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MILD-Zeitung.

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Der Himmel hat Ringe Mama.
So betritt das Kind,
an der Hand die Mutter,
für einen langen Moment,
sie bleibt am Rand, in mitten der Stadt,
einen See.
Neu sind die Gummistiefel,
grün wie Krokodile, Wolken
ringeln sich darum herum.
Mama, da schwimmt ein Blatt.
Nie würde sie fortgehen von hier.
Sie hält das Kind an der Hand,
das mit grünen Gummistiefeln,
eine Pfütze, den Himmel, betritt,
nach unten oben schaut und seine Mutter
an der Hand jetzt sieht
inmitten des Sees
die Mutter sieht, wie sie
das Fahrrad stützt an Land, in der Stadt,
nicht wartet, aber lange bleibt, nah
am Rande des Sees,
das Kind an der Hand,
mit dem Blatt, den Wolken, Krokodilen,
am Ufer des Himmels,
in grünen Gummistiefeln.
Der Himmel hat Ringe, Mama.

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MILD-Zeitung.

Am Tisch wir saßen und sprachen,
schwierige Lippen, groß wie Läuse.
Straßenbahn, ein Würmchen, kroch,
winziggelb um unsern Kopf.

Wir steckten zusammen, nadeldicht,
Autos flitzten noch hindurch.
Bevor sich unser Arm entschloss.
Bazillusbogenfreundlich.
Mein Gesicht im Spiegel Öl
Haut schwarzer Olive
Sie verschwand in deinem Mund.
Da öffnete sich ein Fenster.

Der Taxifetisch, Teil 2

hier zum 1. Teil

Der Taxifetischist vermeidet, im Unterschied zum Normalfahrgast, jegliche Form der pragmatischen Inanspruchnahme seines Objekts. Er hasst es sogar. Nichts findet er unerträglicher, nichts scheint ihm absurder, als eine banale  „Beförderung“ von A nach B.  Ganz zu schweigen von kollegialen Fahrgastgemeinschaften. Für ihn der große Alptraum.
In manchen Nächten wacht er dann – festgeklemmt einsitzend zwischen brabbelnden Gesichtern, mit denen er quälend simpel sein Taxi teilt, das von irgendeiner Party eine ewige „Absetzrunde“ fährt – mit schwarzem Schrei auf weißem Kissen auf.

Dabei weiß er, dass er vorbereitet sein muss.

Wenn es dann, zumeist Abends, aus Gründen zu übender sozialtechnischer Übereinkunft geschieht, dass er zum „Mitfahrer“ wird, muss er seine vom Alkohol oder anderen Substanzen angepäppelten Zeitgenossen eben ertragen; eine erdrückende Notgemeinschaft, die durch das Schließen der letzten Tür eine kritische Verdichtung erfährt, was dann wie bei einem zu plötzlich gepressten Senfbeutel den Komiker der Truppe  hervorflutschen lässt (und es gibt immer einen.), der es hygienisch findet, den Fahrer, der nach dem Ziel fragt, mit irgendeinem Jahrhundertwitz zu bespritzen, von dem er dann erwartet, dass alle, der Fahrer eingeschlossen, ihn noch nie gehört haben.
Dies ist dann der Moment, in dem jeder wahre Taxifetschist, während er seinen Blick am Sicherungsknopf der Seitentür aufhängt,  sich in melancholischer Vertrautheit mit dem Menschen hinter dem Lenkrad verbündet, und sei dieser ein noch so randpolitisch eingestellter Exbademeister.

Der Taxifetischist ist kein Misanthrop. Im Gegenteil. Im Alltag ist er so herzlich, so einnehmend oder so missgelaunt wie jeder andere auch. Vieleicht sogar im Durschnitt sonniger.  Nur hat auch er ein Recht auf allergene Sequenzen, für die er sich nicht entschuldigen muss, die er aber gerne ausblendet, da er es selbst nicht mag, wenn er sich gegenüber seinen Mitmenschen als unleidlich erlebt. Ansonsten bleibt alles eine Frage der Disposition.

„Absetzrunden“ lassen sich elegant umgehen, ohne dass er als Fahrgastgemeinschaftsphobiker auffällig wird. Im Bedarfsfall verwickelt er die Kellnerin der Geburtstagskneipe zu später Stunde in ein Gespräch oder flirtet mit ihr so eindringlich, dass seine Kollegen sich irgendwann von ihm verabschieden, vielsagend schmunzelnd noch „einen schönen Abend euch beiden“ wünschen, obwohl es schon 3 Uhr morgens ist, bevor sie dann endlich in ihrem Gemeinschaftstaxi sich zur lustigen Truppe verdichten – ohne ihn.

Neben ihrem primären Zweck verfolgt diese Methode auch noch ein prickelndes Zweitvergnügen, denn obschon in seiner Obsession scharf fokussiert, ist der Taxifetischist als Pansensoriker nicht engstirnig.

Je nach Angebot und Stimmungslage wählt er manchmal auch einfachere Techniken der Fahrgastgemeinschaftsumgehung. Verabschiedet sich zum Beispiel schon gegen halb elf allein und bedauernd aus der Runde mit dem Hinweis, er hätte noch zu tun; oder er gibt sich, wenn es so weit ist, als noch ein-bisschen-frische-Luft-schnappen-müssender-Zufußnachhausegeher aus, wobei er sich dabei selbst schon extra komisch vorkommt und gegenüber seinen Freunden hart am Verdacht operiert.

Dann aber, nach Tagen tantrischer Dämpfungsübung, umgangener oder durchlittener Gefahrgemeinschaft, unzähliger imaginierter weißschokoladiger Szenarien, nach dem ich mindestens schon drei mal meinen Finger über eine bestimmte Kurzwahltaste des Telefons habe schweben lassen, ihn aber wieder zurückzog, weil noch irgend ein Datum, ein Artefakt, ein störendes Kitzeln am Strumpf, ein Sandkorn im Nacken, eine mit dem Reiz nicht im Einvernehmen stehende Kleinigkeit, ein letztes entschlossenes Abknicken der Fingerkuppe verhinderte, dann aber stellt doch schließlich ein mächtiger Ruf, eine Forderung, ein ernsthaftes Aufbäumen, ein Wummern der NATUR die gesamte Sachlage und mein fieberndes Gemüt unwiderruflich auf die Hochstimmung einer einzigen ballerinierenden Zehenspitze, die mich und meine Seele zur Tat tänzeln lässt. Mein Tastenfinger, der jetzt durch keine Betonwand mehr aufzuhalten wäre, dringt nun vor wie automatisch, piekst, sticht, beinahe taubfühlig, und senkt sich ein mit unendlichem Nachdruck in das weiche Gummi der Taste Fünf. Musik. Musik.

Musik trägt mich durchs Vorgebirge meiner Freude. Musik öffnet die weiten Ebenen meiner Lust. Musik geleitet mich auf meine Reise. Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…

So genieße ich, mit geschlossenen Augen, leicht nach hinten gebeugt, beide Hände um die nicht ganz preiswerten Kopfhörer gelegt, die über einen speziellen Hochleistungsröhrenverstärker mit dem Telefon verbunden sind – störungsarm durch niederohmige und militärisch abgeschirmte, an den Verbindern platinierte Signalkabel, die ein Freund mir für eine schmerzhafte Summe aus einem in Afghanistan ausgeschlachteten Kampfjet besorgt hat – meine Lieblingsmusik:    Die Warteschleife in High End.

Ich habe mal erwogen, die von mir bevorzugte Funkzentrale in meine Obsession einzuweihen. Auf dass sie bei Erscheinen meiner Nummer es sehr lange klingeln lasse, etwa 15 Minuten den Bolero einspiele oder Wagners Walküre. Ich entschied mich dagegen. Die Authentizität wäre verdorben und nasse Berechnung hätte unweigerlich die kleine Vorglut, das lebhafte Flämmchen des nicht Ausrechenbaren einer knisternden Realie gedämpft. Musik. Musik. Soll sie es knistern und rauschen lassen das kleine Elektrolilalaunelied der Warteschleife, ob 10 Sekunden, ob 20 Sekunden, mir egal, ich höre es, und liebe es auch so. Ich brauche es nicht anders. Meine kleine Ewigkeit.

Musik. Musik.

Musik setzt ein mein Schiffchen in den Fluss…. Hallo?

Hier zum Teil 3 des Taxifetisch

Die Geschichte von dem Kind, das sein Nein sehen wollte.

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Es war am Abend ihres 5. Geburtstages, als sie zum ersten Mal bemerkte, dass sie ihr Nein nicht sehen konnte. „Willst Du noch ein Stück von dem Kuchen?“ – hatte ihre Mutter gefragt, während sie mit dem Finger auf das Tablett zeigte, auf dem noch ein einziges Stück lag, das von dem bunten Nachmittag mit den anderen kleinen Gästen aus der Vorschulgruppe übrig geblieben war. Das Mädchen fühlte sich satt und zufrieden und antwortete: „Nein. Kein Stück Kuchen.“
Aber nachdem Sie das ausgesprochen hatte, lauschte sie ihren Worten noch einige Sekunden lang hinterher und bemerkte dabei, dass sie kein Stück Kuchen nicht sehen konnte. Sie sah das letzte Stück Kuchen, aber das Stück mit dem Nein sah sie nicht.  Ein kleiner Schreck durchfuhr sie, deshalb sagte sie noch einmal: „Kein Stück Kuchen.“ Und sah noch einmal auf das Tablett und dann mit fragenden Augen die Mutter an. Die Mutter wickelte das Tablett in eine Tüte, stellte es in den Kühlschrank und sagte: „Gut, dann heben wir es auf.“
Dann klingelte das Telefon.
Als die Mutter aus der Küche zum Apparat gegangen war, öffnete das Mädchen noch einmal den Kühlschrank, hob die Tüte von dem Tablett etwas an und sah: Ein Stück Kuchen. Also flüsterte sie noch einmal in den Kühlschrank: „Kein Stück Kuchen.“ Aber kein Stück Kuchen zeigte sich nicht. Auch nicht, als sie es mit dem Lichtknopf der Kühlschranktür kurz dunkel und wieder hell werden lies, um dem Stück mit dem Nein eine Gelegenheit zu geben.
Nach dem Zähneputzen, als sie im Bett lag, vermutete sie, dass sie kein Stück Kuchen womöglich schon vorher  gegessen hatte, oder jemand ihrer Gäste. Oder sie würde es morgen finden.  Lies es dabei bewenden und schlief ein.

Am nächsten Tag am Frühstückstisch fragte die Mutter sie: „Willst du vielleicht ein Stück Kuchen? Und Lina, das Mädchen, beantwortete die Frage mit einem deutlichen: „Ja. Ein Stück Kuchen.“ Die Mutter ging an den Kühlschrank, holte das Tablett hervor, nahm die Tüte ab und sagte überrascht: „Da ist kein Kuchen.“ Und hielt das Tablett, auf dem kein Stück Kuchen lag, dann dem Vater, der auch mit am Tisch saß, dicht unter die Nase. Der Vater sagte: „Ja, ich hab’s gegessen. Abends noch.“ Lina wiederholte, was die Mutter sagte: „Da ist kein Kuchen.“ Und konnte es wieder nicht sehen, das Stück, das nicht da war.
Der Vater sagte: „Ich hab’s gegessen, geb’s ja zu.“
Lina schaute das leere runde Tablett und dann den Vater an und wiederholte, diesmal aber in fragendem Ton: „Ist da kein Kuchen?“ „Nein,– sagte der Vater kleinlaut – „ich hatte gestern plötzlich einen Mords Appetit, entschuldige Liebes.“ – und zeigte verlegen auf seinen Bauch.
„Na, eine Entschuldigung ist ja wohl das Mindeste.“ – sagte die Mutter.

Lina war es zufrieden. Ihre Frage war damit vorerst beantwortet.

Obwohl sie an dem Vormittag noch etwas grübelte. Wahrscheinlich konnte man das Stück mit dem Nein erst sehen, wenn man erwachsen war.

Der Nachmittag kam, der Abend, und dann ein paar Jahre. Und immer wenn sie ein Tablett sah, auf dem kein Kuchen lag, ein Baum, an dem keine Äpfel hingen, oder ein Fensterbrett, auf dem kein Flamingo saß, freute sie sich auf ihren 18. Geburtstag, an dem sie, das hatte sie herausgefunden, offiziell erwachsen sein würde und eine riesige Vase geschenkt bekäme, in der Keine Blumen standen.

MILD-Zeitung.

Ende Februar bis Mitte April

Frau schnürte sich, nach dem sie angekleidet war, die Stiefel.
Mann nahm von Verkäuferin ein ganzes Brot entgegen.
Von hier, sagte ein Kind, seh‘ ich den Platz vor der Garage.
Nichts übrig ist geblieben von dem vielen Schnee.
Ein Lieferfahrzeug kam gerad an, als man es brauchte.
Glühbirne, die beim Wechseln ins Gewinde quietscht.
Auf dem Kühlschrank steht der Siemens Wasserkocher.
Genau daneben liegen Beutel für zwei Tassen Tee.

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Architekt.


Der Laden liegt nicht gerade in der Nähe deines Ateliers. Trotzdem gehst du immer mal wieder gerne da hin. Dein Entspannungseinkauf, meistens zum Ende der Mittagszeit. Du hast  dir angewöhnt, es so zu nennen. Eigentlich musst du nichts einkaufen, aber die paar Schritte machst du ganz gern. Im Grunde könntest du auch einfach nur ein paar Runden um den Block gehen, aber es ist eben dieser Laden.
Wenn dich jemand fragte, würdest du sagen, du weißt, es klingt blöd, der Laden hat eine Tür mit einer Türklinke, die man herunterdrücken kann. Die Tür öffnet sich dann, man geht hinein.
Da liegen dann Rasierklingen neben Haribo neben Seifen neben Reis, neben Batterien, und daneben…
Du bist Architekt.
Du hast dich in die Selbstständigkeit geschuftet. Hineingeknüppelt. Hast sehr lange an Telefonhörern riechen müssen; und ja – du bist  Architekt mit einem eigenen Atelier jetzt. Anders als deine Kommillitonen, die inzwischen – wenn sie Glück hatten – in irgendeiner städtischen Baubehörde bei Bremen im öffentlichen Dienst verschwunden sind. Wenn sie Glück hatten.

Der Ladeninhaber ist ein gedrungener Vietnamese. Was du von ihm weißt ist, dass er sich alles asiatische abgewöhnt zu haben scheint. Ihn umgibt nicht mehr die unauslotbare Diskretheit seiner Landsleute, wenn er hinter einem Haufen Socken aus Mischgewebe, zu 2 Euro das Paar, Bananen aufstapelt. 2 Euro. Der Laden ist nicht mal besonders günstig.
Es kam schon vor, dass der Ladeninhaber „unasiatisch“ wurde, du nennst es so, obwohl es Blödsinn ist,  „unasiatisch“,  in dem er dich zurechtgewiesen hat an einem Regal: „Nicht von oben nehmen. Stehen lassen das Bier. Von unten nehmen. Nicht von oben nehmen. Ja, bitte schön.“  „Wird’s bald“ hat er noch nicht gesagt. Dabei kommst du öfter hier her. Ist es das – was du vielleicht sogar beinahe sympathisch findest?
Du gehst gerne in den Laden. Du spürst hier irgend eine Logik, zwischen den Regalen, die dich interessiert. Du könntest ja mal mit ihm plaudern.
Aber du kommst nicht her, um zu plaudern. Du bist einfach nur gern hier.
Deshalb warst du einmal doch überrascht, als der Vietnamese seine Familie hier in dem Laden mit einquartiert hatte. Sie war plötzlich da. Er muss sie irgendwann in den letzten 4 Wochen geholt haben.
Der Ladeninhaber lässt sich seitdem, manchmal, von seiner Frau vertreten.  An der Kasse neuerdings auch, seit ein paar Monaten, von seiner kleinen Tochter, die du auf etwa fünf einhalb schätzt. Vielleicht vier. Eher doch fünf.
Sie selbst behauptet, dass sie sechs sei.
Es ist ein kleines Spiel. Sie nimmt dein Geld. Sie rechnet es nicht in die Kasse ein, noch nicht. Die Mutter hilft ihr. Aber bald wird auch sie all das können.

Heute nachmittag sitzt er nun wieder allein hinter dem Ladentisch. Hat einen kleinen Fernseher laufen und schlürft eine Nudelsuppe. Es klemmt auch wieder der große LKW-Spiegel über der Kasse, mit dem er die beiden Gänge zwischen den Haushaltswaren und den Lebensmitteln im Auge behalten kann.
Du könntest ja, denkst du dir, spaßeshalber, wieder an das Regal mit dem Bier gehen und ganz nach oben greifen.
Du biegst um die Gemüseecke, gehst an den Waschmitteln vorbei und triffst – auf das Mädchen.
Sie ist also doch hier. Sie sitzt auf einem Stapel Kartons und lässt die Beine baumeln. Sie sieht dich kurz an und widmet sich dann wieder einem Malheft. Sie scheint ihren Platz gefunden zu haben. Und sie kennt dich schon.
Ein lautes Geräusch dringt aus dem Fernseher von vorne an der Kasse. Mehr ein Schnarren als ein Ton. Es ist ein Applaussturm, Begeisterungsrufe aus irgendeiner Fernsehshow.
Da weißt du es.
Das Mädchen, dass dich eben kurz angesehen hat – du stehst gerade mitten in ihrer Kindheit.
Du bist der Mann, der manchmal, immer mal wieder in ihre Kindheit hineingelaufen kam zum Einkaufen. Erinnerst du dich? Der Laden. Und du bist  – eine Erinnerung. Der Mann, der nie eine Tasche dabei hatte.
Das Mädchen sitzt auf dem Kartonstapel. Es beachtet dich nicht mehr. Es hat dich gesehen, das reicht.
Was jetzt von hier mitnehmen – Reiskörner?
Du läufst nach vorn, öffnest das Kühlfach und entnimmst ihm ein… du entnimmst nichts.
Du bist Architekt.
Du gehst zum Ladentisch, wo der Angestellte ihrer Erinnerung sitzt, stellst den leeren Korb neben die Kasse.
Dann drückst du die Türklinke herunter, du staunst, wie einfach das geht, die Tür öffnet sich, du trittst wieder auf die Straße. Wo du bald verblasst.