the road not taken

Frau Knospe und Herr Knospe brechen auf. Frühling mit Kritik und Kreation… Es ist ja etwas Wahres dran: Das Machen, also das Denken und Dichten, motiviert sich in seinem Grundimpuls aus der Kritik und der kritischen Analyse von etwas Gegebenen, einer Analyse, die Abstoßung leistet und Aufbruch. Dabei sucht die Analyse zugleich nach neuen Übereinstimmungen, tragenden Luftschichten, ja sogar nach einer neuen poetischen Passung.

Wenn man bedenkt, wie viele Doktorarbeiten in letzter Zeit bei öffentlichen Personen in Plagiatsverdacht geraten sind, möchte man nicht die Dunkelziffer wissen an promovierten Germanisten, Sozialwissenschaftlern und Philosophen, deren Arbeiten womöglich auch nicht ganz koscher sind. Das dann hochgerechnet auf einen Intellektuellen Gesamtzustand von philosophischer oder denkerische Qualifikation, insbesondere der Menschen, die glauben, sich öffentlich ein Urteil „über“ Heidegger anmaßen zu können — dieses also gibt genug Selbstbewusstsein, Heidegger immer richtiger, wichtiger und relevanter zu finden… aber das ist ein anderes Thema.

Kreation ist Kritik und Kritik ist Kreation. Ein guter Schreiber muss ganz automatisch ein Schriftkritiker sein. In der bildenden Kunst gilt das nicht immer, weil die Kunstkritik sich immer sprachlich äußert, während Malerei oder Bildhauerei ihre impulshaften Momente auch vorsprachlich oder nonverbal halten kann.
Nur beim Schreiben lässt sich der kritische Impuls nicht leugnen, weil Denken mit Sprache verknüpft ist.

Manchmal hört man die innere etwas vorwurfsvolle Stimme: Musst du andere literarische Kerzen mit Literaturkritik auspusten, damit deine eigene Sonne heller erstrahlt?
Was soll man darauf antworten… das haben Schreiber immer schon getan. Aber es ist weniger ein Kerzeauspusten, vielmehr ein Polieren des Spiegels. Außerdem rücke ich ja auch andere Dichter, Philosophen und Künstler wieder in ihr wahres Licht, das bisher unter den Scheffel gestellt wurde. Es gehört dazu, zum Poliervorgang am inneren Hohlspiegel, das dichterisch Wertvolle zu verstärken und all das Unstimmige, all das Falsche, das einem in Texten oder in der sogenannten E-Literatur begegnet, bewusst wegzupolieren. Kritik und Kreation gehören zusammen. Man kann nicht so tun, als sei man der freundliche Friemel, der ein paar Texte zusammenfriemelt, man ist dabei schon auch Kritiker all der Texte, die man so blättert oder lesen muss.

Mag sein, dass die kritizistische Abstoßungsbewegung am Anfang etwas Verkrampftes, Knarrendes, Gesuchtes und Gewolltes hat, so wie ein großes Fluggerät am Anfang noch schwergängig, krachend und polternd durch eine lange Startphase hoppelt, von der es sich abheben will; oder so, wie eine große Bohrinsel oder ein Flugzeugträger knarzend, langsam und behäbig aus der Werft läuft; aber irgendwann ist das Gerät dann in der Luft oder in voller Fahrt, und dann ist das anfängliche Poltern und Knarzen vergessen. Gerade bei wirklich umfangreichen Geräten und großen Maschinen dauert es etwas länger, bis aus der krachenden und schwergängigen abstoßenden Startphase eine gleitende Fahrtphase geworden ist. Eine kleine lyrische Luftmatraze mag man mit einem kurzen unpolemischen Stubs vom Ufer weg befördern; ein poetisches Frachtschiff oder eine dichterische Apollomission braucht schon eine kritizistische Logistik, bis das wirklich Fahrt aufgenommen hat. Doch auch in dieser zweiten entspannteren Phase der Bewegung bleibt Navigation in einem ständigen Abgleichmanöver mit dem, was man kritisiert, was man als störend empfindet, unpassend und sozusagen als „abstoßend“.

Immer mal wieder sind Hindernisse zu umfliegen oder Navigationsverfeinerungen vorzunehmen, damit man den Kurs nicht verliert.

Neulich in der Buchhandlung beim Blättern wurde mir wieder klar, dass mir Ann Cottons Texte wirklich nicht gefallen. Hatte ich schon ihre Lyrik nicht gemocht, so wurde dieser Eindruck jetzt noch einmal beim Erscheinen eines neuen Buches von ihr bestätigt. Das hat auch damit zu tun, dass sie vorgibt, irgendwie sich an Hegel entlangzuschreiben. Da kam eine kleine Neugier bei mir auf.

Science Ficton: Ich stelle mir den literarischen Odysseus heute vor als einen heimkehrenden Bettler. So, wie der Mythos am Ende seiner Reise es erzählt. Ein solcher Bettler besitzt nichts. Vielleicht nur eine winzige kleine Flöte, geschnitzt aus dem Brustknochen eines Geiers. Vielleicht noch nicht einmal das. Während die falschen Freier der Penelopé seit Jahren mit großem üppigem Theater auftönen, mit bunten Bothosträußchen der Antike, mit viel Wissen, mit Zitaten, mit Traumwelten, mit Spenser-Strophen, mit „Artistik“ , mit Hexametern, mit neckischem Versteckisch von antiken Wissensbröckchen, Löckchen und Zitatezettelkästchen aus der Phantasy-Fiction-Science-Antike-Gerümpelkammer.

Sie rufen der Penelopé seit Jahren zu: Nimm mich! Ich weiß alles über Fiction, über Mythos, über die Antike, über lyrische Diskurse, ich kann Goethe auswendig aufsagen. Und guck mal, ich sage auch manchmal Worte wie „Hegel“ oder ich nenne einen Dichternamen wie „Eszra Pound“ Ausserdem kann ich Sonette schreiben, Alexandriner, Terzinen und Terzette!

Aber Penelopé schüttelt nur den Kopf und weiß: Das alles ist Unterschicht. Poetologisches Prekariat.

Odysseus ist der, der den Bogen spannen kann. Auf den wartet sie.

Penelope möchte keine Dichterdarsteller, die keine Dichter sind. Keine Kopronauten. Sie möchte keine Homer-Experten. Sie will nicht den Wisser und Wiederaussteller von Mythos und Literatur. Sie weiß, dass es da den einzig Wahren gibt, den Odysseus, den Dichter, der den Bogen spannen kann, den Fürst von Ithaka.

Ann Cotton, die eigentlich eine „Lyrikerin“ ist, hat aktuell einen „Science Fiktion“ – Roman veröffentlicht, der alle Anzeichen von poetologischem Prekariat und literarischer Unterschicht in sich vereinigt: Eine auf klügelnden Stelzen klappernde Nichthandlung steht in einem pubertären Genre-Gerümpelkeller, dessen stickige Luft nicht umgewälzt werden kann, weil sich im Zentralventilator der grammatischen Lüftung eine Fantaflasche verklemmt hat.
Diethmar Dath hat eine Schwester bekommen.
Diese Art von „Science Fiction“ ähnelt selbst jenen Stelzen-Wesen aus HG Wells „Krieg der Welten“ – Die Bücher brechen plötzlich und hochbeinig aus dem Verlagsbrüter aus, erscheinen im Buchmarkt oder im Feuilleton, sind dramaturgisch und narrativ scheinbar außerirdisch komplex, wollen dem Leser auf Grund eigener Blutarmut das Gedankenblut von „Verstehensanstrengung“ aussaugen, aber letztlich brechen sie klappernd und rostig in sich zusammen, weil sie nichts ausrichten können gegen die normalen irdischen Bakterien des gesunden menschlichen Poesieverstands.

Im Prinzip gilt das für alle dickeren Bücher oder gelehrsamkeitsmanieristischen Erzeugnisse von dirskursstrebenden Flitzpiepen, ob sie nun Dietmar Dath heißen oder als Argonauten verkleidete Kopronauten wie Raul Schrott oder Grünbein, Jirgl oder Herbst sich im Fiction- oder Mythen-Genre bewegen – die literarische Blutarmut kompensieren wollen, in dem sie Gelehrsamkeit, „schwierige Struktur“ oder „eigensinnige Grammatik“ als Tiefsinn annoncieren, dabei dem Leser unterstellen, er sei nur zu dumm, um dem viel klügeren Autor folgen zu können. Das ist alles literarische Unterschicht. So auch bei Ann Cotton. Was hier als „Verstehensanstrengung“ vom Leser eingefordert wird, ist in Wahrheit bereits ein vampiristisches Anzapfen von Aufmerksamkeit des Lesers, dessen Lebenszeit als verlorene Lebenszeit dem Ego einer Autorendarstellerin geopfert wird. Und sprachliche Musik ist auch nicht zu hören, weil kein Denken zu vernehmen ist. Wenn man sich dagegen die Erzählungen und Texte von Jorge Borges, dem sie alle immer nur nachschreiben, genau anguckt, dann sind die nie unverständlich oder maniriert.

Wieder ein Anlaß für eine kleine Lyrikkritik.

Ann Cotton hatte mal einen Vers geschrieben: „Im Urwald, wo die wilden Wörter wohnen, befand ich mich, als ich das Einhorn ritt.“

Dieser Vers wurde sogar bei Alexander Kluge in einem Interview zitiert.

Ann Cottons Ritt auf dem Einhorn also, im Urwald, wo die wilden Wörter wohnen….

Ja wo reiten sie denn?

Oh je, man sieht sich genötigt, eine Lyrikkritik zu schreiben, die so oder so ähnlich schon hundert mal geschrieben wurde. Aber Wiederholung schadet nicht.

„Einhorn reiten“ oder „Wald“ oder „wilde Wörter“ gehören zum Fastfood der Lyrik. Nimm Wald, nimm Einhorn, nimm „wilde Wörter“ und du hast die Rundumleuchte aufgestellt: Achtung hier wirds jetzt poetisch.

Aber wo ist die Wildheit bei Ann Cotton?

In der E-Lyrik gibt es semantische Felder, die problematisch sind, weil sie sich immer schnell anbieten, gerne anbieten, einladend anbieten, um ein Ausrufungszeichen zu setzen: „Achtung Poesie!“

Dazu gehören „Wald“ oder „Meer“ oder „Baum“ oder „Wild“ oder „Pferd“.

Sag Pferd, sag Wald, sag Damenschuh und fertig ist Gedicht im Nu.

Seit dem 20. Jahrhundert ergänzt sich das noch mit:

Sag Traum, sag Hirnforschung, Atomzeitalter – so betätigst du den Lyrik- Schalter.

In den letzten 50 Jahren galt außerdem:

Ein bisschen DaDa schadet nicht. Die Unverständlichkeit macht auch Gedicht.

Oder: Benutzt du alte Versmaße, bist du auf der Dichterstraße.

Penner, Boxer, Verseschmied, auch der Outlaw hat sein Lied.

Oder: Wenn auch ganz der Sinn verfliegt, Hauptsache Musik, Musik.

Oder: Grüntee, Baum, Koalabär. Ökolyrik ist nicht schwer.

Oder: Mit Bienenhonig und so Sachen kann man jede Menge machen.

Oder: Ist dein Lyrikkasten leer, versuch’s mal wieder mit dem Meer.

Vorgestanzte semantischen Felder sind deshalb gefährlich, weil sie einerseits ein echtes Potential in sich tragen – der „Wald“ signalisiert nicht nur: „Achtung jetzt wirds poetisch!“
Er signalisiert auch als Rundumleuchte: „Achtung jetzt wirds tiefsinnig.“

Aber bei Ann Cotton reicht das nicht. Hier muss es „Urwald“ sein, und weil „Urwald“ noch nicht wild genug klingt, muss man extra noch ein „wild“ in den Vers quetschen, damit auch die hinterste Sitzreihe verstanden hat, hallo Urwald, hallo wild! Hossa, ich reite das Einhorn..

Bei Alexander Kluge im Interview wird vorsichtshalber noch ein Affenbaby eingeblendet, um jede Assoziation mit dem deutschen Wald zu vermeiden. Bei Ann Cotton also wird ein südhemisphärischer Urwald gezeigt, Affenbaby, Tropendschungel . schon klar… bloß keinen deutschen Hirsch.

Alexander Kluge hat seine Verdienste als Dokumentarist und bundesdeutsche Redemaschine, aber in letzter Zeit merkt man ihm an, dass er im hohen Alter irgendwie versucht, auch noch jugendlich mitzureden bei japanischem Manga, bei Science Fiktion und bei diesem Internetdingens, oder wie das jetzt heißt. Sogar Stanislav Lem findet er auch plötzlich interessant, kann es aber nicht unterlassen, ihn mit der Grammatikdüngemittelmaschine Arno Schmidt zu berieseln. Da muss jetzt jeder echte Lem-Enthusiast sein Veto einlegen. Arno Schmidt und Lem – nein, das geht nicht zusammen.

Nach Max Frisch muss man aufpassen, dass man als honoratiohonorierter Mensch nicht versucht, bei jugendlichen Themen elastisch mitreden zu wollen, weil genau das eine Alterserscheinung sein kann. Man wird dann zu einem dieser Elastik-Opas, die sich überverständnisvoll umarmend den Trends und Themen der Jugend zuneigen. Wenn man als eingefleischter Adornojaner plötzlich anfängt, bei UFOs oder Aliens oder Stanislav Lem seine immer kreidiger werdende Kluge-Interview-TV- Stimme ins Spiel zu bringen, während man aber außerdem auch Heidegger fiktiv in einer Erzählung an die Ostfront geschickt hat und ansonsten nicht wirklich befragt oder mit albernen Helge Schneider-Einlagen entwürdigt, dann hat das keinen Stil. Dann ist das höchstens Katzenklo.
Man fürchtet sich vor dem Moment, wenn Alexander Kluge anfängt, einen HippHopper zu interviewen oder sogar selbst einen Kluge-Rapp einzuspielen.

Junge Menschen von heute wollen keine jugendverstehenden Helge-Schneider-Elastik-Opas. Sie wollen knorrige und störrische, kompetente und beharrende alte Männer wie Heidegger, Denkwebel, die mit dem Zeigefinger auf eine Frage pochen, knarzend, und die mit einer leicht verknöcherten Art wirklichen echten Fragen nachgehen, also eine Linie aufzeigen, an der man erkennt, wo oben und unten ist, knorrige nichtliterarisierende Denkwebel, an denen man sich abarbeiten kann, an denen man wachsen kann und die man weiterdenkt Oder sie wollen hoch kompetente Raketeningenieure, die ebenfalls knorrig, aber extrem jugendlich sind, weil sie keine „breitgestreuten Interessen haben“ dafür ein Inter-Esse.
Der jugendliche Denker, Dichter und Künstler will kein Gemansche aus Oper, Operette, Sentimentalität und einer Haltung, die statt Gefühl nur eine eiskalte Chronik der Gefühle zu bieten hat, aufgereiht mit der Leidenschaft eines Briefmarkensammlers in Vielwissensvitrinen und der Ästhetik eines Pluritariers, den Heidegger nicht wirklich interessiert, den er im tiefsten Innern wahrscheinlich ablehnt, den er aber neuerdings „im Angebot“ hat, weil es eventuell trendy sein könnte.

Alexander Kluge hat seine Verdienste, und er gehört einer bestimmten Generation an, aber seine Unsicherheit als älterer Jahrgang im Umgang mit gerade anliegenden Themen hat auch dazu geführt, dass er eine der schlechtesten E-Lyrikerinnen Deutschlands (immerhin ein Titel) zum Interview geladen hat, die nicht nur keine Künstlerin ist, sondern ihr Nichtkünstlertum auch noch mit einem schlechten Handwerk verziert.
Und dazu auch noch den Namen Hegel für sich beansprucht.

Ich war beim semantischen Feld „Wald“ stehen geblieben.

Noch ein drittes hält der „Wald“ bereit: „Achtung, ich begebe mich in die Aura einer großen Tradition von allergrößter Dichtung, die im semantischen Feld „Wald“ beheimatet ist.“

Eine wirkliche Dichter-Größe wie der Amerikaner Robert Frost mit seinem Gedicht „the road not taken“ wäre hier zu nennen, und nicht zu vergessen die Dichterfürsten Däubler oder Uwe Gressman. Und natürlich Heidegger. Oder auch der ganz späte Heiner Müller.

Aber auch viele andere Lyriker, darunter auch viel Kitsch und Kopronautik. So, als müsse jeder Lyriker einmal das Wort Wald drin haben, oder er gehört nicht in den Bedeutsamkeitsalmanach. Ähnliches gilt für „Meer“ oder „Traum“ oder für „Atomzeitalter“

Andererseits, andererseits, andererseits……

Was macht den „Wald“ als semantisches Feld oder das „Einhorn reiten“ so gefährlich?

Der „Wald“ ist ein Fänger.

Sein semantisch poetisches Potential hat Anziehungskraft – aber: Er lässt nur die wirklichen Dichter passieren, während die Kitschlyriker/Innen in ihm umkommen. Dem Kitsch begegnet im Wald die unheimliche Seite des Waldes. Der Kitsch kommt nicht mehr lebend aus dem Wald heraus.

Ann Cottons Lyrik ist deshalb Kitsch, weil „Wald“ oder „Einhorn reiten“ hier nur äusserlich „aufgerufen“ werden in einem Behauptungsmodus.
Eben genau so, wie ein Brigittefrauenzeitschriftengehirn es tun würde. Das Einhorn wird aber nicht wirklich geritten – es wird nur „ausgestellt“ behauptet.

Ann Cotton sagt nichts. Sie behauptet nur. Sie verkauft Bilder, aber sie bildet nicht und vermählt die Sprache nicht. Sie ist eine Lyrikbranchenvertreterin, die den Leser mit hingeredeten Lyrik-Klischés belästigt, aber nicht mit Poesie erfreut.

Wie überhaupt die gesamte sprachliche Angestrengtheit bei Ann Cotton, ihr überambitioniertes Wortfuchteln, ihre nichtverspielte Verspieltheit, der beeindrucken wollende Förmlichkeitstinnef von „Spenser-Strophe“, der bedeutsamkeitsheischende Exotismus von Zweisprachigkeit, oder neuerdings ihre japanologische Sushiologie nichts zu bedeuten hat, außer dass hier eine uninspirierte Autorin ihr poetologisches Präkariatstum von Empfindungslosigkeit und Gedankenarmut mit Absätzen oder Zeilenbrüchen oder zellophanlustigen Regieeinfällen zur leeren Textgeste modelt, deren prekäre Sinnferne noch nicht einmal mehr interessant ist, sondern wirklich leer.

Wie gesagt, ein wirklicher Dichter spielt eine winzige Flöte. Diese Flöte ist ein Gedanke. Und darin erklingt die Welt.

Das passende Publikum zur Lesung einer solchen „Literatur“ von Ann Cotton findet sich, zuhörend mit geschlossenen Augen den Kopf nach hinten geneigt, in den kunstsinnigen Räumen von Kulturfabriken, die gelegentlich auch für Ausstellungen von komplexer „Prozesskunst“ genutzt werden.

30 Jahre nach Hape Kerkelings „Hurz“ – Performance, heisst das neue „Hurz“ jetzt Ann Cotton.

Vertiefen lässt sich das an dem uralten und wirklich verstaubten Ann Cotton-Argument, die Sprache beträte erst dann den Bereich wirklicher Freiheit, wenn sie sich außerhalb eines „Sinnzwangs“ bewege. Außerhalb des Sinnzwang die große Freiheit.

Die Ablehnung von „the big Sinn“, wie Rainald Goetz es einmal, seit Schlegel auch schon nicht mehr ganz frisch, nannte und damals kultivierte, ist nach 50 Jahren in der Batiktuchmacherei als DIN-Norm und Branchenstandart in den mittelmäßigen Gymnasiastengehirnen bei Ann Cotton oder Monika Rinck angekommen.

Klar, schon verstanden, Sinnzwang von Sprache wäre ja Identitätszwang. Sinnzwang, Identitätszwang, Machtzwang….Das kennt man irgendwo her. Und damit erweist sich Ann Cottons „Lyrik“ nicht als wild sondern als eine brav auf strubbelig gekämmte Variante von Adorno, der ja postuliert hat, dass Sache und Begriff nicht übereinstimmen sollen. Mit einer solchen brav auf strubbelig gekämmten Kitschvariante von Adorno oder Derrida kann man natürlich wunderbar die Strebertour durch Kluge- Interviews machen und durch alle Festivaliumtabletten, wo sich das vom Sinn befreite aber hochtoupierte Lyrikstrubbelhaar unter der Verweigerungsstrickmütze immer besonders subversiv ausnimmt in einer vom tiefen Sinn gebeutelten Welt. Die Welt ist ja vom Sinnzwang gebeutelt, da muss man als Lyriker schon mal tüchtig gegen den Sinnzwang aufbegehren.

Was bei Rainald Goetz noch sympathischer und intelligenter Punk oder authentischer Aufriss war, gehört heute zum Bettvorleger für jedes kleine Lustikgehirn von Lächerlyrik.

Aber weil man ja doch irgendwie die dritten Zähne der Germanistik-Honorationen zum Lächeln bringen will, packt man den verlorenen oder verpönten Sinnzwang von Sprache in den Förmchen- zwang…. von schlechten Sonetten oder Terzinen, von Spenser-Strophen, womöglich sogar in Hexameter, oder von „Prosodie“ ….naja, möchte man da sagen, man hat schon schönere Anschleimerein an den adornitisch regulierten Stipendiatsgeist gesehen.

Und so etwas möchte den poetischen Wald betreten oder das Einhorn reiten? Sie haben mein Mitgefühl.

Alexander Kluge bemüht neuerdings den Begriff „Pluriversum“. Plural, Mehrzahl ist immer gut. Das hat der Adornojaner gern, weil der Plural so viele „Differenzen“ macht. Aber warum hat das Einhorn wohl nur ein Horn und eine Spitze und nicht fünf oder sechs oder viele?

Die Inschutznahme eines Philosophen wie Hegel oder eines Dichters wie Uwe Greßmann oder Däubler vor dem poetologischem Präkariat nötigt Polemik ab. Nichts gegen experimentelle Literatur, aber dann bitte im Buddelkasten und nicht auf dem Rücken von Greßmann oder Hegel.

Don’t take this road.

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