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Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

ZUR ROLLE DER ÄSTHETIK IN DEN MATHEMATISCHEN NATURWISSENSCHAFTEN AM BEISPIEL DES MAXWELL-FARADAYSCHEN ELEKTROMAGNETISMUS

Erstes Gespräch: Hochtechnologie – über das Risiko moderne
Kathedralen zu bauen.

„The mathematicians and the physics men have their mythologie; they work alongside the truth never touching it; equations are false but things work.“
-Robinson Jeffers –


Eigentlich wollte ich hier nur ein Buch rezensieren. Das Buch heißt:

Eine Geschichte des Glasperlenspiels. Irreversibilität in der Physik. Irritationen und Folgen. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1990.

Aber ein durchaus nicht zufälliger Umstand gab mir Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Autor des Buches. Mit einem Raumfahrt-Ingenieur und Autor, der sich in Gefilden der Hochtechnologie ebenso auskennt wie in höhermathematischen Regionen der Wissenschaft – und hier mit einer exzellent ausgeprägten Kompetenz für die methodischen Basics  theoretischer und praktischer Physik  aufwarten kann.

Zwischenmeldung:
Zu diesem Buch gibt es eine aktuelle Anekdote, die ich kurz erwähnen möchte: AMAZON bewirbt ab Mitte 2010 die neuen Bücher der zwei Spitzenphysiker Stephen Hawking und Leonard Susskind. SH ist Astrophysiker & Kosmologe („Die Randbedingung des Universums besteht darin, das es keinen Rand hat.“), LS sieht sich als Kosmologe („Black Hole Information Paradox“) und ist einer der Gründer der Stringtheorie. Beide Autoren führen über ihre Bücher eine heftige Kontroverse („Krieg“) um Sinn & Unsinn der Schwarzen Löcher. Im Zentrum steht dabei die Rolle der ENTROPIE.
AMAZON wendet sich nun mit der Kaufempfehlung für Susskinds Buch explizit an jene Leser, die Straubs ‚Geschichte des Glasperlenspiels’ (GPS) gekauft haben. Diese Begründung ist schon deshalb erstaunlich, weil das GPS seit mehr als zehn Jahren vergriffen ist, und antiquarisch inzwischen teilweise astronomische Preise erzielt. Absurd wird sie indes für jene Leser, die das GPS nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben. Ihnen wurde gewiss schnell klar, dass der Autor eher zu jenen Kritikern gehört, der die Theorien von SH und LS gleichermaßen zurückweisen würde. Er würde beiden zweifellos bescheinigen, ein ‚Glasperlenspiel’ reinsten Wassers eher im Stil scholastischer Spekulation zu zelebrieren als eine in der Tradition Kants an experimentell fundierter Wissenschaftlichkeit orientierte Kontroverse zu führen. Dafür spricht auch SH’s lapidare Bestätigung Nietzsches ‚Gott ist tot’. Konkreter wird LS; er bescheinigt dem Wiener Kardinalerzbischof Christoph Schönborn in Bezug auf das von ihm vehement vertretene »string-landscape-concept« den richtigen Blick für die ‚Ironic Science’: *There is evident irony in the fact that the cardinal seems to grasp the issue much better than some physicists.*

Die Generalüberschrift des vorliegenden Interviews deutet bereits an, dass ich auf die durch AMAZON angestoßene Problematik später zurückkommen möchte, zumal der Autor des GPS mit guten Gründen zur Skepsis oder auch Kritik gegenüber diesen Glasperlenspielen aufwarten kann.

Kurz vorab: Es darf ausnahmsweise eine kleine Lese-Anleitung gegeben werden. Der Text kommt nicht sofort auf die angekündigte Thematik seiner Hauptüberschriften. Warum das notwendigerweise so ist, wird sich dem Leser später erschließen. Zudem werden im nachfolgenden Interview immer wieder „schwierige Passagen“ durchwandert, die nicht weiter vereinfacht werden konnten, ohne dabei den Anspruch auf Seriosität und Integrität des Gesprächspartners zu beschädigen.
Deshalb empfehle ich dem geneigten Leser, hier den lesenden Blick ab und zu auch auf „weit“ zu stellen und mit einem „unscharfen Blick“ zu lesen, wie in einer Text-Landschaft, in der er bestimmte Passagen gegebenenfalls zunächst umgeht und vielleicht später noch einmal aufsucht.

  • Universitätsprofessor Dr. Dieter Straub, geboren 1934, war von 1974 bis zu seiner Emeritierung Ende 1999 Ordentlicher Professor für Thermodynamik sowie Wärme- & Stoffübertragung an der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik der Universität der Bundeswehr München (UniBwM).
  • Als Diplomingenieur promovierte er 1964 mit der »Theorie eines allgemeinen Korrespondenzprinzips der thermischen Eigenschaften fluider Stoffe« zum Doktoringenieur an der Universität Karlsruhe (TU) beim “Kälte-Papst” Professor Rudolf Plank, sowie bei Prof. Kurt Nesselmann.
  • An der Universität Karlsruhe (TU) Fridericiana habilitierte er 1971 mit »exakten Gleichungen für die Transportkoeffizienten eines Fünfkomponenten-Gemisches als Modell dissoziierter Luft in Re-entry-Strömungen«.
  • Von 1971 bis zu seiner Berufung an die neu gegründete Hochschule/ Universität der Bundeswehr München war er Privatdozent für Theoretische Thermodynamik & Gaskinetik an der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik der Universität Karlsruhe (TU).
  • Dr. Straub bildete zusammen mit Kollegen aus Mathematik, Numerik und Physik die erste bundesdeutsche Arbeitsgemeinschaft für Grenzschichtprozesse in Hyperschall- Plasmaströmungen.
  • Das Hauptprojekt der AG betraf die thermodynamischen Prozesse beim Wiedereintritt von Raumflugkörpern in die Atmosphäre (Rückkehr-Technologie). Nach erfolgreichem Abschluss des Projekts begann Dr. Straub 1971 sein außeruniversitäres Berufleben im Umfeld des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT). In der im Auftrag des BMFT tätigen ›Gesellschaft für Weltraumforschung (GfW)‹ in Bad Godesberg arbeitete er unter anderem als Fachgruppenleiter für Aerodynamik, Flugmechanik, Thermodynamik.
  • Schon 1972 wechselte er zur Hauptabteilung Space Technology der (ehemals) Deutschen Versuchsanstalt für Luft- & Raumfahrt (DFVLR – heute DLR) – in Bonn/Porz-Wahn. Dort initiierte und leitete Dr. Straub im Rahmen des Raumfahrt-Basisprogramms der Bundesregierung die ›Arbeitsgemeinschaft RÜCKKEHRTECHNOLOGIE (ART)‹. Die ART realisierte den ersten Zusammenschluss der deutschen Kapazitäten in Industrie, Großforschungsanstalten und Universitäten in einem Mehrjahresprogramm zur Grundlagenforschung für die Rückkehrtechnologie (in nationaler Verantwortung und internationaler Kooperation).
  • Nach Auskunft von Prof. Straub wurde das ART-Programm wegen seiner Erfolge auf Druck der NASA und der französischen Regierung gegen Ende der 80er Jahre eingestellt. Deren Motiv waren die raschen Fortschritte in der systematischen ART-Grundlagenforschung bei gleichzeitig drohender langjähriger Stagnation der unterfinanzierten US-Basisforschung in bemannter Raumfahrt zugunsten des laufenden Space-Shuttle-Technologie-Projekts und der damit verbundenen Missionen. Und die agilen Franzosen? Sie hofften durch den Stopp des ART-Programms, ihren damaligen technologischen Rückstand verringern zu können, um dann die Führungsrolle in einem geplanten europäischen ART-Nachfolgeprojekt zu übernehmen – ein Ziel, das sie dann einige Jahre später zwischen 1985 und 1992 mit dem letztlich erfolglosen Programm »(bemannter) Raumgleiter Hermes« der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) erreichten.
  • Als einziger Europäer war Prof. Straub vom BMFT – auf dringende Bitten des Marshall Space Flight Center (MSFC), Huntsville, Ala – zur Sonderkonferenz der NASA im Februar 1985 in Huntsville als Fachberater für Thermodynamik abgeordnet – betreffend alle verfügbaren und vor allem zukünftigen ›Haupttriebwerke der Space-Shuttle-Flotte (SSME). Die Konferenz endete mit einer einstimmigen Empfehlung der US-Experten: Die NASA sollte ‒ für Korrekturen & Verbesserungen des im Westen längst zum Standard erklärten »NASA-Lewis-Code« zur Leistungsermittlung für die wiederverwendbaren Flüssigkeitsraketentriebwerke ‒ die so genannte Münchner Methode (MM) verwenden, die von Prof. Straub und Mitarbeitern entwickelt wurde.
  • Im Auftrag des BMFT verfasste Prof. Straub eine Dokumentation der MSFC-Konferenz in Buchform betitelt:
    Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions. Extended Lewis Code Fundamentals. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1989.
  • Mit dem Marshall Space Flight Center arbeitete der Autor bis Ende 1991 zusammen. Alsdann kooperierte er und sein Münchner Institut bis 1999 mit dem Mathematiker Prof. W. Ames am Fachbereich Applied Mathematics des ›Georgia Institute of Technology‹ in Atlanta.
  • Neben vielen anderen, oft umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen hat Prof. Straub ca. 50 Dissertationen betreut. Als seine originärste Arbeit nannte er das Buch, welches auf der Re-Formulierung der Thermodynamik durch J. Willard Gibbs & Gottfried Falk fußt:
Alternative Mathematical Theory of Non-equilibrium Phenomena. Academic Press: San Diego, London 1997.
Erhaltene Auszeichnungen: 1997: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für besondere Verdienste: – beim Aufbau der UniBwM u.a. die Planung für Studiengänge, personelle und räumliche Ausstattung, Geräteausstattung…etc..
2002: Verleihung der Goldenen Herrmann Oberth-Medailie durch den Internationalen Förderkreis für Raumfahrt Hermann Oberth – Wernher von Baun (IFR) e. V. in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste um die Raumfahrt-Wissenschaften, insbes. NASA. Thermodynamik. Space-Shuttle-Main-Engines)

Besonders die Gibbs-Falk-Dynamik verbindet mein Gesprächspartner mit einigen signifikanten Eigenschaften der heutigen Quantentheorie, gar mit genuinen Aspekten der theoretischen Ökonomik. Dass sich Prof. Straub darüber hinaus sogar für die Wissenschaftsgeschichte und -Philosophie seiner eigenen Fächer interessiert, und sich hier extrem gut auskennt, macht ihn zum seltenen Glücksfall für einen „Widerspruchsforscher“.
Für die Öffentlichkeit – so auch für unser Gespräch – benutzt Prof. Straub schon seit Jahrzehnten aus schriftstellerischen Gründen den Namen T. S. W. Salomon. Die Initialen TSW stehen exemplarisch und austauschbar für Themistokles, Schrödinger, Whitehead, ergo für Persönlichkeiten, deren Namen TSWS derzeit aus diversen Motiven & Gründen als Orientierungsmarken favorisiert. Man darf sie aber auch lesen als Abkürzungen für naturwissenschaftliche Schlüsselbegriffe wie z. B. die »allgemein-physikalischen Größen« Entropie (S), Zeit (t) oder Temperatur (T) oder Leistung bzw. Arbeit (W).

Ich selbst benutze mein Pseudonym Tim Boson. Unser Gespräch ist mehrteilig konzipiert; es wurde und wird per Email bzw. Telefon geführt. Es mag in fachlichen Fragen vom Leser als Antwort nach bestem Wissen bezüglich wissenschaftshistorischer, physikalischer und technischer Zusammenhänge bewertet werden. „Errare humanum est, ignoscere divinum“ (Cicero).

Tim Boson:
Herr Professor Salomon, was mir an ihrer Forscherbiografie spontan auffiel: Ich entnehme aus ihr, dass es in der bemannten Raumfahrt beinahe ein und dieselbe Kompetenz braucht, um mittels mächtiger Raketentriebwerke von der Erde aus zu ‚flüchten’, als auch per ausgefeilter Rückkehrtechnologie wieder zu ihr zurückzukehren. In beiden Fällen hat man es mit überschallschnell strömenden Gasen sehr hoher Temperatur zu tun – verbunden mit extremer Materialbelastung. Deshalb meine erste Frage: Wie kam es zu Ihrem Engagement beim Space-Shuttle-Programm der NASA?

TSWS:
Die Sache war die: Die US-Raumfähren werden ja nicht nur je von den beiden weißen wieder verwendbaren Feststoff-Boostern (an der Seite) ‚hochgeliftet’ – jede Raumfähre verfügt selbst auch noch über einen fest eingebauten Antrieb. Das sind die 3 Kegeldüsen, die man hinten direkt am Orbiter sieht. Dieser Antrieb schiebt von der Startphase an mit und wird von der ‚dicken braunen Tank-Zigarre’ mit einem Gemisch aus Flüssigtreibstoff versorgt. Und genau dieser Antrieb konfrontierte die Ingenieure der NASA von Anfang mit gravierenden technischen Schwierigkeiten, weil er relativ eng dimensioniert sein und dennoch eine große Leistung erbringen musste. Vor allem aber, weil die Raumfähren der NASA durch ihre jahrelange Wiederverwendbarkeit und ihren steuerbaren Gleitflug besondere Anforderungen bei extremen Sicherheitsstandards zu erfüllen haben.

Tim Boson:

Flüssiggastriebwerke kannte man zu diesem Zeitpunkt doch schon länger? Musste hier das Rad neu erfunden werden? Was war also das eigentliche Problem?

TSWS:
Einfach ausgedrückt, das Dauerproblem waren die zu erwartenden Belastungen und Leistungen und wie man sie berechnet. Diese Hochleistungsraketentriebwerke waren in ihrer Art ein Neuentwurf und mit heißer Nadel gestrickt. Schon der Jungfernflug 1983 hätte schief gehen können.

Tim Boson:

Sie meinen einen Unfall?

TSWS:

Sagen wir es so: Diese Art der Raumfahrt birgt immer ein hohes Risiko. Man konstruiert in Grenzbereichen, denkt in Neuvorstößen. In solchen Bereichen von Leistung und Materialbelastung hat man es bei jeder Entwicklung immer mit Pionierarbeit an Prototypen zu tun. Das Einzige was hier normal ist – dass nichts normal ist. Da greift man nur selten auf ‚angestaubte Langzeiterfahrungen’ zurück, keine gepflegten Großserien wie in der Rüstungsindustrie sind verfügbar, keine langjährigen Praxisbeweise wie in einer Fabrik für Nähmaschinen. Dazu kommen die menschlichen Ressourcen an Erfahrung. Ein Ingenieur kann in seinem ganzen Arbeitsleben vielleicht an einem – wenn es hochkommt – an zwei verschiedenen Großtriebwerken mitentwickeln, dann gehen er und seine vielfältigen Erfahrungen in Rente.

SSME (SPACE SHUTTLE MAINE ENGINE)SSME (Space Shuttle Main-Engine.) Das Objekt der Begierde – 50 Millionen Dollar pro Stück. Das SSME wird von Pratt & Whitney Rockedyne gebaut und wiegt 3,2 Tonnen. Die Schubdüse hat eine Länge von 2,87 Metern und einen maximalen Durchmesser von 2,39 Metern. Jeder Orbiter hat drei Stück davon in einem Cluster eingebaut. Beim Start beträgt die Brenndauer achteinhalb Minuten. Im Gegensatz zu den Feststoffraketen kann jedoch bei diesem Triebwerk der Schub geregelt werden oder im Flug abgestellt werden. Jedes Treibwerk liefert mehr als 2000 Kilonewton (200 Tonnen) Schub. In der Brennkammer erreicht die Temperatur über 3300 Grad Celsius. Durch Turbopumpen wird der Treibstoff mit einem Druck von ca 450 Bar und der Oxidator mit ca 300 Bar zur Brennkammer befördert. Dabei erreichen die Pumpen Drehzahlen von ca 35 000 U/min. Der Erstlauf eines SSME fand im Oktober 1975 statt. Auch noch nach fast 35 Jahren zählen die SSMEs zum Hauptrisikofaktor der Shuttle-Flüge.

Die NASA verfügte zum Zeitpunkt der Entwicklungen über keine wirklich zuverlässigen numerischen Verfahren; sie benutzte standardisierte, aber teilweise veraltete Berechnungsmethoden zur Dimensionierung eines solchen neuen Triebwerks wie es die SSME (Space Shuttle Main Engine) ist. Die Physik, die sich in solchen Strömungsprozessen im Verhältnis zwischen Gasgeschwindigkeit, Druck, Temperatur und Materialverhalten abspielt, gehört zum Anspruchsvollsten, was man heutzutage mathematisch zuverlässig formulieren und numerisch mit ausreichender Genauigkeit berechnen kann. Und die mathematischen, vorrangig numerischen Methoden, die man dafür benötigt, um z. B. turbulente Strömungen reaktiver Gase berechnen zu können, sind oft mindestens unter zwei Aspekten unzureichend: Erstens fehlen auf der numerischen Seite gewöhnlich die adäquaten Lösungsalgorithmen, und zweitens herrscht ein eklatanter Mangel vor an zuverlässigen Materialfunktionen. Beispielsweise gibt es nur die rein mechanistische kinetische Gastheorie, 100 Jahre alt, um die Viskositäten, oder die Wärmeleitfähigkeiten oder die polynären Diffusionskoeffizienten eines reaktiven Vielkomponenten-Gasgemisches bei hohen Temperaturen zu ermitteln. Eine experimentelle Überprüfung dieser Daten ist in aller Regel ohnehin unmöglich!

Tim Boson:

Können Sie das Problem ein bisschen näher beschreiben?

TSWS:

Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Die elektrische Zündung eines solchen Triebwerks verursacht zunächst eine gewaltige Explosion in der Brennkammer. Alles fliegt auseinander. Das können Sie wörtlich nehmen. Da gibt es sozusagen keinen einzigen Punkt in den strömenden Gasen, der sich im Laufe des Startvorgangs nicht irgendwie bewegt und verschiebt. Temperatur, Druck, Gegendruck, Gaszusammensetzung und Gasströmung sorgen dafür, dass kein Teilchen an der Stelle bleibt, an der es vor der Zündung war.

Im Endeffekt resultiert eine Vorzugsrichtung im Raketenmotor, in die sich das Gas rasch ausbreitet, um die Brennkammer zu verlassen. Das gilt indes nicht für die Wandmaterialien, welche die Brennkammer begrenzen und schützen. Übrigens expandiert ein solches “explodierendes” Milieu nicht homogen, sondern zeigt in aller Regel ein nichtlineares Verhalten – ergo, es explodiert zum Beginn der Zündung anders als in der Mitte und am Ende der Startphase, weil sich die Temperaturen und Drücke des Gases nicht plötzlich, sondern kontinuierlich einstellen und sich entlang der Vorzugsrichtung verändern. Außerdem muss man beachten, dass das ganze SHUTTLE ja mit jeder Sekunde an Gewicht verliert, weil der Treibstoff verbrennt. Außentemperaturen, Luftdruck und Luftdichte variieren ebenfalls. Besonders charakteristisch verändert sich die Gasgeschwindigkeit entlang der Brennkammer-Düsen-Achse.

Wenn Sie so wollen, hat man es also bei einem Raketenstart ‒ ingenieurtechnisch und praktisch von innen betrachtet ‒ mit einem Bewegungsvorgang ´ohne Konstanten` zu tun. Das einzige, was man kennt, sind Grenzwerte für Gas- und Materialverhalten, für Temperaturen oder Drücke, statistische Mittelwerte der Gaskonzentrationen und natürlich die ‚Außenkonstanten’ wie die Erdanziehung oder das Wetter. Alle Daten sind miteinander ‚vernetzt’ und sollen nun so reguliert werden, dass aus einer Explosion eine irreversible, stationäre Strömung wird.

Und hier kommt die Mathematik ins Spiel: Die Mathematik der Thermodynamik; sie optimiert über den ›Massenstrom pro Zeiteinheit‹ das ganze SYSTEM – das heißt das reaktive Gasgemisch hoher Machzahl. (Anmerkung T. B.: 1 Mach ist die Maßeinheit für die Schallgeschwindigkeit, die strömenden Gase können mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen – in der Wiedereintrittsphase erreicht der Orbiter Mach 25) Die Verbrennungsgase ‚bewegen’ das Triebwerk durch den resultierenden Schub. M. a. W.: Je nach gewähltem Betriebszustand muss der Durchsatz des reaktiven Gasgemisches an die charakteristischen geometrischen Kenndaten des Triebwerks optimal angepasst werden. Dazu ist ein geschlossener Regelkreis ausschlaggebend – betreffend die zulässigen, d. h. materialbedingten Maximaltemperaturen sowie die passende chemische Kinetik des SYSTEMS.

Tim Boson:

Sie haben SYSTEM hier groß geschrieben. Das wird uns an anderer Stelle sicher noch beschäftigen. Zunächst einmal wurden Sie angefragt….

TSWS:

Ja. Auf meine Bitte hin, hatte das Marshal Space Flight Center auch meinen Münchener Kollegen, Herrn Professor Rudi Waibel † im Februar 1985 nach Huntsville zu einem Meeting eingeladen. Dem war in den USA eine jahrelange Geschichte vorausgegangen, die bereits ca. 20 Jahre früher – ich möchte sagen – einen äußerst riskanten Anfang genommen hatte. Diese Story würde ich im Nachhinein als hochgefährliches Spiel zwischen der NASA und dem Lockheed-Konzern bezeichnen, zumal die Verantwortlichen des Marshall Space Flight Center ‚offensichtlich jetzt’ (1985) plötzlich kalte Füße bekommen hatten. Das war zweifellos der Hauptgrund, weshalb mein Kollege und ich als neutrale Gutachter ins MSFC nach Alabama kommen sollten.

Tim Boson:

Ich schätze, diese Vorgeschichte müssen Sie jetzt etwas näher ausführen…

TSWS:
Im Jahre 1969 erstellte Mr. P. R. J., Ingenieur und damals Mitarbeiter der Lockheed Corporation, Bethesda, Maryland, im Auftrag des MSFC eine gutachterliche Stellungnahme zur Auslegung der geplanten leistungsstarken Antriebsaggregate für die US-Raumfähre „Space Shuttle“. Besonderes Interesse zeigte die NASA an einer theoretischen Analyse über den Einfluss der endlichen Brennkammer-Querschnittsfläche auf die Antriebsleistung eines Hochleistungs-Raketenmotors ‒ am Ende der Brennkammer, im Vergleich zu der bei Leistungsberechnungen üblicherweise unterstellten (theoretisch) unendlich großen Querschnittsfläche – dort, wo letztere in die nachgeschaltete Düse übergeht.

Tim Boson:

Moment,…die Brennkammer ist ja wohl der Raum, in welchem der Treibstoff zur Explosion gebracht wird? Warum hat man bis zum Jahre 1969 mit einem unendlich großen Brennkammerquerschnitt gerechnet? In Wirklichkeit gibt es so etwas doch gar nicht – sagt mir mein gesunder Menschenverstand…

TSWS:

…ja, aber für Berechnungen war es bis dahin angeblich praktikabler, einen unendlich großen Querschnitt zu unterstellen. Der Wert der Explosionsgeschwindigkeit eines Gasgemischs ist im Prinzip immer derselbe, ob innerhalb oder außerhalb einer Brennkammer. Die Frage war immer nur, ob die Kammer mechanisch stabil bleibt und die oft hohen thermischen Belastungen aushält. Denn die Triebwerke werden je nach Nutzlast, die gestemmt werden soll, leistungsseitig natürlich verschieden beansprucht. Im Falle des Gutachtens von Mr. P. R. J. ging es indes zunächst um die Leistungsberechnung für die Durchführung von Forschungs- und Beobachtungsmissionen, dann um ›Space-Station-Projekte‹, heute konkret um die Versorgung der ISS (bemannte Internationale Raumstation) sowie für bestimmte „weltraumnahe“ Missionen – betreffend „weltraumnahe“ Objekte (z. B. Satelliten oder Weltraumschrott).

Die Planungen der NASA erforderten dafür zuverlässige Informationen über die jeweils erforderliche ›Schubleistung pro SSME‹ und ihre adäquate Bestimmung. Dazu benötigte man vorrangig einen ›idealisierten Ersatzprozess‹ (Idealized Replacement Process = IRP), der es mittels der ab 1975 geplanten Testprogramme erlauben sollte, das an der realen SSME experi-mentell ermittelte Leistungsspektrum sicher beurteilen und systematisch verbessern zu können.

Entscheidend ist: Die NASA muss davon ausgehen, dass das den IRP definierende Modell nach dem ‚State of the Art’, ergo nach den in den USA geltenden Regeln der zeitgenössischen Ingenieurkunst gestaltet ist. M. a. W.: Die NASA schuf sich – was die wissenschaftlichen Grundlagen der Gasdynamik, Thermodynamik, Gas- & Reaktionskinetik, etc. angeht, einen eigenen Standard, der für alle ihre Vertragspartner verbindlich ist.

Das Raketentriebwerk der SSME selbst wurde für den ERSATZPROZESS abstrahiert, d. h. ‚realistisch’ konzipiert, bezogen auf zwei charakteristische Bauteile: Erstens auf einen Zylinder konstanten Durchmessers. Das eine Zylinderende ist abgeschottet; am anderen Ende wird –zweitens– eine so genannte (rotationssymmetrisch gestaltete) Lavaldüse (Sie dürfen Kegeldüse sagen.) derart angeflanscht, dass Brennkammer und Düse eine gemeinsame Achse bilden; zudem ist die Austrittsquerschnittsfläche des Zylinders mit der Eintrittsquerschnittsfläche der Düse identisch. Noch ein wichtiges Detail: Der variable Querschnitt der Lavaldüse verengt sich zunächst und weitet sich bis zum Gasaustritt wieder auf, wodurch ein durchströmendes Gas auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt werden kann, ohne dass es zu starken (verlustreichen) Verdichtungsstößen kommt. Die Schallgeschwindigkeit des Verbrennungsgases wird genau im engsten Querschnitt der Düse, ihrer ‚Kehle’ (Throat) erreicht.

In diesem Video sind die Girls im Vordergrund sehr dekorativ, aber der Ton auf jeden Fall bemerkenswert. Das “Knattern” wird durch die Überschallbeschleunigung der Verbrennungsgase erzeugt, die in Verdichtungsstößen ihre eigene Schallmauer durchbrechen. Der Vorgang ist so laut, dass sich die Frau links im Bild kurz bekreuzigt – fast könnte man sagen: wie es sich in einer modernen Kathedrale auch gehört.

Tim Boson:

Ich verstehe einen Aspekt immer noch nicht: Was bedeutet für die Auslegung einer SSME, wenn man einerseits beim Gebrauch des NASA-LEWIS-CODE mit einem Brennkammerquerschnitt von (theoretisch) ‚unendlich’ rechnet, andererseits aber für den ERSATZPROZESS bei sonst gleichen Abmessungen der Lavaldüse mit dem realen Wert des Brennkammerquerschnitts kalkuliert?
Um mir eine konkrete Vorstellung machen zu können, habe ich hier mal die wahren Querschnitts-werte A der SSME aus ihrem ‚Raketenbuch’ herausgesucht:

Brennkammer AC; Throat AT; Austrittsquerschnitt der Lavaldüse AE:

AT = 538 cm2; AC / AT = 2. 96; AE / AT = 77.5.

Können Sie damit besagten Unterschied einigermaßen plausibel begründen?

TSWS:

Mein Versuch, dem Laien die Sachlage halbwegs verständlich zu machen, muss für manchen Leser vielleicht zu ‚formal’ ausfallen – leider! Je nach Gemütslage sollte er reagieren: die Textpassage überspringen und einfach glauben, ohne sich zu ärgern oder aber sich zu quälen und die Chance zu nutzen, auf sich selber ein bisschen stolz zu sein: Common Sense und Geduld genügen!

Maßgeblich für die Auslegung des Raketenmotors mittels des ERSATZPROZESSES (IRP) sind die Strömungsverhältnisse in der Lavaldüse. Die Massenerhaltung entlang der Düse bedeutet, dass der Massenstrom ż (in kg/s) sich durch die simple Formel ż = ρvA ausdrücken lässt; mit ρ ist die mittlere Massendichte (in kg/cm3) der Verbrennungsgase, mit v (in cm/s) die gemittelte Gasgeschwindigkeit und mit A (in cm2) die jeweilige Querschnittsfläche bezeichnet. Da sich der Massendurchsatz ż entlang der Düsenachse nicht ändert, gilt nach der o. a. Formel einfach die Kontinuitätsbedingung ρTvTAT = ρEvEAE = ż für die Lavaldüse mit zwei ihrer drei ausgezeichneten Querschnittsflächen. Diese physikalisch vorgeschriebene Zwangsbedingung muss aber sowohl für die Brennkammerquerschnittsfläche gelten als auch gleichermaßen für die Eintrittsquerschnittsfläche der Lavaldüse: ż = ρC vC AC.

Die Auflösung des Rätsels ist einfach: Bei finitem (endlichen) Wert der Massendichte ρC muss für den Grenzfall AC → ∞ das Produkt (ρC vC AC) einen ‚mathematisch unbestimmten Ausdruck’ (ρC 0 ∞) ergeben. Nach den mathematischen Spielregeln darf man diesen Grenzwert durch jeden Wert ersetzen, der einer wahren Lösung des Produkts (ρC vC AC) entspricht. Letzere ist aber durch die o. a. Kontinuitätsgleichungen der Düse festgelegt und bekannt.

Es ist evident, dass bei dieser Rechnung ein beliebig großer Wert von AC → ∞ auf der Brennkammerseite ebenso wie der korrespondierende Geschwindigkeitswert vC → 0 nur bedeuten, dass sie zur Definition des ERSATZPROZESSES gehören. In diesem Sinn ist der originale NASA-Lewis-Code (bis 1988) Teil dieses Modells. 

Ergo gilt, dass eine Berechnungsprozedur ohne Berücksichtigung der Querschnittsfläche AC der Brennkammer zunächst einmal nicht falsch ist. Die Konsequenz wird erst in der MÜNCHNER METHODE (MM) von Dieter Straub & Stefan Dirmeier gezogen. Die Münchner Methode (MM) benutzt demgegenüber keinen IRP im Sinn der o. a. Definition, sondern den ›idealen Vergleichsprozess‹ (Ideal Comparative Process = ICP); er richtet sich nach rein wissenschaftlichen Kriterien. Der ICP erlaubt eine strenge Modifikation der Berechnungsprozedur, die darauf hinausläuft, durch Einbeziehung der dritten Fläche AC ein Iterationsverfahren zu konstruieren, das den Durchsatz ż als Problemlösung zu berechnen gestattet, wobei die gesamten komplexen Berechnungen der chemischen Reaktionen des Verbrennungsgases entlang des Strömungswegs vom Brennkammeranfang bis zum Düsenende iterativ mit einbezogen werden. Darin besteht der grundsätzliche Unterschied zwischen dem IRP (idealer Ersatzprozess) und dem ICP!

(Anmerkung T.B. : “Iteration” – schrittweises wiederholendes Annähern, Rechnen)

Tim Boson:

Für Spezialisten scheint die von Ihnen präsentierte Beantwortung meiner Frage leicht nachvoll-ziehbar. Vielleicht ist es indes für den Nicht-Spezialisten nützlich zu wissen, dass es nur in der Thermodynamik noch einige andere streng ›naturwissenschaftlich begründete VERGLEICHS-PROZESSE‹ gibt, wie z. B die Schwarz-Körper-Strahlung. (Das Thema IDEALER VERGLEICHSPROZESS werde ich mir merken. Es scheint mir verbunden zu sein mit der kognitiven Problematik des UNTERSCHIEDS. Ich kann nur dann etwas UNTERSCHEIDEN, wenn ich es vor einem (gemeinsamen) Hintergrund VERGLEICHE.) Aber erstmal zum Thema. Gibt es darüber hinaus zur Münchner Methode noch relevante Kommentare, die kurz zur Sprache kommen sollten?

TSWS:

Diese Anregung nehme ich gern in Anspruch. Zwei Konsequenzen ergeben sich aus den Erfahrungen mit der Münchner Methode: (1) Das Konzept der idealtypischen Konfiguration, bei dem der reale Triebwerkstyp abstrahiert wird, ermöglicht den Übergang vom ‚geschlossenen’ Raketenmotor auf durchströmte, luftatmende Flugantriebe mit & ohne Kühlung. Wichtige Beispiele sind Leistungsberechnungen für Staustrahltriebwerke mit Unterschallverbrennung, den so genannten Ramjets. (2) Der NASA-Lewis Code, das amerikanische Standardverfahren zur numerischen Berechnung komplexer chemischer Gleichgewichtsreaktionen, enthält in seiner Originalfassung bezüglich der o. a. besprochenen »Infinite Area Combustion Method« einen Fehler: Bei dieser Methode werden die kinetischen Anteile der Erhaltungsgleichungen für Impuls und Totalenthalpie in der Brennkammer (Zustand C) fälschlicherweise vernachlässigt.

(Anmerkung T.B. “Totalenthalpie” als grober Vergleich: Man kennt den Effekt von der Strömung in einer Luftpumpe. Kompression erwärmt. Expansion kühlt ab. Die Bedeutung der Totalenthalpie bei Raketenmotoren liegt darin, dass Enthalpie als “Maß für den Wärmegehalt” einer Strömung auch in kinetische Energie des strömenden Mediums überführt werden kann. Im ersten Fall kommt es zur Expansion und meist zur Abkühlung; und umgekehrt: kinetische Energie – kann in Enthalpie überführt werden (Staudruck, also Kompression – damit einhergehend meist Temperaturerhöhung. Das Problem bei der Dimensionierung von Raketenmotoren liegt in dem “guten” Verhältnis von Staudruck und Expansion bezogen auf Leistung und Temperatur. Die Strömung dann auch noch stationär zu regeln – das ist die Kunst.)

Tim Boson:

…und dann brachte das Lockheed-Gutachten 1969 von Mr. P. R. J. die NASA auf die Idee, dass ja auch der endliche Querschnitt der Brennkammer selbst ein Leistungsfaktor sein könnte…?

TSWS:

Ja, weil es notwendig geworden war, Triebwerke kompakter und kleiner zu bauen, begann man sich dafür zu interessieren.

Tim Boson:

Und was hat Mr. P. R. J. denn eigentlich gemacht?

TSWS:

Der hat eine Art von Gutachten erstellt, das mit endlichen Querschnitten einer Brennkammer rechnete, und er kam für das Triebwerk J-2 auf phantastische Leistungssteigerungen. Und zwar schon bei Gastemperaturen in der Brennkammer von nur(!) 2600 Grad – im Gegensatz zu einem Wert von über 3300°C, wie man sie aus dem originalen NASA-Lewis-Code erhält.

Tim Boson:

Das war phantastisch?

TSWS:
Ja, es war voller Phantasie, hatte aber nur wenig mit der Realität zu tun.

Tim Boson:

Was geschah dann?

TSWS:

Die NASA begann Anfang der 1970er Jahre damit, die ersten SSMEs in Kenntnis dieser Lockheed-Studie zu planen und der Raumfahrtindustrie Entwicklungs- & Produktionsaufträge zu erteilen.

Tim Boson:

Sie wurden dann von Rocketdyne gebaut, getestet und in die Space-Shuttles integriert?

TSWS:
Ja, drei Stück davon jeweils in einen Orbiter

Tim Boson:

Das würde bedeuten, dass die Tests ebenso wie die allerersten Flüge der Missionen mit Haupt-triebwerken unternommen wurden, die bezüglich der Brennkammertemperaturen falsch ausgelegt waren mit der Folge, dass sie chronisch ‚überhitzt’ werden mussten, denn der missionsbedingte Schub war ja unabdingbar. Warum hat man das bei Tests nicht bemerkt?

TSWS:

Das Problem bei Tests ist, dass sie kostspielig sind und ein solches Triebwerk sehr viel Geld kostet: Sie müssen bei einem Test immer einkalkulieren, dass sie 50 Millionen Dollar zerstören, wenn Sie so ein Triebwerk bis an eventuell notwendige Leistungsgrenzen bringen oder kurzfristig darüber hinausgehen. Ab einem bestimmten finanziellen Volumen sind solcherart Tests immer – harmlos ausgedrückt – ‚kompromissbelastet’.

Tim Boson:

Und nicht harmlos ausgedrückt?

TSWS:
Man testet solche Triebwerke so, dass sie beim Test nicht kaputt gehen.

Tim Boson:

Gut, aber es wird ja einen Grund gegeben haben, dass sich die NASA an Sie nach München wandte?

TSWS:

Nun, der Grund wird gewesen sein, dass sie z. B. bei den Missionen über verschiedene Optionen verfügte, die zur Folge hatten, dass bei der Besatzung sowie der Bodenstation von einander abweichende Temperaturen registriert wurden und es Leistungseinschränkungen in der Vollschub-Phase gegeben hat. Zumindest wird es immer sehr eng mit den ohnehin kritischen Temperaturen geworden sein.

Tim Boson:

Genauer bitte,…..!

TSWS:

Sie werden durchschnittlich höhere Temperaturen gemessen haben als die ca. 2600°C, die ihnen seit 1969 Mr. P. R. J. wie das ‚Gelobte Land’ prophezeit hatte. Sie waren die Messlatte! Oder sie haben 2600 Grad gemessen, als das Triebwerk noch nicht unter Volllast lief. Sie werden sich bei jeder Mission gefragt haben. Sind wir wirklich korrekt dimensioniert? Dürfen wir den Gashebel wirklich so weit aufdrehen, wie wir es tun? Der Leser sollte wissen, dass diese Triebwerke geregelt werden können und etwa 40 Sekunden nach dem Abheben auf Voll-Last von der Besatzung des Shuttles hochgefahren werden. Die geben dann noch mal richtig Gas. 
Solche Missionen sind aber energieseitig immer sehr eng berechnet, weil die Shuttles oft große Lasten transportieren und damit die Erdanziehung überwinden müssen. Sie können also, wenn Besatzung und Bodenstation feststellen, dass das Triebwerk zu heiß läuft, nicht einfach sagen, dann nehme ich den Gashebel eben zurück, weil sie dann ihr Ziel einfach nicht erreichen und die Mission scheitert. Wenn sie sich einmal dazu entschieden haben, abzuheben, dann sind sie gezwungen, Gas zu geben, (fast) ganz egal, was die vielen Messeinrichtungen und Computer an Bord und am Boden signalisieren. Auch wenn sie dabei ein mulmiges Gefühl haben – sie müssen da durch!

Ein sehr vollständiges Video. Auf dem Video erkennt man, wie die Haupttriebwerke ca 5 Sekunden vor den Feststoffboostern gezündet werden. Nach dem Abwurf der Feststoff-Booster schieben die Haupttriebwerke allein weiter. Auch das kann man noch sehen. (Etwa bei 1:17 des Videos hört man von Houston das Kommando: “Atlantis – Go at problem.” – eine sehr sprechende Kurzversion für “Machen Sie ihr Ding.” oder “Erledigen Sie den Auftrag.”)

Tim Boson:

Die NASA hatte also sehr heiße Triebwerke und ziemlich kalte Füße.

TSWS:
Ja, und wie. Dazu muss ich Ihnen eine Episode erzählen, die ich erst kürzlich erfahren habe. Meines Erachtens handelt es sich um eine Schlüsselszene für alle Dimensionen unserer Story.

Sie erinnern sich gewiss an den Dienstag, dem 28. Januar 1986. Beim Start zur 25. Space-Shuttle-Mission explodierte die STS-51-L – CHALLENGER; die gesamte Besatzung kam ums Leben.

Mitglied der Regierungskommission zur Aufklärung dieser Katastrophe war auch der damals vielleicht renommierteste US-Naturwissenschaftler, der theoretische Physiker & Nobelpreisträger Richard P. Feynman. Wir werden später noch viel von ihm hören. Hier geht es um seinen sehr persönlichen, sehr lesenswerten Bericht über seine Erfahrungen in Washington D. C. bei dieser Kommission-sarbeit. In der deutschen Übersetzung trägt der Bericht den Titel „Mr. Feynman geht nach Washington, um die Challenger-Katastrophe zu untersuchen“. (in R. P. F.: Kümmert Sie, was andere Leute denken? Piper: 2008).

Zur Vorbereitung seiner Untersuchungstätigkeit ließ er sich gründlich von Ingenieuren des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena instruieren. In seinem Bericht findet sich die folgende für mich entlarvende Notiz (S. 116):

Die Ingenieure verrieten mir sogar, dass etliche der für die Triebwerke zuständigen Fachleute bei jedem [Space Shuttle]-Flug den Daumen halten und sich, als das Shuttle explodierte, sicher waren, dass es an den Triebwerken lag.

Tim Boson:

Formulierung und Inhalt der Bemerkung klingen tatsächlich irritierend, aber warum „entlarvend“?

TSWS:

Weil sich die Notiz Feynmans auf eine Zustandbeschreibung im Jahr 1986 bezog. Die in ihr zum Ausdruck kommende Befürchtung wurde aber mir und meinem Mitarbeitern gegenüber nahezu wortgleich von den Mitgliedern der NASA-Abordnung geäußert, die mich drei Jahre früher im August 1983 in München aufsuchten. Unmissverständlich berichteten sie, dass die Ingenieure jahrelang bei jedem Flug die Explosion eines der Haupttriebwerke befürchteten.

Endlich nach 10 Jahren entschied das Management des MSFC, das Lockheed-Gutachten von Mr. P. R. J. von einer anderen Firma, der Continuum Inc., Huntsville, Ala ´gegenchecken` zu lassen. Der »Witz« – sofern es einer war – war aber der, dass Mr. P. R. J. mittlerweile Karriere gemacht hatte und zu Continuum Inc. gewechselt war, und nun sein eigenes Gutachten noch einmal begutachtete und – wer hätte das gedacht – nichts beanstandete!

Tim Boson:

Die Neutralität war nicht mehr gegeben…?

TSWS:

Das klingt aber sehr ‚diplomatisch’: Nein, es war eigentlich skandalös – und die Öffentlichkeit sollte nichts erfahren. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie viel Menschlich-Persönliches an Eitelkeiten in so einem gewagten Unternehmen mit unübersehbaren Optionen die Sicherheit gefährdet….

Tim Boson:

Doch, kann ich mir gut vorstellen…aber es ist erstaunlich, dass es immer wieder passiert. Und dann bekamen sie den Anruf?

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Warum es leicht und doch nicht einfach ist.

Das Bewusstsein ist eine Symmetrie-Maschine,
die uns gegeben ist, um die Symmetrie zu brechen.

Eine Gleichgewichtsfunktion, die uns gegeben ist,
um das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein Fließgleichgewicht, dass uns fließen lässt.

Ein Fehler, der uns rechnen lässt.

Ein Schweigen, das zur Sprache bringt.

Ein Dummes, das uns wissen macht

Ein Teufel, der uns Glauben schenkt.

Aber auch: Die Grenze, die uns in Liebende – ent-zweit.

Eine Potentialität, die aus Aktualität hervorging
und sich wiederum in Aktualität (Technik, Zahl, Begriff)
nach – aussen – potenziert.

Erst wenn man sich von den Details, den medizinischen
Diversifikationen und Komplexitäten in den Beschreibungen der
Blut-Hirn-Schranke nicht mehr beeindrucken und ablenken lässt,
erst dann kommt man zur eigentlichen, zur physikalischen,
zur kosmologischen Bedeutung dieser Grenze.

Simplifikation.

Die Funktion der BHS als thermodynamische
elektromagnetische und damit als kosmologische und
evolutionär notwendige Grenze zu erkennen – ist so leicht,
dass es offenbar wahnsinnig schwer fällt.

Die Primärdualität unseres Weltverhältnisses
ist die Dualität zwischen Statik (Stoff, Hirn) und Dynamik (Form, Blut.)

Davon abgeleitet alle anderen reflektierbaren Dualitäten, die
immer in einem dialektischen wechselwirkenden Verhältnis stehen.

Aktualität (Blut) / Potentialität (Hirn) (Aristoteles, Thomas von Aquin)

Vollständigkeit / Unvollständigkeit (Frege, Russel, Whitehead, Goedel)

Energie-Erhaltungssatz/Entropie-Satz. (Mayer, Helmholz, Clausius)

Phänomene/Begriffe (Husserl, Wittgenstein)

Welle/Teilchen (Maxwell, Boltzmann/ Planck)

Natur/ Technik (Gott, Wissenschaft.)

Eine Grenze, die uns teilt, spaltet, in all die Dualitäten,
die seit Jahrtausenden das Bewusstsein beschäftigen.

Es geht darum, einzusehen, dass die Trennung der Disziplinen
Medizin und Physik (Mathematik), Biologie, Religion und Philosophie –
sagen wir seit Goethes Zeiten, vielleicht aber schon seit Galileos Zeiten
in die Spezialisierungen und schließlich in die Hochspezialisierungen eingemündet ist.

Vielleicht war dies notwendig, um in den einzelnen Disziplinen
„Effizienz“ zu ermöglichen. D i s k r e t i o n.

Aber die Primär-Diskretion aller Diskretionen, die Primär-Barriere
aller Barrieren – ist die Barriere zwischen Blut und Hirn, die nichts anderes
darstellt als die Barriere zwischen Denken und Leben, Kunst und Forschung
Religion und Wissenschaft. Ratio und Gefühl.

Die Kultur dieser Barrieren war seit Jahrtausenden anthropologische
Barrierenkultur, welche in konstruktiver Destruktion (Krieg) und destruktiver
Konstruktion (Liebe) – die dialektische Verhandlung zwischen GRENZEN
dynamisierte.

Und schließlich und endlich dynamisierte sie die Reflektion des
Bewusstseins – nach aussen. In die FUNKTIONEN der TECHNIK
als konstruktive Resonanz (Verifikation) oder destruktive Resonanz
(Falsifikation) – in zeitlich fortlaufender Wechselwirkung in den
ERFOLG des Überlebens hinein. In die Wechselwirkungsmaschine
zwischen TRIAL and ERROR. VERSUCH und IRRTUM.

Seit Planck steht aber die gute alte Rationalität in der Irritation,
dass sie sich beim Forschen permanent selbst begegnet.

Und diese Selbstbegegnung konnte nur wieder „wiederspruchsfrei“
operativ werden, indem man eine „Diskretion“ zugleich wahrnehmen
als auch konstruieren musste, damit der wissenschaftliche Hase operativ
irgendwie weiterlaufen konnte. Und das tat er auch, weil es so gut
funktionierte.

Die Funktion aber ist falsch. Sie ist nicht die „Wahrheit der Natur“
Die Trennung und Dialektik zwischen „Welle“ und „Teilchen“ ist nichts
anderes als die xte Perpetuierung der Trennung zwischen Blut und Gehirn.

Die Quantentheorie ist objektiv falsch.

Es gibt keine „Teilchen“ Nur „Formen“ als Zeitformen (Wirbel)

Weil die Symmetrien in unserem Kopf Asymmetrien sind.

Zahlen sind Wirbel.

In der ganzen Natur existiert keine einzige Symmetrie,
sondern nur ein Wechselverhältnis zwischen
Symmetrie und Symmetrieverlust.

Dieses Verhältnis beschreibt das Verhältnis
von Energie und Information als Schwingung.
(Reflektion)

Denkende Wissenschaft: Zeit als Unterschied.

Denkende Wissenschaft in Gedanken bei Wolf Singer, Anton Zeilinger,
Rolf Dieter Heuer, das CERN, Albert Einstein, Max Planck

Dass Zeit eine relative oder lediglich konstruierte Prozessgröße sein soll,
kann angezweifelt werden.

Selbst wo die Zeit in einer Gleichung nicht vorkommt, vergeht Zeit beim Denken
oder Aufschreiben der Gleichung. Auch hier wird thermodynamisch Wärme
irreversibel gestreut. (Auch Zahlen streuen Wärme.)

Ob relativ oder nicht, konstruiert oder detektiert – die Zeit lässt sich nicht weg diskutieren.
Denn noch in der Lichtgeschwindigkeit ist sie enthalten (Weg durch Zeit)

ZEIT ist BEWEGUNG und der ORT, wo sie sich hinbewegt.

Kein Stillstand, nirgends. (2. H.S.)

Also kann hier gesagt werden:
Ohne Zeit – kein Einstein, keine Relativitäts-
Theorie, keine Lichtgeschwindigkeit.

Einstein selbst ist irreversibel. Auch sein Denken hat
Wärme verbraucht und irreversibel gestreut.

Solange die Zeit benötigt wird, um die Lichtgeschwindigkeit anzugeben,
und rechnerisch mit ihr zu operieren, muss Zeit als Prozessgröße
Geltung haben.

Was also ist die Zeit? Sie ist auch Raum – ja.

Aber die tiefere Definition muss lauten: ZEIT IST DER UNTERSCHIED.

Unterschied zwischen vorher/nachher – Unterschied zwischen A und B –

– Unterscheidung zwischen unterschiedenen Zuständen.

– Unterscheidung zwischen „Ich“ – und „Dort“ – ist die Zeit

– Unterscheidung zwischen „Du“ und „Hier“ – ist die Zeit

– Unterscheidung zwischen Ort (Hirn, Zeichen, Teilchen, Zahl) und Impuls (Blut, Fluss, Wärme, Strahlung )

– Unterscheidung zwischen Blut und Hirn (Blut-Hirnschranke.)

– Unterscheidung zwischen Wärme und Zahl (Blut-Hirn-Schranke)

– Unterscheidung zwischen Unterschiedenem (Blut-Hirn-Schranke.)

– Unterscheidung zwischen absolut und relativ. (Blut – Hirn – Schranke)

Ohne Zeit keine Unterscheidung, keine Diskretion – kein Bewusstsein.

Ohne Zeit kein Unterschied zwischen Zeichen, Worten, Zahlen, Orten, Momenten.

Aus diesem Grunde kann die Zeit keine relative Größe sein.

Ohne Zeit keine Mathematik. Auch Mathematik braucht Zeit.

Die Zeit ist die Entropie. Sie fließt kontinuierlich. Von wärmer nach kälter.

Oder die Entropie wird vorübergehend abgeschirmt: (Blut-Hinschranke.)

Die Zeit ist: Die Unterscheidung zwischen
einer Form und dem Beobachter dieser Form.

Die Unterscheidung ist die Zeit, die den Unterschied formt.

Deshalb auch: Zeit = Form

Zeit ist die Unterscheidung, die Zeit braucht. (Zeit schafft)

Zeit ist die Bewegung in Bewegtheit: DES UNTERSCHEIDENS.

Bewegung, Benennung aber braucht immer die ZWEI – das Unterschiedene.

Das Beobachtete des Beobachters – ist die Zeit.

Die ZEIT ist, was die ZWEI sind. Und ZWEI sind immer.

Die EINS kann behauptet werden
nur im Verhältnis zur NICHT-EINS.
(eine absolute – einsame EINS existiert nicht)

Zeit ist Unterscheidung. Unterscheidung macht Form.

Unterscheidung ist Bewegung.

Keine geschlossenen Ränder, nirgends.

Kein Stillstand, nirgends – Also ZEIT.

Masse = Zeit, (verwirbelter Strömungsdruck der Entropie.)

Masse ist gewirbelte Zeit. Masse hat keine Wechselwirkungsteilchen.

Quanten sind konstruktive Resonanzen zwischen unserem diskretiertem Gehirn (Blut-Hirn-Schranke) und
einer kontinuiertlichen Entropie des Universums (energetische Ausdehnung.)

Zahlen, Zeichen, Punkte, Funktionen, Linien, Technik – sind Pseudo-Diskretionen
(Kleine-Fließgleichgewichte, ebenfalls gewirbelt, halb offen, halb geschlossen.)

Die Zukunft braucht eine Physik ohne Blut-Hirn-Schranke. (Ohne Fließgleichgewicht.)

Mathematik ohne Zahlen („warme“ Zahlen.)

Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

Was Aristoteles schon über die Finanzkrise wusste.

Potentialität und Aktualität.

So steht man heute wieder vor uralten Fragen, deren Gründe viel tiefer in die Zeit zurückreichen, als nur bis zu Marx.

Die strukturierten Produkte, die Zertifikate des Finanzwesens, waren ja zunächst aus einer ganz sinnvollen Überlegung hervorgegangen. Sie sollten die Risiken eines monoformen Papiers über den Verbund, in der Vermischung mit verschiedenen anderen Papieren, Versicherungen und Rückversicherungen, die sich jeweils dann in geknüllte schwer zu durchschauende Zertifikate einbetteten, in ein polyformes Verbundmaterial verwandeln, das stabiler ist, weniger risikobehaftet. Eine Art Sperrholz oder Damastzenerstahl der Finanzbranche.

Eigentlich funktioniert das ja auch. Man kann ein Anlage-Portfolio so mischen, oder knüllen oder falten, dass es stabiler bleibt, elastischer, aber dann agiert es weniger effizient, weniger produktiv. Es verformt sich dann als geknülltes Portfolio weniger heftig in Richtung Verlustzone aber auch weniger in Richtung Gewinnzone. In dem man zum Beispiel Kauf – und Verkaufsoptionen mit Aktien aus verschiedenen Branchen mischt.

Der Anleger spricht dann von einer „langweiligen“ aber relativ stabilen Anlagestrategie.

Aber warum waren die problematischen Mischstrategien, die ja ebenfalls als Verbund- und Schichtmaterialien konstruiert wurden so brisante „plötzliche“ Sprengstoffe? Warum waren sie instabil?
Faule Zutaten sind das eine. Das andere war der Irrtum, dass man glaubte, etwas könne zugleich enorm effizient, produktiv und und zugleich enorm belastbar, also stabil sein. Das funktioniert nicht, wie man heute mathematisch ebenso wie physikalisch simpel nachweisen kann.

(Ein Raketentriebwerk ist höchst effizient – aber! – Es soll auch nur 8 Minuten durchhalten. Und auch diese 8 Minuten müssen empfindlich gut kalkuliert sein, damit es einen nicht um die Ohren fliegt! Deshalb ist hohe Effizienz immer verbunden mit einer kurzen Funktionsdauer des jeweiligen Systems ebenso wie mit bedrohlicher Gesamtanfälligkeit!)

Der Finanzexperte Bernhard Litaer hat in der Brand1 vom Januar 09 darauf aufmerksam gemacht, dass ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang zwischen Produktivität und Belastbarkeit bei Systemen wirkt. Wenn man Produktivität definiert als eine Durchsatzmenge an Energie oder Information pro Zeiteinheit –  und Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Störungen, Abweichungen, Durchsatzsenken oder Durchsatzspitzen so abzufedern, ohne dass es in seiner Gesamtstruktur bedroht ist oder gleich ganz zusammenbricht.

Ungefähr so, wie ein Blatt Papier als geknüllte Kugel stabiler, krisenresistenter ist, als ein ungeknülltes.

Die andere Antwort liefert möglicherweise wieder die Technikgeschichte.

Ein Portfolio so zu mischen, dass es weniger brisant, also stabiler bleibt, entspricht dem Handeln nach dem, was Alfred Nobel damals mit dem Nitroglyzerin gemacht hat.

Es liefert ein Bild zum aristotelischen Problem von Potentialität und Aktualität.

Reines Nitroglyzerin ist nicht wirklich handlich, zu gefährlich, zu instabil, zu effizient. Es ist – zu aktuell. Also hat Alfred Nobel das allzu aktuelle Nitroglyzerin gemischt, langsam gemacht, belastbarer, geknüllt, mit „langweiligem“ Kieselgur und seine Konzentration so verringert, dass es handlich wurde. Sein Dynamit war plötzlich ein harmloser Stoff. Andere Zusatzstoffe machten es sogar unempfindlich gegen eine Streichholzflamme. Erst eine Initialzündung bringt es zur Explosion.

Hier liegt wohl die Schwierigkeit. Die aktuelle Harmlosigkeit des Dynamits kann viel mehr informell-energetisches Potential anhäufen. 20 Liter reines Nitroglyzerin irgendwo zu lagern oder durch eine Leitung zu pumpen wäre Wahnsinn. Fünfzig Tonnen Dynamit dagegen sind kein Problem.

Allerdings – wenn eine geknüllte polyforme Papierkugel – die sich im Prinzip nicht so schnell entzünden lässt wie ein loses Blatt Papier  – wenn sie aber doch einmal brennt, dann lässt sie sich auch nicht so schnell löschen. Sie schwelt dann durch.

Das Dynamit explodiert.

Die Brisanz des Nitroglyzerins, die eher eine „aktuelle“ Brisanz genannt werden kann, wurde von Alfred Nobel in die „potentielle“ Brisanz der Mischform Dynamit überführt.

Die Philosophiegeschichte hat seit Aristoteles und dann über Thomas von Aquin versucht, den Zusammenhang zwischen Aktualität und Potentialität zu klären. Was nicht ganz einfach ist.

In seiner Metaphysik erläutert Aristoteles, dass die Aktualität der Potentialität vorangeht.

Im Rahmen seiner Argumentation gibt es dafür auch einen Grund.

Für Aristoteles gab es als Ursache aller Dinge nur die Kraft der Bewegung (griechisch: Dynamis) also kein statisches Wesen. Die Bewegung aber, so folgert er, ist immer Aktualität. Also aktuell agierend. Und aus der Aktualität der Bewegung formen sich auch die Begriffe, die Instrumente, die Techniken.

Und deshalb schreibt Aristoteles:

Sie (die Potentialität) ist ein Prinzip der Bewegung, freilich der Bewegung nicht in einem anderen, sondern in dem Wesen selbst, insofern es dieses Wesen ist. Jeder solchen Potentialität also geht die Aktualität dem Begriffe nach und dem Wesen nach voran; auch der Zeit nach, wenigstens in gewissem Sinne; in anderem Sinne freilich wieder nicht. Zunächst, daß sie dem Begriffe nach vorangeht, leuchtet von selber ein. Denn das ursprünglich mit Potentialität Ausgestattete hat Potentialität insofern, als es zur Aktualität zu gelangen vermag, wie z.B. Baumeister ist, wer zu bauen vermag, Sehkraft hat, wer zu sehen vermag, und sichtbar ist, was gesehen werden kann. Das gleiche begriffliche Verhältnis herrscht auch in allem anderen. Mithin ist der Begriff des Aktuellen notwendig der ursprünglichere, und wer den Begriff des Potentiellen erfassen will, der muß zuvor den Begriff des Aktuellen erfaßt haben.

Wenn man jetzt für den Begriff des Aktuellen „Nitroglyzerin“ einsetzt und für den Begriff des Potentiellen das  „Dynamit“, man also weiß, dass das Nitroglyzerin in der menschlichen Entwicklung vor dem Dynamit entborgen war, dann kommt man nicht umhin, Aristoteles für seinen Weitblick und Scharfsinn zu bestaunen.

Tatsächlich scheint sich die mensch-technische Entwicklungsgeschichte immer genau in dieser Reihenfolge abzuspielen. Der Zivilisationsprozess überführt die aktuelle Brisanz der Aktualität in den scheinbar weniger brisanten (aber dafür lauernden) Zustand der Potentialität.

Greifen wird Begriff.

(Er-)zählen wird Zahl.

Dynamis wird Dynamit.

Tauschen wird Geld.

Aus dem Kreisen wird das Rad.

Aus dem Rad wird der Wagen.

Bewegung wird Bewegendes.

Aus der Arbeit wird die Maschine… (was Marx auch schon gewusst hat..)

und schließlich:

aus dem Denken wird die Denkmaschine, die Ideologie (ein Problem, das Marx leider nicht so stark beachtet hat.)

aus dem Fühlen wird Gefühltes, der Roman, der Film, das Theater…etc…

Der überschaubare Tausch zwei Schafe gegen ein Pferd, der sich nur in der reinen Aktualität handeln lässt. (Ein Tausch, der wie das Nitroglyzerin auch sofort platzen kann, weil des Pferd zum Beispiel krank ist und ich ein konkret schlechtes Geschäft gemacht habe)

Dieser überschaubare Tausch wird bereits durch die Erfindung des Geldes in eine handlichere Potentialität überführt. Wenn ich Geld statt ein Pferd nehme, kann das Geld nicht krank sein, es sei denn es wurde gefälscht. Aber prinzipiell ist es das handlichere Geschäft. Aber schon dieses Geld, dass bereits ein Äquvalent ist, hat Dynamiteigenschaften. Ich könnte dieses Geld jetzt verleihen, gegen Zinsen, damit es wächst, sprich: explodiert.

Und so weiter bis hin zu den heutigen Finanzmarktinstrumenten.

Heute weiß man – die Tatsache, dass Sprengstoffe „handlich“ wurden, hat sie global betrachtet erst zur massenhaften Anwendung gebracht, für ihre Verbreitung gesorgt. Ihre potentielle Brisanz ist gestiegen.

Sprengstoffe sind manchmal sinnvoll. Ebenso wie im Prinzip die gemischten Papiere nicht einfach nur destruktiv sind.

Die menschlich-technische Evolution wird den Weg in Richtung Verbundstoff weiter beschreiten. Und dies über Brüche, die notwendig sind, um Dehnungsfugen auszubilden. Dass wir dabei selber in einen globalen Verbundstoff eingegliedert werden, steht ausser Frage.

Wenn Bernard Litaer jetzt vorschlägt, die monoformen und potentiell überbrisanten Finanzhandlungsstrukturen durch einen polyformen Verbund von regionalen Wirtschaftszonen zu entlasten, aufzulockern, dann macht er damit den Vorschlag, das Dynamit nicht mehr an wenigen großen Orten herzustellen oder zu bewegen, sondern an vielen kapillar verteilten. Das ist durchaus vernünftig. Aber unabhängig davon, ob es vernünftig ist oder nicht, wird es sowieso geschehen. Es wird geschehen als etwas, das durch gewaltsames Zerbrechen sowieso geschieht. Durch Krisen. Klüger wäre es natürlich, selbst zu tun, was geschieht.

In seinen regional gedachten Wirtschaftszonen, erfolgt ein Teil des Tausches wieder etwas direkter, also aktueller, über kürzere Wege. Er gewinnt mehr Aktualität und verliert etwas von seiner zerstörerisch sich anhäufenden Potentialität.

So wäre heute also zu bedenken, wie man das Verhältnis von Aktualität zu Potentialität  zivilisations- freundlich moderiert.

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

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Der Taxifetisch.


Ich gebe es zu und will da auch nichts relativieren oder durch pragmatische Argumente, wie berufliche Umstände oder permanenten Termindruck, entschuldigen – ich gebe also zu: Ich rufe mir gern mal ein Taxi.
Es gibt ja Menschen, die behaupten, man könne nur zu Fuß, so in ganz ursprünglicher Weise dem wahren Leben in seiner an sich schon selbstgefährdenden Beschleunigung „wieder“ auf die Spur kommen. Andere beschwören ganz allgemein eine Technik-Askese, eine „wieder“ entdeckte Langsamkeit und Beschaulichkeit des menschlichen Maßes, das der „urbanen Raserei“ den gemessenen Schritt mutig gebremst entgegensetzt. Dazu sage ich nur: Bitte schön. Würde mich aber interessieren, was genau und ehrlicherweise sich hinter einer solchen Haltung verbirgt. Und werde mich an anderer  Stelle noch damit beschäftigen. Hier soll zunächst der Hinweis genügen, dass ich grundsätzlich alle sexuellen Spielarten respektiere, solange sie nicht strafrechtlich indiziert sind. Aber ich muss sie ja nicht selbst praktizieren. Ich sage es deshalb jetzt: Das Taxi. Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein. Die Inanspruchnahme eines Taxis stimuliert mich sexuell. Das Taxi ist mein Fetisch.                                                                                                                                                                                         So. Jetzt ist es raus. Und kann in aller Gelassenheit weiter sprechen, weil ich glaube, dass ich mit dieser Sache nicht allein dastehe, dass hier vielmehr eine große Minderheit schon eine Weile geduckt vor sich hin schweigt, vielleicht, weil sie Angst hat, als Financial Times –lesende Globalisierungsgewinner irgendwann  denunziert und gefedert zu werden, eben weil man als alleinreisender Taxifahrgast immer im Verdacht steht, es sich dermaßen offensichtlich und obszön bequem zu machen, dass dahinter ja nichts anderes als eine feixende Geste, eine Art Stinkefinger gegen die penetrant Sportlichen, ÖPV-Fahrer aus Verarmung, oberfitten Mountainbiker oder biokonkreten Zufußgeher vermutet werden kann. Im Namen dieser verdächtigten Klientel, stelle ich hiermit klar: Die Lust am Taxi hat damit nichts zu tun. Ausdrücklich verfolge ich mit den nachfolgenden Beschreibungen keine pornographischen Motive, möchte aber all jenen Menschen, die es betrifft, Mut machen, selbstbewusst ihren Fetisch auszuleben und  eine wesentliche Facette ihrer Persönlichkeit nicht im Verborgenen kümmern zu lassen, sondern ihr dringlich den Raum für Entfaltung zu schenken, der ihr als Quelle inneren Reichtums notwendig zusteht.

Auch ich kann aus ökonomischen Gründen meiner Vorliebe nicht so nachgeben, wie ich es vor ein paar Jahren noch glaubte tun zu müssen. Damals, als ich noch dumm war. Damals, als ich unreif und genussunfähig zu allen mögliche Zeiten glaubte, mir den schnellen Sex mit einer 5 Euro-Abwink-Kurzstrecke vom Straßenrand aus besorgen zu müssen. Wie arm das doch war.  Das kann ich jetzt Gott sei Dank so gelassen aussprechen. Inzwischen bin ich weiser geworden, genussfähiger, raffinierter, feiner, und in gewisser Weise auch etwas verdorbener. Zumal ich heute weiß, dass man Lust pflegen und trainieren muss, und zwar nicht, indem man sie immer und jederzeit befriedigt, sondern ganz im Gegenteil, in dem man sie manchmal herausfordert, sie mal mehr mal weniger reizt, sie stimuliert, um ihr dann aber kurz vor der Erlösung noch einmal beherrscht zu entsagen, weil der Moment der Erfüllung gediegen inszeniert sein will.

So habe ich mich über die Jahre zum heimlichen Tantriker meines Fetischs gewandelt, indem ich langsam, sehr langsam, an den  Taxiständen dieser Stadt vorbei schlenderte, die schalgelbe Autoschlange ganz bewusst nur aus dem Augenwinkel betrachtend (ich könnte sie ja alle haben.), um dann aber doch eine Straßenbahn, die ich gleichzeitig im Blick behalte, eben nicht einfach zu bekommen oder langweilig zu erreichen, nein – die Kunst zeigt sich darin, sie hastend – rennend! – gerade noch zu erwischen. Nur um hier mal ein Beispiel aus der mittleren Schule der Pflege meines Fetischs zu geben. Ich sage mittlere Schule, weil ich jemanden kenne, (bewundere?) sein Name ist nicht wichtig, der diese Art der Stimulation noch ausgefeilter betreibt. Er beginnt sein Spiel immer auf dem Vorplatz eines Flughafens, da hier die Schlange der wartenden Taxis noch länger sich hinzieht, was ihn logischerweise bis auf die höchste Klaviertaste hochspannt. Er schreitet die langen Oktaven ab, lehnt sich zu jedem Taxifahrer in den Fond, wedelt mit einem 500 Euro Schein, fragt rhetorisch ob man wechseln könne und hastet dann mit einem Koffer (den er mit alten Blei-Akkus beschwert hat) zu einem ganz bestimmten Bus, und zwar so, dass er den Busfahrer, der gerade losfahren will, mit rotem Kopf devot an die Scheibe pochend, darum bitten muss, extra für ihn die Tür noch einmal zu öffnen. Ganz bestimmter Bus meint, er weiß von dieser Linie, dass sie in einer ungemütlichen Gegend endet, bei einem Vorwerk, abgerostetes Haltestellenschild irgendwo zwischen den zugigen Ruinen einer ehemaligen Mörtelfabrik. Dort steigt er dann aus, ein gut dotierter Rechtsanwalt im leichten Lezard, der sich hier von 80 Prozent alkoholisierten Hartz4 Empfängern fragend beäugt weiß, und läuft eine unbeleuchtete Straße über 2 Stunden lang mit seinem Koffer allein nach Hause. Selbstverständlich mit dem nötigen Kleingeld und eingeschaltetem Handy, auf dem er alle umliegenden Taxizentralen abgespeichert hat. Eine Option, auf die nicht zuzugreifen ihm ein lang anhaltendes Spannungsmoment beschert. Ich möchte hier kein Urteil darüber abgeben, ob diese Art der aufreizenden Lustanstachelung mit forcierter Erfüllungsdämpfung schon eine Perversion andeutet oder einfach tantrische Meisterschaft bezeugt, den rotweißen Gürtel im 8. Dan beim Judo gegen sich selbst, angewandt auf einen Fetisch, von dem ich wie gesagt glaube, dass er eine große Dunkelziffer hat. Ich habe diesen Mann auch nicht danach gefragt, ob er denn überhaupt noch manchmal, hin und wieder, wenigstens einmal im Quartal, sich in der Realität ein Taxi kommen lässt. Und möchte ehrlich gesagt auch nicht wissen, was dann da losgeht.

Ich selbst bin jünger als er und verfolge deshalb immer noch eine gut balancierte Mischung aus Imagination und Verwirklichung. Denn der Taxifetisch bietet ebenso viele Varianten der Stimulation wie der Realisation an – und das kitzliger Weise eben in aller Öffentlichkeit.

Zunächst muss hier natürlich die Farbe erwähnt werden. Die klassische Farbe eines Taxis hierzulande ist ein sehr spezielles, eigentlich gleichgültiges, gleichwohl schillerndes… Farbe kann man eigentlich nicht sagen, oder doch? –weißgelb? Vielleicht eher ein Ton. Manche sagen hellbeige, Eierschale. Oder schmutziges Weiß?  Ich nenne es Gelb. Cremegelb. Hellgelb. Junggelb. Schalgelb. Schwitzweiß. Gilb. Dem Normalerotiker mag das gleichgültig sein, aber dem Fetischisten schenkt diese Farbe jederzeit ein aufreizendes Spiel der Interpretation. Obschon sie als Allerweltsfarbe gelten kann, als Misch- und Nichtfarbe sich liederlich überall im Spektrum bedient, transportiert sie in ihrer vordergründigen Charakterlosigkeit und Schalheit etwas stechend Uniformes. Und das soll sie ja auch sein – eine Uniform für Taxis. Aber so sehr sie Uniformität behauptet, so sehr färbt sie zugleich einen ganz unbehördlichen, nichtmilitärischen, zivilen Gegenstand; einen Gegenstand, der komplett gleichgültig lässt, solange, bis man ihn braucht. Den man übersehen soll, solange, bis man direkt nach ihm Ausschau hält. Der absolut nichts bedeutet, solange, bis man mit Geburtswehen vor der Haustür wartet und ganz weit hinten auf der Fahrbahn einen winzigen gelben Punkt anstarrt, der dann aber irgendwie nach links abbiegt.

Mit etwas Interpretationsspielraum in erregten Momenten empfinde ich diese Lackierung manchmal als eine Art Hautfarbe, die scheelgelb eine Grenze  markiert zwischen gleichgültiger Zivilität und einem streng motorisiertem Stück Blech, dass in seiner kalten, metallisch- obszönen Nacktwaffigkeit ganz dominant nur eine einzige Funktion ausübt: Warmes zugestiegenes Fleisch eine Straße entlang zu bewegen. So imaginiert diese Lackierung im Stadtbild eine an sich unmögliche Mischung aus Signal und Understatement, ein heißkaltes Oszillieren zwischen Exhibitionismus und Verborgenheit – und strahlt als beunruhigte und damit ewig vibrierende Coloration in den Alltag des Taxifetischisten, zieht ihn in ein immerwährendes Intimverhältnis, das er gleichermaßen öffentlich und geheim als Beobachter aktiv gestaltet, zum Beispiel in dem er jeder Zeit dem Objekt seiner Erregung durch das Fenster eines Restaurants hinterher schaut, während er am gleichen Tisch mit seinen sinnlich verarmten Geschäftspartnern, die ihre immergleich abgeschraubten Zoten über Titten und Ärsche reißen, schweigend das Essen einnimmt.

Der mir bekannte Flughafen-Tantriker übrigens hat in einem Gespräch einmal erwähnt, dass ihn die schokoladige Farbe der Taxis auf die Spur der frühkindlich-pathologischen Verankerung seines Fetischs gesetzt hat, den er im Übrigen nie missen wolle. Als er meinen erschrockenen Blick sah, lachte er und sagte, dies sei nur ein Scherz, denn er meine natürlich die weiße Schokolade.  Das hatte er mit Berechnung vorgetragen. Ein Fingerzeig. Eine Klarstellung. Ein Wink mit der stumpfen Kanüle. Ja, ich hatte kapiert. Es wird wohl jedermann einleuchten, dass hier ein Großmeister seines Fachs eben mal durch einen hingeworfenen Knochen seinem jüngeren Gesprächspartner klarmachen wollte, wer hier der Künstler ist. Die farbliche Präzision und synästhetische Raffinesse seines Vergleichs mit einem leichthin eingestreuten oral-sensorischen Kontext hat mich umgehauen. Mit einer einzigen dürren Bemerkung hat er mich zu einem peinlichen Praktikanten und Unterschuster, zu einem öden Fahrgast meiner eigenen Obsession heruntergetitelt.  (Sein eintauchendes Lächeln im Cognacgläschen.) Weiße Schokolade.

Ich musste über diesen Vorfall lange nachdenken. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich davon erholte. Nur mühselig tröste ich mich damit, dass dieser Gigant und Michelangelo seines Fetischs 12 Jahre älter ist als ich. Was nun den eigentlichen Akt betrifft, öffnet der Taxifetisch die Zufahrt zu einer riesigen Satellitenstadt erotischer Praktiken. Er beginnt beim einfachen Quickie, also dem eher schnell und schmutzig von der Straße herunter gewunkenen Taxi und endet noch lange nicht bei einer gut informierten Funkzentrale, die auf Veranlassung Vorlieben bedient, etwa für eine ganz bestimmte seltene Automarke, zum Beispiel Daihatsu eines ganz bestimmten Typs, zum Beispiel Kombi, arrangiert mit einem fein sortiertem Fahrerprofil, zum Beispiel schweigsamer Lenkradberliner, randpolitisierter Familienvater, studentischer Witzbold, nichtbescheid-wissender Marokkaner, Radiokulturhörer, Frau mit Vergangenheit u.s.w.

Um hier gleich einer sich womöglich aufdrängenden Vermutung zu widersprechen: Als Taxifetischist liegt mir nichts ferner als die Diskriminierung einer Berufsgruppe, mit der ich ganz ausdrücklich in einem Verhältnis stehe, das Lebensunterhalt (ihren) und Lebensqualität (meine) aufs engste in Symbiose und damit für beide gewinnbringend vermittelt. Für ein eher durchschnittliches Schäferstündchen ist mir die Automarke eigentlich egal. Da bevorzuge ich Hausmannskost. Obwohl ich wegen der Kunsstoffweichmacherkomponenten in den Armaturen fabrikneue Wagen den älteren Fabrikaten vorziehe. Überhaupt nicht egal ist mir tatsächlich der Innenduft. Spiegelbäumchen Zitrone muss nicht sein. Ebenso wenig aufdringlich appliziertes Kiefernharz. Wie ich überhaupt meine, dass ein Taxi natürlich riechen sollte. Sozusagen nach sich selbst und seiner Bestimmung (Wenn ich meine Nase in einen Haufen Tannennadeln stecken möchte, kann ich in den Thüringer Wald fahren.) Deshalb sage ich der Zentrale immer: Bitte ohne Spiegelbäumchen. Und nehme dafür auch gewisse Wartezeiten in Kauf. Darüber hinaus bleibe ich anspruchslos. Gerade das Authentische, das Mittelmaß, der Durchschnitt ist mir am Fetisch meines Alltags sehr willkommen. Eine gute Mischung aus dünstenden Weichmacherkomponenten, verregnetem Hosenbein, Zwergpudelpeichel, Spuren von Zuspätkommerschweiß, Benzin und etwas, dass ich bisher noch nicht sicher identifizieren konnte, genügt mir für eine anfängliche Erotisierung. Wenn dann noch etwas Duft vom Lippenstift einer eben ausgestiegenen 39 jährigen Unternehmensberaterin mit karrierebedingter Kinderlosigkeit sich beimengt, wird es – pardon – wirklich geil. Trotzdem wäre all dies nur wenig, gäbe es da nicht die bereits erwähnten 4 bis 6 Moleküle, einer von mir nur unsicher zugeordneten Note, die ich oft in Neufahrzeugen zu riechen glaube. Hier möchte ich unter Vorbehalt eine Vermutung äußern, die ich bisher aus verschiedenen Gründen für mich behielt. Ein Neuwagen ist oft per Kredit finanziert. Oder geleast. Bei einem selbstständigen Kleinunternehmer fällt seine Anschaffung möglicherweise zeitlich mit dem Einstieg ins Taxigewerbe zusammen, vielleicht sogar vermittelt in einer Phase der beruflichen Umorientierung, die er nicht ganz freiwillig unternommen hat. Das könnte bedeuten, dass hier ein Geschäft mit einem pikanten Level psychosozialer Dringlichkeit betrieben wird. So ein neues Taxi hat, ausgestattet mit diversen technischen und gewerbebedingten Ponderabilien, trotz Ratenzahlung, einen gewissen Wert, der seinen Besitzer nicht immer durchschlafen lässt, und deshalb glaube ich mittlerweile zu ahnen, was jener minimalen Geruchsbeimischung anhaftet. Ich möchte nicht sagen – Angst. Denn der Angstgeruch ist mir gut vertraut. Aber vielleicht ist es ihr verdünnter Abkömmling, oder eine Art Derivat: Die Sorge. Ich glaube bemerkt zu haben, dass eine hochverdünnte Spur, also der Duft nach Lebensabschnitt, Straßenmüdigkeit und Hoffnung, Absehbarkeit, Kredit und getunnelter Zukunft, vermischt mit gedämpfter Euphorie über eine Neuanschaffung, die ein hartsitzendes Überlebensgerät bleibt, sich in der Nähe der Kopfstütze auf Fahrerseite konzentriert und von dort sich in den Fahrgastraum hinein ausbreitet. (Um die wirklich schwierige Note hier noch präziser zu beschreiben, muss ich den Leser bitten, sich den Geruch dieser Spur ungefähr als eine Mischung aus den Scherben einer implodierten Thermosflasche, frischem Roh-Ei und etwas Kugelschreibertinte vorzustellen.)    Was die genaue Lokalisierung bei den Kopfstützen angeht, bin ich mir nie ganz sicher. Viele Wagen werden im Schichtbetrieb von  verschiedenen Fahrern gesteuert, so dass die Wahrnehmung deshalb auch auf die mentale Verfassung des Gewerbeinhabers hinweisen könnte, der ja nicht immer mit dem Fahrer identisch sein muss. Aber es bleibt undeutlich.  Der zu dieser Sache dann doch wieder von mir befragte Flughafen- Tantriker (unser Verhältnis hat sich seit unserem letzten Gespräch wieder etwas normalisiert) meinte hierzu, ich müsse alle „sensorischen Vorkommnisse“ nicht nur in einem Taxi mindestens drei – wenn nicht vierdimensional interpretieren. Er nenne dies „quatrogenerative Impression.“ Die erste Dimension sei ein unmittelbar Anwesendes, in diesem Fall Fahrer, Innenraum etc… Die zweite Dimension ein abstrakt Anwesendes – in diesem Fall das Gewerbe an sich. Als dritte Dimension schließlich derjenige, der wahrnimmt, also ich selbst. Einen gewissen Anteil müsse ich also immer als „endosuggestives Konstruktionselement“ beachten, zu deutsch: als hausgemacht. Als vierte, eigentlich wichtigste und umgreifende Dimension nannte er die „chronische Substanz“, für die man mit längerer Ausübung seines Fetischs eine diskrete Sensibilität entwickelt. Er führte weiter aus, wenn ich nun diese 4 Dimensionen mit der Anzahl der mir zur Verfügung stehenden Sinne multiplizierte, käme ich auf 5 quatrodimensionale Impressionen pro Moment, also auf  20 sensorisch diskrete „Einzelsituative“. Da aber das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teil sei, müsse man mit 6 multiplizieren, man erhalte dann 24 Einzelsituative, wobei die 4 „imaginären Situative“ immer dafür verantwortlich seien, dass unsere Wahrnehmungen undeutlich blieben und unsere Welt insgesamt unsicher. Denn es sei die Unsicherheit der Welt, die sie stabilisierte, aber das würde ich später erst begreifen. Aber meine Art, wie ich ihm mit dieser Frage gekommen sei, ließe einen guten Weg erkennen. Wie auch immer – diesen „sensorischen Vorkommnissen“ bin ich sehr zugetan, weil in ihr ein Vitalmarker für dynamische Lebensprozesse seinen sinnlichen wenn auch flüchtigen Ausdruck findet.  Auch deshalb meine Vorliebe für Neuwagen, an denen mir übrigens auch immer die – schokoladig – überlackierten Türgriffe eine große Freude bereiten.

Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein.

Hier zum 2. Teil…..