Schlagwort-Archive: Menschen

Charlie Brown: When the music stops…

„Musical Chairs.“

Möglich, das Spiel erzählt  einen physikalischen Seins-Ablauf
Eine Ordnung verändert sich, indem sie streut, peu a peu
an das Offene abgibt. Die Anzahl der Stühle nimmt ab,
die Moleküle einer Formation streuen. Dabei kopiert sich ein Vorgang.
Man könnte auch sagen: So existiert diese Ordnung, in dem sie abgibt.

Oder als ein Prinzip von Wahrnehmung: Der Moment
einer Beobachtung hält einen Prozess an und er-zählt ihn.
Das Quantisieren aber, die Er-Zählung, ist nur zu haben
um den Preis der aussetzenden Musik.
Ein kurzer Stillstand, der einen Verlust an Bewegung bedeutet.
Die Wahrnehmung quantelt. Sie hackt. Die Musik stoppt. Still.
Die Musik „stillt“ Aber dieses „Stillen“ , das  Aussetzen der Musik formiert etwas.
Ein Bild. Und dieses Bild ist eine In-Formation. Still.

Nachdem man lange nichts mehr von seinen Experimenten mit rotierenden gekühlten Massen gehört hatte – findet sich nun doch wieder ein Eintrag des österreichischen Forschers Martin Tajmar aus dem Jahre 2010, der nahe legt, dass der gravitomagnetische Effekt sogar mit flüssigkaltem Helium registriert werden kann.

Von hier aus kann man dem Forscher nur alles Gute wünschen und viel Erfolg beim weiteren Experimentieren mit rotierenden und gekühlten Rädern, Ringen und Massen. Auf dass er auch noch andere Rotationswinkel und Achsenstellungen ausprobiert. Dass es bei den Experimenten weniger auf die Supraleitung ankommt und mehr auf die thermische Kühlung und die Rotation, wurde von ihm ja schon des Öfteren bestätigt. Zudem übertrifft er den vorher bereits bekannten Lense-Thirring-Effekt um ein vielfaches.

Das kann von hier aus auch deutlich unterstrichen werden, da ja die Entropie mit der Temperatur konjugiert ist und demzufolge auch mit der Energie überhaupt, also mit der Masse also mit der Raumzeit, zu der man aber besser ZEIT-RAUM sagen müsste, wenn die wissenschaftliche Gemeinde einsehen würde, dass die Raumzeit-Krümmung eben in Wirklichkeit nicht (nur) „-Geometrie“ ist, sondern eine thermische Dynamis als Fluss, der verwirbeln kann. Ich würde Martin Tajmar auch empfehlen, mal einige hochgenaue Atomuhren in der Nähe seines rotierenden Experiments aufzustellen.
Wir erinnern uns, was Entropie auf altgriechisch heißt: Hinein-Drehen. Um-Wandeln. Wobei man das „Um“ – hier wörtlich nehmen kann – im Sinne von: um-drehen.

Skeptisch gegen die Skepsis:
Hesekiel Kapitel 10/13 Und die Räder wurden genannt „der Wirbel“, daß …
Luther Bibel (1545) Und es rief zu den Rädern: Galgal! daß ich’s hörete. Elberfelder Bibel (1871) Die Räder, sie wurden vor meinen Ohren „Wirbel“ genannt ….

hebräisch-„Galgal“ : Rad, Wirbel, ….

Advertisements

Was war mit Albert Einstein los?

Neulich bin ich erschrocken.

Den Mann muss man nicht mehr erklären.
Kennt man, den Mann. Und jeder weiß ungefähr, was mit dem lustigen
Strubbelhaar – und Strickjackenprofessor in Verbindung zu bringen ist.
Das habe ich auch gedacht – bis ich herausfand, dass
Albert Einstein vor allem eins war. Er war……

…und das in einem – sozusagen – extremen Sinne.

Atombombe

Einstein: „Mein größter Fehler.“

Seine Leistung, die eigentliche Leistung bezeugte sich weniger darin, dass er Raum, Zeit, Masse, Energie in ein Verhältnis gesetzt hat; diese Entdeckungen sind beinahe pille palle gegenüber der eigentlichen Grundbewegung – nein, sind sie nicht – aber mindestens ebenso – äh, nein, doch, ich sage jetzt einfach: noch viel erschreckender ist die bewusstseins-seitige Grundbewegung, die zu diesen Entdeckungen geführt hat.
Der eigentliche Punkt, und das wirklich Haarsträubende an der Vorgehensweise Albert Einsteins war eine Grundbewegung von Bewusstsein.

Das habe ICH bisher nicht gewusst.
Das war MIR gar nicht so klar – bisher.

MAN hat das bisher immer ein wenig versachlicht,
in dem MAN von Beobachter-Verhältnissen gesprochen hat
Der Beobachter und sein Standpunkt.

Ein Beobachter in einer beschleunigten Rakete…

MAN stelle sich einen Beobachter auf einem Lichtrahl reitend..usw

Zu den ersten Überlegungen Einsteins – noch von Ernst Mach inspiriert,
gehörte ja, dass ein Mensch in einer beschleunigten Kiste die
selbe Schwerkraft erfahren könne, wie wenn er still auf der
Erde stünde.

…oder viel mehr auch: dass er sich ebenso in einer fallenden
Kiste als schwerelos empfände. Wenn sie verschlossen ist,
weiß er nicht, ob er im Weltraum schwerelos oder hier in
einer Kiste fällt, schwebt oder steht. Das war tatsächlich Einsteins
originärer Funke –

Das nimmt man heute so hin und denkt sich – naja, coole Überlegung, klar.
Aber mir war neulich klargeworden, dass diese Überlegung, und damals,
eigentlich überhaupt nicht klar war, und sie war –
und als ich dann länger darüber nachgedacht hatte – wurde mir immer klarer:

Sie war auf wundersame Weise asozial.

Wer so etwas denkt oder denken konnte, muss ein asozialer
Typ gewesen sein.

Weil eine solche Überlegung, das ICH relativiert.

Eine asoziale Überlegung.

Denn dass „ICH“ in der Welt ist normalerweise etwas,
dass eine Meinung verteidigt, eine Haltung, einen: Standpunkt.

Seine ontologische Gravität. Sein Gewicht. Seine Nichttauschbarkeit.

SEIN Wissen. SEIN Können. SEIN Machen. SEIN Tun.

Heute würde man wieder sagen: SEIN Mensch. SEIN Subjekt. SEIN Schicksal.

Dieses ICH hat einen Ort und der ist nicht tauschbar.

Und manchmal behängt sich dieses Ich noch
zusätzlich mit schweren ICH – Mänteln und ICH -Blei-Gewichten
aus Überzeugungen, „Erfahrungen“, und das Unschönste
eines solchen schwer behängten ICHs ist dann: Die Haltung.

Das ICH ist grundsätzlich etwas, dass verteidigt gehört
gegenüber….

….gegenüber was?

Gegen die Tauschbarkeit seines Standpunkts.

Nichts ist ja bedrohlicher, kaum etwas ekliger als ein
Hinweis, der sagt: DU und dein Standpunkt bist tauschbar.

Nicht Unhöflichkeit, nicht Ignoranz, nicht Gleichgütltigkeit ist asozial.

Wenn jemand sagt: „Alles schön und gut, aber ich kann deine Kiste sehen.
Deine ICH-Kiste, in der DU so wunderbar zu Hause bist. DU denkst DU
bist SCHWER, dabei bist du nur fremdbeschleunigt.“

Fahrstuhl

Fahrstuhl

Ich…

Einstein nimmt dieses Ich und sagt,
DU kannst deinen Standpunkt haben, aber er ist in jedem Fall
– eine Kiste, ein Fahrstuhl, oder ein Fall….

Dein Standpunkt ist beweglich, tauschbar.

So etwas zu denken, ist asozial.

Wenn DU DICH wichtig, schwer und massiv fühlst, dann könnte es sein, dass DU nur
ein ganz feines Häärchen bist, das in einer sehr schnell beschleunigten
Kiste liegt, die nicht mal DIR gehört, von der DU noch nicht mal etwas weißt.

Und wenn ICH gerade so schön schwebe, dann könnte es sein,
dass ICH einfach nur falle.

Ach Albert, ich bewundere Dich für deine Theorie, aber ich liebe
Dich für diese gigantische Asozialität.

Asozial ist nicht, wer die Anderen durch Andersheit in Frage stellt.
Asozial ist, wer das ICH in Frage stellt. Seinen Standpunkt grundsätzlich relativiert.

Dem ICH seine ICH-KISTE aufzeigen, das ist asozial.

Nicht Feindschaft ist asozial, sondern die Relativierung von Standpunkten,
und zwar von allen Standpunkten.

Wer sich gegeneinander Feind ist, kommt bestens miteinander klar.
Feindschaft ist sozial. Streiten ist sozial. Widerspruch ist sozial.
Selbst der Krieg – in gewisser Weise – leider leider – gehört zur Sozialität.

Etwas das noch nie ausreichend gewürdigt wurde.
Dieser Albert Einstein könnte heute oder hätte damals auch
gelesen werden können – als ein Gesellschafts-Utopist.

Manche ekligen Iche, die heute so schwerstbeinig sozial in der Gegend herumstapfen,
Stark-verhaftete ICH-Gebisse in den ICH-Gesichtern und ICH-Mänteln
in den schweren ICH-Möbeln…

…na was denn?

…sitzen vielleicht nur in einer fremd beschleunigten Kiste?

Und die Schwebenden, die Leichten, die Tanzenden? – fallen sie?

Jut, jut, ist unappetitlich, solche Fragen letztgültig zu übertragen
oder zu beantworten.

Aber schön wäre, eine Gruppe, ein Häuflein, ein Gesellschaftchen
gelegentlich mit einem Klima dieser Frage zu versehen.
Jede einzelne Psyche gehört mit einem Deo dieser Frage besprüht.
Das Deo Albert

Einsteinisch desodorierte Psychen, weniger schwere ICH – Gerüche.

Manche ICH-Psychen riechen einfach zu streng unter ihren ICH – Achseln.

Das Irre, das wirklich Verückte, zeigt sich darin, dass es eine
Bewusstseins-Bewegung war, die diese Welt damals in ein energetisch heißes
und physisch und kosmologisch neu aufblitzendes Zeitalter überführt hat.

Einsteins Ideenleistung war vielmehr eine Kongenialität als eine Genialität.

Der Beginn dieser neuen physischen Epoche war eine Hinterfragung
von Beobachterstandpunkten.

Genau das hätte eigentlich eine riesige Chance sein können.

Eine Epoche der bewegten Bezugssysteme.

Aber es wurde die Epoche der irritierten Systeme
(Heiner Müller, Hamletmaschine, Der Auftrag: Mann im Fahrstuhl)

Leider später bald: Ein paar Millionen Grad Celsius im Kern dieses Ereignisses.

Aus Kisten wurden Särge.

Nein, Albert Einstein, Du bist nicht Schuld an der Atombombe.
Schuld sind die, die es nicht aushalten, einfach nur zu sein.

Schuld sind die, die unbedingt ICH sein müssen.

Die schweren Kerne des ICH, die schweren ICH – Uran – Kerne.

Sind sie instabil? Wie schnell zu spalten? Wie süchtig nach Spaltung? Nach Strahlung?

Die schweren ICH-Kerne sind künstliche Isotope. Sie müssen in jedem Fall angereichert
werden. Künstlich. Sie kommen in der Natur nicht vor. Schwere ICH-Kisten.

Aber auch das ist so nicht wahr. Es wäre zu einfach….

Man hat das nicht verstanden damals und es war nicht auszuhalten,
bis heute nicht. Das ICH darf nicht relativiert werden.

Zu Not wird es bis aufs Blut verteidigt.

Und ja: Das ICH darf nicht verdampfen.

Ein soziales Ich, muss ganz unrelativ ICH sagen dürfen,
damit ein DU überhaupt möglich wird.

Denn wo kein ICH, da kein DU.

Trotzdem. Die allzu schweren ICHe, wie sind die?
All diese ICHs und DUs, die vor lauter ICH und DU kaum laufen
können. Sie sind nicht immer sympathisch, weil man
ihre Kisten sehen kann. Ihre ICH-Kisten.
Immer wenn ich eine ICH-Kiste sehe…dann…

…ist es langweilig

Nee nee, da falle ich lieber und schwebe ein bisschen.
Ist aber auch eine Kiste. Oder: Kann eine Kiste
werden. Man muss in jedem Fall aufpassen.

Unsympathisch ist, wenn Leute ihre Kisten
an den Mann oder die Frau bringen und das für
„authentisch“ halten.

Es wäre vielleicht besser, wir würden alle nur noch SIE und ER
zu uns sagen.

ER habe Hunger. Er habe Durst. Er liebe Sie.
Sie reibe sich mit der Lotion ein.

Ja, sorry, aber so ganz ohne Asozialität geht es nicht,
wenn man wirklich mal etwas wuppen will.
Da muss man auch mal eine asoziale Schiene fahren.

Albert verzeih, du warst ein guter bis sehr guter Physiker, ein eher
mäßiger bis fauler Mathematiker, ein mäßiger Geigespieler.

Nur zu einem Großen darf man so etwas sagen.

Denn du warst ein umso gigantischerer Naturwissenschaftler.

Du unglaublich asoziale dumme schlaue soziale coole Sau.

Du kannst die Zunge jetzt wieder reinstecken.

Aufräumtag.

Unprätentiös

Seit Monaten schon liegt ein Wort auf diesem Tisch: Unprätentiös.
Und seither überlege ich daran herum, was es wohl an sich hat.
Ich komme nicht drauf. Sicher bin ich mir nur: Das Wort riecht nicht gut.
Von Anfang an. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
Wenn ich nur wüsste, was.

Vielleicht ist es auch gar nicht das Wort. Vielleicht sind es die Kontexte,
in denen es erscheint, die es erzeugt, die es erzwingt…

Kontexte, die es dämpft?

Etwas klingt madig daran. Aber diese seine Madigkeit durchseucht
sofort den gesamten Verhältnisraum.

Aber madig trifft es eben nicht genau. Unprätentiös. Wenn man dieses Wort
in die Hand nimmt, fühlt es sich an wie ein Stück Styropor aus der
Deckenverdämmung einer eingesunkenen Garage bei Oranienburg.

Dabei ist das Wort ja harmlos. So harmlos etwa wie eine halbvolle Dose Haarspray in hellgrün.
Man findet sie hinten beim Aufräumen eines Badeschränkchens. Nichts Besonderes.
Außen leicht klebrig, aber nicht gefährlich. Nichts, das Aufsehen erregt. Und trotzdem – etwas stimmt mit dem Wort nicht.

Sicher – es beschreibt  eine Haltung, eine Mentalität, ein Ton. Aber wessen?

Unprätentiös. Ein Wort, als würde man  in einer Wohnung beim Renovieren hinter einem Schrank, den man nie abgerückt hat, auf eine Tapetentür stoßen. Erst fühlt man kleine Huckel, Unebenheiten. Man kratzt an der alten Tapete herum, bis man winzige Scharniere entdeckt. Man weiß dann, dass die Wohnung seit Jahren diesen leicht geduckten zweiten Ausgang bereit hielt. Oder war es ein zweiter Eingang?

Soll man jetzt, nach so vielen Jahren, in der vertrauten Wohnung diese geduckte
Tapetentür mit dem Wort öffnen, mit dem Zauberwort?
Die Schultern rund machen und hindurchschlüpfen.

Man tut es. Ganz kurz. Die Neugier. Und entdeckt: Eine kleine Abstellkammer, leer, fensterlos.
Sie riecht nach altem Putz, sonst nichts. Hat man doch glatt übersehen all die Jahre. Also gibt es nicht etwa zwei-einhalb  Zimmer, wie man immer dachte, sondern zwei-sechsachtel Zimmer. Interessant.

Unprätentiös. Ein kleines Kabuff. Das Rätsel ist gelöst, könnte man denken. Und doch bleibt das Wort unaufgeklärt. Sein Hohlkörper, sein Abgrund, sein Resonanzraum ist mobil, begleitet es. Und trotzdem scheint es auch nicht wirklich hohl. Wenn man sich ihm nähert, verschwindet das, was man aus der Ferne für einen Resonanzraum hielt. Dann pocht man mit dem Finger daran, und es macht  „tock“, wie bei einem ausgetrockneten Schwamm. Etwas an dem Wort bleibt falsch. Nichtig. Egal in welchem Kontext.

Oder schal oder….

Vielleicht ein Gift. Wenn es als Lob daherkommt.
Ein Nervengift. Ein Nervenlob. Wie Botolinum.
Ein Wort, das zum Denkstillstand führt.

Oder Mehltau. Der Mehltau des Unprätentiösen.

Wenn ich’s nur besser einkreisen könnte.

Oder sogar hochgefährlich. Ein Fingerhut voll Unprätentiösem ins Trinkwasser einer Großstadt…

Man darf nicht dran denken.

Vielleicht verliert auch, wer das Wort benutzt oder auch nur denkt, sein ganzes Karma.

Dann wird man in seinem nächsten Leben wiedergeboren als Lebensmittelmotte.

Unprätentiös steigt man dann aus einer Haferflockentüte auf.

Mir gefällt das Wort nicht. Mir gefällt nicht, was es mit Menschen macht,
die es hören, lesen oder aussprechen.

Kann es Worte geben, die eine ganze Sprache, ein ganzes Denken befallen
und schwächen wie ein Virus?

Unprätentiös – und plötzlich hat ein ganzer Kontext HIV.

Aber letztlich ist es doch wieder nichts von all dem. Nur ein Wort.

Die Frage lautet also nicht, was bedeutet ein Wort, sondern:
Was hat es zu bedeuten, dass ein Wort im Gebrauch ist?
Für den Zeitpunkt. Für den Raum. Für den Sprecher. Für den Hörer.

Das trifft den Punkt. Das Wort für sich ist ganz belanglos.

Erleichtert trete ich ins Pedal meines Mülleimers.

Der Taxifetisch, Teil 5

zum 1. Teil
zum 2. Teil.
zum 3. Teil
zum 4. Teil

Der Taxifetisch entwickelt seinen Reiz, weil man es bei dem Fahrer meistens mit einem professionellen Partner zu tun hat. Im Gegensatz zu den Fetischisten, trifft man unter den Fahrern vielleicht auf variierende Grade von Könnerschaft, aber kaum auf wirkliche Stümper. Der Grund hierfür ist ganz simpel: Taxifahren ist ihr Beruf. Ein Taxifetischist dagegen, auch wenn er eine noch so hohe Meisterschaft erreicht, bleibt immer ein Amateur seines Genres, so im Sinne des Wortes: Ein Liebhaber. Wobei diese Liebhaberei nicht direkt auf den Fahrer abzielt, da dieser ja immer ein Anderer ist, sondern auf den Gesamtvorgang, und da eben ins Erotische und letztlich auch deutlich in die sexuelle Erregung hinüberspielt.
Jeder Psychologiestudent, der in der Vorprüfung sitzt, wird hier ankreuzen, dass ein Taxifetischist im Grunde nur eine frühkindliche Erfahrung wiederholt, in der er in einer Art uteral-sphärischen Höhlung sanft schaukelnd sich umherbewegen lassen möchte, von der Mutti, die vorne mit lichtem Haupthaar hinter dem Lenkrad sitzt und über die Baustellen schimpft. Für einen Psychologen zählen Taxifetischisten ganz klar zu den reifeverweigernden Permanentsäuglingen, die sich vor den ernsthaften Angelegenheiten dieser Welt in die temporäre Scheingeborgenheit einer biodieselgespeisten Kunstledergebärmutter zurückflüchten, in der sie dann daumenlutschend, schaumstoffgebettet, airbaggechützt, polyurethanumhüllt und automaticgetrieben ihren retropränatal stagnierenden Vitalkomplex pflegen. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ein Taxifetischist auf Grund gewisser Empfindlichkeiten und besonderer Präferenzen sich diesen Luxus viel seltener gönnt als ein Normalfahrgast und er demzufolge im Durchschnitt als lebenstüchtiger, fitter (Stichwort: Bleiakkus) ausgebuffter – und leider dann im Ernstfall auch weit vehementer und ausführlicher auf sein Erlebnis pochend erlebt wird – als der Normalerotiker. (Dies nur als kleiner Hinweis für die soziographisch interessierte Analysten, Historiker, forensische Psychiater u.s.w.)
Für einen nichtprofessionellen Taxifahrer könnte das bedeuten – um auf den Eingangsgedanken zurückzukommen – dass er in einem Taxifetischisten, sollte er mal auf einen solchen treffen, seiner ganz persönlichen, fleischgewordenen schlechten Nachricht auf zwei Beinen begegnet, einer Passionsfrucht von Phötus, der sich hinten in seinem Fond uteral einnistet und seine pränatalen Ansprüche am Gesamtkörper Taxi einfordernd sich peu a peu im Laufe der Fahrt zu einer echten „Angelegenheit“ auswächst. Jede Frau und Mutter kann nachvollziehen, dass dies eine Umstellung für den Taxi-Gesamtorganismus mit sich bringt, die nicht immer nur mit schönen Erlebnissen verbunden ist. Mehr soll dazu nicht gesagt sein.
Da aber ein Taxifahrer, sofern er professionell agiert, und dass tut er meistens, hoffentlich, im „Austragen“ seiner Phöten geübt ist, wird ihm auch ein Fetischist im schlimmsten Fall nur als besonders fühlbare Geburt in Erinnerung bleiben. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Insofern kommt es bei einer Ausfahrt darauf an, einen professionellen Taxifahrer, der ja einige Herbheiten schon erlebt hat und gewohnt sein dürfte, nicht zu unterfordern, aber auch nicht über die Maßen zu strapazieren. Der ganze Reiz für den Taxifetischisten besteht tatsächlich darin, den Gesamtorganismus Taxi, der sich für ihn immer anders darstellt – und dazu gehört auch der Fahrer – in eine Art angeregten Verschmelzungszustand, der einer Schwangerschaft nicht unähnlich ist, zu überführen, welcher dann in einer pansensorischen Ballanceübung zwischen Strapaze und Freude den Fahrer, das Taxi und ihn selbst in eine gemeinsame Erlebnissphäre verwandelt.

Fortsetzung hier zum 6. Teil

Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

Rotation und Information.

Rotation, Information, Schließung und Streuung.

Erde und Mond; Sonne und Erde – die Planeten: das Sonnensystem – all das vermittelt sich über ein Rotationsverhältnis zwischen gekrümmten Räumen.
Der Drehimpuls von Massen, die einander seit Ewigkeiten in ihre gekrümmten Räume hinein zufallen, um einander herum fallen; diese Massen drehen sich, weil jede Massenverdichtung im Universum auf einen imaginären Mittelpunkt hin sich gravitativ zusammenzieht, das Zentrum jedoch natürlicherweise nie ganz trifft, es immer leicht verfehlt, – weil eine Massengröße auf irgend einer Seite zu viel oder zu wenig  den gravitativen Vektor an diesem imaginären Punkt vorbei lanciert  – und so die  Richtung dieser Kraft, die alle Massen eigentlich auf einen Punkt hin zusammenziehen möchte, an diesem Punkt vorbei in die Radiale einer Rotation ableitet, in die Phase einer Drehbewegung.
Die Drehbewegung balanciert dann einen Kompromiss aus idealem Zentrum, Lagrange-Punkten und Gravitation, fliehend in den Dreh einer Elipse.

Die natürliche Symmetrieverfehlung verlangt, innerhalb des Verdichtungsprozesses, eine Richtungsentscheidung: rechtsherum oder linksherum.

Dass Körper im Universum rotieren, oder vielmehr elliptisch herum eiern, ineinander oder umeinander, auch um sich selbst, in einer bestimmten Richtung, ist das Ergebnis einer solchen Symmetrieverfehlung während der Zusammenballung von Teilchenwolken zu Massen, Planeten, Systemen, Sternen.

Urbewegung der Rotation, die auch Aristoteles schon als die Urbewegung schlechthin erkannte.

Wenn es stimmt, und vieles spricht dafür, dass die Formen der ersten Einzeller oder Protozeller im Wasser der frühen Meere als in einer Art Ursuppe ihren Anfang genommen haben, dann spekuliere ich, dass dieses nicht direkt im Meer, sondern an seinen schwappenden Rändern sich ereignet haben könnte. An den Stränden, den Watten.
Hier, wo ein Tidenhub der Gezeiten, verursacht durch die Rotation des Mondes um die Erde, der damals auch noch näher und beeindruckend groß am Himmel stand,  die vorhandenen Molekülbausteine regelmäßig –

abtrocknete und anfeuchtete,

wärmte und abkühlte,

belichtete und abdunkelte,

aufhob und niederlegte,

hinrollte und herrollte,

untertauchen und hochsteigen ließ…

– läge es nahe, möglicherweise – war es ja auch diese regelmäßig hin – und her-rollende auf und niedersenkende Bewegung, dieser Gezeitenhub, der ursprünglich dafür sorgte, dass irgendwann die ersten komplexeren Moleküle sich an halbfeuchten – halbtrockenen Strandlagen ansammelnd, selbst einrundeten, sich autopoietisch einkugelten in einer ersten Selbstschließung, Selbstrundung, wie in einer Art erstem Reflexionsprozess, diesen Gezeitenhub, der ja die rotatorische Bahnschließung des Mondes im Verhältnis zur Erde als Schwingung weitergibt, aber auch der Erde im Verhältnis zur Sonne,  –  so in sich selbst einschlossen, indem sie das rhythmisch pulsierende Hin-und Herrollen ihres Elements, das sie IN-FORMIERTE, EINKREISTE,  in eine FORM der Eigenschließung, Eigenrundung als Zelle oder Protozelle nachvollzogen, überführten in die FORM – so – die Rotation – quasi reflektierend.

Ähnlich wie ja auch jede Sinusrhythmik in Schwingung nichts anderes darstellt als die abgerollte Funktion eines Kreislaufes.

Vielleicht ein noch unvollständiges Bild, aber doch nachvollziehbar.

Ich erfahre, dass verschiedene Versuchsanordnungen in ursuppen-ähnlichen Millieus oder in nachgeahmten Protoatmosphären mittels Funkenentladungen und dem Einfluss von UV-Licht experimentiert, hier auch gewisse Ergebnisse brachten bei der Bildung langkettiger Grundmoleküle, Aminosäuren, Bausteinen des Lebens.  Ebenso wie man  chemischen Millieus verschiedener Dichte kleine Tröpfchen mit eingekugelter Oberflächenspannung erzeugt hat, als mögliche Vorläufer von membranumschlossenen Zell-Gebilden.

Von einer Wirkung des Gezeitenhubs erfährt man nichts.

Aber sicher und ausreichend erklärend scheinen die Laborversuche alle nicht. Man forscht hier weiter.

Ein wechselndes Trocken- und Nass-, Heller- und Dunkler- Werden, das die Ausbildung von halbdurchlässigen Protozell-Membranen angeregt haben könnte, die ja in ihrer habituellen Unentschiedenheit zwischen Trocken und Nass, Struktur und Nicht-Struktur, Offenheit und Geschlossensein ihrerseits wieder abbilden eine Strandregion in Microformat, als würden sie diesen Strand jetzt materiell nachgebaut reflektieren.

Ist der Einzeller nicht auch ein kleiner Kontinent, der an seinen Rändern von dem fließenden Gezeitenhub der Nährstoffe formuliert, umsorgt und versorgt wird?

So auch als eine kleine erste Blut-Hirnschranke zwischen den Welten sich ausbildend, zwischen reversiblem Gezeitenhub und irreversibler Strukturbildung.

Auch die Blut-Hirnschranke kann ich mir vorstellen wie ein Wattenmeer in Gezeiten, einen Strand als Grenzregion zwischen einem festen Kontinent und dem Meer des Blutkreislaufs, das den Kontinent des Gehirns über Jahrmillionen der Evolution umschwemmte, umlagerte, versorgte, beatmete, anschwemmte, umsorgte – solange – bis dieser Strand des Gehirns schließlich selbst – jetzt aber auf der rein informatorischen Seite reflexiv erneut eine Zelle ausbildete, die dann dieses interessante vertrauteste unvertrauteste aller Worte sagte, fühlte, und dachte: „Du“ .

Wenn hier, an dieser Stelle, möglicherweise ein Gesetz der großen Zahl wirkt, eine Riesenmenge an Ereignishäufigkeiten und Verteilungshäufigkeiten, dann wäre es naheliegend anzunehmen,  nachdem die IN-FORMATION einer Rotationsbewegung über den von ihr verursachten Schwingungsverlauf einer Gezeiten-Rhythmik schließlich  zu einem molekularen oder protozellulären Kreisschluss als FORM führt, dann gäbe das ein gutes Bild  für die Überführung Energie/Bewegung/ – Information – Form. Zumindest für das Phänomen „Leben“.

Selbst die Struktur der DNA-Doppelhelix-Leiter zeigt eine rotatorische, sinuswellenartige Verwindung, die ein Zusammenhang mit eben dieser rotierenden Rhythmik des Gezeitenhubs nahe legt.

Aber auch mit der Elektrodynamik. Die Form einer elektromagnetischen Schwingung ist der einer gewundenen Helix nicht unähnlich, oder zumindest könnte die Elektrodynamik form-gebend hier eingeschlossen sein. (Würde mich interessieren, ob diese Doppelhelixform sich zwingend aus der Anordnung der beteiligten Basen und Zuckermoleküle ergibt, oder ob die Elemente im  Prinzip auch anders angeordnet sein könnten-Kaminski fragen.)

Letztlich ist aber auch das UV-Licht, wie jede energetische Erscheinung im Spektrum, ebenso wie auch Funkenentladungen, eine schwingende Energie-Erscheinung mit einer bestimmten Wellenlänge, also Kreis- Frequenz im Spektrum, die möglicherweise ebenso als formendes Energie-Potential, in-formatorisch eine „Form“  rundet, einkugelt, einkreist, einrollt und halbdurchlässig abschließt.

Man kennt heute einen Zusammenhang zwischen Formbildungsprozessen und überlagernden Schwingungen in den Lissajou-Figuren des Physikers Jules Antoine Lissajou.

Hier zeigen sich auffällig formale Ähnlichkeiten mit bestimmten Molekülstrukturen aber auch einzelligen Lebewesen. (Die visuellen Effekte bei itunes-arbeiten mit einer Lissajou-Funktion, die über Pseudo-Zufallszahlen Farbe und Form generieren.)

Dieses spekulativ angenommen, drängt sich der Folgegedanke auf, dass der Prozess ein Verhältnis von In-formation und Wirklichkeit beschreibt, in der Weise, dass „Leben“ wiederum als etwas erscheint, das in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zur Rotation als Formschluss FASSUNG GEWINNT oder an dieser Rotation gewonnen hat.

Dann wäre Leben selbst beschreibbar als eine sehr spezielle Art des In-Form-Gehens der Rotation (Bewegung/Energie); Leben als das Gefäß einer stehenden Welle, die aber ihre Energie (oder ihre Information) auch wieder abgibt, weiter ausdifferenziert , über die Ahnenfolge, mutative Streuung, und bestimmte Reflexionsschwellen, in einem Prozess der informellen Streuung.

Erwin Schrödinger hat hierfür den Begriff negative Entropie vorgeschlagen, den man heute (nach Illya Prigogin), aber auch einfacher übersetzen kann mit:

Informationsstreuung – Dissipation der Information.

Selbst wenn das Leben parallel, oder sogar ursprünglich in der Tiefsee im Umfeld der lichtlosen Schwefel- Vulkane (Schwarze Raucher) evolutioniert sein sollte,  dann folgt es auch hier einem Gezeiten-Hub – im Stoffwechsel, weil das nach oben strömende erhitzte Wasser, einrollende Konvektionsbewegungen ausführt.

Diese Konvektionsbewegungen sind wiederum kreisschlüssig, einkreisend – eben genau das, was Illya Prigogin als „dissipative Struktur“ beschrieb.

(Wer einmal lose Erbsen in einem kochenden Wasser-Topf beobachtet hat, wie sie auf – und nieder tanzen, der hat im Prinzip die kreisschlüssigen dissipativen Strukturen von Ilya Prigogin gesehen.)

Auch wenn man nur die Wärme selbst als formbildende Energie annimmt, wirkt hier der infrarote Anteil der Wärmestrahlung als schwingend im elektromagnetischen Spektrum wiederum mit einer bestimmten Frequenz als möglicherweise form-einkreisend, formabschluss-erzeugend.

Insofern bringt jede elementare Energie, weil Schwingung, einen Tidenhub, ein Gezeitenwechsel mit sich, der form-einkreisend form-abschließend wirken könnte. Fest steht, dass alles „Leben“ in einem rhythmischen Gezeitenhub des Stoffwechsels operiert.

Die Frage, die sich hier stellt, wenn Information ebenso wie die Wärme auch der Dissipation unterliegt, dann muss man einen „2. Hauptsatz der Information“ annehmen, ebenso wie daraus dann dissipative Strukturen als „Informationsgefäße“ folgen müssten. (neue informelle Millieus)

„Leben“ in seinen verschiedenen Ausformungen, seiner Vielfalt, wäre dann das materielle Gefäß einer solchen dissipativen Struktur der Information, die aber immer weiter, und in andere Formen sich streut, nun auch in technische, wo sie wiederum informelle Millieus ausbildet.

Das menschliche Gehirn wäre dann nach der Ein-Zelle, den Vielzellern und Meta-Zellern, eine dissipative Struktur der Information an einer bestimmten Schwelle hin zum „Ich“

Dann könnte man das Gehirn ebenso wie den ersten Einzeller als eine Reflexions-Schwelle  der Rotation/Information betrachten, ein Gehirn das nun seinerseits über bestimmte Reflexionsschwellen wieder damit beginnt, auf technischem Wege Information in Energie (Kernspaltung/Kernfusion) umzuwandeln – oder sogar neuerdings, in dem es am CERN den Urknall simuliert, eigentlich das Universum selbst damit wieder reflektierend, denkend, manipulierend-informell wiederholt.
Dann ließe sich auch einsehen, warum eine Informationsgesellschaft möglicherweise den Übergang in einen informellen Metazeller dynamisiert, in dem sie per Technologie den informellen Stoffwechsel der einzelnen Gehirne jetzt zu einem Mehrkörper-Ensemble verkoppelt.
Eine Art Groß-Gehirn von planetarem Ausmaß als bio-technologischem Metazeller.

So etwas ähnliches meinte Joel de Rosnay 1997 mit seinem „Kybionten“, der als bio-technischer Mehrzeller sich in einer hybriden Mischung aus Menschen und Technologie im Sinne eines globalen Superorganismus ausbildet.Eine Annahme, die nicht ganz abwegig scheint, zumal gewisse Anzeichen darauf hindeuten. Entwicklungen, die das einzelne Subjekt hier lediglich als „Funktion“ immer stärker in die Gesamtdynamik eines solchen Kybionten einbinden.

Auch die soziale Arbeitsstruktur am CERN deutet darauf hin.

Die Einwände gegen Joel de Rosnay, die eher formaler Natur sind, wirken auffallend schwächlich, beinahe hysterisch, gemessen an der Entwicklung, die seit 1997 technisch geradezu marschiert ist.

Die Dynamik wäre weiter zu untersuchen unter der weniger phantastisch klingenden Bezeichnung „Mehrkörper-Ensemble.

Notwendig wäre eine kleine große Renaissance, welche den Graben zwischen den „zwei Kulturen“ (Peter Snow) Naturwissenschaft und Gesellschaft überbrücken hilft. Und ihr auch in Deutschland eine starke „dritte Kultur“ verbindend, verstehend, zur Seite stellt.

Eine neue philosophische Anschauung der Wissenschaften, ihrer Wirkungen und Vorraussetzungen, ihrer Anwendungen in ihrem Verhältnis zur technologischen Tatsächlichkeit, zur Gegenwart, die in einer Dynamik fließt, ein Dynamik-bewusstes Denken, das nicht mehr gegen die Wissenschaften oder an ihr vorbei redet, oder sie lediglich als „ästhetisches“ Phänomen sensationiert oder verniedlicht, oder als rationales Ungetüm.

Die Blendung von Hieroshima muss allmählich aufgegeben werden.

Eine Renaissance, die Wissenschaft und Technik nicht mehr unter Verdacht stellt, sondern sie zu verstehen sucht in einem informatorischen Gesamtverhältnis von Energie und Gesellschaft, also von Wirklichkeit.

Ob Joel de Rosnays „Kybiont“ eine taugliche Beschreibung liefert, positiv oder negativ, mag dahingestellt bleiben.

Selbst wenn nicht –

– steht die Zivilisation trotzdem vor der Frage, ob sie etwas versteht oder verdrängt, ob sie sich inmitten einer energetisch-technisch hoch aufgeladenen Welt weiter ihren Phantasien und Illusionen überlässt – oder die Wirklichkeit selbst als phantastisch genug anerkennt, bestaunt und deshalb eben erforscht – oder ob sie Dynamik weiter bezweifelt, ignoriert, tabuisiert, auf die Bäume zurück will.

Vor allen Dingen steht sie aber vor der Frage, welche natur- und wirklichkeitsgesetzlichen Zusammenhänge zwischen Energie und Information wirksam sind und was das bedeutet für eine zu formulierende In-Formations-Ethik.

Eine Ethik der In-Formation – aus der auch so etwas Sinnvolles erwachsen könnte wie eine dynamische Zukunftsprojektion im 2. Hauptsatz der Information.

Sapiens – der Einsichtige.

Einsicht nehmend, weil neugierig.

Einsicht habend, auf das, was ES ist, was ER oder SIE ist, WIR, in diesem Kosmos, mit diesem Kosmos.

Einsichtig handelnd nach den Erkenntnissen und Wirklichkeiten, die er gewinnt, in dem er sich seinem eigenen Erkenntniss – und Konstruktionsprozess selbst erkenntlich zeigt und einsichtig.

BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor