Wieder mehr Romane lesen

Trotz verschobener Buchmesse. Es gibt Leseproben der Favoriten. Die genügen zumeist für den Überblick.

Lutz Seiler, Stern 111:

Hier agiert eine Hauptfigur, die Carl heisst. Carl mit C geschrieben. In der DDR hießen richtige Menschen zumeist Tilo, Andreas oder Enrico. Oder auch Lutz. Gut, selbst wenn man einen solchen synthetischen Germanistinnenvornamen noch verzeiht, finden sich gleich zu Beginn des Buches Sätze oder Beschreibungen wie:… „das dünne graue Haar des Vaters“, um zu zeigen, dass der Vater schon etwas älter ist als ein Zwanzigjähriger. Oder man wird als Leser verwöhnt von Erinnerungen wie: „…… als Kind träumte Carl manchmal von Drachen und Monstern, die ihn mit Fresslust verfolgten“…. Das ist aber gruselig, Lutz, echt. Man denkt: Der neue Dostojewskie der Wendezeit liefert die Beobachtung, dass man im Traum manchmal von Drachen und Monstern mit Fresslust verfolgt wird. Zumal als Kind! Da kommt man vor lauter psychologischer Tiefenlotung garnicht mehr aus dem Haus. Hat man sich erholt von solch überraschendem Charaktisierungssprachfeuerwerk, folgt noch ein Satz wie ein knallender Sektkorken: „Carl wachte manchmal schweißgebadet davon auf.“ Am besten gefällt mir hier das „schweißgebadet“ im Zusammenhang mit dem scharf beobachteten „Aufwachen“. Das spricht so in der Weltklasse von dem „dünnen grauen Haar“ des Vaters, der übrigens auch „hängende Schultern“ hat. Die beste Rezension zu dieser Art zu schreiben, steht auf Amazon. Da meinte jemand: Das ist so eine Literatur, die wie ein Radiosender alles bringt: Alle Staus und Blitzer und die besten Hits der 70iger, 80iger, 90iger und auch von heute. Kurz gesagt: Ein Buch zum Zuklappen.

Leif Randt, Allegro Pastell:

Man schlägt das Buch auf, blättert kurz und hat’s verstanden. Nur kommt das alles 30 Jahre zu spät oder aus Amerika. Man weiß ja, dass Simon Strauß in seinem pseudoverschmitzten Aufbegehren extrem uncool ist und nicht schreiben kann. Und Rainald Götz pseudoverschmitzte Kapitalismuskritik und sein Luhmanngeschwiemel haben zu seinem künstlerischen Scheitern beigetragen, für das er den Büchnerpreis bekommen hat. Aber so eine pseudoverschmitzt auf Deengagement heruntergedimmte Konzeptstudie langweilt eben auch nach 5 Seiten. Rainald Grebe hat 30igjähige Pärchen besser besungen. Leif Randt ist ein Autor, dem man zurufen möchte: Mensch, Du solltest schreiben!

Ingo Schulze, rechtschaffende Mörder:

Auch ein Konzeptroman. Möchte abliefern. Möchte bedienen. Möchte auch mal zu gegenwärtigen Problemen etwas Literarisches beitragen. Der rechtschaffende Schriftsteller meldet sich mit dem hochgeregten Arm und schnipst: Herr Lehrer ich weiß was! Aber aus jedem „Es war einmal….“ aus jedem skurilen Skurilitätseinfall wird noch mal eine schriftstellernde he he, Drehung, Wendung und nochmal eine, hi hi, tooootaaaal überraschende Perspektive. Aus jeder Seite schwitzt einem das Germanistenpostulat entgegen: Literatur hat die Aufgabe, die Welt in ihrer komplexen Mehrdeutigkeit darzustellen. Ja, wir haben es mehrdeutig augenzwinkernd mehrdeutig verstanden. Nur wenn all diese Mehrdeutigkeitsaufträge so verschwitzt übererfüllt werden, dann ist es keine Literatur mehr sondern Planwirtschaft am Schreibtischstaub. Gut gemeint, aber eher zum Weglegen. Mitarbeit und Fleiß: Note 1 Literatur: 5 Setzen.

Was bleibt noch? Sascha Stanisitzsch? Flüchtlingsfolklore mit totaaaal lustigen Anekdoten, niedlicher Studentin, Eichendorf und vergesslicher Großmutter….? Lieber nicht.

Peter Handke? Der Autor mit dem Peter-Handke-Preis?

Oder Maxim Briller, der Autor mit der Brille?

Ich weiss es doch auch nicht…

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