Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

ZUR ROLLE DER ÄSTHETIK IN DEN MATHEMATISCHEN NATURWISSENSCHAFTEN AM BEISPIEL DES MAXWELL-FARADAYSCHEN ELEKTROMAGNETISMUS

Erstes Gespräch: Hochtechnologie – über das Risiko moderne
Kathedralen zu bauen.

„The mathematicians and the physics men have their mythologie; they work alongside the truth never touching it; equations are false but things work.“
-Robinson Jeffers –


Eigentlich wollte ich hier nur ein Buch rezensieren. Das Buch heißt:

Eine Geschichte des Glasperlenspiels. Irreversibilität in der Physik. Irritationen und Folgen. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1990.

Aber ein durchaus nicht zufälliger Umstand gab mir Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Autor des Buches. Mit einem Raumfahrt-Ingenieur und Autor, der sich in Gefilden der Hochtechnologie ebenso auskennt wie in höhermathematischen Regionen der Wissenschaft – und hier mit einer exzellent ausgeprägten Kompetenz für die methodischen Basics  theoretischer und praktischer Physik  aufwarten kann.

Zwischenmeldung:
Zu diesem Buch gibt es eine aktuelle Anekdote, die ich kurz erwähnen möchte: AMAZON bewirbt ab Mitte 2010 die neuen Bücher der zwei Spitzenphysiker Stephen Hawking und Leonard Susskind. SH ist Astrophysiker & Kosmologe („Die Randbedingung des Universums besteht darin, das es keinen Rand hat.“), LS sieht sich als Kosmologe („Black Hole Information Paradox“) und ist einer der Gründer der Stringtheorie. Beide Autoren führen über ihre Bücher eine heftige Kontroverse („Krieg“) um Sinn & Unsinn der Schwarzen Löcher. Im Zentrum steht dabei die Rolle der ENTROPIE.
AMAZON wendet sich nun mit der Kaufempfehlung für Susskinds Buch explizit an jene Leser, die Straubs ‚Geschichte des Glasperlenspiels’ (GPS) gekauft haben. Diese Begründung ist schon deshalb erstaunlich, weil das GPS seit mehr als zehn Jahren vergriffen ist, und antiquarisch inzwischen teilweise astronomische Preise erzielt. Absurd wird sie indes für jene Leser, die das GPS nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben. Ihnen wurde gewiss schnell klar, dass der Autor eher zu jenen Kritikern gehört, der die Theorien von SH und LS gleichermaßen zurückweisen würde. Er würde beiden zweifellos bescheinigen, ein ‚Glasperlenspiel’ reinsten Wassers eher im Stil scholastischer Spekulation zu zelebrieren als eine in der Tradition Kants an experimentell fundierter Wissenschaftlichkeit orientierte Kontroverse zu führen. Dafür spricht auch SH’s lapidare Bestätigung Nietzsches ‚Gott ist tot’. Konkreter wird LS; er bescheinigt dem Wiener Kardinalerzbischof Christoph Schönborn in Bezug auf das von ihm vehement vertretene »string-landscape-concept« den richtigen Blick für die ‚Ironic Science’: *There is evident irony in the fact that the cardinal seems to grasp the issue much better than some physicists.*

Die Generalüberschrift des vorliegenden Interviews deutet bereits an, dass ich auf die durch AMAZON angestoßene Problematik später zurückkommen möchte, zumal der Autor des GPS mit guten Gründen zur Skepsis oder auch Kritik gegenüber diesen Glasperlenspielen aufwarten kann.

Kurz vorab: Es darf ausnahmsweise eine kleine Lese-Anleitung gegeben werden. Der Text kommt nicht sofort auf die angekündigte Thematik seiner Hauptüberschriften. Warum das notwendigerweise so ist, wird sich dem Leser später erschließen. Zudem werden im nachfolgenden Interview immer wieder „schwierige Passagen“ durchwandert, die nicht weiter vereinfacht werden konnten, ohne dabei den Anspruch auf Seriosität und Integrität des Gesprächspartners zu beschädigen.
Deshalb empfehle ich dem geneigten Leser, hier den lesenden Blick ab und zu auch auf „weit“ zu stellen und mit einem „unscharfen Blick“ zu lesen, wie in einer Text-Landschaft, in der er bestimmte Passagen gegebenenfalls zunächst umgeht und vielleicht später noch einmal aufsucht.

  • Universitätsprofessor Dr. Dieter Straub, geboren 1934, war von 1974 bis zu seiner Emeritierung Ende 1999 Ordentlicher Professor für Thermodynamik sowie Wärme- & Stoffübertragung an der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik der Universität der Bundeswehr München (UniBwM).
  • Als Diplomingenieur promovierte er 1964 mit der »Theorie eines allgemeinen Korrespondenzprinzips der thermischen Eigenschaften fluider Stoffe« zum Doktoringenieur an der Universität Karlsruhe (TU) beim “Kälte-Papst” Professor Rudolf Plank, sowie bei Prof. Kurt Nesselmann.
  • An der Universität Karlsruhe (TU) Fridericiana habilitierte er 1971 mit »exakten Gleichungen für die Transportkoeffizienten eines Fünfkomponenten-Gemisches als Modell dissoziierter Luft in Re-entry-Strömungen«.
  • Von 1971 bis zu seiner Berufung an die neu gegründete Hochschule/ Universität der Bundeswehr München war er Privatdozent für Theoretische Thermodynamik & Gaskinetik an der Fakultät für Chemieingenieurwesen und Verfahrenstechnik der Universität Karlsruhe (TU).
  • Dr. Straub bildete zusammen mit Kollegen aus Mathematik, Numerik und Physik die erste bundesdeutsche Arbeitsgemeinschaft für Grenzschichtprozesse in Hyperschall- Plasmaströmungen.
  • Das Hauptprojekt der AG betraf die thermodynamischen Prozesse beim Wiedereintritt von Raumflugkörpern in die Atmosphäre (Rückkehr-Technologie). Nach erfolgreichem Abschluss des Projekts begann Dr. Straub 1971 sein außeruniversitäres Berufleben im Umfeld des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT). In der im Auftrag des BMFT tätigen ›Gesellschaft für Weltraumforschung (GfW)‹ in Bad Godesberg arbeitete er unter anderem als Fachgruppenleiter für Aerodynamik, Flugmechanik, Thermodynamik.
  • Schon 1972 wechselte er zur Hauptabteilung Space Technology der (ehemals) Deutschen Versuchsanstalt für Luft- & Raumfahrt (DFVLR – heute DLR) – in Bonn/Porz-Wahn. Dort initiierte und leitete Dr. Straub im Rahmen des Raumfahrt-Basisprogramms der Bundesregierung die ›Arbeitsgemeinschaft RÜCKKEHRTECHNOLOGIE (ART)‹. Die ART realisierte den ersten Zusammenschluss der deutschen Kapazitäten in Industrie, Großforschungsanstalten und Universitäten in einem Mehrjahresprogramm zur Grundlagenforschung für die Rückkehrtechnologie (in nationaler Verantwortung und internationaler Kooperation).
  • Nach Auskunft von Prof. Straub wurde das ART-Programm wegen seiner Erfolge auf Druck der NASA und der französischen Regierung gegen Ende der 80er Jahre eingestellt. Deren Motiv waren die raschen Fortschritte in der systematischen ART-Grundlagenforschung bei gleichzeitig drohender langjähriger Stagnation der unterfinanzierten US-Basisforschung in bemannter Raumfahrt zugunsten des laufenden Space-Shuttle-Technologie-Projekts und der damit verbundenen Missionen. Und die agilen Franzosen? Sie hofften durch den Stopp des ART-Programms, ihren damaligen technologischen Rückstand verringern zu können, um dann die Führungsrolle in einem geplanten europäischen ART-Nachfolgeprojekt zu übernehmen – ein Ziel, das sie dann einige Jahre später zwischen 1985 und 1992 mit dem letztlich erfolglosen Programm »(bemannter) Raumgleiter Hermes« der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) erreichten.
  • Als einziger Europäer war Prof. Straub vom BMFT – auf dringende Bitten des Marshall Space Flight Center (MSFC), Huntsville, Ala – zur Sonderkonferenz der NASA im Februar 1985 in Huntsville als Fachberater für Thermodynamik abgeordnet – betreffend alle verfügbaren und vor allem zukünftigen ›Haupttriebwerke der Space-Shuttle-Flotte (SSME). Die Konferenz endete mit einer einstimmigen Empfehlung der US-Experten: Die NASA sollte ‒ für Korrekturen & Verbesserungen des im Westen längst zum Standard erklärten »NASA-Lewis-Code« zur Leistungsermittlung für die wiederverwendbaren Flüssigkeitsraketentriebwerke ‒ die so genannte Münchner Methode (MM) verwenden, die von Prof. Straub und Mitarbeitern entwickelt wurde.
  • Im Auftrag des BMFT verfasste Prof. Straub eine Dokumentation der MSFC-Konferenz in Buchform betitelt:
    Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions. Extended Lewis Code Fundamentals. Birkhäuser Verlag: Basel – Boston – Berlin 1989.
  • Mit dem Marshall Space Flight Center arbeitete der Autor bis Ende 1991 zusammen. Alsdann kooperierte er und sein Münchner Institut bis 1999 mit dem Mathematiker Prof. W. Ames am Fachbereich Applied Mathematics des ›Georgia Institute of Technology‹ in Atlanta.
  • Neben vielen anderen, oft umfangreichen wissenschaftlichen Publikationen hat Prof. Straub ca. 50 Dissertationen betreut. Als seine originärste Arbeit nannte er das Buch, welches auf der Re-Formulierung der Thermodynamik durch J. Willard Gibbs & Gottfried Falk fußt:
Alternative Mathematical Theory of Non-equilibrium Phenomena. Academic Press: San Diego, London 1997.
Erhaltene Auszeichnungen: 1997: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für besondere Verdienste: – beim Aufbau der UniBwM u.a. die Planung für Studiengänge, personelle und räumliche Ausstattung, Geräteausstattung…etc..
2002: Verleihung der Goldenen Herrmann Oberth-Medailie durch den Internationalen Förderkreis für Raumfahrt Hermann Oberth – Wernher von Baun (IFR) e. V. in Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste um die Raumfahrt-Wissenschaften, insbes. NASA. Thermodynamik. Space-Shuttle-Main-Engines)

Besonders die Gibbs-Falk-Dynamik verbindet mein Gesprächspartner mit einigen signifikanten Eigenschaften der heutigen Quantentheorie, gar mit genuinen Aspekten der theoretischen Ökonomik. Dass sich Prof. Straub darüber hinaus sogar für die Wissenschaftsgeschichte und -Philosophie seiner eigenen Fächer interessiert, und sich hier extrem gut auskennt, macht ihn zum seltenen Glücksfall für einen „Widerspruchsforscher“.
Für die Öffentlichkeit – so auch für unser Gespräch – benutzt Prof. Straub schon seit Jahrzehnten aus schriftstellerischen Gründen den Namen T. S. W. Salomon. Die Initialen TSW stehen exemplarisch und austauschbar für Themistokles, Schrödinger, Whitehead, ergo für Persönlichkeiten, deren Namen TSWS derzeit aus diversen Motiven & Gründen als Orientierungsmarken favorisiert. Man darf sie aber auch lesen als Abkürzungen für naturwissenschaftliche Schlüsselbegriffe wie z. B. die »allgemein-physikalischen Größen« Entropie (S), Zeit (t) oder Temperatur (T) oder Leistung bzw. Arbeit (W).

Ich selbst benutze mein Pseudonym Tim Boson. Unser Gespräch ist mehrteilig konzipiert; es wurde und wird per Email bzw. Telefon geführt. Es mag in fachlichen Fragen vom Leser als Antwort nach bestem Wissen bezüglich wissenschaftshistorischer, physikalischer und technischer Zusammenhänge bewertet werden. „Errare humanum est, ignoscere divinum“ (Cicero).

Tim Boson:
Herr Professor Salomon, was mir an ihrer Forscherbiografie spontan auffiel: Ich entnehme aus ihr, dass es in der bemannten Raumfahrt beinahe ein und dieselbe Kompetenz braucht, um mittels mächtiger Raketentriebwerke von der Erde aus zu ‚flüchten’, als auch per ausgefeilter Rückkehrtechnologie wieder zu ihr zurückzukehren. In beiden Fällen hat man es mit überschallschnell strömenden Gasen sehr hoher Temperatur zu tun – verbunden mit extremer Materialbelastung. Deshalb meine erste Frage: Wie kam es zu Ihrem Engagement beim Space-Shuttle-Programm der NASA?

TSWS:
Die Sache war die: Die US-Raumfähren werden ja nicht nur je von den beiden weißen wieder verwendbaren Feststoff-Boostern (an der Seite) ‚hochgeliftet’ – jede Raumfähre verfügt selbst auch noch über einen fest eingebauten Antrieb. Das sind die 3 Kegeldüsen, die man hinten direkt am Orbiter sieht. Dieser Antrieb schiebt von der Startphase an mit und wird von der ‚dicken braunen Tank-Zigarre’ mit einem Gemisch aus Flüssigtreibstoff versorgt. Und genau dieser Antrieb konfrontierte die Ingenieure der NASA von Anfang mit gravierenden technischen Schwierigkeiten, weil er relativ eng dimensioniert sein und dennoch eine große Leistung erbringen musste. Vor allem aber, weil die Raumfähren der NASA durch ihre jahrelange Wiederverwendbarkeit und ihren steuerbaren Gleitflug besondere Anforderungen bei extremen Sicherheitsstandards zu erfüllen haben.

Tim Boson:

Flüssiggastriebwerke kannte man zu diesem Zeitpunkt doch schon länger? Musste hier das Rad neu erfunden werden? Was war also das eigentliche Problem?

TSWS:
Einfach ausgedrückt, das Dauerproblem waren die zu erwartenden Belastungen und Leistungen und wie man sie berechnet. Diese Hochleistungsraketentriebwerke waren in ihrer Art ein Neuentwurf und mit heißer Nadel gestrickt. Schon der Jungfernflug 1983 hätte schief gehen können.

Tim Boson:

Sie meinen einen Unfall?

TSWS:

Sagen wir es so: Diese Art der Raumfahrt birgt immer ein hohes Risiko. Man konstruiert in Grenzbereichen, denkt in Neuvorstößen. In solchen Bereichen von Leistung und Materialbelastung hat man es bei jeder Entwicklung immer mit Pionierarbeit an Prototypen zu tun. Das Einzige was hier normal ist – dass nichts normal ist. Da greift man nur selten auf ‚angestaubte Langzeiterfahrungen’ zurück, keine gepflegten Großserien wie in der Rüstungsindustrie sind verfügbar, keine langjährigen Praxisbeweise wie in einer Fabrik für Nähmaschinen. Dazu kommen die menschlichen Ressourcen an Erfahrung. Ein Ingenieur kann in seinem ganzen Arbeitsleben vielleicht an einem – wenn es hochkommt – an zwei verschiedenen Großtriebwerken mitentwickeln, dann gehen er und seine vielfältigen Erfahrungen in Rente.

SSME (SPACE SHUTTLE MAINE ENGINE)SSME (Space Shuttle Main-Engine.) Das Objekt der Begierde – 50 Millionen Dollar pro Stück. Das SSME wird von Pratt & Whitney Rockedyne gebaut und wiegt 3,2 Tonnen. Die Schubdüse hat eine Länge von 2,87 Metern und einen maximalen Durchmesser von 2,39 Metern. Jeder Orbiter hat drei Stück davon in einem Cluster eingebaut. Beim Start beträgt die Brenndauer achteinhalb Minuten. Im Gegensatz zu den Feststoffraketen kann jedoch bei diesem Triebwerk der Schub geregelt werden oder im Flug abgestellt werden. Jedes Treibwerk liefert mehr als 2000 Kilonewton (200 Tonnen) Schub. In der Brennkammer erreicht die Temperatur über 3300 Grad Celsius. Durch Turbopumpen wird der Treibstoff mit einem Druck von ca 450 Bar und der Oxidator mit ca 300 Bar zur Brennkammer befördert. Dabei erreichen die Pumpen Drehzahlen von ca 35 000 U/min. Der Erstlauf eines SSME fand im Oktober 1975 statt. Auch noch nach fast 35 Jahren zählen die SSMEs zum Hauptrisikofaktor der Shuttle-Flüge.

Die NASA verfügte zum Zeitpunkt der Entwicklungen über keine wirklich zuverlässigen numerischen Verfahren; sie benutzte standardisierte, aber teilweise veraltete Berechnungsmethoden zur Dimensionierung eines solchen neuen Triebwerks wie es die SSME (Space Shuttle Main Engine) ist. Die Physik, die sich in solchen Strömungsprozessen im Verhältnis zwischen Gasgeschwindigkeit, Druck, Temperatur und Materialverhalten abspielt, gehört zum Anspruchsvollsten, was man heutzutage mathematisch zuverlässig formulieren und numerisch mit ausreichender Genauigkeit berechnen kann. Und die mathematischen, vorrangig numerischen Methoden, die man dafür benötigt, um z. B. turbulente Strömungen reaktiver Gase berechnen zu können, sind oft mindestens unter zwei Aspekten unzureichend: Erstens fehlen auf der numerischen Seite gewöhnlich die adäquaten Lösungsalgorithmen, und zweitens herrscht ein eklatanter Mangel vor an zuverlässigen Materialfunktionen. Beispielsweise gibt es nur die rein mechanistische kinetische Gastheorie, 100 Jahre alt, um die Viskositäten, oder die Wärmeleitfähigkeiten oder die polynären Diffusionskoeffizienten eines reaktiven Vielkomponenten-Gasgemisches bei hohen Temperaturen zu ermitteln. Eine experimentelle Überprüfung dieser Daten ist in aller Regel ohnehin unmöglich!

Tim Boson:

Können Sie das Problem ein bisschen näher beschreiben?

TSWS:

Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Die elektrische Zündung eines solchen Triebwerks verursacht zunächst eine gewaltige Explosion in der Brennkammer. Alles fliegt auseinander. Das können Sie wörtlich nehmen. Da gibt es sozusagen keinen einzigen Punkt in den strömenden Gasen, der sich im Laufe des Startvorgangs nicht irgendwie bewegt und verschiebt. Temperatur, Druck, Gegendruck, Gaszusammensetzung und Gasströmung sorgen dafür, dass kein Teilchen an der Stelle bleibt, an der es vor der Zündung war.

Im Endeffekt resultiert eine Vorzugsrichtung im Raketenmotor, in die sich das Gas rasch ausbreitet, um die Brennkammer zu verlassen. Das gilt indes nicht für die Wandmaterialien, welche die Brennkammer begrenzen und schützen. Übrigens expandiert ein solches “explodierendes” Milieu nicht homogen, sondern zeigt in aller Regel ein nichtlineares Verhalten – ergo, es explodiert zum Beginn der Zündung anders als in der Mitte und am Ende der Startphase, weil sich die Temperaturen und Drücke des Gases nicht plötzlich, sondern kontinuierlich einstellen und sich entlang der Vorzugsrichtung verändern. Außerdem muss man beachten, dass das ganze SHUTTLE ja mit jeder Sekunde an Gewicht verliert, weil der Treibstoff verbrennt. Außentemperaturen, Luftdruck und Luftdichte variieren ebenfalls. Besonders charakteristisch verändert sich die Gasgeschwindigkeit entlang der Brennkammer-Düsen-Achse.

Wenn Sie so wollen, hat man es also bei einem Raketenstart ‒ ingenieurtechnisch und praktisch von innen betrachtet ‒ mit einem Bewegungsvorgang ´ohne Konstanten` zu tun. Das einzige, was man kennt, sind Grenzwerte für Gas- und Materialverhalten, für Temperaturen oder Drücke, statistische Mittelwerte der Gaskonzentrationen und natürlich die ‚Außenkonstanten’ wie die Erdanziehung oder das Wetter. Alle Daten sind miteinander ‚vernetzt’ und sollen nun so reguliert werden, dass aus einer Explosion eine irreversible, stationäre Strömung wird.

Und hier kommt die Mathematik ins Spiel: Die Mathematik der Thermodynamik; sie optimiert über den ›Massenstrom pro Zeiteinheit‹ das ganze SYSTEM – das heißt das reaktive Gasgemisch hoher Machzahl. (Anmerkung T. B.: 1 Mach ist die Maßeinheit für die Schallgeschwindigkeit, die strömenden Gase können mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen – in der Wiedereintrittsphase erreicht der Orbiter Mach 25) Die Verbrennungsgase ‚bewegen’ das Triebwerk durch den resultierenden Schub. M. a. W.: Je nach gewähltem Betriebszustand muss der Durchsatz des reaktiven Gasgemisches an die charakteristischen geometrischen Kenndaten des Triebwerks optimal angepasst werden. Dazu ist ein geschlossener Regelkreis ausschlaggebend – betreffend die zulässigen, d. h. materialbedingten Maximaltemperaturen sowie die passende chemische Kinetik des SYSTEMS.

Tim Boson:

Sie haben SYSTEM hier groß geschrieben. Das wird uns an anderer Stelle sicher noch beschäftigen. Zunächst einmal wurden Sie angefragt….

TSWS:

Ja. Auf meine Bitte hin, hatte das Marshal Space Flight Center auch meinen Münchener Kollegen, Herrn Professor Rudi Waibel † im Februar 1985 nach Huntsville zu einem Meeting eingeladen. Dem war in den USA eine jahrelange Geschichte vorausgegangen, die bereits ca. 20 Jahre früher – ich möchte sagen – einen äußerst riskanten Anfang genommen hatte. Diese Story würde ich im Nachhinein als hochgefährliches Spiel zwischen der NASA und dem Lockheed-Konzern bezeichnen, zumal die Verantwortlichen des Marshall Space Flight Center ‚offensichtlich jetzt’ (1985) plötzlich kalte Füße bekommen hatten. Das war zweifellos der Hauptgrund, weshalb mein Kollege und ich als neutrale Gutachter ins MSFC nach Alabama kommen sollten.

Tim Boson:

Ich schätze, diese Vorgeschichte müssen Sie jetzt etwas näher ausführen…

TSWS:
Im Jahre 1969 erstellte Mr. P. R. J., Ingenieur und damals Mitarbeiter der Lockheed Corporation, Bethesda, Maryland, im Auftrag des MSFC eine gutachterliche Stellungnahme zur Auslegung der geplanten leistungsstarken Antriebsaggregate für die US-Raumfähre „Space Shuttle“. Besonderes Interesse zeigte die NASA an einer theoretischen Analyse über den Einfluss der endlichen Brennkammer-Querschnittsfläche auf die Antriebsleistung eines Hochleistungs-Raketenmotors ‒ am Ende der Brennkammer, im Vergleich zu der bei Leistungsberechnungen üblicherweise unterstellten (theoretisch) unendlich großen Querschnittsfläche – dort, wo letztere in die nachgeschaltete Düse übergeht.

Tim Boson:

Moment,…die Brennkammer ist ja wohl der Raum, in welchem der Treibstoff zur Explosion gebracht wird? Warum hat man bis zum Jahre 1969 mit einem unendlich großen Brennkammerquerschnitt gerechnet? In Wirklichkeit gibt es so etwas doch gar nicht – sagt mir mein gesunder Menschenverstand…

TSWS:

…ja, aber für Berechnungen war es bis dahin angeblich praktikabler, einen unendlich großen Querschnitt zu unterstellen. Der Wert der Explosionsgeschwindigkeit eines Gasgemischs ist im Prinzip immer derselbe, ob innerhalb oder außerhalb einer Brennkammer. Die Frage war immer nur, ob die Kammer mechanisch stabil bleibt und die oft hohen thermischen Belastungen aushält. Denn die Triebwerke werden je nach Nutzlast, die gestemmt werden soll, leistungsseitig natürlich verschieden beansprucht. Im Falle des Gutachtens von Mr. P. R. J. ging es indes zunächst um die Leistungsberechnung für die Durchführung von Forschungs- und Beobachtungsmissionen, dann um ›Space-Station-Projekte‹, heute konkret um die Versorgung der ISS (bemannte Internationale Raumstation) sowie für bestimmte „weltraumnahe“ Missionen – betreffend „weltraumnahe“ Objekte (z. B. Satelliten oder Weltraumschrott).

Die Planungen der NASA erforderten dafür zuverlässige Informationen über die jeweils erforderliche ›Schubleistung pro SSME‹ und ihre adäquate Bestimmung. Dazu benötigte man vorrangig einen ›idealisierten Ersatzprozess‹ (Idealized Replacement Process = IRP), der es mittels der ab 1975 geplanten Testprogramme erlauben sollte, das an der realen SSME experi-mentell ermittelte Leistungsspektrum sicher beurteilen und systematisch verbessern zu können.

Entscheidend ist: Die NASA muss davon ausgehen, dass das den IRP definierende Modell nach dem ‚State of the Art’, ergo nach den in den USA geltenden Regeln der zeitgenössischen Ingenieurkunst gestaltet ist. M. a. W.: Die NASA schuf sich – was die wissenschaftlichen Grundlagen der Gasdynamik, Thermodynamik, Gas- & Reaktionskinetik, etc. angeht, einen eigenen Standard, der für alle ihre Vertragspartner verbindlich ist.

Das Raketentriebwerk der SSME selbst wurde für den ERSATZPROZESS abstrahiert, d. h. ‚realistisch’ konzipiert, bezogen auf zwei charakteristische Bauteile: Erstens auf einen Zylinder konstanten Durchmessers. Das eine Zylinderende ist abgeschottet; am anderen Ende wird –zweitens– eine so genannte (rotationssymmetrisch gestaltete) Lavaldüse (Sie dürfen Kegeldüse sagen.) derart angeflanscht, dass Brennkammer und Düse eine gemeinsame Achse bilden; zudem ist die Austrittsquerschnittsfläche des Zylinders mit der Eintrittsquerschnittsfläche der Düse identisch. Noch ein wichtiges Detail: Der variable Querschnitt der Lavaldüse verengt sich zunächst und weitet sich bis zum Gasaustritt wieder auf, wodurch ein durchströmendes Gas auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigt werden kann, ohne dass es zu starken (verlustreichen) Verdichtungsstößen kommt. Die Schallgeschwindigkeit des Verbrennungsgases wird genau im engsten Querschnitt der Düse, ihrer ‚Kehle’ (Throat) erreicht.

In diesem Video sind die Girls im Vordergrund sehr dekorativ, aber der Ton auf jeden Fall bemerkenswert. Das “Knattern” wird durch die Überschallbeschleunigung der Verbrennungsgase erzeugt, die in Verdichtungsstößen ihre eigene Schallmauer durchbrechen. Der Vorgang ist so laut, dass sich die Frau links im Bild kurz bekreuzigt – fast könnte man sagen: wie es sich in einer modernen Kathedrale auch gehört.

Tim Boson:

Ich verstehe einen Aspekt immer noch nicht: Was bedeutet für die Auslegung einer SSME, wenn man einerseits beim Gebrauch des NASA-LEWIS-CODE mit einem Brennkammerquerschnitt von (theoretisch) ‚unendlich’ rechnet, andererseits aber für den ERSATZPROZESS bei sonst gleichen Abmessungen der Lavaldüse mit dem realen Wert des Brennkammerquerschnitts kalkuliert?
Um mir eine konkrete Vorstellung machen zu können, habe ich hier mal die wahren Querschnitts-werte A der SSME aus ihrem ‚Raketenbuch’ herausgesucht:

Brennkammer AC; Throat AT; Austrittsquerschnitt der Lavaldüse AE:

AT = 538 cm2; AC / AT = 2. 96; AE / AT = 77.5.

Können Sie damit besagten Unterschied einigermaßen plausibel begründen?

TSWS:

Mein Versuch, dem Laien die Sachlage halbwegs verständlich zu machen, muss für manchen Leser vielleicht zu ‚formal’ ausfallen – leider! Je nach Gemütslage sollte er reagieren: die Textpassage überspringen und einfach glauben, ohne sich zu ärgern oder aber sich zu quälen und die Chance zu nutzen, auf sich selber ein bisschen stolz zu sein: Common Sense und Geduld genügen!

Maßgeblich für die Auslegung des Raketenmotors mittels des ERSATZPROZESSES (IRP) sind die Strömungsverhältnisse in der Lavaldüse. Die Massenerhaltung entlang der Düse bedeutet, dass der Massenstrom ż (in kg/s) sich durch die simple Formel ż = ρvA ausdrücken lässt; mit ρ ist die mittlere Massendichte (in kg/cm3) der Verbrennungsgase, mit v (in cm/s) die gemittelte Gasgeschwindigkeit und mit A (in cm2) die jeweilige Querschnittsfläche bezeichnet. Da sich der Massendurchsatz ż entlang der Düsenachse nicht ändert, gilt nach der o. a. Formel einfach die Kontinuitätsbedingung ρTvTAT = ρEvEAE = ż für die Lavaldüse mit zwei ihrer drei ausgezeichneten Querschnittsflächen. Diese physikalisch vorgeschriebene Zwangsbedingung muss aber sowohl für die Brennkammerquerschnittsfläche gelten als auch gleichermaßen für die Eintrittsquerschnittsfläche der Lavaldüse: ż = ρC vC AC.

Die Auflösung des Rätsels ist einfach: Bei finitem (endlichen) Wert der Massendichte ρC muss für den Grenzfall AC → ∞ das Produkt (ρC vC AC) einen ‚mathematisch unbestimmten Ausdruck’ (ρC 0 ∞) ergeben. Nach den mathematischen Spielregeln darf man diesen Grenzwert durch jeden Wert ersetzen, der einer wahren Lösung des Produkts (ρC vC AC) entspricht. Letzere ist aber durch die o. a. Kontinuitätsgleichungen der Düse festgelegt und bekannt.

Es ist evident, dass bei dieser Rechnung ein beliebig großer Wert von AC → ∞ auf der Brennkammerseite ebenso wie der korrespondierende Geschwindigkeitswert vC → 0 nur bedeuten, dass sie zur Definition des ERSATZPROZESSES gehören. In diesem Sinn ist der originale NASA-Lewis-Code (bis 1988) Teil dieses Modells. 

Ergo gilt, dass eine Berechnungsprozedur ohne Berücksichtigung der Querschnittsfläche AC der Brennkammer zunächst einmal nicht falsch ist. Die Konsequenz wird erst in der MÜNCHNER METHODE (MM) von Dieter Straub & Stefan Dirmeier gezogen. Die Münchner Methode (MM) benutzt demgegenüber keinen IRP im Sinn der o. a. Definition, sondern den ›idealen Vergleichsprozess‹ (Ideal Comparative Process = ICP); er richtet sich nach rein wissenschaftlichen Kriterien. Der ICP erlaubt eine strenge Modifikation der Berechnungsprozedur, die darauf hinausläuft, durch Einbeziehung der dritten Fläche AC ein Iterationsverfahren zu konstruieren, das den Durchsatz ż als Problemlösung zu berechnen gestattet, wobei die gesamten komplexen Berechnungen der chemischen Reaktionen des Verbrennungsgases entlang des Strömungswegs vom Brennkammeranfang bis zum Düsenende iterativ mit einbezogen werden. Darin besteht der grundsätzliche Unterschied zwischen dem IRP (idealer Ersatzprozess) und dem ICP!

(Anmerkung T.B. : “Iteration” – schrittweises wiederholendes Annähern, Rechnen)

Tim Boson:

Für Spezialisten scheint die von Ihnen präsentierte Beantwortung meiner Frage leicht nachvoll-ziehbar. Vielleicht ist es indes für den Nicht-Spezialisten nützlich zu wissen, dass es nur in der Thermodynamik noch einige andere streng ›naturwissenschaftlich begründete VERGLEICHS-PROZESSE‹ gibt, wie z. B die Schwarz-Körper-Strahlung. (Das Thema IDEALER VERGLEICHSPROZESS werde ich mir merken. Es scheint mir verbunden zu sein mit der kognitiven Problematik des UNTERSCHIEDS. Ich kann nur dann etwas UNTERSCHEIDEN, wenn ich es vor einem (gemeinsamen) Hintergrund VERGLEICHE.) Aber erstmal zum Thema. Gibt es darüber hinaus zur Münchner Methode noch relevante Kommentare, die kurz zur Sprache kommen sollten?

TSWS:

Diese Anregung nehme ich gern in Anspruch. Zwei Konsequenzen ergeben sich aus den Erfahrungen mit der Münchner Methode: (1) Das Konzept der idealtypischen Konfiguration, bei dem der reale Triebwerkstyp abstrahiert wird, ermöglicht den Übergang vom ‚geschlossenen’ Raketenmotor auf durchströmte, luftatmende Flugantriebe mit & ohne Kühlung. Wichtige Beispiele sind Leistungsberechnungen für Staustrahltriebwerke mit Unterschallverbrennung, den so genannten Ramjets. (2) Der NASA-Lewis Code, das amerikanische Standardverfahren zur numerischen Berechnung komplexer chemischer Gleichgewichtsreaktionen, enthält in seiner Originalfassung bezüglich der o. a. besprochenen »Infinite Area Combustion Method« einen Fehler: Bei dieser Methode werden die kinetischen Anteile der Erhaltungsgleichungen für Impuls und Totalenthalpie in der Brennkammer (Zustand C) fälschlicherweise vernachlässigt.

(Anmerkung T.B. “Totalenthalpie” als grober Vergleich: Man kennt den Effekt von der Strömung in einer Luftpumpe. Kompression erwärmt. Expansion kühlt ab. Die Bedeutung der Totalenthalpie bei Raketenmotoren liegt darin, dass Enthalpie als “Maß für den Wärmegehalt” einer Strömung auch in kinetische Energie des strömenden Mediums überführt werden kann. Im ersten Fall kommt es zur Expansion und meist zur Abkühlung; und umgekehrt: kinetische Energie – kann in Enthalpie überführt werden (Staudruck, also Kompression – damit einhergehend meist Temperaturerhöhung. Das Problem bei der Dimensionierung von Raketenmotoren liegt in dem “guten” Verhältnis von Staudruck und Expansion bezogen auf Leistung und Temperatur. Die Strömung dann auch noch stationär zu regeln – das ist die Kunst.)

Tim Boson:

…und dann brachte das Lockheed-Gutachten 1969 von Mr. P. R. J. die NASA auf die Idee, dass ja auch der endliche Querschnitt der Brennkammer selbst ein Leistungsfaktor sein könnte…?

TSWS:

Ja, weil es notwendig geworden war, Triebwerke kompakter und kleiner zu bauen, begann man sich dafür zu interessieren.

Tim Boson:

Und was hat Mr. P. R. J. denn eigentlich gemacht?

TSWS:

Der hat eine Art von Gutachten erstellt, das mit endlichen Querschnitten einer Brennkammer rechnete, und er kam für das Triebwerk J-2 auf phantastische Leistungssteigerungen. Und zwar schon bei Gastemperaturen in der Brennkammer von nur(!) 2600 Grad – im Gegensatz zu einem Wert von über 3300°C, wie man sie aus dem originalen NASA-Lewis-Code erhält.

Tim Boson:

Das war phantastisch?

TSWS:
Ja, es war voller Phantasie, hatte aber nur wenig mit der Realität zu tun.

Tim Boson:

Was geschah dann?

TSWS:

Die NASA begann Anfang der 1970er Jahre damit, die ersten SSMEs in Kenntnis dieser Lockheed-Studie zu planen und der Raumfahrtindustrie Entwicklungs- & Produktionsaufträge zu erteilen.

Tim Boson:

Sie wurden dann von Rocketdyne gebaut, getestet und in die Space-Shuttles integriert?

TSWS:
Ja, drei Stück davon jeweils in einen Orbiter

Tim Boson:

Das würde bedeuten, dass die Tests ebenso wie die allerersten Flüge der Missionen mit Haupt-triebwerken unternommen wurden, die bezüglich der Brennkammertemperaturen falsch ausgelegt waren mit der Folge, dass sie chronisch ‚überhitzt’ werden mussten, denn der missionsbedingte Schub war ja unabdingbar. Warum hat man das bei Tests nicht bemerkt?

TSWS:

Das Problem bei Tests ist, dass sie kostspielig sind und ein solches Triebwerk sehr viel Geld kostet: Sie müssen bei einem Test immer einkalkulieren, dass sie 50 Millionen Dollar zerstören, wenn Sie so ein Triebwerk bis an eventuell notwendige Leistungsgrenzen bringen oder kurzfristig darüber hinausgehen. Ab einem bestimmten finanziellen Volumen sind solcherart Tests immer – harmlos ausgedrückt – ‚kompromissbelastet’.

Tim Boson:

Und nicht harmlos ausgedrückt?

TSWS:
Man testet solche Triebwerke so, dass sie beim Test nicht kaputt gehen.

Tim Boson:

Gut, aber es wird ja einen Grund gegeben haben, dass sich die NASA an Sie nach München wandte?

TSWS:

Nun, der Grund wird gewesen sein, dass sie z. B. bei den Missionen über verschiedene Optionen verfügte, die zur Folge hatten, dass bei der Besatzung sowie der Bodenstation von einander abweichende Temperaturen registriert wurden und es Leistungseinschränkungen in der Vollschub-Phase gegeben hat. Zumindest wird es immer sehr eng mit den ohnehin kritischen Temperaturen geworden sein.

Tim Boson:

Genauer bitte,…..!

TSWS:

Sie werden durchschnittlich höhere Temperaturen gemessen haben als die ca. 2600°C, die ihnen seit 1969 Mr. P. R. J. wie das ‚Gelobte Land’ prophezeit hatte. Sie waren die Messlatte! Oder sie haben 2600 Grad gemessen, als das Triebwerk noch nicht unter Volllast lief. Sie werden sich bei jeder Mission gefragt haben. Sind wir wirklich korrekt dimensioniert? Dürfen wir den Gashebel wirklich so weit aufdrehen, wie wir es tun? Der Leser sollte wissen, dass diese Triebwerke geregelt werden können und etwa 40 Sekunden nach dem Abheben auf Voll-Last von der Besatzung des Shuttles hochgefahren werden. Die geben dann noch mal richtig Gas. 
Solche Missionen sind aber energieseitig immer sehr eng berechnet, weil die Shuttles oft große Lasten transportieren und damit die Erdanziehung überwinden müssen. Sie können also, wenn Besatzung und Bodenstation feststellen, dass das Triebwerk zu heiß läuft, nicht einfach sagen, dann nehme ich den Gashebel eben zurück, weil sie dann ihr Ziel einfach nicht erreichen und die Mission scheitert. Wenn sie sich einmal dazu entschieden haben, abzuheben, dann sind sie gezwungen, Gas zu geben, (fast) ganz egal, was die vielen Messeinrichtungen und Computer an Bord und am Boden signalisieren. Auch wenn sie dabei ein mulmiges Gefühl haben – sie müssen da durch!

Ein sehr vollständiges Video. Auf dem Video erkennt man, wie die Haupttriebwerke ca 5 Sekunden vor den Feststoffboostern gezündet werden. Nach dem Abwurf der Feststoff-Booster schieben die Haupttriebwerke allein weiter. Auch das kann man noch sehen. (Etwa bei 1:17 des Videos hört man von Houston das Kommando: “Atlantis – Go at problem.” – eine sehr sprechende Kurzversion für “Machen Sie ihr Ding.” oder “Erledigen Sie den Auftrag.”)

Tim Boson:

Die NASA hatte also sehr heiße Triebwerke und ziemlich kalte Füße.

TSWS:
Ja, und wie. Dazu muss ich Ihnen eine Episode erzählen, die ich erst kürzlich erfahren habe. Meines Erachtens handelt es sich um eine Schlüsselszene für alle Dimensionen unserer Story.

Sie erinnern sich gewiss an den Dienstag, dem 28. Januar 1986. Beim Start zur 25. Space-Shuttle-Mission explodierte die STS-51-L – CHALLENGER; die gesamte Besatzung kam ums Leben.

Mitglied der Regierungskommission zur Aufklärung dieser Katastrophe war auch der damals vielleicht renommierteste US-Naturwissenschaftler, der theoretische Physiker & Nobelpreisträger Richard P. Feynman. Wir werden später noch viel von ihm hören. Hier geht es um seinen sehr persönlichen, sehr lesenswerten Bericht über seine Erfahrungen in Washington D. C. bei dieser Kommission-sarbeit. In der deutschen Übersetzung trägt der Bericht den Titel „Mr. Feynman geht nach Washington, um die Challenger-Katastrophe zu untersuchen“. (in R. P. F.: Kümmert Sie, was andere Leute denken? Piper: 2008).

Zur Vorbereitung seiner Untersuchungstätigkeit ließ er sich gründlich von Ingenieuren des Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena instruieren. In seinem Bericht findet sich die folgende für mich entlarvende Notiz (S. 116):

Die Ingenieure verrieten mir sogar, dass etliche der für die Triebwerke zuständigen Fachleute bei jedem [Space Shuttle]-Flug den Daumen halten und sich, als das Shuttle explodierte, sicher waren, dass es an den Triebwerken lag.

Tim Boson:

Formulierung und Inhalt der Bemerkung klingen tatsächlich irritierend, aber warum „entlarvend“?

TSWS:

Weil sich die Notiz Feynmans auf eine Zustandbeschreibung im Jahr 1986 bezog. Die in ihr zum Ausdruck kommende Befürchtung wurde aber mir und meinem Mitarbeitern gegenüber nahezu wortgleich von den Mitgliedern der NASA-Abordnung geäußert, die mich drei Jahre früher im August 1983 in München aufsuchten. Unmissverständlich berichteten sie, dass die Ingenieure jahrelang bei jedem Flug die Explosion eines der Haupttriebwerke befürchteten.

Endlich nach 10 Jahren entschied das Management des MSFC, das Lockheed-Gutachten von Mr. P. R. J. von einer anderen Firma, der Continuum Inc., Huntsville, Ala ´gegenchecken` zu lassen. Der »Witz« – sofern es einer war – war aber der, dass Mr. P. R. J. mittlerweile Karriere gemacht hatte und zu Continuum Inc. gewechselt war, und nun sein eigenes Gutachten noch einmal begutachtete und – wer hätte das gedacht – nichts beanstandete!

Tim Boson:

Die Neutralität war nicht mehr gegeben…?

TSWS:

Das klingt aber sehr ‚diplomatisch’: Nein, es war eigentlich skandalös – und die Öffentlichkeit sollte nichts erfahren. Sie können sich ja nicht vorstellen, wie viel Menschlich-Persönliches an Eitelkeiten in so einem gewagten Unternehmen mit unübersehbaren Optionen die Sicherheit gefährdet….

Tim Boson:

Doch, kann ich mir gut vorstellen…aber es ist erstaunlich, dass es immer wieder passiert. Und dann bekamen sie den Anruf?

Advertisements

Charlie Brown: When the music stops…

„Musical Chairs.“

Möglich, das Spiel erzählt  einen physikalischen Seins-Ablauf
Eine Ordnung verändert sich, indem sie streut, peu a peu
an das Offene abgibt. Die Anzahl der Stühle nimmt ab,
die Moleküle einer Formation streuen. Dabei kopiert sich ein Vorgang.
Man könnte auch sagen: So existiert diese Ordnung, in dem sie abgibt.

Oder als ein Prinzip von Wahrnehmung: Der Moment
einer Beobachtung hält einen Prozess an und er-zählt ihn.
Das Quantisieren aber, die Er-Zählung, ist nur zu haben
um den Preis der aussetzenden Musik.
Ein kurzer Stillstand, der einen Verlust an Bewegung bedeutet.
Die Wahrnehmung quantelt. Sie hackt. Die Musik stoppt. Still.
Die Musik „stillt“ Aber dieses „Stillen“ , das  Aussetzen der Musik formiert etwas.
Ein Bild. Und dieses Bild ist eine In-Formation. Still.

Nachdem man lange nichts mehr von seinen Experimenten mit rotierenden gekühlten Massen gehört hatte – findet sich nun doch wieder ein Eintrag des österreichischen Forschers Martin Tajmar aus dem Jahre 2010, der nahe legt, dass der gravitomagnetische Effekt sogar mit flüssigkaltem Helium registriert werden kann.

Von hier aus kann man dem Forscher nur alles Gute wünschen und viel Erfolg beim weiteren Experimentieren mit rotierenden und gekühlten Rädern, Ringen und Massen. Auf dass er auch noch andere Rotationswinkel und Achsenstellungen ausprobiert. Dass es bei den Experimenten weniger auf die Supraleitung ankommt und mehr auf die thermische Kühlung und die Rotation, wurde von ihm ja schon des Öfteren bestätigt. Zudem übertrifft er den vorher bereits bekannten Lense-Thirring-Effekt um ein vielfaches.

Das kann von hier aus auch deutlich unterstrichen werden, da ja die Entropie mit der Temperatur konjugiert ist und demzufolge auch mit der Energie überhaupt, also mit der Masse also mit der Raumzeit, zu der man aber besser ZEIT-RAUM sagen müsste, wenn die wissenschaftliche Gemeinde einsehen würde, dass die Raumzeit-Krümmung eben in Wirklichkeit nicht (nur) „-Geometrie“ ist, sondern eine thermische Dynamis als Fluss, der verwirbeln kann. Ich würde Martin Tajmar auch empfehlen, mal einige hochgenaue Atomuhren in der Nähe seines rotierenden Experiments aufzustellen.
Wir erinnern uns, was Entropie auf altgriechisch heißt: Hinein-Drehen. Um-Wandeln. Wobei man das „Um“ – hier wörtlich nehmen kann – im Sinne von: um-drehen.

Skeptisch gegen die Skepsis:
Hesekiel Kapitel 10/13 Und die Räder wurden genannt „der Wirbel“, daß …
Luther Bibel (1545) Und es rief zu den Rädern: Galgal! daß ich’s hörete. Elberfelder Bibel (1871) Die Räder, sie wurden vor meinen Ohren „Wirbel“ genannt ….

hebräisch-„Galgal“ : Rad, Wirbel, ….

Der Schneemann.

Jubiläum der Zärtlichkeit.

Ein Klavier gefüllt mit Waschmittel der Marke Omo. Hustensaft. Sauerkraut auf einem Notenständer. Den Wald fegen. Eingedrückte Gummibälle. Freitagsgericht 1A gebratene Fischgräte.

Ein Draht an einer Schiefertafel. Reden mit der Axt in der Hand vor einem Mikrophon…

Was hat das alles zu bedeuten?

Es gibt Bilder. Fotos. Portraits. Und alle sind sofort sehr typisch. Sie zeigen ein, nein, kein Gesicht – sie zeigen ein – Face. Das wäre das passende Wort. Besser: Ein Interface. Ein Adapter.

Augen, die mich anschauen wie freie Anschlüsse. Auch der Mund ist stark ausgeprägt. Ein Mund, dem ich ansehe, dass er auch – klemmen könnte, oder beißen, um etwas festzuhalten. Oder um etwas an sich heran zu ziehen. Anschluss gewinnen.

Hier auf dem Foto, ist der Mund geschlossen. Kurzzeitig verschlossen. Wie zugehalten ohne Hand.

Was ich an dem Mund und an den Augen überhaupt nicht wahrnehme: Lässigkeit, Ironie, fertige Lebensklugheit, Kennerschaft, Stoizismus oder Reife. Ich kann mir dieses Face, dieses Interface, nur schwer vor einem Kamin sitzend oder an einem Buffet stehend vorstellen, obwohl es solche Momente in seinem Leben auch gegeben hat, aber hier, auf dem Bild, bereits über 50 Jahre mit den Anschlüssen dieser Welt in Kontakt, liegt das trotzdem sehr fern.

Dieses… Gesicht also… gibt einen Ernst aus. Aber dieser Ernst wirkt nicht behauptet oder kopiert, auch nicht visionär aufgezogen, nein, dieser Ernst kommt unpersönlich, als käme er von woanders. Wie das Portrait eines für den kurzen Moment des Fotos aus seiner Verbindung gezogenen Steckers.

Aber es gibt auch andere, ernstere Bilder von ihm. Und freundlichere.

Über Joseph Beuys etwas schreiben. Einfach so. Ohne besonderen Anlass. Kein runder Geburtstag, kein Todestag. Was daran leicht ist: Alles was man sagt und denkt, kann nur falsch sein. Und wenn man etwas ganz Falsches schreibt, dann trifft es möglicherweise gerade genau zu. Aber da schon so viel über ihn gesagt wurde, und viele sachliche Quellen und Verweise auch im Netz sofort zugänglich sind, nehme ich mir hier die Freiheit heraus, zu meditieren, unvollständig zu bleiben, oder auch etwas abzuschweifen.

Filz, Fettecken, die Honigpumpe, ein Hut, eine Weste – das also sind die zu medialen Erinnerungs-Schneebällen plastifizierten Handlichmachungen eines Werkes, eines Lebens, einer Biographie. Verständlich. Man braucht eine Benutzeroberfläche für etwas, Begriffe für etwas, dass ja eigentlich weit jenseits der Festigkeiten von schnellen Begriffsplastiken in einem Prozess der Bewegung und Gewinnung seinerzeit ermittelt worden war.

Natürlich, man kann ihn, Beuys, wenn man will, leicht irgendwo herausziehen. Fluxus (das Fließen) nannte sich in den 60igern eine der vielen Unruhen und Vorbeben, die entgrenzen wollten und entgrenzt haben. Staubschlachten, Hühnerfedern, Kompositionen für Dachrinne, Farbtopf, Bohrmaschine und kaputtem Radio. Die Entgrenzungen und Überschreitungen sprengten nicht nur das eine oder andere Musik-Event oder verausgabten sich in  Drogenräuschen – auch in der Kunst geschah einiges. Man wollte die Rahmen zerlegen, Freiheiten prüfen, alte Zeichenhaushalte rütteln und schütteln, aber auch: neue Verbindungen schaffen. Anschlüsse herstellen. Fluxus, fließen lassen also. Das Kunstprodukt ersetzen, auflösen und eintauschen gegen den Kunstprozess. Als Akt der Befreiung, der Bewegung. Auch Joseph Beuys fand sich hier in den Feldern dieser Bewegung. Oder besser: Er berührte sie ganz kurz.

Aber Beuys war, damals in den 60igern, ja bereits über 40 und seit 1961 Inhaber des „Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei“ der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Mein Gott – was für ein schönes Wort. Der Traum vieler kleiner Künstler und Kunsthandwerker: Monumentale Bildhauerei. Monumentaler Bildhauer, wer wollte das nicht sein in den heutigen Stadttheatern und an den Plattenspielern der kleinen Affekte und Befindlichkeiten. Aber natürlich, nichts ist verbotener und dümmer, als Gegenwart gegen Vergangenheit auszuspielen. Und Beuys gibt dazu auch gar keinen Anlass, denn er ist blanke Gegenwart.

So klingt das auch sprachlich biografisch zunächst seltsam prickelnd für den heutigen Rezipienten. Beuys, Monumentale Bildhauerei, – und dazu dann: Badewannen voll mit Hansaplast-Pflaster, Margarine.

Aber Beuys gehörte nicht in der Weise in diese 68iger, wie die Generation, die heute so genannt wird. Er war ja älter, selber noch im Krieg gewesen, als junger Mann bei der Luftwaffe. Im heißen Krieg. Bordfunker, Bordschütze eines Sturzkampfbombers, Pilot angeblich auch. So hatte der Körper Beuys schon sehr früh eine enorme Beschleunigung in „monumentalen“ Energien erfahren gehabt. Steigende und stürzende Waffe. Für damalige Verhältnisse komplett adaptiert in Hochtechnologie. An der vordersten Front. Teil und Mitglied einer monumentalen, furchtbaren Maschine. Im März 1944 stürzt er dann tatsächlich zu tief, irgendwo über der Krim, in einem Schneesturm. Schädelbruch, Knochenbrüche, wird er von Nomaden aus seinem Wrack gezogen und gerettet, dann einem deutschen Suchkommando übergeben. Sein Pilot war gestorben.

Ab August 1944 dann schon wieder Fallschirmjäger an der Westfront. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Dienstgrad des Feldwebels. Gefangenschaft. Internierung. Das ganze volle Programm also. Dann Freilassung. Mit einem von Granatsplittern und Energien bereits plastisch geformten Körper. In-formierte, re-formierte Körperplastik.

Ausrisse, Lebensläufe, Freiläufe:

„1945 schloss er sich der Künstlergruppe Hans Lamers an.“

„Monumentale Bildhauerei.“

„1947 – 1949 arbeitete er mit an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanskie über den Lebensrhythmus des Wildes in der Lüneburger Heide…“

„Bekanntschaft und Gespräche mit Konrad Lorenz, dem Verhaltensforscher…“

Oh ja, man hört sie, die leicht einschläfernde Heinz Sielmann Nachkriegs-Stimme seiner Tier-Dokumentationen. Bis in die späten 70iger Jahre hinein.

Es ist die Stimme einer zerschossenen und physisch und seelisch verkrüppelten Kriegsgeneration.

Ein alter Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang an einem frühen Sonntagabend, davor sitzt ein Mann mit Beinstumpf, Zigarre rauchend, und dann hört sich dieser ganze 2. Weltkrieg so an:

„In seinem feuchten Lebensraum bewegt sich der Schwarzfußflederich wie ein kleiner König….“

Beuys also hatte auch damit zu tun. Mit diesem merkwürdigem Heinz

Sielmann-Nachkrieg in rundlichen Bildröhren und stoffbespannten Lautsprechern.

Die Stimme Heinz Sielmanns im Ohr denke ich also jetzt an Beuys: Sturzkampfbomber, Bordschütze, Filz, Fettecken, Honigpumpe, Zoologie, Monumentalbildhauerei, Verhaltensforschung, Wildgänse, Schädelriss….

Was bedeutet das alles?

Ich selbst habe den Krieg nicht erlebt. Auch nicht die unmittelbare Nachkriegszeit. Ich gehöre auch nicht zur 68iger Generation. Ich bin in den deutschen Puddingbergen des nicht mehr ganz so kalten Krieges aufgewachsen, wenn auch in den weniger großen. Aber irgend etwas ist an diesem Werk dran. Irgendetwas spricht daraus zu mir.

Ich stehe in der Ausstellung des Hamburger Bahnhofs vor einem tischgroßen, sehr massiven und komplett verhärteten Block aus Talg, „Unschlitt“, einem Produkt aus der Fettgewinnung, der inzwischen krasse Risse zeigt. Interessanterweise wirkt dieser organische Talgklotz auf mich viel härter als Marmor, gerade weil er kein Marmor ist. Steingewordenes Leben. Hart. Harte Zeit. Zeit der Härte. Aber in den Rissen tut sich wiederum etwas. Risse sind auch Flüsse. Nichts bleibt ja wirklich ganz unbewegt. Auch diese Risse sind Bewegungen.

Es kursiert die ewige Geschichte, sie stammt von Beuys selbst, dass er damals nach seinem Absturz mit dem Stuka mit gebrochenen Knochen und gerissenem Schädel einige Tage lang von den Nomaden, die ihn im Schnee aus dem Flugzeugwrack gezogen gehabt hatten, gepflegt wurde. Mit Filz umwickelt. Mit Fett gesalbt. Talg.

Funzelige Talglichter. Knirschende Schritte im Schnee. Zuwendung. Jaulende Hunde im Halbdämmer. Blutunterlaufene Augen. Leise klappernde Blechtöpfe. Fremdartiges Getuschel. Knoblauchatem dicht am Gesicht. Messinggeschmack im Mund. Schmerzen.

All diese Angaben bleiben etwas unsicher und anekdotisch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, ob diese Geschichte wirklich genau so stimmt, ob sie sich wirklich so ereignet hat. Wie auch einige andere Details zu seiner Biografie unsicher bleiben. Ich kann sie auch einfach als Angebot nehmen, als Projektionen, zugehörig dem Gesamtkunstwerk Beuys und dort einen berechtigten Platz einnehmend. Und tue dies hier auch.

Was dagegen wirklich sicher bleibt: Beuys wollte bekanntlich mehr als nur Kunst, mehr als Design, mehr als Ästhetik. Auch das kann man schnell nachschlagen und nachgoogeln, was Beuys alles wollte, meinte, sagte und lehrte – in Katalogen, Lexikas, in Interviews, auf Videomaterial.

„Soziale Plastik“, „Akustische Plastik“  „Wärmeplastik“ Erweiterter Kunstbegriff“, „Baumdiplom“ , „Homöopathische Methode. „Kernfragen des Sozialen“

Hier fließt also ein Engagement in der Kunst mit einem Engagement für Gesellschaft zusammen und wird begleitet auch von Theorie und einem Gestaltungswillen, der durchaus auf etwas Ganzes zielt. Aufs Ganze gehen – das ist etwas, dass mir heute in den Diskurseln einer etwas ratlosen Nach-Postmoderne, die sich mehr oder weniger in Details, Designs und Retrodesigns, Nieschen, Geschmäcker, Ansichtssachen, erotischen Simulationen, Zitaten und Zitatzitaten gemütlich gemacht hat, eher selten bis kaum noch begegnet. Kann sein, dass auch das einer notwendigen Bewegung folgt, und als solche auch anzunehmen ist – ja sogar eigene Chancen birgt. Denn nichts ist dümmer und verbotener als die eigene Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielen zu wollen.

Aber irgendwann stehe ich dann eben doch wieder vor irgendeinem der vielen verstreuten Beuys – Objekte und bin baff. Zwei Metallflaschen mit merkwürdig bedroht und zugleich bedrohlich wirkenden Ausblühungen unterhalb eines Pfahls, an dem ein ausgerissener Zeitungsausschnitt geheftet ist, der mit einem Roten Kreuz bemalt wurde. Oder ein Schlittengespann, das Filzrollen transportiert, so arrangiert, dass man die Hunde davor, die nicht da sind, förmlich hören und riechen kann. Ihre Ausdünstungen. Oder ein verschlossenes Apotheken-Gefäß mit einer winzigen Öffnung im Korpus, durch das plötzlich ein ganzes großes Weltsonnenlicht auf den Betrachter fällt.

Wenn ich dann in der selben Ausstellung irgendwo vor einem Baselitz-Gemälde mit einem auf dem Kopf stehenden Männeken stehe, spüre ich deutlich einen steilen Abfall.

Gut, das bleibt alles subjektiv und schwer verallgemeinerbar.

Trotzdem überlege ich, woher diese Wirkung rühren könnte.

Mir widerfährt es so, dass ich bei den meisten Beuys-Objekten immer den Eindruck einer enormen Verletzlichkeit habe. Ich denke immer, das ist keine Kunst, und zwar im positiven Sinne – keine Kunst.

Vielmehr habe ich den Eindruck von etwas Stehengelassenem, etwas Übriggebliebenen. So berühren sie mich auf eine ähnliche Weise wie ein einzelner Handschuh, den man unterwegs irgendwo in einem Drahtzaun stecken sieht. So wie er berühren kann. Nicht muss. Wie eine Frage. Hier war etwas. Und hier ist noch etwas. Etwas hat sich hier ereignet, ist vorbeigegangen, vorüber gezogen, und hat Spuren hinterlassen. Aber es ist eben nicht – vorbei. Man fragt sich, zu wem oder zu was gehört dieser Handschuh? Wo ist der zweite? Wer vermisst ihn jetzt? Der abwesende zweite Handschuh beobachtet mich.

Dabei sind die Objekte von Beuys alles andere als flotte Readymades. Sie sind keine umgedrehten Pinkelbecken, keine ausgeschütteten Farbeimer, und sie sind auch keine hingeworfenen Fehdehandschuhe der seidigen Provokation. Haben damit nichts zu tun. Sie sind sogar enorm kalkuliert, durchdacht, manche sogar geradezu kompliziert, überhaupt nicht einfach, oder simpel. Oder gar unprätentiös, wie man heute sagen würde. Nein, sie sind sehr sehr prätentiös.

Ich habe wieder die Tierfilmdokumentations-Stimme von Heinz Sielmann im Ohr: „Und der kleine Graureiher flüchtet sich jetzt zu den Erwachsenen. “

Zugleich denke ich: Ju 78, Sturzkampfbomber. Und höre dieses Sirenengeschrei der stürzenden Waffe, dass ich selbst zum Glück nur aus eben diesem Fernsehen kenne. Dann Schritte im Schnee knirschen. Hundegebell. Blechtöpfe.

Beuys. Mann mit Filzhut und Weste und diesem ohne Hand zugehaltenen Mund. Diesem Steckdosengesicht. Silberplatte im Schädel. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden. Dann aber oder vielleicht gerade deshalb wurde er ein Monumentalbildhauer. Doch sein nie stillstehender Zug hin zum Ganzheitlichen und seine auf das Ganze, auf das Begreifen gerichtete Neugier blieb ihm erhalten.

Face Beuys. Interface. So ein Typ muss auch schwierig gewesen sein. Nervös. Unlocker. Angespannt. Vielleicht sogar hin und wieder, ja ganz sicher oft auch wirklich unsympathisch. Nervensäge. Stechender Blick. Unheimlich. Für einen bestimmten Typ Frau vielleicht ganz attraktiv.

Aber dann wieder, angehalten vor und von einem seiner Objekte, einer Installation oder einer Skulptur, spüre ich da diese Zärtlichkeit. In starken Momenten eine ungeheure Zärtlichkeit. Ich frage mich wieder, woher kommt das? Was ist das? Wieso kann ein Fetzen Filz so zärtlich sein? Oder dieser Fettklotz. Oder sogar ein Stück Kupferdraht? Ein Zinkblech. Eine Schiefertafel, Waschpulver. Oder eben seine berühmte Honigpumpe….

Was hat das alles zu bedeuten?

Zumal heute noch, wo ich mich prinzipiell schnell vielleicht zu schnell als etwas genervt, als überschult und meistens auch gelangweilt fühle, wenn irgendwo „moderne Kunst“ droht oder das, was ich nicht an ihr mag: Den Schwachsinn der Farben, seriengedehnte Readymade-Schneisen, Kreativitätssimulation, Individualitätskonzepte, Selbstbespiegelungen, Nachmittagswitze, aufgeblasene Schamhaare, Müllhaufen zweiter Ordnung, Neoerotiken, Zitatzitate von Zitatzitaten auf Bildschirmen oder Glanzpapier etc…

Nichts von alledem bei Beuys. Obwohl auch er nicht unbedingt der einzige und erste Pionier der Filze, Zinke, Roste, Fasern und Profanmaterialien war. Auch schon zu seiner Zeit nicht. Auch das lag in der Luft damals. Insofern gehörte er am Anfang dazu, war Teil einer Bewegung.

Aber sicher war er einer der wenigen, vielleicht dann doch der einzige, denen es gelang, all das entfesselte und vermischende Tun, den Fluxus der Zeit vor der Beliebigkeit zu bewahren, in seiner Obhut vor der Trivialität zu retten, indem er diesem Fluss ein formuliertes Recht gab, in ein gedachtes oder gesprochenes Flussbett leitete. Und das eigentlich ganz im Widerspruch zu dem, wofür der „erweiterte Kunstbegriff“ antreten sollte. Denn die erste Pointe eines „erweiterten Kunstbegriffs“, wo er als solcher formuliert und behauptet wird, ist ja, dass dieser Begriff dann selbst  wieder Programm wird. Sich programmatisch schließt. Und wo Programme, da lauern auch wieder Einschluss und Ausschluss. Er aber machte in einem modernen Sinne das Fließen plastisch. Und dass ist wirklich die originale und seltsamste Leistung von Beuys, auch die innere Grundspannung seiner Arbeiten: dass sie ein modellierter Fluss sind. Aber eben jetzt anders als nur der schön modellierte Fluss einer marmornen Schulterlinie oder einer Falte. Sie sind eben wirkhafter Fluss und wirkhafte Plastik zugleich.

Schlagworte und gelebte Konzepte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ „Basisdemokratie per Volksentscheid“ „Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ „Wir brauchen Sonne statt Reagan.“

Tatsächlich hat Beuys einmal alle Bewerber ohne Vorauswahl in seine Kunsthochschule aufgenommen. Tatsächlich hat er Kassel mit Eichen begrünt. Tatsächlich hat er sich Anfang der 80iger dann auch bei den Grünen engagiert. Beuys hat ernst gemacht, weil er ernst war.

Und er tat auch Seltsames. Dinge, denen ich heute in einer Galerie eher aus dem Weg gehen würde. Er schüttete sich Honig über den Kopf, legte Blattgold auf und saß dann mit einem toten Hasen, den er unverwandt anstarrte, in einer Ecke auf einem Stuhl. Oder er stellte sich mit einer Axt in der Hand vor ein Mikrofon, bellte, pfiff und krächzte dann 10 Minuten lang gestikulierend – dies als Professor einer Kunstakademie vor immatrikulierten Studenten. Oder er schüttete eben Waschpulver in ein Klavier, trank öffentlich Hustensaft u.s.w. u.s.w.

Heute würde ich eher dazu neigen, solchem Aktionismus auszuweichen. Man kennt das auch von Epigonen. Ich würde es als etwas unangenehm ernst oder gar ideologisch empfinden, als ein bisschen zu stechend, zu angespannt.

Aber das sagt natürlich gar nichts. Ich lebe in einer anderen Zeit. Und möglicherweise werden andere, spätere Generationen, einmal auf unsere Zeit ebenso befremdet, vielleicht auch fasziniert zurück gucken. Eine Zeit, in der ja alles irgendwie möglich ist und auch gemacht wird, aber in der sich kaum einer irgend  etwas traut. Außer vielleicht der irgendwo imaginär herbeigesehnte Attentäter, dem dann womöglich von irgendeinem verwirrten Stockhausen das Kunstdiplom verliehen wird.

Aber stimmt das so überhaupt? Es gibt sie ja auch heute noch, die Vermischer und Erweiterer, die Schreier und Kleckerer. Aber es gibt sie eben nach Beuys. Wo sie sind, war Beuys schon gewesen, und so gehen sie jetzt in den gut geölten und diskursiv vorgefetteten Ausdifferenzierungen seiner Spur. Wollen neuerdings Sterbende im Museum ausstellen. Na ja, wie sie meinen, sehr originell, Herr Schneider…

Was wollte Beuys? Was wäre das, woran man anschließen könnte, ohne in die 2134igste Kleckerburg irgend eines Neohappenings, irgendeiner Chaosinszenierung zu geraten, in das nächste noch größer aufgeblasene Achselhaar, die nächste Kapitalismuskritik, in den nächsten hoch dotierten Tabubruch-Generalstab, in die nächste Verwirrspielhölle. Was könnte wirklich konstruktiv sein?

Beuys Face. Interface. Adapter. Steckdosengesicht. Sag was. Sturzkampfbomber, was genau ist deine Zärtlichkeit? Was bedeutet dein Filz, deine Seife, dein Fett? Liegst Du bei den Nomaden im Zelt dicht über dem Schnee, in Filz gewickelt, und schweigst dich aus unter deiner Silberplatte in deinem Kopf, den man dir „zurecht geschossen“ hat?

Es wird berichtet, Beuys habe einmal, eines Morgens, die Skulpturen und Kunstwerke seiner Studenten zerschlagen und gesagt: „Das ist auch Kunst.“ Darauf Heulen und Zähne klappern. Ich glaube das sofort.  Ich glaube, er wollte damit sagen: Ihr sollt Euch nicht für Kunst interessieren, sondern für Wirklichkeit. Für ihre Energien, Wirklichkeiten und Gefährdungen. Denn nur so kommt ihr zur Kunst. Oder nie.

Beuys, die stürzende Waffe, der Hochbeschleunigte. Der ein wenig Unheimliche.

Ja, ich glaube Beuys heute vollständig lesen heißt auch diese Seite zu lesen. Beuys war ein Grüner, ein Basisdemokrat, ein Menschenfreund und Bäumepflanzer, Wärme-Mann und netter Christ. Dass er sich auch als Alchemist und Schamane inszenierte, sich in Filz gewickelt 3 Tage lang mit einem wilden Koyoten in einem Raum einschloss, um zu diesem Tier Kontakt aufzunehmen, sagt mir noch etwas anderes. Es sagt mir, dass Kunst, wenn sie mehr sein will als bloßes Unheimlichkeitsdesign, Chaosdesign, Schmutzdesign, Provokationsdesign, Destruktionsdesign – es sagt mir also, dass Kunst zur Kunst wird, erst dort, wo sie sich in die Konstruktion begibt, Verbindung sucht, und eben erst deshalb und davon berührbar wird und berührend. Weil sie ordnen will, ist ihre Ordnung gefährdet. Und erst diese Gefährdung berührt mich. Beuys ging aufs Ordnen und Richten. Er hat nie einfach herum gefriemelt, Geschmack oder Design produziert. Und er hat seine Aktionen nie als Pyramiden inszeniert, die bereits die Form eines zusammengefallenen Haufens, also ihre Destruktion, feixend vorwegnehmen. Und deshalb fällt mir auch wieder ein, warum seine Arbeiten oft eine solche eigenartige Zärtlichkeit ausstrahlen. Alle seine Materialien streicheln über die Haut der Wirklichkeit. Sie ziehen dort ein, wie ein Film. Aber sie treten auch aus dieser Haut hervor wie Absonderungen. So wie er sie arrangiert und geordnet hat, sind es Schmierstoffe und Absonderungen zugleich. Ihre Viskosität und dass Amorphe beinhalten oder transportieren eine komplementäre Erzählung als Praxis. Seine Metalle blühen auch zu Waffen, rostig oder blank, das Kupfer der Projektile. Das Messing der Hülsen. Das Zink der Blechnäpfe – es blüht aus und blüht uns. Sein Fett ist auch das Motorenöl, das Schmierfett der Gewehre, Maschinen und Panzer, das Öl der Technik. Und sein Filz der Stoff der schrecklichen Winter, der Uniformen, der Stiefel, der Massen und der durchschossenen Filze von Stalingrad. Massentodprodukt. Sein Gold kennt die Gier und das Blut; und der Honig als träge Masse, süß, aber in Litern gepumpt, hochenergetisch, ist eben deshalb irgendwie auch frivol und über-viel, erstickend. Als Aggregatzustände der Seele zeigen diese Materialien: Wärme – und Kälteplastik. Fluss und Erstarrung. Anpassung und Widerstand. Gewinnung und Verbrauch. Der Filz, als Gesellschaft aufgefasst, trägt unangenehme und darin auch zeitgemäße Assoziationen mit sich. Insofern hat Beuys den Filz am konsequentesten alegorisch rekonstruiert. Vielleicht erzählt das Viskose und die träge dahin fließende Substanz, das Schmelzende und Amorphe, das Verfilzte, Ausgeblühte, Fettige und Seifige, diese ganze weiche Schicht und Margarine- Struktur unserer Wirklichkeit von einer wirklichen, sehr tiefen, sozusagen gültigen Wahrheit. Die immer irgendwo in der Mitte liegt, nie ganz fest. Sie sind präzisierte Wirklichkeit und keine Kunst – im positiven Sinne keine Kunst. Und deshalb eben doch wieder Kunst.

Ihr nie ganz entschiedener Aggregatzustand verweist so den Messianismus und Schamanismus, den Ideologie-Komplex, den man Beuys auch unterstellen kann, überraschend in die Richtung eines Realismus mit Weltnähe, in Richtung einer Wirklichkeitsfreundlichkeit, die ich ehrlicher und genauer finde als bloß behauptete Menschenfreundlichkeit. Seine Arrangements sind insofern auch Stoff gewordene Realpolitiken der mittleren Zonen. Die Kanzlerin Angela Merkel könnte eine Plastik von Beuys sein. Kernseife und Jeder-Menschin. Ihr Charisma ist substanzieller, innerlicher.

Gewinnungen also, gewonnene Stoffe, gewonnenes Metall, gewonnener Honig, Fett und Wolle – gewonnene, geronnene Welt. Und genau das, diese Gewinnung eben als ganz unironische Realpolitik von Wirklichkeitsermittlung verleiht ihnen ein inneres Charisma, das sich nicht aufdrängt oder laut verausgabt. Weil es eben da ist und nicht produziert oder simuliert werden muss. Es ist substanzieller, weil es stoffliche Substanz hat und damit mehr Kraft, mehr Physik. So erreicht Beuys auch mich in meiner Gegenwart. Deshalb erscheint er mir so monumental gegenwärtig. Deshalb haben seine Werke eben nichts mit chicer Verwirrungs- oder Irritations-Attitüde zu tun, nichts mit Schmutz-Design und noch viel weniger mit Provokation. Und überhaupt nichts mit neuniedlich behaupteter Profanität. Oder dem, was man gerne „Reduktionen“ nennt. Und schon gar nichts mit Kritik am Zeitgeist. Dieses Werk zeigt womöglich einen sehr puren Realismus, ja auch einen Technologismus und eine Vernünftigkeit, dass selbst der Künstler, also Beuys selbst, das nie so ganz wahrhaben mochte oder ausgehalten hat. Weshalb er eben selbst schamanistische oder para-religiöse Überschmückungen vornahm, die dieses schöne Werk aber gar nicht braucht. Aber das wäre nur eine Spekulation, dass Künstler den eigentliche Charakter ihres Werkes bewusst oder unbewusst auch verschleiern.

Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinaus weist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.

Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem „zurecht geschossenen“ Schädel. Nein, er war nicht gelassen.

Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.

Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:

„Der Schneemann.“

Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.

Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.

Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Achsomenschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich. Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.

Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.

Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist.

Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich für Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.

Warum sollte das weniger warm sein?

Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen“ lassen?

Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zu recht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Seht die Risse, macht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.

Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:

„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“

Oben am Himmel ein leises Flugzeug.

Was war mit Albert Einstein los?

Neulich bin ich erschrocken.

Den Mann muss man nicht mehr erklären.
Kennt man, den Mann. Und jeder weiß ungefähr, was mit dem lustigen
Strubbelhaar – und Strickjackenprofessor in Verbindung zu bringen ist.
Das habe ich auch gedacht – bis ich herausfand, dass
Albert Einstein vor allem eins war. Er war……

…und das in einem – sozusagen – extremen Sinne.

Atombombe

Einstein: „Mein größter Fehler.“

Seine Leistung, die eigentliche Leistung bezeugte sich weniger darin, dass er Raum, Zeit, Masse, Energie in ein Verhältnis gesetzt hat; diese Entdeckungen sind beinahe pille palle gegenüber der eigentlichen Grundbewegung – nein, sind sie nicht – aber mindestens ebenso – äh, nein, doch, ich sage jetzt einfach: noch viel erschreckender ist die bewusstseins-seitige Grundbewegung, die zu diesen Entdeckungen geführt hat.
Der eigentliche Punkt, und das wirklich Haarsträubende an der Vorgehensweise Albert Einsteins war eine Grundbewegung von Bewusstsein.

Das habe ICH bisher nicht gewusst.
Das war MIR gar nicht so klar – bisher.

MAN hat das bisher immer ein wenig versachlicht,
in dem MAN von Beobachter-Verhältnissen gesprochen hat
Der Beobachter und sein Standpunkt.

Ein Beobachter in einer beschleunigten Rakete…

MAN stelle sich einen Beobachter auf einem Lichtrahl reitend..usw

Zu den ersten Überlegungen Einsteins – noch von Ernst Mach inspiriert,
gehörte ja, dass ein Mensch in einer beschleunigten Kiste die
selbe Schwerkraft erfahren könne, wie wenn er still auf der
Erde stünde.

…oder viel mehr auch: dass er sich ebenso in einer fallenden
Kiste als schwerelos empfände. Wenn sie verschlossen ist,
weiß er nicht, ob er im Weltraum schwerelos oder hier in
einer Kiste fällt, schwebt oder steht. Das war tatsächlich Einsteins
originärer Funke –

Das nimmt man heute so hin und denkt sich – naja, coole Überlegung, klar.
Aber mir war neulich klargeworden, dass diese Überlegung, und damals,
eigentlich überhaupt nicht klar war, und sie war –
und als ich dann länger darüber nachgedacht hatte – wurde mir immer klarer:

Sie war auf wundersame Weise asozial.

Wer so etwas denkt oder denken konnte, muss ein asozialer
Typ gewesen sein.

Weil eine solche Überlegung, das ICH relativiert.

Eine asoziale Überlegung.

Denn dass „ICH“ in der Welt ist normalerweise etwas,
dass eine Meinung verteidigt, eine Haltung, einen: Standpunkt.

Seine ontologische Gravität. Sein Gewicht. Seine Nichttauschbarkeit.

SEIN Wissen. SEIN Können. SEIN Machen. SEIN Tun.

Heute würde man wieder sagen: SEIN Mensch. SEIN Subjekt. SEIN Schicksal.

Dieses ICH hat einen Ort und der ist nicht tauschbar.

Und manchmal behängt sich dieses Ich noch
zusätzlich mit schweren ICH – Mänteln und ICH -Blei-Gewichten
aus Überzeugungen, „Erfahrungen“, und das Unschönste
eines solchen schwer behängten ICHs ist dann: Die Haltung.

Das ICH ist grundsätzlich etwas, dass verteidigt gehört
gegenüber….

….gegenüber was?

Gegen die Tauschbarkeit seines Standpunkts.

Nichts ist ja bedrohlicher, kaum etwas ekliger als ein
Hinweis, der sagt: DU und dein Standpunkt bist tauschbar.

Nicht Unhöflichkeit, nicht Ignoranz, nicht Gleichgütltigkeit ist asozial.

Wenn jemand sagt: „Alles schön und gut, aber ich kann deine Kiste sehen.
Deine ICH-Kiste, in der DU so wunderbar zu Hause bist. DU denkst DU
bist SCHWER, dabei bist du nur fremdbeschleunigt.“

Fahrstuhl

Fahrstuhl

Ich…

Einstein nimmt dieses Ich und sagt,
DU kannst deinen Standpunkt haben, aber er ist in jedem Fall
– eine Kiste, ein Fahrstuhl, oder ein Fall….

Dein Standpunkt ist beweglich, tauschbar.

So etwas zu denken, ist asozial.

Wenn DU DICH wichtig, schwer und massiv fühlst, dann könnte es sein, dass DU nur
ein ganz feines Häärchen bist, das in einer sehr schnell beschleunigten
Kiste liegt, die nicht mal DIR gehört, von der DU noch nicht mal etwas weißt.

Und wenn ICH gerade so schön schwebe, dann könnte es sein,
dass ICH einfach nur falle.

Ach Albert, ich bewundere Dich für deine Theorie, aber ich liebe
Dich für diese gigantische Asozialität.

Asozial ist nicht, wer die Anderen durch Andersheit in Frage stellt.
Asozial ist, wer das ICH in Frage stellt. Seinen Standpunkt grundsätzlich relativiert.

Dem ICH seine ICH-KISTE aufzeigen, das ist asozial.

Nicht Feindschaft ist asozial, sondern die Relativierung von Standpunkten,
und zwar von allen Standpunkten.

Wer sich gegeneinander Feind ist, kommt bestens miteinander klar.
Feindschaft ist sozial. Streiten ist sozial. Widerspruch ist sozial.
Selbst der Krieg – in gewisser Weise – leider leider – gehört zur Sozialität.

Etwas das noch nie ausreichend gewürdigt wurde.
Dieser Albert Einstein könnte heute oder hätte damals auch
gelesen werden können – als ein Gesellschafts-Utopist.

Manche ekligen Iche, die heute so schwerstbeinig sozial in der Gegend herumstapfen,
Stark-verhaftete ICH-Gebisse in den ICH-Gesichtern und ICH-Mänteln
in den schweren ICH-Möbeln…

…na was denn?

…sitzen vielleicht nur in einer fremd beschleunigten Kiste?

Und die Schwebenden, die Leichten, die Tanzenden? – fallen sie?

Jut, jut, ist unappetitlich, solche Fragen letztgültig zu übertragen
oder zu beantworten.

Aber schön wäre, eine Gruppe, ein Häuflein, ein Gesellschaftchen
gelegentlich mit einem Klima dieser Frage zu versehen.
Jede einzelne Psyche gehört mit einem Deo dieser Frage besprüht.
Das Deo Albert

Einsteinisch desodorierte Psychen, weniger schwere ICH – Gerüche.

Manche ICH-Psychen riechen einfach zu streng unter ihren ICH – Achseln.

Das Irre, das wirklich Verückte, zeigt sich darin, dass es eine
Bewusstseins-Bewegung war, die diese Welt damals in ein energetisch heißes
und physisch und kosmologisch neu aufblitzendes Zeitalter überführt hat.

Einsteins Ideenleistung war vielmehr eine Kongenialität als eine Genialität.

Der Beginn dieser neuen physischen Epoche war eine Hinterfragung
von Beobachterstandpunkten.

Genau das hätte eigentlich eine riesige Chance sein können.

Eine Epoche der bewegten Bezugssysteme.

Aber es wurde die Epoche der irritierten Systeme
(Heiner Müller, Hamletmaschine, Der Auftrag: Mann im Fahrstuhl)

Leider später bald: Ein paar Millionen Grad Celsius im Kern dieses Ereignisses.

Aus Kisten wurden Särge.

Nein, Albert Einstein, Du bist nicht Schuld an der Atombombe.
Schuld sind die, die es nicht aushalten, einfach nur zu sein.

Schuld sind die, die unbedingt ICH sein müssen.

Die schweren Kerne des ICH, die schweren ICH – Uran – Kerne.

Sind sie instabil? Wie schnell zu spalten? Wie süchtig nach Spaltung? Nach Strahlung?

Die schweren ICH-Kerne sind künstliche Isotope. Sie müssen in jedem Fall angereichert
werden. Künstlich. Sie kommen in der Natur nicht vor. Schwere ICH-Kisten.

Aber auch das ist so nicht wahr. Es wäre zu einfach….

Man hat das nicht verstanden damals und es war nicht auszuhalten,
bis heute nicht. Das ICH darf nicht relativiert werden.

Zu Not wird es bis aufs Blut verteidigt.

Und ja: Das ICH darf nicht verdampfen.

Ein soziales Ich, muss ganz unrelativ ICH sagen dürfen,
damit ein DU überhaupt möglich wird.

Denn wo kein ICH, da kein DU.

Trotzdem. Die allzu schweren ICHe, wie sind die?
All diese ICHs und DUs, die vor lauter ICH und DU kaum laufen
können. Sie sind nicht immer sympathisch, weil man
ihre Kisten sehen kann. Ihre ICH-Kisten.
Immer wenn ich eine ICH-Kiste sehe…dann…

…ist es langweilig

Nee nee, da falle ich lieber und schwebe ein bisschen.
Ist aber auch eine Kiste. Oder: Kann eine Kiste
werden. Man muss in jedem Fall aufpassen.

Unsympathisch ist, wenn Leute ihre Kisten
an den Mann oder die Frau bringen und das für
„authentisch“ halten.

Es wäre vielleicht besser, wir würden alle nur noch SIE und ER
zu uns sagen.

ER habe Hunger. Er habe Durst. Er liebe Sie.
Sie reibe sich mit der Lotion ein.

Ja, sorry, aber so ganz ohne Asozialität geht es nicht,
wenn man wirklich mal etwas wuppen will.
Da muss man auch mal eine asoziale Schiene fahren.

Albert verzeih, du warst ein guter bis sehr guter Physiker, ein eher
mäßiger bis fauler Mathematiker, ein mäßiger Geigespieler.

Nur zu einem Großen darf man so etwas sagen.

Denn du warst ein umso gigantischerer Naturwissenschaftler.

Du unglaublich asoziale dumme schlaue soziale coole Sau.

Du kannst die Zunge jetzt wieder reinstecken.

Warum es leicht und doch nicht einfach ist.

Das Bewusstsein ist eine Symmetrie-Maschine,
die uns gegeben ist, um die Symmetrie zu brechen.

Eine Gleichgewichtsfunktion, die uns gegeben ist,
um das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein Fließgleichgewicht, dass uns fließen lässt.

Ein Fehler, der uns rechnen lässt.

Ein Schweigen, das zur Sprache bringt.

Ein Dummes, das uns wissen macht

Ein Teufel, der uns Glauben schenkt.

Aber auch: Die Grenze, die uns in Liebende – ent-zweit.

Eine Potentialität, die aus Aktualität hervorging
und sich wiederum in Aktualität (Technik, Zahl, Begriff)
nach – aussen – potenziert.

Erst wenn man sich von den Details, den medizinischen
Diversifikationen und Komplexitäten in den Beschreibungen der
Blut-Hirn-Schranke nicht mehr beeindrucken und ablenken lässt,
erst dann kommt man zur eigentlichen, zur physikalischen,
zur kosmologischen Bedeutung dieser Grenze.

Simplifikation.

Die Funktion der BHS als thermodynamische
elektromagnetische und damit als kosmologische und
evolutionär notwendige Grenze zu erkennen – ist so leicht,
dass es offenbar wahnsinnig schwer fällt.

Die Primärdualität unseres Weltverhältnisses
ist die Dualität zwischen Statik (Stoff, Hirn) und Dynamik (Form, Blut.)

Davon abgeleitet alle anderen reflektierbaren Dualitäten, die
immer in einem dialektischen wechselwirkenden Verhältnis stehen.

Aktualität (Blut) / Potentialität (Hirn) (Aristoteles, Thomas von Aquin)

Vollständigkeit / Unvollständigkeit (Frege, Russel, Whitehead, Goedel)

Energie-Erhaltungssatz/Entropie-Satz. (Mayer, Helmholz, Clausius)

Phänomene/Begriffe (Husserl, Wittgenstein)

Welle/Teilchen (Maxwell, Boltzmann/ Planck)

Natur/ Technik (Gott, Wissenschaft.)

Eine Grenze, die uns teilt, spaltet, in all die Dualitäten,
die seit Jahrtausenden das Bewusstsein beschäftigen.

Es geht darum, einzusehen, dass die Trennung der Disziplinen
Medizin und Physik (Mathematik), Biologie, Religion und Philosophie –
sagen wir seit Goethes Zeiten, vielleicht aber schon seit Galileos Zeiten
in die Spezialisierungen und schließlich in die Hochspezialisierungen eingemündet ist.

Vielleicht war dies notwendig, um in den einzelnen Disziplinen
„Effizienz“ zu ermöglichen. D i s k r e t i o n.

Aber die Primär-Diskretion aller Diskretionen, die Primär-Barriere
aller Barrieren – ist die Barriere zwischen Blut und Hirn, die nichts anderes
darstellt als die Barriere zwischen Denken und Leben, Kunst und Forschung
Religion und Wissenschaft. Ratio und Gefühl.

Die Kultur dieser Barrieren war seit Jahrtausenden anthropologische
Barrierenkultur, welche in konstruktiver Destruktion (Krieg) und destruktiver
Konstruktion (Liebe) – die dialektische Verhandlung zwischen GRENZEN
dynamisierte.

Und schließlich und endlich dynamisierte sie die Reflektion des
Bewusstseins – nach aussen. In die FUNKTIONEN der TECHNIK
als konstruktive Resonanz (Verifikation) oder destruktive Resonanz
(Falsifikation) – in zeitlich fortlaufender Wechselwirkung in den
ERFOLG des Überlebens hinein. In die Wechselwirkungsmaschine
zwischen TRIAL and ERROR. VERSUCH und IRRTUM.

Seit Planck steht aber die gute alte Rationalität in der Irritation,
dass sie sich beim Forschen permanent selbst begegnet.

Und diese Selbstbegegnung konnte nur wieder „wiederspruchsfrei“
operativ werden, indem man eine „Diskretion“ zugleich wahrnehmen
als auch konstruieren musste, damit der wissenschaftliche Hase operativ
irgendwie weiterlaufen konnte. Und das tat er auch, weil es so gut
funktionierte.

Die Funktion aber ist falsch. Sie ist nicht die „Wahrheit der Natur“
Die Trennung und Dialektik zwischen „Welle“ und „Teilchen“ ist nichts
anderes als die xte Perpetuierung der Trennung zwischen Blut und Gehirn.

Die Quantentheorie ist objektiv falsch.

Es gibt keine „Teilchen“ Nur „Formen“ als Zeitformen (Wirbel)

Weil die Symmetrien in unserem Kopf Asymmetrien sind.

Zahlen sind Wirbel.

In der ganzen Natur existiert keine einzige Symmetrie,
sondern nur ein Wechselverhältnis zwischen
Symmetrie und Symmetrieverlust.

Dieses Verhältnis beschreibt das Verhältnis
von Energie und Information als Schwingung.
(Reflektion)

Das umklappbare Bewusstsein.

Es könnten bald Zeiten anstehen,
in denen es als phantasielos gilt, eine Idee
zu haben, und in denen das Vermeiden von
Ideen eine Qualifizierung darstellt.

Herrmann von H. Genius der Einfallslosigkeit

Ein kommendes Zeitalter, in dem man sich der Kreativität, der Ideen und der Phantasie nur noch erleichtert erinnert, wie an ein abgelegtes Laster. Der so genannte Kreative oder überhaupt: die alte Kreativität wäre, sofern man noch von ihr belästigt wird – dann nur noch prollig. Wer in diesem Zeitalter noch mit Projekten durch die Gegend läuft, ist einer von Gestern.

Die Kraft der negativen Effizienz

So wäre bald auch ein Nobelpreis für das Nichtentdeckte zu erwarten.
Ein Ehrenpreis für das Verborgene.  Ein Literaturpreis für das Ungesagte.
Dem Genius des größten ausbleibenden Einfalls.

Patente für ungesagte Sätze, Fördergelder für nichterfundene Patente,
Lesungen ungeschriebener Bücher (Schweigungen.)

Diese alte  – hysterische Produktivität – wie war die?

Jahrhundertelang waren Menschen in Mitteleuropa Ideenhaber
und Produzenten, darauf trainiert – gegen – die natürliche Knappheit
und Verfalls-Tendenz aller Dinge stark anwirtschaften zu müssen.
Der Imperativ lautete immer: Tue etwas.

Das Produzieren und Erfinden hatte zur Plausibilisierung als Gegenstand
den natürlichen Verlust, das Abwesende.

Schaffe Anwesendes gegen das Abwesende.
Lass Dir was einfallen. Sei Kreator, denn
der Tod, der Verlust, der Fehler, ist mächtig.

Die Maschine, die den Ingenieur erfindet.

Wenn ein tüchtiger Ingenieur – damals –  eine Maschine konstruierte,
dann erzeugte er sich selbst zugleich mit als Handelnden,
der eine möglichst positive Energiebilanz – im Gerät –  anstrebte.

Die beste Funktion.

Aber die Maschine erzeugte immer auch den Ingenieur.

Dieser Ingenieur hatte versucht, eine Maschine zu bauen,
die möglichst wenig thermische oder informelle „Verluste“ streute.

Er wollte: Dichtigkeit. Positive Effizienz.

Er wollte: Einen Arbeitskreislauf erfinden, entwickeln, bauen, verbessern,
der möglichst viel von der hinein-investierten Energie in möglichst hohen
erwünschten und nutzbaren Effekt/Arbeit umwandelte (Hoher Wirkungsgrad.)

Ein Naturgesetz sagte ihm, dass ein perfekter, optimaler,
Wirkungsgrad 1 nie erreicht werden kann. (Kein perpetuum mobile.)

Und der vorbildliche Ingenieur kannte dieses Naturbeschränkung auch,
aber das trübte seinen Ehrgeiz nicht. Im Gegenteil, er wurde davon
angestachelt, seine Konstruktion noch besser, noch dichter zu verfügen,
denn er wusste, dass er sich diesem Wirkungsgrad unendlich dicht
annähern konnte, obwohl er ihn nie zu 100 Prozent erreichen würde.

Auch wenn er noch so perfekt konstruierte –
ein winziger Verlust blieb – ihm –  immer.

So zeigte sich ein Movens der Evolution erkenntlich.
Der kleine Verlust, der nie und nimmer einzuholende
kleine thermische Fehler –

– dieser Fehler, dieser nicht einzuholende Verlust bewegte den Ingenieur dazu
Ingenieur zu sein – und immer noch eine bessere Idee der Abdichtung zu haben.

Der kleine thermische Fehler – war die Maschine, die den Ingenieur erzeugte.

So gesehen war der Ingenieur, auch der Unternehmer,
eigentlich kein autonom Handelnder, er war logische Folge
eines thermischen Verlustes, einer undichten Stelle.

Der Ingenieur war selbst ein Produkt der Thermik.

Der Verlust, der kleine, die undichte Stelle,
der nächste Fehler – wärmte den Ingenieur, beleuchtete ihn
und ließ ihn beruflich wachsen..in die nächste, bessere Konstruktion.

Der Verlust – erfand den Erfinder.

Das Abwesende zeugte das Anwesende.

Das Gerät schenkte Verluste. Der Konstrukteur bot „Dichtungen“,
und positive Effizienz. Die nächst bessere Funktion. Ein Tausch.

Rudolf C. Vater des Verlustes

Der Verlust war die Mutter des Ingenieurs.

Der Fehler war der Vater des Mathematikers.

Die Fehlstellen waren die Eltern von Ideen.

Ohne Verluste, ohne Fehler, keine Mathematik.

Hier, an dieser Stelle, könnte bald einmal
das ökonomische, das gesellschaftliche Bewusstsein umklappen.

Wenn die Produktivität einer Informationsgesellschaft eine gewisse Schwelle
erreicht, dann kippt etwas, dann macht die alte Plausibilisierung:
Produziere und konstruiere das Anwesende
gegen den Verlust an. – keinen Sinn mehr.

Weil die Abschüssigkeit der verlusthaften Thermik nunmehr
nach der Seite der Produktivität gekippt ist.

Die Entropie streut jetzt nicht mehr Wärme. Sie streut Dinge, Produkte,
Teile, Varianten, Diversifikationen.

Die Ökonomie wird jetzt selbst zu einer undichten Maschine,
die sich immer mehr unerwünscht öffnet. Und ihr Ausstoß wird
jetzt plötzlich zu einer Belastung wie bei einem undichten
Motor in früheren Zeiten.

Die Produktivität selbst ist dann der Verlust.

Undicht ist jetzt immer weniger die einzelne Maschine.
Undicht wird die Ökonomie als solche. Die Produktion,
die Wärmestreuung in unendliche Diversifikationen,
in Klein und Kleinstdifferenzen, Phantsamen, Farb-
kombinationen und Individualabspaltungen in Teilen und Teilesteilen –

Plötzlich ist „die Produktivität“ der Verlust. Ab jetzt gehört „Kreativität“
zu den Verlusten, die zu vermeiden sind.

Jede neue Idee wäre eine Belästigung.

Die vielen Ideen und Verbesserungen werden zum Fehlerbösen,
zum Krebs einer Ökonomie, die in Produktivität hinein wuchert,
sich hinein streut: Die Sinnerzeugung ohne Zeugen. Die Effizienz
ohne natürliche Verlust – Plausibilität.

Ideen, Bücher, Projekte, Konzepte werden zunehmend mechanisch
abgesondert. Die Ökonomie kann – ihr Wasser nicht mehr halten.

Sie wird selbst – undicht.

Schließlich wird sogar die Fortpflanzung der Produzenten selbst
fragwürdig.

Weil „Die Pille“ – oder „Die Verhütung“ nun die Funktion einer „weichen Bombe“ der Menschenvermeidung als informationelle Bombe übernimmt.

Evolution der Anwesenheit: Ein besonders bewegliches Stativ.

Wenn das einmal angekommen ist, dann wäre es möglich,
dass eine Politik, eine Gesellschaft, eine Ökonomie mit Abwesenheiten
ebenso produktiv und konstruktiv umgeht, umgehen muss,
wie mit Anwesenheiten.

Abwesenheit würde plötzlich wertvoll.

Die Kunst, die Herausforderung, bestünde,
dann nicht mehr darin, etwas zu produzieren,
eine Idee zu haben oder ein Buch zu schreiben,
sondern genau umgekehrt:

Man müsste jetzt damit beginnen,
Ingenieure des Nichtstuns auszubilden,
Professoren der Unterlassung,
Spezialisten der Einfallslosigkeit,
Erfinder von klassischen Verlusten…

Universitäten für Irrtümer.

Kurz gesagt: Die Gesellschaft müsste ein produktives
Bewusstsein für „negative Effizienzen“
entwickeln.

Man erkennt  hier, dass die Realität selbst immer und überall
ontologisch „undicht“ ist.

Das thermische  und informationelle Undicht-Sein der Realität
treibt jede Entwicklung voran – in die nächste Funktion/Expansion.

Bis jetzt funktioniert unsere Realitätsmaschine als eine
klassische Maschine, die Fehler gegen Funktionen, Abwesendes
gegen Anwesendes eintauscht.

Da das  klassische Bewusstsein
aber nur mit Anwesenheiten rechnet,
kennt es nur die „positive“ Effizienz.
Die „positive“ Maschine der Anwesenheit.

Weil das eine einseitige Ökonomie ist, häufen sich in ihrem Rücken,
die nicht-bewirtschafteten Fehler an: Umwelt, Kreditblasen, Überproduktion.

Sie selbst aber kennt bis jetzt nur das „Fehlerböse“ – dass der Effizienz
entgegensteht.

Unser Bewusstsein ist  heute noch nicht in der Lage, mit
„Abwesenheiten“  rational  zu rechnen – und sie als
Produktivkraft zu entwickeln, zu pflegen und zu gestalten.

Ein umklappendes Bewusstsein müsste realisieren, dass ab
einer bestimmten Schwelle von Produktivität jedem Tisch,
jedem Ding, jeder Glühlampe – ein Nicht-Tisch, ein Nicht-Ding,
eine Nicht-Glühlampe gegenübersteht.

Ein umklappendes Bewusstsein könnte irgendwann damit beginnen,
dem Nichtvorhandenen, dem Abwesenden, genau so viel Produktion
zu schenken wie dem Anwesenden.

Der Nicht-Tisch würde plötzlich wertvoller
und schwieriger zu realisieren als der Tisch.

Das umklappende Bewusstsein sollte wissen,
dass auch eine Unterlassung, ein Nichthandeln
genau so produktiv ist – also realitätserzeugend, wie
ein „positiv effizientes“ Machen und Tun und Herstellen
und Konstruieren.

Denn ab einer bestimmten Schwelle ist jedes Produzieren simpel,
ontologisch brutal.

Etwas zu produzieren und zu konstruieren kann dann so brutal
und einfallslos sein, wie heute etwas zu zerstören oder kaputt zu machen
oder zu töten.

Es könnte sogar sein, dass ab einer bestimmten Schwelle
der Produktivität den 10 Geboten noch ein 11 hinzugefügt
werden müsste:

Du sollst nicht produzieren.

Und zwar in dem Moment, wenn das Abwesende ontologisch
in der Minderheit ist.

Weil es aber heute für Abwesenheiten nur eine Sprache
und ein Zeichensystem gibt, dass  Abwesenheit sofort
in den Zeichenhaushalt einer Positivität einspiegelt:

„Es ist kein Tisch da.“ – so ist das Bewusstsein selten in
der Lage, sich bewusst produktiv zur Abwesenheit zur verhalten.

Es könnte ja auch anders reagieren – so als Techniker der Abwesenheit:

„Da ist kein Tisch. Warum nur ein Tisch? Wäre es nicht besser,
es würden alle Tische da nicht sein.

DA – ist kein Tisch!

Die Produktion von „positiven Effizienzen“ eskaliert heute
oft noch in die Brutalität des Anwesenheits-Schwachsinns,
weil ihr keine Entsprechung in Produktivität von
„negativen Effizienzen“ gegenüber – gedacht wird.

Der Tisch, der nicht DA ist.

Gäbe es ein ausgeglichenes bewusstseins-seitiges
Verhältnis zur Abwesenheit, könnte sich eine Ökonomie
zumindest teilweise von einem permanenten krebsartigen
Wachstums-Stress emanzipieren, die all ihre „positive“ Effizienz-
produktion irgendwann auf das brutal „Fehlerböse“ eines
Totalzusammenbruchs einer Hyperkrise abläd.

Eine Ökonomie, die bewusst immer kleine Minikrisen produziert,
wäre dann gegen die große sich als Potential anstauende Hyperkrise
abgesichert.

Früher waren Kriege für negative Produktivitäten verantwortlich.
Und heute ist es die Pille als weiche Bombe, welche die Wachstumsraten
in den Industrienationen an den „Entscheider“ oder die „Entscheiderin“
deligiert. Dies aber blind. (Die Pille und die Verhütung sind  als informationeller „Tausch – Effekt“, als Gegenwendung gegen den Produzenten, noch nicht verstanden.)

Eine Gesellschaft, die keinen Krieg mehr will, und auch den weichen Krieg der Menschenvermeidung nicht mehr blind führen will, braucht eine andere
Form von bewusster – negativer Effizienz.

Die Gesellschaft, eine Ökonomie, braucht
in Zukunft mehr Ingenieure des positiv Undichten.

Denkbar wären in Zukunft „negative“ Maschinen zur
geregelten Produktion von Verlusten. Realitätsmaschinen
mit einer offenen Stelle, durch die wir entweichen können.

Gemeint wäre hier also nicht die Abschaffung des Kapitalismus,
die bloße Faulheit oder Lässigkeit, eher ein wissendes,
bewusstes und  produktives Verhältnis zur Abwesenheit, das
die Abwesenheit selbst kapitalisiert. Ein positives Verhältnis zur
negativen Effizienz, dem ein negatives
Verhältnis zur positiven Effizienz gleichberechtigt gegenübersteht.
Ein Unternehmertum dem ein Unterlassertum bewusst
gegenübergestellt wäre, um in der Ballance von positiver und negativer
Effizienz ein Klima der ontologischen Gelassenheit zu erzeugen.

Briefmarke ohne Erfinder

Briefmarke ohne Erfinder

Der Taxifetisch, Teil 6

zum 1. Teil
zum 2. Teil.

zum 3. Teil
zum 4. Teil

zum 5. Teil

Es handelt sich um einen ganz bestimmten Punkt, den ich vor der Einfahrt einer größeren Geschäftsbüroimmobilie auf einem stehengebliebenen Mauervorsprung in etwa 90 cm erhöhter Position wartend einnehme. Aus der Beobachtung weiß ich, dass Taxifahrer diesen Ort auf eine besondere Weise anfahren, und zwar so, dass sie von mir aus betrachtet von rechts kommend vor einem Poller anhalten, den ein talentfreier Architekt glaubte aufstellen zu müssen, damit sein hässlicher Kunstmarmor, mit dem er einen weiten Vorbereich des Eingangs belegt hat, nicht mit Reifenspuren entehrt wird. Da mein Mauervorsprung hier an einer sehr günstigen Stelle von einer dicken Kastanie abgedeckt wird, bin ich für einen Ausschau haltenen Taxifahrer solange nicht zu sehen, bis ich mit einem größeren Schritt von dort auf einen Designerpapierkorb übersteige, auf dem ich dann aber ganz plötzlich in voller Pracht gesockelt und ungefähr vier Meter vom Taxi entfernt wie aus dem Nichts im seitlichen Sichtfeld des Fahrers als eine Art „Denkmal des unbekannten Fahrgasts“ auftauche.
Ich muss in diesem Fall nicht lange warten, er kommt nicht zu spät, er kommt nicht zu früh, er kommt genau richtig. Ich bin bereits sehr erregt und es fällt mir wirklich schwer, den richtigen Zeitpunkt für den Überstieg abzuwarten.
Was haben wir denn da, sieh an, sieh an – nicht einmal Hausmannskost heute, sondern Skoda, wirklich ungewöhnlich.
Taxi. Auto. Gelb. (Ich muss diesen inneren Tic noch in den Griff bekommen, halb Dirty Talk, halb Tourettsyndrom, immer wenn’s wirklich heiß wird.) Ich steige über auf den Papierkorb. Da stehe ich nun, und sehe Taxi, Auto, Gelb – mein Schokobienchen. Der Fahrer hat noch nicht ganz realisiert, dass ich da bin, denn er schaut in Richtung Eingang, was ganz falsch ist! Also muss ich nachhelfen und rufe ziemlich laut: „Taxi, Auto, Gelb – hier bin ich!“
Jetzt duckt er sich ein wenig seitlich herunter, und schaut durch die Seitenscheibe, da mein Ruf ja aus einer Nähe kam, die er nicht vermutet hat. Und nun, genau so, wie es sein muss, sieht er etwas, und was er aus seiner Perspektive sieht, sind ein paar grünmetallic glimmernde Fliegenlackschuhe unter Stachelbeerwaden und weinroten Hochwasserhosen auf einem Designerpapierkorb. Ich rufe jetzt zur Sicherheit noch einmal laut: „Ja. Ja. Hallo, Hallo, Taxi, Auto, Gelb. Das ist für mich!“
Nun beugt er sich noch weiter herunter, so dass ich gut beobachten kann, wie mein Auftritt in seinem Gesicht einschlägt. Äußerlich geschieht eigentlich gar nicht so viel, außer dass seine Unterlippe etwas stramm in den Mund einkippt, während seine Augen eher sachlich bleiben und mich anschauen, als würden sie versuchen, aus der Entfernung ein ganz neues, kompliziertes Verkehrsschild zu interpretieren. Ich winke ihm freundlich zu, mit der linken Pfote, wie eine goldene japanische Bierkatze und rufe noch einmal: „Ja. Ja. Für mich. Hallo, Hallo, Auto. Taxi. Gelb!“
Als ich sehe, wie er auf die etwas ausgeprägte Beule in meiner Hose schaut, rufe ich: „Das hat nichts zu bedeuten. Ich bin Herr Behrend, sie kommen doch für Behrend. Auto, Taxi, Gelb. Ist für mich. “
Nun gibt er sich endlich einen Ruck und steigt aus, bleibt aber gleich an der Tür stehen, guckt mich wieder an und sagt jetzt, wie mir scheint, mit etwas aufgesetzter Munterkeit:
„Aber hallo – für Behrend, ja klar.“
Ich steige wie Moses vom Papierlorb zu ihm herab und laufe pitoresk und geräuschvoll auf ihn zu. (Wegen der handgeschmiedeten Scharniere in den Sohlen hört er zwei quietschende auf- und zuklappende- Truhendeckel näher kommen.) Und bleibe, etwas zu dicht vor ihm stehen, da er ja wegen seiner Position vor dem Auto nicht zurückweichen kann, schaue ihm mit meinem ausgeschlafenen Cajal-Blick in die Augen, reiche ihm meine fleischfarbene Hirschlederhand und sage: „Aber hallo – Auto, Taxi, Gelb, für Behrend, ja klar.“
Da er nicht ganz genau weiß, ob er jetzt lächeln oder einfach nur irgendwie gucken soll, enscheidet er sich für ein verbales Ausweichmanöver: „Schöne Schuhe…“
(Wenn er wüsste, welche Freude er mir damit macht!) Ich sage, immer noch dicht vor ihm stehend, mit großer Euphorie in der Stimme: „Ich kann sie doch anlassen, oder?“
Er darauf, mit einer hochinteressanten Mischung aus resigniertem Ausatmer und gedämpfter Munterkeit: „Aber immer doch… immer rein in die gute Stube.“
„Dann fahren wir beide jetzt los.“ – sage ich, lasse ihn frei und quietsche zur Hintertür. Er wiederum macht keinen Versuch, mich vorne auf dem Beifahrersitz zu platzieren, was ich als Zeichen dafür werte, dass er schon nicht mehr ganz konzentriert ist und es in seinem Wald zu pfeifen begonnen hat.

Wie immer verzögert sich der Einstieg noch etwas, weil ich das Geld verliere. Etwa 400 Euro in kleinen Scheinen und ein paar Münzen fallen mir irgendwie aus der Tasche, just in dem Moment, als der Fahrer noch einmal einen Blick auf seinen Fahrgast riskiert. Zum Glück weht kein Wind, so dass er mir nicht helfen muss, (was auch schon vorkam), und er also nicht in aller Öffentlichkeit gemeinsam mit einem peinlichen Menschen kleinen undeutlichen Papierfetzen gebückt über den Kunstmarmorvorplatz hinterherhaschen muss, von denen er ja nicht ganz zu unrecht annimmt, dass sie später womöglich auch in seinen Besitz übergehen könnten.
„Das geht schon. Steigen Sie doch schon mal ins Auto Taxi Gelb.“ – sage ich deshalb, um ihn zu beruhigen, und sammle den Haufen schnell wieder ein.
Dann schließt sich die letzte Tür. Und ich sitze in meinem TAXI. Nur für mich. Ganz allein. Der Fahrer, freundlich jetzt, fragt, wo ich hin möchte und ich nenne ihm mit gepresster Stimme eine Adresse am anderen Ende der Stadt. Er fährt los.
Keine Automatik. Es schließen meine Augen sich mit dem Pedaldruck. Es schaltet in den Nacken meinen Kopf. Und irgendwo da vorn, nicht weit von mir, rotieren feine Zungen im Getriebeöl. In die Leitungen schlägt der Steuerfunke. Durch die Öffnung drückt Nässe. Pumpt. Schießt ein. Brennt. Treibt die Kolben durch den Schacht. Die Öffnung schließt sich. Saugt. Spritzt ein. Platzt. Ich rieche: Diesel. Fossile. Öle. Leben brennt für mich die Schnecken aus vergangenen Meeren. Gesunken. Verdichtet. Gepresst und gefördert. Kopffüsser gehen ins Feuer. Platzen. Hochdruck. Dieselzeit schiebt ins Gewelle, dreht, kippt meinen Kopf. Fasst nach. Die Weichtiere knacken. Ich schwimme über dem Gestänge. Es hakelt. Die Jahre feuern im Block. Knacken. Pumpen. Spritzen ein. Platzen hoch und platzen runter, greifen, kuppeln, züngeln, krallen. Kraft beißt sich fest. Stößt mich ins Polster, Sticht in die Viskose. Schlägt. Kratzt im Stahl. Beißt in den Zahn. Dreht das Rad. Brennt, stößt, reibt, dringt, sticht, drängt! Krümmt sich durchs Rohr und schießt nach außen. Es blitzt.
„War ich zu laut?“ – frage ich den Fahrer. „Ich glaube, ich habe mich gerade ein bisschen nass gemacht. Heftig, heftig, mein lieber Herr Gesangsverein. War aber wirklich gut. Das ist ein sehr schönes Auto, Taxi, Gelb.“
„Nass gemacht“ war wohl jetzt ein Stichwort für ihn. Als er vor einer Ampel hält, dreht er sich zu mir um und fragt: „Alles okey dahinten?“ Ich sage: „Ja – schön alles, ist nur die Hose. Ein kleines bisschen“ Und um ihn noch etwas abzulenken, sage ich noch: „Ich mag auch keinen Ingwertee, aber gucken sie mal, es ist grün.“
Er fährt weiter, schaltet jetzt aber etwas anders, nicht mehr so schön wie vorhin, irgendwie nicht mehr so entspannt. Lässt etwas zu hoch drehen.
Ich sage noch einmal: „Alles ganz okey hier hinten. Richtig okey.“
Es ist auch wirklich okey. Es ist schön. Ein schönes Taxi.
„Unser Taxi.“ – sage ich. „Es ist schön, ein schönes Taxi. Unser Taxi-Schatzi. Hat mich doch gleich ein bißchen durchgenudelt, unser schönes Taxi.“
„Na ja, ist ja auch mein Taxi.“ – sagt er, einen kleinen Stolz simulierend, aber in so einem humorigen Tonfall, wie eben einer glaubt, dass er ihn anschlagen müsste, wenn er mit jemanden redet, der „nicht ganz richtig im Kopf“ ist. Aber ich höre zugleich, wie ihm schon bei den letzten Silben seines Satzes klar wird, dass es wahrscheinlich ein Fehler war und er seine Worte am liebsten mit einer Kohlenzange in seinen Mund zurückgestopft hätte. Denn jetzt sage ich: „Stimmt ja gar nicht. Sie sind nur der Fahrer, aber nicht der Besitzer. Ist ja gar nicht nicht ihr Taxi.“
Und das wiederum stimmt jetzt. Und weil diese Bemerkung so verdammt stimmig ist, sagt er erstmal gar nichts.
Aber so ganz hält er das dann auch wieder nicht durch. Und deshalb murmelt er halblaut nach ungefähr 15 Sekunden: „Na ja, das ist ja wohl auch oft so.“
Ich frage: „Was ist oft so?“
Aber er antwortet nicht. Muss er ja auch nicht. Obwohl ich die Stimmung jetzt als etwas gedrückt empfinde. Andererseits: Er denkt jetzt an mich. Zumal ihn auch gerade der Ingwertee zu beschäftigen beginnt. Keine große Sache eigentlich. Nur dass ihm jetzt einfällt, dass er vor ungefähr einer Woche tatsächlich von jemandem Ingwertee angeboten bekam, den er aber nach einer halben Tasse stehen ließ. Die Spur von diesem Tee war sehr gering, aber dass er sich jetzt gerade schlagartig daran erinnert, riecht, an seinem Nacken, um so stärker, sozusagen zum Himmel. Aber immerhin – er denkt jetzt an mich.
Seine Hand, wie sie jetzt am Innenspiegel nestelt.
Dann sage ich: „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Häuser, die ich eigentlich gar nicht sehen dürfte. Also quasi einen falschen Film.“
Er antwortet nicht. Er fühlt sich ja auch noch nicht direkt angesprochen. Um das zu ändern, füge ich noch hinzu: „Also ich sehe Häuser, die am Rand einer Straße sich befinden, die wir gar nicht nötig haben zu fahren mit unserem Auto, Taxi, Gelb. Fahren wir denn richtig?“
„Na ja, sicher, das ist hier die Tunnelstraße.“
Ich sage: „Ja, die Tunnelstraße, aber müssen wir denn da so sicher langfahren? Nichts ist doch ganz sicher oder? Sind wir irgendwann falsch abgebogen?“
Er sagt: „Also wenn wir da hinfahren, wo wir hinwollen, dann sind wir richtig.“
„Fahren Sie schon lange Taxi?“ – frage ich ihn.
„7 Jahre.“
„Das ist schon eine lange Zeit. Immer die Straßen auf und ab, nicht wahr?“
„Na ja, was soll man machen…gibt schlimmeres.“
„Ich fahre auch gerne mit dem Taxi.“
„Na dann ist ja alles bestens.“
„Ja, wir verstehen uns gut, nicht wahr?“
Er schweigt.
„Sie sagen ja gar nichts mehr.“
„Na muss ja auch ein bißchen fahren, nich…“
Die Königin knistert. Das Schiffchen wiegt sich. Die Wege glänzen.
„Was man eben so macht. – sage ich … sieben Jahre Taxi, und dann über die Tunnelstraße Richtung Süden fahren… schon interessant. Dabei wäre ja Adalbertstraße in den Kreisverkehr rein, durch die Wichert und dann hinterm Bahnhof den Dornweg nach links über das kurze Stück Birnbaumer Straße ja zweikommasieben Kilometer kürzer gewesen.
Aber ist schon in Ordnung. Ich muss mich eben mal ein bißchen tupfen.“
Ich nehme mein Schnuffeltuch ab und wische mir über die Stirn.
„Na ja, der kürzere Weg ist ja nicht immer der schnellere, – sagt er, und redet wieder mit mir, jetzt auf einmal doch wie mit einem Gesunden – Nach dem Kreisverkehr kommen Baustellen.“
Ich sage: „Warum bloß habe ich gewusst, dass sie das sagen werden? Andererseits: Haben wir es denn eilig? Ich habe es nicht eilig mit dem Auto, Taxi, Gelb. Und sind sie sich ganz sicher, dass nach dem Kreisverkehr Baustellen kommen?“
Er antwortet jetzt nichts mehr sondern fährt für sich hin. Er müsste sich jetzt auch sehr genau überlegen, was er sagt.
„Alles okey da vorne?“ – frage ich.
„Bei mir ist alles okey.“ – antwortet er .
„Na ja, man kann ja nie wissen…“ – sage ich.
Ich rede ein bißchen weiter und sage: „Na ja, ich betrüge ja auch, meine Frau zum Beispiel. Hier mit Ihnen.“
Ich weiß, dass es jetzt kitzlig wird. Ich bin bei ihm an einer Grenze. Ich schaue auf den Taxameter und sage: „Was haben wir bis jetzt? 18 Euro?.“ Ich lege ihm einen 50 Euro – Schein nach vorne auf den Beifahrersitz: „Stimmt so. Den Rest gibt’s nachher, wenn wir da sind.
Er fährt. Ich lehne mich in meine Polster zurück. Ich gucke ein bißchen nach oben an den Spannhimmel. Sein Blick im Rückspiegel, ich quietsche mit den Scharnieren und sage nichts.
Dann sage ich: „Sehen Sie, Ich sage schon nichts mehr. Bin ganz ruhig.“
Ich lehne mich nach vorn, zu ihm, stütze beide Ellenbogen auf die Sitze und sage mit sehr warmer leiser Stimme: „Wir beide, hm, wir sind schon ein paar Betrüger, was? Mann, Mann, Mann…
„Ich betrüge niemanden“, sagt er. Und fährt.
„Das ist richtig. Glaube ich Dir. Du bist sauber, oder? Du machst es richtig. Auch nicht manchmal so ein ganz kleines bißchen? Aber du hast Recht, man muss sich wehren gegen solche Unterstellungen. Das ist sehr tapfer. Man muss tapfer sein heutzutage. Aber was mich angeht, ich betrüge schon manchmal. Wenn ich so ganz ehrlich bin.
7 Jahre Taxi. Menschenskind. Und kein einziger kleiner Betrug. Hut ab.“
Wir fahren. Er fährt. Er schweigt. Ich schweige.
Ich lehne mich zurück und lausche dem Wispern der schwarzgelben Königin, die vorne aus dem Gerät funkt und mich schon wieder erregt. Ein Wagen in die Gerdstraße. Nichtraucher. E-Klasse. (Aha) Danke. Taxi, Auto, Gelb. Die Stoßdämpfer, wie sie ins Öl tauchen, in ihre Höhlungen gleiten. Wie das schwarze Gummi über die Steine zittert. Wie das Profil sich spreizt und auf der Straße reitet. Auf und Ab und Auf. Wie es sich wiegt. Wie der kleinen Schalter an den Kontakten leckt. An und Aus. Es summt bis in die Fingerspitzen. Es dringt aus den Schlitzen. Es steigt in die Spitzen. Strom dreht sich. Die Feder spannt. Die Beläge greifen. Reiben warm. Die Muffe dämpft und wölbt. Der Geber schwimmt. Er schwappt, es spritzt. Die Klappe schließt und öffnet, gleitet, schmiert. Der Asphalt zittert. Die Welle giert. Schmatzt. Säuft. Trinkt. Wühlt. Schluckt. Drängt. Saugt ein… der Funke zündet – Fräulein!!!! Das wars, diese Handcreme, wow! Yves Roches, die grüne Linie! Es kommt hier direkt von diesem Türgriff, mein Gott, thats right, Pharmareferentin, 37, perfekt, was für ein….
Hier muss der Bericht zu einem Standbild einfrieren. Denn aus dem Innersten eines Begehrens, aus dem Auge einer Freude, aber auch aus dem Zentrum einer Angst, kann nichts berichtet werden. Es dringt nichts nach außen. Es ist alles möglich, zugleich aber auch nicht. So bricht sich nun alle Welt wie zwischen zwei Spiegeln, springt hin zu meinen lustgeweiteten Augen und her von den angstgeweiteten Pupillen des Fahrers und vervielfacht sich unzählige Male.
Ich bin am Ziel.
Ich möchte den Leser nicht langweilen mit weiteren Schilderungen von mit Mikrowellensendern außer Kraft gesetzten Funkgeräten, inszenierten Pannen durch gestörte Zündverteiler und auch nicht mit Taxifahrern, die sich ganz allmählich im Laufe einer Ausfahrt zu Nervenbündeln verwandeln, wie man sie nur noch in der Ausstellung „Körperwelten“ zu sehen bekommt. Das kann sich jeder ganz gut selber vorstellen.
Stattdessen wähle ich einen schöneren Schluss für meinen Bericht.
Ich sitze da und schaue aus dem Fenster. Kleine Häuser. Große Häuser. Fenster. Ein Baum. Oben die Wolken. Schöne weiße Wolken. Lass uns abhauen! Ich lehne mich zu dem Fahrer vor und brülle ihm, aus voller Kraft, ins Ohr: ICH BIN HERZCHIRURG! HERZCHIRURG! FAHR ZU MANN!! FAHR ZU!!
Und jetzt tritt er, erschrocken, aufs Gaspedal, und es reisst uns in die Lehnen und die Kolben kriegen die Dusche und balllern durch ihre Löcher. Lass knacken Alter. Lass die Dieselzeit los. Die Muffe geht und kommt. Schließt und schnappt. Der Kautschuk zittert über dem Asphalt. Lass es richtig stinken. Lass uns die weißen Striche fressen. Tritt zu. Lass die Häuser verschmieren. Schneller, ich bin HERZCHIRURG.
Mach, dass die Feder geht, dass der Geber knallt, dass die Klappe schnappt. Mach mir einen grauen Schleier an die Scheibe. Ich will nur noch Streifen sehen. Schneller!
Und er tritt und stampft ins Blech. Warum langsam? Worauf warten?
Also heben wir jetzt ab. Ich sehe unter mir das graue Band, die Straße, mit kriechenden Punkten darauf, die immer langsamer werden. Ein paar Bäume, die zu grünen Bällen schrumpfen, Felder wie schmutzige Frottéhandtücher. Lahme Landschaft. Mach schneller. Lass uns dahin gehen, wo es blau wird und dieses verdammte Weltall ficken. Setz die Sonnenbrille auf, und mach die Heizung an, denn jetzt geht’s ab durch die Wolkendecke. Und unser Taxi wird kleiner und kleiner zu einem gelben Punkt, der nicht in der Sonne verschwindet, sondern so ein bisschen daneben, ganz professionell und sehr gediegen.
(Fin)

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor

Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Add to Technorati Favorites

frisch gebloggt

Bloggeramt.de

Aufräumtag.

Unprätentiös

Seit Monaten schon liegt ein Wort auf diesem Tisch: Unprätentiös.
Und seither überlege ich daran herum, was es wohl an sich hat.
Ich komme nicht drauf. Sicher bin ich mir nur: Das Wort riecht nicht gut.
Von Anfang an. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
Wenn ich nur wüsste, was.

Vielleicht ist es auch gar nicht das Wort. Vielleicht sind es die Kontexte,
in denen es erscheint, die es erzeugt, die es erzwingt…

Kontexte, die es dämpft?

Etwas klingt madig daran. Aber diese seine Madigkeit durchseucht
sofort den gesamten Verhältnisraum.

Aber madig trifft es eben nicht genau. Unprätentiös. Wenn man dieses Wort
in die Hand nimmt, fühlt es sich an wie ein Stück Styropor aus der
Deckenverdämmung einer eingesunkenen Garage bei Oranienburg.

Dabei ist das Wort ja harmlos. So harmlos etwa wie eine halbvolle Dose Haarspray in hellgrün.
Man findet sie hinten beim Aufräumen eines Badeschränkchens. Nichts Besonderes.
Außen leicht klebrig, aber nicht gefährlich. Nichts, das Aufsehen erregt. Und trotzdem – etwas stimmt mit dem Wort nicht.

Sicher – es beschreibt  eine Haltung, eine Mentalität, ein Ton. Aber wessen?

Unprätentiös. Ein Wort, als würde man  in einer Wohnung beim Renovieren hinter einem Schrank, den man nie abgerückt hat, auf eine Tapetentür stoßen. Erst fühlt man kleine Huckel, Unebenheiten. Man kratzt an der alten Tapete herum, bis man winzige Scharniere entdeckt. Man weiß dann, dass die Wohnung seit Jahren diesen leicht geduckten zweiten Ausgang bereit hielt. Oder war es ein zweiter Eingang?

Soll man jetzt, nach so vielen Jahren, in der vertrauten Wohnung diese geduckte
Tapetentür mit dem Wort öffnen, mit dem Zauberwort?
Die Schultern rund machen und hindurchschlüpfen.

Man tut es. Ganz kurz. Die Neugier. Und entdeckt: Eine kleine Abstellkammer, leer, fensterlos.
Sie riecht nach altem Putz, sonst nichts. Hat man doch glatt übersehen all die Jahre. Also gibt es nicht etwa zwei-einhalb  Zimmer, wie man immer dachte, sondern zwei-sechsachtel Zimmer. Interessant.

Unprätentiös. Ein kleines Kabuff. Das Rätsel ist gelöst, könnte man denken. Und doch bleibt das Wort unaufgeklärt. Sein Hohlkörper, sein Abgrund, sein Resonanzraum ist mobil, begleitet es. Und trotzdem scheint es auch nicht wirklich hohl. Wenn man sich ihm nähert, verschwindet das, was man aus der Ferne für einen Resonanzraum hielt. Dann pocht man mit dem Finger daran, und es macht  „tock“, wie bei einem ausgetrockneten Schwamm. Etwas an dem Wort bleibt falsch. Nichtig. Egal in welchem Kontext.

Oder schal oder….

Vielleicht ein Gift. Wenn es als Lob daherkommt.
Ein Nervengift. Ein Nervenlob. Wie Botolinum.
Ein Wort, das zum Denkstillstand führt.

Oder Mehltau. Der Mehltau des Unprätentiösen.

Wenn ich’s nur besser einkreisen könnte.

Oder sogar hochgefährlich. Ein Fingerhut voll Unprätentiösem ins Trinkwasser einer Großstadt…

Man darf nicht dran denken.

Vielleicht verliert auch, wer das Wort benutzt oder auch nur denkt, sein ganzes Karma.

Dann wird man in seinem nächsten Leben wiedergeboren als Lebensmittelmotte.

Unprätentiös steigt man dann aus einer Haferflockentüte auf.

Mir gefällt das Wort nicht. Mir gefällt nicht, was es mit Menschen macht,
die es hören, lesen oder aussprechen.

Kann es Worte geben, die eine ganze Sprache, ein ganzes Denken befallen
und schwächen wie ein Virus?

Unprätentiös – und plötzlich hat ein ganzer Kontext HIV.

Aber letztlich ist es doch wieder nichts von all dem. Nur ein Wort.

Die Frage lautet also nicht, was bedeutet ein Wort, sondern:
Was hat es zu bedeuten, dass ein Wort im Gebrauch ist?
Für den Zeitpunkt. Für den Raum. Für den Sprecher. Für den Hörer.

Das trifft den Punkt. Das Wort für sich ist ganz belanglos.

Erleichtert trete ich ins Pedal meines Mülleimers.

Der Taxifetisch, Teil 5

zum 1. Teil
zum 2. Teil.
zum 3. Teil
zum 4. Teil

Der Taxifetisch entwickelt seinen Reiz, weil man es bei dem Fahrer meistens mit einem professionellen Partner zu tun hat. Im Gegensatz zu den Fetischisten, trifft man unter den Fahrern vielleicht auf variierende Grade von Könnerschaft, aber kaum auf wirkliche Stümper. Der Grund hierfür ist ganz simpel: Taxifahren ist ihr Beruf. Ein Taxifetischist dagegen, auch wenn er eine noch so hohe Meisterschaft erreicht, bleibt immer ein Amateur seines Genres, so im Sinne des Wortes: Ein Liebhaber. Wobei diese Liebhaberei nicht direkt auf den Fahrer abzielt, da dieser ja immer ein Anderer ist, sondern auf den Gesamtvorgang, und da eben ins Erotische und letztlich auch deutlich in die sexuelle Erregung hinüberspielt.
Jeder Psychologiestudent, der in der Vorprüfung sitzt, wird hier ankreuzen, dass ein Taxifetischist im Grunde nur eine frühkindliche Erfahrung wiederholt, in der er in einer Art uteral-sphärischen Höhlung sanft schaukelnd sich umherbewegen lassen möchte, von der Mutti, die vorne mit lichtem Haupthaar hinter dem Lenkrad sitzt und über die Baustellen schimpft. Für einen Psychologen zählen Taxifetischisten ganz klar zu den reifeverweigernden Permanentsäuglingen, die sich vor den ernsthaften Angelegenheiten dieser Welt in die temporäre Scheingeborgenheit einer biodieselgespeisten Kunstledergebärmutter zurückflüchten, in der sie dann daumenlutschend, schaumstoffgebettet, airbaggechützt, polyurethanumhüllt und automaticgetrieben ihren retropränatal stagnierenden Vitalkomplex pflegen. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ein Taxifetischist auf Grund gewisser Empfindlichkeiten und besonderer Präferenzen sich diesen Luxus viel seltener gönnt als ein Normalfahrgast und er demzufolge im Durchschnitt als lebenstüchtiger, fitter (Stichwort: Bleiakkus) ausgebuffter – und leider dann im Ernstfall auch weit vehementer und ausführlicher auf sein Erlebnis pochend erlebt wird – als der Normalerotiker. (Dies nur als kleiner Hinweis für die soziographisch interessierte Analysten, Historiker, forensische Psychiater u.s.w.)
Für einen nichtprofessionellen Taxifahrer könnte das bedeuten – um auf den Eingangsgedanken zurückzukommen – dass er in einem Taxifetischisten, sollte er mal auf einen solchen treffen, seiner ganz persönlichen, fleischgewordenen schlechten Nachricht auf zwei Beinen begegnet, einer Passionsfrucht von Phötus, der sich hinten in seinem Fond uteral einnistet und seine pränatalen Ansprüche am Gesamtkörper Taxi einfordernd sich peu a peu im Laufe der Fahrt zu einer echten „Angelegenheit“ auswächst. Jede Frau und Mutter kann nachvollziehen, dass dies eine Umstellung für den Taxi-Gesamtorganismus mit sich bringt, die nicht immer nur mit schönen Erlebnissen verbunden ist. Mehr soll dazu nicht gesagt sein.
Da aber ein Taxifahrer, sofern er professionell agiert, und dass tut er meistens, hoffentlich, im „Austragen“ seiner Phöten geübt ist, wird ihm auch ein Fetischist im schlimmsten Fall nur als besonders fühlbare Geburt in Erinnerung bleiben. Nicht mehr aber auch nicht weniger.
Insofern kommt es bei einer Ausfahrt darauf an, einen professionellen Taxifahrer, der ja einige Herbheiten schon erlebt hat und gewohnt sein dürfte, nicht zu unterfordern, aber auch nicht über die Maßen zu strapazieren. Der ganze Reiz für den Taxifetischisten besteht tatsächlich darin, den Gesamtorganismus Taxi, der sich für ihn immer anders darstellt – und dazu gehört auch der Fahrer – in eine Art angeregten Verschmelzungszustand, der einer Schwangerschaft nicht unähnlich ist, zu überführen, welcher dann in einer pansensorischen Ballanceübung zwischen Strapaze und Freude den Fahrer, das Taxi und ihn selbst in eine gemeinsame Erlebnissphäre verwandelt.

Fortsetzung hier zum 6. Teil

Raumfahrt als Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln.

(Einakter)

In einem Luft- und Raumfahrtzentrum. Zweinullnullneun Realzeit Europa. Vorne zwei über-mannshohe Überwachungsbildschirme, RECHTS und LINKS nebeneinander. RECHTS die schematische Darstellung der Erde abgerollt als Komplettübersicht. Ihre Kontinente: Europa. Afrika. Asien. Nord – und Südamerika. Australien. Die beiden Polkappen, die Meere. Darüber horizontal die S- Kurve als telemetrisch registrierte Flugbahn des Orbiters, die hier überwacht wird. LINKS die wichtigsten Zahlen und Daten zur Telemetrie. Vor den Screens sitzen Ingenieure von Groundcontroll an kleineren Computertischen. Funkverkehr. Head-Sets. Leises Piepen.

Ein Funkspruch des Orbiters geht ein:

Ground, ich habe hier ein informell-energetisches Verteilungsproblem im Steuervektor Neunzehnvierzig bis Neunzehnfünfundvierzig. Ein Konflikt in den Aggregaten. Bestätigt ihr das? Over.

Ground:

Positiv, Orbiter. Wir bestätigen das. Gehen Sie in den Raum – Zeit – Prüf – Modus.
Telemetrische Systemdaten werden ausgewertet.

Orbiter:

Telemetrie sendet Daten.

Auf den über-mannshohen Screens erscheint jetzt – LINKS: Ein Datenpaket.
Und – RECHTS: Ein Datenpaket.

Ground:

Orbiter, wir haben zwei energetisch-informelle Cluster auf beiden Schirmen: Identifiziert als Energieübertrag linksseitig – Informationsübertrag rechtseitig. Schlecht balanciert.
Umverteilung möglich, aber kritisch. Datenauswertung läuft:

Die Daten entpacken sich, laufen über die Screens und werden von Groundcontroll mitgelesen.

Screen LINKS:
Geboren Neunzehnzwölf in Wirsitz.
Neunzehnfünfundzwanzig Schulaufsatz zum Thema Raumfahrt.
Neunzehneinunddreißig, Assistent bei Klaus Riedel,
dem Konstrukteur der ersten Flüssig-
Treibstoff-Kegeldüse.
Ab Neunzehnzweiunddreißig beim Heereswaffenamt.
Ab Neunzehnsiebenunddreißig Technischer Leiter
in Peenemünde. Aggregat 4,
bekannt als V2. Erste Rakete, die
kurzzeitig ins All vorstößt.
Ab Mai Neunzehnvierzig Mitglied der SS.

Screen RECHTS:
Geboren Neunzehneinundzwanzig in Forchtenberg.
Mitglied im Bund deutscher Mädel.
Dort Mutproben und Härtetests.
Neunzehnvierzig Ausbildung zur Kindergärtnerin.
Neunzehnzweiundvierzig Aufnahme des Studiums der Biologie und
Philosophie. Durch Ihren Bruder Anschluss
an eine Widerstandsgruppe.
Herstellung und Verbreitung von Flugblättern.

Ground – intern:

Was machen wir jetzt? Haben wir dafür eine Konfliktroutine?

Schau bitte mal in den Unterlagen nach. Es muss irgendwo stehen im Zusammenhang mit der Steuerbalance. Informell – energetischer Konflikt. Aber vergiss bitte nicht, dass das hier keine Übung ist. Wir haben einen Realkonflikt im Aggregat.

Orbiter, System geht auf Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung. Ich wiederhole: Alarmstatus GELB. Das ist keine Übung.

Orbiter:

Habe verstanden. Alarmstatus GELB.

Ground:

Orbiter, wir gehen vom Kanal zur Beratung. Melden uns in Kürze. Over.

Orbiter:

Verstanden und Over.

Ground – intern:

Können wir das Problem ignorieren oder einkapseln?

Unmöglich. Das hält höchstens bis zum nächsten Sonnensturm.

Lässt sich der Konflikt meta-physisch neutralisieren?

Ich weiß nicht, wie sich das auf unsere Schubkomponenten auswirkt.

Wenn wir es metaphysisch versuchen, zum Beispiel mit semantisch instabilen Komponenten wie Schuld – Unschuld, Verbrechen – Strafe, Gut – Böse, dann kann es passieren, dass unsere Raum-Zeit zusammenfällt.

Der Orbiter wäre dann nie gestartet. Er würde sich in seine metaphysischen Komponenten umwandeln. Alles würde sich zerlegen. Wir würden nicht existieren. Technologisch und chronologisch unterbestimmt. Der ganze Raum hier, der Orbiter, alles…

Die Halbwertzeiten von metaphysischen Komponenten können nicht genau bestimmt werden.

Verdammt…. Was haben wir denn für Alternativen?

Wir müssen eine Sequenz zur Umverteilung einleiten. Die Cluster einlösen.

Eine Zündung? Umverteilung? Bist du wahnsinnig? Die informell-energetische Umverteilung forcieren?

Wir haben keine Wahl.

Wir werden für eine lange Zeit sehr stabile Subjekte definieren müssen. Bei statischer Asymmetrie Täter – Opfer. Ich schätze so für eine Raumzeit von 50 bis 100 Jahren.

Aber das gibt einen ungeheuren Abfluss und einen unberechenbaren Schub.

Es könnte auch zu einer konstruktiven Symmetrie führen. Zur Blockbildung, einer Art kalten Gegenüberstellung.

Geo-orbitale symmetrische Verblockung mit streng kanalisiertem Austausch.

Uns läuft die Zeit weg. Wenn wir es jetzt nicht machen, riskieren wir mehr, als wir
verantworten können.

Orbiter, wir sind wieder auf Sendung, Over.

Orbiter:

Ich höre, Ground.

Ground:

Wir haben uns beraten und stimmen für eine informell – energetische Sequenz zur Umverteilung. Over.

Orbiter:

Bitte um Wiederholung, Ground. Over.

Ground:

Wir bestätigen: Wir gehen auf informell – energetischen Tausch. Umverteilung. Initiieren Sie die Subjektfunktionen Täter-Opfer. Zeitfenster 50 Jahre. Nein, besser 100 Jahre!

Orbiter:

Habe verstanden. Gehe auf Sequenz zur Umverteilung. Subjekt-Langzeit-Definition Täter-Opfer startet.

Vier. Drei. Zwo. Eins…. läuft….

Die akustische Telemetrie überträgt ein kurzes stakkatohaftes Zischen. Während desssen verschwinden die Daten auf dem Screen LINKS und werden von einem Portraitfoto ersetzt. Auf dem Screen RECHTS geschieht das selbe.
Eine Mitarbeiterin von Groundcontroll verschwindet im Nebenraum einer kleinen Teeküche. Und kommt nach etwa 20 Sekunden wieder. Sie hat zwei Kerzen in der Hand. Sie stellt die Kerzen auf einen Tisch, bleibt kurz stehen und pustet sie dann aus.

Die Ingenieure von Groundcontroll atmen erleichtert auf.

Auswertung zum Protokoll. Was haben wir?

Zwei sehr gut ausdefinierte Subjektfunktionen

Da haben wir noch einmal Glück gehabt. Ein stabiles Täter – Opfer – Aggregat.

Informell – energetischer Status hoch, aber noch in der Toleranz.

Und wie ich das sehe, zeichnet sich auch eine geo-orbitale Ost- West -Verblockung ab.

Konstruktive Symmetrie aber in sauberem Links – Rechts – Schema.

Energetisch nuklear. Kritisch stabil. Aber informell hoch aktiv.

Gut, das hatten wir einkalkuliert. Das wird sich aber bald wieder ineinander getauscht und neutralisiert haben.

Kommen wir zu den Subjekten. Was haben wir da?

Screen RECHTS:
Subjektprofil: Herzlicher Typ. Dynamisch freundlicher Charakter. Optimistischer und zupackender Motivator. Visionär und Pragmatiker. Familienvater, zwei Kinder.

Funktion: „Wernher von Braun“. Sturmbannführer SS. Technischer Direktor von Peenemünde. Mitverantwortlich für den Tod von zirka Zwölftausend Zwangsarbeitern in Dora Mittelbau und etwa Achttausend Zivilisten durch Einwirkung der V2. Neunzehnvierundvierzig kurze Verhaftung durch die Gestapo. Vorwurf „Wehrkraftzersetzung.“ Freilassung. Neunzehnfünfundvierzig Gefangennahme durch die Amerikaner. Überführung nach Amerika. Dort wehrtechnische Forschung und Konstruktion von Mittelstreckenraketen. Ab Neunzehnsechzig technischer Direktor des Nasa Space-Flight-Centers in Huntsville – Alabama. Maßgeblicher Leiter im Bereich Schubkomponenten der Saturn Fünf, Apollo-Mission. Mondlandung als Erfüllung eines persönlichen Lebenstraums. Danach diverse Tätigkeiten als Berater.

Screen LINKS:
Subjektprofil: Hohe Empfindsamkeit für die Schönheiten der Natur.
Tiefer christlicher Glaube.

Funktion: „Sophie Scholl“. Festnahme am Achtzehnten Februar Neunzehndreiundvierzig bei einer Flugblattaktion in der Münchner Universität. Verhör durch die Gestapo vom Achtzehnten bis Zwanzigsten Februar. Todesurteil.
Hinrichtung durch die Guillotine am Zweiundzwanzigsten Februar Neunzehndreiundvierzig. Nach dem Krieg Benennung Scholl-Straßen oder Plätze in Leipzig, Berlin, München, Stadt Brühl, Regensburg, Ulm, Hohenlohe, Rendsburg, Aachen. Scholl-Gymnasien in Puhlheim, Unna, Mannheim, Münster, Berlin, Stuttgart, Taucha, Lüdenscheidt, Bützow, Lebach, Itzehoe, Röthenbach, Wismar.

Freunde, wir kriegen hier noch ein Protokoll zur Funktion „Scholl“ als Datenanhang im Zitatmodus.

Dann lass mal laufen.

Vier. Drei. Zwo. Eins… Zitat „Scholl“ läuft: „Ich merke, dass man mit dem Geiste und dem Verstande wuchern, und dass die Seele dabei verhungern kann.“ Zitatfunktion beendet.

Habt ihr das registriert? Phänomenal. Eine astreine Funktion zum Manöver im Steuer-Vektor. Metaphysisch instabile Kategorien. Sehr stark ausgeprägtes Opferprofil. Gott im Himmel….hätte ich beinahe gesagt. Orbiter, wie sieht’s da oben bei Euch aus? Over.

Orbiter:

Ground, Manöver beendet. Keine weiteren Konflikte. Kann ich Alarmstatus zurücksetzen?

Ground:

Positiv. Keine weiteren Konflikte. „Scholl“ und „Braun“ funktionieren ausgezeichnet. Nehmen Sie das Protokoll zur Seenot-Rettungsstrecke und zum GPS- System wieder auf. Und überprüfen Sie danach die Tele-Kanäle von Meteosat 5

Danke und Over.

Orbiter:

Ground, ich habe da noch was für Euch. Over.

Ground:

Wir sind auf Empfang, Orbiter.

Orbiter:

Meine Sensoren zur Fernerkundung haben in Magdeburg noch ein „Scholl“-Gymnasium registriert. Over.

Ground:

Metaphysischer Fall-Out. Gehört zum Manöver.
Wir nehmen das mit ins Protokoll.
Danke und Over.

Kaminskie zu Besuch.

Der Sonntag brachte  eine willkommene Ablenkung. Kaminskie (Sektion Physik) stand wieder mal vor meiner Tür. Er hatte „das Bedürfnis zu denken“ – wie er es nennt. Ich kenne Kaminskie und seine Frau vom Powerpoint-Karaoke-e.V. Wir treffen uns dort alle paar Wochen einmal zusammen mit Freunden oder Kollegen von der Fakultät. Ein gemütlicher Raum mit einem Beamer und einem Computer. Jeder bringt einen USB-Stick mit einer Powerpointpräsentation mit, die er irgendwo gefunden oder aus dem Netz gezogen hat. Bier, Chips, und dann geht es los. Die Präsentationen werden gemischt und so per Zufall auf die Anwesenden verteilt. Sinn der Übung ist es, eine plausible Präsentation zu halten, die man selbst nicht kennt und möglichst über ein Thema, von dem man garantiert nichts versteht.
Man könnte nun zu Recht fragen, warum man das nun auch noch in seiner Freizeit macht. Die Antwort wäre: Einfach um zu trainieren. Um im Nichtsverstehen noch besser zu werden. Denn darum geht es im Leben. Nicht nur. Aber meistens.
Sehr beliebt sind Präsentationen, die chinesisch oder arabisch erstellt wurden. Aber auch gefürchtet, nicht weil sie wegen der unlesbaren Schriftzeichen besonders schwierig zu improvisieren wären, sondern ganz im Gegenteil (ggW) Gerade die besondere Fremdheit einer Sache, eines Aufbaus, einer Struktur, entlässt den Präsentator und die Zuhörenden, nach dem man sich engagiert durchgeklickt, durchgestammelt und improvisiert hat, mit dem frapierenden Eindruck, dass man mit dem scheinbar Fernliegensten verspielter, mutiger, produktiver, beinahe vertrauter umgeht als mit Themen, die das so genannte eigene Fach berühren. Diese Einsicht wirkt gleichermaßen frustrierend wie ermutigend. Gegenüber dem Fremden, dem Neuen, ist jeder Mensch ein Anfänger. Und Anfänger haben bekanntlich das sprichwörtliche Glück.
Wie weit dieses Anfängerglück reichen kann, zeigte sich an dem Abend, als Kaminskie zum ersten Mal beim Powerpoint-Karaoke-ev. erschienen war. Ich kam dran und erwischte eine Präsentation zum Thema: „Berechnung lokalisierter Strukturen in dissipativen Systemen im Spezialfall diskreter Dynamiken bei Trajektorie in einer subharmonischen Bifurkation.“ Wirklich nicht mein Fach. Schließlich bin ich Widerspruchsforscher. Eine mathematische Beweisführung in kyrillischer Schrift, die jemand von einem russischen Server gezogen hatte, gehört nicht gerade zu den Gebieten, auf denen ich mich auskenne. (Den Titel habe ich mir hinterher von Kaminskie, der aus dem Baltikum stammt, aber russisch kann, übersetzen lassen.)
Ich erinnere mich, dass Kaminskies baltische Ostseeaugen, während ich mich nun durch das Powerpointdokument hindurchstotterte und improvisierte, erst irgendwie einen bewölkten bis erloschenen Ausdruck annahmen, dann aber öfter heftig blinzelten, schließlich immer konzentrierter schauten, bis er schließlich einen Zettel und einen Stift hervorkramte und sich Notizen machte. Ich hielt Kaminskie für humorlos und mich für komplett ahnungslos aber wenigstens ein bisschen witzig.
Dass sich jemand während einer solchen Präsentations-Karaoke Notizen machte, war selten aber immer schon mal vorgekommen, aber meistens hielten diese Notizen nur ungewöhnliche Formulierungen fest, oder Strichmännchen, wenn die Präsentation gar zu uninspiriert ausfiel, was auch möglich war.
Natürlich fragte ich ihn nach meiner Präsentation, die beim Publikum diesmal für nur mäßigen Unterhaltungswert gesorgt hatte, was er sich denn notiert habe.
Er antwortete mir darauf, dass ich gleich am Anfang und im letzten Drittel zwei Thesen aufgestellt hätte. Eine davon sei interessant. Die andere genial. Er müsse es in der Sektion überprüfen lassen. Ich sagte ihm, dass ich ja wüsste, dass ich genial sei, (Kopernikus, Luther und so weiter), aber ich selbst hätte von dem, was ich geredet hätte, kein Wort verstanden und nun auch alles wieder vergessen.
Kaminskie stellte sich mir also vor. Er sei Physiker. Er erklärte mir, die Präsentation, die ich improvisiert hatte, behandelte Rechenmodelle, die in der Chaosforschung eine Rolle spielten: Dichteverteilung bei Wetterphänomenen, Kristallisiationsbildungen bei Materialsynthesen, aber auch spontane Strukturbildungen in komplexen Molekülverbänden, fließende Dynamiken, Wirbel etc… was ich gesagt hätte, könne er mir nicht weiter auseinandersetzen, weil ich es sowieso nicht verstehen würde. Es sei zu komplex.
Also ein ganz klassischer Fall von Anfängerglück. Wenn ich bedenke, dass mir weder die Formeln noch die kyrillischen Buchstaben der Präsentation auch nur das geringste erdeutet hatten und ich in Wirklichkeit weder Luther, noch Kopernikus, noch Napoleon bin, weder Mathematiker oder Russe, noch genial, also ich muss schon sagen.. stolz bin ich allemal.
Dabei darf es als Widerspruchsforscher für mich kein Gebiet geben, dass mich nicht interessiert. Denn einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch gibt es überall.
Kaminskie wusste das auch schnell zu schätzen. Wir freundeten uns an, aber wirklich nicht nur wegen seiner Frau, die übrigens auch sehr reizvoll ist.
Kaminskie also, Balte, Physiker mit Ostseeaugen, eher klein in einem teuren und taillierten sandfarbenen Hemd, Liebhaber des Käsekuchens, den ich extra für ihn immer bei Kaisers kaufe, wenn er mich besucht, oder bereithalte, denn manchmal kommt er unangemeldet; Kaminskie, der Mann mit einem unklaren Sonderbereich in seiner Sektion, beinahe kreisrunden Fingernägeln und einem erschreckend guten Deutsch; Kaminski, der aussieht wie jemand, der auch die Nachrichten im Fernsehen sprechen könnte, wenn nicht eine Besonderheit in seiner Mimik ihn oft spontan stark blinzelnd dreinschauen ließe, als würde er von einem plötzlichen Licht geblendet, sei es nun da oder auch nicht.
Das erste Mal nach unserem Kennenlernen und einigen weiteren Powerpoint-karaoke-Abenden, als er vor meiner Tür stand, unangemeldet, so erinnere ich mich, sagte Kaminski: „Entschuldigen Sie die Störung,“ – und es klang genau so, wie es die S-Bahn-Verkäufer von Obdachlosenzeitungen immer sagen – „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden, mit dem ich ein wenig denken kann.“
Ich habe ihm sofort das Du angeboten.

Dabei weiß ich nie genau, ob ich mich einfach so freuen soll, wenn Kaminskie vor der Tür steht. Wenn er kommt, wird es oft schwierig. Dann gibt es Arbeit. Er kommt, um mit jemanden zu denken, das sagt er selbst. Dass er als Physiker da so ein ausgesprochenes Bedürfnis hat, wundert mich trotzdem. Kaminskie hält mich für einen Philosophen. Ein Missverständnis, dass ich nur ganz schwer aufklären kann. Ich bin Widerspruchsforscher. Das ist etwas ganz anderes. Ich komme in meinem Bereich nicht ganz ohne Denken aus, das gebe ich gern zu. Bis heute habe ich Ihm nicht erklären können, worin der Unterschied besteht. Wenn ich ihm sage, ich beschäftige mich mit Widersprüchen, nicht mit Philosophie, dann meint er da immer abwinken zu müssen mit der Bemerkung, das eben sei ja Philosophie. Nun habe ich selbst noch nicht definiert, was genau den Unterschied ausmacht. Ich weiß nur, dass ein Widerspruchsforscher kein Philosoph ist. Ganz sicher nicht. Es kann mir aber auch egal sein, was Kaminskie darüber denkt. Es würde auch nichts ändern, wenn er verstünde was ein Widerspruchsforscher tut. Unsere Gespräche sind so oder so für mich erhellend. Ich schneide sie mit und protokolliere die wichtigen Teile. Er weiß das und hat nichts dagegen, weil er es als Wissenschaftler versteht. Gespräche gehören zu meinen Forschungsgegenständen. Dafür hat er das Privileg, mich aufzusuchen wann immer er will. Und er nutzt es. Meistens fängt es ganz harmlos an.

Letzten Sonntag zum Beispiel wollte ich von ihm wissen, ob seine Sektion schon „meine“ Thesen überprüft habe.
Nein, das sei noch nicht geschehen. Es dauere. Das Kauderwelsch, das ich verzapft hätte, müsse erst noch algorithmisiert werden werden, erst dann lasse sich feststellen, ob er sich auf offene oder geschlossene Strukturen anwenden lasse. Das müsse aufwendig berechnet werden. Zudem sei es nicht das Fachgebiet seiner Sektion. Deshalb habe man einen Experten aus Russland angeworben, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt. Aber die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen.

Da es meiner Eitelkeit unendlich schmeichelt, dass ich als mathematischer Blindgänger und Clown einer Powerpoint-Karaoke nun eine Arbeitsgruppe beschäftige, die zudem noch einen russischen Experten anwerben muss, hake ich hier willkürlich ein und tue jetzt so, als ob ich der große Auskenner bin. Und sage folgendes zu Kaminskie:

Beginn des Protokolls

„…allgemein betrachtet sind wir alle doch offene Gebilde. Während wir hier sitzen wird unser Gehirn durchblutet, beatmet, ernährt: Temperiert. Ja, es konnte nur aus dieser Offenheit erwachsen. Zeitlich: Im Prozess der Bildung von Struktur. Räumlich: Im Prozess der Konzentration von Struktur. Von daher und als Ort, an dem eine bestimmte Temperatur und ein Ernährungsstand im Zufluss und im Abfluss geregelt, gehalten und immer wieder neu ermittelt wird, muss es ein offenes Gebilde sein und bleiben. Es schwimmt in und mit der Welt. Wie eine vorübergehende Konzentrationserhöhung, Kräuselung, Strömungs-Verdichtung im allgemeinen Fluss der zeitlichen und stofflichen Bewegtheit, sprich: der stofflichen Weltbewegung. Sein „Innen“ schwimmt im Blut des „Außen“. Und wird von ihm genährt.

Einigermaßen enttäuschend daran ist, dass all dies Gesagte auch von einem Stein gesagt werden kann.

Das behauptet jedenfalls Kaminski.
Und der antwortet so:

„Ein Ort im Universum, wo ein Gehirn ist, verhält sich zu einem Ort im Universum, wo kein Gehirn ist, in gleicher Weise, wie sich ein Ort im Universum, wo ein Stein ist, zu einem Ort im Universum verhält, wo kein Stein ist.“

Kaminskies Terror der Grammatik.

„Willst Du damit sagen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein gibt.“

„Nein. Ich habe noch gar nichts über den Unterschied gesagt. Ich suche nach der Referenz, die einen Unterschied erst ermöglicht. Sinnvoll macht.“

„Wird auch ein Stein beatmet, durchblutet, ernährt, temperiert?“

„Sieh mal, wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund, vor dem du diese beiden Dinge betrachten kannst. Ein Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.

„Das verstehe ich nicht. Wieso „gleich macht“? Ich will sie doch unterscheiden?“

„Gut, also stell Dir vor, du willst eine Kugel und einen Würfel voneinander unterscheiden. Worin unterscheiden sie sich?
„Das eine Ding ist rund. Das andere Ding hat Ecken und Kanten.“
„Und was bedeutet „rund sein“ oder „Ecken und Kanten haben“ ?
„Sie haben eine Geometrie.“?
„Richtig. Siehst du. Es sind geometrische Körper. Aber dass sie „Geometrie haben“ gilt für beide. Mit dem Wort Geometrie hast du sie beide gleich gemacht, um sie unterscheiden zu können.“

„Kamninskie, willst du damit sagen, dass jede Unterscheidung eigentlich eine Gleichmacherei ist? Das wäre ja ein ausgewachsener gutbürgerlicher Widerspruch, Ein sehr gepflegter noch dazu! Danke dir dafür. Das heißt, wir unterscheiden den Würfel und die Kugel, indem wir sie gleich machen und beide als geometrische Körper bezeichnen. Das ist …

„Eben. Wir „vergleichen“ sie. So heißt das Wort. Meine Frage wäre nun, ob es sinnvoll ist, ein Gehirn und einen Stein danach zu unterscheiden, ob sie durchblutet werden oder nicht? Oder ob es denken kann oder nicht. Wenn du einfach nur sagst, die Kugel ist nicht eckig, der Würfel aber schon, was hast du damit gewonnen? Was weißt du dann mehr?“

„Ich könnte mir jetzt zum Beispiel vorstellen, dass man eine Kugel gut rollen kann, einen Würfel aber nicht. Ist doch sehr praktisch.“

„Na schön. Aber du hast sie damit wieder nicht unterschieden, sondern gleich gemacht. Denn „rollen können“ und „nicht rollen können“ haben welchen gemeinsamen Hintergrund?“

„Die Idee der Bewegung. Verstehe.“

„Siehst Du. Man kommt vom Hundertsten ins Tausenste. Zudem könnte auch ein anderer kommen und sagen, Kugel und Würfel unterscheiden sich gar nicht, denn beide sind rot. Zum Beispiel. Weil er als Referenz die Farbe nimmt. Es gäbe noch zig Möglichkeiten, sie voneinander zu unterscheiden oder gleich zu machen“

„Aber Kaminskie, mal ehrlich, so ein bisschen ist das doch Platon für Arme oder?“

„Für Reiche, mein Lieber! Für Reiche! Dass wir diese Unterscheidungen auf Grund einer Gleichmacherei – du nennst das einen gepflegten Widerspruch – vornehmen können, ist eine Riesenleistung!

Aber was heißt das denn jetzt? Gibt es nun einen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein oder gibt es ihn nicht?

Im Grunde interessiert mich diese Frage hier gar nicht. Ich bin weder Philosoph noch Hirnphysiologe, sondern Widerspruchsforscher. Aber mich interessiert die Struktur unseres Gesprächs. Kaminskie weiß das. Auch ihn interessiert diese Frage nur mittelbar. Aber er spielt gut mit. Auch er hat schließlich ein Forschungsgebiet. Ein sehr guter Partner.

Kaminskie antwortet, indem er sich ziemlich lässig zurücklehnt, als würde er meine Frage wie Asche von einer inneren Havanna Cohiba abtippen:

„Also, zunächst ist ein Gehirn nichts weiter als irgendwas zwischen 1200g und 1300g Materie. Aber missversteh mich da bitte nicht, wenn ich sage: „nichts weiter“. 1300g Materie sind zwar nicht gerade eine kosmische Größe, aber physikalisch betracht kann man sich damit schon ein kleines Feuerchen anmachen. Und es braucht auch ein kleines Feuerchen, um 1300g Materie zu erzeugen.“

Er rechnet mir vor, dass nach der Einsteinschen Materie-Energie-Äquivalenz 1300g Materie komplett in Energie dargestellt etwa der Jahresleistung von 4 Kernkraftwerken entspräche.

Leider aber gilt das Selbe auch für einen Stein, der 1300g schwer ist, und für ein Stück Holz ebenso wie für eine 1300g schwere Echse.
Ich bin nicht sehr amüsiert.

Kaminskie sieht es mir an meinem Gesichtsausdruck an. Deshalb sagte er:
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ein Stein kein offenes System ist und nicht so wie unser Gehirn an der stofflichen Bewegtheit des Weltgeschehens teilnimmt? War der Stein etwa keiner zeitlichen Strukturbildung unterworfen? Und gilt für ihn nicht auch, dass sich an seinem Ort eine bestimmte Struktur konzentriert hat? Und steht ein Stein etwa nicht im energetischen Austausch? Zieht er sich nicht zusammen wenn es kalt wird, und dehnt er sich nicht aus, wenn es warm wird, und wird er nicht von Wind und Wasser geformt, geschliffen, verändert und sogar wieder zerstreut wie ein ganzer Mensch mit seinem Gehirn?“

„Ja ja, nein nein, doch doch, aber ich meine….“

Kaminskie fährt fort: „Ich wollte dir mit unserem kleinen Smalltalk über die Kernkraftwerke lediglich zu verstehen geben, dass alle Punkte im Universum, egal ob da nun ein Stein liegt, ein Gehirn herumwabbelt, oder gar nichts ist, zuerst ihrer Temperatur nach bezeichnet werden können. (Kaminski spricht perfekt deutsch, aber immer wenn er Temperatur sagt, dann hört man ihm das Baltische an.) Und wenn wir Physiker von Temperatur sprechen, dann meinen wir immer auch: Energie. Aber es kommt noch besser: Wenn wir von Energie sprechen, dann meinen wir seit Einstein immer auch: Materie. Und dass die Annahme dieses Äquivalents seine Richtigkeit hat, ist – leider – bombensicher, davon kannst Du mal ausgehen.“

„Also sorry“, – sage ich zu ihm – „das klingt jetzt beinahe so, als würdest Du gar keinen Unterscheid zwischen einem Stein und einem Gehirn gelten lassen. Damit bin ich aber nicht einverstanden. Immerhin unterhalten wir uns hier. Könnte es außerdem sein, dass wir irgendwie unterschiedliche Temperaturbegriffe benutzen?

Dazu sagt er dann folgendes:
„Ja, du sprichst da wirklich ein Dilemma an, dass bei Laien oft zu Missverständnissen führt. Ich will es so formulieren: Wir Physiker sprechen zwar immer mal wieder entweder von Temperatur oder von Energie, oder auch Frequenz, und wir benutzen auch verschiedene Maßeinheiten wie Kelvin, Elektronenvolt, Hertz oder Joule, tatsächlich aber meinen wir immer das selbe, nämlich Energie. Wann wir was und warum benutzen, ist abhängig von dem Kontext, verstehst du, was gemessen werden soll, von dem Ort auf der Skala, und von den Formen, in denen sie auftritt. Aber Sie können die verschiedenen Maßeinheiten prinzipiell zueinander in ein Verhältnis setzen, ineinander umwandeln. Ich möchte dich nicht mit Formelkram und Lexikoninhalten langweilen, aber was oft verdrängt wird, ist das:
Energie gibt es nicht. Also so, wie es ein Stück Brot gibt. Energie ist eigentlich so etwas wie eine – hier überlegt er sehr lange und blinzelt – sehr reale Halluzination. Mit Energie wurde lediglich ein Begriff gefunden, der die Fähigkeit eines Systems definiert, Arbeit zu verrichten. Und das immer im Unterscheid zu einem vorher definierten Zustand, in dem keine Arbeit verrichtet wird.
Dass sich Wassermoleküle bei einer bestimmten Temperatur bewegen, bescheinigt Ihnen eben die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Zum Beispiel andere Moleküle anzustoßen. Bescheinigt Ihnen, dass sie energiereich sind. Nur macht es in diesem Kontext eben keinen Sinn, die Temperatur in Elektronenvolt anzugeben, weil uns hier nicht interessiert, welche Bewegungsenergie die beteiligten Neutronen haben, sondern wann mein Wasser so heiß ist, die Moleküle sich so schnell bewegen, dass sie den Dreck aus der Wäsche lösen. Zwischen Molekülen und Neutronen liegt aber eine gigantische, fast schon kosmische Skala. Deshalb hier Kelvin oder im Alltagsgebrauch Celsius. Du kannst es noch allgemeiner formulieren: Der Begriff Energie ist ein sehr brauchbares Werkzeug, um auszudrücken und zu ermitteln, dass überhaupt etwas geschieht, dass sich etwas bewegt, wie stark es sich bewegt, oder ob eben gerade mal überhaupt nichts passiert…. wobei es den absoluten Stillstand eigentlich nicht gibt.
Ich will also damit sagen, dass die Worte Temperatur und Energie für einen Physiker beinahe das Selbe meinen. Da wir aber Prozesse auf riesigen Skalen beschreiben, wechseln wir manchmal die Maßeinheiten und Begriffe. Weil man mit einer Waschmaschine eben etwas ganz anderes verfolgt als etwa mit einem Teilchenbeschleuniger….“

„Warum kommst Du mir mit diesem Zeug? Damit wären wir ja wieder bei der Idee der Bewegung“

„Ich komme dir damit erstens, damit wir unsere Temperaturbegriffe gegeneinander abgleichen können und zweitens, um dir damit, wie sagt man bei Euch, durch die Blume, mitzuteilen, was hinter deinen philosophischen Begriffen von „Strukturbildung“, „Bewegtheit des Weltganzen“ „Strukturkonzentration“ „Durchblutung“, „Ernährung“ „Beatmung“…“Kräuselung“… und was Du noch so erfunden hast, steckt: Es sind Temperaturprozesse, Energie.
Wenn du dich dem Gehirn als Diskussionsgegenstand und energetisch offenem System nähern willst, reicht es eben nicht allein, dass du dort ein Thermometer hinein steckst und dann abliest: 37 Grad Celsius, ein bisschen Blut, ein bisschen Wasser, Zucker, Salz und hoppla: Es kann denken.
Unser Gehirn hat noch eine ganz andere Temperatur, die du in deiner Sichtweise der Sache immer vernachlässigst. Willst Du wissen, welche Temperatur mein oder dein Gehirn nach Einstein hat? Ich sag’s dir: 1300g Gehirnmasse nach der speziellen Relativitätstheorie verlustfrei in Energie umgesetzt (hier pustet er sich kurz ein Fussel vom Ärmel) bringen 117 000 000 000 Mjoul Energie (sprich: Einhundertsiebzehntausendmillionen Megajoul) Soll ich’s Dir in Hiroshimabomben umrechnen?“
„Muss das sein? Du klingst wie so ein Typ von der Scientology-Sekte“
„Du weißt, dass ich von etwas ganz anderem spreche. Es sind zufällig round about 1300 Hiroshimabomben.“
„Willst Du eine ungefähre Vorstellung von der Temperatur haben, die dabei auftritt?
„Du sagst es mir sowieso.“
„Stell Dir einen Blitz vor, der ungefähr 10 Sekunden lang dauert. Dann sind es
im Zentrum des Ereignisses ungefähr Eintausendmilionen und ein paar zerquetschte Grad Celsius. Zehn Sekunden lang. Sprich die Zahl Eintausendmillionen 4 mal aus und 10 Sekunden sind vergangen. Näherungswerte, sehr theoretisch und grob überschlagen. Aber es wird sehr warm.“

„Das nennst du also Vorstellung. 10 Sekunden sind eine lange Zeit.“

„Ja, eine lang lange Zeit. Da kann man sich schon sein Pfeifchen dran anzünden. Und deine Sonnebrille kannst du hinterher auch wegschmeißen, wenn es noch etwas gibt, wo du sie hinschmeißen kannst.“

„Gut, aber was beweist das? Auch der Dreck unter meinem Fingernagel, nach Einstein verlustfrei in Energie umgesetzt, dürfte theoretisch schon einen enormen Heizwert haben.“

„Ich wollte Dir damit gar nichts beweisen. Ich habe dir nur das Äquivalent von Energie vorgerechnet, die in der Masse unseres Gehirns steckt. Vielleicht versteht man ja das Gehirn besser, wenn man seine Strukturbildung und seine grundsätzliche Offenheit nicht nur biologisch betrachtet, sondern auch physikalisch.“

„Gut, wir haben also einen enormen sehr theoretischen Blitz im Kopf, der in Materie gefangen ist, aber dieser Äquivalenzblitz steckt auch in einem Stein von der selben Masse, oder in einer großen Echse von mir aus. Sie steckt eben überall. Du kannst auch den ganzen Menschen nehmen, oder alle Menschen… damit kannst du wahrscheinlich die ganze Welt in die Luft sprengen….das besagt doch gar nichts. Gefragt war doch, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet.“

„Na eine Antwort wäre zum Beispiel: Es kann auf mehr oder weniger erfreuliche Art Masse in Energie verwandeln.“

„Na toll. Wirklich sehr überraschend. Da haben wir uns ja wunderbar im Kreis bewegt. Ich will aber wissen, warum es das kann. Und ein Stein eben nicht. Und es verwandelt ja auch nicht seine eigene Masse in Energie, sondern die von mühselig angereichertem Uran oder anderen Stoffen Und dazu benutzt es Hände, Stift, Papier, Schaufelbagger….“

„Vielleicht hast du oder haben wir einfach die falschen Prämissen zur Unterscheidung angesetzt. Es wird doch wohl erlaubt sein, das Gehirn zunächst einmal auch als physikalisches Objekt zu betrachten, in diesem Fall als Masse…“

„Entschuldige, aber was soll das bringen?“

Also, du hast mich gefragt, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet. Aber wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund…..

… „Ich weiß, einen Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.“

Genau. „Ich habe nach einem Hintergrund gesucht, vor dem eine Unterscheidung überhaupt erst sinnvoll ist, und habe hierfür, also als großen Gleichmacher, die Temperatur, sprich: Die Energie, sprich: die Materie vorgeschlagen. Ob dieser Hintergrund praktikabel oder ganz falsch ist, wissen wir noch nicht.

„Aber das alles haben wir jetzt mit unserem Gehirn gemacht, Kaminskie.“

„Eine Atombombe funktioniert auch außerhalb unseres Gehirns, das kannst du einfach mal glauben.“

Ende des Protokolls

Die Gespräche mit Kaminskie nehmen oft diesen seltsamen Verlauf. Das Problem an Kaminskie und unseren Gesprächen ist, dass er sich mir gegenüber Lässigkeiten und Verallgemeinerungen erlaubt, die er sich gegenüber seinen Fachkollegen nicht erlauben würde. Er tut das mit einem guten Vorsatz. Er möchte unsere Gespräche nicht durch Details verfilzen lassen. Dabei hält er meine Zumutbarkeitsschwelle für niedriger, als sie tatsächlich ist.

Laborintern zur Weiterbearbeitung:
Wenn Kaminskie von „riesigen Skalen“ spricht, könnte er sich ja durchaus zu einem anschaulichen Beispiel bequemen. Auch deshalb bin ich nie so ganz zufrieden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, weil seine Besuche sich mir oft zu ganzen „Kaminskie-Tagen“ erweitern, an denen ich dann mühsam einigen Details hinterher recherchiere. Wenn er von riesigen Skalen spricht, dann meint er Verhältnisse. Dass etwa der Kern eines Atoms sich zur Atomhülle verhält wie ein Pfirsichkern in der Mitte des Olympiastadions. Wenn ich mir dann vorstelle, dass dieser Pfirsichkern beinahe die gesamte Masse des Olympiastadions enthält, fühlt sich das bereits merkwürdig an. Ein einziges Wassermolekül, dass aus einem H –Atom und zwei O – Atomen besteht, muss ich mir dann als 3 Olympiastadien vorstellen, die aneinander gekoppelt sind, mit jeweils einem Pfirsichkern in der Mitte.
Zudem hat Kaminskie auch allzu lässig die Energieäquivalenz von 1300g Masse nach der speziellen Relativitätstheorie und der berühmten Formel E=mc quadrat berechnet. Obwohl er es besser weiß. Besser als ich. Kann man prinzipiell machen, ist aber dermaßen theoretisch vereinfacht, dass es sich schon beinahe wieder verbietet. Die Vorraussetzungen hierfür sind einigermaßen kompliziert. Wenn sich 1300g Materie einfach so in einem Einsteinofen vollständig in Energie darstellen ließen, hätte man ja alle Energieprobleme gelöst. Bei der Hiroshimabombe wurden aber gerade mal
1 Gramm der beteiligten Uran-Ruhe-Masse (es waren insgesamt ca 50 Kg) auf diese Weise ad hoc in Energie verwandelt. Dass funktionierte aber auch nur deshalb, weil Atomkerne gespalten wurden, die von vornherein instabil waren, angereichert, künstlich aufgepumpt wie übergroße Wassertropfen, die ab einer bestimmten Größe durch einen Anstoß in kleinere Tropfen auseinanderplatzen. Was da an Energie frei wurde, entsprach immer nur der Bindungsenergie von diesen aufgepumpten Urankernen bei jeweils einer Spaltung, schlagartig potenziert in Kettenreaktion.
Zwischennotiz Bindungsenergie – sehr interessanter Effekt, der sich als Widerspruch tarnt, aber keiner ist: Die Teile eines Atomkerns, wenn man ihn spaltet, haben mehr Bindungsenergie, als der Atomkern, wenn man ihn ganz lässt. Dieses Mehr an Bindungsenergie entspricht einer relativistischen Masse, die im Moment der Spaltung nicht als Masse, sondern als Energie, Temperatur und Strahlungsdruck vorliegt. Diese Sache muss ich besser verstehen, weiter untersuchen. Merkwürdiges Phänomen.
Die zwei entstandenen neuen Spaltkerne (Nuklide) wurden dann aber schon nicht mehr in Kettenreaktion gespalten. Sie flogen in der Gegend herum, oder zerstrahlten langsam. Gereicht hat dieses eine Gramm Massedefekt leider trotzdem.
Wollte man 1300g Gehirnmasse auf diese Weise vollständig ad hoc in einen Energieblitz verwandeln, müsste man alle beteiligten Elemente ad hoc spalten, bis sie allesamt zu Wasserstoffkernen mit jeweils einem Proton im Kern zurückverwandelt worden sind. Da aber beginnt schon die Schwierigkeit. Ein Kohlenstoffatomkern ist sehr sehr stabil. Ihn ad hoc einfach zu spalten, fällt sehr sehr sehr schwer. Alle Elemente, die im Periodensystem vor Eisen liegen, lassen sich nur spalten, wenn man mehr Energie dafür aufwendet, als man erhält. Also müsste man sie fusionieren. Alle Elemente schwerer als Wasserstoff sind aber schon Fusionsprodukte, Wasserstoffkinder. Wasserstoffkindeskinder. Wasserstoffenkel.
Dann müsste man zum Schluss auf zauberische Weise alle verbliebenen Wasserstoffkerne mit der gleichen Menge von Antiwasserstoffkernen (ggW?), die man sich auf quantenmechanische Art und Weise irgendwie aus dem Vakuum geborgt hat, zusammenschießen, um alle Materie in einen letzten reinen Energieblitz zu verwandeln. Oder man wartet, bis sie von alleine zerstrahlt sind. Was aber dauert. Kaminskie könnte mir schon etwas mehr zumuten.
Vielleicht geht es aber noch anders. Um an die Energie heranzukommen, die in 1300 g Gehirnmasse materialisiert ist, könnte man alle beteiligten Elemente auf ihren Geburtsweg zurückschicken, durch mehrere Generationen von Sternen hindurch, bei deren Tod sie in ihrem Inneren durch Kernfusion erbrütet wurden, müsste sie noch weiter in ihren Geburts-Zeitkanal zurückstopfen bis zu den ersten Ursternen, die nur aus reinstem Wasserstoff sich bildeten und noch weiter zurück bis in die Zeit als noch gar keine Sterne existierten, sondern nur eine große Wasserstoffwolke, aber auch durch diese Zeit müsste man die Kerne noch rückwärts hindurch tragen, bis zu jenem Augenblick, als noch nicht einmal Kerne existierten und ein ursymmetrischer und ultraheißer Zustand durch eine winzige Unregelmäßigkeit so gestört wurde, dass es nicht mehr genau 50 zu 50 für Materie und Antimaterie stand (Antimaterie – ggW? klären, was das ist.) , die sich in einem Blitz beide vollständig hätten in Energie erlösen können, nein, es stand irgendwie 50,7 für Materie und 49,3 für Antimaterie, vielleicht durch einen Fussel am Ärmel Kaminskies, der dazu führte, dass eben nicht alle Materie wie Antimaterie sich in einen Energieblitz vernichtete, dafür aber ein Dreck von Materie bleiben durfte, aus der wir heute und alles Anfassbare bestehen. Dabei hätte man aber rein gar nichts gewonnen, weil das Energieäquivalent von 1300g Gehirnmasse eben der Energie entspricht, die es brauchte, um sie durch den Geburtszeitkanal in unsere Gegenwart und schließlich in meinen oder Kaminskies Kopf hinein ploppen zu lassen.
Man kann es sich natürlich auch leichter machen, so wie Kaminskie, einfach so
die Masse des Gehirns mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit multiplizieren, und dann sein Pfeifchen dran anzünden. Dabei ist er der Physiker von uns. Gut, er will unsere Gespräche nicht verfilzen lassen.

Kurzum: Kaminskie hat mir in seinem entspannten Sonntagsinteresse für Philosophie, und vielleicht auch weil er mich nicht überfordern wollte, unterschlagen, dass die Quantenmechanik bestimmte Bedingungen stellt, damit E=mc quadrat gilt.
Die Formel ist deshalb nicht falsch, aber davor steht die Zicke Quantenmechanik, die ihre Bedingungen stellt. Und diese Bedingungen sind nicht ohne weiteres zu erfüllen, schon gar nicht zu umgehen. Sie stellt Regeln auf, die verhindern, dass bestimmte Sorten von Teilchen zusammenkommen oder sich trennen dürfen und sich nur unter bestimmten Vorraussetzungen ineinander umwandeln. Soll ich dem nun auch noch hinterher recherchieren, Kaminskie?

Insofern war Einstein eigentlich ein ziemlicher Fußgänger. Das muss man einfach auch mal sagen dürfen. Seine Leistung war doch sehr relativ! Er hat uns mit seiner Superformel Hoffnung gemacht auf Zeitreisen und ein energetisches Schlaraffenland, und was ist davon geblieben? Ein abgenagtes Hühnerbein auf einer Toilettengeld-Untertasse. Und das wird auch noch bewacht von der alten Fettel Quantenmechanik, die eine Atombombe in der Hand hat, von der sich herausstellt, dass man sie wahrscheinlich sogar ohne E=mc quadrat zusammenbasteln kann. Ich finde das alles ein wenig enttäuschend.

Ganz ausdrücklich: Ich bin nicht Albert Einstein!

Okey, das nehme ich zurück. Beides.

Grundsätzlich hat Kaminskie Recht: Jede Masse entspricht einem Energieäquivalent. Hat sogar, wie ich jetzt mühsam recherchiert habe, eine Strahlungsfrequenz. (Planck) Nur ist es Blödsinn von einer Umwandlung zu sprechen. Masse IST Energie in einer anderen Form

Problem: Zwischen einer biologischen Betrachtung und einer physikalischen liegen gigantische Skalen.

37 Grad Celsius. Reden Biologen und Physiker eigentlich miteinander? Können sie sich hören?

Worin Kaminskie auch wieder gut war: Mit seinem Hinweis auf die Referenz, die es braucht, um ein Ding von einem anderen Ding sinnvoll unterscheiden zu können. Ein Gehirn von einem Stein. Überhaupt – die Gleichmacherei in der Unterscheidung. Das Ver-Gleichen.

Willst Du etwas erkennen, musst Du es unterscheiden.
Willst Du etwas unterscheiden, musst Du es erkennen.

Vor welchem Hintergrund. Was bestimmt Ihn?

Allerdings wusste das vor Kaminskie schon George Spencer Brown.

Wie ist es möglich, dass wir gleichzeitig unterscheiden indem wir gleichmachen, ohne uns zu verheddern?

Sehr gepflegter, gut gekämmter und gut angezogener Widerspruch. Mit glänzenden Budapester Schuhen.

Muss Kaminskie das nächste Mal fragen, woran er eigentlich genau arbeitet.

Unsere Gesprächskultur justieren.

Käsekuchen einkaufen.

Nachtbild Ernährung/Notiz

Ob man nun will oder nicht, schickt das Gehirn seine ihm zugespielten Reize immer noch einmal in den Toaster, weil es mit der realen Lappigkeit des Wirklichen nicht umgehen will, nicht umgehen kann. Es gehört ja selbst dazu. Also toastet es die Prozesse, die es ergreift, zu Krusten, damit sie Denk-Gegenstände werden, kognitiv Biss haben, al dente sind. Was Fließen, was Bewegung war, wird Gegenstand. Der krachende Biss hält ein Stück Bewegung fest. Erobert sie. Begreifend. Im Gebiss. Aber es ist immer nur ein Stück. Den Rest muss es am Gebiss vorbeischwimmen lassen. Bis es das nächste Mal danach schnappt. Aber so ganz peu a peu hat es überall schon einmal zugebissen und große Körner gekrustet. So entsteht ein grobkörniges Bild von dem, was IST. Noch kein schönes Bild, und man kann noch kaum etwas erkennen. Aber dann zerbeißt es die Körner feiner und feiner und das Bild wird feinkörniger, schärfer. Wenn man sie verstehen will diese Bewegung, kann man Bewegung nicht gleichsam widerstandslos trinken, atmen, lutschen. Kein Beweis, aber eine Stütze der These: Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte Durst auf Leben oder Durst nach Liebe? Oder dass jemand gesagt hätte: „Ich habe Dich zum Trinken gern.“ Hier regiert der Hunger. Dabei ist der Durst viel mächtiger als Hunger. Man kommt 40 Tage ohne Essen aus, aber schon nach 5 Tagen ohne Trinken beginnt das Sterben. Trotzdem ist es der Hunger, der regiert. Lebenshunger – Liebeshungrig. Der krachende Biss. Aber weil der Biss regiert, heißt das noch lange nicht, dass nun gleich alles zum Beißen ist. Wie ist der Rest? Wo ist das Andere? Und vor allem: Was ist es? Wissensdurst! Ich geh erst mal ins Bett und stell mich dumm.

Wenn ich aufwache, bin ich Künstler.

Der Kuss.

Heute war der Tag sehr hoch. Und wir haben da ganz weit unten gelegen.
Wie Fliegen in den Taschen eines Mantels, der hinten im Schrank hängt. So fühlten wir uns an.
Aber man darf die Fühler nicht eingerollt lassen.
Es führt ein Weg nach draussen. Oder nach oben. Auch der höchste Tag ist einmal überwunden.
Gehen wir es an. Wollen doch mal diese Wand in Angriff nehmen.
Endgültig: Dieser Tag ist eine hohe Wand. Und wir stehen an seinem Grund.
Diese Wand, die den Schatten macht. Mensch ist das hoch.
Aber wir sind schließlich Freikletterer. Freeclimber.
Mit nichts als unseren blanken Händen schicken wir eine SMS.
Die erste so gegen Zehnuhrdreissig. Die erste ist immer die Schwerste.
Das wäre geschafft. Wir stehen auf einem kleinen Vorsprung. Sind auch schon ein wenig stolz.
Nicht sehr hoch, aber immerhin, die Antwort kommt schon eine Stunde später.
Ein dünnes Seil von oben als Piepen in der Hosentasche. „Ja, ich freu mich.“
Aber das hält nicht lange. War ja nur ganz dünn. Zack, schon durchgescheuert.
Erstmal ein Schluck Wasser trinken. Zum Kaffee. Zur Stärkung. Dazu ein Keks.
Die nächsten Schritte. Mit nichts als den blanken Fingern greife ich in diesen Papierstapel und ordne ihn, wirklich nur mit den blanken Händen greife ich nach der Tabelle. Beim ersten Mal rutsche ich ab. Beim zweiten Mal hält der Griff. Und die Füsse dabei immer schön fest gegen den Teppich gedrückt.
Da können schon mal die Muskeln zittern. Aufpassen. Man muss sich gut einteilen. Nein, ich kann jetzt da nicht mal eben schnell in diese Besprechung! Du siehst doch, dass ich hier voll in der Wand hänge. Wie spät ist es? 13 Uhr erst? Na so wird das aber nichts hier. Man soll nicht dauernd auf die Uhr gucken. Das kostet Kraft. Immerhin erreiche ich dann aber einen nicht ganz so steilen Abschnitt. Die Mittagspassage. Pause. Da kann man sich auch gut an den Kollegen festhalten. In die Gespräche eingreifen und sich daran weiter hochziehen. Kraft einteilen für den Teil der Strecke, der dann umso härter auf uns zukommt.
So zwischen Fünfzehn und Fünfzehnuhrdreissig muss ich dann mit nichts weiter als meinen nackten Augen ein Dokument lesen. Ich weiß, das wird schwer. Das brennt. Und danach noch mit nichts weiter als der blanken Stimme dazu etwas sagen. Wort für Wort. Absatz für Absatz. Winzige Absätze. Alles ohne Seil. Sich weiterziehen. Nur Stimmbänder. Keine Karabinerhaken. Keine Wasserflasche. Eindrücke suchen, wo keine Eindrücke sind. Keine Vorwände zum Festhalten. Kaum Vorsprünge. Alles platt und glatt. Es ist eine Quälerei. Todeszone so gegen 16 Uhr. Bloß nicht einschlafen hier im Meeting. Es gibt keine Seile, in denen du hängen könntest. Du musst aufpassen. Du darfst nicht einschlafen. Jetzt. Du musst wach bleiben. Du könntest sonst abrutschen. Ein Schritt nach dem anderen. Ich muss jetzt mit nichts als meinen beiden Ohren hören, was die anderen sagen. Kein Eishammer zur Verfügung. Nur das winzige Hämmerchen im eigenen Ohr. Und dann muss ich antworten. Wieder nur mit nichts als den blanken Stimmbändern. Teil dir den Sauerstoff ein. Rede nicht so schnell. Und immer schön die Füße auf den Teppich drücken. Mach einen kleinen Fortschritt. Bald kommt ein kleiner Abschnitt, die Strecke bis zum Kopierer, der fällt dann wieder leichter. Ein Schritt nach dem anderen. Nutze die Reibung des Teppichs, trinke ein Schluck aus dem Wasserspender. Du hast es gleich geschafft. Strecke den Arm aus und presse zwei Finger in die grüne Taste des Kopierers. Dort kannst Du dich ein wenig ausruhen. Es gibt da an der Klappe links beim Einzugschacht noch eine Kante, einen kleinen Vorsprung, zieh dich da hin, da kannst du dich festhalten. Ein sicherer Halt. Ein Vorwand. Schau das Licht. Es fällt nicht mehr so steil durch den Tag. Das schlimmste liegt hinter Dir. Schau nicht nach unten. Nicht auf den Fußboden. Jetzt noch ein paar Türklinken, sie lassen sich gut greifen. Sind stabil. Fass da an. Achte auf deine Füsse. Tritt da ein. Schau nach Vorwänden. Zieh dich weiter nach oben. Überhaupt, kannst du wieder mehr greifen. Die Begriffe werden wieder stärker. Sie geben einen Eindruck, einen Vorgriff. Greif da hinein. Zieh dich langsam hoch. Schicke noch eine SMS. Vielleicht kommt Antwort. Da! Hörst du, es piept schon wieder.

Kurz vor dem Ziel. Ein guter Abend.
Wir haben uns verabredet mit dem Ende dieses Tages in einem Garten.
Von weitem sehe ich ihr Kleid an die Dämmerung gehängt.
Ein helles Tuch in der Luft unter dem Ahorn. Der Boden ist voll Gras und ganz gerade.
Hier klettern wir uns entgegen. Noch einmal höher. Jetzt eine Treppe. Stufe für Stufe die allerletzten Hochmeter.
Jeder steigt seine Treppe auf einem geraden Boden.
Sie kennt meinen Namen.
Ich weiß wie sie heißt.
Mit unruhigen Knien.
Stehen wir vor uns.
Zwanziguhrsechs.
Oberster Absatz.
Und lassen
uns aus dieser Höhe ineinander kippen. Einstürzende Häuser, so nennen wir unsere Freude. Fallende Steine, sinkende Fenster, die Wände unserer Stirnen brechen herunter, Telefone, die sich begegnen, egale Regale, bodenlose Füße in den Gängen, eine Tür verlässt ihren Rahmen, die Kollegen Zähne an den Wasserleitungen, da kommen zwei Bildschirme auf mich, ihre Augen, der Mund fällt, der Kiefer geht nach unten, die Chefetage öffnet sich, Fahrstühle sausen. Ihre Lippen sind Farb-Patronen. Die Zunge ein Laserdrucker. Sie knnet meinn Nmanen um Zwaunnssiguhdire. Ich weiß wie sie hßtei. Da sthne riw zungelb trüme lefoneTe, leck Rchtg tief jtzt enein ziegel ähnez ommk sptze ippeln noch lma los kommt, Rhmanen dre Tür os drähte stckdosn stein putz wie drhestühle aus dre akntine bltzitzt rot die cola ziegl Gschirre ellert, abgeln, asser varenkerung kartffoln dringt ein lsa guss nass, kommt win osx tsstatrur stnneinen vorstssoen ktenordner brsetü, schnkle fechteue sane splaten, ressise beisssen dkomenute Tsche, funktoinien znge prckeln verfahren lcken nsae kt ikkfl, lis ngt, genehmigt ktion la toff shl ook lis sig kn ällt sig sil kmnmost mus litr sind au iegel los schwend isch L L krmo ersil effer elso cweben K L A S ss kkd quet rgb rgb r r o o o lache grün gelb skkk kks k koewig gfj öööj fb ru u u u5ö h ö4 uht uhr oksk dk kk ++ ll l,, ,0 10101010
01001001001010001100000100111 001010100100 01 1ismus ismus trias ollsld ld l p % § & tisch woerteer kd 12o2o101001 i ii p p r tt dd auch ismus so z i pati smus fut i i ppp p kn Ld o o sstt udu km ahh aha o o l öö l lllqo2o3 3 4i – — ,- – ,- – ß ? ? eis haöä k l mus s e lle ö 01 101 01 011 01 0100 10 111 sehr
nack sel stuhl sel 0 sich dernd 0 du weift lei ost o k o m v b m k lila selb hie lkj
f h t 2 D L@ L @ r : 🙂 . ö ? .-) ik
. .. .. … .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m .m. ,. ,. ,. .,., .,.t. .r.,r. .e. . . …3.. . ..
…. – . .-.weoioe : :: – ._. :-._ .: wiemqqp _:-: -: :_: -:lel _:_: _: * -: -:_: _:-:- :-: :-_:_: _ ._:_: _. -:-. -:- -: – -: _:.- : .t. ..t. ät.tt . ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _ -.. ._ . ._._._:_ — _. . * _:_._ _. _ _._- dernd 0 du weift lei ost o k o m v * b m * k lila * selb hie lkj . .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m *** ** * : .,..,..; : ;. ;.::;::.: . .. ;: ,.. .,m.,.:. ;.;: ;: ;:: :,:: , :; ,.;. ;.m.,:M;::.;::: :,: ,::: :., * * * * *** ** **
f h * t 2 D L@ 🙂 L @ r : * . ö ? .-) ik *
. .. .. … .. .. .k .. ., ..o k. …. …. …. tm t.m .m. ,. ,. ,. .,., .,.t. .r.,r. .e. . . …3.. . ..
…. – . .-.weoioe : :: – ._. :-._ .: wiemqqp _:-: -: :_: -:lel _:_: _: -: -:_: _. -:-. -:- -: – -: _:.- * : .t. ..t. ät.tt . * . * . . ….. *
: _. -:-. -:- -: – -:* _:.- * * : .t. ..t. ät.tt . * ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -:-. -:- -: – -: _:.- -. -:- -: – -: _:.- _. -:-. -:- -: – -: _:.- : .t. ..t. ät.tt . * ._: . _:_ * 🙂 t üör ltotp :_ _. _ -.- _-: – -: _:.- _. -:-. -:- -: -* -: _:.- -. -:- -: – -: _:.- * * _. -:-. -:- -: – -: _:.- * * * 🙂 * * *
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -::;Ö Ö;Ö _;_;-,; ;_ ;; *; _;; ;; _; _; ; ; _; _ :__: __: :_: _; ;: :. ; ::;:; : : ; : :::: :::: ::: :: :::: ::*:: ::: :::::: ::::: ::::::::::* :::::::: : :: : ::: :::: :::::: ::: ::: ::: _. -:-. -:- * -: – -: _:.- * : .t. ..t. ät.tt . ._: . _:_ t üör ltotp :_ _. _ -.- _ 🙂 * * * * *** * + * ******** **************** ****
_. -:-. -:- -: – -: _:.- _. -: ;: . : M :: .; :; : ; : : ;. ;: ; ;: ; : :;: : :;: ; :; ;; :
* * * * * * * * *
* * * ** ** * * *** ** ** * ** *

Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

Was Aristoteles schon über die Finanzkrise wusste.

Potentialität und Aktualität.

So steht man heute wieder vor uralten Fragen, deren Gründe viel tiefer in die Zeit zurückreichen, als nur bis zu Marx.

Die strukturierten Produkte, die Zertifikate des Finanzwesens, waren ja zunächst aus einer ganz sinnvollen Überlegung hervorgegangen. Sie sollten die Risiken eines monoformen Papiers über den Verbund, in der Vermischung mit verschiedenen anderen Papieren, Versicherungen und Rückversicherungen, die sich jeweils dann in geknüllte schwer zu durchschauende Zertifikate einbetteten, in ein polyformes Verbundmaterial verwandeln, das stabiler ist, weniger risikobehaftet. Eine Art Sperrholz oder Damastzenerstahl der Finanzbranche.

Eigentlich funktioniert das ja auch. Man kann ein Anlage-Portfolio so mischen, oder knüllen oder falten, dass es stabiler bleibt, elastischer, aber dann agiert es weniger effizient, weniger produktiv. Es verformt sich dann als geknülltes Portfolio weniger heftig in Richtung Verlustzone aber auch weniger in Richtung Gewinnzone. In dem man zum Beispiel Kauf – und Verkaufsoptionen mit Aktien aus verschiedenen Branchen mischt.

Der Anleger spricht dann von einer „langweiligen“ aber relativ stabilen Anlagestrategie.

Aber warum waren die problematischen Mischstrategien, die ja ebenfalls als Verbund- und Schichtmaterialien konstruiert wurden so brisante „plötzliche“ Sprengstoffe? Warum waren sie instabil?
Faule Zutaten sind das eine. Das andere war der Irrtum, dass man glaubte, etwas könne zugleich enorm effizient, produktiv und und zugleich enorm belastbar, also stabil sein. Das funktioniert nicht, wie man heute mathematisch ebenso wie physikalisch simpel nachweisen kann.

(Ein Raketentriebwerk ist höchst effizient – aber! – Es soll auch nur 8 Minuten durchhalten. Und auch diese 8 Minuten müssen empfindlich gut kalkuliert sein, damit es einen nicht um die Ohren fliegt! Deshalb ist hohe Effizienz immer verbunden mit einer kurzen Funktionsdauer des jeweiligen Systems ebenso wie mit bedrohlicher Gesamtanfälligkeit!)

Der Finanzexperte Bernhard Litaer hat in der Brand1 vom Januar 09 darauf aufmerksam gemacht, dass ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang zwischen Produktivität und Belastbarkeit bei Systemen wirkt. Wenn man Produktivität definiert als eine Durchsatzmenge an Energie oder Information pro Zeiteinheit –  und Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Störungen, Abweichungen, Durchsatzsenken oder Durchsatzspitzen so abzufedern, ohne dass es in seiner Gesamtstruktur bedroht ist oder gleich ganz zusammenbricht.

Ungefähr so, wie ein Blatt Papier als geknüllte Kugel stabiler, krisenresistenter ist, als ein ungeknülltes.

Die andere Antwort liefert möglicherweise wieder die Technikgeschichte.

Ein Portfolio so zu mischen, dass es weniger brisant, also stabiler bleibt, entspricht dem Handeln nach dem, was Alfred Nobel damals mit dem Nitroglyzerin gemacht hat.

Es liefert ein Bild zum aristotelischen Problem von Potentialität und Aktualität.

Reines Nitroglyzerin ist nicht wirklich handlich, zu gefährlich, zu instabil, zu effizient. Es ist – zu aktuell. Also hat Alfred Nobel das allzu aktuelle Nitroglyzerin gemischt, langsam gemacht, belastbarer, geknüllt, mit „langweiligem“ Kieselgur und seine Konzentration so verringert, dass es handlich wurde. Sein Dynamit war plötzlich ein harmloser Stoff. Andere Zusatzstoffe machten es sogar unempfindlich gegen eine Streichholzflamme. Erst eine Initialzündung bringt es zur Explosion.

Hier liegt wohl die Schwierigkeit. Die aktuelle Harmlosigkeit des Dynamits kann viel mehr informell-energetisches Potential anhäufen. 20 Liter reines Nitroglyzerin irgendwo zu lagern oder durch eine Leitung zu pumpen wäre Wahnsinn. Fünfzig Tonnen Dynamit dagegen sind kein Problem.

Allerdings – wenn eine geknüllte polyforme Papierkugel – die sich im Prinzip nicht so schnell entzünden lässt wie ein loses Blatt Papier  – wenn sie aber doch einmal brennt, dann lässt sie sich auch nicht so schnell löschen. Sie schwelt dann durch.

Das Dynamit explodiert.

Die Brisanz des Nitroglyzerins, die eher eine „aktuelle“ Brisanz genannt werden kann, wurde von Alfred Nobel in die „potentielle“ Brisanz der Mischform Dynamit überführt.

Die Philosophiegeschichte hat seit Aristoteles und dann über Thomas von Aquin versucht, den Zusammenhang zwischen Aktualität und Potentialität zu klären. Was nicht ganz einfach ist.

In seiner Metaphysik erläutert Aristoteles, dass die Aktualität der Potentialität vorangeht.

Im Rahmen seiner Argumentation gibt es dafür auch einen Grund.

Für Aristoteles gab es als Ursache aller Dinge nur die Kraft der Bewegung (griechisch: Dynamis) also kein statisches Wesen. Die Bewegung aber, so folgert er, ist immer Aktualität. Also aktuell agierend. Und aus der Aktualität der Bewegung formen sich auch die Begriffe, die Instrumente, die Techniken.

Und deshalb schreibt Aristoteles:

Sie (die Potentialität) ist ein Prinzip der Bewegung, freilich der Bewegung nicht in einem anderen, sondern in dem Wesen selbst, insofern es dieses Wesen ist. Jeder solchen Potentialität also geht die Aktualität dem Begriffe nach und dem Wesen nach voran; auch der Zeit nach, wenigstens in gewissem Sinne; in anderem Sinne freilich wieder nicht. Zunächst, daß sie dem Begriffe nach vorangeht, leuchtet von selber ein. Denn das ursprünglich mit Potentialität Ausgestattete hat Potentialität insofern, als es zur Aktualität zu gelangen vermag, wie z.B. Baumeister ist, wer zu bauen vermag, Sehkraft hat, wer zu sehen vermag, und sichtbar ist, was gesehen werden kann. Das gleiche begriffliche Verhältnis herrscht auch in allem anderen. Mithin ist der Begriff des Aktuellen notwendig der ursprünglichere, und wer den Begriff des Potentiellen erfassen will, der muß zuvor den Begriff des Aktuellen erfaßt haben.

Wenn man jetzt für den Begriff des Aktuellen „Nitroglyzerin“ einsetzt und für den Begriff des Potentiellen das  „Dynamit“, man also weiß, dass das Nitroglyzerin in der menschlichen Entwicklung vor dem Dynamit entborgen war, dann kommt man nicht umhin, Aristoteles für seinen Weitblick und Scharfsinn zu bestaunen.

Tatsächlich scheint sich die mensch-technische Entwicklungsgeschichte immer genau in dieser Reihenfolge abzuspielen. Der Zivilisationsprozess überführt die aktuelle Brisanz der Aktualität in den scheinbar weniger brisanten (aber dafür lauernden) Zustand der Potentialität.

Greifen wird Begriff.

(Er-)zählen wird Zahl.

Dynamis wird Dynamit.

Tauschen wird Geld.

Aus dem Kreisen wird das Rad.

Aus dem Rad wird der Wagen.

Bewegung wird Bewegendes.

Aus der Arbeit wird die Maschine… (was Marx auch schon gewusst hat..)

und schließlich:

aus dem Denken wird die Denkmaschine, die Ideologie (ein Problem, das Marx leider nicht so stark beachtet hat.)

aus dem Fühlen wird Gefühltes, der Roman, der Film, das Theater…etc…

Der überschaubare Tausch zwei Schafe gegen ein Pferd, der sich nur in der reinen Aktualität handeln lässt. (Ein Tausch, der wie das Nitroglyzerin auch sofort platzen kann, weil des Pferd zum Beispiel krank ist und ich ein konkret schlechtes Geschäft gemacht habe)

Dieser überschaubare Tausch wird bereits durch die Erfindung des Geldes in eine handlichere Potentialität überführt. Wenn ich Geld statt ein Pferd nehme, kann das Geld nicht krank sein, es sei denn es wurde gefälscht. Aber prinzipiell ist es das handlichere Geschäft. Aber schon dieses Geld, dass bereits ein Äquvalent ist, hat Dynamiteigenschaften. Ich könnte dieses Geld jetzt verleihen, gegen Zinsen, damit es wächst, sprich: explodiert.

Und so weiter bis hin zu den heutigen Finanzmarktinstrumenten.

Heute weiß man – die Tatsache, dass Sprengstoffe „handlich“ wurden, hat sie global betrachtet erst zur massenhaften Anwendung gebracht, für ihre Verbreitung gesorgt. Ihre potentielle Brisanz ist gestiegen.

Sprengstoffe sind manchmal sinnvoll. Ebenso wie im Prinzip die gemischten Papiere nicht einfach nur destruktiv sind.

Die menschlich-technische Evolution wird den Weg in Richtung Verbundstoff weiter beschreiten. Und dies über Brüche, die notwendig sind, um Dehnungsfugen auszubilden. Dass wir dabei selber in einen globalen Verbundstoff eingegliedert werden, steht ausser Frage.

Wenn Bernard Litaer jetzt vorschlägt, die monoformen und potentiell überbrisanten Finanzhandlungsstrukturen durch einen polyformen Verbund von regionalen Wirtschaftszonen zu entlasten, aufzulockern, dann macht er damit den Vorschlag, das Dynamit nicht mehr an wenigen großen Orten herzustellen oder zu bewegen, sondern an vielen kapillar verteilten. Das ist durchaus vernünftig. Aber unabhängig davon, ob es vernünftig ist oder nicht, wird es sowieso geschehen. Es wird geschehen als etwas, das durch gewaltsames Zerbrechen sowieso geschieht. Durch Krisen. Klüger wäre es natürlich, selbst zu tun, was geschieht.

In seinen regional gedachten Wirtschaftszonen, erfolgt ein Teil des Tausches wieder etwas direkter, also aktueller, über kürzere Wege. Er gewinnt mehr Aktualität und verliert etwas von seiner zerstörerisch sich anhäufenden Potentialität.

So wäre heute also zu bedenken, wie man das Verhältnis von Aktualität zu Potentialität  zivilisations- freundlich moderiert.

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

Rotation und Information.

Rotation, Information, Schließung und Streuung.

Erde und Mond; Sonne und Erde – die Planeten: das Sonnensystem – all das vermittelt sich über ein Rotationsverhältnis zwischen gekrümmten Räumen.
Der Drehimpuls von Massen, die einander seit Ewigkeiten in ihre gekrümmten Räume hinein zufallen, um einander herum fallen; diese Massen drehen sich, weil jede Massenverdichtung im Universum auf einen imaginären Mittelpunkt hin sich gravitativ zusammenzieht, das Zentrum jedoch natürlicherweise nie ganz trifft, es immer leicht verfehlt, – weil eine Massengröße auf irgend einer Seite zu viel oder zu wenig  den gravitativen Vektor an diesem imaginären Punkt vorbei lanciert  – und so die  Richtung dieser Kraft, die alle Massen eigentlich auf einen Punkt hin zusammenziehen möchte, an diesem Punkt vorbei in die Radiale einer Rotation ableitet, in die Phase einer Drehbewegung.
Die Drehbewegung balanciert dann einen Kompromiss aus idealem Zentrum, Lagrange-Punkten und Gravitation, fliehend in den Dreh einer Elipse.

Die natürliche Symmetrieverfehlung verlangt, innerhalb des Verdichtungsprozesses, eine Richtungsentscheidung: rechtsherum oder linksherum.

Dass Körper im Universum rotieren, oder vielmehr elliptisch herum eiern, ineinander oder umeinander, auch um sich selbst, in einer bestimmten Richtung, ist das Ergebnis einer solchen Symmetrieverfehlung während der Zusammenballung von Teilchenwolken zu Massen, Planeten, Systemen, Sternen.

Urbewegung der Rotation, die auch Aristoteles schon als die Urbewegung schlechthin erkannte.

Wenn es stimmt, und vieles spricht dafür, dass die Formen der ersten Einzeller oder Protozeller im Wasser der frühen Meere als in einer Art Ursuppe ihren Anfang genommen haben, dann spekuliere ich, dass dieses nicht direkt im Meer, sondern an seinen schwappenden Rändern sich ereignet haben könnte. An den Stränden, den Watten.
Hier, wo ein Tidenhub der Gezeiten, verursacht durch die Rotation des Mondes um die Erde, der damals auch noch näher und beeindruckend groß am Himmel stand,  die vorhandenen Molekülbausteine regelmäßig –

abtrocknete und anfeuchtete,

wärmte und abkühlte,

belichtete und abdunkelte,

aufhob und niederlegte,

hinrollte und herrollte,

untertauchen und hochsteigen ließ…

– läge es nahe, möglicherweise – war es ja auch diese regelmäßig hin – und her-rollende auf und niedersenkende Bewegung, dieser Gezeitenhub, der ursprünglich dafür sorgte, dass irgendwann die ersten komplexeren Moleküle sich an halbfeuchten – halbtrockenen Strandlagen ansammelnd, selbst einrundeten, sich autopoietisch einkugelten in einer ersten Selbstschließung, Selbstrundung, wie in einer Art erstem Reflexionsprozess, diesen Gezeitenhub, der ja die rotatorische Bahnschließung des Mondes im Verhältnis zur Erde als Schwingung weitergibt, aber auch der Erde im Verhältnis zur Sonne,  –  so in sich selbst einschlossen, indem sie das rhythmisch pulsierende Hin-und Herrollen ihres Elements, das sie IN-FORMIERTE, EINKREISTE,  in eine FORM der Eigenschließung, Eigenrundung als Zelle oder Protozelle nachvollzogen, überführten in die FORM – so – die Rotation – quasi reflektierend.

Ähnlich wie ja auch jede Sinusrhythmik in Schwingung nichts anderes darstellt als die abgerollte Funktion eines Kreislaufes.

Vielleicht ein noch unvollständiges Bild, aber doch nachvollziehbar.

Ich erfahre, dass verschiedene Versuchsanordnungen in ursuppen-ähnlichen Millieus oder in nachgeahmten Protoatmosphären mittels Funkenentladungen und dem Einfluss von UV-Licht experimentiert, hier auch gewisse Ergebnisse brachten bei der Bildung langkettiger Grundmoleküle, Aminosäuren, Bausteinen des Lebens.  Ebenso wie man  chemischen Millieus verschiedener Dichte kleine Tröpfchen mit eingekugelter Oberflächenspannung erzeugt hat, als mögliche Vorläufer von membranumschlossenen Zell-Gebilden.

Von einer Wirkung des Gezeitenhubs erfährt man nichts.

Aber sicher und ausreichend erklärend scheinen die Laborversuche alle nicht. Man forscht hier weiter.

Ein wechselndes Trocken- und Nass-, Heller- und Dunkler- Werden, das die Ausbildung von halbdurchlässigen Protozell-Membranen angeregt haben könnte, die ja in ihrer habituellen Unentschiedenheit zwischen Trocken und Nass, Struktur und Nicht-Struktur, Offenheit und Geschlossensein ihrerseits wieder abbilden eine Strandregion in Microformat, als würden sie diesen Strand jetzt materiell nachgebaut reflektieren.

Ist der Einzeller nicht auch ein kleiner Kontinent, der an seinen Rändern von dem fließenden Gezeitenhub der Nährstoffe formuliert, umsorgt und versorgt wird?

So auch als eine kleine erste Blut-Hirnschranke zwischen den Welten sich ausbildend, zwischen reversiblem Gezeitenhub und irreversibler Strukturbildung.

Auch die Blut-Hirnschranke kann ich mir vorstellen wie ein Wattenmeer in Gezeiten, einen Strand als Grenzregion zwischen einem festen Kontinent und dem Meer des Blutkreislaufs, das den Kontinent des Gehirns über Jahrmillionen der Evolution umschwemmte, umlagerte, versorgte, beatmete, anschwemmte, umsorgte – solange – bis dieser Strand des Gehirns schließlich selbst – jetzt aber auf der rein informatorischen Seite reflexiv erneut eine Zelle ausbildete, die dann dieses interessante vertrauteste unvertrauteste aller Worte sagte, fühlte, und dachte: „Du“ .

Wenn hier, an dieser Stelle, möglicherweise ein Gesetz der großen Zahl wirkt, eine Riesenmenge an Ereignishäufigkeiten und Verteilungshäufigkeiten, dann wäre es naheliegend anzunehmen,  nachdem die IN-FORMATION einer Rotationsbewegung über den von ihr verursachten Schwingungsverlauf einer Gezeiten-Rhythmik schließlich  zu einem molekularen oder protozellulären Kreisschluss als FORM führt, dann gäbe das ein gutes Bild  für die Überführung Energie/Bewegung/ – Information – Form. Zumindest für das Phänomen „Leben“.

Selbst die Struktur der DNA-Doppelhelix-Leiter zeigt eine rotatorische, sinuswellenartige Verwindung, die ein Zusammenhang mit eben dieser rotierenden Rhythmik des Gezeitenhubs nahe legt.

Aber auch mit der Elektrodynamik. Die Form einer elektromagnetischen Schwingung ist der einer gewundenen Helix nicht unähnlich, oder zumindest könnte die Elektrodynamik form-gebend hier eingeschlossen sein. (Würde mich interessieren, ob diese Doppelhelixform sich zwingend aus der Anordnung der beteiligten Basen und Zuckermoleküle ergibt, oder ob die Elemente im  Prinzip auch anders angeordnet sein könnten-Kaminski fragen.)

Letztlich ist aber auch das UV-Licht, wie jede energetische Erscheinung im Spektrum, ebenso wie auch Funkenentladungen, eine schwingende Energie-Erscheinung mit einer bestimmten Wellenlänge, also Kreis- Frequenz im Spektrum, die möglicherweise ebenso als formendes Energie-Potential, in-formatorisch eine „Form“  rundet, einkugelt, einkreist, einrollt und halbdurchlässig abschließt.

Man kennt heute einen Zusammenhang zwischen Formbildungsprozessen und überlagernden Schwingungen in den Lissajou-Figuren des Physikers Jules Antoine Lissajou.

Hier zeigen sich auffällig formale Ähnlichkeiten mit bestimmten Molekülstrukturen aber auch einzelligen Lebewesen. (Die visuellen Effekte bei itunes-arbeiten mit einer Lissajou-Funktion, die über Pseudo-Zufallszahlen Farbe und Form generieren.)

Dieses spekulativ angenommen, drängt sich der Folgegedanke auf, dass der Prozess ein Verhältnis von In-formation und Wirklichkeit beschreibt, in der Weise, dass „Leben“ wiederum als etwas erscheint, das in einem bestimmten Schwingungsverhältnis zur Rotation als Formschluss FASSUNG GEWINNT oder an dieser Rotation gewonnen hat.

Dann wäre Leben selbst beschreibbar als eine sehr spezielle Art des In-Form-Gehens der Rotation (Bewegung/Energie); Leben als das Gefäß einer stehenden Welle, die aber ihre Energie (oder ihre Information) auch wieder abgibt, weiter ausdifferenziert , über die Ahnenfolge, mutative Streuung, und bestimmte Reflexionsschwellen, in einem Prozess der informellen Streuung.

Erwin Schrödinger hat hierfür den Begriff negative Entropie vorgeschlagen, den man heute (nach Illya Prigogin), aber auch einfacher übersetzen kann mit:

Informationsstreuung – Dissipation der Information.

Selbst wenn das Leben parallel, oder sogar ursprünglich in der Tiefsee im Umfeld der lichtlosen Schwefel- Vulkane (Schwarze Raucher) evolutioniert sein sollte,  dann folgt es auch hier einem Gezeiten-Hub – im Stoffwechsel, weil das nach oben strömende erhitzte Wasser, einrollende Konvektionsbewegungen ausführt.

Diese Konvektionsbewegungen sind wiederum kreisschlüssig, einkreisend – eben genau das, was Illya Prigogin als „dissipative Struktur“ beschrieb.

(Wer einmal lose Erbsen in einem kochenden Wasser-Topf beobachtet hat, wie sie auf – und nieder tanzen, der hat im Prinzip die kreisschlüssigen dissipativen Strukturen von Ilya Prigogin gesehen.)

Auch wenn man nur die Wärme selbst als formbildende Energie annimmt, wirkt hier der infrarote Anteil der Wärmestrahlung als schwingend im elektromagnetischen Spektrum wiederum mit einer bestimmten Frequenz als möglicherweise form-einkreisend, formabschluss-erzeugend.

Insofern bringt jede elementare Energie, weil Schwingung, einen Tidenhub, ein Gezeitenwechsel mit sich, der form-einkreisend form-abschließend wirken könnte. Fest steht, dass alles „Leben“ in einem rhythmischen Gezeitenhub des Stoffwechsels operiert.

Die Frage, die sich hier stellt, wenn Information ebenso wie die Wärme auch der Dissipation unterliegt, dann muss man einen „2. Hauptsatz der Information“ annehmen, ebenso wie daraus dann dissipative Strukturen als „Informationsgefäße“ folgen müssten. (neue informelle Millieus)

„Leben“ in seinen verschiedenen Ausformungen, seiner Vielfalt, wäre dann das materielle Gefäß einer solchen dissipativen Struktur der Information, die aber immer weiter, und in andere Formen sich streut, nun auch in technische, wo sie wiederum informelle Millieus ausbildet.

Das menschliche Gehirn wäre dann nach der Ein-Zelle, den Vielzellern und Meta-Zellern, eine dissipative Struktur der Information an einer bestimmten Schwelle hin zum „Ich“

Dann könnte man das Gehirn ebenso wie den ersten Einzeller als eine Reflexions-Schwelle  der Rotation/Information betrachten, ein Gehirn das nun seinerseits über bestimmte Reflexionsschwellen wieder damit beginnt, auf technischem Wege Information in Energie (Kernspaltung/Kernfusion) umzuwandeln – oder sogar neuerdings, in dem es am CERN den Urknall simuliert, eigentlich das Universum selbst damit wieder reflektierend, denkend, manipulierend-informell wiederholt.
Dann ließe sich auch einsehen, warum eine Informationsgesellschaft möglicherweise den Übergang in einen informellen Metazeller dynamisiert, in dem sie per Technologie den informellen Stoffwechsel der einzelnen Gehirne jetzt zu einem Mehrkörper-Ensemble verkoppelt.
Eine Art Groß-Gehirn von planetarem Ausmaß als bio-technologischem Metazeller.

So etwas ähnliches meinte Joel de Rosnay 1997 mit seinem „Kybionten“, der als bio-technischer Mehrzeller sich in einer hybriden Mischung aus Menschen und Technologie im Sinne eines globalen Superorganismus ausbildet.Eine Annahme, die nicht ganz abwegig scheint, zumal gewisse Anzeichen darauf hindeuten. Entwicklungen, die das einzelne Subjekt hier lediglich als „Funktion“ immer stärker in die Gesamtdynamik eines solchen Kybionten einbinden.

Auch die soziale Arbeitsstruktur am CERN deutet darauf hin.

Die Einwände gegen Joel de Rosnay, die eher formaler Natur sind, wirken auffallend schwächlich, beinahe hysterisch, gemessen an der Entwicklung, die seit 1997 technisch geradezu marschiert ist.

Die Dynamik wäre weiter zu untersuchen unter der weniger phantastisch klingenden Bezeichnung „Mehrkörper-Ensemble.

Notwendig wäre eine kleine große Renaissance, welche den Graben zwischen den „zwei Kulturen“ (Peter Snow) Naturwissenschaft und Gesellschaft überbrücken hilft. Und ihr auch in Deutschland eine starke „dritte Kultur“ verbindend, verstehend, zur Seite stellt.

Eine neue philosophische Anschauung der Wissenschaften, ihrer Wirkungen und Vorraussetzungen, ihrer Anwendungen in ihrem Verhältnis zur technologischen Tatsächlichkeit, zur Gegenwart, die in einer Dynamik fließt, ein Dynamik-bewusstes Denken, das nicht mehr gegen die Wissenschaften oder an ihr vorbei redet, oder sie lediglich als „ästhetisches“ Phänomen sensationiert oder verniedlicht, oder als rationales Ungetüm.

Die Blendung von Hieroshima muss allmählich aufgegeben werden.

Eine Renaissance, die Wissenschaft und Technik nicht mehr unter Verdacht stellt, sondern sie zu verstehen sucht in einem informatorischen Gesamtverhältnis von Energie und Gesellschaft, also von Wirklichkeit.

Ob Joel de Rosnays „Kybiont“ eine taugliche Beschreibung liefert, positiv oder negativ, mag dahingestellt bleiben.

Selbst wenn nicht –

– steht die Zivilisation trotzdem vor der Frage, ob sie etwas versteht oder verdrängt, ob sie sich inmitten einer energetisch-technisch hoch aufgeladenen Welt weiter ihren Phantasien und Illusionen überlässt – oder die Wirklichkeit selbst als phantastisch genug anerkennt, bestaunt und deshalb eben erforscht – oder ob sie Dynamik weiter bezweifelt, ignoriert, tabuisiert, auf die Bäume zurück will.

Vor allen Dingen steht sie aber vor der Frage, welche natur- und wirklichkeitsgesetzlichen Zusammenhänge zwischen Energie und Information wirksam sind und was das bedeutet für eine zu formulierende In-Formations-Ethik.

Eine Ethik der In-Formation – aus der auch so etwas Sinnvolles erwachsen könnte wie eine dynamische Zukunftsprojektion im 2. Hauptsatz der Information.

Sapiens – der Einsichtige.

Einsicht nehmend, weil neugierig.

Einsicht habend, auf das, was ES ist, was ER oder SIE ist, WIR, in diesem Kosmos, mit diesem Kosmos.

Einsichtig handelnd nach den Erkenntnissen und Wirklichkeiten, die er gewinnt, in dem er sich seinem eigenen Erkenntniss – und Konstruktionsprozess selbst erkenntlich zeigt und einsichtig.

BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor

MILD-Zeitung.

Am Tisch wir saßen und sprachen,
schwierige Lippen, groß wie Läuse.
Straßenbahn, ein Würmchen, kroch,
winziggelb um unsern Kopf.

Wir steckten zusammen, nadeldicht,
Autos flitzten noch hindurch.
Bevor sich unser Arm entschloss.
Bazillusbogenfreundlich.
Mein Gesicht im Spiegel Öl
Haut schwarzer Olive
Sie verschwand in deinem Mund.
Da öffnete sich ein Fenster.

Die Geschichte von dem Kind, das sein Nein sehen wollte.

.

Es war am Abend ihres 5. Geburtstages, als sie zum ersten Mal bemerkte, dass sie ihr Nein nicht sehen konnte. „Willst Du noch ein Stück von dem Kuchen?“ – hatte ihre Mutter gefragt, während sie mit dem Finger auf das Tablett zeigte, auf dem noch ein einziges Stück lag, das von dem bunten Nachmittag mit den anderen kleinen Gästen aus der Vorschulgruppe übrig geblieben war. Das Mädchen fühlte sich satt und zufrieden und antwortete: „Nein. Kein Stück Kuchen.“
Aber nachdem Sie das ausgesprochen hatte, lauschte sie ihren Worten noch einige Sekunden lang hinterher und bemerkte dabei, dass sie kein Stück Kuchen nicht sehen konnte. Sie sah das letzte Stück Kuchen, aber das Stück mit dem Nein sah sie nicht.  Ein kleiner Schreck durchfuhr sie, deshalb sagte sie noch einmal: „Kein Stück Kuchen.“ Und sah noch einmal auf das Tablett und dann mit fragenden Augen die Mutter an. Die Mutter wickelte das Tablett in eine Tüte, stellte es in den Kühlschrank und sagte: „Gut, dann heben wir es auf.“
Dann klingelte das Telefon.
Als die Mutter aus der Küche zum Apparat gegangen war, öffnete das Mädchen noch einmal den Kühlschrank, hob die Tüte von dem Tablett etwas an und sah: Ein Stück Kuchen. Also flüsterte sie noch einmal in den Kühlschrank: „Kein Stück Kuchen.“ Aber kein Stück Kuchen zeigte sich nicht. Auch nicht, als sie es mit dem Lichtknopf der Kühlschranktür kurz dunkel und wieder hell werden lies, um dem Stück mit dem Nein eine Gelegenheit zu geben.
Nach dem Zähneputzen, als sie im Bett lag, vermutete sie, dass sie kein Stück Kuchen womöglich schon vorher  gegessen hatte, oder jemand ihrer Gäste. Oder sie würde es morgen finden.  Lies es dabei bewenden und schlief ein.

Am nächsten Tag am Frühstückstisch fragte die Mutter sie: „Willst du vielleicht ein Stück Kuchen? Und Lina, das Mädchen, beantwortete die Frage mit einem deutlichen: „Ja. Ein Stück Kuchen.“ Die Mutter ging an den Kühlschrank, holte das Tablett hervor, nahm die Tüte ab und sagte überrascht: „Da ist kein Kuchen.“ Und hielt das Tablett, auf dem kein Stück Kuchen lag, dann dem Vater, der auch mit am Tisch saß, dicht unter die Nase. Der Vater sagte: „Ja, ich hab’s gegessen. Abends noch.“ Lina wiederholte, was die Mutter sagte: „Da ist kein Kuchen.“ Und konnte es wieder nicht sehen, das Stück, das nicht da war.
Der Vater sagte: „Ich hab’s gegessen, geb’s ja zu.“
Lina schaute das leere runde Tablett und dann den Vater an und wiederholte, diesmal aber in fragendem Ton: „Ist da kein Kuchen?“ „Nein,– sagte der Vater kleinlaut – „ich hatte gestern plötzlich einen Mords Appetit, entschuldige Liebes.“ – und zeigte verlegen auf seinen Bauch.
„Na, eine Entschuldigung ist ja wohl das Mindeste.“ – sagte die Mutter.

Lina war es zufrieden. Ihre Frage war damit vorerst beantwortet.

Obwohl sie an dem Vormittag noch etwas grübelte. Wahrscheinlich konnte man das Stück mit dem Nein erst sehen, wenn man erwachsen war.

Der Nachmittag kam, der Abend, und dann ein paar Jahre. Und immer wenn sie ein Tablett sah, auf dem kein Kuchen lag, ein Baum, an dem keine Äpfel hingen, oder ein Fensterbrett, auf dem kein Flamingo saß, freute sie sich auf ihren 18. Geburtstag, an dem sie, das hatte sie herausgefunden, offiziell erwachsen sein würde und eine riesige Vase geschenkt bekäme, in der Keine Blumen standen.

MILD-Zeitung.

Ende Februar bis Mitte April

Frau schnürte sich, nach dem sie angekleidet war, die Stiefel.
Mann nahm von Verkäuferin ein ganzes Brot entgegen.
Von hier, sagte ein Kind, seh‘ ich den Platz vor der Garage.
Nichts übrig ist geblieben von dem vielen Schnee.
Ein Lieferfahrzeug kam gerad an, als man es brauchte.
Glühbirne, die beim Wechseln ins Gewinde quietscht.
Auf dem Kühlschrank steht der Siemens Wasserkocher.
Genau daneben liegen Beutel für zwei Tassen Tee.

*