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Der Taxifetisch, Teil 5

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zum 2. Teil.
zum 3. Teil
zum 4. Teil

Der Taxifetisch entwickelt seinen Reiz, weil man es bei dem Fahrer meistens mit einem professionellen Partner zu tun hat. Im Gegensatz zu den Fetischisten, trifft man unter den Fahrern vielleicht auf variierende Grade von Könnerschaft, aber kaum auf wirkliche Stümper. Der Grund hierfür ist ganz simpel: Taxifahren ist ihr Beruf. Ein Taxifetischist dagegen, auch wenn er eine noch so hohe Meisterschaft erreicht, bleibt immer ein Amateur seines Genres, so im Sinne des Wortes: Ein Liebhaber. Wobei diese Liebhaberei nicht direkt auf den Fahrer abzielt, da dieser ja immer ein Anderer ist, sondern auf den Gesamtvorgang, und da eben ins Erotische und letztlich auch deutlich in die sexuelle Erregung hinüberspielt.
Jeder Psychologiestudent, der in der Vorprüfung sitzt, wird hier ankreuzen, dass ein Taxifetischist im Grunde nur eine frühkindliche Erfahrung wiederholt, in der er in einer Art uteral-sphärischen Höhlung sanft schaukelnd sich umherbewegen lassen möchte, von der Mutti, die vorne mit lichtem Haupthaar hinter dem Lenkrad sitzt und über die Baustellen schimpft. Für einen Psychologen zählen Taxifetischisten ganz klar zu den reifeverweigernden Permanentsäuglingen, die sich vor den ernsthaften Angelegenheiten dieser Welt in die temporäre Scheingeborgenheit einer biodieselgespeisten Kunstledergebärmutter zurückflüchten, in der sie dann daumenlutschend, schaumstoffgebettet, airbaggechützt, polyurethanumhüllt und automaticgetrieben ihren retropränatal stagnierenden Vitalkomplex pflegen. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ein Taxifetischist auf Grund gewisser Empfindlichkeiten und besonderer Präferenzen sich diesen Luxus viel seltener gönnt als ein Normalfahrgast und er demzufolge im Durchschnitt als lebenstüchtiger, fitter (Stichwort: Bleiakkus) ausgebuffter – und leider dann im Ernstfall auch weit vehementer und ausführlicher auf sein Erlebnis pochend erlebt wird – als der Normalerotiker. (Dies nur als kleiner Hinweis für die soziographisch interessierte Analysten, Historiker, forensische Psychiater u.s.w.)
Für einen nichtprofessionellen Taxifahrer könnte das bedeuten – um auf den Eingangsgedanken zurückzukommen – dass er in einem Taxifetischisten, sollte er mal auf einen solchen treffen, seiner ganz persönlichen, fleischgewordenen schlechten Nachricht auf zwei Beinen begegnet, einer Passionsfrucht von Phötus, der sich hinten in seinem Fond uteral einnistet und seine pränatalen Ansprüche am Gesamtkörper Taxi einfordernd sich peu a peu im Laufe der Fahrt zu einer echten „Angelegenheit“ auswächst. Jede Frau und Mutter kann nachvollziehen, dass dies eine Umstellung für den Taxi-Gesamtorganismus mit sich bringt, die nicht immer nur mit schönen Erlebnissen verbunden ist. Mehr soll dazu nicht gesagt sein.
Da aber ein Taxifahrer, sofern er professionell agiert, und dass tut er meistens, hoffentlich, im „Austragen“ seiner Phöten geübt ist, wird ihm auch ein Fetischist im schlimmsten Fall nur als besonders fühlbare Geburt in Erinnerung bleiben. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Insofern kommt es bei einer Ausfahrt darauf an, einen professionellen Taxifahrer, der ja einige Herbheiten schon erlebt hat und gewohnt sein dürfte, nicht zu unterfordern, aber auch nicht über die Maßen zu strapazieren. Der ganze Reiz für den Taxifetischisten besteht tatsächlich darin, den Gesamtorganismus Taxi, der sich für ihn immer anders darstellt – und dazu gehört auch der Fahrer – in eine Art angeregten Verschmelzungszustand, der einer Schwangerschaft nicht unähnlich ist, zu überführen, welcher dann in einer pansensorischen Ballanceübung zwischen Strapaze und Freude den Fahrer, das Taxi und ihn selbst in eine gemeinsame Erlebnissphäre verwandelt.

Fortsetzung hier zum 6. Teil

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Der Kuss.

Heute war der Tag sehr hoch. Und wir haben da ganz weit unten gelegen.
Wie Fliegen in den Taschen eines Mantels, der hinten im Schrank hängt. So fühlten wir uns an.
Aber man darf die Fühler nicht eingerollt lassen.
Es führt ein Weg nach draussen. Oder nach oben. Auch der höchste Tag ist einmal überwunden.
Gehen wir es an. Wollen doch mal diese Wand in Angriff nehmen.
Endgültig: Dieser Tag ist eine hohe Wand. Und wir stehen an seinem Grund.
Diese Wand, die den Schatten macht. Mensch ist das hoch.
Aber wir sind schließlich Freikletterer. Freeclimber.
Mit nichts als unseren blanken Händen schicken wir eine SMS.
Die erste so gegen Zehnuhrdreissig. Die erste ist immer die Schwerste.
Das wäre geschafft. Wir stehen auf einem kleinen Vorsprung. Sind auch schon ein wenig stolz.
Nicht sehr hoch, aber immerhin, die Antwort kommt schon eine Stunde später.
Ein dünnes Seil von oben als Piepen in der Hosentasche. „Ja, ich freu mich.“
Aber das hält nicht lange. War ja nur ganz dünn. Zack, schon durchgescheuert.
Erstmal ein Schluck Wasser trinken. Zum Kaffee. Zur Stärkung. Dazu ein Keks.
Die nächsten Schritte. Mit nichts als den blanken Fingern greife ich in diesen Papierstapel und ordne ihn, wirklich nur mit den blanken Händen greife ich nach der Tabelle. Beim ersten Mal rutsche ich ab. Beim zweiten Mal hält der Griff. Und die Füsse dabei immer schön fest gegen den Teppich gedrückt.
Da können schon mal die Muskeln zittern. Aufpassen. Man muss sich gut einteilen. Nein, ich kann jetzt da nicht mal eben schnell in diese Besprechung! Du siehst doch, dass ich hier voll in der Wand hänge. Wie spät ist es? 13 Uhr erst? Na so wird das aber nichts hier. Man soll nicht dauernd auf die Uhr gucken. Das kostet Kraft. Immerhin erreiche ich dann aber einen nicht ganz so steilen Abschnitt. Die Mittagspassage. Pause. Da kann man sich auch gut an den Kollegen festhalten. In die Gespräche eingreifen und sich daran weiter hochziehen. Kraft einteilen für den Teil der Strecke, der dann umso härter auf uns zukommt.
So zwischen Fünfzehn und Fünfzehnuhrdreissig muss ich dann mit nichts weiter als meinen nackten Augen ein Dokument lesen. Ich weiß, das wird schwer. Das brennt. Und danach noch mit nichts weiter als der blanken Stimme dazu etwas sagen. Wort für Wort. Absatz für Absatz. Winzige Absätze. Alles ohne Seil. Sich weiterziehen. Nur Stimmbänder. Keine Karabinerhaken. Keine Wasserflasche. Eindrücke suchen, wo keine Eindrücke sind. Keine Vorwände zum Festhalten. Kaum Vorsprünge. Alles platt und glatt. Es ist eine Quälerei. Todeszone so gegen 16 Uhr. Bloß nicht einschlafen hier im Meeting. Es gibt keine Seile, in denen du hängen könntest. Du musst aufpassen. Du darfst nicht einschlafen. Jetzt. Du musst wach bleiben. Du könntest sonst abrutschen. Ein Schritt nach dem anderen. Ich muss jetzt mit nichts als meinen beiden Ohren hören, was die anderen sagen. Kein Eishammer zur Verfügung. Nur das winzige Hämmerchen im eigenen Ohr. Und dann muss ich antworten. Wieder nur mit nichts als den blanken Stimmbändern. Teil dir den Sauerstoff ein. Rede nicht so schnell. Und immer schön die Füße auf den Teppich drücken. Mach einen kleinen Fortschritt. Bald kommt ein kleiner Abschnitt, die Strecke bis zum Kopierer, der fällt dann wieder leichter. Ein Schritt nach dem anderen. Nutze die Reibung des Teppichs, trinke ein Schluck aus dem Wasserspender. Du hast es gleich geschafft. Strecke den Arm aus und presse zwei Finger in die grüne Taste des Kopierers. Dort kannst Du dich ein wenig ausruhen. Es gibt da an der Klappe links beim Einzugschacht noch eine Kante, einen kleinen Vorsprung, zieh dich da hin, da kannst du dich festhalten. Ein sicherer Halt. Ein Vorwand. Schau das Licht. Es fällt nicht mehr so steil durch den Tag. Das schlimmste liegt hinter Dir. Schau nicht nach unten. Nicht auf den Fußboden. Jetzt noch ein paar Türklinken, sie lassen sich gut greifen. Sind stabil. Fass da an. Achte auf deine Füsse. Tritt da ein. Schau nach Vorwänden. Zieh dich weiter nach oben. Überhaupt, kannst du wieder mehr greifen. Die Begriffe werden wieder stärker. Sie geben einen Eindruck, einen Vorgriff. Greif da hinein. Zieh dich langsam hoch. Schicke noch eine SMS. Vielleicht kommt Antwort. Da! Hörst du, es piept schon wieder.

Kurz vor dem Ziel. Ein guter Abend.
Wir haben uns verabredet mit dem Ende dieses Tages in einem Garten.
Von weitem sehe ich ihr Kleid an die Dämmerung gehängt.
Ein helles Tuch in der Luft unter dem Ahorn. Der Boden ist voll Gras und ganz gerade.
Hier klettern wir uns entgegen. Noch einmal höher. Jetzt eine Treppe. Stufe für Stufe die allerletzten Hochmeter.
Jeder steigt seine Treppe auf einem geraden Boden.
Sie kennt meinen Namen.
Ich weiß wie sie heißt.
Mit unruhigen Knien.
Stehen wir vor uns.
Zwanziguhrsechs.
Oberster Absatz.
Und lassen
uns aus dieser Höhe ineinander kippen. Einstürzende Häuser, so nennen wir unsere Freude. Fallende Steine, sinkende Fenster, die Wände unserer Stirnen brechen herunter, Telefone, die sich begegnen, egale Regale, bodenlose Füße in den Gängen, eine Tür verlässt ihren Rahmen, die Kollegen Zähne an den Wasserleitungen, da kommen zwei Bildschirme auf mich, ihre Augen, der Mund fällt, der Kiefer geht nach unten, die Chefetage öffnet sich, Fahrstühle sausen. Ihre Lippen sind Farb-Patronen. Die Zunge ein Laserdrucker. Sie knnet meinn Nmanen um Zwaunnssiguhdire. Ich weiß wie sie hßtei. Da sthne riw zungelb trüme lefoneTe, leck Rchtg tief jtzt enein ziegel ähnez ommk sptze ippeln noch lma los kommt, Rhmanen dre Tür os drähte stckdosn stein putz wie drhestühle aus dre akntine bltzitzt rot die cola ziegl Gschirre ellert, abgeln, asser varenkerung kartffoln dringt ein lsa guss nass, kommt win osx tsstatrur stnneinen vorstssoen ktenordner brsetü, schnkle fechteue sane splaten, ressise beisssen dkomenute Tsche, funktoinien znge prckeln verfahren lcken nsae kt ikkfl, lis ngt, genehmigt ktion la toff shl ook lis sig kn ällt sig sil kmnmost mus litr sind au iegel los schwend isch L L krmo ersil effer elso cweben K L A S ss kkd quet rgb rgb r r o o o lache grün gelb skkk kks k koewig gfj öööj fb ru u u u5ö h ö4 uht uhr oksk dk kk ++ ll l,, ,0 10101010
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Der Taxifetisch, Teil 4

zum 1. Teil
zum 2. Teil.
zum 3. Teil

Es bleibt leider schwierig, sich mit Taxifetischisten über Praktiken auszutauschen. Sie sind untereinander kaum bekannt. Es gibt keine Foren, keine Treffpunkte, keine Ecken, keine Lokalitäten, also keine „Szene“ oder irgend etwas, das so eine Bezeichnung rechtfertigte. Sicher nicht aus Eigenbrötelei, (Taxifetischisten sind sehr kommunikativ) aber vielleicht, weil hier einfach ein sehr hoher Individuationsgrad in der Ausübung jeden einzelnen auf seinen eigenen sensorischen Habitus zurückwirft; vielleicht aber auch, weil sie fürchten, sich plötzlich mit den sogenannten Verwechslern in einen Topf geworfen zu sehen, also mit den Leuten, die glauben, sich auf der Rückbank eines Taxis nach der Weihnachtsfeier mit der Blase vom Empfang sexuell zu betätigen, sei der Taxifetisch. Oder mit jenen Gelegenheitserhitzern, die heute mal eben den erregten Fahrgast spielen, weil sie von einem Trend gehört haben, der es angesagt erscheinen lässt, sich mit dieser Obsession als besonders weit vorn zu positionieren, während der letzte Sado-Maso-Schrei gerade abklingt oder wie jede „Szene“ irgendwann ausleiert, nach dem die Handschellen, Andreaskreuze, Gynstühle und Klemmeisen endlich auch von der kichernden Sparkassenangestellten samt Platzdeckchen und Knödeldildo entdeckt wurden, oder das „Neuem gegenüber aufgeschlossene“ reifere Pärchen aus Winsen an der Luhe als reizdämpfende Komponente sich beigemengt hat.
Insofern muss ich selbst alles, was ich ganz allgemein über Taxifetischisten äußere, unter Vorbehalt stellen, da ich außer meinem einzigen und deshalb sehr wertvollen Kontakt niemanden sonst kennengelernt habe. Dieser Meister wiederum, und ich denke, er wird gut Bescheid wissen, hat mir einiges erzählt, dass ich als verbindlich und allgemeingültig erachte und deshalb hier auch frei wiedergebe. So hat er mir auch noch eine tiefere Erklärung für die mangelnde „Soziotauglichkeit“ des Taxifetischs geliefert, die er einfach in der Art der Ausübung begründet sieht, da der Taxifetisch einerseits in Alleinausübung an einem technischen Objekt sich realisiere, andererseits aber unter Einbeziehung eines „Blindpartners“, also des Fahrers, der ja zu einem Rendevouz gehöre, obwohl er davon nichts wisse, dabei aber trotzdem in seinem „Spontanitätsraum“ zur Interaktion fähig einen eigenen Freiheitsgrad besitze und deshalb als vollwertiger Partner betrachtet werden könne.
Zudem sei der Taxifetischist ein sogenannter „Chrono-Realien-Sensoriker“, was jede Art von „szenösem Brauchtum“ (damit meint er Studios, Partys, Werkzeuge etc) oder „codierter Resonanz“ (Rollenverteilung, Rituale, Erkennungsmerkmale) verbiete.
Als ich ihn fragte, ob er denn seinen Koffer mit den Blei-Akkus nicht als Werkzeug im Sinne eines „szenösen Brauchtums“ betrachten würde, verneinte er und wies auf den Unterschied zwischen „Werkzeug“ und „Verstärker“ hin. Der Taxifetischist verstärke zwar, aber er hantiere nicht. Das sei ein Unterschied. So zähle er seinen Koffer, ebenso wie meine Telefonanlage zu den Verstärkern (von quatrodimensionaler Realimpression), während er Kneifzangen, Ketten, Klemmringe etc… zu den Werkzeugen rechne, mit denen hantiert und Realität „schlechthin herbeigemurkst“ werde. Selbstredend gäbe es auch fließende Übergänge. So sei die Garderobe bei den Taxifetischisten ebenso wie bei Normalerotikern oder anderen Sensorikern in einem Graubereich zwischen Werkzeug und Verstärker verortet, wobei er persönlich die Garderobe eines praktizierenden Taxifetischisten, zumindest bei den „Könnern ihres Genres“, ganz deutlich den Verstärkern zuordne, während sie bei den Stümpern „zum Werkzeug herabsinke.“
Ob er mich wohl schon zu den „Könnern meines Genres“ zählen würde?
Ich habe nicht gewagt, ihn zu fragen. Tatsächlich verbiete ich mir jegliche Art einer „Vorliebe“, die ja im Grunde nur eine ängstliche Gewohnheit kennzeichnet, dann irgendwann in einem Ritual erstarrt, und am Ende als lebloser Rest und traurige Schrulle die Straße des Lebendigen verstopft. Außer einer einzigen Präferenz, dem strikten Verbot von geruchsverfälschenden Substanzen, behandle ich jede Ausfahrt als improvisatorischen Prozess, der von Augenblick zu Augenblick quatrodimensional inspiriert sich entfaltet und – wenn es gut läuft – am Ende als ein gelungenes Ereignisbild sich präsentiert.
Deshalb gebe ich der Königin auch keine Anweisungen zu Automarke oder Fahrer. (Der Meister hat es mir gesteckt, dass gewisse Zentralen solche „Vorlieben“ bedienen, aber man könne sich dann auch nicht mehr auf die „Authentizität“ der Fahrer verlassen, obwohl die Zentralen dies versicherten. Zwar lasse sich diese Frage als Kitzel ins Spiel mit einbeziehen, aber es bleibe eine Praxis für Gelegenheitserhitzer, weil jeder echte Taxifetischist sofort bemerke, wenn der Fahrer eingeweiht sei, was er als „sensorischen GAU“ empfinde.)
Ich stehe nun vor der Aufgabe, in den verbleibenden 20 Minuten vorzufühlen, und die richtige Garderobe zu wählen. Ob und wann ein Taxifahrer auf die Schuhe achtet, hängt nicht nur vom Charakter des Fahrers (oder Fahrerin) ab, es kann auch mit dem Aussehen der Schuhe selbst gesteuert, also provoziert werden. Ich entscheide mich diesmal für ein Paar in metallicgrün, sogenannter „Fliegenlack“, dunkelchargierend, maßgefertigt, mit eng zulaufenden Spitzen und Sohlen aus dem Stahl alter Schneegleiter, deren Schrittfähigkeit und Flexibilität mit Hilfe von jeweils zwei handgeschmiedeten Scharnieren einer alten Bauerntruhe aus dem 17. Jahrhundert ermöglicht, pitoresk eingeschränkt aber auch geräuschvoll akzentuiert wird – Schuhe also, angefertigt weniger für große Märsche als vielmehr mehr für längere Ausfahrten und den kurzen Auftritt.

Dazu wähle ich ein Jeanshemd im selten gewordenen grobblumigen Stone-washed-look (Maueröffnungs-Trikotage), jetzt allerdings umgenäht und streng tailliert im vietnamesischen Hilfiger-Stil, das wiederum gut koaliert mit einem Sakko unbekannter Marke, welches zweireihig und elfsebtemberlich staubfarben sowohl eilig über die Schulter geworfen als auch normal getragen messinggeknöpft eine zwiespältige Kombination ergibt. Nachdem ich dann mit einer weinroten Hose (Cord mit Schlag, aber maßgekürzt auf 30 cm Hochwasser, was die Schuhe zur Geltung bringt) komplettiert bin, widme ich mich auch schon der Toilette. Und das ist dann der kritische Moment, an dem es aufzupassen gilt. Obwohl die Zeit schon etwas drückt, darf man hier nicht nachlässig werden. Gerade die letzten Handgriffe entscheiden immer darüber, ob man noch glaubwürdig rüberkommt oder eher wie eine Figur, die es nicht mehr in Grimms Märchenbuch geschafft hat, weil schon Redaktionsschluss war.
Eine erste optische Prüfung sagt mir nun auch, dass ich mit dem schief gelegten Pony insgesamt etwas zu weich wirke. Irgendwie nur wie ein Sitzenbleiber in der Waldorfschule. Deshalb benutzte ich jetzt den Cajal meiner Frau, mit dem ich die unteren Augenlieder betone, und tatsächlich gibt diese kleine Maßnahme durch den plötzlich unangenehm wach wirkenden Blick meinem Gesamtauftritt genau die Nuance von Sicherungsverwahrung, die es braucht, um über den Leitstrahl des Innenspiegels einen Taxifahrer von der Rückbank aus gedanklich zu beschäftigen.
Fleischfarbene Hirschlederhandschuhe und ein blaß skizziertes, auf der Höhe der Halsschlagader aus dem Hemdkragen sich schlängelndes bis zum Unterkiefer reichendes Tausendfüssler-Tatoo, das ich durch ein naturseidenes Schnuffeltuch halb verdecke, runden den Eindruck ab; und so betrachte ich mich noch einmal, sehr zufrieden jetzt mit dieser Sonderausgabe von Fahrgast, dessen Erscheinung den Gedanken nahe legt, dass es im Berufsleben eines Taxifahrers vielleicht auch Tage gibt, an denen er sehr gern etwas anderes machen würde.
Dann begebe ich mich auch schon, wegen der Schuhe nicht ganz ohne Mühe, zum vereinbarten Abholort, ein paar Minuten von meiner Haustür entfernt. Ich habe das aus mehreren Gründen so eingerichtet: Erstens, weil ich immer gerne eine kleine Wegstrecke gehe, um mir ein Grundgefühl für meinen Charakter zu geben. Zum Anderen, weil ich meine Ausfahrten nur ungern mit meiner Realadresse verbunden wissen möchte (man kann ja nie wissen, was sich so ereignet) – und drittens, weil ich an dem von mir gewählten Ort für den Taxifahrer besser in Erscheinung treten kann, was des Auftakts wegen wirklich wichtig ist.
Fortsetzung hier zum zum 5. Teil

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

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Der Taxifetisch, Teil 2

hier zum 1. Teil

Der Taxifetischist vermeidet, im Unterschied zum Normalfahrgast, jegliche Form der pragmatischen Inanspruchnahme seines Objekts. Er hasst es sogar. Nichts findet er unerträglicher, nichts scheint ihm absurder, als eine banale  „Beförderung“ von A nach B.  Ganz zu schweigen von kollegialen Fahrgastgemeinschaften. Für ihn der große Alptraum.
In manchen Nächten wacht er dann – festgeklemmt einsitzend zwischen brabbelnden Gesichtern, mit denen er quälend simpel sein Taxi teilt, das von irgendeiner Party eine ewige „Absetzrunde“ fährt – mit schwarzem Schrei auf weißem Kissen auf.

Dabei weiß er, dass er vorbereitet sein muss.

Wenn es dann, zumeist Abends, aus Gründen zu übender sozialtechnischer Übereinkunft geschieht, dass er zum „Mitfahrer“ wird, muss er seine vom Alkohol oder anderen Substanzen angepäppelten Zeitgenossen eben ertragen; eine erdrückende Notgemeinschaft, die durch das Schließen der letzten Tür eine kritische Verdichtung erfährt, was dann wie bei einem zu plötzlich gepressten Senfbeutel den Komiker der Truppe  hervorflutschen lässt (und es gibt immer einen.), der es hygienisch findet, den Fahrer, der nach dem Ziel fragt, mit irgendeinem Jahrhundertwitz zu bespritzen, von dem er dann erwartet, dass alle, der Fahrer eingeschlossen, ihn noch nie gehört haben.
Dies ist dann der Moment, in dem jeder wahre Taxifetschist, während er seinen Blick am Sicherungsknopf der Seitentür aufhängt,  sich in melancholischer Vertrautheit mit dem Menschen hinter dem Lenkrad verbündet, und sei dieser ein noch so randpolitisch eingestellter Exbademeister.

Der Taxifetischist ist kein Misanthrop. Im Gegenteil. Im Alltag ist er so herzlich, so einnehmend oder so missgelaunt wie jeder andere auch. Vieleicht sogar im Durschnitt sonniger.  Nur hat auch er ein Recht auf allergene Sequenzen, für die er sich nicht entschuldigen muss, die er aber gerne ausblendet, da er es selbst nicht mag, wenn er sich gegenüber seinen Mitmenschen als unleidlich erlebt. Ansonsten bleibt alles eine Frage der Disposition.

„Absetzrunden“ lassen sich elegant umgehen, ohne dass er als Fahrgastgemeinschaftsphobiker auffällig wird. Im Bedarfsfall verwickelt er die Kellnerin der Geburtstagskneipe zu später Stunde in ein Gespräch oder flirtet mit ihr so eindringlich, dass seine Kollegen sich irgendwann von ihm verabschieden, vielsagend schmunzelnd noch „einen schönen Abend euch beiden“ wünschen, obwohl es schon 3 Uhr morgens ist, bevor sie dann endlich in ihrem Gemeinschaftstaxi sich zur lustigen Truppe verdichten – ohne ihn.

Neben ihrem primären Zweck verfolgt diese Methode auch noch ein prickelndes Zweitvergnügen, denn obschon in seiner Obsession scharf fokussiert, ist der Taxifetischist als Pansensoriker nicht engstirnig.

Je nach Angebot und Stimmungslage wählt er manchmal auch einfachere Techniken der Fahrgastgemeinschaftsumgehung. Verabschiedet sich zum Beispiel schon gegen halb elf allein und bedauernd aus der Runde mit dem Hinweis, er hätte noch zu tun; oder er gibt sich, wenn es so weit ist, als noch ein-bisschen-frische-Luft-schnappen-müssender-Zufußnachhausegeher aus, wobei er sich dabei selbst schon extra komisch vorkommt und gegenüber seinen Freunden hart am Verdacht operiert.

Dann aber, nach Tagen tantrischer Dämpfungsübung, umgangener oder durchlittener Gefahrgemeinschaft, unzähliger imaginierter weißschokoladiger Szenarien, nach dem ich mindestens schon drei mal meinen Finger über eine bestimmte Kurzwahltaste des Telefons habe schweben lassen, ihn aber wieder zurückzog, weil noch irgend ein Datum, ein Artefakt, ein störendes Kitzeln am Strumpf, ein Sandkorn im Nacken, eine mit dem Reiz nicht im Einvernehmen stehende Kleinigkeit, ein letztes entschlossenes Abknicken der Fingerkuppe verhinderte, dann aber stellt doch schließlich ein mächtiger Ruf, eine Forderung, ein ernsthaftes Aufbäumen, ein Wummern der NATUR die gesamte Sachlage und mein fieberndes Gemüt unwiderruflich auf die Hochstimmung einer einzigen ballerinierenden Zehenspitze, die mich und meine Seele zur Tat tänzeln lässt. Mein Tastenfinger, der jetzt durch keine Betonwand mehr aufzuhalten wäre, dringt nun vor wie automatisch, piekst, sticht, beinahe taubfühlig, und senkt sich ein mit unendlichem Nachdruck in das weiche Gummi der Taste Fünf. Musik. Musik.

Musik trägt mich durchs Vorgebirge meiner Freude. Musik öffnet die weiten Ebenen meiner Lust. Musik geleitet mich auf meine Reise. Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…

So genieße ich, mit geschlossenen Augen, leicht nach hinten gebeugt, beide Hände um die nicht ganz preiswerten Kopfhörer gelegt, die über einen speziellen Hochleistungsröhrenverstärker mit dem Telefon verbunden sind – störungsarm durch niederohmige und militärisch abgeschirmte, an den Verbindern platinierte Signalkabel, die ein Freund mir für eine schmerzhafte Summe aus einem in Afghanistan ausgeschlachteten Kampfjet besorgt hat – meine Lieblingsmusik:    Die Warteschleife in High End.

Ich habe mal erwogen, die von mir bevorzugte Funkzentrale in meine Obsession einzuweihen. Auf dass sie bei Erscheinen meiner Nummer es sehr lange klingeln lasse, etwa 15 Minuten den Bolero einspiele oder Wagners Walküre. Ich entschied mich dagegen. Die Authentizität wäre verdorben und nasse Berechnung hätte unweigerlich die kleine Vorglut, das lebhafte Flämmchen des nicht Ausrechenbaren einer knisternden Realie gedämpft. Musik. Musik. Soll sie es knistern und rauschen lassen das kleine Elektrolilalaunelied der Warteschleife, ob 10 Sekunden, ob 20 Sekunden, mir egal, ich höre es, und liebe es auch so. Ich brauche es nicht anders. Meine kleine Ewigkeit.

Musik. Musik.

Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…. Hallo?

Hier zum Teil 3 des Taxifetisch

MILD-Zeitung.

Ende Februar bis Mitte April

Frau schnürte sich, nach dem sie angekleidet war, die Stiefel.
Mann nahm von Verkäuferin ein ganzes Brot entgegen.
Von hier, sagte ein Kind, seh‘ ich den Platz vor der Garage.
Nichts übrig ist geblieben von dem vielen Schnee.
Ein Lieferfahrzeug kam gerad an, als man es brauchte.
Glühbirne, die beim Wechseln ins Gewinde quietscht.
Auf dem Kühlschrank steht der Siemens Wasserkocher.
Genau daneben liegen Beutel für zwei Tassen Tee.

*

Der Taxifetisch.


Ich gebe es zu und will da auch nichts relativieren oder durch pragmatische Argumente, wie berufliche Umstände oder permanenten Termindruck, entschuldigen – ich gebe also zu: Ich rufe mir gern mal ein Taxi.
Es gibt ja Menschen, die behaupten, man könne nur zu Fuß, so in ganz ursprünglicher Weise dem wahren Leben in seiner an sich schon selbstgefährdenden Beschleunigung „wieder“ auf die Spur kommen. Andere beschwören ganz allgemein eine Technik-Askese, eine „wieder“ entdeckte Langsamkeit und Beschaulichkeit des menschlichen Maßes, das der „urbanen Raserei“ den gemessenen Schritt mutig gebremst entgegensetzt. Dazu sage ich nur: Bitte schön. Würde mich aber interessieren, was genau und ehrlicherweise sich hinter einer solchen Haltung verbirgt. Und werde mich an anderer  Stelle noch damit beschäftigen. Hier soll zunächst der Hinweis genügen, dass ich grundsätzlich alle sexuellen Spielarten respektiere, solange sie nicht strafrechtlich indiziert sind. Aber ich muss sie ja nicht selbst praktizieren. Ich sage es deshalb jetzt: Das Taxi. Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein. Die Inanspruchnahme eines Taxis stimuliert mich sexuell. Das Taxi ist mein Fetisch.                                                                                                                                                                                         So. Jetzt ist es raus. Und kann in aller Gelassenheit weiter sprechen, weil ich glaube, dass ich mit dieser Sache nicht allein dastehe, dass hier vielmehr eine große Minderheit schon eine Weile geduckt vor sich hin schweigt, vielleicht, weil sie Angst hat, als Financial Times –lesende Globalisierungsgewinner irgendwann  denunziert und gefedert zu werden, eben weil man als alleinreisender Taxifahrgast immer im Verdacht steht, es sich dermaßen offensichtlich und obszön bequem zu machen, dass dahinter ja nichts anderes als eine feixende Geste, eine Art Stinkefinger gegen die penetrant Sportlichen, ÖPV-Fahrer aus Verarmung, oberfitten Mountainbiker oder biokonkreten Zufußgeher vermutet werden kann. Im Namen dieser verdächtigten Klientel, stelle ich hiermit klar: Die Lust am Taxi hat damit nichts zu tun. Ausdrücklich verfolge ich mit den nachfolgenden Beschreibungen keine pornographischen Motive, möchte aber all jenen Menschen, die es betrifft, Mut machen, selbstbewusst ihren Fetisch auszuleben und  eine wesentliche Facette ihrer Persönlichkeit nicht im Verborgenen kümmern zu lassen, sondern ihr dringlich den Raum für Entfaltung zu schenken, der ihr als Quelle inneren Reichtums notwendig zusteht.

Auch ich kann aus ökonomischen Gründen meiner Vorliebe nicht so nachgeben, wie ich es vor ein paar Jahren noch glaubte tun zu müssen. Damals, als ich noch dumm war. Damals, als ich unreif und genussunfähig zu allen mögliche Zeiten glaubte, mir den schnellen Sex mit einer 5 Euro-Abwink-Kurzstrecke vom Straßenrand aus besorgen zu müssen. Wie arm das doch war.  Das kann ich jetzt Gott sei Dank so gelassen aussprechen. Inzwischen bin ich weiser geworden, genussfähiger, raffinierter, feiner, und in gewisser Weise auch etwas verdorbener. Zumal ich heute weiß, dass man Lust pflegen und trainieren muss, und zwar nicht, indem man sie immer und jederzeit befriedigt, sondern ganz im Gegenteil, in dem man sie manchmal herausfordert, sie mal mehr mal weniger reizt, sie stimuliert, um ihr dann aber kurz vor der Erlösung noch einmal beherrscht zu entsagen, weil der Moment der Erfüllung gediegen inszeniert sein will.

So habe ich mich über die Jahre zum heimlichen Tantriker meines Fetischs gewandelt, indem ich langsam, sehr langsam, an den  Taxiständen dieser Stadt vorbei schlenderte, die schalgelbe Autoschlange ganz bewusst nur aus dem Augenwinkel betrachtend (ich könnte sie ja alle haben.), um dann aber doch eine Straßenbahn, die ich gleichzeitig im Blick behalte, eben nicht einfach zu bekommen oder langweilig zu erreichen, nein – die Kunst zeigt sich darin, sie hastend – rennend! – gerade noch zu erwischen. Nur um hier mal ein Beispiel aus der mittleren Schule der Pflege meines Fetischs zu geben. Ich sage mittlere Schule, weil ich jemanden kenne, (bewundere?) sein Name ist nicht wichtig, der diese Art der Stimulation noch ausgefeilter betreibt. Er beginnt sein Spiel immer auf dem Vorplatz eines Flughafens, da hier die Schlange der wartenden Taxis noch länger sich hinzieht, was ihn logischerweise bis auf die höchste Klaviertaste hochspannt. Er schreitet die langen Oktaven ab, lehnt sich zu jedem Taxifahrer in den Fond, wedelt mit einem 500 Euro Schein, fragt rhetorisch ob man wechseln könne und hastet dann mit einem Koffer (den er mit alten Blei-Akkus beschwert hat) zu einem ganz bestimmten Bus, und zwar so, dass er den Busfahrer, der gerade losfahren will, mit rotem Kopf devot an die Scheibe pochend, darum bitten muss, extra für ihn die Tür noch einmal zu öffnen. Ganz bestimmter Bus meint, er weiß von dieser Linie, dass sie in einer ungemütlichen Gegend endet, bei einem Vorwerk, abgerostetes Haltestellenschild irgendwo zwischen den zugigen Ruinen einer ehemaligen Mörtelfabrik. Dort steigt er dann aus, ein gut dotierter Rechtsanwalt im leichten Lezard, der sich hier von 80 Prozent alkoholisierten Hartz4 Empfängern fragend beäugt weiß, und läuft eine unbeleuchtete Straße über 2 Stunden lang mit seinem Koffer allein nach Hause. Selbstverständlich mit dem nötigen Kleingeld und eingeschaltetem Handy, auf dem er alle umliegenden Taxizentralen abgespeichert hat. Eine Option, auf die nicht zuzugreifen ihm ein lang anhaltendes Spannungsmoment beschert. Ich möchte hier kein Urteil darüber abgeben, ob diese Art der aufreizenden Lustanstachelung mit forcierter Erfüllungsdämpfung schon eine Perversion andeutet oder einfach tantrische Meisterschaft bezeugt, den rotweißen Gürtel im 8. Dan beim Judo gegen sich selbst, angewandt auf einen Fetisch, von dem ich wie gesagt glaube, dass er eine große Dunkelziffer hat. Ich habe diesen Mann auch nicht danach gefragt, ob er denn überhaupt noch manchmal, hin und wieder, wenigstens einmal im Quartal, sich in der Realität ein Taxi kommen lässt. Und möchte ehrlich gesagt auch nicht wissen, was dann da losgeht.

Ich selbst bin jünger als er und verfolge deshalb immer noch eine gut balancierte Mischung aus Imagination und Verwirklichung. Denn der Taxifetisch bietet ebenso viele Varianten der Stimulation wie der Realisation an – und das kitzliger Weise eben in aller Öffentlichkeit.

Zunächst muss hier natürlich die Farbe erwähnt werden. Die klassische Farbe eines Taxis hierzulande ist ein sehr spezielles, eigentlich gleichgültiges, gleichwohl schillerndes… Farbe kann man eigentlich nicht sagen, oder doch? –weißgelb? Vielleicht eher ein Ton. Manche sagen hellbeige, Eierschale. Oder schmutziges Weiß?  Ich nenne es Gelb. Cremegelb. Hellgelb. Junggelb. Schalgelb. Schwitzweiß. Gilb. Dem Normalerotiker mag das gleichgültig sein, aber dem Fetischisten schenkt diese Farbe jederzeit ein aufreizendes Spiel der Interpretation. Obschon sie als Allerweltsfarbe gelten kann, als Misch- und Nichtfarbe sich liederlich überall im Spektrum bedient, transportiert sie in ihrer vordergründigen Charakterlosigkeit und Schalheit etwas stechend Uniformes. Und das soll sie ja auch sein – eine Uniform für Taxis. Aber so sehr sie Uniformität behauptet, so sehr färbt sie zugleich einen ganz unbehördlichen, nichtmilitärischen, zivilen Gegenstand; einen Gegenstand, der komplett gleichgültig lässt, solange, bis man ihn braucht. Den man übersehen soll, solange, bis man direkt nach ihm Ausschau hält. Der absolut nichts bedeutet, solange, bis man mit Geburtswehen vor der Haustür wartet und ganz weit hinten auf der Fahrbahn einen winzigen gelben Punkt anstarrt, der dann aber irgendwie nach links abbiegt.

Mit etwas Interpretationsspielraum in erregten Momenten empfinde ich diese Lackierung manchmal als eine Art Hautfarbe, die scheelgelb eine Grenze  markiert zwischen gleichgültiger Zivilität und einem streng motorisiertem Stück Blech, dass in seiner kalten, metallisch- obszönen Nacktwaffigkeit ganz dominant nur eine einzige Funktion ausübt: Warmes zugestiegenes Fleisch eine Straße entlang zu bewegen. So imaginiert diese Lackierung im Stadtbild eine an sich unmögliche Mischung aus Signal und Understatement, ein heißkaltes Oszillieren zwischen Exhibitionismus und Verborgenheit – und strahlt als beunruhigte und damit ewig vibrierende Coloration in den Alltag des Taxifetischisten, zieht ihn in ein immerwährendes Intimverhältnis, das er gleichermaßen öffentlich und geheim als Beobachter aktiv gestaltet, zum Beispiel in dem er jeder Zeit dem Objekt seiner Erregung durch das Fenster eines Restaurants hinterher schaut, während er am gleichen Tisch mit seinen sinnlich verarmten Geschäftspartnern, die ihre immergleich abgeschraubten Zoten über Titten und Ärsche reißen, schweigend das Essen einnimmt.

Der mir bekannte Flughafen-Tantriker übrigens hat in einem Gespräch einmal erwähnt, dass ihn die schokoladige Farbe der Taxis auf die Spur der frühkindlich-pathologischen Verankerung seines Fetischs gesetzt hat, den er im Übrigen nie missen wolle. Als er meinen erschrockenen Blick sah, lachte er und sagte, dies sei nur ein Scherz, denn er meine natürlich die weiße Schokolade.  Das hatte er mit Berechnung vorgetragen. Ein Fingerzeig. Eine Klarstellung. Ein Wink mit der stumpfen Kanüle. Ja, ich hatte kapiert. Es wird wohl jedermann einleuchten, dass hier ein Großmeister seines Fachs eben mal durch einen hingeworfenen Knochen seinem jüngeren Gesprächspartner klarmachen wollte, wer hier der Künstler ist. Die farbliche Präzision und synästhetische Raffinesse seines Vergleichs mit einem leichthin eingestreuten oral-sensorischen Kontext hat mich umgehauen. Mit einer einzigen dürren Bemerkung hat er mich zu einem peinlichen Praktikanten und Unterschuster, zu einem öden Fahrgast meiner eigenen Obsession heruntergetitelt.  (Sein eintauchendes Lächeln im Cognacgläschen.) Weiße Schokolade.

Ich musste über diesen Vorfall lange nachdenken. Und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich davon erholte. Nur mühselig tröste ich mich damit, dass dieser Gigant und Michelangelo seines Fetischs 12 Jahre älter ist als ich. Was nun den eigentlichen Akt betrifft, öffnet der Taxifetisch die Zufahrt zu einer riesigen Satellitenstadt erotischer Praktiken. Er beginnt beim einfachen Quickie, also dem eher schnell und schmutzig von der Straße herunter gewunkenen Taxi und endet noch lange nicht bei einer gut informierten Funkzentrale, die auf Veranlassung Vorlieben bedient, etwa für eine ganz bestimmte seltene Automarke, zum Beispiel Daihatsu eines ganz bestimmten Typs, zum Beispiel Kombi, arrangiert mit einem fein sortiertem Fahrerprofil, zum Beispiel schweigsamer Lenkradberliner, randpolitisierter Familienvater, studentischer Witzbold, nichtbescheid-wissender Marokkaner, Radiokulturhörer, Frau mit Vergangenheit u.s.w.

Um hier gleich einer sich womöglich aufdrängenden Vermutung zu widersprechen: Als Taxifetischist liegt mir nichts ferner als die Diskriminierung einer Berufsgruppe, mit der ich ganz ausdrücklich in einem Verhältnis stehe, das Lebensunterhalt (ihren) und Lebensqualität (meine) aufs engste in Symbiose und damit für beide gewinnbringend vermittelt. Für ein eher durchschnittliches Schäferstündchen ist mir die Automarke eigentlich egal. Da bevorzuge ich Hausmannskost. Obwohl ich wegen der Kunsstoffweichmacherkomponenten in den Armaturen fabrikneue Wagen den älteren Fabrikaten vorziehe. Überhaupt nicht egal ist mir tatsächlich der Innenduft. Spiegelbäumchen Zitrone muss nicht sein. Ebenso wenig aufdringlich appliziertes Kiefernharz. Wie ich überhaupt meine, dass ein Taxi natürlich riechen sollte. Sozusagen nach sich selbst und seiner Bestimmung (Wenn ich meine Nase in einen Haufen Tannennadeln stecken möchte, kann ich in den Thüringer Wald fahren.) Deshalb sage ich der Zentrale immer: Bitte ohne Spiegelbäumchen. Und nehme dafür auch gewisse Wartezeiten in Kauf. Darüber hinaus bleibe ich anspruchslos. Gerade das Authentische, das Mittelmaß, der Durchschnitt ist mir am Fetisch meines Alltags sehr willkommen. Eine gute Mischung aus dünstenden Weichmacherkomponenten, verregnetem Hosenbein, Zwergpudelpeichel, Spuren von Zuspätkommerschweiß, Benzin und etwas, dass ich bisher noch nicht sicher identifizieren konnte, genügt mir für eine anfängliche Erotisierung. Wenn dann noch etwas Duft vom Lippenstift einer eben ausgestiegenen 39 jährigen Unternehmensberaterin mit karrierebedingter Kinderlosigkeit sich beimengt, wird es – pardon – wirklich geil. Trotzdem wäre all dies nur wenig, gäbe es da nicht die bereits erwähnten 4 bis 6 Moleküle, einer von mir nur unsicher zugeordneten Note, die ich oft in Neufahrzeugen zu riechen glaube. Hier möchte ich unter Vorbehalt eine Vermutung äußern, die ich bisher aus verschiedenen Gründen für mich behielt. Ein Neuwagen ist oft per Kredit finanziert. Oder geleast. Bei einem selbstständigen Kleinunternehmer fällt seine Anschaffung möglicherweise zeitlich mit dem Einstieg ins Taxigewerbe zusammen, vielleicht sogar vermittelt in einer Phase der beruflichen Umorientierung, die er nicht ganz freiwillig unternommen hat. Das könnte bedeuten, dass hier ein Geschäft mit einem pikanten Level psychosozialer Dringlichkeit betrieben wird. So ein neues Taxi hat, ausgestattet mit diversen technischen und gewerbebedingten Ponderabilien, trotz Ratenzahlung, einen gewissen Wert, der seinen Besitzer nicht immer durchschlafen lässt, und deshalb glaube ich mittlerweile zu ahnen, was jener minimalen Geruchsbeimischung anhaftet. Ich möchte nicht sagen – Angst. Denn der Angstgeruch ist mir gut vertraut. Aber vielleicht ist es ihr verdünnter Abkömmling, oder eine Art Derivat: Die Sorge. Ich glaube bemerkt zu haben, dass eine hochverdünnte Spur, also der Duft nach Lebensabschnitt, Straßenmüdigkeit und Hoffnung, Absehbarkeit, Kredit und getunnelter Zukunft, vermischt mit gedämpfter Euphorie über eine Neuanschaffung, die ein hartsitzendes Überlebensgerät bleibt, sich in der Nähe der Kopfstütze auf Fahrerseite konzentriert und von dort sich in den Fahrgastraum hinein ausbreitet. (Um die wirklich schwierige Note hier noch präziser zu beschreiben, muss ich den Leser bitten, sich den Geruch dieser Spur ungefähr als eine Mischung aus den Scherben einer implodierten Thermosflasche, frischem Roh-Ei und etwas Kugelschreibertinte vorzustellen.)    Was die genaue Lokalisierung bei den Kopfstützen angeht, bin ich mir nie ganz sicher. Viele Wagen werden im Schichtbetrieb von  verschiedenen Fahrern gesteuert, so dass die Wahrnehmung deshalb auch auf die mentale Verfassung des Gewerbeinhabers hinweisen könnte, der ja nicht immer mit dem Fahrer identisch sein muss. Aber es bleibt undeutlich.  Der zu dieser Sache dann doch wieder von mir befragte Flughafen- Tantriker (unser Verhältnis hat sich seit unserem letzten Gespräch wieder etwas normalisiert) meinte hierzu, ich müsse alle „sensorischen Vorkommnisse“ nicht nur in einem Taxi mindestens drei – wenn nicht vierdimensional interpretieren. Er nenne dies „quatrogenerative Impression.“ Die erste Dimension sei ein unmittelbar Anwesendes, in diesem Fall Fahrer, Innenraum etc… Die zweite Dimension ein abstrakt Anwesendes – in diesem Fall das Gewerbe an sich. Als dritte Dimension schließlich derjenige, der wahrnimmt, also ich selbst. Einen gewissen Anteil müsse ich also immer als „endosuggestives Konstruktionselement“ beachten, zu deutsch: als hausgemacht. Als vierte, eigentlich wichtigste und umgreifende Dimension nannte er die „chronische Substanz“, für die man mit längerer Ausübung seines Fetischs eine diskrete Sensibilität entwickelt. Er führte weiter aus, wenn ich nun diese 4 Dimensionen mit der Anzahl der mir zur Verfügung stehenden Sinne multiplizierte, käme ich auf 5 quatrodimensionale Impressionen pro Moment, also auf  20 sensorisch diskrete „Einzelsituative“. Da aber das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teil sei, müsse man mit 6 multiplizieren, man erhalte dann 24 Einzelsituative, wobei die 4 „imaginären Situative“ immer dafür verantwortlich seien, dass unsere Wahrnehmungen undeutlich blieben und unsere Welt insgesamt unsicher. Denn es sei die Unsicherheit der Welt, die sie stabilisierte, aber das würde ich später erst begreifen. Aber meine Art, wie ich ihm mit dieser Frage gekommen sei, ließe einen guten Weg erkennen. Wie auch immer – diesen „sensorischen Vorkommnissen“ bin ich sehr zugetan, weil in ihr ein Vitalmarker für dynamische Lebensprozesse seinen sinnlichen wenn auch flüchtigen Ausdruck findet.  Auch deshalb meine Vorliebe für Neuwagen, an denen mir übrigens auch immer die – schokoladig – überlackierten Türgriffe eine große Freude bereiten.

Ich rufe mir gern mal ein Taxi. Und zwar nur für mich, ganz allein.

Hier zum 2. Teil…..