Aurum

Wenn ein massereicher Stern seinen inneren Brennstoff fusioniert hat und der Vorrat an Elementen zur Energiegewinnung durch Kernfusion verbraucht ist, dann bildet er in seinem Innern eine sehr kleine aber extrem dichte Kugel, während  seine Hüllen  sich aufplustern zu einem undichten Riesenstern. Dann explodiert er in einer Supernova.

Möglicherweise verhält sich ja die Historie des deutschen Literaturbetriebs und die deutsche Sprache und Dichtung wie die Brennstufenbiografie eines großen Sterns.

Der Vorrat für die Wortgewinnung durch Ereignisfusion oder für die Gedankengewinnung durch Wortfusion ist bei einem schweren Stern zwar hoch, aber doch nicht unendlich.

Wenn ein großer Stern von etwa Fünfzehn Sonnenmassen seinen Vorrat an leichtem Wasserstoff zu Helium fusioniert hat, dann beginnt er mit dem Heliumbrennen.

Er verschmilzt Helium zu Kohlenstoff, dann Kohlenstoff zu Sauerstoff und so weiter. Dabei werden seine inneren Schichten immer heißer, noch heißer und dichter und dichter, bis der Stern angelangt ist bei dem Element Eisen. Hier geht es erstmal nicht mehr weiter.

Eisen ist eine Grenze.

Und weil der Stern in diesem Prozess immer dichter und heißer geworden war, geschah das Elementeausbrüten in immer kürzeren Zeiträumen.

Während die Energiegewinnung durch Wasserstofffusion noch einige  Millionen Jahre benötigt hat, geschieht das Heliumverschmelzen schon in wenigen Hunderttausendjahren. Die folgenden Elemente brauchen noch ein paar tausend Jahre, hundert Jahre – und dann – so heißt es – benötigt das Siliziumbrennen zu Eisen nur noch 1 Tag.

Die Temperatur beträgt jetzt einige Milliarden Grad bei extremem Druck auf die innere sehr dichte Kugel des Sterns.

Dann sind alle Gedanken-Prozesse und Wortspiele und Sprachkombinationen durchgespielt. Der Stern kommt von Silizium nach Eisen an einem einzigen Tag in große Verlegenheit. Was jetzt?

Sein ganzes inneres Gequatsche, sein ganzer innerer Literatur- und Philosophiebetrieb, sein ganzes inneres Potential an Kombination und Dekonstruktion und Rekombination hat alle Stufen von Deutlichkeit und Undeutlichkeit durchlaufen. Alle Epochen von Witz und Unwitz, von Ernst und Spielerei, von Idiotie und Engagement, von Künstlerquatsch und Forschertum, von Intuition und Rationalismus, alle möglichen Artikulationen von Gnosis und Extase, alle möglichen Varianten von Aufklärung und Verdunkelung, alle möglichen Versionen von Lust und Unlust, von Hunger und Sättigung, von Politischem und Unpolitischem, von Tragik und Komik, von Phantasie und Realität, von Sex und Enthaltsamkeit, von Zerknirschung und Hedonismus, von Stammeln und Sprechen, von Individualismus und Gemeinschaftssinn sind durchgespielt. Die Möglichkeiten, dass etwas wirklich Neues im Innern des Sprach-Sterns erzählt werden kann, sind erschöpft.

Es gibt keine neuen Elemente mehr. Bei Eisen ist Schluss.

Bei Musil war schon längst Schluss. Bei Rilke war Schluss. Bei Kleist war Schluss. Bei Schiller war schon Schluss.

Der Stern oder der Literaturbetrieb hat seinen Brennstoffvorrat verbraucht. Im Innern des Sterns  kann nichts Neues mehr erzeugt werden, nichts Neues mehr erzählt.

Dann sagen die Astrophysiker: Im Innern der riesigen 15fachen Sonnenmasse bildet sich eine etwa erdgroße Eisenkugel.

Und diese Eisenkugel sagt zum Rest des riesigen aufgeplusterten Sterns:  „Ich mache nicht mehr mit. Das ganze Gerede, das ewige Wiederholen von Kombination und Rekombination langweilt mich. Denn mit dem Element Eisen sind die klassischen
Fusionsprozesse des Sterns an ihr Ende gekommen. Es gibt keine Energie mehr zu gewinnen.  Ich ziehe mich zusammen. Ich ziehe mich zurück.“

Und dann – so heißt es – während die äußeren Hüllen des Sterns sich immer mehr aufplustern und aufplustern zu undichtem Gerede, Gelehrsamkeits- und Belesenheitskitsch, zu Künstlerquatsch, zu Blasen, Globen und Schäumen, zu Honigprotokollen, zu Feuilletons, zu Zeitgeistmagazinen, wiederholten Wiederholungen und Rekombinationen zwischen Borges und Foster Wallace, zwischen Henry Miller und Walter von der Vogelweide, zwischen de Sade bis Phillip K. Dick, von Hi Hi nach Ha Ha –  und die Bücher und Texte sich zu immer dickeren aber immer weniger dichten Erzeugnissen aufplustern zu einem roten Riesenstern, dessen Hüllen nur noch wiederholen können, was die innere Kugel schon weiß,   –  dann also – so heißt es bei den Physikern – kollabiert die erdgroße Eisenkugel im Innern des geplusterten Sterns in furchtbar schnellen 0,6 Milli-Sekunden noch einmal auf ein extrem verdichtetes Gebilde von nur noch 10 km Durchmesser.

In rasant schnellen 0,6 Milli-Sekunden zieht die innere Kugel des Sterns den aufgeplusterten Büchern und Literaturerzeugnissen in den Sternhüllen den Boden unter den Füßen weg.

Und dann – so sagen die Physiker – stürzen diese aufgeplusterten äußeren Hüllen des Sterns, der beinahe die Größe eines Sonnensystems zeigt, mit Siebzigtausend Kilometern pro Sekunde in ihren Abgrund, stürzen in sich hinein und knallen mit unglaublicher Wucht auf diese kleine innere Kugel, und platzen dort, weil sie nicht anders können, mit der selben infernalischen Wucht in den Weltraum zurück. Die Supernova. Der Stern explodiert und übrig bleibt  – –

– – manchmal ein ultrakompakter Neutronenstern, entartete Materie, oder sogar ein schwarzes Loch. Als mysteriöser geheimnisvoller Sternen-Rest.
Eine Explosion von unvorstellbarem Ausmaß, unvorstellbar hoher Temperatur, sehr hoher Dichte, einer gleißenden Helligkeit –  und – wieder sehr erstaunlich:
Neuen Elementen für die Bergwerke von Novalis. Endlich Novalis.

Denn inmitten dieses sehr kurzen Prozesses der explodierenden Supernova werden alle anderen Elemente geboren, die schwerer als Eisen sind, unter anderem auch Kupfer, Zinn und  – das Gold. Sie werden geboren in der kurzen aber heftigen Wucht der Supernova durch „Neutroneneinfang“. Neutronen, die sich in „Protonen“ umwandeln und an andere „Kerne“ anlagern. (Die Prozesse sind bis heute nicht wirklich verstanden.)


*
Ausgerechnet dann das Gold, ein schweres Edelmetall aus der Supernova eines Sterns. „Ausgerechnet“ – wie man sagen könnte,  – Gold als aufgedampfte Beschichtung soll jetzt garantieren eine besondere Empfindlichkeit für den infraroten Anteil des Sternenlichts.

„That’s the way to get a maximum reflection….“

3 Gramm genügen für eine Fläche. Das Elementesymbol AU für Aurum, von dem sich so viele Dinge ableiten wie Aura und Aurora…

Wenn man sich einen gespannten Bogen mit Pfeil als Pfeil&Bogen in seiner Grundfigur anschaut, dann erkennt man, wie auch ein Hohl-Spiegelteleskop in seiner Form die Pfeil-und-Bogen-Figur wiederholt. Denn ein Bogenschütze (Apollo) tut ja nichts anderes, als durch Beugung (Flexion) die physische Kraft der Geometrie seines Bogens auf eine Mitte hin zu konzentrieren. Der Bogenschütze hohlt aus.

Man könnte einen längeren Essay darüber schreiben, vielleicht einen Tausendseiter, was das eigentlich bedeutet, dass dieses mythologisch und in Volksmärchen so extrem aufgeladene Edelmetall Gold nun dazu verwendet wird, in die wirklich allertiefsten Tiefen des Alls – zurück zu schauen? Oder nach vorn?

Aber hier tut’s auch ein Zweizeiler. Das schont Bäume und Papierfabriken. In diesem Zusammenhang ergibt sich die Gelegenheit für ein elegisches Distichon, ein klassisches Versmaß, das hier ausnahmsweise mal kein Kitsch ist und zur Verwendung kommen kann:

*

Strahlendes Gold, das lange mit riesigen Augen wir schauten
Riesiger Spiegel, sein goldenes Auge schaut nun zurück.

*

 

 

 

 

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