Notizen

Alienripley


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 R

(Das unheimliche Wesen und Ripley)
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4. Juni

Skizzen zum Gelsenkirchener Barock:

Kommoden-Komödie

Üppigkeitsfabrikat

Wal ohne Stahl

Aktenzeichen: GeBa

Der Radioapparat, 50ger Jahre

Außenleben: Holz, Bäume, Wald.
Innenleben: Röhren, silbrige Kloben, Telefunken,
Rückwand: Pappe.

Glasmännlein glühend

vor dem Lautsprecher: Stofftapete, 19. Jahrhundert,
darin das magische Auge: Ortungsgrün.

Tasten: Sprache. Jazz. Bass. Orchester.

Hinter der Sender-Skala glimmt ein gelbes Birnchen,
Davor ein Kind.
Kleines Brummen.

Unter dem Holz des Furniers
schmökert das Metall der Sterne.

Das ganze Gerät ein Weihnachtszimmer.

„Metallizität der Sonnen.“ (Astrophysik)

Neugründung: Max Planck Institut für Alles.

Direktor: – Sich –


Wal ohne Stahl

8. Juli

– Sich – selbst findet Gelsenkirchener Barock nicht unschön, solange es tatsächlich als ein Möbel da steht. Da kann es im Einzelstück durchaus Charme verbreiten. Gegen guten Gelsenkirchener Barock ist – als immobiles Möbel – gar nichts einzuwenden.

Darüber hinaus eignet sich der Gelsenkirchener Barock gut als Vergleichsprozess
für alle Arten von Semi-Artikulation.

Gelsenkirchener Barock VER-STELLT etwas.

Gelsenkirchener Barock  tut so „als ob“.

Als ob es ganz waldig wäre, ganz hölzern, ganz bodenhaft.

Aber der Gelsenkirchener Barock ist bereits ein Möbel des
Industrie- und Metallzeitalters.

Es VER-STELLT die „Metallizität seiner Jahre.“

Alienparker2

So war Adorno immer Gelsenkirchener Barock. Weil er kein philosophie-praktisches Verhältnis zur Techné aufnahm. Kein Inter-Esse. Keine Artikulation zur Technik. Dabei jede Menge Kritik an der „Instrumentalisierung“. Aber in der Kritik dann die technischen Mikrophone und alle elektronischen Medien weiter fleißig intrumentalisieren. Aber natürlich gilt das auch für alle essayistischen Hütchenspieler

Gelsenkirchner Barock meint so das VER-Stellen von etwas,
das der VOR-STELLER in sich selbst – nutzend – wirkend – weiter wirkt.

Man kann es auch so sagen: Gelsenkirchener Barock will etwas DAR-STELLEN, das er nicht ist.

Das Sprichwort: Am Fuß des Leuchtturms ist kein Licht. – könnte verweisen auf Gelsenkirchner Barock.

Nur umgekehrt: Beim Gelsenkirchener Barock ist der Fuß des Leuchtturms hell. Dafür macht der Leuchtturm selbst kein Licht….

…daran noch weiterüberlegen…

Das macht den „Denker auf der Bühne.“ immer so problematisch, wenn er nicht auf der technischen Höhe der Bühne agiert.

Man kann als moderner oder als zeitgenössisch gelten wollender Philosoph nicht hochmoderne Flugzeuge zur Fortbewegung benutzen, dabei getragen von sehr kraftvollen luftatmenden Triebwerken – aber in seiner Philosophie dann die Flugzeuge und Triebwerke und Mikrophone in ihrer Funktion außen vor lassen. In ihrer Geschichte. In ihrem Gewordensein. In ihrer inneren Erzählung. Das ist kein Denken, kein Philosophieren, das den Namen zeitgenössisch tragen kann.

Heidegger könnte man auf den ersten Blick zum Gelsenkirchener Barock zählen, wegen des Schwarzwalds und der Kuckucksuhr. Aber das täuscht natürlich.

Weil Heidegger das Gelsenkirchener-Barock-Sein zum „bedenklichen“ Thema macht. Deshalb ist er selbst und sein Denken kein Gelsenkirchener Barock.

Man wird sagen dürfen, dass beinahe die gesamte deutsche und europäische „Philosophie-Bewegung“ nach Heidegger immer Gelsenkirchener Barock war. Oder anders gesagt: Alles Schreiben und Reden „über“ Technik oder „nach Heidegger“ oder „über Heidegger“, das ohne konkrete Einsichtnahme in technische Zusammenhänge einigermaßen hilflos und unklar vor sich hin philosophierte, war immer Gelsenkirchener Barock. Vor-gestellter Wald.

Es genügt auch nicht, Heidegger irgendwie halbpfiffig aber unbeholfen zu instrumentalisieren, wenn man ihn dann nicht weiter nach-denkt. Dann hat man Heidegger lediglich benutzt für einen bröckeligen Selbstanstrich der Interessantheit.

etcetera pi pi

Der Gelsenkirchener Barock wäre eine Allegorie auf den „antiquierten Menschen“ (Günther Anders)

Das wäre ein Mensch, der seine innere Metallizität nicht mitdenkt und  verkleidet und sein „stellares Eisen“ verdrängt. Mit viel Holz verkleidet und verstellt.

Komischer Weise hat Eisen bereits eine Kristallstruktur.
(Warum kann man Holz nicht schmelzen oder gießen?)

Ein wenig Gelsenkirchener Barock muss wohl jeder Mensch sein. Das kann man freundlich nehmen. Die totale Nicht-Antiquiertheit des Menschen, würde ihm womöglich den illusionistischen Horizont von „Fortschritt“ nehmen. Der Mensch muss immer ein wenig antiquiert bleiben, damit er projezieren kann. Aber es gibt eine Antiquiertheit, die enorm problematisch werden kann.

Der Gelsenkirchener Barock als Modus der ver-stellenden DAR-STELLUNG,

Botho Strauß enttäuscht ein wenig. Er grummelt und nörgelt in seinem neuen Spiegel-Essay „Der Plurimi-Faktor“ Aber warum und worüber? Und wieso beschwert er sich über Selbstverständlichkeiten. Es muss ihm doch klar sein, dass der Schriftsteller, ja sogar der Künstler, klassisch verstanden, seit ungefähr 100 Jahren nur noch zweite und dritte Kulturwahl sein kann. Ein Auslaufmodell.

Die ganze alte BRD, der er angehört, war doch genau so eine Chimäre
wie die DDR. Dabei hat die ganze ehemalige BRD große Kultur hervor-
gebracht, aber eben auf Seiten des Wiederaufbaus. Der große Wiederaufbau war die große Kulturleistung. Aber die Kultur, die Botho Strauß meint, im Sinne eines Kunst-Kultur-Begriffs, die gab es so gut wie nicht. Es gibt sie ja bis heute kaum. Oder sie wurde getragen von Leuten mit noch älteren Biografien.
Es gab in der BRD keine Kunst-Kultur im klassischen Sinne außer die Kunst der Wirtschaft, die Kunst der Technik, die Kunst des Wiederaufbaus und die Kunst des Verkaufs.
Es gab zwar die Theater, den Literaturbetrieb, die Zeitschriften, aber das war doch keine Kultur, wie Botho Strauß sie  im sentimentalen Sinne gerne immer wieder sucht. Selbst Fassbinder und Co blieben mit ihren Filmen immer auf einem seltsam verknautschten irgendwie nur flüsternden Niveau.
Botho Strauß selbst war in seinen besten Texten als Reporter gut. Als Flaneur. Aber schon der Flaneur bekleidet eine Funktion. Der Flaneur wäre der Apparatschik der modernen Zivilisation . Ein wandelnder Spiegel. Der Flaneur ist dabei jedoch kein Außenseiter. Der Flaneur ist auch kein Idiot. Der Flaneur gehört  in die Staffage der städtisch-geborgenen Welt.

Bürgerliche Gesellschaften können aus sich allein heraus keine (Kunst-)Kultur mehr hervorbringen, jedenfalls keine, wie Botho Strauß sie versteht. Sie bringt es nur zu Ästhetiken. Wenn sie nicht kosmologisch, das heißt: zugleich wissenschaftlich agiert. Sie kann noch nicht einmal echte Außenseiter hervorbringen.  Eine bürgerliche Gesellschaft kann nur noch Bücher, Produkte, Geräusche, Diskurse  oder „Kunstwerke“ hervorbringen.  Aber „Kunstwerke“ sind noch nicht automatisch Kultur. Oder nicht eine solche Kultur,  wie Botho Strauß sie einklagt.
„Kunstwerke“ sind erst dann Kultur, wenn die Kultur auch die Ingenieurleistungen als Kulturleistung anerkennt und eben n i c h t  trennt von einem engen oder elitären Kunstbegriff.

Das Peter-Stein-Theater an der Schaubühne war nicht automatisch Kultur. Es war vielleicht interessant, anregend, oft ausverkauft…etc…vielleicht hatten auch alle ihren Spaß und eine gute Zeit. Es war alles mögliche, aber eben nicht automatisch Kultur.
Kultur und eigentlich müßte man sagen: Kunst – kann nur dort erwachsen, wo es ein kanonisches Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kosmos gibt. Oder wo ein solches Verhältnis direkt befragt wird. Angefragt oder nachgefragt. Und das verlangt einen Kulturbegriff, der auch die technischen Leistungen als Kunstwerke würdigt.

Aber da waren Stanley Kubrik, Ridley Scott und einige Science-Fiktion-Techniker bis heute immer fixer, schneller, fitter und technologisch viel mehr auf der Höhe – und deshalb eben viel kulturvoller als das meißte, was man in der DDR/BRD fabrizierte. Der Grund ist ganz einfach: Alle genannten Künstler waren Teamworker und hatten den albernen Elitebegriff von „Exklusion“ längst unterlaufen. Nur in einer kosmologisch zusammenhängenden Fragestellung im Dialog zwischen Wissenschaft, Technik und Kunst gibt es Kultur oder so etwas, das man Kunst nennen könnte. Der Rest bleibt Diskurs, Produkt, Verdauungsprozess und Geräuschemacherei.

Aber das sind ja alles keine Neuigkeiten. Darüber muss man sich nicht zum 40igsten Mal aufregen. Botho Strauß Artikel enttäuscht auch deswegen ein wenig, weil er in seinem Buch „Beginnlosigkeit“ schon mal etwas weiter gewesen  war. Etwas näher dran. Er hatte sich einmal für Kosmologie interessiert.
Aber er hat daran nicht weiter geforscht. Warum nicht? Warum hat er seine Frage nicht wirklich ernst genommen? Warum ist er stattdessen wieder ausgewichen auf das, womit er einmal „gut ankam.“? Warum stellt er sein „Griechentum“ nicht in einen realen Vergleichsprozess mit tatsächlich obwirkenden Fragestellungen? Warum sind seine Griechen immer nur Paare und Passanten?

Ich lese schon seit ungefähr 15 Jahren keine Bücher mehr durch. Ich blättere Sie nur noch. Wenn ich beantworten müsste, wie viele Bücher ich wirklich in den letzten 15 Jahren von vorne bis hinten durchgelesen habe, dann käme ich vielleicht auf 7 oder so. Vielleicht 10. Aber die waren dann wichtig.

Beim Blättern bekommt man den Nebel eines Buches mit. Das reich mir zumeist. Dieser Nebel verrät einem bereits sehr viel über das Buch, ob es sich lohnt, weiter zu lesen. Meistens lohnt es sich nicht. Schon beim kleinsten Anzeichen von Stilismus oder Stadtschreiberei lege ich das Buch weg.

Der Fehl des „genießenden“ Lesens: Sprache gehört dem Leben und den Prozessen. Sie wird nicht genossen. Ebenso wenig wird Bildung genossen.
Ein unschöner Pass kündigt sich immer an, wenn die Redewendung von genossener Bildung auftaucht. Er genoss eine hervorragende Ausbildung – ist so eine komische Redewendung. Ich habe dieses Buch genossen etc…
Das Genießen von Bildung ist komisch  und etwas ganz anderes, als der Genuß der Erforschung der Natur, der Genuss einer Frau, der Genuß einer Tasse Kaffee.

Wenn „Genuss“ in die Bildung einzieht, dann handelt es sich meist um ein gentrifiziertes Verhältnis zur Welt. Die Bildung kann dann nicht mehr gelebt oder weiter nachgefragt werden. Sie wird dann eben nur genossen, also gegessen…

Bildung wird errungen, gelebt, erforscht, besprochen, erdacht und erfragt und sonst gar nichts.

Deshalb ist vieles im literarischen Leben  insgesamt auch so schwach.
Jedenfalls dort, wo Bücher zumeist von Bildungs-Genießern für Leser-Genießer geschrieben werden. Und das macht die Literatur heute insgesamt so eklig. Man soll dann etwas lesen, das schon beim Schreiben „genossen“ wurde. Das soll man dann beim Lesen noch einmal „genießen“. Das ist eklig. Das Bildungs-Genießertum ist ebenfalls eine ganz normale Erscheinung, die zur Nivelierung beiträgt.

Ich schlage hier und da etwas nach. Und kaufe nur noch ganz selten ein Buch.
Wirklich d u r c h lese ich nur noch Absätze beim Blättern und einzelne Texte.

Viel größere Aufmerksamkeit wende ich dagegen dem Hören-Sagen im Leben der Sinnlichkeit und aller mündlichen Gespräche zu. Und den interpersonalen Kontexten. In welcher historischen Situation ist ein Text, eine Äußerung entstanden? Darüber hinaus gehe ich gerne mal ins Kino.

Dabei findet man manchmal sinnvolle Texte auch in Büchern.
Manchmal kann sogar ein ganzes Buch ein sinnvoller Text sein.
Aber das passiert immer seltener.

Hat man sich im Laufe seines Inter-esses auf ein gerichtetes Fragen verlegt, dann kann man Bücher schnell im Blättern scannen. Wird hier etwas gesagt? Findet sich ein Gedanke? Hat hier etwas einen Grund/eine Gründung? Wirkt der Text in einer Fähe von Er-Fahren, die mich als Leser verwickelt in einen Vergleichsprozess? Oder will hier nur hübsch geschrieben sein?
Selbst bei ganz normaler erzählerischer Literatur merkt man schon im schnellen Durchblättern sofort, wo eine Schrift sich „er-fährt“ und wo sie sich „ver-stellert.“

Eine Spinne webt ihren Text, die Textilie, das Gewebe zunächst einmal nicht um des Gewebes willen; sie webt ihn noch nicht einmal für sich.

Die Spinne webt ihren Text für einen Fang. Für einen An-Fang.

Das Zart-Starke an einem Spinnen-Text ist seine Löchrigkeit und seine Durchlässigkeit, seine Beinahe-Unsichtbarkeit, seine eigenartige Elastizität und seine Stabilität und Festigkeit im Verhältnis zum Fadenquerschnitt. Eine Stabilität, von der die avanciersteste Materialwissenschaft in den modernen Laboren heute noch träumt. Der Text/das Gewebe einer Spinne ist nicht fadenscheinig.

Fadenscheinig können immer nur „Stoffe“ sein. Und Bücher,
wenn von ihnen nicht mehr Substanz bleibt, als die Fadenheftung.

Wäre die Spinne eine Weberin als Texterin, dann wären die Löcher, die Auslassungen, die Durchlässigkeiten in ihrem Text das Ungeschriebene, das Schweigende – die Luft, das Atmen neben dem Faden. Das Schöne der Spinne als Weberin ist ihre Zeit-Raum-Kompetenz.

Ihr Netz ist ein Zeit-Raum-Prozess von Werden und Gewordensein. Besonders zu denken gibt, dass es neben den Radnetzspinnen noch die Trichternetzspinnen gibt, welche in einem Mauer-Winkelverbund ein rund-drei-eckiges Trichternetz aufspannen.

Die Spinne ist eine Meisterin der Diskretion. Sie hockt. Sie wartet. Sie zieht sich zurück. Sie lauert. Sie ruht. Die Spinne selbst – gibt – keine VOR-STELLUNG. Die Spinne selbst bedeckt einen nicht mit ihrer direkten PRÄ-SENS. Oder nur ganz selten. Jedenfalls dann, wenn man sie in Ruhe lässt. Die Spinne erfreut den Leser mit ihrem Rückzug hinter den Text, dem Gewebe. Und das Gewebe ist KLAR.

Ob die Spinne selbst schön ist, bleibt sicherlich Geschmackssache. Aber darum geht es nicht. Die Spinne ist ein Geschöpf wie jedes andere Geschöpf und hat damit eine Anwartschaft auf KLARHEIT. Und diese macht sie geltend mit ihrem KLAREN Netz, dass in seiner EIN-RÄUMUNG eine sehr feine Mischung aus Mathematik und Stofflichkeit zeigt – oder aus Rationalität und Körperlichkeit/Sinnlichkeit.

Natürlich ist ein Leser gegenüber einem Text-Gespinnst so etwas Ähnliches wie ein Fluginsekt. Er bewegt sich, und es ist auch gut möglich, dass er nie je von einem Text sich gefangen nehmen lässt. Das heißt: Nichts mit einem Text an-„fangen“ kann. Weil er einfach nicht in seiner Flugschneise hängt. Wenn er aber doch einmal in einem bestimmten Anfangs-winkel in einen Text hineinfliegt, dann wird er darin verwickelt – und: er lässt sich, das unterscheidet ihn von dem Insekt, auch gern darin verfangen. Man sagt dann: Der Text verfängt.

Daran kann man sehen, wie der Vorgang der Ge-Fangen-Nahme durch einen Text ein Ruhendes auf der einen Seite und ein sich Bewegendes auf der anderen Seite erfordert. Das An-Fangen.

Das Belästigende  am heutigen Buchhandels-und Feuilletonbetrieb ist, dass er mit seiner „Betriebsamkeit“ eben den Text als Text oft verhindert. Die Betriebsamkeit verhindert das Netzen und den Fang/den Ruhe-Text der Spinne ebenso wie er den natürlichen Bewegungstext des Lesers verstellt.

Weil „der Betrieb“ gleichermaßen in Klappenschriften, in Kritiken, auf Lesepodien, in Prominentenverweisen in Feuilletonredaktionen die Spinnen und ihren Fang, das heißt: Die Schreiber und die Leser – nicht in Ruhe lässt – sondern in die PRÄ-SENZ zwingt. In die VOR-Stellung. (als DAR-STELLUNG, An-Sehung)

Das verursacht dann einen schlechten Kreis der Kannibalisierung von Sinn und Sinnlichkeit. Im Endergebnis: Verstopfte Texte, verstopfte Leser, noch verstopftere Texte, noch verstopferte Leser. Unsinnliche Literatur. Negative Selbstverstärkung der Betriebsamkeit durch systemische innerbetriebliche Inzucht. Die Spinnen ernähren sich dann von Ihren eigenen Netzen. Die Leser fressen sich selbst. Das ist Gift für Kultur.

Der allgemeine Leser wird in seiner natürlichen Anflugkompetenz unterschätzt.
Man glaubt, ihm die Netze zeigen zu müssen, von denen er sich gefangen nehmen lassen soll. Aber ein Leser ist nun einmal darauf angewiesen, sich von einem Text an-fangen zu lassen. Und sich in ihm zu ver-fangen.

Anfangnahme durch einen Text funktioniert aber nur, wenn der Leser auf ein Text-Gespinnst „trifft“. Das er beinahe nicht gesehen hat. Dass ihm beinahe unsichtbar begegnet ist. Dazu bedarf es eines kontemplativen Moments, der sich ausserhalb einer Leser-„Betriebsamkeit“ von „fleißiger Leserei“ aufhält, das heißt: Weltbezug und Lebensbezug in wahrnehmenden Vergleichs-Prozessen, die dem Leser die Einsicht erlauben, wie er zunächst auch ohne Buch und ohne Text immer schon ein Leser war und ist.

Ein Mensch liest ja immer schon. Sein Leben und das, was ihm begegnet, war und ist lesbar, weil es immer ein sich ihm zeigendes Zeichen ist.

Auf Seiten der Schriftsteller des selbe Dilemma. Sie verlernen mit der Zeit, was ein Text ist. Das Weben im Wachsen in der Dauer. Sie verlernen das Schreiben ohne Stift. Das Schreiben ohne Papier. Dafür produzieren sie Stoffe in Stoff-Fabriken. Oder Bücher. Stoffe aber werden immer schnell fadenscheinig. Während ein Text-Gespinnst immer klar bleibt.

Dann beschweren sich immer alle über die Hektik und die Schnell-Lebigkeit des Betriebs. Aber wen wundert’s? Weil so, wie der Leser auch ohne Buch immer schon ein Leser ist (ein Denkender), so ist der Schreiber auch ohne Tastatur und Stift immer schon ein Schreiber. Oder er könnte es sein.

Aber das Lesersein ohne Buch und das Schreibersein ohne Stift oder Tastatur wird nicht trainiert.

Dem Betrieb und der Geschäftigkeit hatte Heidegger in seinen philosophischen Untersuchungen sehr gute Bemerkungen gewidmet. Das Denken wird nicht trainiert. Weil in der bloßen Geschäftigkeit nur etwas gilt, was ein Ding ist, ein DAR-GE-STELLERTER Autor. Ein DAR-GE-STELLERTES Buch.

Gelsenkirchener Barock.

Leseempfehlungen und Hinweise durch Freunde und Bekannte sind ganz normal und sogar wichtig. Weil solche Empfehlungen selbst bereits einen Text ergeben oder aus einem Lebenstext des Empfehlers erwachsen. Dieser Empfehlungstext ist dann organisch gewachsen. Aber der so genannte Betrieb „bewirft“ den Leser permanent mit Dingen, mit Büchern, und er wirft ihm Spinnen an den Kopf. In einer sehr hohen Frequenz. Das ist sehr unschön.
Weil „das Textgespinnst“, das eigentlich der Text sein sollte, hier zum „sozialen Gespinnst“ der Posten, der Verdienst- und Versorger-Gemeinschaften, der „Seilschaften“, der Honorar-tionen der gegenseitigen Abhängigkeiten gerät.
Der öffentliche Textbetrieb hat an die Stelle des Text-Gespinnst, das soziale Gespinnst gesetzt. Den so genannten Betrieb und die Betriebsamkeit, wie Heidegger sagen würde.

Der aktiv/kontemplativ gestimmte Mensch sucht sich dann Momente, Ecken und Konstellationen, in denen er ganz gezielt/ungezielt in die Anfang-Nahme von Texten gerät, mit denen er nicht beworfen wurde, die er nicht erwartet hat. Gerne verwickelt er sich dann in neue Vergleichs-Prozesse. Das kann auch ein gedruckter Text auf Papier sein. Muss aber nicht.

Der Autor Yvan Goll wäre ein sehr seltener Fall von echtem Text in einem Buch. Bei ihm findet sich ein Gedichtzyklus mit dem Namen „Johann Ohneland.“ Irgendwann in den frühen Nuller Jahren hatte ich das noch in der DDR verlegte Bändchen mit dem Titel „Gefangen im Kreise“ aus einem Grabbelkarton gezogen, schon ein bisschen vom Regen durchweicht. Ich hatte es wieder erkannt. Innen mit Bleistift stand: 1,80 Euro. Ich dachte mir, nach kurzem Blättern, das solltest du dir mal mitnehmen. Und muss schon sagen, immer noch sagen: Yvan Goll steckt sie alle in die Tasche. Mein lieber Herr Gesangsverein. All die Grünbeins und Consorten, nee, also beim besten Willen, im Vergleichsprozess steckt der Yvan Goll sie alle in die Tasche…wickelt sie ein. Das Buch „Gefangen im Kreise“ von Yvan Goll enthält die Welt eines ganzen Jahrhunderts. Für 1 Euro 80.
Es gäbe darüber noch einiges zu sagen, später …

Gelsenkirchener Barock –

Das Wort Möbel leitet sich ab von mobil.
Wenn man darüber nachsinnt, fällt etwas merkwürdiges auf.
Im Gegensatz zum Wort Immobilie, das ein Haus als etwas
Feststehendes – immobiles –  meint, ist ein Möbel etwas, das
als Mobile auf ein Bewegliches verweist.

Ein Möbel war einmal etwas, dass man bewegt.

Dann wäre der Campingkocher, den man auspackt
und wieder einklappt – ein mobiles Möbel.

Ein nomadisches Zelt und alle darin enthaltenden Gegenstände sind – im Sinne der Mobilität – sozusagen v e r r ü c k b a r.  Sie stehen nie ganz fest. Man könnte auch sagen: Sie neigen zum VERRÜCKT-WERDEN.

Dieser Gedanke kann schnell – unheimlich – sein.

Die Unheimlichkeit des Giger-Aliens bei Ridley Scott
verweist auf eine Situation in der das Mobile
und das Immobile eine zeigende (monströse)
Vermischung eingehen.

Man könnte sagen: Die Besatzung in dem Schiff wird
von einem Möbel verfolgt. Es zeigen sich in dem Film Sequenzen,
in denen nicht mehr ganz klar ist, ob man an der Wand eine
festmontierte Rohrmuffe, einen Kabelverbinder, einen Schlauch etc…
sieht – oder ob das, was man schemenhaft „wahrnimmt“
vielleicht doch „schon wieder“ das Alien ist.

Dieser ingenieuse – um nicht zu sagen „geniale“ Effekt
beruht eben nicht auf einer nur einsamen „Genialität“ irgend
eines einzelnen „Künstlergenies“, vielmehr verdankt er sich einer
kon-genialen Zusammenarbeit  und Zusammenkunft verschiedener
Menschen und künstlerischer Sensibilitäten in Verbindung mit
einer genuinen Eigenschaft des techno-logistischen Mediums Film.
Die Eigenschaft von Film ist eine ganz unpersönliche und überindividuelle.

Der Film selbst, die cinematografische Arbeit, das ganze Drum-Herum, ist ja ebenfalls bereits eine permanente und technologische „Camping-Situation“ zwischen Mobilität und Immobilität. Eine ständige VERRÜCKUNG gegen das GESTELL.  Der Film ist ein D R E H – ORT.  Die Kamera D R E H T.
Oder sie F Ä H R T.  Und ein ganzer Stab F Ä H R T immer mit. Der BLICK und die SICHT und der SCHNITT sind die Technologien, die historisch gewachsen, hier in der Alien – Geschichte sich kon-genial zu einer besonders dichten und verrückenden Wirkung steigern. Mehr muss man nicht dazu sagen…. und das Meiste wurde auch schon gesagt…

… weiter mit Yvan Golls „Ohneland“ und „Gefangen im Kreise.“

Noch einmal zurück zu Botho Strauß.
Die große Fragwürdigkeit aller vortragenden Literatur, sei das nun in der essayistisch vorgetragenen Philosophie oder in der Dichtung oder in der „geformten“ Prosa  – ist die als „künstlerisch“ sich behauptende Undeutlichkeit, die sich in der Sprache – gewissermaßen genießerisch – als bewusst „undeutlich“ behauptet.

Botho Strauß nennt diese bewusst sich vortragende Undeutlichkeit in der Sprache abwechselnd  „den Halo“ im Gefüge der Sprache, oder er nennt es „Dämmerung“. Oder er nennt es sogar auch gewolltes oder geformtes Stammeln.

Die „Dämmerung“ wäre bei Botho Strauß  ein unklares Halblicht, so eine Art blaue Stunde oder ein nebeliges Zwielicht im „Schweifen“ des sprachlichen Gefüges der Worte, das  – seiner Meinung nach  – dem Gedanken als lebendigen Denkungsprozess „tänzerisch“, oder sinntanzend  näher kommt, viel näher als alles Hart-Deutliche im zwingenden und bezwingenden Aussprechen von
SO-WIRD ES HIER GESAGT.

Man könnte nun meinen, Botho Strauß stünde mit dieser Haltung in der Spur Heideggers, der ja behauptet hat, zwischen dem denkend Gesagten und dem dichtend Gesagten klaffe ein entschiedener Spalt.  Obwohl beide auf verschiedene Weise das Selbe sagen können.
Dann wäre also der „dämmernd“ schreibende – der im nebligen Halo des Sprachgefüges redende – wäre also der Dichter und Künstler.

Eine ähnliche Äußerung im gleichgültigen Sprachspiel
konnte man vor Jahren auch schon mal
von Durs Grünbein vernehmen. Dichtung sei „präzise aber ungenau“.

Ist Heideggers Behauptung einer Trennung zwischen dem dichtend Gesagten und dem denkend Gesagten vielleicht ein großer Schwachsinn?

Oder anders gefragt: Kann die Heideggerbehauptung heute mißbraucht werden zum beliebigen Vor-sich-hin-Nuscheln im Metaphern- und Allegoriengestöber?

Hier wäre jetzt einmal die Gelegenheit, der Heideggerbehauptung eines Spalts zwischen dem „dichtend Gesagten“ und dem „denkend Gesagten“ nachzuspüren.

Vorausgestellt kann werden, dass Heideggers Differenz zwischen dem denkend Gesagten und dem dichtend Gesagten kein Schwachsinn ist.

Dem muss jedoch ein großes ABER angefügt sein. Denn Heidegger hat ja zugleich darauf aufmerksam gemacht, dass dem dichtend Gesagten ebenfalls ein Denken zu Grunde liegen muss.

Wenn dem Dichten kein wirkliches Denken zu Grunde liegt, dann verselbstständigt sich alles Dichterisch-Ungenaue, das schweifende Sprechen im nebligen Zwielicht der Metaphern-Dämmerung zu einem bloßen Spießertum der Undeutlichkeit und des Nuschel-Fabrikats. „Halo“ und „Undeutlichkeit“ kann dann alles Mögliche sein, auch das Nichtdenken oder schlicht und ergreifend: Mangelnde Bildung.

Dann ist der Dichter kein Dichter mehr und der Künstler kein Künstler mehr, sondern nur noch ein Undeutlichkeits-Fabrikant, der seine Undeutlichkeits-Fabrikate am Fließband seiner Nebel-Nuschel-Fabrik herstellt, um sie dann an den Undeutlichkeitsverbraucher zu verkaufen, damit der sie dann als Ungenauigkeitsgartenzwerg in seinem Undeutlickkeitsgarten aufstellt.

Und genau das ist eben das Problem sowohl bei Botho Strauß als auch bei allen anderen Undeutlichkeitsfabrikanten.

Sie unternehmen garnicht erst die Anstrengung auf die Höhe des zeitgenössisch DEUTLICHEN zu gelangen, geschweige denn, dass sie sich in einem – ahnenden – Kontakt mit dem „bereits Gedachten“ befinden. Weil das zunächst eine andere Art der Anstrengung erfordern würde, um dort hinzugelangen.
Das erfordert eine Art von Bildung, die man nicht durch das fleißige Lesen von Dichtung und Literatur erlangt.

Wer sich suchend „mit dem bereits Gedachten“ beschäftigt, macht zunächst einmal die unangenehme Erfahrung, dass beinahe alles schon einmal gesagt und gedacht wurde, und der Spielraum für  „Künstler-Originalität“ oder „Philosophenoriginalität“ zunächst sehr klein wird. (Siehe Adam Müller. Im Vergleichsprozess zu Adam Müller zerfällt alles philosophische Reden mindestens der letzten 50 Jahre zur Second-Hand-Ware und zur Wichtigtuerei. Bei Adam Müller steht sogar schon alle moderne Medientheorie.)

So kann man an dem Text von Adam Müller sehen, der bereits 200 Jahre alt ist, was – erstaunlicherweise –  bereits gedacht worden ist. Und auf diesem Pfad des bereits Gedachten muss man sich zunächst einmal anerkennend bewegen, wenn man – wie zum Beispiel Botho Strauß oder Durs Grünbein – über „Welt“ oder über „Wissenschaft und Kunst“ dichtend denken will.
Und der Text von Adam Müller lag nie versteckt in irgendeinem geheimen Bunker-Archiv, nein, er stand immer ganz dicht bei Kleist. Jederzeit lesbar.

In diesen Weltkontakt kommt man aber nicht mit bloßer „Belesenheit“. Oder mit einem bloßen Kultur-Genießertum. Man kommt dorthin nur in der Gefahr des immer Suchenden und Fragenden. Und nur mit einem echten Kontakt zum Überlieferten.

Das „dichterisch-Ungenaue“ oder der neblig schweifende Halo einer Artikulation oder Sprachverfügung, oder noch anders gesagt:
Die Dämmerung im Raunen und im Zweilicht von Kunst und Literatur hat dann – und nur dann – sein wahres Erscheinen, wenn es nicht als Ästhetik gewollt wird.

Jede Form der Undeutlichkeit –  die sich als Undeutlichkeit selbst will, ist bereits Kitsch. Nämlich Undeutlichkeitskitsch. Ungenauigkeitskitsch.

Der schweifende Halo, den Botho Strauß meint, ergibt sich ganz von selbst dann und nur dann, wenn der Dichtende zunächst in das Äußerste von denkbarer KLARHEIT vordringt. Er muss selbst zunächst einmal das Risiko der DEUTLCHKEIT eingehen! Und zwar innerhalb des „bereits Gedachten.“ Tut er das nicht, dann „dichtet“ er immer below the Line, das heißt: Er fabriziert dann Undeutlichkeitsfabrikate und Ungenauigkeitskitsch, der immer weit unter dem Niveau des Denkbaren und bereits Gedachten bleibt.

In dem Moment, wenn das „Ungenaue“ als „ästhetisches Prinzip“ erkannt wurde, gerät es sofort in ein Distanzverhältnis zum Weltbezug des Sprechers und wird damit zur Machenschaft, das heißt: Zur jederzeit machbaren Masche.

Das Ungenaue und das Undeutliche wird dann trés chic. Hipp. Eine machbare Tapete. Jederzeit gleichgültig. Jederzeit gegen ein anderes Muster der Ungenauigkeit austauschbar.Es kann dann als Undeutlichkeitsgartenzwerg gehandelt und verhandelt werden.

Die Undeutlichkeit oder der „Halo im Wortgefüge“ ist dann die „Kunst“-Tapete, mit der die Undeutlichekeitskonsumenten als „Undeutlichkeitsgenießer“ und „Bildungsgenießer“ sich jederzeit das dämmrige Undeutlichkeits-Stübchen ihrer „Interpretation“ einrichten und einrichten und einrichten….

….um bloß ja nicht zur Welt zu kommen.

Die Undeutlichkeit ist dann austauschbarer Kitsch, gleichgültig und nichtssagend weil alles-sagend. Das alles-sagende und viel-sagende sagt garnichts  mehr.

Es kitzelt so ein bisschen, es ist anregend: Lass uns ein Bildungsgenußmittel aus der Ungenauigkeit machen.

Der große Unterschied zwischen einem Hölderlin, einem Kleist und dem Undeutlichkeits-Fabrikantentum in den letzten Texten von Botho Strauß, Durs Grünbein und Co zeigt sich genau darin: Hölderlin und Kleist befanden sich nicht in einem machenschaftlichen oder in einem genießenden Second-Hand-Verhältnis zur Formung, zu ihren Themen und zu ihrer Welt…

…vielmehr lief ihr Verhältnis in einer dringlich suchenden Spur des Verwickeltwerdens und des Berührtseins mit der Welt und in der Welt und zwar immer auf der Höhe des Denkbaren und bereits DEUTLICH Gedachten.

Ihr Weltverhältnis war ein suchend offenes und dringlich fragendes. Oft sogar regelrecht getrieben. Man darf nicht vergessen, dass Hölderlin mit Schelling gut bekannt gewesen war. Und nur in diesem Sinne konnte es auch – ganz automatisch – ein kosmologisches An-Suchen und Er-Suchen hineinbilden
in eine künstlerische Formung, die dann GRÖSSE hatte.
Weil etwas fragend nachgedacht wurde, was dringlich zu denken gab.

Hölderlin und Kleist haben sich in erster Linie nicht für Gedichte, nicht für Bücher, nicht für Kunst, nicht für die Syntax, nicht für Versformen und auch nicht für Dramen interessiert – sondern in erster Linie für wirkende Welt.
Und erst daraus – dann – und danach – kommt die Kunst, kommt die Formung, kommt der „Halo“ in der Artikulation, der ein POTENTIAL ist.

(Das ist auch der Witz bei Ridley Scott und der ganzen nachfolgenden Alien-Reihe. Diese Reihe kam nie von vorn herein mit einem tiefen „Dichtungs-Anspruch“ durch die Tür. Sie begann als Unterhaltungs-Ware im populären Massenmedium Kino-Film und konnte nur deshalb ganz ungewollt zu einem philosophisch  tiefgründigen und poetischen Aggregat werden.

Daran sieht man, dass jedes „Kunstwollen“ die Kunst verhindert, so – wie auch jedes „Dichtungwollen“ die Dichtung verhindert.

Oder anders gesagt: Kunst bricht immer aus dem Kunstwollen aus. Dichtung bricht immer aus dem Dichtungwollen aus.

Die philosophische Tiefgründigkeit der Alien-Reihe war nicht „gewollt.“
Weil in diesem Film jede Menge Unpersönliches und Überindividuelles mit hineinwirkt. Sogar der Markt, der Pop und die Mode.
Das Interesse der Macher  und Produzenten beschränkte sich zunächst  darauf, einen effektvollen  gut verkäuflichen Gruselfilm zu produzieren, dessen Story „den längsten Bart“ der Welt hatte (Monster kommt in Raumschiff, buahhh….))) Darüber hinaus betätigte sich Ridley Scott immer auch als Werbe-Filmer in der Massenversorgung, was ihm ein entsprechend gut ausgebildetes Handwerk gab.)

Das scheinbar „Undeutliche“ im dichtend Gesagten bei Hölderlin ergibt sich aus „Ahnung“….

„Ahnung“ ist aber etwas, dass man nicht als „persönliche Geste“ simulieren kann, um dann in die „raunende Geste“ des „dichterisch Undeutlichen“ zu verfallen. In den Undeutlichkeitskitsch.

Die Ahnung ist das tragende und unpersönliche und überindividuelle Element, das Kunst erst zur Kunst macht. Sie wird
denkend e r r u n g e n .  Und dieses sich erringende Element ist immer ein Kosmologisches.

In der Alien-Reihe wäre das der technologistische Bezug des Mediums Film zu „Verrückung“ der Imagination.

Ahnung – kommt aus einem kontemplativen Berührungsverhältnis zu einem
VOR-HER, das ganz unverstellt und ohne „Bildungsgenießertum“ in das Ahnen hineinstrahlt als in das – was – zu – denken  – gibt.

Um das zu finden, was – zu –  denken –  gibt, muss man sich selbst auf einen forschenden und ahnenden Weg machen, der etwas völlig anderes meint als ein paar kitzelnde Szenenfolgen für den verunsicherten Bürger, ein paar lasche Übungen in der Skandalerzeugung, im wohlfeilen Sarkasmus, in den müden Spielen des „Tabu-Bruch“ oder in einer Ästheti-k der Undeutlichkeit, die jederzeit zu einem schicken Ungenauigkeitsfabrikat gemacht werden kann.

Nein, Botho Straußens letztes Buch „Lichter des Toren“ kann hier nicht überzeugen. Mit dem Bekenntnis zum „Schweifen“ und „Dämmern“im Sprachgefüge als ein rein äußerliches Bekenntnis zur Undeutlichkeitsfabrikation, das überhaupt nicht tiefer durchdacht wird, hat es sich in meinen Augen nicht an ein zu Denkendes gewagt. Es bleibt Masche.

Bei Yvan Goll wiederum sieht die Sache schon wieder ganz anders aus….
Hier finden sich doch tatsächlich und gehäuft Fragezeichen in den Gedichten…dazu muss etwas gesagt werden… Zu Fragezeichen in den Gedichten…

Philosophie ist eine Disziplin, die den Menschen sucht, indem sie das Schwafeln bei Seite schiebt.

Man könnte die Philosophie der letzten 50 Jahre einteilen in einer übersichtlichen Taxonomie.

Da wäre einmal das „Echte Gelsenkirchener Barock“ von Adorno, der Frankfurter Schule und allen ihren Nachkommen und Ablegern…

… und da wäre zum zweiten das „Neue Gelsenkirchener Barock“ der Philosophie.
Man könnte es auch das „NeoBarock Gelsenkirchener Art“ nennen.

Zum Neo-Gelsenkirchener Barock gehören Sartre ebenso wie Luhmann, Lacan ebenso wie Deleuze, Zizek ebenso wie Derrida, und Sloterdijk ebenso wie Habermas.

Der Neo-Gelsenkirchener Barock in der Philosophie zeichnet sich durch einige Merkmale aus:

1. Das Denken wird vermieden und ersetzt oder gar verwechselt mit „Belesenheit“ und enzyklopädischer Vielwissererei und epischer Breite in uralten Trivialitäten. (Habermas, Luhmann..etc..) (Beispiel Habermas – was sagt Habermas, was man nicht von Adam Müller oder Schelling besser gesagt bekommen hat? Außerdem: Man vergleiche den Adam-Müller-Text mit einem beliebigen Text von Nikolas Luhmann.) Systemtheorie als Berliner Volksmund:
Kommse rin! Könn se rausgucken!

2. Der Sprachstil ist unathletisch. Es wird immer zu viel, zu schlaksig oder zu breit geredet, (barock) gesprochen oder geschrieben. Es dominiert die enzyklopädische Auswalzung ohne präzises Fragen. Die Bücher sind zu dick. (Typisches Beispiel Sloterdijk: Er redet von „Athletik und Disziplin“ – aber sein eigener Denk- und Sprachstil ist unathletisch, undiszipliniert, langsam und behäbig; und seine Themen sind nicht selten  Volkssprichworte, Trivia (Übung macht den Meister. Alles Gute kommt von oben.) )Oder physikalisch nicht durchdacht: Was genau sind „Blasen“? Was genau ist „Schaum“?? Was genau physikalisch??(Siehe im Vergleich: Adam Müller plus Schwerkraft (Schelling) plus moderne Physik…)

3. Der NeoGelsenkirchner Barock will immer möglichst viel oder sogar alle Themen anfassen und überall „mitreden“ – aber er ist an nichts wirklich interessiert (INTER-ESSE im Sinne Heideggers…) Er redet auch gern „über Heidegger“ aber er inter-essiert sich nicht für ihn.

Themen werden „besetzt“ – um es „mal gesagt zu haben.“ Aber die Themen werden nie wirklich tiefer  befragt.

4. Der NeoGelsenkirchener Barock positioniert sich gern „in Abgrenzung zur Frankfurter Schule“ (dem echten Gelsenkirchener Barock) – irgendwie diffus reaktionär, oder „neumythisch“, oder er beruft sich sogar oft und gern auf Heidegger.
Hat aber selbst keine Ahnung – weder von der Technik, noch vom Mythos, noch von Archimedes, noch von Goedel oder Clausius, noch von Heidegger. Noch interessiert er sich für den Job der Philosophie (im Sinne Oswald Schwemmers)

5. Der Neo-Gelsenkirchener Barock verhandelt gerne Gender-Diskurse, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was „männlich und weiblich“ eigentlich ist – im Sinne der Kosmologie (Siehe Adam Müller/Stanislav Lem etc…)

6. Der Neo-Gelsenkirchener Barock gibt sich gerne „spontan“ oder „gegenwärtig“ oder „lebensnah“ – ohne auch nur ein Inter-Esse dafür aufzubringen, in welchem physikalisch-kosmologischen Verhältnis sich „gegenwärtig“ oder „spontan“ oder „lebensnah“ abspielt.

7. Der NeoGelsenkirchener Barock argumentiert gerne psychologisch, ohne danach zu fragen, in welchem Gesamtzusammenhang „Psychologie“ eigentlich eingebettet ist.

8. Der NeoGelsenkirchner Barock mißtraut der Deutlichkeit und übt stattdessen das intellektuelle Hütchenspiel der Identitätsverschleppung. (Wo ist die Kugel? Wo ist der Ball?) Er hält das Hütchenspiel der Identitätsverschleppung abwechselnd für „modern“ oder „postmodern“ – ohne das Konzept der Identität – zum Beispiel im Sinne Adam Müllers weiter zu befragen.

(Der Zweifel an der Identität ist auf das Konzept Identität angewiessen, um überhaupt Sinn zu machen.)

9. Der NeoGelsenkirchener Barock benutzt aus „sprachkritischen Gründen“ gerne eine „undeutliche“ Sprache, vergisst dabei aber, dass jede Form der Undeutlichkeit auf die Deutlichkeit angewiesen ist, um sich  überhaupt als „Undeutlichkeit“ zu positionieren.

Ohne Deutlichkeit macht Undeutlichkeit gar keinen Sinn. NAtürlich gilt das Selbe auch umgekehrt.

10. Der NeoGelsenkirchener Barock redet „über Technikphilospophie“, vermeidet aber selbst das Denken ebenso wie die konkrete Einsicht-Nahme in die Technik im Vergleich zur Philosophie.

..aber es gäbe etwas zu Yvan Goll zu sagen…

Aber das alles ist auch furchtbar langweilig und ausrechenbar.

Zum Gähnen nicht-überraschend.

Zum Gähnen erwartbar innerhalb der Amplitudenbewegung ist es, wenn nach einer Epoche der Denk-Verweigerung, der Philosophie-Simulation und des nichtssagenden Vortrags-Entertainments nun irgendwie eine Art Ernst oder ein Zurechtrücken des  Tagesordnungspunkts Philosophie/Kosmologie einläuft.

Wenn das echte Denken so lange vernachlässigt wurde, dann ist die Rückkunft der Philosophie irgendwie furchtbar überfällig, und man könnte gelassen abwinken und sagen: Warten wir auf das nächste frivole Übermorgen, an dem wir wieder lustig sein dürfen. Was wäre schönes Wetter ohne Regentage?

Mir geht’s hier genau so. Ich sollte mal wieder was Lustiges schreiben. Was deftiges. Bissel mehr Pepp und Pfiff in die Weltsicht bringen und nicht immer so pädagogisch unlustig vor mich hin dozieren. Mir geht mein eigener Ernst schon eine Weile echt auf den Sack.

Deshalb darf man hier auch nicht ungerecht sein, in dem man etwa behauptet, das intellektuelle Leben der Bundesrepublik Deutschland plus Frankreich plus DDR plus Nachwendezeit Nuller Jahre –  habe, was die Philosophie und Gesellschaftswissenschaft betrifft,  sowohl in den Universitäten als auch im feuilletonistischen Bereich der Öffentlichkeit nur Scheiße geredet und geschrieben. Man könne das philosophische Rad bis zu Adam Müller/Schelling zurückdrehen und nichts wäre verpasst. Nichts wäre verloren.

Eine solche Behauptung wäre ungerecht und sie würde auch nicht stimmen.
Denn natürlich bedarf es einer DAUER der Erfahrung und einer illusionistischen Inkubationszeit, die im Rückblick auf ein VOR-HER/NACH-HER erst die Leuchttürme der Vergangenheit sichtbar werden lässt.
Schwarze Löcher sind ja noch nicht so lange beobachtbar und die ganze Astrophysik ist erst in den letzten 20 Jahren in ihren Fähigkeiten und Einsichten regelrecht explodiert.

Trotzdem muss es erlaubt sein, hier und da und gelegentlich zu fragen, ob man sich nicht wenigstens schon 40ig Jahre früher nach Adam Müller/Schelling hätte umdrehen können….wenigstend in Bezug auf Heidegger, wenigstens im Bezug zum sinnentlehrten BLA BLA der so genannten Postmoderne, der „Medientheorie“, der Technikphilosophie etc…,

…blöd, ich komme irgendwie nicht zu Yvan Goll…

Es ist natürlich klar, dass Künstler klauen. Der bildende Künstler, der dichtende Künstler klaut. Filmemacher klauen. Philosophen klauen, immer und von überall her wird ständig geklaut. Die ganze Kultur beruht auf Kleptomanie in einem positiven Sinne. Ich selbst zum Beispiel habe meine Lieblingsläden zum Klauen. Man lässt sich eben „anregen“ oder „inspirieren“ von irgendwas oder von irgendwem. So kann man hier zum Beispiel sehen, wie ich von Heidegger klaue. Wenn ich hier „heideggere“ ist das natürlich geklaut. Oder ich klaue auch von Stanislav Lem, der in seinem „Golem“ die Thermodynamik und die Barriere-Problematik als Grenz-Problem sehr stark betont hat. Manchmal ergeben sich dann ungewollte Interdependenzen zum Beispiel zu „Blade-Runner“ (Klingenläufer.) Dessen starke Lichtführung wiederum an Leonardo und die Romantik erinnert.
Schelling hat logischerweise von Kant und Aristoteles geklaut. Heidegger hat einiges von Schelling geklaut etc…Die Wissenschaft und der Ingenieur klaut aus der Natur.

Wenn man gut klaut und effizient klaut, dann kann man sogar ganze „Philosophien“ überspringen. So könnte man das Klauen selbst sogar
zur Kunst ausrufen. Die Kunst besteht dann darin, effizient und gut
sortiert zu klauen.

Wenn man zum Beispiel effizient von Ovid, Schelling und Aristoteles klaut, dann braucht man den ganzen Nietzsche- und Oswald Spengler-Schrott nicht. Man braucht auch Wittgenstein und Popper nicht, wenn man sich einmal mit Gödel befasst hat. (Wittgenstein gehört zu den am meisten überschätzten Philosophen des 20igsten Jahrhundert.)
Und wenn man von Adam Müller klaut, kann man sich das ganze Derrida-und Deleuze-Gedöns ersparen. Und nach Adam Müller und Kleist kann man einen Goethe ein für alle Mal in den Skat drücken…
(Natürlich ist Goethes Faust seit 200 Jahren nichts anderes als eine schwer zu behebende Rohrverstopfung.)

Das beliebte Herummonstern in vielen Science-Fiktion-Filmen könnte man als geklaut aus der griechischen Mythologie betrachten. Die alten Griechen waren die ersten Chefingenieure und Set-Designer für Monster aller Art. Hätte es damals den Film schon gegeben, die alten Griechen hätten permanent Oscars gewonnen für die gruseligsten Monster und Mischwesen.
Es ist deshalb müßig, irgendwo eine Originalitätsdiskussion zu führen.

Wenn man die Mythen nun noch näher untersucht, stellt man eben fest, dass bestimmte Themen wie „Das Auge/das Sehen“ (Kyklopen, Odysseus), die Blindheit oder die Blendung/Sicht und Blick  (Ödipuss) oder das „Sich-Umdrehen“ (Kinderspiele aller Art plus Orpheus) zum Standart-Repertoire nicht nur vieler griechischen Mythen gehört.

Eben deshalb stellt sich aber auch die gähnende Langeweile ein, wenn man heute durch die Regale von zeitgenössischer Literatur und Philosophie blättert. Man kennt das alles schon. Und es ist nunmal ein Pech, dass die eigentliche Kunst-Kulturleistung im 20igsten Jahrhundert von der Kunst befördert wurde, die in sich selbst zugleich die technologischste ist – eben der Film. Und das ausgerechnet in einem Genre, dass man gerne für „infantil“ oder für „populär“ hält – dem Science Fiktion.
Und zu diesem Pech gehört nun auch, dass insbesondere die deutschsprachige Literatur, wenn sie nach dem Krieg geschrieben wurde, leider immer zweit- und drittklassig blieb, weil sie nicht mehr auf der Höhe ihrer eigenen Philosophen agierte und allen Trends und Strömungen, die aus den USA oder dem angelsächsischen Raum kamen, immer nur holprig hinterher stolperte. In der reinen Philosophie, so muss man sagen, blieb es nach 1945, mit Ausnahme Heideggers und Gotthardt Günters, weltweit ziemlich zappenduster.

Yvan Goll ist hier, auch beim Thema Film, eine der wenigen sensiblen Ausnahmen in dieser etwas ernüchternden Bilanz…
…aber das muss noch konkreter werden..

Zu den inter-essantesten Erkenntnissen bezogen auf die Maya-Glyphen gehört die Tatsache, dass diese Schrift ein Mischwesen aus Laut-Schrift (Sprech-Silben) und Bilderschrift ist. (Logo-Gramme) Die Maya-Schrift, so könnte man sagen, ist immer ein Monster, gemischt aus Akustik und Imagination. (Erinnernde VOR-STELLUNG) Damit ist sie in ihrer Genetik dem Heidegger-Anliegen  sehr nahe.
Nur eben komplementär – sozusagen andersherum: Im Deutschen ist die Mischung aus Akustik und Optik (Vor-Stellung) beim mündlichen Sprechen und dem „erinnernden Hören im Kopf“ virulent. Bei der Maya-Sprache drückt sich das in der Techné der Schrift aus.

Die Maya-Glyphen zeigen, was Sprache eigentlich ist. Ein Monster aus Hören und Sehen, das die Erinnerung gebiert. Die Maya-Glyphen sind ein Ton-Film.

(Zur Entzifferung der Maya-Schrift diverse Dokumentationen der BBC)

mayakalender

Eyes wide shut: Verdichtungen, Hand vorm Gesicht, die Augen zu, damit der Leser sie öffnen kann.

Dann gab es da noch eine zweite Erkenntnis, die man aus der Entzifferung gewann: Auch die Maya-Schreiber und die Maya-Schrift begannen im Laufe der Jahrhunderte mit den Sprachspielen. Und den Schriftspielen.

Die Schreiber entwickelten Stile und „Schulen“ und persönliche Noten.

Das war lange Zeit sehr verwirrend für die Entzifferer gewesen.
Sie fanden viele sehr unterschiedliche Glyphen, bis sich nur sehr langsam und all-mählich erhellte, dass es sich hier um „Stile“ handelte.

Man hat sehr lange gebraucht, um diesen Effekt zu verstehen und einzugrenzen; dass innerhalb einer Schriftkultur ein all-mählicher Umschlag stattfinden kann, nach dem der „Schreiber“ ,  die „Sprache“ und der „Stil“ plötzlich wichtiger werden, als das Gesagte.
Mit anderen Worten: Es wirkte in der Maya-Schrift-Kultur ein Einbruch von Sophistik, von „Mätzchen“ und einer formalen Gentrifikation. Auch bei den Maya begannen die Schreiber im Laufe der Zeit damit, Mätzchen zu machen.

Der „formale Genuß“ der Schrift und der Sprache, ein übermäßiges Herumkünstlern und Herumspielen mit den „Stilen“ und „Schulen.“  des Ausdrucks/Eindrucks an den Glyphen hatte auch schon bei den Maya gewirkt.

Dieser Effekt tritt immer dann auf, wenn Schreiber lange Weile haben und die Dringlichkeit der Mitteilung nicht mehr so stark drückt; oder weil  – scheinbar – bereits „alles wichtige“ gesagt worden ist. In dem Moment setzt der „formale Sprachgenuss“ ein.  Das l’art pour l’art. Und das verheißt für eine Kultur insgesamt nichts Gutes, wenn dieser Zustand lange anhält und sich ins Blinde hinein verselbstständigt.

Denn es gilt nach wie vor: Wer etwas wichtiges zu sagen hat,
macht keine langen Sätze.

Aber die Maya-Forscher hätten es etwas einfacher haben können, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart gerichtet hätten.
Man kann das heute genau so beobachten.
In beinahe jeder Rezension irgendeines Buches, zumal in den überregionalen Zeitungen wird die „Kraft der Sprache“ oder „der herrliche verstörende Sound“ oder  „die raffinierte Konstruktion der Dramaturgie“ oder „die ganz eigene Stimme“  oder „der große verbale Erfindungsreichtum“ etc… hervorgehoben.

Und die Schreiber begnügen sich heute als Schreiber-Darsteller, weil das große Warum ihres Schreibens sehr egal geworden ist. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr oder nur noch wenig zu sagen. Der Ausdruck kommt auf den Hund des Selbstausdrucks.
Das bloße Story-Telling der Reporter oder der recherchierenden Schriftsteller wird zunehmend durch die beindruckende Qualität von diversen Film-Reportagen überblendet.
Das beste und sagendste Deutsch spricht heute das Kino, der Taxifahrer und der Nachrichtensprecher. Und die große Literatur-Sprache unserer Tage liest man auf Wikipedia.  Phantasien oder Sprachstörungen liefert die Realität selbst. Dazu braucht man keinen Autor mehr.

Das Besondere bei Yvan Goll: Die beinahe völlige Abwesenheit von  Gentrifikationseffekten…aber hier muss ich dann endlich mal etwas konkreter werden…

Als Kosmosoph darf man nicht wählerisch sein.
Wenn man wählerisch ist, verpasst man zu viel.
Das supermassive schwarze Loch Sagitarius A ist auch nicht wählerisch.
Es wird alles gefressen.
Demzufolge ist man als Kosmosoph auch kein Asket. Das Asketsein
kann man sich als Kosmosoph nicht leisten.
Es wird gefressen, was auf den Tisch kommt.
In jeder Beziehung: Tischdecken, Blumen, Teebeutel, Rotes, Blaues, Grünes, Blondes, Braunes, Kronkorken, Lippenstifte, Haarklammern, Schokoriegel, Bücher, Bier und Rotwein, Kaffee, Hähnchenschenkel etc…
Im Unterschied zum Asketen ist der Athlet kein Energieverächter. Er achtet nur darauf, dass er sie möglichst verlustfrei in Impulse umwandelt. Dabei ist natürlich klar, dass hier die bloße Gefräßigkeit beim Menschen immer auch mit dem ungefräßigen Kuss untersetzt und begleitet bleibt.

Trotzdem darf man als Kosmosoph nur wenig Geschmack und auch wenig Stil ausbilden. Schwarze Löcher haben auch keinen Geschmack. Sie haben nur einen Magen.

Das Alien hier oben hat ein – : Es hat bereits ein Gschmäckle.

Es frißt ganz gewählt nur Menschen und in Alien 4 agiert es auch mal kanibalisch. Aber das ist eben der Punkt. Das Alien hier oben hat im Gegensatz zu einem schwarzen Loch bereits ein Gschmäckle. Es sortiert bereits. Es frisst keine Kabel, keine Pommes, keine Sterne, keine Planeten oder Besen.
Es frisst nur Menschen.
Je mehr Geschmack und Stil oder irgendeine Sortiererei jemand nach Kennerschaften oder dergleichen ausbildet, desto weniger kann so ganz und gar unbedingt, also wirklich unbedingt, bedingungslos, durch den Magen gehen.
Man kann es auch so sagen: Stil und Geschmack und das „Gewählte“ behindert eigentlich das Leben. Wer einen zu stark ausgewählten Geschmack hat, behindert seinen Eros. Weil der durch den Magen geht und nicht durch den Gaumen.
Der Eros nährt, aber er „schmeckt“ nicht.

Deshalb sind auch  „Stile“ oft so wenigsagend
Ebenso  individuelle Töne in der Sprache. Weil
individuelle Töne ganz selbstverständlich immer da sind.
Wem das Ohr empfindlich genug ist, dem muß auch nichts „Raffiniertes“ herbeigefuhrwerkt werden.

Die Apassionata von Beethoven ist nicht „raffiniert“ – sie ist klar. Total klar.

Das Selbe gilt für formale  und Kenner- und Sortier-Anwandlungen.
Das alles führt oft zu Problemen. Formale  Virtuosität
oder Handwerk ist nichts ohne Zuwendung, ohne Beuge, ohne einen echten Gedanken. Und echte Virtuosität kann sich nur aus v o r hergehender Stimmigkeit ergeben. Nie umgekehrt.

Daran hat sich Goethe leider auch schwer verstolpert als Künstler und Forscher.  Er hat zuviel sortiert, zuviel getrennt und geschieden. Viel Energie hat er auf das Sammeln, Trennen und Sortieren verwendet und nur sehr selten auf das Wahrnehmen. Und dabei entging ihm das Wichtigste.

Schon wieder abgelenkt … von meinem eigentlichen Thema…

Klar wirkt hier auch die mephistophelische Gegenthese.

Logischerweise muss sich erstmal einiges in seiner Vielfalt ansammeln, damit aus dem vielfältig Angesammelten irgendwann eine neue Figur sich herausschmeckt. Aber das hat eben nichts mit irgendeinem Faust-Mephisto-Schwachsinn zu tun, auch nicht mit Magie, viel mehr mit Imagniation und dem Gesetz der großen Zahl und der Wahrscheinlichkeit in Häufigkeiten und Verteilungen. Es wäre durchaus Mathematik.

Wenn man einen halbwegs sauber gearbeiteten 6-Augen-Würfel nur 10 mal wirft – und hofft zum Beispiel auf die Zahl 4 – dann erhält man nur eine sehr zufällig wirkende Verteilung der Würfelergebnisse.

Kann sein, die 4 ist dabei oder auch nicht, oder sie ist 5 mal dabei. Es lässt sich hier noch nichts ablesen.

Wirft man diesen Würfel aber 3 Millionen mal – dann ergibt sich für die Zahl 4 IM VERHÄLTNIS/VERGLEICHSPROZESS zu den anderen 5 Zahlen eine Gauss-Normalverteilung, eine Glockenkurve – innerhalb eines ZEIT-ABSCHNITTS – in der DAUER des Würfelns. Das wäre die Häufigkeit.

Wenn ich zum Beispiel zwischen morgens um acht bis Abends um acht drei Millionen mal gewürfelt hätte, dann könnte ich hinterher ungefähr sagen, dass die 4 in etwa so häufig auftritt wie die 2 etc….das heißt: Ich könnte dann ungefähr sagen: Bei diesem 3-Millionen-Würfel-Durchgang kam die 4 im Durchschnitt von 10 Würfen etwa 2,8mal. (über den Daumen gepeilt) Es kann innerhalb der Würfel-Session auch unterdurchschnittliche oder überdurchschnittliche Vorkommnisse der 4 gegeben haben, aber im DURCHSCHNITT der Normalverteilung liegt das Vorkommnis der Zahl 4 etwa bei 2,8 pro 10 Würfen. Das wäre hier sozusagen die Mitte des Haufens innerhalb der Gauss-Glocke.

Daran kann man schon sehen, dass man für diese Aussagen immer die anderen Zahlen braucht. Sonst hat man keinen VERGLEICHS-PROZESS.

Ich kann auch anders verfahren: Ich kann auch 3 Millionen Würfel mit einem Mal, mit einem riesigen Schwung aus einem riesigen Würfelbecher über den Riesentisch werfen und dann die Würfel herauszählen, welche die Zahl 4 zeigen.

Auch dann werde ich ungefähr – im Verhältnis und im VER-GLEICHSPROZESS eine Gauss-Normal-Ver-Teilung erhalten – in der VERTEILUNG. Ich könnte dann sagen: Im DURCHSCHNITT oder NORMALER WEISE liegen auf einer Fläche von 1 Quadratmeter in etwa 7 Würfel herum, welche die Zahl 4 zeigen. Aber auch hierfür brauche ich die anderen Zahlen. Sonst gäbe es ja kein VERGLEICHS-PROZESS.

Hier erkennt man, dass Wahrscheinlichkeit immer auf BE-WEGUNG in einem ZEIT-RAUM angewiesen ist. Es handelt sich um DICHTEN. Verteilungen und Häufigkeiten sind DICHTEN…das heißt: Ver-Dichtungen – Dichtungen – Lichtungen.

Wenn ich das Ganze nun mit einer noch größeren Zahl, zum Beispiel mit 80 Trillionen mal Würfeln oder mit 80 Trilliarden Würfeln wiederholen täte, zum Beispiel mit diversen Molekülen, Kohlenstoff, Aminosäuren, und Phosphorketten, dann WÜRDE mein Verteilungswert und meine Aussage über die Verteilung immer FESTER und immer FESTER…immer SCHÄRFER und SICHERER und DICHTER und KLARER. Die Gauss-Normalveteilung WÜRDE sich immer DEUTLICHER und SCHÄRFER abzeichnen. Und zwar deshalb, weil ich irgendwann eine ganze RUNDE der Verteilung sozusagen RUND gemacht hätte. Aber das All lässt sich nicht auf totale Geschlossenheit ERPRESSEN. Und deshalb wird auch nichts ganz und gar rund, geschlossen RUND. Weil sich das All nicht erpressen lässt, wäre das der Moment, wo die Glockenkurve der abstrakten Normalverteilung plötzlich als Sinuswelle erscheint und sich in eine schöne SCHLANGE verwandelt – in die DNA. Das ganze Würfeln bricht in eine neue Reflexionsmenge aus. Oder ander gesagt: Dem Baum wächst ein neuer Jahresring.

Das passiert auch im Innern der Sterne. Auch zur „Kernfusion“ kommt man nur über die Wahrscheinlichkeit von Verteilung oder mittels einer Erpressung von Häufigeiten zu Verteilungs-DICHTEN. Zwar sprechen die Physiker von „Kernen“ – die verschmelzen – tatsächlich hat aber noch niemand irgendwelche „Kerne“ real an-gesehen, die „verschmelzen“.
Tatsächlich ist „Verschmelzung“ und die dabei frei werdende SCHLANGE als elektromagnetische Welle nichts anderes als die Tatsache, dass das All—SICH—- nicht erpressen lässt.
Auch die Bezeichnung des „Wasserstoffs“ als „leichtestes“ Element erscheint relativ willkürlich, wenn man etwas profaner denkt und Wasserstoff einfach als einen ZEIT-RAUM betrachtet, der zunächst am wenigsten dicht ist. Deshalb beginnt die Fusion zuerst und am „leichtesten“ mit dem Zeit-Raum „Wasserstoff.“ Elemente sind verhältnismäßig verdichtete Zeiträume.

SICH_LICHT_SICHT_NICHT_DICHT! SPRICH! WICHT!

(Hier kann man kurz einschieben, dass es, philosophisch betrachtet, völlig unnötig ist, von getrennten oder vereinten Kräften des Universums zu sprechen, indem man sich etwa über elektrische oder magnetische Felder getrennt wundert, über die schwache oder starke Wechselwirkung getrennt wundert, oder darüber, dass Holz nicht magnetisch sein kann, Eisen aber schon…

…treffender wäre hier die Aussage: Holz ist verhältnismäßig weniger magnetisierbar als Eisen. Auch die Magnetisierbarkeit von Eisen kann man nur wieder erkennen im VERGLEICH und in einem PROZESS des VERGLEICHS mit anderen Elementen oder Feldern. Zum Beipiel Holz. Deshalb kann man logischerweise auch nicht genau sagen, wo genau ein Magnetfeld eigentlich genau aufhört oder wo es genau anfängt.
Auch ein Magnetfeld hat nur eine Verteilungsdichte und eine verhältnismäßige Felddichte, die im Vergleichs-Prozess zu den Rändern hin infinitisimal ausläuft. Aber niemand kann den Rand eines Magentfelds genau aufzeigen.

Man kann auch nicht genau sagen, wann genau und wo genau die Kernfusion bei einem Stern beginnt.

Die Kernfusion im Innern von Sternen ist eine große Erpressung innerhalb einer Wahrscheinlichkeit von Verteilung.

Die „Kernfusion“ ist eine Antwort der Wahrscheinlichkeit, die auf ihre DICHTE hin verdichtet oder „befragt“ oder Be-SICHTIGT wird.

So – wie man SICH auch die Frage stellen kann: Wer oder was redet eigentlich wenn man vom UNSICHTBAREN spricht?

Was – bitte schön – ist denn überhaupt UNSICHTBAR?
Das Unsichtbare kann nicht unsichtbar sein. Denn es muss ja „gesehen“ werden.
Sonst könnte ich es ja nicht als unsichtbar ansprechen.

Und woher weiß ich von der „Trennung“ zwischen „Bosonen“ und „Fermionen“-?

Haben mir die Fermionen mitgeteilt, dass sie von den Bosonen getrennt sind?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass ich diese „Trennung“ – AN-GESEHEN habe?

Was ist mit der SICHT, die man braucht, um von „Fermionen“ und „Bosonen“
überhaupt getrennt zu sprechen?

Fragen über Fragen. (Die sich auch John A. Wheeler schon gestellt hatte..)

Habe nun, auch…. und bin klüger als zuvor…

weiter im Text: „Gefangen im Kreise“ – von Yvan Goll…

Etwas, das wirklich – ein wenig magisch ist, sieht so aus:

Es ist doch schon erstaunlich, wie das Zahlensystem der Maya die Null bereits kennt und diese Null mit etwas vorstellt, das einer Muschel ähnelt, einem Ei oder einer kleinen Insektenpuppe.

Die Null in der Mathematik ist eigentlich das „Sich“ des ER-ZÄHLERS, des Mathematikers.
Die Null repräsentiert den Zeitort des Bewusstseins im „Sich“.
Das wäre der Zeitort des Aufgehenden. Eine Muschel geht auf und eine Puppe auch. Die Null als Muschel dargestellt ist das innere Außen oder das äußere Innen.
Deshalb ist es doch ganz klar, dass die Null oder die Muschel der Maya der Zeitort ist, in dem die Natur „im Menschen“ ihr Auge aufschlägt. (Schelling)

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Insofern wäre die Null in der Mathematik immer nur der Zeit-Ort, an dem man an-fängt mit dem ER-Zählen. Eine Muschel, die im Wasser liegt, öffnet sich, um kleines Plankton aus dem Wasser herauszufiltern. Dafür muss sie das Wasser durch „SICH“ hindurchlassen. Sie – fängt – das Plankton an. Sie  – fängt –  an, zu ER-zählen.

Das Sich-Umdrehen hat den Effekt, dass die gesamte literarische und philosophische Schriftproduktion der letzten 50Jahre in den Stern hineinfällt.
Die Sprache kehrt in die Quelle zurück – nach einem Durchlauf. Denn Sprache kommt aus dem Gespräch.

Das alles passiert ganz leicht. In großer Lockerheit und Entspannung. Der Vorgang selbst hat nichts mit Arbeit oder Kraft oder Leistung zu tun, nichts mit einem Wollen, dafür mit einem großen Weg-Lassen. Aber das Weg-Lassen ist eben die Kunst  – und auch wieder keine Kunst.

Jedes Kind weiß, wie Sprache funktioniert, wie das Weg-Lassen funktioniert: Der Mund muss werden geöffnet.

Und was die Literatur und die Philosophie betrifft:

Gähnen hilft.

Goethes Pudel kriegt ein schönes Halsband mit Edelsteinen,
die drehen SICH und glitzern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mai 2015

Immer mal wieder die Frage: Woher kommen Lyrik und Gedichte?
Eine lange Zeit dachte ich, sie seien dazu da, eine Nachricht, eine Erzählung, ein Geschehnis oder ein Botschaft auf besonders schöne Art zu verpacken.

Oder vielleicht auch deshalb, weil sich das Versmaß besser musikalisieren lässt. Tatsächlich waren es früher ja die fahrenden Sänger und Vaganten, die über das Land und durch Ortschaften zogen und the latest News als so eine Art lebendiges Radio verbreiteten.
Dafür gab man ihnen zu Essen und zu Trinken oder…wenn die Nachrichten, die verbreitet wurden, unangenehm waren, auch schon mal einen Arschtritt. Das stimmt – einerseits.

Andererseits mussten Geschichten „von Früher“ als gemeinschaftsbildendes Identifikationsangebot (Mythos) auch irgendwie fest verpackt werden, damit sie unterwegs nicht zerkrümeln. Ein Versmaß als Form ist auch eine Art, ein Paket fest zu schnüren, damit es von Ohr zu Ohr gehen kann, ohne dass etwas verloren geht.
Das Versmaß gibt einer Mitteilung eine gewisse Festigkeit und Struktur in Fügung und Fuge; das Versmaß umschnürt die Semantik wie eine Paketschnur.
Oder besser: Es gibt eine Kette vor, auf der sich die Perlen der Aussage reihen können. Und drittens waren Rhythmus und Klang, das Schwappen, die Wellen des Auf und Ab in der Prosodie, eine Erinnerung an das „Flüssige“ als das Medium, das für Überlieferung sorgt.

Gereimtes und Musikalisiertes  in der Sprache „rutscht besser durch“ und wenn es gültige Gedanken transportiert, behält man es länger im Gedächtnis.

Klang und Versmaße in den Hebungen und Senkungen der Wellen.
Das alles war richtig, wichtig und absolut einsehbar – besonders in stark oder aussschließlich mündlich und rituell geprägten Kulturen.

Aber schon mit der Erfindung der Schrift, die eine sehr späte Erfindung ist, gemessen an den Jahrtausenden ohne Schrift, gerät die Notwendigkeit des klanglich organisierten Versmaßes unter Beweiszwang.

Denn Papier und Tinte sind bereits ein Medium der Techné und der Überlieferung in etwas Festem. Das beginnt bei Runen in Holz, dem gemeißelten Stein, der sonnengebrannten Tontafel, oder dem Papyros. Erst mit der Erfindung der Schrift konnten Texte zu etwas „Erlesenem“ werden.

Trotzdem gäbe es hier noch ein fürsprechendes Argument für das Versmaß, weil das Schreiben und Aufschreiben, gegebenenfalls das Einmeißeln von Texten eine aufwendige Sache ist. Und hier kommt eine weitere Eigenschaft des Versmaßes zum Tragen: Die Verdichtung. Ein Schreiber, der eine Nachricht oder eine Chronik in einen Stein meißeln muss, wird sich sehr genau überlegen, wie knapp und wie kurz er sich fassen kann. Und hier an dieser Stelle entsteht das Ge-Dicht. Das Gedicht hat – im Gegensatz zur Lyrik – den ganz pragmatischen Sinn der Verknappung. Ein Schreiber ist viel zu bequem, lange Ausschweifungen in den Stein zu meißeln. Und er muss auch seine Kräfte schonen. Er hat nicht ewig Zeit. Also überlegt er genau, wie kurz und wie knapp er etwas „fassen“ kann. (greifen kann, auf den Begriff bringen kann)
Deshalb ist das Gedicht nicht zwingend musikalisch, sondern dicht.

Aber daran erkennt man schon, dass Lyrik und Dichtung aus ganz pragmatischen Notwendigkeiten heraus sich entwickelten.
Sie tragen zunächst eine ganz technisch pragmatische Begründung in sich – die nichts mit Künstlerquatsch im heutigen Sinne zu tun hat.

Heute sind die Wellen der Überlieferung (die Hebungen und Senkungen) elektromagnetisch und die technischen Medien der Aufbewahrung und Überlieferung ebenfalls. Demzufolge steht die Notwendigkeit der alten überlieferten Versmaße unter Beweiszwang, wenn sie nicht Kitschismus und schlechter Klassizismus sein möchte.

Seit dem elektromagnetischen Zeitalter, insbesondere nach Einstein ist jede Art des „Dichtertums“ Kitsch, wenn dieses Dichtertum sich nicht denkend und sagend zur „Techné“ – heute: zum Elektromagnetismus nach Maxwell und Einstein – in ein bewusstes Verhältnis setzt.

Schwierig zu beantworten bleibt die Frage, ob Kleists letztes Kapitel bedeutet, dass es keine literarische Kunst im herkömmlich gedachten Sinne mehr geben kann. Man sucht und sucht und sucht unter zeitgenössischen Lyrikern und Schriftstellern und findet nichts oder nur noch Krims-Krams.

Dabei käme ja die Überlegung in Betracht, ob es für den heutigen Schreiber eine Aussicht auf ein Morgen oder Übermorgen gibt, an denen sich das Licht seines Leuchtturms für den zukünftigen Leser erst offenbart. So, wie man es es bisher aus hermeneutischen Gründen gewohnt war.
Also bleibt die Illusion, es gäbe immer irgendwo eine dunkle Größe, deren wahre Bedeutung erst in 200 Jahren aufleuchtet.
Wahrscheinlich wird es so ein Interesse einmal geben, denn Menschen interessieren sich für alles, auch für den Kompost.

Andererseits: „Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur.“
(Heiner Müller.) Ich denke, Heiner Müller hatte darin Recht. Es war aus und vorbei mit der Literatur. Deshalb hatte er –  sehr spät –  die Physik im Augenwinkel. Für seine Verhältnisse zu spät.

Nietzsche glaubte, die schwachbegabten künstlerischen Naturen dort zu erkennen, wo sie auf das Vergangene zeigen und sagen: Seht! Alles Große war immer schon da! Es kann nichts mehr hinzukommen!
„Früher war alles besser“ galt immer als Bemerkung von „Ewig-Gestrigen“.
Die schwach- künstlerische Natur wäre nach Nietzsche demnach jemand, der sich immer schon von den großen Kunst-Werken der Vergangenehit einschüchtern lässt und selbst nichts mehr auf die Reihe kriegt, weil er sich selbst gegenüber diesen Vergangenheiten als zu schwach und klein empfinden muss. Er wäre nach Nietzsche der „Nichtvergessenkönnende“ der kaum mehr wagt, den „eigenen Finger zu heben“.
Aber das ist natürlich Quatsch. Denn das Eindringen in und das Verstehen von Kunstvergangenheiten gibt ja erst die Maßstäbe für ein Messen.
Und je mehr man verstehend und sich einfühlend in diese Vergangenheiten vordringt, desto näher rücken sie dem menschlichen Maß.
So erkennt man zum Beispiel irgendwann auch, warum Nietzsche selbst im Vergleich mit Kleist, Novalis oder Adam Müller mickrig wird. Allerdings erfordert diese Messbewegung Arbeit, Interesse und Dauer.

…natürlich weiß man, dass Max Frisch für die erzählende Prosa in entwickelten Gesellschaften im 20igsten Jahrhundert der Endpunkt war.  Alles, was heute von Biografien in Spiegelungen, Möglichkeiten, Fiktionen, Verstellungen und Wendungen redet, oder von Blindheit und Blendung in Kunst, Biografie und Leben oder in Beziehungen von Mann und Frau im Spannungsfeld der technologischen Moderne, ist immer schon die 25igste Kopie nach Max Frisch und die 80igste Paraphrase nach Arthur Schnitzler.

Und natürlich hatte Robert Musil – wie man so schön sagt – den Sack zugemacht in Bezug auf die Möglichkeit, Genauigkeit und Seele, Physik und Gefühl mit rein literarischen Mitteln abzuhandeln.  Alles, was auf diesem Feld nach Musil kam, musste schwächer sein. Und natürlich hatte Stanislav Lem den Sack zugemacht für die phantastische Literatur. Was nach Lem sonst noch gedruckt wurde, war immer schon dümmer als das bedruckte Papier und die Tinte dazu. Und natürlich ist alle Installationskunst im Environment heute ein schwacher Abglanz nach Beuys.
Und natürlich war Thomas Bernhardt der letzte große und endgültige Artikulateur gegen jedwedes Künstlerizitäts-Getue  im 20igsten Jahrhundert. Und natürlich war Samuel Beckett der endgültige Tod aller Illusionen vom Denker auf der Bühne.
Und natürlich bleiben vom 20igsten Jahrhundert bis in das Jahr 2015 hinein genau 4 Namen in der deutschen Dichtung übrig: Rilke, Yvan Goll, Paul Celan, Uwe Greßmann. Der Rest ist Krims-Krams oder Künstlerschal-Pose.
Und natürlich weiß jeder, der sich ein bisschen mit den gedanklich/poetischen Prozessen auskennt, dass die Büchnerpreise und Hölderlinpreise und Kleistpreise und Messepreise in den letzten 40 Jahren lediglich verlegene Geräuschemacherei innerhalb eines mittleren Rauschens waren, das nichts aber auch garnichts mehr hinzutat…außer irgendein situationsopportunistisches Platzhaltertum von Literarizitäts-Blödsinn.

…und natürlich weiß man längst, was die eigentliche Errungenschaft des Tonfilms war. Die Errungenschaft des Tonfilms sind nicht die bewegten Bilder, auch nicht der Ton. Die Errungenschaft des Tonfilms ist das Schweigen, dass nur im Tonfilm hörbar werden kann. Darin ist er der Literatur ewig überlegen. Dort, wo im Tonfilm das Gespräch aussetzt und das Geräusch verstummt – dort erscheint das große AUF-HÖREN im dauernden Strom der Bilder…

….aber diese riesenhaft erscheinende Größe von großen Kunstwerken der Vergangenheit schüchtert nur so lange ein, solange man sich selbst nicht in die messende Bewegung hinein begibt.

Es ist deshalb Ansporn und Gewinn, für diese Messbewegung nach Kunstwerken und Vorgängern zu suchen, von denen der erste Impuls sagt: Das kannst du nicht. Die sind ewig besser als du. Es sind ewige Riesen…
So ist auch das Dichter-sein-wollen oder das Künstler-sein-wollen ein ständiges Messen mit Überlieferungen.
Man kann eigentlich nie genug nach solchen Riesen suchen, weil sich daran die Wahrnehmung schärft wie ein Messer. Mit diesem Messer geht man dann in den Wettstreit. Ein Wettstreit nicht unter Feinden, sondern vor allem mit sich selbst sowie unter ebenbürtigen Teil-Nehmern. Hier geht es um etwas anderes, das mehr meint als das schlappe Vorzeigen von Bildungspräziosen,  touristischer Zitatehuberei für die Gymnasialstufe in der hintersten Sitzreihe oder das Abzählen von Hebungen und Senkungen an den eigenen Wurstfingern.

Der Wettstreit stellt den Dichter vor die Frage: Möchtest du ein Fließbandproduzent von Lyrik sein, das heißt: Ein Wolkenmacher und Kringelmacher, der sein bisschen Talent daran verschwendet, das fünfundreißigste Löckchen in die vierundreissigste Locke zu kringeln?
Der Lexikon-Wissen zerknüllt und dann halbdumm verklausuliert in einem schlechten Formenkrampf den beflissenen „Interpretateuren“ übergibt?
Oder möchtest du erfahren, was Kunst, was Dichtung einmal war, was Sprache kann und wozu sie erfunden wurde? Dann messe dich mit den Riesen.
Wer Dichter sein will, muss sich mit Riesen messen, deren Riesigkeit nicht die Riesigkeit von Über-Riesen ist, sondern die Riesigkeit des menschlichen Maßes.
Dieses menschliche Maß hat Größen. Die Größen heißen Neugier, Wissensdurst, Welt, Gedanke, Form statt Förmlichkeit, Fragen, Einfühlung, Auseinander-Nehmen, Zusammen-Setzen…aber sie heißen nicht „Ich bin Dichter“, sie heißen nicht „Ich bin Künstler“, und sie heißen auch nicht „Ich bin Schriftsteller.“

Das Tragik-Komische der Dichtungs-Situation im Jahr 2015 ist, dass man keine Größen mehr findet, mit denen man sich messen kann, an denen man wachsen kann, man findet nur noch Belesenheitskitsch, weil man einsehen muss, wie die letzten 40 oder 50 Jahre Literaturproduktion in Deutschland  – wie es auf berlinisch heißt – für den Arsch waren.

Eine letzte echte Größe der Dichtung war – neben Uwe Greßmann
auch Yvan Goll.

Messen und Vergleichen..

Yvan Golls Gedicht ist ein Hundert-Karat-Diamant, gegen den die
Hervorbringungen der letzten 20 bis 40 Büchnerpreisträger (der arme Büchner) oder Hölderlinpreisträger (der arme Hölderlin) als Plastik-Strass kenntlich werden.

*

DIE MAGISCHEN KREISE  (von Yvan Goll)

Gefangen im Kreise meines Gestirns
Mich drehend mit dem Rad das sich in meinem Herzen dreht
Und dem Mühlstein des Weltalls der das Korn der Zeit mahlt

Gefangen im Kreis des Widders
Dessen Horn die geheime Stimme verbirgt
Vernehmbar und niemals vernommen

Wie denn entrinnen dem tönenden Gong dem Quarz der Nächte
Wie entrinnen der Arena in der der Stier
Sich mit seinem Schatten trifft

Rien ne va plus: Croupier des Zodiaks
Oder Derwisch der die Gebetmühle dreht
In dein blaues Aug Lilith wie durch einen azurnen Reif
Wage ich den Todessprung

Und steige hinab zum Scharnier deines Blutes
Ich steige hinab der Jahrhunderte endlose Treppe
Oder steig ich hinauf auf die Leiter des Spieles
Die von Engelsflügeln umgeben ist?

Ich baute einen Turm
Das vertikale I Denkmal aus Sand des Ichs
Schneller verwelkt als Rohr
Ich baute die Pyramide um in ihr die Mumie eines Insekts zu begraben

Ich bewohnte das Sechseck aus Schnee das Pentagramm der Anemone
Ich berechnete das Viereck des Würfels
Die Festung um den Engel zu gewinnen
In einem Schlaf aus Elfenbein einem Schlaf ohne Lider

Wehe der Dämon meines Würfels
Durchbohrt mich mit seinen zweiundzwanzig schwarzen Augen
Vogelaugen Schlagenaugen Augen von Frauen
Verwickeln mich in neue Kreise
Kreise von Geiern drehen sich über meinem Leben
Spiralen von Spirillen ziehen die 6 meines Todes
Aller Feuer Augen öffnen sich schließen sich

Tief in mir sehr fern summt leise der alte Mann:
„Wer ist dieser goldene Drache der in den Lüften fliegt
Und den Strauß der Kometen nicht verrückt?

Wer ist dieser Adler der seine Eier brütet
In den vom Blitz gefällten Baum
Und dessen Junge vom Neumond trinken?

Wer ist diese Gestalt die am Rand des Rades läuft
Den Berg erklimmt und hinabstürzt
In die Tiefe ihres Grabes?“

Weder sie noch ich erwarten die Antwort
Der Wind des Sternengewölbes zerstört mein Gedächtnis
Alle abgenutzten Schlüssel versuch ich um den Kreis aufzubrechen

Wie Anker senke ich die Buchstaben des Alphabets
In das Vergessen ich pflanze die Wurzeln der Worte
In die Furchen meiner Stirn

Ich züchte den magischen Rosenhain
Die Windrose die Rose des Sandes
Und wenn ich den Engelssprung in den Spiegel wage

Rinnend tausend neue Kreise zum Rande der Welt
Wer aber ist diese Göttin gepaart mit den Armreifen des Saturn
Was für eine Kraft ist’s die die Ellipsen peitscht?

*

*

Feuilleton Juli 2015: Preisvergaben. Es muss ja irgendwie weitergehen….

Rainald Goetz hat jetzt doch noch den Büchnerpreis bekommen. Das ist in Ordnung so….aber in der Spätheit extrem peinlich.
…es ist schon deshalb in Ordnung, weil Goetz immer ein geistesgegenwärtig suchender und fragender Schreiber blieb. Aber nie stand er für diese oberpeinliche Art von „Dichter“ oder Schriftsteller.
Und der Preis geht auch in Ordnung, weil im plötzlich aufgeschreckt flatternden Feuillebeton einige Figuren als besonders peinlich in Erscheinung treten. So zum Beispiel Volker Weidermann, der Goetz noch vor 3 Jahren als Dorfschreiber und Giftzwerg bezeichnet hatte und sich jetzt garnicht mehr einkriegt in einer wirklich DDR-parteitaghaften Lobhudelei.
Wieviel DDRizität steckt eigentlich in den gegenwärtigen Schrift- und Literatur-Diskursen…

…wenn damals zu DDR- Zeiten vom Politbüro oder dem ZK der SED sogenannte indirekte „Signale“ oder Direktiven zur „Bewertung“ eines Autors ausgegeben wurden, (übersetzt: Rainald Goetz erhält den DDR-Nationalpreis 1. Klasse) dann hatten die mittleren Funktionäre auf Kreis-und Bezirks-Ebene danach ebenfalls ihre Fähnchen auf den Schreibtischen auszurichten.

…natürlich kann einer auch innerhalb von drei Jahren seine Meinung ändern, aber von so einem Prozess ist bei Weidermann nichts zu hören. Er schreibt seine Goetz-Parteitag-Jubel-Hymne so,  als wäre er immer schon und seit Jahren der allergrößte Verehrer, ach was….der entschiedenste Sprachleibwächter von Goetz gewesen.

Auch das ist ein Teil der „bundesdeutschen“ Literaturgeschichte, der man im Fall von Rainald Goetz eine immer noch obwirkende DDRizität  anmerkt.

Sind die Zeitungsredakteure und Literaturkritiker heute alle so etwas wie
grauhaarige FDJ-Funktionäre, die ihr Meinen nach Politbüro-Direktiven oder irgendwelchen gerade anliegenden Winden ausrichten?  Trotzdem: Büchner für Goetz finde ich in Ordnung.

Aber der Kleist-Preis?
Was eine Monika Rinck, die auf intellektuellem Handtäschchen-Niveau ihre selbstgebatikte Batik-Kurs-Lyrik schon in der Stimmlage mit einem –Oh-ich-Dichterin-oh-ich-kreative-Künstlerin-Quatsch in Mikrophone hineinquält, mit Heinrich von Kleist oder dem Kleistpreis zu tun haben soll, bleibt mir rätselhaft.

….

Zu einem kleinen Sport könnte werden, vorrauszusagen, welche Art von Rede Goetz bei der Entgegennahme des Büchnerpreises halten wird. Ganz sicher ausgeschlossen ist eine Rede, die sich direkt auf Büchner bezieht. Da gibt es so gut wie nichts mehr zu holen.

Ebenfalls nicht annehmbar für ihn ist die Rolle des pöbelnden enfant terrible, dafür ist er zu reif. Den  jungen Wilden, zumal er ja nicht mehr jung ist, nimmt man ihn nicht mehr ab. Außerdem wäre im Jahre 2015 eine Pöbelrede ala Thomas Brasch einfach sehr sehr uncool.
Andererseits denkt er vielleicht, dass GENAU DAS alle denken werden, und deshalb wird er JETZT EXTRA noch einmmal all die bekloppten TITEL_THESEN_TEMPERAMENTE_SCHWACHMATEN in der Akademie beschimpfen.
Vor allem die, die glauben, dass sich an der damals von Goetz diagnostizierten BEKLOPPTHEIT und der totalen HIRNTOTHEIT der KUNST-UND-KULTUR-VERTEIDIGER auch nur im geringsten etwas geändert hätte.

…naja, auch das wird er eher nicht tun.

Denn mittlerweile gibt es in bei uns Professuren für Rock-und Pop-Vitalität. Das Gitarrenzerkloppen und das Stühle-Werfen ist wahrscheinlich schon Lehrstoff an Universitäten. Deshalb langweilig.
Deshalb ist auch eine solche JETZT-EXTRA-NOCHMAL-Reaktion nicht zu erwarten.

Trotzdem weiß er, dass er mit der Entgegennahme dem Büchner-Preis jetzt seine  500 Watt-Lampe einschraubt und damit den Büchnerpreis sehr viel heller erstrahlen lässt, als er in Wirklichkeit scheint, weil hier im Normalfall nur Dekolichter und Teekerzen mit dem Preis bedacht wurden. Jedenfalls nach Heiner Müller.

Goetz braucht den Büchnerpreis nicht, aber der Büchnerpreis, der längst auf der Intensivstation liegt, braucht Goetz als Not-Infusion. Oder Notstromaggregat.

Das gute und absolut echte Rainald-Goetz-Marken-Blut fließt jetzt mit der Büchner-Preis-In-Fusion direkt unter die Schädeldecke von Durs Grünbein und  Frau Levitscharow.  Da bekenne ich jetzt ganz offen: Abgesehen von gesundheitsbehördlichen und epidemologischen Bedenken bin ich ein wenig mißtrauisch. Der Büchnerpreis wird jetzt mit dem absolut echten Copyright-Markenblut von Rainald Goetz gelabelt, vitalisiert, er wird echt lebendig.
Ist das Vampirismus? Sind die Preisverleiher vielleicht ein Haufen Vampire, die immer mal wieder echtes Blut brauchen?
Ich werde meine ungarische Künstler-Freundin fragen, ob sie Rainald Goetz nicht im Rahmen eines Kunstwerks zu einer öffentlichen Blutspende-Aktion direkt im Gebäude der Akademie überreden kann, um hier künstlerisch symbolisch ein Zeichen zu setzen im Sinne eines caritativen Hilfs-Gedankens.
Der kleine rote Plastikbeutel wird dann mit echtem Goetz-Copyright auf e-Bay meistbietend versteigert. Die Einnahmen fließen in einen neuen Fond, der das Preisgeld des Büchnerpreises noch einmal um das Dreifache erhöht und von einer Blutbank verwaltet wird.

…neulich mir die Frage gestellt, zu welchen Anlässen man die Musik von Jocelyn Pook hören könnte, zu welcher Tageszeit, in welcher Jahreszeit, was könnte sie begleiten? Vielleicht als Vorspann zu einer heiter besinnlichen Diskussionsrunde mit heiter besinnlichen Menschen..

Zu den am wenigsten verdauten Problemen der Sprachphilosophie gehört die Tatsache, dass die Metapher kein Gefäß ist, das man baut, damit „der Dichter“ ETWAS darin übertragen kann. Die eigentliche Dimension der Metapher zeigt sich darin, dass sie uns in unserer Gesamtheit ebenso  einschließt als auch aufschließt. Deshalb war Dichtung bisher immer dann Kitsch, wenn sie Metaphern wie ein Ziergeschirr „vor sich hertrug“.

In Wirklichkeit ist die Metapher selbst ein Mund, der sich öffnet, um den Menschen in die Welt zu gebären. Ungefähr so:

Gestatten, Matrjoschka ist mein Name.
Ich bin eine Metapher.
Gestatten, Metapher ist mein Name.
Ich bin eine Matrjoschka.

eine Puppe nach der andern öffnet
SICH als letzte Puppe unser Sarg.

Deshalb stellt sich heute immer wieder die Frage, wie man den echten Textdiamanten von dem riesigen Haufen Plastikstrasslyrik und der Katzensilberprosa abgrenzen und unterscheiden kann.

Diese Textdiamanten wären sozusagen das feste Skelett der Leiche Literatur. Das hilft auch im Selbst-Test den eigenen Texten. Weil Diamanten von Natur aus einen langen Geltungswert haben und nicht so schnell zerfallen.

Damit kann man das Bild der Leiche Dichtung verlassen und in einen mineralistischen Vergleich überwechseln.

Die Schriftgeschichte ist eine riesige funkelnde Kiste. Der Juwelier schüttet sie aus und schiebt sich die U(h)rmacherlupe vors Auge. Zunächst darf man auch hier anerkennen, dass Imitate und Billig-Strass in Literatur, Lyrik und Dichtung nichts Schlechtes sind.
Man braucht diese Imitate als Vergleich zur Schatz-Suche und zum Erkennen der Diamanten. Wenn alles nur echter Diamant wäre, gäbe es keinen Anlass zur Suche. Das betrifft auch die eigenen Texte.

Jeder Schreiber weiß, dass er eigentlich sein ganzes Leben lang nur Scheiße schreibt. Das gilt auch und besonders für sogenannte Dichter oder Künstler. Oder wie man es noch in Schallplattenzeiten gesagt hätte: Man produziert B-Seiten. Die Masse der Bücher und Texte in den Buchhandlungen oder im eigenen Regal sind Müll.
Man hofft allerdings, in diesem Müll, der immer auch der eigene Müll ist, die Diamanten herauszufischen.

Fraglos sind alle Texte echte Diamanten, die von Forschern und Fragern und Suchern kommen, welche sich nicht als Künstler oder Dichter verstehen. Also Texte von Physikern, Geologen, Anthropologen, Astrophysikern, Ozeanografen, Wikipedia… etc…..ebenso Texte von Historikern oder Biografen. Diese Texte sind Berichte und Erfahrungen der Suche und der Entdeckerlust – als faktisches Sprechen bergen sie Realität in sich als Fähe des Eindrucks und des Ausdrucks.
Sie BEUGEN sich einer Frage, einer echten Suche. Dazu kommen natürlich noch alle Gebrauchstexte wie Türschilder, Warenanpreisungen, Telefonverzeichnisse, Speisekarten, Gebrauchsanweisungen etc…

Sehr kritisch verhält es sich dagegen mit Texten, die von sogenannten Dichtern
kommen oder auch von Berufsschriftstellern. Weil diese Gruppe zu den Kunstwollern gehört. Und wo Kunst gewollt wird, besteht die Neigung
zum Künstlerizitätskünstlichkeitskitsch, der einen Text letztlich als Imitat kenntlich macht.

Juweliere geben zur ersten Abgrenzung echter Diamanten von künstlichen Imitaten, folgende Kurztests an:

Wärmeleitung
Bei Berührung fühlen sich echte Diamanten kälter an als andere Materialien. Beim Anfassen muss sich der echte Stein dagegen sehr schnell erwärmen. Zirkonia-Imitate leiten Wärme besonders schlecht.

Bezogen auf Texte: Einem echten Gedicht, das kein Imitat ist, liegt Denken, Wahrnehmung und Weltbezug in 1 Gedanken oder 1 fragenden Suche zu Grunde (nicht 10 Gedanken auf einmal) – ein Gedanke, dem sich der Autor selbst unterwirft. Der Autor nimmt sich selbst so stark zurück, dass er die Wärmeleitfähigkeit seines Textes nicht behindert.

Bei einem Dichtungs-Imitiat steht zumeist der Dichter als „Sprach-Artist“ im Vordergrund. Oder jede Menge „Gefühle“. Das fühlt sich am Anfang zwar wärmer, näher und spektakulärer an, aber es behindert die Wärmeleitfähigkeit des Textes. Also ist es ein schlechter Text, ein Imitat. Außerdem kann man davon ausgehen, dass ein echtes Gedicht nicht „von“ Gefühlen spricht oder „über“ Emotionen. Entweder ein Text ist emotional, dann merkt man das, oder er leitet Emotionen durch sich hindurch. Ebenso wenig spricht er „über“ Wärme oder „über“ „Kälte“, sondern all diese Inhalte ergeben sich indirekt aus dem Kontext oder sie werden durch ihn hindurch geleitet.

Ein gutes Beispiel Ovid: Bei Ovid liegt 1 ganz klarer Gedanke vor, der sogar schon im Titel „Metamorphosen“ gespoilert wird, wie man heute sagen würde.
Bei Ovid wird nichts versteckt oder „verklausuliert.“
Er bleibt immer ganz klar bei seinem Thema.

Ebenso Proust: Der Titel spoilert: „Auf der Suche nach der verlorenenen Zeit.“ Und er bleibt dabei. Bei Proust geht es nicht um Menschen, nicht um schöne Landschaften in Frankreich, es geht ihm auch nicht um franzosenhafte Franzosenhaftigkeit. Es geht auch nicht um Liebesbeziehungen.
Proust erzählt von Verhältnissen zur Zeit und von Wahrnehmung. Punkt.

Der deutsche Literaturliebhaber heute aber liest „seinen Proust“ wie einen großen Ausstattungsfilm. Er ließt ihn „genießend“ auf „Schönheit“ oder auf „Raffinesse“

Proust ist aber nicht raffiniert, sondern im Sinne einer Forschung suchend und KLAR.

Lichtbrechung
Zeichnen Sie einen dünnen Strich auf ein weißes Blatt Papier. Legen Sie den Diamanten mit der “Tafel” (der flachen Stelle des geschliffenen Steins) auf den Strich. Der Strich ist beim Blick durch einen echten Diamanten nicht zu sehen. Bei einer Zirkonia-Imitation wird man ihn, vermutlich etwas gekrümmt, wahrnehmen können.

Bezogen auf Texte: Ein echtes Stück Dichtung ist immer ganz klar, transparent, und durchsichtig, niemals verklausuliert, aber es ist nicht einfach „durchschaubar“.

Bei einem Imitat sieht man den „Vorsatz“ des Schreibers.
Das heißt: Man schaut hindurch und erkennt: Hier zeigt er mir seine angelesenen „Bildungspräziosen“, Hier zeigt er mir „formale Könnerschaft“, Hier zeigt er mir seinen „persönlichen Zeitgeist.“ Hier zeigt er mir „Gefühle“ All das zeigt sich beim „Durchschauen“ lediglich etwas „gekrümmt“.

Anhauchen
Hauchen Sie den Stein an. Bei Diamanten muss der Beschlag (Wasserdampf) schnell wieder verschwinden. Bei anderen Materialien hält er sich länger auf dem Material.

Bezogen auf Texte: Das hat indirekt auch mit der Wärmeleitung zu tun.
Ein gut gearbeiteter Text bleibt souverän gegenüber dem Anhauch einer „Leserperspektive“ Jeder Versuch, einem echten Text durch das Hinein-Interpretieren von „Lesarten“ noch „eins draufzusetzen“ verschwindet schnell wieder, und der Diamant zeigt sich unbeschlagen, so wie er ist. Ein Diamant ist klar, aber dicht.

Bei Lyriksimulationen oder Textimitaten bieten sich immer jede Menge Interpretationen an, die als Lesarten „für Diskussionsstoff“ sorgen.
Je schlechter und undichter das Textimitat, desto mehr kann man „hineininterpretieren“. Das Textimitat nimmt die Eintrübung durch den Anhauch von Interpretation und Leser-Perspektive immer gerne an.
Vielseitig interpretierbare Texte sind schlechte Texte.

(Es gibt aber auch jede Menge schlechter Juweliere. Der Schwachsinn von Literaturwissenschaft: Sie klopfen Texte nach „Geheimnissen“ ab. Sie suchen nach „Anspielungen“ oder nach „Verschlüsselungen“. Das ist alles Quatsch. Typisches Beispiel Kafka. Sein Roman „Der Prozess“ beginnt mit der Aussage, dass jemand einer Anklage ausgesetzt wird, ohne zu wissen, wessen er sich schuldig gemacht hat. Punkt. Und dabei bleibt der ganze Text. Kein Geheimnis, Kein „Raunen“ und keine „Anspielungen“. Der Text ist KLAR, aber er ist nicht einfach „durchschaubar“. )

Betropfen
Geben Sie einen kleinen Wassertropfen auf die Tafel des Steins. (die obere plane Facette des Brillianten) Der Tropfen sollte hoch auf der Fläche stehen bleiben. Bei anderen Materialien läuft der Tropfen schnell ab oder verteilt sich schnell auf dem Mineral.

Bezogen auf Texte: So ähnlich wie bei „Anhauchen“.
Echte Dichtung verhält sich wasserabweisend. Der Tropfen bleibt auf der Facette stehen. Er macht sich nicht gemein mit der Tröpfcheninfektion von „Interpretation“ oder individueller „Leserperspektive“ Das Licht des Textes wird nicht vom Leser oder vom „Interpreten“ gebrochen, aber auch nicht vom „Dichter“ sondern eben vom Text, dem Diamanten selbst.

Ein Text, der besonders „vielsagend“ erscheint – ist oft ein Imitat.
Diamanten sind nicht „vielsagend“, – sondern sagend.

Muss über ein Text lange diskutiert werden, ist er meistens Scheiße.

Ein Diamant ist nicht dazu da, mit Wasser bespritzt oder „interpretativ“ angehaucht zu werden.

Er wurde gemacht um zu – Seyn.

Das Ende der Gedichte

Im Himmel: Verschiedene Wolken
Im Boden: Verschiedene Steine
Im Wald: Verschiedene Bäume
Im Gras: Verschiedene Halme

Die Taste: Steigt
Die Tinte: Schweigt
Das Zeichen: Zeigt
Der Finger: Leibt

Im Tag: Eine Sonne
Im Abend: Ein Mond
Im Bauch: Ein Apfel
Im Kopf: Ein Mund

In Gedanken: Verschiedenes


Heideggers Forschungsauftrag zwingt weiter zu Recherchen:

Seltsam, wie groß hochatmend sich die amerikanische Dichterin Emily Dickinson liest. Selbst wenn man nicht wirklich heimisch im Poetisch-Englischen ist, oder sogar, wenn man hier und da Worte nur raten kann, merkt man irgendwie: Hier schreibt eine, die noch nicht mit den Augen zwinkert.

Das sehr oft in zeitgenössischer Lyrik anzutreffende Augenzwinkern…man wird von zeitgenössischer Lyrik immerzu irgendwie angezwinkert…das aber kein Zuzwinkern ist, sondern ein Anzwinkern, so als solle man beim Lesen Zurückzwinkern…oder anders: In zeitgenössischer Lyrik steht oft so ein Monteur im blauen Overall herum, wie man ihn manchmal auf den Firmenwagen von Gas-Wasser-Installateuren sieht. Der kneift so ein Auge bollemäßig zu und reckt einen hochgestreckten Daumen nach vorne, das mir sagen soll: Hey, hier wurde echt super installiert…zwinker zwinker…

…bei Emily Dickinson gibt es diesen bollemäßigen Daumenhochstrecker und Augenzukneifer noch nicht. Wie meilenweit sie die zeitgenössische deutsche Lyrik überragt.
Emily Dickinson im Vergleich mit den installateurmäßig zusammengeschraubten  Gebilden von Ulf Stolterfoht, der sehr poesiefreien Ann Cotton oder dem geistfernen Hölderlinbefummler  Gerhardt Falkner – das ergibt für diese Genannten eher eine schlechte Bilanz.

Gut, man muss irgendwann einmal aufhören mit dem ständigen Vergleichen. Dickinson, Mary Oliver und sogar Anne Clark sind nun mal eine andere Liga.

Trotzdem denke ich manchmal, in den letzten 30- Jahren war es doch so, wenn jemand hierzulande einen etwas höher angesetzten Lyrikpreis bekam, dann war das so etwas wie ein Markenzeichen, das mir sagte: Den musst Du nicht mehr lesen.

Zumeist genügte schon ein Villa-Massimo-Aufenthalt oder ein Stadtschreiberstipendium als Anzeichen oder Warnsignal. Dann weiß man immer, diesen Lyriker kann man jetzt sprach- und denkwesenhaft bei Seite lassen.

Woher kommt das? Ich gucke  und blättere ja immer wieder, ob diese Einschätzung widerlegt wird, oder als ein blödes Vorurteil einfach nicht stimmt, aber irgendwie wirkt oft eine Art Vertrocknungs-Effekt in den Texten, so etwas sozialpastös Elaboriertes, selbst dort, wo der Autor oder die Autorin „verspielt“ tun möchte, kommt immer so eine Genre-Beflissenheit in die Tonlagen, so etwas Lyrik-Branchen-Vertreterhaftes, so etwas-hab ich-schon-mal gelesen und-auch-ein-bisschen-pfiffig-Angeschrägtes in die poetischen Konzepte hinein…so etwas allzu-artistisch-.aber-trotzdem-Müdes in den Stimmen…Legomobilpoetiken..

.. vielleicht trifft es, zu sagen: Ich spüre in diesen Texten keine Ufos.
Das ingo-schulze-hafte in all diesen Lyriktext-Lyriken verhindert die Ufos.

Das war schon bei Grünbein immer so. Wenn bei Ihm das Wort „Stern“ oder „Sterne“ irgendwo vorkam, dann hörte man: Tischdeckchen, Servietten oder  Papierblätter. Aber man hörte kein Sterne.

Warum hört man Ufos bei Emily Dickinson? Warum sind sie da, obwol sie nicht genannt werden?

Zu den chronischen Merkmalen zeitgenössicher deutscher Lyrik gehört die  Tendenz zu einem forcierten Idiotentum oder dem forciert „Unverständlichen“, das wahlweisse „verspielt“ oder „lustisch“ oder „witzisch“ oder „abseitig“ daherkommt.  Der „Idiot“ ist die letzte in den Diskurs getragene Sprach-Verwesungsfigur des Schreibers, der unfähig  ist, große Verbindungen zu artikulieren oder zu faul , sie wenigstens zu suchen.

Also zieht sich der Lyriker zurück auf Sprachspiele, die er wahlweise „Idiotie“ oder „das Unverständliche“ nennt.
Als sei die Welt heute im großen und ganzen nichtidiotisch oder allzuverständlich, wes-halb man sie mit einer großen jetzt-extra-angerichteten Prise Idiotie bereichen oder produktiv  irritieren müsse.

„Irritation“ gehört auch zum gern genommenen Beweihräucherungsvokabular der zeitgenösichen Lyrikkonzepte. Gern genommen werden auch Verwesungsvokabeln wie  „sprachgewaltig“ oder „formstreng“ oder …

Wie klar, wie formuliert und verständlich dagegen die Gedichte von Emily Dickinson daherkommen. Wie wenig sie „irritieren“ und wie viel sie dabei zu sagen haben. Wie wenig orthografisch sie sind und wie stark orthokosmologisch.

Vielleicht liegt es daran, dass Berlin in den 90iger Jahren von höheren Töchtern und Söhnen aus der bundesdeutschen Provinz überschwemmt wurde, alle sauber studiert, germanistisch seminargeschniegelt – mit der Intention, in den damals noch schrundigen Hinterhöfen einem klein-fritzchenhaften Bild von bohemienhafter Literatenlebensart zu fröhnen.“Wir hier total verrückt – in diesem total verrückten Berlin. Wir machen jetzt mal was ganz Irres mit der Sprache.“
Aber wer seine Kindheit in Einfamilienhäusern zwischen Ochtrup, Zweibrücken, Westphalen, Rheinfelden, Wettendas, Nutella, Pferdegestüt und Playmobilfiguren verbracht hat, um dann nach dem sauber abgelegten GeWI-Germanistik-Romanistik-XY-Studium „in diesem total verrückte Berlin“  Lyrik zu schreiben – was für eine Lyrik soll so jemand schreiben? Welche Gedichte sollen dabei herauskommen?

Ganz vergessen: Jetzt waren doch neulich tatsächlich die Urheber-Rechte für das Buch „Der kleine Prinz“ abgelaufen, und folglich kann der Stoff jetzt von jedermann gebührenfrei verwurstet werden.  Und – wer hätte das gedacht – Enzensberger und Sloterdijk legen „Neuübersetzungen“ vor.
Sehr wichtig, zwei neue Übersetzungen des Kleinen Prinzen, haben wir gebraucht, haben wir dringend gebraucht. Die alte Übersetzung hat ja kein Mensch verstanden, war ja total alt die alte Übersetzung. Völlig unverständlich. Man stelle sich Sloterdijk und Enzenberger nebeneinandersitzend in einem Flugzeug von Saint-Exupéry vor.
Ausgerechnet die beiden abgehangensten „Groß-Erwachsenen“ der alten Bundesrepublik versuchen jetzt also, ihr wenig fliegendes Lebenswerk mit einer „Neu-Übersetzung“ des Kleinen Prinzen glänzen zu lassen. Eine wirkliche Heldentat, sich an diesem Kinderbuchgiganten neu zu versuchen, das so dringend eine Neuübersetzung braucht.
Man vergegenwärtige sich die advokatenhafte Flinkheit und Clerverness, die Pünktlichkeit, mit der man auf das „Ablaufen der Urheberrechte“ gewartet hat –  wie die testamentsgeile Verwandtschaft auf den Tod eines ungeliebten aber sehr reichen Vaters – die flitzigen Telefongespräche und Verlags-Mailwechsel, das sehr erwachsene Durchkalkulieren des Bücherweihnachts-Geschäfts – und man weiß: Hier wird jetzt das Erbe von Saint-Exupéry aufgeteilt von zwei im Großen und Ganzen sternenlosen und zauberlosen Nicht-Astronauten  der ehemaligen BRD-Intellektualität.
Vielleicht ist das auch der Moment, einmal zuzugeben, wenn Sloterdijk hier in dem Blog manchmal besprochen wurde, dann aus taktischen Gründen. Anknüpfungs-Maßnahme.  Ganz im Gegensatz zu Saint-Exupéry und seinem KLEINEN PRINZEN konnte Sloterdijk in seinen Büchern nie einfach sprechen und nie klar denken.
Wer alle zwei Jahre einen 500-Seiter schreibt, der hat nichts zu sagen, das weiß jedes Kind. Jeder echte Philosoph wusste immer, dass er nur eine Art Elke Heidenreich der Philosophie war. Stoffhubernd, wörtermeiernd, pseudowitzig, gelehrsamkeitskitschig, zeitgeistreitend, desinteressiert. Eine Art Funktionär der Denkvermeidung. Auch das muss man erstmal können. Nur haben seine Schriften  nichts aber auch garnichts mit dem KLEINEN PRINZEN zu tun, mit dem Fliegen oder mit dem Forschen im Sinne des KLEINEN PRINZEN. Was wiegen die Bücher von Sloterdijk oder Enzensberger, wenn man sie mit dem KLEINEN PRINZEN vergleicht. Nichts. Und sind doch so schwer. Der KLEINE PRINZ wiegt dagegen Tonnen und ist dabei so leicht.  Aber DER KLEINE PRINZ hat schon vieles überstanden, und diese „Neuübersetzungen“ wird er auch überstehen.

Eigentlich gibt die Technik des Batikens und das Batik-Tuch einen passgenauen Vergleich, der gut erfasst, was zeitgenössische Lyrik und Literatur heute im deutschsprachigen Raum tut. Man kann Lyrik und Literatur heute im deutschsprachigen Raum „herstellen“ wie ein Batik-T-Shirt. Man nimmt eine Melange an Ausgangsmaterialien, also „Stoffe“ oder „Sujéts“, krumpelt sie ein wenig zusammen und taucht sie dann in verschiedene Farb-Reservoires von „Themen“ oder „Tönen“.
Das funktioniert so ähnlich wie beim Zufalls-Scherenschnitt; hier knickst und schnippelt man ein wenig, dort tunkt und taucht man, lässt aufsaugen, und dann hängt man  sein „Werk“ zum Trocknen auf die Leine. Das sieht dann  immer irgendwie interessant aus, es zeigt sich irgendein Muster, irgendeine Form.
In diese Formen kann der Leser dann alles mögliche hineinlesen wie ein Wolkenleser vieles in Wolken hineinliest.
Der sogenannte gebildete Schriftsteller oder Lyriker tut in sein Batik-Technik- Reservoire  noch einige Versatzstücke oder Sprachpigmente aus moderner Technik, Psychologie oder Mythologie, wahlweise auch Versatzstücke  und Pigmente aus irgendeinem philosophistischem Jargon, „Gesellschaftskritik“, Pop-Diskurs, Geschichte, Science-Fiktion, bissel Sex oder Tagespolitik oder Gender, also irgendetwas aus seiner Krims-Krams-Kiste mit all dem flottierenden Krims-Krams, das man so aufschnappt oder dem Namen nach kennt – und fertig ist die sogenannte „komplexe“ Erzählung oder das „vielschichtig“ eingefärbte Werk.
Wer noch ein bisschen cleverer ist, der lernt sich ein Batik-Muster an, das er als kanonischen Verweis oder Wink mit dem Zaunpfahl bei anderen (zumeist sehr berühmten, ehemals dichterischen ) Autoren abgeschaut hat nach dem Sampling-Prinzip. Was aber an diesem Vorgehen armselig ist: Der Batik-Lyriker benutzt zugelieferte und vorhandene Materialien, die er in Ihrer Genese und Herkunft nicht mehr befragt oder durchdenkt. Daraus ergibt sich dann immer dieser

der zeitgenössischen deutschen Literatur

Sie ist convenience-„irritierend“ oder convenience-„unbequem“ oder convenience-„meisterhaft“ oder convenience-„verstörend“ – oder convenience-„skandalös“ also convenienceliterarisch oder conveniencepoetisch.

Nach dieser Vorgehensweise kann man heute am Fließband Lyrik oder Erzählungen oder Bücher aller Art herstellen – als Erzeugnisse, die immer „garnicht schlecht“ aussehen.
Diese Art der Batik-Tuch-Literatur gelingt immer wie ein Kuchen nach einem Doktor Oetker-Rezept und hat den Vorteil, dass der Hersteller dieser Art von Literatur sich nicht mehr mit der guten alten Scheibhemmung herumplagen muss. Irgendeine Schrift kann man immer „herstellen“.

Aber die Schwierigkeit der seelischen Weltanbindung im Suchen und im Weltbezug des Sprechens und Fühlens und Denkens fällt dabei weg, weil man nur noch „Schrift stellen“ muss, wo normalerweise gedichtet, gefühlt oder nachgedacht werden müsste.
So funktionieren seit 35-40 Jahren eigentlich alle deutschsprachigen Literatur-Texte, die von Literaturwollern hergestellt werden.

Besonders bei erzählerischen Texten, die sich über mehr als dreißig Seiten erstrecken, merkt man immer viel zu früh: Die poetische und thematisch Luft geht dem Autor bereits nach 4 Seiten aus, aber er schreibt weiter irgendeinen angeliehenen Krims-Krams, er erfindet krampfhaft „Charaktäre“ oder „Ereignisse“,  oder er beschreibt auf dreißig Seiten einen Weg in den Garten, damit nachher ein sogenanntes Buch, dass eine gewisse Dicke und eine gewisse Seitenzahl aufweist als „Verkaufsgegenstand“ im Laden liegt.
Darin liegt der Grund, warum seit etwa 50 Jahren zumeist irgendein simpler Popsong im Radio schon vom Text her  – von Jimmi Hendrix über Simon&Garfunkel, Billy Idol bis zu Herbert Grönemeyer oder Element of Crime  – viel mehr zu sagen hat, als die so genannte „Hansaverlagsleiter-Literatur“ (Goetz),  irgendeine Huchel-Huchel-Lyrik-Lyrik oder das Villamassimostipendiumsgestammel.

 

 

 

 

 

 

UWE GRESSMANN  –  AN DIE EWIGKEIT

Geradeaus geh bis ans Ende
Der Weltstadt den Weg wo
Der Sternbaum blüht weithin
Schon siehst du dann einen
Ast über den Städten und Dörfern
Sich neigen Das Himmelstor nennet man
Die seltsame Form des Gewächses
Und harret da lauschen
Und schweigen die Winde
Und Stille verkündet
Und die mit dem Auto hinausfahrn
Entsteigen am Ende der Weltstadt
Dem Lärm und erklären
Nanu? Denn der Sternbaum trägt dieses
Jahr reichlich so sagen die Gärtner
Und wer da hinaufwill
Im Zeichen der Ernte
Nach Sternen zu greifen
Läuft rings herum bis er
Die Stelle gefunden hat und
Stellt die himmlischen Leitern
Hin an das Geäst und
Beherrschet das Reich jener Höhen

(Aus: „Sagenhafte Geschöpfe“)

Vom Schlager, vom Popsong, von Liedermachern kamen und kommen immer wieder viele gute Texte.

Für den nur geschriebenen oder gelesenen Text ist Uwe Greßmann seit 50 Jahren der Zenit. Neben Goll und Celan. Der späte Heiner Müller reicht an ihn knapp noch heran.

Es gab also nach Greßmann nichts mehr, keine Dichter mehr,
die in einer SPUR von Kleist oder Hölderlin geschrieben hätten.
Mit anderen Worten – es gibt seit etwa 40-50 Jahren keine Dichter von Rang mehr in Deutschland, die im ausschließlich geschriebenen oder gesprochenen Wort, wirkliche Künstler wären – in der SPUR.

Die Hölderlinprovokation in der Zeile:
„Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“ setzt einen Anspruch, dem das Gros der nachfolgenden Literatur nicht gerecht werden konnte. Man könnte es das Dagmar-Leupold-Syndrom nennen. Die Autorin Dagmar Leupold drückte es einmal so aus: „Steht man zu seiner westdeutschen Nachkriegsdurchschnittlichkeit, einem Gefühl der Unwesentlichkeit, das überdies gesteigert wird durch das Trauma einer für ’68 zu spät Geborenen, bleibt noch die Möglichkeit der Selbstmystifikation im Text… und der damit verbundene Trost, den Literaturpreise bieten.“ (Dagmar Leupold, „Alphabeth zu Fuß“)

Es ist natürlich klar, dass „Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“
nicht „Selbstmystifikation im Text“ meint.

…das Mißverständnis mit dem Wort „Magie“ besteht, seit Menschen von „Magie“ sprechen, wo sie eigentlich denken oder spüren müssten. Aber das Resultat dieses Nichtdenkens, kann immer nur ein Leonardo-Defizit- sein.
Dieses Defizit verschieben sie dann in ein Reich, das sie mit „Magie“ mystifizieren. Man muss also das Wort „Magie“ in Schutz nehmen vor den Menschen, die es dort benutzen, wo sie eigentlich sagen müssten: Ich denke nicht. Ich dichte nicht. Und ich spüre auch nichts.

Damit soll nichts gegen Harald Lesch gesagt sein, der ein sehr guter und engagierter Physikerklärer bleibt und die Physik fachlich richtig sehr einprägsam (aber philosophisch ungenügend) darstellt. Weil seine Erklärungen die DAUER nicht kennen oder berücksichtigen.

Aber dass Goethe es nicht unterlassen konnte, seinen Faust im Alter bloß als einen wehleidigen Dummkopf hinzustellen, um ihn dann in seine metaphysische Plappermaschine von „Magie“ hineinzuschreiben, das gehört in die deutsche Geistesgeschichte wie das Ufer des Wannsees.

Deshalb: Manchmal ist die Philosophie auch dazu da, den Physikern die Physik zu erklären, ganz ohne Überheblichkeit, weil die Physiker selbst oft den Kopf nicht hochkriegen in Ihrem Forschungsalltag. Umgekehrt nutzt die Philosophie natürlich Daten, Ergebnisse und Methoden der Physik, die sie selbst nicht erheben kann. Eine Hand wäscht die andere. Zwischen Philosophie und Physik herrscht also ein erkenntnistheoretisches Korruptionsverhältnis. Man schmiert sich gegenseitig in einem positiven Sinne, damit hier nun endlich mal Bewegung reinkommt in die Sackgasse der heutigen Kosmologie

 

 

 

 

 

WER hält wo den Spiegel dran?
WO kommt der SPIEGEL her?
WO STEHT der SPIEGEL
IST DER SPIEGEL FLACH?
WER SAGT, WO RECHTS und LINKS ist?
WER baut Labore?
WER unterscheidet?
WER BESCHLEUNIGT den BESCHLEUNIGER-RING?
An welchem Ort hält sich die RUHEMASSE NULL  auf?
WER kühlt etwas tief?
WER erhitzt etwas?
WER will etwas wissen?
WER HAT VON MEINEM TELLERCHEN GEGESSEN?
WER HAT AUS MEINEM BECHERCHEN GETRUNKEN?
WER HAT VON MEINER SPRACHE GESPROCHEN?

Jeder Philosoph oder Physiker sollte wenigstens einmal aktiv an einem Fußballspiel TEIL-GENOMMEN haben, sonst versteht er die Welt nicht.
Dabei hütet der Philosoph zumeist das Tor oder vielmehr: Er wird von den Spielkameraden ins Tor hineingestellt, weil er hier dem Spiel der eigenen Mannschaft am wenigsten schadet.

Die Modelle der heutigen Physik fordern das philosophische Fragen/Denken heraus.  Ein philosophisch Fragender wird die Phyik immer danach befragen, ob sie sich selbst kosmologisch exakt versteht.

Oder ob sie sich etwas vormacht.

Ex-act meint hier: Dicht am Akt. Aus dem Act heraus.
Aus der Akt-ualität der Bewegung. Des Forschers, der im Forschen
selbst bewegt bleibt.

So muss sich in einem bewegten Universum jeder Physiker die Frage stellen,
in wie weit er selbst beim Forschen auch bewegt ist oder vom Forschen bewegt wird.

Der passende Vers dazu lautet:

Was bewegt er, dass es ihn bewegt?

Das Konzept HIER oder DORT kann für einen normal denkenden Philosophen/Menschen nicht tragbar sein, weil er weiß, dass HIER und DORT immer gebunden bleibt an ein VORHER – NACHHER.
Der Unterschied von HIER nach DORT bedarf einer Kopfbewegung zwischen VORHER und NACHHER. Und diese Kopfbewegung ist irreversibel und bleibt
in-volviert.

Das Weltbild der heutigen Physik hat also ein Fußballproblem, das ein Artikulationsproblem ist.

Natürlich wissen die Physiker, dass „Teilchen“ keine Fußbälle sind, sondern gequantelte Energiepakete/Bewegungen

Trotzdem hat die Physik ein Fußballproblem.

Es wird ein System, eine Masse, ein Feld definiert, ein Spielfeld, eine Welt, die aus bewegten Teil-Nehmern/Teilchen/Spielern besteht.

Dieses Fußball-Spiel-Feld „HÄLT IM INNERSTEN ZUSAMMEN“ nach dem Motto:

Ungleich geladene Teilchen (Spiel-Gegner) ziehen sich an,
gleich geladene Teilchen stoßen sich ab.
Symmetrie oder „Antisymmetrie“ wird definiert
innerhalb eines Spiegel-Spiels. Die Kräfte werden
vermittelt durch Austauschteilchen (Quanten)

Der Fußballphilosoph wird die Physik immer dort befragen, wo
in der Physik von HIER und DORT geredet wird. Oder auch
von RECHTS und LINKS

Er fragt nach dem
VORHER/NACHHER.

Außerdem fragt die Philosophie nach dem Physiker, der selbst immer schon
ein TEIL-NEHMER des eigenen Spiegel-Spiels ist. /(Symmetriespiel)

So wird zum Beispiel immer behauptet, Welle und Teilchen ließen
sich gleichermaßen am Doppelspalt-Experiment nachweisen. In Wirklichkeit
aber weist der Physiker ZUERST die Welle UND DANN das Teilchen
NACH. Oder umgekehrt.

Aber wie geht die Physik mit Ihrem VORHER/NACHHER um?

Beim Fußball verhält es sich so:

Der „Sinn“ eines FußballSpieles und des Spielfelds (bewegte und bewegende Teilnehmer/Teilchen) wird durch einen Attraktor bestimmt, dessen zeitlicher Verlauf nach 90 Minuten endet.

Aber er endet auch wieder nicht, weil die Liga-Saison noch einen längerfristigen Attraktor definiert. (Die Mannschaft möchte gerne in der nächsten Saison aufsteigen in die Bundesliga oder sogar Meister werden.)

Auf einem Fußball-Spielfeld sind die ungleich geladenen Teil(ch)nehmer die
gegnerischen Mannschaften und deren Spieler.

Aber da beginnt schon das Problem.

Die „Spiel-Gegner“ müssten sich doch eigentlich voneinander „abstoßen“ – weil sie jeweils ein „Interesse mit der gleichen Ladung“ verfolgen – nämlich:

Wir wollen das Spiel gewinnen.

Deshalb: Die gegnerischen Mannschaften haben „das gleiche Interesse“ nur mit
umgekehrten Ladungs-Vorzeichen. (+/-)

Sie sind Spiel-„Gegner“ – aber in dem sie Spiel „Gegner“ sind, bleiben sie

Sports-„Freunde“

Spiel-Gegner als Sports-Freunde – daran kann man also festmachen, dass die Ladungsbezeichnung (+/-) ebenfalls „tauschbar“ ist oder einer „Täuschung“ unterliegt.

Wenn man also einen „Spiegel“ vor die jeweils „gegnerischen“ Mannschaften
halten würde, dann würde sich nichts verändern.

Die Spiel-„Gegner“ bleiben Sports-“ Freunde“ – sie sind antisymetrisch vertauschbar – auch wenn sie die Seiten wechseln.

(Dem Wort „anti-“ liegt die tiefere Bedeutung von „vor“ zu Grunde (ante portas – vor den Toren)

Die Spiegelsymetrie der mathematischen Physik entsprich beim Fußballspiel beim Seitenwechsel der Spielmannschaften – die

in einem Interesse agieren.

In Wirklichkeit stoßen sich die Teilchen der jeweils eigenen Mannschaft voneinander ab, aber sie werden vom gegnerischen „Teil des Feldes“ angezogen.
Der (endliche) Attraktor für die jeweils eigene Mannschaft ist das gegnerische Tor.

Aber der unendliche Attraktor lautet:

Wir wollen immer Meister werden.

Deshalb wird die Frage, warum „Atom-Kerne“ zusammenhalten, obwohl doch die Spieler/Teilnehmer beide „positiv geladen“ sind Protonen von der Physik heute so beantwortet:

 

Masse und Gewicht.

Die Higgstheorie glaubt nun, mit dem „Higgsteilchen“ das Wechselwirkungsteilchen gefunden zu haben, dass dem Fussballspiel
seine „Masse“ verleiht.

Das Higgs-Teilchen wäre also der „Fußball“, der dem Spiel als „Vermittler-Teilchen“ sein Gewicht gibt.

Aber mal ehrlich: Wird das „Gewicht“/die „Wicht-igkeit“ eines Fußballspiels
durch den „Fußball“ bestimmt?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass die „Wichtigkeit“ eines Fußballspiels von ganz anderen Attraktoren abhängt – zum Beispiel:

Ist es ein Endspiel  – der Championsleague oder gar bei einer WM?

Jeder Normal denkende Mensch wird einsehen, ein Fußball-Spiel bekommt sein „Gewicht“ nicht durch den „Ball“  – dafür aber über einen Attraktor der sagt:
„Wir wollen in 90 Minuten gewonnen haben!
Außerdem: „Wir wollen in der Liga am Ende der Saison Meister sein!“

Dieser Attraktor liegt aber außerhalb des Spielfelds.

Ein anderer Aspekt betrifft die Phänomene relative Hitze/Beschleuigung und
relative Ruhe.

Die Spieler auf einem Fußballfeld tauschen nicht nur den Ball miteinander.
Sie tauschen auch Signale aus: Die Austauschteilchen des Fußballspiels. Außerdem
„lesen“ Sie sich gegenseitig. Auch die Gegenspieler sind für die Gegenspieler „lesbar“ in ihren Aktionen.

Schreie, Rufe, Handzeichen – kurzwellige aber sehr „ge-wichtige“ Signale
bei beschleunigtem (gefährlichem) Spiel. (Energiepakete, gequantelt)

Ganze Sätze, längere Statements, Satzketten in der Halbzeitpause, bei der
Strategiebesprechung im lang-welligen Bereich. (In Ruhe)

Wenn das Spiel sehr beschleunigt und sehr „gefährlich“ ist, werden noch nicht mal mehr Signale ausgetauscht, es wird nur noch „stumm“ gehandelt.

Der „Sturm“ auf das Tor wird „sprachlos“ SCHNELLund AKTUELL.
Handlungs-Verdichtung bis zur Stummheit.

Deshalb:

Je kürzer und knapper die Rufe, Schreie, Handzeichen bei beschleunigtem Spiel, desto mehr „Gewicht“ haben sie. Desto heißer und (ge-fährlicher/ge-Wichtiger) ist die Situation. (zum Beispiel vor dem Tor)

Je länger (langwelliger) die Sätze und Reden von Fußballern und Trainern,
desto weniger befindet sich das Spiel in Beschleunigung.
Oder anders gesagt: Desto weniger befindet sich das Spiel in seiner AKTUELLEN heißen Phase.

Das Spieler-oder Trainer-Interview nach dem Spiel: Hier reden die Spieler noch etwas kurzatmig aber dafür schon wieder in ganzen Sätzen. Während sie im Spiel oder kurz vor dem Tor nur kurz-wellige aber dafür ge-WICHTIGE Rufe oder Handzeichen austauschen.

Was zum Beispiel die heutige Physik überhaupt nicht abbilden kann, ist das
Spiel ohne Ball, das sich in Aufstellungen, Stellungswechseln, Taktiken, Laufpässen und „Situationen“ auszeichnet.
(Die Seele eines Fußballspiels)

Die Antwort der Philosophie, warum ein Kraftfeld/Spielfeld/Fussballfeld im Innersten zusammenhält – kann  – seinem Sinn nach – niemals aus dem Inneren des Feldes heraus gegeben werden.

Die Philosophie sucht immer nach dem Attraktor einer Bewegung, während die Wissenschaft immer nur „innerhalb“ des Feldes nach dem „Wie“ des Feldes/Spielfeldes fragt.

Und diese Vorgehensweise der Physik muss früher oder später kosmologisch in die Sackgasse führen.

Das Ladungs-Vertauschungsspiel zwischen symmetrisch und antisymmetrisch bleibt ein Glasperlenspiel. Ebenso wie das Vertauschungsspiel von Materie und Antimaterie. Es ist kosmologisch unsinnig dort, wo es um große Fragen geht:

Schaffen wir den Aufstieg in die nächste kosmologische Liga oder bleiben wir Spackenkicker vom FC Dödelknödel?

Schnipsel:
auf signaturen-magazin hat man neuerdings diskutiert, warum Lyrikkritik in Deutschland nicht mehr relevant ist…..Klar, dazu muss natürlich die Antwort lauten: Weil die Lyrik nicht mehr relevant ist.

Dazu mir neulich  die Frage gestellt, ob es das Phänomen des Neureichen auch in der Lyrik oder in der Prosa gibt.
Der Neureiche als jemand, der in relativ kuzer Zeit oder in der ersten Generation zum Sprachspiel gekommen ist. Daran geknüpft als bekanntes Phänomen ist dann  eine gewisse Tapsigkeit, mit der der Neureiche plötzlich in scheineleganten Zeichenfeldern und Verhältnissen herumstolpert, die ihm nicht aus einem langsamen und organischen Wachstum heraus selbstverständlich sind.

Das Problem der zeitgenössischen Lyrik: Es gibt einen zu plötzlich gewucherten Reichtum an formalen Mitteln – allerdings auf mental nichtbestellten Böden.
Die Lyrikhervorbringungen ähneln den berühmten Luft-Tomaten, die nur noch  – allerdings sehr schnell – in formalen Nährlösungen aufwachsen.

So wirkt dieser Effekt  im Feld der künstlerischen Mittel.  Wenn jemand etwas zu schnell oder in der ersten Generation zur taktilen Sprach-Empfindsamkeit oder sogar Talent gekommen ist. (Oder glaubt, gekommen zu sein)  Oder es ist ihm ein allzuplötzliches Erbe an künstlerischen Mitteln zugefallen, dass er sich nicht organisch erarbeitet hat – dann ensteht formal neureiche Lyrik.

Beim Betreten eines Sterne-Restaurants ist der Grammatikanwender also immer etwas zu laut und einnehmend. Er rudert zu offensichtlich mit seiner Grammtikrolex herum und winkt etwas zu offensiv den Kellner herbei. (Möglichweise überlegt er kurz, ob er bei den umsitzenden Gästen kurz auf den Tisch klopft, wie er es in seiner Hauskneipe immer gemacht hat)

Im Hotelfoyer verlangt der Neureiche mit etwas überinstrumentierter Stimme eine „Havanna, aber mit Havanna-Abschneider, wenn ich bitten darf“, damit alle hören, wie er sich bereits in Materialfragen auskennt; dann bestellt er einen „Vino rosso, aber den Roten.“ usw…weil er glaubt, dass ein wenig italienisiernder Stil-Schmiss seinem Status jetzt angemessen erscheint.
Die Erzählung ließe sich fortsetzen mit einer Affinität zu übergroßen Markenlippen, Sonnenbrillen, goldenen Handtaschen und sehr signalfarblastiger Ski-Ausrüstung usw…

….die neureiche  Grobmotorik findet sich in zeitgenössischen Literatur- Philosophie- und Lyrikdebatten, die von Menschen getragen werden, die irgendwann einmal etwas zu schnell zum Geld ihrer sprachtaktilen Empfindsamkeit gekommen sind oder gekommen zu sein glauben, oder deren sogenanntes Talent als ein allzu schnell gewachsener Keim der ersten Generation auf einem jahrhunderte großen Haufen von Nichttalent schlaksig und neureich emporgeschossen ist.

…der neureiche sprachtaktile Grammatikfuchtler, die Bücher oder die Lyrik sind dann gespickt mit überlaut ausgestellten Sprach- und Bildungs-Statussymbolen – zum Beispiel mit „alten Versmaßen“, die dann auch „formstreng“ gehandhabt oder variiert werden. Außerdem zeigt dieser Neureiche seiner künstlerischen Mittel jederzeit auch immer gerne die Markenlabels seines gesamtem Lektürekanons vor.
Man trägt seinen Joyce oder seinen Gottfried Benn oder seinen Rilke vor sich her wie eine stark gelabelte Einkaufstüte.
Oder es wird das Gedicht gerade besonders außergewöhnlich „gegen alle Verständlichkeit“ gebürstet. Das wäre sozusagen der allerneueste Schrei am
Sprach-Handgelenk. Ebenso wie eine „teilweise angstrebte Sinnfreiheit“.
In diesem Fall ist dem Lyriker ein plötzliches Erbe von „Dekonstruktion&Sinnskepsis“ zugefallen. Ganz was Neues.

Die Texte, die sich daraus ergeben, sind dann industriell gefertigte „Stil“-möbel einer sprachtaktilen Empfindsamkeit aus einer Art Kunstholz, das, wenn man genau hinhört, aus den industriellen Plauderpessfabriken von Studien-Seminaren kommt….

Dann werden in Literaturdiskussionen immer ein bisschen zu oft  zeitgenössische  Begriffsattrappen aufgestellt wie „die Subversivität der Kunst“ oder die „Widerständigkeit der poetischen Sprache gegen kapitalistsche Verwertungslogiken“ puh…..oder das Primat der Musikalität  gegen den „Inhaltismus“…..wow…oder die „tieferreichende Organik der Literatursprache gegenüber einer reinen Konsumentensprache“ uff!

All das ließe sich subsumieren unter dem Wort Prägnanzverschiebung.

Nur kann sich die Prägnanzverschiebung nicht noch einmal selbst verschieben. Die Prägnanzverschiebung behält immer das letzt Wort, aber die Welt behält sie nicht.

Schließlich und als ewig ausgelutschtes Argument hört man sprechen vom „subversiven Eigenwert der Sprache im schöpferischen Moment ihres sich selbst begegnenden Spiels“  All diese  Begriffsattrappen kommen  letztlich immer aus den Maschinen szenöser und schornsteinrauchender Plauderfabriken kurz unter dem Oberseminar. Es sind immer abgezogene Bananenschalen aus irgendeinem Theorieblabla zwischen Roland Barthes, Derrida, Luhmann, Benn und Co

Der  Empfindsamkeits- und Literatur-oder Philosophie-Tourist sagt dann auch immer ein paar mal zu oft: “ ….und wie es ja schon bei Dante hieß..“ Oder: „Paul Valery hatte das irgendwo  schon mal …“ Oder er sagt Dinge wie: „Joyce, der ja als ein großer sprachlicher Neulandgewinner….“

…dass die Sprache zunächst einmal etwas ist, mit dem sich ganz einfach und schnörkellos Welt aussagen läßt oder auch ein Gedanke, sofern vorhanden, diese Feststellung wäre dem Neureichen der lyrisch taktilen Sprach-Empfindsamkeit zu banal und nicht exklusiv genug.
Denn der Neureiche der sprachtaktilen Empfindsamkeit freut sich dafür noch viel zu grobmotorisch an den großen Grammatikmengen seines gerade entdeckten und erworbenen Sprachspielpotentials, das er mit dem Leser gerne sehr laut teilen möchte, in dem er es ihm ausschenkt in unappettitlichen Suppenkellen.

Die Sprachtaktilität, die der gramatisch Neureiche gerade so schnell und so überreich von irgendeiner alten Tante erworben hat, ist ihm gerade kein einfaches Lebensmittel zur Stillung des Hungers, oder ein notwendiges Material für notwendige Architektur, sondern sie ist ihm eine Art „Haute Kultur“ ein modisches Material, dass er immernoch ganz neu für seinen vor kurzem noch ärmlichen Sprach- und Denkgarten importiert hat wie einen ganz teuren exotischen Marmor von ganz weit her.

So entstehen aus Sprache zum Teil merkwürdige Bauten. Der Neureiche der Sprache importiert „echten Marmor“ aus abgelegenen Grammatik-Regionen, aber der Palazzo oder die Terrasse, die er damit baut, sieht nachher trotzdem nur aus wie ein Imitat in Disneyland. Denn wenn der Bau-Gedanke, der Baugrund und die Bau-Intention nicht stimmt, dann kann das auch der echteste importierte  Seltenheits- und Exklusivitätssprachzement nicht kaschieren.

In vielen belletristischen Büchern oder auf literarischen Podien ist der sprachliche Habitus und der Ton immer sehr gewählt, der Stil von art decó bis neo-dada oder regelrecht maßgeschneidert, sozusagen von druckreif bis fehlerfrei verrückt gebügelt, aber die Gedanken und Geschichten sind von Lidl.

Die lyrische Seminaristen-Sprach-Taktilität schnörkelt und poliert deshalb immer ein wenig zu viel, zu oft und zu laut an der Grammatik, der Metaphorik und Allegorese seiner Sprache herum, denn er möchte allen zeigen, was er da so „ganz neuerdings“ importiert und verstanden hat – nämlich dass die Grammatik eine gewisse Flexibilität und einen inneren Glanz aufweist, wenn – ja wenn man denn etwas zu sagen hätte. Und sie kann sogar intrinsischen Unsinn bei hohem Lustigkeits- und Musikalitätsfaktor produzieren. Wer hätte das gedacht? Aber wo bleibt das Sagen? Er kann nur den allzuschnell erworbenen Reichtum seiner Sprach-„Fertigkeit“ vorzeigen als ein Vino Rosso, aber in rot! – „wenn ich bitten darf“.

…so ist auch das Hübschisieren in Neologismen, das Krumpeln und Krümeln der Syntax bis zu den Kategorien des Absurden oder des Witzigen oder des Überraschenden…etc….eben kein wirklicher Sprachreichtum. Es bleibt Plattitüde und denkloser Strass.

Das ist das eigentlich Enttäuschende an der zeitgenössischen Sprachbegehung in der Lyrik.  Es wird einem sehr viel „neue“ Sprachtaktilität ins Gesicht gefuchtelt, bei leider ausbleibenden Gedanken oder bei völliger Abwesenheit von Weltberührung oder wenigstens Fragezeichen.

Schließlich und als wichtigstes Merkmal und Tapsigkeitssympthom: Der quantitative Ausstoß an Schrift

Der Grammatik-Neureiche, der allzuschnell zum Geld seiner sprachtaktilen Empfindsamkeit gekommen ist, schreibt immer zu viel oder zu überformt, weil es ihm in erster Generation noch ganz ungewöhnlich erscheint, dass er überhaupt schreiben kann oder dass es so etwas wie Dichtung überhaupt gibt, dass die Sprache „so viele verrückte Dinge“ zulässt, und er noch die allerersten Entdeckereuphorie auskostet, es auch zu tun…Dieser Lyrikschreiber quieckst entzückt auf nach jedem sprachlichen Trick, der ihm gerade wieder gelungen ist. Er muss es immernoch allen zu oft und zu laut erklären, dass er seine neureich erworbene sprachliche Havanna mit einem Havanna-Abschneider abschneidet und dass der vino rosso auch tatsächlich rot ist. Oder  kurz gesagt: Hey…ich bin ein Künstler,  der total künstlerisch ist. Daumen hoch.

Und so weiter….

Büchnerpreis für Marcel Beyer, Kleistpreis hat er auch schon…
Seltsam, dass die Akademie qualitativ so schwankt, geradezu absackt.
Goetz im letzten Jahr war okey, aber die Bücher von Marcel Beyer sind doch nun dummes Zeug.
Ich habe sie in der Buchhandlung geblättert. Muss hier ein bisschen was dazu schreiben, weil sich bei Marcel Beyer eine thematische Nähe zu diesem Blog hier ergibt in Sachen „Naturforschung und deutsche Geschichte.“

Die Klippschulregel Nr 1 für gute Texte lautet: Hast du ein dokumentarisches Thema, versuche Second Hand-Gequatsche zu vermeiden, Dichterlings Allegoriendurchfall zu minimieren und Fiktionalisierung auszuschließen, wenn du es nicht wirklich gut begründen kannst oder gedanklich bindest oder wenn du es nicht verstärkend einsetzt, zur Verdeutlichung einer Facette des Themas.

Es ist dieser gedanklich nicht beherrschte und sprachlich halbgewalkte Versuch, ein „ Geschichtspanorama“ aufgehen zu lassen, wo dem Autor immer wieder der eigene Selbstgestaltungskitsch hin zum „Kunst-Schriftsteller“ oder zum „Psychologen“ in die dokumentarischen Vorlagen hineinschwafelt, der diese so falsch im Ton und so (gescheit)ert in der Substanz und so anbiedernd an die „Thematik“ machen.

Es dauert einen kleinen Moment, bis man merkt, dass sich Marcel Beyer nicht wirklich für Forschung interessiert und auch nicht wirklich für die Naturforschung, sondern für „Forscherpersönlichkeiten“ als „Charaktäre“ und für Zeitkollorit als Kulisse. So in dem Roman „Kaltenburg“ Aber das Forschungsthema und die Forscherpersönlichkeiten geben bloß einen Vorwand oder vielmehr das Futter für gelegentliche Allegorien- und Metapherndiarrhoe. (Vögel machen sich immer gut für fast alles. Vögel gehen immer.)
Oder eben für jenen Batik-Stoff, den man braucht, um irgendein Buch zusammenzubatiken, das sich für nichts interessiert, als für seine narrative Geisterbahn auf dem Rummelplatz der eigenen Sprache vor der Kulisse von „Historie.“

Warum sind solche Bücher stumpfsinnig ? Weil sie am Ende die Aussage haben: Menschen sind auch nur Menschen und manchmal auch Tiere.
Die gesamte Metaphorik müsste eigentlich mal zum Upgrade. Metaphorik zweinull sozusagen.
Aber stattdessen wird der Mensch als Matrjoschka genommen, die sich öffnet und potzblitz steht wieder der Mensch da, der auch nur ein Mensch ist und manchmal ein Tier. Um so etwas zu erzählen, dazu braucht man keine „berühmten Forscherpersönlichkeiten“. Aber natürlich ist so eine Literatur commonsensual enorm anschlussfähig und deshalb eben zum Gähnen.

Der Fehler: Marcel Beyer interessiert sich für „psychologische Biografien“ und für einen ganzen Haufen an psychologischen Äußerlichkeiten, in denen er sich verfaselt und verschwafelt, und will darüber in einem psychologischen Sinne Geschichte lebendig werden lassen. Das ist Daniel-Kehlmann-Schwachsinn. (Vermessung der Welt) Er glaubt, ein Panorama entsteht, wenn man panomarös schreibt, zwischen biografischen Psychologismen und Figuren hin- und herswitcht und zwischendurch etwas Forschungssprachkitt appliziert. Was aber ganz falsch ist. Ein Panorama entsteht automatisch, wenn man als Forscher (und als Schriftsteller) lange Zeit auf ein und denselben Punkt schaut. Man kann nicht mit einem „Roman“ versuchen, gleich 3 Forscherleben (Konrad Lorenz, Beuys, Sielmann) irgendwie zusammenzuklabustern.
Das funktioniert nicht. Auch wenn man sich noch so primanerhaft „fleißig“ mit der Stoff-Recherche befasst.

Das heißt: Man kann das alles schon, aber dann braucht es einen „gründenden“ Gedanken, der ein bisschen weiterreicht als die eingefettete und trotzdem vage bleibende Vergangenheitsaufbereitungsschleimspur nach Alexander Kluge.

Sein „Flughunde“ hatte ich damals auch kurz geblättert und war sofort not amused. Wer etwas über Akustik erfahren will, der lese die Originalforschungen von Helmholtz oder Ernst Joachim Behrends „Die Welt ist Klang“ . Marcel Beyer aber biedert sich in den 90iger Jahren an mit einer Figur (ebenfalls halb „fiktionalisiert“) an den common-sensualen Hallraum „Gruseltechnokrat und Quasi-Mengele wird in seinem Forschungsinteresse immer hemmungsloser und macht im 3. Reich medizinische  Experimente an Gefangenen.“ Oh böse Forschng – Oh böse Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik, naja Adorno lässt grüßen u.s.w.

Ärgerlich daran ist nicht das Thema, natürlich hat es solche Menschen im 3. Reich gegeben, und natürlich weiß man seit anno dunnemals, wie das Dritte Reich auch eine Mediendiktatur war –  aber ärgerlich ist die gedankliche Stillosigkeit des Autors, der mit so einem Thema  „zum Abnicken“ ins Bordell des deutschen Literaturkulturbetriebs geht, und sich dort für 50 Euro seinen anständigen Anständigkeitsliteratur-Menschenblowjob abholt. Habe ich gerade von Stil gesprochen? Ja, es gibt  nicht nur einen sprachlichen Stil, sondern auch einen mental-gedanklichen Stil, den man von einem reflektierten Schriftsteller erwartet. (Kann man auch von Max Frisch lernen. Ach, ich bin so ungeheuer verwöhnt und zugleich versaut durch Max Frisch, dessen Schreibansatz für die Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts einfach nicht mehr zu toppen ist.)

Marcel Beyer, der anzeigt, dass er genau das eigentlich nicht will, nämlich common-sensual redundante oder moralisierende Fingerzeigeliteratur zum Dritten Reich zu schreiben, tut aber permanent genau das. Weil er genau weiß, in welchem common-sensualen Hallraum er seine „Sujets“ hineinschraubt.
Dass der Roman „Flughunde“ mittlerweile als „Comic“ herausgekommen ist, hat nichts mit einer gesundenden oder nachlassenden Anspannung zu tun oder mit popkultureller Lässigkeit, die unsere Zeit vielleicht mittlerweile dem Thema „Drittes Reich“ entgegenbringt, sondern mit Gedankenlosigkeit.

Deshalb hiernochmal Klippschulregel Nr 2:  Wer als Spätgeborener zum Dritten Reich ein Buch publiziert, sollte sich gut überlegen, ob „Fiktionalisierungen“ und „Phantasien“, die Dichterlings Gehirndickdarm so von sich gibt, eventuell nicht doch von Realitäten übertroffen worden sein könnten, die man sich nicht „ausdenken“ kann. Aber wie  blowjobanständig ist es, eine Romanfigur zu „erfinden“, die sich dann im Dritten Reich zur sogenannten Bestie entwickelt.
(Deshalb war mir Alexander Kluges dokumentarisches Vorgehen in diesen Dingen eigentlich immer plausibel. Seine Kurzgeschichte „Liebesversuch“ lässt grüßen.)

Oder man heißt eben Quentin Tarantino, ist amerikanischer Filmemacher und legt die ganze 3. Reich- Geschichte von vorn herein so „falsch“ an, dass es ungeheuerlicherweise hinten rum schon wieder furchtbar nichtfalsch erscheint.
Hier funktioniert das. Aber soetwas kann ein deutscher Autor nicht.

Ich erfahre aus Marcel Beyers Büchern nichts aus dem Nahbereich von Forschung, sogar die tieferen Impulse für die Thematik bleiben vage, sondern ich erfahre Schriftstellerergeiz, primanerhafte Stoffhuberei, merke die Absicht und bin verstimmt, ein zweifelhafter Ehrgeiz, der durchaus interessante Forschungsthemen oder auch inhaltliche Felder dafür mißbraucht, ein Buch zu schreiben und dann das nächste Buch und dann das nächste Buch und dann das nächste Buch, aus denen ich erfahre, dass –

– Menschen auch nur Menschen sind und manchmal auch Tiere.

Eine  „Forscherpersönlichkeit“ öffnet sich und siehe da – heraus kommt ein Mensch, der auch nur ein Mensch ist – wie ausgelatscht ist dieser Schreibansatz am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Jeder Forscher, der forscht, weiß um die  Geduld, um die Ausdauer, um die Energie, um die Langsamkeit, um die Zähigkeit, um das Maß an Empfindlichkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung, das man seinem „Gegenstand“ entgegenbringen muss, bis er aufhört, ein bloßer „Forschungsgegenstand“ zu sein. Ein Forscher muss die Fähigkeit haben, womöglich zehn Jahre lang auf immer den selben Punkt zu schauen. Bis dieser Punkt sich für Momente dem Erkenntnisorgan des Forschers zu einer Einsicht öffnet, bis der „Forschungsgegenstand“ mit dem Forscher zu einem inneren Auge verschmilzt, das sich für Momente kurz öffnet, um ein Stück Wa(h)rheit oder Welt oder eben jenes berühmte „Heureka!“ zu gebären. Dieses „Heureka! – kann übrigens auch die Erkenntnis betreffen: Heureka! – ich habe 10 Jahre lang falsch gelegen, aber jetzt weiß ich’s.

Diese immanente und unvermeidliche lebenssubstanz-verzehrende Eigenart von Forschung ist es, die jeden Forscher in die Gefahr bringt, ein „Nerd“ zu werden, der sich nicht mehr für sein Umfeld interessiert oder für bestimmte gesellschafts-moralische Angelegenheiten. Ein wirklicher Forscher will nicht „Karriere machen“ sondern er will forschen. Er will in seinem Thema „aufgehen“ Und wenn er Karriere machen will, dann um der finanziellen Mittel willen, die ihm das Forschen erlaubt. So banal ist das.
Dieses „Heureka – ich habs!“ ist vielleicht das Seltenste und Schönste, das einem Forscherleben in wenigen Momenten ein paar Mal vergönnt ist. Das ist Forschung! Risikovolle Pionierarbeit auf unbegangenem Gelände. Und nichts anderes.

Bevor man also einen Roman über Forscher schreibt, muss man sich mit Themen wie Ausdauer, Langsamkeit, Obsession, Energie, Fokussierung und Konzentration befassen und mit dem Lebensrisiko eines Forschers, der vielleicht, vielleicht, vielleicht – er kann es ja nicht wissen – sein ganzes Leben lang auf einer falschen Spur läuft, auf einen falschen Punkt schaut, in einen falschen Tunnel blickt und am Ende mit leeren Händen dasteht und nie sein Heureka! erlebt. Aber selbst wenn, dann war es kein Gang umsonst gewesen, weil andere Forscher von den Dokumentationen profitieren, die der scheinbar Erfolglose seinen Nachfolgern hinterlässt, aus denen sie ablesen können, welchen Weg sie selbst nicht mehr gehen müssen. Hier und genau hier liegt die Schaltstelle zwischen der vitalen „Selbstgefährdung“ eines jeden Forschers und der „Fremdgefährdung“ wie sie zum Beispiel auch bei einem Wernher von Braun thematisiert werden kann, von dessen „Toten“ wir uns heute alle in unserer technologischen Komfortzone ernähren.
Den Rest kann ich mir aus Gedenkstätten, BBC-Dokumentationen, youtube-Material und amerikanischen Kinofilmen besorgen.

(„Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny soll hier einmal als Positiv-Beispiel genannt werden, für den geglückten Versuch, eine historisch authentische Geschichte zu einem Forscher mit „fiktionalen“ Elementen – nicht zu verdunkeln oder zu vergeheimnissen – sondern mit einem Surplus zu erhellen.)

Erst wenn man diese grundsätzliche Selbst-Gefährdung des Forschers plausibel in Szene gesetzt hat und in einen historisch weit vorlaufenden Kontext stellt, erst dann und nur dann hat man das Recht, diesen empfindlichen Sachverhalt und die nerdhafte und obsessive Veranlagung von Forschern in so genannte „Verstrickung in Schuld-Kontexten“ zu befragen.

(Newton zum Beispiel wäre beinah so weit gegangen, seine eigenen Augen zu verletzen! weil er wissen wollte, ob er durch die Verletzung der eigenen Augen eventuell der wahren Natur des Lichtes und des Sehens näher kommen kann.)

Aber sowohl in „Flughunde“ als auch in „Kaltenburg“ werden oberflächliche Forscher-Attrappen aufgestellt wie Schießbudenfiguren oder nachlässig narrativ in angelesene Historismuskulissen und immer sehr wohlfeile Verstrickungsmuster und Psychologismen hineinmanövriert, die letztlich doch immer vage bleiben, von einem Autor, der selbst keine Frage hat, der immer schon alles weiß, der selbst im commonsensualen Hallraum komplett abgesichert ist, kein Risiko eingeht und das alles ein bisschen mit Fachgeschwurbel des jeweiligen Forschungsgebiets plus pseudopoetisierenden „Regie-Einfällen“ garniert. Von einem Autor, der nicht weiß, dass ein Forscherleben haben oftmals bedeutet: Hauptsächlich und zuerst ein Forscherleben haben und erst an zweiter oder dritter oder vierter Stelle irgendein anderes Leben.

Ziel von Forschung bleibt Erkenntnis und Einsicht, nicht Ansichtssachen, nicht Metapherngeschwurbel, nicht Psychologismus. Aber um das zu erzählen, muss man keine Romane zusammenschrauben, sondern selbst mal ein wenig geforscht haben. Und was die „Verstrickungsgefahren“ betrifft – da sage ich nur: Commonsensualer Hallraum.

Ja sicher war das eine moralische Literaturkritik. Keine Dramturgiekritik, keine Sprachkritik, keine Kunstkritik.
Weil: Kunstkritik als Literaturkritik konnte es ja nicht sein. Dazu fehlte der Gegenstand, nämlich Kunst.
Im Grunde ist es doch ganz einfach. In 99,99 Prozent aller Fälle ist der „Kunst-Schriftsteller“ 3. Wahl, wenn es bei einer authentischen Forscherpersönlichkeit der Geschichte eine gut recherchierte Biografie oder Monografie getan hätte, die ebenso poetisch und vom Hocker hauend hätte geschrieben werden können.
Aber dazu bedarf es eines Verhältnisses zu seinem Thema, der diesem Thema
zunächst einmal von sich heraus ein poetisches Potential zutraut, ohne dass man als Dichterling etwas zusätzliches hineinklabustert.

Interessanter Weise kann man heute im „Kulturbetreib Karriere machen“, in dem man sich von Hitler und den Toten des zweiten Weltkriegs über Literaturpreise „ernährt“ Oder sogar über Bestsellerauflagen.
Das meinte Heiner Müller damit, wenn er sagte: Wir essen die Toten.
Dann muss man aber auch mal wieder sagen dürfen. Man wird in Zukunft beobachten können, wie sich common-sensuale Hallräume für Karrieren im deutschen Kulturbetrieb weiterhin nutzen lassen. Und eine neckische Poetikvorlesung, die sich mit einer Heidenreich-Persiflage in vorauseilendem Gehorsam in Richtung Heidegger manövrieren möchte – weil: Der Trend von Adorno zu Heidegger ist langsam am Wirken- macht die Wind- und Wetterfahne auch nicht fetter. Oh, wie unhöflich.
Hier nocheinmal die Frage, wann beginnt die Literatur damit, Ihre Erkenntnisse auf sich selbst anzuwenden?

PS: Im Klappentext des neuen Romans von Julie Zeh stand neulich der Satz: „Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein.“ Oh wie ausgelutscht und unsäglich abgegriffen sind diese Kippfigur-Schablonen, all diese wohlfeilen „Künstler“-Taschenlampen, denen die Dunkelheit abhandengekommen ist.

Büchnerpreis für Rainald Grebe.! Sofort!

 

 

 

Zu Fritz Graf: Griechische Mythologie – Eine Einführung (Verlag Patmos 2004, 2. Auflage)

Sehr versöhnlich dagegen wirkt es, wenn man zwischendurch mal wieder ein richtig gutes Buch als Diamant entdeckt hat.

Die Philologie ist eine wichtige Wissenschaft, trotz Nietzsche. Wo Sie Mythen mit einem echten Interesse erforscht, bringt auch sie beeindruckende Forscher hervor. Fritz Graf ist einer von ihnen. In seinem Buch: „Griechische Mythologie – eine Einführung“, das nach meinem Dafürhalten zu den Besten seiner Art zählt, vielleicht neben den Büchern von Mircea Eliade überhaupt zu den wichtigen, die man als immerdazulernender Europäer wenigstens einmal geblättert haben sollte, findet sich ein ebenso einfacher wie klarer Gedanke, den man in 2 Minuten einem Kind erklären oder auf die Rückseite einer Zigarettenschachtel notieren kann.
Die Geschichte dazu lässt sich nachschlagen und ist auch schnell erzählt: Die Titanentochter Leto war schwanger von Zeus (mit Apollon und Artemis) und brauchte nun einen Platz, um „in Ruhe“ zu gebären. Aber die Göttin Hera, ebenfalls eine Geliebte von Zeuss, war eifersüchtig und mobbte Leto auf eine besonders tückische Art. Sie fluchte und veranlasste, dass Frau Leto keinen Ort für die Geburt auf dieser Erde finden sollte. So irrte Frau Leto lange umher, schwanger wie sie war, und überall, wo sie gebären wollte, wurde sie wieder vertrieben, gehetzt und verjagt…
(nebenbei…was an den griechischen Mythen immer wieder auffällt, ist diese Mischung aus völlig abstruser Zauberei und Phantasterei und einem merkwürdigen Realismus.
Alle sind immer irgendwie Titanen, Giganten, Götter und Zauberer, aber wo es drauf ankommt, müssen die Erzählungen oft überraschend „umständliche“ Wendungen oder auch „Schwierigkeitsgrade“ einbauen. Als Beispiel: Zeus zeigt sich einmal in seiner „wahren Gestalt“, nämlich als Blitz, und dann potzblitz ist er wieder irgendein Typ, der sich Dionysos umständlich in seinen „Schenkel einnäht“ – und das auch noch mit einem „goldenen Draht oder Faden“- also jeder echte Gott müsste doch nichts umständlich vernähen, der könnte doch einfach sagen: „…ich bin der Zeus und du kommst in meine Waden, ganz ohne Nadel, ohne Faden“, aber nein, es wird hier extra umständlich herumgenäht, so als sei Zeus jetzt doch nur irgendein Flicker, der an sich herumflicken muss. )

…aber weiter im Text: Frau Leto also darf keinen Ort für die Geburt des Apollo finden und flieht umher. Dieses ständige Fliehen, Gehetztwerden und Verjagtwerden zog sich eine ganze Weile hin, Frau Leto war beinahe schon am Platzen, als Poseidon ihr zu Hilfe kam und eine Insel aus dem Meer auftauchen lies, die eine sehr besondere Eigenschaft hatte und in dem Mythos überliefert wird als „schwimmende Insel“. Als ein Ort „Dazwischen“. Bei Homer heißt es: eine Insel – „nicht Wasser, nicht Land“. (Erich von Däniken läge womöglich auf der Zunge: Vielleicht die Luft? – aber so weit muss man gar nicht gehen) Der Philologe Fritz Graf nennt diese Insel einen „Ort, außerhalb aller Kategorien.“ Gemeint ist die Insel Delos, die auch tatsächlich existiert.

Der Philologe Fritz Graf interessiert sich hier für einen bestimmten Aspekt dieses Mythos’ Denn in der Genese aller Mythen wirkt immer ein „gemeinschaftsstiftender Grund warum“ – warum sie erzählt werden. Der Mythos von der Geburt des Apollo wurde zwar von Homer und anderen aufgeschrieben, aber seine Wurzeln reichen ja weiter zurück in eine mündlich-sagende Zeit vor Homer ungefähr 7. – 9. Jh v.u.Z oder noch viel weiter zurück. Die mündlichen Quellen von Mythen sind schwer zu datieren. In dieser Zeit gab es jedenfalls noch nicht das klassische Athen und noch kein einheitlich dominiertes Polis-Reich.
Da waren verstreute, zersplitterte, zuzusagen „ionisierte“ Inselreiche der „Ionier“ als kleine eigenständige politische Einheiten. Fritz Graf spekuliert, die kleine Insel Delos als Tempelinsel für den geborenen Gott Apollo – und der Tempel steht heute noch da – muss offenbar ein „Nicht-Ort“ gewesen sein als ein Ort, der noch nicht „besetzt“ war. Mir fällt dazu ein: Die wörtliche Übersetzung von Nicht-Ort heißt Ou-Topos oder auch Utopie oder auch „Ohneland“ Der Philologe Fritz Graf findet das plausibel im Sinne einer Neutralität.
Im Prinzip hat es auch etwas Diplomatisches mit dieser Geburt auf sich. Denn ein wichtiger Gott wie Apollo, auf den sich später alle Polis-Griechen einigen sollten, durfte eben nicht an einem „besetzten“ Ort geboren werden, dafür an einem Nicht-Ort. (Homer: „schwimmende Insel – nicht Meer – nicht Land“) Auf einem neutralen Dazwischenland. Apollo gehörte ja später als Oberchef der Vernunft allen Griechen, aber keiner durfte ihn direkt „besitzen.“ Dieser Apollo, der später für alle Griechen so wichtig wurde, musste also selbst auf einem neutralen also „nichtionisierten“ Gelände zur Welt kommen. Eine Insel ohne Eigenschaften?
Ein bedenkenswerter Gedanke von Fritz Graf.
Heute kann man dem noch weiter hinterherfragen: Wo wird eigentlich ein guter Gedanke geboren? Wenn man zum Beispiel einen guten Gedanken hat oder eine Idee? Was deutsche Philosophen schon im 19. Jahrhundert wussten, hat der französische Philosoph Henry Merleau-Pointy noch einmal formuliert, in dem er sagte: Das Phänomen „Bewusstsein“ als der Grund für einen Gedanken, sei ein „Dazwischen“ – im philosophischen Sinne: zwischen Subjekt und Objekt.
Einige könnten den Mythos auch so interpretieren, wie dieses Land „Dazwischenland“ auch die Dichtung an sich sein könnte, also die Poesie oder die Kunst, die ja eben oft jene „Verschwommenheit“ des Dazwischen annimmt. Ich halte das für ungenau oder vielmehr war dieses Argument immer ein Pseudo-Argument, welches beliebiges Nuscheln mit Poesie gleichsetzte.
Vielleicht sollte man hier das Wort „Techné“ einsetzen. Die Technik, von der niemand sagen kann, was sie ist: Statik oder Dynamik, Kunst oder Wissenschaft, Flucht oder Ort, die Technik, die heute allen gehört, aber irgendwie auch keinem. Niemand „besitzt“ die Technik, aber alle wenden sie an.
Oder Europa – ist das eine Idee oder ein real umrissenes Stück Land?
Oder – man kann hinterherfragen: Wenn Frau Leto immer gehetzt und vertrieben wurde und lange keinen Ort „der Ruhe“ für die Geburt finden konnte, dann leuchtet ein, dass ein „Ort der Ruhe“ den sie dann schließlich doch fand und der dann später auf der Insel Delos mit dem Apollon-Tempel geehrt wurde, eben ein heiliger Ort ist. So wie alle Orte der Ruhe?
Wenn ein Ort der Ruhe, den man braucht, um Aufzuatmen oder Innezuhalten oder Nachzudenken oder zu Überlegen oder einen Gedanken zu gebären – denn dafür steht ja der Gott Apollo – nach langer Flucht ein quasi heiliger Ort ist, dann könnte man sich auch vorstellen, dass ganz prinzipiell alle Ruheorte sozusagen auf ein Stehen-Bleiben-Können verweisen. Aber diese Ruheorte des Stehenbleibenkönnens auf gehetzter Flucht in einem ständigen Verbergen, diese Ruheorte richten einen ja erst auf. Es heißt ja nicht umsonst: Jemand bleibt wie angewurzelt stehen. Es heißt ja nicht: Jemand bleibt wie angewurzelt liegen. Deshalb gibt es ja stone henge und die hohen Säulen der Tempel und die Kreuzbögen der Gothik. Und klar kann man sich an solchen Orten auch entsprechend aufrichten. Wenn Europa  als Errungenschaft einer zum Teil schwer- schwerst- und noch schwerwiegenden Geschichte heute ein Ort des Aufatmens ist, sozusagen ein Ort des Luxus, dann gebührt der Idee Europa ein besonderes Verhalten, ein aufgerichtetes Verhalten. Dann gehört sogar des Gehirn des Menschen im Prinzip mit zu dieser Bau-Geschichte des Stehenbleiben-Könnens auf gehetzter Flucht. Fritz Graf ist ein toller Forscher, das Buch kann nur empfohlen werden.

…ach…ich weiß auch nicht…alles ist so müde heute, es wird viel um- und – um- und – um genäht; man könnte fragen, Europa, wo ist das gerade?
Und dabei sich die Songs von Jacque Brel laut im Kopfhörer anhören; man nannte ihn Monsieur Hunderttausendvolt, seinen eigenartigen belgischen Dialekt, zu hart für reines Französisch, zu weich für typisches Deutsch. Aber stattdessen: Rauchverbote, weil es ungesund ist. Ach, was ist nicht alles ungesund. Oder auch die Lieder von Hildegard Knef…oder man könnte sich vorstellen, wie Jeanne Moreau über die Straßen von Paris läuft zur regnerischen Trompete von Miles Davis…ist das nicht eigentlich Europa? überhaupt die Frauen Europas – wie schön sie sein können und wie aufgerichtet und wie stolz…ihre schönen Haare… wäre Europa heute nicht auch ein Ort der Aufrichtung, eines guten Gedankens, einer Aufrichtung; war Europa nicht auch lange genug gehetzt, dass es jetzt irgendwann einmal vielleicht mal zu so einer Art Selbstbewusstsein und Ruhe kommt, in der es versteht, wer es ist. War Europa nicht ursprünglich eine Frau, also im Mythos, die von einem Stier nach Kreta entführt wurde, eben deshalb, weil Zeus sie so toll fand. Da hat er sich eine große Mühe gemacht. Zeus der alte Zausel war sich wiedermal nicht zu schade, sich zu verwandeln. Mal ist er ein Kuckuck, mal ist er ein Stier, dann wieder ist er ein Blitz. Ach, Europa wo sind deine Hunderttausend Volt?

 

 

„Ich habe mich immer danach gesehnt, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber an seine Mauern schlägt ein Meer aus Scheiße.“ (Gustave Flaubert.)

„Der Mittelschicht entkommst Du nicht.“
(aus Rainald Grebes Lied: „Lass die Kerne in den Oliven.“)

„Dauerten wir unendlich
So wandelte sich alles
Da wir aber endlich sind
Bleibt vieles beim alten.“
(Bertold Brecht.)

„.. so lebte er hin….“
(Georg Büchner, Lenz)

Nachdenken über die Rolle des Intellektuellen und Schriftstellers, motiviert von Rainald Grebe und Michel Houellebecq.

Michel Houellebecq hat in seiner Preisrede zum Schirrmacherpreis der FAZ dazu aufgefordert, über diese Sache nachzudenken. Die Rolle des europäischen Intellektuellen.

Aber was ist heute ein Intellektueller? Wie kommt es, dass man immer öfter bemerkt, wie eine Kassiererin bei Rewe irgendwie mit mehr Intelligenz ausgestattet scheint als ein schöngeistiges Akademiemitglied. Warum wirkt ein Thomas Müller heute als Fußballspieler auf der Pressekonferenz geistig eleganter und beweglicher als die Journalisten, die ihn befragen? Was ist da passiert in den letzten 20 Jahren?
Überhaupt scheint sich in den letzten Jahren der Verstand von der Intelligenz abgekoppelt zu haben. Auf den Computern klebt ein Label von Intel – das den Prozessor Chip als „Intel – inside“ markiert. Intelligenz im Sinne des Wortes
(von lat. intellegere „verstehen“, wörtlich „wählen zwischen …“ von lat. inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“) scheint jedoch nirgendwo mehr in diesem Zusammenhang wirksam.

Die KI-Forschung baut Maschinen, die heute jede Menge Dinge tun können. Roboter übernehmen Pflegedienste, autonom agierende Drohnen stellen Pakete zu; und man kann sich von Miss Cortana Tipps für Windows 10 sagen lassen. Apfel oder Fenster – das ist hier die Frage. Apple or Windows. Doch warum nicht beides?
Wahrscheinlich schreiben die Maschinen heute auch schon Bücher, analysieren DNA-Sequenzen oder gehen aufs Klo.

Allerdings: Melancholisch sein, das können die Maschinen noch nicht.

Max Planck-Institut für Melancholie – gibt’s das schon? Wenn nicht, dann wird es hier eröffnet und zugleich eingegliedert. Denn nichts schützt besser vor Depressionen als die Melancholie. Direktor: Sich.

Eigentlich wollte ich etwas zu Rainald Grebe schreiben, immer diese Rainalds, den ich als Liedermacher und Performer sehr schätze. Und als Texter sowieso. Rainald Grebe –  Meister des Mehltaus – sollte der Artikel heißen. Viele finden ihn sicher auch ganz gut oder wenigstens ganz lustig, und ich wollte mich da in den Strom des Gutfindens einfach mit einklinken, weil sich bei Ihm Klarheit, Intelligenz und Wahrnehmungsschärfe gut zusammenbinden und er musikalisch die beste Heilung anbietet, nach dem man spät nachts aus irgendeiner Nachbarwohnung  mit einer lautgestellten Wolfgang Rihm-Komposition traktiert wurde.
Ich wollte Rainald Grebe hemmungslos bewundern für seine Poetik, die es schafft, den Mehltau einer gesellschaftlichen Grund-Stimmung so zu thematisieren, dass dabei nichtmittelmäßige und vor allem nichtironische, ja noch nicht einmal doppelbödige Lieder oder Texte herauskommen. Seine intelligenten etwas leiseren Lieder finanziert er mit Ufftata-Aufritten, bei denen der aufmerksame Betrachter sieht, wie er sich ein bisschen windet und wundert, ein bisschen selbst amüsiert, womöglich auch ein kleines Bisschen leidet, aber dafür gibt’s ja den Mundschutz und Schmerzensgeld. Genau so muss man es machen.

Es bleiben sehr gute und gültige Zeitaussagen in seinen Liedern wie „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ oder in dem Lied „Ich mach Art.“ oder in dem Lied  „Lass die Kerne in den Oliven.“ Oder eben in „Künstler“ Kann man wunderbar nachhören.

Und ich wollte Rainald Grebe tatsächlich in einen Vergleich mit Michel Houellebecq stellen, wobei ich ihn als deutschen Houellebecq-Ersatz parat halten wollte, so nach dem Motto: Rainald Grebe als Meister des Mehltaus ist die deutsche Ausgabe von Michel Houellebecq, auch wenn er nicht so ganz abgedriftet aussieht wie der Franzose. Aber das liegt auch am Metier.

Nun muss ich all das das leider verschieben. Die Büchnerpreisrede von Marcel Beyer kam dazwischen und  hatte mich schwer abgelenkt und ein wenig geekelt. Ich habe mich also nicht geirrt. Ich hatte mich davor gefürchtet, mich so krass bestätigt zu finden.

Vergleiche. Vergleiche. Ich vergleiche die Schirrmacherpreisrede von Michel Houellebecq mit der Büchnerpreisrede von Marcel Beyer.

Früher, so vor 200 bis 500 Jahren, war man als Künstler oder Schreiber zumeist etwas melancholisch und deshalb auch „ein bisschen genial“, als das Wort „genial“ noch das Surplus von „in-genieus“ mit transportierte.
Flaubert war noch ein Melancholiker.  Jean Paul Sartre ein Jahrhundert später zum Beispiel war kein Melancholiker. Dafür hat er ein viel zu dickes und fleißiges Buch über Flaubert geschrieben, in dem er nachweist, wie Flaubert im großen und ganzen ein ziemlich psychopathologischer Fall gewesen sein soll, aus dessen Krankheits- und Kränkungsgeschichte dann eben sehr gültige Literatur hervorwuchs, Texte von einer welteinfassenden Klarsicht, zu die es ein Sartre nie gebracht hat, obwohl er von der eigenen Pathologie her auch ganz gut ausgestattet gewesen sein dürfte. Nur war er leider kein Melancholiker.
Ja, Flaubert war ein Mensch voller Ressentiments. Und Sartre war nur ein  Rädchen des Zeitgeists.

Michel Houellebecq, ich muss mir mal ein Tastenkürzel für diesen Namen eingeben, damit die Richtigschreibung stimmt, würde heute darin sicher zustimmen, dass die Franzosen mit Sartre lange Zeit einen massiv überschätzten Intellektuellen im Rampenlicht stehen ließen. Eigentlich einen gebildeten Dummkopf. Er war schriftlich viel zu fleißig und zu wenig melancholisch.

Heute kann man sich Melancholie nicht mehr leisten, weil sie angeblich schlecht im Spiegel aussieht und nicht so gut in die Gebote der Gutdraufigkeit passt. Dabei ist die Melancholie die beste Schutzmaßnahme gegen Depression. Und die Melancholie wird in Zukunft der härteste Härtetest für künstliche Intelligenz in der KI-Forschung sein.
Kann eine Maschine melancholisch sein?

Aber woher soll dafür das Wissen kommen? Seien wir realistisch: Der europäische Intellektuelle wird in den nächsten 1000 Jahren folgenden Weg nehmen: Er wird geboren, er möchte atmen, er möchte trinken und essen; und er möchte immer gut scheißen;  dann, wenn er 8 oder 1o Jahre alt ist, erwacht in ihm ganz kurz das Fragen, er ist für eine ganz kurze Zeit weltoffen, danach schließt sich dieses Weltoffenheitsfenster wieder; denn er möchte irgendwann ficken und Kinder ernähren und dabei auch in den Bedeutsamkeitsmodus von Bedeutsamkeitsbedeutizität schalten. Außerdem möchte er weiterhin gut wohnen, essen, trinken, atmen und scheißen. Was bleibt ihm? Er kann Unternehmer werden und einen Copy-Shop eröffnen. Er kann Erfinder werden und die nächste graugelbe Leuchtdiode erfinden, er kann Lehrer werden und Kinder darin unterrichten, wie man schön nichtfragend, nichtneugierig und unmelancholisch wird. Oder er wird Künstler. Was das für Konsequenzen hat, weiß man jetzt. Ein jährlicher Rundgang durch diverse Kunstakademien, wenn sie zu bestimmten Terminen „Tage des offenen Atelliers“ anbieten, offenbart eigentlich nur Trauriges.

Oder er gerät er in den Traum von „Bedeutsamkeit“ und wird zur Medienpuppe oder zur Verlagspuppe, zur Originaltätspuppe, zum Individualitätsbimbo, zum Stilbimbo, zur Puppe der Aufmerksamkeitsökonomie etc…..
Also gerät er in den Mehltau der Sprachregelungen, der sichselbstrefferierenden Fußnoten in sogenannten Netzwerken, die sich gegenseitig vernetzen zu Einladungen, die sich gegenseitig einladen, zur Hütchenspielerei, zur Denkregulierung und zum Abgleich der gegenseitigen sozialen Idiosynkrasien, was für ein hässliches Wort, und des jeweils angesagte Hippnessfaktors.
Er wird zum eigenen Handpuppenspieler der jeweils anliegenden alterierenden Erregungskurven, des gerade anliegenden Schwachsinns und der eigenen Überlebensfigur. Er wird zur Puppe seiner aktuellen Wohnungs-Einweihungsparty. Er wird zur Puppe des „nächsten Skandals“. Und am Ende ist er eine Puppe irgendeiner sogenannten Reputation.

Das ist das Puppentum des europäischen Intellektuellen der nächsten 1000 Jahre.

Wenn der europäische Intellektuelle alles richtig macht, ist er eine Repräsentationspuppe oder – das darf auch nicht fehlen: eine Dagegenseierpuppe, aber immer eine Puppe der „Kommunikation“ oder der „Aufmerksamkeitsökonomie.“

Die Melancholie aber bleibt unerreichbar und rückt immer ferner.

Der heutige Intellektuelle, sofern er öffentlich ist, leistet sich seit den frühen 90iger Jahren selbst nur noch den ironischen oder stoischen Habitus oder er flüchtet sich, wenn er für Ironie nicht ganz so gut gebaut ist, in irgendein angestemmtes Epikureertum oder in den Vitalismus; und kann dadurch leider eben diesen harten KI-Test als Melancholietest nicht bestehen. Ironie, Vitalismus, angestemmtes Epikureertum, muffige Stoa und Mittelmaß gehören heute zu einem traurigen europäischen intellektuellen Puppenpark, der den Test nicht besteht. Der dafür immer die Vorstufen der Depression anzeigt.

Ganz traurig wird es, wenn die ehemals 90iger-Jahre-Ironischen oder Affirmativen plötzlich ernsthaft oder seriös sein wollen. Das geht dann gleich mal ganz daneben; dann bricht die Ironitis  aus. Schlimm ist ebenso, wenn eine Theoriepuppe plözlich zur Erotikpuppe mutiert und Herrenwitze erzählt. Dann wird sie zur Herrenwitzpuppe.

Die Ironitis als akutes Krankheits-Stadium der Ironie befällt den Geist mit einem Mischzustand aus Mittelmaß, Selbstüberschätzung und trauriger Seriösitätsbestrebung. Dann landet man im Mehltau. Aber es reicht nie ganz zum Selbstmord. Dafür passt man zu sehr auf sich auf. Die Ironitis befällt dann die Texte, so wie zum Beispiel bei Kathrin Passig, die nicht mehr merkt, wie ihre Rede zu ihrem Akademie-Nebenpreis, für dessen Geld sie sich soundso viele Eiskugeln in Köln kaufen kann (he he, hi hi ) eben weder Komik, noch wirklichen Witz, aber auch nicht mehr Ironie auf  ihre Höhe bringt, geschweige denn irgendeinen Gedanken, sondern eben nur noch diese Hi-Hi- He-He – Eiskugeln ha ha – Halblaschigkeit, ironitisch eben.

Und so lebten sie dahin….

Michel Houellebecq und Rainald Grebe also: Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung fordert dazu auf, zu glauben, dass Georg Büchner, Rainald Goetz und Marcel Beyer auf gleicher mentaler, denkerischer und sprachlicher Höhe sind.

Nö, glaube ich nicht.

Warum interessieren mich in letzter Zeit diese offiziellen Akademie-Preis-Anlässe? Ich frage mich da besorgt: Bin ich ein Neidischer? Missgönne ich öffentliche Ehrungen und Erfolge? Welche unverstandenen Kränkungen unterfüttern mein Ressentiment? Ich werde mal zum Hypnotiseur gehen.

Und beim Hypnotiseur auf der Liege sage ich: Ressentiments sind wertvoll und wichtig. Es gäbe keine große Philosophie ohne Ressentiment. Keine einzige Pyramide würde stehen ohne Ressentiment. Nietzsche, der gegen das Ressentiment polemisiert hat, war selbst der allergrößte Ressentimentalist. Und genau dieses verhohlende Ressentiment, dass er immer unter seiner aus der Sprinkleranlage platzenden Munterkeit und Lauterkeit verbergen wollte – genau das hat aus seinem Kopf und aus seinem Leben dann Sushi gemacht. Das hat sein Talent zerstört. Nein, man muss sein Ressentiment füttern und pflegen und hegen wie ein Trüffelschwein! Das Ressentiment ist geradezu die Nase des Trüffelschweins aller großen und dauernden Leistungen des Geistes, der Philosophie und der Literatur. Ohne Ressentiment wäre die Welt einfach nur eine BWLer-Party. Und es gäbe überhaupt keine Aufbrüche, keine Entdeckungen, nichts, sondern nur Mittelmaß, Besitzstandswahrung und Funktionärstum. Max Planck-Institut für Ressentiments – gibt’s das schon?

Kann ein Roboter Ressentiment haben? Oder eine Puppe? Ich glaube kaum. Hoch lebe das Ressentiment, mein ganz legales Aufputschmittel, mein Hormonschmeichler und das geheime Fittnessstudio meines Hypothalamus. Mein tägliches Ressentiment gib mir heute! Das sage ich beim Hypnotiseur auf der Liege, der mich dann aber ganz erschrocken mit seiner sanften Stimme aufweckt, bevor ich anfange, davon zu erzählen, welches Meer bei Flaubert eigentlich als das Meer aus Scheiße angesprochen wird.
Ganz sicher hat Flaubert damit nicht die Welt oder die Menschen im Allgemeinen gemeint. Sondern dieses Meer aus Scheiße schwappt bei den Besitzstandswahrern der Meeres-Metapher, wenn sie sich nicht selbst einmal aus diesem Meer erheben wollen. Dann schlägt von dort her die Scheiße gegen den Elfenbeinturm. Und die Quelle der Scheiße dieses Scheißmeeres findet sich bei der Meeresmetapher in Goethes spätem Faustmonolog.

Bin ich aber nun ein Neidischer? Nein. Ich bin nur neidisch auf den Kosmos, auf sonst niemanden. Büchnerpreise, Kleistpreise und Villamassimostammelstipendien sind seit langem schon das geistige Todesurteil, nein zu hart, sagen wir: das geistige Lebenslänglich für Literaten und Intellektuelle.

Sogar Rainald Goetz muss jetzt damit leben, mit dem Verdacht, dass sein Denk-und Sprach-und Luhmannreflexions-Ton eigentlich immer nur ein gut geschnürtes Label war, das er in sich selbst hineingelogen oder appliziert hat, ähnlich dem Markenknipser im Ohr des Steiff-Teddys, bei aller Nervosität und ausgestellten „Abseitigkeit“  immernoch und jederzeit kuschelfähig, konsensfähig.
Weil auch er immer mit dem doppelten Boden als Absicherung des eigenen Nichtdenkens geschrieben hat. Nach zwei klaren Aussagesätzen kommt bei ihm zumeist ein Satz, der die beiden Vorgänger relativiert. Dafür musste sein Schreiben immer auf Theorie-Bananenschalen herumrutschen. Das war sein „Ich-nehme-mich-selbst-nur-ein bisschen-nicht-ernst-und-Sinn-interessiert-mich-schon-garnicht-aber-ich-mache-in-Sprache-Stil“
Vielleicht ist Rainald Goetz ein besonders trauriger bundesdeutscher Fall von „Ich-habe-mich-gegen-eine-Biografie-als- Dichterphilosoph -für- eine-Biografie-als-etwas-gehemmter-Schriftsteller-entschieden- und-stelle-nun-fest-dass-ich-als-Schriftsteller-leider-an-Houellebecq-oder-Rainald Grebe -nicht-heranreiche.
Ausgerechnet seine Theaterstücke, die am meisten ausgezeichnet wurden, sind Müll, aber das weiß er wohl auch.
Mit diesem Stil agierte auch Rainald Goetz immer hart an der Kante zur chronischen Ironitis, immer schon auf der sicheren Seite der Gleich-Gültigkeit, und alle anderen waren aus dem Schneider. Nun sitzt er da mit dem abgekackten Büchnerpreis neben Marcel Beyer, das hat er jetzt davon.

Nein, das war zu hart. Goetz bleibt immer noch einer der Guten. Er ist eine wichtige Spur gegangen. Und man weiß es ja sowieso: Jeder Autor schreibt in seinem ganzen Leben eigentlich nur Scheiße, und so sehnt sich jeder Autor  also nach diesem hell leuchtenden Text-Ereignis , in dem ein spezieller kosmischer Kanal sich öffnet, der sensationell über den Verfasser hinausweist. Jeder Autor sehnt sich nach dem BACH-TOCCATA-UND- FUGE-D-MOLL-EREIGNIS, in dem sich ein Kanal öffnet hin zu einer überpersonellen Sinn-Flut.

Aber diese spezielle provinzwestdeutsche Pop- Schallplatten- und Gymnasial-Linke, zu der neben Marcel Beyer auch Thomas Meinecke und Lifestyle-Leninist Dietmar Dath gehört,  hat sich nach dem Aufweichen der klaren Fronten in den späten 80iger Jahren  für eine verschwiemelte Form der Affirmation entschieden, die nur mit Ironie, mit „Ästhetik“,  Theoriebananenschalen, stumpf angehäuften „Kenntnissen“ oder  – ganz verständlich- vorgezeigtem Schallplatten-Poppertum zu unterfüttern war, jedenfalls dort, wo sie nicht in die Eckensteherecke von Botho Strauß oder Peter Handke gelangen wollte. Aber auch das reichte eben nicht. Es war einmal irgendwie verständlich, in einer Zeit, die von moralischen Strickpullis, Adorno- und Marcuse-Diskursen vollgestellt war. Man wollte mal wieder etwas mehr Sex und Spex. Aber liest man heute alte Ausgaben der Spex, dann liest man dort ebenso genau schon das theorielastige  sprachliche Strebertum und eine fortgeschrittene Theorieverkleisterung in noch relativ jungen Gehirnen. Die Gehirne überschlagen sich da gegenseitig und liefern sich einen hohlen und leeren Wettkampf der Begriffs- und Analyse-Drechselei, und des „Kenntnisreichtums“, dass es nur so scheppert. Das alles wäre gut, wenn die Themen Relevanz hätten. Haben sie aber nicht. Hat nie einen Menschen interessiert außer die gerade anliegenden Netzwerke.
Na gut, das ist lange her. Es bringt einen nicht weiter.
Denn am Ende wird man auf diese Weise wieder nur ein mittelmäßiger Intellektueller also auch nur ein mittelmäßiger Schriftsteller. Ohne Melancholie. Ohne Ressentiment. Aber deshalb eben auch ohne Druck, ohne Kraft, ohne Energie…
Noch verschwiemelter als die provinzwestdeutsche Pop-Schallplatten-Feminismus-und Gymnasial-Linke aus den 80iger Jahren ist nur noch der Nachwende-Literatur-Ossi-Dichterling und irgendein Maxim-Lea-Rosh-Biller, der sich jederzeit nach „echten“ Geschichten, nach „intensivem“ Schreiben sehnt; und dann kommt doch nur Plastik-Hemmingway herraus. Oder Plastik-Roth.

Rainald Grebe: „Ich fress jetzt den ganzen Eimer Sambal Olek da! Ich bin extrem!“

Max Frisch hatte es so schön in seinem Tagebuch formuliert: Preise, Ehrungen, Poetikdozenturen oder Professuren sind Alterserscheinungen. Sie können sichere Anzeichen der Senilität sein, die von außen an den Geehrten herangetragen werden.
Der Gezeichnete und Gealterte muss registrieren, dass man ihn leichthin akzeptiert, ihn immer öfter einlädt, Reden zu halten oder Preise entgegenzunehmen. Was nach außen hin als Ruhm mißverstanden wird, das weiß der Gezeichnete, ist in Wirklichkeit vorgezogene Grabrede und Nachruf. Der mit Ehrungen überhäufte wird geehrt, weil er nicht mehr stört.
Die Akzeptanz der Gesellschaft versichert den mit Preisen überhäuften Autor seiner Wirkungslosigkeit und Egalität usw… Der Autor ist jetzt „gleich-gültig“ geworden. Und deshalb eben jederzeit preiswürdig. Er endet auf dem Gemeindefriedhof der „Kommunikation“ und der „Aufmerksamkeitsökonomie.“

Was natürlich nicht heißt, dass alle Autoren, die heute von Literaturpreisen oder Villamassimostipendien verschont bleiben, nun besonders nichtsenile Geister oder verkannten Genies von morgen wären. Soweit reicht die Dialektik da nun auch wieder nicht.
Im Gegenteil – gerade auch unter denen, die sich vom Betrieb verkannt oder ignoriert oder bei Seite geschoben fühlen – gibt es schlimme Schlafmützen, deren ganzes Trachten   gegen den etablierten Literaturbetrieb für den etablierten Literaturbetrieb gerichtet ist.
Der heimliche Traum dieser Ignorierten bleibt ja eben gerade der, nicht mehr am Zaun der Zuwendung und Aufmerksamkeit rütteln zu müssen, sondern auf die andere ebenso spießige Seite des Zauns zu gelangen.

Deshalb hat Houellebeqc natürlich Recht, wenn er einen Literaturmenschen zum situationsopportunistischen Helden seines letzten Romans macht.
Dass Houellebecq einen Literaturprofessor als situationsopportunistischen Anpasser zeigt, macht die eigentliche Größe des Romans aus. Das Rahmenthema ist im Grunde nebensächlich.

Das hat auch mit Rainald Grebes Liedern zu tun: Es gibt in Deutschland keinen künstlerischen Underground mehr, sondern nur noch einen Overground. Der Underground ist immer schon ein Overground. Deshalb kann auch aus den „experimentellen“ Literatur- oder Lyrikbiotopen nichts mehr nachwachsen. Nach Stanislav Lem ist auch alle phantastische Literatur ausgeschrieben.
Die wirklichen Text-Qualitäten dringen durch ganz andere Kanäle, zum Beispiel durch den Kanal Rainald Grebe. Oder durch den Kanal von Element of Crime oder durch den Kanal von angelsächsischen Singer-Songwritern, wie beim kürzlich verstorbenen Leonard Cohen. Plötzlich hört man, dass David Bowie zum Beispiel oder Ann Clark mit einer ganz anderen Leichtigkeit einem Hölderlin näher kommt als irgendeine Huchelpreisträger der letzten 30 Jahre.

Oder eben Michel Houellebecq, den man jetzt nicht als abgewertet betrachten muss, nur weil er den Frank Schirrmacher Preis der FAZ erhalten hat.

Der Büchnerpreis jedenfalls trifft die Mittelschicht, das wäre wohl die Lösung des Rätsels. Der Büchnerpreis zeichnet heute künstlerische Mittelschicht und denkerisches Mittelmaß aus. Die denkerischen Höhen beginnen erst wieder bei Harald Lesch, wo etwas verhandelt wird, das alle etwas angehen sollte; und die künstlerischen Höhen findet man entweder dort, wo kein „sogenannter Künstler“ seine Finger im Spiel hatte oder im gelungenen Teamwork des Kinos.

Aber warum nennt man den Georg Büchner- Preis dann nicht um in Ingo-Schulze-Preis oder Martin-Mosebach-Preis? Warum heißt er noch Georg Büchner Preis? Warum bekommt ein Martin Mosebach, der in einem Artikel zu Heinrich von Kleist selbst zugegeben hat, immerhin, dass er selbst mittelmäßig ist, den Georg Büchnerpreis?  War Georg Büchner auch nur Mittelmaß?

Warum interessiere ich mich immer noch dafür?

Weil man bei den Preis-Reden an prominenter Stelle eine Art Tatort der intellektuellen Sphäre einer Gesellschaft vorfindet – ähnlich wie ein Profiler, der sich ein Bild von einem unbekannten Täter machen muss.

Seit längerer Zeit kann man erleben, wie ehemals denkende, fragende und
dichtende Autoren des 19. Jahrhundert entfährlicht und eingebiedert werden,
in dem man ihren Namen und ihr Lebenswerk an Literatur-Preis-Routinen ankoppelt.
So entsteht für einen Unbeteiligten allmählich und schleichend der Eindruck, dass man in die deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts alles hineintun kann wie in einen Mülleimer, oder das man in Kleist alles hineintun kann.

Aber damit werden individuell und zugleich repräsentativ erlittene Spuren, Leidenschaften, Lebenswerke mit dem Fetisch „Vielfalt und Ästhetik“ vergleichgültigt, ausgebleicht und schließlich ins Nichtssagende hineingeschleift.

Wo diese ehemals erlittenen Lebenswerke dann unter einem Berg der gleich-gültigen Sprachästhetik-Interpretationen, Ansichtssachen und Meinungen ersticken, in den Abgasen der jeweils neuesten Zeitgeistästhetikselbstgestaltungsabgleichs-interpretationsmaschine.

Doch das Allerwertvollste geht dabei verloren: Ein Gefühl für Kontexte und Historie, für historische kontextuelle Bedingtheiten, denen sich Texte und Lebenswerke verdanken. Und das kann man dann auch an den Büchnerpreis-Reden erkennen.

Zwar glaubt man, dass man Georg Büchner etwas Gutes tut, wenn man seinen Namen ehrt, aber in Wirklichkeit verbrennt man diesen Autoren.
Büchner und Kleist sind die Riesen, die fossilen Ressourcen,  die den Zwergen heutiger Akademien und Literaturjuries als eine Art fossiler Brennstoff dienen, um gleich-gültige Plaudermaschinen und ästhetizistische Zeitgeistabgleichungs-interpretationsapparate in Gang zu halten.

War Kleist ein so gleichgültiger und austauschbarer Mensch?
War Georg Büchner ein gleichgültiger Mensch, dem alles „gleichviel“ galt?

Man kann es natürlich auch so sehen: Büchner und Kleist waren immer die Mülltonnen für den  Müll, der heute geschrieben wird. Wenn das so von der Akademie und von den Preisvergabe-Juries intendiert wäre, dann hätten es einen eigenen Witz. Dann würde so ein Büchnerpreis bedeuten: Dieses Werk ist der allerneueste Müll, und die unsterblichen Mülltonnen Kleist und Büchner sind groß genug, um auch dieses neue Werk in die Tonne zu treten. Aber leider ist es so, auf diese invertierte Art und Weise, nicht gemeint.

Dazu wirkt noch ein anderer Effekt, dem man als interessierter Intellektueller im Deutschland der letzten 30 bis 40 Jahre ausgesetzt war: Man trifft als junger Mensch lange Zeit auf sehr viele zumeist ältere Literatur-Kultur-Menschen, die zum Beispiel „Beckett gut finden“ oder die „Thomas Bernhardt gut finden.“  Oder sie sagen Dinge wie: „Ja, also dieser Hölderlin war wirklich ein ganz Großer.“  Und dann zitieren sie ihn womöglich auch noch auswendig. Oder sie sagen auch: „Der Kleist, ganz toll, ganz irre!“ Und dann sagen sie natürlich immer auch: „Ach und Goethe – unser Größter.“ „Und James Joyce erst!“

Alles ist gleich- und-gültig.
Nietzsche zitieren sie dann auch noch, und zwar salbungsvoll, ebenso wie Voltaire, Freud oder Büchner oder Niels Bor, oder Paul Valéry.

Alles ist ihnen  gleich-und-gültig.

Das ist sehr schade. Weil man als junger Mensch sehr ausgeprägte Antennen hat. Man sucht nach Orientierungen, aber nicht nach Gleichgültigkeit. Und die meisten Leute, die auf diese gleich-und-gültige Art Dichternamen der Vergangenheit auf der Zunge tragen und vor sich hin loben, zumeist eher abstoßend, uninteressant, spießig oder schlafmützig findet. Und sagt sich: Wenn diese gleichgültigen Schlafmützen „Samuel Beckett gut finden“ oder „Thomas Bernhardt gut finden“ oder „Hölderlin gut finden“ oder „Kleist gut finden“ – dann muss ich diese Namen nicht mehr kennenlernen. Dann ist Beckett oder Kleist höchstwahrscheinlich auch so spießig und schlafmützig und gleichgültig und unangenehm, wie ihre Lober, die diese großen Dichter-Namen eklig im Munde führen.

Wenn jemand zum Beispiel Ann Cotton sieht oder ließt, wie sie über Hegel redet und ihren desinteressierten Sprachschwachsinn über diesen Philosophen ausgießt, dann kann das negative Auswirkungen haben. Sie verbinden dann womöglich den Namen Hegel mit Ann Cotton und werden dadurch ein Leben lang daran gehindert, sich mit Hegel im Original zu befassen.
Oder wenn jemand als junger Mensch mit einem Durs Grünbein-Text traktiert wird, in dem ein Name wie Hölderlin oder Descartes vorkommt. Dann ist dieser junge Mensch eine lange Zeit schlecht infiziert. Er wird abgestoßen. Er wird dann eine lange Zeit Hölderlin nicht lesen wollen und von Descartes wird er ebenfalls die Finger lassen.

Als junger Mensch liest man diese Dichter und Denker dann nicht, weil man sie ein für alle Mal mit dem Gleichgültigkeitszombietum Ihrer verkalkten und nichtdenkenden Lobhudler verbindet.
Und zwar liest man sie eine ganze Zeit lang nicht. Zumeist über 15 Jahre lang nicht.
Nur mit sehr viel Glück und durch Zufälle gerät man hier und da irgendwann doch an die „Originaltexte“ – und ist zumeist unglaublich schockiert, wie wenig diese Autoren im Geiste mit ihren schalen Lobhudlern teilen. Nämlich garnichts.

Es vergeht unheimlich viel Zeit, bis man begreift, dass Thomas Bernhardt kein
garstiger Zyniker war, dafür ein tiefer Menschensucher, der nichts weiter getan hat, als am hellichten Tag mit einer Laterne hinauszugehen und Menschen zu suchen.
Und es vergeht auch unheimlich viel Zeit, bis man begreift, das Samuel Beckett kein „Absurder“ oder „grauer Nihilist“ war oder gar ein „Endspieler“,  sondern ein Hölderlinverehrer, Forscher und Sucher.
Aber all das wird einem als junger Mensch zumeist verschwiegen oder verstellt
von den schalen Besitzstandswahrern der gleich-gültigen Lobhudelei.

Die eine große Ausnahme bleibt immer Goethe. Goethe entspricht im Geiste zumeist genau der Biederkeit und dem ästhetisierenden Besitzstandswahrertum seiner Lober. Weil Goethe selbst ein Besitzstandswahrer im Geistigen war. Er hat Welt gesammelt wie ein stumpfer Briefmarkensammler, eben mit dieser zombiehaften Gleichgültigkeit gegenüber allem und jeden. Ohne eigenes Fragen. Ohne eigene Leidenschaft.
Dabei wäre es nicht schlimm, wenn einer Goethe gut findet oder lobt, Goethe konnte ja schon auch ein bisschen den Stift halten, aber der Goethegutfinder findet eben alles irgendwie gut.

Goethe genau so wie Hölderlin. Kleist genau so wie Nietzsche.

Ovid genau so wie Peter Hacks – und alle diese Leute finden auch Heiner Müller irgendwie gut, ja, auch den! Genau so, wie sie Jürgen Habermas gut finden. Und Novalis erst! Sie finden alle Novalis gut! Sloterdijk zum Beispiel zitiert Novalis ebenso wie er Nietzsche zitiert. Was bitte hat Sloterdijk mit Novalis zu tun? Was hat Nietzsche mit Novalis zu tun? Aber auch Derrida war irgendwie immer gut, total interessant irgendwie.

Alles ist gleich-und – gültig und wird von den Gleichgültigkeitszombies in ein totes nichtssagendes Mineralienkabinett der Besitzstandswahrung eingebiedert und zugeschissen mit dem eigenen abgekackten Mittelmaß irgendeiner Reputationsexistenz..

Denn eigentlich ist es so: Wenn man Novalis „gutfindet“ – dann kann man nicht auch noch Goethe „gutfinden“  Und Nietzsche schon garnicht. Diese Gleichgültigkeit geht nicht zusammen. Novalis nämlich fand Goethe abstoßend!

Und so kommt es dann, dass der Spießer Goethe der allererste „Besitzstandswahrer“ des Schöngeistigen wurde, der seinen Faust sagen lässt, dass alles Forschen nichts bringt. Und das in einer Zeit, die extrem aufgeweckt und virulent im Forschen und Entdecken auf dem Weg war. Und Mathematik und Physik wird gleich ganz weggelassen in diesem Faust.
Und Religion und Medizin wird auch nicht verhandelt.

Und dieses spezielle Goethesche Spießertum, das eigentlich ein Besitzstandswahrertum ist,  zeigt sich bis heute immer noch dort, wo zum Beispiel von Schriftstellern „das Sprachthema ausgespielt wird“ als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst etwas zu sprechen. Und hier ist nicht das Vollschreiben von Papier gemeint.
Ebenso wird das „Philosophiethema ausgespielt“ als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst zu philosophieren.
Es wird das „Reimthema ausgespielt“ als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst etwas zu reimen. Und hier ist nicht das Reimen in Versen auf dem Papier gemeint.
Und es wird „das Forschungsthema ausgespielt“ als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst ein Forscher zu sein. Und hier ist nicht irgendein schaler Bildungstourismus gemeint.
Und es wird  das „Gesprächs- und Kommunikationsthema“ ausgespielt als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst ein echtes Gespräch zu beginnen.

Dieses ungeheuerliche besitzstandswahrende Spießertum schließlich „spielt das Büchnerthema“ aus, oder es wird das „Kleistthema ausgespielt“ – als Ersatz für die eigentliche Aufgabe, selbst einmal Kleist zu sein. Gott bewahre. Kleist war ja ein Genie oder ein unglücklicher Mensch! Das wollen wir nicht! Das können wir nicht! Ach, und Büchner erst, der war ja am Ende sogar ein Aufhörer, ein Mit-dem-Schreiben-Aufhörer, der sich ganz ernsthaft nur noch mit den Schädelnerven der Fische befasst hat oder befassen wollte. Warum wohl? Das wäre uns doch gar zu trist. Nein, also selbst mal ein wenig Büchner sein – Gott bewahre!

Diese Schöngeistigkeitsspießer ziehen jedes Thema, das ihnen in die Finger kommt, hinunter in die kleine vermuffte Sphäre ihres Pseudo-Poetentums mit samt der dazugehörigen zugeschissenen Literaturhaus- und Goethe-instituts-Existenz.

Und am Ende gilt als poeta doctus, wer das Wort Milchflasche orthografisch richtig schreiben kann und dazu noch zwei oder drei Zitate aus der römischen Antike auswendig aufsagt.

Das also führt dann unbemerkt und schleichend  zur Entfährlichung und Einbiederung zum Beispiel von Kleist oder Büchner.
Und im Endeffekt einer solchen Einbiederung nimmt Marcel Beyer in seiner Rede Georg Büchner und strickt ihn kulturkulinarisch oder sprachkulinarisch um –  Büchner erscheint plötzlich als der Sprachartist und 12-Ton-Musiker der deutschen Sprache. Das also ist die letzte Neuigkeit, der allerneueste Interpretationsmüll, der den Kleingärtnern und Stiefmütterchenpflanzern der deutschen Sprache zu Büchner einfällt: Büchner also ist jetzt ein  raffinierter Grammatizitäts-Grammatikalist und ein Ästhetizitätsanästhesist.

Büchner endet als Sprache-Sprache im leeren Narziss-Echo-Spiegel
eines ästhetisierenden und rumpfkritischen und neugierlosen Linksbürgertums.

Gedanken oder Inhalte oder historische Durchdringung oder emphatische Kontextualisierung sind irrelevant. Von Forschung ganz zu schweigen.
Stattdessen: Füllsel, biografische Anekdötchen, irgendwelche herbeiklabusterten
Abgelegenheiten und eben diese merkwürdige Sprachkulinarik.

Was hat denn Georg Büchner mit Leonce und Lena wirklich gesagt, hä?

Büchner hat wie jeder halbwegs wache Schreiber nichts anderes getan, als dem Volk aufs Maul zu schauen. Hatte das Luther nicht auch schon gemacht? Oder sogar gefordert? Ist das nicht allenthalben bekannt, dass gute Autoren dem Volk aufs Maul schauen? Hat das Dante nicht auch gemacht? Ganz was neues. Oder will man demnächst auch Luther „ästhetisch“ oder sprachkulinarisch lesen? Findet man womöglich auch bei Luther irgendein Ferkeldeutsch?  Irgendein sprachkulinarisches Bohnendeutsch oder Katoffeldeusch? Mit Luther gerät man auf die Rückseite der Sprache, womöglich sogar auf die Rückseite der Bibel?  Ja, der Luther, der war womöglich auch schon so eine Art 12-Ton-Komponist der deutschen Sprache….

Marcel Beyers Hütchenspielerei und Büchnerpreisrede also…redet so vor sich hin…

…und dann, und dann, und dann – wie bei der Deutschen Post eingeworfen und sich selbst und einer ausgesuchten Zielgruppe per Einschreiben pünktlich zugestellt  – die biedere Petze gegen Pegida, die biedere Sprachschelte gegen Hundesportvereine, gegen die bösen alten „Wehrmachtsärsche“, die Langhaarige in den 80iger Jahren nicht leiden mochten und denen man dann später als Zivildienstleistender  in den Altersheimen der 80iger Jahre eben diese Wehrmachts-Ärsche abgewischt hat….oh my good…ja wie bitte hätten sie denn diese langhaarigen und T-Shirt-linken Protokarrieristen mit ihren Batiktüchern und Wackersdorfgummistiefeln in ihrer luxuriösen Frühstücksflocken-BRD auch symphatisch finden können? Da kann einem doch gar nichts anderes kommen als eine extra braune Wurst für den langhaarigen Zivi mit seiner Negermusik vom Tommy und seinen Schongssongs vom Franzmann!

Also mal ganz sachlich: Wenn einer als junger Mann, als langhaariger Zivi, als  T-Shirt- und Lederjacken-Linker in den 80iger Jahren das einmal gesagt oder gedacht hat, dass diese altgewordenen „Wehrmachtsärsche“ ja irgendwie an einem  problematischen Krieg teilgenommen haben –  na gut, denkt man da, okey, denkt man da, ja, kann man verstehen, denkt man da, war damals in den 80igern irgendwie aktuell oder très chic oder angesagt, vielleicht auch unberechtigter Weise berechtigt, man macht es sich in jungen Jahen auch gerne mal ein bisschen leicht, und fühlt sich so sauwohl, wenn man mit der amerikanischen Coca Cola vor dem deutschen Fernseher sitzt und Guido Knopp-Dokus guckt, okey – aber, aber, aber, denkt man da – als erwachsener Mann aber – als reflektierender „Dichter“ aber, von um die 50 aber, im Jahre 2016 aber, – noch einmal diese stumpflinke Schallplatte mittelschichtigen, versifften und T-Shirt-kritischen Hausbesetzer-Sprechs aufzulegen, und den „Wehrmachtsärschen“ noch einmal in den Arsch treten  – ohne eine Spur von geschichtlicher Tiefenreflexion, ohne eine Spur von anteilnehmender Emphatie mit komplexen und zum Teil tragischen geschichtlichen Kontexten, ohne eine Spur von geschichtlicher Demut gegenüber den Zerbrauchten und Verstörten des 20igsten Jahrhunderts, deren Leiden letztlich den Grund dafür gerichtet haben, dass Marcel Beyer als stumpflinkes T-Shirt-kritisches BRD-Gewächs seine Nachkriegsprovinzkindheit  in Wackersdorfgummisiefeln verbringen konnte – nein! dachte ich da, hier stoppt jetzt die Musik, das grenzt jetzt an …ich weiß nicht was. An dieser Stelle würde ich jeden einzelnen Wehrmachtsarsch verteidigen gegen diese versiffte, satte und vollgefressene Gratis- und Hohlkritik aus dem besitzstandswahrenden Wohlfühlregal eines stinklinken  Popzeitgeists, der immer schon seinen „Faschismus besessen hat“ und garnicht mehr hergeben will, weil man aus ihm sein ganzes Pseudoliteraten-Wackertum und den ganzen Sprachbienenhonig saugen kann, den man nicht nur isst und verschlingt, den man sich noch als anifaschistische Wellnesscreme auf die Haut schmiert, während man einen suchenden, fragenden und forschenden Georg Büchner mit seiner vermufften Sprachkulinarik in den Arsch tritt.
Am Ende ist Marcel Beyer womöglich auch ein Opfer des Naziregimes? Oh, dann entschuldige ich mich und beantrage bei der sozialistischen Einheitspartei des Nichtdenkens sofort die lebenslange Goetheinstituts-Verfolgten-Rente für Zivildienstleistende der 80iger Jahre. Wer im Jahre 2016 als Angehöriger der Generation Golf mit dem selben mentalen und denkerischen Mief aus seiner 80iger-Jahre-Schrumpfhirnzeit als WG-Abi-und Schallplatten-Einfamilienhaus-Linker seine Wehrmachtssoldatenkritik so obermutig und obermuffig aufs Rednerpodest schleimt,  der ist selbst ein Schrumpfschriftsteller; der kann ganz unmöglich im Kanon neben dem Sucher und Frager Georg Büchner  erscheinen. So hart wollte ich dieses mentale Spießertum der Akademie nicht bestätigt bekommen. Nein, Danke!

Damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, es würde hier nur unsachlich und emotional argumentiert werden, folgt jetzt noch eine ganz seriöse literaturkritische Sprachkritik an einem Gedicht von Marcel Beyer. Es geht so:

Im Hotel Orient

Wir sind gepuderte Gestalten
auf Polstern in der Sitzecke
halbdunkel, schwarzer Samtverschnitt.
Das sind die wahren Etablissements,
Männer im Unterhemd öffnen die Tür.
Ich bin jedoch nur Augen- / Ohrenkunde:
Gibt es das Räuspern noch? Das Schnupfen?
Das Verhören? „Die waren hungrig“, nachts,
im Nebenzimmer, spät bis Drei.
Und wir sind traurige Figuren
am Lacktisch, Nachtgespräch.
Augen, halboffen. Frisch rasierte Schläfen:
Gibt es das Flüstern noch? Das Rauchen?
Spiele die Koksnase: das mitgegangene
Tütchen Zucker, SANTORA, vor dem
kalkfleckigen Spiegel inhaliert.
MAXIM FUTUR-Spiegelung: Gibt es
das Schlucken noch? Und stehe da
wie aromatisiert: heiß, holundrisch
und schwach.

Und meine Sprachkritik dazu geht so:

Uwe Greßmann – Zeitenfest

Aber die mit Glocken das neue Jahr eins anzeigten
Streuten rote, grüne Plätzchen auf Straßen der kosmischen Stadt
Hüllten sich in papierne Schlangen
Und trugen des Mondes und der Sterne Lampione,
Ja zogen in die Raumlosigkeit der Luft hinaus.
Aber es führten fünf Stufen zu einer Terrasse empor,
Und zwei Sphinxe, die Einlass gewährten,
Sagten lediglich: Bitte treten sie näher.
Schwiegen dann, also waren es fünf Zeiten des Lebens,
Die man da hochging,
Erst auf allen Vieren, dann aufrecht,
Ja ehrlich: zuletzt auf Krücken.
Also auch geschah der Lebensabend des Menschen.

Aber auf der Terrasse grünten fünf botanische Gärten,
Mit Algen, Nacktpflanzen, Siegelbäumen, Eiben, Eichen
Und der den Beruf hatte, legte den Lampion hin,
Pflegte fünf Tage lang, was da auf Erden wuchs,
Setzte sich dann auf eine Bank, aß
Und machte Pause und ließ die Papierschlangen
Durch die Finger gleiten; und das war der Sonntag.

Aber auf der Terrasse waren fünf Automaten
Als Sklaven der Menschen nach Tarifen
Des Stromes und Verdienstes angestellt.
Und wer den Beruf hat, legt den Lampion hin,
bedient das Schaltbrett; läßt Papierschlangen
Durch die Finger gleiten. Und das ist der Sonntag.

Aber auf der Terrasse befanden sich
Fünf Teiche oder Teleskope, Fernen zu widerspiegeln.
Und wer den Beruf hat, legt den Lampion hin,
Und erklärt den Freunden der Astronomie die Grenzen des Alls,
Macht Pause und lässt dabei auch mal
Eine Papierschlange durch die Finger gleiten, ißt,
Trinkt, geht sonntags ins Theater …

Aber auf der Terrasse befanden sich
Fünf zoologische Gärten mit Weichtieren,
Panzerfischen, -lurchen, Sauriern, Säugern …
Und wer den Beruf hat, legt den Lampion hin
Und pflegt die Bestien, macht auch mal Pause,
Ißt und trinkt und läßt dabei eine Papierschlange
Durch die Finger gleiten, bummelt die Straße lang,
Sich die Schaufenster anzusehen, macht also Sonntag.

Aber auf der Terrasse befanden sich
Dienstleistungsbetriebe, sei es das Haar zu schneiden,
Brot zu backen, Wäsche zu waschen …
Und der den Beruf hat, legt den Lampion hin,
Bedient den Kunden, macht Pause, ißt und trinkt
Und läßt später eine Papierschlange
Durch die Finger gleiten, besucht Freunde,
Und das ist das Sonntägliche im Leben,
Sich nach langer Zeit mal wiederzusehen.

Aber da die Fabelhaften den Berufen der Menschen
Nachgehen, ohne die Utensilien des Neujahrsfestes
Aus den Augen zu verlieren, sagten die Leute:
Also ist es eine Kunst zu Leben.

Und Faust, der solches hörte, stieg nun selber
Die fünf Stufen der Terrasse hoch und bat
Die Sphinxe um Einlass, zeichnete
Die fünf Lebensalter in den Kalender der Menschheit ein
Und sagte: Also geht eure Zeit dahin.

Aber es erhoben sich in der Ferne des Horizonts
Fünf Schlote der holzverarbeitenden Industrie,
Und sanken davor gar Angehörige des Waldes,
Plärrte die Kreissäge das Wehtun sterbender Bäume,
Also ist es euer Werk das euch erhalte,
Sprach Faust im Fabriktor zu den Arbeitern.
Und diesem Tag seiner Arbeit zuliebe sangen Hirten
Und Kühe zu Harfe und Horn und rühmten, ja propagierten
Den sagenhaften im Volk der Organisation
Von Mund zu Mund wandernden Faust.
Daher auch versammelten sich Dichter und Denker
Auf der Weide großem Parnaß, genossen
Den Gesang von faustischem Ringen;
Den finden wir gut, sagten ihre Blicke stumm,
Andächtig. Von Hoffnung nämlich, und Halle und Säulen,
Her hallen nun Laube und Zweige grünlich wieder,
Dürftig ganz von Blüten; zieren die liebliche Wohnung
Der Vögel das Wort der Dichter und Denker
Zwitschern die Geflügelten mir, sitzen musisch
Veranlagten Rindern auf dem Rücken,
Öffnen den Schnabel, des Knaben Wunderhorn,
Stumm, davon kitzlige Harfen sich in der empfindlichen
Saite berühren lassen. Das musische Rind
Das nun freilich den Kopf schüttelt
Und auch noch einmal daran zupft,
Muht sogar die blondgelockte Romantik an,
Die Lieder zu Harfe und Horn auch anzuhören.

Also nämlich neigte das Jahr sich dem Ende zu,
Da man im Bett erwachte, aufstand ein gegen
Den Traum Aufständischer, seiner Arbeit
Im Lande des Alltags nachzugehen.
Aber da die Glocken das neue Jahr Eins
Einläuteten, streute man Augenblicke, Konfetti
Auf Straßen und Plätze der kosmischen Stadt
Und beging das Fest der Zeiten.

Wenn alle nur mit Wasser kochen – wer kocht dann mal das Essen?

 

 

„Unsre Zeit beherbergt nebeneinander und völlig unausgeglichen die Gegensätze von Individualismus und Gemeinschaftssinn, von Aristokratismus und Sozialismus, von Pazifismus und Martialismus, von Kulturschwärmerei und Zivilisationsbetrieb, von Nationalismus und Internationalismus, von Religion und Naturwissenschaft, von Intuition und Rationalismus und ungezählt viele mehr. Man verzeihe das Gleichnis, aber der Zeitmagen ist verdorben und stößt in tausend Mischungen immer wieder Brocken der gleichen Speisen auf, ohne sie zu verdauen.
Schon äußerlich betrachtet, läßt solche Antitypik – solches Entfalten der Probleme in Paare von Gegensätzen, solche Vielheit von Entweder-Oder-Fragestellungen – erkennen, daß hier nicht genug geistige Arbeit geleistet wird; es liegt in jedem Entweder-Oder eine gewisse Naivität, wie sie wohl dem wertenden Menschen ansteht, aber nicht dem denkenden, dem sich die Gegensätze in Reihen von Übergängen auflösen. “
(Robert Musil, Essay, 1922)

Lieber Robert Musil, dass Sie mir ein Leserbrief schreiben, hatte ich erwartet. Es ging in meinem Labor in letzter Zeit etwas heftig zu. Das CERN des Bewusstseins erzeugt manchmal Teilchenkollisionen von Fragezeichen, die nicht ganz ohne sind. Aber niemand wird sich darüber beschweren können, wenn Literatur  von vorlaufenden Geistern einmal dahingehend ernst genommen wird, wo sie eine Aussage trifft. Warum sollte man einem Einstein nicht hinterherdenken dürfen? Er hat es doch selbst gefordert. Dass Sie, Robert Musil, mir Ihren Brief aus der Vergangenheit schreiben, überrascht mich nicht. Was heißt das schon – Vergangenheit? Denn der Strahlgang des großen Beschleunigers führt logischerweise zu einem Ringschluss der Raumzeit, die ein Zeitraum ist. Robert Musil, ich möchte Sie nur kurz beruhigen. Ich bin weder Nationalist noch Individualist, weder Rationalist noch Intuitionalist – ich bin ein denkender Mensch, so wie Sie sich ihn immer gewünscht haben. Und ich bin ein Fan von Paul  Valéry. Und darin völlig normal. Und ich bin einer Ihrer Leser. Leider lebe ich in einer Zeit, in der es ungefähr, ich schätze einmal, 150 Doktorarbeiten über Sie gibt, aber womöglich keinen einzigen Gedanken. Und ich muss mich angesichts ihres Essays fragen, ob das nicht schon eine ganze Weile so geht.
Die überraschende Erkenntnis, Robert Musil, ist zum Beispiel, wenn ich einen Botho Strauß lese, den Sie nicht kennen, die überraschende Erkenntnis ist, dass eben dieser Botho Strauß nichts schreibt, das Ihre Fragen berührt oder sich jemals an Ihrem Fragekomplex wesentlich abgearbeitet hätte im Sinne eines echten Fragens, eines echten Forschens. Das Problem ist, dass die deutsche Literatur seit ich weiß nicht wie vielen Jahren leeres Enjambement mehr schätzt als Ihre Bücher und Ihr Denken, Robert Musil. Es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, dass sogar Botho Strauß‘ Stücke zu Robinson Jeffers oder sein Buch „Beginnlosigkeit“ eigentlich immer nur „Dress“ waren, nie aber Sprache. Auch kein wirkliches Fragen.
Robinson Jeffers hätte sich beschwert über so eine Oberflächlichkeit im Umgang mit seiner Biografie, mit seinem Fragen.
Das ist das Problem meiner Zeit, Robert Musil, dass für die Literaten, dort, wo sie sich als „Künstler“ verstehen, Sprache immer nur ein „Dress“ ist, um ein Distinktionsmerkmal zu erzeugen. Das Interesse geht nicht aufs Sprechen oder Fragen, das Interesse geht immer nur auf die Distinktion. Und die Konsequenz, die sich daraus ergibt, ist, dass die heutigen Künstler-Autoren auch kein Handwerk mehr haben.
Es gibt keine gutschreibenkönnenden Künstler-Autoren mehr, weil ihr Thema immer nur die „Distinktion“ ist. Und zwar schreibt dieser Künstler-Autor in dem Moment schlecht, wenn er dem Künstlermittelschichts-Argument fröhnt, Kunst habe nichts mit Rationalität oder mit Theorie zu tun. Das künstlerische Mittelmaß erkennt man immer an diesem Mittelschichts- und Mittelmaß-Argument, Kunst und Rationalität seien zwei verschiedene Schuhe. Die „Distinktion“ des „Künstlers“ von der Rationalität ist die dümmste Distinktion. Damit geht es los. Und dann geht es weiter.

Auf eine Zeit scheinbar etwas verknöchert vorgetragener Metaphysik folgt eine „Distinktion“ hinein in die erotistische Narration, in die Spontanitätsvortäuschung,
in die Lustigkeit, in die Ironie, in den „witzigen“ Satzbau, oder in den Pop.

Der Distinktionskünstler ist grundsätzlich senil. Er verkauft Effekte als geistige Regsamkeit.  Max Frisch sagte dazu einmal: Der Greis verkauft Witzigkeit als geistige Frische. Man gibt „witzige“ Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden und hält das für Esprit.
Dann folgt auf eine Zeit scheinbarer Oberflächlichkeit die „Distinktion“ hinein in Tiefe vortäuschendes Geraune.  Also es funktioniert auch umgekehrt. Es gibt auch einen angeborgten Melancholieton, den man als „Tiefsinn“ verkauft.
Auf eine Zeit des Zivilisationsüberdrusses folgt die „Distinktion“ hinein in eine bloß angeborgte Romantik, die aber nie den Geist dieser Romantik in die heutige Zeit überträgt. Auf eine Zeit scheinbar zivilisatorischem laissez faire folgt die „Distinktion“ hinein in den scheinbar mythologisch festgezurrten Ordnungswunsch nach „Kultur“.
Man kopiert den Ton von Novalis. Man kopiert den Ton von Schopenhauer.
Man kopiert den Ton von Adalbert Stifter. Man kopiert den Ton von Thomas Mann u.s.w.  Aber Selberdenken? Selberfragen? Niemals. Warum immer nur „Distinktion“?
Warum die scheinbaren Gegensätze nicht denkend in Übergänge auflösen, so wie Sie es, Robert Musil, gefordert haben?
Was solls, Robert Musil, Sie sind in meinem Labor willkommen und waren es immer schon. Ich kenne ihre kleinen oder großen Animositäten mit dem „Erfolgsschriftsteller“ Thomas Mann. Sie aber waren auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich suche ein wenig mit, und grüße Sie sehr freundlich mit einer der schönsten und diesmal wirklich tiefsinnigsten Periode in deutscher Sprache, die von ihnen kommt und auf eine sehr merkwürdige Art etwas von Asien an sich hat.

„Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, war so sanft, daß sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern, die, in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen.“

….

…zum Unterschied zwischen Witzigkeit und Komik. Können Kinder witzig sein?
Bis zu einem bestimmten Alter sind Kinder komisch, aber sie sind nicht witzig.
Der Witz oder die Witzigkeit  – ist ein Sozialwerkzeug, das zwischen anwesenden Masken moderieren soll.  Kinder sind bis zu einem bestimmten Alter maskenlos und deshalb keine Adressaten für Witze. Man könnte sagen: Für Kinder ist die Welt witzlos aber oft sehr komisch.

Der schlimmste Feind des Witzes ist nicht der Ernst, sondern die Komik.
Der Witz schließt ein. Die Komik öffnet.

Die Wirklichkeit unmöglich machen?

Das ist eine Geschichte, die man jedem Systemtheoretiker als Hausaufgabe vorlegen kann:
Sie berichtet von einem Treffen zwischen Sartre und Heidegger in den 50iger Jahren.
Sartre, der offenbar sehr systemisch engagiert und existenzialistisch auf Heidegger eingeredet hatte,  sagt danach: „Er verabscheut das Engagement. Ich habe ihm davon erzählt. Dabei wurde ich mit unendlichem Mitgefühl beobachtet. Am Ende redete ich mit seinem Hut.“

Es ist diese besondere Form  des Unbedingt-Witzig-Sein-Wollens, das auch die neue „Lyrik“ von Steffen Popp gegen die Poesie abschließt.

Auch dieser zeitgenössische Lyriker ähnelt in seinen neuesten Texten jenen Branchenvertretern von patentierten Gurkenschneidern und Möhrenrasplern, wie man sie gelegentlich in Fußgängerzonen antrifft, wo der  Passant vor einem kleinen Tischchen beeindruckt wird mit  Kragenmikrophon, Lautsprecher und künstlich kunstvollen Gemüsefiguren, die aus dem allerneuesten Handgerätepatent in eine Schüssel fallen. („Der schneidet allet und macht och Käse. Mit dem Aufsatz kriegense auch die Doppellocken in die Käsespäne. Heute zum Sonderpreis!“)  Oder darf es der Superglue-Alleskleber sein, der im Prinzip alles klebt, auch Plastik auf Holz („Hier ziehense mal! Kriegen se nicht mehr auseinander“! Zwei Tuben, nur 8 Euro)

Lyrikbranchenvertreterlyrik.

Die hört sich in Steffen Popps Version dann so an:

Tang und Tüll.
Man kann den Tang einfach nicht so Tang-sein lassen, man muss ihn mit Tüll ironisch alliterarisieren. Damit gibt man sich immer hübsch abgeklärt, lässig, witzig, kann aber irgendwie doch nicht die Finger lassen von Arachne, Oheim, Achat und Achill. Ein turnschuhhaftes Anprobieren von starken Worten, die für die eigene völlig erfahrungslose und schluppe Sozialisationsbiografie, zumeist in Gymnasien und auf Universitäten verbracht, immernoch eine unbegriffene Anziehungskraft ausüben.
So werden diese Worte arrangiert und vorgezeigt wie die Pokemonkarten mit Superkräften oder wie früher die Kaugummibilder von Fix-und Foxy beim Schulhoftausch hinter der Raucherecke.
Steffen Popp fährt heute das gleiche Schema wie Grünbein, nur ohne Bügelfalte (noch), etwas flitziger, schneller, modischer. Wissenschaftswörtermeierei rhythmisiert als Gebildetheitskitsch gemixt mit antikisierendem Griechen – oder Mythenzierat. Effekte statt Denken.

Dagegen dann wieder als Dokumentarfilm im Kino: Bumm, Bumm, Beuys.
Nie witzig, manchmal komisch, oft ernst. Beuys wirkt. Immernoch. Er ist das Original.

Bei Thomas Mann war der „Bajazzo“ am Ende der Geschichte noch ein Ausgegrenzter,
plötzlich ernüchtert, mit sehr wenig Perspektive. Ganz verkehrt dagegen haben sich die Verhältnisse in heutiger Zeit. Der Berufsbajazzo, der „Wille zum Witz“ durchherrscht seit ungefähr drei Jahrzehnten die literaturintellektuellen Verhältnisse. Und dieser Wille zum Witz war es auch, der allmählich ins postpoietische Zeitalter führte. Nun sitzen die Lyriker da und kommen einfach nicht mehr raus aus dem eisernen Ring ihres Witzelns, der sich wie ein Keuschheitsgürtel um das Denken geschlossen hat und die Verbindung kappt zu dem, was einmal genannt wurde: Dichtung.

….

Büchnerpreis für Jan Wagner. Oh je. Es gab früher einmal einen Trend, vielleicht kommt er ja auch wieder, als man brandneue Jeans, mit Rissen und Löchern darin, direkt im Laden kaufen konnte.  Die lebensechte Hose mit dem Authentic-Look der Abgeschabtheit.
So ähneln Jan Wagners Texte jenen Jeanshosen, die man erst fabrikmäßig färbt und dann fabrikmäßig wieder auswäscht. Danach verschickt man diese Hosen noch einmal in ferne Länder, wo man ihnen künstliche Risse und Abschabungen über dem sprachlichen Knie des „Gedichtemachens“ appliziert. Trotzdem sind sie formal angestrengt vernäht im Stanzen-, Sextinen,- Terzetten und Sonettenmuster.
Das ergibt dann diese typische Schlüsselreizwäsche mit Bügelfalte für den Förmchen-Genießer und Universitäts-Sprachstreber, der sich weder für die Welt noch für Gedanken interessiert, also für das Akademiemitglied von heute. Zuletzt wurde man überrascht von einer Art Öko-Kollektion mit aufgenähten Pflanzenapplikationen, gerade gut für den angesagten Trend zum Landleben.

So gibt es heute kaum etwas, das belästigender wäre, als dieser Neuberliner Synthetikwitz, der im Leerlauf seines Sprachspiel-Generators eine vakuumverschweisste Second-Hand-Spontanität produziert und das dann als weltaufwirbelndes Lyrikpartisanentum feiert. Nichts trübt die poietische Stimmung mehr ein, als dieser absichtlich auf „Vieldeutigkeit“ hingeduschte Fugenschaum von Sprachblähung, mit dem man garantiert jede nur erdenkliche Interpretationsritze zustopft, während das Denken und jedes weltvernehmende Fragen dabei verstummen muss. Nichts ist heute auf traurigere Art erwachsener und berechnender, als diese für den Barcodescanner produzierte Zellophanlustigkeit, diese mit dem Blechgroschen eingekaufte Lächerlyrik, die jederzeit gegen den eindeutigen Weltsinn von Sprache gesetzt wird. Da liest man doch lieber Wilhelm Busch oder schaut sich ein Lied von den Eurythmics an.

Nach Uwe Greßmanns Sonnen-Auto:

Gäbe es heute so etwas wie eine TÜV-Plakette für Lyriker oder Philosophen, viel Geschriebenes und viele poetologische Äußerungen bekämen keine Verkehrszulassung mehr. Zu viel Ruß, zu viel Nebel, zu viel Rauch, zu viel Krach, machen die Lyrikmotoren, aber sie kommen nicht von der Stelle. Wenn da überhaupt noch Motoren am laufen sind und nicht vielmehr die meisten Lyrikautos nur noch als Karosserien ohne Motor die Landschaft vollstellen. Der kognitive Wirkungsgrad der Text-Gehirnmaschinen liegt in einem Bereich, der jeden modernen Poetik-Ingenieur genieren muss. Irgendwo bei 0,4 – 1,2 Prozent. Er ist inakzeptabel. Es werden zu viele Mücken geschaukelt, zu viele Regentonnen variiert, zu viele Flöhe mit Hustensaft beliefert – bei zu wenig welterschließendem kinetischen Vortrieb. Auch Jan Wagner bekäme in der DEKRA
auf dem Motorenprüfstand Probleme.

Dass Jan Wagner in seiner Münchner Poetikrede vom Gedicht als einen „verschlossenen Raum“ spricht und dabei ungeniert Dylan Thomas, Edgar Allen Poe, Pablo Neruda, Baudelaire,  Brecht und noch gefühlte 3000 weitere Namen herbeizitiert, um sie dann im Küchenmixer seiner allzugroß aufgebblasenen Idee vom „Gedicht als verschlossenen Raum“ zu zerhäckseln, kann man nicht anders bewerten als einen groben Unfug.
Natürlich ist dieser geschlossene Raum bei Jan Wagner auch irgendwann kein ganz geschlossener Raum mehr, manchmal nur halb geschlossen, dann nur dreiviertelgeschlossen, oder einachtelgeschlossen oder dann doch wieder ganz offen – ja wat denn nu? So gleicht die rhetorische Operation zum Gedicht als veschlossenen Raum einem typischen rhetorischen Glasperlenspiel, das sich letztlich auf nichtsagende Art teflonbeschichtet, nicht festlegbar macht, dabei aber jede Menge „Kenntnisreichtum“ zu einer Geräuschemacherei verarbeitet und alten Wein in neue Schläuche gießt. Schlechte Sophistik.

Als Motiv wird außerdem herangezogen die ach-so-hermetische Hermetik von (manchen) Gedichten, welche die Sinnerschließung für den Leser  verlangsamt, indirekt oder umwegig macht. Ja, das ist gelegentlich so. Das weiß man.
Aber Jan Wagner redet so, als sei es der unbedingte Wille eines Dichters, sein Gedicht „schwierig“ zu halten. Für Jan Wagner ist Dichtung also so etwas wie Innenraumdekoration, Ambient-Design.

Man muss Dylan Thomas oder Poe oder Baudelaire oder Emily Dickinson dann doch unbedingt in Schutz nehmen vor der allzurotbackigen Theorie-Übergriffigkeit eines  Neuberliner Grünteebeuteltrinkers und Lyrikbranchenvertreters, in dem man darauf hinweist, dass eine gewisse Hermetik oder der berühmte Nicht-immer-sofort-sich-erschließende-Welt-Sinn von manchen Gedichten einem Welteröffnungsunternehmen geschuldet ist.

Ein Welteröffungsunternehmen, das versucht, in bisher unberedete, sprachlose oder vielleicht in wiederstumme Regionen der Welt-Offenheit vorzustoßen.

Wollte Hölderlin Welten eröffnen, oder wollte er Räume zuschließen? Wollte Büchner etwas sagen oder wollte er stammeln? Wollte Arseni Tarkowskie den Vers maximal aufladen oder wollte er ihn in einer Besenkammer abstellen? Wollte Rilke die Worte in einen Knast schicken, oder wollte er den Panther hinter die Stäbe blicken lassen? Wollte Yvan Goll selbst wissen, suchen und fragen oder wollte er „Gedichte fabrizieren“? Wollte Dylan Thomas Türen aufmachen – oder wollte er Jan Wagner in seinem Dixi-Klo einsperren, bis er heult?

Jan Wagners kenntnisreichtümelnd zusammengebastelte Lyriktheorie vom Gedicht als „verschlossenen Raum“ will eigentlich nur eins: Schlüsselmacht. Es geht in all diesen Second-Hand- Diskussionen zur „Hermetik“ von Gedichten um nichts anderes als um Schlüsselmacht. Jan Wagners Lyriktheoretik geriert sich als Aufseher und Gefängniswärter, der eine Schlüsselmacht hat, die er gegenüber dem Leser machenschaftlich ausspielen möchte. Wer sich darauf einlässt, wird zum „Insassen“ eines Kitschgefängnisses, dessen Wände von einem mittelmäßigen Dekorationsmaler verziert wurden, aber er wird nicht zu einem freier atmenden und neu sehenden Weltbürger. Jan Wagners Gedichte kennen keine eigenen Fragezeichen, und das ist immer schon ganz verdächtig.

Aber genau so funktioniert  seit Jahrzehnten das sichselbsternährende Stoffwechselverhältnis zwischen „Text-Produzenten“ und „Interpreten“. Es ist eine längst verbrauchte und stickig gewordene Verabredung, die in stumpfer Wiederholung nur noch ihrem eigenen Leerlauf frönt: Der Lyriker, der die „Schlüsselmacht“ über den Text  beansprucht, schreibt unverständlich oder pseudo-anspielungsreich, damit Interpreten oder „Lyrikkenner“ ihre Kennerschaft und „Entschlüsselungskompetenz“ unter Beweis stellen.
Dieses System ist selbstreferenziell in sich selbst verschlossen und produziert auf beiden Seiten des („anspruchsvollen“) Literaturbetriebs das inzuchtgeschädigte Rezipienten-Wesen.
Und überhaupt: Warum sollte man absichtlich in einen verschlossenen Raum eindringen wollen oder viel Mühe darauf verwenden, diesen zu entdecken, wenn darin sowieso nur ein paar benutzte Socken zu finden sind und das,  was ich selbst vorher schon weiß?

Vielleicht muss man hier noch einmal daran erinnern: Ein Dichter ist jemand, dem sich das Sprechenkönnen mit einem Sagenmüssen verkoppelt. Dieses Sagenmüssen meint AUSDRUCK.  Dieser Ausdruck jedoch ist eben nicht die Strickmütze, die man früher auf der Heck-Ablage im Auto über die Klopapierrolle gestülpt hat.
Das Gedicht als „verschlossener Raum“ – auf so eine bescheuerte Idee, auf so etwas Hirnverbranntes kann doch nur ein Büchnerpreisträger von 2017 kommen.

Die Gehirne vieler Lyriker, Künstler und Schriftsteller sind heute Spiegel-Online-Gehirne.
Nur mit dem Unterschied, dass hier kein gleich-gültiger Tages-Info-Content verarbeitet wird, sondern ein tausendmal abgenutzter intellektueller Diskurs-Ramsch.
Und am Ende steht immer eine „poetologische Intellektualität“, die alternativlos eingesperrt bleibt im Mittelmaß des Effektehaschens a la Meese, oder Dath und Co oder im Mittelmaß einer selbstrefferenziellen Wohlfühlmoral wie man sie von schulterklopfenden Sonntagsreden kennt. Beides jedoch verhindert das Denken.
*

Kleine Augen-Farbenlehre nach Paul Cézanne:
Was ist ein Künstler? Was unterscheidet jemanden, der „wie Cézanne“ malt von jemanden, der Paul Cézanne ist? Was unterscheidet jemanden, der „wie Uwe Gressmann“ schreibt von jemandem, der Uwe Gressmann ist? Was unterscheidet jemanden, der sich den Namen Alexander von Humboldts ans Revers klebt, von jemanden, der Alexander von Humboldt ist?
Der Stil? Der Ton? Die Zeit? Eine Art von Könnerschaft? Wohl kaum.
Man erkennt es sehr schnell.
Bei den großen Künstlern kann man auch seinen Frieden mit der Kunst machen. Alles ist gut. Alles in allem hat seinen Platz. Wäre ja auch langweilig so ganz ohne Kunst. Und Paul Cézanne gehört nun mal auch zu den ganz Großen. Er war ein Wegweiser. Sehr viele Schriftsteller haben über ihn geschrieben. Denn er hat seinen Berg immer und immer wieder gemalt. 44 Gemälde oder noch mehr soll es nur von diesem einen Berg geben. Das sind Prozesse, langsame Suchgänge, Fokussierungen, Passionen.

Die Kunst heute bleibt bis auf weiteres Effekt- und Nieschengesellschaft. Der Betrieb hat keine Zeit, langsame Suchgänge, sehr langsame Suchgänge zu unterstützen. Wege des Fragens. Deshalb wird jeder Künstler heute gezwungen, sich mit Effekten vorzustellen.
So wird man im Laufe des Lebens zum Erich Honecker seines Talents. Jeder Künstler ist heute so etwas wie ein Erich Honecker seiner Effekte. Der kleine Idiotismus ist immer die kleine eigene DDR. Hier sperrt man das Fragen in Gefängnisse. Die Gefängnisse heißen „Doppelbödigkeit“  oder sie heißen „Unschärfe“- oder sie heißen „Vielfalt“ oder sie heißen „Arbitrarität“ – oder man versucht, das Fragen sogar ganz auszurotten – weil jedes relevante Fragen letztlich immer die Fungibilität des eigenen Krims-Krams-Diskurses bedroht. Am Ende kommen dabei immer Werke heraus, von denen man mit Carl Corino sagen muss: Außen Marmor, innen Gips.

Wie viel Zukunft so etwas hat, weiß man heute.
Die DDR ist  – unter anderem – auch untergegangen an einem Mangel an Dialogen, an einem Mangel an echten Gesprächen. Stattdessen herrschte eine Diktatur der Diskurse.

Egal.

Cézanne war ein Stillhalter, kein Stil-Halter. Nicht der Berg hat Cézanne Modell gestanden, sondern Paul Cézanne hat sich selbst von seinem Berg portraitieren lassen. Der Berg hat ihn „gestillt.“ Paul Cezanne hat in seinem ganzen Leben nichts anderes getan als Augenfarben zu malen, die er der Landschaft abgenommen hat, einer Landschaft, die ihn gestillt hat. Cezanne hat still gehalten. Dieses Still-Halten ist ein Ver-Halten. Das ist die ganze Kunst.

Na gut, man kann mit jeglicher „Kunst“ seinen Frieden machen. Solange, bis wieder einer kommt, der sich damit nicht zufrieden gibt. Der an wirkliche Gespräche glaubt.
Insofern ab jetzt nichts polemisches mehr. Nur noch Entspannung auf dem Lande.
Was bleibt, stiften die Menschen.
Ich bin ein bisschen stolz auf mich. Darf man stolz sein, ein Mensch zu sein? Ich bin mir nicht sicher, nicht wirklich. Es wäre schöner, sich in dieser Frage, sicherer zu sein. Ich habe keine  Universität besucht, aber dafür das Universum.
Wann wird eine Universität wieder Universum? fragt sich Alexander von Humboldt, fragt sich Wilhelm von Humboldt.

Der SPIEGEL schreibt zu Paul Cézanne im Jahre 2005: „Ein Jahrhundert nach dem großen Sohn des Landes bringen zwar Tausende von Malern im französischen Süden ihre oft verkitschten provenzalischen Farben auf Leinwand und an die Touristen. Die Provence jedoch wartet auf den Künstler mit einer Vision à la Cézanne fürs 21. Jahrhundert.“

 

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