehr sieht, wenn er nicht genau hinschaut. Wenn er vorbeischaut.

Der eine zieht den anderen in sein Kraftfeld hinein. Aber das verändert beide.

In diesem und in weiteren Sinnen vielleicht wären die neueren Bilder und Ergebnisse der Wissenschaft auch philosophisch zu interpretieren.

In einem – Wahrnehmungs-Gefüge.

Im angedachten Fall so, dass sie nicht nur wissend machen, sondern – vielleicht – auch schlauer.

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Was Aristoteles schon über die Finanzkrise wusste.

Potentialität und Aktualität.

So steht man heute wieder vor uralten Fragen, deren Gründe viel tiefer in die Zeit zurückreichen, als nur bis zu Marx.

Die strukturierten Produkte, die Zertifikate des Finanzwesens, waren ja zunächst aus einer ganz sinnvollen Überlegung hervorgegangen. Sie sollten die Risiken eines monoformen Papiers über den Verbund, in der Vermischung mit verschiedenen anderen Papieren, Versicherungen und Rückversicherungen, die sich jeweils dann in geknüllte schwer zu durchschauende Zertifikate einbetteten, in ein polyformes Verbundmaterial verwandeln, das stabiler ist, weniger risikobehaftet. Eine Art Sperrholz oder Damastzenerstahl der Finanzbranche.

Eigentlich funktioniert das ja auch. Man kann ein Anlage-Portfolio so mischen, oder knüllen oder falten, dass es stabiler bleibt, elastischer, aber dann agiert es weniger effizient, weniger produktiv. Es verformt sich dann als geknülltes Portfolio weniger heftig in Richtung Verlustzone aber auch weniger in Richtung Gewinnzone. In dem man zum Beispiel Kauf – und Verkaufsoptionen mit Aktien aus verschiedenen Branchen mischt.

Der Anleger spricht dann von einer „langweiligen“ aber relativ stabilen Anlagestrategie.

Aber warum waren die problematischen Mischstrategien, die ja ebenfalls als Verbund- und Schichtmaterialien konstruiert wurden so brisante „plötzliche“ Sprengstoffe? Warum waren sie instabil?
Faule Zutaten sind das eine. Das andere war der Irrtum, dass man glaubte, etwas könne zugleich enorm effizient, produktiv und und zugleich enorm belastbar, also stabil sein. Das funktioniert nicht, wie man heute mathematisch ebenso wie physikalisch simpel nachweisen kann.

(Ein Raketentriebwerk ist höchst effizient – aber! – Es soll auch nur 8 Minuten durchhalten. Und auch diese 8 Minuten müssen empfindlich gut kalkuliert sein, damit es einen nicht um die Ohren fliegt! Deshalb ist hohe Effizienz immer verbunden mit einer kurzen Funktionsdauer des jeweiligen Systems ebenso wie mit bedrohlicher Gesamtanfälligkeit!)

Der Finanzexperte Bernhard Litaer hat in der Brand1 vom Januar 09 darauf aufmerksam gemacht, dass ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang zwischen Produktivität und Belastbarkeit bei Systemen wirkt. Wenn man Produktivität definiert als eine Durchsatzmenge an Energie oder Information pro Zeiteinheit –  und Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Störungen, Abweichungen, Durchsatzsenken oder Durchsatzspitzen so abzufedern, ohne dass es in seiner Gesamtstruktur bedroht ist oder gleich ganz zusammenbricht.

Ungefähr so, wie ein Blatt Papier als geknüllte Kugel stabiler, krisenresistenter ist, als ein ungeknülltes.

Die andere Antwort liefert möglicherweise wieder die Technikgeschichte.

Ein Portfolio so zu mischen, dass es weniger brisant, also stabiler bleibt, entspricht dem Handeln nach dem, was Alfred Nobel damals mit dem Nitroglyzerin gemacht hat.

Es liefert ein Bild zum aristotelischen Problem von Potentialität und Aktualität.

Reines Nitroglyzerin ist nicht wirklich handlich, zu gefährlich, zu instabil, zu effizient. Es ist – zu aktuell. Also hat Alfred Nobel das allzu aktuelle Nitroglyzerin gemischt, langsam gemacht, belastbarer, geknüllt, mit „langweiligem“ Kieselgur und seine Konzentration so verringert, dass es handlich wurde. Sein Dynamit war plötzlich ein harmloser Stoff. Andere Zusatzstoffe machten es sogar unempfindlich gegen eine Streichholzflamme. Erst eine Initialzündung bringt es zur Explosion.

Hier liegt wohl die Schwierigkeit. Die aktuelle Harmlosigkeit des Dynamits kann viel mehr informell-energetisches Potential anhäufen. 20 Liter reines Nitroglyzerin irgendwo zu lagern oder durch eine Leitung zu pumpen wäre Wahnsinn. Fünfzig Tonnen Dynamit dagegen sind kein Problem.

Allerdings – wenn eine geknüllte polyforme Papierkugel – die sich im Prinzip nicht so schnell entzünden lässt wie ein loses Blatt Papier  – wenn sie aber doch einmal brennt, dann lässt sie sich auch nicht so schnell löschen. Sie schwelt dann durch.

Das Dynamit explodiert.

Die Brisanz des Nitroglyzerins, die eher eine „aktuelle“ Brisanz genannt werden kann, wurde von Alfred Nobel in die „potentielle“ Brisanz der Mischform Dynamit überführt.

Die Philosophiegeschichte hat seit Aristoteles und dann über Thomas von Aquin versucht, den Zusammenhang zwischen Aktualität und Potentialität zu klären. Was nicht ganz einfach ist.

In seiner Metaphysik erläutert Aristoteles, dass die Aktualität der Potentialität vorangeht.

Im Rahmen seiner Argumentation gibt es dafür auch einen Grund.

Für Aristoteles gab es als Ursache aller Dinge nur die Kraft der Bewegung (griechisch: Dynamis) also kein statisches Wesen. Die Bewegung aber, so folgert er, ist immer Aktualität. Also aktuell agierend. Und aus der Aktualität der Bewegung formen sich auch die Begriffe, die Instrumente, die Techniken.

Und deshalb schreibt Aristoteles:

Sie (die Potentialität) ist ein Prinzip der Bewegung, freilich der Bewegung nicht in einem anderen, sondern in dem Wesen selbst, insofern es dieses Wesen ist. Jeder solchen Potentialität also geht die Aktualität dem Begriffe nach und dem Wesen nach voran; auch der Zeit nach, wenigstens in gewissem Sinne; in anderem Sinne freilich wieder nicht. Zunächst, daß sie dem Begriffe nach vorangeht, leuchtet von selber ein. Denn das ursprünglich mit Potentialität Ausgestattete hat Potentialität insofern, als es zur Aktualität zu gelangen vermag, wie z.B. Baumeister ist, wer zu bauen vermag, Sehkraft hat, wer zu sehen vermag, und sichtbar ist, was gesehen werden kann. Das gleiche begriffliche Verhältnis herrscht auch in allem anderen. Mithin ist der Begriff des Aktuellen notwendig der ursprünglichere, und wer den Begriff des Potentiellen erfassen will, der muß zuvor den Begriff des Aktuellen erfaßt haben.

Wenn man jetzt für den Begriff des Aktuellen „Nitroglyzerin“ einsetzt und für den Begriff des Potentiellen das  „Dynamit“, man also weiß, dass das Nitroglyzerin in der menschlichen Entwicklung vor dem Dynamit entborgen war, dann kommt man nicht umhin, Aristoteles für seinen Weitblick und Scharfsinn zu bestaunen.

Tatsächlich scheint sich die mensch-technische Entwicklungsgeschichte immer genau in dieser Reihenfolge abzuspielen. Der Zivilisationsprozess überführt die aktuelle Brisanz der Aktualität in den scheinbar weniger brisanten (aber dafür lauernden) Zustand der Potentialität.

Greifen wird Begriff.

(Er-)zählen wird Zahl.

Dynamis wird Dynamit.

Tauschen wird Geld.

Aus dem Kreisen wird das Rad.

Aus dem Rad wird der Wagen.

Bewegung wird Bewegendes.

Aus der Arbeit wird die Maschine… (was Marx auch schon gewusst hat..)

und schließlich:

aus dem Denken wird die Denkmaschine, die Ideologie (ein Problem, das Marx leider nicht so stark beachtet hat.)

aus dem Fühlen wird Gefühltes, der Roman, der Film, das Theater…etc…

Der überschaubare Tausch zwei Schafe gegen ein Pferd, der sich nur in der reinen Aktualität handeln lässt. (Ein Tausch, der wie das Nitroglyzerin auch sofort platzen kann, weil des Pferd zum Beispiel krank ist und ich ein konkret schlechtes Geschäft gemacht habe)

Dieser überschaubare Tausch wird bereits durch die Erfindung des Geldes in eine handlichere Potentialität überführt. Wenn ich Geld statt ein Pferd nehme, kann das Geld nicht krank sein, es sei denn es wurde gefälscht. Aber prinzipiell ist es das handlichere Geschäft. Aber schon dieses Geld, dass bereits ein Äquvalent ist, hat Dynamiteigenschaften. Ich könnte dieses Geld jetzt verleihen, gegen Zinsen, damit es wächst, sprich: explodiert.

Und so weiter bis hin zu den heutigen Finanzmarktinstrumenten.

Heute weiß man – die Tatsache, dass Sprengstoffe „handlich“ wurden, hat sie global betrachtet erst zur massenhaften Anwendung gebracht, für ihre Verbreitung gesorgt. Ihre potentielle Brisanz ist gestiegen.

Sprengstoffe sind manchmal sinnvoll. Ebenso wie im Prinzip die gemischten Papiere nicht einfach nur destruktiv sind.

Die menschlich-technische Evolution wird den Weg in Richtung Verbundstoff weiter beschreiten. Und dies über Brüche, die notwendig sind, um Dehnungsfugen auszubilden. Dass wir dabei selber in einen globalen Verbundstoff eingegliedert werden, steht ausser Frage.

Wenn Bernard Litaer jetzt vorschlägt, die monoformen und potentiell überbrisanten Finanzhandlungsstrukturen durch einen polyformen Verbund von regionalen Wirtschaftszonen zu entlasten, aufzulockern, dann macht er damit den Vorschlag, das Dynamit nicht mehr an wenigen großen Orten herzustellen oder zu bewegen, sondern an vielen kapillar verteilten. Das ist durchaus vernünftig. Aber unabhängig davon, ob es vernünftig ist oder nicht, wird es sowieso geschehen. Es wird geschehen als etwas, das durch gewaltsames Zerbrechen sowieso geschieht. Durch Krisen. Klüger wäre es natürlich, selbst zu tun, was geschieht.

In seinen regional gedachten Wirtschaftszonen, erfolgt ein Teil des Tausches wieder etwas direkter, also aktueller, über kürzere Wege. Er gewinnt mehr Aktualität und verliert etwas von seiner zerstörerisch sich anhäufenden Potentialität.

So wäre heute also zu bedenken, wie man das Verhältnis von Aktualität zu Potentialität  zivilisations- freundlich moderiert.

Rotation und Information.

Rotation, Information, Schließung und Streuung.

Erde und Mond; Sonne und Erde – die Planeten: das Sonnensystem – all das vermittelt sich über ein Rotationsverhältnis zwischen gekrümmten Räumen.
Der Drehimpuls von Massen, die einander seit Ewigkeiten in ihre gekrümmten Räume hinein zufallen, um einander herum fallen; diese Massen drehen sich, weil jede Massenverdichtung im Universum auf einen imaginären Mittelpunkt hin sich gravitativ zusammenzieht, das Zentrum jedoch natürlicherweise nie ganz trifft, es immer leicht verfehlt, – weil eine Massengröße auf irgend einer Seite zu viel oder zu wenig  den gravitativen Vektor an diesem imaginären Punkt vorbei lanciert  – und so die  Richtung dieser Kraft, die alle Massen eigentlich auf einen Punkt hin zusammenziehen möchte, an diesem Punkt vorbei in die Radiale einer Rotation ableitet, in die Phase einer Drehbewegung.
Die Drehbewegung balanciert dann einen Kompromiss aus idealem Zentrum, Lagrange-Punkten und Gravitation, fliehend in den Dreh einer Elipse.

Die natürliche Symmetrieverfehlung verlangt, innerhalb des Verdichtungsprozesses, eine Richtungsentscheidung: rechtsherum oder linksherum.

Dass Körper im Universum rotieren, oder vielmehr elliptisch herum eiern, ineinander oder umeinander, auch um sich selbst, in einer bestimmten Richtung, ist das Ergebnis einer solchen Symmetrieverfehlung während der Zusammenballung von Teilchenwolken zu Massen, Planeten, Systemen, Sternen.

Urbewegung der Rotation, die auch Aristoteles schon als die Urbewegung schlechthin erkannte.

Wenn es stimmt, und vieles spricht dafür, dass die Formen der ersten Einzeller oder Protozeller im Wasser der frühen Meere als in einer Art Ursuppe ihren Anfang genommen haben, dann spekuliere ich, dass dieses nicht direkt im Meer, sondern an seinen schwappenden Rändern sich ereignet haben könnte. An den Stränden, den Watten.
Hier, wo ein Tidenhub der Gezeiten, verursacht durch die Rotation des Mondes um die Erde, der damals auch noch näher und beeindruckend groß am Himmel stand,  die vorhandenen Molekülbausteine regelmäßig –

abtrocknete und anfeuchtete,

wärmte und abkühlte,

belichtete und abdunkelte,

aufhob und niederlegte,

hinrollte und herrollte,

untertauchen und hochsteigen ließ…

– läge es nahe, möglicherweise – war es ja auch diese regelmäßig hin – und her-rollende auf und niedersenkende Bewegung, dieser Gezeitenhub, der ursprünglich dafür sorgte, dass irgendwann die ersten komplexeren Moleküle sich an halbfeuchten – halbtrockenen Strandlagen ansammelnd, selbst einrundeten, sich autopoietisch einkugelten in einer ersten Selbstschließung, Selbstrundung, wie in einer Art erstem Reflexionsprozess, diesen Gezeitenhub, der ja die rotatorische Bahnschließung des Mondes im Verhältnis zur Erde als Schwingung weitergibt, aber auch der Erde im Verhältnis zur Sonne,  –  so in sich selbst einschlossen, indem sie das rhythmisch pulsierende Hin-und Herrollen ihres Elements, das sie IN-FORMIERTE, EINKREISTE,  in eine FORM der Eigenschließung, Eigenrundung als Zelle oder Protozelle nachvollzogen, überführten in die FORM – so – die Rotation – quasi reflektierend.

Ähnlich wie ja auch jede Sinusrhythmik in Schwingung nichts anderes darstellt als die abgerollte Funktion eines Kreislaufes.

Vielleicht ein noch unvollständiges Bild, aber doch nachvollziehbar.

Ich erfahre, dass verschiedene Versuchsanordnungen in ursuppen-ähnlichen Millieus oder in nachgeahmten Protoatmosphären mittels Funkenentladungen und dem Einfluss von UV-Licht experimentiert, hier auch gewisse Ergebnisse brachten bei der Bildung langkettiger Grundmoleküle, Aminosäuren, Bausteinen des Lebens.  Ebenso wie man  chemischen Millieus verschiedener Dichte kleine Tröpfchen mit eingekugelter Oberflächenspannung erzeugt hat, als mögliche Vorläufer von membranumschlossenen Zell-Gebilden.

Von einer Wirkung des Gezeitenhubs erfährt man nichts.

Aber sicher und ausreichend erklärend scheinen die Laborversuche alle nicht. Man forscht hier weiter.

Ein wechselndes Trocken- und Nass-, Heller- und Dunkler- Werden, das die Ausbildung von halbdurchlässigen Protozell-Membranen angeregt haben könnte, die ja in ihrer habituellen Unentschiedenheit zwischen Trocken und Nass, Struktur und Nicht-Struktur, Offenheit und Geschlossensein ihrerseits wieder abbilden eine Strandregion in Microformat, als würden sie diesen Strand jetzt materiell nachgebaut reflektieren.

Ist der Einzeller nicht auch ein kleiner Kontinent, der an seinen Rändern von dem fließenden Gezeitenhub der Nährstoffe formuliert, umsorgt und versorgt wird?

So auch als eine kleine erste Blut-Hirnschranke zwischen den Welten sich ausbildend, zwischen reversiblem Gezeitenhub und irreversibler Strukturbildung.

Auch die Blut-Hirnschranke kann ich mir vorstellen wie ein Wattenmeer in Gezeiten, einen Strand als Grenzregion zwischen einem festen Kontinent und dem Meer des Blutkreislaufs, das den Kontinent des Gehirns über Jahrmillionen der Evolution umschwemmte, umlagerte, versorgte, beatmete, anschwemmte, umsorgte – solange – bis dieser Strand des Gehirns schließlich selbst – jetzt aber auf der rein informatorischen Seite reflexiv erneut eine Zelle ausbildete, die dann dieses interessante vertrauteste unvertrauteste aller Worte sagte, fühlte, und dachte: „Du“ .

Wenn hier, an dieser Stelle, möglicherweise ein Gesetz der großen Zahl wirkt, eine Riesenmenge an Ereignishäufigkeiten und Verteilungshäufigkeiten, dann wäre es naheliegend anzunehmen,  nachdem die IN-FORMATION einer Rotationsbewegung über den von ihr verursachten Schwingungsverlauf einer Gezeiten-Rhythmik schließlich  zu einem molekularen oder protozellulären Kreisschluss als FORM führt, dann gäbe das ein gutes Bild  für die Überführung Energie/Bewegung/ – Information – Form. Zumindest für das Phänomen „Leben“.

Selbst die Struktur der DNA-Doppelhelix-Leiter zeigt eine rotatorische, sinuswellenartige Verwindung, die ein Zusammenhang mit eben dieser rotierenden Rhythmik des Gezeitenhubs nahe legt.

Aber auch mit der Elektrodynamik. Die Form einer elektromagnetischen Schwingung ist der einer gewundenen Helix nicht unähnlich, oder zumindest könnte die Elektrodynamik form-gebend hier eingeschlossen sein. (Würde mich interessieren, ob diese Doppelhelixform sich zwingend aus der Anordnung der beteiligten Basen und Zuckermoleküle ergibt, oder ob die Elemente im  Prinzip auch anders angeordnet sein könnten-Kaminski fragen.)

Letztlich ist aber auch das UV-Licht, wie jede energetische Erscheinung im Spektrum, ebenso wie auch Funkenentladungen, eine schwingende Energie-Erscheinung mit einer bestimmten Wellenlänge, also Kreis- Frequenz im Spektrum, die möglicherweise ebenso als formendes Energie-Potential, in-formatorisch eine „Form“  rundet, einkugelt, einkreist, einrollt und halbdurchlässig abschließt.

Man kennt heute einen Zusammenhang zwischen Formbildungsprozessen und überlagernden Schwingungen in den Lissajou-Figuren des Physikers Jules Antoine Lissajou.

Hier zeigen sich auffällig formale Ähnlichkeiten mit bestimmten Molekülstrukturen aber auch einzelligen Lebewesen. (Die visuellen Effekte bei itunes-arbeiten mit einer Lissajou-Funktion, die über Pseudo-Zufallszahlen Farbe und Form generieren.)

Dieses spekulativ angenommen, drängt sich der Folgegedanke auf, dass der Prozess ein Verhältnis von In-formation und Wirklichkeit beschreibt, in der Weise, dass „Leben“ wiederum als etwas erscheint, das in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zur Rotation als Formschluss FASSUNG GEWINNT oder an dieser Rotation gewonnen hat.

Dann wäre Leben selbst beschreibbar als eine sehr spezielle Art des In-Form-Gehens der Rotation (Bewegung/Energie); Leben als das Gefäß einer stehenden Welle, die aber ihre Energie (oder ihre Information) auch wieder abgibt, weiter ausdifferenziert , über die Ahnenfolge, mutative Streuung, und bestimmte Reflexionsschwellen, in einem Prozess der informellen Streuung.

Erwin Schrödinger hat hierfür den Begriff negative Entropie vorgeschlagen, den man heute (nach Illya Prigogin), aber auch einfacher übersetzen kann mit:

Informationsstreuung – Dissipation der Information.

Selbst wenn das Leben parallel, oder sogar ursprünglich in der Tiefsee im Umfeld der lichtlosen Schwefel- Vulkane (Schwarze Raucher) evolutioniert sein sollte,  dann folgt es auch hier einem Gezeiten-Hub – im Stoffwechsel, weil das nach oben strömende erhitzte Wasser, einrollende Konvektionsbewegungen ausführt.

Diese Konvektionsbewegungen sind wiederum kreisschlüssig, einkreisend – eben genau das, was Illya Prigogin als „dissipative Struktur“ beschrieb.

(Wer einmal lose Erbsen in einem kochenden Wasser-Topf beobachtet hat, wie sie auf – und nieder tanzen, der hat im Prinzip die kreisschlüssigen dissipativen Strukturen von Ilya Prigogin gesehen.)

Auch wenn man nur die Wärme selbst als formbildende Energie annimmt, wirkt hier der infrarote Anteil der Wärmestrahlung als schwingend im elektromagnetischen Spektrum wiederum mit einer bestimmten Frequenz als möglicherweise form-einkreisend, formabschluss-erzeugend.

Insofern bringt jede elementare Energie, weil Schwingung, einen Tidenhub, ein Gezeitenwechsel mit sich, der form-einkreisend form-abschließend wirken könnte. Fest steht, dass alles „Leben“ in einem rhythmischen Gezeitenhub des Stoffwechsels operiert.

Die Frage, die sich hier stellt, wenn Information ebenso wie die Wärme auch der Dissipation unterliegt, dann muss man einen „2. Hauptsatz der Information“ annehmen, ebenso wie daraus dann dissipative Strukturen als „Informationsgefäße“ folgen müssten. (neue informelle Millieus)

„Leben“ in seinen verschiedenen Ausformungen, seiner Vielfalt, wäre dann das materielle Gefäß einer solchen dissipativen Struktur der Information, die aber immer weiter, und in andere Formen sich streut, nun auch in technische, wo sie wiederum informelle Millieus ausbildet.

Das menschliche Gehirn wäre dann nach der Ein-Zelle, den Vielzellern und Meta-Zellern, eine dissipative Struktur der Information an einer bestimmten Schwelle hin zum „Ich“

Dann könnte man das Gehirn ebenso wie den ersten Einzeller als eine Reflexions-Schwelle  der Rotation/Information betrachten, ein Gehirn das nun seinerseits über bestimmte Reflexionsschwellen wieder damit beginnt, auf technischem Wege Information in Energie (Kernspaltung/Kernfusion) umzuwandeln – oder sogar neuerdings, in dem es am CERN den Urknall simuliert, eigentlich das Universum selbst damit wieder reflektierend, denkend, manipulierend-informell wiederholt.
Dann ließe sich auch einsehen, warum eine Informationsgesellschaft möglicherweise den Übergang in einen informellen Metazeller dynamisiert, in dem sie per Technologie den informellen Stoffwechsel der einzelnen Gehirne jetzt zu einem Mehrkörper-Ensemble verkoppelt.
Eine Art Groß-Gehirn von planetarem Ausmaß als bio-technologischem Metazeller.

So etwas ähnliches meinte Joel de Rosnay 1997 mit seinem „Kybionten“, der als bio-technischer Mehrzeller sich in einer hybriden Mischung aus Menschen und Technologie im Sinne eines globalen Superorganismus ausbildet.Eine Annahme, die nicht ganz abwegig scheint, zumal gewisse Anzeichen darauf hindeuten. Entwicklungen, die das einzelne Subjekt hier lediglich als „Funktion“ immer stärker in die Gesamtdynamik eines solchen Kybionten einbinden.

Auch die soziale Arbeitsstruktur am CERN deutet darauf hin.

Die Einwände gegen Joel de Rosnay, die eher formaler Natur sind, wirken auffallend schwächlich, beinahe hysterisch, gemessen an der Entwicklung, die seit 1997 technisch geradezu marschiert ist.

Die Dynamik wäre weiter zu untersuchen unter der weniger phantastisch klingenden Bezeichnung „Mehrkörper-Ensemble.

Notwendig wäre eine kleine große Renaissance, welche den Graben zwischen den „zwei Kulturen“ (Peter Snow) Naturwissenschaft und Gesellschaft überbrücken hilft. Und ihr auch in Deutschland eine starke „dritte Kultur“ verbindend, verstehend, zur Seite stellt.

Eine neue philosophische Anschauung der Wissenschaften, ihrer Wirkungen und Vorraussetzungen, ihrer Anwendungen in ihrem Verhältnis zur technologischen Tatsächlichkeit, zur Gegenwart, die in einer Dynamik fließt, ein Dynamik-bewusstes Denken, das nicht mehr gegen die Wissenschaften oder an ihr vorbei redet, oder sie lediglich als „ästhetisches“ Phänomen sensationiert oder verniedlicht, oder als rationales Ungetüm.

Die Blendung von Hieroshima muss allmählich aufgegeben werden.

Eine Renaissance, die Wissenschaft und Technik nicht mehr unter Verdacht stellt, sondern sie zu verstehen sucht in einem informatorischen Gesamtverhältnis von Energie und Gesellschaft, also von Wirklichkeit.

Ob Joel de Rosnays „Kybiont“ eine taugliche Beschreibung liefert, positiv oder negativ, mag dahingestellt bleiben.

Selbst wenn nicht –

– steht die Zivilisation trotzdem vor der Frage, ob sie etwas versteht oder verdrängt, ob sie sich inmitten einer energetisch-technisch hoch aufgeladenen Welt weiter ihren Phantasien und Illusionen überlässt – oder die Wirklichkeit selbst als phantastisch genug anerkennt, bestaunt und deshalb eben erforscht – oder ob sie Dynamik weiter bezweifelt, ignoriert, tabuisiert, auf die Bäume zurück will.

Vor allen Dingen steht sie aber vor der Frage, welche natur- und wirklichkeitsgesetzlichen Zusammenhänge zwischen Energie und Information wirksam sind und was das bedeutet für eine zu formulierende In-Formations-Ethik.

Eine Ethik der In-Formation – aus der auch so etwas Sinnvolles erwachsen könnte wie eine dynamische Zukunftsprojektion im 2. Hauptsatz der Information.

Sapiens – der Einsichtige.

Einsicht nehmend, weil neugierig.

Einsicht habend, auf das, was ES ist, was ER oder SIE ist, WIR, in diesem Kosmos, mit diesem Kosmos.

Einsichtig handelnd nach den Erkenntnissen und Wirklichkeiten, die er gewinnt, in dem er sich seinem eigenen Erkenntniss – und Konstruktionsprozess selbst erkenntlich zeigt und einsichtig.

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