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Cézanne im Windkanal

Wäre ich ein Maler,
zwei Pfirsiche würde ich malen und Äpfel zwei
ein Gemälde voller Kugeln, voller Sonnen, voller Rund
würde es malen als Obst in der Schale
Auf dunklem holzgewachsenem Grund
lägen sie beieinander
in voller Reife, voller Farbe, vollem Prall
bei unversehrter Haut
jede Frucht ein ungeplatzter Ball
doch voller Risse, voller Bisse und..

… ich bin kein Maler
Meine Schale ist die Sprache
und die ist voller Mund

Hallo Paul Cézanne, schön, dass Sie hier einmal vorbeischauen. Réalisation – so hieß eines Ihrer Lieblingsworte, das Sie im Zusammenhang mit Ihrer Kunst gern gebrauchten und sich vorgaben als Programm. Etwas, wonach Sie suchten und was Ihnen die Arbeit so langsam machte und zugleich so anspruchsvoll.  „Réalisation“ – eine Art von Synchronaktivität zum Wesen der Naturwahrnehmung?
Die Ergebnisse Ihrer Bemühungen sieht man heute immer wieder gern. So wurden Sie unter den Malern der erste Flugzeugkonstrukteur. Ich habe Ihre Konstruktion hier sogleich in den Windkanal genommen. Sie
hat Auftrieb. Ich gratuliere. 

 

der-bahndurchstich

Paul Cézanne: „Der Bahndurchstich“  – um 1870

 

Was genau ist eigentlich ein Pinselstrich?

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Physik des Phönix

„Mancher vermeint, wenn verwest im verschlossenen Grabe das Rückgrad
Werde das menschliche Mark zur gewundenen Schlange gewandelt.
Doch dies alles empfängt des Geschlechts Anfänge von andrem;

Nur ein Vogel besteht, der selbst sich zeugt und erneuert,
Phoinix bei den Assyrern genannt. Nicht Kräuter und Feldfrucht
Nähren ihn, sondern der Saft von Amomum und Tränen des Weihrauchs.

Wenn er erfüllte die Zeit und fünf Jahrhunderte lebte,
Macht er ein Nest sich zurecht (im Wipfel der schwankenden Palme
Oder im Eichengezweig) mit Krallen und reinlichem Schnabel.

Wenn er sich Kassia dann und Ähren der öligen Narde
Untergelegt und Stücke von Zimt samt gelblicher Myrrhe
Setzt er sich oben darauf und endet in Düften das Leben.

Dann steigt neu, wie es heißt, vom Leibe des Vaters ein kleiner
Phoinix, welchem bestimmt, gleich viele der Jahre zu leben.
Wenn den kräftig gemacht und der Bürde gewachsen das Alter,
Hebt er des Nestes Gewicht von den Ästen des ragenden Baumes
Trägt in kindlicher Treue die eigene Wieg und des Vaters
Grab durch wehende Luft, und gelangt zu der Stadt Hyperions,
Legt er es hin vor dem Tor im geweihetem Raum Hyperions“

Ovid, Metamorphosen 15

„Ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: »Wissen Väter immer mehr als Söhne?«, und der Vater sagte: »ja«. Die nächste Frage war: »Papi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der Vater sagte: »James Watt«. Darauf der Sohn: »- aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?« (aus: Gregory Bateson,
Metalog „Wieviel weisst du“?)

Bei Gregory Bateson blättern hilft immer, um in die stilistische Hochform philosophischen Fragens zu gelangen.

Was mich bei Botho Strauß immer irritiert hat: Ein gewisser Hang zur Verklärung der Dummheit. Ein unstimmiger Dummheitsbegriff. Es ist eine Berufskrankheit von Intellektuellen, dass sie sich Dummheit herbeisehnen, oder versuchsweise mit ihr flirten. Man versteht’s ja auch. Zu oft muss der Intellektuelle erfahren, dass es sich dumm scheinbar einfacher lebt und produziert. Aber es stimmt eben am Ende dann doch nicht. Dumm produziert schneller, aber eben nicht nachhaltig und letztlich immer mittelmäßig.
Leonardo, Bach,  Dürer, Wagner etc….das ist mit Dummheit nicht zu machen.

Trotzdem leben manche Dichter  heute in ständiger Sorge vor dem Allzugescheiten, vor dem allzu starken „Gewissen“ in ihren Artikulationen.

Es kursiert da ein Gerücht, dass große Kunst niemals aus Gewissen oder Intelligenz erwächst, sondern aus Instinkt und Intuition, einem Quäntchen Dummheit und aus einem  – irgendwie als „positive Idiotie“  – ettiketiertem Abseitsstehen.

Das Gerücht sagt: Ein Kunstwerk und ein Künstler dürfe im Moment der Schöpfungserregung sich selbst nie ganz durchsichtig sein – denn: Wo bliebe dann sein „blinder Rücken“, der sich „blind-sehend“ zur Zukunft wendet?

Das ist alles Quatsch. Die verlorene Unschuld des „Idioten“ ist schon seit mindestens 200 Jahren verloren. Es gibt kein zurück in die Idiotie.

John Searle sagt: „Die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass sie sich selbst rationaler Mittel bedient. Weil jedes Geschäft der Kritik ein rationales Geschäft ist und ein Weltverhältnis vorraussetzt, das unzweideutig ist.“

Was sicherlich richtig ist: Man darf als Dichter und Künstler auch dumm sein. Nur eben nicht gewollt oder absichtlich. Die Frage ist also, auf welchem Niveau die Dummheit sich bespricht. Dichter und Künstler sind verpflichtet, Ihre Dummheit auf das höchst mögliche Niveau von Konkretion und Zeitgenossenschaft zu hieven.

Kubricks beste Film-Arbeiten hatten technologische Zeit-Höhe in Konkretion. Dafür musste er kein großer Physiker oder Ovid-Kenner sein. Aber die interessantesten Sequenzen in seinen Filmen wurden nicht „phantasievoll erfunden“ – sie haben sich „er-geben“ in Prozessen eines fragenden Such-Gangs innerhalb von tatsächlich obwirkender Technologie. Kubrik war ein meisterhafter Optiker und Film-Technologe.

Wilhelm Müllers Gedicht „Stundenglas und Weinglas“ hat große Konkretion und Klarheit des Wahrnehmens. Es ist „in der Sache“…sehr konkret, ohne „dunkel-raunenden“ Sprachbrei a la Botho Strauß.

Nur so erreicht die „gewünschte“ Dummheit  den angemessenen Grad von Zeitgenossenschaft, sozusagen einen hochtechnologischen Grad der Dummheit, die dem Text oder dem Kunstwerk seinen „blinden“ aber sehenden Rücken gibt;
Diese sehende Form der Dummheit findet man in Reinstform aber nur in der Ethymologie von Worten, in der absolut klaren Konkretion der techné, im technologischen Gesamtkunstwerk und im Mythos.

Der Berufsdichter heute schreibt zumeist nur halbdumm oder dreivierteldumm. Das heißt: Man schreibt Gelehrsamkeitsparaphrasen und versucht dabei  seine reale Dummheit zu verbergen hinter stilistischen Nebelkerzen oder im Mustopf irgendeines Formenkrampfes einer schlappen Lithurgie, die man mit der Laubsäge in sein steifes Textbrett sägt.

Man nennt das dann das „Raunen des Verborgenen“ oder „Musik“.

Das ergibt dann immer nur halbdumme oder dreivierteldumme Texte, deren Semantik nie das erforderliche Niveau der produktiven Dummheit in einem sehenden Sinne erreicht. Das sind dann die furchtbar schlechten Texte.

Warum hat die Dampfmaschine nicht James Watts Vater erfunden?

Zur Frage der historischen Überlieferung gehört die Frage nach dem Generationenverhältnis selbst. Wie funktioniert Historie? Wie funktioniert die Übergabe (Tradierung) von Generation X zur nächsten Generation Y?

Oft wird von den Alten beklagt, die Jugend würde sich von den Traditionen abwenden und ihr eigenes Ding machen.

Wie „richtig“ ist eine solche Diagnose?

Man kennt zu dieser Frage einen tiefer reichenden Aphorismus.
Thomas Morus sagte sinngemäß:

„Tradition ist die Übergabe der Glut, nicht der Asche.“

Wenn man diesen Ausspruch heute hört, muss man gezwungener Maßen zustimmen. Seit dem mythischen Prometheus als Feuerbringer wirkt eine absolut bruchlose Überlieferung.
Die Behauptung der „Postmoderne“, dass irgendein Faden der Überlieferung gerissen sei (Foucauld), ist in dieser Perspektive also unrichtig.

Aber warum klagen dann die Älteren so oft über die ach so traditionsvergessene Jugend? Wieso und warum gibt es den „Generationenkonflikt“, wenn das Feuer und die Glut über die Dampfmaschine, den Verbrennungsmotor, die Mondrakete, die Atombombe, dem Laser bis zum Fusionsreaktor eine klar funktionierende Überlieferung beweist? Welcher Faden soll hier gerissen sein? Welche Tradition wurde mißachtet?

Es kann ja durchaus sein, dass die „Glut“ – die übergeben wird, ebenso der „Mut“ ist. Oder eine Art von Wut. Eine Wut-Glut der Jungen gegen die Alten. Man spricht von glühender Wut. Insofern bleibt Thomas Morus Gedanke zur Überlieferung in Kraft. Die einzig sinnvolle und korrektive Anmerkung bestünde darin, zu erkennen, dass auch die „Wut“ von den Ahnen in die Jüngeren hinein-induziert wird. Ebenso der „Mut“ Dann ließe sich abwandeln:

Tradition ist die Übergabe von Mut und nicht von Asche. Oder anders:

Tradition ist die Übergabe der Wut und nicht der Asche.

Wenn man dass aber nun weiß, dann kann man sich vielleicht von bestimmten unbedachten historischen Automatismen befreien…in dem Sinne, dass mit der Glut eine Art „Sinn“ immer in Kraft bleibt – und sei es nur als Elektrizität, die vom Bernstein über die galvanischen Frosch-Schenkel bis zur Glühlampe und dem Laser übertragen wird.

Wie funktioniert ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis?
Der jüngere Schüler übernimmt vom älteren Lehrer zunächst den Mut des Fragens, der Unruhe, des Zweifelns und der Neugier, aber er übernimmt nicht – unbesehen und automatisch –  die ganze Asche der zu Kenntnissen und Katechismen erkalteten Antworten.
Der Lehrer „unter“-richtet.

Ein guter Lehrer lehrt das Fragen und die Geschichte des Fragens und erst in zweiter Linie sehr vorsichtig gewisse vorläufige Antworten. Deshalb war Heidegger ein guter Lehrer. Sein Fragen lauteteten – Woher? – und Wozu? und Warum? Deshalb bleibt er eine Autorität, die nicht peinlich oder angemaßt daherkommt.

Thomas Morus Überlieferung der Glut im Verhältnis zur Asche beschreibt das Verhältnis zwischen der „gespeisten“ und „speisenden“ Glut in den Zeitläufen und den darin zugleich sich immer wieder – einäschernden – „Gewissheiten“. (von der Glut verzehrte Gewissheiten, zum Beispiel so genannte Paradigmenwechsel)

Damit wäre Überlieferung zwischen den Generationen ein Art
Vogel Phönix: Entflammtes in Wut oder in Glut oder in Mut.

Obwohl bei Ovid inter-essanter Weise nicht direkt von Glut die Rede ist, jedoch von „Düften“…der alte Vogel Phönix der Assyrer löst sich auf, – hinauf – zu etwas, das „in der Luft liegt“…das kann ein Verwesungsgeruch sein oder ein Gemisch aus den zimtigen Gewürzpflanzen oder Räucherpflanzen, Rauch oder beides, aber im Prinzip wird hier von thermodynamischen Aggregatwechseln gesprochen, der Vogel  – löst  – sich –  auf, er ana-lysiert sich, wird zum Hauch, zum Aroma, zum Rausch, zum „odoribus aevum“…im Lateinischen – der Phönix verwandelt sich zum VIELLEICHT der statistischen Thermodynamik – und zweitens überliefert dieser Vogel Phönix durchaus nicht nur Düfte, sondern auch das „Gewicht“ des Grabs seines Vaters….als sein eignes Nest, seine eigene Kinderstube, die er später wieder „vom hohen Baum durch die Lüfte“ trägt…in Synthese mit seinen Ahnen. Er bringt die „Asche“ seiner Kinderstube „vor das Tor.“

Hier dürften auch Astrophysiker die Tradierung von „Elementen“ bei den Brennprozessen in Sternen wiedererkennen, von der ersten Verdichtung – über das weitere Schalenbrennen – bis zur explodierenden Supernova, deren Elemente ja unsere Asche ausmacht, die Sternen-Asche, aus der wir gemacht sind. Der Stern „beginnt“ mit dem „leichten“ Wasserstoff…und später und peu a peu erreicht er die Phasen bis zur Eisen-Schwelle. Eisen ist – nach dem Stand heutiger Erkenntnis – genau die Schwelle, das letzte Element nach einer Reihe von Reaktionen, das durch klassische Fusionsreaktionen in Sternen erbrütet wird.  Alle „schwereren“ Elemente nach Eisen im Periodensystem, werden in „roten Riesen“ und extremen Novae-Prozessen (Explosionen, Auflösungen) erbrütet. (Nach dem Stand heutiger „An-Sichts-Sachen“ zum Thema „Brüten“ von Elementen in Sternen)
Es ist ein bis heute wenig beachteter Fakt, dass alles „Material“ unserer Erde älter ist als unsere eigene Sonne. Vor unserer Sonne muss es schon einmal eine große Sonne gegeben haben, die explodiert ist. Weil das Eisen, und alle Elemente auf der Erde nicht von der jetzigen Sonne stammen können. (Die ist ja noch nicht explodiert.)

Doch in der Asche glimmt die Stirn.

Ebenso durchlaufen der Start und der Wiedereintritt eines Space-Shuttles eine Art Vogel-Phönix–Zyklus.

Bei Ovid durchläuft der Phönix einen Zyklus von 500 Jahren. Da wäre man jetzt zurückgerechnet bei Albrecht Dürer in der Renaissance angekommen.

Generationen-Konflikte, Generations-Brüche, ergeben sich immer dann, wenn bestimmte kulturelle Lebensgewohnheiten und zunftbildenende Verabredungen durch allzu kreisschlüssiges Wiederholen in immer die selben Verhaltenskreisläufe „eingekreuzt“ werden.

Man kennt dazu ein Beispiel aus der Genetik.

Tierzüchter aber auch Tierschützer können ein Lied davon singen:
Bestimmte erwünschte Wesensmerkmale bei Hunden oder Katzen kann man nicht beliebig oft redundant in nachfolgende Generationen „einkreuzen“  weil es dann zu schweren Degenerationserscheinung der gesamten Erbmasse kommt.
Die Tiere leiden dann früher oder später an gesundheitlichen Inzucht-Problemen durch mangelnde genetische Varianz – sogenannte Qualzuchten mit monogenetischen Deffekten. (verlegte Atemwege, Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, Knochenanomalien etc…)

Je tiefer die „reinrassige“ Angora-Katze in das Sofakissen hineingezüchtet wird, also quasi selbst zum Sofakissen umgeformt wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit für eine generell krankhafte und In-Zucht-geschädigte Konstitution der Tiere.

Je „reiner“ die „Rassigkeit“ (sog. Aus-Stellungs-Erfolge) von Züchtern herausgearbeitet werden soll, desto mehr verliert die genetische Gesundheit des Gesamtorganismus über mehrere Generationen innerhalb eines schleichenden Prozesses. Eben deshalb die genetische Varianz verloren geht.

Die Natur wehrt sich gegen das monogenetische, monothematische  Inzüchten des Genpools (Das Heraus-Stellen gewisser „Aus-Stellungs-Erfolge“) irgendwann mit Abbau oder Degeneration.

So kann man sich das auch bei Traditionen, Kulturen, Sprachen etc…denken:

Wird eine bestimmte Tradition oder ein bestimmtes Brauchtum oder eine kulturelle Verabredung oder eine Verhaltensgewohnheit von Generation zu Generation allzu kreisschlüssig monothematisch immer wieder in das eigene Sofakissen der bewährten Gewissheiten und Katechismen eingekreuzt,
leidet der ganze Überlieferungszirkel spätestens mit der 6. oder 7. Generation irgendwann an  monogenetischen Defekten des Denkens, die bis zur intellektuellen Schwerstbehinderung ausarten kann. Das heißt – der Kulturkreis bekommt In-Zucht-Schwäche, wird brüchig. Es verliert seine genetische Varianz.Es kann zu habituellen oder organischen Katastrophen kommen

Andererseits: Überlieferung von Fertigkeiten in handwerklichen Zünften ist in jedem Fall wünschenswert. Ein klassischer Geigenbauer in der 7. Generation ist sicher einer der besten Geigenbauer der Welt…und deshalb auch unverzichtbar – aber er ist extrem darauf angewiesen, dass sich der Bedarf und die Definition für die Art seiner Geigen nicht allzu plötzlich ändert. Wie gut wäre er vorbereitet, sollte sich der Bedarf bei bestimmten Musikinstrumenten plötzlich verschieben?

Wird er den „Synthesizer“ oder die „Hammond-Orgel“  erfinden? Oder das Grammophon?

Warum wurde der Syntheziser oder die Hammond-Orgel von Elektronikern und Bastlern erfunden, aber nicht von klassischen Instrumentenbauern?

Warum wurde das Grammophon nicht von einem Dirigenten erfunden?

Warum wurde das Grammophon überhaupt erfunden?

Warum war Kolumbus der Sohn eines Wollwebers und nicht ein Kapitän
in 5. Generation?

Genetiker wissen heute, dass die Epigenetik äußerer Umwelteinflüsse mindestens 50 Prozent der Überlieferung ausmacht und die Varianz ebenso beeinflusst wie das Immunsystem und die Auslese. Wird Epiginetik und Varianz-Streuung ausgeschlossen durch allzustarke Abdichtung innerhalb eines sehr hermetischen Überlieferungszirkels, kommt es zu monogenetischen Deffekten.

Das Risiko durch monogenetische Tradierungen kann man gelegentlich auch spüren in geschlossenen Akademien, in bestimmten Forschungszirkeln, Universitäten und auch in Literatur-„Kreisen“.

Wo Menschen sich ausschließlich in immer wieder den selben verabredeten Paraphrasen von Codes und Gegencodes bewegen, (in den selben Retourkutschen aus Spruch und Widerspruch, die selben Abgrenzungs/Zustimmungs-Mechanismen ) kommt es zuerst zu einer Art von Vereins-Stickluft, einschließlich der berühmten deformation professionelle und schließlich zum informellen Totalversagen des Gesamt-Organismus. Das heißt: Die Akademien und Universitäten und „Zirkel“ ersterben und vertrocknen in leblosen Diskurs-Spinnweben und in Zitate-Seilschaften. Sie dienen nur noch sich selbst als Seilschaft oder zur Versorgung im leeren Networking der Vernetzung, aber sie dienen nicht mehr der Erkenntnis oder dem Fragen in ein Offenes hinaus.

Die Seilschaften besteigen keine Berge mehr. Diese Zirkel können nichts mehr von außen empfangen oder nach innen einlassen und trocknen schließlich ganz aus. Sie verblöden zu intellektuellen Qualzuchten in monothematischen Redundanzen.

Die Spinnen haben irgendwann das Haus verlassen, oder sind vertrocknet, weil nichts mehr an-zufangen ist. Alles leergefangen, die Luft ist tot, Türen und Fenster werden nicht mehr geöffnet. Zurück bleibt leeres Gehänge. Niemand spinnt mehr.

Eben deshalb waren kulturelle Generationen-Auf-Brüche in den vergangenen Zeiten notwendig und immer folgerichtig. Generations-Aufbrüche öffnen allzu stark geschlossene Verabredungskreisläufe oder Brauchtumsgewohnheiten und vermeiden die kulturelle Inzucht samt intellektueller Schwerstbehinderung und monothematischer Deformation.

(Auch wenn sich heutige Eltern allzu tolerant geben; die Kinder finden immer etwas, womit sie die „Alten“ ärgern können und sei es nur, indem diese Kinder heute eine provozierende Spießigkeit an den Tag legen. (Jetzt extra wieder total angepasst mit Trachtenjanker, Kochkurs, Bionade und Golfplatz-Abo, obwohl man erst 22 Jahre alt ist.)

Aber die Formulierung: „Tradition ist die Übergabe der Glut/Mut/Wut  und nicht der Asche.“  bleibt deshalb sehr menschen-sinnvoll und immer noch nicht in der Tiefe verstanden.

Denn „die Glut“ bezeichnet ja auch das Sehen, und die „Sicht“ des Vogels Phönix. Also die Tatsache, dass der Vogel Phönix Sicht hat und „gesehen“ werden kann.

Zu den unbefragtesten Asche-Floskeln der letzten 150 Jahre gehört auch die Behauptung: Mit dem Vordringen der modernen Wisschenschaft könne sich der Mensch nicht mehr einfach so auf seine „Sinne“ verlassen, wenn er die Welt wahrheitsgemäß erkennen oder verstehen will.
Alles sei ja  – ach so0000 abstrakt geworden.

Übersehen wird bei dieser unbefragten Asche-Floskel jedoch immer, dass dieses Vordringen der modernen Wissenschaften von Menschen betrieben wurde, die zunächst auch immer nur ihre Sinne angestrengt hatten – in dem Sinne – wie ein „Sinn“ nur „Sinn“ macht, wenn es einen „Sinn“ gibt.

Mathematik und jede Abstraktion gründet in den Sinnen, die einen „Sinn“ geben innerhalb von Besonnenheit. Deshalb ist die Rede: Der Mensch könne sich seit der modernen Wissenschaft nicht mehr einfach so auf seine Sinne verlassen, ein sinnloser Stumpfsinn. Und bezogen auf die achso abstrakte und unsinnliche Atom-Bombe sogar eine Frechheit.

Bei der Sondierung abendländischen Denkens fällt auf, dass ein Mißverhältnis herrscht zwischen einer hochgradigen Verehrung gewisser Köpfe der Vergangenheit und Ihrem Ernstnehmen als Impulsgeber für Problemlösungen. So kennt jeder heute als Beispiel Albert Einstein, man weiß beinahe alles über ihn, man verehrt ihn, man zitiert ihn sogar, und er ist sogar eine Art Pop-Figur.

Wenn Einstein schreibt: „Probleme lassen sich niemals mit dem selben Denken lösen, das in die Probleme hineingeführt hat.“ – dann ist das doch bedenkenswert. Eine Inzucht-Warnung. Dann heißt das so viel wie: Probleme sind Folge von Denkmentalitäten und Methoden, die in allzustarker Wiederholung zu gewissen Inzucht-Deformationen geführt haben.

„Tradition ist das Überliefern der Glut und nicht der Asche.“

Zugeben, nach 1945- 1946 sah es so aus, oder es gab Gründe, keine Gluten mehr überliefern zu wollen. Das war einsehbar. Aber es ändert ja nichts daran, dass die Moderne im 20igsten Jahrhundert eine in ihrer Helligkeit nicht mehr zu überbietende Glut und eine Wut überliefert hat, die man schwerlich ignorieren kann.

Die Philosophie der letzten Jahrzehnte aber hat Asche geredet.

Deshalb bleibt ein großes Problem bis heute das große Originelle, das sich vor das Originale schiebt. Der originelle Schreiber, artikuliert originell, weil er sich als „originelles“ Individuum vor der „Leserschaft“ legitimieren muss. Er hat etwas „Neues“ zu bringen. Das heißt aber in Wirklichkeit, er produziert immer schon Asche, noch bevor er überhaupt die Glut oder die Wut oder den Mut der Überlieferung in seinen Text einlässt. Ironien sind Asche. Paraphrasen sind Asche. Syntaktische Löckchen sind Asche und schlechter Stil.

Sogar „Kenntnisse“ und angelesene Fakten sind Asche, solange sie nicht die Glut und den Mut der Überlieferung mit hinübertragen. Legitimität wird dann durch Pseudo-Neuheit (Originellheit) von Artikulation erkauft.

Zu einem sehr hohen Preis: Dem Aschedenken und dem Ascheschreiben. Deshalb werden „originelle“ Begriffe erfunden, oder „originelle Bezugsrahmen“,  die sich dann vor das Originale schieben. („ab origine“ – von Beginn an)

Selbst dort, wo man scheinbar rückbezüglich mit irgendeinem Homer-Zitat beginnt, bleibt das meiste im Paraphrasenkitsch eines „Philsophierens als ob.“

Das heißt, man redet in paraphrasenhaften „originellen Wendungen“ nur noch von der Asche – innerhalb der Asche  – aber man kommt innerhalb der Asche nicht mehr zur Glut, zur Kohle, zum Holz, zum Funken, ….

Warum hat das 20igste Jahrhundert Wittgenstein hyperventiliert und Schelling unbeachtet gelassen? Warum musste da ein „origineller“  Wittgenstein „neu“-reden, man hätte doch die Schelling-Schriften einfach nur mit den neueren Erkenntnissen der Relativitätstheorie und mit Goedel konfrontieren können…oder mit Adam Müller oder mit Aristoteles…aber gut…das sind so die Um-Wege..

Man generiert heute nicht viele Fans, wenn man sagt, dass Dichtung und „Philosophie“ der vergangenen 30 bis 50 Jahre – wenigsten hier im deutschsprachigen Raum eher im Bedienmodus von Simulation betrieben wurde; noch schlimmer der Gedanke, dass in den Simulatoren vielleicht selbst nur Simulationspuppen saßen, die man an Stelle von echten Philosophen und echten Dichtern in die Sessel der Simulatoren geschnallt hatte.
Die Sprache war diesen augenlosen aber stark vernetzten und verdrahteten Simulationspuppen ein Flugsimulator mit vielen bunten Knöpfen, die blinkten und piepten und flackerten. Und Ihre Hände aus Schaumgummi patschten in die Tastatur.
Und dann blinkte und fiepte es um so stärker. Aber niemand flog. Kein Phönix.

 Wirklich und höchstselbst und in echt – wollte niemand nach irgendwohin hinaus…

Also saß man (oder etwas) in den letzten 50 Jahren in Philosophie-Simulatoren und simulierte Philosophie, man saß in Dichtungs- und Poesie-Simulatoren und simulierte „Poesie“.  Niemand wollte sich auf das denk-sprachliche Apollo-Programm eines echten poetisch-wissenschaftlichen Erkenntnis-Unternehmens einlassen.
Na gut, aber Raumfahrtprogramme brauchen im Vorfeld auch die Puppen und die Simulation – Insofern: Alles richtig, alles gut.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Bewegungen vergangener Jahrhunderte auf monogenetische oder monothematisch Deffekte verweisen. Verurssacht durch eine mangelnde Einsicht in den dauernden Überlieferungsgang von Analyse nach Synthese.

Gut möglich, dass gewisse Konflikte in Zukunft stark beeinflusst werden von der Art und Weise, wie ein jeweiliger Kultur-Zirkel sein Verhältnis zur Überlieferung definiert. Deshalb kann man wohl sagen, dass immer dort, wo sich räumliche Fronten in „Gegenwart“ auftun, in Wirklichkeit noch etwas anderes vor sich geht: „Gegen-Warten“ sind Konflikte, in denen verschiedene Definitionen aufeinander stoßen und einen Streit über die Frage austragen, was eigentlich Überlieferung ist.

Zwei Reiche wechselwirken bis heute in Georg Büchners Stück Leonce und Lena. Das Reich Pipi (Lena) und ein Reich Popo (Leonce).
Jederzeit lesbar, damals wie heute, als fühlbare Allegorie für Kleinstaaterei.

Hatte Charles Percy Snow in den 50iger Jahren noch von „2 Kulturen“ gesprochen, muss man heute mindestens 85 Kulturen oder mehr annehmen.
Die Lage hat sich verschärft. Die neue Metternichzeit zeigt sich heute in einer Kleinstaaterei der Sprachen, Kulturen, Zeichen, und Codes..
Ebenso wie in den tausend kleinen Imperien eines Redens „als ob“.

Zu den schönsten aller wiederkehrenden Komödien der letzten 50 Jahren gehören 45 minütige Podiumsgespräche, nach-23-Uhr-Talks im Radio oder sogenannte „Arbeitsgruppen“, in denen „Künstler“ und „Wissenschaftler“ ein bisschen so tun, als interessierten sie sich für einander. Als sei das anliegende Problem irgendwie zu fassen, wenn man „mal so ein bisschen drüber redet.“

So gehört es seit Jahren zum guten Ton in Salongesprächen, wenn man als „Künstler“ hier und da Worte einstreut wie „Unschärferelation“ oder „Quantenphysik“ oder „Hirnforschung.“ Kann nicht schaden. Hört sich immer up to date an.

Ebenso kann es nicht schaden, wenn man als Wissenschaftler sich gelegentlich entzückt zeigt von einem „herrlich vielschichtigen“ Kunstwerk. Dann fühlen sich alle im Salon sehr problembewusst irgendwie und irgendwie echt auf der Höhe der Zeit – irgendwie.

Was dabei herauskommt: Esotherik im schlecht vernutzten, im schief gelegten Sinne des Begriffs. Dann sitzen Künstler und Wissenschaftler im Dunst imaginärer Räucherstäbchen auf einer mentalen Lamafelldecke in sprachlicher Yoga-Stellung (die grammatisch-syntaktischen Beine hinter dem Hals) und tauschen im 45 Minuten Talk An-Sichtssachen und Gelehrsamkeiten aus.

Die schlecht vernutzte, weil seit 200 Jahren schief verstandene Esotherik vernebelt als Denk-Gift die hirnforschenden Gehirne ebenso wie die quantenphysikalischen Poesie-Interessenten.

Die Unschärferelation* als das gern genommene Esotherik-Räucherstäbchen für
vernebelte Gesprächskreise und Arbeitsgruppen zum Thema Kunst und
Quantenphysik.

Deshalb zurück zu Leonce und Lena von Georg Büchner:

Reich Pipi und Reich Popo…was sind die beiden Reiche heute?

Reich Pipi Ort / Reich Popo Impuls

Reich Pipi Bumsdings/ Reich Popo Dingsbums

Reich Pipi Identität/ Reich Popo Zweifel

Reich Pipi Lyrik/Reich Popo Mathematik

Reich Pipi Vielfalt/ Reich Popo Statisitk

Reich Pipi Analyse/ Reich Popo Synthese

Reich Pipi Kunst/ Reich Popo Leben

Reich Pipi JA / Reich Popo NEIN

Reich Pipi Emphase / Reich Popo Extase

Reich Pipi von Dichter X / Reich Popo von Wissenschaftler Y

Reich Pipi Ansichtssache x/ Reich Popo Ansichtssache y

Reich Pipi von Philosoph X / Reich Popo von Philosoph Y

Liste kann vervollständigt werden.

Die größte Katastrophe – in der Literatur  – für die Literatur – ist der sogenannten  Literatur bisher erspart geblieben: Dass irgendjemand einmal auf die Idee gekommen wäre, die Einsichten dieser Literatur auf die Literatur selbst anzuwenden.

Leonce: „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“

„Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“

Die endgültige Definition für das rätselhafte deutsche Wort „Kitsch“:

KITSCH ist alles, das von Reich Pipi nach Reich Popo Zeichen generiert,
die mehr bedeuten wollen als eine Scheidung, die sich im Scheiden bereits selbst wieder neu die Heiratsurkunde ausstellt.

*Jeder normal denkende Mensch wird einsehen, dass die „Unschärferelation“ eine tautologische Formulierung darstellt, weil sie sagt, dass der „Ort“ und der „Impuls“ eines „Teilchens“ nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden kann. Demzufolge gibt es in der Natur keine zwei exakt gleichzeitigen Startpunkte für Bewegung.  „Gleichzeitigkeit.“ wird also prinzipiell ausgeschlossen.
Wenn aber prinzipiell „Gleichzeitigkeit“ ausgeschlossen wird, dann ist die Aussage der Unschärferelation tautologisch, selbstbezüglich und damit entweder unendlich sinnlos oder unendlich sinnvoll, ebenso wie das Konzept „Teilchen“.
Die Unschärferelation sagt dann: Einen „Ort“ gibt es prinzipiell nicht.
Wenn es aber prinzipiell keinen „Ort“ gibt, dann ist das Konzept
„Ort und / oder Impuls“ als Aussage hinfällig oder nichtsagend.

Niemand braucht mit großem intellektuellen Aufwand einen „Ort“ verneinen, den es nie gegeben hat. Oder anders gesagt: Man muss keinen Fisch mühsam ins Wasser tauchen, um ihm das schwimmen zu lehren. Man muss keinen Schneemann weiß anmalen, damit er schön weiß ist. Die Unschärferelation hebt sich als Aussage selbst auf. Deshalb kommt es zur „spukhaften Fernwirkung“ bei verschränkten „Teilchen“, weil „kein Ort“ soviel heißt wie:
Der „Ort“ (Impuls) ist dann überall.
Ich plädiere aus realistischen Gründen und weil es so schön ist, zu sagen: Seien wir doch mal realistisch. –  für die Option: Überall.
Wie unscharf sind die Sterne?

Sehr witzig, Herr Schrödinger...

Sehr witzig, Herr Schrödinger…

„Das Ding ist von innen geöffnet worden…“

Zeichen, Bilder, Striche, Bögen, Runen…Schrift.
Warum bewegen: Zeichen, warum bewegen: Schrift.

Schrift: Ein Zittern des Kosmos an der Hand eines Schreibers.
Der Aufschreiber  distanziert das mündliche Sagen  in das Zittern
und Flimmern seiner  Schreibfüßchen hinein ; zuckende Nadel
der Träger-Schallplatte; hin-und her webende Kreuzspinne, im Rad ihres Netzes, dem Gewebe, der Textilie, dem Text.

– Schrift ist: Um-Gehung des Mundes.

Die flimmernden Finger des Schreibers zittern die Zeichen auf ein Papyros, dem Meißel auf einen Stein, ein Papier,  eine Tastatur, oder technisch: in die elektronische Leiterbahn von Trägerschichten.

Schrift ist ein Kabel. Ein Stecker – ist Schrift.
Der photochemisch gedruckte Schaltkreis – ist Schrift.

Der Strom aber: keine Schrift.
Der Strom ist der Strom.
Die Thermik. Nahrung.

Nahrung. Was ist Nahrung?
Ist sie das Nahe, das nährt, weil es das NAHESTE ist?

NAHrung als Näherung. In der Verdauung. Ohne Um-Weg.

Nahrung kommt über die Haut, das Ohr, das Auge, die Nase, den Mund.

Es ist möglich, es könnte eintreten: dass ein Schrift-Werk überhaupt nichts mehr BE-deutet.

Nicht mehr als das, was immer schon da wa(h)r.
Deutlich wird es ganz.

Das Zittern und Zucken der Schrift-Hand kehrt dann wieder ein ins U(h)r-Sprüngliche. Die Schriftspur wird Flimmern, Pumpen, Flattern, Bäumen, Lidschlag, Herzschlag, Atmung, kriechende Welle und  Wehe, Knistern, Funkeln und Rauschen….

Zuckender Blitz.

Zeichen und Runen: Blitze.

Könnte man wirklich aufessen die Schrift, die Schriftrolle aufessen – dann würde die Philosophie, die Literatur, die geschriebene Sprache, jedwedes Zeichensystem aufgelöst und eingelöst. In dem sie wiedereinkehrt in die All-Bedeutung  – hier deutlich wird in der Deutlichkeit total – als NAHrung, die das Nahe ist.

Was in sich selbst ganz deutlich wird –  BE-deutet nichts mehr.

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos“ (Hölderlin.)

Das beträfe dann auch den Schreiber.

Er selbst BE-Deutet dann nichts – mehr, das heißt:
Nichts – mehr –  bedeutet er dann als das, was er – in jedem Moment – ist.

Keine BE-Deutung mehr und keine BE-Deutsamtkeit bräuchte es noch, wenn alles ganz deutlich würde.
Adresse und Absender ver-mählen sich.

Dann wirkt das S*AGEN.

Die menschliche Wirbelsäule war nie gerade.
Sie bleibt immer ein S, Sinus zwischen Reflex-Bogen und Beuge…
… Schrift-Rune der Natur.

Das S der Wirbelsäule – wenn man das zur Seite kippt,
sieht man eine Welle, gebäumt. Eine Flut?

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“

Der Schreiber und sein Leser waren lange Zeit Undeutlichkeitsdesigner.
Denn ganz und gar deutlich wäre nur das Zeichen selbst – an und für sich,
in seiner aus-sagenden Thermik, das Seyn selbst. Der Hauch?

Was.  War.  Ist.  Wahr. Gewesen.

Verdauung.

BE-Deutung ist das „Brot“ des undeutlichen Schreibers.
Ist der undeutliche Schreiber ein Näherer?

Solange er auslegbar bleibt, bleibt er BE-Deutsam. Vor sich selbst.
Und vor anderen. Das heißt zugleich: Er bleibt Frag-Würdig.

Gibt es den Undeutlichkeits-Spieler?

Dann ernährt er sich von BE-Deutung. Der Philosoph
ernährt sich davon, dass er nie ohne Nachfragen ganz klar wird.
Denn: Würde er ein für alle mal ganz deutlich und ohne „Wie bitte“ klar
werden, dann wäre er arbeitslos. Es gäbe nichts mehr zu er-klären.

Nichts muss mehr er-klärt werden, weil alles ganz klar ist.

So ist es. So. Und nicht anders.
Das fühlt sich kribbelig an, aber nicht schlimm.

So ist es. Klar.

Wenn man weiß, dass alles Reden immer nur ein um-das- ganz-NAHE
HERUM-Reden bleibt, dann muss man sich als Philosoph einen
anderen Job suchen. Die wortlose Wahrnehmung trainieren.

Es spürt sich, da könnte ein Übergang wirken, in dem philosophische Schriften
und literarische Bücher nichts mehr BE-deuten.

Wenn alle Undeutlichkeits-Spiele gespielt sind, dann beginnen die Variationen
und Versionen und Unschärfen und alle Nachfragen zu ver-wesen.

Das Interpretieren und das Auslegen, das Nachfragen… und jede Art der Exegese von Schrift, jede Art der Hermeneutik kehrt dann wieder in den Mund zurück. Es isst die Schriftrolle auf. Es verdaut und dauert –

Es wird total klar: Das All.

Nimmt Gestalt an.

specere, lateinisch: Das Sehen, das Schauen/

Die Spezialität – das deutlich Gesehene.

SPECIES: Das Geschaute/Die Gestalt.

Ein Nachfragen wie: „Habe ich das so richtig gelesen…?“
Oder auch: „Wie soll ich das jetzt deuten?“   –

– ist schon mit der Frage beantwortet. Die Frage war immer Teil der Antwort.

Es gibt nichts mehr zu BE-Deuten.

Wir sind ein Zeichen, deutungslos. (Hölderlin)

Wenn deutlich wurde, wie die zittrige Undeutlichkeit zum infinite jest der zittrigen Nachfrage gehört, das um der zittrigen Undeutlichkeit Willen gespielt wird, weil eine zittrige Schrift immer nur um den Mund herum reden kann, dann verwest alle BE-Deutung in der Deutlichkeit. Dann zittert –  nichts –  mehr. Oder alles –

– wird ein Beben.

Das wäre das Ende jeder Auslegung.

Man muss dann kein Zeichen mehr „lesen“ auf eine BE-deutung hin.
Dann SIEHT man die Schrift, als das, was sie ist: Chronische Species.

DEUTLICH.

(Was im Moment noch etwas schwer zu erklären ist: Man kann die ganze Welt als Zeichen lesen, ohne zu kommunizieren. Die Wahrnehmung. Eine entwickelte Intelligenz kommuniziert nicht mehr. Sie redet nicht mehr. Sie schreibt nicht mehr auf. Sie nimmt wahr. Sie tauscht keine Zeichenvorräte mehr hin und her. Sie ist an-wesend. )

Vielleicht wäre das die kürzeste Erklärung für Schrift,
solange sie noch etwas BE-deutet:

Schrift ist Chronik.

Wenn aber das k am Ende der Chroni-k wegfällt, dann ist sie das Chronische selbst, der Cronos…

Dann wäre die Schrift wieder Flimmern, Pumpen, Schlängeln, Herzschlag. Die Vokale und Konsonanten als Blitz und Donner. Systole, Diastole als Hebungen und Senkungen…auf der See.

Die Hand des Schreibers wiegt sich hin und her.
Die Augen des Lesers wiegen sich her und hin.

Waage. Welle. Wiege. Wie auf einem Wasser.

Die See – sehen. Darin das Auge sich senkt.

Und wieder hebt. Und wieder senkt.

Die Zeilen: Sind Wellen. Die Zeichen: Gischt.

„Masern des Holzes. Wogen wie Wasser…“ (Uwe Greßmann.)

Ge-Bäumt. Gebogen. Gewogen.

Entry – Re-Entry…

Der Mund ist von innen geöffnet worden.

Running on Ockhams Katana

Das Ding hat den Lagrange-Punkt L 3 erreicht.

Es gegen-wartet in ihm.

Same des Ahorns
Flügel im Anfang der Welt
Wirbelnd geht sein Fall

Der Thermische Kondor (Nach Albert Einstein)

Nur was schwer ist, kann auch schweben.

Was sich nicht wiegt, wird auch nicht fliegen.

Gedanken zu einem eye-genartigen Universum. (Für Albert Zweistein.)

1. vorgeschaltete Frage:
Ein Mensch, der  – wie man sagt – ein Ziel ins Auge fasst, dass er erreichen will, zum Beispiel einen Stern, muss dieses Ziel dauernd er-innern – damit er es  – wie es dann heißt:  „nicht aus dem Auge verliert.“

Ein Ziel erreichen wollen heißt: Das Ziel dauernd er:innern. Der Mensch erinnert sein Ziel, das er erreichen will. Wenn er aber das Ziel – dauernd erinnern muss – um es zu erreichen – liegt das Ziel dann in der Vergangenheit oder in der Zukunft?

Ein Astronom, der – mit dem Vorsatz –  einen Stern zu beobachten, an sein Teleskop geht, steht vor einem philosophischen Problem: Da sein Beobachtenwollen sein Vorsatz ist, müsste der Stern für ihn die Zukunft sein.  Als Astronom aber weiß er, dass er „in Wirklichkeit“ (oder angeblich) nur die Vergangenheit des Sterns sieht. Er sieht den Stern so, wie er z. B. „vor 3000 Lichtjahren“ war. Schaut der Astronom die Zukunft oder die Vergangenheit?  Woher weiß die „Vergangenheit“ des Sterns, dass sie  „in Zukunft“ von dem Astronomen beobachtet wird? Woher kennt der Astronom den Stern? Woher kennt er das Teleskop? Kennt er das Teleskop aus der Erinnerung oder aus der Zukunft?


2.  Frage:

Wenn ich einen Menschen – zum Beispiel –  in 100 Metern Entfernung sehe,
dann sage  ich: Der sieht aber ganz schön klein aus.
Wenn ich zu dem Menschen hingehe – mache – ich den Menschen größer.
Das heißt: Ich MACHE einen „Unter“-schied zwischen klein (vorher weit weg) und groß (nachher nah dran)  In dem ich zu dem Menschen hingehe, wende ich Energie auf  – oder auch eine gewisse Zeit  – oder einen Weg.  Ich MACHE einen „Unter“schied.

Eine allzuschnelle Antwort lautet hier immer: Der Größen“unter“schied
auf Entfernungen sei eine „optische Täuschung“. Hier darf man sich fragen, ob das wirklich so ist, ob das kosmologisch korrekt gedacht ist. Ob die Annahme einer optischen Täuschung den TATsachen entspricht?
Oder vielmehr: Was ist eine Täuschung? – wenn doch Täuschung  im Wortsinne auf einen TAUSCH verweist.

Sind nicht alle „Unter“schiede und „Unter“scheidungen geMACHTE Unterschiede, die mit einem Energieverbrauch oder mit einem zeitlichen oder technisch (dauernden)  Aufwand sich ver-GLEICHEN. – ?

Ist nicht jeder Unterschied, den ich „feststelle“ immer ein ge-machter Unterschied, der mit einem Energie – oder Zeitaufwand vertäuscht ist?
Oder mit einem UNTER-WEGS-SEYN?

Und: Sind nicht alle Größen – und Massenverhältnisse im Universum in einem ge-machten Sinne aufeinander bezogen – in einem PROZESS des DAUERNDEN VER-GLEICHS – in der Rotation? (Bogen/Beuge) – ihrem UNTERwegs-SEYN?
In einem Ab-TAUSCH.

Wenn ich ein Fernglas benutze, anstatt zu dem Menschen hinzugehen, dann benutze ich nicht einfach nur ein Ding. Ich „benutze“ eine lange lange
Evolutionsgeschichte, die bis zu meinem Entschluss und dem „Gerät Fernglas“ –
g e r a t e n  ist.
Bescheidener: Die Evolutionsgeschichte „benutzt“ mich. Wenn mir „eingefallen ist“ – dass ich ein Fernglas benutzen kann, dann habe ich das Fernglas „erinnert“. Wenn ich zu einem Fernglas greife – kommt das Fernglas aus der Vergangenheit (meine Erinnerung) oder kommt es aus der Zukunft auf mich zu?

(Die Tatsache, dass ein Fernglas auch verkehrt-herum benutzbar ist, so dass die Dinge in die Ferne rücken – kann in einem vertäuschten/vertauschten Sinne auch darauf verweisen, dass die SCHAU der Welt insgesamt tauschbar ist. )

3.  Frage:

Wenn ein  hypothetischer Zeitreisender in die Vergangenheit reist, um seinen Groß-Vater zu ermorden, noch bevor der die Großmutter kennengelernt hat,  dann gilt dieses Paradox bis heute immer als „kniffliges Problem“ zum Thema Zeitreisen.

Wirklich knifflig aber ist  ein anderes Problem: Wenn ich in die
Vergangenheit reisen wollte mit dem „Vorsatz“, meinen Großvater zu töten, dann würde ich ja einem „Vorsatz“ folgen, der auf ein Ziel gerichtet ist.

Liegt das „Ziel“ meiner Reise dann in „meiner“  Vergangenheit oder in „meiner“ Zukunft?

(was ist eigentlich mit den vielen Blumentöpfen und Ziegelsteinen, die den Großvater nicht erschlagen oder nur knapp verfehlt haben? Waren all diese nicht heruntergefallenen Blumentöpfe und  danebentreffenden Ziegelsteine „freundliche Boten“ aus der Zukunft meines Großvaters?)

4.  vorgeschaltete Frage:

Warum verbrennt eine geknüllte Papierkugel in einem Ofen langsamer als das lose Blatt vom selben Papier, wenn es ungeknüllt bleibt?
Hier kommt oft die allzuschnelle Antwort: Die geknüllte
Papierkugel brennt über die Zeit betrachtet „kühler“ – und deshalb „langsamer“.

Das beantwortet aber nicht die Frage, was das eigentlich bedeutet.

Denn „kühler als“ und „langsamer als“  sind Aussagen in einem Vergleichs-Prozess, denn die Zeit, in der die ge-gnüllte Kugel langsamer verbrennt, kann mit einem Weg verknüpft werden, der irreversibel ist.  Zum Beispiel ein Fluchtweg!

Was also bedeutet das Verhältnis kühler – langsamer/heißer – schneller? – Was bedeutet das kosmologisch – bezogen auf die Form und die Dauer – und bezogen auf Wege ebenso wie auf Entfernungen?

5. vorgeschaltete Frage:

Die Lichtgeschwindigkeit wird mit Metern pro Sekunde angegeben. Wenn aber in einer beschleunigten Rakete sowohl die Längen sich verkürzen bzw. die Zeit sich verlangsamt (Längen-Kontraktion bzw. Zeit-Dillatation) woher wollen wir dann wissen, was ein METER und eine SEKUNDE , eine ZAHL  oder ein GRAMM in diesem Universum „objektiv“ – ist?
Da jeder „Beobachter“ in diesem Universum bogenförmig in einer Beuge oder in einem Bogen (Kreisbeschleunigung) sich befindet – was kann er dann noch über METER oder SEKUNDEN aussagen?  Zumal das Universum sich dazu auch noch beschleunigt dehnt? Was ist die EINS oder eine ZAHL,  ein METER oder eine SEKUNDE objektiv? (Gödel- Einstein – Disput: bis heute einfach unter den Tisch gewischt.)
. . .

Einstein war ein toller Naturwissenschaftler. Seine Entdeckungen gründen in einer philosophischen ErWÄGUNG. Dem Äquivalenzprinzip von Ernst Mach. Albert Einsteins ErWÄGUNG zur Äquivalenz war ein VER-GLEICHS-PROZESS in einer denkerischen Imagination. (Die Betonung bei Vergleichsprozess muss immer auf Prozess liegen.)

( Wortverwandtschaft equilibrium/äquivalenz)

Einstein konnte überhaupt nur deshalb zwei bewegte Beobachter sich imaginieren, weil er selbst ebenfalls bewegt war – thermisch kreisend durchblutet.

Einstein musste die Maxwell-Funktionen ER-INNERN.

Kommen die Maxwell-Funktionen aus Einsteins Zukunft oder aus Einsteins Vergangenheit?

Die beiden Relativitätstheorien sind richtig, insofern sie „funktionieren“.
Aber eine Funktion muss doch immer wieder neu funktionieren.  Sie muss – dauernd – funktionieren – in einem dauernden VER-GLEICH(S-Prozess).

So wird sich in den nächsten Jahren erweisen, dass alle sogenannten Naturkonstanten sich ständig abgleichend im Strom des Bewusstseins als ein Verhältnis zum  thermischen Bogen des Alls selbstadjustieren  – so – wie ein Wirbel in einer Strömung sich immer „selbstadjustiert“….und bewegend nach vorn rollend stabilisiert. Diese Selbstadjustierung macht „Konstanten“.

Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit – ist gültig für ein Bewusstsein, das in einem bestimmten Verhältniss/Vergleichs-Prozess aus der DAUER evolutionär hervorgewachsen ist.

Heidegger sprach einmal vom „Hüten des Seyns“. Aber dieses Hüten kann als aktiver Prozess gesehen werden, wenn man weiß, dass eine Herde zum Beispiel von einem Hüte-Hund immer umkreist werden muss, damit sie beieinander bleibt. So ist unser Bewusstsein der kreisende Hüte-Hund unserer Naturkonstanten.

So auch der thermische Kondor, der in der Luft seine Kreise zieht. Ziehen muss. In diesem Kreisen – hütet – und be-wacht – der Kondor das SEYN.
Der thermische Kondor hütet – das Seyn.

In dem der thermische Kondor steuert, bewegt er sich – kreisend. Aber indem er sich kreisend bewegt, bewegt er zugleich die Strömung – und damit sich selbst und die ganze Welt.

Wa-herum kann sich der Kondor kreisend stabilisieren?
Eben deshalb, weil er sein GEWICHT in die ER-WÄGUNG mit der STRÖMUNG  bringt!

Wäre der Kondor ohne Gewicht, er könnte nicht kreisen, nicht fliegen.

Der thermische Kondor be-wacht das Seyn. Er ist zugleich sein eigener Wächter, das kreisend sich Hütende und die zu bewachende Welt.

Jede Mathematik, auch die komplexeste Mathematik, lässt sich zurückführen auf und beruht in ihrem Wesen auf dem BOGEN (Flexion) und der BEUGE (Re-Flexion) In einem thermodynamischen Vollzug. Den (konstruktiven) Vollzug aber  kann sie immer nur in einem zeitlichen VERZUG  zur DAUER leisten.

Wenn ein Mathematiker Mathematik benutzt, kommt sie dann aus der Erinnerung oder aus seiner Zukunft?

Ein Gehirn oder ein Rechner rechnet entweder VOR oder er rechnet NACH.  Keine Mathematik der Welt aber rechnet synchron im echtzeitlichen Vollzug der Entropie. (Dauer) Diesen Vollzug kann nur das poietische (handelnde) Denken leisten. Das wäre der Moment, in dem die Philosophie in der Wissenschaft aufgeht. Eine Vermählung, die beide verändert. Oder anders gesagt:
Die Hochzeit von Ge-Denken und Physik.

Hausaufgaben für die große Sommerpause.

. . .

Der Kondor und das Mädchen.
(„Andenmärchen“, Dietmar H. Melzer, idime Verlag, ISBN 3-924026-13-0, Seiten 27-33)

Kleider werden von Frauen gefertigt. Doch der Mann macht die Schuhe. Sogar wenn er Diener hat, bindet er selbst für sich und seine Familie Leder und Wolle zu einem haltbaren Schutz für die Füße zusammen. Ein Bauer, der vor einiger Zeit am schäumenden Urubambafluß wohnte, war nicht so fürsorglich für seine Familie. Frau und Tochter gingen meist barfuß auf Weide und Feld. Eines Tages zog die Tochter mit der Lamaherde wieder einmal in die Berge. Felskanten und das scharfe Schallakagras verletzten ihre Füße dermaßen, daß sie bluteten. Ein Mann in einem schwarzen Poncho kam ihr entgegen. Mitleidig schaute er sie an.

„Du mußt große Schmerzen haben“, sagte der Mann.
„Oh, ja“, antwortete das Mädchen. „Aber ich kann nichts dagegen tun. Mein Vater hat mir keine Schuhe gegeben.“
„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Doch als sich ihre Sehnsucht erfüllte, spürte sie, daß sie flogen. Der Mann hatte sich in einen Kondor verwandelt und trug seine Geliebte in seinen Horst über der Schlucht. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, ging der Bauer sie suchen. In den Bergen fand er nur die unbewachte Herde. Voller Sorge führte er sie in das Tal zurück. Dem Mädchen in dem Horst ging es sehr gut. Der Vogel brachte ihr köstliche Speisen, zartes Fleisch von Meerschweinchen oder in Blättern gebackenen Mais. Er verwöhnte sie auch mit glitzernden Steinen aus dem Inneren der Berge. Einmal brachte er sogar farbige Muscheln aus dem grauen Meer mit. Nach einem Jahr gebar sie ein Kind. Doch war sie nicht glücklich. Ihr fehlten die Eltern, das Haus und die Herde. Auch die Freundinnen aus dem Ayllu vermißte sie sehr. Mit Heimweh im Herzen schaute sie in die Ferne, wo das vertraute Dorf sein mochte. Da gewahrte sie einen Kolibri, der zufällig vorbeigeflogen kam. „K´enti!“ rief sie. „Geh zu meinen Eltern und sag ihnen, wo ich bin!“

Der Kolibri ließ sich von ihrer Stimme rühren. Er flog zu den Bauersleuten im Urubambatal und brachte den gramgebeugten Eltern die Nachricht von ihrer Tochter. Unverzüglich wollte der Bauer mit anderen aus dem Dorf in den Horst steigen, um die Tochter zu befreien. Aber der Kolibri sagte: „Fangt zuerst zwei Kröten. Die legt ihr dem Kondor in das Nest. Ich will ihn damit täuschen.“

So geschah es. Die Leute fingen zuerst zwei Kröten und machten sich mit ihnen auf den Weg in die Berge. Behutsam schlichen sie sich an das Lager des Kondors heran und konnten die Tochter des Bauern und ihr Kind befreien. Ins leere Nest legten sie die zwei Kröten.

Der Kolibri indessen flog zu dem Kondor und erzählte ihm eine traurige Geschichte: „Ein böser Zauber ist über uns gekommen. Frauen und Kinder verwandeln sich. Deine Frau und dein Kind sind Kröten geworden.“ Ungläubig flog der Kondor in seinen Horst. Er fand tatsächlich nur noch zwei Kröten vor. Einsam zog er über der Schlucht seine Kreise. Doch anstatt nun für seine Tochter zu sorgen, schickte der Bauer sie wieder barfuß auf die Weide. Mit blutenden Füßen hütete sie die Herde. Und eines Tages kam jener Mann im schwarzen Poncho und schaute sie mitleidig an.

„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Wie damals erfüllte sich ihre Sehnsucht, und der Kondor trug sie in seinen Horst zurück. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, wußte der Bauer, wo er sie zu suchen hatte. Im Morgengrauen des nächsten Tages ging er mit allen starken Männern des Ayllu in die Berge. Sie hatten sich mit der Kriegskeule bewaffnet und sangen zornige Lieder. Doch als sie am Horst ankamen, hielten sie ein. Die Tochter des Bauern konnten sie nicht mehr befreien. Sie hatte inzwischen Flügel bekommen.

Labornotizen:
Antimaterie. Gegenmaterie…  („Gegen-Energie“ War Energie nicht immer Bewegung? Die Sprache spricht. Ein symmetrisch halluziniertes Glasperlenspiel. Sehr putzig.

Hier liegen überall Zettel herum mit Zitaten, wie Steine, die auch immer überall he-rum – liegen.

„Chramer, gip die varwe mir,
Krämer! Gib die Farbe mir, 
die min wengel roete,
Meine Wangen rot zu malen…“

„Sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, womit Sie es zu tun haben.“

„Big things have small beginnings.“

Ich müsste den Tisch aufräumen.

Hier noch eins:

„Sie haben mein Mitgefühl.“

So viel Papier überall.

Juli 2012
 

Erlkönig Postscriptum Kleist

Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Werke für die deutschsprachige Literatur eine Art idealen Vergleichsprozess bereitstellen in der Schub-und Strömungs-dimension von Sprache.  Soll heißen: Im Verdichungs-Prozess ihres physischen Triebwerks.

Die deutsche Sprache spricht von der Physis her, aus der Physis heraus, sehr
undiplomatisch und direkt; eine Pferdesprache, deren Aletheia ganz direkt am zuckenden Muskel sitzt, ohne Spalt, ohne Maske, dicht aufliegt am Fleisch der
Be-Wegung.  Das Deutsche, gut geritten, lässt keinen Platz  und keine Zeit für ein „Wie bitte?“

Man sitzt nicht in der deutschen Sprache wie in einer Kutsche, man reitet diese Sprache, und zwar ohne Sattel und Bügel geschmiegt an den heißen Rücken ihres Ge-Horchs.
Mit Kleist kann man erleben, wie die Schenkel beim Reiten dieser Sprache immer mehr hineinsinken in die Flanken des Pferdes, so mit ihnen verschmelzen,
der Reiter duckt und drückt sich immer dichter an den Rücken, wird dicht und dichter mit dem Tier, versinkt in ihm, beschleunigt weiter , duckt und drückt sich  und verschwindet so beim Reiten ganz in dem Pferd der Sprache, wird selbst ganz Fleisch, ganz Muskel, ganz Atem, ganz Rückrad, ganz Wind; da ist dann überhaupt kein Spalt mehr zum Lügen oder zum Flirten oder auch nur zum Zwinkern, kein Zwischenraum mehr für die Charmance – da, wo so gerne ein entlastend Zweideutiges  hin und her klappern  würde, im Spalt zwischen Wahrheit und Lüge –  das alles reitet sich und dichtet sich mit Kleist ganz  hinein ins Fleisch der Bewegung, der Zwischenraum schließt sich, kein Klappern mehr, es drängt und dichtet sich – sprechend – vollständig hinein in die Muskeln und den Schweiß der Spur  und der Sprünge; die führen den Leser in die Verdichtung,  in einen Sektor wo die Alternative „Dichtung und Wahrheit“ nichts mehr gilt,
nur noch Atem, das Rennen, der Muskel, Durchblutung, Puls – Geh! Geh! Geh! eben das, was die Sprache ist, wo sie herkommt, vom Körper, von der Wirkung, von der Technik der Natur – im Dichtwerden und Dichterwerden im Wahrheitwerden der  Geschwindigkeit in  Strömung erreicht sie dann beinahe wieder schnaufend, atmend, ihren wiederstummen Grund.

Da wittert der  Eros der deutschen Sprache. In ihrem Vorwärtsdrängen, das den Reiter mit dem Pferd verdichtet  zur Einheit der Funktion von Bewegung, Richtung und Lauf. Da hat die deutsche Sprache ihren Speed, ihren Sex.

Die deutsche Sprache eignet sich  deshalb gerade nicht für die  „sexuelle“  oder „erotische“ Schrift.  Sie redet auch nicht „vom Sex“ und „über Erotik“. Eben weil das Deutsche eigentlich – in seinem Innern – keinen Maskenspalt zur
BE-Schreibung offen hält.  Die deutsche Sprache i s t  der Eros. Sie nimmt umweglos Teil an ihm. Sie beisst und zittert und wittert und reitet sich biss ins Universum hinein.

Deshalb macht sie das Philosophische im Deutschen so stark.
Weil das Denken und das Philosophieren im Deutschen  nicht trocken ist, sondern wirklich physisch, pochend , nass und heiß durchströmt. Dampfend.

Den ironischen Reiter schüttelt sich das Pferd dieser Sprache vom Rücken,
wirft ihn ins Läppische ab.

Weil die deutsche Sprache selbst zu dicht am Fleisch, an der Atmung, am Muskel sitzt. An der Technik der Natur – deshalb ist da auch kein Platz für Ironie.

Kleist ist heute deshalb im Inter-Esse, weil er einen Vergleichsprozess stellt, mit dem man das Kutschieren, das  Stolzieren erkennt, das Stil-Pinseln, das Porzellanmalen der deutschen Sprache so gut erkennen kann, all das, was einem angelernten oder angefühlten Salon- und Kommunikationskanon hinterherfuchtelt.

Das All-Ein-Werden mit dem Pferd der deutschen Sprache aber, beim Ritt in der Aletheia, mit der Aletheia, verbietet jede Atitüde. Ein wirklich guter Reiter, und hier ist gemeint ein wirklich guter Reiter, muss nicht nur sein Handwerk vergessen, zudem auch  noch sich selbst. Ein wirklich guter Reiter sitzt zwar auf dem Pferd, aber  er sitzt dort nicht wirklich, er wird zum Pferd, er ist das Pferd, er verschwindet im Pferd und mit dem Pferd  und dichtet sich an den Hals heran, in den Düsenhals hinein, zur ernsten Frage seines Warum. Davon erst kommt sprachliche Bewegung. Das erst macht Dichtung. Als Ver-Dichtung. Das gibt ihr den Bumms. Er vergisst sein Reiter-Sein. Das Pferd der Sprache vergisst ihn und macht sich mit ihm –  in ihm –  auf den Weg ins  Reich des SAGENS.

Wer so reitet, dem stirbt auch nicht das Kind.

Die Sprache ver-gessen, das hat Kleist gemeint.

Ein Mensch – hält keine Hand.
Ein Mensch hat – eine Hand.
Seine Hand ist all-ein.
Diese Hand braucht keine Handpuppen mehr,
keine Hütchen, Symbole oder Metaphern.

So hat der Mensch auch die Sprache.

Er hat die Sprache als Hand.
Er hat sie nicht als  Krankheit oder Hautausschlag.
Er „trägt“ die Sprache auch nicht wie ein Hütchen,
und er „spielt“ sie schon gar nicht „wie “ ein Instrument oder „als ob“ sie ein Instrument wäre.

Das eben berührt auch den Begriff der Grazie, so gemeint von Kleist.

Die Grazie, die einer  Bewusstlosigkeit bedarf oder: aus einem Verschmelzen und Sichhineinlassen mit dem Ganzen der Aletheia das totale Bewusstsein wenigstens ab und zu berührt. Nicht immer, aber manchmal. Im ALL-Ein-Sein.

Aber ein  kulturelles Millieu, das mit „Ästhetik-Begriffen“ fuchtelt oder mit
Stil-Pinseln  in Phantasieräume hinein fummelt, macht es graziösen Texten ganz  schwer.

Wirklich graziös ist heute nur noch – manchmal –  der aktuelle Mensch selbst, wie er in Gegenwart über eine Straße läuft, wie er eine Einkaufstüte packt, in einem  Zimmer steht oder auf dem Bett liegt – und graziös ist beinahe jedes Gerät wie zum Beispiel das Hubble-Teleskop. Oder ein Space-Shuttle, wenn es in den Himmel steigt. Das hat die selbe Grazie wie ein Mensch.

Wem einmal ein Ohr für das Ge-Horch der eigenen Sprache gewachsen ist,  für ihren Ritt im kosmologischen Muskel, dem wird dieses Ohr sofort empfindlich,  schon wenn er  ein  Wort hört  wie „Roman“  oder „Gedicht“ oder „Short-Story“ oder auch nur  das Wort „Literatur“.

Gute deutsche Texte findet man heute entweder in älteren Texten der  Philosophie, in sehr konkreten Reportagen oder sehr oft auch zwischen
den Seiten eines aktuellen wissenschaftlichen Fachbuchs.

Manchmal sogar in einfachen Gebrauchsanweisungen: „Nehmen Sie den Untersetzer. Fassen Sie ihn links vom Griff an. Schrauben Sie ihn ab. Achten Sie auf die rote Markierung. “ Das sind gute deutsche Texte. Das ist der Sex der deutschen Sprache. Ganz ohne „Wie-bitte?“

Sehr graziös sind auch viele physikalische Sachtexte oder Vorträge, sogar wenn sie aus dem 19. Jahrhundert kommen. Weil man hier selten bis gar nicht von Autoren oder Dichtern belästigt wird, die „Literatur“ produzieren oder besonders originell schreiben wollen, vielmehr an einer Sache dran sind, von einem wirklichen Problem geritten werden, darin einer Warum-Frage ge-horchen, in einem wirklichen INTER-ESSE.  Genau deswegen dann zum Teil sehr aufregende Texte produzieren – weil die Sprache hier plötzlich wieder bewusstlos wird und damit graziös. Die Sprache wird geritten von einer physischen Frage und nicht umgekehrt.

Der Physiker Gustav Kirchhoff zum Schwarzen Körper wäre so ein Beispiel. Oder viele Texte von Planck, Ernst Mach oder auch Boltzmann, auch wenn das schon etwas länger zurückliegt.

Was in den letzten Jahren  an „deutscher Literatur“ sich zeigte, soweit ich das, selbstverständlich  ganz subjektiv, in Buchhandlungen gelegentlich müde blätternd, zu Kenntnis nehmen durfte, kam mir  – manchmal, oder: nicht selten, ehrlich gesagt: meistens, vielmehr: fast immer –  irgendwie verklemmt oder verstolpert vor. Es wird stolziert, es wird gekutschert, es wird mühsam paradiert, es wird getümelt, es wird verziert, es wird kopiert, es wird gedrechselt, es wird herumphantasiert, es wird gefenstert, es wird künstlich dramatisiert, es wird hilflos herumgestochert in irgendwelchen „Einfällen“ oder „Sujets“.

Aber kaum einer reitet in einem schönen Pferd.

(Besonders quälend wirkt es,  wenn Physiker am Bachmannwettbewerb teilnehmen und dort „Romane“ vorlesen, wo doch ihre Fachtexte so viel spannender sind.)

Die verklemmten Masken der literarischen Ironie, von denen auch Philosophen nicht mehr lassen können, gehen einem im Deutschen genau so auf die Nerven wie die verklemmten Masken von klassizistelnder Sprachformung  oder das nicht eben sehr tiefsinnige Wortgeknautsche und der Mikro-Zeilenzerbuch von  Lyrik.

Aber das alles kann, selbstverständlich, ja,  auch ein ganz falscher, ein ganz subjektiver Eindruck sein. Das Leben lebt von der Abwechslung und von der Vielfalt. So gesehen  – ist darin wieder alles enthalten und bedacht.

Aber Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Dichtung einen Vergleichsprozess bereitstellt, so ähnlich wie die Carmina Burana. Ein Vergleichsprozess, der hilft, den Verdichtungs- und Schubprozess  von Sprache zu dimensionieren oder einzuschätzen. Man könnte beinahe sprechen von einem Instrument für objektive, wissenschaftliche Literaturkritik.

Prost.

Nostromo

Als wäre die Zeit,
als käme einmal die Gelegenheit,
als sollte man sich Gedanken machen,
als müsste man vorbereitet sein,
als könnte man sich wenigstens – ein bisschen –

– darauf einstellen –

– als läge es in der Luft –

– eingestimmt zu bleiben auf die Frage:

Wie riecht ein Alien?

Wie riecht das für uns?

Was ist sein Geruch?

Wenn man in einen Nahbereichs-Kontakt
mit einem, nennen wir es mal: unheimlichen Wesen –

käme –

sollte man nicht die psychische Belastung
unterschätzen, den davon ausgelösten Stress,
dem man ausgesetzt –

– wäre

gegenüber einem Wesen,
das uns geruchs-wesens-mäßig

– NEU ist.

Hier hätte man sich einzustellen auf – das Fremde?

– das wirklich fremd ist.

Das wirklich Fremde?

Das Allerfremdeste?

Von den Geräuschen noch gar nicht zu reden.

Vorgestellt wird hier nicht ein besonders unfreundliches

oder gefräßiges
oder hungriges

Alien

das mit einem Anliegen aus dem Nahbereich –

– im toten Winkel hinter unserem Nacken

an uns herantritt – witternd –

in einer zehntel Sekunde
als besonders – unhöflich uns gegenüber –

– sich zeigt als kulinarisch nur ein BISS-CHEN interessiert –

Vorgestellt bleibt die Frage,
ob man mental verwinden könnte
den fremdneuen Geruch

bei einem ganz freundlichen Alien.

Die Fremdheit, mit der man es bei einem Nah-Bereichs-Kontakt

„zu tun bekäme“

scheint vorstellbar nur als Schock
oder schwerste Irritation.

Er, Sie, Es käme aus einer anderen Erinnerungsgeschichte
Vielleicht nur ein biss-chen verschieden, aber immerhin….

…darauf sollte man vorbereitet sein, wie so etwas riecht.

Ein solches Wesen würde vielleicht –

– aus Höflichkeit

um sich herum verbreiten
den Geruch von Erkältungssalbe.

Kampfer, Minze, Eukalyptus, etwas Alkohol, Kamille –

– zum Beispiel.

Piment…

Aus Klugheit.

Es will uns nicht erschrecken.

Aber schon, wenn da mittendrin noch etwas

anderes – plötzlich –

– hervor röche –

sagen wir auf die Entfernung von einmetersiebzig –

– ganz überraschend ein bisschen Ozon,

uns vertraut von Farb-Kopierern
auch in Funkenstrecken manchmal
wahrnehmbar –

– würden wir mehr als nur unruhig.

Dabei wäre Ozon noch harmlos.

Nicht auszudenken bleiben die Gerüche,
die man sich nicht ausdenken kann, eben

– weil man sie sich nicht ausdenken kann –

– würde unser Gehirn womöglich Zuordnungen konstruieren.

Indem es meint:

„Hefekloß an Aluminiumspänen.“

Beunruhigend bleibt dann aber,
die Entfernung von Einmetersiebzig

auf der man es riecht.

Auch noch in drei Metern. Deutlich.

Eine wirklich andere, deutlich neue Geschichte.

Später dann, ja, wird man immer leicht sagen können:

Das ist dieser typische Aliengeruch,
Mischung aus frischem Brot,
ausgeglühtem Motorblock, Ozon
und Erkältungssalbe…

….oder so ähnlich.

Man wird sich dann nicht mehr erinnern wollen –

wie schockiert man Anfangs gewesen war

als das alles zusammenkam erstmalig

Wie man – ein bisschen – gezittert hat –

– bis ins Herz.

Am Versionenbeschleuniger: Das Kogniversum

VERSO, lateinisch: herumwälzen, hin-und her-wälzen.
Entropie, griechisch: hinein-drehen – um-wandeln.
Peristaltik, griechisch: herum-stellendes In-Gang-bringen…
Um, deutsch: umherspringen, herumfliegen, umgreifen, umbiegen, umarmen, umstellen, umzingeln, herumstreiten, umbiegen, UM-WANDELN

VERSO, lateinisch: umwälzen, hin-und her-wälzen.

Guten Tag,

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.
Es ist egal welchen Stern man wählt,
weil jede Wahl passt und immer die richtige ist.

Willkommen im Kogniversum.

Das RINGEN UM Fassung.

Wa-rum-Fragen.
Wa-rum sind wir so nackt? Wa-rum wirkt die Wirk-lichkeit so nackt?
Wirklichkeit- das um-wirkte, wirkende, umwirkende,
der gesponnene gewirkte Faden,
der Faden vor allen Texten, Texturen, Textilien.
Das WIRKENDE —aus dem erst jeder Faden – umwirkt ist und kommen kann.

Der umwirkte Faden, der noch gar kein Text ist, keine Textur, keine Textilie.
Noch gar kein Kleid.

Erst im UM-FASSEN – der UM-FASSENDEN und UM-RINGENDEN DAUER wird aus dem WIRKEN der Faden des gewirkten WIRKENS
Er wird umwirkend geDICHTET. Ein-WIRKEND.
Er DÄUT.
Und erst danach und daraus – dann – eine Textur – eine TEXTILIE
Ein Kleid. Und erst danach ein TEXT.

Das um-wirkende – DÄUEN der WIRKLICHKEIT – das nie gerissen war –
und nie reissen kann und reissen wird.

Das UM-WIRKENDE der WIRKLICHKEIT kann nicht reissen.
(Deshalb sind da auch keine Quanten in WIRKliCHKEIT.)

(Nein, String-Theorie, Du bist es auch nicht. Denn auch deine Strings
sind ja gerissen – also tot. Strings gibt es ab jetzt nur noch als String-Tangas. )

Das WIRKENDE war nie gerissen. Das WIRKENDE reisst nicht.

Deshalb WIRKT das WIRKENDE so nackt.
Weil der Faden für alle Texte,
der Faden für alle Textilien
und alle Kleider an allen Kaisern
immer erst UM-WIRKEND – WIRKEN muss – Be-WIRKT- was er wirkt.
Gewirkt worden war. In der Wirk-lich-keit.

Erst das Wirken des nie abreissenden Fadens.
Danach und daraus – dann – kommt die Textilie, das KLEID
der TEXT. Der Stoff.

Die entropische Hierarchie der Dauer. Des vorher/nachher.

Erst die Gestirne – daraus die Stirn.
Erst das Befeuern – darin die Glut.
Erst das Umwinden – darin Gehirn.
Erst das Erbrühten – daraus die Bruht.

Erst das Schlagen. Davon der Schaum.
Erst das Schäumen. Darin der Saum
Erst das Umsäumen. Darin der Raum.

Erst ein Wittern. Darin Gewalt.
Erst ein Senken. Darin die See.
Erst ein Wälzen. Davon die Welle.

Erst ein Umwehen. Davon das Weh.

Erst das Umzingeln. Darin die Zelle.
Erst das Umwallen. Darin der Wille.

Erst das Erwägen. Davon die Wucht.

Erst ein Umwuchten – davon die Wand
Erst ein Ersuchen – darin die Sucht.

So räumt die Welle. So wuchtet das ALL.

Erst das Schwemmen. Daran das Land.
Erst das UM-Ringen. Davon der Rand.
Erst das Verhandeln. Davon die Hand.

Erst das Kreisen, Daraus der Kreis.
Erst das Erblühen. Daraus der Blick.
Erst das Nicken. Dann das Genick.

Erst das Weisen. Dann der Beweis.
Erst das Schicken. Darin Geschick.

Erst das Scheissen. Davon der Scheiss.
Erst das Gestatten. Davon die Stadt.
Erst das Brühen. Darin die Brut.

Erst das Greifen. Daraus Begriff.
Erst das Erzählen. Davon die Zahl.
Erst das BerÜHRen. Darin die UHR.

Erst die Gestirne – daran die Stirn
Erst das Gefeuer – daraus Gefahr.
Erst das Erfahren. Daraus die Fahrt.
Erst das Erglühen – darin die Glut.
Erst das Verwinden. Darin Gehirn.
Erst das Berühren. Darin die Bruht.

Die um-wirkende um-windende WIRKLICHKEIT.

Das Papier und die Tinte müssen erst werden – geschöpft.
Der Stahl muss erst werden – geglüht.
Der Draht muss erst werden – gedreht.
Der Stein muss erst werden – gerollt.
Der Meissel muss werden – geschreckt.
Die Linse muss werden – gewölbt
Der Spiegel muss werden – gesenkt.
Der Mund muss werden – gebeugt
Das Auge muss werden – erblickt.

Das Buch muss werden – gehalten.
Das Buch muss werden – offen.
Die Schrift muss erst werden – gelesen.

Die Frucht muss werden – gespeist.
Der Boden muss werden – bestellt.
Der Baum muss werden – gepflanzt.
Der Same muss werden – geplatzt.
Die Blüte muss werden – erblüht.

Der Apfel muss werden – gegessen.

ESSEN.

DIE VER-GESSEN-HEIT.

Die DAUER muss DAUERN und DÄUEN.

VERDAUEN.

Erst das DAUERN. VERGESSEN. Und darin die ZEIT.

Das Universum DAUERT – mich.

Das Universum DÄUT –

Es RÜHRT um und um.

Es RÜHRT mich um. Es BE-RÜHRT mich. Es um-wirkt.

Es brüht und brütet mich in seiner umrührenden Brühe.

Es RINGT um FASSUNG mit mir darin.

Das RINGEN um Fassung.

Es WIRKT immer weiter UM Fassung.
Es RINGT um FASSUNG in

VERSIONEN.

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE und VERSIONEN.

So physio-logisch hat man Wagner noch nie RINGEN hören:

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE

VERSO – Das VERSUM

Der PHYSIO-LOGOS

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.

Es ist egal, welchen Stern man wählt.
Weil jede Wahl passt und immer die Richtige ist.
Gestern. Heute. Morgen. Übermorgen.

Willkommen im KogniVersum.

Seien wir nachsichtig mit den CERNianern
Sie brauchen noch ein wenig Zeit,
bis auch bei Ihnen der Groschen gefallen ist.

Sie müssen Forschungsgelder verteidigen.
Stützungsanträge, Karieren und Pensionen.
Wer muss das nicht? Seien wir also nur ein ganz klein wenig: Ungeduldig.

Wir aber überlegen unterdessen schon mal, wie es weiter geht.

Tatsache ist, dass wir in einem Kogni-Versum leben.

Was heißt das?

Das heißt zunächst mal, dass wir die Aussage:

„Zeit ist relativ.“

ausweiten müssen auf die Aussage:

Zeit und Raum sind relativ.

Aber damit werden wiederum
die Einzelaussagen: „Zeit ist relativ.“ und „Raum ist relativ“ –

– gegeneinander – relativ.

Unser gesamtes Habitat wird damit – IN DIESEM AUGENBLICK – viskos – sich dehnend. Und dabei um-wirkend.

Sich dehnend. Sich ausdehnend im UM-WIRKENDEN Dehnen.

Das bedeutet konkret:

Wir leben in einer um-wirkenden/umwälzenden Ausdehnung. In einem DAUERNDEN Wirbel.

VERSO – etwas wälzen, umdrehen. Wir leben in einem Vers. Wir sind ein Vers.

Die technologischen Messungen zeigen uns keine objektiven Entfernungen
– und keine objektiven Zeiten oder Größen.
Anders gesagt: Das Universum zeigt sich unserer – Technik in einem Objektivitätsgrad – aber nicht in Objektivität.

Je weiter die „Entfernung“ desto weniger der Objektivitätsgrad.

Das bedeutet auch: Alle unsere Skalen dehnen und krümmen sich.
Das Meter ebenso wie die Sekunden. Nichts ist objektiv konstant.

Die Entfernungs – und Größenbestimmungen über die Supernovae vom TYP 1A sind ein SICH-IN-DIE TASCHE-LÜGEN der Astrophysiker.

Denn in diesem Universum gibt es nicht 1 Ereignis, dass mit einem 2. Ereignis VER-GLEICH-BAR wäre. Das Universum kennt keine Gleichheiten.
Es gibt in diesem Universum keine SUPERNOVA TYP 1A.

Weil dieses Universum nicht von einem Beamten für Beamte gemacht wurde!
Es kennt nur Versionen, also Harmonisierungen.

Alles, was wir mit unserer Technik beobachten sind Harmonisierungen vom TYP MENSCH.

Dieses Universum produziert nur Ähnlichkeiten (als Versionen) aber keine Gleichheiten.

Das Uni-Versum selbst – ist komplementär beschreibbar.

Es ist entweder – zeitlos – oder entfernungslos – raumlos – beschreibbar.

Aber es hat in jedem Fall: Eine DAUER und eine AUS-DEHNUNG

Weil es sich – immer – bewegt – schöpfend – dehnt.

Und deshalb bewegt es sich immer als Bewegendes. IRREVERSIBEL.

Es schöpft. Es dehnt. Es DAUERT.

Dass sich unser Meter und unsere Sekunde (scheinbar) für uns nicht ändert,
liegt daran, dass wir uns selbst immer mitändern.

Und es liegt daran, dass wir selbst uns in einer Art
großen um – wälzenden (versierten) sich eindrehenden stabilisierten Uhr befinden – die unser Habitat sowohl stabilisiert als auch harmonisiert.

Es gibt im ganzen Universum nicht eine einzige ganz gerade Linie.
Es gibt keine konstante Sekunde. Und keinen konstanten Meter.

Unsere spezielle umwälzende Uhr ist unsere Galaxie….und darin gekoppelt harmonisiert: Unser Sonnensystem an seinem wahr-scheinlichen Ort.

Wir selbst befinden uns – versiert – in einer DÄUENDEN,
sich ständig um-wälzenden – um-ringenden VERSION

Wir sind eine VERSION des UniVERSUMS. Ein VERS.

Wie lange die wirkende Dauer des gesamten Universums schon DÄUT,
lässt sich objektiv – von hier aus – nicht sagen,

weil wir selbst nur in einem bestimmten Zeitraum-Wirbel/Wirkung als in einer
Ver-dichtung (Dichtung) zu Hause sind. Dichtung: Vers. Version. Uni-Version.

Wir selbst sind also eine Ver-Dichtung. Ein Vers. Ein Uni-Vers.

(eine sich herum-wälzende Schöpfung) an einem ganz bestimmten
PHYSIO-LOGOS – in diesem dauernden Uni – Versum.

(VERSO, lateinisch: umdrehen, hin- und her-wälzen.)

Wir sind eine Version. Ein Vers. Eine Dichtung – eine Ver-Dichtung
An einem wahrscheinlichen (aber nicht absolut zufälligen) Zeit-Raum.

Jedes Sandkorn, jedes Ereignis, jeder Stern, jeder Mensch
ist eine Version, also ein VERS.

Reversibel in der Zeit. Aber irreversibel in der DAUER.

Deshalb ist jedes Wesen und jedes Ding einmalig – als Version – aber uni-versal,
weil aus der Dauer des Universums kommend und in seine Existenz hinein-gewälzt.

In unserer – Dichtung – als Version – er-zählen wir uns – in „Versen“
(als versierte Vers-ionen)

Das ist unsere Sprache – der Logos – der PHYSIO-LOGOS unserer VERSION

Er wälzt sich seit Jahrtausenden HERUM im VERS an Ge-STIRNEN von Frage und Antwort, Ja und Nein, Schweigen und Sprechen, Versuch und Irrtum, Leben und Tod. Angriff und Verteidigung. FLEXION und Re-FLEXION.

Das ist die uni-verse Physis der Gestirne und der uni-verse Logos – die Sprache.
Der PHYSIO-LOGOS- die VERSE des Uni-VERSUMS –
– der immer umwälzenden – aber niemals genau wieder einkehrenden Versionen im Uni-versum.

Reversibel in der Zeit – aber irreversibel in der DAUER

Die Sprache der um-ringenden DAUER. Der Wirbel des Physio-Logos.

Das ist unser RING – aber nicht als geschlossener und fester RING

Es ist unser RINGEN.

DAS RINGEN UM FASSUNG, in dem wir immer geboren werden.

Version (Das Wälzen) unserer Galaxie.
Version (Das Wälzen) unseres Sonnensystems.
Version (Das Wälzen) unseres planetaren Habitats.
Version unseres Blutkreislaufs. Versionen unserer Religionen, Geometrien,
Theorien und Gesänge….

Das UM-Wälzen von „Problemen“ – im Denken.

Frage-Nachfrage-Antwort etc….ER-ZÄHLEN.

Versionen (Drehungen) der Technik, der DNA, Motoren, CERN, Informations-Kreisläufe etc….

..und Versionen unserer konkav/konvexen Linsen und Spiegel
(das Hohlmachen, Einwälzen und das Aufbiegen/Aufwälzen – konvex-konkav)

Die DEMUT des Hohlspiegels, der „sich hohlt“ – hohl macht, leerbeugt, um sich im Licht zu er-zählen. (Hubble-Teleskop.)

Alle unsere Werkzeuge und unsere Geräte sind TAT-SACHEN.
(Wir tun mit ihnen in der Dauer.)

Auch unsere Sprache ist eine tuende tätige Tat. In der Dauer.

Aber als uni-verse Ge-Schöpfe ( er-zählte Vers-ionen)
bleiben wir immer mit dem gesamten Uni-Versum verschränkt.

Das heißt: Wir kommen aus seiner Dauer.

Alle unsere Handlungen; alle kleinen und großen Entschlüsse (ER-ZÄHLUNGEN) eines jeden Menschen liegen potentiell immer schon als Wahrscheinlichkeit im Uni-Versum vor.

Aber verschränkt sind wir nicht nur mit den Vers-ionen der Planeten-Umwälzungen, sondern mit absolut allem, denn wir sind UNI-VERS-
EN-TROPISCH GeWälzte.

(Darin liegt auch der tiefere Grund für die Präzision des Maya-Kalenders.)

Das Schick-Sal eines Menschen, einer Zivilisation oder eines Planeten
ist weder ganz zufällig noch ganz determiniert, aber es folgt einer
Wahr-Scheinlichkeit im uni-versen Feld – in das es ge-schickt wurde und ge-schickt ist.

Auch wir sind als Gattung ge-schickte. Gewälzte.

(Nehmen wir es an. Seien wir ab jetzt Ge-Schickte)

VERSIBEL und VERSIERT in der ZEIT. Aber IRREVERSIBEL in der DAUER.

Ein solches Feld der Schickung ist ein Feld der thermodynamischen Verteilung.
Es hat offene Mitten und offene Ränder.

Die Ränder machen die Mitten. Die Mitten machen die Ränder.

In Paarbildung.

Ver-Teilung meint hier ganz wörtlich:
Jedes Ge-Schöpf wird geboren mit An-Lagen.

Jede Existenz hat ihr eigenens An-Liegen an ihr Gestern und an ihr Morgen.

Das gilt auch für Steine, Tiere, Pflanzen, Planeten etc…

Sie liegen – an. In Gegen-Wart. – warten – sie ihr – Ei-genes.

Das Ei des Ei-genen.

Etwas liegt – von früher her – an – und wälzt sich- versiert – ge-schickt entropisch – gegen – das Morgen hinein.

Deshalb ist jeder Stein, jedes Ereignis, jeder Planet
und jedes Wesen ein kausales Ge-Schöpf.

Es kommt an-liegend aus der von früher – an-liegenden DAUER.

Es dreht sich, es wälzt sich schöpfend in sein Er -Ei- gnis.

Es ist Ei gen. Eine Ei-genheit.

Da dieses an-liegende sich dehnende Feld im Ereignis
aber prinzipiell offene Ränder hat – sind wir zwar ge-schickte
und kausale Ge-Schöpfe –

aber mit offenen Rändern –

wir sind nicht total determiniert, aber wir sind trotzdem kausal.

Oder anders gesagt: Wir sind als uni-verse Ge-Schöpfe voll kausal,
bleiben aber wahr-scheinlich.

Die Redewendung: Jemand wurde unter einem bestimmten Stern geboren – ist genau so zu verstehen. Als in einem Feld der Verteilungen eingestreut.

Auf Grund der prinzipiellen (ad-hoc) Verschränkung mit der DAUER des UniVERSUMS – ist auch Prophetie oder Fernwahrnehmung möglich, und – in bestimmten Fällen – nicht ganz ausgeschlossen – leider – der so genannten Spuk – im Sinne einer psycho-physischen Wechselwirkung mit dem offenen VERSO der PSYCHE und dem VERSO der Physis.

(Dass hier viele lustige Spinner, Witzbolde oder Scharlatane unterwegs sind, gehört zum Spiel, ändert aber nichts an der Wahrheit.)

Warum nun werden so-genannte „Freak-Events“ – als Spuk
oder telepathische Erfahrungen oder Offenbarungen
als nicht-wissenschaftlich eingestuft?

Und warum werden Menschen denunziert, oder trauen sich nicht,
mit bestimmten Erfahrungen öffentlich zu werden.

Die Antwort lautet: Weil diese Erfahrungen irreversibel sind.

Das bedeutet: Sie sind nicht reversibel.
Also nicht beliebig wiederholbar.

Wissenschaftlich gesprochen:
Sie sind nicht in einem Labor beliebig reproduzierbar.

Warum sind sie das nicht?

Sie sind deshalb nicht reproduzierbar –
weil sie irreversibel sind – also nicht reversibel – nicht reproduzierbar.
Zwar leben wir als Vers-ionen in reversibler Umwälzung – also zeitlichen Reversibilitäten,
aber diese Umwälzungen folgen einem irreversiblen Zeitpfeil – in der DAUER, so wie ein Wirbel, der in sich umwälzt – aber irreversibel in einer Richtung strömt. Wir sitzen prinzipiell im innern unseres Wirbels. Aber die Flussrichtung dieses Wirbels ist irreversibel in der Dauer.

Weil das Universum prinzipiell seit seiner Entstehung irreversibel – kausal sich dehnt.

In seine Dauer hinein dehnt.

Da unser Bewusst-Sein aber einer sehr starken – scheinbar – reversiblen Um-Wälzung folgt (Blut-Hirn) und selbst das Er-Ei – gnis einer starken Ein-Krümmung/Ein-Windung ist – und im Innern seines – däuenden – Wirbels sitzt, konstruiert es die Welt zeitlich reversibel – wiederholend. Scheinbar wiederholend.

Also reproduzierbar.

Das ist auch lebens-NOT-WENDIG.

Weil nur in der zeitlichen Reversibilität also in der Wiederholung ein Ding,
ein Gerät, eine Sache, eine Pflanze, ein Tier, ein „ICH“ und ein „DU“
seine Ei-gene DAUER haben kann.

Auch ein Wirbel ist innerlich reversibel, aber bezogen auf seine Richtung irreversibel.

In dem wir unsere Reversibilität – dauernd – reproduzieren/ VERSIEREN
wiederholen wir uns in unser Eignis hinein als Er Ei gnis.

Das Ei-gene ist – das „Ei“ des Bewusst-Seins.

Die Eigen-Heit eines jeden Menschen ist seine Reversibilität in den Umdrehungen seines Wirbels.

Aber die Uni-Versalität ist seine Nichtwiederholbarkeit als Charakter
bezogen auf die DAUER.

Die Eigenheit meint aber nicht: Geschlossensein

Die Eigenheit meint: Nichtwiederholbarkeit.

Dieses Ei im EI-GEN-SEIN hat offene Ränder, weil es kein Ei ist
sondern – IN WIRKLICHEKEIT eine starke Einkrümmung/
Verwirbelung in der DAUER

Die Dauer – ist irreversibel in ringender Dehnung. Sie DÄUT.

Ein Wirbel mit einer bestimmten Richtung und in einer bestimmten Achse.

„Freak-Events“ oder „Erlebnisse“ oder „un-heimliche Begegnungen“ sind
ein Grenz-Schicht-Geschehen und im wahrsten Sinne des Wortes –
RAND-ERSCHEINUNGEN – des Offenen. (Offen-Barungen)

Des irreversiblen – also nicht beliebig wiederholbaren VERSO.

Zur Physik:

Materie ist eine FORM und zwar eine gewirbelte ZEIT-FORM der
thermischen DAUER.

Materie ist genau so eine ZEIT-FORM wie LEBEN oder BEWUSST-SEIN.

All dies sind IN-VERSIONEN – EIN-WÄLZUNGEN – Von der DAUER geformte oder verdichtete- Zeit-Räume.

Kleine oder große TORNADOS. (Ein-Wendungen)

Die schwache Wechselwirkung – der radioaktive Zerfall –
ist der „drehende Wind“ in den Aussenbezirken eines Tornados,
der sich all-mählich verbraucht und der ebenfalls keine scharfen Ränder hat.

Deshalb zerfällt auch Materie. Das heißt: Sie löst sich nicht auf, sondern ein.
Die eine schneller, die andere langsamer.

Die starke Wechselwirkung, welche die „Kerne“ im Innern der Materie
zusammenhält, ist der „drehende STURM“ im Schlauch des Tornados.

Bei der Kernspaltung wird Energie frei, weil ein Tornado-Schlauch, wenn
er platzt – seine Dreh-Impuls-Energie – plötzlich abgeben muss.

(Die Anreicherung von Uran-in Zentrifugen oder per Diffusions-Trennung
meint nichts anderes, als dass man ein „Element“ künstlich nach Drehimpulsen anreichert – oder sortiert und es damit „schwerer“ macht – als es von Natur aus ist. Man macht den Tornadoschlauch dicker und schwerer.

Der Tornado-Schlauch wird – radio-aktiviert.
(Man beachte das „radius“ im Wort)

Aber damit wird er zugleich instabiler, zer-fälliger.

Bei der „Kernfusion“ wiederum wird Energie frei, (Unsere Sonne)
weil ein Tornado-Schlauch sich gegen seine Zusammenpressung verteidigt –
in dem er Dreh- Impuls-Energie abgibt.

Der Tornado-Schlauch „verteidigt sich“ per Energie-Abgabe gegen die Zusammenpressung, weil er prinzipiell nicht stille stehen kann. Also man kann ihn nicht an-halten, denn das würde bedeuten – das Universum anhalten – die Dauer anhalten – und das ist nicht möglich.

Die ENERGIE, um die es hier geht – ist WARME oder HEISSE, HARTE STRAHLUNG und zwar eine aus der ROTATION geborenen WELLE – als Schwingung, als Dreh-Impuls-Energie. LICHT und das elektromagnetische Spektrum.

Diese ENERGIE ist die Uni-VERSE ENERGIE der DAUER.

Energie ist DAUER. SIE däut. Sie VERDAUT. In dem sie Arbeit leistet.

Diese ENERGIE gehörte immer schon dem Universum an und unterliegt
deshalb ebenfalls der Entropie. Auch eine Maxwell-Funktion hat Entropie.

Die Lichtgeschwindigkeit selbst – dehnt sich – in der Dehnung des Universums.

Aber damit kann man kaum noch von einer „Geschwindigkeit“ sprechen, höchstens von einer Ausbreitung, Ausdehnung.

Sprechen kann man nur noch davon:
LICHT WIRD. DAS UNIVERSUM WIRD.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen ZEIT-RAUM-WIRBELN
der DAUER.

In Wirklichkeit gibt es weder „Protonen“, noch „Elektronen“, noch „Neutronen“,
noch „Quarks“ … und auch keine Alpha oder Beta-Teilchen.

Was hier – als „Teilchen“ – falsch/richtig diskret gezählt und immer wieder reproduziert wird – sind „harmonisierte“ Dreh-Impulse unseres ganz speziellen Zeit-Raum – Habitats – hier an unserem harmonisierten Ort samt unserer harmonisierten Techniken und Geräte – in einer streng harmonisierten Evolution.

Diese unsere Evolution beginnt streng genommen immer schon mit dem Beginn
des gesamten Universums, dessen letzte Ursache nach wie vor unklar bleibt

Unsere Harmonisierung aber ist so dominant, (versiert) dass sie uns alles im Universum nach unserer Geräte-Harmonisierung und der technischen Gelingens-Harmonisierung sozusagen – technisch zurecht-legt.

Sogar unserer Elemente-Unterteilungen, wie wir sie ER-ZÄHLEN und auch „erleben“ die Spektral-Linien, die wir ER-ZÄHLEN, sind harmonisierte Zurecht-Dichtungen. Also NOT-WENDUNGEN unserer Verschränkung mit der DAUER des Universum. Hier im harmonisierten EI unserer Ei-Genheit.
Deshalb auch die berühmte Nadelspitze aller unserer kosmologischen Werte – von der „Feinstrukturkonstante“ bis zum „Elektronenvolt“ – die Katze, die immer da die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken – als „anthropisches Prinzip“

Diese harmonisierten „Diskretionen“ in unserer Elemente-Tafel (Pseudo-Diskretionen) zeigen eine Morphologie, unsere Morphologie – hier in unserem Zeit-Ort-Wirbel.
Unsere Zeit-Raum-Uhr im Zusammenspiel unserer harmonisierten ER-Eignisse.

Die Harmonisierung ist so dominant mit unserer Technik verknüpft, dass wir auch in fernen Sternen und Galaxien die „selben“ Elemente vorzufinden glauben.

Und also die „selben“ Unterteilungen für die „gleichen“ Unterteilungen halten.
Was sie aber nicht sind.

All das zeigt immer UNS SELBST und unsere Geräte als – gezählte – quantisierte „Zähler“ des Uni-Versums. In Versionen. (Im funktionalen Herum-Wälzen) In Er-Ei-gnissen. Oder Er-Gebnissen (In Ergebenheit.)

Versionen sind Harmonisierungen – (Verse) und als solche
pseudo-diskrete Ereignisse.

Statistisch hervor-gewälzt aus unserem evolutionären Ge-Schick im RINGEN von Trial and Error, Versuch und Irrtum, Rede und Widerrede. Gegenwart und Widerwart.

Das – was wir GELINGEN nennen – oder technisches GELINGEN nennen – ist eine Harmonisierung – unseres RINGENS – eine weitere VERSION – ein weiterer VERS – eine DICHTUNG. Hervorgegangen aus dem WÄLZEN von Problemen – in EX-Perimenten und Laboren.

Die Irritation am Doppelspalt (Welle/Teilchen) ergibt sich, weil unser eigenes Handeln als EX-perimentierende immer mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums korreliert.

Wenn wir das Universum beobachten, beobachten wir uns selbst, das heißt:

Das Universum beobachtet auch uns – und zwar ad hoc.

Indem das Universum uns beobachtet – erzeugt es uns – als Handelnde – im Er-Eignis. Pseudo-Diskret. Als „Beobachter“.

Das selbe gilt für die „Verschränkung“ am Mach-Zehnder-Interferrometer.

Das “ verschränkte Teilchen“ ist kein „Teilchen“ – oder „zwei Teilchen“ – sondern die Ad-hoc-Korrelation unserer Handlung mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums.

Das heißt: Wir waren immer schon verschränkt.

Ob man eine Kaffee-Tasse anhebt oder ein Teilchen erzeugt oder eine Atombombe baut ist gleich-gültig. (Mit Binde-Strich, also nicht: Gleichgültig)

Alle „Er-eignisse“ kommen aus der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums
als einem Wahrscheinlichkeits-Feld mit offenen Rändern.

Deshalb ist die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenphysik eine
Lebens-Lüge der ästhetischen Physik.

Eine LEBENS-LÜGE – not-WENDIG, um den MATHEMATIKER und den PHYSIKER als „kalte“ Beobachter am Leben zu halten. Als TECHNIKER zu plausibilisieren.

Der Strömungs-Sog der Gravitation hat die Reichweite unendlich,
weil er aus der DAUER des Universums kommt.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen Zeit-Raum-Wirbeln.

Die Gravitation ist ein Effekt der Expansion, das ist: Die DAUER des Universums in Aus-Dehnung.

Deshalb kann man sie mittels (tiefer) Temperatur und Rotation auch ein-kehren.
oder umkehren (Martin Tajmar). Weil die DAUER des Universums mit der Energie und der Masse – also mit dem Hinein-Drehen der Entropie konjugiert ist.

Was folgt noch aus einem Kogniversum?

Daraus folgt, dass unsere eigene sich aufrichtende Vertikal-Spannung auch motiviert sein könnte von einem Dialog, den wir seit je her – in der Kognition – mit anderen Zivilisationen (Versionen) führen. Wir nehmen unbewusst daran An-Teil.

Aber schon alles, was sich dreht, ist bereits eine VERSION.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weiter-entwickelte Zivilisationen gelernt haben, sich kognitiv „zu unterhalten“ – quasi telepathisch.

Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir etwas davon abbekommen.

Eine höher entwickelte Zivilisation dürfte die Fähigkeit ausgebildet haben,
ihre Abschirmungs-Strategien (Ihre Ei-gen-Heit) je nach Belieben an- oder abzuschalten.

Womöglich kann sie sich sogar über weite Strecken „bewegen“ ohne
Probleme mit „Einsamkeit“ zu bekommen – eben weil sie die kognitive
Kommunikation beherrscht.

Insofern spielt hier die „Lichtgeschwindigkeit“ überhaupt keine Rolle mehr.

Zum Anderen könnte eine geringe Zahl von „echten“ Ufo-Sichtungen
oder „Begegnungen“ als „Freak-Events“ auf eben unsere kognitiv
offenen Ränder hinweisen – folgend aus der grundsätzlichen Offenheit
aller thermodynamischen Ränder

Als Rand-Erscheinung des nichtgeschlossenen Ereignisfelds sind sie wahr-scheinlich.

Es ist möglich, dass höher entwickelte Zivilisationen sich sozusagen in
kognitiven Schiffen – also in kognitiver Navigation bewegen können.

Und unter bestimmten rand-öffnenden Bedingungen könnten sie sich uns
dann „zeigen“ – – –

Bei uns HERUM-SPRINGEN – HERUM-FLIEGEN – HERUM-SPUKEN.

UM-WANDELN.

(Aber das war jetzt weit vorgegriffen.)

Es bleibt dabei: Wer immer noch glaubt, Zahlen oder mathematische Funktionen
seien temperaturlose also dauer-lose oder „kalte“ Gebilde ohne Dauer – der kann sich noch die nachfolgenden Einwendungen zu Gemüte führen, oder er stellt sich die Frage, welchen Sinn Zahlen machen, die von keinem rechnenden – also warmen – Gehirn geführt werden.

Wer meint, Mathematik stünde über dem ein-wendenden und entropischen VERSO des Logos – müsste sich vielleicht noch einmal mit der Geschichte der Philosophie und aller Wissenschaft befassen, insbsondere mit der evolutionären Erkenntnistheorie.

Wer sagt, Arithmetik oder Geometrie seien „einfach so da“ – temperaturlos im Apriori – der wäre gehalten, einen Mathematiker, einen Computer oder einen Physiker vorzustellen, der ohne Ernährung, Essen, Trinken oder Strom auskommt – folglich: Ohne Temperatur.

Wer die Meinung vertritt, die Raumzeit-Krümmung sei nur Geometrie, sollte dann auch begründen können, wie in einem randunscharfen Universum „Linien“ oder „Flächen“ genau zu definieren sind.

Wer glaubt, eine sogenannte „Funktion“ bräuchte keine
energetische Dreh-Routine – sei es als Stromkreis im Rechner oder als
Blut-Kreislauf im rechnenden Mathematiker – der glaubt eben nur.

Wer irgendwelche temperaturlosen „mathematischen Punkte“ oder Eulersche Masse-Punkte im Universum vermutet, der müsste dann auch überzeugend Punkte im Universum vorweisen, die ganz ohne Temperatur sind. Was nach heutigem Ermessen eher schwer fallen dürfte.

Wer Worte wie „Reversibilität“ oder „System“ oder „Punkt“ oder „Konstante“ oder „Teilchen“ benutzt ohne dabei zugleich mitzuteilen, dass es sich hierbei nur um eine begriffliche Hilfs-Krücke (h wie Hilfskrücke) der temporären Stabilisierung handelt – in einer speziellen Harmonisierung, der kann diese Überlegung mit ein bisschen Selbstüberwindung immer noch nachholen.

Wer das Wort oder die Zahl „Eins“ benutzt, könnte dabei zugleich mitreflektieren, dass vor jeder „Eins“ immer schon ein „ICH“ im „DU“ aus der DAUER hervorgegangen sein müssen.

Wer nicht so richtig versteht, wie die ENTROPIE als das EIN-WENDENDE Geschehen wirkt, das sowohl Formen schafft – indem es die DAUER zu reversiblen ZEIT-Räumen (Funktionen) verwirbelt – und diese auch wieder öffnet – eben weil ein Wirbel sowohl offen als auch geschlossen ist – und nur eine endliche ZEIT haben kann – aber eine vor-und nachläufige DAUER, der könnte sich auch einmal mit Sprache befassen, die das Universum auch zu einem Kogniversum macht.

Unserem Gehör ist ein spiralförmiger verwirbelter Apparat vorgelegt – die Cochlea.

Das Gleichgewichtsorgan für die Lage im Raum sitzt bei uns im Innen-Ohr
und zeigt ebenfalls eine sich ein-krümmende – bogenförmige Ausprägung.

Ich muss keine VERSIONEN mehr hören. Denn ich habe sie immer schon im Ohr.

Teil 3: Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

Zum 1. Teil

Zum 2. Teil

TSWS:
Bevor wir in den Teil III unseres GESPRÄCHS einsteigen, möchte ich kurz einige Anmerkungen machen, die Sie, meinen Gesprächspartner TIM BOSON und seine Rolle betreffen….

Tim Boson:
Oh je, was kommt jetzt?

TSWS:
Tim Boson ist ein Glücksfall für mich und dieses Gespräch; er ist kein Raumfahrtspezialist, wodurch ein Expertentalk von vorneherein verhindert, fachchinesisch vermieden wird. Er war es, der die Idee hatte, für meine »NASA-STORY« die Form eines Zwiegesprächs zu wählen. Da es sich dabei um eine sehr persönliche Geschichte handelt, die zu meiner beruflichen Biographie einen beachtlichen Beitrag leistet, sind unserer beider Rollen von vorneherein zwar unterschiedlich angelegt und naturgemäß von unterschiedlichem Gewicht, aber total aufeinander angewiesen
Mein Part im Gespräch ist strikt an meiner Story orientiert und durch sie begrenzt; er verlangt Disziplin beim Inhalt und bei der Textgestaltung, konzise Darstellung der Fakten, Theorien und Ereignisse. Tim Bosons Part ist m. E. viel schwieriger. Er muss zuhören und durch seine spontanen Reaktionen dem Fluss & der Dynamik meiner Story Lebendigkeit & Spannung verleihen können. Ebenso wie Tim Boson bin ich  gewissermaßen an die »Partitur der Story« gebunden und ´Dirigent`‚ Tim Boson  aber Intendant, Produzent, Dramaturg und Souffleur in einem. Das erfordert spezielle organisatorische Talente, unverkrampfte Neugierde, vor allem breit gestreute Interessen, kontrollierte Phantasie, eine stets wache Intelligenz. Nicht zu vergessen: ein verlässliches Bauchgefühl für die jegliche Emotion beeinflussende sprachmelodische Agogik meiner Geschichte!

Tim Boson:
Genau das wollte ich aber jetzt hören, hab ich ja noch mal Glück gehabt, TSWS!

TSWS:
Der ganz persönliche Bezug meiner Story ist für Tim Boson zunächst einmal zweitrangig, muss es wohl sein …

Tim Boson:
Hallo, TSWS, das stimmt für die Systematik des Gesprächs, aber vom Inhalt her nicht so ganz…

TSWS:
… da für ihn die wahren gesellschaftlichen Aspekte der Story – ungeachtet aller Verpflichtungen zur Disziplin – ausschlaggebend sein sollten. Denn der gewaltige Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes auf die Art & Weise der bemannten Raumfahrt, abhängig von der aktuellen politischen & wirtschaftlichen Großwetterlage, erscheint zwar dominierend, Aber eigentlich ist er es nicht! Bemannte Raumfahrt ist nämlich eine uralte Utopie vornehmlich der altgriechischen Geistesgeschichte. Sie geht bis auf die Mythen Hesiods zurück und die beiden antiken Tragiker Euripides und Ovid, konkret aber auf Parmenides, den vielleicht Bedeutendsten aller Vorsokratiker.

 Ihre Biografie ´durchströmt` (so nennen Sie es ja) Tätigkeiten – als Techniker,  Theaterdramaturg, Werbe- und Wirtschaftskommunikator, Autor, Kunstkritiker, Naturphilosoph, Informations-forscher, System-Analytiker…

Tim Boson:

Allerdings haben meine Interessen bisher eine Art Borderline-Forschung (kein Syndrom) verfolgt. Die Welt direkt von der Klinge (Schneide) der Blut-Hirn-Schranke aus zu beforschen ist nicht immer ganz unkompliziert, weil Forschung sich normalerweise (vielleicht auch notwendigerweise) immer für eine Spezialität entscheiden muss. Aber auch Ihr, TSWS, sehr  sehr breit gefächertes Spektrum (Nichtgleichgewichtsthermodynamik, Mathematik, Raumfahrt, Schostakowitsch, Slevoigt, David Hume, John Maynard Keynes, Giuseppe Verdi, John von Neumann, Wagner, Bosch, William Turner, Themistokles, Schrödinger etc etc etc…) zeigt ja, dass unsere Kultur der Separierungen und Spezialisierungen nicht unbedingt für die Zukunft der Weisheit letzter Schluss zu sein hat.
Aber vor allem bin ich neugierig. Und wenn ich etwas ganz genau wissen will, dann frage ich. Am liebsten Leute, die sich wirklich gut auskennen und gehe ihnen so lange  auf die Nerven, bis sie sich zu einem Gespräch bereit erklären….

TSWS:

Na, so ganz stimmt das nicht: Schließlich haben Sie mich zu unserem Gespräch relativ höflich überredet, und dennoch spielen Sie für meinen Geschmack zu häufig die ‚Nervensäge’. Ich glaube sogar, die Ursache dafür zu ahnen. Das Thema unseres Gesprächs scheint nämlich auf wissenschaftlich-technische Spitzenleistungen in den USA, industrielle Kreativität und Effizienz und machtpolitischen Einfluss sowie deren gegenseitige Interdependenzen fokussiert. Klar, es handelt sich dabei auch um den Kern meiner Story. Und von da her versuche ich ja auch, darüber nicht nur die Experten in bemannter Raumfahrt und den Grundlagen der Thermodynamik, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit anzusprechen und zu informieren. Aber dann sollte es den Leser nicht wundern, dass Sie, Tim Boson, in unserem ständigen privaten Gedankenaustausch mit Fug & Recht auf wichtige Vorgänger Wernher von Brauns verweisen.

Tim Boson:

Und das will ich auch hier tun: So zunächst auf den russischen Lehrer Konstantin E. Ziolkowski (*1857 – 1935), dem Schöpfer der Raketengrundgleichung (1903), der auch erstmals die Idee eines Flüssigkeitsraketentriebwerk publizierte. Nicht zu vergessen den Lehrer von Brauns, den legendären Hermann J. Oberth (*1894 – †1989). Er war es, der den mathematischen Weg wies, wie wir Menschen technisch die Schwerkraft  überwinden und damit die Vision mit Initiative und Tatkraft verbinden können, um sukzessive z. B. von riesigen autonomen Raumstationen auf Erdumlaufbahnen aus ins außerplanetarische Weltall aufzubrechen. Auch er hat Physik und(!) Medizin studiert.
Ich möchte aber noch kurz etwas sagen: Mir wurde im Laufe unseres Gesprächs auch immer klarer, dass „Heimat“ – zum Beispiel unsere Erde, sich möglicherweise erst dann  selbst-gelingend im Sinne von Menschheitlichkeit herstellen kann, wenn diese Heimat durch ein externalisiertes Ziel sich formuliert oder reflektiert, das außerhalb der Heimat liegt.  Eigentlich würde man so etwas Utopie nennen, aber hier für mich würde ich es eher als einen tastenden, iterierenden, gewussten, aber unvermeidlichen, sich annähernden WEG bezeichnen. Wenn  Heimat sich also als Hafen begreift, aus dem man auslaufen kann – und nicht als Gefängnis. (Das Geheimnis von „gelingender Heimat“ scheint mir langfristig nur in einem solchen externalisierenden Reflexionsvorgang zur Verläss-lichkeit. zu liegen. Oder anders gesagt: Nur eine Heimat, die sich auch als verlassensfähige (zu – ver-lässige) Heimat reflektiert, ist erst vollständig  formuliert und verstanden. Denn für Reisende, auch wenn sie nicht vorhaben zurückzukehren, bleibt es wichtig, dass sie immer wissen, dass mit der  Heimat  „alles in Ordnung“ ist. So etwas nimmt auch die  Zurückbleibenden in der Heimat in die Pflicht. (Das mag jetzt sophisticated klingen, aber als ehemaliger DDR-Bewohner weiß ich zum Beispiel, dass viele Menschen ihre „DDR-Heimat“ einfach nicht mochten, weil sie darin eingesperrt  wurden. Das hat schließlich auch mit zum Untergang,  zur  inneren Verwahrlosung und zum moralischen wie ökonomischen Bankrott beigetragen. Eine Heimat ohne Hafen ist keine gute Heimat) Gut, das war nur  ein kurzer Einschub meinerseits, ich teile Ihre Bedenken, unser eigentliches Gesprächsthema mit allzu ausschweifenden Spekulationen über die ferne Zukunft zu sehr aus dem Blick zu verlieren.
Aber ich darf doch kurz einmal erwähnen, dass auch Sie Träger der Herrmann Oberth-Medailie in Gold sind – eine Auszeichnung, die  nur wenige Luft-und Raumfahrt-Verdiente  erhalten haben. (Eugen Sänger, Ernst Messerschmidt, der Astronaut Reinhard Furrer..) Die Urkunde dazu weist hin auf ihr Nasa-Engagement betr. ihre „fruchtbare Tätigkeit im Bereich grundlegender thermodynamischer Forschung. Hierzu ist die so genannte ‚Münchner Methode’ zur Berechnung    von Raketenmotoren vom Typ der Space-Shuttle Main Engines ebenso zu rechnen wie die ‚Alternative Mathematische Theorie von Nichtgleichgewichtsphänomenen’.“

TSWS:

Ich gebe gern zu: Auf diese Medaillie bin ich sehr stolz.
Wie machen wir jetzt weiter?
Ich für meinen Teil könnte mir vorstellen, diesen Einschub beim Übergang von Teil II zu Teil III unseres Gesprächs mit einigen Aperçus zur Idee der bemannten Raumfahrt zu ergänzen, wie sie aus der nahen Vergangenheit in Literatur und Film in prägender Erinnerung geblieben sind.

Tim Boson:

Zumal in diesem Kontext auch an einige Frauen namentlich erinnert werden sollte, so die erste Astronautin der Raumfahrtgeschichte, Friede Velten, die – nach einer Science-Fiction-Erzählung von Thea von Harbou – 1928 auf dem Mond landete. Harbous damaliger Ehemann Fritz Lang hat ihr 1929 in einem der berühmtesten Stummfilme überhaupt – „Frau im Mond“ – ein unvergessenes Denkmal gesetzt.
Dieser historische Hinweis erscheint angebracht, um sicherzustellen, dass Ihre Story einen Anteil in korrekter Proportion innerhalb der kulturellen Bedeutung der ganzen Geschichte bemannter Raumfahrt behält ‒ von den Herrschaftszeiten des Zeus und seiner Sippschaft über frühe literarische Versuche sowie die wichtigen Manifestationen der Filmkunst. Schlussendlich nicht zu vergessen die vergangenen und geplanten Missionen zum Mond bzw. Mars bis zum Wunschdenken, wie sie in besagter Vision zum Ausdruck kommt.

Vielleicht sogar raumfahrende Katzen. (Miez! Miez! Mietz!) Hier der Kater „Johnethy“ aus dem Angst-Klassiker „Alien“ (1979)  (Muss ja nicht  jede Reise so einen beschwerlichen Verlauf nehmen..wie in diesem Film. Es gibt mehr Gutes da draussen.)
*

Wie nahe solche Phantasmagorien den heutigen Vorstellungen sind, belegen Meldungen der Süddeutschen Zeitung vom 26./27. Oktober 2010 über bemannte Flüge zum Mars. Demnach empfehlen namhafte ‚Experten’, wie der ‚zweite Mann auf dem Mond Buzz Aldrin oder Joe Gavin (director, Lunar Module Program, Grumman Aerospace Corporation) sowie zahlreiche namentlich genannte Physiker, Marsmissionen als ´Reisen ohne Rückkehr zur Erde` durchzuführen. „Alle sind überzeugt, dass es an Freiwilligen für die Marsreise ohne Rückflug keinen Mangel gäbe“! Paul Davies, Kosmologe von der Arizona State University schätzt die „One-way-Version“ als die richtige Entscheidung, um die geschätzten Missionskosten von 500 Mrd. Euro auf 100 Mrd. Euro zu senken. Aber eine solche Fokussierung auf die Kosten ist dilettantisch: Ohne die Mitwirkung von humanoider Roboter, die anspruchsvolle zentrale Aufgaben an Bord und auf dem Mars weitgehend autonom bewerkstelligen, wird eine solch lange Reise nicht bewältigt werden können; immerhin bräuchten die Funksignale für die Kommunikation der „Mars-Kolonisten“ mit der Erde per E-Mail 20 Minuten für jede Wegstrecke. Solcherart hochentwickelte ‚Humanoiden’ einsetzen zu können wird dauern und sehr teuer werden. Der derzeitige Entwicklungsstand  lässt sich vielleicht aus der folgenden Abbildung erahnen. Derzeit kann er schon selbständig Kaffeekochen:

TSWS:

Ich danke Ihnen für diesen konkreten Hinweis auf die zweifellos wichtigste Utopie der Menschheit; er kam zur rechten Zeit. Bei den zukünftigen Versuchen einer solchen Realisierung geht es selbstverständlich um Männer & Frauen und mit Sicherheit auch um deren Biographien. Letztere sind es, die offenbar phantasiebegabte Menschen in ´Science-Fiction-Romanen & -Filmen` faszinieren.

Tim Boson:

Beispielhaft ist Jules Vernes frühes Werk „De la Terre à la Lune (1865) des Science-Fiction-Genres, das die ‚Mondfahrt’ der Amerikaner (bemannt) und der Russen (unbemannt) um etwa hundert Jahre vorwegnimmt. Nicht zu vergessen einen der Väter der modernen Science Fiction: Kurd Laßwitz. Sein bekanntestes ‚Raumfahrt-Buch „Auf zwei Planeten“ erschien 1897, in einer Zeit, da es noch ganz wenige Autos gab, von Flugzeugen ganz zu schweigen. Auch der Gebrauch von Telefon oder Telegraph steckte noch in den Anfängen. In einer Buchkritik aus 2002 steht der wichtige Hinweis: „Der Autor hat es fertiggebracht, mehrere Generationen junger Menschen für Technik und Raumfahrt so zu begeistern, daß sie ihr Leben entsprechend einrichteten. Werner von Braun zählt dazu, der das Buch mehrfach zitierte“. Ähnliches gilt aber auch für des Laßwitz-Schülers Hans Dominik frühe Kurzgeschichten wie „Die Reise zum Mars“ (1908).  Seine Science-Fiction-Romane ab den 1920er Jahren waren bis zu seinem „Flug in den Weltenraum“ (1939) vom damaligen Zeitgeist in Deutschland geprägt. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen meist deutsche Ingenieure oder Naturwissenschaftler, die ihre Erfindungen und Entdeckungen gegen gierige Konzerne und feindliche Nationen verteidigen müssen. Dominik gegenüber war Thea von Harbou-Lang filmisch mit der Vermarktung ihrer je zum Drehbuch herangezogenen Romane viel erfolgreicher. Und was Fritz Lang angeht: Trotz meist vernichtender zeitgenössischer Kritiken ihres Drehbuchs wurde sein berühmtester Film ´Metropolis` nach der Jahrtausendwende als erster Film überhaupt ins Weltkultur-Erbe der UNESCO aufgenommen.

TSWS:

Der Wind hatte sich damals gedreht, die ‚Gutmenschen’ hatten den ‚Mainstream’ erreicht: Frau von Harbous schlichte Sozialethik, die ihr Ex-Mann noch für den Flop von ´Metropolis` verantwortlich gemacht hatte, wird heute mit dem politischen Anspruch, „das Herz vermittle zwischen Hand und Hirn“ zitiert und oft gegenüber technischen Innovationen verteidigt.

Tim Boson:

Diese funktionelle Denkweise führt vielleicht in die Irre. Herz ist wohl als Begleitgeräusch (-und Person/in) eminent wichtig. Allerdings lässt das Zitat auch eine ganz andere Interpretation zu, die mir, und ich denke auch Ihnen, sehr zusagt: Es ist immer das „HERZ“ – das vielleicht nicht immer  zwischen Hirn und Hand vermittelt, aber es ist das „HERZ“, das Menschen wie von Braun haben müssen, um sich „ein Herz zu fassen“, für Ihre Vision in Führung zu gehen, um den Mut aufzubringen, von dem des Perikles berühmte Gefallenen-Rede so eindrucksvoll als wichtigste Prämisse für singuläre Taten handelt.

TSWS:

Diese Interpretation führt offenbar auch zum entscheidenden psychologischen Hintergrund jener Utopie einer bemannten Raumfahrt, wie sie 1968 mit dem einflussreichsten Film dieses Genres – Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey – dem Publikum eindrucksvoll als Möglichkeit in der Zukunft vorgeführt wird. „Über kaum einen anderen Film ist wohl soviel gesagt, geschrieben, diskutiert, spekuliert und debattiert worden.“ Er ist eine Art ´Weltraumoper`,  bietet aber m. E. auch ein klassisches Beispiel für Ironic Science: Technologisch gesehen ist der im Film präsentierte Stand der Technik optisch angelehnt an das im Jahr 1961 von der US Air Force begonnene »Projekt Dyna Soar X-20«. Letzteres war als Nachfolgeprojekt für die Versuche mit dem Hochgeschwindig-keitsflugzeug X-15 konzipiert.

Geplant war zuerst eine Beschleunigung des deltaförmigen 4.5 t schweren Raumgleiters mittels einer Rakete vom Typ Titan 1 bis auf fast Orbitalgeschwindigkeit. Damit sollten Wiedereintrittsversuche und die Erprobung neuer Materialien wie Molybdän für nicht-ablative Hitzeschutzschilde gemacht werden. Doch schon 1963 wurde das mit Recht als ‚Technologiegenerator ersten Ranges’ eingestufte Projekt wegen angeblich zu hoher Kosten wieder eingestellt. Zum Glück für Kubrick, der jetzt die ‚Lösung’ der technologischen Herausforderung der Öffentlichkeit mit künstlerischen Mitteln als erster dem Publikum vor Augen führen konnte. Dass es sich dabei nach wie vor weitgehend um pure Illusionen handelte, ist sicher den meisten Betrachtern zwar klar. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass gerade Kubricks ‚Odyssee’ durch seinen Einfluss auf die Sehgewohnheiten & Erwartungshaltungen der Amerikaner kurz vor der Mondlandung im Juli 1969 entscheidenden Vorschub für ganz neue Möglichkeiten der Massenpsychologie geleistet hat. Der Film-Genre-Begriff Mockumentary stammt wohl von daher; er bezeichnet einen fiktionalen Dokumentarfilm, der z. B. einen echten Dokumentarfilm parodiert. Bekanntes Beispiel ist die französische Mockumentary «Opération lune» aus 2002.

Tim Boson:

Belassen wir es dabei, es würde wieder nur Spekulationen anwärmen und uns hier möglicherweise von unserem eigentlichen Gesprächsthema zu weit weg führen.

TSWS:

Mir soll’s recht sein, zumal es unserem GESPRÄCH hier tatsächlich mehr nutzt, noch einmal kurz auf das o. a. Dyna Soar X-20 – Project zurückzukommen. Als Entwurf stammt es von Ex-Generalmajor Dr.-Ing. h. c. Walter Dornberger, dem ehemaligen militärischen Chef der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Er hat den Raumgleiter bereits vor 1945 konzipiert. Später wurde er von der US-Firma Bell mit Dornberger als ‚Supervisor’ gebaut; erste Astronauten wurden dafür bereits ausgebildet. Kurz:  Sie müssen den ‚Flieger’ einmal gesehen haben:

General Dornbergers Raumgleiter für das »Dyna-Soar«-Projekt.

Tim Boson:

Danke für diese historische Aufnahme. Wegen der immer noch latent unkalkulierbaren Gefahren beim Wiedereintritt, ohne dass die Möglichkeit einer grundlegenden technologischen Bewältigung des Wiedereintrittsproblems in Sicht wäre, sollte dieses STS-Project in fünf Jahren eingestellt werden. War auch unter diesem Gesichtspunkt die ‚Sparmaßnahme 1963’ doch ein sehr teuerer Fehler?

TSWS:

Eindeutig ja! Für die Filmkunst war sie indes ein einmaliger Triumph: Seit Stanley Kubricks Kunstwerk haben Abermillionen Menschen ‚genaue Vorstellungen’ von bemannter Raumfahrt, welche mit flugzeugartigem Orbiter bei Horizontalstart und entsprechender Landung stattfindet. Das Hyper-X Programm hat diese ‚Technik’ entscheidend beeinflusst. Weniger witzig: Innovative oder wenigstens effektive Fortschritte für Raumfahrtzwecke insbesondere im Hochtemperaturbereich des Wärmeschutzes gibt es anscheinend seit 50 Jahren nicht. Dennoch ist m. E. der pädagogische Effekt des X-Programms samt Kubrick-Film nach wie vor eminent wichtig für die Phantasien künftiger kreativer Eliten.

Tim Boson:

Gibt es dafür ernstzunehmende Belege, welche die Entwicklungsrichtung anzeigen?

TSWS:

Erstaunlicherweise ja. Und prominenter bzw. repräsentativer geht es nicht: Der ab 1973 für die deutschen Raumfahrtprogramme verantwortliche höchste Beamte Wolfgang Finke erklärte ein Jahr nach der Challenger-Katastrophe voller Optimismus: „Twenty, thirty years from now, American and Soviet manned space operations will be routine. Circling the globe within 90 minutes will be normal for them, etc.  …” In seiner weitaus interessanteren Langzeitprognose zeigt sich Dr. Finke weitaus reservierter: „There are some people today who dream that within fifty years space technology could be developed to the point that a settlement of the solar system would come into our reach. This one may believe or may not believe. I prefer not to, but this is not the point. Rather, the point is that even fifty years from now, just as today, the vast majority of all so-called space operations will, in fact, be earth-related operations. And if it ever has been true that those who govern the waves govern the world, it will be much truer that those who operate in space will dominate the Earth”. An dieser ‚imperialistischen’ Perspektive hat sich m. E. bis heute nichts geändert; eher ist aus Mangel an entscheidendem technologischen Fortschritt die Aussicht auf „eine Besiedelung des Sonnensystems“ derzeit unwahrscheinlicher geworden. Ich werde damit sicher nichts mehr zu tun haben. Aber wer weiß: Näher als die Utopie sitzt bei den Großmächten oft der Machtwahn. Finkes Ahnungen von „earth-related operations“ zur Weltraumkontrolle sind bereits Realität: Am 9. Dezember 2010 meldete die SZ: „Nach 220 Tagen [auf einer Erdumlaufbahn] im All ist die streng geheime [unbemannte] Raumfähre [X-37B] vergangene Woche erstmals wieder auf der Erde gelandet“. Die Mission von X-37B wird von Sicherheitsexperten wohl rechtens als tendenziell hochbrisant eingeschätzt; ein Einstieg in einen neuen Rüstungswettlauf im All wird bereits diskutiert: „Theresa Hitchens, Direktorin des UN-Institute for Disarmament in Genf, sagt, die zentrale Frage sei, ob man das Raumschiff X-37B als Trägerplattform für Waffen verwenden könne“. Gegenwärtig am wahrscheinlichsten ist indes, dass „das Raumschiff zur Spionage dienen und das Netz militärischer Aufklärungssatelliten ergänzen soll“.

Tim Boson:

Ich bin bis jetzt davon ausgegangen, dass die bemannte Raumfahrt mit der Beendigung der Space-Shuttle-Missionen Mitte des Jahrzehntes eine Pause einlegt.

TSWS:

So sieht es wohl auch aus. Aber die ‚Beendigung’ bezieht sich wohl vor allem auf die ‚Missionen’ und zwar vor allem auf jene, die unter dem Etikett ‚wissenschaftlich’ für teueres Geld seit Jahren gefördert wurden. Deren Erfolg über viele Jahre war insgesamt enttäuschend. In Deutschland brachten sie einige Lehrstühle für ausgemusterte Wissenschaftsastronauten, aber die große Illusion über neue Möglichkeiten der Herstellung von Werkstoffen & Medikamenten unter Weltraumbedingen blieb pure Illusion. Unter dieser ernüchternden Perspektive hatten plötzlich die US-Militärstrategen wieder alle Vorteile für sich: Sie können jetzt den Vorteil unmittelbar militärisch nutzen, der aus dem in 40 Jahren erwachsenen technologischen Vorsprung in der ‚zivilen’ Trägertechnologie resultiert. Und ich befürchte, dass sich Dr. Finkes Langzeitprognose schneller erfüllen wird, als er sie sich vorstellen konnte. Ich will hier nicht weiter spekulieren!

Tim Boson:

Es ist offenkundig doch so, dass Ihre Biographie als Hintergrund Ihrer Story auch für unser Gespräch von Einfluss und Bedeutung ist. Als die Anfrage der NASA-Mitarbeiter Sie Anfang 1983 erreichte, waren Sie fast 50 Jahre alt, verfügten offenbar über gewisse neue Erkenntnisse und Erfahrungen, die möglicherweise für die Amerikaner von erheblichem Interesse waren. Vom Ende der Story her gedacht: Muss diese Ausnahmekonstellation nicht auch für Sie gewisse Motive, gar Anreize geliefert haben, um dann wiederum – ganz unerwartet –  Ihren späteren Lebens- und Berufsweg bis heute zu beeinflussen?

TSWS:

Ich muss Ihnen zustimmen: Ohne meine Erfahrungen in den USA hätte ich vorrangig wohl nie einige beeindruckende Amerikaner in den USA, aber auch als Gastprofessoren an unserem Institut kennen gelernt, die meine ‚späte’ Entwicklung zum wissenschaftlichen Schriftsteller nachweislich beeinflusst haben. Und ich denke, auch meine Assistenten & Doktoranden & interessierten Studenten haben davon stark profitiert.

GESPRÄCH TEIL III ZWISCHEN Tim Boson & TSWS!

„Errors are the Portals of Discovery.“
– James Joyce, Ulysses –

Tim Boson:

Bei der von Ihnen geschilderten gewaltigen Dimension in Raum, Zeit und dem Einsatz intellektueller und materieller Ressourcen in

extensivem Maß für die bemannte Raumfahrt erhebt sich jetzt doch die Frage, was Sie an einem offenbar neuralgischen Punkt des STS-Projekts als einzigen Europäer ins Spiel gebracht hat? Nach Ihren bisherigen Teil II unseres Gesprächs ging es um eine Art inoffizielles ‚Hilfsersuchen’ einiger Mitarbeiter des MSFC, welches das MSFC per Vermittlung durch Dr. A. E., einem früheren deutschen Kollegen, Ihnen im Februar 1983 ankündigte. Dieser Zeitpunkt erscheint mir wichtig, weil er bereits mehrere Shuttle-Flüge der ersten SSME-Generation  betraf – beginnend mit STS-6 am 4. April 1983. Wann, wie und warum kam Ihre Mitarbeit zustande; nach welchem modus operandi wurde sie ausgeübt und letztlich abgewickelt?

TSWS:

Die Kontaktaufnahme mit A. E. machte mich neugierig; sie war unverbindlich, und so geschah zunächst gar nichts. Dann, es war wohl nach Trimesterende Anfang Juli, informierte mich A. E., dass zwei oder drei Herren der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA mich in besagter Angelegenheit besuchen würden. Das Treffen wurde für den 15. August 1983 im Institut für Thermodynamik der Bundeswehruniversität München (UniBwM) vereinbart. Das war dann am Vormittag der Fall.

Es ist nicht ganz einfach, den Gesprächsablauf einigermaßen konzise wiederzugeben, zumal ich mir die geschilderte Sachlage im Fall der NASA nie hätte vorstellen können. Wir saßen da stundenlang in einem Raum, bei Hamburger & Cola light, beginnend mit small talk. Ich sollte mir fast ganz ohne Unterlagen ein Bild über die Situation zur SSME machen, also zu einer Maschine, die sowohl mechatronisch als auch thermodynamisch in Konstruktion & Regelung wohl zu den komplexesten Maschinen der Welt gezählt werden muss. Um sich eine erste Vorstellung zu machen: Nach Zündung der SSMEs werden innerhalb von drei Sekunden 90 Prozent des maximalen Schubs aufgebaut. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt ebenfalls die Zündung der Feststofftriebwerke. Das bedeutet für das Transportsystem, dass innerhalb kürzester Zeit Temperaturunterschiede von minus 200°C (verflüssigtes LH-LOX-Gemisch) bis zu (angeblich) plus 2600°C (Verbrennungsgasgemisch) bei Brennkammerdrücken um 200 bar in Schub transformiert werden…alles, was ich hörte, war für mich nicht nachvollziehbar, und ich bat – vergeblich – um schriftlich Belege. Warum „vergeblich“?  Es ist mir erst viel später klar geworden, wie eng der tatsächliche Entscheidungsspielraum der MSFC-Verantwortlichen für Entwurf, Bau und Test der SSME im Rahmen der konkreten NASA-Missionsplanungen des STS-Project tatsächlich gewesen ist.

Tim Boson:

Über welchen Zeitraum sprechen Sie gerade?

TSWS:
Die Antwort kann sich nur auf jenen Zeitraum beziehen – d. h. zwischen 1975 und 1986 –  in welchem jede Shuttle-Mission hauptsächlich durch die potentiell desolate Situation bei den SSMEs aktuell gefährdet schien. Man kann diese eher vage klingende Zustandsbeschreibung immerhin noch durch den Hinweis spezifizieren, dass die Risiken eines Schadens mit schlimmen Folgen von den NASA-Ingenieuren völlig anders eingeschätzt wurden als vom NASA-Management. Die Schätzungen evtl. Verluste von Raumfähren & Menschen lagen grob zwischen 1 in 100 (Starts) beim technischen Personal und zwischen 1 in 100.000 beim Management!  Was die Gründe für solche ‚Erwartungen’ waren, darüber wollten meine Gesprächspartner in punkto thermodynamische Grundlagen Etwas von mir erfahren. Das klingt nun nebulös und schwammig. Tatsächlich ging es aber insofern schnell zur Sache, als klar wurde, dass man von mir tragfähige Antworten auf Fragen erwartete, die sich konkret in zwei Publikationen von Mr. P. R. J. stellten:

(1)   ›Entropiemaximierung für Gleichgewichtsprozesse unter Bezug auf Verbrennungsphänomene in Raketenmotoren.‹ Techn. Memorandum. Lockheed Missiles & Space Comp. Huntsville, Al. Oktober 1969.

(2)   Untersuchung von Gleichgewichtskonzepten – Final Report: NASA-Contract 8-34946-MSFC with Continuum Inc. Huntsville, Al. Oktober 1982.

Tim Boson:

Haben Sie sich eigentlich die o. a. monströsen Wahrscheinlichkeitswerte aus den Fingern gezogen? Und im Übrigen: Die Publikationsdaten beider Reports lassen keinen unmittelbaren Bezug auf den von Ihnen angegebenen Zeitraum erkennen. Braucht es dafür eine plausible Erklärung?

TSWS:

…. aus den Fingern gezogen? Keineswegs: Es gibt NASA-Studien, basierend auf Interviews mit dem Management & den Ingenieuren am MSFC und Interviews mit Ingenieuren der Rocketdyne. NASA-Offizielle sind flexibel; oft reden sie sich den hohen Grad von Missionserfolgen einfach zu Recht, manchmal ‚wissenschaftlich’ aus der Differenz der unterschiedlichen Philosophien für Raumfahrtprogramme bemannter & unbemannter Missionen, d. h. „Numerical probability usage vs. engineering judgement.“ Um hier einmal eine Quelle zu nennen: Das Zitat findet man in »Space Shuttle Data for Planetary Mission RTG Safety Analysis, NASA JSC, February 15, 1985«.

Im Übrigen treffen Sie mit Ihrer zweiten Frage des Pudels Kern – buchstäblich! Erst als ich erkennen ließ, dass ich bei den kargen Informationen keine Möglichkeit sähe, etwas zu ihren Problemen zu sagen, rückten die Herren mit einer Geschichte heraus, die – wie sich erst im Jahr darauf herausstellte – immer noch ziemlich unvollständig, indes abenteuerlich genug war.

Tim Boson:

Das überrascht mich eigentlich nicht. Schließlich klingt es wenig wahrscheinlich, dass ausgerechnet die NASA allein wegen einer STS-relevanten thermodynamischen Grundsatzfrage ihre Leute nach München schickt, um einen deutschen Professor zu konsultieren. Gibt es ein Geheimnis, eine Verschwörungstheorie?

TSWS:

Die nackten Tatsachen, die relevant sind, lassen sich in aller Kürze zusammenfassen. Das ist auch der Sache angemessen, da ich im Detail nie erfahren habe, warum zwischen den ›Fachinformationen (technical briefs 1969)‹ der Lockheed Missiles & Space Company und deren ›Abschlussprüfung (final report 1982)‹ durch die Continuum Inc. ebenfalls Huntsville, Ala. eine zeitliche Lücke von 12 Jahren klafft. Ergo:

(1) Im Oktober 1969 lag das Lockheed-Gutachten von Mr. P. R. J. der MSFC-Führungscrew vor.

(2) Ab 1970 verließ W. von Braun nach zehnjähriger Tätigkeit das MSFC, um für zwei Jahre an der NASA-Zentrale in Washington D. C. die Stelle als stellvertretender Direktor anzutreten.

(3) Am 14. August 1972 wurde der endgültige Vertrag mit der Firma Rocketdyne über den Bau und die Erprobung der SSME unterzeichnet; er hatte eine Laufzeit von 40 Monaten und einen Wert von über 200 Mio. USD. Verbunden war das Ganze auch damit, dass die NASA „zur Überwachung und Steuerung des Entwicklungs- und Herstellungsprozesses der SSME die ›Design Verification Specification (DVS)‹ etablierte – verknüpft mit Design-Überprüfungen, Triebwerktests & formalen Darstellungen“ (http://www.mainengine.de/ssme/ssme_entwicklg.html).

(4) Ab 1974 begannen Brenntests der Triebwerkskomponenten und ganzer Triebwerke, z. B. am Stennis Space Center, Mississippi in der Nähe von St. Louis am  in der Nähe von St. Louis.

SSME-Test on A-1 in Stennis Space Center • The STS-1 Crew (Commander John W. Young & Pilot Robert L. Crippen) 810412

(5) Der wichtigste Kontrollpunkt der DVS war selbstverständlich der Erstflug des Space Shuttles. Dazu war die rechtzeitige Verfügbarkeit von komplett ausgetesteten Main Engines Voraussetzung. Die erste SSME wurde am 25. März 1975 an die NASA ausgeliefert. Weitere folgten, und sechs Jahre später erfolgte der Erstflug.

In summa: Dreizehn Jahre nach Beginn der Entwicklungsarbeiten fand der Erstflug der neu entwickelten Haupttriebwerke der US-Raumfähren am 12. April 1981, 7 Uhr Ortszeit statt. Anlass war der erste Weltraumflug der Raumfähre Columbia; sie startete vom ›Kennedy-Raumflug-Zentrum in Cape Canaveral, Florida‹ aus – mit den Astronauten John Young und Robert Crippen an Bord.

Tim Boson:

Die fünf Meilensteine markieren eine Zeitspanne, innerhalb der die beiden o. a. in Rede stehenden Gutachten von Mr. P. R. J. –  letztlich der Auslöser unseres gesprächs  –  der NASA vorlagen.

Aber nicht nur das: Die NASA-Abordnung besuchte Sie drei Jahre nach Ablauf der Zeitspanne, also nachdem bereits erste Weltraum-Missionen erfolgt waren. Wieso waren da diese Gutachten überhaupt noch relevant? Das kann doch kein Zufall sein?

TSWS:

Natürlich nicht. Um das folgende Gedächtnisprotokoll zu verstehen, sollte man alle fünf objektiven Items des o. a. ‚Milestone-Schedule’ um das Datum eines eher ‚local event’ ergänzen. Von Brauns Nachfolger als zweiter Zentrumsdirektor wurde Dr. Eberhard Rees (*1908 ‒ † 1998), einer der eng-ster Mitarbeiter aus Peenemünder Tagen. Ein anderer Mitarbeiter & Biograph Wernher von Brauns, Dr. Ernst Stuhlinger, äußerte sich lt. dem MSFC-History Office zur Zusammenarbeit der Beiden in den Jahren der Apollo-Ära wie folgt: „Wernher and Eberhard were a great team. Wernher was the outgoing one. Eberhard the practical one … Eberhard retired in 1973″. Trotz dieser geringen Amtszeit hinterließ Rees unübersehbare Spuren: Er initiierte das später als Hubble-Weltraumteleskop bekannt gewordene astronomische Wunderwerk, dann die erste Raumstation der Amerikaner, Skylab, außerdem das Mondauto LRV und – last but not least – den Umbau des MSFC vom bis dato Mekka der Raketenschmieden zum Wissenschaftszentrum. Diese beeindruckenden Fakten deuten bereits darauf hin, dass sich spätestens ab 1973 am MFC der Wind gedreht hatte. Neue Ziele winkten am MSFC, und das STS-Projekt lief in der Großindustrie entsprechend den vertraglich vereinbarten Abmachungen sowie nach den Spielregeln, wie sie in der ›Design Verification Specification (DVS)‹ der NASA kodifiziert waren.

Nachdem 1974 die umfangreichen Testprogramme der SSME und ihrer Komponenten anliefen, traten bald und erwartungsgemäß beträchtliche Probleme auf. Sie resultierten einerseits aus den SSME-Problemen selbst, andererseits aber auch infolge von Schwierigkeiten mit den (meist aus früheren Raketenversuchen herrührenden) alten Versuchsständen. Der Erstlauf eines SSMEs fand im Oktober 1975 statt. Während der Erprobung kam es zu zahlreichen Komplikationen. Bei einem Test explodierte sogar ein Triebwerk und zerstörte den Teststand.

Tim Boson:

So traurig es ist, aber deshalb flogen die Herren doch nicht nach München! Vielleicht berichten Sie unseren Lesern einfach die für den Besuch maßgebliche Faktenlage, wie sie Ihnen vorgetragen wurde – unabhängig davon, inwieweit sie damals zutraf oder auch nicht.

TSWS:

Ihre Ungeduld verstehe ich, dennoch kann & will ich ihr aber noch nicht folgen, weil die Gefahr nicht auszuschließen ist, dass ein total falscher Eindruck entsteht. Ich will dafür einen Kronzeugen aufrufen, dessen Kompetenz & Prominenz wohl nicht zu toppen sein dürfte: den weltberühmten US-Physiker Richard P. Feynman, Nobelpreisträger 1965 für Quanten-Elektrodynamik. Er spielte noch kurz vor seinem Tod eine herausragende Rolle in der ›Presidential Rogers Commission‹, welche das Challenger-Disaster untersuchte….

Tim Boson: Das müssen wir kurz einschieben: Das Challenger-Desaster hatte technisch nichts mit den SSME zu tun, sondern mit den Feststoffboostern,  aber Sie wollen hier auf etwas grundsätzliches hinaus.  Bitte fahren Sie fort:

TSWS:

Ja… Feynman kam zum Schluss, dass das NASA -Management die Zuverlässigkeit der STS-Technologie völlig falsch eingeschätzt hatte. Er verwendete den vernichtenden Ausdruck „phantastically unrealistic“. Im Anhang zum Abschlussbericht der nach Präsident Nixons Außenminister William Pierce Rogers benannten US-Untersuchungskommission wiederholte er eindringlich seine oft geäußerte Warnung: „For a successful technology, reality must take precedence over public relations, for nature cannot be fooled.“[

Feynman liefert aber auch einen grundlegenden Ansatz zur Sicherheitsproblematik bei Hochgeschwindigkeitsflugsystemen. In seinem Aufsatz „Personal observation on the reliability of the Shuttle” diskutiert er zwei unterschiedliche Arten des Designs von zivilen & militärischen Flugsystemen – bemannt oder unbemannt. Für Flugtriebwerke von Kampfbombern oder Passagierflugzeugen z. B. der AIRBUS S.A.S. gilt nach Feynman: „The usual way that such engines are designed may be called the component system, or ´bottom-up design`.” Aber er dachte weiter, an prinzipiell andere Optionen des Design, an die Alternative zum ´bottom-up design`, ergo dem ´top-down design`, „we might say“. Aber er nannte dafür keine vertrauten Beispiele, dafür beging er einen Kardinalfehler, der beinahe seine ganze Untersuchung, vor allem seine harsche Kritik an den NASA-Managern hinfällig machte: Die SSME ist für ihn ein neues Aggregat, d. h. ohne erprobte Vorläufer, und er erklärt es unumwunden, indes total unbegründet zu einem Paradebeispiel für ´top-down design`!

Aus dieser ‚freien Erfindung’ wird schlagartig der Stellenwert der Gutachten von Mr. P. R. J. festgelegt. Sie sollten dazu dienen, wenigstens für die SSME ´top-down design` auf eine verlässliche physikalische Grundlage zu stellen. Darin lag objektiv ihre wahre Bedeutung! Die Gutachten beziehen sich aber auf eine ´Glockendüsen` -Technologie. Für die ´Aerospike-Nozzle`, die keineswegs eine neue Entwicklung war (s. o.) gelten sie aus geometrischphysikalischen Gründen nicht, ein Sachverhalt, der ganz im Sinn von Feynmans Aufsatz erklären würde, warum Wernher von Braun diese anspruchsvolle Technologie vom SSME-Design-Competition kategorisch ausschloss.

Tim Boson:

Beeindruckend. Aber es ist vielleicht hier angebracht, dem Leser griffige Beispiele aus dem täglichen Umfeld zu nennen, die er mit ´bottom-up design` bzw. ´top-down design` konkret in Verbindung bringen kann. Dabei ist es sicher einfacher, hier negative Beispiele zu finden.  So denke ich, aus einem normalen PKW einen innovativen Rennwagen zu entwickeln, ist sicher kein seriöses Beispiel für eine der beiden Optionen, denn das wäre von vorneherein eine technisch und wirtschaftlich unsinnige Aufgabe. Schon gar nicht lässt sich ‚pimp up’ im Sinn von ‚Etwas aufmotzen’ mit ´bottom-up design` zumindest für komplexe technische Aggregate der Industrie in Verbindung bringen. Auch Beispiele für die Alternativoption ´top-down design` darf man sich in der Industrie nicht zu simple vorstellen. Niemand wird aus einer nicht geprüften Innovation oder von einer so genannten Konzeptstudie aus ‚hinunter’ in ein funktionierendes sicheres Aggregat Millionen auf Verdacht hin investieren. Eine These, wonach man sich im Zweifel für die Erfahrung entscheidet und gegen die noch ‚unerfahrene’ Innovation, wäre nicht nur fahrlässig, sondern auch grottenfalsch: Diese Alternative ist irreal, in der Praxis existiert sie nicht.

Zusammengefasst: Wir kommen nicht umhin, die Funktion und Problematik des Zwillings ´bottom-up design` und ´top-down design` sorgfältiger darzulegen. Das ist Feynmans Botschaft; sie bedeutet wohl die Notwendigkeit, die Unterschiede im Design zwischen (1) bottom-up und (2) top-down signifikant zu untermauern: Ich könnte mir vorstellen, dass für (1) i. a. die dokumentierte Komplexitiät je der Vorgängermodelle die technologischheuristische Basis für das Nachfolgemodell bildet. Für (2) wäre dagegen nur eine adäquate und gut begründete physiko-chemische Theorie – die ´top-down IDEE` – als konzeptionelle Basis zulässig, weil einzig sinnvoll, oder

TSWS:

Dem kann ich nur zustimmen. Wir werden uns im Fortgang unseres GESPRÄCHS also mit Design im ´bottom-up mode` bzw. ´top-down mode` eingehender befassen, zumal uns da eine m. E. dicke Überraschung erwartet. Allerdings sollten gleich die Gewichte richtig verteilt werden: Design im ´top-down mode` lässt sich bei ‚defensiver Definition’ nur sehr selten realisieren. Raketenmotoren & Staustrahlantriebe sind die großen Ausnahmen. Für beide lässt sich in aller Regel je ein idealer Vergleichsprozess konstruieren. Aber bevor wir darauf zurückkommen, sollte ich doch Ihrem o. a. Vorschlag folgen, nämlich die Fakten, welche die Gutachten von Mr. P. R. J. betreffen, jetzt endlich so auf den Tisch zu legen, wie sie mir von der MSFC-Abordnung dargelegt wurden. Aber leider ist das unmöglich, weil der Leser diese ‚Fakten’ nicht verstehen kann, weil ich sie damals in ihrer ganzen Fülle auch nicht verstehen sollte. Ich bin mir inzwischen sogar ziemlich sicher, dass die MSFC-Herren sie selbst nicht stimmig in Einklang bringen konnten. Deshalb kann ich diese ‚Fakten’ nur ‚umständehalber’ vortragen.

Das Lockheed-Gutachten (LFAR) lag dem MSFC im Oktober 1969 vor. Es hatte seine Ursache letztlich in den Erfahrungen mit dem J-2 (-Oberstufen-Triebwerk) der Mondrakete SATURN V.

SATURN V – S-IC_engines_and_Von_Braun

Bis zur SSME war es einst das größte mit flüssigem Wasserstoff betriebene Triebwerk der USA. Die Vehemenz, mit der – wie erwähnt –  Dr. von Braun im SSME-Design-Wettbewerb die Aerospike-Düse diskriminierte und zwar gegenüber der konkurrierenden Glockendüse, wie sie auch in der J-2 Verwendung fand, lässt vermuten, dass er das Lockheed-Gutachten kannte. Dr. Sanford Gordon, einer der Autoren des NASA-Lewis-Code SP 273, Interim Revision, March 1976 (Computer Program for Calculation of Complex Chemical Equilibrium Compositions, Rocket Performance, Incident & Reflected Shocks, and Chapman-Jouguet Detonations), teilte diese Auffassung. Am Rand der Huntsville-Conference, February 1985, an der auch Dr. Gordon teilnahm und auf der es um beide Gutachten sowie um die Prinzipien der von mir entwickelten MÜNCHNER METHODE (MM) ging, äußerte er die Vermutung, dass von Braun sogar das LFAR veranlasst hätte.

Tim Boson:

Ist denn eigentlich etwas Anderes vorstellbar – realiter?

TSWS:

Eigentlich nicht. Einerseits war Dr. von Braun als Center Director – trotz der bevorstehenden Mondmission – bereits von 1968 an stark in den Vorbereitungen des STS-Project involviert. Andererseits kannte er die eminenten spezifischen Probleme der J-2 genau, so dass es undenkbar erscheint, dass die Vergabe des Gutachtens für das MSFC ohne sein Wissen und seine Einwilligung erfolgt ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Projektphase A (jedenfalls ab 23 Januar 1969!) Lockheed auch offiziell für ›Machbarkeitsstudien‹ ein tatsächlicher Mitbewerber, später ein potentieller Konkurrent der anderen Raumfahrtfirmen war. Schaut man indes genauer hin, so läuft alles auf einen eindeutigen Schluss hinaus. Schon im August 1969 – also noch in der Ausarbeitungsphase des LFAR – legte von Braun den „Raketenherstellern des Landes“ einen von ihm auch persönlich geprägten umfangreichen Fragenkatalog vor. Wohl nicht zufällig sprach er darin „Unzulänglichkeiten des Aerospike-Triebwerks von ROCKETDYNE an, das Probleme mit verzögerter Zündung, Instabilitäten des Verbrennungsprozesses“, etc. hatte. Dann, kaum lag dem MSFC das LFAR vor, fiel der Hammer: „Als einziges klar vorgegebenes Designmerkmal wählten die NASA-Shuttle-Manager im Oktober 1969 die Schubdüse aus, die glockenförmig sein sollte, da man damit große Erfahrung gesammelt hatte“ (‹http://www.mainengine.de/ssme/ssme_entwicklg.html› vom 2. September 2007). Diese Begründung erscheint zwar eher als reaktionär denn als fortschrittlich, zumindest als fantasielos. Dennoch ist sie sicher nicht mit jener von Richard Feynman angeprangerten Irrationalität behaftet, die er, der Theoretische Physiker, den verantwortlichen NASA-Manager anlastete. Dann aber muss man seriöserweise konstatieren, dass Dr. von Braun und seine Kollegen in Anbetracht des tatsächlich oder angeblichen Zeitdrucks und unter Bezug auf die erstaunlich vielversprechenden Prognosen des LFAR kaum eine andere Wahl hatten, als alternativlos auf die ‚Glockendüse’ zu setzen.

Tim Boson:

Zugegeben, das ist sehr treffend. Aber solange sich das MSFC auf das Gespür ihres Direktors verlassen konnte – und beim Mond-Projekt funktionierte das ja perfekt – konnte das zuständige MSFC-Management Verantwortung tragen … für das STS-Projekt. Was aber geschah, musste geschehen, als von Braun einige Monate später für neue Aufgaben in die NASA-Zentrale abkommandiert wurde?

TSWS:

Schlimm genug die Situation, wie Sie sie treffend schildern. Aber noch nicht schlimm genug! Es ist ja nicht nur der Abgang des ‚Kapitäns’, von dem man letztlich erwartet, die Verantwortung zu bündeln und gegebenenfalls allein zu tragen. Es ist vor allem die Tatsache, dass bei von Brauns ‚Abgang’ kein Mensch wusste, ob die verheißungsvollen Prognosen des Lockheed-Gutachtens überhaupt stimmen, wissenschaftlich korrekt sind. Bevor Sie mich danach fragen, sage ich Ihnen gleich, dass von Brauns Nachfolger, der neue ‚Kapitän’ – soweit ich weiß  –  zur Aufklärung dieser (für alle ‚Eingeweihten) quälenden Unsicherheit nichts tat. Nach drei Jahren ging er in den verdienten Ruhestand (s. o.).

Tim Boson:

Puh… Das waren jetzt doch eine Menge Fakten: Ich möchte dazu jetzt noch einmal rekonstruieren. Auch für mich selbst, weil es so dicht ist: Wir haben es mit einem komplexen Entwicklungsprozess zu tun, der sich zugleich in einem komplexen technologischen Feld abspielt. Ich muss also immer mit bedenken, dass in einem solchen Prozess stets auch Terminkalender, Schedules eine Rolle spielen, die neben den technischen Sachlagen auch einen gewissen Termindruck mit verursachen. Ebenso wie auch finanziellen Druck, weil auch große Budgets nicht unbegrenzte Budgets sind. Dazu kommt die Frage der Sicherheit. Und ein Chef oder ein Abteilungsleiter oder ein Direktor muss in dieser Situation immer sowohl die Sachlage, die Zeitlage als auch die finanzielle Lage gegeneinander abwägen, und dann Entscheidungen treffen, die dafür sorgen, dass der Hase weiterläuft. Aber diese Entscheidungen können nicht immer so beschaffen sein, dass Alle zufrieden sind. Deshalb wohl ist dann die Entscheidung für die Glockendüse gefallen…. Jetzt aber die Frage:  Wie kam es ihrer Meinung nach dazu, dass das Lockheed-Gutachten solche relativ kühlen Temperaturen in der SSME avisierte. Ein Rechenfehler?

TSWS:

Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass bei den vielen (für Sie und den Leser oft) unbekannten Namen & Fakten sowie den teilweise komplizierten technischen Zusammenhängen das Bedürfnis einer ‚Atem- & ….pause’ besteht. Weiterhin ist es für die Harmonie zwischen uns und unseren Lesern durchaus zuträglich, dass Sie mit untrüglichem Gespür den Arbeitsalltag der Vorgesetzten jedes heutigen Angestellten in Großkonzernen und Investmentbanken beschreiben. Aus meiner Erfahrung kann ich ihn auch für Bundesministerien, Großforschungsanstalten & Universitäten bestätigen. Warum sollte es in den sehr bürokratisch arbeitenden Einrichtungen der NASA anders sein. Soweit Alles schön und gut! Was aber völlig missraten ist, muss auch gesagt sein: Aus Ihrer Allerweltsanalyse zu schließen, dass „die Entscheidung für die Glockendüse“ deshalb gefallen sei, weil halt „Entscheidungen nicht immer so beschaffen sein können, dass Alle zufrieden sind“, ist einfach absurd. Deshalb kann und will ich Ihnen jetzt & hier Ihre zwei abschließenden Fragen nicht beantworten, denn dann müssten wir sofort auf das LFAR im Detail eingehen, ohne die Problematik des zweiten Gutachtens (CG) noch nicht einmal zu kennen. Ich werde also da fortfahren, wo Sie mich mit Ihrem Puh … unterbrochen haben.

Von Braun hatte nun Zeit, über die wirklich wichtigen Items der bemannten Raumfahrt nachzudenken. In den vielen Biographien über ihn kursieren sehr unterschiedliche Angaben, warum & wozu er 1970 nach Washington, D. C. wechselte. In den Mitteilungen des ´MSFC History Office` heißt es dazu lapidar: „In 1970, NASA leadership asked von Braun to move to Washington, D.C., to head up the strategic planning effort for the agency”. Was unterscheidet wohl einen eingefleischten Bürokraten von einem waschechten Visionär auf diesem Posten. Die Antwort lässt sich belegen: Bereits im NASA-Headquarter in Amt & Würden, erklärte er 1971 im Kennedy Space Center, Cape Kennedy: „Die Raumfähre ist zwar sehr nützlich für erdgebundene Anwendungen, aber sie ist auch die Basis für alles, was wir später an bemannten Flügen im ferneren Weltraum machen werden“; vgl. Der SPIEGEL Nr. 7/1971/S. 141. Der „fernere Weltraum“ – das ist eine Vision – vielleicht aus den Jugendjahren seiner Lektüre von Kurd Laßwitz’ Büchern! Selbst, wenn von Braun in seinem Optimismus – gemessen an seiner Prognose über „Forschungsstationen auf dem Mond im Jahr 2000“ – daneben lag.

Tim Boson:

Was waren Ihrer Meinung nach in den ersten vier Jahren nach von Brauns Abschied vom MSFC die Gründe für die wachsende Unsicherheit und Unzufriedenheit derjenigen Mitarbeiter des MSFC, die von Brauns Vorstellungen gut kannten und teilten? Selbst falls Sie für eine Antwort eine gehörige Portion Kaffeesatz lesen müssen.., es muss am MSFC eine solche Stimmung gegeben haben, sonst säßen wir nicht hier. In Frage käme eigentlich nur die Gruppe (‚Branch’ – oder ein Teil davon) vorrangig solcher MSFC-Experten, welche den Entwurf und Bau der Raketenmotoren von ROCKETDYNE während der Abschlussphase des SSME-Wettbewerbs zu begleiten und zu bewerten hatten. Und die auch über …

TSWS:

.. gehörigen Einfluss verfügten – wie sonst wäre zum Thema ‚Korrektur des Nasa Lewis Code‘ die Konferenz 1985 möglich gewesen?

Ich habe mir Ihre Frage in 1991 nach dem Ende meines NASA-Engagements auch gestellt. Aber vergeblich. Antworten aus den USA gibt es zwar deren viele, aber sie sind in aller Regel der berüchtigten »Political Correctness« geschuldet – angeblich wegen der nationalen Sicherheit. Mein amerikanischer Freund G.K. hatte erst mit dem zweiten Gutachten von Mr. P. R. J. von Mitte Oktober 1982 zu tun, wusste also nichts Verbindliches über die früheren Zeitabschnitte zu berichten. Erst viel später als ich Feynmans Shuttle-Analysen kennenlernte und ihre Ergebnisse an den realen Gegebenheiten der Münchner Motorenunion (MTU) dank meiner jahrzehntelangen Freundschaft mit dem früheren Technischen Geschäftführer der MTU reflektieren konnte, fiel der Groschen. Vor allem, als mir jetzt – fast 20 Jahre nach der Betreuung von Stefan Dirmeiers Dissertation – die großen systemischen Qualitäten der Münchner Methode, d. h. der ›Thermofluiddynamik des idealen Vergleichsprozesses für Raketenmotoren & Staustrahlantriebe mit & ohne Kühlung‹ noch klarer geworden sind.

Tim Boson:

Ich weiß, dass der zuletzt angesprochene Grund auf die Generalüberschrift unseres GESPRÄCHS abzielt, auf «Entropie als Kreativpotential», und wir ihn deshalb jetzt nicht weiter vertiefen sollten. Aber einige Bemerkungen zu „Feynmans Shuttle-Analysen“ im Zusammenhang mit dem LFAR würde ich mir schon wünschen.

TSWS:

Die zwei von Feynman angesprochenen Optionen, komplexe Maschinen zu entwerfen, weiter zu entwickeln und schließlich zu bauen, erfasst er durch die zwei Begriffe (1) ´bottom-up design` und (2) ´top-down design`. Damit erreicht er eine griffige Systematik, aber zunächst nicht mehr. Denn die Begriffe eröffnen zunächst nur ein ‚Sprachspiel’, das sich formal in zwei Optionen anbietet. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Im Fall (1): Ausgehend vom Konkreten mit dem Ziel im Abstrakten und im Fall (2): Ausgehend vom Abstrakten mit dem Ziel im Konkreten.
Es wundert nicht, dass sich dieses ‚Paar’ (1) und (2) von der Managementtheorie über die kognitive Psychologie bis zur Nanotechnik anwenden lässt.

Im industriellen Maschinenbau bedeutet das Prinzip – vereinfacht ausgedrückt, aber praxisnah:

(1) steht für einen verfügbaren, bewährten Fundus an Technologie in Form einer erfolgreichen, entwicklungsfähigen Maschine sowie bewährter Teams und

(2) steht für eine Idee. Sie muss wirtschaftlich (oder eben auch militärisch) interessant sein, sollte in einer Konzeptstudie vorliegen. Manchmal ist es ausreichend, wenn es gelingt, die ´Idee` verbal, graphisch, etc. zu präsentieren und einschlägigen Prüfungen zugänglich zu machen. Besser noch, falls sie, was den Kern der Idee betrifft, mittels simpler mathematischer Modelle & statistisch unterlegter Risikofaktoren quantifiziert werden kann, sofern die einschlägigen Experten zur Verfügung stehen.

Tim Boson:

Das klingt vielversprechend, aber ziemlich abstrakt. Wie verhält es sich mit diesem Prinzip in der Praxis, z. B. bei den von Ihnen erwähnten ›luftatmenden Flugtriebwerken‹ der MTU?

TSWS:

Danke Tim, dass Sie mich danach fragen. Ohne auf Details einzugehen, können Sie davon ausgehen, dass die MTU nach dem o. a. Muster verfährt: Item (1) ist die Regel und Item (2) die Ausnahme. Warum? Item (1) wird ‚infinitesimal’ gehandhabt, d. h. ein verbessertes Flugtriebwerk wird an Schwachstellen korrigiert und/oder in der Funktion verbessert (neue Materialien, geringerer Verbrauch, höhere Sicherheit, veränderte Avionik, etc.). Der entscheidende Vorteil: Risiken sind gewöhnlich beherrschbar und Korrekturen sind meist ‚local’; die resultierenden Kosten halten sich in kalkulierbaren Grenzen. Der Fall von Item (2) kommt auch bei der MTU vor, aber selten. Eigentlich nur dann, wenn ein neues Produkt entwickelt werden muss, in dem Sinn, dass bei der Firma keine direkt verwertbaren Vorbilder existieren. Diese Einschränkung kann sich auf die Technologie selber, aber auch auf extreme Betriebsbedingungen beziehen – besonders aber auf Kundenwünsche! Für diesen Fall der ‚top down’- Option, hat Richard Feynman klar ausgedrückt, was Sache ist, ergo was die Risiken sind:

A further disadvantage of the top-down method is that, if an understanding of a fault is obtained, simple fix, such as a new shape for the turbine housing, may be impossible to implement without a redesign of the entire engine.

So korrekt dieses Statement sein mag, so problematisch ist dagegen Feynmans Behauptung:

The Space Shuttle Main Engine was handled in a different manner, top down, we might say. The engine was designed and put together all at once with relatively little detailed preliminary study of the material and components.

Wie kommt Feynman zu dieser Behauptung?

Tim Boson:

Au weija… wie soll die „top-down method“ erfolgreich funktionieren, wenn der Chef abgelöst wird?
TSWS:

Das ist für beide Optionen gleichermaßen problematisch. Ein Grund, warum das LFAR über fünf Jahre hinweg nie nachweislich überprüft und zur Debatte stand, war sicher, dass am MSFC niemand von der Statur von Brauns zur Verfügung stand, der im Prinzip alle für beide Optionen erforderlichen Qualitäten in sich vereinte. Damit meine ich (i) fachliche Breite, (ii) kompromisslose Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Headquarter-Management der NASA und dem MSFC-Team, aber auch im Konflikt mit den Ingenieuren und Managern der Kontraktfirmen und besonders (iii) den Mut, die beispielsweise für eine erfolgreiche „top-down method“ typische „top-down technology“ zu entwickeln und durchzusetzen. Die Entwicklung der Mondrakete wäre dafür m. E. ein Beispiel.

Reicht aber die Abberufung von Brauns aus zur Erklärung, warum sich die Lage des ‚kopflosen MSFC’ in jenen Jahren wirklich als so fatal erwies? Ich denke nein. Denn von entscheidender Bedeutung ist die Tatsache, dass die moderne Trägerraketentechnologie eine deutsche Entwicklung war, die im Dritten Reich ab 1936 entstand und in den USA (aber auch in der UdSSR) mit der SATURN V ihren Höhepunkt erreichte. Maßgeblich für ihren Erfolg war die ‚Philosophie’ Oberths und von Brauns Führungskraft & Mut. Sie lässt sich durch ein Zitat auf den Punkt bringen:

Wesentlichen Anteil hatte die konsequente Anwendung der sogenannten Systemtechnik. Darunter verstehen die Ingenieure den Gesamtprozess, der alle Ingenieurdisziplinen, Arbeitsbereiche und Verwaltungsschritte umfasst, um von einem weißen Blatt Papier zu einem funktionierenden und kompletten System neuer Technologie zu kommen.

–        Axel Kopsch, Generalsekretär des Internationalen Förderkreises für Raumfahrt – Hermann Oberth – Wernher von Braun e.V. –

Auf diese Art der SYSTEMTECHNIK werden bis heute so gut wie alle Luft- & Raumfahrtingenieure in aller Welt eingeschworen; sie beschreibt das Grundmuster der ´bottom-up method`, involviert aber auch, dass für die Anwendung dieser Methode ein entsprechend geschultes Expertenteam unter einem Chef arbeitet, dessen Persönlichkeitsprofil von der Art der o. a. Items (i) bis (iii) ist!

Über 100 Peenemünder Raketenspezialisten brachten unter von Brauns Leitung zuerst für die US Air Force (u. a. Leiter der Redstone-Entwicklung, einer atomaren Kurzstreckenrakete), dann ab 1960 für die NASA die amerikanische Raketentechnologie in Gang – eben nach der ´bottom-up method`. Diesen Begriff gab es aber Mitte der 1930er Jahre noch nicht. Inhaltlich aber schon:

Für die Entwicklung der ersten voll funktionsfähigen Großraketen mit der Typenbezeichnung A4 und dem von Joseph Goebbels stammenden berüchtigten Propagandanamen V2 (V stand für „Vergeltungswaffe“) sollte man sich schon deshalb eher auf das Motto der Universität von Salamanca beziehen,

„Was Gott euch nicht gab, kann auch die Universität von Salamanca euch nicht geben.“,

Aggregat 4  - später V2

Aggregat 4 - später V2

sofern man das Gespann Hermann Oberth & Wernher von Braun als die Vollstrecker der göttlichen Vorsehung akzeptieren mag. Dieser Bezug ist allemal innovativer als ein Anglizismus, dessen Sinnerfüllung für riskante, teuere technologische Entwicklungen alles andere als leicht fällt.

Tim Boson:

Ich muss nachhaken: Die Peenemünder Experten brachten die Peenemünder ´bottom-up method` in die USA. Und Sie schließen daraus, dass allein dieser Sachverhalt schon zu Folge hatte, dass Prof. Feynman irrte, als er die SSME als einen nach der ´top down method` entwickelten gänzlich neuen Raketenmotor definierte? Das sollten Sie dem Leser plausibel machen.

TSWS:

Sie haben ganz Recht. Schon die Typenbezeichnung Aggregat 4 (A4) der V2 verrät auf einen Blick, dass es eine Entwicklung des Raketentyps gegeben haben muss, d. h. der charakteristische Fall des ´bottom-up design` vorlag. Erst die A4 erfüllte alle Erwartungen des Anforderungsprofils von 1936, nämlich eine Tonne Sprengstoff deutlich über 250 km befördern zu können. Die Vorgängermodelle A1, A2, A3 und A3korr. = A5 waren nur teilweise erfolgreich, gehörten aber in die Entwicklungsreihe der A4. Ein besonders wichtiger Gesichtspunkt gehört leider zu den dunkelsten Seiten deutscher Geschichte: Das schon damals technologisch recht komplexe ‚Aggregat 4’ mit tausenden von Einzelteilen setzte geschultes Personal in großer Anzahl voraus. Dafür wurden „spezialisierte, inhaftierte Facharbeiter & Ingenieure aus dem gesamten Reichsgebiet und den besetzten Staaten gezielt ausgewählt (sie konnten sicher sein, dass man sie wegen ihrer Einblicke in dieses Staatsgeheimnis nicht mehr freilassen würde).“

Tim Boson:

Ja, der Fakt, dass fast alle unserer heutigen wichtigen Technologien auch auf großem historischen Leid gebaut sind, hat mich an anderer Stelle schon mal beschäftigt und wird mich sicher noch weiter beschäftigen,  aber das ist ein eigenes Thema….
Deshalb erstmal weiter im Text: Das MSFC, das die Peenemünder Crew übernommen hatte, wurde demnach stark durch Experten bestimmt, die ihr ganzes Berufsleben lang im Sinn von ´bottom-up design` dachten & handelten.  Übrigens: Gehe ich recht in der Annahme, dass auch die Ingenieure, Mathematiker und Naturwissenschaftler der US-Raumfahrtindustrie entsprechend der deutschen Tradition der ´bottom-up method` arbeiteten?

TSWS:

Doch, ich denke schon – etwas Anderes hatten sie nie gelernt, und die US-Tradition auf diesem Feld – sofern es eine nennenswerte gab –  war längst überholt. Diese (unerwünschte) deutsche Einflussnahme auf die Rüstungsindustrie der USA war eine Folge der ab Juli 1945 anlaufenden ‚Operationen’: Speziell für die fundamentalen Felder der Luft- & Raumfahrtmedizin sowie der Raketenentwicklung spielte die o. a. Operation Paperclip die entscheidende Rolle. Sie war indes ein Ableger und ging auf die Operation Overcast zurück. Letztere fußte auf einer Recherche von Werner O. E. Osenberg, dem früheren Leiter des Planungsamtes beim NS-Reichsforschungsrat. Dessen ´Forschungskartei` bildete die Grundlage für die Auswahl deutscher Wissenschaftler, die nach Kriegsende in den USA für die USA arbeiten sollten. Ich erzähle das deshalb so ausführlich, weil es mir darauf ankommt, R. Feynmans Analyse von (1) bottom-up design und (2) top-down design zu relativieren: Ausgehend von deren o. a. Darstellung und ihrer beiderseitigen Verschränkung handelt es sich bei seiner Fallanalyse zumindest von Raketenmotoren um ein arges Missverständnis.

Tim Boson:

Ergo ist die SSME keineswegs ein ‚ top-down’- Produkt – jedenfalls, wie es im Wettbewerb gehandhabt wird/wurde. Die SSME ist also ebenso ‚neu’ wie seinerseits die V2, obwohl die aus der Entwicklungslinie der Peenemünder A-Aggregate hervorgegangen ist.

TSWS:

Die J-2 hätte vielleicht ein ‚ top-down’- Produkt sein können! Das ist mir mittlerweile klargeworden – falls man den Basisbegriff des ‚top-down design`, nämlich die ‚top-down Idee` durch eine für die ganze J-2 modellierte mathematische Theorie realer Zustandsänderungen ersetzt hätte. Gemeint ist der mehrfach von mir angeführte Ideale Vergleichsprozess als eine unüberschreitbare – dank des CARNOT-Prinzips naturgesetzliche – obere Schranke. Von Braun hat es vielleicht geahnt, aber ihm fehlten die dafür erforderlichen thermodynamischen Grundlagen, um die vielen widersprüchlichen Betriebserfahrungen mit diesem Raketenmotor systematisch erklären zu können.

Tim Boson:

À propos IDEALER VERGLEICHSPROZESS. Bevor wir zu Ihrem Beitrag für das STS-Projekt übergehen, sollten Sie jetzt doch den Ablauf der Ereignisse skizzieren, wie sie am MSFC ab 1974 in Bezug auf die längst überfällige Überprüfung des LFAR bis zu Ihrer Einschaltung abgelaufen sind. Dabei sei ausdrücklich auf Item (4) „Brenntests der Triebwerkskomponenten und ganzer Triebwerke“ in Ihrem o. a. Meilensteinplan hingewiesen. Ich erlaube mir auch, den Leser daran zu erinnern, dass in diesem langen Zeitabschnitt von 10 Jahren(!) alle o. a. Erwägungen mit Bezug auf Feynmans Stellungnahmen keine Bedeutung haben konnten, da seine Recherchen erst zum Challenger-Disaster 1986 erfolgten.

TSWS:

Am MSFC begann im Jahr des Starts der Brenntests 1974 auch die Amtszeit von Dr. William R. Lucas als Fourth Center Director. Niemand hatte dieses Amt – früher oder später  –  länger inne als er (der im Jahr der Challenger Tragödie zurücktrat). Lucas war Chemiker und promovierter Metallurge. Er kam mit von Braun zum MSFC; lt. MSFC History Office „then, he became Director of Marshall’s Propulsion and Vehicle Engineering Laboratory and developed the propulsion system for the Saturn V rocket. Under Lucas‘ direction, Marshall was given responsibility for managing three of the four main Shuttle elements-the main engines on the orbiter, the twin solid rocket boosters and the huge external tank”. Das bedeutete eine neue Ausgangsbasis für das Kernteam der MSFC-Ingenieure: Als Werkstoffspezialist & Chemiker war der ‚propulsion-manager’ Lucas prädestiniert für jegliches Verständnis für die mit dem Lockheed-Gutachten LFAR zusammenhängenden Grundlagenprobleme – noch dazu hinsichtlich des Lewis Code NASA SP-273 (1976), dem international standardisierten Gleichgewichtsalgorithmus für komplexe chemische Reaktionen. Es ist deshalb un-wahrscheinlich, dass er, der die ungeklärte Auslegungsproblematik der J-2 im Hinblick auf die Brenntests aus dem ff kannte, nicht bereits zu Beginn seines Amts als MSFC-Chef  in die desolate Situation des LFAR eingeweiht worden wäre. Dafür spricht wiederum eindeutig die Initiative der MSFC-Administration, mit mir 10 Jahre später Verbindung aufzunehmen und eine Konferenz diesbezüglich im Februar 1985 durchzuführen.

Tim Boson:

Man wird sich wohl mit diesem indirekten Nachweis zufriedengeben müssen, zumal ja das eigentliche unverständliche Verhalten der MSFC-Administration erst in 1982 passierte – ich meine das zweite Gutachten diesmal von der Continuum Inc., Huntsville, Ala.

TSWS:

Ja. Aber bevor ich darauf zu sprechen komme, muss ich auf einen anderen Punkt kurz eingehen, der m. W. wenig bekannt ist. Auf den machte mich mein früherer Partner beim ART-Programm Rudi Reichert von der Firma Dornier-System im Frühjahr 1984 aufmerksam.

Um angeblich die (statistische) Sicherheit des einzelnen STS zu steigern, machten die Rocketdyne-Ingenieure aufgrund der Tests im September 1980 einen erwähnenswerten Vorschlag zur Verbesserung der SSME-Brennkammer: Deren Ausgangsquerschnitt sollte um etwa 10% vergrößert werden (i. e. Large Throat Main Combustion Chamber – LTMCC). Abgesehen von dem Allerweltseinwand über die fragliche Stabilität der Verbrennungsprozesse sowie mehrere erst viele Jahre später geklärte Werkstoff- und damit verbundene Wartungsprobleme störte die Experten indes das, was sie für den entscheidenden Nachteil hielten: Der spezifische Impuls vermindere sich durch Querschnittsvergrößerung, so daß ein Großteil der verbesserten Leistung wieder aufgehoben würde.

Um es vorweg zu nehmen: Für mich war dieser Vorgang ein Indiz dafür, dass den Ingenieuren damals kein korrektes theoretisches Instrumentarium zur Verfügung stand, um offene Fragen zu beantworten, wie sie mit dem LFAR dringend geklärt werden sollten.

Tim Boson:

Haben wir hier zum Schluss einen Schlüsselsatz? Das müssen Sie kurz näher begründen!

TSWS:

Der spezifische Vakuumimpuls IEvac amAustrittsquerschnitt E) eines Raketenmotors ist die ‚heilige Kuh’ der Raketenmotor-Ingenieure. Sie ziehen aus ihren Untersuchungen Schlüsse wie „Wie erwartet reduzierte sich der spezifische Impuls um 1,4 Sekunden. Durch Verbesserung des Hauptinjektors konnten 0,4 Sekunden des verlorenen spezifischen Impulses zurück gewonnen werden. Um den restlichen verlorengegangenen spezifischen Impuls zurückzugewinnen, wurden die Triebwerke für 104,5 % Leistung zertifiziert“. Die Münchner Methode [MM] zeigt dazu konträr drei wichtige Erkenntnisse: (1) Das Ergebnis der Rocketdyne-Ingenieure basiert auf Rechnungen der klassischen Gasdynamik; sie sind für Raketenmotoren mit chemischer Verbrennung aus verschiedenen Gründen unzutreffend. (2) IEvac ist in erster Linie von der Treibstoffpaarung und dem Mischungsverhältnis, aber nicht von der gewählten idealtypischen Konfiguration des Raketenmotors abhängig. Letztere hat indes einen signifikanten Einfluss auf den Massenstrom [in kg/s] und den Vakuumschub FEvac [in kN] am Düsenendquerschnitt E. Der Zusammenhang zwischen den drei Größen ist g0IEvac = FEvac / ; mit g0 ist die Erdbeschleunigung in (See-)Höhe Null bezeichnet, d. h. sie ist eine Konstante. (3) Die Kenntnis  a l l e i n  von IEvac erlaubt keine Beurteilung der Leistung des untersuchten Triebwerks! Um von ihm einen konsistenten Wert zu erhalten, benötigt man zusätzlich die unabhängige Information über a als so genannten Eigenwert.

Tim Boson:

Ich kombiniere: Das heißt doch wohl, dass der (Vakuum-)Schub FEvac und der Massenstrom als eigentliche Zielgrößen jeglicher Leistungsrechnung von Raketenmotoren anzusehen sind?

TSWS:

Das ist in der Tat so. M. a. W.: Liegen die geometrischen Daten eines optimierten Raketenmotors sowie Förderdruck und Massenstromverhältnis von Brennstoff & Oxydationsmittel fest, so ist der optimale Schub FEvac eindeutig bestimmt. Die MM liefert dazu einen dem spezifischen Vakuumimpuls IEvac zugeordneten Eigenwert von . Im LFAR geht es durch die Einbeziehung der gewählten idealtypischen Konfiguration des Raketenmotors genau um diese Zusammenhänge! Es ist evident, dass die Rocketdyne-Ingenieure davon im Jahr 1980 nichts wussten. Die verantwortlichen Ingenieure des MSFC zwar auch nicht, aber sie wussten von der Existenz des LFAR, jedoch nicht, ob es korrekte Aussagen liefert. Welche Konsequenzen sich daraus im Einzelnen am MSFC und besonders für die Rocketdyne-Teams ergaben – darüber ist bis heute so wenig bekannt, dass man nur mit bestem Wissen & Gewissen mutmaßen kann.

Tim Boson:

Also – dann mutmaßen Sie einmal.

TSWS:

Zumindest die MSFC-Ingenieure, die Kenntnis vom LFAR hatten, mussten spätestens irritiert worden sein, als der 1980er Vorschlag der Rocketdyne-Ingenieure auf ihrem Schreibtisch lag. Er sprach zwar von großen Fortschritten im Sicherheitsdesign, enthielt aber keinerlei Kommentar betreffend der im LFAR angedeuteten Möglichkeit, über die Wahl der Querschnittsflächen des Raketenmotors gegebenenfalls evtl. Leistungsverluste auch durch Erhöhung der Brennkammertemperaturen auszugleichen. Es ist nicht anzunehmen, dass das MSFC ihren Vertragspartner Rocketdyne über diese Option offiziell informiert hat, bevor die Seriosität dieser Option zweifelsfrei geklärt war. Nach den Ausführungen meiner Gesprächspartner vom MSFC am 15. August 1984 suchten sie seit 1980 nach US-Experten (welcher Provenienz erfuhr ich nicht; es waren wohl, wie man der Teilnehmerliste der Tagung im Februar 1985 entnehmen konnte, die stets anwesenden omniscienten Physiker und einige Thermodynamik-Professoren), die bereit waren ein Gutachten über das LFAR zu erstellen. Das Ergebnis war, wie man mir sagte, gleich Null. Interessanterweise gab es offenbar aber auch keine Inhouse-Expertise des MSFC. Das hat mich – naiv wie ich war – am meisten überrascht, war doch am MSFC zweifellos die Crême de la Crême der Raketenexperten weltweit versammelt.

Heute weiß ich, es ist ein Signum von ‚bottom-up design’, dass sich z. B. Mitarbeiter nach einem Kodex verhalten, der aus dem „bereits Bekannten“ oder dem „modisch Traditionellen“ kommt und daraus auch Ideen schöpft. Leider führt das auch dazu, dass Gewohnheiten oder neuerdings verbreitete Denk- & Sprachmuster nicht wirklich hinterfragt, sondern lediglich reproduziert werden. Das Ganze kann dann in einem SYSTEMFEHLER enden. M. a. W.: Soll ‚bottom-up design’ erfolgreich sein, muss diese Praxis Gleichschaltung im Denken voraussetzen. Das wäre eine Art innersystemische Political Correctness: Wer dagegen ist, fliegt! Das Problem dabei ist, dass eine Gemeinschaft von Mitarbeitern die Tendenz hat, irgendwann nur noch sich selbst zu referieren. Es kommt zur Degeneration durch „systemische Inzucht“. Was ursprünglich scheinbar der bequemere Weg war, nämlich die Selbstbestätigung in der Tradition, kann dann plötzlich zu besagtem Systemfehler kollabieren. Zusammengefasst: Die Strategie eines ‚bottom up design’ fühlt sich am Anfang für alle zwar „bequemer“ oder „sicherer“ an – tatsächlich ist sie aber durchaus riskant, wenn auch begrenzt.

Tim Boson:

Können Sie mir verraten, wieso die missliche Lage, die Sie geschildert haben, ausgerechnet durch eine doch ungewöhnliche Entscheidung des MSFC, sagen wir, ‚eingedämmt’ wurde? Ich meine, den Auftrag an Mr. P. R. J., zum Lockheed-Gutachten eine schriftliche gutachterliche Stellungnahme abzugeben, also sein eigenes Gutachten damit noch einmal zu begutachten?

TSWS:

Verraten kann ich es Ihnen nicht, da ich es nicht weiß. Verraten will ich Ihnen aber, warum ich es nicht wissen kann. Dazu hat mir mein Freund, der Präsident des IFR, Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Peter Kramer am 14. Oktober 2010 in einer Mail eine interessante Beobachtung mitgeteilt. Sie bezog sich auf die derzeitigen Bemühungen der «European Space Agency (ESA)», ab 2008 mit der Studie Lapcat II (Long-Term Advanced Propulsion Concepts and Technologies II) in die Technologieentwicklung von „hydrogen-fuelled Mach 5 and Mach 8 transport concepts“ einzusteigen, in der Hoffnung auf Kooperationsmöglichkeiten mit den USA.

Wie naiv sind die ESA-Leute eigentlich? – meinte Prof Kramer und fügte hinzu: Solche ‚Concepts’ sind bei den Großmächten ‚top secret’. Und er erinnerte daran, dass es deren Fachleuten “strikt untersagt ist, extern zu kommunizieren.“ Um sich unter solchen ´Top-Secret-Projects` wie der Lapcat-Serie wenigstens etwas Konkretes vorstellen zu können, präsentiere ich das folgende Modell von Lapcat MR1 (Mach 8 vom Dorsal-Type), ohne auf Details einzugehen:
LAPCAT- MR1 (Mach 8) Oct. 2008
Tom Boson:

Jetzt verstehe ich, wie groß die Not für die MSFC gewesen sein muss, um sich an einen Ausländer, keinen Engländer, Kanadier, sondern ausgerechnet an einen Deutschen zu wenden, der noch dazu im Jahr der Promotion Wernher von Brauns geboren wurde.

TSWS:

Sie werden sicher verstehen, dass ich unter den mir schon seit Jahren bekannten, damals bereits rigorosen Ausländerbestimmungen der USA, gar im Zusammenhang mit ´Top-Secret-Projects` auf diesbezügliche Befindlichkeiten meiner Gesprächspartner von der NASA Rücksicht genommen habe. Interna im MSFC waren absolut tabu. Dennoch hat mich diese Erfahrung von vorneherein bewogen, meine Zustimmung zu einer Zusammenarbeit mit dem MSFC von zwei Vorbedingungen abhängig zu machen: (i) Meine Beratungsfunktion war (bis auf die Erstattung reiner in den USA anfallender Unkosten) kostenlos und erfolgte ohne jegliche vertragliche Verpflichtung zwischen mir und der NASA; Meine Informationen, welche das MSFC von mir erhielt, waren keineswegs exklusiv; sie konnten von mir jederzeit veröffentlicht werden und (ii) Ich erwartete vom zuständigen Bundesministerium für Forschung & Technologie (BMFT) eine adäquate Unterstützung; sie betraf

– den Auftrag, im Interesse des BMFT meine Beratungsfunktion für die NASA wahrzunehmen und abzuschließen,

– die Option, für meine Reisen in die USA den regelmäßigen Flugdienst der Bundeswehr in die USA und zurück kostenfrei zu nutzen, und

– zuletzt, den zeitlichen & finanziellen Support meines Vorhabens, die wissenschaftlich gewichtigen Items der Beratungstätigkeit in einem Buch zur Theorie moderner Raketentriebwerke zu dokumentieren .

Die Vereinbarung mit dem BMFT erwies sich als optimal, die Kooperation mit der NASA eher als ‚suboptimal’, da meine bis dahin (1985) unveröffentlichten Informationen von der NASA – natürlich entsprechend umgeformt, verformt, ohne Quellenangabe, etc. – als NASA-Report veröffentlicht wurden (1988), bevor mein Raketentriebwerksbuch erscheinen konnte (1989). Als Fazit sind drei uralte Floskeln am ehesten angebracht: (I) C’est la vie. (II) Roma locuta causa finita. Als besonders ‚prophetisch’ erwies sich – die dritte Strichaufzählung betreffend – die Maxime des spätrömischen Kriegstheoretikers Publius Flavius Vegetius Renatus: Si vis pacem para bellum.

Tim Boson:

Ich bin so geprägt worden, dass mich solche starken gemeisselten Worte gleichermaßen anziehen wie auch etwas einschüchtern, aber diese „Prophetie“, auf die Sie anspielen, macht mich ebenso neugierig. Ebenso, wie die Abmachung, derzufolge Ihre Beraterfunktion für die NASA ohne Honorar erfolgte – Sie erscheint mir wahrlich ungewöhnlich für eine solche Anfrage an einen deutschen Professor

TSWS:

So kann man das nicht sagen. Natürlich ist es auch eine Frage der Perspektive: Aus meiner Sicht waren meine Tätigkeiten für die NASA »zwar umsonst, aber nicht vergeblich«. Jedoch stellen Sie sich bloß einmal die Alternativen vor: … »zwar vergeblich, aber nicht umsonst« … oder gar »zwar umsonst, aber auch vergeblich«? Auf die letzte Version muss ich mich leider noch einlassen!

Immerhin erlaubte mir mein BMFT-Auftrag, zu dessen Abschluss einerseits im November 1986 auf Regierungskosten mutterseelenallein zwei Wochen in einem ruhig gelegenen Hotel in Baden-Baden zu verbringen, um konzentriert und völlig ungestört die Konzeption meines Raketentriebwerksbuchs als Dokument meiner Tätigkeit für die NASA zu entwerfen. Zudem war es für das Buch unumgänglich, komplizierte Berechnungen und umfangreiche Literaturrecherchen vorzubereiten. Andererseits war es auch der Anfang einer notwendigen Zeit der Besinnung. Denn der Event damals in Huntsville, Ala war für mich der Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Ich wurde mir nicht gleich, aber zunehmend klarer bewusst, was es persönlich & fachlich für mich bedeutete, als einziger Europäer zur aktiven Unterstützung der NASA in einer für sie heiklen Situation gebeten worden zu sein. Ich lernte dabei, die langfristige Bedeutung bemannter Raumfahrt unter technologischen, aber auch utopischen Perspektiven zu erkennen und zu begreifen, was Verantwortung auch in den theoretischen Wissenschaften bedeutet. Vor allem aber entdeckte ich meine Neigung, schriftstellerisch tätig zu sein, um für meine breiten wissenschaftlichen Interessen an den physikalischen Grundlagen eine schriftliche Plattform zur systematischen Darstellung komplexer Ideen und mathematischer Theorien zu schaffen. Von dieser Arbeitsmethode profitiere ich seitdem täglich – auch in den inzwischen zehn Jahren Ruhestand.

Tim Boson:

Sofern ich Sie richtig verstehe, war der konkrete Auslöser, dass Sie mit der Münchner Methode (MM) zwar ; im Kopf, aber noch unveröffentlicht zum Huntsville-Meeting 1985 anreisten. …

TSWS:

….. um dann 1988 zu meiner Überraschung  den Versuch einer kritischen Beschäftigung & Klärung der im Lockheed-Gutachten (LFAR – 1969) behandelten fundamentalen Problematik in einem NASA-Report entsprechend der abschließenden Empfehlung des Huntsville-Meetings zu entdecken.

Diese Empfehlung wurde von einem durch die Konferenzleitung eingesetzten Gremium bestehend aus 5 Experten, darunter vier Professoren in einer Art ´Konklave` erarbeitet. Sie kam einstimmig zustande und bezog sich auf die von mir auf der Konferenz vorgetragenen Anwendungen der MM; letztere waren durch die fraglichen Reports von Lockheed (1969) & Continuum Inc. (1982) definiert. Die von mir präsentierten Informationen versetzten daraufhin die beiden Autoren des bislang sakrosankten standardisierten Lewis Code NASA SP-273 in die Lage,  bis 1988 zum Thema der Konferenz einen ‚Erfahrungsbericht’ vorzulegen. Es gelang ihnen somit, die ‒ von Mr. P. R. J. am Beispiel der J-2 präsentierte und mit ›Finite Area Combustion (FAC)‹ titulierte ‒ Methode mit dem von mir vorgetragenen Algorithmus zur Berechnung des Massenstroms der Verbrennungsprodukte zu ergänzen. Anschließend war es für sie ein Leichtes, ihr Resultat mit ihrem originalen Code zu verknüpfen. Den ganzen konzeptionellen Hintergrund sowie die theoretische Berechtigung meines Algorithmus konnten sie indes nicht systematisch beweisen; das blieb meinem Buch «Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions: Extended Lewis Code Fundamentals» vorbehalten. Formal entsprach ihr Verhalten bei großzügiger Auslegung durchaus der Konferenzempfehlung, und dem Zweck der Konferenz entsprechend war es wohl der NASA ‚geschuldet’, zumal ja von vorneherein keine Schutzklauseln zwischen dem Konferenz-Veranstalter MSFC und mir vereinbart worden waren.

Tim Boson:

Bevor wir endgültig auf die Zielgerade einbiegen, um uns mit Hintergrund ebenso wie Sinn und Zweck der MM für Raketenmotoren zu befassen, müssen wir wohl noch die Frage beantworten: Wie kam es nun aber zur Huntsville-Konferenz?

TSWS:

Der eigentliche Auslöser war eindeutig eine mir zunächst nur teilweise nachvollziehbare Management-Entscheidung am MSFC. Erst nachdem sich offenbar kein amerikanischer Experte bereit erklärt hatte, das Lockheed-Gutachten kritisch zu durchleuchten und eine schriftliche Expertise anzufertigen, reagierte das MSFC. Continuum Inc. in Huntsville, Ala erhielt den offiziellen Auftrag, den ‚technical brief – 1969’ im Sinn eines Memorandums des Lockheed Konzerns mit einem ‚FINAL REPORT’  ‒ deklariert unter: „An Investigation of Equilibrium Concepts ‒  abzuschließen.  Das war 1982. Diese kleine Firma hatte damals Contracts mit dem Langley Research Center der NASA in Hampton Virginia eingeworben. Somit war der Contract mit dem MSFC nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich erschien allerdings, dass inzwischen Mr. P. R. J. die Leitung der Firma übernommen hatte und den angeforderten ‚Final Report’ erstellte. Von Expertisen war offiziell nie die Rede.

Tim Boson:

Wie zogen sich denn die an diesem ´dubiosen Arrangement` beteiligten Parteien aus der Affäre?

TSWS:

Die Zuspitzung Ihrer Frage scheint mir sehr Ihrem geradlinigen europäischen Gemüt zu entsprechen. Ich musste in Huntsville, Ala erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass keiner meiner amerikanischen & deutsch-amerikanischen Gesprächspartner diesbezügliche Anspielungen machten, Erwägungen anstellten, gar einen Interessenkonflikt vermuteten. Offensichtlich ging es um ´business as usual`. Warum indes diese Art der Begutachtung sogar sachlich unbeanstandet blieb, will ich jetzt kurz darlegen: Alles lief kurz und schmerzlos ab, und sogar die Verzögerung von 12 Jahren bis zur endgültigen Klärung hatte ihr Gutes, lieferte sie doch dem ‚Gutachter’ sowie in Personalunion dem ‚Gutachter-Gutachter’ das passende Argument zu seiner Entlastung.

Tim Boson:

Na, eines gewissen Sarkasmus können Sie sich wohl auch nicht enthalten!

TSWS:

Da haben Sie ganz Recht. Das wirklich Verblüffende an der lediglich 10 DIN-A4-Seiten umfassende Continuum-Expertise (C-E) ist im Vergleich zum LFAR ihre inhaltliche Leere. Mehr noch: Der Leser soll den Eindruck gewinnen, dass es völlig genügt, „Foreword and Summary“ zur Kenntnis zu nehmen, sich gar mit wenigen Schlüsselsätzen daraus zu begnügen:

The information presented here deals with a different approach to modelling of the thermochemistry of rocket engine combustion phenomena. While the approach is essentially unverified by extensive test data, it does advance a rationale that explains some troubling discrepancies in the conventional model. The methodology described here is based on the Continuum, Inc. hypothesis of a new variational principle applicable to compressible fluid mechanics. This hypothesis is extended to treat the thermochemical behavior of a reacting (equilibrium) gas in an open system.

Das war’s, sofern man noch ergänzt, dass auch der Name des MSFC-Controllers erwähnt wird, der die Abwicklung des Contracts (Number NAS 8-34946) zu begleiten hatte.

Ich habe mir erlaubt, das Original zu nutzen, um sprachliche Ausflüchte zu unterlaufen. Meine Interpretation geht also zunächst von o. a. Zitat aus. Sie lässt sich in vier Statements zusammenfassen:

(i)       Die C-E befasst sich mit der mathematischen Beschreibung der thermochemischen Verbrennungs-Phänomene in Raketenmotoren. Im Vergleich zum Standardalgorithmus des NASA-Lewis Code (ursprünglich nach R. J. Zeleznik & S. Gordon, 1962) beschreibt die C-E einen vom NASA-Lewis Code abweichenden ›Zugang‹ (approach) zu den resultierenden Gleichgewichtskonzentrationen des Verbrennungsgases. Dieser neue ›Aproach‹ berücksichtigt entsprechend dem LFAR alle für den Raketenmotor relevanten geometrischen Größen als zusätzliche Betriebsparameter.

(ii)   Das Urteil über den ›Zugang‹ als „im Wesentlichen unbestätigt“ (essentially unverified) bezieht sich auf die umfangreichen Testdaten, die erst ab 1974 für die SSME ermittelt wurden. Über das J-2 Triebwerk heißt es hingegen schon im LFAR: „The excellent comparison with the experimental evidence indicates that for this case at least, finite rate, droplet vaporization, mixing and boundary layer are secondary effects and the principle source of error has been the misstatement of the equilibrium condition”.

(iii)    Der ›Zugang‹ erweitert die logischen Grundlagen (a rationale), wodurch einige lästige Unstimmigkeiten im Standardalgorithmus erklärt werden können.

(iv)    Die Erklärung selbst gelingt mit einem ´Variationsprinzip für die kompressible Fluiddynamik`, das auf  einer von Continuum Inc. neuerdings vertretenen Hypothese basiert.

Tatsächlich kaschieren die Items (i) bis (iv) jene Probleme, um derentwillen sich das MSFC an meiner Unterstützung bei gewissen thermodynamischen Grundlagen moderner Raketenantriebe interessiert zeigte. So fällt auf, dass Mr. P. R. J. als Autor beider Papers von 1969 & 1982 mit keinem Wort auf die unter Item (ii) erwähnten Differenzen zwischen seiner Theorie im LFAR und den Brennkammertests an der SSME eingeht. Nichts findet sich auch zu dem am J-2 Triebwerke exemplifizierten und seit 1969 ungeklärten Problem der ‚wahren’ Brennkammertemperatur! Ungeklärt bleibt somit weiterhin die enorme Temperaturdifferenz von 640 Grad zwischen den Werten 3355 K & 2715 K, wie sie aus dem originalen Code der „Adiabatic Flame Expansion“ nach Gordon & McBride sowie dem „Finite Area Combustion (FAC)“ – Aproach im LFAR resultieren. Zumindest ein banaler Grund für dieses Defizit lässt sich nicht leugnen; er betrifft auch die überraschende Erfahrung, dass der vorgelegte Report keine Analyse der Überschallströmung nach dem Düsenhals enthält, was eine Gesamtbewertung des Report verhindert. Auf p. 9 heißt es dazu im Original:

No success has resulted from a limited attempt to apply the principle beyond the throat. To solve this problem was beyond the scope of work of the contract and beyond the available funds in the contract.

Tim Boson:

Meine Fresse, sage ich da auf berlinisch: Continuum Inc. liefert dem Auftraggeber MSFC einen Torso ab, weil das Geld für den Kontrakt nicht für eine Analyse bis zum Düsenende – sondern nur bis zum Düsenhals reicht! Eigentlich kann so Etwas gar nicht wahr sein. Gibt es eine Erklärung für ein solches Verhalten?

TSWS:

Ja, und Sie werden es nicht glauben: Im LFAR (pp. 22/28) wird dem Leser folgender Kommentar zu den ermittelten Brennkammerdrücken & -temperaturen für den Fall der J-2 zugemutet:

„The figures discussed above are of only academic interest to the propulsion designer who is principally interested in performance”. .. [With respect to] the constrained entropy maximization procedure appears to explain one of the least understood of the combustion phenomena. .. The excellent comparison with the J-2 experimental evidence indicates that for this case at least, finite rate, droplet vaporization, mixing and boundary layer are secondary effects, and the principal source of error has been the misstatement of the equilibrium condition.

Es ist mir nach wie vor schleierhaft, wieso das MSFC 1969 den aberwitzigen Standpunkt von Mr. P. R. J. akzeptiert hat. Geradezu absurd klingt seine apodiktisch vertretene Äußerung, wonach die von ihm ermittelten Werte der Brennkammertemperatur nur von „akademischem Interesse“ seien. Ihm darüber hinaus noch durch einen weiteren ‚Contract’ die Gelegenheit einzuräumen, da fortzufahren, wo er 13 Jahre früher sein „future Work“ angekündigt hatte ‒ lässt sich wohl nur als erfolgreiche Lobby-Arbeit registrieren! Man muss die Chuzpe bewundern, mit der Mr. P. R. J. einzig unter dem Hinweis, dass sich sein „Approach“ durch die mittlerweile vorliegenden Testergebnisse als „essentially unverified“ erwiesen hätte, keineswegs daran dachte, eben jenen Standpunkt zu revidieren ‒ wenigstens zu relativieren! Ganz im Gegenteil: Er nutzte die Gelegenheit, um seinen „Approach“ in die akademischen Höhen naturwissenschaftlichen Rationalität zu hieven, gar zum Ausdruck eines logischen Prinzips avancieren zu lassen. Glücklicherweise lässt sich die Wurzel solcher Hybris identifizieren: In seiner C-E (p. 5) beruft sich Mr. P. R. J. explizite auf  den US-Eisenbahn-ingenieur Josiah Willard Gibbs unter Bezug auf dessen in den Jahren 1876 bis 1878 entstandenes Hauptwerk »On the Equilibrium of Heterogeneous Substances«. Mr. P. R. J. behauptet, dass Gibbs’ statements

deal with isolated systems. Thus Gibbs dealt with thermostatics but not necessarily with thermodynamics.

Diese Behauptung ist falsch! Wie Gottfried Falk in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen hat, beschreibt Gibbs in seinem o. a. Hauptwerk eine völlig neue für die gesamte Physik geltende mathematische Darstellungsmethode – die Falk als ›thermodynamische Methode‹ bezeichnet. Letztere exemplifizierte der geniale amerikanische Yale-Professor mit der damals bekannten Thermostatik. Begriffe wie isolierte oder offene, statische oder dynamische Systeme kommen überhaupt nicht vor. Diese ›thermodynamische Methode‹ bildet auch die physikalische Basis der Münchner Methode.

Timo Boson:

Stopp, ich bin irritiert: Ich dachte immer, die Expertise der Firma Continuum Inc. betrifft die längst überfällige kritische Überprüfung der von Mr. P. R. J. für den Lockheed Konzern in 1969 ausgearbeitete Studie. Letztere überprüft den Einfluss einer finiten Brennkammer-Querschnittsfläche AC auf die Zustands- & Leistungsdaten im Vergleich zum standardisierten NASA-Lewis Code, der für die Modellierung der Verbrennungsgase aller Raketenmotoren stets den Grenzfall AC ; ∞ voraussetzt.

TSWS:

Sollte man meinen! Zudem vertraten Vertreter des MSFC diese Meinung auch beim entscheidenden Gespräch am 15. August 1984 in München. Darin baten sie mich, eine Expertise zu den divergierenden Daten abzugeben, wie sie inzwischen beim Vergleich von Theorie und Brennkammer-experimenten beim SSME-Triebwerk ermittelt worden waren.

An diesen Gesprächsverlauf erinnere ich mich noch deshalb so genau, weil ich große Bedenken hatte, der vorgetragenen Bitte vorbehaltlos zu entsprechen. Ich hatte schon vor Jahren von dem exorbitanten Aufwand gehört, den z. B. ROCKETDYNE beim SSME-Wettbewerb für die Datenbeschaffung getrieben hatte (s. o.), und fürchtete, dass man mir bei einer Zusage zur erwünschten Stellungnahme ein Übermaß an einschlägigen Dokumenten liefern würde.

Nun gut, meine Befürchtung erwiese sich als unbegründet. Nach wenigen Tagen erhielt ich per Post zwei mir unbekannte schmale Papers mit total ca. 40 DIN-A4-Seiten – (1) das Lockheed-Memo-randum LFAR von 1969 und (2) den Continuum-Final-Report von1982 – hier als ‚Continuum-Expertise (C-E) bezeichnet. Nach Rücksprache mit dem BMFT war ich ab sofort ‚im Geschäft’.

Tim Boson:

Erinnern Sie sich noch daran, als Sie die ´Post aus Amerika` in Händen hielten – anstelle der befürchteten Datenflut enthielt sie lediglich zwei kompakte Arbeitsberichte, deren Publikation 13 Jahre auseinander lag und vom selben Autor stammten? Grob formuliert: Beide Papers genügten, damit Sie ins ‚kalte Wasser’ oder gar ins ‚Haifischbecken’ sprangen: Haben Sie es je bereut?

TSWS:

Frage 1 kann ich uneingeschränkt mit Ja beantworten.

Frage 2 mit klarem jein.

a Nein: Ich wiederhole mich; ohne die Erfahrung mit der NASA hätte ich wohl kaum meine Bücher geschrieben, und als Universitätsprofessor an einer Fakultät für Luft- & Raumfahrt fühlte ich mich in vieler Hinsicht verpflichtet, der Bitte zu einer fundierten Expertise für das MSFC zu folgen.

a Ja, weil ich zu viele Fehler gemacht habe: ich war viel zu naiv und gutgläubig. Um es auf den Punkt zu bringen: Wie sich spätestens Ende März 1989 herausstellte, war ich für das MSFC-Meeting im Februar 1985 in Huntsville der nützliche Idiot, um mit der Münchner Methode einen ‚Expertenbeschluss’ herbeizuführen, der gestattete, die beiden Papers von Lockheed und Continuum Inc. kurz & bündig & ein für alle Mal im Orkus zu versenken. Die Verantwortlichen des MSFC waren durch das klare Votum des ‚Expertengremiums’ aus dem Schneider. Sie brauchten mich also nicht mehr! M. a. W.: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, // Der Mohr kann gehen. … „ (F. Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua II, 5). ‚Gehen’ reichte ihnen aber nicht.

Tim Boson:

Klar, die NASA stand weltweit im Ruf, die Hohenpriester aller Hochtechnologie zu versammeln. Und dann ausgerechnet wieder einem Deutschen die ‚Schlüsseltheorie’ der SSME zu verdanken…?

TSWS:

… An eine solche Absurdität dachte kein Mensch. Die Herren vom MSFC erwarteten 1984 von mir bestenfalls eine tragfähige & brauchbare Antwort auf das im LFAR angesprochene Temperaturproblem. Dass ich ein Jahr später mit einer neuartigen Theorie im Kopf in Huntsville auftauchen würde, konnte niemand vorhersehen. Deshalb konzediere ich den Herren, die mich zur Teilnahme am Huntsville-Workshop 1985 in den Räumen der Continuum Inc. überredet haben, dass sie nicht von vorneherein ein doppeltes Spiel mit mir in ihre Planungen einbeziehen wollten. Aber der interne Sachzwang sowie die inhärente Konkurrenzsituation unter den NASA-Zentren wurden schnell so stark, dass sie sich ihnen letztlich nicht entziehen konnten. So kam es, wie es kommen musste: Die Doppelstrategie bestand darin, die weltweit als Standard geltenden Computer Codes „for Calculation of Complex Chemical Equilibrium Compositions & Applications, etc.“, nämlich NASA SP-273, 1976 und NASA TM 86885, 1984 der drei Autoren Sanford Gordon, Bonnie J. McBride, und Frank J. Zeleznik um jeden Preis als sakrosankt zu erklären und sie durch ‚Experten’ bestätigen zu lassen. Apodiktisch hatte zu gelten:

(1)  The NASA-computer programs .. were capable of calculating theoretical rocket performance based only on the assumption of an infinite area combustion chamber (IAC).

(2)  An Option has been added to this program which now also permits the calculation of rocket performance based on the assumption of a finite area combustion (FAC).

Die unter Punkt (2) angesprochene Option wurde im April 1988 unter dem Titel „Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance“ als NASA Technical Memorandum 100785 der beiden erstgenannten Autoren publiziert. In diesem Memorandum findet der Leser auch den unter Punkt (1) explizit zitierten Text. Ergänzend sollte er wissen: Dr. Sanford Gordon war im Februar 1985 Teilnehmer beim Huntsville-Meeting; er hörte mein Referat zur Münchner Methode und gehörte zu den Experten, die einstimmig die MM als theoretische Basis zur Lösung der auf der Konferenz behandelten Problematik empfahlen. Im Memorandum 100785 von Gordon & McBride ist davon keine Rede.

Tim Boson:

Dann kam 1989 Ihr Raketentriebwerksbuch (auf Englisch) heraus, und falls ich mich recht erinnere, begann damit der eigentliche Schlamassel?

TSWS:

Ja, das ist richtig! Das war der Beginn jenes Teils der ganzen Story, den ich rückblickend nur als ein Musterbeispiel dessen interpretieren kann, was John Horgan 1996 in seinem provokanten Traktat „The End of Science“ als Ironic Science bezeichnet hat. Lt. Northrop Frye lässt die moderne Literaturtheorie keinen anderen Schluss zu, als dass „alle Texte »ironisch« sind“, d. h. sie besitzen mehrere Bedeutungsebenen, von den keine die maßgebliche ist. Die Folge: Im Prinzip ein unendlicher Regress von Interpretationen! Für die Naturwissenschaften erscheint eine solche Konsequenz als unakzeptabel. Dennoch ist »Ironic Science« für sie keineswegs wertlos. Denn auch die Naturwissenschaftler müssen zugeben, dass es keine Logik der Wissenschaft geben kann; auch sie erarbeiten & verteidigen wissenschaftliche Theorien aus letztlich subjektiven und sogar irrationalen Gründen. Das o. a. Zitat unter Punkt (1) belegt diese Argumentation und gehört zu den Motiven, die zu der Kampagne gegen mich geführt hat, über die ich jetzt kurz berichten will.

Tim Boson:

So wie ich Sie bisher kennengelernt habe, werden Sie den Ausdruck »Kampagne« mit Bedacht gewählt haben – ergo in der Bedeutung von »Feldzug mit zeitlich befristeten Aktionen«?

TSWS:

Diese Bedeutung trifft ins Schwarze. Im April 1988 war wie gesagt, die erste Aktion abgeschlossen: Mit dem Memorandum von Gordon & McBride zur „Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance“ war die Deutungshoheit der NASA mit ihrer jeweils geltenden Version für das Design von Raketentriebwerken wieder hergestellt. Mein Raketentriebwerksbuch war für April 1989 avisiert. Am 28. März 1989 berichtete der Bostoner Amerikarepräsentant E. F. B. meines Schweizer Verlags – Birkhäuser: Basel • Boston • Berlin – per FAX seinem Basler Bevollmächtigten B. Z. von einem aufschlussreichen Gespräch mit einem NASA-Manager des ›NASA John H. Glenn Research Center at Lewis Field‹ (ab 1999). Gegenstand des Gesprächs waren mein Buch und meine Person. Das Erstaunliche ist zweifellos, dass dem ‚NASA Lewis’ (d. h. die im FAX gebräuchliche Abkürzung für dieses NASA Center) ohne mein Wissen detaillierte Informationen über mein Buch lange vor dessen offiziellem Publikationsdatum zugespielt wurden. Immerhin habe ich diesem ernsten Vertrauensbruch zu verdanken, dass ich wenigstens erfuhr, was sich hinter den Kulissen damals zusammenbraute, nämlich der Auftakt einer Kampagne gegen meine Person, die über fünf Jahre dauern sollte. Ich will mich hier kurz fassen und aus dem FAX drei Items im Original zitieren, die für sich sprechen:

Das FAX beginnt kurz & bündig: „ Dear Benno, This memo is to record  the comments from ….. as I outlined to you during our visit. The points he made are:

(1)   „The book will find resistance here for a number of reasons. The criticisms of the USA are put in a very arrogant tone. The Challenger criticism is specious since this analysis hat little if anything to do with its crash. NASA Lewis is very sensitive to criticisms of foreigners”.

(2)   “[NASA Lewis] understands the criticism of the rocket code but doesn’t know if Straub fully describe the alternatives. Doesn’t agree with some of the assertions, e. g. his contention that this analysis applies to air breathing rockets”.

(3)   – “The USA does not traditionally use 2nd Law thermodynamic analysis though other countries do”.

– “NASA is the strongest opponent to 2nd Law analysis (spokesman for which is Kleinburg at NASA Lewis), but they do not build rockets and are not fully influential in what the manufacturing companies will do”.

Ich werde zu diesem Text keine Stellung nehmen, da er primär eine verlagsinterne Korrespondenz wiedergibt, über deren Authentizität ich nichts weiß. Das FAX spart den Namen des Gesprächspartners von NASA Lewis aus; ihn will ich aber nennen: Dr. Frank J. Zeleznik (died Oct. 16, 2009), Senior Research Scientist, Aerothermochemistry Branch am NASA Lewis, wiederholte fünf Jahre später in einer infamen Polemik genau die mir von ihm in Item (1) unterstellte, angeblich nur scheinbar zutreffende „Challenger criticism“. Er zusammen mit Dr. Sanford Gordon entwickelte ab 1959 die Urversion des NASA-Lewis Code for „Equilibrium Compositions & Theoretical Rocket Performance and Propellants und verschaffte damit der NASA praktisch ein weltweites Monopol.

Tim Boson:

Aus der ganzen Abfolge Ihrer Story muss der aufmerksame Leser den Eindruck gewinnen, Sie berichteten über eine Art von Verschwörungstheorie. Oder was wäre die Alternative?

TSWS:

Ihr Eindruck wird durch die unmittelbare Fortsetzung der Geschehnisse eher noch verstärkt werden. Dennoch kann ich ihn – vom heutigen Wissensstand aus beurteilt – nicht bestätigen. Allerdings will ich es nicht riskieren, mit einigen markigen Sätzen hier & jetzt eine abschließende Beurteilung herbeizuzaubern; ohne einige zusätzliche Informationen wäre die Gefahr weiterer Missverständnisse einfach zu groß! Ein solcher Schluss drängt sich schon deshalb auf, weil Ciceros berühmte Frage ‚qui bono’ immer noch nach einer Antwort verlangt: Warum legte das MSFC Wert auf meine Beurteilung der beiden Studien von Mr. P. R. J., wenn die NASA am Lewis Center über die führenden Experten verfügte, die nach dem Konklave vom Februar 1985 plötzlich auftauchten und innerhalb kurzer Zeit nach eigener Bewertung die abschließende Antwort mit dem Report ›Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance‹ präsentierten? Und diese definitive ‚Antwort’ enthielt als Referenzen – abgesehen von einer Ikone der US-Rocket-Propulsion-Theory – nur Papers aus dem Umfeld des Lewis Research Center. Von den beiden Studien der Lockheed Corporation und Continuum Inc. – letztlich die ‚Initialzündung’ der Bemühungen des MSFC – ist dagegen in dem o. a. Report keine Rede.

Tim Boson:

Es war ja noch nichts Schlimmes mit den SSMEs passiert, die Hierarchie des MSFC hatte mit der ‚Ausschaltung’ von Mr. P. R. J. sinistren Theorien nichts mehr zu befürchten. Mehr noch: Eine für endliche Brennkammergeometrien gültige Erweiterung des bewährten NASA-Lewis-Codes stand ab 1988 auch als NASA-Produkt zur Verfügung. Aber da waren bedauerlicherweise Sie noch und Ihre ‚potentiellen’ Prioritätsansprüche, zwar nicht vertraglich begründet, aber doch wohl entsprechend akademischen Gepflogenheiten?

TSWS:

Tim, Sie sind auf der richtigen Spur: Mein 265-Seiten-Raketentriebwerksbuch konkurrierte nicht nur mit einem 16-Seiten-NASA-Report, sondern es wurde sogar durch die Deutsche Bundesregierung öffentlich gefördert: „commissioned by the Federal Minister for Research & Technology“. Dessen Veröffentlichung in der Schweiz zu unterbinden, wäre wohl auch kaum im Interesse der US-Regierung gelegen. Nach der Logik von Dr. Zeleznik – jedenfalls, wie ich sie in den nächsten Jahren kennen lernen sollte  – musste demnach der Autor der »Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions – Extended Lewis Code Fundamentals« in seiner Kompetenz desavouiert und der Buchinhalt selbst als unmotiviert,  physikalisch unbegründet, falsch, etc. angeprangert werden. Vor allem die letzte Maßnahme war für Dr. Z. & Co. von größtem Interesse, da sie am ehesten die angepeilte Breitenwirkung versprach.

Der Rede kurzer Sinn: Ich hatte damals, d. h. ab Mitte 1989 keine Ahnung von den mancherlei Machenschaften, die sich hinter meinem Rücken anbahnten, zumal ich von jenem o. a. Gespräch zwischen dem US-Repräsentanten des Birkhäuser-Verlags und Dr. Zeleznik erst nach 1993 erfahren habe. Für mich war damals mit dem Erscheinen meines Raketentriebwerksbuch das ‚Event NASA’ faktisch abgeschlossen, zumal ich intensiv mit meinem ersten Hauptwerk »Eine Geschichte des Glasperlenspiels • Irreversibilität in der Physik – Irritationen und Folgen« befasst war und das in 1990 ebenfalls im Birkhäuser-Verlag erschien. So war ich doch ziemlich überrascht, ebenfalls im selben Jahr von einem Workshop in Huntsville zu erfahren, der früh im folgenden Jahr stattfinden sollte. Thema: ›Gibbs-Falk-Dynamik & Alternative Theorie‹. Organisator war wieder das MSFC.

Tim Boson:

Stopp: Hier sollten wir dem Leser kurz erläutern, um was es dabei ging. Sie haben mir gegenüber immer wieder betont, dass dieses Thema die physikalische Grundlage der Münchner Methode (MM) sei. Die  «Gibbs-Falk-Dynamik» geht auf den vielleicht berühmtesten amerikanischen Naturwissenschaftler und Eisenbahningenieur Josiah Willard Gibbs (1839 – 1903), Professor in Yale zurück. Sein erstes Meisterstück, seine Thermostatik, erwies sich nach den breit angelegten Untersuchungen von Gottfried Falk, mathematischer Physiker an der Universität Karlsruhe, als ein universelles naturwissenschaftliches Verfahren ‒ Professor Falk nennt es ´THERMODYNAMISCHE METHODE`‒ das für alle Disziplinen der Makrophysik gleichermaßen zutrifft, aber auch für die Quantenphysik gilt. Diese Theorie findet ihre mathematische Beschreibung im Phasenraum, d. heißt in einem hochdimensionalen Raum, der durch die ALLGEMEIN-PHYSIKALISCHEN GRÖSSEN aufgespannt wird; Die üblichen Parameter Raum und Zeit gehören nicht dazu! Spezifiziert man sie als die linear affinen drei Raumkoordinaten sowie die (irreversible) Zeit, so gelingt die Transformation des Phasenraums in den Beobachtungsraum, in dem sich die alltäglichen Ereignisse des Lebens registrieren lassen.  Das Resultat dieser Transformation bezeichnen Sie seit Jahrzehnten bekanntermaßen als ALTERNATIVE THEORIE. Letztere, die AT, beschreibt im 3d-Raum und in der irreversiblen Zeit die in der Natur möglichen physikalischen Prozesse, die ausnahmslos irreversibel sind und in aller Regel im Nichtgleichgewicht ablaufen. Das sollte hier für den Moment genügen.

Wir werden indes gegen Ende unseres Gesprächs näher auf die AT eingehen müssen.

TSWS:

Ich danke Ihnen für diese konzise Zusammenfassung, deren fachlicher Inhalt Gegenstand von zwei Veranstaltungen in Huntsville sein sollte, die für 1991 vorgesehen waren. Dafür gab es angeblich zwei Gründe: Zum einen brauchten die mit den ungeklärten Problemen vertrauten MSFC-Manager, wie sie erstmals 1969 von Mr. P. R. J im LFAR z. B. für die Verbrennungstemperaturen im J-2 Triebwerk aufgeworfen worden waren, dafür endlich eine plausible Erklärung, ja sie wollten die Probleme verständlicherweise endgültig vom Tisch haben. Das bedeutete aber: Zu ihrer Entlastung mussten sie mit Erfolgen bei den von ihnen nach 1985 eingeleiteten Maßnahmen auftreten. In diesem Kontext sind zwei Eckpunkte erwähnenswert:

(I)              Der LFAR wurde endgültig verworfen. Mr. P. R. J verschwand in der Versenkung.

(II)            Weichen wurden gestellt für eine Veränderung des NASA- Lewis-Algorithmus für komplexe chemische Reaktionen, wie sie im ›One Dimensional Equilibrium (ODE) Program‹ zu berücksichtigen waren: Vor allem mussten die Einflüsse charakteristischer Geometrien von Raketentriebwerken auf deren Leistungsdaten einbezogen werden.

Zum anderen aber waren der NASA bereits 1988 von der Bostoner Repräsentanz des Birkhäuser-Verlags detaillierte Informationen zugespielt worden, die mein im nächsten Jahr erscheinendes und vom Bonner Forschungsministerium gesponsertes Buchs betrafen, für das der Titel ´Thermofluid-dynamics of Optimized Rocket Propulsions` vorgesehen war. Damit hatte indes in Huntsville niemand gerechnet, obwohl diese Publikation genau der Logik der Beschlüsse des MSFC-Meeting 1985 entsprach; ausschließlich ihr verdankten ja mein Münchner Kollege Professor Rudi Waibel und ich auch unsere Einladungen zu dieser exklusiven Veranstaltung. Allerdings hatte sich inzwischen augenscheinlich im MSFC, sicher im Lewis Research Center (LeRC or NASA Lewis)  der Wind gedreht und blies mir – metaphorisch ausgedrückt – voll ins Gesicht. Die unmittelbare Konsequenz, die man in Cleveland, Ohio und anschließend in Huntsville, Ala mit allen Registern zog: Die Verfolgungsjagd auf die MM und ihren Autor begann auf breiter Front.

Tim Boson:

Jetzt bin ich doch ziemlich konsterniert. Was haben Sie denn dagegen unternommen?

TSWS:

Nichts! Ich hatte ja keine Ahnung, was da ablief. Offensichtlich bedeutete das Erscheinen meines Raketentriebwerksbuch den Casus belli: Letzterer wird im Final Report NAS8 – 36955 D. O. 77 der University of Alabama in Huntsville (UAH) vom September 1992 etwas verdruckst jedoch unmissverständlich umschrieben; Gegenmaßnahmen werden angekündigt:

„The contents of the book became strongly controversial. To gain further understanding of these differences, MSFC awarded a contract to the UAH to investigate the basic analytical formulations, which are currently used to simulate the physical processes in liquid rocket combustion chambers and nozzles”.

Um dieses Ziel zu erreichen, beschloss das MSFC, beide Veranstaltungen Mitte Januar & Ende Juni 1991 in Huntsville zunächst als ein ‚minute meeting’ und dann als ‚workshop’ durchzuführen. Verbunden damit war die Entscheidung, deren Vorbereitung und Ablauf an die UAH zu ‚outsourcen’. Mehr noch: Ein Zwei-Jahres-Vertrag (1990-1992/NAS8-36955) verpflichtete die beteiligten Universitätswissenschaftler der UAH, die MM in ihren Grundlagen kritisch zu durchleuchten. Damit sollten vorrangig peinliche Fragen unterlaufen werden. Wie wollte man auch erklären, dass das MSFC den Autor der MM zunächst gegen Mr. P. R. J. hatte antreten lassen, um ihn anschließend zu demontieren? Warum das aber? Weil bereits der Beschluss des ‚Konklave’ vom Februar 1985 durch den Veranstalter missachtet und seltsamerweise (mit Datum vom 13. November 1991!) in einer Weise vom MSFC ‚protokolliert’ wurde, als ob ich, wie die anderen drei Professoren im ‚Konklave’ lediglich als (passiver) Besucher  am Workshop 1985 teilgenommen hätte. Entgegen der tatsächlichen Beschlusslage, die Theorie von Mr. P. R. J. ersatzlos zu verwerfen. tritt plötzlich die Forderung auf, an ihrer Stelle

an extended Code, based on rigorous theory, should be developed as a supplement to the Lewis Code.

Fakt war auch, dass im strengen Sinn unter der Apposition „based on rigorous theory“ die MM gemeint war; eine andere ´rigorose Theorie` stand der NASA damals gar nicht zur Verfügung; so war einzig die MM Gegenstand der Diskussion im ‚Konklave’. Das aber änderte sich ab 1987:

As a consequence MSFC initiated modifications of the ›One Dimensional Equilibrium (ODE)‹  program alloted to the NASA Lewis Research Center (LeRC or NASA Lewis) and subcontracted (No. 5312-80) to Sanford Gordon & Associates to include the finite area combustion effect.

Damit lag 1988 endlich die empfohlene Erweiterung des Standard-Lewis-Algorithmus (NASA TM-100785) vor, um den von Mr. P. R. J. propagierten Einfluss der charakteristischen Querschnittsflächen eines Raketenmotors endlich zu berücksichtigen. Dabei springt eine Frage sichtlich ins Auge: Warum  hat das NASA Lewis eine solche Aktion in Konkurrenz zu Mr. P. R. J. Ansatz’ nicht schon fast 20 Jahre vorher mit ihren dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik widersprechenden Methoden durchführen können, gar sollen? Jetzt machte Dr. Zeleznik sogar aus der Not eine Tugend, indem er ›im Namen der NASA‹(!) diesen inzwischen ehernen Grundsatz der modernen Physik für die USA(!) – bis heute unwidersprochen –  öffentlich außer Kraft setzte. Und die der NASA verpflichteten Firmen & Universitäten sollten dann entsprechend der obligatorischen Political Correctness die MM über deren physikalische Basis, die Alternative Theorie (AT), als unbegründet zurückweisen.

Tim Boson:

Warum aber  z w e i  ‚deutsche’ Veranstaltungen? Die erste, geplant mit Gottfried Falk, Karlsruhe, die zweite mit Dieter Straub, München? Beide Namen findet man heute in der Literatur im Kontext mit zwei – von Ihnen, Professor Straub, eingeführten – miteinander untrennbar verbundenen Grundbegriffen moderner Systemtheorie: »Gibbs-Falk-Dynamik (GFD)« und »Alternative Theorie (AT)«. Gibt es einen charakteristischen Unterschied zwischen der GFD und der AT?

TSWS:

Aus meinen beim MSFC deponierten Unterlagen lässt sich unschwer entnehmen, dass die AT nichts anderes ist – als die Gibbs-Falk-Dynamik (GFD), überführt von deren Phasenraum in den Beobachtungsraum der AT mittels der drei Raumkoordinaten sowie der ‚irreversiblen Zeit’. Wie in der AT (und nicht in der GFD!) gezeigt wird, bietet sich erst durch diese Transformation die Möglichkeit, Irreversibilität systematisch durch einen strengen mathematischen Formalismus quantitativ auszudrücken. Traditionell befassen sich damit Naturwissenschaftler & Ingenieure in den Disziplinen ‚Strömungslehre, Gasdynamik, Gaskinetik, Thermofluiddynamik. Für die Praxis bedeutet das zweierlei: Mittels GFD & AT erkennt man zum einen die grundlegenden Fehler in der mathematischen Struktur der konventionellen Navier-Stokes-Strömungsgleichungen (N.-S.-Gln.) sowie in den Verknüpfungen der N.-S.-Gln. mit ihren entropischen Elementen. Klassische Strömungsmechaniker verstehen z. B. den Schlussteil des letzten Satzes meist nicht, da Entropie & Temperatur für ihre rein mechanistisch geprägten Vorstellungen Fremdwörter sind.

Zum anderen lassen sich aus der AT die physikalischen Konsequenzen für die N.-S.-Gln. nachweisen, mit denen man rechnen muss, falls man z. B. einen realen, d. h. dissipativen Strömungsprozess durch einen isentropen (d. h. dissipationsfreien) Ersatzprozess (E idealer Vergleichsprozess) approximieren darf/will. Das sind ganz praktische Optionen, die indes im Final Report (NASA-36955 D. O. 77) der University of Alabama in Huntsville (UAH) – September 1992 – mit einem Verdikt belegt sind:

„It is understandable that the Navier-Saint Venant equation of motion (e. g. the N.S.-Gln. following from the AT) at present cannot be used for actual projects”; (p. 15).

Tim Boson:

Gerade wegen des engen Verbunds von GFD & AT verstehe ich immer noch nicht, wieso die beiden Meetings in 1991 so geplant waren, dass die beiden Vortragenden getrennt von einander anreisen und sich der Kritik stellen sollten. Hatte das organisatorische oder gar nur ‚taktische’ Gründe?

TSWS:

Offensichtlich glaubten einige besonders clevere Strategen in Huntsville, durch eine durchtriebene Aufmerksamkeit gegenüber dem Karlsruher Professor für Mathematische Physik Gottfried Falk selbigen in die USA locken zu können, um ihn gegebenenfalls in seinen Ansichten gegen mich auszuspielen. Eine solche Unterstellung ist an & für sich wenig ‚gentlemanlike’, aber in meinem Fall dank Flavius Vegetsius (s. o.) leider beweisbar.

Unglücklicherweise war Professor Falk damals schon so krank, dass er nicht mehr in die Vereinigten Staaten reisen konnte. Aber Professor Wolfgang Ruppel, sein enger Freund & Co-Autor zweier bekannter Standardwerke über Theoretische Physik (in deutscher Sprache), war gerne bereit, der Einladung an die UAH zu folgen, um zwischen dem 9. & 14. Januar 1991 auf der Basis dieser beiden Lehrbücher zwei Seminare abzuhalten. W. Ruppel wählte dazu als Schlüsselbegriff den Ausdruck ´Gibbsian Thermodynamics`; der ist von vorneherein irreführend, denn dieser Ausdruck kommt bei Falk aus guten Gründen überhaupt nicht vor (und damit auch in keinem der beiden Referenzwerke aus 1976 & 1977 von Falk & Ruppel!). Dennoch kamen Ruppels Darlegungen offensichtlich bei den Seminarteilnehmern gut an. Somit muss man leider vom Fluch der guten Tat sprechen. Denn das Abschlussprotokoll zum ‚Meeting Minutes’ an der UAH enthält zum Thema ´Gibbsian Thermodynamics` das folgende Fazit (p. 47):

„The concept was accepted in its abstract formulation, but questions with respect to some applications were not resolved. Prof. Ruppel will give us his answer shortly, after he has looked at the problems from the different points of view presented at the meetings”.

Vorausgegangen war die Suche nach „a direct correspondence between „Falk-Ruppel’s theory and the Navier-Stokes equations…“ als bekannteste Manifestation von Irreversibilität in Strömungen. In ihren beiden gemeinsamen Büchern werden solche für die Ingenieurwissenschaften wichtigen Items mit keinem Wort erwähnt; sie lagen stets völlig außerhalb der Interessensphären beider Karlsruher Physiker.

Tim Boson:

Jeder unserer Leser, der rückblickend bedenkt, welche Anstrengungen die MSFC-Leute seinerzeit unternommen hatten, Sie zu einem Besuch von Huntsville, Ala zu überreden, kann sich beim jetzigen Stand unseres Gesprächs nur noch wundern. Warum dieser Aufwand, warum die Einladung von Falk & Ruppel mit dermaßen mageren Ergebnissen? Sollte damit eine Art von Spaltpilz eingeschleust werden, der die Atmosphäre des Auditoriums an der UAH und am MSFC beim zweiten Meeting in 1991 von vorneherein vergiftete, bei dem Sie ‚die Hosen herunterlassen’ sollten?

TSWS:

Ich denke nicht, dass eine solche Aktion beabsichtigt war, dazu waren – soweit man dem Protokoll vertrauen darf – die beteiligten Wissenschaftler der UAH einschließlich des Gastredners viel zu unvorbereitet, gar zu naiv. Ihre Auftraggeber erwarteten von ihnen eine indirekte Analyse meines Raketentriebwerkbuchs in Bezug auf einige völlig neue physikalische Begriffe & Zusammenhänge. Deren Funktion sollte für den physikalischen Grenzfall, der die Münchner Methode (MM) definierte, geklärt werden. Dieser »vollständig isentrope Referenzprozess unseres Systems« –  also die physiko-chemischen stationären Zustände des strömenden Verbrennungsgases, beginnend vom Punkt der Zündung entlang der zylindrischen Brennkammer und der Lavaldüse bis zum Düsenaustritt – ist der im Mittelpunkt meines Buchs stehende Ideale Vergleichsprozess. Und siehe da, plötzlich taucht dort die als Manifestation realer Strömungsabläufe bekannte, ehrfurchtgebietende Navier-Stokes-Bewegungsgleichung auf (p. 124f), aber eben nicht als korrekter Grenzfall einer viel allgemeineren Bewegungsgleichung (NavierSaint Venant Equation of Motion). Alles war neu. Für mein Raketentriebwerksbuch war allein relevant, dass im isentropen Grenzfall nur die Venant-Bewegungsgleichung in die korrekte Eulersche Bewegungsgleichung übergeht, aber nicht die N.-S.-Gln. Von daher erweist sich eben die MM als eine vollständig konsistente, physikalisch exakte Theorie. Deren mathematische Basis ist meine über die Gibbs-Falk Dynamik (GFD) hinausreichende – aber erst im Jahr 1997 erstmals in Buchform veröffentlichte – Alternative Theorie (AT). Genauer: Alternative Mathematical Theory of Non-equilibrium Phenomena. Academic Press: San Diego 1997.

Tim Boson:

Ihre Ausführungen zeigen mir, dass Sie für das zweite Meeting gut vorbereitet gewesen sein müssen, denn es ging ja doch überwiegend um Problemstellungen, die in den USA damals eher wenig ‚populär’ waren. Sie haben mir kürzlich erzählt, dass der Workshop-Manager Ihnen am 25. Juni 1991 zur Vorbereitung fast 30 Fragen zu Ihrem Buch  ‒ „Queries for D. Straub“ ‒ vorab übermittelt hat. Was passierte also?

TSWS:

Gar nichts. Oder genauer: ich weiß es nicht mehr mit Sicherheit. Ich hatte am 21. Juni 1991 beim Frühstück einen schweren Herzinfarkt erlitten. Der bereits gebuchte Flug in die USA musste ‚rückabgewickelt werden“. Der Workshop in Huntsville wurde kurzfristig abgesagt. Jede Perspektive damals war spekulativ und erübrigte sich bis Mitte August.

Verehrter Tim Boson: An dieser Stelle erlaube ich mir, ein ganz persönliche Bemerkung in unser Gespräch einzubringen: Besagter Herzinfarkt erfolgte an einem Tag, dessen Datum mir in besonderer Erinnerung geblieben: Es war der 50ste Jahrestag von Hitlers Überfalls der UdSSR. Dieses Datum – 21. Juni 1941 – markierte letztlich den Ausgangspunkt einer Tragödie, die Sie und mich in zwei unterschiedlich konditionierte Hälften deutscher ‚Kriegsverlierer’ aufteilte: Ich verbracht meine Jugend im Wirtschaftswunderteil, Sie in der DDR, von der wir ‚Westler’ kaum Etwas wussten. Und jetzt sprechen wir gemeinsam über Etwas, das genau in der Zeit der Perestroika und der Wiedervereinigung Deutschlands ablief und in der noch die Spielregeln des Kalten Krieges galten. Ich denke, man sollte diesen Aspekt unserer Geschichte mit in Rechnung stellen.

Tim Boson:

Nun ich denke auch, TSWS, ich für mein Teil muss immer wieder daran denken, dass all das Technologische, das man gemeinhin so selbstverständlich hin nimmt – vom Handy – über GPS bis zum Satellitenfernsehen oder auch das Internet ohne Raumfahrt nicht zu denken ist, und somit eine  SPRECHENDE GESCHICHTE hat, und ich hoffe, dass ihre Geschichte und unser Gespräch auch mit dazu beiträgt, dass diese Historie nicht immer nur wortlos und geschluckt einfach so in den Zeitlauf eingebaut wird, sondern sich so auch tatsächlich einmal wenigstens zum Teil reflektieren lässt.
Was den speziellen Zeitabschnitt betrifft, den sie ansprechen, da ist es klar, dass ich zu dieser Zeit ein völlig anderes Grundverhältnis habe. Ich gehöre zu einer Generation, die erlebt haben, dass nichts wirklich sicher ist und alle Mauern irgendwann Risse bekommen und schließlich fallen.  Gut, Sie kennen das ja auch noch. Ob das vielleicht sogar eine zwingende Folge der Entropie ist, frage ich mich hier salopp, aber das heben wir uns wohl für die nächsten Teile unseres Gesprächs auf.  (Fortsetzung folgt)

Am Personenbeschleuniger: Peter Sloterdijk

Sehr geehrter Herr Sloterdijk,

(eine Rezension zu: Peter Sloterdijk. Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft, Suhrkamp 2010)

Verteiler an:
Mister Buckminster Fuller
Carl Friedrich von Weizsäcker
John Archibald Wheeler.

*
Ich schreibe diese Rezension als ein Brief, Herr Sloterdijk, nicht direkt an Sie persönlich, deshalb auch die Namen in den Verteilern. Ich schreibe diesen Brief an ein Problem und auch an eine bestimmte Art des Sprechens, oder an die Art, wie eine bestimmte Art des Sprechens zu einer bestimmten Art von Fragen oder auch Problemen (ge)führt. (hat.) Wenn ich hier also im folgenden Namen anspreche, dann spreche ich sie als Gefäße oder Träger an, die ein qicklebendiges Denken und Leben beinhalten oder sich „zum Tragen“ darum herum geformt haben, so zum Tragen auch gekommen sind.

Öffnung und Schließung der Kapsel. Einatmen. Ausatmen. Das Raumschiff Erde leben lernen.

Ontologie zwischen Entry und Re-Entry

Persona (griech: Die Maske) hat mich zu einer Modifikation oder Weiterentwicklung meines Illusionenbeschleunigers inspiriert, den ich hier als Personenbeschleuniger in den Bestand des Labors mit aufnehme. Wenn hier also „Personen“ beschleunigt werden, dann nur in einem erweiterten Verfahren der Illusionenbeschleunigung – jedoch nicht – wie man vielleicht meinen könnte, im Sinne einer „Masken“ – Beschleunigung oder „Menschen“ – Beschleunigung.

Deshalb möchte ich Sie vorab meiner Hochachtung versichern; und wenn ich im Folgenden hier und da etwas polemisch werde oder geworden bin, dann zielt das nicht ad hominem oder ad personam, sondern will einfach nur etwas Gewürz beigeben, denn schließlich – wo leben wir denn, und sie wissen es auch: Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht zuletzt diverse Gewürze, die uns zu intelligenten Wesen geformt haben, denn unter ihnen fanden sich immer auch solche Gewürze, welche es vermochten, die Blut-Hirnschranke zu durchdringen, nicht zu zerschlagen oder zu perforieren, das sage ich deutlich – also – Herr Sloterdijk – in dem diese pfefferartigen Gewürze dosiert diese Blut-Hirnschranke evolutionär trainierten, weltempfindlich hielten, und damit den Kontakt mit der wirklichen Wirklichkeit in Intervallen einübten, – also in zeitlichen Wartungsintervallen formulierten – denn eine solche Gegenwärterin in quantisierenden Intervallen ist diese Schranke ganz sicher.

Ausserdem haben Sie, Herr Sloterdijk, auf Ihrer eigenen Internetseite einen schönen und engagierten Text zu einer großen Metapher von Mister Buckminster Fuller eingestellt, auf den ich hier ausdrücklich hinweise:
Ihr Text „Wie groß ist groß“ zu „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“
Dazu möchte ich Ihnen oder Herrn Buckminster Fuller, obwohl er nicht mehr unter uns weilt, gerne etwas antworten und beifügen.

Sie, Herr Sloterdijk, haben in letzter Zeit häufiger den Namen Carl Friedrich von Weizsäcker in ihrem Schreiben erwähnt, und machten dabei immer den Eindruck eines etwas ratlosen oder nachdenklichen Pflichtübenden. – so als könnten Sie selbst nicht so richtig entscheiden, ob dieser Philosoph und Wissenschaftler nun in den Leitzordnern Ihres philosophischen Wahrneh-mungsbüros einfach nur im Regal steht, aussortiert gehört, oder vielleicht doch einmal etwas genauer gelesen werden muss.

Zuletzt in ihrem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dem ich hier auch schon eine Rezension gewidmet hatte, sowie in ihrem letzten Suhrkamp-Heft zum Thema „Wissenschaft und Philosophie.“ Sie erwähnten Weizsäcker auch hier zwar, ließen ihn aber dann doch irgendwie eher unangetastet bei Seite liegen; gerade hier, in diesem letzten Heft von 2010, das eigentlich nur eine längere Rede von Ihnen abdruckte, hatte ich mir dazu etwas mehr versprochen in dieser Richtung. Es kam dann aber nicht, nun gut.

So beschränkten Sie sich auf eine sorgfältige Aufzählung einer Historie der „Monster“ – so nannten Sie die, also einer Historie der Sektierer, der Abgekapselten und Eingeschlossenen, die aus idealisierten Laborbedingungen heraus – sozusagen als scheinbar perfekt daneben stehende Beobachter glaubten, die Welt distinkt beobachten zu können – und ja, auch zum Teil nicht nur beobachtet sondern auch wirklich verändert haben, nicht immer zum Besseren, das wissen wir, aber zumeist dann irreversibel. Etwas marginal und nur zwischen den Zeilen räumten Sie dabei ein, dass man hier auch die eher autarke Vorgehensweise Albert Einsteins wohl zu den Wirkmächtigsten zählen müsse, da auch er – aus einer zunächst ziemlich abgeschotteten Situation heraus eine ungeheure Weltverschiebung in Gang setzte – in dem er nämlich Beobachter beobachtete. Bis heute noch erstaunlich und beunruhigend, wie ein Mensch es vermochte, einen eigentlich grundsätzlich unbeobachtbaren Sachverhalt zu entbergen, indem er gegen alle Kantische Maßstäbe einen Schleier lüftete.

Danach aber zeigten Sie, Herr Slotterdijk, dann sehr vollständig all die „Monsieure Testes‘ “ in die Runde, angefangen von Platons (pythagoräischer) Akademie von vor beinahe 2500 Jahren bis zu Paul Valerys gleichnamigem Held und schließlich auch Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den Sie dann tatsächlich als „Monster“ – kann ich sagen – ein wenig denunzierten?

Herr Sloterdijk, dem aufmerksamen Leser dieser Schrift konnte nicht entgehen, wie sehr sie hier auf dem von ihnen gern beschrittenen Grad zwischen kolloquial seriösem Aufzählen, sich enthaltender Wertung, und einer microdimensionierten Ironie – bei halbem Warnton in dieser Historie herumballancierten – eine Herumbalanciererei – oder Ziererei – die ich manchmal als Stärke und manchmal auch als groteske Masche empfinde, die auch schon mal zum vorzeitigen Zuklappen ihrer Bücher geführt hat. Denn Sie müssen natürlich damit rechnen, dass Sie auch halbwegs informierte Leser haben, auch solche, die „Töne“ in der Sprache mitlesen können.

(Ich komme gleich zu Carl Friedrich von Weizsäcker und weiter unten auf die globale Relevanz des Themas, dass ich hier anschreibe in Richtung Buckminster Fullers schöner Metapher von „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“)

Darüber hinaus waren Sie auch in dieser zuletzt veröffentlichten Rede erneut von einem Gedanken angeregt, den Sie nicht zum ersten Mal vorbrachten, und den ich mal eben kurz zusammenfassen darf:

Sie haben immer mal wieder darauf hingewiesen, dass Platon seine Akademie in einem historischen Zeitfenster begründete, als das hellenistische Imperium bereits auf dem absteigenden Ast sich bewegte, oder anders gesagt: Sie notierten den Eintritt des platonischen, also metaphysischen Denkens der griechischen academia, als Kompensationsgeschäft von „Loosern“, als Symptom eines Zeitalters, als man da draussen, ausserhalb der Akademie, nicht viel mehr vorfand als imperialen Niedergang, von Kriegen ermüdet und fortschreitender Dekadenz gezeichnet – demzufolge Platon sich dann über den Umweg eines Besuchs bei Pythagoras dann flüchtete in die platonischen Gleichgewichtsräume der „platonischen“ Ideen, die ja den großen Vorteil der Unantastbakeit, Unvergänglichkeit und Reinheit haben, im Gegensatz zu Imperien, Straßen und Plätzen und einer dazu gehörigen „unreinen“ Realität.

Ihr Hinweis hat zweifellos etwas Zwingendes, und lässt sich als Muster auch immer wieder vorbringen. So zum Beispiel in der Geschichte des Christentums, das mit Kaiser Constantin genau zu dem Zeitpunkt erst weltmächtig erstarkte und sich kommunikativ im großen Stil vermarkten ließ, als das Römische Imperium – wie man so schön sagt – abkackte.

Man hat es also, wenn man Ihnen darin folgt, bei jeglicher Form von Platonismus – und auch die monotheistischen Religionen sind Derivate des Platonismus – mit einem „Platonismus für Arme“ zu tun; oder anders ausgedrückt: Die platonische Akademie wäre eigentlich nur für „Verlierer“ interessant, die sich an unvergänglichen „reinen“ platonischen Ideen-Konstruktionen aufrichten müssen oder sich an Idealen schadlos halten, heißen Sie nun „Gott“ oder „Oktaeder“ oder „Der Satz des Pythagoras“ oder der so genannte „Ideale Vergleichsprozess“ – den ich hier in meinem Labor mit einem durchaus nicht nur platonisch denkenden und handelnden Menschen gerade untersucht habe und weiter untersuchen werde.

Sogar die so genannte „reine Sinnlichkeit und Körperlichkeit“ ist heute zu einem Platonismus für Verlierer mutiert. Das sind die Verlierer, die heute einen Verlust verspüren, einen Abort des Lebendigen, Vitalen, Chtonischen und Sinnlichen in Richtung technischer oder ökonomischer Ratio – und nun also als Verlierer dagegen eine Religion des Körpers, der Vitalität und der Sinnlichkeit glauben aufrichten zu müssen, so in antidirekter Spiegelung eines Verlierertums im Verlierertum. Diese Entwicklung hatte bekanntlich Stanislav Lem schon mal in den 70iger Jahren vorausgesagt, in einer Prophetie, der heute die Bioläden und die „biologisch somatisch Gestik“ des künstlich wiederhergestellten „Natürlichen“ entsprechen, zu denen auch ganze Sparten von „Berufs-Lebendigen“ zählen.

Herr Sloterdijk, wollen wir dieses Ping-Pong-Spiel nun noch bis in alle Ewigkeit blind weiterspielen? Ich meine jetzt – nicht aufs wahre Leben bezogen – sondern denkerisch, philosophisch?

Vitalismus-Platonismus-Vitalismus-Platonismus/ Somatismus – Technologismus – Somatismus- Rationalismus?
Sicher werden wir das Ping-Pong-Spiel weiter spielen müssen, solange keine anderen globalen Beschäftigungstherapien in Aussicht stehen.

Aber man muss heute einfach auch mal darauf hinweisen dürfen, dass dieses Spiel, also das Ping-Pong-Spiel Platonismus versus Vitalismus bis in alle Ewigkeiten vorhersehbar bleiben wird, wenn wir nicht irgendwann einmal von dieser verrosteten Hin-und-Her-Schaukel, von diesem mäßigem Fahrgeschäft eines vorstädtischen Armuts-Zirkus Abstand nehmen. (Und jetzt schon kann ich hier andeuten: Dieser Abstand wurde bereits genommen.)

Denn zunehmend, das muss man sagen, leben wir – als Philosophen – heute nicht mehr in einer wirklich „Neuen Welt“ – vielmehr stolpern wir uns alle heute mehr oder weniger durch bereits vorgelatschte und denkerisch verausgabte Wellenpfade von philosophischer Weltmaßnahme, so dass man sich – wäre man pessimistisch eingestellt – nur noch als Erfüllungsgehilfe von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (Watzlawik) empfinden könnte. Und hier käme es dann nur noch darauf an, in die sich gerade darbietenden Wellendynamik gut hineinzuspüren – sozusagen als Gegenwartsbegleiterscheinung.

Aus diesem Grunde ist es auch keine große Kunst, heute gewisse Bewegungen vorherzusehen, zwar nicht detailiert, aber wenigstens ihrer Morphologie nach – sie sprachen das in ihrem Text sehr schön an: „Den Erlösern folgen immer auch die Erlöser, die uns von den Erlösern erlösen.“ So sehen Sie eine Epoche der Erlösereitelkeiten heraufziehen, hierin sicher den selben prophetischen Instinkten folgend wie Stanislav Lem zu seiner Zeit.

Wo aber Gefähr ist, da wächst das Rettende auch.

Deshalb ginge es darum, die Vertikalitäten, die hier in den Worten „Wachsen“ und „Stuhlen“ anklingen, zu Amplituden umzudeuten, zwischen denen ein sich vollziehendes planetares Leben wie zwischen den Hoch-und Tief-Punkten einer sich fortpflanzenden Wellendynamik dynamisiert und so in einem Entry/Re-Enty – Verhältnis die katastrophischen Erstarrungen meidet, jedoch die Energien der Vertikal-Spannungen in die ZEIT – hinein – lösend, entspannend, produktiv macht.

Aber was solls – die (fragwürdige) Idee des „Verlierertums im Platonismus“ war ja schon bei Nietzsche deutlich virulent, der aber gerade hier und in genau diesem Punkt sich selbst und anderen gegenüber immer etwas ungreifbar blieb, in Folge dessen sich die Exegeten bei Nietzsche immer heraussuchen können, was Ihnen gerade wichtig erscheint. Aber bis heute stehen wir vor dem Dilemma, dass wir nicht genau sagen können, ob „Die Macht“ im technologischen Zeitalter subjektlos wurde und immer subjektloser wird – sich in Folge dessen auf einen statistischen „Mann ohne Eigenschaften“ überträgt, oder ob sie den so genannten „Übermenschen“ generiert – als „Neues Subjekt.“
Und weil Nietzsche genau in dieser Frage nie so ganz eindeutig interpretiert werden kann, eiert es sich auch so schön bei ihm herum, weil er selbst herumeierte. Ich selbst habe hier schon einmal gesagt, dass man in Kleists Aufsatz zum Marionetten-Theater eine weitaus subtilere oder wenigstens kompensierende Beschreibung der Problematik finden kann, und bleibe auch weiter dabei.

Aber finden Sie nicht, dass es langsam Zeit wäre, von dem Ping-Pong-Spiel Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus Abstand zu nehmen. Ich meine das nicht im budhistischen Sinn.

Denn heute wären wir in solchem Widerstreit doch zum überwiederholten Male eingekehrt, denn – und das wissen Sie auch, Herr Sloterdijk, war es ja gerade seit zweitausendfünfhundert Jahren das platonische Denken, dass die angeblichen Verlierer dann doch verwandelte in technologisch Mächtige, ungeheuer Mächtige, um nicht zusagen: Ungeheuer oder Monster an technologischer Mächtigkeit. Denn unsere Technologien beruhen auf Mathematik und unsere Mathematik beruht auf Platonismus, also auf der ewig verschiebbaren Illusion von Symmetrie, Gleichgewicht oder pythagoräischen Harmonie, welche die „Gleichheitszeichen“ in unseren Köpfen zu unantastbaren IDEALEN VEGLEICHSPROZESSEN stabilisierten, die wir natürlich alle brauchen, weil sie notwendig sind. Und daran ändern auch die hochverfeinerten Methoden der höhere Mathematik nichts, weil auch diese Mathematik nur in einem stabilisierten oder harmoniserten Habitat innerhalb eines Fließgleichgewichts (als stabilisierter Zustand) vor und zurück rechnen kann, das von der Blut-Hirnschranke reguliert und schließlich als kognitives Bewusstsein aktiviert wird.

Sie selbst haben, und das achte ich sehr, in ihren Büchern gelegentlich auf die „Immunologische Geschichte“ der Menschheit hingewiesen, von Menschen, die sich auch mittels psychopolitischer Immunologisierung vor „Kränkungen“ schützten.
Einer These von Siegmund Freud folgend schützen sich diese Menschen immer vor solchen Kränkungen, die Ihn als „das Maß aller Dinge“ aus dem Mittelpunkt des Geschehens rückten, so dass er in den Strom des Geschehens selbst hineingestoßen wurde, was ihm nicht immer angenehm war.

Nietzsches zum Teil hysterische Denkbewegungen sind womöglich auch einem unangenehmen Gefühl aus dieser Ecke heraus geschuldet.

Regelmäßig wurde der Mensch aus der Illusion einer Existenz als Zentralgeschöpf vertrieben von Erkenntnissen, die ihn seiner Zentrumsposition beraubten und in die Peripherie des Geschehens stellten.
Aber diesen Vertreibungen folgten auch immer – um eine Metapher von Ihnen einmal umzudrehen – Ptolemäische Mobilmachungen – Rückbefestigungen hinter neuen, geradezu künstlich errichteten immunologischen Brandmauern.

Immer mussten lange Zeiten vergehen, bis für diesen Menschen die unabweisbare narzisstische Kränkung annehmbar geworden war – so wie die Erde, als Beispiel, nicht im Mittelpunkt der Welt sich drehte; in kleinen Dosen mutete er sich diese Tatsache irgendwann doch zu, begleitet von Kämpfen und Krämpfen und erst nach wiederholt ausgefüllten Anträgen der unabweisbaren Vernunft, nahm er sie dann an.

Oder vielleicht gewöhnte er sich auch nur an Gifte?

Bis die Kränkung schließlich immunologisch eingebaut und akzeptiert wurde als wissenschaftliches Paradigma in den historischen Körper der Entwicklung. Nach langen Krämpfen und Fieberschüben der Verletzung.

Vielleicht haben Sie vergessen zu erwähnen, dass jede eingebaute und als Paradigma akzeptierte Kränkung, die Immunologiserungstendenz dieses Menschen ja nicht aufhebt, sondern sie nur etwas weiter nach innen verschiebt, wo sie dann andere psychopolitischen Immunsysteme gegen nachfolgende Kränkungen zunächst einmal umso stärker rückbefestigt oder aktiviert.

Die Erde also und der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

Sie, Herr Sloterdijk, müssen sich demzufolge auch sehr wohl darüber im Klaren sein, dass der Platonismus und seine Derivate zu den großen Immunologie-Geschichten überhaupt gezählt werden muss. Wenn nicht sogar d i e Immunologisierungs – Revolution schlechthin bedeutet.

Der Platoniker, und wir alle sind immer auch ein wenig Platoniker, „immunisiert“ sich in gleichbleibenden Gleichheitszeichen, in Ideen, sei es als Pfarrer oder Antipfarrer „in Gott“, sei es als Denker „in Gedanken“, sei es als Mathematiker, in „Funktionen“ oder sei es als Psychologe in „Kategorien der Neurose“, sei es als Künstler in „Arbeit und Werken“ oder als Händler „in Geld“ sei es als Systemtheoretiker in der Figur des „Beobachters“ , als Liebende in dem Geliebten – oder einfach als Mensch im „Sein.“

An der Breite meiner Aufzählung können Sie bereits sehen, dass Immuniesierung immer ein Vollzug ist und nicht nur Ergebnis. Weil der Vollzug im Sein uns selbst in Zeit, also Form verwandelt, in Form hält, die Zeit, die wir ohne Vollzug nur einfach erleiden müssten.

Und ja, auch ein Nietzsche war ganz unfreiwillig ein Platoniker, da auch er nur „in Gedanken“ denken konnte.

So also stabilisiert jeder seine Welt oder transportiert sie reflektorisch zunächst in platonischen Waggons der Kategorien und Begriffe, der Zahlen, der Funktionen, der Werke und Ideen auf vital-grammatikalischen Gleisen hinein in die Bahnhöfe seiner Überzeugungen und Haltungen. Und wenn es gut geht – dann auch wieder hinaus in die Weiterfahrt, den Weiterbau.

Tätigkeiten, Beziehungen, Funktionen, Arbeiten, die selbst zugleich im wahrsten Sinne des Wortes ZEITVERWANDLUNG und IMMUNISIERUNG leisten – aber damit immer auch Hoffnung produzieren. Denn solange wir an unseren vital-grammatikalischen, vitalistischen oder ästheischem Gleisbau mit samt den zu Güterzügen verkoppelten Seins-Waggons uns abarbeiten, sind wir unterwegs – doch nicht verloren.

Der sich immunisierende Mensch immunisiert sich also psychopolitisch durch platonistische Aktiva, die entweder Zahlen, Ideen, Zeichen, Begriffe, Funktionen oder Gott genannt werden und physiologisch primär an der Blut-Hirn-Schranke gegen die Entropie der Thermodynamik abgeschirmt oder ausballanciert werden.

Anders gesagt: Der Mensch, seine gesamte Psychopolitik kann nur immer hinter einem Schließmuskel existierend, gedacht werden, der aber zur Öffnung fähig und – verdammt bleibt, solange er lebt. Er ist Bahnhof aber kein Kopfbahnhof.

Und der Primär-Schließmuskel hierfür ist unsere permeable Blut-Hirn-Schranke, an der die Natur über Jahrmillionen von Jahren Abwägung vornahm: Blut gegen Geist – und sich schließlich irgendwann dazu „ermächtigt“ hatte, der Blut-Seite eine Geist-Seite als Tauschobjekt zu offerieren, vielleicht die allergrößte und entscheidendste Öffnungs-Schließung als schwerster immunologischer Vollzug – der einem Wesen von der Natur jemals zugefügt wurde. Wenn auch die konstruktivste und folgenreichste für den Planeten Erde, und dieses Wesens selbst.

So ist der Mensch also per se das gekränkte Wesen, dessen „Gesundheit am Sein“ sich nur durch öffnende und schließende Ballance-Handlungen bei trainierender Schließmuskel-Aktivität in platonische oder vitalistische Funktionen-Modi überführt, wobei eine Einkapselung oder Abkapselung immer auch die totale Entkapselung also Öffnung ausgleichen muss, die totale Öffnung, die nur der Tod leisten kann – schließlich.
Damit ich hier nicht zu einseitig verstanden werde: Solche Schließungs-Öffnungs-Muskel sind auch der sprechende Mund, der schluckende Kehlkopf und letztlich auch das nervös – arterielle und venöse Spiel zwischen Systole und Diastole – bis hinein in die Herzkammern gewährter oder verbotener Blicke, Augenaufschläge und Techniken des Schweigens und der Verlautbarung, welche als Öffnungen und Schließungen von Gesprächs- oder Kommunikations-Zeit-Kapseln verstanden werden können.

Sie selbst nannten all diese platonischen Techniken der Stabiliserung einmal „Homöotechniken“ – ohne jedoch hier auf die Thermodynamik näher einzugehen.

So immunisiert sich der Mensch in einer ständigen Mitte zwischen Klausur und Aperture, Zusammenziehung und Streuung, Entry und Re-Entry.

Aber nicht der Mensch, Pflanzen und Tiere immunisieren sich allein so, sondern sie alle sind das Ergebnis von Vorgänger- immunologsierungen des Universums.

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn ich hier anführe, dass diese Blut-Hirn-Schranke, nun die Primär-Immunologie aller Human-Imunologien abbildet. Und ich sie damit als primäre Homöotechnik der Natur und grundlegende Vorraussetzung für alle nachfolgenden Homöotechniken benenne.
Und dies eben gerade nicht nur in Bezug auf Viren oder Bakterien – nein. Denn diese Schranke markiert ein Gebiet oder ein Strand, an dem sich seit Jahrmillionen von Jahren der Tidenhub und die Wellen-Pulsation des Flüssigen in „gleichgleiche“ Substanz von Festem verwandelt hat – und hier – mit ihrer immunologischen Funktion im Vollzug für die Dauer unseres Lebens auch für ein ungefähres thermodynamisches „Vollzugs-Gleichgwicht“ sorgt – die uns zu dem formuliert, was wir sind – ein ungefähres-Ufer an einem ungefährem Fluss. Ein halb-festes Ufer, das aber eines strömenden Flusses bedarf, um sich als Ufer dagegen abzuheben und zu formulieren, in dem es sich selbst zugleich kenntlich und unkenntlich macht.

Und hier also eine physisch – metaphysische Komplementarität ausbildete, die man ausdrücken kann mit den Worten:

Der Fluss weiß nichts von seinen Ufern, denn der Fluss sind seine Ufer.
Die Ufer wissen nichts von ihrem Fluss, denn die Ufer sind der Fluss.

Und darin, Herr Sloterdijk, wiederholt auch die Blut-Hirnschranke nur eine Immunologische Komplementarität, wie sie unser Planet als „Raumschiff Erde“ stabilisiert in seiner dialogischen Routine um die eigene Achse als auch um die Sonne in „Immunisierung“ also Abkapselung gegen das Anströmen der Entropie zu einem System – im Vollzugs-Gleichgewicht – ; ein System, dass seine „Routinen“ als Lagrange-Gleichgewichte der Immunisierung auslegt – gegen – das treibende expandierende Ungleich-gewicht einer vorangegangenen Supernova, der es aber bedurfte zum Anschub der Stabiliserungsbewegungen in die Routinen hinein.

Denn dass wir uns stabil um unsere Achse drehen, ist eine Folge im Ausgleich von Implosion (Zusammenziehung) und Explosion (Ausdehnung) in einer „immunologischen Routine“ stabilisiert zu einem System mit Namen Erde-Mond-Sonne.

Denn auch eine Drehung kann nach einer Umdrehung als ein Vollzug von Entry nach Re-Entry bezeichnet werden. Sie ist eine Atmung.

Insofern sind Erde Mond und Sonne zwar nicht eine atmosphärisch klimatisierte Kapsel wie die Erde, sehr wohl aber eine mehrkörpermechanisch stabilisierte Kapsel, in einem statistischen „Lagrange-Klima“ des ungefähren Gleichgewichts.

Die informationelle Komplementarität des Universums lässt sich deshalb ungefähr so ausdrücken:
Ohne Explosion (Expansion) gäbe es keine stabilisierten Details, aber nur in Details kann sich eine Explosion ereignen und abbilden.

Mit anderen Worten: Wir selbst sind das wahrscheinliche Ergebnis einer ganzen Abfolge von physikalischen „Immuno-logisierungen“, die sich im Universum immer in Routinen, also Rotationen, zu „Systemen“ also temporären Lagrange-Mehr-Körper-Gleichgewichten stabilisiert haben – gegen – die Expansion – imitten – der Expansion.

Deshalb ist alles, was wir als „stimmige“ oder „funktionierende Funktion“ erleben, nur eine Perpetuierung eines ganz speziellen immunologischen Gleichgewichts, dass uns schließlich hier unten auf der Erde den schwer bürdenden Luxus eines Bewusstsein eröffnete/erschloss als ungefähr gleichbleibend stabilisierte Beobachter hier auf unserem Raumschiff Erde, dass seine Gleich-Gewichte öffnend – schließend und damit GEQUANTELT oder ROTIEREND balancieren muss.

So will ich hier jetzt auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückkommen. Ein durchaus respektabler Physiker und Philosoph, der bekanntlich ahnte, dass so eine Frage wie: Was ist Information? – dringend auf der Tagesordnung steht. Ebenso wie John Archibald Wheeler, der diese Frage ebenfalls stellte.

Vielleicht ahnen Sie es schon, Herr Sloterdijk, ich kann Ihnen dazu nur sagen: Weizsäckers Quantentheorie der Information ist leider falsch, weil er sich selbst nie dazu durchringen konnte, die Quantentheorie, auf der sein Konzept der „Ure“ beruht, als das zu betrachten, was sie ist: Sie ist keine Wahrheit der Natur, sondern das Quantum ergibt sich als Stabilisierung aus der immuno-logischen Stabiliserung von Bewusstsein, das nur in einem gequantelten Modus von Öffnung nach Schließung denkbar ist. Das Bewusstsein muss bis in die Techniken hinein – blinzeln. Das Quantum ist keine Konstante, sondern ein perpetuiertes Verhältnis seines Blinzelns in einer Öffnungs – Schließungs – Routine. ES blinzelt.

Bisher war es üblich, ähnliche (nicht diese) Überlegungen in die Ecke von philosophischer Geschmäcklerei zu rücken, wo man sie dann als „anthropische Prinzipien“ entweder „stark“ oder „schwach“ mehr oder weniger schulterzuckend zu einem Orchideenthema der Ansichtssachen degradierte.

Diese Zeiten sollten nun aber, davon bin ich überzeugt, langsam vorbei sein, da sich bei eingehender Betrachtung herausstellt, dass wir bis heute, bis in die Ingenieur-Akademien hinein eine zum Teil haarsträubend missverstandene oder pragmatisch verkürzte Thermodynamik pflegen, die noch nicht mal in der Lage ist, die beiden Hauptsätze in ihrer dialektischen Komplementarität zu vermitteln. Und nur selten werden historische Zusammenhänge der Wissenschaften in Philosophie-, Ingenieurs- oder Physik-Seminaren mehr als oberflächlich, wenn überhaupt, behandelt. Von den soziologischen und pädagogischen Fakultäten ganz zu schweigen.

Ich will damit also sagen: Unsere Techniken, Geräte, Apparate und Schulen funktionieren wohl, aber wie sie funktionieren, sagt noch nichts darüber aus, ob das Universum als Ganzes so funktioniert und zwar, weil wir die nächste große Kränkung noch nicht einmal anrücken sehen wollen und diese Kränkung lautet, um mit Schopenhauer zu sprechen:

Wir können – vielleicht – tun was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.

So kann hier auch deutlich in Richtung Prof. Holger Lyre und Frau Prof. Brigitte Falkenburg gesagt werden:
Das Quantum und mit ihm auch alle so genannten „Naturkonstanten“ sind stabilisierte und konstruktive „Real-Halluzinationen“ – die sich aus dem Umstand herleiten, dass die gesamte Mathematik, ebenso wie die gesamte anthropotechnische Evolution aus einer platonisch immunologischen Kapsel gegen die Entropie – mit der Entropie – homöostatisch dialektisch stabilisiert wurde in einem bestimmten harmonisierten Verhältnis – und sich auch darin weiter stabilisiert in der ständigen Übergabe von Fehler nach Funktion, von Öffnung nach Schließung, von Entry nach Re-Entry, von Verifikation nach Falsifikation – so in die Ausdifferenzierung weiter überwechselt in Richtung Technik und Erkenntnis. Das „harmonisierte Verhältnis“ soll besagen, dass wir innerhalb nur eines ganz bestimmten Verhältnisses „Teilchen“ zerteilen oder erzeugen können, aber dieses Verhältnis weist eben nur wieder auf u n s e r immunologisch stabilisertes Bewusstseins-Verhältnis hin, das nicht für das gesamte Universum verbindlich ist.
Die Planckzahl ist ein anthropotechnisches kapsel-klimatisches Verhältnis, evolutionär harmonisert, aber keine Naturkonstante. Weil es in einem expandierenden Universum keine echten Konstanten geben kann.

Aus diesem Grunde kommt man hier, kosmologisch betrachtet, mit klassisch mathematischen Argumenten nur noch sehr bedingt bis gar nicht mehr weiter, obschon es für die Zukunft nicht ganz ausgeschlossen bleibt, dass man weiter kommt, wenn man die Mathematik modifiziert, und sie aus ihrer arithmetischen und geometrischen Sterilität heraus bewusst vermischt mit natürlichen dialogischen Gesprächssprachen – und nicht nur unbewusst, wie es bis jetzt Praxis war.

Sonnen, Planeten, Staubkörner, Leben, Menschen und Technik, Funktionen – und sogar Zeichen und Sprachen sind also die platonischen Verlierer – Gewinner. Sie sind in ihrem Verhältnis zu unserem Bewusstsein durchaus real existierend. Aber die Werte und Größen, mit denen wir ihre Funktionen beschreiben sind – in den Werten – nicht verbindlich für das ganze Universum.

Da unser Bewusstsein AUS DER THERMODYNAMISCHEN ZEIT sich herausgedreht und eingekapselt hat, steht es seit dem in einem bestimmten expliziten Verhältnis zu seiner Herausdrehung – in einem bestimmten Gleichgewicht – das es zugleich auch in sich selbst eindreht.

Das bedeutet konkret, Herr Sloterdijk: Es ist völlig sinnlos, gegen die Metaphysik zu ironisieren oder zu polemisieren, (was Sie klugerweise auch immer nur eher verschmitzt getan haben, so weit ich weiß) und zwar deshalb sinnlos, weil weder eine „Meta-Physik“ noch eine davon irgendwie getrennte „Physik“ obwirkt. Das einzige, das real wirkt, wäre ein informationelles Potential, dass sich per Expansion und Explosion (Aktualität) in die Potentiale von Materie (Potentialität) ausdetailiert oder zu Kognition über Falsifikations-Routinen in Erkenntnisse, Begriffen, Symmetrien oder Techniken diversifiziert.

Deshalb muss, Herr Sloterdijk, wer heute ernsthaft Philosophie und kosmologische Physik betreiben will, sich mit der Geschichte der Thermodynamik bezogen auf die evolutionäre Erkennntistheorie beschäftigen und damit also auch mit den immunologischen Blut-Organschranken- die in eine kosmologische und thermodynamische Erwägung von Energie, Rotation, Information UND DIVERSIFIKATION zu ziehen sind. Womöglich auch statistisch. Und zwar seit der Bildung der ersten Protozeller.

Und jetzt schreibe ich Ihnen gleich noch etwas dazu, falls Sie auf die Idee kommen sollten, ich litte an Erlöser – oder Aufklärer-Größenwahn. Mich also mit der Frage befangen wollten, woher ich, also Tim Boson, denn meine Wassersuppe nähme, kraft welcher ich Ihnen das Universum erklärte. Denn auch ich könne mich ja selbst ganz unmöglich ohne blinden Fleck bewegen. Oder gar ausserhalb der Prozesse mich verorten, auf einem Punkt, von dem ich dann das alles überblicken könne. Es müsse sich ja auch unter meinen Füssen ein blinder Fleck befinden, der mir selbst unbeschreibbar bleibt.

Darauf würde ich so antworten: Nun, ich bin ja – hier in diesem Text – nicht ich. Ich bin ein Boson. Zudem wird ja hier auch nicht das ganze Universum erklärt. Durchaus nicht. Aber in der Bewegung von Information, die eine Bewegung von Potentialität nach Aktualität nach Potentialität darstellt, die immer auch eine Reflektion abbildet, wirkt eine sedimentierende Gang-Abfolge, welche die Reflektion in die Lage versetzt, nach einem wiederholtem generationenlangen Durchlauf von Wiederholungen auf eine nächste Reflektionsschwelle zu gelangen. Sie nannten solches Wiederholen einmal „ÜBEN“. Ein solches ÜBEN findet auch im Gang wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis statt.

Sie kennen den berühmten Ausspruch von Gotthard Günther, den er seinerseits sich von einem Lehrer sehr zu Herzen nahm:

Wenn man seit zweitausend Jahren immer wieder die selben Fragen wälzt (routiniert) und keine befriedigenden Antworten erhält, dann könnte es sein, dass nicht die Antworten falsch sind, sondern die Art der Fragen.

Sie wissen, Gotthard Günther war dem Thema sehr nahe auf der Spur. Sein Pech aber war eine zu einseitige Fokussierung des Themas auf der „metapyhsischen“ Zeichen-Seite. Die Thermodynamik hat er nicht im großen Stil behandelt und beachtet.

Man muss es sich klarmachen wie bei den Wachstumsringen eines Baumes oder den sedimentierenden Schichten am Grunde eines Sees. Oder in Eisbohrkernen. Da wirken Grenzschichtereignisse, die auf Zyklen, Routinen, Rotationen, ergo Jahreszeiten verweisen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist eine Routine oder ein Zyklus umrundet und es wächst ein neues Jahr, ein neuer Frühling – ein neuer Baum-Ring der Reflexion, ein neues Sediment, das nun im Abstand zu den Vorgänger-Schichten deutlich erkennbar sich abhebt, in dem es hier Abstandnahme markiert, aber zugleich auch den Vorgängerring mit einschließt und umfasst. Die „Fehler“ oder die Widersprüche einer alten Weltbeschreibung wirken als „negative“ Konstruktionselemente in eine neue Theorie hinein. Die jeweils neue Weltfunktionenbeschreibung „ernährt“ sich von den „Fehlern“ der Vorgängerfunktion.

Die Fehler werden regelrecht aufgegessen oder absorbiert per Falsifikation und immunologisch eingebaut, funktionalisiert, in die neue Funktionenbeschreibung. Ungefähr so, wie die Mitochondrien, die ursprünglich autonome Einzeller waren, sich dann aber im Laufer der Evolution als Energie-Zubringer in die mehrzelligen Organismen integrierten, wo sie heute als „Energie-Kraftwerke“ eine Funktion ausüben.

Deshalb war das Wort „Falsifikation“ von Raymund Popper im Grunde genommen immer zu einseitig in die Diskussion getragen worden oder vielmehr: Undialektisch. Denn in Wahrheit wird nie etwas einfach nur falsifiziert. Die Falsifikation ist zugleich immer der notwendige Nährboden oder die sedimentierende Schicht für „Richtigstellungen“ in Folgeschichten, die dann über diese Falsifikationen wie über Räuberleitern der nächsten Erkenntnisschwelle entgegenklettern oder entgegenwachsen. Den Rest kennen wir von Thomas Kuhn.

Aus genau diesem Grunde konnte auch ein Einstein vor beinahe 100 Jahren die Newtonsche Physik in seine Relativitätstheorien als unteren Ring oder innere Schicht mit einschließen, als Spezialfall. Die Zeit war einfach reif. Und ob es einen Einstein, einen Luther, einen Kopernikus, einen Gallilei oder wen auch immer dann erwischt, der dann die Formulierungsaufgaben übernimmt, das ist beinahe – nur eine Frage der Statistik. Einstein formulierte in vollkommen durchsichtiger Bescheidenheit: „Ich stehe nur als Zwerg auf den Schultern von Riesen.“

Weizsäckers Quantentheorie der Information, bringt uns hier nicht mehr viel weiter als ihn selbst, und das war schon weit, weil sie die ontologisch falsche Quantentheorie zu einer ontologisch falschen Informationstheorie erweitern wollte. Aber natürlich eignet sich die Falsifikation von Weizsäcker als brauchbare Räuberleiter, um weiter zu klettern. So sind alle „Falsifikationen“ zugleich die notwendigen Räuberleitern, um eine nächste Stufe der Reflektionsfähigkeit zu erringen.

Denn Weizsäckers „Ure“ sind als zeitlose – also platonische Elemente konzipiert, und damit eben wieder nur von einem thermo-dynamisch stabilisierten homöostatischen Gehirn her gedacht. Aber die idealen Stabilisierungen existieren nur in unserem Kopf. Sie dienen uns als „platonische Schneiderpuppen“ auf denen wir die Maßanzüge unserer Funktionen schneidern, indem wir ITERIEREN – also mathematisch annähern, bis die Funktion oder ein Gerät funktioniert. Die Dinge funktionieren, aber die Gleichungen bleiben jeweils nur angenähert infinitisimal, jedoch real immer ein wenig unvollständig. Das hat uns bisher nur deshalb nicht interessiert, weil das Gerät selbst ja nicht ewig (infinitisimal) funktionieren soll, und kann, sondern nur solange seine Funktion gebraucht wird. Und weil aber unsere Funktionen und Geräte immer wieder per Energiezufuhr „gewartet“ also erneuert werden, fällt uns nicht auf, dass unter den Funktionen die platonischen Schneiderpuppen derweil weiter sich entropisch bewegt und ausgedehnt haben – wie alles. So halten wir unsere „gleichen Funktionen“  immer für die „selben Funktionen“  – was sie aber nicht sind. Denn auch innerhalb der Wartungs- Intervalle ist ja Zeit vergangen.

Mit anderen Worten: Der Graphitabrieb einer Bleistiftmine, die eine Formel zur Entropie auf ein Blatt Papier schreibt, kann mit dieser Formel nicht vollständig abgebildet werden. Hierin reichen sich sowohl Kurt Goedel als auch Rudolph Clausius die Hand.

Und damit schließt sich ein „meta-physischer“ Cern – Ring. In dem sich aber dieser Ring schließt, können wir ihn jetzt verlassen.

Ein nächster Wachstumsring liegt an.

Man muss deshalb hier wieder auf Eckard von Hochheim verweisen, der das Erkennen selbst als eine Struktur der Welt bezeichnete, allerdings in dem man heute Struktur durch die Worte „Prozess“ oder „Routine“ oder „Diversifikation“ ersetzen muss. Eine Diversifikation, in der die „Erkenner“ also die „Mathematiker“ oder der „Physiker“ selbst mit eingeschlossen bleiben.
Denn die Diversifikation in Details ist die Fortsetzung der Entropie (Expansion) auf der Informationsseite. Zugleich aber integrieren sich die neuen Details wieder in neue technische Funktionen-Gefäße, unsere Geräte, die alle als Homöostate der Information eine „neue Funktion“ – vorrübergehend – stabilisieren – aber zugleich auch weiter in Gang halten – bis zum nächsten Verschleiß. Auch die „neuen Funktionen“ dienen dann als Räuber-Leitern für nächste Erkenntnisse. Siehe Space- Shuttle. Siehe Hubble-Teleskop.

Was hat das alles nun, Herr Sloterdijk, mit ihrem Text zu Buckminster Fuller zu tun –

Zurecht fragen Sie am Beginn ihres Textes auf ihrer Internetseite: Wie groß ist groß? Wie groß dürfen wir denken? Und umspielen dann Buckminster Fullers Metapher vom Raumschiff Erde.

Eine Metapher, die darin Ihre Qualität zeigt, weil Sie klarmacht, dass unser bewohnbarer Raum vorerst begrenzt ist, und wir für die Zukunft uns darüber einig werden müssen, wie wir dieses bewohnbare Raumschiff Erde „betriebsfähig“ halten, so dass solches Raumschiff Erde uns Menschen als darauf lebende „Raumfahrer“ ungefährdet weiter beherrbergt. Dazu haben Sie nun viel Wichtiges gesagt.

Aber – und diese Anmerkung – gehört hier her, Herr Sloterdijk – Das Jahr 1969, in dem Mister Buckminster Fuller seine Metapher vom Raumschiff Erde prägte – war das Jahr der Mondlandung! Und es waren die Jahre, in denen der Mensch zum ersten Mal einen ganzen BLICK ZURÜCK auf diese blaue Erde werfen konnte, ja gezwungen wurde, es zu tun. Und Buckminster Fullers Metapher vom „Raumschiff Erde“ kann nur aus einem großen raumfahrenden Blick zurück generiert worden sein und dadurch verständlich werden. Ich will Ihnen damit andeuten, dass wir uns vor einer allzu blauäugigen oder blauerdigen Naivität und Rhetorik schützen sollten, die unterstellt, wir Menschen bewohnten einfach nur ein Raumschiff Erde, so wie man Käse auf ein Stück Brot legt – nein, Herr Sloterdijk, die Metapher vom Raumschiff Erde muss dahin gehend präzisiert werden, dass wir das Raumschiff Erde nur durch einen Blick weiter ausbauen und betriebsfähig halten können, der selbst nicht mehr von dieser Erde kommt, sondern von ausserhalb. Das ist die Abstandnahme, von der ich oben sprach! Ein Blick der erkennt, dass wir, unsere Gattung samt Erde kein Raumschiff bewohnen, sondern wir selbst sind der BLICK, der das Raumschiff konstruiert. Und dieser Blick eröffnet uns erst einen RE-ENTRY – einen WIEDEREINTRITT in die Unterscheidung!

Und damit Herr Sloterdijk, soll gesagt sein, zum wiederholten Mal gesagt sein, denn ich bin nicht der Erste, dem das auffällt, dass das Jahr 1969 die Überschreitung eine Reflexionsschwelle markiert, hinter die es kein Zurück mehr geben darf und kann. Die Brücken sind verbrannt.

Es sollte also deutlich klar gemacht werden, Herr Sloterdijk, dass das Jahr 1969 ein Monster generierte in einer bis dahin nie da gewesenen Extremform von Abkapselung, Sektierertum, Askese, Klausur und Selbsteinschließung, Autarkie und Akademie. Und diese neue platonische Akademie, diese Abkapselungen waren die KAPSELN der Apollo-Missionen, die uns als fliegende platonische Akademien darüber aufklärten, dass unser Planet ein Raumschiff Erde ist, das man nur deshalb bewusst und sorgsam bewohnen kann, weil diese Erde ab jetzt und für immer auch als ein Objekt von Verlassensein und Verlassenheit erkannt sein wird. Wir haben uns im Jahre 1969 von oben und von hinten gesehen!

Der Blick der Apollomissionen zurück auf die Erde war der Blick eines Sterbenden, die Nahtoderfahrung in einer Agonie, der im Sterben zurück auf seinen ganzen eigenen Körper blickt. Der RE-ENTRY in Form von zurückgefunkten Signalen dieser Bilder und der geglückte Wiedereintritt seiner Astronauten – nun als unfreiwillig platonische Belehrte – liegen in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zur Kuba-Krise, was sicher ein Zufall sein mag, aber man kann auch diesen Zufall als Metapher deuten.

Das bedeutet, dass wir spätestens seit dem Jahr 1969 in ein neues Zeitalter der ANSCHAULICHKEIT eingetreten sind. Dies als Ergebnis von Wegen, welche die Wissenschaften über lange Zeiträume hinweg in aller mathematischen und physikalischen Unanschaulichkeit zurückgelegt hatte.

Und es bedeutet weiterhin, dass wir die „Kapseln“ also die verklausulierten „platonischen Monster“ auch in Zukunft notwendigerweise brauchen, jetzt allerdings mit wissendem Bedacht, um die notwendige Entry-Re-Entry-Dynamik überführen zu können in eine operationsfähige Dialektik, die mit der Rotation und der Entropie der Thermodynamik rechnet. Alle Trennungen zwischen Physik und Metaphysik sind damit obsolet geworden. Die Höhen und Abgründe, die seit Jahrtausenden zwischen Physik und Metaphysik sich vertikal aufgespannt haben, müssen und können nur noch als Tauschprozess einer operativen Dialektik von Entry und Re-Entry zwischen Austritt, Eintritt, Blick und Rückblick, Wiedereintritt und Wiederaustritt erkannt werden!
Wer ab jetzt auf diesem Planeten sein religiöses „Stuhlen“ sein weltliches „Tronen“ oder sein handelndes „Wachsen“ in die physischen Hochsteigerungen oder in die metaphysischen Abgründe als seine persönliche Lebensentscheidung einer bloß subjektiv definierten Kategorie von „Willensfreiheit“ oder „Religionsfreiheit“ oder „Handelsfreiheit“ oder „Meinungsfreiheit“ einbettet, der muss dabei ab sofort immer mitbedenken, dass er – ob er das „will“ oder „nicht will“ in einer historisch begründeten und determinierten fließenden Dynamik mitströmt, die ihn selbst ernährt, ebenso wie auch alle seine „Widerstände“ also Gegenbewegungen, Verweigerungen und Abstoßungen, die er – gegen – den Strom vorbringen mag. Und er sollte wissen, dass nicht er allein wollen kann, was er will, dass nicht er allein verliert, was er verliert, und dass nicht er allein gewinnt, was er gewinnt.

Das Raumschiff Erde bewegt sich nicht durch den Raum, indem es sich als Planet durch den Raum um die Sonne dreht. Das Raumschiff Erde bewegt sich mit seiner Gattung durch die Zeit. Und diese Bewegung heißt EXPLOSION und EXPANSION.
Die EXPLOSION FAHREN LERNEN heißt: Dissipation und Diversifikation unterscheiden lernen und sie als physisch – metaphysische Entry – Re-Entry – Tausch-Dynamik zu ATMEN. In einer Geschichte der Blicke und Rückblicke, der Austritte und Wiedereintritte. Die EXPANSION fahren lernen bedeutet: Physische Explosionen (Entkapselung, Ausstreuung) im Tausch gegen metaphysische Inversion (Verkapselung, Einstreuung, Klausur) als Informations – und Tausch-Dynamik zu begreifen – und so – produktiv in eine gelingende nichtkatastrophische Wellenbewegung einer technischen Zukunft hinein quantisiert zu entspannen.

Wenn verstanden wurde, dass die treibende Kraft dieser operativen Dialektik die informationelle Themodynamik ist, in der Diversifikation und Dissipation als Phänomene ein und des selben Effekts sich blickend und rückblickend austretend und wiedereintretend – also atmend – in einem Verhältnis zueinander konstruiert.

Und die erste Kapsel, oder das erste „Monster“, das sich in einer solchen operationsfähigen Dialektik von Entry nach Re-Entry sich verklausulierte, und sich damit der Entropie dankbar zeigte, indem es sich mit der Entropie gegen die Entropie in ein eigenes inneres Gleichgewicht hinein verkapselte – dieses Monster nennen wir den EINZELLER.