Archiv der Kategorie: Philosophie

Cézanne im Windkanal

 

Hallo Paul Cézanne, schön, dass Sie hier einmal vorbeischauen. Réalisation – so hieß eines Ihrer Lieblingsworte, das Sie im Zusammenhang mit Ihrer Kunst gern gebrauchten und sich vorgaben als Programm. Etwas, wonach Sie suchten und was Ihnen die Arbeit so langsam machte und zugleich so anspruchsvoll.  „Réalisation“ – eine Art von Synchronaktivität zum Wesen der Naturwahrnehmung?
Die Ergebnisse Ihrer Bemühungen sieht man heute immer wieder gern. So wurden Sie unter den Malern der erste Flugzeugkonstrukteur. Ich habe Ihre Konstruktion hier sogleich in den Windkanal genommen. Sie
hat Auftrieb. Ich gratuliere. 

 

der-bahndurchstich

Paul Cézanne: „Der Bahndurchstich“  – um 1870

 

Was genau ist eigentlich ein Pinselstrich?

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Beim Schmied

„Zeitreisen“  –
sagte der Schmied und langte
hin zu einem Stahl,
den er mir reichte –

– „sind keine Zauberei.

Schau ihn Dir an und sag mir, was du siehst.“

Ich nahm den Stahl und sah

an einem Ende

breiter war
nach vorne hin

verschlankte

also

auslief

hin

zu einer engen

Spitze.

So sagte ich:

„Ein Streifen seh‘ ich, vorne breit,
jedoch nach hinten schmaler werdend,
verengt er sich zu einer Spitze.
Wird’s ein Schwert?“

„Verjüngt,“ –
sagte der Schmied, –

-„nach hinten hin –
verjüngt.“

„Ja, ein Stahl,
nach vorne sich

verdünnt.“  –

bestätigte ich ihn –

Der Schmied jedoch bestand auf seinem word:
„Der Stahl nach hinten sich verjüngt.“

„Ja wie? “ – so fragte ich- „Das andere, das breite

Ende

dort –

– also der Griff , wo man ergreift –

ist dieser dann

veraltet?“

Hier stutzte er und sagte:

„Nein…

was sich verjüngt daran

ist nur die Spitze.

Der Griff bleibt Griff,

das andre Ende.“

Den Stahl er aus der Hand mir nahm
und drückte –

randhaft nur

die Spitze,

die verdünnte,

gegen mein Gewand.

„Das andre Ende?“

– fragte ich.

„Nein, die Spitze war’s “ –

betonte er,

die dich verjüngte.“

Und plötzlich:

Ich verstand.

 

 

 

 

Mona Lisa am Flachbildschirm

* * 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched(Für M.)

Nach wie vor unbeantwortet bleibt die Frage, warum für manche Worte der Plural fehlt. Die Zeit, die Zeiten – das geht. Aber die Dauer?
Die alte philosophische Frage, ob das Leben ein Traum ist, hat sich insofern erledigt, weil Menschen offenbar so beschaffen sind, zwischen Traum und Nicht-Traum zu unterscheiden. Die Tatsache, dass Menschen diese Frage stellen können, beruht auf einer Unterscheidungs-Fähigkeit. Und diese Unterscheidungsfähigkeit wiederum darf man mit einem alten aus der Mode gekommenen Wort bezeichnen: Geist.
Den Beweis, dass das Leben kein Traum ist, liefert der Klartraum.
Im Klartraum träumen wir und wissen dabei, dass wir träumen.
Umgekehrt habe ich noch nie jemanden sagen hören: Ich lebe und komischerweise weiß ich es auch.

Gerüchte gehen um, ein Museum sei in Planung, dessen Räume gewidmet werden sollen dem wertvollsten Kunstwerk aller Zeiten, und man erzählt sich, dieses Kunstwerk sei der Mensch. Angeblich sähen die Planungen vor, den innersten Teil des Gebäudes zu reservieren für einen kleinen Zettel, hinter Panzerglas und gesichert durch Temperatursensoren und laser-gestützter Positionsüberwachung, einen kleinen Zettel mit kleinkarriertem Linienmuster, auf dem eine Bleistiftkritzelei sich bei kurzer Betrachtung verdeutlicht als die Zeichnung eines herrenlosen Oberlippenbarts.
Es heißt, irgendwer habe diesen  Zettel einmal aus einem kleinen Ring-Notiz-Block gerissen und das Bärtchen darauf gekritzelt, ganz ohne Lippen, ohne Nase und ohne dazu passendes Gesicht, sei dieser herrenlose Oberlippenbart wiederum einem anderen Finder auf einem Dachboden in die Finger geraten, der ihn sofort als das Bärtchen der Mona Lisa identifiziert und der europäischen Kunst-Sach-Verwaltungsbehörde übergeben habe gegen einen unverhältnismäßig kleinen Obulus.
Jetzt soll das Ding im innersten Zentrum des neuen Museums seinen Platz bekommen, streng bewacht als eine Ikone der Ikone: Das Bärtchen der Mona Lisa.
Als verschollen gilt bis heute der Stift des Zeichners, aber wer weiß, vielleicht taucht er irgendwann wieder auf und wird dann auf Samt gebettet und wunderhaft dem ausgerissenen Zettel beigelegt.
Doch weil die Verlegenheit, der Mona Lisa hier zum wievielten Male eigentlich irgendein Sprechen oder Sagen zuzumuten, ebenfalls den berühmten langen Bart ausstellt (und weil es sich anfühlt wie die Besprechung eines Stücks Rauhfasertapete) fehlt bis heute  ein weiteres Requisit: Ockhams Rasiermesser. Würde man es finden, auch ihm gebürte ein Ehrenplatz im Museum des aller Zeiten wertvollen Kunstwerks.

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Kann man die Mona Lisa heute noch stehlen? Sie freistehlen aus ihrem Museum? Kleinkram. Für Meisterdiebe keine Herausforderung. Meisterdiebe üben sich bis heute (vergeblich) darin, die Karrikatur zu ent-wenden, das Bärtchen der Mona Lisa zu klauen und spurlos verschwinden zu lassen, auch wenn sie bisher immer scheitern mussten als wie auch immer denkbar gut organisierte Panzerknackerbande. Sogar die besten Fälscher wären heute nicht mehr im Stande, die Mona Lisa zu malen ohne ihr Bärtchen. Tausendmal stärker gesichert ist das angekritzelte Dingsbums der Mona Lisa als die Identität der Frau auf dem Gemälde selbst. Gesichert ganz ohne Alarmanlage. Die Mona Lisa, ohne Bärtchen, ist nicht mehr zu haben.

Wo war die Mona Lisa? Wo kommt sie her, wo geht sie hin?

Will man der Idee einer Zentralperspektive noch etwas abgewinnen vom Ausgangsort der Gegenwart? Muss man sich hineinbohren in kilometerdicke Sedimente abgelegener Archive, wo schwer zugängliche Materialien aus längst vergangenen Zeiten die Atemwege mit dicken Staubeinträgen belasten, bis sich die Wolken wieder gelegt haben und der Forscher hustend  und pustend ganz allmählich hier und da etwas Brauchbares erkennt, ein Schnipsel, ein Papier, ein Fragment, eine Skizze, eine Leinwand oder ein Artefakt in einem Bild?
So ein fast vergessenes und verstaubtes und schwer zugängliches Bild zeigt hier  eine Frau inmitten einer Landschaft, gemalt/vermählt von einem italienischen Naturwissenschaftler zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

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Das Bild der …Frau in ihrer Landschaft …. ist als typischer Archivfund so gut wie unbekannt. Wohl ganz zu Recht war es deshalb über die Jahrhunderte in die untersten Sedimente der Wahrnehmung eingesunken, und es bedurfte eines großen Aufwands, da heranzukommen, das Bild überhaupt noch einmal zu heben, damit es nun endlich nach Jahrhunderten wiederwahr vor Augen tritt. Doch gerade eben darum, weil das Bild so wenig gesehen und so spärlich interpretiert wurde, nie jemanden inspiriert hat und weitgehend unbekannt geblieben ist, legt es die Motive und Gewichte einer bestimmten Frage nahe, oder viel mehr legt es sie in eine Frage hinein, in der die Zentralperspektive – vielleicht nicht direkt gefunden – aber ziemlich neu belebt und illuminiert zur Aufführung gekommen war.

Die… Frau gemahlt/vermählt in ihrer Landschaft …wie nach getaner Arbeit verschränkt sie die Arme, und was hat sie für eine Schwerstarbeit leisten müssen in den letzten 500 Jahren, war sie müde geworden vom Stemmen der Hunderttausend Tonnen Blicke? Die Arme verschränkt sie jetzt dafür, doch nur so weit, dass die ganze Haltung ihr noch nicht als  „mit verschränkten Armen vor dem Körper“ ausgelegt werden kann. Sie gibt uns noch eine Chance, eine kleine zweite Chance.

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Sie dreht Däumchen – immernoch – oder eben nicht. Worauf wartet sie? Wartet sie auf ihre Applikation? Darf man so dasitzen bei einem Bewerbungsgespräch? Achtet Sie auf Ihre Körpersprache? Würden sie einstellen diese Frau als Mitarbeiterin in ihrem Betrieb? Was sind ihre personell skills?…

…kann sein, als bekannt vorraussetzen darf man das Gemälde bei einigen Spezialisten, Kennern und Anhängern der hartnäckigen Verschwörungstheorie.
Es genießt hier sogar ein gewisses Ansehen. Und wie üblich bei Verschwörungs-Theoretikern, sucht man nach codiert gehaltenen Anzeichen, Geheimwissenschaften oder Symboliken, die nur echten Eingeweihten oder Insidern obskurer Zirkel zugänglich sind.
* 302px-Mona_Lisa,_by_Leonardo_da_Vinci,_from_C2RMF_retouched*
Was jedoch nur selten klar zu besprechen ist; nicht aus der Tiefe irgendeines Undercover oder einer  komplexen Verschlüsselung entbergen sich die Geheimnisse; sie entziehen sich dem Blick in fernster Nähe an der Oberfläche einer Sphäre der Jedermanns-Sichtbarkeit und Jedermans-Wissbarkeit.

Seit wann genau lebt der Mensch in einer Verschwörungstheorie gegen sich selbst, die ihm den Zugang zur Lichtung versperrt. Seit wann lebt er in diesem Zeitalter seines angekritzelten  Oberlippenbarts, im Zeitalter seiner eigenen Karrikatur und seiner Doppelcodierung ?

Die Geschichte der Moderne beginnt nicht erst mit der Dampfmaschine, sondern schon viel früher – mit der Erfindung der Schrift und aller ausdeutbaren Zeichen. Die BE-deutsamen Zeichen.

Seit es die „gestellte“ Schrift und ausdeutbare Zeichen im großen Kommunikationsfeld gibt, lebt die Menschengemeinschaft  ganz automatisch in einer Auslegungstradition, die zugleich auch einen Auslegungszwang
mit sich bringt. Ebenso einen BE-Deutungszwang.

Zu jedem „echten“ Zeichen exisitert immer auch schon der Schatten
seiner „Auslegung“
Eine kleine Geschichte der Verschwörungstheorien. Die geschaute Welt hat seit der Erfindung zeichenhaft deutbarer Dokumente und Artefakte ganz prinzipiell und logischerweise ein Fälschungsproblem und ein Authentizitätsbroblem. Man  kann sagen: Mit der Erfindung des zeichenhaften Dokuments, bekam die Welt automatisch einen doppelten Boden in ihr Haus  eingebaut. Absolut jedes Dokment lagert in diesem Zwischenboden zwischen Richtiglesern, Falschlesern und Niemandsfälschern.

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Das Vertrauen auf Unzweideutigkeit der Welt-Lese hatte mit dem großen Inkrafttreten der Schriften und Zeichen einen größeren Knacks bekommen.

Man muss sich also eine frühe Welt vorstellen, in der es keinerlei Dokumente, keinerlei Schrift und keinerlei medialen Zeichen gibt. In dem Moment würde die Welt aufhören, „zweideutig“ zu sein.

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Archaische Schamanen, Priester und Astronomen gingen davon aus, dass man die Welt lesen müsse und keine Schriften.

Dass sie dabei „zufällig“ die ersten mathematischen und astronomischen Gesetze der Natur erkannten, war ein schöner Neben-Effekt.
Deshalb ruht alle Mathematik und alle Naturwissenschaft von ihren Wurzeln her in einem Grund der Welt und nicht in einem Grund der Schrift.

Eine frühe Welt, in der es keine Schrift, keine medial vermittelten  Zeichen und keine Dokumente gibt. In dem Moment fällt ein großer Teil der berühmten Fragen von: „Ist das authentisch oder gefälscht?“ Oder auch: „Wie ist das gemeint?“ Oder auch: „Was wollte uns der Autor damit sagen.“ einfach weg.

Erst in dem Moment, als das „Zeichen“  vom magisch rituellen oder sakralen Gebrauch eines „Welt-Zeichens“  in die Schriftzeichenlage und in den Dokumentenverkehr und schließlich in die rechnenden und handelnden Schriftgeschäfte Einzug hielt, erst in dem Moment beginnt die Menschenwelt als eine ewig doppelbödige und zweideutige Auslegungsfrage und Schriftdeutungslage und Zeichen-BE-Dedeutungsfrage in einen Mißtrauensort großen Stils einzulaufen.

Der notwendige Modernisierungs-Schub durch die Erfindung der lesbaren Zeichen und verkehrsfähiger Dokumente musste erkauft werden zum Preis eines ewigen Mißtrauens gegen diese Schrift und gegen diese Dokumente. Weil der Urheber des „Zeichens“ jetzt nicht mehr „die Welt“ war  (zum Beispiel Blitz und Donner) sondern Urheber des Zeichens war ein Mensch, dessen „Authentizität“ fortan nur noch damit legitimert werden konnte, dass man sagte: Er habe seine Zeichen empfangen von einem übernatürlichen Wesen.

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Ab sofort traten neben dem einfachen Lesenkönnen und dem Schreibenkönnen viele Nebendisziplinen auf den Plan: Das Verschlüsselnkönnen und das Auslegenwollen. Das Nichtlesenwollen oder das Nichtlesendürfen. Das Falschlesenkönnen oder das Falschlesenmüssen eines Zeichens, ob absichtlich oder unabsichtlich, ebenso wie die großen Unsicherheiten zwischen einem Allzuwörtlichlesen und einem alegorisch gebundenen Inhalt.

Nur die Philosophie, dort, wo sie wirklich ernst genommen wurde, hat sich immer den Auftrag bewahrt,  gleichermaßen zwischen Weltferne und Weltnähe aufgespannt zu bleiben und Gespräche, Schriften und Gedanken hervorzubringen, die dem einzig originalen Menschenmerkmal dienen: dem Denken.

Deshalb ist es für einen Nicht-Verschwörungstheoretiker wie für einen Philosophen eminent wichtig, die Herkunft und die Genese seines Werkzeugs, also der Schrift, zu kennen. Und er muss beachten, dass auch Zeichen, Buchstaben, Runen, und das Alphabeth in ihren Anfängen und Gründen aus schamanistischen und magischen Zeichenhandlungen hervorgegangen sind.

Seit dem  Übertrag des „Zeichens“ aus der rituellen und magischen Sphäre auf die Tagesgeschäfte wurde das Weltverhältnis weniger vom Verhältnis der Alphabeten zu den Analphabeten bestimmt, sondern vom Verhältnis der Verschlüsseler und Verklausulierer, die in einem ernährenden Mißtrauensverhältnis agierten  zu den Entschlüsselern,  Korrekt-Auslegern, oder Mißverstehern.

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Ein weiterer nicht zu unterschätzender geschichtsbildener Effekt, der mit der Schrift in Kraft trat, betrifft die Frage nach der „Echtheit“ oder „Unechtheit“ von Dokumenten ebenso wie die Frage nach der „Authentizität“ von Personen, die sich mit echten oder unechten Schrift-Dokumenten immer mehr auszuweisen hatten.

In dieser Phase der Weltgeschichte wurden bald auch die ersten Personaldokumente als Authentizitätsnachweise erfunden und es löste sich so ganz allmählich die Botschaft von dem Boten ab.

Ob ein Mensch „authentisch“ der war, der er vorgab zu sein, musste immer stärker das Schriftdokument oder das Siegel in seiner Hand beantworten und immer weniger stark der real anwesende Mensch selbst.

Kurioserweise wurde damit aber jetzt „fälschbar“der ganze Mensch.
Ein gefälschtes Personal-Dokument genügte und der ganze Mensch war weggefälscht.

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So lässt sich sagen: Mit der Möglichkeit, Gedanken und Nachrichten, Botschaften oder Eindrücke, Ausdrücke „zeichenhaft“ oder schriftlich niederzulegen,  kam zugleich  die Idee der Codierung, des klandestinen „Geheimzeichens“ und der Verklausulierung oder der Fälschung in die Welt.

Mit dem großen Inkrafttreten der Schrift und BE-Deutungszeichen war zugleich ein wesentliches Prinzip der Verschwörungstheorie und – Praxis  geboren worden; und mit ihr eine Moderne, die man auch als konspirative Moderne bezeichnen kann.
Wieviele Geschichten oder Dramen kennt man, in denen nicht selten gefälschte oder unterschlagene oder falschgedeutete, mißverstandene, zu spät gekommene, zu früh gekommene oder verlorengegangene oder in Geheimschrift verfasste Schriftdokumente zum Motiv-Motor dienen konnten  für Intrigen, Tages- oder gar Weltpolitik ?
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Die zeichenkonspirative Moderne „zeichnet sich seit dem aus“ zwischen den Polen  „Verborgenheit“ und „Offenbarung“. Zwischen Figuren mit „echten“ Schlüssel-Rollen und Figuren mit „falschen“ ENT-Schließungs oder Offenbarungshalluzinationen.

Dumm nur, wenn solches Suchen nach Verborgenheiten und Verschwörungstheorie auf Orte übergreift, wo es nichts Verborgenes gibt. Wo alles offen daliegt. Wie zum Beispiel hier bei der Mona Lisa.

Die Wahrheit liegt wie Öl auf dem Wasser. Oder eben wie das Öl auf dem Gemälde. Geheimgehalten wird hier nichts. Verschwörung liegt nicht vor. Alles steht ganz offen, un-heimlich so da, wie es sich zeigt.

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Die Geheimnislosigkeit ist es, die diese Landschaft gewordene Frau so un-heimlich macht. Da liegt überhaupt kein einziges Rätsel in diesem Bild.
Vorne Frau groß. Hinten Landschaft perspektivisch fliehend. Unten eine Morgendämmerung der Hände.  Oben das helle Antlitz, dessen Licht von unten aus dem dämmernden Grund des Bildes zur Stirn hin aufgegangen ist.
Ihre unten aufglimmenden Hände sind nach oben hin aufgegangen zum Gestirn, zum Begriff, zu Geschichten, zum Ge-Sicht.
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Ganz offen da liegen ihre Hände, ganz ruhig da, in Normalverteilung  klar vor unseren Augen. Aber all das liegt nicht nur vor Augen,
es liegt auch  – in einer Landschaft – und hat mit dieser innehaltend ein Verhalten im Verhältnis.

Die Frau also hat im Verhältnis ein Verhalten. Aber mit wem? Wer hält sie?
Was hält sie? Mit wem oder was hält sie – inne? Mit einer Landschaft?
Wie soll man das bewerten mit heutigen genderpolitischen Ambitionen dieses….Verhältnis…zur Landschaft?
Wir haben vor allem ein Verhältnis mit uns selbst, zu anderen Menschen – und wenn es hochkommt  – noch zu einem Land.

Aber was heißt es, ein Verhältnis zur Landschaft haben?

Google, das Wort,  auf einen Zahlenbegriff soll es verweisen für eine Riesenzahl, grenzend  an ein Unendliches. Beim Googlen also im Suchbegriff der „Mona Lisa“  findet „sich“  die Bilder-Auswahl als eine kleine Mentalitätsgeschichte der Deformation. Richtig eingesetzt ergibt die Suche ein anthropologisches Forschungsgerät zur Geschichte des Sehens.
Statistisch zeigen die algorhythmisch ausgegebenen Bildergebnisse „Mona Lisa“ in der Google-Versuchungs-Maschine entweder überwiegend ein Close-up vom Gesichts-Nahbereich der Mona Lisa, oder man erhält ganz viele Karrikaturen und visuelle Verformungen des Motivs als Verballhornungen der Figur.
La Gioconda – „die Heitere“ – oder „die Tröstende“?
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Heiterkeit allein hatte offenbar nicht mehr genügt oder überzeugt in den letzten Hundert Jahren. Immer stärker dagegen wuchs es an, das Bedürfnis, der Heiterkeit des Gemäldes noch etwas anzukritzeln: Ein Schnurrbarrt, eine Brille, eine längere Tabakspfeife etc…
Ein Jahrhundert zeigt sich, in dem allmählich verloren gegangen war das Empfinden für den Gemütszustand der Heiterkeit.
Surrogate traten an Ihre Stelle, die günstiger und billiger zu habende Witzigkeit (Witzischkeit) Hinz-und Kunz-Ironie, Lustigkeit (Lustischkeit) oder eine Art von schiefmündischem Grinsen in Dauerfalschheit.
Proportional – im Verhältnis –  dazu –  ging  ebenso verloren ein Empfinden für den Gemütszustand Melancholie. Man weiß nicht mehr, was das ist, Melancholie.
So wird die Melancholie nur noch verwechselt oder ersetzt  mit Volkskrankeiten wie Depression oder Burnout, während die Heiterkeit allzuoft missinterpretiert wird als die graue Putzmunterkeit eines geistig und mental verödeten Vitalismus.
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Aber Heiterkeit? Deshalb darf man heute fragen: Wie ist jemand innerlich organisiert, der, zum Beispiel wie George Steiner 2008, auf die Idee kommt, einem Buch den Titel zu geben: „Warum Denken traurig macht?“ Wie ist es mit dem Intellekt von jemandem bestellt, der das Denken als traurigmachend denunziert?  Und wie ist mit der Heiterkeit desjenigen bestellt, der der Mona Lisa ein Oberlippenbärtchen anmalt?

Warum wurde das Ge-mählde so oft vom  „Gesichts-Punkt“  des Gesichts her karikiert und nicht vom „Gesichtspunkt“  der Landschaft?

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Na gut, geschenkt, nicht so wichtig. Was den Kosmosphen hier interessiert, ist die „fernste Nähe“, die sich aus der Behandlung der Zentralperspektive ergibt und aus dem offensichtlichen Zusammenhang der Körperhaltung und Kleidung der Frau in Stoffen, Farben und Linien mit den geswundenen und fliehenden Wegen, Bergen und Seen der dahinter liegenden Landschaft.
Ebenso wie die Frage, ob es beim Thema Zentralperspektive noch etwas zu sagen oder zu denken gibt, dass noch nicht gesagt wurde. Findet sich hier im Bekannten ein Noch-Nicht-Erkanntes?

Zentralperspektive: Leonardo am Flachbildschirm.

Der Vorteil eines Gemä(h)ldes gegenüber einem einfachen Bild: Es zeigt eine Vermä(h)lung.  Ein kleiner Wasserfall stürzt über ihre vordere Schulter, dessen Strom im Dunkel der Schlucht Ihrer Arme verschwindet und dann im Hintergrund als fließender Feld-Weg in der Ferne wieder auftaucht und bald auch wieder abfließt – hinein in eine See.
Das ist ihr sehender Weg: Eine um sie herumstürzend herkommende Herkunft und ihr zukommmende Zukunft.
Die Mona Lisa ist – aus ihrem Rücken in ihr Bild gekommen, so, wie man in eine Frage kommt. Die Frau hat zwar Vergangenheit, aber wer das Bild zum ersten Mal sieht, für den kommt die Mona Lisa aus der persönlichen Zukunft.
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Die Lexikas fragen nach der personalen Identität der Figur. Mittlerweile sehr auffällig in der Rezeptionsgeschichte des Bildes steht die Frage nach dem „Wer?“ Wer war die Frau? Gab es sie wirklich? Kennt man ihre „Identität“? Wie war ihr richtiger Name? Hatte Sie vielleicht irgendeine Krankheit? Warum lächelt sie so eigenartig? Sind Ihre Hände geschwollen? Warum guckt sie so komisch? Litt Sie vielleicht an einer Stoffwechselkrankheit oder an einer Gesichtslähmung? Ist es überhaupt eine Frau? Kauft sie bei Amazon ein, oder bestellt sie ihre Klamotten bei Zalando?

Ganz wichtig offenbar war es dem letzten Jahrhundert, diese…. Frau in ihrer Landschaft…. erkennungsdienstlich zu behandeln. Zu gerne möchte man sie   aus ihrer Landschaft herauslösen und an eine erkennungsdienstliche Individualität nageln: Lisa Giocondo… oder Lisa di Noldo Gherardini?
Geboren am… wohnhaft in… verheiratet mit… sozialversichert seit…berufstätig….nimmt gerade das Erziehungsjahr oder auch nicht….
…so, als wäre sie eine illegale Einwanderin oder eine staatenlose Person ohne Personalausweis.

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Sie soll gefälligst staatenhaft werden und mit uns heutigen Wohnungs-und Befindlichkeits-Menschen verheiratet sein, sie soll nicht vermählt bleiben mit ihrer Landschaft. Sie hat gefälligst zu kooperieren mit unserem Wer-bist-Du-Was-machst-du-Wo wohnst du-und-Wie-fühlst-du-dich-Erkennungsdienst.  Sie darf uns verdammt noch mal nicht aus so weit entrückter Ferne so dermaßen zu nahe treten! Wo ist mein Leitzordner, mein Einwohnermeldeamt, mein Stempelkarussel?

So bemüht sich die Forschung seit Jahren dringend, sehr dringend, allzu dringlich, um den Beweis, dass dieser Mensch auf dem Bild da, diese Menschin ja, tatsächlich einen Personalausweis vorweisen kann und zu uns gehört. Ja…sie hat einen Ausweis…eine Zeit lang glaubte man sicher sein zu können, wer die Person war…noch einmal Glück gehabt. Große Erleichterung. Wer hätte das gedacht. Sie ist keine Illegale, keine Sozialschmarotzerin, sondern wahrscheinlich aus identifizierbarem Hause.

Sie aber zeigt die „kalte Schulter“,  die von einem um sie herumstürzenden Wasserfall gekühlt wird. Ein Gemälde mit Wasserkühlung, ein Hochleistungscomputer.

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Dann kippte die Stimmung, und man war sich plötzlich doch wieder nicht so sicher, wen oder was das Bild nun eigentlich zeigt.
Wer mit Nachschlagewerken hantiert, muss diese Nachschlagewerke  immer mit einem Doppelblick für Symptome lesen und erfassen. Jedes Lexikon lässt sich doppelt lesen im Silberblick. Einmal als Nachschlagewerk für Fakten und dann noch einmal als Indiz für die Psychosphäre einer Epoche.
Wonach wird am dringlichsten gefragt? Was liegt am dringlichsten im Interesses der Enzyklopädie? Was gilt gerade als überhaupt nicht befragenswert? Oder in welcher Priorität und Gewichtung werden die Fakten präsentiert? Man darf natürlich auch Lexikas nicht einfach so – lesen – nach Fakten starrend
Die Psychosphäre einer Enzyklopädie-Generation erfasst man, in dem man darauf achtet: Wo liegt der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der Enzyklopädisten. Welchen Fragen wird nachgegangen?
Was wird hier als mitteilenswert, relevant, erfoschenswert und als wichtig erachtet? Und was nicht.
Und natürlich, wie nicht anders zu erwarten, beschäftigt sich Wikipedia als aller Erstes mit dem individuellen Personalausweis des hier gemalten Menschen.

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Habe ich gerade Mensch gesagt? Fragst du nach dem Menschen oder der Fiktion der Mona Lisa oder fragst du nach der Monna Donna, der Frau aus Fleisch und Blut?  Bist Du an Körpern interessiert oder an Verhältnissen, Proportionen und  Ideen ? War das feministisch oder genderpolitisch korrekt?  Hätte ich nicht lieber sagen sollen Frau oder Frau/in ? Oder habe ich mich gerade als asexuelles und sinnenfernes Neutrum geoutet, dem der Arsch und die Titten der Frau Mona Lisa egal sind? Ein noch schlimmeres Vergehen, aufpassen muss man…

Aber – Gott sei Dank – sie kann ja ganz zugleich sein Mensch und Frau. Eine Menschin. Geschichte einer Kern-Spaltung der Mentalitäten: Frage nach dem Geschauten, dem Menschen, dem Wesentlichen und du bist der Gnostiker, der Protestant, der predigende Spielverderber, der schmallippige und unsinnliche Kuttenträger, Mönch und Mystiker. Eine Nonnen-Kapuze sind ihre Haare für den Spielverderber. Frage nach dem Fleisch und Blut der Mona Lisa und du bist der ganze Kerl, der Konkret-Nehmer als Nichtsogenau-Nehmer, der Lebemensch, der Sinnenfreund, der Gaukler etc…

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Bild-Hintergrund: Der sinnenferne Mönch und Kuttenträger, der nach dem Wesentlichen fragt, der humorlos predigende Jesuit, Asket und Ottonormalprotestant. Bild-Vordergrund: Der gaukelnde Lebemensch und Nichtsogenaunehmer. Der schalkhafte Theatraliker, Spieler und Ottonormalkatholik.

Die beiden europäischen Haupt-Motive der Welt-Sicht-Kern-Spaltung sind seit 50 Jahren, genau genommen seit Einstein, verdampft und haben fertig. Flasche leer. Es lässt sich kein dialogischer Erkenntnisgewinn aus diesen beiden Polen der Welt-Sicht-Kernspaltung mehr ziehen. Jede Art der Literatur, die nach Einstein diese beiden Pole zwischen Ottonormalkatholik und Ottonormalprotestant immer noch befragt hat, oder als „literarisches Narrativ“ ernst genommen hat, ist dummes Zeug.

Dagegen behauptet sich die Kunst des Naturwissenschaftlers da Vinci: Die beiden  Isotope des radioaktiven Welt-Sichts-Zerfalls haben ihn nie interessiert.
Die Welt-Sicht-Kernspaltung war für ihn (noch) kein Thema wie für uns Heutige mit „unserer (Zentral)-Perspektive“ einer schwerverletzten europäischen Geschichte.

Das wäre unser Blick, unser Gesicht auf diesem Bild.

Die kerngespaltene und radioaktive Zerfall der Welt-Sicht zwischen humorlosen Predigern, Mystikern, Wahrheits-Suchern und Kuttenträgern einerseits und den lustigen Gauklern, Künstlern, Nichtsogenaunehmern und Ottonormalkatholiken andererseits macht keinen Sinn mehr bezogen auf die posteinsteinsche Welt –

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Trinity: Die Mona Lisa als Atompilz. Unten die hellen zur Primärexplosion angeschwollenen Hände. Oben der hell aufsteigende Kopf vom Gesicht zum Gestirn, zum Gehirn.

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Aber weil wir nur noch aus unserer heutigen schwerverletzten europäischen Per-Spektive einer Art Welt-Sicht- Kern-Spaltung auf dieses Bild schauen können, erzeugt es seine starke radioaktive Doppelbindung: Steht die Frau aus Fleisch und Blut in ihrem Hier und Jetzt? Oder ist sie eine Menschin im Verhältnis zu den Spuren und Wegen einer Landschaft in Ihrem Rücken, in der PER-SPECTIVE ihres Bild-HinterGRUND?

Einerseits: Gefeiert und gesucht wird die Individualität als Identität. Eine reale Persona nuss die Gioconda gewesen sein, so richtig echt aus Fleisch und Blut, die wirklich existiert hat. Es genügt uns Heutigen nicht allein, dass dieses Gemählde als Ikone unverwechselbar wurde, nein, auch die Frau selbst muss jetzt bekommen eine unverwechselbare Indentität. Mit Melde-Adresse: Lisa della Gioconda oder Lisa di Noldo Gherardini steuernummer… wohnhaft in

Andererseits: Jede „Individualität“ kommt aus einem „Weg im Rücken“, dessen Spur älter und langwieriger vorraus läuft. Die Spur dieses Weges  im Rücken beginnt nicht erst mit seinem Geburtsdatum. Das wäre ihr Verhältnis zur Landschaft.

Wie nomadisch ist die Lisa, die Noma Lisa?

Die heutige scheinbare Schizophrenie:
Als absolut frei interpretiert wird das heutige Individuum und damit herausgeschnitten aus seinem – Verhältnis zur Landschaft –   frei – verfügbar – soll es sein, jedoch herausgeschnitten aus der Fuge seiner Landschaft, den Wegen seiner Herkunft.

Die Passbilder in heutigen  Personalausweisen zeigen im Bild-Hintergrund – keine Landschaft, dafür ein graues Nichts. ENT-FERNT wurde das Individuum  aus seiner Landschaft.  Das landschaftslose Passbild hat das Individuum, wie man so schön sagt: frei-GESTELLT.

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Nur: Ist ein solches absolut ENT-FERNTES Individuum mit Personalausweis und einem Passbild mit grauem Nichts, noch ein ganzer Mensch? So ganz ohne Landschaft?

„Sie möchten also beantragen ein Visum für die Andromeda-Galaxie?  Dann kommen sie ins Konsulat und bringen’S bitte zwei Passbilder mit, die Sie zeigen und ihre Landschaft im Hintergrund .“  (Kosmo-Bürokratie)

Daher das Missverständnis, die Renaissance habe das moderne Individuum erfunden. Hat sie natürlich nicht. Sie hat in ihren besten Momenten den ganzen Menschen sichtbar werden lassen in einem  – Verhältnis –  zu einer Landschaft.
Das moderne, absolut frei-gestellte Individdum, ist eine Halluzination von Rousseau und der französischen Revolution.

Eine vorsichtige Antwort soll an dieser Stelle einmal versucht werden, auf die immer sehr schwerfällig gestellte Philosophenfrage, was den nun eigentlich ein Mensch als Individuum sei und wie es dann mit der Definition seiner Freiheit bestellt ist?

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Das Wort Individuum heißt und meint „Das Unteilbare“. Und das stimmt auch.
Auf was aber bezieht sich die „Unteilbarkeit?“  Tatsächlich ist der Mensch als Individuum un-teilbar (un-trennbar) mit der Spur und dem Weg seiner Her-Kunft verbunden. Er kommt aus einem bestimmten Generationenweg der DAUER in seinem Rücken, seiner Herkunft nach.
Dieser Weg ist der Weg seiner Ahnen und seiner Ähnlichkeit, die ihn auch geprägt haben. Sei es in Kritik an den Ahnen oder in Zuwendung.  Mit dieser generativen Rückbindung nach hinten ist er UN-TEIL-BAR verbunden.
Aber als vernunft- und geistbegabtes Wesen kann er sich ebenso MIT-TEILEN, zum Beispiel über die Sprache, entweder anderen Menschen oder er teilt sich MITT seinem Gemahl oder seiner Gemahlin zu zu einem Gemählde.
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Die Freiheitsgrade seiner MIT-Teilbarkeit eröffnen ihm zugleich Freiheitsgrade der Erkenntnis seiner selbst in Bezug auf seinen unteilbaren Herkunfts-Weg im Rücken.
Je mehr Vergleichsprozesse ich bewusst mit anderen Individuen oder deren Gedanken in MITT-Teilung durchführe, desto mehr schärft sich die Wahrnehmung für das eigene Profil.
Und die Freiheitsgrade seines MIT-Gefühls zu anderen Menschen eröffnen ihm Freiheitsgrade, selbst wenn er stumm, taub oder blind geboren wurde. Weil der Mensch, der im Mit-Gefühl steht, sich allein schon dadurch mit-teilt, dass er ein Mensch unter anderen Menschen ist, die dieses Mit-Gefühl mit ihm teilen.
Mitgefühl ist also ein Mitt-Teilungs-Gefühl und kann insofern allen Menschen unterstellt werden, solange es immer eine statistische Normalverteilung gibt, in denen Menschen mit Mitgefühl zahlenmäßig überwiegen, was optimistischer Weise hier angenommen wird.
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So kann rein statistisch von einer normalverteilten Mehrheit auch für diejenigen gesorgt werden, deren Freiheitsgrade durch Krankheit oder andere Ursachen (Herkünfte oder Unglücksfälle) eingeschränkt sind.

Was man hierbei nur noch beachten sollte: Auch Konflikte, Konkurrenzen, Streit etc…sind Phänomene, die ebenso auf MIT-Teilungen beruhen. Denn ein Streit dreht sich ja immer UM eine gemeinsame Interessens-Achse in der Mitte des Streits. Gäbe es keine solche gemeinsame „um“-strittene Interessensachse, dann hätte der Streit oder der Konflikt seinen archimedischen Punkt verloren. Dann gäbe es keinen Streit, also auch keine MITT-Teilung. So sind denn auch „negative“ Mit-Gefühle wie zum Beispiel Ablehnung oder Wut nichts desto trotz Mitt-Gefühle in einem gravitativen Ungleichgewicht, das darauf hofft, qua Handeln oder eben qua Streit ein Gleichgewicht wieder herzustellen.
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Wenn man um diese Mechanik weiß, kann man de-engagiert, also nichtkatastrophisch streiten, vorrausgesetzt dem anderen ist diese Sachlage ebenso bewusst.

Eine Philosophie zum Individuum (das Unteilbare) hätte also mit-zu-teilen, dass die gegebene UN-TEIL-BARKEIT nach hinten (der unteilbare individuelle Weg der geschichtlichen Herkunft) in diversen Akten der MIT-TEILBARKEIT  zu anderen Menschen peu a peu kompensiert werden kann, wobei sich eine Bewusstseinserweiterung im Hinblick auf die eigenen Existenz einstellt und der PER-SPEKTIV-WINKEL des Bewusstseins sich dadurch erweitert und damit auch der FreiheitsGRAD im Tun und Lassen.  Dieser Weg ist prinzipiell ein Konjunktiv und deshalb gibt es das Wort „Würde“ – das ja ein Konjunktiv von Werden ist. Dieses Werden aber meint den WEG der Herkunft ebenso wie den der Zukunft.

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Je mehr ich über mich selbst weiß oder an Selbsterkenntnis erlange, desto größer wird mein „Spielraum“ in dem ich mich selbst als Marionette dieses UM-mich-selbst-Wissens ausführen kann. Allerdings erfordert dieser Akt der Selbsterkenntnis einen Willen und eine gewisse Beuge-Arbeit, auf die man sich durch Selbstaufmerksamkeit einlassen muss und die einem niemand anderer abnehmen kann. Von allein und einfach so stellt sich der aktiv handelbare und erweiterte Bewusstseins-Perspektiv-winkel nicht ein.

Heidegger befragt nach seinem VERHÄLTNIS zum Seyn, antwortet, Zitat: „…dass das Seyn, bzw die Offenbarkeit des Seyns den Menschen braucht und dass umgekehrt der Mensch nur Mensch ist, sofern er in der Offenbarkeit des Seyns steht. Damit dürfte die Frage, inwieweit ich nur mit dem Seyn beschäftigt bin und den Menschen vergessen habe, erledigt sein. Man kann nicht nach dem Seyn fragen, ohne nach dem Wesen des Menschen zu fragen.“

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Damit hat er eigentlich das Prinzip des da Vinci formuliert:
Leonardo hat keine Bilder produziert, sondern Gemahl und Gemahlin in einem Gemählde vermählt.
In diesem Falle: Eine Menschin mit einer Landschaft. Die Menschin  – im Verhältnis mit ihrer Landschaft – steht in einer Lichtung des Seyns  – leicht eingedreht da. Sie folgt Ihrem „Spin“, einer Ein-Drehung.
Die Mona Lisa – west an.  Nicht ganz frontal zeigt sie sich, sondern kommt aus einer Zu-Wendung, die einer kleinen Tendenz zur Ab-Wendung zeigt.
Eine Not-Wendigkeit. Eine Drehung. Ihr Körper hat die Tendenz zur „kalten Schulter“.  Die Figur dreht sich von hinten aus einer ENT-fernten, ab-wegigen Dauer in den Blick hinein. Erst mit dieser minimalen Eindrehung/Einwendung von Kopf und Körper bekommt ihre Figur einen Bezug zum RÜCKEN oder zu einer BE-RÜCKUNG. und damit zum  – landschaftlich ab-wegigen –  Hintergrund, der als HinterGRUND mit dem kleinen ebenfalls in sich gewundenen Kleidungs-Wasserfall über ihrer Schulter beginnt und sich im HinterGRUND als gewundener Feldweg fortsetzt.
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Der kleine gewundene Feldweg, sichtbar,  jedoch hinter ihrem RÜCKEN, lässt offen, ob sie von dort her-kommt oder ob das nicht ein zu-kommender /zukünftiger Weg sein könnte, vielleicht sogar ein Weg, den man mit der Lisa della Giocond0 gehen kann.

Die bekannten Fragen: Willst Du mit mir gehen?

Willst du mit mir kommen?  Kommen? Bist Du gekommen?
Gekommen ja, aber woher?
Woher kommst du? Aus welcher Landschaft?
Auf welchen Wegen?

Frage am Standesamt: Wollen Sie mit dieser Frau oder diesem Mann auch den kommenden Weg teilen, der sie beide zusammengeführt hat? Wollen Sie gemeinsam herkommen? Von wo? Von wo kommen Sie her? Welche Herkunft?
Hier kommt zusammen, was zusammen ge-HÖRT.?

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Aber seien wir doch mal realistisch. Wie abgrundtief verstiegen, romantisch und geschlechtsneutral muss dieser Leonardo da Vinci eigentlich gewesen sein, um so ein Gemählde zu vermählen?  Die Realität sieht doch ganz anders aus.
Man weiß doch ganz allgemein, wie und zu was sich Ehepaare am Ende wortlos auserzählen und wie viele von ihnen begonnen haben, ohne sich je etwas gesagt zu haben… Der Herr Gemahl und die Frau Gemahlin – wie gemahlt.
Nein, nein…das ist zum Glück nicht immer so, da darf man sprechen viel optimistischer freundlicher und positiver.

Wenn von Realität die Rede ist, dann müsste man sagen, dass wir bis heute vor diesem Gemälde herumhopsen wie die Primaten vor Stanley Kubriks schwarzem Monolithen. Da können wir dem Gemählde, der Gemahlin oder dem Gemahl noch so viele Witzischkeits-Applikationen ankritzeln, den tausendsten Schnurrbart oder die fünfundvierzigste Brille aufsetzen oder den nächsten Joint ins Gesicht stecken – wir bleiben da unten und hopsen und zetern und kreischen – als die felltragende bucklichte Verwandschaft der Monnaconda.

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Kann sein, ein absolut banaler Grund hat dieses Bild so werden lassen, wie es sich jetzt zeigt.  Durchaus möglich, es wurde bereits beauftragt mit der Intention,  die Mona Lisa keinesfalls darzustellen „ungebunden“.
Möglicherweise angewiesen hat der Auftraggeber den da Vinci
„seine Frau“ zu mahlen als vermählt.

Gesagt hat er vielleicht zu Leonardo: Male sie, aber male sie so, dass ihre Haare wirken wie eine Nonnenkapuze. Nicht aufreizen soll sie andere Blicke mit ihrer  Figur. Zeige Sie da seiend, aber mache klar, dass sie „gebunden“  ist.
Stelle heraus ihre Schönheit aber halte alles züchtig im BE-GRIFF.

Ikonische Strenge und Nichtüppigkeit, daraus ergibt sie sich möglicherweise, die ganze Anodnung. Aber  das Gemälde ist deswegen wohl kaum verklemmt.

Noch ein anderer Aspekt betrifft die Alterung und die Nachdunklung. Die Nachdunklung schwächt die Farbkontraste ab und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Geist des Gemäldes.
Auch dieses ein Effekt der DAUER und nicht der Zeit.
Die Mona Lisa gibt einen idealen Vergleichsprozess, wenn es darum geht, zu erkunden, ob jemand im Rahmen seiner Ausdrucksmittel (Schrift, Stift, Pinsel oder Sprache)  etwas sagt. Oder ob er schwafelt. Das Schöne an dem Gemälde ist, das Leonardo da Vinci keine Kunst zeigt, sondern Welt, Kosmos und Natur. Und genau eben deshalb ein Künstler ist.

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Ein anderer „Gesichtspunkt“ der Zentralperspektive betrifft die moderne  Relativitätstheorie und Astrophysik.

Ein Wort mit einer sehr scopischen oder per-spektivischen Kompetenz ist das Wort „ENT-FERNUNG.“

Die heutige Astrophysik geht davon aus  (geht davon aus – schöne Redewendung), dass „weit entfernte Objekte“ eine Größe und eine Masse aufweisen, die unabhängig von der ENT-FERNUNG des Beobachters eine Realität hat.  Sie glaubt, dass zum Beispiel ein Planet eine bestimmte  Größe und eine bestimmte Masse aufweist.
Tatsächlich aber hat er nur eine verhältnismäßige Masse und eine verhältnismäßige Größe im Verhältnis zu seiner ENT-FERNUNG.

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Wenn ein Astrophysiker sagt: „Dieser Planet dort hinten zeigt sich dem bloßen Auge als kleiner Punkt. Aber „in Wirklichkeit“ ist er doch ziemlich groß – dann wäre dem aus Sicht einer zentralperspektivischen Kosmologie zu entgegnen:
„In Wirklichkeit“ – also jetzt und hier  – ist dieser Planet WIRKLICH KLEIN. Aber wenn ich mit GROßEM Aufwand ein großes Teleskop baue und dann hindurchschaue, dann MACHE ich den Planeten größer. Und zwar durch die reale Herstellung einer gebeugten Reflexions-Fläche.
Ebenso MACHE ich den Planeten auch größer, wenn ich zum Beispiel ein Raumschiff baue und hinfliege.

Das interessante an dem Wort ENT-FERNUNG ist seine transitorische Qualität. Ich ENT-STAUBE ein Regal, soll heißen: Ich mache den Staub weg. Oder man sagt: Ich ENT-FERNE die Vogelscheiße von der Schulter meines Sakkos, dann klingt das ENT-FERNEN plötzlich nach enormer Nähe und Er-REICHbarkeit.

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Sind dann die Aussagen der Astrophysiker zur Größe des Jupiters oder zur Größe des Sterns Arcturus falsch? Nein.
Es ent-spricht natürlich der Wa(h)rheit, dass der Jupiter zum Beispiel im VER-HÄLTNIS (Proportion) zur Erde eine ausgezeichnete Größe und Masse hat.

Und es ent-spricht auch der Wa(h)rheit, dass die Sonne  – im Verhältnis – viel größer ist als der Jupiter. Ebenso entspricht es der Wa(h)rheit, dass Arcturus noch einmal – im Verhältnis – viel größer ist als die Sonne.
Denn das alles ent-spricht ja einer Ver-Hältnis-mäßigen Ordnung (Einem Ver-HALTEN) in der Anordnung aller Massepunkte des Sonnensystems und des Universums.
Eine Verhältnismäßigkeit in einem Verhalten, aus der auch der Mensch hervorgegangen ist.

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Falsch wäre es jedoch, zu sagen, die Sonne oder der Jupiter hätten eine absolute Größe und eine absolute Masse, die unabhängig von der ENT-FERNUNG ausgesagt werden kann. Denn: Würden Sonne und Jupiter aufeinanderprallen, könnte man nicht mehr sagen, ob der Zusammenstoß dem Jupiter einen Massezuwachs beschert hat oder der Sonne.
Im Zusammenstoß heben sich die beiden „Objekte“ Sonne und Jupiter auf. Sie haben sich im Zusammenstoß ENT-FERNT.

Hier kann die Zentralperspektive der Renaissance der heutigen Astrophysik/Kosmologie auf die Sprünge helfen: Das Grundprinzip der Zentralperspektive ist ein FLUCHTpunkt, der in einer gedachten Unendlichen die Parallelen zweier Linien in einem BRENNpunkt zusammenführt.

Das entspricht dem alten Witz von den zwei Wanderen, die auf einem Einsenbahn-Schienenstrang laufen, und der eine Wanderer sagt: Da vorne kommen wir nicht mehr durch.

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Das Verrückte daran ist aber jetzt, dass diese „fliehnden Linien“ auf einem FLACHEN Stück Leinwand oder auf einem FLACHEN Stück Pappelholz beim Betrachter den EIN-DRUCK hervorrufen, die Fläche habe eine TIEFE.

Und noch erstaunlicher ist, dass „in Wirklichkeit“ alle Punkte auf der realen stofflichen Fläche des realen Zeichenpapiers gleich weit vom Betrachter ent-fernt sind. Das heißt: Sie sind alle gleich NAH. Die fernste Nähe.

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Wie ist das möglich? Eine Täuschung? Oder ein Tausch?
Der (seriöse) Wissenschaftler würde jetzt sagen: Der perspektivische da Vinci  „täuscht“ den Betrachter, in dem er die Raum-Anodnung in einem WINKEL-Verhältnis zueinander in Beziehung setzt. Sein Papier oder sein Pappelholz bleibt flach. Es hat  – in Wirklichkeit – keine Tiefe, obwohl der Betrachter eine TIEFE wahrnimmt.

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Die Frage allerdings, die sich hier wieder stellt: Was ist eine Täuschung? Wo doch Täuschen auf einen Tausch verweist. Man kann sich die Frage stellen, ob eine perspektivische Zeichnung auf einem Blatt Papier der Wirklichkeit des realen Kosmos viel näher kommt, jedenfalls einem Kosmos, in dem jede SICHT auf ein  Objekt und dessen relative Größe von der WINKEL-ÖFFNUNG eines Teleskops, sprich: von seiner BRENN-WEITE abhängig ist.

(Bezogen auf eine Sanduhr entspricht der WINKEL einem ZEIT-lichen Verhältnis zu einem zentralen Masse-Fluchtpunkt – in diesem Falle: dem schwarzen Loch.)

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Dass ein Objekt als GRÖSSER oder KLEINER wahrgenommen wird, bleibt ja unmittelbar mit der Frage vermählt, ob mein Teleskop einen GRÖSSEREN oder eine KLEINEREN  ÖFFNUNGS-WINKEL hat, der das Licht auffängt und bündelt. Dass ein Objekt größer wird, heißt nichts anderes als: Sein Winkel öffnet sich nach vorn. Oder: Das Objekt –  flieht – fliehend –  auf den Betrachter zu. Wenn das Objekt kleiner wird – dann „verengt“ sich der WINKEL nach hinten.

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Man hat sich oft die Frage gestellt, was Heidegger damit meinte, wenn er sagte: Die Kunst könne womöglich ein Hinweis geben, wie Technik/Wissenschaft und Poetik zusammengehen. Die Antwort lautet: Sie waren ja nie ganz getrennt. Außer natürlich in einer bestimmten Art des Denkens.

Was tut ein Naturwissenschafts-Künstler wie Da Vinci?
Er muss sowohl ein Analytiker sein als auch ein Synthetiker.
Genau so, wie es Adam Müller beschrieben hat. Und das war er auch.
Wie jeder gute Forscher und Wissenschaftler.
Erst, wenn man die Farben und Pigmente im aufmerksamen Studium analytisch, das heißt: wissenschaftlich trennend in diversen Versuchen und Laboranordnungen von einander getrennt betrachtet hat, in Ihrer WIRKUNG analysiert hat, um sie  in EIN-SICHT zu VERSTEHEN erst dann kann er sie auch wieder zu einem Ganzen zusammensetzen, das heißt: Synthetisieren und vermählen zu einer Kunst im Gemählde von Gemahlin und Gemahl.
An dieser Stelle darf man es auch einmal sagen: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Kennen in Er-Erkenntnis.

Was haben Maxwell und Faraday gemacht? Sie haben zunächst die Elektrizität und den Magnetismus getrennt wahrgenommen und analysisert, um dann nach der Analyse in einer Synthese zum Faraday-Maxwellschen Elektromagnetismus zu gelangen. Analyse – Synthese.

Was hatte vor ihnen Newton getan?  Er hat das Licht am Prisma zunächst analytisch auseinander genommen. Aber warum hat er es durch eine enge Lochblende geschickt und überdies in einer „dunklen Kammer“ analysiert ? (Wofür ihn Goethe so sehr gehasst hat.)

Nicht deshalb, wie Goethe gezetert hat, um das Licht labormäßig  in scientistischer Isolation un-an-schaulich auseinanderzunehmen, sondern deshalb, weil Newton – im Gegensatz zu Goethe – ein Denker und Ver-Dichter war, der sehr gut wusste, dass seit der Renaissance das Licht und seine Strahlengänge immer nur durch einen Öffnungs-WINKELl, das heißt mit einer Lochblende in einer schwarzen Kammer, die unserer schwarzen Pupille gleicht in den FOCUS einer Einsicht gerät. Wer etwas über die Natur des Lichts erfahren möchte, muss sich also zunächst ins Dunkle begeben.

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Denn die Loch-Blende entsprich ja dem STERN am schwarzen Himmel. Schon in diesem Vorgehen bewies Newton einen SYNTHETISCHEN Instinkt, weil er bewusst oder unbewusst richtiger Weise davon ausging, dass Licht zunächst einmal von einer Quelle mit räumlich begrenzten Umfang, nämlich dem Stern abgestrahlt wird.
Damit war Newtons Vorgehensweise zugleich die kosmologisch realistischere als auch die „stimmigere“ Art der Natur-Wahrnehmung.
Selbstverständlich war Newtons Vorgehensweise kosmologisch genauer und damit  bereits ein künsterischer Akt.

Newton und Maxwell/Faraday waren – ebenso wie da Vinci – Wissenschaftler und Künstler, Auseinandernehmer und Zusammensetzer, Analytiker und Synthetiker.

Erst, nachdem da Vinci  und seine Vorgänger die Anatomie von Linien und Flächen und das „Sehen“ wissenschaftlich analytisch auseinander genommen hatten, erst dann konnte er sie wieder – verstehend –  zu einem (künsterischen) Ge-mählde vermählen.
Zusammengefasst heißt das nichts anderes als:
Ein Mensch ist der, der be-GREIFT, womit er es zu tun hat.

Wer die Mona Lisa stiehlt, hinterlässt die un-heimlichste Spur, die man sich denken kann: Den weißen Schatten, ein heller Fleck auf einer flachen Wand.

Physik des Phönix

„Mancher vermeint, wenn verwest im verschlossenen Grabe das Rückgrad
Werde das menschliche Mark zur gewundenen Schlange gewandelt.
Doch dies alles empfängt des Geschlechts Anfänge von andrem;

Nur ein Vogel besteht, der selbst sich zeugt und erneuert,
Phoinix bei den Assyrern genannt. Nicht Kräuter und Feldfrucht
Nähren ihn, sondern der Saft von Amomum und Tränen des Weihrauchs.

Wenn er erfüllte die Zeit und fünf Jahrhunderte lebte,
Macht er ein Nest sich zurecht (im Wipfel der schwankenden Palme
Oder im Eichengezweig) mit Krallen und reinlichem Schnabel.

Wenn er sich Kassia dann und Ähren der öligen Narde
Untergelegt und Stücke von Zimt samt gelblicher Myrrhe
Setzt er sich oben darauf und endet in Düften das Leben.

Dann steigt neu, wie es heißt, vom Leibe des Vaters ein kleiner
Phoinix, welchem bestimmt, gleich viele der Jahre zu leben.
Wenn den kräftig gemacht und der Bürde gewachsen das Alter,
Hebt er des Nestes Gewicht von den Ästen des ragenden Baumes
Trägt in kindlicher Treue die eigene Wieg und des Vaters
Grab durch wehende Luft, und gelangt zu der Stadt Hyperions,
Legt er es hin vor dem Tor im geweihetem Raum Hyperions“

Ovid, Metamorphosen 15

„Ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: »Wissen Väter immer mehr als Söhne?«, und der Vater sagte: »ja«. Die nächste Frage war: »Papi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der Vater sagte: »James Watt«. Darauf der Sohn: »- aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?« (aus: Gregory Bateson,
Metalog „Wieviel weisst du“?)

Bei Gregory Bateson blättern hilft immer, um in die stilistische Hochform philosophischen Fragens zu gelangen.

Was mich bei Botho Strauß immer irritiert hat: Ein gewisser Hang zur Verklärung der Dummheit. Ein unstimmiger Dummheitsbegriff. Es ist eine Berufskrankheit von Intellektuellen, dass sie sich Dummheit herbeisehnen, oder versuchsweise mit ihr flirten. Man versteht’s ja auch. Zu oft muss der Intellektuelle erfahren, dass es sich dumm scheinbar einfacher lebt und produziert. Aber es stimmt eben am Ende dann doch nicht. Dumm produziert schneller, aber eben nicht nachhaltig und letztlich immer mittelmäßig.
Leonardo, Bach,  Dürer, Wagner etc….das ist mit Dummheit nicht zu machen.

Trotzdem leben manche Dichter  heute in ständiger Sorge vor dem Allzugescheiten, vor dem allzu starken „Gewissen“ in ihren Artikulationen.

Es kursiert da ein Gerücht, dass große Kunst niemals aus Gewissen oder Intelligenz erwächst, sondern aus Instinkt und Intuition, einem Quäntchen Dummheit und aus einem  – irgendwie als „positive Idiotie“  – ettiketiertem Abseitsstehen.

Das Gerücht sagt: Ein Kunstwerk und ein Künstler dürfe im Moment der Schöpfungserregung sich selbst nie ganz durchsichtig sein – denn: Wo bliebe dann sein „blinder Rücken“, der sich „blind-sehend“ zur Zukunft wendet?

Das ist alles Quatsch. Die verlorene Unschuld des „Idioten“ ist schon seit mindestens 200 Jahren verloren. Es gibt kein zurück in die Idiotie.

John Searle sagt: „Die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass sie sich selbst rationaler Mittel bedient. Weil jedes Geschäft der Kritik ein rationales Geschäft ist und ein Weltverhältnis vorraussetzt, das unzweideutig ist.“

Was sicherlich richtig ist: Man darf als Dichter und Künstler auch dumm sein. Nur eben nicht gewollt oder absichtlich. Die Frage ist also, auf welchem Niveau die Dummheit sich bespricht. Dichter und Künstler sind verpflichtet, Ihre Dummheit auf das höchst mögliche Niveau von Konkretion und Zeitgenossenschaft zu hieven.

Kubricks beste Film-Arbeiten hatten technologische Zeit-Höhe in Konkretion. Dafür musste er kein großer Physiker oder Ovid-Kenner sein. Aber die interessantesten Sequenzen in seinen Filmen wurden nicht „phantasievoll erfunden“ – sie haben sich „er-geben“ in Prozessen eines fragenden Such-Gangs innerhalb von tatsächlich obwirkender Technologie. Kubrik war ein meisterhafter Optiker und Film-Technologe.

Wilhelm Müllers Gedicht „Stundenglas und Weinglas“ hat große Konkretion und Klarheit des Wahrnehmens. Es ist „in der Sache“…sehr konkret, ohne „dunkel-raunenden“ Sprachbrei a la Botho Strauß.

Nur so erreicht die „gewünschte“ Dummheit  den angemessenen Grad von Zeitgenossenschaft, sozusagen einen hochtechnologischen Grad der Dummheit, die dem Text oder dem Kunstwerk seinen „blinden“ aber sehenden Rücken gibt;
Diese sehende Form der Dummheit findet man in Reinstform aber nur in der Ethymologie von Worten, in der absolut klaren Konkretion der techné, im technologischen Gesamtkunstwerk und im Mythos.

Der Berufsdichter heute schreibt zumeist nur halbdumm oder dreivierteldumm. Das heißt: Man schreibt Gelehrsamkeitsparaphrasen und versucht dabei  seine reale Dummheit zu verbergen hinter stilistischen Nebelkerzen oder im Mustopf irgendeines Formenkrampfes einer schlappen Lithurgie, die man mit der Laubsäge in sein steifes Textbrett sägt.

Man nennt das dann das „Raunen des Verborgenen“ oder „Musik“.

Das ergibt dann immer nur halbdumme oder dreivierteldumme Texte, deren Semantik nie das erforderliche Niveau der produktiven Dummheit in einem sehenden Sinne erreicht. Das sind dann die furchtbar schlechten Texte.

Warum hat die Dampfmaschine nicht James Watts Vater erfunden?

Zur Frage der historischen Überlieferung gehört die Frage nach dem Generationenverhältnis selbst. Wie funktioniert Historie? Wie funktioniert die Übergabe (Tradierung) von Generation X zur nächsten Generation Y?

Oft wird von den Alten beklagt, die Jugend würde sich von den Traditionen abwenden und ihr eigenes Ding machen.

Wie „richtig“ ist eine solche Diagnose?

Man kennt zu dieser Frage einen tiefer reichenden Aphorismus.
Thomas Morus sagte sinngemäß:

„Tradition ist die Übergabe der Glut, nicht der Asche.“

Wenn man diesen Ausspruch heute hört, muss man gezwungener Maßen zustimmen. Seit dem mythischen Prometheus als Feuerbringer wirkt eine absolut bruchlose Überlieferung.
Die Behauptung der „Postmoderne“, dass irgendein Faden der Überlieferung gerissen sei (Foucauld), ist in dieser Perspektive also unrichtig.

Aber warum klagen dann die Älteren so oft über die ach so traditionsvergessene Jugend? Wieso und warum gibt es den „Generationenkonflikt“, wenn das Feuer und die Glut über die Dampfmaschine, den Verbrennungsmotor, die Mondrakete, die Atombombe, dem Laser bis zum Fusionsreaktor eine klar funktionierende Überlieferung beweist? Welcher Faden soll hier gerissen sein? Welche Tradition wurde mißachtet?

Es kann ja durchaus sein, dass die „Glut“ – die übergeben wird, ebenso der „Mut“ ist. Oder eine Art von Wut. Eine Wut-Glut der Jungen gegen die Alten. Man spricht von glühender Wut. Insofern bleibt Thomas Morus Gedanke zur Überlieferung in Kraft. Die einzig sinnvolle und korrektive Anmerkung bestünde darin, zu erkennen, dass auch die „Wut“ von den Ahnen in die Jüngeren hinein-induziert wird. Ebenso der „Mut“ Dann ließe sich abwandeln:

Tradition ist die Übergabe von Mut und nicht von Asche. Oder anders:

Tradition ist die Übergabe der Wut und nicht der Asche.

Wenn man dass aber nun weiß, dann kann man sich vielleicht von bestimmten unbedachten historischen Automatismen befreien…in dem Sinne, dass mit der Glut eine Art „Sinn“ immer in Kraft bleibt – und sei es nur als Elektrizität, die vom Bernstein über die galvanischen Frosch-Schenkel bis zur Glühlampe und dem Laser übertragen wird.

Wie funktioniert ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis?
Der jüngere Schüler übernimmt vom älteren Lehrer zunächst den Mut des Fragens, der Unruhe, des Zweifelns und der Neugier, aber er übernimmt nicht – unbesehen und automatisch –  die ganze Asche der zu Kenntnissen und Katechismen erkalteten Antworten.
Der Lehrer „unter“-richtet.

Ein guter Lehrer lehrt das Fragen und die Geschichte des Fragens und erst in zweiter Linie sehr vorsichtig gewisse vorläufige Antworten. Deshalb war Heidegger ein guter Lehrer. Sein Fragen lauteteten – Woher? – und Wozu? und Warum? Deshalb bleibt er eine Autorität, die nicht peinlich oder angemaßt daherkommt.

Thomas Morus Überlieferung der Glut im Verhältnis zur Asche beschreibt das Verhältnis zwischen der „gespeisten“ und „speisenden“ Glut in den Zeitläufen und den darin zugleich sich immer wieder – einäschernden – „Gewissheiten“. (von der Glut verzehrte Gewissheiten, zum Beispiel so genannte Paradigmenwechsel)

Damit wäre Überlieferung zwischen den Generationen ein Art
Vogel Phönix: Entflammtes in Wut oder in Glut oder in Mut.

Obwohl bei Ovid inter-essanter Weise nicht direkt von Glut die Rede ist, jedoch von „Düften“…der alte Vogel Phönix der Assyrer löst sich auf, – hinauf – zu etwas, das „in der Luft liegt“…das kann ein Verwesungsgeruch sein oder ein Gemisch aus den zimtigen Gewürzpflanzen oder Räucherpflanzen, Rauch oder beides, aber im Prinzip wird hier von thermodynamischen Aggregatwechseln gesprochen, der Vogel  – löst  – sich –  auf, er ana-lysiert sich, wird zum Hauch, zum Aroma, zum Rausch, zum „odoribus aevum“…im Lateinischen – der Phönix verwandelt sich zum VIELLEICHT der statistischen Thermodynamik – und zweitens überliefert dieser Vogel Phönix durchaus nicht nur Düfte, sondern auch das „Gewicht“ des Grabs seines Vaters….als sein eignes Nest, seine eigene Kinderstube, die er später wieder „vom hohen Baum durch die Lüfte“ trägt…in Synthese mit seinen Ahnen. Er bringt die „Asche“ seiner Kinderstube „vor das Tor.“

Hier dürften auch Astrophysiker die Tradierung von „Elementen“ bei den Brennprozessen in Sternen wiedererkennen, von der ersten Verdichtung – über das weitere Schalenbrennen – bis zur explodierenden Supernova, deren Elemente ja unsere Asche ausmacht, die Sternen-Asche, aus der wir gemacht sind. Der Stern „beginnt“ mit dem „leichten“ Wasserstoff…und später und peu a peu erreicht er die Phasen bis zur Eisen-Schwelle. Eisen ist – nach dem Stand heutiger Erkenntnis – genau die Schwelle, das letzte Element nach einer Reihe von Reaktionen, das durch klassische Fusionsreaktionen in Sternen erbrütet wird.  Alle „schwereren“ Elemente nach Eisen im Periodensystem, werden in „roten Riesen“ und extremen Novae-Prozessen (Explosionen, Auflösungen) erbrütet. (Nach dem Stand heutiger „An-Sichts-Sachen“ zum Thema „Brüten“ von Elementen in Sternen)
Es ist ein bis heute wenig beachteter Fakt, dass alles „Material“ unserer Erde älter ist als unsere eigene Sonne. Vor unserer Sonne muss es schon einmal eine große Sonne gegeben haben, die explodiert ist. Weil das Eisen, und alle Elemente auf der Erde nicht von der jetzigen Sonne stammen können. (Die ist ja noch nicht explodiert.)

Doch in der Asche glimmt die Stirn.

Ebenso durchlaufen der Start und der Wiedereintritt eines Space-Shuttles eine Art Vogel-Phönix–Zyklus.

Bei Ovid durchläuft der Phönix einen Zyklus von 500 Jahren. Da wäre man jetzt zurückgerechnet bei Albrecht Dürer in der Renaissance angekommen.

Generationen-Konflikte, Generations-Brüche, ergeben sich immer dann, wenn bestimmte kulturelle Lebensgewohnheiten und zunftbildenende Verabredungen durch allzu kreisschlüssiges Wiederholen in immer die selben Verhaltenskreisläufe „eingekreuzt“ werden.

Man kennt dazu ein Beispiel aus der Genetik.

Tierzüchter aber auch Tierschützer können ein Lied davon singen:
Bestimmte erwünschte Wesensmerkmale bei Hunden oder Katzen kann man nicht beliebig oft redundant in nachfolgende Generationen „einkreuzen“  weil es dann zu schweren Degenerationserscheinung der gesamten Erbmasse kommt.
Die Tiere leiden dann früher oder später an gesundheitlichen Inzucht-Problemen durch mangelnde genetische Varianz – sogenannte Qualzuchten mit monogenetischen Deffekten. (verlegte Atemwege, Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, Knochenanomalien etc…)

Je tiefer die „reinrassige“ Angora-Katze in das Sofakissen hineingezüchtet wird, also quasi selbst zum Sofakissen umgeformt wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit für eine generell krankhafte und In-Zucht-geschädigte Konstitution der Tiere.

Je „reiner“ die „Rassigkeit“ (sog. Aus-Stellungs-Erfolge) von Züchtern herausgearbeitet werden soll, desto mehr verliert die genetische Gesundheit des Gesamtorganismus über mehrere Generationen innerhalb eines schleichenden Prozesses. Eben deshalb die genetische Varianz verloren geht.

Die Natur wehrt sich gegen das monogenetische, monothematische  Inzüchten des Genpools (Das Heraus-Stellen gewisser „Aus-Stellungs-Erfolge“) irgendwann mit Abbau oder Degeneration.

So kann man sich das auch bei Traditionen, Kulturen, Sprachen etc…denken:

Wird eine bestimmte Tradition oder ein bestimmtes Brauchtum oder eine kulturelle Verabredung oder eine Verhaltensgewohnheit von Generation zu Generation allzu kreisschlüssig monothematisch immer wieder in das eigene Sofakissen der bewährten Gewissheiten und Katechismen eingekreuzt,
leidet der ganze Überlieferungszirkel spätestens mit der 6. oder 7. Generation irgendwann an  monogenetischen Defekten des Denkens, die bis zur intellektuellen Schwerstbehinderung ausarten kann. Das heißt – der Kulturkreis bekommt In-Zucht-Schwäche, wird brüchig. Es verliert seine genetische Varianz.Es kann zu habituellen oder organischen Katastrophen kommen

Andererseits: Überlieferung von Fertigkeiten in handwerklichen Zünften ist in jedem Fall wünschenswert. Ein klassischer Geigenbauer in der 7. Generation ist sicher einer der besten Geigenbauer der Welt…und deshalb auch unverzichtbar – aber er ist extrem darauf angewiesen, dass sich der Bedarf und die Definition für die Art seiner Geigen nicht allzu plötzlich ändert. Wie gut wäre er vorbereitet, sollte sich der Bedarf bei bestimmten Musikinstrumenten plötzlich verschieben?

Wird er den „Synthesizer“ oder die „Hammond-Orgel“  erfinden? Oder das Grammophon?

Warum wurde der Syntheziser oder die Hammond-Orgel von Elektronikern und Bastlern erfunden, aber nicht von klassischen Instrumentenbauern?

Warum wurde das Grammophon nicht von einem Dirigenten erfunden?

Warum wurde das Grammophon überhaupt erfunden?

Warum war Kolumbus der Sohn eines Wollwebers und nicht ein Kapitän
in 5. Generation?

Genetiker wissen heute, dass die Epigenetik äußerer Umwelteinflüsse mindestens 50 Prozent der Überlieferung ausmacht und die Varianz ebenso beeinflusst wie das Immunsystem und die Auslese. Wird Epiginetik und Varianz-Streuung ausgeschlossen durch allzustarke Abdichtung innerhalb eines sehr hermetischen Überlieferungszirkels, kommt es zu monogenetischen Deffekten.

Das Risiko durch monogenetische Tradierungen kann man gelegentlich auch spüren in geschlossenen Akademien, in bestimmten Forschungszirkeln, Universitäten und auch in Literatur-„Kreisen“.

Wo Menschen sich ausschließlich in immer wieder den selben verabredeten Paraphrasen von Codes und Gegencodes bewegen, (in den selben Retourkutschen aus Spruch und Widerspruch, die selben Abgrenzungs/Zustimmungs-Mechanismen ) kommt es zuerst zu einer Art von Vereins-Stickluft, einschließlich der berühmten deformation professionelle und schließlich zum informellen Totalversagen des Gesamt-Organismus. Das heißt: Die Akademien und Universitäten und „Zirkel“ ersterben und vertrocknen in leblosen Diskurs-Spinnweben und in Zitate-Seilschaften. Sie dienen nur noch sich selbst als Seilschaft oder zur Versorgung im leeren Networking der Vernetzung, aber sie dienen nicht mehr der Erkenntnis oder dem Fragen in ein Offenes hinaus.

Die Seilschaften besteigen keine Berge mehr. Diese Zirkel können nichts mehr von außen empfangen oder nach innen einlassen und trocknen schließlich ganz aus. Sie verblöden zu intellektuellen Qualzuchten in monothematischen Redundanzen.

Die Spinnen haben irgendwann das Haus verlassen, oder sind vertrocknet, weil nichts mehr an-zufangen ist. Alles leergefangen, die Luft ist tot, Türen und Fenster werden nicht mehr geöffnet. Zurück bleibt leeres Gehänge. Niemand spinnt mehr.

Eben deshalb waren kulturelle Generationen-Auf-Brüche in den vergangenen Zeiten notwendig und immer folgerichtig. Generations-Aufbrüche öffnen allzu stark geschlossene Verabredungskreisläufe oder Brauchtumsgewohnheiten und vermeiden die kulturelle Inzucht samt intellektueller Schwerstbehinderung und monothematischer Deformation.

(Auch wenn sich heutige Eltern allzu tolerant geben; die Kinder finden immer etwas, womit sie die „Alten“ ärgern können und sei es nur, indem diese Kinder heute eine provozierende Spießigkeit an den Tag legen. (Jetzt extra wieder total angepasst mit Trachtenjanker, Kochkurs, Bionade und Golfplatz-Abo, obwohl man erst 22 Jahre alt ist.)

Aber die Formulierung: „Tradition ist die Übergabe der Glut/Mut/Wut  und nicht der Asche.“  bleibt deshalb sehr menschen-sinnvoll und immer noch nicht in der Tiefe verstanden.

Denn „die Glut“ bezeichnet ja auch das Sehen, und die „Sicht“ des Vogels Phönix. Also die Tatsache, dass der Vogel Phönix Sicht hat und „gesehen“ werden kann.

Zu den unbefragtesten Asche-Floskeln der letzten 150 Jahre gehört auch die Behauptung: Mit dem Vordringen der modernen Wisschenschaft könne sich der Mensch nicht mehr einfach so auf seine „Sinne“ verlassen, wenn er die Welt wahrheitsgemäß erkennen oder verstehen will.
Alles sei ja  – ach so0000 abstrakt geworden.

Übersehen wird bei dieser unbefragten Asche-Floskel jedoch immer, dass dieses Vordringen der modernen Wissenschaften von Menschen betrieben wurde, die zunächst auch immer nur ihre Sinne angestrengt hatten – in dem Sinne – wie ein „Sinn“ nur „Sinn“ macht, wenn es einen „Sinn“ gibt.

Mathematik und jede Abstraktion gründet in den Sinnen, die einen „Sinn“ geben innerhalb von Besonnenheit. Deshalb ist die Rede: Der Mensch könne sich seit der modernen Wissenschaft nicht mehr einfach so auf seine Sinne verlassen, ein sinnloser Stumpfsinn. Und bezogen auf die achso abstrakte und unsinnliche Atom-Bombe sogar eine Frechheit.

Bei der Sondierung abendländischen Denkens fällt auf, dass ein Mißverhältnis herrscht zwischen einer hochgradigen Verehrung gewisser Köpfe der Vergangenheit und Ihrem Ernstnehmen als Impulsgeber für Problemlösungen. So kennt jeder heute als Beispiel Albert Einstein, man weiß beinahe alles über ihn, man verehrt ihn, man zitiert ihn sogar, und er ist sogar eine Art Pop-Figur.

Wenn Einstein schreibt: „Probleme lassen sich niemals mit dem selben Denken lösen, das in die Probleme hineingeführt hat.“ – dann ist das doch bedenkenswert. Eine Inzucht-Warnung. Dann heißt das so viel wie: Probleme sind Folge von Denkmentalitäten und Methoden, die in allzustarker Wiederholung zu gewissen Inzucht-Deformationen geführt haben.

„Tradition ist das Überliefern der Glut und nicht der Asche.“

Zugeben, nach 1945- 1946 sah es so aus, oder es gab Gründe, keine Gluten mehr überliefern zu wollen. Das war einsehbar. Aber es ändert ja nichts daran, dass die Moderne im 20igsten Jahrhundert eine in ihrer Helligkeit nicht mehr zu überbietende Glut und eine Wut überliefert hat, die man schwerlich ignorieren kann.

Die Philosophie der letzten Jahrzehnte aber hat Asche geredet.

Deshalb bleibt ein großes Problem bis heute das große Originelle, das sich vor das Originale schiebt. Der originelle Schreiber, artikuliert originell, weil er sich als „originelles“ Individuum vor der „Leserschaft“ legitimieren muss. Er hat etwas „Neues“ zu bringen. Das heißt aber in Wirklichkeit, er produziert immer schon Asche, noch bevor er überhaupt die Glut oder die Wut oder den Mut der Überlieferung in seinen Text einlässt. Ironien sind Asche. Paraphrasen sind Asche. Syntaktische Löckchen sind Asche und schlechter Stil.

Sogar „Kenntnisse“ und angelesene Fakten sind Asche, solange sie nicht die Glut und den Mut der Überlieferung mit hinübertragen. Legitimität wird dann durch Pseudo-Neuheit (Originellheit) von Artikulation erkauft.

Zu einem sehr hohen Preis: Dem Aschedenken und dem Ascheschreiben. Deshalb werden „originelle“ Begriffe erfunden, oder „originelle Bezugsrahmen“,  die sich dann vor das Originale schieben. („ab origine“ – von Beginn an)

Selbst dort, wo man scheinbar rückbezüglich mit irgendeinem Homer-Zitat beginnt, bleibt das meiste im Paraphrasenkitsch eines „Philsophierens als ob.“

Das heißt, man redet in paraphrasenhaften „originellen Wendungen“ nur noch von der Asche – innerhalb der Asche  – aber man kommt innerhalb der Asche nicht mehr zur Glut, zur Kohle, zum Holz, zum Funken, ….

Warum hat das 20igste Jahrhundert Wittgenstein hyperventiliert und Schelling unbeachtet gelassen? Warum musste da ein „origineller“  Wittgenstein „neu“-reden, man hätte doch die Schelling-Schriften einfach nur mit den neueren Erkenntnissen der Relativitätstheorie und mit Goedel konfrontieren können…oder mit Adam Müller oder mit Aristoteles…aber gut…das sind so die Um-Wege..

Man generiert heute nicht viele Fans, wenn man sagt, dass Dichtung und „Philosophie“ der vergangenen 30 bis 50 Jahre – wenigsten hier im deutschsprachigen Raum eher im Bedienmodus von Simulation betrieben wurde; noch schlimmer der Gedanke, dass in den Simulatoren vielleicht selbst nur Simulationspuppen saßen, die man an Stelle von echten Philosophen und echten Dichtern in die Sessel der Simulatoren geschnallt hatte.
Die Sprache war diesen augenlosen aber stark vernetzten und verdrahteten Simulationspuppen ein Flugsimulator mit vielen bunten Knöpfen, die blinkten und piepten und flackerten. Und Ihre Hände aus Schaumgummi patschten in die Tastatur.
Und dann blinkte und fiepte es um so stärker. Aber niemand flog. Kein Phönix.

 Wirklich und höchstselbst und in echt – wollte niemand nach irgendwohin hinaus…

Also saß man (oder etwas) in den letzten 50 Jahren in Philosophie-Simulatoren und simulierte Philosophie, man saß in Dichtungs- und Poesie-Simulatoren und simulierte „Poesie“.  Niemand wollte sich auf das denk-sprachliche Apollo-Programm eines echten poetisch-wissenschaftlichen Erkenntnis-Unternehmens einlassen.
Na gut, aber Raumfahrtprogramme brauchen im Vorfeld auch die Puppen und die Simulation – Insofern: Alles richtig, alles gut.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Bewegungen vergangener Jahrhunderte auf monogenetische oder monothematisch Deffekte verweisen. Verurssacht durch eine mangelnde Einsicht in den dauernden Überlieferungsgang von Analyse nach Synthese.

Gut möglich, dass gewisse Konflikte in Zukunft stark beeinflusst werden von der Art und Weise, wie ein jeweiliger Kultur-Zirkel sein Verhältnis zur Überlieferung definiert. Deshalb kann man wohl sagen, dass immer dort, wo sich räumliche Fronten in „Gegenwart“ auftun, in Wirklichkeit noch etwas anderes vor sich geht: „Gegen-Warten“ sind Konflikte, in denen verschiedene Definitionen aufeinander stoßen und einen Streit über die Frage austragen, was eigentlich Überlieferung ist.

Zwei Reiche wechselwirken bis heute in Georg Büchners Stück Leonce und Lena. Das Reich Pipi (Lena) und ein Reich Popo (Leonce).
Jederzeit lesbar, damals wie heute, als fühlbare Allegorie für Kleinstaaterei.

Hatte Charles Percy Snow in den 50iger Jahren noch von „2 Kulturen“ gesprochen, muss man heute mindestens 85 Kulturen oder mehr annehmen.
Die Lage hat sich verschärft. Die neue Metternichzeit zeigt sich heute in einer Kleinstaaterei der Sprachen, Kulturen, Zeichen, und Codes..
Ebenso wie in den tausend kleinen Imperien eines Redens „als ob“.

Zu den schönsten aller wiederkehrenden Komödien der letzten 50 Jahren gehören 45 minütige Podiumsgespräche, nach-23-Uhr-Talks im Radio oder sogenannte „Arbeitsgruppen“, in denen „Künstler“ und „Wissenschaftler“ ein bisschen so tun, als interessierten sie sich für einander. Als sei das anliegende Problem irgendwie zu fassen, wenn man „mal so ein bisschen drüber redet.“

So gehört es seit Jahren zum guten Ton in Salongesprächen, wenn man als „Künstler“ hier und da Worte einstreut wie „Unschärferelation“ oder „Quantenphysik“ oder „Hirnforschung.“ Kann nicht schaden. Hört sich immer up to date an.

Ebenso kann es nicht schaden, wenn man als Wissenschaftler sich gelegentlich entzückt zeigt von einem „herrlich vielschichtigen“ Kunstwerk. Dann fühlen sich alle im Salon sehr problembewusst irgendwie und irgendwie echt auf der Höhe der Zeit – irgendwie.

Was dabei herauskommt: Esotherik im schlecht vernutzten, im schief gelegten Sinne des Begriffs. Dann sitzen Künstler und Wissenschaftler im Dunst imaginärer Räucherstäbchen auf einer mentalen Lamafelldecke in sprachlicher Yoga-Stellung (die grammatisch-syntaktischen Beine hinter dem Hals) und tauschen im 45 Minuten Talk An-Sichtssachen und Gelehrsamkeiten aus.

Die schlecht vernutzte, weil seit 200 Jahren schief verstandene Esotherik vernebelt als Denk-Gift die hirnforschenden Gehirne ebenso wie die quantenphysikalischen Poesie-Interessenten.

Die Unschärferelation* als das gern genommene Esotherik-Räucherstäbchen für
vernebelte Gesprächskreise und Arbeitsgruppen zum Thema Kunst und
Quantenphysik.

Deshalb zurück zu Leonce und Lena von Georg Büchner:

Reich Pipi und Reich Popo…was sind die beiden Reiche heute?

Reich Pipi Ort / Reich Popo Impuls

Reich Pipi Bumsdings/ Reich Popo Dingsbums

Reich Pipi Identität/ Reich Popo Zweifel

Reich Pipi Lyrik/Reich Popo Mathematik

Reich Pipi Vielfalt/ Reich Popo Statisitk

Reich Pipi Analyse/ Reich Popo Synthese

Reich Pipi Kunst/ Reich Popo Leben

Reich Pipi JA / Reich Popo NEIN

Reich Pipi Emphase / Reich Popo Extase

Reich Pipi von Dichter X / Reich Popo von Wissenschaftler Y

Reich Pipi Ansichtssache x/ Reich Popo Ansichtssache y

Reich Pipi von Philosoph X / Reich Popo von Philosoph Y

Liste kann vervollständigt werden.

Die größte Katastrophe – in der Literatur  – für die Literatur – ist der sogenannten  Literatur bisher erspart geblieben: Dass irgendjemand einmal auf die Idee gekommen wäre, die Einsichten dieser Literatur auf die Literatur selbst anzuwenden.

Leonce: „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“

„Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“

Die endgültige Definition für das rätselhafte deutsche Wort „Kitsch“:

KITSCH ist alles, das von Reich Pipi nach Reich Popo Zeichen generiert,
die mehr bedeuten wollen als eine Scheidung, die sich im Scheiden bereits selbst wieder neu die Heiratsurkunde ausstellt.

*Jeder normal denkende Mensch wird einsehen, dass die „Unschärferelation“ eine tautologische Formulierung darstellt, weil sie sagt, dass der „Ort“ und der „Impuls“ eines „Teilchens“ nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden kann. Demzufolge gibt es in der Natur keine zwei exakt gleichzeitigen Startpunkte für Bewegung.  „Gleichzeitigkeit.“ wird also prinzipiell ausgeschlossen.
Wenn aber prinzipiell „Gleichzeitigkeit“ ausgeschlossen wird, dann ist die Aussage der Unschärferelation tautologisch, selbstbezüglich und damit entweder unendlich sinnlos oder unendlich sinnvoll, ebenso wie das Konzept „Teilchen“.
Die Unschärferelation sagt dann: Einen „Ort“ gibt es prinzipiell nicht.
Wenn es aber prinzipiell keinen „Ort“ gibt, dann ist das Konzept
„Ort und / oder Impuls“ als Aussage hinfällig oder nichtsagend.

Niemand braucht mit großem intellektuellen Aufwand einen „Ort“ verneinen, den es nie gegeben hat. Oder anders gesagt: Man muss keinen Fisch mühsam ins Wasser tauchen, um ihm das schwimmen zu lehren. Man muss keinen Schneemann weiß anmalen, damit er schön weiß ist. Die Unschärferelation hebt sich als Aussage selbst auf. Deshalb kommt es zur „spukhaften Fernwirkung“ bei verschränkten „Teilchen“, weil „kein Ort“ soviel heißt wie:
Der „Ort“ (Impuls) ist dann überall.
Ich plädiere aus realistischen Gründen und weil es so schön ist, zu sagen: Seien wir doch mal realistisch. –  für die Option: Überall.
Wie unscharf sind die Sterne?

Sehr witzig, Herr Schrödinger...

Sehr witzig, Herr Schrödinger…

roots of the blues: Physik des Fragens


Novalis und Uwe Greßmann gewidmet, den wenigen echten Dichtern unter den hunderttausend Dichter-Imitaten.

Zum Schönen des philosophischen Fragens an die Natur ge(hört), dass der Fragesteller sich selbst immer als – in die Frage kommender – begreift,  dem die Frage (von vor_ her) zukommt.  Er hat mit seinen Fragen  „zu tun“ – noch bevor er sie als Frage be-greift. Novalis war ein Dichteringenieur, weil er etwas vom Bergbau verstand und demzufolge nicht nur über den Bergbau redete. Demzufolge verstand er auch etwas von Dichtung und redete nicht nur über Dichtung.

Das philosophische Fragen an die Natur, das zugleich ein dichterisches Fragen ist, kennt eine Art Handwerk des Fragens.

Wenn der Philosoph-Dichter-Ingenieur eine „Wie“- Frage stellt, – „Wie funktioniert das?“ –

– dann ist in dem WIE bereits ein Vergleichsprozess mit eingeschleift.  WIE funktioniert das? – fragt ebenso der Wissenschaftler und der Ingenieur.  So bleibt eine WIE-Frage an die Natur durchaus  eine philosophische Frage.  Jeder Ingenieur und Wissenschaftler ist, ob freiwillig oder unfreiwillig ein Philosoph, wenn er eine WIE-Frage stellt.

WIE? meint einen Vergleich zum „Funktioniert das WIE dieses oder jenes?“

WIE funktioniert das?- setzt also als WIE-Frage etwas voraus, mit dem man etwas vergleichen kann.

Dreht sich ein Rad (so) ähnlich WIE dieses oder jenes? WIE (so) dreht sich das Rad? Es dreht sich (so) ähnlich WIE…

WIE funktioniert das?

WIE macht als Frage einen SINN, wenn ich etwas habe, mit dem ich es vergleichen kann: WIE funktioniert das? – meint immer schon: Funktioniert es etwa (so) ähnlich WIE dieses oder jenes?

Daraus folgt: Es kann gar keine einsame WIE-Frage nach Funktion geben, die dem Fragesteller aus dem Nichts heraus zufliegt. Das WIE in einer WIE – Frage beinhaltet immer schon einen Teil der Antwort als Teil eines Ver-Gleichs-Prozesses.

Schon die Frage wird ge-geben. WIE-BITTE? geht denn das jetzt?

Daran kann man sehen, dass alle WIE-Fragen zunächst immer an die Natur gestellt werden und nicht an die Formalie von Texten.

(Der Stumpfsinn und der Schwachsinn aller Textkritik und Literaturkritik  ergibt sich aus einem Mißverstehen der WIE-Frage.
Die abgestumpfte und verblödete Form der WIE-Frage an einen Text begnügt sich im Vergleichen von Formen mit Formen. WIE schreibt er? WIE setzt er das Versmaß? WIE behandelt er die Hebungen und Senkungen?  WIE setzt er die Vokale. WIE handelt er seine Metaphern?

Daraus ergibt  sich dann die Kitschkultur der formalen Exegese, die nur noch Formen mit Formen vergleicht und den eigentlichen Hintergrund (Kosmos, Natur) einer echten WIE-Frage stumpf macht und schließlich abtötet.

Dann entsteht Lyrizitäts-Lyrik und Literarizitäts-Literatur als künstliches und wurzelloses Gebilde, die ähnlich wie superkünstlich gezogene Fabrik-Tomaten kein Aroma mehr haben, keinen echten Boden mehr durchschmecken lassen und keine echte Heimat. Eine Heimat, die der Kosmos ist.  Diese Situation  beschreibt dann die Hölle der „Kennerschaft“ – in der „Kenner-Künstler“ für „Kunst-Kenner“  Künstlichkeits-Kitsch produzieren.

Höhepunkt des Stumpfsinns der verblödeten WIE-Fragerei vergleicht schließlich nur noch Namen mit Namen.
„Dieses schreibt er WIE Goethe. Jenes schreibt er WIE Beckett. Anderes schreibt er WIE Schnitzler. Hier spintisiert er WIE Borges. Dort alegorisiert er WIE Proust. Hier träumt er WIE Novalis…etc…“

Das ist schweres Nervengift für Kultur. Damit bekommt man „Kenner-Orden“ als Mitredner aber man bekommt kein Denken, kein Dichten und auch keinen Menschen.

(Der Weinkenner ist meistens jemand, der den Wein eigentlich nicht kennt.)

***

Eine WAS-Frage im Sinne von: Was ist das? oder: Was funktioniert hier? oder auch „Was ist los? -Was ist lose? “ –  meint als Frage die offenste und zugleich verwunderlichteste Grammatik, weil hier die WAS-Frage – ein DAS immer schon mit einschließt, DAS zunächst mal nur eine Vermeldung von Gegenwärtigkeit im Gehör ausfragt, aber ohne jede Historie. – WAS?

– fragt immer in der Überraschung des Auf-Hörens oder des Auf-Horchens – WAS? What happens?

Das Auf-Hören. Hör auf.  Auf WAS?
Auf was soll ich hören?

ETWAS?  ETWA?  ET WAS?   UND WAS?

Die- Was-Frage besetzt ein starkes Gegenwärtigkeits-Feld des JETZT.
WAS JETZT? Und meint den ersten Impuls von Wahrnehmung.

Schließlich fragt man: WARUM funktioniert das? In einer Warum-Frage ist immer schon, halb-unausgesprochen ein Bezug zur Kausalität und damit zur zeitlichen Dauer gesetzt. Warum meint immer: Aus welchem Grund? Aus welcher Be-GRÜNDUNG heraus funktioniert etwas. Wo dreht die U(h)r-Sache für…und schließlich meint eine Warum-Frage immer: Aus welchem VOR-HER heraus funktioniert dieses oder jenes in sein NACH-HER hinein.

Eine erweiterte und anspruchsvollere Funktion des Fragens fragt sehr konkret nach der Involvierung des Fragestellers. Dieses Frage lautet deshalb:

Warum zeigt SICH mir dieses oder jenes? Warum ZEIGT sich MIR dieses und jenes?

In welcher Haltung VER-HALTE ich mich gerade? Dass SICH MIR dieses oder jenes ZEIGT. Welches VER-HÄLTNIS hält mein VER-Halten gerade INNE? Warum zeigt „ES SICH“ ?

Beim Ranque-Hilsch-Wirbelrohr, das nichts mit irgendeinem Maxwell-Dämon zu tun hat, könnte man also zunächst fragen – WIE- funktioniert das? Die philosophische Frage fragt nach einem Vergleich.

Funktioniert es WIE…?

Wie was?

Es genügt eigentlich völlig, sich hier klarzumachen, dass im Wirbelrohr ein
Winkel-Verhältnis wirkt.

Ein Luftstrom wird tangential, sozusagen im „rechten“- „richtenden“ Winkel eingeblasen und DREHT dann in eine Wärmearbeit der Kühlungshandlung hinein.
Es wird hier ein GRAD-Unterschied in der Temperatur erreicht mittels eines tangentialen Winkel-GRAD-Verhältnisses.

Woran erinnert mich das??

… wenn man sich klar macht, dass bereits jede Denkleistung, auch die mathematische, immer in einem Durchfluss in einem Ge-denken des Durchfließens operiert.)

Deshalb kann man an dieser Stelle auch einmal sagen, warum Temperatur eigentlich ist.

Temperatur ist ein UNTER-Schied. Eine Differenz. Eine Differenz aber kann immer nur im Unter-Schied zu ETWAS angegeben werden.

Da kein Mathematiker und auch kein Physiker oder irgendein Rechner im Universum starr und steif dasteht, ohne Temperatur,  ist auch Mathematik und die Arithmetik immer nur ein Ver-HÄLTNIS im INNE-Halten eines Ver-Haltens.  Selbstadjustiert.

Die Zahl Pi beschreibt keinen geschlossenen Kreis.

Sie beschreibt ein VER-HÄLTNIS in einem VERHALTEN zwischen Umfang und Durchmesser einer WENDUNG UND DREHUNG.  Sie ist immer unabhängig von der Größe des Kreises „die Selbe“.  SELBST-ADJUSTIERT.

Die selbe Zahl PI muss aber nicht unbedingt „die gleiche“ Zahl PI sein.

Wenn PI aber unabhängig von der Größe des Kreises ist, dann ist klar, dass alle Mathematik ein VER-HALTEN im Ver-Hältnis meint und keine starre oder steife Geometrie.

Die Mathematik be-GREIFT, womit sie es zu TUN hat.

Die wohlfeile Identifikation von Rationalität mit „Kälte“  –
(zum Beispiel Nietzsches kleinfritzchenhafte Behauptung, Parmenides sei ein kalter Denker gewesen…war es in Griechenland etwa kalt??) –

– ebenso die unbedachte Gleichsetzung von Gefühlen mit „Wärme“  –
– die kleinfritzchenhafte Gleichsetzung von Kunst mit „Intuition und Schönheit“
– bei gleichzeitiger Denunziation von „Wissenschaft und Forschung“ als „kühle Funktion“

dürfte sich hiermit erledigt haben.

( Für die Kosmologie: Wenn Temperatur ein „Verhältnis“ (Verhalten) in einem bewegten Universum ist, dann muss man sich die Frage stellen, ob weit entfernte Objekte tatsächlich im „gleichen“ Ver-Hältnis zu betrachten sind oder im „selben Ver-Hältnis“ zum  Betrachter.  Also kann man die Frage danach stellen, was „nah“ und „fern“ ist oder auch „groß“ und „klein“. Außerdem sollte man beachten in welchem Temperatur-VER-HALTEN ein in-formiert Betrachtender sich zu einem schwarzen Loch verhält. Also was bedeutet die Winkelstellung eines Betrachters zur Akkretionsscheibe eines Schwarzen Lochs. Was bedeutet das im evolutionären DAUERN seines Evolulutions-Zeit-Raums?)

Roots of the Blues…laut zu hören auf einer guten Anlage…
Andrew Wyeth – einer von den wenigen Malern des 20. Jahrhunderts, die tatsächlich auch Künstler waren
*

Odyssee der Tangente

Am Fuße des Leuchtturms ist kein Licht.
(japanisches Sprichwort.)

Die Fahrt des Odysseus beginnt im Dunkeln
Am Fuße des Leuchtturms
Sein Schiff trägt den Namen Sanduhr
Das Schiff läuft aus

Erst nachdem die Sanduhr des Odysseus ausgelaufen ist –

den Hafen verlassen hat –

– in einiger Vergangenheit

…trifft ihn der Lichtstrahl des Turms.

Der Kapitän  der Sanduhr – dreht  – sich  – um –
und sieht  – jetzt erst – nach einiger Fahrt, in Vergangenheit
das winkende Feuer der Heimat.

Ein sieht er –  ein Stück Er-Fahrung.
Ein Rückblick, der ihm winkt.

Das Leuchtfeuer erinnert  Odysseus.

Odysseus, der Kapitän der Sanduhr, dreht sich um.

Er befindet sich jetzt: In der Tangente des Strahls
und wird: von ihm be-rührt.

Der Heimat-Hafen teilt sich – MITT.

Zu-ver-lässig.

Den Fuß des Leuchtturms sieht Odysseus nicht.
Der Fuß des Leutturms  bleibt dunkel.
Aber er schaut ihn, weil auch das Unsichtbare sichtbar ist.

Wer vom Unsichtbaren spricht, der hat es schon gesehen.
Das Licht ist immer schneller als die Lichtgeschwindigkeit.

Seine Heimat, die sein Ziel  – wahr:
Ist die  Schützin.
Sein schützender Schutz.

Sie schützt ihn/schießt ihn – aufs Meer hinaus.

Sprung, Fall…

LHC des Bewußtseins/Grammatron/Kelvinstatus:geprüft./
Heliumdruck normal/Gyroskope drehend/Rubin-Laser rot: ON/
Mach-Zehnder-Interferometer: justiert/
CO2 Laser-Status:
5 Terra-Watt/Picosekunde.
Schutzbrille./Auf den Laborgängen: Rundumleuchten: EIN.

Erneute RUHEelage in der Hinein-Rollung/In-Volvierung/

BeRÜHRung.

Ein in-volvierter Forscher, der Teleskopie nach hinten betreibt, muss sich immer wieder ermahnen, dass ihm sein Kosmoskop/Gerät organisch  – viskos  – aus der Dauer in seine Gegen-Wart –  hineinrollend   – zuwächst…

mit dem Schiff auslaufend — fahrend

…ge-raten ist.

In dieses Auslaufen hinein –  rollt, rührt und: in-volviert  – sich ALLES in seiner forschenden Spur.

Es hätte sich hier in letzter Zeit der Eindruck einer gewissen Gefräßigkeit ergeben können….wegen des supermassiven schwarzen Lochs im Zentrum unserer Galaxie…das ruhende  – in-sich-gedrehte – Monster in der Region Sagittarius A

Aber der Eindruck täuscht/tauscht…

Im 19. Jahrhundert hatte es eine  Diskussion zwischen Ludwig Boltzmann und Henry Poincaré gegeben über  die hypothetische „Umkehrbarkeit“ des thermodynamischen Zeitpfeils der Entropie.

Die Diskussion war ein – tautologisches – Glasperlenspiel.

Weil jeder „Diskutierer“ bereits – während er zur Entropie diskutiert – ebenfalls in der irreversiblen Dauer agiert.

Die Diskussion bleibt – thermisch involviert. Immer.

Auch ein Streit ist ein Mitt-Einander.

(So gilt das auch für Einstein. Seine Behandlung der Thermodynamik war falsch. Weil auch Einstein selbst immer thermisch involviert blieb. Es gibt kein Denken ohne thermische In-Volvierung, keine Denken ohne nährende Rück-Sicht. Kein Ge-Danke ohne Re-Spect. Deshalb kommt Ge-Danke von Danken.
Die Raumzeiten sind Zeiträume. Der sich einkrümmende Bogen, die
irreversible Spur.)

Streuung/Normalverteilung/Form:
Die statistische Normalverteilung nach Gauß zeigt eine Glockenkurve, einen Wellenberg. Zu dieser Glockenkurve muss man sich aber immer ein „Negativ“  – in „Paarung“ hinzudenken. Die Gegenamplitude des „Falls“ – Causa/Causalität – der „Fall“ der immer mit einem Nicht-Fall ein Paar bildet in einer Normalverteilung – in Paarbildung.

(Der  Sandhaufen in einer Sanduhr bildet eine Gauß-
Normalverteilung ab. )

Offene Ränder brauchen die offene Mitte, um Rand zu sein.
Mitten brauchen Ränder um Mitten zu sein.

Indes Boltzmann und Poincaré sich wegen des Zeitpfeils die Haare gerauft haben, wurden sie selbst irreversibel in einem Kreislauf  involviert und ernährt. Sie selbst haben dabei geatmet, gegessen und getrunken und  – „Teil“ – ge – nommen –  am Kosmos. Die Sanduhr lief  – durch sie hindurch – weiter.

(Ordnet man der Glockenkurve nach Gauß ein WOHER/VOR-HER zu – erhält man wieder eine volle Sinus-Figur.)

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Nicht kompliziert: Die Glockenkurve der Normalverteilung nach Gauß ist die Standartfunktion jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung und klar zu besprechen. Jeder Haufen ist eine Verteilung. Er hat eine Mitte und er hat Ränder.
Aber es gibt auch immer einen „nichtgezählten“ Haufen: Denn was in die Verteilung „fällt“ – fällt ja nicht nur „in etwas hinein“.
Es fällt auch „aus etwas hinaus“ Das Gefallene hat ein VOR-HER.
Deshalb ist die Gauß-Normal-Verteilung eigentlich immer eine ganze Sinuswelle in der DAUER.

Wenn die Dauer im thermodynamischen Zeitpfeil irreversibel ist,
dann bedeutet das:

Jeder winzige Augenblick ist Vergängnis und Ankunft zugleich. So könnte man sagen: Die Dauer fließt durch lauter kleine Vergängnisse in lauter kleine Ankünfte und wieder weiter.  Ganz normal.

Stundenglas.Die Sanduhr in ihrer Form gehört vielleicht zu den unheimlichsten und zugleich modernsten Dingen überhaupt. Sie erscheint unter einem bestimmten Blickwinkel moderner als jede Atomuhr. Die Sanduhr schließt die Lücke zwischen den Relativitäts-Theorien und der Thermodynamik.

Im Denken das Sehen trainieren: Die Sanduhr genau anschauen.  Die Linien der Sanduhr-Silhouette zeigen – in diesem Falle: tangens und co-tangens. (Tangieren – Berühren.)

Die „Kehlung“ der Sanduhr erinnert an die Verengung eines Raketentriebwerks. Ich kann aber auch in den beiden Linien der Silhouette den Kreuzpunkt einer DNA-Helix sehen. Aber am stärksten erscheint hier der Post-Einsteinsche Zusammenhang zwischen der Schwerkraft (dem Fallen) und der Zeit (Einstein)

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Tangens- und Co-Tangens-Funktionen korospondieren mit der Silhouette
einer Sanduhr. Die Mitte ist der unsichtbare Fuß des Leuchtturms.
Jeder Skeptiker würde hier sagen: Das ist willkürlich „herbeigeschaut“
Die Sanduhr könnte auch eckig konstruiert sein und dann würde sie gar nichts zeigen.
Aber: Wer baut schon eckige Sanduhren?  Zudem gibt es deutliche und undeutliche Formen.
Denn bezogen auf die Normalverteilung von Gauß ergibt sich hier ein Zusammenhang zwischen Geometrie und der statistischen Thermodynamik
(Zeit-Pfeil).

Ich kann und muß die Sanduhr irgendwann  „um“drehen. Aber dann führe ich wiederum Energie von außen zu. Ich DREHE die UHR – UM – UM – Aber dieses DREHEN der Sanduhr ist prinzipiell IRREVERSIBEL – in der DAUER.

DIE ZEIT FÄLLT. Weil ich die Sanduhr gedreht habe.

ES GE-FÄLLT MIR.

Die Silhouette der Sanduhr, wenn ich sie positiv/negativ wende – zeigt mir rechts und links wiederum exakt die Gauß-Kurve der Normalverteilung.

Wenn ein Odysseus dazu etwas in der Besinnung aufzeichnet, kann er selber nur „springend“ in be-rückenden „Vorsprüngen“ erzählen. (berückende Rückblicke.)

Die ganze fließend – auslaufende –  Kontinuität des dauernden Zeit-Laufs wäre – ohne Sprunghaftigkeit –  nur sagbar – im reinen Schweigen.

Nur das Schweigen kann die fließende Kontinuität sagen, sprunglos.

Daran kann man erkennen, wie das Schweigen eigentlich ein Sagen ist.

Indem „Das Schiff“ schweigt – sagt –  es sich aus. Ohne Sprung.

Es läuft – aus.

Das Schweigen ist ein „Stillen“.

Es wird gestillt. All-EIN.

Odysseus der Forscher selbst kann nur  in „ruckhaften Rückungen“ im Sinne der „Berückung“ seines Blicks sprechend/schreibend Aussagen machen.

Daraus ergibt sich der „Sprung“.
Der Sprung ist ein Ruck, eine Be-Rückung
des Blicks. (Schlegel)

Weil der Forscher als Teil-Nehmer und Wahr-Nehmer nur „Teil nimmt“ am All.
Ist er aber doch ein Teil NEHMENDER von ihm. Das All gibt NAHMEN.

Ein Biss-chen.

Ein „little bit.“ Ein Bitte an ein Danke. Ge-Danke.

1 Bit. Bitte. Danke. Ge-Danke. Bitte Bitte Danke Ge-Danke.

Die Übergabe von NAHrung.

Deshalb eben ist die Imagination eben nichts Kaltes oder nur Abstraktes. Sie ist die eigentliche Kraft –

– die EIN-bildende Kraft.

– die ein-bildende/eindrehende Kraft.

Die hinein-wendende Kraft.

Daran kann man erkennen, warum der Kuss eine Alternative zur
bloßen Gefrässigkeit darstellt.

Denn der Kuss kommt u(h)rsprünglich
aus der (technischen) NAHrungsübergabe.
Paarungserfolg – folgt – dem
Nahrungserfolg: Bitte ein BISS-CHEN.

Das Abgeben und Ver-Nehmen (Ver-Nunft)

A little bit. Ein kleines Stück. 1 Bit.

Der Kuss als eine – stillende –  Information.

1 Bit.

(Kann man bei einigen Tieren direkt sehen, bei Vögeln und Schnäbeln.)

Die ganze  auslaufende Dauer in ihrer sprunglosen Viskosität, zumal in ihrer  viskosen Geratenheit der ganzen Geschichte, ebenso wie in ihrer auf Individuen verteilten Verschiedenartigkeit im Erlebnis, muss der Forscher der wortlosen (schweigenden) (M)Ahnung überlassen, wo sie (zu seinem Bedauern) größtenteils sprachlos bleibt. Vor allem deshalb, weil sie sprachlos macht…

…dieser ganze  sprachlose Anteil aller Geschichte im stummen
Sagen des Handelns und der Materie. Die Stummheit eines Fenstergriffs, eines Ziegelsteins, eines Haares…das Stummsein all dieser Haare…

…ist eben das, was sich mit „guter“ Grammatik
nicht verträgt.

Aber der Odysseus ist deshalb Forscher, weil er „Mit“- Gefühl (Mitte) hat.
Er wurde geboren, das ahnt er und (m)ahnt ihn.

Ausserdem bleibt das Wort „Luxus“ ein zu bedenkendes Wort. Man könnte es übersetzen mit „Lichtung“. Die Lichtung als ein halbgeschützter und halbdiskreter Ort des Aufatmens. Luxus ermöglicht das „Auf-Sehen“, das „Auf-Schauen“, das Inne-Halten.

Aber Luxus ist nicht das Licht selbst. Luxus ist  – die Sicht.

Luxus schafft Vielfalt im Aus-Sehen, im Ruhe-Raum einer ungefähr eingerahmten Nische des Aufatmens. Der Schaum, die Bläschen,

die Lungenbläschen für das AufAtmen.

Der Schaum ist ein Er-GEBNIS (Gabe.) – nicht des Lichts –  aber von Bewegung und Be-RÜHRUNG.

Schaum hat selbst nichts zu tun mit dem Licht.
Aber mit Sicht.

Er entsteht in kleinen halbgeschützten Strand-Nischen/Rand-Zonen –
als Er-GEBNIS  (Gabe) von
schwappenden (atmenden) Ge-ZEITEN in der Gravitation.

Das Schwappen des gewellten Wassers in kleinen halbdiskreten, geschützten Nieschen macht einen –  Schaum.

Der Schaum ist ein SAUM.

Eine halbschützende Um-Säumung. Man könnte sagen: Er ver-SÄUMT , um-TRÄUMT einen RAUM im SCHAUM gegen die Dauer – inmitten der Dauer.

Deshalb ist der Schaum  in seiner SÄUMIGEN Viel-FALT ganz notwendig.

Vielfalt schafft Vergleichs-Prozesse. (Paarbildungen)
Wo nichts miteinander verglichen (gepaart) werden kann – kann auch nichts erkannt/bewegt werden.

So – wie eine Galaxie als Sternen-Stadt auch aus vielen ver-gleichbaren (säumigen) Zeit-Orten-Inseln besteht.

Die Säumigkeit des Schaums umsäumt RUHE-Räume, Brut-Schäume, in denen etwas – in Ruhe –  ver-glichen – und ausgebrütet werden kann.

In der Verdichtung: Zum Beispiel Sterne, Planeten….aber auch Lebewesen,

wenn der Planet von einer Atmosphäre um-SÄUMT wird.

In jedem Fall aber ist der Schaum nicht das Ergebnis von Licht,
sondern von Gezeiten, der wirkenden Schwerkraft – schwappender Stoßwellen,

Atem an Stränden, Rändern und Ge-Ländern. Den SÄUMEN um Inseln…

….Staubwolken, den Kinderstuben von Sternen und Planeten.

Licht – Dicht – Sicht: Ich-Dich

Licht als wellige Strahlung ist das Ergebnis von
starker Bewegung, Aktion, Ver-Gleichung und Ver-Dichtung.

Licht steht nicht – gegen – den Schaum,

aber es
durchdringt ihn und geht aus ihm hervor, wenn sich ganz viel
Schaum (Staub, lose Wolken, Materie) miteinander gravitational verklumpt und zu einem Stern verDICHTET ,

der dann die Fusionsreaktion zündet.

Dann wird der Schaum – gelichtet.

Die wirbelnde Materie „wehrt“ sich  – nicht „gegen“ die Verdichtung
Aber sie beschleunigt – not-wendig –  ihren Drehimpuls/radius/radioaktiviert das Potential – lyrisch, leiernd, drehend.

– verwirbelnd und sendet „rundende“ – n o t – wendende –  Lichtwellen aus.

Die drehende Leier der Radio-Aktivität.

(Die Eiskunstläuferin zieht ihre Arme an den Körper. Sie presst sich zusammen und dreht deshalb schneller. Sie verdichtet sich.)

SICH. LICHT. DICHT.

DU plus ICH gleich DICHT. MINNE. MEIN.

Dann hätte sich der Schaum in ein Stern ver-Dichtend UM-GEWANDELT, hinein-gedreht. Dann sendet er aus seinem innersten Dichte-Wirbel
Lichtwellen aus.

Er UM-WANDELT /UM-WIRBELT Materie in Energie (Einstein.)

Auch hier kann man eine Bewegung aus Analyse und Synthese im Vergleichs-Prozess erkennen.

Ein Stern braucht VOR-HER den gelösten, lockeren (analysierten) Schaum (Staub-Gaswolken) um diesen dann verdichtend – synthetisch zum Stern zu verDICHTEN. UM-Wandeln.

Der Stern be-rückt sich zur „Stirn“ – und umgekehrt.

Aber was und wa-rum sind Schwarze Löcher? Gibt es sie überhaupt?

Sind sie ein „Innen“? Der dunkle Fuß des Leuchtturms

Sind sie eine Er-Inne-rung?

Das, was „mit“-teilt          aus der Mitte?        Mit-Teilung.

Die ziehende Mitte?

Das NOT-Wendende, Not-WENDIGE der Gravitation.

Sind schwarze Löcher ein Denk-Mal? –  eines Sterns, einer Galaxie?

…eine Ahnung…? Ge-DÄCHTNIS?

Die Ein-Bildungs-Kraft – als die eigentliche UHR-Kraft des Alls?

Die Schwerkraft ist das Phänomen im All, das nicht gesehen werden kann und nicht imaginiert werden kann.

Man kann sie nur zur Kenntnis nehmen als
ge-GEBEN.

Es gibt für die Schwerkraft kein „Bild“ – weil sie das bildende selbst ist.

Das ER-WÄGENDE. Das WAGENDE. Der WAGEN.

Die Schwerkraft als ein Gefühl für die Mitte, ein Mitt-Gefühl.

Rubin-Laser/Co2-Laser: Schuss…

BEAM – ETYMOLOGY 1

From Middle English beem, from Old English bēam (“tree, cross, gallows, column, pillar, wood, beam, splint, post, stock, rafter, piece of wood”), from Proto-Germanic *baumaz (“tree, beam, balk”), from Proto-Indo-European *bhū- (“to grow, swell”). Cognate with West Frisian beam (“tree”), Dutch boom (“tree”), German Baum (“tree”), Albanian bimë (“a plant”) and Latin pōmō (“fruit tree”).

DNA-Nebel im Herzen der Milchstraße, Spitzer-Teleskop, Quelle: Telepolis.

 


„Verbrennt die Sehnsucht nach dem reinen Reim
Der Welt in Wüste wandelt Tag in Traum.
Reime sind Witze im Einsteinschen Raum.
Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum.
Brechts Denkmal ist ein kahler Pflaumenbaum
Und so weiter was die Sprache hergibt.“
Heiner Müller

*

„Verarschen kann ick mir alleene.“
Berliner Volksmund

*

Labornotizen Null – Schnipsel…Redundanzen… anläßlich der Lektüre von Hans Werner Richters Aufzeichnungen „Mittendrin“ zur Gruppe 47,  1966 – 1972 (C.H.Beck Verlag, 2012)
Heideggers langwierigste Dehnung: Sich befassen mit der deutschen Sprache – heißt auch Erkenntnis gewinnen zu meinem Deutschland.
„Reime sind Witze im Einsteinschen Raum. Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum“ – Am Ende wusste auch Heiner Müller, dass von Brecht womöglich nicht mehr bleibt, als sein kleines frühes Gedicht vom Pflaumenbaum. Und von ihm selbst wohl auch nicht so viel. Die offiziöse Nachkriegsliteratur der DDR/BRD war  ein notwendiger Irrtum…dort, wo sie sich ästhetisch diskursiv definieren wollte. Die Berichte, das real Erlebte, die Bücher von Lothar Günther Buchheim, von Wolfgang Koeppen, oder sogar die frühen Romane von H.W.Richter selbst, werden als echte Literatur wohl Bestand haben.
… Neulich beim Blättern von Hans Werner Richters „Mittendrin“ war ich eine Weile irgendwo abwechselnd fasziniert und eingesunken und hatte mich gefragt: Könnte es sein, dass ein ganzes offiziös-literarisches und ehemals geistbewohntes Deutschland von 1945 bis in die Nachwendezeit, mit Ausnahme von Heidegger, nur eine Eismumie des Kalten Krieges war, oder so etwas wie eine lebende Wachsfigur?

Sicherlich muss man unterscheiden zwischen Literatur und Philosophie, aber diese Unterscheidung bleibt gerade in der deutschen Sprache immer unsicher, weil es im Deutschen das Wort Dichtung gibt und diese muss dem DENKEN/der Fähe, dem Ge-Dächtnis nahestehen, oder sie ist keine Dichtung.
Blöderweise trafen mich Hans Werner Richters Aufzeichnungen auch noch parallel zu den Erinnerungen von Fritz Jörg Raddatz. Eine Art Doppelschlag.
Da dachte ich ein Moment lang: Ende, Aus, Feierabend – die großoffiziöse Literatur der alten „BRD/DDR“ war, nein keine Wachsfigur, keine Eismumie, eher eine Art Schwammpilz im feuchtgeweinten oder feucht-geschwitzten Haus der Nachkriegszeit. Der Schweiß kam vom Wiederaufbau, die Tränen vom Krieg. Ist das Haus fort oder die Feuchte allmählich am Abtrocknen  – verschwindet auch der Schwammpilz. In der DDR war die Lage ja nicht besser.
Realität, Ge-Fahr erzeugt Erfahrungsdruck. Erfahrungsdruck macht Sprache, formt Ausdruck.

Ein Schreiber schreibt einen „stimmigen“ Text, weil hier eine „stimmige“ Resonanz von Teil-Nahme, Mittelung, Ermittelung und Mitteilbarkeit wirkt. Die ziehende Mitte einer Schwerkraft des „Mit“ Mit-Einander. Mitte. Der Text ist dann „rund“ – er „stimmt“ einfach. Er steht in einem Inter-Esse. Er atmet „in sich“ und mit der Welt.
Man könnte auch sagen, der Text „reimt“ sich, weil er sich in Ver-Mählung zur all-mählichen Erfahrung ver-mählt am Erfahrungsort des schreibenden Autors. Diese Art von „Reim“ kann auch in einem ganz normalen Prosatext wirken, ganz ohne Zeilenreime, dann ist er gut.
Man kann ein Gespür dafür ausbilden, mit dem man herausspürt, wann ein Text in einer all-mählichen Reimung wirkt, im Ge-dächtnis der Erfahrung steht, und wann jemand lediglich „Schrift stellt“ oder „Literatur macht.“
Die Probleme der Initiative „Gruppe 47“ hatten sich ergeben, weil sie eben doch einer bestimmten Programmatik verhaftet war. Die Programmatik lautete: Disziplinierung zur Normalität. Programmatiken erzeugen/formen Diskurse, aber Diskurse sind am Ende immer schlecht für Dichtung. Weil die Autoren dann im schleichenden Gift der Diskursivität sich an den inneren Diskursen entlangschreiben, die zumeist „Ästhetik-Debatten“ sind. Aber genau das stört die schreibende Dichtung, wenn sie damit beginnt, sich vor dem Spiegel einer Programmatik oder einer diskursiven Ästhetik die Haare zu kämmen oder die Haare zu raufen. Dann geht sie in die Gefangenschaft. Sie entkommt dieser Gefangenschaft auch dann nicht, wenn sie – wie zum Beispiel Handke – einfach nur wütend auf den diskursiven Spiegel spuckt oder ihn zertrümmern möchte oder in abgewetzten Punk-Klamotten vor den diskursiven Spiegel tritt. Weil auch derjenige, der im „Anti-Diskurs“ auf ein Diskurs reagiert, eben nur re-agiert, als Gefangener des Spiegels. Er kommt nicht hinter die Spiegel. Man muss aber hinter die Spiegel kommen oder den Spiegel krümmen. Es ist leider kein Klisché, dass die diskursiv-ästhetische Be-Spiegelung Kunst tötet und Dichtung kaputt macht. Weil die Diskurse sich zwischen den Reim schieben….Dichtung kommt aus dem ATEM der Erfahrung oder aus dem Denken und aus sonst gar nichts.

Aber im Prinzip ist das auch wieder etwas ganz Normales. Jede Literatur oder jede Sprachkultur, dort, wo sie sich zu einer Art Diskursivität hochpäppelt oder als ein „ismus“ im Sinne von Trends, Vorgaben, Manifesten, Dekreten oder Gegendekreten auswächst, gedeiht zum Schwammerl, dessen luftiger Umbau immer viel voluminöser erscheint, als die vorhandene elementare Substanz… die sich von Feuchten ernährt, manchmal im Nahrungsbedarf spezialisiert und hochangepasst an bestimmte Spuren-Elemente.
Klimaveränderungen oder eine Art von Windwechsel können einen Schwammpilz ebenso schnell wegtrocknen lassen, wie er gekommen ist. Allerdings bleiben immer unauffällige Sporen im Mauerwerk und in der Raumluft. Insofern war die Initiative zur „Gruppe 47“  von H.W. Richter damals eine  kommunikative Feucht-Nieschen-Verwertung. Aber es muss einen Grund geben, warum die deutschsprachige Literatur nach dem Weltkrieg II formal und inhaltlich immer nur den Trends, die von anderen kamen, hinterhergehechelt ist.
Weil ausgerechnet ihre Kern-Kompetenz, das Denken und das dichtende Philosophieren, schon im 19. Jh. so weit fortgeschritten war, dass man dem vorerst nichts mehr hinzufügen konnte.

Wenn man es etwas zugespitzt formulieren wollte: Die deutsche Sprache hat das Pech Hölderlin, das Pech Kleist.
Dichtung – das deutsche Wort bezeichnet etwas, das in der Deutlichkeit in kaum einer anderen Sprache benannt wird – Ver-Dichtung. Das meint noch mal etwas ganz anderes als Lyrik. Lyrik meint die Leier, die Lyra, den Gesang. Dichtung aber meint Ver-Dichtung, Schöpfung. Dichtung kann im Deutschen völlig unlyrisch sein, und bleibt trotzdem Dichtung/Poesie. Genau genommen muss man sogar sagen, dass sich deutsche Dichtung außerhalb eines klassischen Literaturbegriffs stellt. Dichtung ist nicht kritisierbar in einem literaturkritischen Sinne, weil sie dort, wo sie Dichtung ist, zugleich auch der Wa(h)rheit als dem Unverborgenen nahesteht. Das Unverborgene ist nicht kritisierbar mit literaturkritischen Mitteln. Man kann es nur zur Kenntnis nehmen. Dichtung kommuniziert nicht. Sie sagt.

Die deutsche Literatur hat mit dem Unterschied Dichtung/Literatur immer ein Problem. Weil die Dichtung im Gegensatz zur Lyrik den Sog hin zur Ge-Fährnis und zu einem Dreh- Moment in der Sprache hat. Die AHNUNG der deutschen Sprache. Dichtung verlangt im Deutschen etwas ganz anderes als den Sprach-Artisten. Dichtung will die denkende Er-Leidnis, die „Fähe“, wobei damit nicht der leidende Dichter oder die fiebrige Dichterstirn gemeint ist, eher  eine bestimmte Grundhaltung zur Welt-Ent-Sprechung, in die sich der Dichter einbeugen muss. Dichtung kommt aus Einbeugung, aus Demut. Die so genannte Lyrik oder die Literatur läuft im Deutschen zumeist unter „Guck mal, was ich schönes kann und weiß.“ Oder „Guck mal, was ich mir Lustiges ausgedacht habe.“

Deshalb kann es im Deutschen jede Menge „interessante Lyrik“ geben oder jede Menge „interessante Literatur“ die aber trotzdem keine Dichtung ist. Dichtung steht im Deutschen auch jenseits von „Sich etwas Ausdenken“. Hölderlins Texte haben keine Phantasie. Sie haben Wa(h)rheit. Imagination.

Die deutsche Dichtung, in diesem Sinne verstanden, hatte im 19. Jahrhundert einen riesigen Berg aufgeschoben. Verglichen mit Hölderlin, Kleist, Schelling, Schlegel, dann noch Heidegger, blieb alle übrige Dichtung/Philosophie die reinste Schmalspur. Goethe war sowieso immer ein Irrtum gewesen.

Die deutsche Literatur, dort wo sie denkende Dichtung war, hatte das unheimliche Pech, seit dem 19. Jarhundert sich selbst um etwa 200 Jahre voraus gewesen zu sein. Bei Hölderlin oder Kleist, Schlegel und noch bei Schiller gab es dichterische Momente, die sind seit 200 Jahren nicht mehr zu toppen oder zu überbieten. Einige Texte von Kleist fliegen für immer vorraus. Man kann ihm nur nachschreiben. Mit dieser speziellen Besonderheit von Dichtung muss man in der deutschen Sprache immer leben. Das 19. Jahrhundert hat in seinen deutschen Dichtungen etwas artikuliert, das man nur noch verdauen kann. Die Dichtung und die Philosophie hatten im 19. Jahrhundert sehr viel über die kommende Moderne gesagt, was es zu sagen gibt. Aber man hat offenbar nicht richtig hingehört.

Warum es hier lange nicht weiterging, hatte einen Grund: Die Kulturen waren bald getrennt. Der sogenannte Schöngeist agierte nach Schelling überwiegend physiklos, techniklos, ohne Anbindung an die Wissenschaft, ohne Physik, ohne Thermik, ohne Kosmologie. Stattdessen produzierte er Figuren, Bilder.. so wie Nietzsche. Liest man dagegen Texte von Ernst Mach zur Sinnesphysiologie (erscheinen bereits 1886) hat man es sofort mit realer Poesie zu tun. Sozusagen mit Dichtung. Weil Ernst Mach ein Strömungsdynamiker und Philosoph gewesen war. (Genau so, wie man es bei Gustav Kirchhofs Schwarzem Körper mit Dichtung zu tun hat, und nicht mit Lyrik. )
Weil ein Ernst Mach bewusst oder unbewusst an Schelling und Kleist sich anschloß. Dagegen war die sogenannte künstlerische Avantgarde des 20igsten Jahrhunderts nie eine echte Avantgarde gewesen. Immer nur eine Pseudo-Avantgarde, die Ernst Mach nicht willentlich bedenkend zur Kenntnis genommen hatte. Mit der großen Ausnahme von Robert Musil, der über Ernst Mach promoviert hatte.
Die künstlerischen Pseudo-Avantgarden wollten im Grunde etwas ganz Altes in neuem Gewandt: Sie wollten „neue Ästhetiken“ und sie wollte neue „Figuren“ und sie wollten „Genies“. Deshalb haben sie ich zum Beispiel auch Imagisten genannt. Imagination aber meint nicht Ästhetik, sondern den aufklarenden Prozess des Geistes. Ein-bildungs-kraft. Wären Ernst Machs Beiträge zur Sinnes-Physiologie zum allgmeinen Kanon geworden, hätte sich das 20igste Jahrhundert einiges ersparen können. Das 20igste Jahrhundert ist auch an seinen falschen Genie-Begriffen gescheitert. Oder man muss sogar sagen: Das zwanzigste Jahrundert hat seine schlimmsten „Genies“ dann bekommen.
(Robert Musil: „Alles ist heute genial. Das Rennpferd ist genial, der Tennisspieler ist genial…“)

H.W. Richter selbst schreibt in seinen Aufzeichnungen sehr un-genial, was gut ist, und bestätigt mit seinen Aufzeichnungen indirekt: Literarische Ambition schadet der Literatur eher, als dass sie ihr nützt.
Die Herausforderung für einen Künstler heute: Vermeiden, ein so genannter Künstler sein zu wollen. Es muss da etwas wirken, das seinen Weg zu einer Bahn krümmt, ihn ablenkt oder einbeugt, eine gravitationale Ablenkung, die ihn zwingt und bezwingt. Das wäre eine forschende Frage, der er sich unterwirft, forschend unterordnet. Denn in technologischen Zeiten haftet den Dingen und den Produkten immer schon viel mehr Formung an, als es eine  Kunstformung noch erreichen könnte. Es braucht deshalb einen kunstfremden Attraktor als eine bahnende Kraft, die als Bogen-Kraft-Zwinge immer stärker sein muss als jeder  Werkwille, Stilwille, Kunstwille. Nicht die Faulheit oder die Trägheit sind die Widersacher des Künstlers. Der stärkste Widersacher des Künstlers ist der Kunstwille. Diesem muss er ausweichen und stattdessen die all-mähliche Bogenzwingkraft aufsuchen. Er muss die Bogenzwingkraft, die immer stärker sein wird, als sein Ego, regelrecht aufspüren wie eine Thermik, wenn er vermeiden will, dass sein Ton, seine Stimme, sein Farbtopf, der Malpinsel oder was auch immer, sich zu einer bloß gekonnten Masche begradigt und dann verfestigt. Sucht er diese Bogenzwingkraft nicht auf, kommt er bald herunter auf die Schrumpf-Form von Kunst, dem so genannten Künstlertum, dessen traurigste Ausformung dann die so genannte Machenschaft ist. Oder eine sich immerwiederholende Langspielplatte einer Idiosyncrasie. Dann wäre er, wie man so schön sagt, gelandet.

Gerade die Schmucklosigkeit von H.W. Richters Aufzeichnungen machen sie so dicht. Man kann kaum atmen beim Lesen. Man ist sprachlos. Stimmbänder. Suche nach Gedanken, dem Gesagten. Die Bänder unter den Stimmen. Die Bänder sind das Tragende, nicht die Stimme.

Vielleicht war ja das literarische Leben um die „Gruppe 47“ herum, die ja keine homogene Gruppe stellte, deshalb wichtig; um als ein Dokument hinterlegt zu werden, von dem man heute ablesen kann, was in der literarischen Kunst in Deutschland zum überwiegenden Teil schief gelaufen ist. Die Schriftsteller, um die es bei Richter geht, standen mental oder thematisch hinter einer Modernitätsbarriere. Physik, Raumfahrt, Technik, und Wissenschaft waren keine vordergründigen Themen. Der Autor H.W. Richter denkt in seinen Aufzeichnungen etwas melancholisch darüber nach, ob seine Freunde und Schriftsteller aus dem Umfeld der 47iger womöglich den eigenen Bedeutungsverlust spüren in einer Zeit, in der „Raumfahrt und Technik wichtiger werden als die Literatur“. So Richter wörtlich. Aber die Autoren seines Umfelds reagieren darauf mit Selbstbefestigungs-Strategien, entweder als alberne Künstlersubjekte, in eifrigen Harlekiniaden des Autorendarstellers oder mit dem Gang auf sehr falsche oder aber sehr nahe liegende Öffentlichkeitspodien. Uwe Johnson ging in den Alkohol, in den Spiritus hinein. Unfassbar und kaum zu glauben, wie der 60igjährige Opa Richter in seiner Zeitauffassung den damals aufspringenden Garagen-Firmen von Steve Jobs bereits näher gestanden hatte, als seine neuerdings/alterdings wiedervergreisten  Schriftstellerfreunde, die im Schnitt 20 Jahre jünger waren als er.


Aber jede Philosophie, die sich Philosophie nennt, wird wohl an Schelling anschließen, oder sie ist keine. Das ist auch der Grund, warum ausgerechnet das große Cinema als philosophische Kunst der deutschen Nachkriegsliteratur immer voraus war. Denn das Kino, das auch mißbraucht werden konnte für klassizistische Zwecke, hatte im Laufe seiner dramaturgischen Evolution die Chance, den Schellingschen Blick und das Schellingsche „Schauen“ mit seiner genuinen „Lichtgeschwindigkeit“ in die Geist-Mensch-Natur überbiegend einzubeugen. Und hatte diese Chance auch genutzt.

Literatur lebt nicht von Sprache oder von der Form, eher von der Sprachstörung und der Formstörung. Ebenso wie die Philosophie von der Philosophiestörung, die Kunst von der Kunststörung und das Leben von der Lebensstörung lebt. Diese Art von Störung wurde auch bei Raymond Queneau thematisiert.

Zu meinem Schreck im Doppelschlag Raddatz/Richter kam hinzu ein erneutes Lesen von Raymond Queneaus „Stilübungen“ von 1947.
99 stilistische Variationen auf einen Mann in einer Buslinie, der sich angerempelt fühlt und 3 Haltestellen weiter gesagt bekommt, dass ein Knopf an seinem Mantel etwas höher angenäht werden müßte –  ein leider nicht wegzudiskutierendes Paradigma für die Tatsache, dass jede Form der sprachlichen Wendung oder der verbalen Volte simuliert werden kann als Technik und demzufolge abrufbar wird aus einem sprachlichen Abholkatalog. Wenn man diesen Katalog kennt, ihn aufmerksam blättert. Queneau hatte den Abhol-Katalog für grammatische und stilistische Affekte erfunden. Ab sofort hätte sich eigentlich jede Stildiskussion im Sinne einer Qualitäts-Diskussion von „stilistisch richtig“ oder „stilistisch falsch“ erledigt gehabt.
Wenn man Queneau gelesen hat, langweilt man sich hinterher bei allen sprachlich-dramaturgischen  Tricks – die einem in Büchern begegnen. Sogar die Fragen, wo der Autor in seinem Text steht, hatte Queneau bereits gültig beantwortet. Ab sofort war hier nur noch infinte jest möglich. Nach Queneau kann man nur noch ein Second-Order-Verhältnis zur Sprache haben.  Es gibt auf dieser Seite keine neuen Wendungen mehr nach Queneau. Nur noch Anwendungen. Jede nur denkbare Grammatik-Perspektive war nach 1947 auserzählt. Was folgte, waren Redundanzen oder weißes Rauschen.

Stilübung Nr 22 dazu:

„Ich autobusplattformte mit-mengenähnlicherweise in einem lutecio-meridionalen Zeitraum und nachbarlichte mit einem langhalslichen, rotznasigen Kordelumdenhutgetüm. Selbiges sagte zu einem Irgendanonym: ‚Sie anrempelscheinen mich.‘ Dies ausgestoßen, freiplatzte es sich gierig. In einer späteren Raum-Zeitlichkeit sah ich es wieder, wie es mit einem X saint-lazarierte, der zu ihm sagte: ‚Du solltest deinen Überzieher knopfvervollständigen.‘ Und er warumerklärte ihm die Sache.“

Soweit Raymond Queneau in durchaus brauchbarer deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Es ist kein Wunder, dass Literatur heute nicht mehr vom Geschriebenen oder von Inhalten lebt. Sie hat kein Gewicht mehr als Präsenz-Text. Sie kann nur noch repräsentieren. Zumeist irgendeine Sprach-Krankheit. Sie lebt von ihren Doppel-Bildern, den Nachahmungseffekten, den Projektionen, der Literatur-Ausstellung. Weil nach Schelling, nach Kleist oder nach Hölderlin intellektuell nichts mehr dazu kommen konnte, das einen Mehrwert hätte anbieten können. Das westliche Abendland hatte auf literarischer /poeitischer/philosophischer Ebene kaum etwas zu bieten, was nicht schon bei Schelling, Kleist oder Hölderlin artikuliert war. Oder nur noch grammatische Hysterien. Die Kunst, oder das, was einmal artikulierende oder weltbezügliche Kunst genannt wurde, war mit dem 19. Jahrhundert an die Techniker und Wissenschaftler und Forscher übergegangen. Der einzelne schreibende Künstler, im klassischen Sinne verstanden, war Dekorateur geworden, der für Wohnlichkeit sorgte, Ablenkung oder Zeitvertreibe.  Nur dort, wo sich der Artikulator ganz bewusst auf Erforschung einließ oder von realer Erfahrung berührt wurde, artikulierte sich die Erfahrung als Reportage oder als Vorauswurf wie in den Labortexten von Max Planck, Ernst Mach und Co.
Oder später dann bei Lem und anderen wissenschaftlichen Autoren. Noch Proust kann man als einen Erforscher ansprechen. Ebenso haben Queneaus Stilübüngen noch Forschungscharakter. Dann konnte sie wieder im Sinne von Weltkunst relevant werden. Später dann auch bei Kubrik, Scott, Zemeckies/CarlSagan oder HR Giger in ihrem Kino. Forscherkünstler.

Die künstlerische Durchdringung von Wirklichkeit hatte im 20igsten Jahhrundert das Cinema übernommen, weil Cinema trotz der Regie immer auch technisches Teamworking bleibt – ein realer technologischer Apparat erzählt er aus Technologien heraus – in Technologien –  über Technologien; und wie man sieht, steht das Cinema heute  mit seiner avancierten Narration in Schelling-Nähe. Wer hätte das gedacht, das Schelling so weit vorraus gewesen war. Auch das heutige Cinema und überhaupt alle visuellen Künste münden, wo sie nichtdumm sind, in Schelling ein. Oder sie bleibt Dekoration, Zeitgeräusch. Die Literatur muss dagegen immer schlafmützig wirken.

Lem erzählte schon in den 60iger Jahren eine Geschichte über Roboter, die sich gegenseitig Liebesbriefe schrieben, in denen sie sich mit „mein allerliebstes Röhrchen“ oder mein „glühendstes Drähtchen“ anredeten. Die Liebesbriefe waren unterschrieben mit „dein ewiges Elektrönchen.“ Eine Behörde, die davon Wind bekam, lies die Roboter zur Heilung in eine Anstalt einweisen. Aber auch dort schoben sich die Maschinen weiterhin Briefchen durch die Türschlitze.
Wer braucht noch ein Foucault nach solchen Geschichten. Zu dieser Art von geistesgegenwärtigem Witz hatte es die Literatur in Deutschland in den 60iger Jahren Hans Werner Richters wohl kaum gebracht.
Es gehört es zu den großen Ironien der DDR/BRD-Geschichte, dass man in den 80iger Jahren bereits das meiste von Lem in der DDR zu lesen bekommen hatte und ihn hier bereits als wissenschaftlichen Schriftsteller kennenlernte. Er unterflog oder überflog mit seinen Themen jegliches Zensurradar, weil er cleverer Weise etwas tat, das zu dieser Zeit und bis in die späten Nuller Jahre hinein ganz unbekannt war: Er betrieb wissenschaftliche Poietik. Heidegger hätte so etwas Denken genannt. Blätterte man nach der Wende in Buchhandlungen durch deutschsprachige zeitgenössische „Philosophen“ – langweilte man sich zumeist, weil man in Deutschland eher Jargonwettbewerbe und verbale Positionierungskämpfe austrug, nach dem Motto – wer formuliert am Witzigsten, wer drechselt die hübscheren Sätze oder wer ist der demokratischste und undoktrinärste Kommunikationstheoretiker aller Zeiten. Habermas, Sloterdijk, Luhmann etc…waren, verglichen mit Lems Technopoietik, typische deutsche Nachkriegserscheinungen. Absolut notwendig. Völlig richtig. Sehr in Ordnung. Manchmal super witzig. Herrlich ironisch. Nur leider eben denkerisch eher still, technisch nicht auf der Höhe.

Ansonsten galt für die gute alte Literatur: Wenn sprachliche Affekte aus einem Queneau-Katalog abholbar geworden waren, dann stand die so genannte gekonnte Grammatik  ab jetzt nur noch in einer rein technischen Funktionsbewertung  – wie eine Tiffany-Lampe oder wie bestimmte Schokoladensorten. Es schmeckt einem oder es schmeckt einem halt nicht. 

Stilübung Nr. 17 dazu:

„Mir schien, als sei alles neblig und perlmuttern um mich her, ich nahm zahllose und undeutliche Wesen wahr, unter denen sich indes die Gestalt eines jungen Mannes abzeichnete, dessen zu langer Hals allein schon den zugleich feigen und widerspenstigen Charakter der Person anzuzeigen schien. Anstelle des Bandes trug er ein geflochtenes Seil um den Hut. Er stritt sich darauf mit einem Individuum herum, das ich allerdings nicht sah; dann stürzte er sich, wie von plötzlicher Angst gepackt, in den Schatten eines Ganges. Ein anderer Teil des Traumes zeigt ihn mir in der grellen Sonne, vor der GareSaint-Lazare wandelnd. Er ist in Begleitung eines Gefährten, der zu ihm sagt:“Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Darüber wachte ich auf.“

Der idosynkratische Psychoklasmus eines einzelnen Autoren war nach Queneaus „Stilübungen“ technologisch nicht mehr systemrelevant.
Dass ein Autor irgendwelche Sprach-Störungen hat, wen interessierte das noch, außer das unmittelbare Umfeld oder einen Therapeuten. Eine Fernseh-Dokumentation oder ein aufmerksamer Dokumentarfilm konnte ab sofort eindringlicher und umfassender zur Gegenwart erzählen als die Literatur. So, wie heute auch die wirklich starken amerikanischen Fernsehserien den narrativen Gegenwarts-Job übernommen haben. Im technologischen Medienzeitalter nach Queneau oder Musil kann die Literatur nicht mehr die Höhe erreichen wie noch zu Zeiten Hölderlins. Aber sie wird natürlich immer wichtig bleiben als Hobby oder Zulieferbetrieb für die technologischen Künste.

Die rein individuelle Sprach-Störung, auf die sich die Kunst als Kunststörung bis dato immer so viel eingebildet hatte, sagt im technologischen Zeitalter nichts mehr aus. Weil es keinen Unterschied gegeben hat zwischen einem gut designten Papierkorb und einem gut designten Buch. Beide Gegenstände gehören in die techné-poietische Wechselwirkung von Funktion und Dysfunktion – und damit eben zur HochKultur. Ein Mülleimer neben dem Schreibtisch hat informationell betrachtet die selbe Wertungs-Kultur wie ein Vers oder Satz auf dem Schreibtisch. Es wirkt eben deshalb nicht wertlos oder zweckfrei, ein Buch für den Mülleimer zu schreiben – weil genau dafür sind Mülleimer – als kulturelle Einrichtungen – erfunden worden. Weil ein Mülleimer neben dem Schreibtisch Texte besser macht. Ein Papierkorb neben dem Tisch ist ein Schreibgerät. Wer ihn nicht mindestens so oft benutzt, wie seine Tastatur, hat das Schreiben im technologischen Zeitalter nicht erreicht.
Darüber hinaus gilt: In einer zivilisierten und technologischen Medien-Kultur gibt es keinen techno-poietischen Unterschied mehr zwischen einem Schlosser, Elektriker, Software-Ingenieur, Anlagenbauer und einem Buchschreiber. Jeder macht, was er am besten kann.
Ein Schriftsteller kann sein Buch so anlegen, dass es möglichst von vielen Menschen gelesen wird. Ein Schriftsteller schreibt für Leute oder er schreibt für den Papierkorb. Er kann sich entscheiden. Er macht aber seinen Job genauso gut, wenn er nur für den Papierkorb schreibt. Wenn ein Autor Sprachstörungen hat, dann kann er sie so veredeln oder umarbeiten, bis es nach Design klingt und beim Lesen Spaß macht. Ein Autobauer kann sein Auto so bauen, dass es möglichst viele Menschen fahren wollen. Er kann aber auch eine sogenannte Papierkorb-Studie bauen. Beide bedienen sich in ihren Bereichen einer Zulieferindustrie. Bei einem Schriftsteller wäre das ein Queneau-Katalog aus grammatisch-stilistischen Affekten, den er zusammen mit „Einfällen“ oder „Sujets“ zu einem Ensemble von funktionstüchtigen Einheiten montiert, welche man dann Roman nennt oder Geschichte. Seine indidviduellen Psychoklasmen kann er dabei bindend verwenden als Leim, Schrauben, Bolzen, Schweißpunkte, oder Lack. Darüber hinaus kann ein Schriftsteller auch Innovation wagen, wie ein Autobauer, in dem er die Blinker ein bißchen runder gestaltet oder höher setzt; oder eine neue Art von elektronischer Einparkhilfe in sein Buch einführt. Vielleicht riskiert er auch den Hybrid-Antrieb aus Denken und Schreiben. Aber da muss er sich bereits entsprechend einstellen auf eine kleinere Zielgruppe.
Auch Autobauer riskieren manchmal „ungewöhnliche“ Entwürfe – aber das wird in allen Prozessen von der Produktion bis zum Marketing zumeist streng durchkalkuliert, zum Beispiel, in dem man von vorn herein eine kleinere Zielgruppe oder Käuferschicht anvisiert. Alle aufgewendeten Energien sind dann so dimensioniert, dass selbst ein sogenannter Totalflop für die Konzernbilanz noch verkraftbar bleibt.

Die Nachkriegszeit brachte (leider) etwas sehr Altes in die Sprache zurück – den großen allgemeinen – moralisch erlittenen Überbau, der plötzlich wieder für alle galt, die kollektive Er-Fahrung als Er-Fährnis und Ge-Fährt von Leid, Macht, Ohnmacht, Verlust.  Und warf damit den spielerisch-technologischen Apparat von Queneau tief zurück ins 17. Jahr- hundert. Die Diskussionen der Gruppe 47, wenn man sie an Raymond Queneaus Zuliefer-Katalog mißt –  waren jungvergreiste Wiederholungen von etwas lange schon Bearbeiteten. Komplett überflüssig. Aber als Feuchte-Schwammpilz waren sie damals unvermeidlich, wahrscheinlich notwendig.

Man hätte seit 1947 immer sagen müssen: Das hat Raymond Queneau alles schon besser durchgespielt.

Aber Deutsch ist eben nicht Französisch. Im Deutschen wirkt vertrakter Weise – noch viel stärker – ein ganz überpersönlicher Tiefen-Sog in der Sprache, der sich im besonderen Fall als Dichtung bemerkbar macht. Das deutsche Wort Dichtung und das, was es meint, ist eigentlich für andere Sprachen unübersetzbar. Es zwingt das Denken in die Ver-Dichtung hinein und damit in das strömende – wesenhaft verdichtende – Gedächtnis. Nichts ist läppischer für Dichtung im Deutschen als der sogenannten „eigene Stil“. Der „eigene Stil“ oder „die eigene Stimme“ wirkt im Deutschen immer läppisch. Wenn man ein Ohr für den überpersonalen gedenkenden Sog des Deutschen ausgebildet hat. Je näher man sich darauf einläßt, desto unpersönlicher, aber umso zwingender erscheint das Sagen.

(Deshalb bleibt die Forderung: „Schreibe kein Zeitungsdeutsch und benutze keine abgegriffenen Floskeln, sei originell und rede „deine eigene Sprache“ immer zwiespältig. Weil gerade die sogenannte Floskel manchmal etwas zu sagen hat, das wichtiger und gewichtiger wirkt, als der individuelle Psychoklasmus eines Einzelnen. Denn die Sprache, die alle sprechen, hat einen Grund, warum. Der Grund, warum man zum Beispiel im Deutschen sagt: „Wo-rum geht es. Wo-rum handelt es sich“ oder auch: „Das ge-fällt mir“ )

Ausnahmen, Ausnahmen, Ausnahmen, beide Teile Deutschlands hatten ihr Leben und ihre Literatur. Kempowskies Echolot war ein wichtiges und wertvolles Projekt. Trotzdem bleibt da nach der Lektüre von H.W. Richter ein Stachel. Vor allem, wenn man das parallel zur F.J. Raddatz liest. Die Einsicht einer kompletten teleologische Wirrnis bis zur totalen Sinnlosigkeit jeglicher „ästhetisch“ diskutierten Sprache. Wenn ich so drüber nachdenke –  meine eigene Sprachprägung durchmisst verschiedene Klimazonen. Kindheit/ Frühe Jugend DDR-Sprache/Funktionssprache Technik-Ost/offizieller Propaganda-Sprech und inoffiizell-subkutaner Volksmund/ plus gelesene Literatursprache Prosa/Lyrik west-ost-, erst mehr Pflichtfach russisch/dann englisch / späte Jugend in Wende-und Nachwendezeit/Rhythmus-Ohr durch Theatersprachen aller Art von Hochklassik bis Psychokitsch bis Horror/ Filmdialoge/dann neu und aufregend: Sprachen der Wirtschaftskommunikation, der ganz direkte Werbetext/Dramaturgie /Film/Funk/ Soziologie/ Philosophie/Technik – und immer wieder mündlich: Gespräche mit verschiedensten Menschen. Der Volksmund. Ich bin froh, kein grammatischer-Fach-Idiot zu sein. Oder zumindest ermöglichen mir die vielen Klimazonen, ganz gut abgleichen zu können, wann und warum ein deutscher Text etwas sagt und wann nicht.

Die aufreizende Erkenntnis ungefähr 10 Jahre nach der Wiedervereinigung lautete: In der alten/neuen Bundesrepublik herrschte zwar Gedankenfreiheit aber für viel zu wenige Gedanken. Die Gedanken-frei-heit. In bestimmten Bereichen hatte sich ein seminaristisches Wichtigwelsch und Blähdeutsch etabliert. Die Sprache in vielen sich als philosophisch ausgebenden Büchern war psychosozilogistisch jargongebläht, seifenschaumartig aufgeplustert, oder schwer verfärbt und gebremst mit spätfranzösischer Tertiärphilosophie aus den  80iger Jahren. Andere kultivierten ein Unwohlsein zur Unwohlfühl-Literatur. Aber es gab auch hier Ausnahmen, wie Oswald Schwemmer, der ein toller Philosophievermittler ist. Nur prinzipiell fand sich in Deutschland nicht viel Neues nach Schelling, nach Ernst Mach oder Heidegger. Außer dann eben interessanterweise in der operativen Physik.  Schelling war bereits auf der Höhe Ernst Machs, Gödels, Einsteins  und den „Problemen“ der kosmologischen Physik gewesen. (Ernst Mach muss hier überhaupt einmal ein gesondertes Kapitel gewidmet werden. Er scheint so etwas wie ein Loch im philosophischen Kanon von Europa zu sein) Aber, und das war dann sehr wichtig, man bekam jetzt auch viele Bücher von Gregory Bateson und einigen emigrierten Denkern der Ernst-Mach-Schule/Wiener Kreis. Nur kam das eben nicht aus Deutschland, dafür aus den USA. Und die Literatur?  

Ein  Teil des literarischen Lebens des geteilten Nachkriegs-Deutschlands war nicht einfach nur Kitsch, nicht hoffnungslos bräsig, nicht ausnahmslos stickig oder Wachsfigur, nicht immer nur Gelsenkirchener Barock. So würde ich jetzt den Vater der „Gruppe 47 “ –  H.W. Richter selbst –  zu den interessanteren Schreibern zählen. Seine Aufzeichnungen machen regelrecht neugierig auf seine eigenen Romane.

Der unheimliche materielle Wohlstand, der sich ab 1955 bis etwa 1979 in der alten Bundesrepublik ausbreitete, weist hin auf eine historisch unwiederholbare Episode, auf eine Art Gegenamplitude nach den Abgründen des Zusammenbruchs von 1945. Keinem Land auf der Welt ging es jemals so glänzend wie der alten Bundesrepublik in jenen 20 Jahren zwischen 1955 und 1979. Vielleicht noch Schweden. Das wäre mein Dank an alle Ärmelhochkrempler damals, das muß ausdrücklich gesagt sein. Eine fleißige Generation. Diese Generation durfte erleben, wie etwas aus Trümmern wieder ganz wurde. Etwas wieder ganz machen, etwas konstruieren, ist natürlich am Ende erhebender als etwas kaputtzumachen. Man könnte sagen: Die eigentlichen Dichter,  die eigentlichen Künstler der 50iger und 60iger und 70iger Jahre waren die Aufbauer und Wiederaufbauer, die vielen Ingenieure und  Ärmelhochkrempler, die mit ihrem wirtschaftlichen Fleiß dafür gesorgt haben, dass ich heute in einem halbwegs gediegenen Deutschland lebe. Danke dafür. Und Riesendank auch an die USA für den Marshall-Plan.

Zu den nach wie vor nicht wirklich verwundenen Effekten jener Zeit nach WK2 gehört die Tatsache, dass Nachkriegszeiten eben nicht stille stehen, in Starre verharren und trauern, diese Nachkriegszeit schon garnicht. Sie konnte es sich nicht leisten. Das ‚Es muss jetzt aber weitergehen‘  hatte einen Drive, der beinahe ebenso drängte, schob und beschleunigte wie der schlimme Krieg davor.

Nur kann man halt nicht alles haben: Für Literaturen war diese Zeit offenbar schwierig. Für Sprachen, die sich in ihrem Selbstverständnis entweder im Dagegen-Sein, in der wiederbürgerlichen Einmümmelung oder im formelhaften Wichtigwelsch irgendwelcher Ästhetikdebatten positionieren wollten. Unter solchen Prämissen gedeihen bestenfalls Spiegelgefechte, wiederaufgekochte Klassizismen, muffige Stoa, Repräsentationstete oder eben die stillen Aufzeichnungen von H.W.Richter. Weil die Wirklichkeiten ausserhalb der Literatur immer viel stärker und schneller sind/waren – als das erinnernde und nachlaufende Wort.
Die technischen Ver-Dichter, die Ingenieure und Technologen hatten hier das Sagen als Wieder-Aufbauer. Dazu kam noch der kalte Krieg. Eine enorm komplizierte Situation. Sprache oder das Erzählen lebt prinzipiell vom Erinnern.
Draußen vor den Schreibtischen der Schriftsteller tobte der Wiederaufbau. Aber über dem Ganzen schwebte der unheimliche Himmel des Kalten Krieges. So eine Situation war sehr sehr kompliziert für Literatur.

Es sei denn, man gehörte noch einer älteren Generation an, wie damals H.W.Richter, Wolfgang Koeppen, oder Joseph Beys, Max Bense oder auch, ja..der frühverstobene Wolfgang Borchardt… Paul Celan.

Jetzt lese ich H.W. Richters  Aufzeichnungen, die ich sehr ansprechend geschrieben finde, aber nicht wegen der Enthüllungen oder des Schlüssellocheffekts – dass sich im  weichen Kern der Initiative „Gruppe 47 “ nicht gerade die literarischen Highlander tummelten, war ja länger schon bekannt  –  aber aufschlussreich finde ich Richters Schilderungen zum Verhältnis der Schrift-Steller zur Technologie und zur Raumfahrt. Das muss ich aber einmal gesondert beatmen. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Bei Hans Werner Richter findet sich die  hohe Schule des witzlosen Schreibens. Keine doppelten Böden in der Aussage, keine musikalischen Kadenzen im Satzbau, keine lustigen Wortschöpfungen, kein Kitzel in den Kommatas, keine semantischen Kringel, keine Anspielungen. Nominalsätze. Aber das nicht ‚tastend‘, gerade nicht ‚bescheiden im Nebel‘, ganz ohne dieses ‚Es könnte vielleicht auch’…nein – einfach so: Es könnte nicht. Es ist hier in der Sache. Klar gefragt oder gesagt. So einfach kann gute Literatur sein. Immer da, wo sie einen klaren Berichtscharakter annimmt, ist sie gut. Aufzeichnungen eben. Wenn es aber so klar und einfach sein kann – worüber und warum wurde dann soviel zur Literatur diskutiert damals? Und was war es, das die „Gruppe 47“ später so verdächtig machte?
Der Hauptpunkt war wohl, dass Richter als Gründer der Initiative in seiner Prämisse einem schwierigen Balanceakt folgte. Einerseits wollte er die Literatur frei halten von jedem keifenden, dogmatischen, kommunistischen, spätexpressionistisch lärmenden oder gar neonationalistischem Ideologie-Ton. Weil das die „Diskutierfähigkeit“ bei den Treffen eingeschränkt hätte. Andererseits bedeutete das aber auch: Die unmittelbare Vergangenheit aus der Literatur ausschließen zu Gunsten jener berüchtigten „Stunde Null.“

Die Amerikaner hatten nach dem Krieg Broschüren an die Deutschen verteilen lasssen, in denen stand drin, wie man in Gruppen-Diskussionen sogar noch am Ende verschiedener Meinung bleiben könne, ohne das man sich anschließend verhaftete oder an die Wand stellte. Das musste zunächst wieder neu gelernt werden. Die demokratische Normalität und die „Zivilität“ wurde gezwungenermaßen pädagogisch hinein behauptet. Daher kamen auch Richters Prämissen zur Gruppe 47. Das bedeutete zumeist: Ausschluß von vielen Stimmen und Tönen aus der Vergangenheit. So etwas blieb natürlich philosophisch betrachtet ganz schwierig, ein riesiges Dilemma. Später dann auch die klassische Geburtskrankheit vielleicht. Weil überhaupt jede Sprache und die deutsche Sprache, zumal wenn sie erzählt, auf die Vergangenheit angewiesen ist. Denn erzählen heißt IMMER Erinnern.

Der Geburtsfehler der gut gemeinten aber philosophisch unhaltbaren Richterschen Programmatik zur „Gruppe 47“  machte sich dann später in einem wohlgerundeten Normalitäts- und Diskutanten-Biedermeiertum  bemerkbar, in dem eine Art falsche Verbürgerlichung oder Frühverformung von Sprache anklang, die nichts mehr zu tun hatte mit den beschleunigten Realitäten sowohl der frühen Vergangenheiten als auch des technologischen Wiederaufbaus. An ihrem schlechten Ende landeten viele Literaturen, welche durch die Gruppe 47 gegangen waren, entweder beim Gelsenkirchener Barock oder später dann nach 68 bei einer sehr fragwürdigen Engagiertheit von  plötzlich wieder lange Haare und Kotelletten tragenden Männern, die sich hinein bogen in den 68iger Trend. Daraus kam dann sehr viel Unwohlfühl-Literatur. Die sogenannte Beat-Generation oder die Beat-Literatur gab sich zwar „links“ aber sie mischte am Wiederaufbau kräftig mit. Die 68iger Bewegung hat das Denken und die Köpfe freigepustet für neue Märkte, für neue Ideen – und die kamen dann von Steve Jobs und Bill Gates. Die 68iger haben den Kapitalismus gerettet und technisch liquide gemacht – was ausdrücklich zu begrüßen bleibt.

Bezeichnend aber für den Widersteit von behaupteter Normalität und Realität bleibt eine programmatische Äusserung von Wolfgang Borchardt (Draußen vor der Tür) kurz nach 1945: „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre. Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv .“

Das klingt nach dem frühen Rainald Goetz, einer der in den „fettesten“ Jahren der BRD gegen den Spiegel spuckte, sogar blutete – aber gesagt hat es Wolfgang Borchardt. Es wäre sehr leicht und einfach, solche Äußerungen zu belächeln als verwirrtes spätexpressionistisches Pathos  – wegen des „heiss und heiser geschluchzten Gefühls“; aber nee nee nee, das sagt jemand, der alles erlebt hat, darunter das Unwohnlichste in kalten russischen Wintern. Jetzt würde man denken, ausgerechnet so einer müsste sich doch nach dem wohl temperierten Klavier regelrecht sehnen. Ausgerechnet so einer müsste doch jetzt die Stille wollen oder das Leise oder das Raffinement oder das raffiniert Gebügelte – aber nein, er will, dass man zu BAUM wieder BAUM sagt, zu WEIB WEIB Und ein JA. wo es ein JA. gibt, und ein Nein, wenn es ein Nein braucht. Deutlich. Ohne Konjunktive. Wolfgang Borchardt wollte keine „gute“ Grammatik. Es war eine lange Zeit vergangen, bis man’s nach gefühlten 500 Jahren wieder begreifen durfte: Da wirkt im Deutschen ein Unterschied zwischen Lyrik und Dichtung.

Ironisch, witzig, parlierend schreiben, mit semantischen Kringeln und syntaktischen Mehrdeutigkeiten – das kann jeder, der so ein bisschen den Stift halten kann, aber wirklich witzlos schreiben… …das witzlose Schreiben, das so anspruchsvoll schwierig geworden war, gelingt  Hans Werner Richter in seinen  Aufzeichnungen vorzüglich. Für einen sprachlich in der ehemaligen DDR sozialisierten Menschen ist dieses Buch sehr wichtig. Danke an den CH-Beck Verlag für diese tolle Herausgabe. Die Gefahr eines jeden Künstlers: Er beginnt tastend, forschend, fahrend, frisch und voller Unruhe; aber  irgendwann findet sich etwas, das er gut kann, oder das er so la la nachahmt, das sich gut einpasst in seinen Weltbezug, vielleicht sogar gut ankommt; dann tappt er in die Bärenfalle des eigenen Talents; dann  reproduziert er sich fort-laufend selbst und wird zum Bediensteten eines Einfalls, einer Proportion oder eines Farbtons, der ihm an einem beschwippsten Nachmittag einmal gelungen war und der ihm fortan immer wieder gelingt in Variationen. Jetzt nennt er es „seinen Stil“ , – aber er weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Später dann möchte er den Tic oder die Masche wieder ablegen, aber es geht nicht mehr, denn er hat jetzt einen Namen. Gefesselt vom eigenen Namen im Atelier steht er dann vor der Leinwand und malt seinen Stiefel. Er unterliegt der Selbsteindummung durch Talent.  Aber im Grunde hat er alles richtig gemacht. Es geht ihm nicht schlecht. Aber es geht auch nicht mehr weg. Er ist jetzt – leider – ein Künstler – eine lebende Wachsfigur. Hans Werner Richters Aufzeichnungen sind ganz Stimmband, kaum Stimme. Das macht sie so stark.

Besonders wertvoll an diesem kürzlich erschienen Buch „Mittendrin“ wirken die Einsichten Hans Werner Richters zum Verhältnis der (deutschen) Literatur zur technologisch-zivilisatorischen Entwicklung. Richters Aufzeichnungen betreffen die Zeit, in der all das begann, was heute im Großen wirksam ist. Damals so genannt: „Die dritte technologisch-industrielle Revolution.“ Was daran so verwirrend ist: Richter selbst war damals schon so etwas wie ein Opa. Bereits 60ig-jährig aber denkt und registriert er offenbar moderner und zeitgemäßer als seine 20 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen. Darunter schon die heute Prominenten. Der 60igjährige Opa Hans Werner Richter ist damals in der Einschätzung der globalen Entwicklungen einem Steve Jobs näher als die meisten seines Umfelds. Richter spricht von einer Generation, deren Lebensbewegung die ständige Neu-Anpassung und Umpassung geblieben war und als solche sich weiter bewegte, umpasste, vorpasste, nachpasste. Erst noch als ganz Jugendliche im Volkssturm und dann nach dem Krieg oder in Kriegsgefangenenlagern, es musste ja irgendwie weitergehen, umlernend gemäßigte Liberale, „Literaten“, „Künstler“ Dazu die üblichen Schanzen, kleine Rivalitäten… Nur zu dem, was eigentlich ablief, wirkte offenbar kaum Fühlung. Zur „dritten technologisch-industrielle Revolution“ wollte sich niemand mental verhalten. Was mich verwirrt: Die Aufzeichnungen von Hans Werner Richter wirken im Moment so, als seien sie das einzige wirklich literarische Dokument zur deutschen Situation in jener Zeit. Ich empfinde: Das sind gute Texte.

Mundpflaster könnte ich sagen, gemeint bliebe aber der Kuss. Vom Naschvollautomaten könnte ich sprechen, weil mir das Wort Schokoriegel zu profan erschiene. Heute Augenringverschluß nach Komabechern. Trotzdem war’n es (gestern) nur zwei Kasten Bier mit Flaschenöffner. Guck mal, ein Achgottchen! Und meine doch nur das Maskotchen.

Die Weise des verstärkenden Schreibens dreht sich aus der Weise des hantierenden Schreibens heraus. Einige philosophische Schriftsteller hatten sich ja in den vergangenen Jahren einen hantierenden Stil angewöhnt, der ziemlich altvertraute Dinge noch einmal besonders chic novelliert in den Vordergrund rückte. So wurde zum Beispiel hantiert mit dem Wort Vertikalspannung, anstatt mit dem langweiligen Wort Gravitation, die ja garnicht so langweilig ist, würde man sich tatsächlich in Philosophie interessieren, die immer eine physikalische Philosophie zu sein hat. Oder man hätte mit dem guten alten Wort Schwerkraft im Zirkel-Prozess Schellings realer – lichtender –  Philosophie nachforschen können, wenn man den Job der Philosophie ernst genommen hätte..

…im Prinzip wäre ja gegen einen rhetorisch-werblichen Aufputz der Philosophie nichts einzuwenden, weil auch Philosophie durchaus den Werbetext braucht und die vermittelnde Sprache.  Philosophie muss heute sich genau so verkaufen wie auch ein Auto. Die Philosophie hat das Recht, alle Sprachmöglichkeiten zu aktivieren wie ein Naschvollautomat. Insofern kann es manchmal sinnvoll sein, statt Kuss einfach Mundpflaster zu sagen und statt Kaktus eben unrasierter Sukulenten-Bohemien. Wenn es denn dem Image des Kaktus nützt oder das Küssen befördert – ja mei – warum denn nicht…dafür sind Werbetexte da.

..aber ein wirklich guter Werbetext funktioniert eigentlich noch ein bisschen anders. Er sagt nicht: Distinktionseminenz durch anthropo-machinale Innovationsdynamik. Er sagt: Vorsprung durch Technik. Ein guter Werbetext sagt: Freude am Fahren. Er sagt nicht: Euphorisierte Affektlage bei forciertem Dynamikkonsum. Daran sieht man, wie ein guter Werbetext, der sich von der Reclame unterscheidet, eben nicht bläht oder nuschelt, dafür genau das sagt, was Phase ist: Freude am Fahren. Manchmal sagt er es etwas verstärkender oder verspielter, aber trotzdem bleibt er in der Sache immer dicht am relevanten Punkt.

Tim Boson: Bauernfest nach Pieter Breughel, d. Ä.

Mein Mähdrescher Fünfhundertfünfzig – i der Serie T,
<Starfire – ITC im Lösungspaket mit Komponenten:
Klimaanlage, Driftkorrektur, AMS, Satellitensignal,
angezeigt hochaufgelöst im Monitor der Kabine,
rasiert das Feld auch nachts. Die Xenonscheinwerfer,
bei eingeschaltetem Autopilot – beinahe überflüssig.

Das Softwaretool, dimensioniert auf Mehrfachoption,
voreinstellbar nach Tonnage, Mahtgut, Feldausdehnung,
kommuniziert, wenn ich will, mit der Aussensensorik.
Feinanpassung der Messerwinkel an Luftfeuchtigkeit
erfolgt per Knopfdruck (samt Gebläsedrehzahl) dynamisch.

Die Agrarmanagement Systemlösung Doppelpunkt:
Übersichtliche Datenverwaltung am Halm optimiert
Maschinenauslastung, Gewinnmitnahme, Kalkulation,
und erhöht, bei gut reguliertem Verhältnis Investment
versus Verschleiß nachhaltig das betriebliche Endergebnis.

Von Hand selbst umzuschalten wäre nur das Programm
des Fernsehers, digital, Buchse hier neben der Lenksäule,
sechspolig ausgelegt, ist Mehrfachadapter, optional
verwendungsfähig für Handy, Tuner, Kaffemaschine.
Bei Weizen guck ich ARTE, bei Roggen gerne mal Pro 7.

Noch Fragen?

Eine Philosophie oder das Denken nach der Philosophie muss sich deshalb nicht gegen das Philosophiemarketing oder den guten Werbetext verwahren, wohl aber gegen schlechte Werbetexte oder gegen Philosophievortäuschung. Denn die Philosophie, so hat mal jemand gesagt, sei ein  Baum. Aber dieser Baum blüht nicht, weil Kollibris in ihm brummen, oder Schmetterling oder Elfen und kleine Äffchen darin herumklettern. Sondern die Kolibris brummen darin, weil der Baum blüht. Der Baum war VOR-HER da. Der Baum der Philosophie blüht, weil er ein Baum ist, der wie alle Bäume in einem Grund wurzelt. Und seine Wurzeln reichen in ein Grundwasser der Grundfragen hinab, und seine Blätter wechselwirken in Clorophyllprozessen mit dem Licht und der Dunkelheit, mit dem Wind, mit den Jahreszeiten, mit dem Rhythmus von Tag und Nacht. Das ist der Baum der Philosophie. Die Philosophen sind sein Holz, seine Wurzeln, seine Äste, sein  Atmen, seine Blätter und seine Früchte. Ihre Fragen ziehen osmotisch, kapillarisch das Grund-Wasser aus der Grund-Strömung, und ihre Denkbewegungen im Rauschen der Blätter können Kohlendioxyd in Sauerstoff umwandeln und per Abgabe von feinstem Wasserdampf das Klima verbesssern oder ein wenig atembarer machen, während Blüten und Früchte das Auge oder sogar den Magen nähren.  So funktioniert der Baum der Philosophie, wenn man ihn denn als Baum beschreiben wollte, der wächst und lebt und gedeiht, also immer unterwegs bleibt.

Den gut geschriebenen Werbetext kann man wie gut geschriebene Gebrauchsanweisungen (es gibt auch schlecht geschriebene) zur relevanten zeitgenössischen Sprachbewegung zählen, das heißt: Zur Philosophiekultur und zur Literaturkultur. Eben gerade deshalb, weil der Werbetexter niemals von sich spricht. Er übt täglich das anonyme Sprechen. Er spricht für eine Sache, einen Dienst, für eine andere Person oder im Auftrag einer Technik. Insofern wäre der Werbetexter so etwas wie ein Ghostwriter / Geistschreiber.  Dafür geht er täglich durch eine große Übung, die manchmal die härteste Sprachübung überhaupt sein kann. Beinahe schon eine Art Drill. Er muss einerseits seine persönliche Stimme, sein ganz eigenes psychoklastisches Sprechdingsbums so weit beruhigen und anonymisieren können, dass möglichst nur noch das Produkt oder die Dienstleistung spricht – er muss sich selbst gläsern machen – syntaktisch unsichtbar, aber andererseits muss er im Auftrag einer Sache sprexeln und spielen können und dann, an der richtigen Stelle, wo es passst und stimmt, kommt er dann auch straff auf den Punkt.

Die Anforderung des In-vielen-Zungen-Sprechens und des Sich-selbst-gläsern- haltens  – setzt voraus, dass ein Werbetexter sich nicht nur für sein Handwerk oder sein Handwerkszeug, für die Sprache, für die Filme, für die Bilder interessiert; er muss sich zudem immer hineinlassen in die jeweilige Materie. Und Hineinlassen meint zunächst Hineinlassen. Meint zunächst gar nicht erfinden oder phantasieren. Und diese Materie, in die er sich hinein lässt -lässt er auch in sich hinein – heißt zumeist: Dingsprache, Menschensprache. Gegenwartsprache, Techniksprache, Wirtschaftssprache, Lebenssprache, Innovation. Man könnte auch sagen: Sein sprachgebendes Element ist Frau und Himmel, Zahnrad, Bier, Brot und Scheiße. Es dürfen ihn deshalb und darüber hinaus durchaus auch Heidegger, die Bildzeitung, das Internet, Schlager, das Theater und Gedichte interessieren. Sogar die Lyrik.  Denn all das gehört in den Sprachraum, aus dem er schöpfen kann. Aber die hohe Schule eines guten Gebrauchstextes und Werbetextes bleibt noch immer oder gerade deshalb das klare, unmiß-verständliche Sagen –  in dem möglichst viele Menschen zur Sprache kommen in einer ungefähr ähnlichen Weltinterpretation:

Die Pommes-Offensive: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketschup oder Mayo satt.“

Deutlich. Heidegger würde sagen: Hier west die Sprache an. Man könnte bei der Pommes-Offensive beinahe schon, aber jetzt in einem positiven Sinne von einem Jargon der Eigentlichkeit reden. Da weiß man wieder, dass Sprache nicht immer nur um den Mund herum redet. So ein Text steht einer Hölderlin-Elegie „Brot und Wein“ viel näher als manches seminaristische Wichtig-Welsch. Daran sieht man, wie auch innerhalb einer  komplexen Zivilisation die Sprache nicht immer und überall in geblähtes Geschweife und kolloquiale Bescheidhuberei zerfällt. Hier in der Pommes-Offensive bewahrt sie sich ihren klaren und sagenden Charakter mit einem unmißverständlichen Sendungs-Auftrag: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt. Da fällt mir gerade ein, wie die berühmte babylonische Sprachverwirrung in dieser ersten legendären Stadt oft fehlinterpretiert wurde, in dem man unterstellt hatte, sie beträfe das Zusammenleben verschiedener Ethnien oder Kulturen auf engstem Raum, die sich dann eben wegen verschiedener Sprachen verwirrt hätten.

Aber das kann eigentlich nicht gemeint gewesen sein. Man versteht sich doch in elementaren Angelegenheiten, wie zum Beispiel beim Essen und dem Trinken immer sehr gut mit allen Nationen. Und eigentlich sogar beinahe wortlos.  Der Türke fragt mich: Wüsstu schafff? Und ich sag: Nee, heut ohne. Und er lässt die scharfe Sauce weg. Von Sprachverwirrung kann hier keine Rede sein. Beim Chinesen sage ich einfach eine Zahl. Zum Beispiel: Die 19 bitte. (Mathematik dann doch als Sprache der Welt?) Und er versteht mich auch. Die eigentliche Sprachverwirrung wirkt nicht zwischen verschiedenen Ethnien oder Kulturen. Weil gerade verschiedene Kulturen sich gegenseitig im Umgang miteinander zur Substanzialität anhalten und nicht zur Verkomplizierung.

Die Sprachverwirrung kann innerhalb ein und derselben Kultur einsetzen, gerade dort, wo sie damit beginnt, „Kultur- Kultur“ oder „Geschmacks-Geschmack“ kulturzuüberkultivieren. Auch unsere Zivilisation neigt irgendwann zu Doppelbildern auf der Netzhaut oder im Gehirn. Wenn bestimmte Reflexionsprozesse durchlaufen wurden, dann verdoppeln sich bestimmte Reflexe zu Doppelreflexen. Aus dem Film wird dann der Film-Film, aus dem Roman der Roman-Roman, gemeint ist ein besonders romanhafter Roman, oder man erhält das Doppelbild der Frau-Frau, die (jetzt wieder) besonders frauliche Frau, den (jetzt wieder) besonders männlichen Mann als Mann-Mann, die philosophische Philosophie-Philosophie des Philosophie-Philosophierens. Oder man trinkt einen Kaffee-Kaffee.

Wie in der gediegenen Filiale einer Kaffe-und-Kuchen-Franchise-Kette. Nicht mehr ganz aktuell, aber man kann das noch einmal anführen. Ein alltagssprachlich begabter Satz wie: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“ wird hier plötzlich zu einer Sprache, mit der man sich verdächtig macht; oder als zu bemitleidender Kaffee-Komplett-Idiot und Eingeborener seiner sehr simplen Wunschwelt mit einem Mal sehr hilfsbedürftig und sprachbehindert erscheint.

Hier muss man sich als ausgebuffter Kaffee-Erlebnisweltmeister und Geschmacks-Papillen-Professor durch ein Tausend-Meilen-Reich oder eine ganze künstliche Bibliothek von Alexandria in Sachen groß-klein-dick-dünn-schaum-Coconut mit oder ohne Rum-Aroma zu seiner Tasse Kaffee hindurchstammeln –  oder aber, wenn man die Spezialgrammatik einmal drauf hat und zum federnden Establishment der –  tja –  eben der Kaffeeweltbürger gehört und Bescheid weiß, gibt man dann eben seine Bestellung in Spezial-Esperanto auf. Lässig parlierend.

Der Effekt einer solchen Sprachverfeinerung folgt natürlich der thermischen Ding-Verfeinerung und Auffächerung von Wunsch-und Wahl-Dingen zu Wunsch-und Wahl-Grammatiken; das ist ganz normal, gehört eben zum Luxus und zeigt überhaupt nichts Schlechtes.

Aber in einem hypnotisch halluzinatorischen Selbstlauf der Weltzerbröselung und Feinverstäubung  zu immer kleinteiligeren Wunschwelten und vaporisierten oder aufgeschäumten Wahlgrammatiken kann es dann passieren, dass irgendwann niemand mehr weiß, was „eine Tasse Kaffee“ einmal war. Oder dass der Kaffee sogar ganz verschwindet. Dann bekäme man irgendwann nur noch getürmte Milch-Bläschen (Achtung – Turm, Babylon), zu Coconut-Aroma aber keinen Kaffee mehr.
Weil die spezialgrammatische Vaporisation und Kleinteilung von Weltverhältnis zu einer Verpuffungsreaktion führen kann wie bei einer Klein-Teilchen-Staubexplosion, in der „die Tasse Kaffee an sich“  sich in die quasi-metaphysische Sphäre des „Dings an sich“ hinein verabschiedet. Aber an der Angebots-Tafel oben stünde dann immer noch vor jedem Spezial-Esperanto das Wort „Kaffee“. Spätere Generationen könnten  dann als  Nachgeborene gar nicht mehr wissen, dass Milchbläschen mit Coconut-Aroma eben kein Kaffee mehr ist.  Die „Tasse Kaffe“ hätte sich  dann zu einer quasi- metaphysischen Größe verflüchtigt, zu einem „Ding an sich“, dass wir ja nach Kant niemals erkennen können u. s. w…

Deshalb hier noch mal zur Sicherheit für den Kalender: Eine Tasse Kaffee war zu ihrer Zeit keine nurmetaphysische Größe oder ein Wortspiel, kein Kantisches „Ding an sich“, sondern real existierend. Es handelte sich um ein rundes Gefäß mit einem Durchmesser von etwa 8 cm und einer Gefäßtiefe von etwa 5 cm. (Kleine Abweichungen in beiden Richtungen von etwa 1-2 cm,) Das Gefäß-Material heißt Porzellan und wird in diversen Enzyklopädien näher beschrieben. Die „Kaffee“ genannte Flüssigkeit darin zeigte eine tiefbraune bis schwärzliche Färbung und entsprach einem wassergelösten koffeinhaltigem Sud. Dieser wurde erzeugt, indem man kochendes Wasser durch das Mehl von gemahlenen Kaffeebohnen laufen ließ, das man in ein feinporiges Sieb, ein Netz oder ein Filter (sog. Kaffeefilter) hinein portionierte und für den Zeitraum des Durchlaufs über dem Gefäß installierte. Die Stärke des Suds, seine Färbung und der Coffeingehalt war optimal eingestellt, wenn die Flüssigkeit die Tasse (bei oben angegebener Bemaßung) bis kurz unter den Rand befüllt hatte und  bei In-Augenscheinnahme durch einen Prüfblick  in das Gefäß-Innere hinein der Boden des Gefäßes nicht mehr erkennbar war. In einer abgewandelten Version des Brauchtums „Tasse Kaffee“  wurde die Flüssigkeit aufgehellt mittels einer kleinen Portion Milch, die man in so genannten Kaffeehäusern oder Restaurants in einem kleinen Kännchen dazu gestellt bekam. Manchmal nach Absprache mit dem Bedienpersonal und manchmal auch unabgesprochen einfach als alternativ-obligate Zugabe.

Da man als Bürger einer komplexen Zivilisation heute ungefähr fünf sechstel seiner Lebenszeit damit verbringt, Spezialgrammatiken regelrecht zu büffeln, sei es vor einem unergonomischen Fahrkartenautomaten in Bedienungsanleitungen oder beim Bestellen eines Kaffees, kann daraus peu a peu der Lebensirrtum erwachsen, der da lautet: Sich spezialgrammatisch auskennen sei wichtiger als etwas zu kennen oder gar Erkenntnis. Die Sprache des Kaffees sei wichtiger als der Kaffee. Der Fahrkartenautomat sei wichtiger als die Fahrkarte.
Tatsächlich können Wirklichkeits-Verhältnisse eintreten, in denen man zum Beispiel einfach einen bestimmten Zug verpasst, also ganz real nicht mit einem Zug fährt, wie man sich ursprünglich vorgenommen hatte – nicht etwa, weil das Geld fehlte, oder weil man den Bahnhof zu spät erreicht hätte, sondern ganz einfach deshalb, weil der Fahrkartenautomat keine Sprache spricht, die dem an sich trivialen Anliegen: „Ich möchte eine Fahrkarte von Hier nach Dort.“ mit einer ebenso trivialen Grammatik begegnet.   Stattdessen hat man es bei einem Automaten immer mit einer Abfrage-Routine zu tun, die dem Esperanto in der Kaffee-Hauskette nicht unähnlich ist: Mit. Ohne. Dick. Dünn. Groß. Klein. Coconut. Aber der Zug ist dann auch schon mal weg.

Als jemand, der in der DDR noch sozialisiert wurde, erinnere ich mich, wie ich die „Legende Westen“ damals so aufregend fand, weil, so hatte man  gemunkelt,  dort immer genau das zu bekommen sei, was man brauchte –  aber nicht das, was man nicht brauchte. Oder man hatte gemunkelt, dort könne man alles „einfach so sagen, wie es eben sei.“

Aber die Illusion des „alles einfach so sagen, wie es eben sei“ musste sich bald mit der Erfahrung auseinandersetzen, dass man außerhalb der Sphäre der Pommes-Offensive in eine geheimnisvolle Mehrdimensionen-Spiegelkammer von Interpretations-Interpretationen geraten war, insbesondere wenn man in Buchhandlungen aktuelle Philosophie vermutete – betrat man hier zumeist eine Kirmesbude, in der überhaupt nichts mehr so sein sollte wie es eben sei; in der ein BAUM nicht mehr BAUM sein durfte – und in der das einfache „So-Sagen“, geschweige denn das einfache So- Sein kaum noch möglich war.

Ein so genannter „Diskurs-Teilnehmer“, das galt auch für den stillen Zu-Hause-ein-Buch-Leser,  hatte sich zumeist mit seminaristischem Wichtigwelsch an der Diskurs-Zugangskontrolle auszuweisen. Obwohl er dann lediglich durch eine Geisterbahn geschickt wurde. Er musste erstmal beweisen, dass er falsches Wichtigwelsch richtig beherrscht. Mit „Tasse Kaffee“  oder „Pommes zu Ketchup und Mayo satt“ – kam man hier nicht mehr weiter.

Die babylonische Sprachverirrung meinte nie das Nebeneinander verschiedener Sprach-Kulturen. Sie meinte dass allmähliche Überblähen und Substanzloswerden von Sprache innerhalb der jeweils eigenen grammatischen Kultur. Besonders überraschend, geradezu überrumpelnd dann, folgte daraus die Einsicht, dass zum Beispiel Hegel oder Schelling oder Kant, niemals „schwierige Autoren“ gewesen waren – verglichen mit dem schummrigen Sprachgebrösel und dem klandestinen Wortspray zeitgenössischer philosozystischer Diskurse. Verglichen damit lasen sich Kant oder Hegel plötzlich wie leicht eingängige Comic-Hefte. Gegen Deleuzerrida-Kauderwelsch erschien Schelling mit einem Mahl wie ein gut durchrutschender Trivial-Autor. Und Heidegger entkleidete sich vor den lesenden Augen zu einer sehr angenehmen Courts-Mahler des denkklaren Sprachstils.

Luxus-Probleme, zugegeben. Aber in ihrer Gesamtheit kann die grammatische Verblähung eben am Ende zu einem babylonischen Turm-Einsturz führen, weil die innerlich aufgeschäumten Wahlgrammatiken die Wirklichkeiten nur noch schwer gebremst, verspätet oder gar nicht mehr einlöst. Dann kommt es zu einem permanenten grammatischen Wirklichkeits-Verzug von Sprache, die sozusagen immer ratloser vor dem Fahrkartenautomaten herumfummelt und dabei ihren Zug verpasst – oder – weil die Tasse Kaffe unerreichbar bleibt, plötzlich einschläft. Deshalb bleibt der gute Werbetext und der klare Gebrauchstext in einer Zivilisation so wichtig. Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt – erinnert daran, wie Sprache durchaus sagend bleiben kann ohne jegliche Verkomplizierung.

Das Schelling-Gerät

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Gewidmet  der Geschwindigkeit des Lichts im großen Science-Fiktion-Kino, Fritz Lang, Stanley Kubrik, Andrei Tarkowskie, Ridley Scott, Robert Zemeckie, Alfonso Guaron, Steven Spielberg, Christopher Nolan  etc….
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Wenn man bedenkt, dass Schelling 100 Jahre vor Einstein und Gödel gelebt hat, kann man nur staunen. Dabei formuliert Schelling sogar um einen Tic genauer als Einstein. Er ahnt schon 1809, wie  Schwerkraft und Licht sich in einem rotierenden selbstadjustierenden Wechsel-Verhältnis abbilden. Das große Kino lebt, illuminiert und gestaltet „schwere“ Philosophie. Als Science-Fiktion-Fan freut mich das. Frage mich allerdings auch, was über Schelling und Heidegger hinaus und neben dem großen Cinema sonst noch  zukunftsinitiale Kunst genannt werden kann.*
Schelling schreibt:„…Analogisch kann dieses Verhältnis durch das zwischen Schwerkraft und Licht erläutert werden. Die Schwerkraft geht vor dem Licht her als dessen ewig dunkler Grund, der selbst nicht actu ist, und entflieht in die Nacht, indem das Licht (das Existierende) aufgeht. Selbst das Licht löst das Siegel nicht völlig, unter dem sie beschlossen liegt. Sie ist eben darum weder das reine Wesen noch auch das aktuale Sein der absoluten Identität, sondern folgt nur aus ihrer Natur; oder i s t sie, nämlich in der bestimmten Potenz betrachtet: denn übrigens gehört auch das, was beziehungsweise auf die Schwerkraft als existierend erscheint, an sich wieder zu dem Grunde, und Natur im allgemeinen ist daher alles, was jenseits des absoluten Seins der absoluten Identität liegt. Was übrigens jenes Vorhergehen betrifft, so ist es weder als Vorhergehen der Zeit nach, noch als Priorität des Wesens zu denken.
In dem Zirkel, daraus alles wird, ist es kein Widerspruch, daß das, wodurch das Eine erzeugt wird, selbst wieder von ihm gezeugt werde. Es ist hier kein Erstes und kein Letztes, weil alles sich gegenseitig voraussetzt, keins das andre und doch nicht ohne das andre ist. …
(Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Über das Wesen der menschlichen
Freiheit 1809) Etc Pi Pi….
“Wie die Natur die Wesen überläßt dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins besonders schützt in Scholle und Geäst, so sind auch wir dem Urgrund unsres Seins nicht weiter lieb; es wagt uns. Nur daß wir, mehr noch als Pflanze oder Tier mit diesem Wagnis gehn, es wollen, manchmal auch wagender sind (und nicht aus Eigennutz), als selbst das Leben ist, um einen Hauch wagender …. Dies schafft uns, außerhalb von Schutz, ein Sichersein, dort, wo die Schwerkraft wirkt der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt, ist unser Schutzlossein und daß wirs so ins Offne wandten, da wirs drohen sahen, um es, im weitsten Umkreis irgendwo, wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.” (Rainer Maria Rilke, späte Gedichte, 1924)

No words.  Poetry….

*

„Das Ding ist von innen geöffnet worden…“

Zeichen, Bilder, Striche, Bögen, Runen…Schrift.
Warum bewegen: Zeichen, warum bewegen: Schrift.

Schrift: Ein Zittern des Kosmos an der Hand eines Schreibers.
Der Aufschreiber  distanziert das mündliche Sagen  in das Zittern
und Flimmern seiner  Schreibfüßchen hinein ; zuckende Nadel
der Träger-Schallplatte; hin-und her webende Kreuzspinne, im Rad ihres Netzes, dem Gewebe, der Textilie, dem Text.

– Schrift ist: Um-Gehung des Mundes.

Die flimmernden Finger des Schreibers zittern die Zeichen auf ein Papyros, dem Meißel auf einen Stein, ein Papier,  eine Tastatur, oder technisch: in die elektronische Leiterbahn von Trägerschichten.

Schrift ist ein Kabel. Ein Stecker – ist Schrift.
Der photochemisch gedruckte Schaltkreis – ist Schrift.

Der Strom aber: keine Schrift.
Der Strom ist der Strom.
Die Thermik. Nahrung.

Nahrung. Was ist Nahrung?
Ist sie das Nahe, das nährt, weil es das NAHESTE ist?

NAHrung als Näherung. In der Verdauung. Ohne Um-Weg.

Nahrung kommt über die Haut, das Ohr, das Auge, die Nase, den Mund.

Es ist möglich, es könnte eintreten: dass ein Schrift-Werk überhaupt nichts mehr BE-deutet.

Nicht mehr als das, was immer schon da wa(h)r.
Deutlich wird es ganz.

Das Zittern und Zucken der Schrift-Hand kehrt dann wieder ein ins U(h)r-Sprüngliche. Die Schriftspur wird Flimmern, Pumpen, Flattern, Bäumen, Lidschlag, Herzschlag, Atmung, kriechende Welle und  Wehe, Knistern, Funkeln und Rauschen….

Zuckender Blitz.

Zeichen und Runen: Blitze.

Könnte man wirklich aufessen die Schrift, die Schriftrolle aufessen – dann würde die Philosophie, die Literatur, die geschriebene Sprache, jedwedes Zeichensystem aufgelöst und eingelöst. In dem sie wiedereinkehrt in die All-Bedeutung  – hier deutlich wird in der Deutlichkeit total – als NAHrung, die das Nahe ist.

Was in sich selbst ganz deutlich wird –  BE-deutet nichts mehr.

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos“ (Hölderlin.)

Das beträfe dann auch den Schreiber.

Er selbst BE-Deutet dann nichts – mehr, das heißt:
Nichts – mehr –  bedeutet er dann als das, was er – in jedem Moment – ist.

Keine BE-Deutung mehr und keine BE-Deutsamtkeit bräuchte es noch, wenn alles ganz deutlich würde.
Adresse und Absender ver-mählen sich.

Dann wirkt das S*AGEN.

Die menschliche Wirbelsäule war nie gerade.
Sie bleibt immer ein S, Sinus zwischen Reflex-Bogen und Beuge…
… Schrift-Rune der Natur.

Das S der Wirbelsäule – wenn man das zur Seite kippt,
sieht man eine Welle, gebäumt. Eine Flut?

„Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“

Der Schreiber und sein Leser waren lange Zeit Undeutlichkeitsdesigner.
Denn ganz und gar deutlich wäre nur das Zeichen selbst – an und für sich,
in seiner aus-sagenden Thermik, das Seyn selbst. Der Hauch?

Was.  War.  Ist.  Wahr. Gewesen.

Verdauung.

BE-Deutung ist das „Brot“ des undeutlichen Schreibers.
Ist der undeutliche Schreiber ein Näherer?

Solange er auslegbar bleibt, bleibt er BE-Deutsam. Vor sich selbst.
Und vor anderen. Das heißt zugleich: Er bleibt Frag-Würdig.

Gibt es den Undeutlichkeits-Spieler?

Dann ernährt er sich von BE-Deutung. Der Philosoph
ernährt sich davon, dass er nie ohne Nachfragen ganz klar wird.
Denn: Würde er ein für alle mal ganz deutlich und ohne „Wie bitte“ klar
werden, dann wäre er arbeitslos. Es gäbe nichts mehr zu er-klären.

Nichts muss mehr er-klärt werden, weil alles ganz klar ist.

So ist es. So. Und nicht anders.
Das fühlt sich kribbelig an, aber nicht schlimm.

So ist es. Klar.

Wenn man weiß, dass alles Reden immer nur ein um-das- ganz-NAHE
HERUM-Reden bleibt, dann muss man sich als Philosoph einen
anderen Job suchen. Die wortlose Wahrnehmung trainieren.

Es spürt sich, da könnte ein Übergang wirken, in dem philosophische Schriften
und literarische Bücher nichts mehr BE-deuten.

Wenn alle Undeutlichkeits-Spiele gespielt sind, dann beginnen die Variationen
und Versionen und Unschärfen und alle Nachfragen zu ver-wesen.

Das Interpretieren und das Auslegen, das Nachfragen… und jede Art der Exegese von Schrift, jede Art der Hermeneutik kehrt dann wieder in den Mund zurück. Es isst die Schriftrolle auf. Es verdaut und dauert –

Es wird total klar: Das All.

Nimmt Gestalt an.

specere, lateinisch: Das Sehen, das Schauen/

Die Spezialität – das deutlich Gesehene.

SPECIES: Das Geschaute/Die Gestalt.

Ein Nachfragen wie: „Habe ich das so richtig gelesen…?“
Oder auch: „Wie soll ich das jetzt deuten?“   –

– ist schon mit der Frage beantwortet. Die Frage war immer Teil der Antwort.

Es gibt nichts mehr zu BE-Deuten.

Wir sind ein Zeichen, deutungslos. (Hölderlin)

Wenn deutlich wurde, wie die zittrige Undeutlichkeit zum infinite jest der zittrigen Nachfrage gehört, das um der zittrigen Undeutlichkeit Willen gespielt wird, weil eine zittrige Schrift immer nur um den Mund herum reden kann, dann verwest alle BE-Deutung in der Deutlichkeit. Dann zittert –  nichts –  mehr. Oder alles –

– wird ein Beben.

Das wäre das Ende jeder Auslegung.

Man muss dann kein Zeichen mehr „lesen“ auf eine BE-deutung hin.
Dann SIEHT man die Schrift, als das, was sie ist: Chronische Species.

DEUTLICH.

(Was im Moment noch etwas schwer zu erklären ist: Man kann die ganze Welt als Zeichen lesen, ohne zu kommunizieren. Die Wahrnehmung. Eine entwickelte Intelligenz kommuniziert nicht mehr. Sie redet nicht mehr. Sie schreibt nicht mehr auf. Sie nimmt wahr. Sie tauscht keine Zeichenvorräte mehr hin und her. Sie ist an-wesend. )

Vielleicht wäre das die kürzeste Erklärung für Schrift,
solange sie noch etwas BE-deutet:

Schrift ist Chronik.

Wenn aber das k am Ende der Chroni-k wegfällt, dann ist sie das Chronische selbst, der Cronos…

Dann wäre die Schrift wieder Flimmern, Pumpen, Schlängeln, Herzschlag. Die Vokale und Konsonanten als Blitz und Donner. Systole, Diastole als Hebungen und Senkungen…auf der See.

Die Hand des Schreibers wiegt sich hin und her.
Die Augen des Lesers wiegen sich her und hin.

Waage. Welle. Wiege. Wie auf einem Wasser.

Die See – sehen. Darin das Auge sich senkt.

Und wieder hebt. Und wieder senkt.

Die Zeilen: Sind Wellen. Die Zeichen: Gischt.

„Masern des Holzes. Wogen wie Wasser…“ (Uwe Greßmann.)

Ge-Bäumt. Gebogen. Gewogen.

Entry – Re-Entry…

Der Mund ist von innen geöffnet worden.

Running on Ockhams Katana

Das Ding hat den Lagrange-Punkt L 3 erreicht.

Es gegen-wartet in ihm.

Same des Ahorns
Flügel im Anfang der Welt
Wirbelnd geht sein Fall

Das Auto und der Baum

Ein Autofahrer, der bemerkt, wie er in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert – was empfindet der?

Ich nähere mich in dieser Sekunde einem vom Frühherbst gefärbten – kanadischen – Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…?

Seine Wahrnehmung dürfte für die Sekunde, wenn überhaupt,
sich eher abstrakt einfühlen in die Situation:

Baum.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer nähert sich dem vom Frühherbst gefärbten kanadischen Zucker-Ahorn  – ohne Adjektive.

Sein BAUM hat keine Eigenschaften mehr. Er verliert alle Blätter und Äste, wird abstrakt, platonisch kahl.  Eigenschaftslos, wie ohne Licht.

Der Baum wird GEGEN-WART.

Die „Fähe“ zur Abstraktion scheint ein sehr alter Gang.

Der detailversonnene Naturfreund würde immer sagen:  (Sinn. Sonne. Versonnenheit.)

Den Baum – an sich –  gibt es garnicht.

Der Baum ist eine reine Mengenbezeichnung, eine Abstraktion.

Die technokratische Trockenheit, welche die Welt der kleinen liebenswürdigen Details und Unterschiede mißachtet und in  Mengen-Abstraktionen hineinreglementiert, sei das ganze Gegenteil von Wirklichkeit, ja es mißachte alle Sinnlichkeit und Versonnenheit.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer aber befindet sich gerade in der sinnlichsten und wirklichsten Situation, die überhaupt möglich  ist. Er befindet „sich in Fahrt.“ Fern jeder Kontrolle über den Vorgang.

(Dem Eros darin sehr nahe. Zumal er gerade dabei ist, sich mit dem Baum im Konflikt „zu paaren“. – ) – ver-gleichen. ( )

Seine Wahrnehmung muss jetzt abstrahieren, um zu überleben. Er „hat gerade keinen Sinn dafür“ – sich darüber Gedanken zu machen, welche Art von Baum da auf ihn zukommt in welcher jahreszeitlichen Schönheitshypothese.
Jeder geklügelte Satz und jedes geblümelte Adjektiv wäre in dieser Sekunde zuviel.

BAUM!

Das gibt einen guten Grund zur Einsicht, wie die Fähigkeit zur Abstraktion aus der Gefahr kommt, b.z.w. aus der Geschwindigkeit und der Bewegung in die NOT-WENDUNG läuft.

Das Lenkrad herumreißen – JETZT! ) Re-Flex (

In der Bewegung ver-dichten sich alle Details zu abstrakten Mengen-Wesen.

Der Autofahrer muss den kanadischen Zuckerahorn „bannen“ oder „bändigen“,
in dem er ihn auf sein Wesentliches abstrahiert.

– BAUM!

Der Kampf des Autofahrers gegen den BAUM lautet jetzt:
Wer abstrahiert wen zuerst?

Man begegnet und schaut sich – „gebannt“.

Der Bewegte er-fährt selbst die stärkste Sinnlichkeit – während der BAUM, indem er kahl und abstrakt ohne Adjektive als „gebannte“ Mengenbezeichnung BAUM! auf ihn zukommt, sich gerade darin ganz besonders und plötzlich  verwandelt in einen sehr KONKRETEN GEGENSTAND . Ganz und garnicht abstrakt. Der BAUM wird auf eine unangenehme Art an-wesend.

Der Baum – kommt – auf  –  ihn –  zu.

Der BAUM! wird für den Autofahrer in einer Art und Weise konkret und sinnlich, wie es der „vom Frühherbst gefärbte kanadische Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…“ nie und nimmer gewesen war.

Autofahrer und Baum werden  zum GE-DICHT.

Diese Art der Ge-DICHTUNG markiert den poietischen Bereich aller
Er-Fahrung, die ihren Gegenstand aus der Bewegung  und der
WACHHEIT gewinnt. Sehr konkret in PAARUNG und
VER-MÄHLUNG in Gegenwart von Gefahr.

Das Ergebnis heißt: Sprachlosigkeit. Bann. Stummheit. MAHL. Gründung:
Handlung – NOT-WENDUNG – sprich: POESIE.

In der kahl-abstrakten Menge BAUM begegnet der Autofahrer dem WESEN
aller Bäume.

Er begegnet dem GEBÄUMTEN

Aber gerade dieses Wesen wird geboren aus Bewegung und Vermählung.
(Ge-Fahr)

Die Fähe zur Abstraktion kommt aus der Erinnerung von Ge-FAHREN. Abstraktion ist eine Not-Wendung, die wir in GEGENWART von Ge-FAHR vollziehen im erotischen Tausch von Details mit/gegen WIRK-lichkeit. Das Ergebnis heißt: Ge-DICHT.

Der umgekehrte Fall – die Liebe zum Detail des kanadischen Zucker-Ahorns – wäre die „Lösung des Banns“ –

– das Ge-DICHT lockert sich, entspannt sich (explodiert) in die Er-Zählung von Details hinein.

Es wird „Lyrik.“

(Vergleiche hierzu Totalenthalpie in einem Raketentriebwerk: Erhitzung – Verdichtung/Entspanung – Abkühlung – Lockerung)

Hier an dieser Stelle erkennt man, wie ein Erzeuger von Texten, gerade dann, wenn er besonders detailversonnen und beschreibungsfreudig daherkommt, selbst im Effekt der thermischen Abkühlung und Entspannung schreibt.

Sein Sprechen kommt immer postpoietisch – nach dem Ge-dicht.

Gelockert. Entfährdet. Entdichtet. Gelichtet. Auf-atmend.

Sprechen entspannt. Es lichtet. Es ent-spricht. Es löst das Dickicht. Es atmet auf.

Noch einmal Glück gehabt.

Literatur, die etwas taugt, macht sich bemerkbar, weil sie ihren Text in einem engen Verhältnis zur Sprachlosigkeit oder um die Sprachlosigkeit herum organisiert. Sie bezieht ihre Spannungs-Dichte aus einer Nähe zum Dickicht der Stummheit, aus der Nähe zum Moment einer poietischen Gefährdung.
Nur in einem solchen Verhältnis bleibt sie halbwegs entfernt vom Geschwafel,  dem bloßen „Stellen von Schrift“.

Jeder gute Schreiber kämpft sein ganzes Leben lang darum, kein Schrift-Steller zu sein. Meistens verliert er diesen Kampf. Dann „stellt“ er Schrift.

(Thomas Bernhardt: „Da schreiben sie, wie sie vom Haus in den Garten gehen, und schon sind 30 Seiten getippt.“)

Das Sagen sehnt sich nach dem Tod im Gedicht. Aber es ekelt sich vor dem Dichter.

Der Thermische Kondor (Nach Albert Einstein)

Nur was schwer ist, kann auch schweben.

Was sich nicht wiegt, wird auch nicht fliegen.

Gedanken zu einem eye-genartigen Universum. (Für Albert Zweistein.)

1. vorgeschaltete Frage:
Ein Mensch, der  – wie man sagt – ein Ziel ins Auge fasst, dass er erreichen will, zum Beispiel einen Stern, muss dieses Ziel dauernd er-innern – damit er es  – wie es dann heißt:  „nicht aus dem Auge verliert.“

Ein Ziel erreichen wollen heißt: Das Ziel dauernd er:innern. Der Mensch erinnert sein Ziel, das er erreichen will. Wenn er aber das Ziel – dauernd erinnern muss – um es zu erreichen – liegt das Ziel dann in der Vergangenheit oder in der Zukunft?

Ein Astronom, der – mit dem Vorsatz –  einen Stern zu beobachten, an sein Teleskop geht, steht vor einem philosophischen Problem: Da sein Beobachtenwollen sein Vorsatz ist, müsste der Stern für ihn die Zukunft sein.  Als Astronom aber weiß er, dass er „in Wirklichkeit“ (oder angeblich) nur die Vergangenheit des Sterns sieht. Er sieht den Stern so, wie er z. B. „vor 3000 Lichtjahren“ war. Schaut der Astronom die Zukunft oder die Vergangenheit?  Woher weiß die „Vergangenheit“ des Sterns, dass sie  „in Zukunft“ von dem Astronomen beobachtet wird? Woher kennt der Astronom den Stern? Woher kennt er das Teleskop? Kennt er das Teleskop aus der Erinnerung oder aus der Zukunft?


2.  Frage:

Wenn ich einen Menschen – zum Beispiel –  in 100 Metern Entfernung sehe,
dann sage  ich: Der sieht aber ganz schön klein aus.
Wenn ich zu dem Menschen hingehe – mache – ich den Menschen größer.
Das heißt: Ich MACHE einen „Unter“-schied zwischen klein (vorher weit weg) und groß (nachher nah dran)  In dem ich zu dem Menschen hingehe, wende ich Energie auf  – oder auch eine gewisse Zeit  – oder einen Weg.  Ich MACHE einen „Unter“schied.

Eine allzuschnelle Antwort lautet hier immer: Der Größen“unter“schied
auf Entfernungen sei eine „optische Täuschung“. Hier darf man sich fragen, ob das wirklich so ist, ob das kosmologisch korrekt gedacht ist. Ob die Annahme einer optischen Täuschung den TATsachen entspricht?
Oder vielmehr: Was ist eine Täuschung? – wenn doch Täuschung  im Wortsinne auf einen TAUSCH verweist.

Sind nicht alle „Unter“schiede und „Unter“scheidungen geMACHTE Unterschiede, die mit einem Energieverbrauch oder mit einem zeitlichen oder technisch (dauernden)  Aufwand sich ver-GLEICHEN. – ?

Ist nicht jeder Unterschied, den ich „feststelle“ immer ein ge-machter Unterschied, der mit einem Energie – oder Zeitaufwand vertäuscht ist?
Oder mit einem UNTER-WEGS-SEYN?

Und: Sind nicht alle Größen – und Massenverhältnisse im Universum in einem ge-machten Sinne aufeinander bezogen – in einem PROZESS des DAUERNDEN VER-GLEICHS – in der Rotation? (Bogen/Beuge) – ihrem UNTERwegs-SEYN?
In einem Ab-TAUSCH.

Wenn ich ein Fernglas benutze, anstatt zu dem Menschen hinzugehen, dann benutze ich nicht einfach nur ein Ding. Ich „benutze“ eine lange lange
Evolutionsgeschichte, die bis zu meinem Entschluss und dem „Gerät Fernglas“ –
g e r a t e n  ist.
Bescheidener: Die Evolutionsgeschichte „benutzt“ mich. Wenn mir „eingefallen ist“ – dass ich ein Fernglas benutzen kann, dann habe ich das Fernglas „erinnert“. Wenn ich zu einem Fernglas greife – kommt das Fernglas aus der Vergangenheit (meine Erinnerung) oder kommt es aus der Zukunft auf mich zu?

(Die Tatsache, dass ein Fernglas auch verkehrt-herum benutzbar ist, so dass die Dinge in die Ferne rücken – kann in einem vertäuschten/vertauschten Sinne auch darauf verweisen, dass die SCHAU der Welt insgesamt tauschbar ist. )

3.  Frage:

Wenn ein  hypothetischer Zeitreisender in die Vergangenheit reist, um seinen Groß-Vater zu ermorden, noch bevor der die Großmutter kennengelernt hat,  dann gilt dieses Paradox bis heute immer als „kniffliges Problem“ zum Thema Zeitreisen.

Wirklich knifflig aber ist  ein anderes Problem: Wenn ich in die
Vergangenheit reisen wollte mit dem „Vorsatz“, meinen Großvater zu töten, dann würde ich ja einem „Vorsatz“ folgen, der auf ein Ziel gerichtet ist.

Liegt das „Ziel“ meiner Reise dann in „meiner“  Vergangenheit oder in „meiner“ Zukunft?

(was ist eigentlich mit den vielen Blumentöpfen und Ziegelsteinen, die den Großvater nicht erschlagen oder nur knapp verfehlt haben? Waren all diese nicht heruntergefallenen Blumentöpfe und  danebentreffenden Ziegelsteine „freundliche Boten“ aus der Zukunft meines Großvaters?)

4.  vorgeschaltete Frage:

Warum verbrennt eine geknüllte Papierkugel in einem Ofen langsamer als das lose Blatt vom selben Papier, wenn es ungeknüllt bleibt?
Hier kommt oft die allzuschnelle Antwort: Die geknüllte
Papierkugel brennt über die Zeit betrachtet „kühler“ – und deshalb „langsamer“.

Das beantwortet aber nicht die Frage, was das eigentlich bedeutet.

Denn „kühler als“ und „langsamer als“  sind Aussagen in einem Vergleichs-Prozess, denn die Zeit, in der die ge-gnüllte Kugel langsamer verbrennt, kann mit einem Weg verknüpft werden, der irreversibel ist.  Zum Beispiel ein Fluchtweg!

Was also bedeutet das Verhältnis kühler – langsamer/heißer – schneller? – Was bedeutet das kosmologisch – bezogen auf die Form und die Dauer – und bezogen auf Wege ebenso wie auf Entfernungen?

5. vorgeschaltete Frage:

Die Lichtgeschwindigkeit wird mit Metern pro Sekunde angegeben. Wenn aber in einer beschleunigten Rakete sowohl die Längen sich verkürzen bzw. die Zeit sich verlangsamt (Längen-Kontraktion bzw. Zeit-Dillatation) woher wollen wir dann wissen, was ein METER und eine SEKUNDE , eine ZAHL  oder ein GRAMM in diesem Universum „objektiv“ – ist?
Da jeder „Beobachter“ in diesem Universum bogenförmig in einer Beuge oder in einem Bogen (Kreisbeschleunigung) sich befindet – was kann er dann noch über METER oder SEKUNDEN aussagen?  Zumal das Universum sich dazu auch noch beschleunigt dehnt? Was ist die EINS oder eine ZAHL,  ein METER oder eine SEKUNDE objektiv? (Gödel- Einstein – Disput: bis heute einfach unter den Tisch gewischt.)
. . .

Einstein war ein toller Naturwissenschaftler. Seine Entdeckungen gründen in einer philosophischen ErWÄGUNG. Dem Äquivalenzprinzip von Ernst Mach. Albert Einsteins ErWÄGUNG zur Äquivalenz war ein VER-GLEICHS-PROZESS in einer denkerischen Imagination. (Die Betonung bei Vergleichsprozess muss immer auf Prozess liegen.)

( Wortverwandtschaft equilibrium/äquivalenz)

Einstein konnte überhaupt nur deshalb zwei bewegte Beobachter sich imaginieren, weil er selbst ebenfalls bewegt war – thermisch kreisend durchblutet.

Einstein musste die Maxwell-Funktionen ER-INNERN.

Kommen die Maxwell-Funktionen aus Einsteins Zukunft oder aus Einsteins Vergangenheit?

Die beiden Relativitätstheorien sind richtig, insofern sie „funktionieren“.
Aber eine Funktion muss doch immer wieder neu funktionieren.  Sie muss – dauernd – funktionieren – in einem dauernden VER-GLEICH(S-Prozess).

So wird sich in den nächsten Jahren erweisen, dass alle sogenannten Naturkonstanten sich ständig abgleichend im Strom des Bewusstseins als ein Verhältnis zum  thermischen Bogen des Alls selbstadjustieren  – so – wie ein Wirbel in einer Strömung sich immer „selbstadjustiert“….und bewegend nach vorn rollend stabilisiert. Diese Selbstadjustierung macht „Konstanten“.

Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit – ist gültig für ein Bewusstsein, das in einem bestimmten Verhältniss/Vergleichs-Prozess aus der DAUER evolutionär hervorgewachsen ist.

Heidegger sprach einmal vom „Hüten des Seyns“. Aber dieses Hüten kann als aktiver Prozess gesehen werden, wenn man weiß, dass eine Herde zum Beispiel von einem Hüte-Hund immer umkreist werden muss, damit sie beieinander bleibt. So ist unser Bewusstsein der kreisende Hüte-Hund unserer Naturkonstanten.

So auch der thermische Kondor, der in der Luft seine Kreise zieht. Ziehen muss. In diesem Kreisen – hütet – und be-wacht – der Kondor das SEYN.
Der thermische Kondor hütet – das Seyn.

In dem der thermische Kondor steuert, bewegt er sich – kreisend. Aber indem er sich kreisend bewegt, bewegt er zugleich die Strömung – und damit sich selbst und die ganze Welt.

Wa-herum kann sich der Kondor kreisend stabilisieren?
Eben deshalb, weil er sein GEWICHT in die ER-WÄGUNG mit der STRÖMUNG  bringt!

Wäre der Kondor ohne Gewicht, er könnte nicht kreisen, nicht fliegen.

Der thermische Kondor be-wacht das Seyn. Er ist zugleich sein eigener Wächter, das kreisend sich Hütende und die zu bewachende Welt.

Jede Mathematik, auch die komplexeste Mathematik, lässt sich zurückführen auf und beruht in ihrem Wesen auf dem BOGEN (Flexion) und der BEUGE (Re-Flexion) In einem thermodynamischen Vollzug. Den (konstruktiven) Vollzug aber  kann sie immer nur in einem zeitlichen VERZUG  zur DAUER leisten.

Wenn ein Mathematiker Mathematik benutzt, kommt sie dann aus der Erinnerung oder aus seiner Zukunft?

Ein Gehirn oder ein Rechner rechnet entweder VOR oder er rechnet NACH.  Keine Mathematik der Welt aber rechnet synchron im echtzeitlichen Vollzug der Entropie. (Dauer) Diesen Vollzug kann nur das poietische (handelnde) Denken leisten. Das wäre der Moment, in dem die Philosophie in der Wissenschaft aufgeht. Eine Vermählung, die beide verändert. Oder anders gesagt:
Die Hochzeit von Ge-Denken und Physik.

Hausaufgaben für die große Sommerpause.

. . .

Der Kondor und das Mädchen.
(„Andenmärchen“, Dietmar H. Melzer, idime Verlag, ISBN 3-924026-13-0, Seiten 27-33)

Kleider werden von Frauen gefertigt. Doch der Mann macht die Schuhe. Sogar wenn er Diener hat, bindet er selbst für sich und seine Familie Leder und Wolle zu einem haltbaren Schutz für die Füße zusammen. Ein Bauer, der vor einiger Zeit am schäumenden Urubambafluß wohnte, war nicht so fürsorglich für seine Familie. Frau und Tochter gingen meist barfuß auf Weide und Feld. Eines Tages zog die Tochter mit der Lamaherde wieder einmal in die Berge. Felskanten und das scharfe Schallakagras verletzten ihre Füße dermaßen, daß sie bluteten. Ein Mann in einem schwarzen Poncho kam ihr entgegen. Mitleidig schaute er sie an.

„Du mußt große Schmerzen haben“, sagte der Mann.
„Oh, ja“, antwortete das Mädchen. „Aber ich kann nichts dagegen tun. Mein Vater hat mir keine Schuhe gegeben.“
„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Doch als sich ihre Sehnsucht erfüllte, spürte sie, daß sie flogen. Der Mann hatte sich in einen Kondor verwandelt und trug seine Geliebte in seinen Horst über der Schlucht. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, ging der Bauer sie suchen. In den Bergen fand er nur die unbewachte Herde. Voller Sorge führte er sie in das Tal zurück. Dem Mädchen in dem Horst ging es sehr gut. Der Vogel brachte ihr köstliche Speisen, zartes Fleisch von Meerschweinchen oder in Blättern gebackenen Mais. Er verwöhnte sie auch mit glitzernden Steinen aus dem Inneren der Berge. Einmal brachte er sogar farbige Muscheln aus dem grauen Meer mit. Nach einem Jahr gebar sie ein Kind. Doch war sie nicht glücklich. Ihr fehlten die Eltern, das Haus und die Herde. Auch die Freundinnen aus dem Ayllu vermißte sie sehr. Mit Heimweh im Herzen schaute sie in die Ferne, wo das vertraute Dorf sein mochte. Da gewahrte sie einen Kolibri, der zufällig vorbeigeflogen kam. „K´enti!“ rief sie. „Geh zu meinen Eltern und sag ihnen, wo ich bin!“

Der Kolibri ließ sich von ihrer Stimme rühren. Er flog zu den Bauersleuten im Urubambatal und brachte den gramgebeugten Eltern die Nachricht von ihrer Tochter. Unverzüglich wollte der Bauer mit anderen aus dem Dorf in den Horst steigen, um die Tochter zu befreien. Aber der Kolibri sagte: „Fangt zuerst zwei Kröten. Die legt ihr dem Kondor in das Nest. Ich will ihn damit täuschen.“

So geschah es. Die Leute fingen zuerst zwei Kröten und machten sich mit ihnen auf den Weg in die Berge. Behutsam schlichen sie sich an das Lager des Kondors heran und konnten die Tochter des Bauern und ihr Kind befreien. Ins leere Nest legten sie die zwei Kröten.

Der Kolibri indessen flog zu dem Kondor und erzählte ihm eine traurige Geschichte: „Ein böser Zauber ist über uns gekommen. Frauen und Kinder verwandeln sich. Deine Frau und dein Kind sind Kröten geworden.“ Ungläubig flog der Kondor in seinen Horst. Er fand tatsächlich nur noch zwei Kröten vor. Einsam zog er über der Schlucht seine Kreise. Doch anstatt nun für seine Tochter zu sorgen, schickte der Bauer sie wieder barfuß auf die Weide. Mit blutenden Füßen hütete sie die Herde. Und eines Tages kam jener Mann im schwarzen Poncho und schaute sie mitleidig an.

„So darfst du nicht weitergehen“, sagte der Mann. „Ich will dich tragen, damit deine Füße wieder heilen.“ Er hob sie auf. Sie ließ es geschehen. Er trug sie um die Herde, mal hierhin, mal dorthin, sprach scherzend und neckend mit ihr, und sie lachten sehr viel. Als der Tag sich neigte, sprach er mit liebevollen Worten zu ihr. Dies weckte in ihr Verlangen nach Zärtlichkeit. Sie wurde seine Frau. Wie damals erfüllte sich ihre Sehnsucht, und der Kondor trug sie in seinen Horst zurück. Als die Tochter am Abend nicht nach Hause kam, wußte der Bauer, wo er sie zu suchen hatte. Im Morgengrauen des nächsten Tages ging er mit allen starken Männern des Ayllu in die Berge. Sie hatten sich mit der Kriegskeule bewaffnet und sangen zornige Lieder. Doch als sie am Horst ankamen, hielten sie ein. Die Tochter des Bauern konnten sie nicht mehr befreien. Sie hatte inzwischen Flügel bekommen.

Labornotizen:
Antimaterie. Gegenmaterie…  („Gegen-Energie“ War Energie nicht immer Bewegung? Die Sprache spricht. Ein symmetrisch halluziniertes Glasperlenspiel. Sehr putzig.

Hier liegen überall Zettel herum mit Zitaten, wie Steine, die auch immer überall he-rum – liegen.

„Chramer, gip die varwe mir,
Krämer! Gib die Farbe mir, 
die min wengel roete,
Meine Wangen rot zu malen…“

„Sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, womit Sie es zu tun haben.“

„Big things have small beginnings.“

Ich müsste den Tisch aufräumen.

Hier noch eins:

„Sie haben mein Mitgefühl.“

So viel Papier überall.

Juli 2012
 

Erlkönig Postscriptum Kleist

Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Werke für die deutschsprachige Literatur eine Art idealen Vergleichsprozess bereitstellen in der Schub-und Strömungs-dimension von Sprache.  Soll heißen: Im Verdichungs-Prozess ihres physischen Triebwerks.

Die deutsche Sprache spricht von der Physis her, aus der Physis heraus, sehr
undiplomatisch und direkt; eine Pferdesprache, deren Aletheia ganz direkt am zuckenden Muskel sitzt, ohne Spalt, ohne Maske, dicht aufliegt am Fleisch der
Be-Wegung.  Das Deutsche, gut geritten, lässt keinen Platz  und keine Zeit für ein „Wie bitte?“

Man sitzt nicht in der deutschen Sprache wie in einer Kutsche, man reitet diese Sprache, und zwar ohne Sattel und Bügel geschmiegt an den heißen Rücken ihres Ge-Horchs.
Mit Kleist kann man erleben, wie die Schenkel beim Reiten dieser Sprache immer mehr hineinsinken in die Flanken des Pferdes, so mit ihnen verschmelzen,
der Reiter duckt und drückt sich immer dichter an den Rücken, wird dicht und dichter mit dem Tier, versinkt in ihm, beschleunigt weiter , duckt und drückt sich  und verschwindet so beim Reiten ganz in dem Pferd der Sprache, wird selbst ganz Fleisch, ganz Muskel, ganz Atem, ganz Rückrad, ganz Wind; da ist dann überhaupt kein Spalt mehr zum Lügen oder zum Flirten oder auch nur zum Zwinkern, kein Zwischenraum mehr für die Charmance – da, wo so gerne ein entlastend Zweideutiges  hin und her klappern  würde, im Spalt zwischen Wahrheit und Lüge –  das alles reitet sich und dichtet sich mit Kleist ganz  hinein ins Fleisch der Bewegung, der Zwischenraum schließt sich, kein Klappern mehr, es drängt und dichtet sich – sprechend – vollständig hinein in die Muskeln und den Schweiß der Spur  und der Sprünge; die führen den Leser in die Verdichtung,  in einen Sektor wo die Alternative „Dichtung und Wahrheit“ nichts mehr gilt,
nur noch Atem, das Rennen, der Muskel, Durchblutung, Puls – Geh! Geh! Geh! eben das, was die Sprache ist, wo sie herkommt, vom Körper, von der Wirkung, von der Technik der Natur – im Dichtwerden und Dichterwerden im Wahrheitwerden der  Geschwindigkeit in  Strömung erreicht sie dann beinahe wieder schnaufend, atmend, ihren wiederstummen Grund.

Da wittert der  Eros der deutschen Sprache. In ihrem Vorwärtsdrängen, das den Reiter mit dem Pferd verdichtet  zur Einheit der Funktion von Bewegung, Richtung und Lauf. Da hat die deutsche Sprache ihren Speed, ihren Sex.

Die deutsche Sprache eignet sich  deshalb gerade nicht für die  „sexuelle“  oder „erotische“ Schrift.  Sie redet auch nicht „vom Sex“ und „über Erotik“. Eben weil das Deutsche eigentlich – in seinem Innern – keinen Maskenspalt zur
BE-Schreibung offen hält.  Die deutsche Sprache i s t  der Eros. Sie nimmt umweglos Teil an ihm. Sie beisst und zittert und wittert und reitet sich biss ins Universum hinein.

Deshalb macht sie das Philosophische im Deutschen so stark.
Weil das Denken und das Philosophieren im Deutschen  nicht trocken ist, sondern wirklich physisch, pochend , nass und heiß durchströmt. Dampfend.

Den ironischen Reiter schüttelt sich das Pferd dieser Sprache vom Rücken,
wirft ihn ins Läppische ab.

Weil die deutsche Sprache selbst zu dicht am Fleisch, an der Atmung, am Muskel sitzt. An der Technik der Natur – deshalb ist da auch kein Platz für Ironie.

Kleist ist heute deshalb im Inter-Esse, weil er einen Vergleichsprozess stellt, mit dem man das Kutschieren, das  Stolzieren erkennt, das Stil-Pinseln, das Porzellanmalen der deutschen Sprache so gut erkennen kann, all das, was einem angelernten oder angefühlten Salon- und Kommunikationskanon hinterherfuchtelt.

Das All-Ein-Werden mit dem Pferd der deutschen Sprache aber, beim Ritt in der Aletheia, mit der Aletheia, verbietet jede Atitüde. Ein wirklich guter Reiter, und hier ist gemeint ein wirklich guter Reiter, muss nicht nur sein Handwerk vergessen, zudem auch  noch sich selbst. Ein wirklich guter Reiter sitzt zwar auf dem Pferd, aber  er sitzt dort nicht wirklich, er wird zum Pferd, er ist das Pferd, er verschwindet im Pferd und mit dem Pferd  und dichtet sich an den Hals heran, in den Düsenhals hinein, zur ernsten Frage seines Warum. Davon erst kommt sprachliche Bewegung. Das erst macht Dichtung. Als Ver-Dichtung. Das gibt ihr den Bumms. Er vergisst sein Reiter-Sein. Das Pferd der Sprache vergisst ihn und macht sich mit ihm –  in ihm –  auf den Weg ins  Reich des SAGENS.

Wer so reitet, dem stirbt auch nicht das Kind.

Die Sprache ver-gessen, das hat Kleist gemeint.

Ein Mensch – hält keine Hand.
Ein Mensch hat – eine Hand.
Seine Hand ist all-ein.
Diese Hand braucht keine Handpuppen mehr,
keine Hütchen, Symbole oder Metaphern.

So hat der Mensch auch die Sprache.

Er hat die Sprache als Hand.
Er hat sie nicht als  Krankheit oder Hautausschlag.
Er „trägt“ die Sprache auch nicht wie ein Hütchen,
und er „spielt“ sie schon gar nicht „wie “ ein Instrument oder „als ob“ sie ein Instrument wäre.

Das eben berührt auch den Begriff der Grazie, so gemeint von Kleist.

Die Grazie, die einer  Bewusstlosigkeit bedarf oder: aus einem Verschmelzen und Sichhineinlassen mit dem Ganzen der Aletheia das totale Bewusstsein wenigstens ab und zu berührt. Nicht immer, aber manchmal. Im ALL-Ein-Sein.

Aber ein  kulturelles Millieu, das mit „Ästhetik-Begriffen“ fuchtelt oder mit
Stil-Pinseln  in Phantasieräume hinein fummelt, macht es graziösen Texten ganz  schwer.

Wirklich graziös ist heute nur noch – manchmal –  der aktuelle Mensch selbst, wie er in Gegenwart über eine Straße läuft, wie er eine Einkaufstüte packt, in einem  Zimmer steht oder auf dem Bett liegt – und graziös ist beinahe jedes Gerät wie zum Beispiel das Hubble-Teleskop. Oder ein Space-Shuttle, wenn es in den Himmel steigt. Das hat die selbe Grazie wie ein Mensch.

Wem einmal ein Ohr für das Ge-Horch der eigenen Sprache gewachsen ist,  für ihren Ritt im kosmologischen Muskel, dem wird dieses Ohr sofort empfindlich,  schon wenn er  ein  Wort hört  wie „Roman“  oder „Gedicht“ oder „Short-Story“ oder auch nur  das Wort „Literatur“.

Gute deutsche Texte findet man heute entweder in älteren Texten der  Philosophie, in sehr konkreten Reportagen oder sehr oft auch zwischen
den Seiten eines aktuellen wissenschaftlichen Fachbuchs.

Manchmal sogar in einfachen Gebrauchsanweisungen: „Nehmen Sie den Untersetzer. Fassen Sie ihn links vom Griff an. Schrauben Sie ihn ab. Achten Sie auf die rote Markierung. “ Das sind gute deutsche Texte. Das ist der Sex der deutschen Sprache. Ganz ohne „Wie-bitte?“

Sehr graziös sind auch viele physikalische Sachtexte oder Vorträge, sogar wenn sie aus dem 19. Jahrhundert kommen. Weil man hier selten bis gar nicht von Autoren oder Dichtern belästigt wird, die „Literatur“ produzieren oder besonders originell schreiben wollen, vielmehr an einer Sache dran sind, von einem wirklichen Problem geritten werden, darin einer Warum-Frage ge-horchen, in einem wirklichen INTER-ESSE.  Genau deswegen dann zum Teil sehr aufregende Texte produzieren – weil die Sprache hier plötzlich wieder bewusstlos wird und damit graziös. Die Sprache wird geritten von einer physischen Frage und nicht umgekehrt.

Der Physiker Gustav Kirchhoff zum Schwarzen Körper wäre so ein Beispiel. Oder viele Texte von Planck, Ernst Mach oder auch Boltzmann, auch wenn das schon etwas länger zurückliegt.

Was in den letzten Jahren  an „deutscher Literatur“ sich zeigte, soweit ich das, selbstverständlich  ganz subjektiv, in Buchhandlungen gelegentlich müde blätternd, zu Kenntnis nehmen durfte, kam mir  – manchmal, oder: nicht selten, ehrlich gesagt: meistens, vielmehr: fast immer –  irgendwie verklemmt oder verstolpert vor. Es wird stolziert, es wird gekutschert, es wird mühsam paradiert, es wird getümelt, es wird verziert, es wird kopiert, es wird gedrechselt, es wird herumphantasiert, es wird gefenstert, es wird künstlich dramatisiert, es wird hilflos herumgestochert in irgendwelchen „Einfällen“ oder „Sujets“.

Aber kaum einer reitet in einem schönen Pferd.

(Besonders quälend wirkt es,  wenn Physiker am Bachmannwettbewerb teilnehmen und dort „Romane“ vorlesen, wo doch ihre Fachtexte so viel spannender sind.)

Die verklemmten Masken der literarischen Ironie, von denen auch Philosophen nicht mehr lassen können, gehen einem im Deutschen genau so auf die Nerven wie die verklemmten Masken von klassizistelnder Sprachformung  oder das nicht eben sehr tiefsinnige Wortgeknautsche und der Mikro-Zeilenzerbuch von  Lyrik.

Aber das alles kann, selbstverständlich, ja,  auch ein ganz falscher, ein ganz subjektiver Eindruck sein. Das Leben lebt von der Abwechslung und von der Vielfalt. So gesehen  – ist darin wieder alles enthalten und bedacht.

Aber Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Dichtung einen Vergleichsprozess bereitstellt, so ähnlich wie die Carmina Burana. Ein Vergleichsprozess, der hilft, den Verdichtungs- und Schubprozess  von Sprache zu dimensionieren oder einzuschätzen. Man könnte beinahe sprechen von einem Instrument für objektive, wissenschaftliche Literaturkritik.

Prost.

Heinrich der Raumfahrer

 
*

„Ich kann ein Differentiale finden, und einen Vers machen; sind das nicht die beiden Enden der menschlichen Fähigkeit?“
Heinrich von Kleist, Brief an Pfuel, 1805

*

Es bleibt eine beeindruckend langsame Zeitlupe, die Heinrich von Kleist da angeworfen hat.  Seit über zweihundert Jahren schon fliegt, schwebt, nein  – schleicht die Kleistische Pistolenkugel aus ihrem Lauf hervor und hat seinen Gaumen noch garnicht durchschlagen, derweil sie, ganz langsam, seinen Mund durchwandernd, wie durch ein überlichtschnelles Sternentor geschleust, die Gehirne der nach ihm geborenen Schreiber zerfetzt –

– und immer schon zerfetzt hat Kleists letzte Kugel den philomantischen Bregen des 19. Jahrhunderts und dann des 20igsten, vieler, sehr vieler, fast aller nachkommenden Kleist-Interessenten, Kleist-Zitierer oder  Kleist-Verwerfer; ob sie sich nun Autoren nennen, Lyriker, Journalisten oder Philosophen; deren  Vokalübungen,  Syntaktiken, Meinungen oder Taxonomie-Versuche zerplatzen immer jubiläumspünktlich auf den neuesten Papierseiten, blutdruckerschwarz durchsengt von der Kleistischen Kugel, ein immer wieder sich öffnendes Oster-Ei, das seit zweihundert Jahren hier ausgeblasen wird.

Während das Projektil aus seinem Kelch heraus immer noch schleicht, immer noch nicht hat erreicht sein nahstes Ziel: Den empfindlichen Gaumen seines Schützen.

Die Kugel schwebt noch immer, langsam, in Pulverwolken vorm Novemberhimmel seines Gaumens. Kleist lebt. Während ganz viele seiner Nachkommer immer schon getroffen sind und sehr sehr tod.

Die Sternentor-Zeitlupe verspätet auch diesen Jubiläumsartikel.

Was soll man noch sagen zur langen Weile
der Kleistischen Pistolenkugel, was nicht schon gesagt wurde?

Es bleibt aufzuschreiben, was hier im Feld der In-Formations-Forschung –
wichtig wird.

Ein eigenes Genre der Second-Order-Schreiberei ist mittlerweile der
„Kleist-Artikel“ geworden; so wie man die Novelle, den Roman, die Farce oder die Komödie auch als Genre nennt, so muss wohl jeder mit Sprache befasste wenigstens einmal etwas zu Kleist gesagt haben, über Kleist oder um Kleist herum – sonst bleibt da im Denk-Sprech-Apparat etwas unentwickelt. Irgendwelche Drüsen werden dann nicht aktiviert. Sonst bleibt da, früher oder später, die Spucke weg.

Aber was soll man noch sagen zur langen Weile der
Kleistischen Pistolenkugel?

„Ach??“ – der Kleistsche Gaumenlaut.

Ist Kleist unter den deutschen Schreibern vielleicht der größte Langweiler und gerade deshalb ihr Bedeutendster? Die Superzeitlupe der Literatur, die sich vor 200 Jahren angeschaltet hatte als  hochdrehzahlige Kamera in extremer Frequenz von poetischen Erwägung?

Immer mal wieder möchte man es abwiegeln; aber es bleibt da ein Grundgewitter, ein Hochstaunen, das sich nicht einfach abwiegeln lässt.

Die deutsche und vielleicht nicht nur die deutsche Schriftgemeinschaft bietet dem Schreiber, dem Autor, dem Künstler, dem Schriftsteller…oder wie man das auch immer nennen will, nur zwei „Enden“ von Schrift-Existenz an:
Den strömenden Ver-Dichter  und in der Sprache physisch Fahrenden/ oder den moderierten Schrift-Onkel als den Ab-Dichter, den Nachschreiber,  den Porzellanmaler, den Irgendwie-Phantasievollen, den Tonsetzer oder Bilder-Macher irgendeiner Gesinnungsästhetik.

Gezogen  aber hat Heinrich von Kleist mit der Hand seiner Sprache, direkt auf dem steinernen Küchen-Fußboden, einen deutlich sichtbaren Kreidestrich.

Vor diesem Kreidestrich, auf der sicheren Seite:  vertritt sich die mäßige Zeitgenossenschaft ihre Füße, die wohldosierte Epochenklugheit, das gut Gekonnte, das witzig Ausgedachte, das eifrig Nachgeahmte, das gar nicht Untalentierte, das putzig Skandalöse, das tüchtig Gefeilte, das interessant Routinierte, das wollend Thematische, das immergut Sexuelle, das pünktlich Richtige, das irgendwie Intuitive, das köstlich Feuilletonistische, das lustig wortschöpfende, das ganz ganz toll schreibende, das gattungsgeschichtlich hineinhechelnde –  kurz gesagt: das in  Stimmungen und Literarizitäts-Vermutungen sich hinein talentierende Schrift – und Schreib-Gestocher.

Hinter dem Kreide-Strich aber:

Beginnt Kleist. Eine Expedition, eine Fahrt, ein Suchen, die Sprache, die Dichtung, die Forschung, die Dauer, der Raum, das Schiff.
Und  – wer hätte das gedacht: Ein Schmerz und eine Liebe.

Der Schuss von Heinrich von Kleist trifft ihn selbst seit zweihundert Jahren nicht.

Dafür immer genau in die Hirne eben all der Bücheronkel, Schriftproduzenten, Zeitgenossenschaftsbeamten und moderativ gestimmten Feuilletonisten ihrer jeweiligen Epoche, und immer jubiläumspünktlich.
Dabei war, ist und bleibt Kleist so handlich, so mündlich, so physisch, logistisch, fast mathematisch, und dabei: Wirklich poetisch.
Sehr sehr modern.

Physio-logisch.

Dort, wo Sprache wirklich  ist – wo sie ursprünglich herkommt, dort war sie immer… weniger als nur schön, weniger… als nur kitzlig, weniger als nur provokativ, weniger als  gekonnt, weniger als nur fleißig, weniger als memorierend, weniger als  gewitzt, weniger als nur  phantasievoll, weniger als interessant, weniger als nur gewaltig, weniger als  sensibel, weniger als  akrobatisch, weniger als nur abenteuerlich, weniger als nur dramatisch, weniger als nur musikalisch, weniger als nur gut beherrscht –

– Dort: Kommt Sprache aus einem Bereich, in dem sie all das … w e n i g e r  ist  –  um dann hinein zu explodieren in ein V I E L M E H R -A L S -D A S…

Dieser Bereich der Sprache heißt: Total-Ermittlung.

Die Sprache der Totalermittlung kommt aus dem Mund – wenn man so will – kommt sie vom Gaumen. Und fliegt in ihn zurück.

Sapiens, lat: Das Salzige. Der Schmeckende.

Dort: Beginnt das Sagen der Sprache.

Und dort: Hat sie einen anderen Geschmack als das irgendwie Geschmackvolle. Dort liegt sie nicht „immer richtig“ – aber sie hat: eine Richtung. Einen Vektor.

Dort: Verbündet sich die Sprache mit ihrer eigenen Erzählung in ErZähltheit anders geschmackvoll mit dem Empfinden und dem Denken von WERDUNG.
In physischer Zählung und Verzahnung immer in Wirklichkeit; und wirkt sich dann wieder hinein in die Ge-Fahr des Aus-Sprechens, das sich, so zwischen die Lippen hindurch, züngelnd, wieder in die Ge-Fahr des Denkens zurückwindet und dann im Sprechen – wieder hervorschnellt. Bedauernd oder dauernd. Kriechend oder riechend. Kauend oder lauernd.

An diesem Dort: oder vor diesem Dort: Steht ein Schild.
Es trägt die Aufschrift – es muss da und kann nur da stehen mit der Aufschrift:

Schluss mit lustig.

Hier endet jedes onkelhafte Regal von gewählter Symbolik, gemütlicher Metaphorik und gepflegter Dramatik. Sie verlassen den Sektor jeder Gesinnungsästhetik, gedrechselter Phantastik oder stilistischen Hutmacherei.

Ab hier betreten sie den Sektor von Dynamik, Ver-Dichtung und Sprache.
Sie betreten den Bereich des Ur-Poetischen. Sie betreten den Sektor Heinrich von Kleist.

Totalermittlung. Mehr muss man zu Kleist garnicht sagen. Totalermittlung heißt: Das ermittelnde Selbst ist immer auch selbst Bewegtes in diesem ermittelnden Verfahren. Ein sehr offener ungeschützter Vergleichsprozess – der regelrecht physisch BISS in die Sprache hinein reicht.

Man könnte nun einwenden, dass die Totalermittlung immer etwas Pubertäres mit sich herumschleppt,  sich darin verkaut, einer ewigen Pubertätskrise frönt.

Ein sprachliches Wesen, sprechend in der Totalermittlung auf der Suche nach sich selbst, wirkt  immer auch pubertär, also unreif. Hamletal gefährdet – könnte man das nennen.  Oder wenigstens hamletal angezählt.
Ja, Kleist war in einem übertragenen Sinne – ein  Hamlet. Nur etwas mehr eigenverantwortet. Seine Schrift ist – aus den Fugen.

Nur komischer Weise sind alle Schrift-Erzeugnisse, denen man  so etwas wie Reife oder mentale Gesetztheit anriecht, so ein geschickt Ankomponiertes im Sinne  von „Endlich weiß ich, worauf es im Leben wirklich ankommt, und  ich weiß jetzt besonders schön, witzig, keck, überraschend  oder elegant davon zu berichten, und mein Instrument beherrsche ich jetzt auch sehr gut  “ –  wenn man davon etwas zwischen Buchdeckeln oder Zeilen wahrnimmt – textlich – ist sofort immer alles gleich sehr tod.

Schon die Spur einer so genannten gekonnten Dramaturgie, einer abgeschmeckten Geschicklichkeit im Satzbau oder in der Vokalführung, das Mü von Komposition, gibt egal welchem Text, wenn er auf deutsch geschrieben ist, sofort einen verdächtigen Geruch, der eher zum Weglegen als zum Weiterlesen auffordert. Selbst bei den ganz Cleveren, die ihre Schriftlings-Akte mit einer gewissen künstlichen Unsauberkeit  tarnen,  mit irgendwelchen Zeichen von ausgeklügelter Spontanitätsproduktion, reicht  eine winzige wahrnehmbare Spur einer solchen gewollten Maßnahme, und der Text wird sofort müll-fällig.

Kleist gehört zu den ganz wenigen, man darf es sagen: zu den  Dichtern, bei dem sogar noch das Ausgeklügelte – auch in ihm hatte sich ja etwas ausgeklügelt –  das Dramaturgische, die Syntax oder die Vokalführung bis in den Rhythmus hinein, trotzdem nicht aus dem „Dichter“  kommen, nicht aus irgendeinem  ästhetischen Gesinnungs-Rohr herausgedrechselt werden, nein, diese  Texte, ihr Rhythmus, die Vokalführung kommen aus einer Sache, aus einer Passion, aus einer Erwägung, einer Bewegung, kurz gesagt: Sie kommen aus einer sich leer gebeugt habenden  Schale einer Warum-Frage.  Aus einer BerÜHRrung ohne Punkte über über dem U.

Aber woher soll Dichtung sonst kommen? Aus der  Jonglage, vom  Teller, aus irgendeinem pfiffigen Satzbau, einem süffigem Wortschatz?  Vom Aufspreizen irgendeines Talents?

Wie langsam die Zeitlupe von Kleist immer noch läuft, wie fern die Kugel noch dem Gaumen ihres Schützen  schwebt, zeigte neulich wieder eine Jubiläums-Serie der Wochenzeitung Die Zeit: „Wie gefährlich ist Kleist?“
Ein Popkritiker und Sciencefiktion-Autor  hatte da in einem irgendwie-witzig-aber-bescheiden-sein-wollenden Langsatz den verunglückten DDR-Funktionär und Staatsdummkopf Peter Hacks mit Heinrich von Kleist zusammen in einer Zeile verstrickt.
Und dann in eben  der Dunkelkammer dieses irgendwie- wollend -intelligent-aber- bescheiden-klingen-sollenden-Langsatzes Else-Lasker-Schüler hineingewirkt –  um am Schluss wiederum den Raumfahrer Heinrich von Kleist mit der abgestandenen  Glücks – Unglücks- Plakette zu bekleben.
Man muss der Wochenzeitung dankbar sein für diese Serie, die das  ganze geistige Elend offenbarte mit dem Lockstoff eines Kurzbeitrags, für den heute jeder Popkritiker und „Science-Fiktion-Autor“ den Helden und Vorreiter aller wirklich guten Science-Fiktion mit seinem kleinen Mütchen belegt. Und das auch noch im Namen irgend eines – sich bescheiden gebenden –  schlechten Gewissens, das sich ästhetisch situiert am beherrschten oder unbeherrschten Alexandriner. Aber wen überrascht das?

Woher kommt dieser  Hamlet mit dem Namen Heinrich?

1.  Alter  preussischer Militär-Adel , gute Schulbildung, Fahnenjunker Leutnant und Offiziersanwärter.  Frühzeitige Kriegserfahrung mit Todesnähe oder Tötungsnähe (Rheinschlacht) mit ca 16-17 Jahren. Darin Kontakt mit der Hochtechnologie von Europas damalig modernster Militärmaschine.

In einem frühen Brief an Ulrike schreibt Kleist : “
„….das unmoralische Thöten hier…. soll aufhören.“

2. Mathematik-und Physik-Student (nicht aus Pflicht, aus Inter-Esse)

3.  denkerisch beunruhigt von den aufklärerischen
Gedanken seiner Zeit (Kant, Adam Müller) und davon  um-getrieben.

4.  Vertraut mit dem Altgriechischen und der Antike.

5. Ein deutscher  Muttersprachler der preussischen (Pferde-) Sprache

6. Viel zu welt-inter-essiert, um keine religiös sich umwälzenden Fragenkomplexe zu haben.

7. Ein Umherfahrender in Europa.

8. Liebe? Ja, sehr. Leider. Gott sei Dank.

Es gibt an diesem Weg nichts zu verklären aber auch nichts zu dämonisieren. Das frühe Kriegserleben im zarten Alter war damals nichts Ungewöhnliches. Die Kongo-Rebellen  sind nicht die Erfinder der Kindersoldaten. Dass junge bis sehr junge Männer sich in Kriegen „beweisen“  müssen, beweisen sollen oder wollen ist erst seit sehr kurzer Zeit mit gewissen, allerdings absolut berechtigten Fragezeichen und Zweifeln behaftet.
Genau deshalb aber muss man Kleist informationell als eine Nachricht aus dem Übergang lesen. Er lebte eben genau in der Zeit, als all das begann, was heute Humansimus oder Aufklärung heißt. Und aus diesem Übergang, fast könnte man sagen, auf einer Blut-Hirnschranke – wandernd, hat er uns als Dichter etwas zu berichten. Deshalb und dafür hat auch seine (verunglückte?) Raumfahrer-Biografie das, was man  Würde nennt.

…wenn „so etwas“ dann auch noch in einer  ungepolsterten politischen Lage während der napoleonischen Kriege durch halb Europa fährt, als  Spion verhaftet wird etc…was  soll dabei herauskommen?  Gemütlichkeitsprosa? Konversationsgedichte?

Es macht, von heute aus gesehen, keinen Sinn mehr, Kleist politisch einordnen, ablehnen oder vereinnahmen zu wollen, links oder rechts oder napoleonisch oder deutsch-nationalistisch zu bewerten, oder – noch schlimmer – ihn  tätscheln oder  verhauen zu wollen mit irgendeiner Fliegenklatsche von Psychologie.

Man kommt auch mit klebrigem Mitleid nicht weiter. Wer sich Kleist mit Mitleid nähert, etwa indem er ihn einen unglücklichen Menschen nennt, hat schon verloren. Rollstuhlfahrer wollen so etwas – auf Dauer –  auch nicht.  Denn Kleists biografische Ballistik war von ihrem Anfang her eine Bestimmung und Be-Sinnung mit einer 50ig prozentigen Chance. Es hätte auch anders ausgehen können. Ein guter Nachmittag an einem besseren Tag der Besinnung, ein wohlmeinender Bekannter vielleicht, der sich für ihn doch noch auf eine geschickte Art verwendet hätte, oder am Schluss  nasses Pulver, ein klemmender Abzug, was auch immer…

Vieviel Entbehrungen muss ein Kosmonaut auf sich nehmen, bis er in die Kapsel darf, bis er seinen Fuß auf den Mond setzen darf oder auch nur bis in den Orbit? Bis er womöglich stirbt, weil seine Kapsel vorher explodiert. Wieviele Entbehrungen? Wieviel Risiko? Wieviel Schmerz?
Ja, man bedauert und betrauert den Tod eines Astronauten zu Recht. Aber man betrauert den Unfall und den Tod, nicht den Weg.  Man bemitleidet ihn nicht für den vorangegangenen Weg, der ihn bis in den zu betrauernden Unfall hinein geführt hat. Denn dieser Weg hat trotz des Unfalls oder gerade deshalb eine Würde.

(Übrigens betrifft das eine Art der Würde, die denjenigen in ein sehr scharfes Licht stellt, der Kleist mit einem Genie-Begriff belegt, die andere Seite des falschen Mitleids – das ihn bei Seite bringt, ihn noch einmal wegzählt, in dem man sagt, Kleist sei nicht von dieser Welt gewesen – eben ein Genie oder gar ein Alien. Wer so etwas sagt, hat sich selbst als Intellektueller oder als Schriftsteller disqualifiziert. Er wäre dann besser, er ließe seinen Bleistift fallen und suchte sich ein anderes Hobby, das seine hominiden Kapazitäten nicht überfordert. Wer Kleist ein Genie nennt, einen armen Menschen oder gar einen „heimlichen“ Idylliker, der outet sich als ein Analphabeth, der lesen und schreiben kann. (Die schlimmere Form des Analphabetismus.) Er entwürdigt sich selbst.

Kleists Unfall also. War es überhaupt ein Unfall?

Um wie viel ärgerlicher wäre es gewesen, wäre Kleist einfach nur von irgendeiner Leiter gefallen oder wäre mit verknackstem Fuss irgendwo im Gebirge liegengeblieben?

Wenn all das Psychologische hier noch einmal gestreift wird, dann im Sinne einer Sympthomforschung im Feld der Information.

Kleist lesen heißt: Ihn physio-logisch lesen.

Der urkomische Dorfrichter Adam im Zerbrochenen Krug spricht „selbst“-verständlich von Kant. Und er spricht von Kleist. Er ermittelt gegen sich selbst. Vielleicht spricht er sogar – ein möglicher Witz –  von seinem Kollegen und respektable Herausgeberpartner Adam.  Den Adam Müller.

Das Gefäß, der Krug, die Metaphore ist z e r b r o c h e n und irgendetwas strömt da jetzt – aus. Ein Prozess.

So wie Kant versucht hat, ansatzweise inmitten des Selbst und für das Selbst im Namen des urteilenden Selbst zu ermitteln. In einem Prozess. Wie urteilt man?
Wer urteilt? Der Krug ist das zerbrechliche oder mindestens  unsicher werdende Gefäß einer  Selbst-Ermittelung – in einem RINGEN UM FASSUNG…

Und „selbst“-verständlich meint die Marquise von O keine Muschebubu-Geschichte über Männer und Frauen als kichernder Ero-Schmöker; sie stellt auch kein gender-problemelndes Manifest.

Diese Novelle wirkt als eine Selbstermittelung von ermittelnden Subjektilen, abgeschossen in einen beinahe technischen Ver-Gleichsprozess hinein, Subjektile, die sich selbst zum Inhalt der Ermittlung werden und um-gekehrt – sich darin w ä g e n, also w a g e n – in die Gefahr der Subjekt-Objekt-Drehung sich hinein drillen – in einer Los-Gelassenheit.

Selbst-verständlich ist  das wieder Kant. Vielleicht schon und noch mehr der noch kaum publizierte Hegel. Aber eben viel physischer, technischer, wirklicher.

Das Schalten einer Zeitungsannonce der Marquise von O ist auch ein technologischer Akt. Blutdruckerschwarz im damals zur Verfügung stehenden schnellsten und technischstem Medium: der Zeit-ung.

Die „Gewaltigung“. Das technologische Rückspiel von Kriegstechnik in Form einer Flug-Blatt-Aktion per Annonce. Davon handelt die Marquise von O.
Krieg als Massenmedium von physischer Information. „Gewaltigung“ versus „Zeitung.“ Die Schwangerschaft der Zeit.

Selbst-verständlich drillt die Penthesilea eine weitere Um-Windung der Marquise von O, noch einmal gedreht und re-flektiert als Ermittelungsverfahren, in dem die beteiligte Subjektile sich selbst zum Objektil eines Gesetzes werden und wieder zum Subjektil ihres Handelns zurückwinden. Und darin sich treffen und zerreissen. Dann aufessen. Sich einschlängelnd vom Kopf in den Schwanz beißen. Schmeckend dann.

Vergleichsprozesse am Gaumen.

Selbst-verständlich ist der Kohlhaas die Geschichte eines Subjektils in seiner objektilen Bezugnahme zum Gesetz, dass ihn – in einem Vergleichsprozess – wie zwischen zwei Gesetzen – wiederum zum Objektil werden lässt, aus dem heraus er sich noch einmal zum Subjektil wendet und darin  – wieder objektil – umkommend – loslässt.

Auch das – wieder – ein biss-chen Kant. Noch einmal und ganz sicher noch mehr aber Adam Müllers „Lehre vom Gegensatze.“ Und eigentlich dann auch wieder Hegel.

Heute kann man Kleist vor allem erkennen als den Kurt Gödel der Dichtung.

Ein zeichenhaft gegebener Inhalt ermittelt sich selbst. Aber in der Ermittlung trifft er: Auf sich selbst. Doch der Prozess bleibt unvollständig, unschließbar.
Immer ausweichen muss er in eine zum Teil schmerzhafte neue Ereignismenge.

Kleist hat nichts anderes getan, als die Kantschen Vernunfts- und Urteils-philosophie einer Prozess und Mengen-Kritik zu unterziehen: In der physischen Dauer.  An dauernden Körpern.

Der Dorfrichter Adam muss gegen sich selbst be-richten lassen und ermitteln.

Dass hier auf Grund einer Unvollständigkeit irgendwann immer in eine andere physische Menge ausgewichen wird, macht bei allen wichtigen Kleist-Texten das Grundprinzip aus.

Der Dorfrichter Adam könnte sich retten, wenn der Prozess, den er führt
u n e n d l i c h lange dauern dürfte. Der Dorfrichter Adam steht vor dem Problem: Endlichkeit versus Unendlichkeit. Der Prozess, solange er ihn führt, solnge er die Entscheidung im Urteil hinauszögert, verbirgt ihn und rettet ihn.

Solange bis er eine Entscheidung zu fällen hat. Und diese Entscheidung erst macht die Ge-Fahr – erst dieses Urteil sprengt den Ring, zerbricht den Krug dann wirklich. Solange der Prozess läuft, gilt Kant. In dem er aber enden muss, gilt das Leben, also Kleist.

Die klagenden Parteien und Zeugen sind alle endliche und sterbliche Wesen. Sie haben nicht u n e n d l i c h  viel Zeit.

Deshalb wirkt dieser Zerbrochene Krug in seinem Innern auch als ein philosophischer Prozess der Dauer gegen die Zeit.

Im Amphitryon wirkt eine ähnliche Gödelsche Bewegung: Eine Figur trifft auf sich selbst, oder besser: Die beiden Enden einer Figur RINGEN um die Figur. Die Figur ringt um Fassung. Amphitryon tritt sich selbst als Jupiter gegenüber, und jetzt wird verhandelt, wer er ist. Jupiter-Amphitryon oder Amphitryon-Jupiter?

An der Reaktion Goethes in einem Brief an Adam Müller zum Amphytrion, kann man Kurt Gödel direkt erkennen. Goethe schreibt 1807 dazu:

„Nach meiner Ansicht scheiden sich bei diesem Werk (Amphitryon) Modernes und Antikes mehr, als dass sie sich vereinigen. Wenn man die beiden entgegengesetzten Enden eines Wesens durch Kontorsion zusammenbringt, so gibt das noch keine neue Art der Organisation; es ist allenfalls nur ein wunderliches Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“

„…Kontorsion.“ „…wunderliches Symbol.“ …noch keine neue Art der Organisation…“

„Kontorsion“ – warum benutzt Goethe dieses eigenartige, etwas umständliche, Wort?

Warum sagt er nicht – RE-FLEXION?

Man kann Goethe nicht vorwerfen, dass er die Kleist-Texte nicht gelesen hätte. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er damals noch keinen Kurt Gödel und kein Bild der DNA gekannt haben konnte. Wohl aber kannte man schon das RAD und die Planeten-Umläufe. Ausserdem waren da noch Kant, Schelling, Fichte, Hegel etc…

Was man Goethe aber vorwerfen kann: Dass er gegen die Antike ahnungslos blieb. Oder bewusst abdichtend sich verhielt. Sein Antike-Bild war beruhigter, gibserner Murks. Charaktertheater. Griechen-ZDF.

Ja, man soll Goethe auch verteidigen, in dem man ihm zuschreibt, dass er selbst und seine Zeitgenossen überhaupt erst lernen wollten oder lernen mussten, wie man Zivilität lebt und überhaupt adressieren kann, ausserhalb von Mord- und Totschlag und allen plötzlichen Energien. Man kann Goethe also – in einem gewissen Sinne – auch verstehen.
Sie wollten ja dort in Weimar die Zivilität definieren und die Höflichkeit adressieren. Und hatten darin ja auch irgendwo sehr Recht in einer Epoche, die gerade aus ihrem dunkelsten Klima heraus etwas am Aufklaren war.
Deshalb kann man nicht einfach so gegen Goethe argumentieren. Nicht einfach so. Aber….

Zu Kleists „Zerbrochenem Krug“ schreibt Goethe an den selben Adressaten Adam Müller:

„Das Talent des Verfassers, so lebendig es auch darzustellen vermag, neigt sich eher gegen das Dialektische hin, wie er es denn selbst in dieser stationären Prozessform auf das Wunderbarste manifestiert hat. Könnte er mit dem selben Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen, und eine Handlung vor unseren Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt, so würde es für das deutsche Theater ein großes Glück sein.“

„…vor unseren Augen und Sinnen“ – Goethe der Anschauer und Zuschauer.

„…eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt“ – Kleist der Er-Innerer, der Teil-Nehmer, der Er-ZÄHLER. Ein Botentheater, das die Nachrichten enthüllt. Schlechte Nachrichten für Goethe?

„stationäre Prozessform“ – eine Goethische Sprachverlegenheit oder ein Wirbel?

„Kontorsion“: Rückwindung. Einbiegung.

Als sei die Erinnerung nichts Anschauliches, kein physisch dauernder Akt.

(Die Bedrohung der Kleistschen Sichtweise für Goethe ergibt sich, weil auch ein HOF nicht aus dem Nichts kommt oder aus dem Nichts heraus entsteht. Auch ein Weimarer Hof hat eine Geschichte der Ge-Stattung, der Kriege, der Beute, das heißt: Es gibt auch für einen Hof in Weimar eine ER-INNERUNG an die energetischen Grundvorraussetzungen der Ernährung. Davon wollte Goethe nicht so viel wissen.)

Heinrich von Kleist wird später in seinem Aufsatz zum Marionettentheater, einem der ungeheuerlichsten  Texte, die jemals in den letzten 200 Jahren geschrieben wurden – sagen:

„Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der
einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche,
plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des
Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötz-
lich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkennt-
nis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder
ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körper-
bau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendli-
ches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.
Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem
Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzu-
fallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel
von der Geschichte der Welt.“

Mein lieber Herr Gesangsverein. Da liegt die Latte für alle Science-Fiktion-Autoren.  Bis heute. Im Brennpunkt dieser ungeheuerlichen Dichtung verdampft die literarische und philosophische Produktion des gesamten 19. Jahrhunderts; und noch vom 20igsten Jahrhundert bleibt nicht viel mehr übrig als ein bisschen Rilke,  Heidegger, Musil, Frisch….schon ThomasMann bruzzelt hier als nachsingender Schwan in der Kleistschen Bratpfanne.

Goethes Faust macht im Brennspiegel dieses Textes kurz „Puff“ und verschwindet wie ein Wassertropfen von einer heißen Herdplatte.
Und Nietzsches Zarathustra-Knattermimik riecht mit einem mal ganz schlecht.
Gegen diesen Kleist-Text ist beinahe der  ganze Nietzsche Wundschaum oder Müll. Er ist es schon im Vergleich mit der Carmina Burana.
Kleist sieht im Vergleich mit der Carmina schon  sehr viel besser aus.

Kleist hat auf der Höhe des Denkens und physischen Wirkens seiner Zeit empfunden, geschrieben und gedacht, aber vor allem auch auf der Höhe ihrer Bewegtheit und physischen Be-Wegnis.

In der Los-Gelassenheit.

Alles, was denkerisch und philosophisch nach Kleist kam, steht hierarchisch unter diesem Text zum Marionettentheater, oder es bleibt Zeitvertreib und Knattermimik. Das ist eine sehr erschreckende Einsicht, aber leider nicht zu ändern. Kleist bleibt mit diesem Text der Speer und die  Spitze. Auch wenn es noch ein Jahrtausend dauern sollte, bis das angekommen ist.

Als Zeitgenosse der napoleonischen Kriege war Kleist „in Fahrt“ gewesen. Und das hat er, das hat ihn – dermaßen dicht verfolgt, auch geformt, das hielt ihn so versrickt, dass er noch wahrer und noch dichter als die Philosophen selbst artikulierte. Physisch denkend, energetisch empfindend, kosmologisch berührt und projektiert. Er war in einem INTER-ESSE. In einer ER-MITTeLUNG. In einem PROZESS gegen – nicht gegen den Richter Adam – aber gegen den Krug – inmitten des Krugs.

Daraus folgt die seltsam untergründige Zartheit seiner Entwürfe bei aller manchmal hervorstechenden Grausamkeit.
Sie berühren, weil Kleist nicht von aussen gegen den Krug prozessierte, sondern von innen. Er war selbst im Krug. Er war Teil des Krugs.

Diese Involvierung unterscheidet ihn ganz grundsätzlich von allen dümmlichen Grausamkeits-Literaten , hebt ihn deutlich ab von irgendwelchen  Schock-Effektlern und  von jeder Art von  Salon-Plümeranz  oder  angestrengtem  Tabu-Bruch-Design.

Ja, das ist ein – biss-chen – weniger trivial.
Ein biss-chen unanschaulich für den, der keine Augen im Kopf hat.

Kleist war der Dichter, der in Schellings AUGE der Natur schrieb, das „im Menschen die Augen aufgeschlagen“ hatte, in der Blüte europäischen Denkens und geistigen Aufbruchs gelebt, geschrieben, empfunden und gedacht hat. Kant, Schelling, Fichte, Hegel, Adam Müller. Sehr hell, sehr klar, aufgewühlt, berührt. Zusammen mit einigen empfindlichen Bekannten und Freunden war er auf der Höhe der Fahrt und der Gefahren dieser Zeit.

In ihrer Losgelassenheit.

Die Stimmung dieser Zeit ist in den Sinfonien Beethofens eingefangen. Man kann sie hören. Was für ein Aufbruch in dieser Musik!

Wer  das an sich heranlässt, kann  nachempfinden den geradezu körperlichen Ekelschock, den Beethofen und dann auch Kleist und viele andere erfahren haben mussten, als Napoleon Bonaparte sich in schockierender „Kontorsion“ zum Kaiser rückverzauberte.

Schon wieder ein Kaiser. Was für ein Schock. Welche Enttäuschung.

Es wird überliefert, dass Beethofen unter einer Komposition, die er Napoleon gewidmet hatte als den großen Zeitenwender und Befreier Europas vom Absolutismus , eben diese Widmung  wieder vom Papier kratzte, wütend und mit Tränen in den Augen , als er von der Kaiserkrönung Napoleons erfuhr.

Was für eine Enttäuschung. Ein Reiter, erwartet als der frische Zephir-Wind Europas, der den Absolutismus ablösen sollte, und mit dem sogar viele fortschrittlich denkende deutsche Geister  naiver Weise sympathisierten, war plötzlich zum Reiterstandbild gefroren, hatte sich eingeschwärzt aus der Bewegung zum dunklen Selbstbild des Kaisers und Imperators.

Hätte man die Toten der jakobinischen Raserei in Frankreich noch halbwegs mit dem ungeübten revolutionären Rausch und einem allerfurchtbarsten Unfall entschuldigen können – so waren sie jetzt noch einmal enthauptet worden, doppelt tod.

Hier irgendwo, zwischen 1800 und 1810 liegt ein virtuelles europäisches Grab geschockter und herztoter Hoffnungen. Aus diesem Grab heraus stinken nicht nur die Geschockten von damals. Aus diesem Grab stinken immer auch die kleinen oder großen Stänkerein, die sich zwischen den beiden Kunstkonzepten „Romantik“ versus „Klassik“ immer leicht und immer ganz falsch anzetteln. Selbstverständlich mit ihren typisch falsch gewählten Vertretern.

Weil schon die Einteilung Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Spät-Romantik immer schon ein schlechter Gebärdenkrampf gewesen war. Falsch und überflüssig.

Wenn eine Einteilung Sinn macht, dann die zwischen Schreiber-Onkel und Dichter oder die zwischen einem fahrenden Forscher und einem bloßen Sammler und Anschauer. Oder noch anders: Die Unterscheidung zwischen Kleist und dem Rest.

Der Forscher befindet – „sich in Fahrt.“ (zum Beispiel Kleist)

Der Anschauer – „geht auf Reisen.“ (zum Beispiel Goethe)

Die Kaiserwerdung Napoleons steht für ein bekanntes  geschichtliches Symptom. Die neue Klasse des Bürgertums wollte gar nicht Bürgertum sein und neu – sie wollte Adel sein und alt. Das Neue wollte das Alte sein.

So zeigt sich auch in der Figur Napoleons eine „Kontorsion“ – die damals von vielen fortschrittlichen deutschen Zeitgenossen nicht verstanden  oder nur schwer geschockt und enttäuscht zur Kenntnis genommen werden konnte  Diese Kontorsion wirkte dann später, bis heute eigentlich, immer in allen „Bewegungen“.

Die Beweger, die Reiter, wollen irgendwann alle Standbild werden. Auf dem Kamm, auf dem Scheitel der Bewegung, wollen die Beweger selbst Standbild sein, Kaiser.  Noch lebendig aber schon wieder Bronze. Sozusagen unantastbar.

(Das auch berührt einen Teil des Wahnsinns und die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus. Die Kontorsion, die Einwendung von Dynamik zum Standbild. Das Bildende soll Bild werden. Das Funktionierende soll Funktionär werden. Das Führende eröffnet/erschließt sich den Führer)

Das berührt auch Goethes Unverständnis und sein Versagen gegenüber den Kleist-Texten. Oder war es Betroffenheit? Angst?

Denn auch ein Goethe selbst steht für eine Form des kontorsierenden Karierismus. Er war und blieb letztlich immer ein empfindlicher Bürgersohn, kam also eigentlich aus der kommenden, bewegenden Schicht, hatte dann  aber nichts eiligeres zu tun, als sich in einem Adelshof einzurichten.

Das ist die Perversion nicht der Kunst, sondern der Geschichte. Das berührt die Kontorsion, von der die Kleist-Texte handeln, die Goethe nicht verstanden hat oder verstehen wollte. Das Zum-Jupiter-Werden, anstatt zum Jupiter zu fahren.

Der psychologistisch motivierten Literatur-Interpretations-Kultur, insbesondere der Nachkriegsbundesrepublik, fiel sehr oft nichts anders ein, als in Kleists Sprache und Themenwahl zu fahnden nach sexuellen Pathologien, Psychologismen und Skandalen.

Die 100 000 Euro-Fragen lauteten hier immer: Welches Verhältnis hatte Kleist zu den Frauen. Zu seinen Eltern. Zu seiner Kindheit.

Es ist immer noch nicht abzuschätzen, welchen intellektuellen Schaden die endgültige Trennung der „Lebenswissenschaften“ von den Physik im 19. Jahrhundert bis heute in den Köpfen und im geistigen Milieu der Literatur angerichtet hat. Die Waste-Lands findet man heute nicht in Fukushima, oder in der Kalahri, auf  dem Mond oder in Tschernobyl, die wirklichen Waste-Lands findet man in der von physikloser „Lebenswissenschaft“ ausgetrockneten Hermeneutik.

Die  Wüsten finden sich heute in den Bibliotheken der „Psychologie“ und der „Lebenswissenschaft“ – dort, wo man – ohne Physik –  von den „Weisen der Welterzeugung“ redet, von „Intentionalität“ oder „Beobachterrelativität“ – dort stauben die Denkwüsten erbarmungslos gegen alles Leben. „Lebensphilosophie“ physiklos als das Lebensfeindlichste.

Der psychologistische Kleistinterpret bleibt ahnungslos gegenüber dem, was eigentlich der Eros meint und was der Kosmos, wie dieser Eros eine Dichtung kosmologisch  regelrecht zurichten kann  – davon weiß dieser Interpret nichts. Dass jede Psychologie immer nur eine Maske der kosmologischen Physis bleibt – mit dieser Einsicht waren Leute wie Euripides oder Kleist geschlagen.

Der Horizont eines durchschnittlichen Kleist- Interpreten reicht nur bis zu Fragen wie: War Kleist ein preussischer Kindersoldat gewesen, traumatisiert? Hat er sich auf seiner „heimlichen Würzburger Reise“ eine Vorhautverengung wegoperieren lassen?

Da enden die Fragenhorizonte, bis dahin reicht das Interesse, dort erschöpfen sich die allermeisten Begehungen zur Kleistlese.

Ja, es dürfte eine gewisse Geltung haben: Heinrich von Kleist war schon mit 16 oder 17 Jahren an militärischen Kampfhandlungen  beteiligt gewesen. Er erlebte in diesem Alter das Schlachtfeld.
Als Offiziersanwärter der preussischen Armee, zum Teil stationiert in Potsdam, hatte er bis zu seinem 19. Lebensjahr erlebt, was eiserne Form ist, was Disziplin und Drill bis in den Stumpfsinn hinein bedeuten können. Die höfische Höflichkeit des jungen Kleist war die Höflichkeit der Kasernenhöfe.

Kleist hat in einem Lebens-Alter eine Form und eine Förmlichkeit und eine Disziplin und eine Höflichkeit erfahren und gelebt, wie sie ein Goethe sich nicht hätte ausdenken oder künstlich hätte erwirtschaften können.

Goethe, der sich in seinen Aufzeichnungen immer ganz viel auf seine wohlorganisierte Dienstbeflissenheit, seine noch im Dilletantischen ausgeschwitzte Taschenuhr-Uhr-Pünktlichkeit eingebildet hatte, auf seine im ministeriellen Geheimrats-Rock  eingebügelte Tüchtigkeit als eine formgebende Maßnahme eingebildet hatte – dieser Goethe also blieb gegenüber einem Kleist zeitlebens der Mann, mit der geringeren Lebenserfahrung und der geringeren Form-Erfahrung.

Obwohl er viel älter als Kleist war. Und viel geschrieben hat.

Darin liegt sicher ein bisher noch wenig beleuchtetes Missverständniss, wenn man den Form- Haushalt eines Kleist mit dem Form-Willen eines Goethe vergleicht. Kleist war der ältere, der erfahrenere Dichter, obwohl er so viel jünger war als Goethe.

Denn ein Form-Willen ist etwas, das nicht kann, sondern wollen muss, während ein mit der Muttermilch eingesogener Formaler Haushalt wie selbstverständlich immer ausfließt, und sich demzufolge nicht auf die Form konzentriert, nicht konzentrieren muss, dafür viel mehr auf das zu SAGENDE oder zu DENKENDE.

Deshalb bleibt Kleist gegenüber Goethe in einem deutlichen Sinne der größere, der interessantere und der modernere Dichter. Der wahrere. Der Dichter mit mehr Drive in die Aletheia hinein. In das Unverborgende.  Der Dichter mit der stärkeren Denk-Empfindungs-Kraft und Formgewalt. Zugleich der jüngere und ältere.

Was die vitale Form-Erfahrung betrifft, war Goethe zeitlebens immer eine Lusche, der sich zur Form zwingen musste, sie regelrecht erobern musste, der die Form gesucht hat. Und das  erzeugt dann immer etwas Primanerhaftes und verschwitzt Streberhaftes, eben: Etwas ängstlich Bürgerliches –

–  während ein Kleist, aus einem preussischen Militär-Adel kommend, Form und Disziplin und Maß und Rhythmus und Höflichkeit bereits mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dessen Lebensbewegung demzufolge versuchte, diese eingeborene Form-Geprägtheit wieder mehr zu verflüssigen,  oder neu besinnend zu artikulieren, ausfließen zu lassen in Besagung und Bewegung.

Deshalb könnte man sagen: Kleists Lebens-Text kommt aus der Form und fließt gekonnt aus. Goethes Lebens-Text will in die Form und fließt gewollt hinein.

Schon hier zeigt sich, auf welcher Seite das Gekonnte wohnt und auf welcher Seite das Gewollte.

Unangenehm bleibt, dass Kleist diesen weit nach ihm rangierenden Geheimrat so verehrt und angehimmelt hat.

Goethe bleibt mental immer richtig für die Selbstberuhigung im formalen Sofa irgendeiner Weisheit, die zum „geflügelten Wort“ geronnen ist, für die Abdichtung in irgendeinem Merksatz, für das Zuhause-Sein und das Verstandenhaben.

Der aufkommende Verdacht, dass die freundliche  Zitierfähigkeit von einigen Goethischen Sentenzen – sie auch in eine Ablage hinein beruhigt, in dem sie nichts mehr sagen.  Was Goethe gesagt hat, stirbt im Merksatzwerden, weil es Goethe gesagt hat.

Goethe ist der Held der Angekommenen. Der Traum vom „Es geschafft haben.“ Und deshalb hat sein Formwillen und sein Harmonie-Streben immer irgendwo die mentale Pantoffel an. Diese Pantoffeln hat er noch als Italienreisender an den Füßen, der „auf Reisen geht.“ – aquarellierend.

Während Kleist selbst-verständlich immer der Jüngere, der Schnellere, der Wahrere, der Dichtere, der Unruhigere und Fahrende bleibt. Zugleich aber auch der Ältere. Der Mann in ziemlich festem Schuhwerk.

Was die philomantisch-intellektuellen Ergebnisse, die philosophischen Sondierungen eines Goethe anbelangt, da darf man die Frage stellen, in wie weit sie die Erkenntnisse zum Beispiel eines Montaigne oder eines Voltaires oder eines Descartes wirklich erreichen, geschweige denn übersteigen.

Die Deutschen hatten mit Luther zwar eine geistespolitische Wende gezündet, waren danach aber, auf Grund furchtbarster Kriege  intellektuell zurückgefallen. Zu Goethes Zeiten mussten die Deutschen erst einmal zu den Franzosen intellektuell wieder aufschließen. Die Deutschen waren in manchen Belangen, vor allem in literarischen, zu Goethes Zeiten, gegenüber den Franzosen geistige Spätzünder. Die tumben, die naiven Deutschen. Das sollte sich später wieder ändern.

Auf Seiten der Philosophie und in einigen Bereichen der Naturwissenschaft und Experimental-Physik, sah die Lage schon sehr anders aus.

Eines der bis heute völlig ungeklärten Form-Verhältnisse im Vergleich von Kleist zu Goethe betrifft den Unterschied zwischen militärischer Formation und höfischer Formation. Beide Formationen waren zumindest im ausgehenden 18. und anbrechenden 19. Jahrhundert  – noch – Höf-Lichkeiten. Es gab Schlacht-Ordnungen, Kasernen-Höflichkeiten, und Hof-Höflichkeiten als Etiketten.

Kleists Dichtung, sein formal-sprachlicher Grundton kommt aus der Schlachtformation. Sie kommt im wahrsten Sinn des Wortes aus einem DRILL.

Oder wie aus dem DRALL eines Geschosslaufs. Deshalb ist Kleists formaler sprachlicher Haushalt auf Effizienz, Durchschlagskraft und Geschoss-Ballistik regelrecht gedrillt.

Kleists formaler sprachlicher Haushalt verfolgt die Raumsprengung und die militärische Distanznahme. Während Goethes formaler Haushalt eine etwas verkorkste Sicherheitstechnik zur Gebäudesicherung bereitstellt.

Könnte man daraus nun eine dialektische Gleichberechtigung beider Konzepte ableiten und den „Krieg“ zwischen Kleist und Goethe als unentschieden für beendet erklären?

Schließlich will doch jeder einmal irgendwo ankommen und zu Hause sein. Wollte das Kleist nicht auch? Gerade er wollte es doch so sehr. Gerade Kleist wollte doch mit dem Militär nichts mehr zu tun haben und der große Dichter sein. Ankommen im Ruhm.

Nein, so einfach kann man es sich leider immer noch nicht machen. Denn Kleist wollte beides. Er wusste um eine spezielle Wahrheit. Seine Texte verhandeln das, was Rilke über ein Jahrhundert später das  „Gewagt sein im weiten Umkreis des drohend Offenen“ nennt.

Auch Goethe hatte ja am Schluss seines Faust eine Allegorie mit der Landgewinnung gestellt, die einem drohenden Meer abgetrotzt ist.

Aber Kleist blieb unter den Deutschen Dichtern der einzige, der verstanden hatte, der von irgendwoher wusste, wie diese Gezeiten, wie ein solcher  Tidenhub in uns selbst schwappt, nicht nur schwappt, vielmehr RINGT und dass ein solches Wissen etwas bedeutet, etwas sehr Zukünftiges. Und Kleist war der einzige, der diese RINGEN in Totalermittlung – unter Auflösung aller Sefishness nachgezeichnet hat. Es gibt da keinen Strand, dem „wir“ irgend ein Land abtrotzen. Wir sind dieser Strand selbst.

Kleine letzte Psychologie zu Kleist.

Das Freudsche Sofa, als der onkelhafteste und bürgerlichste und wohnlichste Einrichtungsgegenstand, das samtigste und gemütlichste Etui, das man sich überhaupt vorstellen kann – hat mit Kleists Texten insofern etwas zu tun, als das es auf eine urkomische Art wie ein paradoxes Traumschiff auf die Fahrt geschickt wird mit einem zutiefst immobilen und gemütlich in die Polster eingesunkenen Patienten-Passagier, der ja eigentlich an genau seiner Eingesunkenheit und gemütlichen Sofapolsterung leidet, an seiner flauschigen Immobilität, die ja das ganze Gegenteil von einem Schiff behauptet.

Diese paradoxe Situation hätte Potential für ein weiteres vielleicht ur-komisches Kleist-Drama. Weil der bürgerlich in die Polster eingesunkene Sofa-Passagier bei Freud gegen sich selbst ermittelt, also gegen das, was er so gerne nicht sein will, nämlich getrieben, schiffsgewaltig angetrieben. Was er sich angeblich versagt?
Dies tut er aber auf einem gewaltig schweren Anti-Schiff der Immobilität. Ein physischer Etikettenschwindel, den Kleist sofort aufgedeckt hätte.
Kleist hätte irgendwann gefragt: Wo ist denn hier der Schiffsdiesel, der Verbrennungsmotor an diesem Sofa? Warum hat dieses Sofa keine Dampfmaschine? Ihr habt das doch alles da. Wieso fehlt das hier?

Damit wäre aber bewiesen, das Kleist sich nicht als ein Patient der Psychoanalyse eignet, sondern genau umgekehrt: Die Psychoanalyse wäre ein perfektes Sujet, ein Patient für ein Kleist-Drama der Selbstermittlung.

Mit anderen Worten: Freud selbst wäre eine Figur, die schon Kleist erfunden hat oder hätte erfinden können.

Die geistige Urkatastrophe des 20igsten Jahrhunderts ist möglicherweise auch diese nichttechnische Psychologie, welche die dynamisch-technische
und kosmologische Physis in eine schwer gefederte und traumweiche, zutiefst bürgerliche Anhalteposition hineinmaskiert hat oder hineinmaskieren wollte. Status malus.

Adam Müller. Apropos. Wenn man Adam Müllers „Proligomena einer Kunstphilsophie“ liest, veröffentlicht im Phöbus 1808, kann man wirklich melancholisch werden über diese verlorene Zeit. Wie klar, wie zugewandt, wie hell Leute wie Adam Müller geschrieben haben. Zur Wissenschaft und Kunst und Literatur. In Wechselwirkung schon 1808 geschrieben haben. Und wohin das alles dann abgesunken ist, wie es verschwunden war und verschütt gehen musste im Dumpfsinn und Stumpfsinn der territorialen Schiebungen, im Postengerangel, im Ernährungswettlauf dieses unreifen und verzweifelten, sich immer mehr falsche Bilder machenden Europas.

Dumme, verlorene, Zeit. Abgebrochenes, regelrecht amputiertes Empfinden und Denken, dessen schlecht behandelter Amputationsstumpf dann in eine schwärende Figur wie Nietzsche hineineiterte und dort als etwas Wundes aufbrach, aufschäumte, unrettbar zum Vorschein kam, verspätet, falsch bis schräg beatmet. Kaum belichtet.

Warum musste es nach Adam Müllers allerfröhlichster und allerklarster Wissenschaft noch einmal diese gekränkte Wurst Nietzsche geben? Der zwar kurz die Nase an der Physik hatte, mehr aber auch nicht.

1808 war alles Richtige und alles Wichtige für die Zukunft des Denkens im Menschen schon gesagt worden. Von Adam Müller. Von Schelling. Von Heinrich von Kleist. Und von Caspar David Friedrich oder Phillip Otto Runge wurde es gemalt.

Warum musste sich das alles wieder schlafen legen?

Dumme, verlorene, Zeit.

Was ist der Faust von Goethe oder der Zarathustra von Nietzsche verglichen  mit der Carmina Burana?

Antwort: Auswalzung. Wiederholung. Verschlammung. Geschwafel. Wundschaum. Blähung. Handpuppentheater. Hyperventilation. Knattermimik.

Handpuppentheater, nicht für schöne neugierige Kinder, sondern zur absichtlichen Wiederverdummung eines Menschen, der drauf und dran war, erwachsen zu werden. Erwachsen werden wollte.
Ein Handpuppentheater ist physikalisch  etwas grundsätzlich anderes als ein Marionettentheater.

Was ist ein Text von Heinrich von Kleist verglichen mit dem Text der Carmina Burana? Hier muss die Antwort weitaus respektvoller ausfallen.
Ein Kleisttext steht neben der Carmina Burana sehr viel besser da. Auf Augenhöhe mit den Energien. Auch Adam Müller sieht hier sehr gut aus.
Und zwar ein dreiviertel Jahrhundert vor dem unpräzisen Dampfplauderer Nietzsche.

Dagegen wieder Gottfried Benn? Dümmlich. Ein urbaner Penner.

Was geschah sonst noch auf geisteswissenschaftlicher Ebene nach Adam Müller oder nach Schelling? Was war nach Kleist noch erwähnenswert in der Dichtung? Was war danach noch in der Philosophie, oder in der Dichtung, was nicht schon in der Carmina Burana oder bei Schelling oder Adam Müller schon da war?

Wittgenstein?

Als sei das Schweigen keine Physik.
Als hätte das Schweigen keine Dauer.
Als könne das Schweigen nicht gelesen werden und gehört.
Als würde das Schweigen nicht ebenso schreien laut,
wie alles Sprechen dieser immer hoch fallenden Welt.

Ach! (Der Kleistsche Gaumenlaut aus dem Sektor Sapiens)

Oder hat man Wittgenstein nur auch wieder nicht richtig gelesen,
so wie man Nietzsche nicht richtig gelesen hat? Aber warum auch? Warum hätte man das tun sollen? Es hatte doch schon einen so klar denkenden Adam Müller gegeben. Warum hat man einen Adam Müller nicht richtig gelesen? Einen Schelling nicht. Einen Kleist nicht, etc…

Nein, früher war nichts besser als heute.
Es war eben immer nur einiges schon mal klarer da gewesen.

Kleist, der Forscher in Fahrt. Goethe, der „Dichter“ auf Reisen.

Mehr braucht man zum Unterschied zwischen den Temperamenten eigentlich nicht zu sagen. Es ist klar, dass von einem Forscher letztlich die stärkeren Berichte und Texte und Literaturen kommen, die schärfere Wahrnehmung, die schnellere, sozusagen mündlichere und gefährdete Notierung, mehr gerufen und geatmet als geschrieben. Der Zeitdruck eines sich in Fahrt befindenden Forschers schärft alle Sinne auf die Ge-Fahr hin,  beschleunigt und verdichtet das Sprechen auch.

Kleists angeblich komplizierter oder „kunstvoller“ Lang-Satzbau in der Prosa ergibt sich aus einer Art des Mit-Stenografierens im Starkstrom des „selbst sich in Fahrt“ befindenden Forschers. Kleists Art zu sprechen ist eher der Anstrengung eingedrillt, die Sprache gerade noch so zu behalten. Sie in einer Ballistik zu stabiliseren. Sie nicht in die Atemlosigkeit oder in einen unkontrollierten Funkenüberschlag abreissen zu lassen. Daraus ergibt sich ein starker physischer, fast technischer Ton. Manchmal regelrecht metallisch.
Und darin wieder scharf glänzend.

Während es bei Goethe genau umgekehrt klingt. Der Goethe-Ton wirkt angestrengt. Die immer leicht primanermäßige und später onkel-hafte Stilaufpolsterung der Goethe-Prosa in Richtung „Schönheit“ und überhaupt auch der meisten seiner dramatischen Kompositionen sind der Anstrengung geschuldet, sich einem inneren (und falschen) Bild von „Adel“ anzuschmiegen, das heißt: als Bürgersohn „aufzusteigen“ ins Höfische, das er mit Weltbürgertum verwechselte.

Was ihm ja auch  – zu seinem Pech – dann gelungen ist.
Die Komik oder die besondere Tragik eines Goethe, wenn man ihn mit Kleist vergleicht, ergibt sich aus dem Umstand, dass Goethe den „Adel“ für sich entdeckte oder entdecken zu müssen glaubte, nach einem ganz falschen Bild.
Während Kleist aus dem Adel kam, und hier richtigerweise eigentlich erstmal  weg wollte – nämlich in die wirkliche Fahrt, die wirkliche Welt, die damals gerade damit begann, sich wirklich zu bewegen.
Kleist der ältere und zugleich jüngere.

Denn der „Adel in Europa“  zu dieser Zeit, sofern er fest installiert war, stellte selbst zumeist keine Leuchten auf. An den schlecht gelüfteten Höfen überwogen doch meistens die leicht degenerierten Dummköpfe. Auch der Herzog von Weimar war mental und intellektuell eher so etwas wie eine 16 Watt-Birne. Aber man hatte eben den Adel und das Geld, eine gewisse generativ bedingte Feinabstimmung in der Benutzung von Messer und Gabel, sprach französisch, ja, und frönte sicher auch „schöngeistigen Interessen“ – dazu erübrigte man die Mittel, um sich „interessante Menschen“ an den Hof zu holen. Wie interessante Insekten.

Aber aus sich selbst heraus konnte dieser Adel zumeist kein echtes Weltbürgertum verkörpern.
Dass man irgendwie überall in Europa verschwistert und verschwägert blieb, dementsprechend öfter  mal „auf Reisen ging“, machte noch keine Weltbürger aus der ganzen Muschpoke. Man blieb unter sich. Und man „hielt sich“ – wenn die Mittel es zuließen, „interessante Menschen“ am Hof. Zur Unterhaltung, zur Abwechslung, zur Konversation, oder auch als Lehrer für die Kinder.

Wer sich welche „interessanten Menschen“ bei Hofe „hielt“, konnte durchaus zu so einer Art Statussymbol avancieren, so wie heute eine Automarke. Auch Bildung wurde mehr „genossen“ als gelebt oder entwickelt.
In einem besonderen Glücksfall konnte daraus so etwas wie ein „kulturelles Klima“ bei Hofe sich einstellen, ein Effekt, den man seit Weimar oder im Zusammenhang mit Weimar bis heute mit Kultur verwechselt, der man den Namen „Weimarer Klasssik“ gibt.

Genützt hat das historisch offenbar alles nicht so viel. Die Höfe hatte wohl ihre Verdienste. Aber hatten sie wirklich Kultur?

Goethe hatte das Pech, als nicht unbegabter junger Mann einen Bestseller  geschrieben oder vielmehr dem Zeitgeist abempfunden zu haben, der ihn berühmt gemacht hatte und dann eben auch als einen „interessanten Menschen“ bei Hofe vorstellte.

In gewisser Weise verkörpert er damit bis heute eine Art Hausfrauentraum vom Aufstieg. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Berühmtheit verdankte Goethe schon zu Lebzeiten eher diesem Aufstieg und nicht der Schärfe seines Denkens oder gar der besonderen Qualität seiner Literatur. Da waren andere, zum Beispiel Adam Müller, Kant, Voltaire, Diderot, Hegel, Herder, Schelling oder Hegel doch ganz andere Kaliber. Oder Montaigne viel früher vor ihm.

Aber genau das ist es auch, was Goethes „dichterische“ Betätigungen,
seine vordergründige Beredsamkeit und schriftlingshafte Tüchtigkeit so overdressed erscheinen lassen.
Das primanerhafte, das onkelhaft überblümelte, und das Handpuppentheatermäßige seiner Arrangements haben immer etwas von einem Tic zu viel, einem Tic zu überformt, einem Tic zu gebildet, einem Tic zu vorbildlich gesetzt. Eigentlich: In eine allmähliche Verdummung hinein geformt.

Goethe gibt das traurige Beispiel eines Menschen, den sein eigenes, ursprünglich vorhandenes Talent, aus dem wirklichen Weltkontakt allmählich hinauskomplimentiert. Das Talent wendet sich gegen den Talentierten wie ein freundlicher Saal-Ordner und führt diesen zum Ausgang aus der Veranstaltung, die da Kunst, Bildung, Welt und Unruhe genannt werden kann. Der freundliche Saalordner zeigt dem Talent den Weg zum Ausgang in Richtung Dunkelheit und Kitsch. Schade eigentlich.

So wirkt der Umfang und das Ausmaß seiner Schrift-Onkel-Existenz wie ein Panzer, oder wie ein übergroßer und überbunter Blumenstrauß, den ein Mann seiner Geliebten schenkt, der gegenüber er irgendwo ein schlechtes Gewissen behält. Es ist eben alles aufgepolstert, geplustert, zu viel, zu groß, zu lang, für zu wenig Substanz. So auch sein Faust.

Nicht dass der Faust keine Substanz hätte, aber eben eine ganz falsche Substanz. Denn der Autor Goethe begeht sozusagen einen Anfängerfehler.
Der Autor verrät im allerersten Satz seine Hauptfigur. Er verrät seinen Faust.
Der Autor verrät seine Hauptfigur.  Nicht an den Teufel, sondern an eine platte Lüge. Oder zumindest an einen mäßig platten Trick.
Indem er seinen Faust sagen lässt, dass alles Forschen nichts gebracht hat. Dass er „so klug als wie zuvor“ sei. Das ist und bleibt sehr sehr dumm. Und sehr sehr falsch. Ein sehr falscher Stückbeginn für etwas,  das seit zweihundert Jahren die Gymnasien und Theater zustopft.

Habe nun, ach…

Dieses „Ach“, klingt so, als hätte es jemand anderes dort hineingehaucht.

Das Kleistsche „Ach“… War es der Geist Kleists?

Warum heißt sein Faust eigentlich Heinrich?

Fausts Traum von der Reversibilität, von der  Jugend, die irgendwie zurück zu erlangen wäre, blieb der flache, der nichttechnische Traum der Zeit gegen die Dauer . Dass Goethe mit diesem Traum den Mephisto ins Spiel bringt, rettet ihn nicht in die Raffinesse des Kalküls eines wirklich guten Autors. Es bleibt der Unfall eines Abdichters gegen den Geist.

Goethes Verrat an seinem Faust bestand darin, dass kein wirklicher FAUST nach einem intensiven Forscherleben so einen kindischen Schluss ziehen würde. Dass er „so klug als wie zuvor“ sei. Kein wirklicher  FAUST würde so reden.

Wie  beinahe empfindlich  stolz Goethe gegenüber Eckermann doch selbst auf seine „Farbenlehre“ beharrt hatte, am Ende seines „Forscher-Lebens.“ Wie wichtig ihm das wahr.

Aber seinen Faust lässt er sagen: „Habe nun, ach…..bin so klug als wie zuvor.“ Was für ein Verrat.

Für ein so dummes Stück, für so einen schlechten Faust war sich der Teufel zu  schade. Deshalb schickte er irgendeinen luschen Stellvertreter,
irgendeinen Pudel.

Goethes betrogene Geliebte, der er einen so  vom schlechten Gewissen überblähten Lügen-Blumenstrauß erarbeitete, war eben die Welt.

Goethe ist  – vielleicht unfreiwillig – der große Volksverdummer in der deutschen Geistesgeschichte.

Im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Weltbürger, nur ein Aufsteiger. (Absteiger.)
Und im Gegensatz zu Kleist schrieb Goethe keine Weltliteratur, nur Aufsteigerliteratur. Hofliteratur. Zeitliteratur. Konversationsliteratur.
Und im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Forscher, nur ein Anschauer, der auf Reisen ging.

Kann sein, die Welt wird immer den „Aufsteigern“ gehören.
Denen, die alles richtig machen.
Aber gewidmet bleibt sie den Fliegern.
Denen, die eine Richtung haben.

Heinrich von Kleist lebt.
Sein Herz schlägt.
Hier.

Nostromo

Als wäre die Zeit,
als käme einmal die Gelegenheit,
als sollte man sich Gedanken machen,
als müsste man vorbereitet sein,
als könnte man sich wenigstens – ein bisschen –

– darauf einstellen –

– als läge es in der Luft –

– eingestimmt zu bleiben auf die Frage:

Wie riecht ein Alien?

Wie riecht das für uns?

Was ist sein Geruch?

Wenn man in einen Nahbereichs-Kontakt
mit einem, nennen wir es mal: unheimlichen Wesen –

käme –

sollte man nicht die psychische Belastung
unterschätzen, den davon ausgelösten Stress,
dem man ausgesetzt –

– wäre

gegenüber einem Wesen,
das uns geruchs-wesens-mäßig

– NEU ist.

Hier hätte man sich einzustellen auf – das Fremde?

– das wirklich fremd ist.

Das wirklich Fremde?

Das Allerfremdeste?

Von den Geräuschen noch gar nicht zu reden.

Vorgestellt wird hier nicht ein besonders unfreundliches

oder gefräßiges
oder hungriges

Alien

das mit einem Anliegen aus dem Nahbereich –

– im toten Winkel hinter unserem Nacken

an uns herantritt – witternd –

in einer zehntel Sekunde
als besonders – unhöflich uns gegenüber –

– sich zeigt als kulinarisch nur ein BISS-CHEN interessiert –

Vorgestellt bleibt die Frage,
ob man mental verwinden könnte
den fremdneuen Geruch

bei einem ganz freundlichen Alien.

Die Fremdheit, mit der man es bei einem Nah-Bereichs-Kontakt

„zu tun bekäme“

scheint vorstellbar nur als Schock
oder schwerste Irritation.

Er, Sie, Es käme aus einer anderen Erinnerungsgeschichte
Vielleicht nur ein biss-chen verschieden, aber immerhin….

…darauf sollte man vorbereitet sein, wie so etwas riecht.

Ein solches Wesen würde vielleicht –

– aus Höflichkeit

um sich herum verbreiten
den Geruch von Erkältungssalbe.

Kampfer, Minze, Eukalyptus, etwas Alkohol, Kamille –

– zum Beispiel.

Piment…

Aus Klugheit.

Es will uns nicht erschrecken.

Aber schon, wenn da mittendrin noch etwas

anderes – plötzlich –

– hervor röche –

sagen wir auf die Entfernung von einmetersiebzig –

– ganz überraschend ein bisschen Ozon,

uns vertraut von Farb-Kopierern
auch in Funkenstrecken manchmal
wahrnehmbar –

– würden wir mehr als nur unruhig.

Dabei wäre Ozon noch harmlos.

Nicht auszudenken bleiben die Gerüche,
die man sich nicht ausdenken kann, eben

– weil man sie sich nicht ausdenken kann –

– würde unser Gehirn womöglich Zuordnungen konstruieren.

Indem es meint:

„Hefekloß an Aluminiumspänen.“

Beunruhigend bleibt dann aber,
die Entfernung von Einmetersiebzig

auf der man es riecht.

Auch noch in drei Metern. Deutlich.

Eine wirklich andere, deutlich neue Geschichte.

Später dann, ja, wird man immer leicht sagen können:

Das ist dieser typische Aliengeruch,
Mischung aus frischem Brot,
ausgeglühtem Motorblock, Ozon
und Erkältungssalbe…

….oder so ähnlich.

Man wird sich dann nicht mehr erinnern wollen –

wie schockiert man Anfangs gewesen war

als das alles zusammenkam erstmalig

Wie man – ein bisschen – gezittert hat –

– bis ins Herz.

Noch einmal Heidegger: Stadt, Land, Sprache…

Bei Heidegger, um ihn herum…findet sich ein Ungelöstes. Eine Art Rätsel. Warum und wozu nahm er im Denken den bäuerlich-feldgängigen, den ländlichen Sprachton an? Ein Ton des Sprechens und Denkens, der sich bei ihm irgendwann verdichtet hatte zu einer Note, die bis heute angezweifelt oder ignoriert oder gar nicht verstanden wird; die Aussage und Behauptung nämlich, dass „die Sprache spricht.“ Oder noch verschärfter: Dass die Sprache wahr spricht und hier umfassend objektivierbar sich in das hineinbohrt, was man die wirkliche Wahrheit (Aletheia – das Unverborgene) nennen kann.

Mit dieser Note steht Heidegger seit ungefähr 60 Jahren…nicht ganz allein aber doch halbverstanden, kaum verstanden und immer verdächtig… zwischen den federnden Intentionalisten des Sprachgebrauchs, die auf einen Psychologismus der Intentionalität und Kulturrelativität allen Sprechens hinweisen, was sie als „Sprachreichtum“ markieren oder regelrecht abfeiern – während auf der anderen Seite seine Anhänger als „Heideggerianer“ zumeist hilflos – eben „heideggernd“ davon zeugen, dass der Philosoph selbst zu Lebzeiten auch nicht immer der Konsequenteste seiner Methode gewesen war, und auch nicht immer die hellsten Schüler um sich versammelte.

Dabei ist Heideggers Feld, – Wald – und Wiesen-Gestus gar nicht antimodern oder antistädtisch oder antizivilisatorisch. Er spricht noch nicht einmal wirklich bäuerlich. Heidegger spricht eher vorstädtisch. Heidegger wohnt im Denken vor der Stadt, aber er kennt die Stadt sehr gut. Vielleicht kennt Heidegger die Stadt sogar sehr viel besser als die meisten heutigen Stadtbewohner. Ich denke, er umkreist sie. Sein vorstädtischer Sprach-Gestus war die bewusste Wahl eines modernen Zivilisationszeitgenossen und nicht, wie manchmal behauptet wird, generativ hineingeprägt in das milchverglaste Gemüt eines Schafhirten und Messkirchdieners, der irgendwann Philosophie studiert gehabt hatte. Wer von einem Edmund Husserl philosophisch sich ableitet, der zählt ein für alle mal als ein Moderner. Der gehört in eine Zivilisation, die ihre eigenen „Um-Kehren“ immer schon parat hat.

Zunächst muss ich mir kurz das Wort Orbis vergegenwärtigen, von dem sich auch der kosmonautische Orbit ableitet. Orbis wird übersetzt einerseits mit Gleis, Geleis, also Weg und andererseits mit „Umkreis“ im Sinne von „Umland“ oder „Welt-Kreis.“ Die lateinische Formel Urbi et Orbi wird schnell mit „Stadt und Land“ übersetzt, meint aber etwas offener Stadtkreis und Weltkreis. So gesehen wird in der Formel, die älter ist als das institutionalisierte Christentum und schon bei Ovid auftaucht, eine Unterscheidung ansprechbar.

Angesprochen wird hier, wie ein Stadtkreis immer umgeben ist oder eingebettet wird von einem Umland, den man als Weltkreis (Orbis) bezeichnet. Es ist ganz interessant, auf was man stösst, wenn man den Orbis in dieser Bedeutung sich vergegenwärtigt.

Heidegger in seiner ländlichen Denk-Art war ein orbitaler Philosoph, ein Quasi-Kosmonaut des Weltkreises, Umlands und des Wegs.
Deshalb bleibt es spannend, wenn man in Bezug auf Heidegger das Verhältnis von Stadt und Land einmal ganz physisch-thermisch benennt, sozusagen orbital.

Wie beschreibt sich das thermisch-informationelle Verhältnis vom Land zur Stadt? Oder von Weltkreis zu Stadtkreis? Der Weg zu Heidegger, durch ihn hindurch und über ihn hinaus verlangt nach einer Antwort auf diese Frage.

Die Umrandung der Stadt mit Schutzwällen, Stadtmauern und Wehrtürmen als Keimzelle jeder Zivilisation bleibt für die Sprach- und Philosophiegeschichte das Problem.

Was die Stadt erlaubt, was sie ge-stattet – als Keimzelle der Zivilisation, das schneidet sie zugleich auch – ab.

Aber von was?

Ein relevantes Fragen von Sprachkritik in der Sprache kümmert sich nicht um die Prägungen, Dialekte, Melodien, Mißverständnisse, nicht um Lautverschiebungen, um die Abschliffe, nicht um Veränderungen, nicht um Intentionalität, nicht um die Kulturrelativität oder das Rauschen zwischen verschiedenen „Individuen“ und Subjekten der Spracherfahrung. Dies alles sind eher Teil-Aspekte einer anderen, einer größeren und viel schwerer wiegenden Frage.
Das eigentliche Problem oder die große relevante Frage von Sprachbefragung für den Frager, der etwas Wichtiges über die Sprache erfahren will, lautet: Wie beschreibt sich das Verhältnis von Stadtsprache (Zeit) und Landsprache (Dauer)? Die wirklich relevante Frage jeder philosophischen Sprachkritik lautet:

Wie sehr ging eine Sprache durch die Stadt und wie lange übers offene Land?

Durch Stadttore hindurch ernährt sich die Stadt. Eingang und Ausgang. Zugespielt und vorgetragen, beäugt, kontrolliert, verzollt und ge-stattet – so erreichen die Dinge und Waren und Menschen die Stadt. Waren, Getreide, Tiere, Ernährung, Geschmeide und Brennholz – ebenso wie Neuigkeiten als Nachrichten zum Geschehen da draussen – können die Stadt nur erreichen über den Masken-Spalt der kontrollierenden und Zoll erhebenden Tore und Häfen. Deshalb bleibt „Die Stadt“ gegenüber dem Um-Land, dem Orbis, der zeit-habende und ver-arbeitende Raum. Die Stadt ist – gestattete Zeit. Ein Aufenthalt. Ein Status.

Eine Stadt wächst zu einer schranken- und mauer-vermittelten Ge-Stattung, während das Land als der Orbis drum herum strömt als der produzierende, der umwitternde und umwirkende Orbit. Das ernährende Blut als – der Lieferant der Stadt. Deshalb fühlt sich eine Stadt, ähnlich wie ein Gehirn, in ihrem Innern, ohne Dauer an. Die Stadt fühlt in ihrem Innern vielleicht Zeit, aber sie fühlt keine Dauer mehr. Denn die Dauer wirkt fühlbar orbital nur im Umland, dem Orbit der Stadt.

Die Stadt ist Ge-stattung, die in der Dauer gestattet ist. So jedenfalls über viele Jahrtausende.

Die Stadt steht – ohne Dauer – gestattet. Gestattet inmitten von Witterung und Wetter. Die Stadt – steht – gestattet – unweit von bestattet – wie das so treffend sagt – als Stadt. Sie hat Stadt.

Die Feinde der Stadt, ebenso wie ihre Ernährung, das Getreide, das Brennholz und auch Nachrichten von draussen – kommen von außen durchs Tor. Sie müssen immer durchs Tor. Durch die Schranken der Zollstationen und Stadtmauern hindurch wird, was da kommt, kontrolliert und ge-stattet. Und weil da dieses Aussen wirkt – deshalb ent-steht die Stadt. In der Stadt und hinter den gesicherten Mauern, kann – dann – in Ruhe – gestattet – gedacht, erkannt, verarbeitet werden, gespielt, getauscht, gerichtet, erwogen und erwählt. (Auch Städte, die an Flüssen oder Furten erwuchsen, hatten hier immer Einrichtung der fluss-seitigen Wehr – Zoll- Wach- und Kontrollstation. Nichts und niemand kam „einfach so“ in die Stadt hinein.)

Weil aber die Stadt nur über Stadtmauern und kontrollierte Einlass-Kanäle und Tore oder Häfen – sozusagen gequantelt – vom Umland ernährt werden kann, entsprechen die Stadtmauern in etwa der Funktion einer Blut-Hirn-Schranke. Die Stadt ist eine Art Gehirn, während das gefährliche, unbewachte chaotisch strömende Land drum herum dem orbitalen Blut entspricht, von dem nur manches kontrolliert Einlass erhält, während alles draussen bleiben soll, was Feind ist.

Die Stadt als Feier und Festung, das Fest des Landes. Brüter oder Brut-Stätte, die vom Orbis, dem Um-Land, bebrütet, beheizt und genährt bleibt, aber auch bedroht.

Weil die Stadt eine umrandete und umschlossene Ge-Stattung stehend stellt – deshalb kann man sie thermodynamisch und von innen her als zeitlos beschreiben – oder besser: als einen Ort mit einer eigenen Zeit. Oder besser: mit einer Innen-Zeit, dem eigenen Innenrhythmus – im Unterschied zur andauernden umströmenden IRREVERSIBLEN Dauer des Landes, welcher die Stadt wie ein andauernder Orbit umströmt.

Die Stadt bildet thermodynamisch in ihrem Innern eine starke Reversibilität aus. Sie neigt in ihrem Innern zu wiederkehrenden Routinen und Rhythmen, zu ganz innenstehenden Wiederholungen, man könnte sagen: Eine Stadt reflektiert und refferiert sich selbst an den Innenseiten ihrer Stadtmauer – ihrer Blut-Hirnschranke.

Die Stadt als etwas erbrütetes und Brütendes – in der Brühe des Landes.
Die Stadt als eine Art Ei.

Die Stadt „hat“ stehend und gestattend – Zeit. Das Land brütet die Stadt.

Die Stadt ist ein Zeit-Raum. Ei-gen.

Die Stadt erlöst ihre Bewohner vom an-dauernden Zeitdruck des Landes. Sie nimmt die Stadtbewohner hinein in eine Brut und brütet aus: Universitäten, neue Ideen und neue Worte, eigene Regeln, Handwerke, Muster, neue Fertigkeiten, Wortvielfalten, Wortwahlfreiheiten, Fachsprachen, Spezialgrammatiken, Jargons, Erfindungen – und vielleicht und später dann: schlüpft aus dem Ei der Stadt eine ganze große Zivilisation – zum Beispiel Griechenland, zum Beispiel Rom.

Im Status einer imperialen Zivilisation weitet und wächst sich die Innenzeit der Eizelle Stadt aus – auf ein ganzes imperiales Gebiet – ein ganzer Staat – so wie damals Athen.

Wenn das Ei der Stadt aufplatzt, dann schlüpft manchmal ein Imperium und wächst zum Staat.
Aber das markiert dann zugleich eine Phase, in dem der Orbit, als das umlandende Land als Weltkreis der Stadt für immer mehr Menschen generativ und allmählich in eine diffuse Ferne rückt.

Man könnte sagen: Die Städte „vergessen“, dass sie vom Umland lediglich: ge-stattet sind.

Und irgendwann hält sich die Stadt selbst auch für das Umland. Sie wird Staat.

Bei Ovid findet sich dazu eine sehr aufschlussreiche Bemerkung: „Andere Völker haben ein Gebiet mit festen Grenzen: Nur bei dem römischen deckt sich die Stadt mit dem Erdkreis“, (Fasti II)

Diese Sentenz von Ovid ist sehr aufschlussreich. Heute könnte man sagen, Ovid spricht davon, dass eine Zivilisation (damals die römische) irgendwann alles internalisiert und inventarisiert, so dass sich der Unterschied zwischen „System“ und „Umwelt“ beinahe ganz aufhebt. In einem römischen Imperium wie zu Ovids Zeiten gibt es sozusagen gar keinen Orbi mehr, weil alles Urbi geworden ist, also Stadt.

Ein ganz typisches Zivilisationsmerkmal, das aber leider auch Risiken und Nebenwirkungen zeigt.

Eine stehende und gestattete Stadt hinter den Mauern ihres „Zeit-Habens“, sei sie nun eine Stadt oder eine ganze imperiale Zivilisation, produziert irgendwann in ihrem Innern auch den Überschaum, die städtischen Moden, die Phantasien, das Geschwätz, das Gerede, die Faxen und das Geschwafel auf Marktplätzen und Statt-Plätzen, die Brot- und Spiele-Spiele, die Nuancen und immer mehr Nuancen, die Wucherungen und Abarten von Philosophemen und semiphilosophemischen Gewächsen… endlose Ausdifferenzierungen hinein in den Geräusche-Markt-Platz der Unterschiede – so – als die viel gewusste, schon oft beschriebene und seit Jahrtausenden bekannte und hochberühmte zivilisatorische Decadence – bis hin zur allmählich ungesünder werdenden Sophistik (die einmal als gesunde und notwendige Redekunst begann) – all das bleibt parasitäres aber eben auch schönes und angenehmes und verspieltes Nebengeräusch des Luxus – in der Lichtung – der Stadt.

Wenn sich die Stadt als Keimzelle von Zivilisation über die Mechanismen der imperialen Expansion zu einem Imperium ausweiten konnte – dann kommt irgendwann die DAUER zurück ins Spiel.

Was hat das nun mit Sprache zu tun?

Die Stadt innerhalb ihrer Grenzen in thermodynamischer Abschirmung und Schrankenvermittlung beeinflusst und überführt die Sprechgewohnheiten und die Sprachentwicklung vom Modus des nomadischen Zeitdrucks der DAUER (einer physisch ANSPRECHENDEN Sprache) in den Modus des städtischen „Zeit-Habens“ Und das bedeutet: In einer Stadt, als beinahe-geschlossenem System, wirkt die Entropie nach innen – auflösend, hochlösend oder einlösend.

Anders gesagt: Die Sprachen und das Sprechen innerhalb von Stadt verfeinern und mischen und atomisieren sich zu Sprachfeinheiten, Wortdifferenzen, Wortwahl-Freiheiten, Sophistikationen. Der Sprachgestus wandelt sich vom dringenden BE-RICHTEN und ER-ZÄHLEN in das kultiviertere REDEN und dann ins feine BE-SCHREIBEN, was zugleich den Übergang vom Sprechgestus zum Schriftgestus markiert.

Diese innerstädtisch-entropische Atomisierung und Verfeinerung der Sprache ist einerseits Segen, andererseits Fluch.

In dem eine solche Sprache vom physisch drängenden Gestus des Er-Zählens Be-Richtens in den kultivierten Gestus der Rede und des BE-Schreibens überwechselt, entfernt sie sich von der NOT-WENDUNG des physischen An-SPRUCHS, sie entfernt sich also von dem SCHREI, dem PULS, dem ATEM dem SCHUB dem SCHRECK, dem SCHOCK und der ZÄHLUNG von Sprache.

(Eine ganz simple Begründung hierfür geben auch die vielen steinernden Wände und Innenräume der Stadt. Die erfordern ein „leiseres“ – höf-licheres Sprechen. In Höfen und Innenräumen, sowie zwischen Wänden oder Mauern wirkt es eher unpassend, auf SCHUB und SCHRECK zu sprechen. Der „Rück-Knall“ von steinernden Wänden wäre auf Dauer unangenehm. Zum anderen ist die Stadt der Ort, an dem nichts mehr „zieht“ oder „schiebt“ oder hindurchzieht. Die Stadt ist nicht mehr der Ort des unmittelbaren Handelns im andauernden Zeitdruck, sondern des VER-Handelns auf Marktplätzen. Nicht mehr der Ort des physischen Sprechens im unbedingten An-SPRUCH, dafür ein Ort des Be-Sprechens auf dem Platz.

Es wird spürbar, wie der thermodynamisch umgrenzte „Gefäß-Status“ einer Stadt eine gar nicht zu unterschätzende Auswirkung auf jegliche Sprachentwicklung hat. Und es ist in diesem Zusammenhang sehr nachvollziehbar, wie zum Beispiel die META-PHER (Phore-Gefäß) als Sprachgefäß eben primär nichts zu tun hat mit „Schönheit“ oder mit „Eleganz“ oder mit „Geistes-Tiefe“ im lyrischen Erguss, nein – die MetaPHER ist eine Höf-lichkeit. Die Metapher oder das sprachliche Bild ist eine eher pragmatische Folge-Erscheinung von Stadtsprache. Denn die Metapher will selbst umranden, umschließen, bergen.
(Die meisten sogenannten Dichter von heute halten die Metapher für etwas Tiefes oder für etwas besonders Gewitztes, Geschicktes oder irgendwie Kitzliges. All dass kann sie heute manchmal sein, weil man sich an die Metapher gewöhnt hat, wie an etwas Naturgegebenes der Sprache. Was sie aber nicht ist. Die Metapher ist etwas, dass sich aus der sprachlichen Situation im Gefäß-Status Stadt ergeben hat.
Die Metapher ist eine HÖF-Lichkeit, ein Gefäß, mehr nicht. Man schreit sich in einer Stadt nicht mehr an oder hinterher, man ver-handelt und be-spricht, man tauscht in Sprach-Gefäßen auf Nah-Bereichs-Markt-Plätzen.

Aber was lauert nun als Fluch einer solchen sprachlichen Entwicklung, die man sich über Jahrhunderte bis Jahrtausende langsam ablaufend vorstellen muss?

Das Problem von Städten und Staaten, sprich: von Zivilisationen, die sich über mehrere Generationen halten, auswachsen und ausbilden – also DAUERN – entwickelt sich dann in der vierten und fünften und zehnten oder 30igsten Menschen-Generation nach der Gründung allmählich zu einer Art Sprachschwäche der Landlosigkeit. Das wäre sozusagen ein überbrüteter Zustand der Stadt im Status eine lange sich eingespielt habenden Zivilisation.
Nach Generationen der städtischen Dauer hat die Sprache ihre ursprüngliche Anbindung an die physische Not-Wendung verloren. Der PULS, der SCHRECK , der SCHUB, der SCHREI, der SPRUCH der Sprache, ihr rein mündlicher HAUCH ist jetzt über Generationen metaphorisch geborgen und eingehegt. Alles Sprechen kommt jetzt doppelbödig gepflegt, sophistisch sumpfig, ironisch mehrdeutig interpretierbar und feintönig daher. Es herrscht die Wortwahlfreiheit und die Feinheit, die metaphorische Erfindungsgabe und Gefäßmacherkunst. Das Sprecher-Ohr und das Leser-Ohr hört jetzt in die Differenzen der Sprach-Bruch-Wort-Echos und in die Metaphern-Schäume in der Sprachfläche; aber es ge-horcht kaum noch dem vertikalen physischen An-Hauch der Sprachphysis.

Die bergende Metaphore der Stadt hat in Zivilisationen irgendwann die gesamte Sprache umschlossen, sozusagen eingeschlossen, metaphorisiert – geborgen. Die Sprache selbst ist jetzt eine geborgene Sprache. Zuletzt vermischt sich diese geborgene Sprache mit geschriebener Sprache zu einem Gelehrten- und Kennerjargon, einer doppelt geborgenen Sprache, die fast nur noch redet, umspielt und zitiert, aber nichts mehr sagt.

Die wirkende Wahrheit aber, die Aletheia (griechisch: Das Unverborgene) kommt aus der wirkenden Physis und Physik einer Sprache, die selbst noch aus dem Ungeborgenen kommt, also nicht aus der Stadt, nicht aus der geborgenen Umrandung und Ummauerung, nein, die Wahrheit kommt aus dem Orbis, dem ernährenden Land, sie ist der Orbit. Aletheia kommt aus dem un-heimlichen und ungeschützten strömenden Weltkreis, dem kreisenden Orbis der Stadt. Die Aletheia als das Unverborgene und Un-Heimliche ist NICHT Metapher und Gefäß, sondern Fahrt und Gefahr, Knall und Fall, Schub und Puls, Hauch und Atem – das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein galoppierendes schnaufendes Pferd, das über offenes Land rennt – irreversibel – das ist die Aletheia.

Der überbrütete Zustand des Städtischen aber kann nun schon seit Generationen nichts mehr anderes aussprechen, und nichts anderes mehr bereden, als das Oft-Schon-Beredete. Die Stadt ergeht sich in Wiederholungen des Eingespielten, in Selbstwiederholung der überlieferten Routinen, Verkehrsregeln und Romane, der Spiele, Kommunikationen und Simulationen und Inventarisierungen. So rundet und umrundet, so schließt und umschließt eine Stadt-Sprache allmählich alles Sagen in ihr Gefäß. Man könnte auch sagen: Die Sprache wandert aus dem Sprechen ins Versprechen.

(Das Einwandern der Sprache aus dem Sprechen ins Versprechen metaphorisiert die Aktualität, den Atem und den Puls eines Geschehens in ein Gefäß hinein, umschließt es dort wie in einer bemalten Amphore oder Vase, dessen Aufnahmefähigkeit offenbar nicht unendlich groß ist. Ein Versprechen ist ein Gefäß zur Aufbewahrung von Zukunft und will irgendwann wieder sich ausgießen oder eingelöst sein in Handeln und Geschehnis.)

Die späten und Xten Generationen der Stadt sind dann die zweiten und dritten und vierten und Xten Generationen nach einem lange zurück liegenden, kaum noch erinnerten Gründungsakt der Ge-Stattung. Diese späten Generationen sprechen jetzt hochverfeinert, aber ihre Feinheit gleicht dem eines Souflés. Die Feinheit der Sprache bleibt substanzarm, blutleer und bodenlos. Diese späte und überbrütete Generation in den Städten ist immer schwer gesprächig und beschäftigt, und dabei hoch reizbar, verletzlich und gelangweilt. Die späte Generation ist ausserordentlich gebildet und kenntnisreich, unterscheidungsfähig, aber existenziell verdummt und immer ein bisschen bodenlos. Habituell aktiv und verspielt, aber ziellos und ungeerdet. Diese städtisch-zivilisatorisch aufgewachsenen Spät-und Folge-Generationen geben dann den Typus des Dandys, des Zynikers (oder Kynikers), des Flaneurs, des Eleganten, des Künstler-Bohemiens, des Satirikers, des Kritikers im „Querdenkertum“ oder im „Dagegen-Sein“ oder den Stoiker, den intellektuellen Stadtstreicher, den „Provokateur“ oder oder…All das, diese ganze Entwicklung der städtischen Sprache, kann man in den Literaturen und Berichten aus römischer und spätrömischer Zeit bereits herauslesen, manchmal auch aus griechischer Zeit in Folge einer imperialen Entwicklung, sofern überliefert. Auch in römischer Zeit gab es schon den „witzigen Skeptiker“ , den „zynischen Intellektuellen“ – den „Satiriker“ ebenso wie den „mythisch Raunenden“, den „Reiseschriftsteller“ den „Abenteurer“, den „ewigen Aussenseiter“ den „Großphilosophen“, den „Staatsdichter“ , den „Erotiker“ den „epikuräischen Gleichgewichtler“ etc…
Aber schon ein Ovid sagt zu seiner Zeit nichts Neues mehr. Auch ein Ovid schreibt nur noch um, dreht und wendet alte Stoffe und schreibt sie noch einmal auf. Auch er bereits ein aus dem Sprechen ins Versprechen ausgewanderter. Er zitiert und zitiert und zitiert….aber das tut er hübsch, fein, silbrig glänzend, melodiös und urban vertratscht. Aber auch bei ihm ist der Eros nur noch „Stoff zur Rede“ Auch er ist schon ganz „Stoff-Redner“ von „Stoffen“ aus längst beredeten Archiven und vergangenen Zeiten. Seine Verbannung war eher ulkig, Sport.

Heiner Müller fällt mir hier kurz ein. Er hat sich einmal die Frage gestellt, warum der Historiker Theodor Mommsen keinen 4. Band der römischen Geschichte mehr geschrieben hat. Dieser 4. Band hätte den Zeitabschnitt behandeln sollen, in dem auch ein Ovid lebte, die beginnende Kaiserzeit. Müller interpretiert das „Schweigen“ von Theodor Mommsen, den nicht mehr geschriebenen Band über diesen Abschnitt der römischen Geschichte mit einer gewissen Lethargie des Historikers. Mommsen habe nicht mehr „die Leidenschaft gehabt“, diesen Abschnitt der römischen Geschichte aufzuschreiben – warum nicht? Die Antwort, die Müller aus Briefen von Mommsen herausfühlt, lautet: „Nur noch Klatsch und Hoftratsch, Getändel, Spiele, Intrigen und die üblichen Scharmützel“ Die mit Augustus beginnende Kaiserzeit war für den Historiker nicht mehr interessant. Für diesen Abschnitt findet sich in den historischen Archiven nur noch Klatsch und Hoftratsch und „silbriges Latein“ Mit anderen Worten: Für den Historiker Mommsen hat dieses Rom der Geschichte nichts mehr zu erzählen, ausser seine Innenberichte. Die Archive erzählen fast nur noch Innen-Status. Kaum noch Dynamis.
Die Sprache und das Latein dieses Zeitabschnitts ist g e b o r g e n. Warum soll man so etwas noch einmal als Historiker aufschreiben? Dazu hatte der Historiker Mommsen keine Lust mehr.
Ich nehme diese Geschichte hier als Verweis auf den Zustand von imperialer Stadtsprache, die ganz in eine g e b o r g e n e Gefäß-Sprache eingemündet ist. In solchen Zeitaltern haben die „Dichter“ Hochkonjunktur, welche die „FORM“ wahren und das „MAß“ umspielen.

Das, worauf Heidegger hinauswollte, ist oder war etwas ganz anderes. Heidegger wollte auf die Aletheia hinaus, das Unverborgene.
Das Unverborgene aber ist, wie gesagt, NICHT Form und NICHT MAß und NICHT Stadt. Das Unverborgene ist keine Inventarisierung, sondern STRÖMUNG.
Obwohl sich auch bei ihm manchmal Formulierungen finden, die nach Maßgabe seiner eigenen Methodik unvollendet wirken, in denen er nuschelt und murmelt und man beim Lesen öfter denkt: Warum sagt er es nicht noch deutlicher? Warum murmelt er so?
Und während man das denkt, findet sich dann plötzlich diese Passage:

„Das Wort „Wage“ bedeutet im Mittelalter noch so viel wie Gefahr. Das ist die Lage, in der etwas so oder so ausschlagen kann. Darum heißt das Gerät, das sich in der Weise bewegt, daß es so oder so sich neigt, die Wage. Sie spielt und spielt sich ein. Das Wort Wage in der Bedeutung von Gefahr (Anmerkung T.B.: etwas wagen.) und als Name des Gerätes kommt von wägen, wegen, einen Weg machen, d. h. gehen, im Gang sein. Be-wägen heißt auf den Weg und so in den Gang bringen: wiegen. Was wiegt, heißt so, weil es vermag, die Wage so oder so ins Spiel der Bewegung zu bringen. Was wiegt, hat Gewicht. Wagen heißt: in den Gang des Spieles bringen, auf die Wage legen, in die Gefahr loslassen.“

Houston – das war Heidegger at his best. Das war das Space-Shuttle mit dem Namen Martin Heidegger. Das war Denken. Und es weist, wie man jetzt wissen kann, auf den Vergleichsprozess der Thermodynamik. Wer von der Wage und vom Wagen spricht, – vom Erwägen, der spricht letztlich – und im Innern der Ge-Fahr – vom thermodynamischen VerGleichsProzess – der auch ein Ab-Wägen oder Vergleichen in GeFahr verfolgt – das ins Spiel bringen des Ver-Gleichs im Ab-Gleich zu einer Strömung….oder kognitiver: Den kognitiven Ver-Gleichs-Prozess, dessen es bedarf, damit ein Gehirn überhaupt etwas einschätzen oder vergleichen kann.

…und weil hier an anderer Stelle einmal etwas Abschätziges über Rilkes „Kitschgedichte“ gesagt wurde, soll hier einmal ein wirklich Gutes von ihm lobend beigestellt sein. Nicht deshalb, weil Heideggers Text sich auf dieses Gedicht bezieht, sondern weil es Rilke selbst als jemanden zeigt, der sich Gedanken macht – erstens, und zweitens, weil dieses forschende Gedanken-Machen sofort das Versmaß lockert und ihm die Parfümierung nimmt.

„Wie die Natur die Wesen überläßt dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins besonders schützt in Scholle und Geäst, so sind auch wir dem Urgrund unsres Seins nicht weiter lieb; es wagt uns. Nur daß wir, mehr noch als Pflanze oder Tier mit diesem Wagnis gehn, es wollen, manchmal auch wagender sind (und nicht aus Eigennutz), als selbst das Leben ist, um einen Hauch wagender …. Dies schafft uns, außerhalb von Schutz, ein Sichersein, dort, wo die Schwerkraft wirkt der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt, ist unser Schutzlossein und daß wirs so ins Offne wandten, da wirs drohen sahen, um es, im weitsten Umkreis irgendwo, wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.“

Dieses Gedicht von Rilke kann man lesen als eine positive Widmung ans Space-Shuttle. Das Gedicht wurde 1924 improvisiert oder: entworfen – könnte man sagen, und zählt zu den sogenannten späten Gedichte von Rilke. Und es ist ein gutes Beispiel für eine nichtdumme Dichtung, die keine Ab-dichtung ist.

Das Kribbelige dran bleibt nun, dass die Heidegger-Anmerkung zu dem Rilke-Gedicht sich in einem Band findet, der „Holzwege“ heißt mit der schönen Überschrift: „Wozu Dichter?“ – eine Frage, die wiederum einem Hölderlin-Gedicht entnommen wurde mit der Zeile: „Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“

Nach mehrmaligem Lesen dieses Textes innerhalb der letzten Jahre, glaube ich, dass genau dieser Text den ganzen Heidegger zeigt in seiner Stärke aber auch in seinem, tja, wie soll man sagen… Ungelösten, seiner Schwäche? Oder womöglich in einem schweren Missverständnis? Entscheidend bleibt eben das „zu“ in Wo-zu? – was ja als ein Wo-hinaus? oder Wohin? gemeint ist.

Das Ungelöste bei Heidegger blieb eben, dass er womöglich nie ganz deutlich ausprechen wollte oder begründen oder beschreiben konnte, warum die Sprache selbst zur Technik gehört oder selbst Technik-Charakter hat, also selbst etwas Physisches bleibt und eben nichts Metaphysisches.

Hier in diesem Text – „Wozu Dichter?“ – kommt er aber sehr nah heran, in dem er davon spricht, wie das Sagen selbst als ein „Handhaben“ wirkt. Weil der Mensch die Sprache HAT. Trotzdem spricht er dann beinahe im selben Atemzug: „Logik gibt es nur in der Metaphysik“ Und das stimmt eben nicht. Das ist falsch. Seit Gödel macht eine solche Aussage keinen Sinn mehr.
Weil schon die Differenz zwischen Physik und Metaphysik „Logik hat“. Anders gesagt: Die Aussage: „Logik gibt es nur in der Metaphysik“ ist selbst bereits eine ganz physische Logik – weil eine verteilende und zuteilende L o g i s t i k. Und diese Logik als Logistik erzeugt sich an der Blut-Hirn-Schranke. Sie ge-stattet die statistische Primär-Organ-isation allen „Habens“ und „Handhabens“ in einem ab-wägenden Vergleichsprozess – der Homoöstase – sie stellt die Mauer und das Tor zwischen Stadtkreis (Gehirn) und Weltkreis (Blut, Orbit)

Trotzdem geht dieser Heidegger-Text „Wozu Dichter?“ sehr weit; so weit, bis Heidegger sich einen Dichter vorstellt, der – Zitat: „…das Wesen der Dichtung selbst frag-würdig findet.“

Damit hat er Recht – mit diesem „fragwürdig“.

Das bleibt dann wieder gut erspürt, weil man jetzt, nach der eingehenden Studie zur Space-Shuttle-Main-Engine und zum Vergleichsprozess deutlich erkennt, wie die Technik selbst Dichtung und
Ge-Wichtung ist. Ein Wagen im VerGleich. Das Space-Shuttle selbst ist ein Ge-Dicht und ein Ge-Schöpf. Und als Ge-Dicht gehört es sogar zu den „wagenden“ Ge-Fährten des Rilke-Heideggerschen „Weltinnenraums“ Das Space-Shuttle ist – wie alle Technik – auch ein Ge-Schöpf der Thermik, ein Ge-Fährt der Gravitation.

Die Bemerkung von Robinson Jeffers, Mathematiker und Physiker bauten mit falschen (Ver-)Gleichungen (Er-WÄGUNGEN) richtig funktionierende Dinge, liest sich jetzt umgekehrt dionysisch. Das Donnern des Space-Shuttles in der ver-Dichteten Strömung wäre ein mythisches Donnern des wagenden Vergleichs zum aufsteigenden Abgrund.
Aber als Gott des Weines, des Besäufnis und des Alkohols bleibt er auch zuständig für die Blut-Hirn-Schranken-Wartung, und damit ein wartender LOGOS – als ein Schrankenwärter, Logistiker und Verteiler, der im Primär-Vergleich der Homoöstase die Schranke hebt und senkt, die Erinnerung an das wach hält, was URBI et ORBI – Stadtkreis und Weltkreis – vermittelt.

Ich habe hier an anderer Stelle schon einmal überlegt und wohl auch genügend begründet, warum ausgerechnet die deutsche Sprache eine starke Anbindung an das Unverborgene hält und damit dem orbitalen Fahren, dem Wagen, und der Gefährnis näher liegt als das „silbrige Latein“ der stehenden Städte. Denn das Deutsche war lange Zeit weder maßgebliche Schriftsprache noch städtische Zivilisationssprache. Ihr Puls, ihr Hauch, ihr Atem, ihr Schub speist sich aus dem orbitalen und ländlich-nomadischen Schub-Zug der Unruhe und Geleise.

Man kennt eine Redewendung, die sagt: „Hier bist du mit deinem Latein am Ende.“ Man könnte erweitern: „Hier kommst du nur noch deutsch weiter.“

Heideggers Er-Wägungen zur Wage und zum Wagen in Ge-fahr – kann man jetzt direkt anwenden auf die Physis des thermodynamischen Vergleichsprozess, der nichts anderes meint als ein physisches Abwägen – in Kalkulation einer thermisch irreversiblen Strömung, die der Hauch ist.

Was nicht weniger bedeutet als der Beweis, dass Sprache wirklich und tatsächlich wahrheitsfähig sein kann, in dem sie das Unverborgene – s a g t.

Aber wer dies annehmen soll, muss vielleicht – hier in diesem Fall – wirklich ein geborener und nativ deutscher Muttersprachler sein.

Epilog:

Städte und Zivilisationen sind notwendig, folgerichtig und nichts Schlechtes. Aber alle Tragödie nimmt ihren Lauf, wenn die Stadt das Land oder den Weltkreis „vergisst“.

Die großen tragischen Texte handeln davon.

Troja, eine Stadt, die sich nur noch als reine Festung definiert, fällt irgendwann furchtbar um.

Oder anderes Beispiel: Man muss sich sehr genau überlegen, ob man eine Medea, die man „draussen vor der Stadt“ kennenlernt…man sollte sich also gut überlegen, wie man diese Medea dann im Nachhinein behandelt.

Und man wird sich auch, wenn man Pentheus heißt, zweimal überlegen, ob es wirklich vorteilhaft ist, auf einen geschlossenen Stadt-Status zu beharren, falls man danach doch irgendwann einmal „da draussen – vor der Stadt“ auf einen Baum klettert.

ET CETERA PI PI

Auch die Erde ist bloß ge-stattet. Ein größerer Astereoid, kann sie jederzeit zum Troja machen.

Heideggers Feld,- Wald,- und Wiesen-Gestus, seine Sondierung des Unverborgenen galt und gilt dem Orbit als dem ORBIS – dem Weltkreis, der die Stadt ge-stattet.
Deshalb bleibt sein Denken konstruktiv nach vorn gerichtet und nicht rückwärts gewandt. Eine Zivilisation, wenn sie nicht so enden möchte, wie bisher alle Zivilisationen, braucht den dringenden und bewussten Kontakt mit ihren Rändern und Grenzen. Dem Orbit. Einerseits, damit sie sich weitet, andererseits – damit sie sich als zu – ver – lässig (verlassens-fähig) formuliert.
Binnenspannung versus Aussendrift. Wenn der Planet „die Stadt“ ist oder „die Stadt“ sein will, dann muss er eine wagende Verbindung mit dem Orbit aufnehmen. Er darf sich nicht einigeln. Deshalb ist und bleibt alle Raumfahrt notwendig.

Kultur, Sprache und insbesondere die Literatur wird langweilig, stumpf, und sie verblödet, wenn sie nicht versteht, dass Techné selbst immer die stärkere Dichtung ist. Eine große Weltdichtung, neben der alle reinen Texte auf Papier, solange man sie nur liest, anstatt sie zu denken, immer in Atem-und Beweisnot stehen.
Der Rest ist Tratsch und Hofklatsch.

Im Kopfhörer: Helicopter aus Porzellan.

Höhe der Technik: Denken und Schreiben im Internet.

Ein Haus, das man als neugieriger Mensch betritt und als geistig Behinderter wieder verlässt, nennt man in Deutschland eine Schule.

Das Problem von vielen Intellektuellen, Schriftstellern und Dichtern heute ist ihre nichtvorhandene bis mangelhafte Sprache. Wie vor 3000 Jahren halten sie, was sie ihr Sprechen nennen, ihren Vers nennen und ihren Gesang nennen für ein Echo des Logos der Götter. Dabei rufen sie den Logos an, aber sie sprechen ihn nicht. Sie reden die Rede, aber sie bauen kein Rad. Sie wälzen Verse, aber sie sind nicht versiert. Der Logos aber, der WIRKsame Logos, der echte VERS, als DICHTENDER Logos und als Gesang ist im technologischen Zeitalter von den programmierenden Göttern hineingeschenkt in den Rhythmus der VERSierten Maschinen. Der mächtige Logos, als – der SCHÖPFENDE – das ist der LOGOS der PROGRAMMIERER im versierten LOGOS der Technik. Die Techniker, Ingenieure und Programmierer – das sind heute die Dichter. Sie verdichten. Der so genannte Schriftsteller, der so genannte Philosoph, der so genannte Dichter, schreibt und redet nur noch SERVIL, als SERVER, in der Sprache der DIENER. Er bedient die Maschinen, die ihn an-stellen. Er singt den Rädern ein Liedchen – vor.

„Virtuelle Realität“ – sagt so viel wie „Nasses Wasser“.

Manchmal besucht mich meine Frage, oder ich besuche sie; dann steht sie vor mir auf ihren schönen mehrfarbigen Augen, oder liegt im Sofa, so in ihren Haaren, dann fragt sie mich oder wir fragen einander gemeinsam, sie liegt dann eben einfach so da…

Die Wahrheit liegt – –
– wie Öl auf dem Wasser.
(altes jüdisches Sprichwort)

… ich reiche ihr ein Glas und schaue mir, während sie trinkt, jedes einzelne ihrer Haare genau an, jedes einzelne von oben nach unten und wieder zurück – während das All immer weiter expandiert.

Die Liebe zum Detail kommt aus Explosionen.

Von Masken und Ge-Sichtern.

So habe ich irgendwann einmal wissen wollen, wie und warum die feinen Trennmedien beschaffen sind, die sich einspannen zwischen Menschen und ihren gestrandeten Gesichtern, den Masken, den Personae, darin ein stummes Gesicht langsam von einer sprechend-nichtssagenden Maske überspült wird – wissen wollen, wie der geselligkeits-ermöglichende Wirbel des Logos in den Lügos sich hinein-versiert; und hier wirkt als eine Induktion, die Geselligkeit erst ermöglicht, möglich macht, – die man heute auch ein Paar nennt, eine Gruppe auf einer Couch, eine Zuhörerschaft vor einem Redner – oder ganz einfach nur Politik und demnach: Gesellschaft – wer mehr und besser davon berichtet haben will, der sollte nicht Foucauld, Luhmann oder Nietzsche lesen, der sollte auch nicht dem philosophischen Quartett zuhören, nein, er sollte den Barock-Taktiker Baltasar Gracian studieren und sich nach dem Studium von Balthasar Gracians Handbuch zur Lebensklugheit das Gesicht – na sagen wir zum Beispiel: von immer mal wieder öffentlich agierenden Intellektuellen im Fernsehen genau anschauen, so eine „Persönlichkeit“, wie sie redet, ohne ihr jedoch beim Reden wirklich zuzuhören – nein man muss die Persönlichkeit als PERSONA als Maske anschauen mit Balthasar Gracian im Hinterkopf.

Hier geht es ja nur DA-RUM, unterscheiden zu lernen zwischen funktionierenden – geselligkeits-sichernden Membran – Funktionen als notWENDIGE Maskenfunktion – im Unterschied zur nackten baren Wirklichkeit, also dem Wirken der WIRKlichkeit in der immer explodierenden Dauer des Universums

Der Lügos meint etwas anderes als eine Lüge.

Der Lügos meint die zivile UM-Gangs-sichernde Variante des Logos. In Geselligkeiten. Ausserdem ist der Lügos immer die schwächere Schrumpfform des Logos.

Den Begriff des Lügos wollte ich hier einführen, damit ansprechbar wird, wie Menschen sich vor Kameras oder in medial vermittelten Nah-Bereichen wahr nehmen. Der Lügos ist das Wort, das wir miteinander tauschen, mit dem wir uns wissend belügen – ohne Lügner zu sein. Der Lügos ist die höfliche bis bürgerliche Version der altgriechischen und lateinisch so genannten PERSONA (Maske)

Die Lügos ist die heute so genannte – Persönlichkeit.

In letzter Zeit war ja, wegen einiger beunruhigender bis erschreckender Vorfälle (Norwegen), aber auch im zunehmendem Ärger über angeblich pöbelnde oder unhöfliche Trollerein und Stalkerein im Internet eine Diskussion über das Potential des Internets erwachsen, ebenso wie zur Anonymität oder zur Nichtanonymität derjenigen, die das Internet nutzen.

Man wird daran erinnern müssen: Mit der Erfindung des Buchdrucks vor knapp 600 Jahren konnten damals auch die neu übersetzte Bibel und viele fortschrittliche Pamphlete (die meisten übrigens von anonymen oder pseudonymen Verfassern) in Stärke verbreitet werden.

Daneben aber wurde auch der so genannte Hexenhammer wirksam, eine schriftlich niedergelegte Gerichtsordnung zur Hexen- und Zauberer-Verfolgung; und viele viele Menschen waren dieser damals frisch druckbaren und stark verbreiteten Gerichtsordnung zum Opfer gefallen.

Der an sich fortschrittliche Buchdruck befeuerte den Hexenwahn damals sogar erheblich. Eine klassische Dialektik: Ein Instrument der Aufklärung wendete sich hier also in sein Gegenteil hinein.

Wenn eine neue Technik, so wie damals der Buchdruck, auf Wesen trifft, die mental und intellektuell nicht präpariert sind, kann das immer auch gegen-aufklärerische Effekte machen.
Gerade deshalb muss jedes irreversibel neu auftauchende technische Medium selbst Gegenstand der Aufklärung werden. In jeder neuen technischen Wendung lauert ein Dynamit.
Das ist so banal, dass man es garnicht mehr hinschreiben möchte.

Darum muss ich mich hier noch einmal kurz daran erinnern, warum das Internet erfunden wurde. Das Internet wurde erfunden, um Wissen zu teilen, zu verteilen – zunächst militärisch (welcher Luftwaffenstützpunkt hat was bei sich auf dem Radarschirm) und dann zivil im Illusionenbeschleuniger beim CERN (Wo hat John, die alte Schlampe, der jetzt im Urlaub ist, seine Berechnungen abgelegt, die will ich jetzt lesen.)
Dann kam auch bald die schöne Email für die Korrespondenz.

Das Internet war ursprünglich exakt eine militärisch IN-FORMIERENDE Einrichtung und dann auch eine zivil bibliothekarische Angelegenheit für Wissenschaftszwecke. Das Internet ist von seinen Genetik her eine logisch und klar gedachte LOGISTIK der IN-FORMATIION und der FORSCHUNG. Es ist ein Bedientableau.

Nicht mehr und nicht weniger.

Die UR-GENE des Internets heissen also NICHT: Sozialer Raum zum Quatschen, Faseln und Plaudern.

Dass es bis heute in einigen Bereichen zu einem (alten) „sozialen Raum“ mutiert ist, bringt seltsame Effekte, einerseits erstaunlich, interessant, manchmal auch anregend bis lehrreich, aber meistens und hauptsächlich auch ziemlich blöd; denn in der Entwicklung des Netzes von einem wissenschaftlichen und militärisch logistischen Instrument als eine zweckorientierte BENUTZEROBERFLÄCHE hin zu einem „sozialen Raum“ liegt bereits wieder ein klassisches VER-GESSEN vor. Ein Vergessen, das nicht nur menschlich ist.

Dieses Vergessen produziert ein ambivalentes Missverständnis. Und ich bin der Meinung, dass die „sozialen Räume“ – die bis heute im Internet sich einräumen, noch gar nicht der wahren HÖHE des Mediums entsprechen. Die „sozialen Räume“ im heutigen Internet sind nicht selten Abklatsche aus der alten Off-Line-Welt. Warum ich das denke, kann begründet werden.

Es geht schon damit los, dass die eigentlichen STÄRKE des Internets seine militärisch „un-höfliche“ und „unpersönliche“ Komponente ist, während seine „zivil höfliche und persönliche“ Komponente zu seinen Schwächen gezählt werden muss.

Selbstverständlich kann ich das Netz nutzen zur erweiterten Telekommunikation unter Bekannten, Vertrauten und Freunden. Entweder per Email oder in einem nichtöffentlichen Blog. In diesem Fall wäre es völlig klar, dass „Höflichkeitsformen“ eingehalten werden – so wie unter normalen Bedingungen im Alltag ausserhalb des Internets auch.

Aber die eigentliche STÄRKE des Internets heute bleibt trotzdem seine stark anonymisierende Tendenz. Warum sehe ich das so? – das muss ich mir hier beantworten.

Zunächst hohle ich mir ein anderes Beispiel zur Verdeutlichung: Das so genannte BAUHAUS vor knapp 100 Jahren war als Idee geboren worden, weil kluge und zeitempfindsame Menschen damals gespürt gehabt hatten, dass es nicht angehen kann, im neuen industriell-technologischen Zeitalter baulich mental und designerisch immernoch „auf 19. oder 18. Jahrhundert zu machen“. Kluge und empfindsame Menschen fanden es damals ganz plötzlich albern, unpassend und sehr daneben, auf Möbeln und Stühlen sitzen zu sollen, oder in Häusern wohnen zu müssen, die Zierschnörkel-Schwulst und Klassizismus-Masche – immer noch imitierten oder industriell repetierten – obwohl rein technisch und industriell längst ein neues Zeitalter angebrochen war. Die Idee des BAUHAUS lautete demnach: Wir sollten versuchen, unseren ästhetischen Habitus AUF DIE HÖHE unseres Zeitalters zu heben, dass ein Zeitalter der „Serie“ und der „Funktion“ und der „Technik“ ist. Und nicht mehr ein Zeitalter der geborgten und zum xten mal aufgegossenen und marode abgeputzten Attitüden aus vor-vergangenen Epochen. Dass dieses BAUHAUS später dann wieder selbst zur Designer-Attitüde mutierte – ist ebenfalls ein Effekt des Vergessens, gehört aber nicht zwingend zu seinen Grundthemen.
Das Grundthema des BAUHAUS hieß: LEBEN und SEIN auf der HÖHE DER TECHNIK. AUF DER HÖHE DER ZEIT. Das ist eigentlich BAUHAUS. BAUHAUS heisst zum Beispiel einfach: 209.
BAUHAUS heisst nicht: Echnaton.

Man kann sich heute die Frage stellen, wie zum Beispiel das Internet AUF DER HÖHE SEINER TECHNIK genutzt, gedacht und verstanden werden müsste.
Und man kann sich die Frage stellen, ob es nicht irgendwie unpassend und sozusagen vorvergangen putzig daherkommt, im Internet sein Tagebuch oder sein Poesie-Album einzuspeisen.
Man kann sich also fragen, wie ein BAUHAUS-Mensch heute ein „LEBEN UND ENTWERFEN AUF DER HÖHE DER TECHNIK“ im Internet definieren würde.

Soviel zum Vorspann. Ich behaupte: Die STÄRKE des Internets ist gerade seine UN-PERSÖNLICHKEIT ebenso wie seine Tendenz zur Anonymisierung.

Klar kann jeder halbwegs begabte 14jährige heute sich in so gut wie alles hineinhacken und Anonymitäten aufdecken. Aber das gehört ja gerade zum Spiel und sozusagen zu den UR-Genen des Internets. Denn nach Maßgabe eines Geheimdienstlers, eines 12jährigen Hackers oder eines durchschnittlichen Users liefert das Internet immer nur Versionen eines Prozesses, den man einen un-persönlichen In-Formationsprozess nennen kann. Denn auch der Hacker oder der Geheimdienst möchte ja selbst – möglichst unpersönlich bleiben.

Das Internet stellt in seinen UR-GENEN immer schon eine IN-FORMIERENDE, eine moderne Version des LOGOS bereit. Ein Logos, der logistisch IN-FORMIERT.

Dieser Logos aber meinte damals – in den Zeiten seiner Entwicklung – zunächst noch nicht ein Gequatsche, Gefasel und Geschwafel – nein, dieser LOGOS meinte zunächst die LOGISTIK der technischen Codes, welche das Internet überhaupt ermöglichen: Die Serverstruktur, die HTML-Logistik und alles was danach technisch noch dazu wuchs mit samt den Geräten. Ebenso meinte er zunächst auch: Interesse an Inhalten, an Content.

Warum führe ich mir diese Trivialität noch einmal vor Augen? Das zusammen bleibt deshalb wichtig, weil dieser LOGOS als LOGISTIK ein UN-HÖFLICHER und UN-PERSÖNLICHER LOGOS ist.

Der HTML-Code und seine Serverstruktur ist UN-HÖFLICH und UN-PERSÖNLICH.

Aber er ist vor allem noch eins: Er ist WAHR. Unhöflich WAHR.

Denn das Internet wurde -ursprünglich – nicht für höfische Höflichkeiten oder persönliche Persönlichkeiten erfunden. Das Internet ist eine technische PERSONA (Maske) für den LOGOS, zur IN-FORMATION.

Das Internet ist im wahrsten Sinne des Wortes eine BENUTZER-OBERFLÄCHE mit einem: l o g i s t i s c h e n Motiv.

Es stellt eine MASKE zur Eingabe und zur Ausgabe bereit. Eine PERSONA.

Es scheint mir ein Fehlgriff zu sein, sich im Netz als „Persönlichkeit“ (die alte und bürgerliche Pappmasché-Variante der Persona) einzuspiegeln oder darzustellen,
anstatt sich in-formierend zu bewegen im LOGOS einer technischen PERSONA.

Denn im alten Modus der „Persönlichkeit“ wird die Technik VER-GESSEN. Da will man einer neuen guten Technik einen alten und ganz schlechten Hut aufs Auge drücken.

Als neue und kribbelige Version der altgriechischen und auf lateinisch so genannten PERSONA, ist die MASKE des Internets eine echte Chance. Vielleicht DIE Chance überhaupt.

Denn die neue technische PERSONA des Internets erlaubt es, die bürgerliche „Persönlichkeit“ abzustreifen – die alte „Persönlichkeit“ die im alten sozialen Raum zwischen körperlich Anwesenden den notwendigen Lügos anbietet, notwendig als Lügistik für den zivilen UM-GANG miteinander – diesen sozialen Lügos also kann man im Internet abstreifen und mittels der neuen technischen PERSONA des Internets wieder zum LOGOS kommen, das heißt: Zur Wahrheit. Zur Wirklichkeit. Zur Information. Zur Aufklärung.

Angesprochen wird hier nicht ein Gepachtet-Haben irgendeiner Wahrheit. Geleugnet soll auch nicht werden der viele Sonder-Müll, der sich auch im Netz findet. Bestritten wird auch nicht, dass man das Netz ebenso simpel zur Telekommunikation unter Freunden und Vertrauten nutzen kann, oder zur Kontakt-Anbahnung, dabei selbstverständlich gewisse Höflichkeitsregeln in Kraft bleiben..

Angesprochen ist hier der PROZESS DER IN-FORMATION. In WAHR-NEHMUNG der technischen LOGISTIK, die immer eine nomadische und un-höfliche Logistik bleibt.

Diese neue und technische Version der logistischen PERSONA des Internets hat aber Konsequenzen.

Man kann in diesem Wissen sich an die Ur-Gene des Internets erinnern.

Ich muss es mir wiederholen:

Das Internet ist von der Genetik her KEIN sozialer Raum unter Höflichen.

Es bietet eine BENUTZER-OBERFLÄCHE – eine PERSONA für Neugierige, Wissbegierige und Forschende.

Und das sind heute wie gestern: Militär, Geheimdienst, Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft.

Wer das nicht wenigstens manchmal erinnert, der mißversteht ein neues und fortschrittliches Medium auf feudal-bürgerliche Art zur „Höf-lichkeit“ zwischen „höfisch“ orientierten „Persönlichkeiten“, die sich dann aber auch nur wieder im Lügos bewegen können.

Oder anders: Wer im virtuellen Raum HÖF-LICHKEIT einfordert, der will es feudalo-verbürgerlichen zur Kommunikation zwischen HÖf-LINGEN – und bleibt weit weit hinter dem Witz und der Kraft des Mediums zurück.

Wirkliche Wahr-Nehmung zwischen wirklichen Körpern spielt sich zunächst und bis auf weiteres nur im körperlichen Nahbereich zwischen wirklich LIEBENDEN ab – das sind: Mutter und Kind; Vater und Kind und vielleicht noch: Menschen in einem vertrauten liebenden PAAR-Verhältnis. Es sind immer um Fassung Ringende, quasi Kämpfende.

Alles andere, danach und daneben bleibt in so genannten Öffentlichkeiten unter körperlich Anwesenden bis auf weiteres: Lügos.

Der notwendige Lügos zwischen „Persönlichkeiten“ im Off-Line-Modus.

Im Offline-Modus ist die „Persönlichkeit“ der notwendige Lügos, damit man zivil miteinander UM-GEHEN kann. Sozusagen freundlich lügistisch. Das bleibt auch völlig in Ordnung und notwendig.

Bis wieder gelernt wurde, wie man die Wahrnehmung von Zeit zu Zeit durch die „Persönlichkeiten“ hindurch und mit ihnen zusammen auch auf unser „All“ ausweiten kann – in dem man die „Persönlichkeiten“ sozusagen ALL-EIN wahrnimmt. (weil auch „Persönlichkeiten“ einmalige, zarte und achtenswerte eben doch uni-verse Verdichtungen sind. Schleier, zusammengewebt aus anliegenden Talenten, Neurosen und beatmet und durchlüftet von allerlei Idiosynkrasien. Notwendige Hilfs-GE-Wende und Benutzer-Oberflächen für den UM-GANG miteinander -) Um-einander. Einander UM-Gehen.
Wer aber die Kommunikation im On-line-modus, so im Netz allzu persönlich bis körperlich liest oder lesen will in einer Temperatur der persönlichen Verletzlichkeit, der persönlichen Offenheit und persönlichen Vertraulichkeit, oder des persönlichen Engagements, der handelt wie jemand, der ein modernes Funkgerät mit einem Hut verwechselt.

Er hält dann ein modernes Funkgerät für ein Hütchen und wird dann bei dem untauglichen Versuch ertappt, sich ein Funkgerät wie ein Hütchen auf den Kopf zu setzen.

Oder wie jemand, der seinen Computer als Badeschwamm missversteht und damit sein Rücken schrubben will.

Bei dem heute zum Teil um sich greifenden Fehlverständnis des Internets als persönlichkeits-bespielende Sozial-Maßnahme samt Urlaubsfotos plus mein Haus, mein Auto, mein Pferd, mein Boot im Sinne von „Persönlichkeits-Ästhetik“ liegt ein krasses Mißverständnis und inadaequater Technik-Gebrauch vor.

Es macht einen unpassenden bis hypokritischen Versuch, wer der Kommunikation im zeitgenössischen Internet so eine Forderung nach „Zeig dein Gesicht und deine Persönlichkeit ehrlich und aufrichtig“ unbedingt einreden will.

Denn hier gibt es keine Persönlichkeit. Hier im Netz ist immer schon und zuerst die technische PERSONA.

(Deshalb fällt das gerne so bedeutsam anoncierte „Spiel mit Identitäten als Teil von Ästhetik“ zu einem witzlosen Mißverständnis zusammen, weil das Internet als technische PERSONA von ganz allein jede Identität immer nur – vortragen – kann – das heißt: – sie wird e i n g e s p i e l t. Der Hauptspieler ist hier immer schon die Technik und das Internet selbst.

Der Benutzer bleibt Re-akteur. Denn die Technik formt den User, der in denn allermeisten Fällen selbst kein Techniker ist.

Jede „Form“ von Identität kann immer nur – ein-gegeben – werden, oder anders gesagt: die eigentliche Formung oder das Spiel findet immer schon bei jeder Ein-Gabe am Masken-Spalt, dem INTER-FACE statt. Danach ist das „Spiel“ beendet.

Deshalb ist das anoncierte „Spiel mit Identitäten als Ästhetik“ im Internet ein Pleonasmus, der ganz pathetisch einen Fisch ins Wasser tauchen möchte oder einen Schneemann weiß anmalt. Ebenso wie der Begriff der „virtuellen Realität“ ein Pleonasmus bleibt, weil hier alle Realität sich zu 50 Prozent immer aus virtuellen, sprich: fluiden – ge-wandten Anteilen formiert.

Nach Maßgabe der PERSONA hat in „virtuellen“ Öffentlichkeiten und in Blogs und Kommentarspalten, etwas anderes Geltung:

Die wirkliche Kraft, die wirkliche soziale Chance des Internets liegt an, in dem es erlaubt, das Fühlen, die Gedanken, das Denken und die Erfahrung mitzuteilen im Modus des UN-HÖFLICHEN LOGOS.

Das heißt: unpersönlich, unhöflich, im Modus des Nomaden.

Befreit von feudo- bürgerlichistischer HÖF-LICHKEIT. Und wiederaufgegossener Persönizität.

Die eigentliche GRÖSSE des Internets ist seine Unpersönlichkeit und seine Unhöflichkeit und seine Unbürgerlichkeit – mit anderen Worten: Gerade seine militärisch – nomadischen Gene machen es so kraftvoll.
Denn der HTML-CODE und die Server-Struktur selbst ist ein – ziehender- Nomade. Alles bleibt beweglich und ausgreifend.

Man sollte also verstehen, dass man den LOGOS im Internet nicht allein dem HTML-Code überlassen darf. Denn dieser un-persönliche Logos der HTML-Logistik gehört nicht allein der Technik. Er gehört uns. Es ist unser Logos. Weil er unsere Technik ist.

Und dieser Logos ist un-höfisch, un-höflich, nomadisch.

Mit dieser wahren Un-Höf-lichkeit erledigen sich auch alle pleonastischen Derivate von „Persönlichkeit“ wie der sogenannte „persönliche Stil“ oder die „persönliche Ästhetik“.

Denn wirkliche Ästhese stellt erst sich ein, wenn man sich als Ähnlicher unter Ähnlichen im Modus der unpersönlichen Persona und der In-Formation nomadisch bewegt, das heißt in einem fragenden INTER-ESSE. innerhalb von INTER-FACES – aber nicht in FACES.

Die alten Pappen des „Stils“ oder der „Ästhetik“ oder der „Persönlichkeit“ bleiben im Internet unpassend und unterreflektiert. Jedenfalls dort, wo sie sich dem Internet anpappen, sind sie Pappe oder mehr oder weniger schlecht zusammengeleuchtete Verkaufsdisplays.

Erst der Weg-Fall von HÖF-LICHKEIT und pappiger „Persönlichkeit“ ermöglicht wahre Verbindlichkeit und wahre Freundlichkeit.

Die technische PERSONA des Internets ist immer größer als das Persönchen.

Im Modus des INTER-FACES haben FACES keine Bedeutung mehr als Persönlichkeiten. Sie DIENEN nur noch dem INTER-ESSE.

Deshalb sind alle pathetischen Forderungen nach Gesicht oder Persönlichkeit oder Authentifizierung im Internet unpassend – quasi neoklassizistisch.
Man kann sich authentifizieren. Man bleibt dann aber hinter dem Witz des neuen Mediums zurück. Man bleibt hinter der eigentlichen KRAFT des Mediums zurück.

Das Internet gibt den Strom, den Fluss, in dem es erlaubt ist, sich unhöflich zu bewegen, und zwar deshalb, weil das Internet selbst un-höflich ist. Wer darüber jammert, dass er im Internet zum Beispiel als Blogger beschimpft wird, macht etwas falsch, weil er das Internet falsch benutzt und falsch versteht. Weil er dem Internet mit einer „persönlichen“ Verletzlichkeit im Modus des FACE begegnet, und damit den Witz und die Kraft dieses neuen Mediums absolut verfehlt – das immer schon ein INTER-FACE ist, eine MASKEN-FUNKTION der Eingabe und der Ausgabe.

Die echte Verbindlichkeit im unhöflichen LOGOS setzt aber vorraus, dass man gewillt ist, sein FÜHLEN, sein DENKEN und seine GEDANKEN im UN-PERSÖNLICHEN LOGOS einer technischen PERSONA zu besprechen und nicht mehr im „personifizierenden“ Lügos.

Es setzt voraus, dass man ein echtes INTER-ESSE hat, das ein bisschen weiter reicht, als nur bis zum eigenen Dunstkreis.

Ein FORSCHUNGS-INTER-ESSE.
Denn das Internet wurde für Forschungszwecke und zur Vernetzung erfunden.

Das Internet ist eine FUNKTION.

Und miteinander sprechen – im LOGOS – das heißt: Im INTER-ESSE ganz
UN-PERSÖNLICH im Sinne einer FRAGE einer FORSCHUNG oder eines WARUM zu sprechen — aber NICHT im idiosynkratischen Papiertaschentuch von „Persönlichkeit“ oder im Persönlichkeits-Schrott der zusammen-gepappten Persönlichkeits-Displays, im sekundär-feudalen Gestus des HOFES oder des HOF-STAATES – in Forderung nach persönlicher HÖF-LICHKEIT
unter HÖF-LINGEN.

Nein. Die Chance und der Witz des Internets ist sein Unpersönlichkeit und seine Unhöflichkeit.

Denn der HTML-code selbst war und ist auch nicht höflich. Der HTML-CODE strömt als ein unhöflicher Nomade.

Die technischen und logistischen Ströme, die das Internet FORMIEREN, sind NICHT höflich. Sie sind funktional und breiten sich so rasant aus, weil sie UN-HÖFISCH sind.

Wie wäre es denn einmal mit dem Versuch, unhöflich und unpersönlich einfach nur zu denken – anstatt auf „persönlich gezeigte Persönlichkeit“ zu pochen – die ja zumeist doch immer nur eine zugerichtete Pappe von angeborgter, und zusammengepapptem Selbst-Bild in Selbst-Vorzeigung bleibt, das sich immer nur zum neurotischen bis fadenscheinigem Selbst-Display zusammen-pappt und nie und nimmer wirklich „authentisch“ war, auch schon vor der Erfindung des Internets nicht.

Selbstbilder:

„Ich bin eine empfindsame aber nicht ganz dumme Dichterin.“

„Ich bin der geheimnisvoll Undurchschaubare.“

„Ich bin der böse Junge, der für die Frauen immer extra streng guckt.“

„Ich bin die oberlässige Zigarettenhalterin.“

„Ich bin der wilde Mann.“

„Ich bin der total lockere Plauderer.“

„Ich bin der Diskurs-Clown, immer ein Witzchen parat“

„Ich bin die gebildete Schlampe“

„Ich bin der Typ mit dem gefärbten Irokesen-Schnitt.“

„Ich bin der Typ mit der schlecht sitzenden Brille.“

„Ich bin der Einzelgänger aller Gruppenzwänge“

„Ich bin der Gruppenspasti aller Einzelgänger.“

„Ich bin die gelegentliche Auftaucherin und Untergeherin.“

Nein, die Ausrede kann hier nicht lauten: „weil doch jeder Mensch einen bestimmten Charakter nun mal hat und einzigartig ist.“

Das stimmt wohl. Dagegen war auch nichts zu sagen. Das will auch niemand bezweifeln. Nur muss es heute auch einmal erlaubt sein, Gedanken zu äußern, die sich in die Zukunft hinein-projezieren. Denn wir kommen nicht weiter als Ganzes, wenn wir unsere Verkrüppelungen und Fehlstellungen und Charakterpappen immer nur als charmante oder markante Persönlichkeitsmerkmale mythologisieren und hochjubeln – und nicht auch einmal selbst in einen unpersönlichen Modus umschalten können, der uns unsere eigenen Charakterpappen von Zeit zu Zeit als das sehen lässt, was sie sind: Benutzer-Oberflächen, Eingabe- und Ausgabe-Masken. Wenn man sich selbst nicht befähigt, sich einmal ganz als TECHNIK DER NATUR zu sehen. Und nicht als Charakter-Plankton. Erst wenn wir dazu von Zeit zu Zeit in der Lage sind – erst dann wachsen wir wirklich auch – ein bisschen – als Menschen.

Warum bleiben wir in unseren Selbst-Codes
so primitiv hinter den un-persönlichen Programmier-Codes zurück?

Warum kommt man nicht auf die unpersönliche HÖHE der
technischen und logistischen Codes und unserer Server-Struktur.

Warum verkaufen wir uns diesen „persönlichen“ Display- und Charakter-Schwachsinn unter Zuhilfenahme eines logistischen aber STUMMEN LOGOS, der unter den Displays das Netz unpersönlich aber WAHR durchströmt?

Warum lassen wir unseren schönen Logos, der unsere schöne Erfindung ist, stumm – und schwafeln stattdessen im HÖFISCHEN Modus des Lügos? Oder im kichernden Modus reiner Dämlichkeit.

Warum versuchen wir, uns ein neues Funkgerät wie ein lächerliches Hütchen
auf den Kopf zu setzen?

Warum halten wir uns selbst für dämlich?

Warum erlauben wir unserer Technik, klüger und moderner zu sein, als wir selbst?

Warum nutzt unsere Technik den WAHREN Logos, unseren WAHREN Logos, während für uns nur der Lügos und die Charakter-Pappe abfällt?

Warum sieht jedes I-Phone heute immer viel besser aus als sein Benutzer?

Warum ist ein Computer heute vertrauenswürdiger als ein politisches Entscheider-Gremium.

Warum vertrauen wir unser Leben Computern an, während wir bei einem Entscheider-Gremium in Sachen Euro-Krise jedes Vertrauen verloren haben?

Warum erlauben wir den Maschinen, besser, schneller, cooler, cleverer, hübscher und eleganter zu sein, als wir selbst?

Warum darf ein technischer Server, eine Speicherfarm oder ein HTML-Code ganz ohne gefärbten Irokesen-Haar-Schnitt daherkommen, während ein Internet-Erklärer und Experte, also ein sogenannter Mensch, dazu verdammt bleibt, jedem und sich selbst seine hochnotpeinliche Frisur als Display vorzuzeigen.

Warum verzaubern wir unsere uni-versen Ge-Sichte und STIRNEN im Internet zu grundbescheuerten und würdelosen Charakter-Displays? – während unsere Technik als Logistik ganz WAHR und UNVERLOGEN und SCHÖN bleiben darf? Und dabei immer SCHÖNER wird, während wir als hässliche Charakter-Pappen daneben immer stumpfer aussehen mit unseren seltsamen „Persönlichkeitsmerkmalen“ und „Ästhetiken“ aus den mittleren Einrichtungshäusern unserer Idiosynkrasien und Verkrüppelungs-Geschichten.?

Nein, es ist nicht immer nur menschlich, zu seinen „Eigenarten“ zu stehen. Es kann auch wahnsinnig menschlich sein, die Eigenarten zu übersehen, durch sie hin durch zu sehen…..

All unsere Charakter-Pappen sind richtig und vernünftig im Off-Line-Modus, aber im Internet bleiben sie eigentlich unwitzige und unterreflektierte Fremdkörper, und müssen dann damit rechnen, dass sie „unhöflich“ angetrollt werden, weil sie die eigentliche Chance und das wirklich zukunftsbildend NEUE WIR des Internets verschleudern an die altbackende Idee der Persönlichkeit und der „Höflichkeit – oder des Stils oder der „Ästhetik“ und damit alle alten und schlechten Lügen dem schönen neuen Internet hintenrum wieder auftischen wollen.

Die Chance zur ÄSTHESE verspielen.

Denn das INTERNET ist gerade der Strom, in dem man sich gegenseitig beschimpfen DARF und UN-HÖFLICH beschimpfen soll, weil wir uns hier gar nicht verletzen können.

Verkaufsdisplays können sich nicht verletzen. Wir sollen uns im Internet solange unhöflich beschimpfen, bis wir verstanden haben, dass eben genau diese UN-HÖFLICHKEIT erst eine echte Art der Freundlichkeit generiert.

Wenn unser logistischer Logos WAHR ist, dann darf man als Mensch auch WAHR sein.

Der Troll ist die unbewusste und geradezu richtige und berechtigte Anti-Reaktion des Netzes gegen alle Versuche, dieses schöne logistische und nomadische Medium mit alter „Persönlichkeit“ zu verkleistern oder mit irgendwelchen Selbst-Hütchen voll zu stellen.

Denn jede „Persönlichkeit“ sieht immer gleich viel schlechter aus,
als das schöne Laptop, in dem sie sich einspiegelt.

Die alte Lügistik zwischen „Persönlichkeiten“ – ja, sie ist oder bleibt völlig in Ordnung und hat Berechtigung in körperlichen Nähebereichen, aber man braucht diesen Schrott nicht im Netz.

Das Funkgerät wurde nicht dafür erfunden, damit es sich als Hütchen auf den Kopf setzt Das Funkgerät wurde erfunden, um zu funken.

Und das Internet wurde zur FORSCHUNG und für die militärische IN-FORMATION erfunden.

Und ich weiß garnicht, wie lange man sich von den CERN-Leuten noch erzählen lassen soll, dass man eine Zeichen-Menge (Energie zu Masse) mit der selben Zeichen-Menge (Masse zu Energie) vollständig abbilden kann, ohne dabei in eine andere Reflektionsmenge auszuweichen. Ich weiß garnicht, wie lange man sich so ein Schwachsinn 80 Jahre nach Kurt Gödel noch antun soll? So eine Seltsamkeit.

Dabei haben wir uns natürlich zu bedanken bei Tim Berners Lee, dass es das Internet gibt, klar, aber irgendwann könnte man ja mal damit aufhören, Gödel zu verarschen.

Das Internet wurde für den LOGOS erfunden, der nomadisieren kann – ganz ohne Pappmasche von „Persönlichkeit“ und falscher HÖF-LICHKEIT oder gar Verletzlichkeit.

Das Internet wurde erfunden für die VERNETZUNG und den LOGOS.
Es kann gar nicht verletzen, sonst hieße es ja Interverletz. Wer im Internet verletzt wird, macht etwas falsch. Er verwechselt dann eine technisch logistische Persona mit einer „Persönlichkeit“. Und das war immer ist und bleibt Unfug.

Das Internet ist und bleibt ein In-Formations-Netz und eine neue technische Spielart der Persona und keine Garderobe, wo „Persönlichkeiten“ ihren Charakter-Ramsch nun auch noch ablegen.

Natürlich darf, kann und soll man im Netz miteinander reden, spinnen, spielen oder auch verabreden. Vielleicht sogar im Modus der Identifikation. Aber man dürfte sich dann immer darüber im Klaren sein, dass diese Funktionen sekundär aufgepappt oder sekundär eingespielt bleiben.
Und damit bleiben sie sekundär instabil. In einer Lügistik, die immer schwächer ist als die strömende und WAHRE Logistik. Sie haben mit der eigentlichen Genetik des Internets nicht zu tun.

Das Internet bietet eine neue Version der PERSONA in einem Übergang, die nicht mehr an den Körper an die pappige „Persönlichkeit“ gebunden ist.

Mit dem Internet kann sich der OFF-LINE-LÜGOS wieder zum LOGOS hin befreien. Wenigstens zeitweise. Wenigsten hier im Reich des ON-LINE.
Und zwar mit vollem Recht. Wer das Internet als „Persönlichkeit“ missbraucht oder bespiegelt, liegt falsch und unterkritsch. So einfach und deutlich kann man das sagen.

Dieser neue Logos öffnet eine Zukunft, in der wir uns gegenseitig als gegeneinander verbindliche Server des LOGOS verhalten. Und zwar in der technischen PERSONA der technischen Codes. Obwohl wir wissen, dass wir durchaus „nur“ versierte (gewälzte) Ge-Schöpfe (Ge-Sichte) des UniVERSUMS sind, in einer thermodynamischen Verteilung und Einstreuung nach Talent und An-Lage.

So macht dieser zum Logos zurückverwandelte Lügos in Zukunft vieles leichter und einfacher.

Labornotiz „Melancholia“: Wir sind ALL–EIN.

Am Versionenbeschleuniger: Das Kogniversum

VERSO, lateinisch: herumwälzen, hin-und her-wälzen.
Entropie, griechisch: hinein-drehen – um-wandeln.
Peristaltik, griechisch: herum-stellendes In-Gang-bringen…
Um, deutsch: umherspringen, herumfliegen, umgreifen, umbiegen, umarmen, umstellen, umzingeln, herumstreiten, umbiegen, UM-WANDELN

VERSO, lateinisch: umwälzen, hin-und her-wälzen.

Guten Tag,

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.
Es ist egal welchen Stern man wählt,
weil jede Wahl passt und immer die richtige ist.

Willkommen im Kogniversum.

Das RINGEN UM Fassung.

Wa-rum-Fragen.
Wa-rum sind wir so nackt? Wa-rum wirkt die Wirk-lichkeit so nackt?
Wirklichkeit- das um-wirkte, wirkende, umwirkende,
der gesponnene gewirkte Faden,
der Faden vor allen Texten, Texturen, Textilien.
Das WIRKENDE —aus dem erst jeder Faden – umwirkt ist und kommen kann.

Der umwirkte Faden, der noch gar kein Text ist, keine Textur, keine Textilie.
Noch gar kein Kleid.

Erst im UM-FASSEN – der UM-FASSENDEN und UM-RINGENDEN DAUER wird aus dem WIRKEN der Faden des gewirkten WIRKENS
Er wird umwirkend geDICHTET. Ein-WIRKEND.
Er DÄUT.
Und erst danach und daraus – dann – eine Textur – eine TEXTILIE
Ein Kleid. Und erst danach ein TEXT.

Das um-wirkende – DÄUEN der WIRKLICHKEIT – das nie gerissen war –
und nie reissen kann und reissen wird.

Das UM-WIRKENDE der WIRKLICHKEIT kann nicht reissen.
(Deshalb sind da auch keine Quanten in WIRKliCHKEIT.)

(Nein, String-Theorie, Du bist es auch nicht. Denn auch deine Strings
sind ja gerissen – also tot. Strings gibt es ab jetzt nur noch als String-Tangas. )

Das WIRKENDE war nie gerissen. Das WIRKENDE reisst nicht.

Deshalb WIRKT das WIRKENDE so nackt.
Weil der Faden für alle Texte,
der Faden für alle Textilien
und alle Kleider an allen Kaisern
immer erst UM-WIRKEND – WIRKEN muss – Be-WIRKT- was er wirkt.
Gewirkt worden war. In der Wirk-lich-keit.

Erst das Wirken des nie abreissenden Fadens.
Danach und daraus – dann – kommt die Textilie, das KLEID
der TEXT. Der Stoff.

Die entropische Hierarchie der Dauer. Des vorher/nachher.

Erst die Gestirne – daraus die Stirn.
Erst das Befeuern – darin die Glut.
Erst das Umwinden – darin Gehirn.
Erst das Erbrühten – daraus die Bruht.

Erst das Schlagen. Davon der Schaum.
Erst das Schäumen. Darin der Saum
Erst das Umsäumen. Darin der Raum.

Erst ein Wittern. Darin Gewalt.
Erst ein Senken. Darin die See.
Erst ein Wälzen. Davon die Welle.

Erst ein Umwehen. Davon das Weh.

Erst das Umzingeln. Darin die Zelle.
Erst das Umwallen. Darin der Wille.

Erst das Erwägen. Davon die Wucht.

Erst ein Umwuchten – davon die Wand
Erst ein Ersuchen – darin die Sucht.

So räumt die Welle. So wuchtet das ALL.

Erst das Schwemmen. Daran das Land.
Erst das UM-Ringen. Davon der Rand.
Erst das Verhandeln. Davon die Hand.

Erst das Kreisen, Daraus der Kreis.
Erst das Erblühen. Daraus der Blick.
Erst das Nicken. Dann das Genick.

Erst das Weisen. Dann der Beweis.
Erst das Schicken. Darin Geschick.

Erst das Scheissen. Davon der Scheiss.
Erst das Gestatten. Davon die Stadt.
Erst das Brühen. Darin die Brut.

Erst das Greifen. Daraus Begriff.
Erst das Erzählen. Davon die Zahl.
Erst das BerÜHRen. Darin die UHR.

Erst die Gestirne – daran die Stirn
Erst das Gefeuer – daraus Gefahr.
Erst das Erfahren. Daraus die Fahrt.
Erst das Erglühen – darin die Glut.
Erst das Verwinden. Darin Gehirn.
Erst das Berühren. Darin die Bruht.

Die um-wirkende um-windende WIRKLICHKEIT.

Das Papier und die Tinte müssen erst werden – geschöpft.
Der Stahl muss erst werden – geglüht.
Der Draht muss erst werden – gedreht.
Der Stein muss erst werden – gerollt.
Der Meissel muss werden – geschreckt.
Die Linse muss werden – gewölbt
Der Spiegel muss werden – gesenkt.
Der Mund muss werden – gebeugt
Das Auge muss werden – erblickt.

Das Buch muss werden – gehalten.
Das Buch muss werden – offen.
Die Schrift muss erst werden – gelesen.

Die Frucht muss werden – gespeist.
Der Boden muss werden – bestellt.
Der Baum muss werden – gepflanzt.
Der Same muss werden – geplatzt.
Die Blüte muss werden – erblüht.

Der Apfel muss werden – gegessen.

ESSEN.

DIE VER-GESSEN-HEIT.

Die DAUER muss DAUERN und DÄUEN.

VERDAUEN.

Erst das DAUERN. VERGESSEN. Und darin die ZEIT.

Das Universum DAUERT – mich.

Das Universum DÄUT –

Es RÜHRT um und um.

Es RÜHRT mich um. Es BE-RÜHRT mich. Es um-wirkt.

Es brüht und brütet mich in seiner umrührenden Brühe.

Es RINGT um FASSUNG mit mir darin.

Das RINGEN um Fassung.

Es WIRKT immer weiter UM Fassung.
Es RINGT um FASSUNG in

VERSIONEN.

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE und VERSIONEN.

So physio-logisch hat man Wagner noch nie RINGEN hören:

VERSO, – lateinisch: etwas drehen, hin- und her-wälzen, herumwälzen.
Das Wälzen der VERSE

VERSO – Das VERSUM

Der PHYSIO-LOGOS

Ich wähle heute den Stern Arktur.
Mein Vers. Mein Univers.

Es ist egal, welchen Stern man wählt.
Weil jede Wahl passt und immer die Richtige ist.
Gestern. Heute. Morgen. Übermorgen.

Willkommen im KogniVersum.

Seien wir nachsichtig mit den CERNianern
Sie brauchen noch ein wenig Zeit,
bis auch bei Ihnen der Groschen gefallen ist.

Sie müssen Forschungsgelder verteidigen.
Stützungsanträge, Karieren und Pensionen.
Wer muss das nicht? Seien wir also nur ein ganz klein wenig: Ungeduldig.

Wir aber überlegen unterdessen schon mal, wie es weiter geht.

Tatsache ist, dass wir in einem Kogni-Versum leben.

Was heißt das?

Das heißt zunächst mal, dass wir die Aussage:

„Zeit ist relativ.“

ausweiten müssen auf die Aussage:

Zeit und Raum sind relativ.

Aber damit werden wiederum
die Einzelaussagen: „Zeit ist relativ.“ und „Raum ist relativ“ –

– gegeneinander – relativ.

Unser gesamtes Habitat wird damit – IN DIESEM AUGENBLICK – viskos – sich dehnend. Und dabei um-wirkend.

Sich dehnend. Sich ausdehnend im UM-WIRKENDEN Dehnen.

Das bedeutet konkret:

Wir leben in einer um-wirkenden/umwälzenden Ausdehnung. In einem DAUERNDEN Wirbel.

VERSO – etwas wälzen, umdrehen. Wir leben in einem Vers. Wir sind ein Vers.

Die technologischen Messungen zeigen uns keine objektiven Entfernungen
– und keine objektiven Zeiten oder Größen.
Anders gesagt: Das Universum zeigt sich unserer – Technik in einem Objektivitätsgrad – aber nicht in Objektivität.

Je weiter die „Entfernung“ desto weniger der Objektivitätsgrad.

Das bedeutet auch: Alle unsere Skalen dehnen und krümmen sich.
Das Meter ebenso wie die Sekunden. Nichts ist objektiv konstant.

Die Entfernungs – und Größenbestimmungen über die Supernovae vom TYP 1A sind ein SICH-IN-DIE TASCHE-LÜGEN der Astrophysiker.

Denn in diesem Universum gibt es nicht 1 Ereignis, dass mit einem 2. Ereignis VER-GLEICH-BAR wäre. Das Universum kennt keine Gleichheiten.
Es gibt in diesem Universum keine SUPERNOVA TYP 1A.

Weil dieses Universum nicht von einem Beamten für Beamte gemacht wurde!
Es kennt nur Versionen, also Harmonisierungen.

Alles, was wir mit unserer Technik beobachten sind Harmonisierungen vom TYP MENSCH.

Dieses Universum produziert nur Ähnlichkeiten (als Versionen) aber keine Gleichheiten.

Das Uni-Versum selbst – ist komplementär beschreibbar.

Es ist entweder – zeitlos – oder entfernungslos – raumlos – beschreibbar.

Aber es hat in jedem Fall: Eine DAUER und eine AUS-DEHNUNG

Weil es sich – immer – bewegt – schöpfend – dehnt.

Und deshalb bewegt es sich immer als Bewegendes. IRREVERSIBEL.

Es schöpft. Es dehnt. Es DAUERT.

Dass sich unser Meter und unsere Sekunde (scheinbar) für uns nicht ändert,
liegt daran, dass wir uns selbst immer mitändern.

Und es liegt daran, dass wir selbst uns in einer Art
großen um – wälzenden (versierten) sich eindrehenden stabilisierten Uhr befinden – die unser Habitat sowohl stabilisiert als auch harmonisiert.

Es gibt im ganzen Universum nicht eine einzige ganz gerade Linie.
Es gibt keine konstante Sekunde. Und keinen konstanten Meter.

Unsere spezielle umwälzende Uhr ist unsere Galaxie….und darin gekoppelt harmonisiert: Unser Sonnensystem an seinem wahr-scheinlichen Ort.

Wir selbst befinden uns – versiert – in einer DÄUENDEN,
sich ständig um-wälzenden – um-ringenden VERSION

Wir sind eine VERSION des UniVERSUMS. Ein VERS.

Wie lange die wirkende Dauer des gesamten Universums schon DÄUT,
lässt sich objektiv – von hier aus – nicht sagen,

weil wir selbst nur in einem bestimmten Zeitraum-Wirbel/Wirkung als in einer
Ver-dichtung (Dichtung) zu Hause sind. Dichtung: Vers. Version. Uni-Version.

Wir selbst sind also eine Ver-Dichtung. Ein Vers. Ein Uni-Vers.

(eine sich herum-wälzende Schöpfung) an einem ganz bestimmten
PHYSIO-LOGOS – in diesem dauernden Uni – Versum.

(VERSO, lateinisch: umdrehen, hin- und her-wälzen.)

Wir sind eine Version. Ein Vers. Eine Dichtung – eine Ver-Dichtung
An einem wahrscheinlichen (aber nicht absolut zufälligen) Zeit-Raum.

Jedes Sandkorn, jedes Ereignis, jeder Stern, jeder Mensch
ist eine Version, also ein VERS.

Reversibel in der Zeit. Aber irreversibel in der DAUER.

Deshalb ist jedes Wesen und jedes Ding einmalig – als Version – aber uni-versal,
weil aus der Dauer des Universums kommend und in seine Existenz hinein-gewälzt.

In unserer – Dichtung – als Version – er-zählen wir uns – in „Versen“
(als versierte Vers-ionen)

Das ist unsere Sprache – der Logos – der PHYSIO-LOGOS unserer VERSION

Er wälzt sich seit Jahrtausenden HERUM im VERS an Ge-STIRNEN von Frage und Antwort, Ja und Nein, Schweigen und Sprechen, Versuch und Irrtum, Leben und Tod. Angriff und Verteidigung. FLEXION und Re-FLEXION.

Das ist die uni-verse Physis der Gestirne und der uni-verse Logos – die Sprache.
Der PHYSIO-LOGOS- die VERSE des Uni-VERSUMS –
– der immer umwälzenden – aber niemals genau wieder einkehrenden Versionen im Uni-versum.

Reversibel in der Zeit – aber irreversibel in der DAUER

Die Sprache der um-ringenden DAUER. Der Wirbel des Physio-Logos.

Das ist unser RING – aber nicht als geschlossener und fester RING

Es ist unser RINGEN.

DAS RINGEN UM FASSUNG, in dem wir immer geboren werden.

Version (Das Wälzen) unserer Galaxie.
Version (Das Wälzen) unseres Sonnensystems.
Version (Das Wälzen) unseres planetaren Habitats.
Version unseres Blutkreislaufs. Versionen unserer Religionen, Geometrien,
Theorien und Gesänge….

Das UM-Wälzen von „Problemen“ – im Denken.

Frage-Nachfrage-Antwort etc….ER-ZÄHLEN.

Versionen (Drehungen) der Technik, der DNA, Motoren, CERN, Informations-Kreisläufe etc….

..und Versionen unserer konkav/konvexen Linsen und Spiegel
(das Hohlmachen, Einwälzen und das Aufbiegen/Aufwälzen – konvex-konkav)

Die DEMUT des Hohlspiegels, der „sich hohlt“ – hohl macht, leerbeugt, um sich im Licht zu er-zählen. (Hubble-Teleskop.)

Alle unsere Werkzeuge und unsere Geräte sind TAT-SACHEN.
(Wir tun mit ihnen in der Dauer.)

Auch unsere Sprache ist eine tuende tätige Tat. In der Dauer.

Aber als uni-verse Ge-Schöpfe ( er-zählte Vers-ionen)
bleiben wir immer mit dem gesamten Uni-Versum verschränkt.

Das heißt: Wir kommen aus seiner Dauer.

Alle unsere Handlungen; alle kleinen und großen Entschlüsse (ER-ZÄHLUNGEN) eines jeden Menschen liegen potentiell immer schon als Wahrscheinlichkeit im Uni-Versum vor.

Aber verschränkt sind wir nicht nur mit den Vers-ionen der Planeten-Umwälzungen, sondern mit absolut allem, denn wir sind UNI-VERS-
EN-TROPISCH GeWälzte.

(Darin liegt auch der tiefere Grund für die Präzision des Maya-Kalenders.)

Das Schick-Sal eines Menschen, einer Zivilisation oder eines Planeten
ist weder ganz zufällig noch ganz determiniert, aber es folgt einer
Wahr-Scheinlichkeit im uni-versen Feld – in das es ge-schickt wurde und ge-schickt ist.

Auch wir sind als Gattung ge-schickte. Gewälzte.

(Nehmen wir es an. Seien wir ab jetzt Ge-Schickte)

VERSIBEL und VERSIERT in der ZEIT. Aber IRREVERSIBEL in der DAUER.

Ein solches Feld der Schickung ist ein Feld der thermodynamischen Verteilung.
Es hat offene Mitten und offene Ränder.

Die Ränder machen die Mitten. Die Mitten machen die Ränder.

In Paarbildung.

Ver-Teilung meint hier ganz wörtlich:
Jedes Ge-Schöpf wird geboren mit An-Lagen.

Jede Existenz hat ihr eigenens An-Liegen an ihr Gestern und an ihr Morgen.

Das gilt auch für Steine, Tiere, Pflanzen, Planeten etc…

Sie liegen – an. In Gegen-Wart. – warten – sie ihr – Ei-genes.

Das Ei des Ei-genen.

Etwas liegt – von früher her – an – und wälzt sich- versiert – ge-schickt entropisch – gegen – das Morgen hinein.

Deshalb ist jeder Stein, jedes Ereignis, jeder Planet
und jedes Wesen ein kausales Ge-Schöpf.

Es kommt an-liegend aus der von früher – an-liegenden DAUER.

Es dreht sich, es wälzt sich schöpfend in sein Er -Ei- gnis.

Es ist Ei gen. Eine Ei-genheit.

Da dieses an-liegende sich dehnende Feld im Ereignis
aber prinzipiell offene Ränder hat – sind wir zwar ge-schickte
und kausale Ge-Schöpfe –

aber mit offenen Rändern –

wir sind nicht total determiniert, aber wir sind trotzdem kausal.

Oder anders gesagt: Wir sind als uni-verse Ge-Schöpfe voll kausal,
bleiben aber wahr-scheinlich.

Die Redewendung: Jemand wurde unter einem bestimmten Stern geboren – ist genau so zu verstehen. Als in einem Feld der Verteilungen eingestreut.

Auf Grund der prinzipiellen (ad-hoc) Verschränkung mit der DAUER des UniVERSUMS – ist auch Prophetie oder Fernwahrnehmung möglich, und – in bestimmten Fällen – nicht ganz ausgeschlossen – leider – der so genannten Spuk – im Sinne einer psycho-physischen Wechselwirkung mit dem offenen VERSO der PSYCHE und dem VERSO der Physis.

(Dass hier viele lustige Spinner, Witzbolde oder Scharlatane unterwegs sind, gehört zum Spiel, ändert aber nichts an der Wahrheit.)

Warum nun werden so-genannte „Freak-Events“ – als Spuk
oder telepathische Erfahrungen oder Offenbarungen
als nicht-wissenschaftlich eingestuft?

Und warum werden Menschen denunziert, oder trauen sich nicht,
mit bestimmten Erfahrungen öffentlich zu werden.

Die Antwort lautet: Weil diese Erfahrungen irreversibel sind.

Das bedeutet: Sie sind nicht reversibel.
Also nicht beliebig wiederholbar.

Wissenschaftlich gesprochen:
Sie sind nicht in einem Labor beliebig reproduzierbar.

Warum sind sie das nicht?

Sie sind deshalb nicht reproduzierbar –
weil sie irreversibel sind – also nicht reversibel – nicht reproduzierbar.
Zwar leben wir als Vers-ionen in reversibler Umwälzung – also zeitlichen Reversibilitäten,
aber diese Umwälzungen folgen einem irreversiblen Zeitpfeil – in der DAUER, so wie ein Wirbel, der in sich umwälzt – aber irreversibel in einer Richtung strömt. Wir sitzen prinzipiell im innern unseres Wirbels. Aber die Flussrichtung dieses Wirbels ist irreversibel in der Dauer.

Weil das Universum prinzipiell seit seiner Entstehung irreversibel – kausal sich dehnt.

In seine Dauer hinein dehnt.

Da unser Bewusst-Sein aber einer sehr starken – scheinbar – reversiblen Um-Wälzung folgt (Blut-Hirn) und selbst das Er-Ei – gnis einer starken Ein-Krümmung/Ein-Windung ist – und im Innern seines – däuenden – Wirbels sitzt, konstruiert es die Welt zeitlich reversibel – wiederholend. Scheinbar wiederholend.

Also reproduzierbar.

Das ist auch lebens-NOT-WENDIG.

Weil nur in der zeitlichen Reversibilität also in der Wiederholung ein Ding,
ein Gerät, eine Sache, eine Pflanze, ein Tier, ein „ICH“ und ein „DU“
seine Ei-gene DAUER haben kann.

Auch ein Wirbel ist innerlich reversibel, aber bezogen auf seine Richtung irreversibel.

In dem wir unsere Reversibilität – dauernd – reproduzieren/ VERSIEREN
wiederholen wir uns in unser Eignis hinein als Er Ei gnis.

Das Ei-gene ist – das „Ei“ des Bewusst-Seins.

Die Eigen-Heit eines jeden Menschen ist seine Reversibilität in den Umdrehungen seines Wirbels.

Aber die Uni-Versalität ist seine Nichtwiederholbarkeit als Charakter
bezogen auf die DAUER.

Die Eigenheit meint aber nicht: Geschlossensein

Die Eigenheit meint: Nichtwiederholbarkeit.

Dieses Ei im EI-GEN-SEIN hat offene Ränder, weil es kein Ei ist
sondern – IN WIRKLICHEKEIT eine starke Einkrümmung/
Verwirbelung in der DAUER

Die Dauer – ist irreversibel in ringender Dehnung. Sie DÄUT.

Ein Wirbel mit einer bestimmten Richtung und in einer bestimmten Achse.

„Freak-Events“ oder „Erlebnisse“ oder „un-heimliche Begegnungen“ sind
ein Grenz-Schicht-Geschehen und im wahrsten Sinne des Wortes –
RAND-ERSCHEINUNGEN – des Offenen. (Offen-Barungen)

Des irreversiblen – also nicht beliebig wiederholbaren VERSO.

Zur Physik:

Materie ist eine FORM und zwar eine gewirbelte ZEIT-FORM der
thermischen DAUER.

Materie ist genau so eine ZEIT-FORM wie LEBEN oder BEWUSST-SEIN.

All dies sind IN-VERSIONEN – EIN-WÄLZUNGEN – Von der DAUER geformte oder verdichtete- Zeit-Räume.

Kleine oder große TORNADOS. (Ein-Wendungen)

Die schwache Wechselwirkung – der radioaktive Zerfall –
ist der „drehende Wind“ in den Aussenbezirken eines Tornados,
der sich all-mählich verbraucht und der ebenfalls keine scharfen Ränder hat.

Deshalb zerfällt auch Materie. Das heißt: Sie löst sich nicht auf, sondern ein.
Die eine schneller, die andere langsamer.

Die starke Wechselwirkung, welche die „Kerne“ im Innern der Materie
zusammenhält, ist der „drehende STURM“ im Schlauch des Tornados.

Bei der Kernspaltung wird Energie frei, weil ein Tornado-Schlauch, wenn
er platzt – seine Dreh-Impuls-Energie – plötzlich abgeben muss.

(Die Anreicherung von Uran-in Zentrifugen oder per Diffusions-Trennung
meint nichts anderes, als dass man ein „Element“ künstlich nach Drehimpulsen anreichert – oder sortiert und es damit „schwerer“ macht – als es von Natur aus ist. Man macht den Tornadoschlauch dicker und schwerer.

Der Tornado-Schlauch wird – radio-aktiviert.
(Man beachte das „radius“ im Wort)

Aber damit wird er zugleich instabiler, zer-fälliger.

Bei der „Kernfusion“ wiederum wird Energie frei, (Unsere Sonne)
weil ein Tornado-Schlauch sich gegen seine Zusammenpressung verteidigt –
in dem er Dreh- Impuls-Energie abgibt.

Der Tornado-Schlauch „verteidigt sich“ per Energie-Abgabe gegen die Zusammenpressung, weil er prinzipiell nicht stille stehen kann. Also man kann ihn nicht an-halten, denn das würde bedeuten – das Universum anhalten – die Dauer anhalten – und das ist nicht möglich.

Die ENERGIE, um die es hier geht – ist WARME oder HEISSE, HARTE STRAHLUNG und zwar eine aus der ROTATION geborenen WELLE – als Schwingung, als Dreh-Impuls-Energie. LICHT und das elektromagnetische Spektrum.

Diese ENERGIE ist die Uni-VERSE ENERGIE der DAUER.

Energie ist DAUER. SIE däut. Sie VERDAUT. In dem sie Arbeit leistet.

Diese ENERGIE gehörte immer schon dem Universum an und unterliegt
deshalb ebenfalls der Entropie. Auch eine Maxwell-Funktion hat Entropie.

Die Lichtgeschwindigkeit selbst – dehnt sich – in der Dehnung des Universums.

Aber damit kann man kaum noch von einer „Geschwindigkeit“ sprechen, höchstens von einer Ausbreitung, Ausdehnung.

Sprechen kann man nur noch davon:
LICHT WIRD. DAS UNIVERSUM WIRD.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen ZEIT-RAUM-WIRBELN
der DAUER.

In Wirklichkeit gibt es weder „Protonen“, noch „Elektronen“, noch „Neutronen“,
noch „Quarks“ … und auch keine Alpha oder Beta-Teilchen.

Was hier – als „Teilchen“ – falsch/richtig diskret gezählt und immer wieder reproduziert wird – sind „harmonisierte“ Dreh-Impulse unseres ganz speziellen Zeit-Raum – Habitats – hier an unserem harmonisierten Ort samt unserer harmonisierten Techniken und Geräte – in einer streng harmonisierten Evolution.

Diese unsere Evolution beginnt streng genommen immer schon mit dem Beginn
des gesamten Universums, dessen letzte Ursache nach wie vor unklar bleibt

Unsere Harmonisierung aber ist so dominant, (versiert) dass sie uns alles im Universum nach unserer Geräte-Harmonisierung und der technischen Gelingens-Harmonisierung sozusagen – technisch zurecht-legt.

Sogar unserer Elemente-Unterteilungen, wie wir sie ER-ZÄHLEN und auch „erleben“ die Spektral-Linien, die wir ER-ZÄHLEN, sind harmonisierte Zurecht-Dichtungen. Also NOT-WENDUNGEN unserer Verschränkung mit der DAUER des Universum. Hier im harmonisierten EI unserer Ei-Genheit.
Deshalb auch die berühmte Nadelspitze aller unserer kosmologischen Werte – von der „Feinstrukturkonstante“ bis zum „Elektronenvolt“ – die Katze, die immer da die Löcher im Fell hat, wo die Augen rausgucken – als „anthropisches Prinzip“

Diese harmonisierten „Diskretionen“ in unserer Elemente-Tafel (Pseudo-Diskretionen) zeigen eine Morphologie, unsere Morphologie – hier in unserem Zeit-Ort-Wirbel.
Unsere Zeit-Raum-Uhr im Zusammenspiel unserer harmonisierten ER-Eignisse.

Die Harmonisierung ist so dominant mit unserer Technik verknüpft, dass wir auch in fernen Sternen und Galaxien die „selben“ Elemente vorzufinden glauben.

Und also die „selben“ Unterteilungen für die „gleichen“ Unterteilungen halten.
Was sie aber nicht sind.

All das zeigt immer UNS SELBST und unsere Geräte als – gezählte – quantisierte „Zähler“ des Uni-Versums. In Versionen. (Im funktionalen Herum-Wälzen) In Er-Ei-gnissen. Oder Er-Gebnissen (In Ergebenheit.)

Versionen sind Harmonisierungen – (Verse) und als solche
pseudo-diskrete Ereignisse.

Statistisch hervor-gewälzt aus unserem evolutionären Ge-Schick im RINGEN von Trial and Error, Versuch und Irrtum, Rede und Widerrede. Gegenwart und Widerwart.

Das – was wir GELINGEN nennen – oder technisches GELINGEN nennen – ist eine Harmonisierung – unseres RINGENS – eine weitere VERSION – ein weiterer VERS – eine DICHTUNG. Hervorgegangen aus dem WÄLZEN von Problemen – in EX-Perimenten und Laboren.

Die Irritation am Doppelspalt (Welle/Teilchen) ergibt sich, weil unser eigenes Handeln als EX-perimentierende immer mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums korreliert.

Wenn wir das Universum beobachten, beobachten wir uns selbst, das heißt:

Das Universum beobachtet auch uns – und zwar ad hoc.

Indem das Universum uns beobachtet – erzeugt es uns – als Handelnde – im Er-Eignis. Pseudo-Diskret. Als „Beobachter“.

Das selbe gilt für die „Verschränkung“ am Mach-Zehnder-Interferrometer.

Das “ verschränkte Teilchen“ ist kein „Teilchen“ – oder „zwei Teilchen“ – sondern die Ad-hoc-Korrelation unserer Handlung mit der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums.

Das heißt: Wir waren immer schon verschränkt.

Ob man eine Kaffee-Tasse anhebt oder ein Teilchen erzeugt oder eine Atombombe baut ist gleich-gültig. (Mit Binde-Strich, also nicht: Gleichgültig)

Alle „Er-eignisse“ kommen aus der Gesamtwahrscheinlichkeit des Universums
als einem Wahrscheinlichkeits-Feld mit offenen Rändern.

Deshalb ist die sogenannte Kopenhagener Deutung der Quantenphysik eine
Lebens-Lüge der ästhetischen Physik.

Eine LEBENS-LÜGE – not-WENDIG, um den MATHEMATIKER und den PHYSIKER als „kalte“ Beobachter am Leben zu halten. Als TECHNIKER zu plausibilisieren.

Der Strömungs-Sog der Gravitation hat die Reichweite unendlich,
weil er aus der DAUER des Universums kommt.

Gravitation ist der Strömungs-Sog zwischen Zeit-Raum-Wirbeln.

Die Gravitation ist ein Effekt der Expansion, das ist: Die DAUER des Universums in Aus-Dehnung.

Deshalb kann man sie mittels (tiefer) Temperatur und Rotation auch ein-kehren.
oder umkehren (Martin Tajmar). Weil die DAUER des Universums mit der Energie und der Masse – also mit dem Hinein-Drehen der Entropie konjugiert ist.

Was folgt noch aus einem Kogniversum?

Daraus folgt, dass unsere eigene sich aufrichtende Vertikal-Spannung auch motiviert sein könnte von einem Dialog, den wir seit je her – in der Kognition – mit anderen Zivilisationen (Versionen) führen. Wir nehmen unbewusst daran An-Teil.

Aber schon alles, was sich dreht, ist bereits eine VERSION.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weiter-entwickelte Zivilisationen gelernt haben, sich kognitiv „zu unterhalten“ – quasi telepathisch.

Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir etwas davon abbekommen.

Eine höher entwickelte Zivilisation dürfte die Fähigkeit ausgebildet haben,
ihre Abschirmungs-Strategien (Ihre Ei-gen-Heit) je nach Belieben an- oder abzuschalten.

Womöglich kann sie sich sogar über weite Strecken „bewegen“ ohne
Probleme mit „Einsamkeit“ zu bekommen – eben weil sie die kognitive
Kommunikation beherrscht.

Insofern spielt hier die „Lichtgeschwindigkeit“ überhaupt keine Rolle mehr.

Zum Anderen könnte eine geringe Zahl von „echten“ Ufo-Sichtungen
oder „Begegnungen“ als „Freak-Events“ auf eben unsere kognitiv
offenen Ränder hinweisen – folgend aus der grundsätzlichen Offenheit
aller thermodynamischen Ränder

Als Rand-Erscheinung des nichtgeschlossenen Ereignisfelds sind sie wahr-scheinlich.

Es ist möglich, dass höher entwickelte Zivilisationen sich sozusagen in
kognitiven Schiffen – also in kognitiver Navigation bewegen können.

Und unter bestimmten rand-öffnenden Bedingungen könnten sie sich uns
dann „zeigen“ – – –

Bei uns HERUM-SPRINGEN – HERUM-FLIEGEN – HERUM-SPUKEN.

UM-WANDELN.

(Aber das war jetzt weit vorgegriffen.)

Es bleibt dabei: Wer immer noch glaubt, Zahlen oder mathematische Funktionen
seien temperaturlose also dauer-lose oder „kalte“ Gebilde ohne Dauer – der kann sich noch die nachfolgenden Einwendungen zu Gemüte führen, oder er stellt sich die Frage, welchen Sinn Zahlen machen, die von keinem rechnenden – also warmen – Gehirn geführt werden.

Wer meint, Mathematik stünde über dem ein-wendenden und entropischen VERSO des Logos – müsste sich vielleicht noch einmal mit der Geschichte der Philosophie und aller Wissenschaft befassen, insbsondere mit der evolutionären Erkenntnistheorie.

Wer sagt, Arithmetik oder Geometrie seien „einfach so da“ – temperaturlos im Apriori – der wäre gehalten, einen Mathematiker, einen Computer oder einen Physiker vorzustellen, der ohne Ernährung, Essen, Trinken oder Strom auskommt – folglich: Ohne Temperatur.

Wer die Meinung vertritt, die Raumzeit-Krümmung sei nur Geometrie, sollte dann auch begründen können, wie in einem randunscharfen Universum „Linien“ oder „Flächen“ genau zu definieren sind.

Wer glaubt, eine sogenannte „Funktion“ bräuchte keine
energetische Dreh-Routine – sei es als Stromkreis im Rechner oder als
Blut-Kreislauf im rechnenden Mathematiker – der glaubt eben nur.

Wer irgendwelche temperaturlosen „mathematischen Punkte“ oder Eulersche Masse-Punkte im Universum vermutet, der müsste dann auch überzeugend Punkte im Universum vorweisen, die ganz ohne Temperatur sind. Was nach heutigem Ermessen eher schwer fallen dürfte.

Wer Worte wie „Reversibilität“ oder „System“ oder „Punkt“ oder „Konstante“ oder „Teilchen“ benutzt ohne dabei zugleich mitzuteilen, dass es sich hierbei nur um eine begriffliche Hilfs-Krücke (h wie Hilfskrücke) der temporären Stabilisierung handelt – in einer speziellen Harmonisierung, der kann diese Überlegung mit ein bisschen Selbstüberwindung immer noch nachholen.

Wer das Wort oder die Zahl „Eins“ benutzt, könnte dabei zugleich mitreflektieren, dass vor jeder „Eins“ immer schon ein „ICH“ im „DU“ aus der DAUER hervorgegangen sein müssen.

Wer nicht so richtig versteht, wie die ENTROPIE als das EIN-WENDENDE Geschehen wirkt, das sowohl Formen schafft – indem es die DAUER zu reversiblen ZEIT-Räumen (Funktionen) verwirbelt – und diese auch wieder öffnet – eben weil ein Wirbel sowohl offen als auch geschlossen ist – und nur eine endliche ZEIT haben kann – aber eine vor-und nachläufige DAUER, der könnte sich auch einmal mit Sprache befassen, die das Universum auch zu einem Kogniversum macht.

Unserem Gehör ist ein spiralförmiger verwirbelter Apparat vorgelegt – die Cochlea.

Das Gleichgewichtsorgan für die Lage im Raum sitzt bei uns im Innen-Ohr
und zeigt ebenfalls eine sich ein-krümmende – bogenförmige Ausprägung.

Ich muss keine VERSIONEN mehr hören. Denn ich habe sie immer schon im Ohr.

„Im RAUM hört Dich niemand schreien.“

Die Entsorgung der Entsorgung. ( HR Giger gewidmet.)

 Das däuende Wesen: Ein-Wendung/Auf-Biegung

Das däuende Wesen: Ein-Wendung/Auf-Biegung

Miez, Miez, Miez: Das Wesen, das wir werden.

Miez, Miez, Miez: Das Wesen, das wir werden.

Ende der Ästhetik. Beginn der Ästhese. Ende der reversiblen-Physik. Beginn der Verschränkung. Ende des nichtthermodynamischen Beobachters. Beginn der UM-Wandlung Ende der Anschauung. Beginn der Wahrnehmung.

HR Giger: Ende des Be-Griffs. Beginn des Greifens. Ende der Anschauung. Beginn der Wahrnehmung.

HR Giger: Ende des Be-Griffs. Beginn des Greifens. Ende der Anschauung. Beginn der Wahrnehmung.

Das Ende der Philosophie – Das Aufplatzen des Denkens. Die Aufrichtung des Gehens im Licht des um-wandelnden Physio-Logos. Man darf erwarten, dass die kommenden intellektuellen Diskurse ebenso im „schön-geistigen“ als auch im „philosophischen“ wie im „naturwissenschaftlichen“ Betrieb angefüllt sein werden mit Raumschiff-Pflege und Raumschiff-Sorge. Mit Rückzugsgefechten, Ausweichmanövern, syntaktisch rhetorischen Figuren, kleinen Sprachspielen, Biografie-Rechtfertigungen, Scherben-Rettung und mit überbordendem Allegorien- und Metaphern-Schwulst. Aber was tun gegen einen…. perfekten Organismus? Aber wieso „gegen“ – Was tun – m i t einem Organismus – der sowohl tot als auch lebendig ist? Ebenso stabil als auch elastisch?

HR Giger: Natur der Technik/Technik der Natur

HR Giger: Technik der Natur

Vorhersehbar wird ein großes aber leises Manöver in den rhetorisch/syntaktischen Figuren der bisherigen „Philosophen“ : Das-habe-ich-ja-immer-schon-gesagt-gedacht-geschrieben-oder-das- hat-x- y- z – da- und -dort- schon gewusst-und-gemeint-u.s.w. Schon Ovid hat und so weiter. Ja was hat denn Ovid..? Garnichts hat er. Garnichts habt ihr. Man wird von vielen Denk-und Philosophie-Simulationen noch einige interessante Aperçus (die französische Schreibweise lohnt hier nicht mehr) und Wiederholungen hören. Wir haben doch immer und immer wieder auf die Umwandlungen hingewiesen. Aber wir selbst waren zu dumm und zu faul und zu feige, irgend etwas relevantes daraus abzuleiten. Unser Hemd und das Chambre war uns näher und wichtiger. Es war eben wichtiger, Literatur zu zitieren, als irgendetwas zu denken. Es hat uns eben nicht i n t e r e s s i e r t . INTER-ESSE——heißt soviel wie IM ATMEN, IM SEIN. Hier und da etwas antichambrieren, ja…für die Saloniere, ja… Ausserdem wird man sehr bald immer mal wieder sprechen hören vom notwendigen Humus , vom Kompost, von einem Boden der Ablagerungen oder Einlagerung, gar von der äußerst wichtigen , geradezu lebensnotwendigen menschlichen Scheiße. Lesbar sind dazu die Ausführungen im Buch Hesekiel, wo der schwer beanspruchte Prophet den Gott darum bittet, sein Brot nicht backen zu müssen über getrockneter und dann entflammter Menschenscheiße. Er bittet um Kuhfladen als Brennmaterial. Hesekiel war ein großer Thermodynamiker. Wenn man in Zukunft „Philosophen“ wird reden hören, dann noch einmal sehr undeutlich, wie durch einen Kokon aus lauter Fremdzitaten. Im speckigen Aspik einer triefenden – wie man so schön sagt: gekonnten – hermeneutischen Syntaktik. Aber was tun – mit einem perfekten Organismus? Was muss man erkennen….? Die modernen und postmodernen „Probleme“ der Philosophie DÄUEN alle schon in der Alchemie, in der garnicht dummen Mystik und der garnicht so dummen Scholastik. Ja, sie waren hier bereits voll entwickelt. Warum war das alles garnicht so dumm? Eben weil da ein INTER-ESSE war!

HR Giger Physio-Logos

HR Giger Natur der Technik

Thomas von Aquin reichte schon sehr nahe an Kant heran. Sehr nahe. Luhmann fällt zu einem faden Schaum zusammen, zu einem Schäumchen, wenn man Maxwell, Goedel, von Bertalanfy, Prigogine oder die Mengenlehre in ihren Grundzügen verstanden hat. Wer war Marshall Mc Luhan? Ein spätwitziger Hinterherdenker, der Aristoteles, Ernst Jünger , Eckhard von Hochheim oder Walther Rathenau nicht rezipiert hat. Wer braucht eine neue Systemtheorie, wenn er die Dynamik von Potentialität und Aktualität bereits bei Aristoteles und Thomas voll entfaltet findet? Und dann seit über hundert Jahren mit dem Carnot-Prozess bereits in der Thermodynamik. Wen soll das Gefasel zu Descartes Cogito noch beschäftigen, wenn Luthers Bewegung und Paul Ehrlichs Entdeckung registriert oder wenigstens nicht mißverstanden wurden?

HR Giger Technik der Natur

HR Giger Technik der Natur

Auf wie viel Geschreibsel und Gerede wird man noch warten dürfen? Noch etwas Dilthey – der Herr? Peter Bieri – dein „Trilemma“ ist gegessen. Und zwar hier. Und zwar vollständig. Hören wir der Haber-Masse im Illusionenbeschleuniger zu – hören wir dem demnächst zwischen ihre Zeilen. Was musste man da neulich wieder hören von Neutrinos, die womöglich doch schneller sind als das Licht?? Hören wir auf ihr „All-Mähliches“, auf ihr Hinlenken und Ablenken, auf das Abwiegeln, auf den kleinen moderierenden Singsang im Quirl ihrer Metaphernschäume und neualten Zitations-Strategien. Große dicke Bücher sind noch einmal zu erwarten, die noch einmal ganz gewitzt und ganz hinten bei den alten Griechen herumzuppeln, herumschwadronieren. Hören wir die neuen oder alten Ironien, die Ernährungstrategien, und auf die stotternde Ästheti-K. Hören wir auf das Murmeln ihrer verdunkelten Sprache und all ihrer nunmehr schwach gewordenen Alegorien und Latinismen, freuen wir uns auf ihre META-PHERN. Blättern wir uns durch tausend fleißige Doktorarbeiten, so dass uns der Wind der Seiten davon herrlich das Gesicht kühlt… Hören wir all diesen nicht mehr ganz so überzeugenden Nebengeräuschen der Eigenreferenz genau zu. Und doch: All das bleibt jetzt schon ein großer Ab-Fall der Entschlüpung. Auf Seiten der Philosophie, der Ästhetik und der Physik – ebenso in der Sprache und in sehr vielen „Texten“ ist ganz plötzlich eine Menge Schrott angefallen. Dies aber als ganz natürliche Wirkung eines Entschlüpfens. So – wie auch die Neue Kreatur mit Eierschalen und Dotter-Resten eben nicht viel mehr anfangen kann, als dass sie diese eben abzehrt oder auffrisst oder eben einfach hinter sich lässt. Vielleicht noch ein wenig Musik für den Kopfhörer… DAS ALIEN IST am Schlüpfen. Dabei ist es uns doch so ähnlich. Es ist gar kein ALIEN. Es hat seine DÄUENDE, eingekrümmte, verbogen-geschlängelt-eingewendete – entropische – Körperlage im Ei – verlassen. Das Ei und der Wirtskörper sind aufgeplatzt. Die Mauern gefallen. Ein gutes Alien. Ein starkes Alien. Ein schönes Monster. Unser schönes Monster. Das Monster, das wir werden. Hallo Monster. Der Organismus. Die Natur der Technik der Natur der Technik. Der Physio-Logos. Deshalb kann dem philosophischen oder dem Ästhetik-Müll und dem physikalischen Teilchen-Schrott nicht wirklich irgendein Zorn gelten. Schon gar nicht irgendein göttlicher Zorn. Einen Eierschalen-Bruch zu „belehren“ wäre Zeit- und Energieverschwendung. Denn all das wirkte ja – in der Dauer – als notwendige Umkalkung und als notwendige Gebährmutter, nahrhafter Nährdotter und Wirtskörper. Nicht umsonst gilt ja die dringende Weisung, man solle seine Eltern ehren. Als ZWERG ehren die Schultern der Riesen, auf denen man steht. Die Eltern und Riesen ja – aber nicht den ganzen Kalk und alle Dotter-Reste – soviel Häutung muss erlaubt sein. Der unspektakuläre Abschied vom Ästhetik-Kalk, dem Teilchen-Schrott und dem Philosophien-Müll und all den herumliegenden Eierschalen – fällt leicht. Man geht einfach seinen Weg und wächst und wächst und wächst und wächst. Raumschiff-Pflege – Raumschiff-Sorge. Man ist gegenwärtig ökologisch gestimmt. Deshalb muss auch dem Ab-Fall und dem Schrott eine gewisse einvernehmliche Aufmerksamkeit gewidmet sein. Wir müssen ihn sortieren, trennen, lagern, bewahren, sogar pflegen, ehren und verwerten – am besten, in dem man ihn aufstellt zu einem Denk-mal!

HR Giger: Der tote Beobachter/Ende der Ästhetik

HR Giger: Denkmal des toten Beobachters.

Carmina Burana, 12.-13. Jahrhundert.

Das Wort Schöpfung meint wörtlich ein Schöpfen wie von Wasser mit den
hohlen Händen der Sprache. Die Sprache muss sich selbst leer machen, um voll zu werden. Dieses Sich-Leermachen der Sprache verweist auf ein Ausserhalb der Sprache. Sprache, die im Chronischen  ihre Hände hohl formt, vom Chronischen geformt wird, und es schöpft, ausschöpft – das ist Schöpfung, also Dichtung.

Eine Anerkenntnis. Da sind Kompositionen und Texte, die behalten auch nach tausendfacher Ver-Ohrwurmung und Verschlagerung  ihre un-heimliche Autorität, ihre unbestreitbare Dichtungs-Qualität von Artikulation.

Diese Texte sind  Gefäße, in welche viel nachfolgendes
Gerede hineinplätschert wie in den großen Gulli einer Kanalisation.

Carl Orffs musikalische Eingebung zu diesem alten Text der Carmina Burana verdankt sich einem Gespür für das Einfache und ganz Einfache, das  nicht trivial ist.
Erst eine bestimmte Art von Demut, die sich zu einem Welt-Gefäß, zu einer Welt-Schale leer-beugt, leerschmiegt – kann ein Pathos schöpfen, das kein Kitsch ist – sondern  Re-Flexion – nach – der Flexion (Biegung)

Das Rad der Fortuna

Das Rad der Fortuna

Da wirkt das große rund  (gebogene, flexive) umgreifende Pathos der Schöpfung als einer Geburt aus dem Tod – des  an-dauernden, anrollenden Wirbels/Rades  – (eben dieses Rad, das auch der immerkranke und halbgenaue Nietzsche nur von Hesekiel geklaut hatte, wenn auch unbewusst.)

Aber diese sich leerbeugende Schale ist keine zappelnde Fuchtel, keine Knattermimik der bloßen Zeugung und Selbstbezeugung, oder der kulissischen Verklärung.

Sprache, die nur noch konvex zeugend aber nicht mehr konkav/konvex schöpfend agiert, kann keine Welt-Linse/Schale sein.
Eine solche Sprache wackelt sich selbst etwas vor, zappelt dabei immer im Halben, fuchtelt und stochert im Irrelevanten.

Linsen oder Spiegel als gedrehte Schalen

Linsen oder Spiegel als gedrehte Schalen

Das Wort Schöpfung meint wörtlich ein Schöpfen wie von Wasser mit den
hohlen Händen der Sprache. Die Sprache muss sich selbst leer machen, um voll zu werden. Dieses sich Leermachen der Sprache verweist auf ein Ausserhalb der Sprache. Sprache, die im DAUERNDEN herum ihre hohle Hand formt, biegt, beugt, vom Dauernden gebeugt wird, (Flexion – Re-Flexion) und es schöpft, ausschöpft – das ist Schöpfung, also Dichtung.

Wo Sie aufdringlich sich selbst bezeugt, in Stilen, Tricks, Tönen und Jonglagen gerät sie zur ontisch/ontologischen  Ab-Dichtung. Die Ästhese, die sich mit dem K verstopft –  zur Ästehti-k

In einer frühen Zeit, in der Dichter manchmal auch Lügner genannt werden durften, was man als Kompliment verstehen muss, eben weil sie klug und nicht dumm waren, zum Teil notlügend, weil sie als Umherstreifende (Vaganten) lebten – mit höchstem Lebensrisiko und nicht als  „Wohnende“ und „Habende“  – in dieser Zeit konnte sogar das Latein im Kontakt mit dem Mittelhochdeutschen und Provencalischen der Felder, Straßen und Wege lebendig sich beatmen. Der Vagant, als der Umherstreifende, ist der Typus des nichtdummen Dichters.

Das 19. Jahrhundert hat dann – nach den römisch saturierten Satirikern den Flaneur wiederbelebt als Pseudo-Vagant. Oder Vaganten-Ersatz. Aber dieser städtische Pseudo-Vagant dichtet längst ungefährdet, umbaut und umstädtert.
Er ist und bleibt eine Kaffee-Haus-Figur, ein Trottoire-Troubadour hinter zivilisatorischen Sicherungen der Stadt-lichkeit. Seine Artikulationen sind immer auch Selbststaffagen vor (platten) Spiegeln, vor  Schaufenstern.
Die Dichter im Paris des 19.Jahrhunderts, das eben diesen Flaneur erfand, haben das immer auch gewusst und artikuliert.
Die eigentliche Qualität der Dichtungen eines Rimbaud  speist sich aus ihrem Selbstekel. Das l’art pour l’art ist immer schon Selbstekel. Schon der berühmte Titel „Blumen des Bösen“ von Baudelaire spricht eben als  eine ganz helle und ganz deutliche Metapher. Überhaupt nichts Geheimnisvolles oder gar Dunkles „verbirgt“ sich darin.
Es spricht sich darin aus eine sehr genaue Exaktion zur eigenen Existenz.
Die Besten unter den Pariser Künstlern flüchteten dann auch in die Südsee.

Ein Vagant des 12. 13. und 14. Jahrhunderts dagegen, ausserhalb der Stadt, war noch nicht mal eine Blume mit einem Boden, er war zugleich mehr und auch weniger, er war ein treibender Same. So ein Vagant musste auf der Hut bleiben. Er konnte jederzeit für ein Wort oder aus Versehen oder aus purem Zorn von einem reitenden Herren, dem Ritter, zertreten und zerschlagen werden.

O Fortuna –   Rad des Ge-Schicks. (Schick-sals) Hier dreht das Rad, das als Fortuna sich immer wieder wendet von Höhepunkt nach Totpunkt. Zugesprochen dem Wechsel der Mondphasen (velut luna). In der Natur der Technik leben die Hebungen und Senkungen der kreisenden, sich ein – und aufbiegenden (Flexion, Reflexion) (atmenden) Kreisläufe der phasendrehenden Motoren und an-dauernden Wellen bis in die DNA hinein und wieder aufwogend bis in die Linsen und Spiegel kosmologischer oder mikroskopischer Beobachtung

Sinus: Drehung, Dreieck, Kreis und Winkel.

Sinus: Drehung, Dreieck, Kreis und Winkel.

Elektromagnetische Schwingung

Elektromagnetische Schwingung

„esse“-lateinisch: sein  – kommt aber ethymologisch ebenfalls von: atmen.
Die Dauer  schickt  dieses Atmen in das technische Ge-Schick hinein.

1. Fortuna, Imperiatrix mundi

O Fortuna velut luna statu variabilis, O Fortuna! Wie der Mond  – so veränderlich,

semper crescis aut decrescis; vita detestabilis  Wachst du immer oder schwindest! Schmähliches Leben!

nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem, Erst misshandelt, dann verwöhnt es spielerisch den wachen Sinn.

egestatem, potestatem, dissolvit ut glaciem. Dürftigkeit, Großmächtigkeit, sie zergehn vor ihm wie Eis.

Sors immanis et inanis, rota tu volubilis, Schicksal, ungeschlacht und eitel! Rad, du rollendes!

Drehmoment eines Elektromotors

Drehmoment eines Elektromotors

status malus, vana salus semper dissolubilis, Schlimm dein Wesen, dein Glück nichtig, Immer im Zergehn!

obumbrata et velata michi quoque niteris; Überschattet und verschleiert kommst du nun auch über mich.

nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris. Um des Spieles deiner Bosheit trag ich jetzt den Buckel bloß.

Sors salutis et virtutis michi nunc contraria, Los des Heiles und der Tugend sind jetzt gegen mich.

est affectus et defectus semper in angaria. Willenskraft und Schwachheit liegen immer in der Fron.

Hebungen und Senkungen der DNA (Wellen)

Hebungen und Senkungen der DNA (Wellen)

Hac in hora sine mora corde pulsum tangite; Drum zur Stunde ohne Säumen rührt die Saiten!

quod per sortem sternit fortem, mecum omnes plangite! Wie den Wackeren das Schicksal hinstreckt; alle klagt mit mir!

2. Fortune plango vulnera    2. Die Wunden, die Fortuna schlug

Fortune plango vulnera stillantibus ocellis. Die Wunden, die Fortuna schlug, beklage ich mit nassen Augen,

quod sua michi munera subtrahit rebellis. Weil sie ihre Gaben mir entzieht, die Widerspenstige.

Verum est, quod legitur, fronte capillata, Zwar, wie zu lesen steht, es prangt ihr an der Stirn die Locke,

sed plerumque sequitur Occasio calvata. doch kommt dann die Gelegenheit, zeigt sie meistens ihren Kahlkopf.

In Fortune solio sederam elatus, Auf Fortunas Herrscherstuhl saß ich, hoch erhoben,

prosperitatis vario flore coronatus;   mit dem bunten Blumenkranz des Erfolges gekrönt.

quicquid enim florui felix et beatus, Doch, wie ich auch in der Blüte stand, glücklich und gesegnet:

Prinzip der Peristaltik 1

Prinzip der Peristaltik 1

nunc a summo corrui gloria privatus. Jetzt stürze ich vom Gipfel ab, beraubt der Herrlichkeit.

Quantisierende Peristaltik (Verdauung)

Quantisierende Peristaltik (Verdauung)

Fortune rota volvitur: descendo minoratus; Fortunas Rad, es dreht sich um: Ich sinke, werde weniger,

Sinus: Drehung, Winkel, Dreieck, Kreis,

Sinus: Drehung, Winkel, Dreieck, Kreis,

alter in altum tollitur; nimis exaltatus  den anderen trägt es hinauf: Gar zu hoch erhoben

rex sedet in vertice – caveat ruinam! sitzt der König auf dem Grat: Er hüte sich vor dem Falle!

nam sub axe legimus Hecubam reginam. Denn unter dem Rade lesen wir: Königin Hecuba.

Prinzip der peristaltischen Pumpe

Prinzip der peristaltischen Pumpe

O VERE / FRÜHLING

3. Veris leta facies 3. Frühlings heiteres Gesicht

Veris leta facies mundo propinatur, Frühlings heiteres Gesicht schenkt der Welt sich wieder

hiemalis acies victa iam fugatur, Winters Strenge muss, besiegt, nun vom Felde weichen.

in vestitu vario Flora principatur,  Flora tritt im bunten Kleid ihre Herrschaft an,

nemorum dulcisono que cantu celebratur. mit süßtönendem Gesang feiern sie die Wälder.

Flore fusus gremio Phebus novo more In Floras Schoße hingestreckt lacht Phoebus nun aufs Neue.

risum dat, hoc vario iam stipata flore. Von diesem mannigfachen Blühn umringt,

Zephyrus nectareo spirans in odore. atmet Zephyrus in nektarreinem Dufte.

Certatim pro bravio curramus in amore. Lasst uns um die Wette laufen nach dem Preis der Liebe.

Cytharizat cantico dulcis Philomena, Mit ihrem süßen Liede präludiert die süße Philomele.

flore rident vario prata iam serena,  Voll bunter Blumen lachen nun heiter schon die Wiesen.

salit cetus avium silve per amena, Vogelschwärme ziehen durch des Waldes Lieblichkeiten.

chorus promit virginum iam gaudia millena.  Reigentanz der Mädchen bringt Freuden tausendfältig.

Das CERN im Schema

Das CERN im Schema

4. Alles macht die Sonne mild

Omnia sol temperat purus et subtilis, Alles macht die Sonne mild, sie, die Reine, Zarte.

novo mundo reserat faciem Aprilis, Neues schließt das Angesicht des Aprils der Welt auf.

ad amorem properat animus herilis Wiederum zu Amor hin drängt die Brust des Mannes.

et iocundis imperat deus puerilis. Über alles Liebliche herrscht der Gott, der Knabe.

Rerum tanta novitas in solemni vere Solche Allerneuerung in dem feierlichen Frühling,

et veris auctoritas jubet nos gaudere; und des Frühlings Machtgebot will, daß wir uns freuen.

vias prebet solitas, et in tuo vere Altvertraute Wege weist er, auch in deinem Frühling

fides est et probitas tuum retinere. fordert Treu und rechten Sinn: Halt ihn fest, der Dein ist!

Ama me fideliter, fidem meam noto: Liebe mich mit treuem Sinn! Sieh auf meine Treue,

de corde totaliter et ex mente tota die von ganzem Herzen kommt und von ganzem Sinne.

sum presentialiter absens in remota, Gegenwärtig bin ich dir auch in weiter Ferne.

quisquis amat taliter, volvitur in rota. Wer auf solche Weise liebt, ist aufs Rad geflochten.

5. Ecce gratum 5. Sieh, der Holde!

Ecce gratum et optatum Ver reducit gaudia, Sieh, der Holde und ersehnte Frühling bringt zurück die Freuden.

purpuratum floret pratum, Sol serenat omnia. Purpurrot blüht die Wiese, alles macht die Sonne heiter.

Iam iam cedant tristia! Weiche nun die Traurigkeit!

Estas redit, nunc recedit Hyemis sevitia. Sommer kehrt zurück, des Winters Strenge muss nun weichen

Ah! Ah!

Iam liquescit et decrescit grando, nix et cetera; Nun schmilzt hin und schwindet Hagel, Schnee und alles Andere.

bruma fugit, et iam sugit Ver Estatis ubera; Der Winter flieht und schon saugt der Frühling an des Sommers Brüsten.

illi mens est misera, Das muss ein Armseliger sein,

qui nec vivit, nec lascivit sub Estatis dextera. der nicht lebt und nicht liebt unter des Sommers Herrschaft.

Ah! Ah!

Gloriantur et letantur in melle dulcedinis, Es prangen und schwelgen in Honigsü.e,

qui conantur, ut utantur premio Cupidinis: die’s wagen und greifen nach Cupidos Lohn.

simus jussu Cypridis Auf Cypri’s Geheiß

gloriantes et letantes pares esse Paridis. wollen prangend und schwelgend dem Paris es gleichtun.

7. Floret silva nobilis 7. Der edle Wald grünt

Floret silva nobilis, floribus et foliis. Es grünt der Wald, der edle, mit Blüten und mit Blättern.

Ubi est antiquus meus amicus? Wo ist mein Vertrauter, mein Geselle?

Hinc equitavit, eia, quis me amabit? Er ist hinweggeritten! Eia! Wer wird mich lieben?

Floret silva undique, Es grünt der Wald allenthalben.

nah min gesellen ist mir wê. Nach meinem Gesellen ist mir weh.

Gruonet der walt allenthalben, Es grünt der Wald allenthalben.

wa ist min geselle alse lange? Wo bleibt mein Geselle so lange?

Der ist geriten hinnen, Er ist hinweggeritten!

o wi, wer sol mich minnen? Oh weh! wer wird mich lieben?

8. Chramer, gip die varwe mir 8. Krämer! Gib die Farbe mir

Chramer, gip die varwe mir, Krämer! Gib die Farbe mir,

die min wengel roete, Meine Wangen rot zu malen,

damit ich die jungen man Dass ich so die jungen Männer,

an ir dank der minnenliebe noete. Ob sie wollen oder nicht, zur Liebe zwinge.

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Männer!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

Minnet, tugentliche man, Liebet, rechte Männer,

minnecliche frouwen! Liebenswerte Frauen!

minne tuot iu hoch gemout Liebe macht euch hochgemut

unde lat iuch in hohen eren schouwen. Und läßt euch in hohen Ehren prangen.

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Männer!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

Wol dir, werlt, daz du bist also freudenriche! Heil dir, Welt, daß du bist an Freuden so reich!

ich will dir sin undertan Ich will dir sein Untertan

durch din liebe immer sicherliche. Deiner Güte wegen immer sicherlich!

Seht mich an, jungen man! Seht mich an, junge Mäner!

Lat mich iu gevallen! Lasst mich euch gefallen!

9. Reie 9. Reigen

Swaz hie gat umbe, daz sint alles megede, Was hier im Reigen geht, sind alles Mägdlein,

die wellent ân man alle disen sumer gan! die wollen ohne Mann diesen ganzen Sommer gehn.

Ah! Sla! Ah! Sla!

Chume, chum, geselle min, Komme, komme, Geselle mein!

ih enbite harte din, Ich erwarte dich so sehr,

ih enbite harte din, Ich erwarte dich so sehr.

chume, chum, geselle min. Komme, komme, Geselle mein!

Suzer rosenvarwer munt, Sü.er, rosfarbener Mund!

chum un mache mich gesunt, Komm und mache mich gesund!

chum un mache mich gesunt, Komm und mache mich gesund,

Ah! Ah!

suzer rosenvarwer munt. Sü.er rosafarbener Mund!

Swaz hie gat umbe, daz sint alles megede, Was hier im Reigen geht, sind alles Mägdlein,

die wellent ân man alle disen sumer gan! Die wollen ohne Mann diesen ganzen Sommer gehn.

Ah! Sla! Ah! Sla!

10. Were diu werlt alle min 10. Wäre auch die Welt ganz mein

Were diu werlt alle min Wäre auch die Welt ganz mein

von deme mere unze an den Rin Von dem Meer bis an den Rhein,

des wolt ih mih darben, Gern ließe ich sie fahren,

daz diu chünegin von Engellant wenn die Königin von Engelland

lege an miner armen. Hei! Läge in meinen Armen. Hei!

II. IN TABERNA / IM WIRTSHAUS

11. Estuans interius 11. Glühend in mir

Estuans interius ira vehementi Glühend in mir von heftigem Ingrimm

in amaritudine loquor mee menti: Sprech ich voller Bitterkeit zu meinem Herzen:

factus de materia, cinis elementi Geschaffen aus Staub, Asche der Erde,

similis sum folio, de quo ludunt venti. Bin ich dem Blatt gleich, mit dem die Winde spielen.

Cum sit enim proprium viro sapienti Wenn es die Art ist des weisen Mannes,

supra petram ponere sedem fundamenti, Auf Fels zu gründen sein Fundament:

stultus ego comparor fluvio labenti, Gleiche ich Tor dem Fluss, der dahinströmt,

sub eodem tramite nunquam permanenti. Niemals im selben Lauf sich hält.

Feror ego veluti sine nauta navis, Ich treibe dahin wie ein Boot ohne Mann,

ut per vias aeris vaga fertur avis; Wie auf luftigen Wegen der Vogel schweift.

non me tenent vincula, non me tenet clavis, Mich binden nicht Fesseln mich hält kein Schloss,

quero mihi similes et adiungor pravis. Ich such meinesgleichen, schlag mich zu den Lumpen.

Mihi cordis gravitas res videtur gravis; Ein schwerer Ernst dünkt mich zu schwer.

iocis est amabilis dulciorque favis; Scherz ist lieblich und sü.er als Waben.

quicquid Venus imperat, labor est suavis, Was Venus gebietet, ist wonnige Müh,

que nunquam in cordibus habitat ignavis. Niemals wohnt sie in feigen Seelen.

Via lata gradior more iuventutis Die breite Straße fahr ich nach der Art der Jugend,

inplicor et vitiis immemor virtutis, Geselle mich zum Laster, frage nichts nach Tugend.

voluptatis avidus magis quam salutis, Nach Sinnenlust dürstend mehr als nach dem Heil,

mortuus in anima curam gero cutis. Will ich, an der Seele tot, gütlich tun dem Leib!

12. Olim lacus colueram 12. Einst schwamm ich auf den Seen umher

(Cignus ustus cantat) (Der gebratene Schwan singt)

Olim lacus colueram, Einst schwamm ich auf den Seen umher,

olim pulcher extiteram, Einst lebte ich und war schön,

dum cignus ego fueram. Als ich ein Schwan noch war.

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

Girat, regirat garcifer; Es dreht und wendet mich der Koch.

me rogus urit fortiter; Das Feuer brennt mich sehr.

propinat me nunc dapifer, Nun setzt mich vor der Speisemeister.

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

Nunc in scutella iaceo, Jetzt liege ich auf der Schüssel

et volitare nequeo Und kann nicht mehr fliegen,

dentes frendentes video: Sehe bleckende Zähne um mich her!

Miser, miser modo niger Armer, armer! Nun so schwarz

et ustus fortiter! Und so arg verbrannt!

13. Ego sum abbas 13. Ich bin der Abt

Ego sum abbas Cucaniensis Ich bin der Abt von Cucanien,

consilium meum est cum bibulis, Und – meinen Konvent halte ich mit den Saufbrüdern

et in secta Decii voluntas mea est, Und – meine Wohlgeneigtheit gehört dem Orden der Würfelspieler

et qui mane me quesierit in taberna, Und – macht einer mir morgens seine Aufwartung in der Schenke,

post vesperam nudus egredietur, Geht er nach der Vesper fort und ist ausgezogen

et sic denudatus veste clamabit: Und – also ausgezogen, wird er ein Geschrei erheben:

Wafna, wafna! Wafna! Wafna!

quid fecisti sors turpassi? Was hast du getan, Pech, schändlichstes?

Nostre vite gaudia Unseres Lebens Freuden hast du

abstulisti omnia! Fortgenommen alle!

Wafna! Wafna! Wafna! Wafna!

Ha, Ha! Ha, Ha!

14. In taberna quando sumus 14. Wenn wir in der Scheune sitzen

In taberna quando sumus Wenn wir sitzen in der Schenke,

non curamus quid sit humus, Fragen wir nichts nach dem Grabe,

sed ad ludum properamus, Sondern machen uns ans Spiel,

cui semper insudamus. Über dem wir immer schwitzen.

Quid agatur in taberna Was sich in der Schenke tut,

ubi nummus est pincerna, Wenn der Batzen Wein herbeischafft,

hoc est opus ut queratur, Das verlohnt sich, zu vernehmen:

sic quid loquar, audiatur. Hörte, was ich sage!

Quidam ludunt, quidam bibunt, Manche spielen, manche trinken,

quidam indiscrete vivunt. Manche leben liederlich

Sed in ludo qui morantur, Aber die beim Spiel verweilen:

ex his quidam denudantur Da wird mancher ausgezogen,

quidam ibi vestiuntur, Mancher kommt zu einem Rocke,

quidam saccis induuntur. Manche wickeln sich in Säcke,

Ibi nullus timet mortem Keiner fürchtet dort den Tod,

sed pro Baccho mittunt sortem: Nein, um Bacchus würfelt man.

Primo pro nummata vini, Erstens: wer die Zeche zahlt:

ex hac bibunt libertini; Davon trinkt das lockre Volk,

semel bibunt pro captivis, Einmal auf die Eingelochten,

post hec bibunt ter pro vivis, Dreimal dann auf die, die leben,

quater pro Christianis cunctis Viermal auf die Christenheit,

quinquies pro fidelibus defunctis, Fünfmal, die im Herrn verstarben,

sexies pro sororibus vanis, Sechsmal auf die leichten Schwestern,

septies pro militibus silvanis. Siebenmal auf die Heckenreiterei.

Octies pro fratribus perversis, Achtmal die verirrten Brüder,

nonies pro monachis dispersis, Neunmal die versprengten Mönche,

decies pro navigantibus Zehnmal, die die See befahren,

undecies pro discordantibus, Elfmal, die in Zwietracht liegen,

duodecies pro penitentibus, Zwölfmal, die in Buße leben,

tredecies pro iter agentibus. Dreizehnmal, die unterwegs sind;

Tam pro papa quam pro rege Auf den Papst wie auf den König

bibunt omnes sine lege. Trinken alle schrankenlos:

Bibit hera, bibit herus, Trinkt die Herrin, trinkt der Herr,

bibit miles, bibit clerus, Trinkt der Ritter, trinkt der Pfaffe,

bibit ille, bibit illa, Trinket dieser, trinket jene,

bibit servus cum ancilla, Trinkt der Knecht und trinkt die Magd,

bibit velox, bibit piger, Trinkt der Schnelle, trinkt der Faule,

bibit albus, bibit niger, Trinkt der Blonde, trinkt der Schwarze,

bibit constans, bibit vagus Trinkt, wer sesshaft, trinkt, wer fahrend,

bibit rudis, bibit magus. Trinkt der Tölpel, trinkt der Weise;

Bibit pauper et egrotus, Trinkt der Arme und der Kranke,

bibit exul et ignotus, Der Verbannte, Unbekannte,

bibit puer, bibit canus, Trinkt das Kind und trinkt der Kahle,

bibit presul et decanus, Trinken Bischof und Dekan;

bibit soror, bibit frater, Trinkt die Schwester, trinkt der Bruder,

bibit anus, bibit mater, Trinkt die Ahne, trinkt die Mutter,

bibit ista, bibit ille, Trinket dieser, trinket jener,

bibunt centum, bibunt mille. Trinken hundert, trinken tausend.

Parum sexcente nummate Sechshundert Zechinen reichen

durant, cum immoderate Lange nicht, wenn maßlos alle

bibunt omnes sine meta. Trinken ohne Rand und Band. –

Quamvis bibant mente leta, Trinken sie auch frohgemut,

sic nos rodunt omnes gentes Schmähen uns doch alle Völker,

et sic erimus egentes. Und wir werden arm davon.

Qui nos rodunt confundantur Mögen, die uns schmäh’n, verkommen,

et cum iustis Nicht im Buche der Gerechten

non scribantur. Aufgeschrieben sein!

Io io io io io io io io io! Io io io io io io io io io!

III. COUR D’AMOURS / GERICHTSHOF DER LIEBE

15. Amor volat undique 15. Amor fliegt überall

Amor volat undique, captus est libidine. Amor fliegt überall, ist ergriffen von Verlangen.

Iuvenes, iuvencule coniunguntur merito. Jünglinge und Jüngferlein finden sich, und das ist recht!

Siqua sine socio, caret omni gaudio; Wenn eine keinen Liebsten hat, so ist sie aller Freuden leer,

tenet noctis infima sub intimo Muss verschließen tiefste Nacht drinne in ihres

cordis in custodia: fit res amarissima. Herzens Haft. Das ist ein bitter Ding.

16. Dies, nox et omnia 16. Tag, Nacht und Alles

Dies, nox et omnia michi sunt contraria; Tag, Nacht und alles ist mir zuwider.

virginum colloquia me fay planszer, Plaudern der Mädchen macht mich weinen

oy suvenz suspirer, plu me fay temer. Und vielmals seufzen und fürchten noch mehr.

O sodales, ludite, vos qui scitis dicite Freunde! ihr scherzt! Ihr sprecht, wie ihr´s wißt!

michi mesto parcite, grand ey dolur, Schont mich Betrüben! Groß ist mein Schmerz.

attamen consulite per voster honur. Ratet mir doch, bei eurer Ehr´!

Tua pulchra facies me fay planszer milies, Dein schönes Antlitz macht mich weinen viel tausend Mal

pectus habet glacies. A remender Dein Herz ist von Eis. – Mach´s wieder gut!

statim vivus fierem per un baser. Ich würde lebendig sogleich durch einen Kuss.

17. Stetit puella 17. Stand da ein Mägdelein

Stetit puella rufa tunica; Stand da ein Mägdelein in rotem Hemd.

si quis eam tetigit, tunica crepuit. Wenn man dran rührte, knisterte das Hemd.

Eia. Eia!

Stetit puella tamquam rosula; Stand da ein Mägdelein gleich einem Röslein.

facie splenduit, os eius fioruit. Es strahlte ihr Antlitz und blühte ihr Mund.

Eia! Eia!

18. Circa mea pectora 18. In meinem Herzen sind viele Seufzer

Circa mea pectora multa sunt suspiria In meinem Herzen sind viele Seufzer,

de tua pulchritudine, que me ledunt misere. Weil du so schön bist: Davon bin ich ganz wund.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

Tui lucent oculi sicut solis radii, Deine Augen leuchten wie Sonnenstrahlen,

sicut splendor fulguris lucem donat tenebris. Wie der Glanz des Blitzes die Nacht erhellt.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

Vellet deus, vellent dii quod mente proposui: Gebe Gott, geben´s die Götter, was ich mir hab vorgesetzt:

ut eius virginea reserassem vincula. Dass ich ihrer Jungfernschaft Fesseln noch entriegle.

Mandaliet, Mandaliet, Manda liet, Manda liet,

min geselle chumet niet. Mein Geselle kommet nicht.

19. Si puer cum puellula 19. Wenn Knabe und Mägdelein

Si puer cum puellula Wenn Knabe und Mägdelein

moraretur in cellula, Verweilen im Kämmerlein

felix coniunctio. Seliges Beisammensein!

Amore suscrescente Wächst die Liebe sacht heran

pariter e medio Und ist zwischen beiden alle Scham

avulso procul tedio, Gleicherweise abgetan,

fit ludus ineffabilis Beginnt ein unaussprechlich Spiel

membris, lacertis, labiis. Mit Gliedern, Armen, Lippen.

Wenn Knabe und Mägdelein

Si puer cum puellula

moraretur in cellula, Verweilen im Kämmerlein

Seliges Beisammensein!

20. Veni, veni, venias 20. Komm, komm, komme!

Veni, veni, venias, Komm, komm, komme!

ne me mori facias, Lass mich nicht sterben!

hyrca, hyrce, nazaza, Hycra, hycra, nazaza,

trillirivos! Trillirivos!

Pulchra tibi facies Schön ist dein Angesicht,

oculorum acies, Deiner Augen Schimmer,

capillorum series, Deiner Haare Flechten!

o quam clara species! O wie herrlich die Gestalt!

Rosa rubicundior, Roter als Rosen

lilio candidior Weißer als Lilien!

omnibus formosior, Du Allerschönste,

semper in te glorior! Stets bist du mein Ruhm!

21. In truitina 21. Unentschieden

In truitina mentis dubia Auf des Herzens unentschiedener

fluctuant contraria Waage schwanken widerstreitend

lascivus amor et pudicitia. Scham und liebendes Verlangen.

Sed eligo quod video, Doch ich wähle, was ich sehe,

collum iugo prebeo: Biete meinen Hals dem Joch,

ad iugum tamen suave transeo. Trete unters Joch, das doch so sü..

22. Tempus est iocundum 22. Lieblich ist die Zeit

Tempus est iocundum, o virgines, Lieblich ist die Zeit, o Mädchen!

modo congaudete vos iuvenes. Freut euch jetzt mit uns, ihr Burschen!

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Mea me confortat promissio, Mein Versprechen gibt mir Mut,

mea me deportat negatio. mein Verweigern drückt mich nieder.

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Tempore brumali vir patiens, Zur Winterszeit ist träg der Mann

animo vernali lasciviens. Im Hauch des Frühlings erwacht seine Lust.

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Mea mecum ludit virginitas, Es lockt und zieht mich hin: Ich bin ein Mädchen.

mea me detrudit simplicitas. Es schreckt und ängstigt mich, bin ach so einfach!

Oh, oh, oh, totus floreo, Oh! Oh! Oh! Wie ich blühe,

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

Veni, domicella, cum gaudio, Komm, Geliebte! Bring Freude!

veni, veni, pulchra, iam pereo. Komm, komm, du Schöne! Schon muss ich vergehn!

iam amore virginali totus ardeo Schon von einer neuen Liebe ganz erglühe!

novus, novus amor est, quo pereo. Junge, junge Liebe ist es, daran ich vergeh!

23. Sü.ester

23. Dulcissime

Du Sü.ester!

Dulcissime,

Ganz Dir ergeb ich mich!

Ah! Totam tibi subdo me!

BLANZIFLOR ET HELENA BLANZIFLOR UND HELENA

24. Ave formosissima 24. Heil Dir, Schönste

Ave formosissima, gemma pretiosa, Heil dir, schönste, köstliche Perle!

ave decus virginum, virgo gloriosa, Heil dir, Zierde der Frauen! Jungfrau, hochgelobt!

ave mundi luminar, ave mundi rosa, Heil dir, Leuchte der Welt! Heil dir, Rose der Welt!

Blanziflor et Helena, Venus generosa! Blanziflor und Helena! Noble Venus!

FORTUNA IMPERATRIX MUNDI GLÜCK, DIE KAISERIN DER WELT

25. O Fortuna 25. O Fortuna

O Fortuna, velut luna statu variabilis, O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich,

semper crescis aut decrescis; vita detestabilis Wachst du immer oder schwindest! Schmähliches Leben!

nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem, Erst misshandelt, dann verwöhnt es spielerisch den wachen Sinn.

egestatem, potestatem dissolvit ut glaciem. Dürftigkeit, Großmächtigkeit, sie zergehn vor ihm wie Eis.

Sors immanis et inanis, rota tu volubilis, Schicksal, ungeschlacht und eitel! Rad, du rollendes!

status malus, vana salus semper dissolubilis, Schlimm dein Wesen, dein Glück nichtig, immer im Zergehn!

obumbrata et velata michi quoque niteris; Überschattet und verschleiert kommst du nun auch über mich.

nunc per ludum dorsum nudum fero tui sceleris. Um des Spieles deiner Bosheit trag ich jetzt den Buckel bloß.

Sors salutis et virtutis michi nunc contraria, Los des Heiles und der Tugend sind jetzt gegen mich.

est affectus et defectus semper in angaria. Willenskraft und Schwachheit liegen immer in der Fron.

Hac in hora sine mora corde pulsum tangite; Drum zur Stunde ohne Saumen rührt die Saiten!

quod per sortem sternit fortem, mecum omnes plangite! Wie den Wackeren das Schicksal hinstreckt; alle klagt mit mir!

Blutkreislauf, hier falsch/richtig unter Ausschluss des Gehirns (BHS)

Blutkreislauf, hier falsch/richtig unter Ausschluss des Gehirns (BHS)

Wärme-Arbeit und Kühlungs-Handeln.

Das Bekannte ist noch nicht erkannt. (G.F. W. Hegel)

Ein-Wendungen…

Das jetzt vollständig vorliegende Dokument
„Entropie-Kreativpotential der Natur I – V“
PDF zum Download
hat mein Gesprächspartner T.S.W. Salomon
seinem langjährigen ehemaligen Kollegen
und Freund Rudi Waibel gewidmet.

Ich widme es hiermit noch nachträglich Martin Heidegger. Warum – weil hierin etwas angedeutet wird, was Heideggers Vorstellung nach einer verbindenden Universität von Denken und Wissenschaft nahe kommt; in dem es ein Gespräch entwirft um praktische Erfahrung, praktisches Handeln, Wissenschafts- Geschichte, Philosophie, Technik, Mathematik, Physik, Psychologie, Soziologie und daraus resultierend: Kosmologie –

Das wesentliche Momentum eines Triebwerks
ist sein Atem (lat: Spiritus, Hauch, Atem).

Sehr kraftvoll und direkt markiert die Lavaldüse eine Region, die das Prinzip des Atmens (Flüssigwasserstoff/Sauerstoff) in Kinetik überführt.

Weiterhin: Das vorliegende PDF erzählt von einem Ur-Sprung und von einem Weg. Man kann ihn den Weg vom Sein zum Werden nennen (nach Ilya Prigogine)

So gesehen: Eine spaceshuttle-main-engine arbeitet auch als eine philosophisch-kinetische Skulptur. Sie ist eine eine real existierende (dynamische) Metapher.

Die Kräfte, die ein Raketentriebwerk in ca 8 Minuten freisetzt, indes ein ganzes Gerät in Richtung Kosmos schiebt, sind auch die Kräfte zweieinhalb-bis dreitausendjährigen philosophischen Fragens –

– in Richtung „auf einen Stern zu“ – wie Heidegger sagen würde.

Von ihm stammt ja der berüchtigte Ausspruch:
„Wissenschaft denkt nicht.“ (noch nicht.)

Das vorliegende Dokument möchte ihm darin freundlich widersprechen
Die Verbindung von Wissenschaft und Denken ist möglich.

Man kann diese Verbindung zunächst einfach – das Forschen nennen.

Ein Forscher unterscheidet sich von einem bloßen Wissenschaftler oder einem reinen Akademiker oder Faktensammler darin, dass er nicht nur Dinge weiß oder zu zitieren pflegt, nicht nur diskursive Sprachregelungen halb brav – halb ängstlich repetiert und dann per Fußnotenspray in Papieren verteilt – sondern gelegentlich auch neu denkt, konstruktiv neu verknüpft – oder noch besser: Eventuell sogar ein bestimmtes Interesse riskiert, einen Gedanken und Fragen neu formuliert, methodisch verfolgt.

Es macht ein gutes Gefühl, mit T.S.W. Salomon einen solchen Forscher getroffen zu haben.

Weniger bekannt ist oder ganz vergessen wurde Heideggers anderer Zusatz, der noch viel anstössiger hätte erscheinen können:

Auch die Philosophie denkt nicht.

Oder nicht selbstverständlich. Nicht immer.

Heidegger: „Das Philosophieren kann uns sogar am weitesten vom Denken abbringen. (…)so glauben wir zu denken, weil wir doch philosophieren, und denken doch nicht…“

Warum und wie kann man die nichtdenkende Philosophie und die nichtdenkende Wissenschaft wieder reanimieren. Können sich zwei halbtote Disziplinen sozusagen gegenseitig Atem spenden, so dass daraus ein lebendiges Ganzes erwächst?

Eine Antwort hat er gegeben: Es ist das Gespräch.

Erste postsalomonische Reflektion:

Auch wenn im vorliegenden Dokument hier und da Kritik geübt wird, Kritik an bestimmten Praktiken oder kollektivem Verhalten, so erkennt es doch den Mut und die Leistung aller Beteiligten an, etwas so – ich sage mal – erhaben Schönes – wie den Start eines orbitalen Raumschiffs überhaupt ermöglicht zu haben.

Das Space-Shuttle und seine zum Teil dramatische, chaotische, traurige und auch erschreckende Geschichte gehört eben mit allem drum und dran – zur Menschheit – obwohl dies Wort heute – leider – immer noch pathetisch klingt. Trotzdem. Da das Schiff nun außer Dienst gestellt und eingemottet wird –

– Danke Space-Shuttle.

Du und deine Besatzungen haben immer eine gute Arbeit gemacht, trotz der vielen „Wenns und Abers“, die man Dir hinterherrufen könnte, aber deine orbitalen Umrundungen waren so etwas wie ein Zeichen, dass auch Teller-Ränder offene Ränder sind.

Zweite postsalomonische Reflexion:

„Symmetrie ist die Ästhetik der Primitiven.“
erweiterter Volksmund

Es gehört heute zu den Allerweltsweisheiten der Formgebung: Symmetrische Proportionen werden erst dann wahrnehmbar, wenn die Symmetrie an irgendeiner Stelle gebrochen ist. Oder anderes gesagt: Wenn Symmetrie vor dem Hintergrund ihrer Gefährdung und ihres Bruchs erscheint.

Kein Gesicht, kein Ding in der Natur wächst ganz und gar exakt symmetrisch.

Eine so genannte gelungene Komposition verlebendigt sich erst in einem inneren Vergleichsmoment zwischen Symmetrie und Symmetrieverlust.

Eine gelungene Komposition spürt einem Gleichgewichtsbedürfnis aus einem Nichtgleichgewicht heraus hinterher.
Sie unternimmt selbst eine Balance-Handlung und regt damit den cognitiven Vergleichsprozess an.
Dies gilt für Farben und Formen und Anordnungen der bildene Künste ebenso, wie für die Rhythmik oder Melodik. Wo die Symmetriegefährdung ganz fehlt, handelt es sich entweder um reine Geometrie, puren Platonismus oder um Kitsch.

Der Clou ist aber der, dass auch die strengsten Symmetrien immer schon
Nichtgleichgewichte sind – eben weil sie eine thermische DAUER haben. Deshalb steht jede Symmetrie in einem DAUERNDEN Vergleichs-Prozess mit einem Balance-Akt dessen, der sie wahrnimmt. Und dieser Vergleichsprozess muss im thermischen Fluss (Nichtgleichgewicht) thermisch ernährt werden.

Auch ein Vergleichsprozess selbst – braucht eine Thermik, vollzieht sich in Thermik und produziert eine Thermik.

Die kosmologischen und mathematischen Wissenschaften von heute haben – was diese Sache betrifft, offensichtlich einen nachholenden Erkenntnis-Bedarf.

Zwar kennen auch sie Symmetriebrüche und Paritäts-Verletzungen – aber zumeist werden diese als Symmetriebrüche in ein Modell eingebaut, dem man als Ganzes oder von Beginn an einfach so Symmetrie unterstellt.

Im großen und ganzen sollen gelungene oder schöne Theoriegebäude möglichst symmetrisch sein oder zeit-invariant – im Gleichgewicht. Reversibel.

Zwischendurch: Die Worte Kosmetik und Kosmologie haben nicht zufällig den selben altgriechischen Wortstamm. Das menschliche Gesicht ist eine kosmische Fläche der Paarbildung im Anlächeln oder der AUGEN-BLICKE
Aber ein allzu ästhetisches (kosmetisches) Bedürfnis in den Wissenschaften kann dazu führen, dass die Kosmetik überwiegt und die Wahrheit (der Kosmologie) verborgen bleibt.

Heraklits Satz: „Niemals steigt man zweimal in den gleichen Fluss.“
bleibt gerade deshalb eine konstruktive Unruhestiftung.

Die heutige (sakrosante) Physik ist ziemlich unheraklitisch
(kosmetisch) eingestellt.
Sie ist so eingestellt, als würde man mit einigen Konstanten und Gesetzen
immer wieder in den gleichen Fluss steigen. Reversibel. Symmetrisch.
Kosmetisch.
Als könne die Fluss-Strömung, die auch den „Beobachter“ handelnd bewegt, den „Naturkonstanten“ nichts anhaben.

Diese Annahme ist ein Hilfsmittel der Konstruktion oder ein ästhetisch-mechanisches Bedürfnis, vielleicht not-wendig – aber nicht besonders überzeugend im Sinne einer weiter zu entwerfenden Beschreibung.

Einer Kosmologie, die auf das Nichtgleichgewicht angewiesen ist,
um überhaupt Kosmologie zu sein.

Deshalb wird in Teil IV des PDF mit gewichtigen Argumenten dargelegt,
unter welchen Prämissen zum Beispiel die universelle Konstanz der Vakuum-Lichtgeschwindigkeit angezweifelt werden kann.

Besonders überraschend war für mich der Hinweis, dass ein mechanistisches und überkommenes Weltbild aus dem 19. Jahrhundert auch in den heutigen Anwendungen der Maxwell-Gleichungen – sogar nach Einstein – nicht wirklich überwunden ist.
So dass selbst Einsteins Kinetik eigentlich eine mechanistische Kinetik bleibt und weite Teile des Standartmodells ziemlich mechanistisch (kosmetisch) gestrickt sind.

So macht es sich die heutige nicht-denkende Physik möglicherweise zu einfach, wenn sie ihre wichtigsten Erhaltungssätze zeit-invariant oder reversibel formuliert – vom kosmologischen Standpunkt her betrachtet, höchstwahrscheinlich zu einfach. Oder zu schwer – wie man’s nimmt.

Dass man etwas „wiederholen“ oder „reproduzieren“ kann,
muss für das All nicht zwingend beweisen, dass „das Selbe“
immer „das Gleiche“ ist.

Der Satz der Identität: A ist gleich A –

– kann schon dadurch ausgehebelt werden,
in dem ein Wort wie „ist“ – bereits einen eigenen Zeit-Raum beansprucht und ein
solches A immer erst zu dem „A“ zurückkehren kann, nachdem „IST“ gewesen war.

Ob dieses „A“ dann noch das gleiche A ist – bleibt fraglich.

Nur ein „A“, das von keinem Gehirn geführt und von keiner Temperatur berührt wird, soll heißen: weder gedacht noch ausgesprochen wird – bleibt von Thermik unberührt.

Aber wie ein solches ungedachtes oder ungeführtes, also temperaturloses „A“
im All existieren kann, dass ja immer und überall eine Temperatur hat – bleibt fraglich.

Die „Rück-Kehr“ von A – zum – „A“ (Re-Entry) – IST –
bereits eine „Ein-Wendung“ (wörtlich: „Entropie“) in der Zeit.

Zweite postsalomonische Reflexion:

Bei jedem Start eines Raumschiffs fliegt auch die Frage mit,
für die sich schon Thomas von Aquin interessiert hatte – ob denn
das Endliche mit dem Unendlichen ein gemeinsames Maß habe – ?

Thomas von Aquin meinte: Nein.

Ein Raketentriebwerk wird nach ca 8 Minuten abgeschaltet
und ist damit in seiner Funktion – „endlich“

Ebenso wie alles, das wir tun, irgendwann
ganz physisch „endet“ –

– aber es endet auch wieder nicht, weil alles Folgen zeitigt.

Aber so lange das Triebwerk „schiebt“ – wandelt es die Frage
von Thomas von Aquin in Kinetik um.

Trotzdem bleibt die Frage von Thomas heute
eine der wichtigsten Fragen der Kosmologie:

Wa-herum läuft ein Handeln
vom Endlichen zum Unendlichen?

In einem Triebwerk, in einer Lavaldüse, werden so – im übertragenen Sinne –
die vorsokratischen Elemente von Feuer und Wasser (-stoff), Kalt und Heiss,
Stillstand und Strömung, Regulierung und Nichtgleichgewicht ebenso
wie die platonischen EIN-WENDUNGEN der Ideen und Mathematisierungen
im Denken als HANDELN in Richtung KOSMOS bewegt.
Sie werden veratmet – im Stoffwechsel „spiritualisiert“.

Ein solches Raketentriebwerk ist „alles was der Fall ist“ –

– nur ist es eben – ein Fall nach oben – oder besser: ein Fall ins Offene.

Angesichts der Konstruktion und Funktion eines Raketentriebwerks-macht die postmoderne Plattitüde, dass es keine „großen philosophischen Erzählungen“ mehr gäbe, keinen Sinn mehr.

Die Wirklichkeit selbst produziert ihre jeweils wirkmächtigen „großen Erzählungen“ – egal ob Philosophen sich dafür interessieren oder nicht.

Die heutige globale Realität wird stark motiviert von Temperatur-Differenzen.
(Wärme-Arbeit und Kühlungs-Handeln sind die großen Erzählungen der Gegenwart. Ob beim Klima, dem Energieproblem oder der Reaktorwirtschaft. Und höchstwahrscheinlich ist das „SEIN“ , das „esse – essenz“ überhaupt immer schon eine Wärme-Arbeit des Kühlungs-Handelns gewesen. )

Und eine der stärksten und plötzlichsten Reaktionen zwischen Wärmearbeit und Kühlungshandeln wirkt in der Schubphase einer SSME.

Ein Raketentriebwerk ist eine große Erzählung.

Eine Philosophie, die sich von den großen Erzählungen
der Wissenschaften und der Technik abwendet und nichts
von ihr wissen will, stellt sich ins Abseits der Irrelevanz.

Eine Philosophie, die nicht zugleich Thomas von Aquins Frage
nach dem gemeinsamen Maß zwischen dem Endlichen und
dem Unendlichen stellt, bleibt „reine“ Psychologie.

Aber auch eine Physik, die sich nicht für die Psychologie
und Sozialisation ihrer Geschichte interessiert, wird auf die Dauer
kosmologisch nicht vorankommen.

Beginnt man also damit, warum etwas in einer Lavaldüse
zwischen Brennkammer, Düsenhals und Austrittskegel
wirklich vor sich geht, warum es funktioniert
und warum es zu begreifen ist. – dann spricht man auch schon über weite Teile globaler Wissenschaft, welche ohne die Vorsokratiker, die Pythagoräer, Platon und Aristoteles und schließlich: Kant – sich nicht hätte in der Form ausbilden können.

Dritte postsalomonische Reflexion:

Sind Menschen besonders glücklich oder besonders unglücklich,
weil Sie Raumschiffe bauen?

Sie könnten ja auch einfach so auf ihrer Wiese liegen bleiben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – wie man so schön sagt.

Nein, das können sie – statistisch betrachtet – nicht.

Der andrängende Eros wirkt als Raumöffnung-Vektor mit expansiver Note. Man darf es einmal so sachlich aussprechen, aber es gilt zu verstehen, dass der Eros über alle zwischenmenschlichen Belange hinaus die Mischung verfolgt. Mischung will Kombinatorik und Kombinatorik will Mutation. Mutation will Veränderung und Veränderung will Grenzverschiebung. Randöffnung.

Die Evolution hat kein bestimmtes Ziel, aber sie hat einen Vektor.

Der Vektor der planetaren Evolution heißt: Mischung. Aller mit Allem.
Rand-Öffnung. Die Erweiterung der angestammten Habitate.

Dabei hält eine Population den genetischen und evolutionären Vorsprung, die im Falle von Gefahr den Schritt hinter den nächsten Horizont wagt –
– die sich weiter bewegt, mutiert, neuen Raum erobert, wenn im alten Raum , Dürre, Gefahren oder Mangel drohen.

Ein Sinn der erotischen Evolution ist der, die Symmetrie zu brechen, sie in der Mischung und Kombinatorik aus dem Gleichgewicht in Richtung Kinetik auszulenken.

Innerhalb einer erfolgreichen Population sind Beweglichkeit und Mut die ganz leicht ins Überwiegende verschobenen Auslesekriterien.

Sinn von Mutation ist Veränderung. Und Sinn von Veränderung ist Grenz-Erweiterung.

Darum gibt es Raumfahrt, Schiffe und ferne Ziele. Und es wird sie immer geben.

Eine Population, die genetisch verlernt hat, ihre habituellen Ränder zu öffnen oder zu erweitern, die also nur den Status-Quo halten möchte, stirbt irgendwann aus, wenn auch angestammte Lebens-Räume keinen Status-Quo für immer garantieren. Wer darauf nicht extrovertiert reagieren kann, hat keine Zukunft. Deshalb ist auch die menschliche Gattung statistisch zur (erotischen) Kinetik verdammt.

Ob in der Abwehr gegen einen herannahenden Astereoiden oder in der Suche nach einem neuen Lebensraum.

Der Spannung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen entspricht heute auch die Spannung zwischen der Konkretion und der Statistik.

Der Eros im Nichtgleichgewicht, sorg statistisch dafür, dass einige immer weiter vordringen und die Ränder und Symmetrien raumgreifend öffnen – in die nächste Technik hinein, in neue Mischungen, Mutationen, Fähigkeiten und weiter in die nächste dynamische Raum-Öffnung, – die nächste In-Formation. (EIN-WENDUNG)

Dritte postsalomonische Reflexion:

Die heutige physikalische Kosmologie steckt in einer Sackgasse.
Irgend etwas stimmt nicht mit ihr.

Entweder mit den klassischen Relativitäts-Theorien
oder mit dem Standart-„Teilchen“-Modell – oder mit beiden.

Weit über die Hälfte des heute beobachtbaren Universums
bleiben mit den heutigen theoretischen Modellen unerklärt.

Einsteins Idee, die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit
müsse immer und überall im gesamten Universum die Gleiche sein,
kann ganz allmählich, (und nicht nur im vorliegenden PDF)
angezweifelt, wenn nicht sogar verabschiedet werden.

(Relativitätstheorien sind auch ohne konstante Lichtgeschwindigkeit,
denkbar, nur ist das kosmologisch viel unangenehmer zu rechnen.)

Das heutige Standartmodell der Teilchenphysik ist sicher ebenso
eine historisch verständliche Leistung vieler Beteiligter, ein Art vorläufiger Modell -Teppich, der aber auch an einigen Stellen ziemlich flickenhaft zusammengenäht erscheint, zum Teil mit in der Luft hängendem Mathe-Hokuspokus plus „Beweisen“ – die unter extrem idealisierten Laborbedingungen gewonnen werden.

Gottfried Falks Bemerkung, nach der die Mathematik
als Sprache auch in rein mathematischer Form nicht automatisch
zu einer wissenschaftlichen Physik führt – klingt in den Ohren.

Man kann mit Mathematik ebenso wie mit der natürlichen Sprache
Firlefanz oder l’art pour l’art oder Glasperlenspiele betreiben
und verfehlt dabei womöglich den Anschluss an Wirksamkeit und Tatsächlichkeit. Das ist eine spannende Situation. Eine Situation, die zum Forschen anregt.

Vierte postsalomonische Reflexion:

Wenn man die Wissenschaften, insbesondere ihren „harten Kern“ (Weizsäcker) die physikalischen, heute betrachtet, dann zeigt sich darin etwas, das man für eine kommende Wissenschaft, die wieder eine echte und zwar: denkende Naturwissenschaft sein will – heute schon ableiten kann.

Was diese Wissenschaft in Zukunft betrachten und erforschen muss, ist das,
was sie täglich tut und längst immer schon getan hat – also:

Ihr Handeln selbst.

Ihr Handeln in thermischen Milieus. Und zwar als Ihr Handeln in
EIN-WENDUNGEN (wörtlich: Entropie)

Die Wissenschaft der Zukunft braucht mehr noch als den Blick
auf ihre Ergebnisse auch den Blick auf ihr Handeln in Temperaturen und
EIN-WENDUNGEN.

Das Gesuchte der Wissenschaft – nennen wir es mal: Die Physik des Universums
oder: „Die Weltformel“ – findet sich nirgendwo anders als im Handeln der Wissenschaft selbst.

Als Lebensvollzug in Temperaturen.

Auch das Rechnen selbst ist ein Vollzug in Thermik.

Das Handeln der Wissenschaft ist nicht Geometrie oder Modell oder Zahl oder Gerät. Das sind immer nur (vorläufige) Ergebnisse oder Geräte – die: geraten sind. (Von Aktualität nach Potentialität)

Das HANDELN der Wissenschaft ist Handeln als Handlung und BE-Handlung in Temperaturunterschieden und kontrollierten thermischen-Milieus.

Das Besondere an der Geschichte, die im vorliegenden Dokument ver-handelt wird, ist vielleicht gerade auch diese Frage:

Ist der Mensch das Wesen, das auf diesem Planeten
die größten UNTERSCHIEDE in TEMPERATUREN für sich
– handelnd – in KINETIK also: in WERDEN übersetzt?

Irreversibel…

Der Einblick in die extremen Temperaturdifferenzen eines Triebwerks beantworten diese Frage vorläufig bis zum Mond und darüber hinaus mit einem klaren JA.

Eine gewitzte und neue Kosmologie, die auch Einstein noch erweitert,
würde sofort einsehen, dass nicht die Ergebnisse der Wissenschaft das Gesuchte liefern, nein – die Formen ihres Handelns selbst enthalten bereits das Gesuchte – das RINGEN – die EIN-WENDUNGEN.

Das Gesuchte der Wissenschaft ist die Ein-Wendung,
die Entropie in den RING oder in das RAD oder in das GERÄT – hinein.

Oder auch: Die EIN-WENDUNGEN des Denkens im Vollzug des Gesprächs.

Nicht die Bilder eines Teleskops liefern das Gesuchte, sondern unser eigenes Handeln im Vollzug der FORMUNG seiner Linsen und Spiegel – ihre konkaven oder konvexen EIN-WENDUNGEN – sind das Gesuchte. Der Vollzug des EIN-WENDENS

Oder noch einmal anders gesagt:

Nicht w a s Heraklit und Parmenides und später dann Platon und Aristoteles
gedacht und aufgeschrieben haben, liefert uns das Gesuchte,
sondern d a s s sie es denken und aufschreiben konnten
in EIN-WENDUNGEN – ist das Gesuchte.

Was ist hier gemeint?

Gemeint ist hier, dass alle Wissenschaft, von der Philosophie her begonnen,
sich eine Klausur als einen isolierten Ort schafft, man könnte auch sagen:
Eine Privation, eine Distinktion, eine Differenz vor
einem Temperaturhintergrund.

Eine solche Privation oder Klausur oder: Fokussierung (Linsen und Spiegel)
oder auch: AKADEMIE – sind immer Orte der EIN-WENDUNGEN.

Es sind Kapseln.

Auch das Gehirn ist eine EIN-WENDUNG.

Zur Sammlung (Fokussierung)

In Situationen des „Zeit-Habens“

„Zeit-Haben“ zum Be-Schreiben. „Zeit-Haben“ zum Denken.
„Zeit Haben“ zum Gespräch, „Zeit haben“ zum Be-Obachten.

„Zeit-Haben“ bedeutet thermisch immer:
Das „Haben der Zeit“ setzt Privation voraus, Diskretion, Ruhe,
Abgeschiedenheit, Einschluss, Abschluss, Akademie, Kapsel, Klausur, Labor…

gesicherte Verhältnisse, Sesshaftigkeit, Stadt. UM-RANDUNG.

und heute schließlich: KÜHLUNG.

…eine temporäre „Ein-Wendung“, eine „Diskretion“,

ein kurzzeitiges An-Halten oder Inne-Halten…

…das HALTEN…

KÜHLUNG hält und schafft „gesicherte“ Verhältnisse

KÜHLUNG HÄLT INNE.

…so bis in die allerstrengsten Kühlungen und „Labor-Abschlüsse“ aller
heutiger wissenschaftlicher Versuchs-Anordnungen, die
in ihren strengsten Formen durch Kühlung sicher gestellt
werden muss.

Die Kühlung und Tiefkühlung ist heute die zugleich
strengste FORM der Diskretion eines Experiments.

Man könnte auch sagen: Der Immunisierung gegen die Zeit.
(nicht gegen die DAUER)

KÜHLUNG heißt thermisch für den Ort des Experiments:
ZEIT verlangsamen, ZEIT anhalten oder ZEIT einschließen.

– bis die Laborsituation: „Zeit hat.“

Die Zeit wird EINGEFROREN.

Das Experiment selbst „hat Zeit“

Aber damit „hat“ es eben zugleich schon FORM.

Die extremste FORM der Klausur und der Diskretion ist die Tiefkühlung.

Die Kühlung ist die Fortsetzung der platonischen Akademie mit technischen Mitteln.

Die andere Seite der Privation, der Immunisierung
oder des Labor-Abschlusses ist die EIN-WENDUNG also
das UM-RUNDEN oder das AB-RUNDEN eines GE-HÄUSES.

Der RING-Schluss, der STRÖMUNGS-KREIS, das GERÄT, die KAPSEL
der TANK.

Wichtig bleibt aber, dass jeder Kühlung und jedem Einfrieren,
soll heißen: jedem UM-SCHLIESSEN wiederum ein thermisches
Handeln parallel läuft.

Auch eine Kühlung muss thermisch – gehalten – werden.

Auch eine Kühlung muss fabriziert und energetisch – gehalten – werden.

Als Ein-Wendung in der Entropie mit der Entropie.

Es „handelt“ sich dabei immer – um – eine Relation – in Handlungs-Gefügen.

So läuft jedem streng isolierten Experiment immer eine KÜHLUNGS-HANDLUNG parallel als WÄRME-ARBEIT.

Jede KÜHLUNGS-HANDLUNG bedarf immer einer WÄRME-ARBEIT.

Die WÄRME-ARBEIT der KÜHLUNGS-HANDLUNG.

Die Frage wäre also, ob es einer zukünftigen kosmologischen Physik gelingt,
die thermische Relation ihres eigenen Handelns in Ein-Wendung, Ein-Drehung und der Temperatur in einem konstruktiven Verhältnis abzubilden und zwar so, dass der „Wärme-Arbeiter“ als „Kühlungs-Handelnder“
in der ZEIT als „Ein-Wendung“ den RAUM schafft.

Einige kosmologische Ungereimtheiten aber auch Experimente (Martin Tajmar) weisen – möglicherweise – darauf hin, ebenso die sehr erhellenden Recherchen, Bemerkungen und das physikalisch philosophische Lebenswerk meines Gesprächspartners T.S.W. Salomon in seinen wissenschaftshistorischen Einwendungen zum Faraday-Maxwellschen Elektromagnetismus und zu Mathematik von Nichtgleichgewichtsprozessen.

Auch das Gehirn ist eine – vom Rückenmark aus betrachtet – asymmetrische Einkrümmung, EIN-WENDUNG. Selbst das Gehirn eines Erwachsenen wendet sich noch ein wie ein Embryo. Als müsse es erst noch geboren werden.

(Das Labor verlassen. Türen und Fenster bleiben halb angelehnt.)

Dauer und Verdauung – nach Bergson, nach Heidegger

Zur Biophysik des „Metaphysischen.“

Schriebe eine Frau Dauer einen Brief an eine Frau Zeit, so wäre es der  Brief einer reisenden Königin  – gerichtet an ihre daheim gebliebene Kammerzofe.

Es war der französische Philosoph Henri Bergson, der vor etwa 100 Jahren den Begriff der  Dauer (franz: Durée) als Achtungswort und um-greifenden Terminus einführte in die philosophische Diskussion zum Zeit-Problem.

Bergson argumentierte gegen Zenons
 Pfeil-Paradoxon – einem Gedankenspiel des  Zenon (als Schüler von Parmenides), das jegliche Bewegung und Veränderung als Illusion markiert haben wollte –

– Zenon meinte,  ein fliegender Pfeil auf seiner Bahn halte sich an einer unendlichen Zahl von stehenden Raum-Zeit-Punkten auf, –  er könne sich demnach gar nicht bewegen,  ja es gäbe überhaupt gar keine Bewegung, denn jede Bewegung  müsse als eine beliebige Anzahl stehender Raum-Zeit-Punkte aufgefasst werden. Eben deshalb sei jede Bewegung eine Illusion. Tatsächlich herrsche Stillstand.

Henri Bergson hat einigen philosophischen Aufwand betrieben, mit dem er dieses Paradox des Zenon als unrichtig und Schein-Paradox entschleierte.

Ein Aufwand zur Widerlegung Zenons, der sich in meiner Muttersprache nicht ganz so aufwendig darstellt, wenn man sagt:

Zenon tat nichts anderes, als die Bahn des fliegenden Pfeils zu ER – ZÄHLEN.

Das schöne Wort ER-ZÄHLEN umgreift die Scheinparadoxa des Zenon.
Und löst sie zugleich ein – in die Peristaltik – dem notwendigen Blinzeln in quantisierten Intervallen – jeglichen Bewusst-Seins.

Das Bewusst-Sein verhält sich ER-ZÄHLEND innerhalb jeglicher Veränderung und zwingt damit den Lebensvollzug aus der  Kontinuität (der an-dauernden Aktuale ) in das quantelnde Korsett von ER-ZÄHLUNG – ZÄHLUNG – und ZAHL.

Das Bewusst-Sein  ER-INNERT (verdaut)  den Pfeil. ER-ZÄHLEND.

Deshalb läuft das Bewusst-Sein der aktuellen DAUER in Gegen-Wart der Bewegung immer hinterher.

ER-ZÄHLEN heißt: ER-INNERN. Das INNE-WERDEN. Das VER-DAUEN

Oder eben: Das DAUERNDE GREIFEN gebiert irgendwann den BEGRIFF –

Der BE-GRIFF ist Er-innertes GREIFEN – also immer schon nachlaufend.

In der VER-DAUUNG.

Die DAUER mündet in die peristaltische Quantelung der VER-DAUUNG
von Zeit-Punkt nach Zeit-Punkt.

Peristaltisch.

Bewusst-Sein ist  immer schon der kontinuierlichen DAUER nachlaufend. ER-INNERND.  Im INNE-Werden der VERDAUUNG hinkt es hinterher.

Die ER-ZÄHLUNG aber – und darauf lief ja  Bergsons Kritik hinaus – verräumlicht die DAUER.
Erst n a c h dem Akt jeder Bewegung, im nachhinein, in reflexiv nachlaufender Distanz zum kontinuierlichen  und gegen-wärtigen Akt des Lebensvollzugs zwingt es den Pfeil in eine ER-ZÄHLBARE nach Punkten ER-ZÄHLTEN Raum-Zeit.

In einer solchen RAUM-ZEIT können dann unendlich viele „Raum-Punkte“
ER-INNERT werden, und zwar sowohl geometrisch als auch arithmetisch.

Bergson war dagegen.

Gegen eine solche, in Zeitpunkten quantisierenden ZEIT führte Bergson die den Begriff der D A U E R ein.

Als ein Wort, das den wirkenden und nicht quantisierbaren, sprich: kontinuierlichen AKT als AKTUAL der DAUER nicht-quantisiert zur Geltung bringt.

Aber hier, an dieser Stelle, muss Bergson  korrigiert werden
oder besser: kritisch präzisiert.

Hier kann ein deutsch gesprochenes Wort noch mehr Einsicht nehmen, als es Bergsons „Dureé“ selbst tat.

Die VERDAUUNG  nämlich wäre der  PHYSIO-LOGOS, 
welcher klar macht, dass Quantisierung und Lebensprozess
 sich nicht etwa  ausschließen – wie  Bergson meinte – nein, die Quantisierung ist ein Effekt des Lebensvollzugs.
Oder noch direkter: Quantisierung ist die Vorraussetzung für das Leben in seiner Bewusst-Seins-Dauer der  VERDAUUNG.

PERISTALTISCH.

Wo Leben ist, da ist auch Quantisierung, sprich: Peristaltik in Perioden und Rythmen. (Das Pumpen und Flimmern und Atmen und Schlängeln)

Mit anderen Worten: Quantisierung und Lebensvollzug bedingen einander.

BE-WUSST-SEIN ist VER-DAUUNG im wahrsten Sinne des Wortes: Peristaltisches (quantisiertes) Sich-ER-INNERN im INNE WERDEN im einkrümmenden  AKT oder besser: im RINGENDEN Akt der Temperatur – (Entropie)

Die selbe Quantisierung ist jedoch n i c h t  gleich verbindlich für
 das gesammte Universum, in dem die DAUER als einkrümmender Akt (Entropie) die stets weiter hinausreisende Königin ist  und nicht die  arithmetisch oder geometrisch wohnende Raum-Zeit als Kammerzofe.

Die Zeit kann im Bewusst-Sein der Dauer immer nur hinterher laufen.
Wo die Zeit ankommt, war die DAUER schon da. VER-DAUEND.

Mit dem altgriechischen Wort der PERISTALTIK kann man nach Henri Bergson und nach Heidegger jetzt darauf hinweisen, dass der PHYSIO-LOGOS  ein zeitliches VER-DAUEN meint. Im DÄUEN der Dauer.

-im einkrümmenden (um-ringenden) AKT der Entropie, die in der Zeit um Fassung RINGT – sprich: VER-DAUEND der ZEIT  INNE wird.

ER-INNERND.

Auch Zenons Pfeil ist immer schon ER-INNERT, und deshalb quantisiert
ER-ZÄHL-BAR

Die Verdauung ist das unmittelbare INNE WERDEN der Zeit.

Bis heute verstehen es die Kosmologen nicht, den Unterschied zwischen der DAUER und der ZEIT für Ihre Arbeit fruchtbar zu machen. Oder wenigstens zur Kenntnis zu nehmen.

Ernährung, ER-INNERN. Das kollektive Unbewusste – ?:

Da sagte er zu mir: „Menschensohn, nimm diese Schriftrolle und iss sie auf! (Hesekiel 2.9) Ich öffnete den Mund, und er gab mir die Rolle zu essen.  Dabei sagte er: „Menschensohn, verspeise diese Schriftrolle, die ich dir gebe. Füll deinen Magen damit!“ Ich aß die Rolle. Sie schmeckte süß wie Honig…


Buch Ezechiel, Kapitel 1: Fermi-Lab, CERN (LHC)

Jedem, der hier die letzten Texte gelesen hat, dürfte klar geworden sein:
Die Ringe der großen Teilchenbeschleuniger – sind Schrott.

(Altes Testament, Buch Hesekiel, Kapitel 1 – nun muss man aber nicht gleich nervös werden – nur weil die Heiligen-Scheine in der malerischen Kunst zumeist ringförmig über den Köpfen schwebend erscheinen. Man beachte aber die Beschreibung der Räder und „Felgen“ im Buch Hesekiel, Kapitel 1. )

Nicht nervös werden: Es könnte sich immer noch – um –
das kollektive Unbewusste handeln.

Aber es kann hier auch gesagt sein, dass die wirklich hohe Schule
der skeptischen Philosophie sich erst darin zeigt, wenn sie sogar
skeptisch gegen die Skepsis agiert.

Die Quantenmechanik ist – kosmologisch betrachtet: Schrott.

Lustiger Schrott. Bunter Schrott. Not-wendiger Schrott.

All diesen Schrott werden wir als Hilfs-Schrott auch noch weiterhin
benötigen – nur dass wir es jetzt eben wissen – dass es Hilfs-Schrott ist.

Kein böser Schrott. Wirklich not-wendiger Hilfsschrott.
Die Not-Wendung in die Ringe hinein, in die Beschleunigerringe –
hat das Internet daraus erwachsen lassen.
(Tim Berners Lee.)

Das Internet aber ist eben das, was
NICHT WIEDER in den Ring EINGEKEHRT ist.

Wie spät ist es? Ja, richtig. Wir haben gerade das HOLOZÄN.

Hat man im Fermi-Lab vor kurzem
ein sensationelles Signal gefunden – eine 5. Kraft?

Der Spiegel hatte kurz davon berichtet.

Auf ganz ganz geringen Distanzen könnte sie wirken?

Wenn man sich anstrengt, wird man auch noch eine
6. und 7. und 8. Kraft finden…und eine 9. und eine 10……..

….Etc….PI PI

Die kosmologische Zukunft aber gehört längst
Martin Tajmar und der Neogravitation.

Wenn die Physiker langsam verdaut haben, dass all ihre
Doktorarbeiten zu Symmetrien und Anti-Symmetrien Tautologien waren,
Weiße Schimmel (Pferde.) Tautologien auf die simple Tatsache, dass die Welt
immer UM Fassung RINGT. Und das auch schon in jedem BLUTKREISLAUF.

…weshalb jede Symmetrie- immer automatisch „dreht“ – drehen muss,
damit sie überhaupt ausgesagt werden kann. (Vergleichsprozess.)

…wenn sie verstanden haben – dass ein Bewusstsein nur über Barriere-Prozesse
des SICH-TOT-STELLENS bereits AUS DER ZEIT heraus-gedreht wird.
Sich eindrehend. (Er-eignend)

(Schon das menschliche Bewusstsein ist EX-trahiert.)

Wenn sie kapiert haben, dass Quantisierung nichts anderes als die
WIEDER-HOLUNG der eigenen Selbstquantisierung ist.

So wie jeder Raum immer nur ein temporärer ZEIT-RAUM ist. Verwirbelt vom
irreversiblen Zeitstrom…. SICH WIEDER HOLEND u.s.w.

Von Emanuel Kant wurden die 4 berühmten Fragen zur Ethik überliefert:

1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?

Ein erstes beginnendes Antworten darauf verlangt
zunächst nach einer Um-Wandlung der Fragen:

1. Wa-rum kann ich wissen?
2. Wa-rum soll ich tun?
3. Wa-rum darf ich hoffen?
4. Wa-rum ist der Mensch?

Wa-herum…

Die Um-Wandlung der Kantischen Was-Fragen in Wa-rum-Fragen könnte helfen, etwas zu formodulieren, das man bisher mit dem Wort „Ethik“ nur sehr schlecht und zum Teil katastrophal scheiternd fassbar gemacht hat.

Wenn man das „um“ – das in dem Fragewort Wa-rum? enthalten ist, als ein
um-wandelndes und um-greifendes Um-Fragen versteht, welches die Neugier,
die unbändige Neugier aller Warum-Fragen bereits als Teil jeder Antwort
in eine um-ringende Dauer überführt sieht – also jedes Wa-rum-Fragende
in ein Um-Drehen und Hinein-Drehen eines entropischen Zeit-Raums der
ver-daue(r)nden Um-Fragung erkennt….
εντροπία [entropía], von εν~ [en~] – ein~, in~ und τροπή [tropē] – Wendung, Umwandlung)
Περίσταλσις (Peristaltis/ peri = „herum“ und stellein = „in Gang bringen“)

…..dann höre und sehe ich, dass die unbändige Neugier aller
Warum-Fragen sogar einen vollständig nichtreligiösen – oder richtiger: –
– nicht mehr meta-physischen Ethik-Ersatz – andeuten kann, weil eben
jedes „Wa-rum“ immer schon klar macht, dass da ein „Ringen@ um Fassung“ wirkt, schon in dem Fragenden selbst! Dieses RINGEN UM FASSUNG@ ist nun
im wahrsten Sinne des Wortes ein PHYSIO-LOGOS.@

Aber: IN DER ZEIT.

Nicht: Was – hält die Welt im Innersten zusammen – Wa-herum hält sie. @

Das die allermeisten Kinder irgendwann auch einmal ansprechen
mit einem ergreifend und grandios einfachen –

– „Da-rum!“

Nein, es geht hier nicht – um – Naivität oder – um – kecke Vereinfachung.
Auch nicht – um – ein Spielen auf Zeit, – um – ein Ausweichen oder gar
– um – die Leugnung von Situationen, in denen schnelle Was, Wie, Wo, Wer –
und Wann-Entscheidungen getroffen werden müssen….

Aber Wo-rum geht es?

…es geht – um – das UM-DREHEN der Welt.

… so verstanden ist eine Wa-rum-Frage viel genauer und präziser als
eine „Was“-Frage.

Eine „Was“ – Frage setzt immer schon stillschweigend
ein „Das“ voraus –

– welches von der „War-um“ – Frage richtigerweise erst
noch um-kreist, also eingekreist werden muss…

Eine Was-Frage agiert deshalb immer schon gefährlich tautologisch.

Die WAS-Fragen führen irgendwann immer in den Terror.

Insofern kann man erkennen, dass eine „Wa-rum“-Frage überhaupt
die einzig wirkliche und präzise Art zu fragen darstellt.

Und letztlich wird jeder bestätigen, dass die wichtigsten Entscheidungen
oder auch Erkenntnisse, welche gewonnen wurden, immer auf vorangestellte
Warum-Fragen abgehoben haben.

„MEIN GOTT, MEIN GOTT – WA-RUM HAST DU MICH VERLASSEN?“

„DA-RUM!“

Wenn man also einen Philosophen fragen wollte (Ich bin keiner, nur Informationsforscher.) – wa-rum denn nun eine menschliche Gesellschaft in Zukunft organisiert sein müsste, dann kann er antworten: Sie müsste so organisiert sein, weil sie das WA-HERUM? und das DA-HERUM! – anerkennt.

In dem Wissen, dass alles um-wandelt,
aber NIE WIEDER ganz genau SO EINKEHRT.

In dem Wissen, dass es ein her-um-stellendes in Gang bringen ist,
welches ich hier das RINGEN um FASSUNG genannt habe.

Artikel 1: Das WA-RUM des DA-RUM ist unantastbar.

Im Anfang war das Wort. Man beachte das IM – es war nicht AM – es war IM.

IM Anfang.

εν~ [en~] – ein~, in~

(herumfliegen….herumtollen….herumspringen….herumknutschen……)

Ich erkenne die Macht an und entschuldige mich bei ihr.
Ich bin nur ein Mensch. Ein ganz normaler Mensch.

Helmholz-Resonator…untersuchen. Labornotiz.

Drehungen, Wendungen

Der  Sinn der Zahl π  in Mundwinkeln
Wenn Lippen sich zu einem Kreisbogen formen,
biegen sie den Zeit-Raum. Kurz gesagt: Sie lächeln.
Wölben sie sich  nach unten, krümmen sie die Raumzeit.
Das nennt man Traurigsein. So versteht man,
warum π eine besondere Zahl ist, dabei reell
und transzendent zugleich.

Jedes Lächeln ein Drehmoment.
Gebogenheit ihres Mundes
umfing ein Kreisendes mich
Umwandelnd machte das Lächeln die Welt
Lippen formten den Orbit.
Hoch in den Winkeln ihrer Umlaufbahn
zeichnete π darin den Stern  – der kreiste.
Gewundene Bahn im Zeitraum geborgen nur kurz

Es kostet sie nur ein Schmunzeln.
Die Welt aber, sie – ringt –  um Fassung.
Der Orbit formt die Lippen.

Drehung der Galaxie.

Kreisen der Sonnen.

Umlauf der Planeten und Monde.

Einkehr, Auskehr, Wiedereinkehr – das Schlängeln.

Die Gezeiten, Tidenhub im Wellengang.

Der Tintenfisch, der Kopf-Füßer, das Weichtier

Ansaugen und Ausstoß und Wieder-Ansaugen: Be-Zeugen- des Wassers.

Entry-Re-Entry, Rotation und Wirbel.

Die schlängelnde Schlange als  Sinus-Kurve,

kreisend im Schub-Zug ihrer Wellen von Bewegung im Wüstensand.

Das Um-Armen, Das Um-Fangen Das Um-Wandeln – einkreisend –

Der lächelnde Mund – eine Sinus-Senke – kreist mich ein.

Der traurige Mund – eine Sinus-Hebung – kreist mich aus.

Das Flimmern und Pumpen von Quallen, Einzellern,

Mikro-Organismen im SogSchub und ZugDruck, Wiederauskehr, Wiedereinkehr.

Die Gliedmassen: jedes Gelenk ein Dreh-Punkt, um den Knöchel und Knochen einen Kreis-Winkel umpendeln.

Der Blut-Kreislauf , wie der Name schon sagt: dreht.

Er -ringt – um Fassung.

Der Winkel aller Konstruktionen. Dreiecke als Kreis-Winkel.

Die Hand schließt sich kreisförmig – um-greift.

Sie – ringt – um Fassung. Sucht den Begriff.

Der Hebel – hebt kreisend aus, braucht einen Drehpunkt (Unterlage)
für den Ansatz.

Flaschenzug (Rollen)

Das Rad. (soll sich drehen)

Das Flattern der Flügel im Drehpunkt ihres Gelenks.

Außerdem Wirbelerzeugung und -Wirbel-Nutzen. Propeller, Tourbine.

Der Wurf  gedreht aus dem Schultergelenk, Drehpunkt des Katapults,
Parabel des Pfeils. Der Bogen des Bogens.

Stimmbänder, Sprache, jede Hebung und Senkung ein Hin und Her von Entry nach Re-Entry, Auf und Ab, – einkreisend den Orbit des formenden Mundes. In-Formation.

Die Philosophie , schlängelt sich zwischen Skepsis und Emphase, hin und her, Entry, Re-Entry, auf und ab.

Schriften und Runen (Lesbar als Kurven, Winkel oder Schlangen: Die Hand/Das Auge geht auf und ab, hin und her. Hinlaufend – Herlaufend – Wiederkehrend. Wärme bezeugend.

Faltungen (auf und nieder – Entry nach Re-Entry, Gebirge und Tal,
Tektonik. Das Beben.)

Der wiedereinkehrende Komet auf langgezogener Bahn. Re-Entry.

Die Kurbelwelle. Hebung und Senkung des Kolbens wird über  die Kurbelwelle (in TOT-Punkten zündend) gedreht – geschlängelt – wiedereingekehrt.

Die Filmrolle, die DVD, die CD, das aufgerollte Tonband.

Der klassische Arbeitskreislauf. Verbrennung, Kolbenhub, Druckausgleich – Kreislauf, wie der Name schon sagt, im Carnot-Prozess. Eintritt und Wiederkehr.

Ventile. Die Schlange schlängelt um  Einlass (Wölbung), Ausslass (Senkung), Einlass…der Weg im Wüstensand.

Die Festplatte als Speicher Muss drehen. Entry nach Re-Entry. Schreiben und Überschreiben.

Musik – die Saite, die Trompete (Lavaldüse)

Drehstrom, Wechselstrom (Hebung oder Senkung der Schlange oder im Stromkreis von Minus nach Plus)

Die Schall-Platte dreht sich.

Die Laval-Düse. Öffnung und Verengung. Stauung und Entladung, Schubzug, Verdichtungsstoß.

Datenverarbeitung. Lesen-Schreiben-Lesen-Schreiben/Entry-Re-Entry.

Orgasmus. Konvulsionen und Peristaltik  zwischen Austritt und Eintritt,

Hebung und Senkung, Entry und Re-Entry.

Geburt – die Wehen in Wellentälern und Wellenbergen. (Entry und Re-Entry)

Der Verdauungstrakt. Peristaltik zwischen Hebung und Senkung, Schub-Zug der sich schlängelnden Dauer.  Das Ver-Gessen, nach dem Er-Innern.

Atmung.  Einatmen-Ausatmen kreisend im Wechsel der Stoffe, Eintritt Austritt.

Knoten und Seil. Austritt und Wiedereintritt des Seils, Umschlingung, Drill der Faser im Drehmoment der Faser.

Martin Tajmars Experimente: Ringe rotierend. Die Welt – ringt – um Fassung.

Die Doppelhelix. routierend umwunden, umschlungen.

Das Herz – pumpend in Sog und Druck, Systole und Diastole, Kreiseinlauf, Kreisauslauf.

Die Waage, die Wippe, die Gerechtigkeit. Sie wippt und wiegt und „vergleicht“ um einen Drehpunkt herum,  wie der Hebel. Das Abwägen im Gezeitenhub der Gerechtigkeit.

Symmetrien allgemein. Brauchen immer die gedachte Drehung oder Spiegelung zur Bestätigung von Varianz oder Invarianz. Fließgleichgewicht unseres Blutkreislaufs.

Die Reise  (Weggehen und Wiedereinkehr, aber: Jede Reise ist Irreversibel, weil man immer verändert wiederkehrt.)

Die Planck-„Konstante“ bezeichnet eigentlich ein Drehmoment. (ein Verhältnis, keine kosmologische Konstante.)

Das Warten (man wartet in Intervallen (Quanten) in der Hebung und Senkung von Hoffnung und Enttäuschung/ Einkehr-Auskehr, man  – ringt – um Fassung. In Gegen-Wart.

Trampelpfade (sind immer leicht gebogen.)

Optische Linsen und astronomische Spiegel sind gerundet oder gewölbt.
Gehoben oder gesenkt.

Jeder Werkzeugbewegung beruht auf einem Drehmoment.
(Drehauflage des Hebels, Schere, Zange etc…)

Serpentinen und Gewinde.

Die Schraube dreht sich in die Mutter.

Zahnräder.

Das Malmen und Kauen (Entry-Re-Entry/ Hin und Her/Auf und Ab.)

Das Harren, Wittern und Zittern – das Beben. Hin und Her, Auf und Ab. Einkehr, Auskehr.

Rituale und Gewohnheiten (Das Freitagsgebet, der 5-Uhr-Tee/  die Tages-, Wochen- und Monats-Routinen, Entry und Re-entry, Eintritt und Wiedereinkehr.)

Investition und Amortisation (Wertschöpfungskreislauf, Zinskreislauf, Kapitalrücklauf. Gewinnerwartung, Wieder-Einkehr der Investition.)

Der Tausch. Geben und Nehmen, Entry und Re-Entry.

Das Gespräch: Frage und Antwort.

Das Cern, eine thermodynamisch offene Routine im Hin und Her.

Der LHC – ringt – um Fassung.

Das Embryo, gerollt aber offen, eingekreist, doch gegen-wartend –
ringt – es um Fassung.

Bei all dem: Das  – Ringen –  um Fassung hat einen irreversiblen unhintergehbar irreversiblen Vollzug. IN DER ZEIT. Nichts kehrt wirklich zu 100 Prozent genau so wieder in die Ausgangslage zurück. Kein Moment kopiert sich zu 100 Prozent identisch.

Die Zahl  π  ist eine offene Zahl. Jedes Lächeln, jeder Schub, jeder Stoß, jedes Quant ist zeitraumdynamisch (thermisch) als Drehmoment unwiederholbar.

Bei jeder Halbdrehung um-wandelt sich Form  oder Energie.

Erzeugt wird ein Weg. Irreversibel ins Offene.

Das deutsche Gerät: Heit, Keit, Schaft, Lich, Ung, Bar, Tät..

oder: Sprache als Getränk.

Weit dringender
als den Taschen,
fehlt dem Kopf
der fallende Groschen,
wenn der da nicht reinfällt,
spielt niemand am Flipper,
wächst der Einwurfschlitz zu
im Laufe der Zeit
und blinder werden die Bilder.
(Tim Boson, Selbstzitat.)

Ausgerechnet in Zeiten der „Globalisierung“; in Zeiten der englisch- und pidginvermittelten Internationalisierung und Flächen-Vernetzung – stoße ich auf ein vertikal reichendes oder wurzelhaft anmutendes Thema: Die eigene Muttersprache – das unheimliche Deutsche.
Heute durchaus keine globale Weltsprache, kann das deutsche Sprach-Gerät unter bestimmten Bedingungen eine laser-scharf konzentrierte Hoch-Temperatur ausbilden, mit der es sich bis zur Pupille des zeitlich bewegten Sturm-Auges durchbrennt.

Husserl, und dann Heidegger – ich habe diesen sprachlich phänomenologischen Zug eine Zeit lang ein bisschen unterschätzt. Oder bewusst gemieden. Oder vielleicht sogar belächelt und der Etümelei verdächtigt. Habe Übertreibung gewittert in der Aussage: „Wer wirklich denken möchte, kann dies nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun.“ (Heidegger)

Unheimlich. Schon bei Hegel, Fichte oder Schelling, hatte ich immer mal wieder deutlich bemerkt gehabt, dass die deutsche Sprache schon im 19. Jahrhundert zu einem Gerät entwickelt ward, das man noch heute, im 21. Jahrhundert, nicht anders als ein High-Tech-Gerät empfinden muss, das Schutzbrille erfordert und kein Spielzeug für Kinder mehr ist. Schon das Wort unheimlich kann man hier wörtlich für nicht heimlich nehmen, offen, ausgesetzt, deutlich, eben deutsch. Das Unheimliche – im Gegensatz zum schnellen Gebrauch des Wortes – als das Scharfe, das dem Wittern und Wettern ausgesetzte, das bemerkbar wache Sprechen und physikalisierte Denken. Nicht das Unklare oder Verwaschene, das Verschwafelte, das Milde oder bloß Angefühlte..

Obschon Etymologie, wo sie unkritisch sich hinabsteigert, zur Etümelei entarten kann; aber wenn da einmal ein Ohr für das unheimliche Deutsche gewachsen ist, wird man dieses Ohr so schnell nicht mehr los.

Eine Zeit lang war ich gehalten von Einflüsterungen der sprachkritischen Philosophie, die ein Misstrauen vorhielt der muttersprachlich gelenkten Welt-Vernehmung, ihre Obacht-Schilder aufstellte im sprachlichen Weltverkehr, Verkehrszeichen für Brückenhöhen, Stopp – und Vorfahrtsregelungen. Ihr Argument lautete: Wisse, dass Du immer so denkst, wie Du sprichst. Deine Welt ist deine Sprache. Und wisse, dass solches Sprechen nicht – umgreifend – weltverbindlich sein kann

Wirklich?

Aber: Wer hatte den sprachkritischen Einwand zum ersten Mal wieder (seit den mittelalterlichen Denkern) philosophisch deutlich (deutsch) aufs Tablett gestellt? Es waren wiederum die grammatischen Deutschen, Wilhelm von Humboldt, dann die Österreicher, die Positivisten nach und mit Wittgenstein und dann eben Heidegger nach Humboldt.

Dazu wirkte im Deutschen Gerät immer lange auch eine sprachpolitische Erziehungs-Bewegung; sie wirkte, seit dem es Sinn macht, von einem typisch deutschen oder germanischen Sprachgebaren ausfließend zu artikulieren.

Das deutsche Sprach-Gerät war lange schon Objekt einer Erziehung gewesen, welche dieser Sprache wie einem bösen hyperaktiven Kind Manieren beibringen glaubte müssen… zu…sollen. Erziehung. Das deutsche Gerät musste aus seinem Wittern, den Wäldern und Wettern seiner unheimlich ausgesetzten und ansprechenden Wachheit in zivilisatorische, also lateinisch-romanischere Gefilde geführt werden. Dorthin, wo Sprache eine menschenumgänglichere Wortwahlfreiheit und auffächernde Milde bekommt, wo der Klang von Worten oder die Töne eines Satzes diplomatische Flucht – und Interpretationsräume offenlassen – gegen die genagelte und festnagelnde Härte der Befehlstöne des Seins in unmissverständlicher Deutschheit und Deutlichkeit.

Woher kommt das?

So wie in wirtschaftlichen Verläufen Wachtums- und Krisenphasen abwechseln, so begegenen sich im Sprachlichen womöglich die Zeiten, in denen eine gediegene bis verfettete Sprache der Wortreichtümer und Manierismen, der Ziselierungen, der tonalen Feingerüche und Interpretationsangebote mit einer dynamisch knochigen bis dürren Läufer – und Aufbruchssprache abwechseln, deren grammatische Physis nach Effizienz und Impuls-Nutzen organisiert bleibt.

Historische Seitenblicke offenbaren, dass sogar die Deutschen selbst immer ein zwiespältiges Verhältnis zu Ihrer „Volks-Sprache“ unterhielten. Bekanntlich wurde an vielen deutschen Fürsten-Höfen über lange Zeit viel bis ausschließlich französisch gesprochen, auch und gerade am preußischen Hof. („Deutsch spreche ich nur mit meinen Pferden“ – sagte (nicht nur) ein preußischer Rex. ) Man könnte das als degenerierten oder überzogenen Snobismus markieren, der sich vom „Volke“ abheben will, was aber ganz falsch interpretiert wäre.

Treffender wäre hier, dass barocke oder rokoköse Hofstaaten innersystemisch dermaßen empfindliche, geradezu fein klimatisierte Sozial-Gebilde einrichten, in denen alles Sehr-Deutliche, Unmissverständliche und Allzu-Nackte im sprachlichen Verkehr sofort soziale Verwüstungen im zarten Spinnenweb Hofstaat anrichten können.

Originaldeutsches Sprechen kann die Durschlagskraft von großkalibrigen Projektilen freisetzen, zu energiereich für die innersystemisch fein justierten tapetenwand- vorhang- und gardinen-moderierten Hofstaaten.
In einem barocken oder rokokösen Hofstaat schießt man mit kaum sichtbaren Pfeilchen, giftig surrend, man steuert mit Blicken, degradiert mit Schweigen, oder man vernichtet mit leisen Tönen und Nuancen.

Das Abfeuern von energiereichen deutschen Sprachmaschinen-Großkalibern verbietet sich zwischen höfischen Vorhängen, diplomatischen Feingespinnsten und politischen Rigibswänden
Das deutsche Gerät gehörte also lange Zeit in den Stall zu den dampfenden Pferden, ein womöglich notwendig richtiger Instinkt des preussischen Königs. (der allerdings dann doch öfter deutsch sprach, als er vorgab.)

Aber: „Wer wirklich denken möchte, kann das nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun.“

Wollte Heidegger provozieren mit dieser Äußerung? Der Satz bleibt ein starkes Stück, wenn man bedenkt, dass im deutschen Sprachgerät lange Zeit eigentlich alles, was den „Geist“ ansprechen wollte, immer ein Importgeschäft aus dem lateinischen oder romanischen Sprachraum pflegte.

Im wörtlichen Sinne war es lange Zeit der lateinische „Spiritus“ und dann der französische „Esprit“, der die „höheren“ Stände in ganz Europa be- geisterte.

Warum also dieser denkwürdige Satz von Heidegger?

Eine Überlegung dazu: Das Deutsche Gerät war lange Zeit von der diskursiven Verschriftlichung in Bibliotheken und zwischen Buchdeckeln ausgeschlossen. Lange Zeit war das Geistesleben vom Latein dominiert worden.

Das Deutsche aber, eine Sprache, die lange selbst nicht im großen Stil am schriftlichen Transport von Überlieferung und gelehrter philosophischer Be-Geisterung teilgenommen hatte, – bewahrte sich etwas, dass für ein nachsondierendes Denken und Philosophieren unendlich wertvoll ist. Sie bewahrt sich die Originalität Ihrer physisch- bis physikalischen Vibrationen, ihre Anbindung an die Physik des Notwendigen und der Not-Wendungen im Wesentlichen ihres Anspruchs – und Wirkraums der körperlichen Gesprochenheit – und entgeht damit der konservatorischen Frisur von gelehrter Überlieferungs-Sprache.

Eine hauptsächlich nur gesprochene und vom wesentlichen Schriftverkehr getrennt lebende Sprache kann nicht durch offiziöse Interessen zensiert oder frisiert werden. Eben weil sie handelnde Impuls- und Moment-Sprache bleibt mit einem starken impulsiven Momentum behaftet.

Das Deutsche Gerät war lange Zeit in der Welt, pochend, auf Straßen und Plätzen, Feldern, Furten und Wegen, atemend-sprechend-wirkend, und erst sehr spät geriet es zwischen die Buchdeckel von schriftlicher Maßgeblichkeit.

Alles Lateinisch-Romanische aber war immer schon durch die Friseurgeschäfte und Maßschneiderein von Zivilisationssprache der Verschriftlichung gegangen, namentlich der römischen, der Dekrete und Erlasse, der Schreib-Schulen und der großen Gesetze, der Steintafeln und imperialen Texte – und schließlich wurde es eingeschlossen in die christlichen Klöster, Orden und Schulen.

Eine wenig verschriftete Sprache kann auch schneller einfach so aussterben und verschwinden. Was dem Deutschen aber nicht passiert ist. Dafür war oder ist dieser spezielle Sprachraum doch zu mächtig gewesen.

Während eine große schriftliche Geistverkehrs-Sprache und Schultafelsprache wie das Latein immer nachprüfbar und damit letztlich auch von Intentionen und Intendanten zensierbar blieb und auch bewusst oder unbewusst frisiert wurde, instrumentalisiert und maßgenommen.

Das Lateinische, das dominierend aus dem gediegenen römischen Zivilisationsraum gekommen war, und das immer wieder kopiert, abgeschrieben und überschrieben wurde, musste irgendwann durch die Selektionsschleusen und Filter der bewussten und unbewussten Zensoren. Kommentatoren und Interpretatoren hindurch, in die Interpretationsräume der gelehrten Leser und Widerleser, der Schreiber und Abschreiber- und Feinsieber.

Ebenso wie es in die  Derivatsprachen der romanisierten Provinzregionen hineinverrauschte, wo es sich dann zu eigenständigen romanischen Derivat-Dialekten wie französisch, spanisch oder portugiesisch noch einmal als Provinz-Latein volkssprachlich abmilderte, klimatisierte, verzweigte, mit den arabischen oder afrikanischen Peripherien mischte, entspannte und verdünnte.

Der schriftliche Gebrauch von Sprache zur Überlieferung und zivilisatorischen (römisch-imperialen) Dekretierung ist für die „Bildung“ und die Überlieferung von Geschichte, Religion, Wissen und Denken nützlich und unabdingbar.
Aber schon das Wort Überliefern erzählt etwas über ein sprachregulierend wirkendes Procedere. Was Lieferung und Überlieferung leisten soll, muss handlich gemacht, prozessual beruhigt und letztlich standardisiert werden. Was überliefert und in Büchern oder auf Steintafeln ausgeliefert werden soll, bedarf der „Be-Handlung“ – des konservatorischen Eingriffs, damit eine solche Sprache konservatorische Verbindlicheit erlangt auch und gerade für frühe Recht-sprechnungen. Vielleicht wurde das Latein zu einer ersten ganz frühen Programmiersprache eines geistigen Internets zwischen Zeiten und Räumen.

Ein Konserviertes aber, das von einem nächsten Konservator oder Kommentator wieder und wider gelesen und abgeschrieben und unbewusst zensiert wird, entfernt sich irgendwann als Sprache von allen physischen Not-Wendungen des alltäglichen Gesprächgebrauchs in Gegenwart der Not-Wendungen (Not-Wendigkeiten) auf Märkten, Furten, Plätzen, Wäldern, Wegen, und Straßen.
Eine solche Sprache kann irgendwann „sophisticated“ werden, etwas, für das ein deutsches Sprachgerät kein eigenes Wort bereit hält. Der Sophismus wiederum wuchs als eine Entwicklung der mündlichen Dispute, der Rechtssprechnungen und Verteidigungsreden, wie sie nur in der griechischen Polis gedeihen konnte, unter Zuständen halbweg langfristig gesicherter Sesshaftigkeit  und erster Rechtsstaatlichkeit – und später dann auch im Römischen weiter gepflegt werden konnte.

Aber auch das Altgriechische blieb von allzustarker schriftlicher Vernutzung offenbar verschont. Davor schob sich der lateinisch römische Zivilisationsraum in seinem lateinischen Sprechen.

Aber wie gesagt, eine starke Verschriftlichung von Sprache nimmt ihr auf Dauer das Unheimliche, ihr Ausgesetztes, – macht sie erst heimisch und dann heimlig. Im Sinne des Wortes heimelig zwischen Buchdeckeln und Klausuren. Die Sprache kehrt in ihr Sicheres ein, verfestigt sich, wird schulbar– und schließlich versteinert ihre Grammatik zu einer Tafel-Grammatik.

Genau das ist dem Latein über Jahrtausende passiert. Zeitlich lange vor dem Deutschen. Es geriet aus der Unheimlichkeit aller Not-Wendungen in die Heimeligkeit der Bücher und Köpfe, Klöster, Gesetze, Tafeln und Klausuren. Das Latein mutierte zu einer Experten- und Gelehrten-Sprache; in zunehmender Klausur unter Luftabschluss gärte es hier wie in einer Destille zu einem hochprozentigen Spiritus aus.

Das Bemerkenswerte an einem Spiritus (Geist) ist aber nun, dass man ihm einerseits hochprozentigen Essenz-Charakter zusprechen kann. Andererseits aber ist ein Spiritus desinfiziert, oder besser: er wirkt desinfizierend auf das Denken und Philosophieren. Der Spiritus selbst lebt nicht mehr. Obwohl er selbst belebende Wirkung hat und die Blut-Hirnschranke durchdringt. Der Spiritus kann selbst Räusche verursachen; aber er ist selbst nicht der Rausch, sondern eigentlich tot. In einem Spiritus kann nichts leben. Weil er ein verzolltes Konservierungsmittel ist zur Überlieferung – muss er zugleich desinfizierend wirken. In dem der Spiritus die Blut-Hirn-Schranke überwindet, verpflichtet er sich selbst zum Totsein.

(Kurzes Abschweifen: Diese Sache kann durchaus beschäftigen. Hier war oder ist auch das Lateinische später auf vom (Hauch, Atem – spiritus) auf den Alkohol übertragen worden. Den Alkohol – der unter Gärungsprozessen, zum Teil unter Luftabschluss entsteht, bezeichnet es als „Geist“ – der vom „Saft“ zum Beispiel dem Saft einer Williams–Birne – über Barriereprozesse – ex – trahiert werden kann.)

Deshalb vielleicht auch hat das Lateinische bis heute in den Benennungen der Schul-Medizin überlebt.

(Zugleich fällt dem Schreibenden hier eine Sentenz ein: Nur der Tod überwindet alle Grenzen. Oder anders gesagt: Der Tod kennt keine Schranken. Daraus folgt auch für eine Kosmologie, solange sie von Lebenden betrieben wird, dass diese Kosmologie eine (falsche) systemische Begrenzung zeigt. Eine wahre Kosmologie, im streng physikalischen Sinne, kann nur eine Kosmologie ohne Blut-Hirnschranke sein.)

Zurück zum Lateinischen: Man darf sich hier nicht täuschen lassen. Zwar bietet die lateinische Grammatik und Phonetik klanglich zum Teil eine wie in Stein gemeißelte Klarheit aus, die in vielen Sprichworten und überlieferten Redewendungen attraktiv daherkommt. Aber das Gemeißelte dieser lateinischen Wendungen ist eben versteinert, tod, unter Luftabschluss zum Spiritus destilliert, also tot und physisch nicht gärend – deshalb als „toter“ Spiritus mitunter scharf anregend aber mit äußerster Vorsicht oder nur interpretatorisch verdünnt abzuschmecken.

Der ganze aktuale „Rausch“ einer Sprache im Rauschen der Fehler, Dialekte, Missverständnisse, Gespräche, Zurufe, Witze, Schreie und Auswüchse verwandelte sich in den schriftlich – imperialen (christlichen) Luftabschluss-Prozeduren und Festschreibungen der Überlieferungen vom Latein zum Kirchenlatein und Tafellatein, und geriet so über die Luftabschlusstechniken der Verschriftlichung zwischen Buchdeckeln in Formeln der Klausuren und Klöster. Das Latein verwandelte sich zum Spiritus Sanctus, zum heiligen Geist mit einem hohen Reinheitsgrad, der die Sprache selbst aber sehr stark desinfizierte.

Das Lebend-Vibrierende, das Atmende, Klopfende, Pochende und Fließende einer ursprünglich lebendigen Sprache verwandelte sich destillatorisch über die Luftabschlusstechnik der Verschriftlichung zu einer Aroma- und Geschmacks-Sprache, deren „Wahrheitsgehalt“ rein semantisch nicht mehr ganz so einfach und umweglos „für bar“ hergeleitet werden kann, sondern hoch destilliert, konzentriert oder kondensiert jetzt der Geschmäcker, der Verkoster und Interpretatoren bedarf, der semantischen Mundschenke, der Auskenner in den schulischen Interpretationsräumen, wo sich ein Sinn-Aroma oder ein Klang-Aroma erst entfalten muss oder entfalten kann.

Deshalb eignen sich heute viele latinisiert-romanischen Herkunfts-Sprachen zumeist sehr gut als Aroma – Klang – und Geschmacks-Sprachen für zwischenmenschliche Diplomatien. Ihre semantische Produktion kommt nicht so scharf und direkt auf den Punkt wie im Deutschen Gerät – einfach deshalb nicht, weil das Lateinische in vielen schriftlichen Überlagerungen ein Sinn-Rauschen der Mehrfachbedeutungen mit eingefangen hat; so braucht und schafft das Lateinisch-Romanische zivilisatorischen Raum, eine interpretatorische Gaumen-Höhle, in die sich der Angesprochene oder das Angesprochene zur Not immer auch auf das Abschmecken des Sinns eine Weile zurückziehen kann. Sinn darf sich als ein vom Spiritus transportiertes Aroma entwickeln, aber er erpresst dabei den Hörenden nicht zum Hörigen.

Beim original-deutschen Sprachgerät verhält sich das ganz anders. Das deutsche Sprachgerät geriet nie unter Luftabschluss und blieb von starker Verschriftlichung oder von Klausur im großen Stil lange Zeit verschont. Es gärte und lebte und sprach und stammelte, witzelte und brabbelte immer weiter. Jedenfalls bis zu Luther und der Erfindung des Buchdrucks. Es lebte auch außerhalb der Klöster und Höfe auf den Straßen, Plätzen, Märkten, Feldern und Furten.

Die sprachlich explosive Wucht der Luther-Bibel kommt daher. Richard Friedenthal erwähnt in seiner Luther-Biografie, wie das Luther-Ohr sich diesem wuchtigen und frischem Deutsch der Straßen und Plätze und Furten bedient hat – und damit ein erstes deutsch-sprachiges Paradigma schuf, dessen Gewalt dann die deutsche Hochsprache ausstülpte

Was hat das zu bedeuten in Bezug auf den Heideggersatz: „Wer wirklich denken möchte, kann das nur auf Deutsch oder Altgriechisch tun?“

Selbst kein hundertsprachig versierter Komparatist, kann ich der Frage persönlich unter wenigen Aspekten nachgehen:

Zunächst mal weiß ich, dass der als leicht überheblich klingende Satz nicht wirklich ganz so krass gelesen – oder zumindest dann ausgeweitet werden müsste auf das Englische, da auch das Englische als das Angelsächsische in westgermanischer Sprache spricht. Zudem gehört das Denken an sich sowieso nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Menschen. Schon deshalb ist der Heidegger-Satz nicht wirklich provozierend. Wer will schon denken? Die Frage, wie man am besten denkt, ist ja vielleicht schon als Frage sehr deutsch.

Dazu kommt, dass die komplizierte historische Entwicklung aller heutigen Sprachen immer noch viel weniger aufgeklärt ist, als beispielsweise die Bio-Genese des Schachtelhalms. Ganze Völkermischungen und Sprachgeschiebeschichten liegen nach wie vor unaufgeklärt im Dunkeln.
Man weiß bis heute nicht genau, wer oder was eigentlich das indogermanisch sprechende Urvolk gewesen sein soll. Gegen diese Unwissenheit sind die Dinosaurier fast schon langweilige Haustiere.

Wenn hier also vom „deutschen Gerät“ die Rede ist, schließt das mit ein, dass höchstwahrscheinlich noch viele andere Sprachen die selben Fähigkeiten ausbilden konnten, aber womöglich weniger auffällig, die ich hier aber einmal aus dem Vergleich lasse und mich deshalb auf „das grammatische Deutsche“ beschränke, das mir in bestimmte Eigenarten eben doch stark sonderbar begegnet.

Das vorerst Erstaunliche an jeder aktiven Sprache bleibt, dass sie ein lebendes sich immer häutendes Reptil ist, das auf Zungen wohnt. Ihre fossilen oder reptilen Elemente werden von feuchten Zungen durchgereicht. Alle neu einfließenden Sprach-Not-Wendungen heften sich dann an die sehr raue, sehr aufnahmefähige Haut dieses Zungen-Reptils, fallen wieder ab, oder wachsen irgendwann einfach ein.

Zum anderen würde ich unterstellen, dass jeder denken-wollend Sprechende ganz automatisch irgendwann sowieso agiert als ein vergleichender oder wenigstens sprachaufmerksamer Denker. Aber okay, das war vielleicht nicht immer selbstverständlich.

Was das Altgriechische betrifft – da sich planetarische Kultur, oder das, was sie technisch ist, was sie platonisch und mathematisch leistet – gesamtglobal planetarisch leistet – sich von altgriechischen Denkbewegungen ableitet, hat Heidegger auch hier einen richtigen Instinkt. Insofern ist das Altgriechische mit sicher wirkenden (ebenfalls ungeklärten) Einströmungen wenigstens aus dem arabischen Raum oder sogar dem Nil-Delta heute sowieso technisches Welt-Denken.

Trotzdem müssen die Erwägungen hier unvollständig bleiben, da mir 99 Prozent der auf der ganzen Welt immer noch lebenden Inselsprachen und Dialekte nicht geläufig sind. Nur im Russischen immerhin kenne ich mich noch etwas aus. (Auch das Russische transportiert eine sehr wache und lebendige Vibration durch die Zeit) Vom Chinesischen weiß ich nur Theoretisches und von den italisch/lateinisch/romanisch abgebogenen Weltsprachen weiß man, dass sie komparatistisch als Misch-Sprachen bezeichnet werden, die in römische Provinzbezirke hinein verrauscht sind, deren Urgroßmutter, das Original-Latein als lebendige Sprache eben beinahe – ausgestorben ist oder eben zum stark   aromatischen Spiritus destilliert wurde.

Anders das original Deutsche, meine Muttersprache. Ihr kann ich stärker nachspüren. Das Deutsche jedenfalls (scheint mir) zu nähren eine lebendige vertikale Radix, ein zeitentief züngelndes und nach wie vor deutlich unverstopftes Pumprohr in protolinguale Grundgewässer. Das lässt sich irgendwie nicht leugnen. Wie schön doch das Wort „Vergessen“ so deutlich unverrauscht ins „Gegessen haben“ eintaucht in tierblind glitschige und wechselwarme Verdauungs- und Kontemplationsräume der Urzeit. Etwas zu vergessen bleibt ein Effekt der Sättigung. Das ist einfach so wahr!

Nun könnte man fragen: Woher weißt Du denn, dass die Verbindung von Vergessen und Gegessen haben „stimmig“ ist im Sinne einer objektivierbaren Wissenschaftlichkeit von Weltbeschreibung? Gar im Sinne einer ernstzunehmenden Biophysik des Metaphysischen?

Darauf würde ich antworten: Diese Verbindung muss stimmig sein, weil Sprache ein Werkzeug ist, dass sich letztlich in einem Kontext der Nützlichkeit und Brauchbarkeit beweisen muss, und damit zur technischen Evolution gehört und damit einem darwinistischem Ausleseprozess unterliegt. Falsche oder nichtstimmige onomatopoetisch/semantische Verbindlichkeiten würden sich einfach nicht auf Dauer halten. Sie würden sprachlich aussterben – oder sich verändern, was sie zum Teil ja auch tun. Was so lange unverrauscht durchhält, muss epistemologisch ernst genommen werden dürfen.

(Trotzdem muss man immer aufmerksam bleiben und schauen, in wie weit sich Bedeutungen von Worten verändert haben – damit eine Etymologie nicht zur Etümelei entartet.)
Wenn Heidegger auf so etwas immer mal wieder gepocht hat, dann muss man einfach sagen: Da hatte er Recht, der Alte. Ja, es hat da eine Zeit lang auch ein Heidegger-Überdruss gewirkt, ein Belächeln, das bis in den Spott hineinreichte – bis hin zur Denunziation im „Heideggern“….und daran war er selbst nicht unschuldig. Aber in welcher Sprache lebt eine so sinnige Verbindung von Zählen und Erzählen?; vom Greifen zum Begriff? Welches Wort kann präziser sein als das Wort Gegen-wart?

Es bleibt dann erstaunlich, wie sehr Sprache hier eben doch einen tatsächlich objektivierbaren Entbergungs – und Besinnungswert erreicht, bis hin zu einer Präzision, die einer mathematisch grundierten Funktionen-Übung unbedingt gleichgestellt werden kann.

Dieser onomatopoetisch/semantische Laserbohrkopf geht dann durch Zeiten wie durch Butter und flößt mir selbst manchmal solchen Respekt ein, dass ich die eigene Muttersprache als eine Fremdsprache wieder empfinde, als ein wirklich starkes Gerät.
Und noch in den technischen Fachsprachen, erreicht sie zum Beispiel mit dem Wort Auflösung eine erstaunlich hohe Besinnungsqualität.

Schon im Englischen mit seinen vielen lateinischen Einsprengseln ist da – manchmal, nicht immer – einiges verrauschter, in Wort-Wahlfreiheiten hinein verbreitert, abgebogen (vergessen, forget, essen, eaten, disremember, oblivion) Der bekannte Wortreichtum der englischen Sprache eignet sich für Diplomatien in der handelnden Fläche – für philosophische Obsessionen in Exaktheit kann er hinderlich sein.

Eine andere Eigenart von Sprache lebt in Abfolgen von langen Perioden eines nicht harmlosen, wie eingebremsten Schläfer-Daseins, in dem ein Wort als verstummter uralter Lotus-Same hinter den Zungen weitergereicht wird, bis der dann irgendwann hineinfällt in ein Boden oder in ein Millieu und als Wort „Entropie“ dort aufkeimt, ja aufplatzt, und die Relativitätstheorien erweitert, ein ganzes Universum zum Blühen bringt.

Als hätte Rudolph Clausius auf seinem Foto diesen Samenkern hinter seinen fest verschlossenen Lippen lange lange unterm Licht hindurch getragen. Dabei hat er Ihn in seiner inneren Bedeutung ja selbst schon (unbewusst?) erfasst und prä-formuliert. Dabei wussten es immer alle schon. Wie sogar dieses schöne Zitat von Arnold Sommerfeld beweist:

„In der riesigen Fabrik der Naturprozesse nimmt das ENTROPIE-PRINZIP die Stelle des Direktors ein. Denn es schreibt die Art und den Ablauf des gesamten Geschäftsgangs vor. Das ENERGIE-PRINZIP spielt nur die Rolle des BUCHHALTERS, der Soll und Haben ins Gleichgewicht bringt.“ Arnold Sommerfeld, Vorlesungen über theoretische Physik, Band V Thermodynamik und Statistik, Wiesbaden 1962

Dass aber diese Entropie, der man bis dato immer Auflösung, Mischung, Unordnung und Expansion unterstellt hat, noch die sprachliche Bedeutung der Einkrümmung und Einkreisung sprachlich bereit hält, also das Hineindrehen in die Kehre einer neuen Form – das erst lässt sie heute und in Zukunft für die kosmologische Physik so wichtig werden.

(Verbunden mit der zeitlich-thermodynamischen Dimension samt Einkrümmung erfasst das Wort Entropie den gesammten Heidegger plus Einstein-)

Leicht gewusst ist, dass jede Sprache Ihre relativen Stärken als auch Ihre relativen Schwächen behauptet. Andererseits frage ich mich: Wo hat Deutsch Schwächen? Zumindest was die zeitliche Formodulation der Ernährung bis in die Verdauung hinein berührt, arbeitet die deutsche Grammatik als ein Verdauungs-Trakt, der so ziemlich alles elegant peristaltisch – durchführt. Das macht Ihre Fähigkeit, Potentiali-tät und Aktuali-tät (tät tät tät erätätätät) fließend in den Staudrücken und Entladungen (ung ung ung) präzise peristaltisch weiter zu schieben, ohne dass die Ursprungsworte dabei sehr verändert werden müssten.

Man schraubt oder steckt einfach ein ung – heit – keit – schaft oder – tät an und fertig ist die substantivische Laube. Oder man schraubt sie eben wieder ab und weiter geht’s.

Selbst wenn man in die Verdauung noch aufmerksamer hineinhorcht – däut da die zeitliche Dauer. Heftig. Ebenso das Gerät, das von etwas zeugt, das geraten ist. Aber gut. Wollen mal nicht übertreiben.

Dieser peristaltische Vorschub des grammatischen Deutschen, in der es seine Substantivierungs-Zelte oder: Jurten – hätte ich beinahe gesagt – auf Substantivierungs-Rast-Plätzen schnell auf und wieder abbauen kann – diese Mobilität also macht das Deutsche zu einer Steck- Klapp- und Camping-Sprache, Nomadensprache. Die Hütte einer Substantivierung ist schnell mal eben mit heit, keit, schaft, ung aufgebaut und wieder abgebaut. Das Material aber bleibt beinahe unverändert, wird handelnd samt der Wort-Tuche und Zelt-Heringe auf den Weg mitgenommen, um es an anderer Stelle erneut substantivierend wieder aufzuschlagen. Ja, deshalb lebt das Deutsche als eine „praktische“ Sprache, ein Reise-Werkzeug, technisch und deshalb nicht einfach, aber – zunächst – nicht als sonderlich elegante oder wortreich luxurierte Sprache.

Das Deutsche behilft sich mit Steck – und Klapp – Techniken: erzählen, abzählen, zuzählen, vorzählen, anzählen… (hierfür gäbe es im Lateinischen bereits drei bis vier ganz eigene Worte)

Deshalb kann man sagen: Das Deutsche entstammt einer „ziehenden“ Nomadensprache. Als eine echte Be-Wegungs-Sprache in der ZEIT. Deshalb eignet sich das Deutsche so gut zur Er-Zählung der Dialektik zwischen Statik und Dynamik. Hierin ist die deutsche Sprache ebenso transparent wie präzise und in ihrer physischen Relevanz enorm stark; eine Be-Weg-ung, die im Fluss der Zeit so in einer zeitlichen Be-Wegung substantivische Moment-Hütten aufstellt, den eigenen Werkzeugcharakter mitführt, bewegt, ja sogar vorzeigt – und diesen wieder auflösend – hier verflüssigt einlöst und handelnd verbal im wirbelnden Prozess er-zähl-bar wieder ins Ganze der fließenden Zeit integriert.

(Gegen diese originale und selbstverständliche Fähigkeit der deutschen Sprache, wirkt der ganze Derrida eigentlich von vorn herein angestrengt, schwächlich und sekundär. Derridas Versuch, Hegel zu „dekonstruieren“ blieb letztlich der Kamikaze-Angriff einer Stubenfliege gegen einen Flugzeugträger. Sicherlich deswegen auch besonders mutig.)

Als Nachteil oder gar als gefährlich gilt das leicht Schematische dieser innergrammatischen deutschen Camping-Technik, die dann auch schnell mal zum Stechschritt mutiert:

Tät. Schaft. Tät. Schaft. Ung. Tätärätätät….

Der unheimliche Vorteil aber bleibt: die originaldeutschen Trägerworte bleiben unangetastet und reichen als lebende linguale Fossile – wenn man aufmerksam hinhört – jederzeit ihre poetologischen Ur-Gene weiter. Wirklicher Wort-Reich-Tum, soll heißen: Der Luxus, für ein Ding mehrere fast gleich benennende Worte auszubilden, ist nicht Sache des Deutschen. Wortreichtum ist eine Frage von Sesshaftigkeit, eine Frage des „Zeit-Habens“. Wirklicher Wortreichtum blüht in gediegenen und verstädterten – Platz haltenden Zivilisationen. Wortwahlfreiheiten sind Sympthome der Luxurierung in stabilen und gut genährten, sophistischen Städten. In diesem Sinne kann Wortreichtum auch eine Sprache verfetten, ihr die Athletik nehmen.

Unter nomadischem Zeitdruck braucht man eine effiziente Sprache, eine dynamische, eher technische Sprache. Eine Grammatik des Campierens, des Auspackens und Wiedereinklappens und Weiterziehens, nicht so sehr des Habens und des Wohnens oder der BE-Schreibung. Zudem werden alle Worte in der nomadischen Bewegung einem hohen statistischen Auslesedruck unterworfen: Wirklich überleben können dann nur die Worte, die im nomadischen Generationenzug tatsächlich tauglich bleiben. Brauchbar. (Dürftig) Aber ohne Schnickschnack. Ohne Ballast. Also die wirklich treffenden, die wirklich guten Worte. Die unverrauschten. Die effizienten. Die stimmigen. Die deutlichen. Die Unmissverständlichen. Eben: Die deutschen Worte.

Deshalb würde ich sagen: In einem starken deutschen Wort wie zum Beispiel Gegen-wart sind ganze Bibliotheken und die Leben ganzer Nomadenzüge statistisch zu einem semantischen Diamanten hineinverdichtet. Das Original-Deutsche bietet in den Trägerworten nicht so einen hohen oder streuenden Wortreichtum; aber die Worte, die da sind, haben’s in sich.

In meiner Muttersprache leben Worte, die selbst schon Dichtung sind.

Ein anderer hoch verdichteter Diamant ist das Wort Be-Wegung oder eben Er-Zählung. In diesen Worten steckt der ganze französische Postsrukturalismus – noch bevor der überhaupt wusste, dass es ihn gibt.

Wenn man ein spezielles Ohr für diesen dringlichen Dichtungscharakter in den Worten selbst entwickelt, wird sofort klar, was im Deutschen nicht funktioniert:

Nicht funktioniert zum Beispiel der Versuch, die Ansprache im Sinngehalt von Texten, Literatur oder Prosa auf das Musikalische, also den Klang der Sprache zu übertragen.

Die Deutschen haben deshalb so bedeutende Musiker als Komponisten hervorgebracht, weil Ihre gesprochene Sprache – allein – zu genau ist, zu dicht an die Bedeutung gelehnt und auf sie angewiesen.

Im Deutschen fällt sofort auf, wenn jemand schwafelt. Oder posiert. Wenn er also redet, indes er nichts zu sagen hat. Rein musikalisch organisiertes Sprechen wirkt im Deutschen Gerät auf Dauer lächerlich. Das Deutsche Gerät verzeiht keine Gedankenlosigkeit. Das ist auch der Grund, warum deutschsprachige Dichtung und Literatur zugleich immer den Denker braucht. Die wirklich großen Schriftsteller und Dichter im Deutschen Gerät waren immer auch Denker, auch wenn sie oft falsch gedacht haben, aber sie waren Denker, oft sogar Ideologen, die etwas sagen mussten oder sagen wollten oder zu sagen hatten.

Erst dann, wenn das zu Sagende denkerisch führt, dann erst greift auch Prosodie, Lithurgie, Rhythmus, Hebung und Senkung im Deutschen. Dann kann auch das deutsche Gerät gewaltig musikalisch werden. Vorher nicht.

Was sich von Goethe eingehakt hat, sind Sinn-Verse und Sinn-Gedichte und Sinn-Zeilen. Also sprachliche Schöpfungen, die etwas zu sagen hatten und es dann gut gesagt haben, auch musikalisch. Kaum jemand merkt sich Zeilen, die obzwar musikalisch, nicht vom Sinn geführt werden.

Das seit geraumer Zeit beliebte Konzept des Dummen Dichters (der „ästhetische Dichter“ ) der zwar dumm ist, aber angeblich gut schreiben kann, oder besonders viel schreibt oder besonders schön schreibt, oder gar „automatisch“ schreibt, funktioniert im Deutschen nicht und hat keine Perspektive, ausser als kurzatmiger Lustigkeits-Mops im Dada, Neodada oder Post-Dada. Früher oder später geht diesem Mops immer die Luft aus.

Ein deutschsprachiger Schreiber, der gedanklich inaktiv ist oder nur konservativ, oder interesselos (was das selbe ist) schreibt nicht gut, oder er schreibt nichts, das von dauerhaftem Interesse ist. Bei Musikern, Malern oder bildenden Künstlern verhält sich das anders. Die dürfen denkerisch inaktiv (aber nicht interesselos) sein, und können trotzdem berührende Werke hervorbringen. Aber schon beim so genannten Gesamtkunstwerk wie dem Film, dem Theater, wird’s mit Dummheit schwierig.

Die schlechte Nachricht lautet also: Wer im Deutschen Sprach-Gerät bleibende Literatur hervorbringen möchte, muss entweder Ideologe (Philosoph) sein oder ein Chronist im Sinne von Reporter – oder er entlarvt sich als Schwafler. Goethe war Ideologe. Thomas Mann war Ideologe (und Reporter) Schiller war Ideologe. Brecht war Ideologe. Kleist war Ideologe (und Reporter) Büchner war Ideologe. Heine war Ideologe. Musil war ein Reporter (und Ideologe) Kafka war Ideologe (und Reporter) Botho Strauss ist in seinen besten Texten Reporter. Ernst Jünger war in seinen interessanten Texten auch Reporter oder Ideologe. Rainald Goetz ist Reporter. (und manchmal Ideologe) Literarische Kunst entsteht dort oder kann nur entstehen, wo etwas berichtet, also reportiert wird oder wo Gedanken am Werk sind. Dies sollte für alle Sprachen zutreffen, aber im Deutschen fällt das Vernuschelte, das Unklare oder das Schwafeln schneller auf. Und das Sophistische fällt schneller auf die Nerven.
Wer sich im Deutschen Gerät auf das bloß sprachliche Singen verlegt, ohne etwas sagen zu können, oder dabei allzu bekanntes repetiert, der wird von diesem Gerät erbarmungslos als Schwafler enttarnt.
(Auch die beliebte Ironie kann sich im Deutschen Sprachgerät, trotz Thomas Mann, nie ganz sicher fühlen. Sie muss sehr gekonnt sein, und im Hintergrund einen starken Sinn-Attraktor projezieren, um nicht als Masche auf die Nerven zu fallen. (Auf die Dauer erlebt man Heinrich Mann als große Erholung von dem manchmal allzu gekünstelten und verklemmten Ironie-Manierismus seines Bruders )

Alles nichtideologische Summen, Ästhetisieren, Stammeln, Experimentieren, Nuscheln oder Singen – funktioniert im deutschen Gerät nicht auf Dauer. Bleibt lustiger Moment-Mops. Es kann bereichern und beleben, aber der Klang war und ist nicht das tragende Element des Deutschen.

Die noch schlechtere Nachricht lautet deshalb: Auch der „nur lyrische“ oder der interesselose „Dichter“ funktioniert hier nicht. Ein Gedicht oder ein Spracherzeugnis, das im Deutschen kein „Interesse“ hat, außer an sich selbst und seiner Klang-Form – ist blau umtüteter Müll.
Als Müll empfinde ich alle reinen Ohr-Texte – auch wenn sie sich auf die Tradition des DADA hinausreden können. Selbst die bekannte Beruhigungsformel, ein „Text“ könne ja womöglich klüger als sein Autor sein, gehört zu den Betriebsfabeln der geschäftlichen Dummheit. Gute deutsche Texte werden von denkenden Autoren oder intelligenten Reportern oder Philosophen geschrieben und nicht von nichtdenkenden. Ob dabei alles im Schreibprozess selbst dem Autor immer direkt präsent ist, oder ob der Autor „korrekt denkt“ steht auf einem anderen Blatt.

Aber zurück zur Sprache:

Das Wort Gegenwart also als dicht geschliffener Semant. Das, was übrig bleibt, nach Millionen von nomadischen Kilometern, tausenden Jahren und nach all den Dringlichkeitssignalen, draußen im Flackern der nächtlichen Wachfeuer vor den Warten, Zelten, Hütten und Tieren in einem großen gemeinschaftlichen Nomadenzug: Gegen-Wart, die auf das Gegen wartet. Gewärtigsein. Im Wachen. Im Wittern. Draußen am Feuer im technischen Dringlichkeits-Hochdruck der Zeit. Die deutsche Sprache „hat“ keine Zeit. Sie muss vielmehr selbst Zeit und Verlauf bewegen. Ihre Grammatik ist der Be-Wegung und dem Be-Wegen eingedrillt, der Er-Zählung und nicht so sehr dem gediegenen Platz-Halten der zivilisatorisch steinernden Sicherungen.

Deutsch ist – obwohl man das erstmal nicht glauben würde – eine schnelle Sprache, eine athletische Sprache. Sie ist eine Ruf- Sprache des Zurufs der Impulse in der Bewegung (die Betonungen liegen zumeist auf den ersten Silben. Die ersten Impulse müssen verstanden werden: Machen. Hier lang. Dort. Essen. Trinken. Jagen. Schlafen. ) und weniger eine ausgeprägte Steinsprache des Gemeißelten, der Erlasse und Dekrete in frühen zivilisatorischen Rechtsgebilden, wie das Lateinische. „Ad tempus concessa post tempus censetur denegata“ Auch das Lateinische klingt trainiert, aber es hat keinen Gegner. Es ruht sich auf dem letzten Wort aus und wohnt hinter zivilisatorischen Befestigungen in der Behausung seines Gesamtklangs. Es glaubt, in der steinernden Ewigkeit angekommen zu sein. Das Deutsche dagegen ist Impuls, Schub auf der ersten Silbe und nomadischer Aufbruch. Los. Aufstehen. Anziehen. Einpacken. Mitkommen.

Deshalb eignet sich das Deutsche auch so gut für gebrüllte Befehle. Man muss gar nicht das ganze Wort verstanden haben. Die erste gebrüllte Silbe reicht eigentlich schon.

Die deutsche Sprache will etwas, den Aufbruch. Das Lateinische lässt verlauten, sichert ein Terrain und legt fest.

Der hier schreibt, vermutet, dass die wirklich unangenehme Widerständigkeit der Teutonen in den furchtbaren Wäldern hinter dem Limes der römischen Provinzen gegenüber den Legionären auch auf die beweglichere und praktikablere und damit etwas schnellere Funk-und Impuls-Sprache der Teutonen zurückzuführen war. Der impulsive Sprachschub im Deutschen kann schon Waffe sein. Eine Luftwaffe.

Im Deutschen also kann beinahe jedes Verb, jede handelnde Aktualität sehr schnell und unkompliziert zu einem Substantivierungs-Zelt potentialisiert aber auch wieder abgebaut und aktualisiert werden. Wenn man die Technik beherrscht. Temporäre Moment-Hütten. Die grammatische Mobilität des Deutschen bildet ihre ganze Raffinesse deshalb als Strömungssprache im nomadisch peristaltischen Schub-Zug der Grammatik aus, weniger in den Wortreichtümern oder Wort-Individualitäten, wohlklingenden Wortpalästen.
Für ein starkes deutsches Wort findet man kaum passende Synonyme: Mit welchem deutschen Synonym, das nicht gleich viel schwächer ist, kann man Gegen-Wart noch ersetzen? Oder Be-Wegung. Man findet keins.

Gegen ein Wort wie Be-Wegung oder Er-zählung wirkt der französische Poststrukturalismus sehr langwierig.

Es ist diese hoch erstaunliche, beinahe schon schmerzhafte Genauigkeit einiger Wortbildungen, die selbst eben schon anonyme Ver-Dichtungen sind – und jedes „künstlerische“ oder „lyrische“ Gezappel in Prosa oder Prosodie wie Stammeln erscheinen lassen, wenn sie sich dieser Sache nicht bewusst ist.

Ja, das hat – vordergründig betrachtet, auch etwas Hartes oder gar Primitives. Aber wer hier Primitivität vermutet, sieht eben nicht, dass diese Wortbildungen Ergebnis von Zeit und statistischem – natürlichem Zeit-Druck sind. Und nicht von künstlicher Frisur. Und ob harte Flusskiesel oder Rohdiamanten primitiv sind – darüber lässt sich streiten. Wehe – Sie werden poliert und besinnend in ein Collier eingefasst. Dann hat man es mit deutscher Philosophie zu tun.

Man darf hier auch die Frage stellen, warum im Deutschen ausgerechnet das Wort „Führer“ so ein explosives Ding wurde. Lauscht man etwas tiefer in dieses heute sehr unangenehme, fast verbotene Wort, hinein, entdeckt man sofort, dass „Führer“ nicht „Thron“ oder „Stuhl“ meint. Die Hierarchie, die im Wort „Führer“ benannt wird, gilt einer Dynamik in der Zeit, sie gilt dem Strom, dem Werden, dem Fließen, also dem Führen einer „Be-Wegung“. Wenn man mal für einen kurzen Augenblick die furchtbare Hitler-Scheiße bei Seite lässt, was sicher schwer fallen mag, fällt sofort auf, wie das in die „Führungskraft“ mit „Führungsqualität“ heutiger Stellenanzeigen eingeflossen ist und hier offenbar eine sprechende Wichtigkeit beansprucht, die Zeit meint, Dynamik meint – und nicht zwingend Vertikal-Hierarchie oder ewige Posten, Trone und Stühle.

Insofern muss man sagen, dass der „Führer“ von vorn herein ein nomadisches und damit ein auswechselbares Konzept anspricht. Ein Führer ist prinzipiell sterblich, weil ganz vorne ausgesetzt. Er hat eigentlich keinen festen Palast und bleibt der Witterung ausgesetzt.

Er gilt dem „Führen“ durch Wege und nicht dem Sitzen oder Tronen in Gründen, oder auf getürmten Stühlen, nicht auf alten Plätzen oder ewigen Gewissheiten. Ein großer Unterschied zum Lateinischen, zum Imperator.

Vielleicht handelt diese innere Grammatik auch von der Frage, warum es den Deutschen lange Zeit immer besonders schwer fiel, wirklich zivilisatorische Gesellschafts-Verhältnisse zu begründen oder gar zu akzeptieren, die echten zivilisatorischen Charakter zeigen. Bleibende zivilisatorische Übereinkünfte in Gründungen, die auf einem „platzhaltenden“ – ordnend imperialen Verständnis beruhen und weniger auf einem dynamisch nomadischen Hinein-Reichen in nomadische Weit-Reiche der Aufbrüche.

Auch die Zersplitterung und das Nichteinigwerden über lange Zeit könnte man dem impulsiven Moment der deutschen Grammatik zurechnen. Wo alle im grammatischen Schub-Zug – denken und sprechen, kann nichts so einfach einigend beruhigt werden. Wenn alle Nomaden sind, dann will jeder auch für sich ziehen.

Es wirkt schon in der deutschen Grammatik und damit eben auch im deutschen Denken ein Bewegungsdruck, der immer ein STAUDRUCK blieb und sich mit „Gründungen“ im Sinne von „Platz halten“ nie so ganz gut vertragen hat oder zufrieden gab.

Was dann immer dazu führte, dass „Die Deutschen“ – wenn sie „Platz“ wollten, zumeist nie weniger als ein weit hinaus reichendes „Reich“ meinten, das dann schnell mal auch die ganze Welt sein durfte.

Alles, was nicht in ein Reich hinaus Reicht oder nicht als Reich hinreichend projeziert werden kann, interessiert den grammatisch nomadischen Deutschen nicht.

Der Deutsche will sein Reich, und sei es nur in seiner Zwei-Zimmerwohnung.

Der Brite will sein Castel, was schon viel bescheidener und zurückhaltender klingt. Umrandeter.

Wobei in einem Reich immer schon der Verdacht hineingesprochen bleibt,
dass es wieder mal nicht ganz hin reichen könnte.

(Ganz im Gegensatz zu einem Imperium, dass sich mit der Vorsilbe Im – als einschließendes einfassendes Territorium interpretiert, als Platz haltend umrandet, während Das Reich immer als ein Experium nomadisch unruhig in das Hinaus Reichende ausstrahlt)

Unter einem Reich macht es der grammatische Deutsche nicht.
Sein Reich ist potentiell unendlich…grenzenlos und deshalb immer auch todesanfällig.

Selbst das schlimme „Volk ohne Raum“ gibt diesen gedanklichen semantischen Nachstellungen irgendwie eine fatale Stimmigkeit. Dazu passt auch, dass die Deutschen in Nordamerika neben Iren und Briten den größten Einwandererteil stellten. Beinahe wäre Deutsch die nordamerikanische Amtssprache geworden und nicht englisch.

Nach wie vor muss man auch akzeptieren, dass die dicken, fetten, berühmten und „ganz alten“ deutschen Städte wie Trier oder Kölln dann doch zumeist aus römischen Gründungen hervor wuchsen.

Während die genuin deutsche Art, Stätte zu interpretieren – auf Burgen und Festungen zurückgeht: Magdeburg, Flensburg, Hamburg, Naumburg, Brandenburg, Augsburg, Wartburg. Die Feste Burg: Gegen-Wart-Schaft. Wartburg. Graf-Schaft. Oder auf Furten, den frühen nomadischen Campingplätzen vor Grenzüberschreitungen: Frankfurt, Erfurt, Querfurt…

Schaffen. Anschaffen. Herbeischaffen. Abschaffen…ge-SCHÄFTIG bleiben. Burgschaft. Gerätschaft. Aschaffenburg. Das klingt zunächst alles nicht nach den sprachlichen Feingerüchen von zivilisatorischer Raffinesse und einem Einwohnen in gediegen ziselierter Vielfalt….

Eher nach robuster und praktischer Bevorratung für lange, kalte und harte Winter – Festungen. Burgen und Schaften. Was feiert der Deutsche? Er feiert Feste. Wenn etwas fest bleibt, stabil ist, dann freut er sich, dann hat er was geschafft – für diesen Winter. Dann hat er sein zugiges Nomadentum doch einmal in eine Feste Burg hinein verfestigt.
Dann feiert er die Feste.

So wundert es dann auch nicht, dass alle Worte, die auf lichtere oder transparentere Unterkünfte verweisen, die zwar stabiler sind als Zelte oder Hütten, aber weniger düster als feste Burgen, – aus dem römisch – lateinischen kommen. So zum Beispiel das sehr wichtige Fenster, Fenestra

Der grammatische Deutsche an sich war lange fensterlos. Duster. Zwischen den Extremen seines zugigen, wetterausgesetzten zelt- und hütten-nomadischen Daseins und seinen dick umbauten einschließenden Festen, den verfrorenen, soliden aber engschartigen Winter- und Wetter-Burgen hatte er für Fenster offenbar keinen passenden Wortbedarf. Scharten, Luken, Schlitze, Löcher vielleicht. Aber Fenster?

Das Fenster musste er als Wort und Ding aus dem Lateinischen importieren.

Und erst dieses Fenster, das ein – im übertragenden Sinne – grammatisches Wohnen in existenziell moderierter Mittellage ermöglicht. Eine grammatisch fenestre Existenz, die sich weder ganz in der Festen Burg düster verbarrikadiert noch ganz der Wetter-Zeitströmung des Ungeheuren im nomadischen Dasein aussetzt. Diese fenestre Mittel-Lage kennt der grammatische Deutsche nicht originär. Das hat er übernehmen müssen, lernend.

Das lateinische Fenestra erst entspannt die Existenz nach beiden Seiten. Erst das Fenster ermöglicht Zivilisation. Eine feine Glasscheide zwischen dem Sein und der Wirklichkeit.

Das Fenster. Vielleicht sogar die erste extern erweiterte Nachbildung einer Blut-Hirnschranke, halbdurchlässig trennend/verbindend zwischen innen und außen. Gar nicht nur im metaphorischen Sinne.

Das Fenster ermöglicht inneres Wohnen ohne gänzlich verbarrikadierten Einschluss und schützt trotzdem vor der scharfen Witterung und den meisten wilden Tieren. Das Fenster schreibt auch eine bestimmte neue Art von Gebäude vor.

Ein gutes Fenster entspannt die Lage. Es reguliert als dialektische Barriere. Ein gutes Fenster ermöglicht grammatische Diplomatie nach innen und außen – und nimmt dem Staudruck des grammatischen Deutschen etwas von seinen dynamischen Stauungen nach innen, und erlöst es auch etwas von den verbarrikadierenden und dickwandigen Festungs-Drücken gen Außen. Mit dem Fenster verschwindet die Düsternis der Burgen und Festungen aber auch das zugig Witternde der Hütten, Zelte und Verschläge.
Erst mit dem lateinischen Fenster wurde das Deutsche auch ein bisschen „gemütlich“.

Mit dem lateinischen Fenster bekommt das fensterlos grammatische Wehr- und Wucht- Deutsche mehr Transparenz und Lichtung. Und die grammatikalische lauernde Nomaden-Existenz muss nicht mehr so extrem gegen-wartend – harren – in feuernder Witterung.

Erst das Fenster verwandelt die harrende Gegenwart in ein entspannteres Präsens.

Wenn man das weiß, dann kann man ungefährdet wieder deutsch denken und deutsch sprechen und manchmal auch ein bisschen „heideggern“, sich an einem Wort wie Gegenwart oder Vergessen oder Erzählung oder Bewegung erfreuen.

Gegenwart. Welches Wort gibt die Dialektik zwischen einer dynamisch nomadischen Strömung und dem STAUDRUCK in Festen und Burgen, den Druckfesten und Seinsburgen im JETZT noch präziser und so überaus physiologisch wieder. Ich kenne kein anderes.

Aber in diesem inneren Widerstreit – in diesem Staudruck des Gegen-Wartens ihrer grammatischen Fügungen, bleibt die deutsche Sprache von der Genetik her enorm wach und vibrierend. Zeitempfindlich. Gegen-Wartend. Gefährdet. Harrend. Witternd. Hier gewogen und gewichtet. Weit reichend…

Teil 3: Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

Zum 1. Teil

Zum 2. Teil

TSWS:
Bevor wir in den Teil III unseres GESPRÄCHS einsteigen, möchte ich kurz einige Anmerkungen machen, die Sie, meinen Gesprächspartner TIM BOSON und seine Rolle betreffen….

Tim Boson:
Oh je, was kommt jetzt?

TSWS:
Tim Boson ist ein Glücksfall für mich und dieses Gespräch; er ist kein Raumfahrtspezialist, wodurch ein Expertentalk von vorneherein verhindert, fachchinesisch vermieden wird. Er war es, der die Idee hatte, für meine »NASA-STORY« die Form eines Zwiegesprächs zu wählen. Da es sich dabei um eine sehr persönliche Geschichte handelt, die zu meiner beruflichen Biographie einen beachtlichen Beitrag leistet, sind unserer beider Rollen von vorneherein zwar unterschiedlich angelegt und naturgemäß von unterschiedlichem Gewicht, aber total aufeinander angewiesen
Mein Part im Gespräch ist strikt an meiner Story orientiert und durch sie begrenzt; er verlangt Disziplin beim Inhalt und bei der Textgestaltung, konzise Darstellung der Fakten, Theorien und Ereignisse. Tim Bosons Part ist m. E. viel schwieriger. Er muss zuhören und durch seine spontanen Reaktionen dem Fluss & der Dynamik meiner Story Lebendigkeit & Spannung verleihen können. Ebenso wie Tim Boson bin ich  gewissermaßen an die »Partitur der Story« gebunden und ´Dirigent`‚ Tim Boson  aber Intendant, Produzent, Dramaturg und Souffleur in einem. Das erfordert spezielle organisatorische Talente, unverkrampfte Neugierde, vor allem breit gestreute Interessen, kontrollierte Phantasie, eine stets wache Intelligenz. Nicht zu vergessen: ein verlässliches Bauchgefühl für die jegliche Emotion beeinflussende sprachmelodische Agogik meiner Geschichte!

Tim Boson:
Genau das wollte ich aber jetzt hören, hab ich ja noch mal Glück gehabt, TSWS!

TSWS:
Der ganz persönliche Bezug meiner Story ist für Tim Boson zunächst einmal zweitrangig, muss es wohl sein …

Tim Boson:
Hallo, TSWS, das stimmt für die Systematik des Gesprächs, aber vom Inhalt her nicht so ganz…

TSWS:
… da für ihn die wahren gesellschaftlichen Aspekte der Story – ungeachtet aller Verpflichtungen zur Disziplin – ausschlaggebend sein sollten. Denn der gewaltige Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes auf die Art & Weise der bemannten Raumfahrt, abhängig von der aktuellen politischen & wirtschaftlichen Großwetterlage, erscheint zwar dominierend, Aber eigentlich ist er es nicht! Bemannte Raumfahrt ist nämlich eine uralte Utopie vornehmlich der altgriechischen Geistesgeschichte. Sie geht bis auf die Mythen Hesiods zurück und die beiden antiken Tragiker Euripides und Ovid, konkret aber auf Parmenides, den vielleicht Bedeutendsten aller Vorsokratiker.

 Ihre Biografie ´durchströmt` (so nennen Sie es ja) Tätigkeiten – als Techniker,  Theaterdramaturg, Werbe- und Wirtschaftskommunikator, Autor, Kunstkritiker, Naturphilosoph, Informations-forscher, System-Analytiker…

Tim Boson:

Allerdings haben meine Interessen bisher eine Art Borderline-Forschung (kein Syndrom) verfolgt. Die Welt direkt von der Klinge (Schneide) der Blut-Hirn-Schranke aus zu beforschen ist nicht immer ganz unkompliziert, weil Forschung sich normalerweise (vielleicht auch notwendigerweise) immer für eine Spezialität entscheiden muss. Aber auch Ihr, TSWS, sehr  sehr breit gefächertes Spektrum (Nichtgleichgewichtsthermodynamik, Mathematik, Raumfahrt, Schostakowitsch, Slevoigt, David Hume, John Maynard Keynes, Giuseppe Verdi, John von Neumann, Wagner, Bosch, William Turner, Themistokles, Schrödinger etc etc etc…) zeigt ja, dass unsere Kultur der Separierungen und Spezialisierungen nicht unbedingt für die Zukunft der Weisheit letzter Schluss zu sein hat.
Aber vor allem bin ich neugierig. Und wenn ich etwas ganz genau wissen will, dann frage ich. Am liebsten Leute, die sich wirklich gut auskennen und gehe ihnen so lange  auf die Nerven, bis sie sich zu einem Gespräch bereit erklären….

TSWS:

Na, so ganz stimmt das nicht: Schließlich haben Sie mich zu unserem Gespräch relativ höflich überredet, und dennoch spielen Sie für meinen Geschmack zu häufig die ‚Nervensäge’. Ich glaube sogar, die Ursache dafür zu ahnen. Das Thema unseres Gesprächs scheint nämlich auf wissenschaftlich-technische Spitzenleistungen in den USA, industrielle Kreativität und Effizienz und machtpolitischen Einfluss sowie deren gegenseitige Interdependenzen fokussiert. Klar, es handelt sich dabei auch um den Kern meiner Story. Und von da her versuche ich ja auch, darüber nicht nur die Experten in bemannter Raumfahrt und den Grundlagen der Thermodynamik, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit anzusprechen und zu informieren. Aber dann sollte es den Leser nicht wundern, dass Sie, Tim Boson, in unserem ständigen privaten Gedankenaustausch mit Fug & Recht auf wichtige Vorgänger Wernher von Brauns verweisen.

Tim Boson:

Und das will ich auch hier tun: So zunächst auf den russischen Lehrer Konstantin E. Ziolkowski (*1857 – 1935), dem Schöpfer der Raketengrundgleichung (1903), der auch erstmals die Idee eines Flüssigkeitsraketentriebwerk publizierte. Nicht zu vergessen den Lehrer von Brauns, den legendären Hermann J. Oberth (*1894 – †1989). Er war es, der den mathematischen Weg wies, wie wir Menschen technisch die Schwerkraft  überwinden und damit die Vision mit Initiative und Tatkraft verbinden können, um sukzessive z. B. von riesigen autonomen Raumstationen auf Erdumlaufbahnen aus ins außerplanetarische Weltall aufzubrechen. Auch er hat Physik und(!) Medizin studiert.
Ich möchte aber noch kurz etwas sagen: Mir wurde im Laufe unseres Gesprächs auch immer klarer, dass „Heimat“ – zum Beispiel unsere Erde, sich möglicherweise erst dann  selbst-gelingend im Sinne von Menschheitlichkeit herstellen kann, wenn diese Heimat durch ein externalisiertes Ziel sich formuliert oder reflektiert, das außerhalb der Heimat liegt.  Eigentlich würde man so etwas Utopie nennen, aber hier für mich würde ich es eher als einen tastenden, iterierenden, gewussten, aber unvermeidlichen, sich annähernden WEG bezeichnen. Wenn  Heimat sich also als Hafen begreift, aus dem man auslaufen kann – und nicht als Gefängnis. (Das Geheimnis von „gelingender Heimat“ scheint mir langfristig nur in einem solchen externalisierenden Reflexionsvorgang zur Verläss-lichkeit. zu liegen. Oder anders gesagt: Nur eine Heimat, die sich auch als verlassensfähige (zu – ver-lässige) Heimat reflektiert, ist erst vollständig  formuliert und verstanden. Denn für Reisende, auch wenn sie nicht vorhaben zurückzukehren, bleibt es wichtig, dass sie immer wissen, dass mit der  Heimat  „alles in Ordnung“ ist. So etwas nimmt auch die  Zurückbleibenden in der Heimat in die Pflicht. (Das mag jetzt sophisticated klingen, aber als ehemaliger DDR-Bewohner weiß ich zum Beispiel, dass viele Menschen ihre „DDR-Heimat“ einfach nicht mochten, weil sie darin eingesperrt  wurden. Das hat schließlich auch mit zum Untergang,  zur  inneren Verwahrlosung und zum moralischen wie ökonomischen Bankrott beigetragen. Eine Heimat ohne Hafen ist keine gute Heimat) Gut, das war nur  ein kurzer Einschub meinerseits, ich teile Ihre Bedenken, unser eigentliches Gesprächsthema mit allzu ausschweifenden Spekulationen über die ferne Zukunft zu sehr aus dem Blick zu verlieren.
Aber ich darf doch kurz einmal erwähnen, dass auch Sie Träger der Herrmann Oberth-Medailie in Gold sind – eine Auszeichnung, die  nur wenige Luft-und Raumfahrt-Verdiente  erhalten haben. (Eugen Sänger, Ernst Messerschmidt, der Astronaut Reinhard Furrer..) Die Urkunde dazu weist hin auf ihr Nasa-Engagement betr. ihre „fruchtbare Tätigkeit im Bereich grundlegender thermodynamischer Forschung. Hierzu ist die so genannte ‚Münchner Methode’ zur Berechnung    von Raketenmotoren vom Typ der Space-Shuttle Main Engines ebenso zu rechnen wie die ‚Alternative Mathematische Theorie von Nichtgleichgewichtsphänomenen’.“

TSWS:

Ich gebe gern zu: Auf diese Medaillie bin ich sehr stolz.
Wie machen wir jetzt weiter?
Ich für meinen Teil könnte mir vorstellen, diesen Einschub beim Übergang von Teil II zu Teil III unseres Gesprächs mit einigen Aperçus zur Idee der bemannten Raumfahrt zu ergänzen, wie sie aus der nahen Vergangenheit in Literatur und Film in prägender Erinnerung geblieben sind.

Tim Boson:

Zumal in diesem Kontext auch an einige Frauen namentlich erinnert werden sollte, so die erste Astronautin der Raumfahrtgeschichte, Friede Velten, die – nach einer Science-Fiction-Erzählung von Thea von Harbou – 1928 auf dem Mond landete. Harbous damaliger Ehemann Fritz Lang hat ihr 1929 in einem der berühmtesten Stummfilme überhaupt – „Frau im Mond“ – ein unvergessenes Denkmal gesetzt.
Dieser historische Hinweis erscheint angebracht, um sicherzustellen, dass Ihre Story einen Anteil in korrekter Proportion innerhalb der kulturellen Bedeutung der ganzen Geschichte bemannter Raumfahrt behält ‒ von den Herrschaftszeiten des Zeus und seiner Sippschaft über frühe literarische Versuche sowie die wichtigen Manifestationen der Filmkunst. Schlussendlich nicht zu vergessen die vergangenen und geplanten Missionen zum Mond bzw. Mars bis zum Wunschdenken, wie sie in besagter Vision zum Ausdruck kommt.

Vielleicht sogar raumfahrende Katzen. (Miez! Miez! Mietz!) Hier der Kater „Johnethy“ aus dem Angst-Klassiker „Alien“ (1979)  (Muss ja nicht  jede Reise so einen beschwerlichen Verlauf nehmen..wie in diesem Film. Es gibt mehr Gutes da draussen.)
*

Wie nahe solche Phantasmagorien den heutigen Vorstellungen sind, belegen Meldungen der Süddeutschen Zeitung vom 26./27. Oktober 2010 über bemannte Flüge zum Mars. Demnach empfehlen namhafte ‚Experten’, wie der ‚zweite Mann auf dem Mond Buzz Aldrin oder Joe Gavin (director, Lunar Module Program, Grumman Aerospace Corporation) sowie zahlreiche namentlich genannte Physiker, Marsmissionen als ´Reisen ohne Rückkehr zur Erde` durchzuführen. „Alle sind überzeugt, dass es an Freiwilligen für die Marsreise ohne Rückflug keinen Mangel gäbe“! Paul Davies, Kosmologe von der Arizona State University schätzt die „One-way-Version“ als die richtige Entscheidung, um die geschätzten Missionskosten von 500 Mrd. Euro auf 100 Mrd. Euro zu senken. Aber eine solche Fokussierung auf die Kosten ist dilettantisch: Ohne die Mitwirkung von humanoider Roboter, die anspruchsvolle zentrale Aufgaben an Bord und auf dem Mars weitgehend autonom bewerkstelligen, wird eine solch lange Reise nicht bewältigt werden können; immerhin bräuchten die Funksignale für die Kommunikation der „Mars-Kolonisten“ mit der Erde per E-Mail 20 Minuten für jede Wegstrecke. Solcherart hochentwickelte ‚Humanoiden’ einsetzen zu können wird dauern und sehr teuer werden. Der derzeitige Entwicklungsstand  lässt sich vielleicht aus der folgenden Abbildung erahnen. Derzeit kann er schon selbständig Kaffeekochen:

TSWS:

Ich danke Ihnen für diesen konkreten Hinweis auf die zweifellos wichtigste Utopie der Menschheit; er kam zur rechten Zeit. Bei den zukünftigen Versuchen einer solchen Realisierung geht es selbstverständlich um Männer & Frauen und mit Sicherheit auch um deren Biographien. Letztere sind es, die offenbar phantasiebegabte Menschen in ´Science-Fiction-Romanen & -Filmen` faszinieren.

Tim Boson:

Beispielhaft ist Jules Vernes frühes Werk „De la Terre à la Lune (1865) des Science-Fiction-Genres, das die ‚Mondfahrt’ der Amerikaner (bemannt) und der Russen (unbemannt) um etwa hundert Jahre vorwegnimmt. Nicht zu vergessen einen der Väter der modernen Science Fiction: Kurd Laßwitz. Sein bekanntestes ‚Raumfahrt-Buch „Auf zwei Planeten“ erschien 1897, in einer Zeit, da es noch ganz wenige Autos gab, von Flugzeugen ganz zu schweigen. Auch der Gebrauch von Telefon oder Telegraph steckte noch in den Anfängen. In einer Buchkritik aus 2002 steht der wichtige Hinweis: „Der Autor hat es fertiggebracht, mehrere Generationen junger Menschen für Technik und Raumfahrt so zu begeistern, daß sie ihr Leben entsprechend einrichteten. Werner von Braun zählt dazu, der das Buch mehrfach zitierte“. Ähnliches gilt aber auch für des Laßwitz-Schülers Hans Dominik frühe Kurzgeschichten wie „Die Reise zum Mars“ (1908).  Seine Science-Fiction-Romane ab den 1920er Jahren waren bis zu seinem „Flug in den Weltenraum“ (1939) vom damaligen Zeitgeist in Deutschland geprägt. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen meist deutsche Ingenieure oder Naturwissenschaftler, die ihre Erfindungen und Entdeckungen gegen gierige Konzerne und feindliche Nationen verteidigen müssen. Dominik gegenüber war Thea von Harbou-Lang filmisch mit der Vermarktung ihrer je zum Drehbuch herangezogenen Romane viel erfolgreicher. Und was Fritz Lang angeht: Trotz meist vernichtender zeitgenössischer Kritiken ihres Drehbuchs wurde sein berühmtester Film ´Metropolis` nach der Jahrtausendwende als erster Film überhaupt ins Weltkultur-Erbe der UNESCO aufgenommen.

TSWS:

Der Wind hatte sich damals gedreht, die ‚Gutmenschen’ hatten den ‚Mainstream’ erreicht: Frau von Harbous schlichte Sozialethik, die ihr Ex-Mann noch für den Flop von ´Metropolis` verantwortlich gemacht hatte, wird heute mit dem politischen Anspruch, „das Herz vermittle zwischen Hand und Hirn“ zitiert und oft gegenüber technischen Innovationen verteidigt.

Tim Boson:

Diese funktionelle Denkweise führt vielleicht in die Irre. Herz ist wohl als Begleitgeräusch (-und Person/in) eminent wichtig. Allerdings lässt das Zitat auch eine ganz andere Interpretation zu, die mir, und ich denke auch Ihnen, sehr zusagt: Es ist immer das „HERZ“ – das vielleicht nicht immer  zwischen Hirn und Hand vermittelt, aber es ist das „HERZ“, das Menschen wie von Braun haben müssen, um sich „ein Herz zu fassen“, für Ihre Vision in Führung zu gehen, um den Mut aufzubringen, von dem des Perikles berühmte Gefallenen-Rede so eindrucksvoll als wichtigste Prämisse für singuläre Taten handelt.

TSWS:

Diese Interpretation führt offenbar auch zum entscheidenden psychologischen Hintergrund jener Utopie einer bemannten Raumfahrt, wie sie 1968 mit dem einflussreichsten Film dieses Genres – Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey – dem Publikum eindrucksvoll als Möglichkeit in der Zukunft vorgeführt wird. „Über kaum einen anderen Film ist wohl soviel gesagt, geschrieben, diskutiert, spekuliert und debattiert worden.“ Er ist eine Art ´Weltraumoper`,  bietet aber m. E. auch ein klassisches Beispiel für Ironic Science: Technologisch gesehen ist der im Film präsentierte Stand der Technik optisch angelehnt an das im Jahr 1961 von der US Air Force begonnene »Projekt Dyna Soar X-20«. Letzteres war als Nachfolgeprojekt für die Versuche mit dem Hochgeschwindig-keitsflugzeug X-15 konzipiert.

Geplant war zuerst eine Beschleunigung des deltaförmigen 4.5 t schweren Raumgleiters mittels einer Rakete vom Typ Titan 1 bis auf fast Orbitalgeschwindigkeit. Damit sollten Wiedereintrittsversuche und die Erprobung neuer Materialien wie Molybdän für nicht-ablative Hitzeschutzschilde gemacht werden. Doch schon 1963 wurde das mit Recht als ‚Technologiegenerator ersten Ranges’ eingestufte Projekt wegen angeblich zu hoher Kosten wieder eingestellt. Zum Glück für Kubrick, der jetzt die ‚Lösung’ der technologischen Herausforderung der Öffentlichkeit mit künstlerischen Mitteln als erster dem Publikum vor Augen führen konnte. Dass es sich dabei nach wie vor weitgehend um pure Illusionen handelte, ist sicher den meisten Betrachtern zwar klar. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass gerade Kubricks ‚Odyssee’ durch seinen Einfluss auf die Sehgewohnheiten & Erwartungshaltungen der Amerikaner kurz vor der Mondlandung im Juli 1969 entscheidenden Vorschub für ganz neue Möglichkeiten der Massenpsychologie geleistet hat. Der Film-Genre-Begriff Mockumentary stammt wohl von daher; er bezeichnet einen fiktionalen Dokumentarfilm, der z. B. einen echten Dokumentarfilm parodiert. Bekanntes Beispiel ist die französische Mockumentary «Opération lune» aus 2002.

Tim Boson:

Belassen wir es dabei, es würde wieder nur Spekulationen anwärmen und uns hier möglicherweise von unserem eigentlichen Gesprächsthema zu weit weg führen.

TSWS:

Mir soll’s recht sein, zumal es unserem GESPRÄCH hier tatsächlich mehr nutzt, noch einmal kurz auf das o. a. Dyna Soar X-20 – Project zurückzukommen. Als Entwurf stammt es von Ex-Generalmajor Dr.-Ing. h. c. Walter Dornberger, dem ehemaligen militärischen Chef der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Er hat den Raumgleiter bereits vor 1945 konzipiert. Später wurde er von der US-Firma Bell mit Dornberger als ‚Supervisor’ gebaut; erste Astronauten wurden dafür bereits ausgebildet. Kurz:  Sie müssen den ‚Flieger’ einmal gesehen haben:

General Dornbergers Raumgleiter für das »Dyna-Soar«-Projekt.

Tim Boson:

Danke für diese historische Aufnahme. Wegen der immer noch latent unkalkulierbaren Gefahren beim Wiedereintritt, ohne dass die Möglichkeit einer grundlegenden technologischen Bewältigung des Wiedereintrittsproblems in Sicht wäre, sollte dieses STS-Project in fünf Jahren eingestellt werden. War auch unter diesem Gesichtspunkt die ‚Sparmaßnahme 1963’ doch ein sehr teuerer Fehler?

TSWS:

Eindeutig ja! Für die Filmkunst war sie indes ein einmaliger Triumph: Seit Stanley Kubricks Kunstwerk haben Abermillionen Menschen ‚genaue Vorstellungen’ von bemannter Raumfahrt, welche mit flugzeugartigem Orbiter bei Horizontalstart und entsprechender Landung stattfindet. Das Hyper-X Programm hat diese ‚Technik’ entscheidend beeinflusst. Weniger witzig: Innovative oder wenigstens effektive Fortschritte für Raumfahrtzwecke insbesondere im Hochtemperaturbereich des Wärmeschutzes gibt es anscheinend seit 50 Jahren nicht. Dennoch ist m. E. der pädagogische Effekt des X-Programms samt Kubrick-Film nach wie vor eminent wichtig für die Phantasien künftiger kreativer Eliten.

Tim Boson:

Gibt es dafür ernstzunehmende Belege, welche die Entwicklungsrichtung anzeigen?

TSWS:

Erstaunlicherweise ja. Und prominenter bzw. repräsentativer geht es nicht: Der ab 1973 für die deutschen Raumfahrtprogramme verantwortliche höchste Beamte Wolfgang Finke erklärte ein Jahr nach der Challenger-Katastrophe voller Optimismus: „Twenty, thirty years from now, American and Soviet manned space operations will be routine. Circling the globe within 90 minutes will be normal for them, etc.  …” In seiner weitaus interessanteren Langzeitprognose zeigt sich Dr. Finke weitaus reservierter: „There are some people today who dream that within fifty years space technology could be developed to the point that a settlement of the solar system would come into our reach. This one may believe or may not believe. I prefer not to, but this is not the point. Rather, the point is that even fifty years from now, just as today, the vast majority of all so-called space operations will, in fact, be earth-related operations. And if it ever has been true that those who govern the waves govern the world, it will be much truer that those who operate in space will dominate the Earth”. An dieser ‚imperialistischen’ Perspektive hat sich m. E. bis heute nichts geändert; eher ist aus Mangel an entscheidendem technologischen Fortschritt die Aussicht auf „eine Besiedelung des Sonnensystems“ derzeit unwahrscheinlicher geworden. Ich werde damit sicher nichts mehr zu tun haben. Aber wer weiß: Näher als die Utopie sitzt bei den Großmächten oft der Machtwahn. Finkes Ahnungen von „earth-related operations“ zur Weltraumkontrolle sind bereits Realität: Am 9. Dezember 2010 meldete die SZ: „Nach 220 Tagen [auf einer Erdumlaufbahn] im All ist die streng geheime [unbemannte] Raumfähre [X-37B] vergangene Woche erstmals wieder auf der Erde gelandet“. Die Mission von X-37B wird von Sicherheitsexperten wohl rechtens als tendenziell hochbrisant eingeschätzt; ein Einstieg in einen neuen Rüstungswettlauf im All wird bereits diskutiert: „Theresa Hitchens, Direktorin des UN-Institute for Disarmament in Genf, sagt, die zentrale Frage sei, ob man das Raumschiff X-37B als Trägerplattform für Waffen verwenden könne“. Gegenwärtig am wahrscheinlichsten ist indes, dass „das Raumschiff zur Spionage dienen und das Netz militärischer Aufklärungssatelliten ergänzen soll“.

Tim Boson:

Ich bin bis jetzt davon ausgegangen, dass die bemannte Raumfahrt mit der Beendigung der Space-Shuttle-Missionen Mitte des Jahrzehntes eine Pause einlegt.

TSWS:

So sieht es wohl auch aus. Aber die ‚Beendigung’ bezieht sich wohl vor allem auf die ‚Missionen’ und zwar vor allem auf jene, die unter dem Etikett ‚wissenschaftlich’ für teueres Geld seit Jahren gefördert wurden. Deren Erfolg über viele Jahre war insgesamt enttäuschend. In Deutschland brachten sie einige Lehrstühle für ausgemusterte Wissenschaftsastronauten, aber die große Illusion über neue Möglichkeiten der Herstellung von Werkstoffen & Medikamenten unter Weltraumbedingen blieb pure Illusion. Unter dieser ernüchternden Perspektive hatten plötzlich die US-Militärstrategen wieder alle Vorteile für sich: Sie können jetzt den Vorteil unmittelbar militärisch nutzen, der aus dem in 40 Jahren erwachsenen technologischen Vorsprung in der ‚zivilen’ Trägertechnologie resultiert. Und ich befürchte, dass sich Dr. Finkes Langzeitprognose schneller erfüllen wird, als er sie sich vorstellen konnte. Ich will hier nicht weiter spekulieren!

Tim Boson:

Es ist offenkundig doch so, dass Ihre Biographie als Hintergrund Ihrer Story auch für unser Gespräch von Einfluss und Bedeutung ist. Als die Anfrage der NASA-Mitarbeiter Sie Anfang 1983 erreichte, waren Sie fast 50 Jahre alt, verfügten offenbar über gewisse neue Erkenntnisse und Erfahrungen, die möglicherweise für die Amerikaner von erheblichem Interesse waren. Vom Ende der Story her gedacht: Muss diese Ausnahmekonstellation nicht auch für Sie gewisse Motive, gar Anreize geliefert haben, um dann wiederum – ganz unerwartet –  Ihren späteren Lebens- und Berufsweg bis heute zu beeinflussen?

TSWS:

Ich muss Ihnen zustimmen: Ohne meine Erfahrungen in den USA hätte ich vorrangig wohl nie einige beeindruckende Amerikaner in den USA, aber auch als Gastprofessoren an unserem Institut kennen gelernt, die meine ‚späte’ Entwicklung zum wissenschaftlichen Schriftsteller nachweislich beeinflusst haben. Und ich denke, auch meine Assistenten & Doktoranden & interessierten Studenten haben davon stark profitiert.

GESPRÄCH TEIL III ZWISCHEN Tim Boson & TSWS!

„Errors are the Portals of Discovery.“
– James Joyce, Ulysses –

Tim Boson:

Bei der von Ihnen geschilderten gewaltigen Dimension in Raum, Zeit und dem Einsatz intellektueller und materieller Ressourcen in

extensivem Maß für die bemannte Raumfahrt erhebt sich jetzt doch die Frage, was Sie an einem offenbar neuralgischen Punkt des STS-Projekts als einzigen Europäer ins Spiel gebracht hat? Nach Ihren bisherigen Teil II unseres Gesprächs ging es um eine Art inoffizielles ‚Hilfsersuchen’ einiger Mitarbeiter des MSFC, welches das MSFC per Vermittlung durch Dr. A. E., einem früheren deutschen Kollegen, Ihnen im Februar 1983 ankündigte. Dieser Zeitpunkt erscheint mir wichtig, weil er bereits mehrere Shuttle-Flüge der ersten SSME-Generation  betraf – beginnend mit STS-6 am 4. April 1983. Wann, wie und warum kam Ihre Mitarbeit zustande; nach welchem modus operandi wurde sie ausgeübt und letztlich abgewickelt?

TSWS:

Die Kontaktaufnahme mit A. E. machte mich neugierig; sie war unverbindlich, und so geschah zunächst gar nichts. Dann, es war wohl nach Trimesterende Anfang Juli, informierte mich A. E., dass zwei oder drei Herren der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA mich in besagter Angelegenheit besuchen würden. Das Treffen wurde für den 15. August 1983 im Institut für Thermodynamik der Bundeswehruniversität München (UniBwM) vereinbart. Das war dann am Vormittag der Fall.

Es ist nicht ganz einfach, den Gesprächsablauf einigermaßen konzise wiederzugeben, zumal ich mir die geschilderte Sachlage im Fall der NASA nie hätte vorstellen können. Wir saßen da stundenlang in einem Raum, bei Hamburger & Cola light, beginnend mit small talk. Ich sollte mir fast ganz ohne Unterlagen ein Bild über die Situation zur SSME machen, also zu einer Maschine, die sowohl mechatronisch als auch thermodynamisch in Konstruktion & Regelung wohl zu den komplexesten Maschinen der Welt gezählt werden muss. Um sich eine erste Vorstellung zu machen: Nach Zündung der SSMEs werden innerhalb von drei Sekunden 90 Prozent des maximalen Schubs aufgebaut. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt ebenfalls die Zündung der Feststofftriebwerke. Das bedeutet für das Transportsystem, dass innerhalb kürzester Zeit Temperaturunterschiede von minus 200°C (verflüssigtes LH-LOX-Gemisch) bis zu (angeblich) plus 2600°C (Verbrennungsgasgemisch) bei Brennkammerdrücken um 200 bar in Schub transformiert werden…alles, was ich hörte, war für mich nicht nachvollziehbar, und ich bat – vergeblich – um schriftlich Belege. Warum „vergeblich“?  Es ist mir erst viel später klar geworden, wie eng der tatsächliche Entscheidungsspielraum der MSFC-Verantwortlichen für Entwurf, Bau und Test der SSME im Rahmen der konkreten NASA-Missionsplanungen des STS-Project tatsächlich gewesen ist.

Tim Boson:

Über welchen Zeitraum sprechen Sie gerade?

TSWS:
Die Antwort kann sich nur auf jenen Zeitraum beziehen – d. h. zwischen 1975 und 1986 –  in welchem jede Shuttle-Mission hauptsächlich durch die potentiell desolate Situation bei den SSMEs aktuell gefährdet schien. Man kann diese eher vage klingende Zustandsbeschreibung immerhin noch durch den Hinweis spezifizieren, dass die Risiken eines Schadens mit schlimmen Folgen von den NASA-Ingenieuren völlig anders eingeschätzt wurden als vom NASA-Management. Die Schätzungen evtl. Verluste von Raumfähren & Menschen lagen grob zwischen 1 in 100 (Starts) beim technischen Personal und zwischen 1 in 100.000 beim Management!  Was die Gründe für solche ‚Erwartungen’ waren, darüber wollten meine Gesprächspartner in punkto thermodynamische Grundlagen Etwas von mir erfahren. Das klingt nun nebulös und schwammig. Tatsächlich ging es aber insofern schnell zur Sache, als klar wurde, dass man von mir tragfähige Antworten auf Fragen erwartete, die sich konkret in zwei Publikationen von Mr. P. R. J. stellten:

(1)   ›Entropiemaximierung für Gleichgewichtsprozesse unter Bezug auf Verbrennungsphänomene in Raketenmotoren.‹ Techn. Memorandum. Lockheed Missiles & Space Comp. Huntsville, Al. Oktober 1969.

(2)   Untersuchung von Gleichgewichtskonzepten – Final Report: NASA-Contract 8-34946-MSFC with Continuum Inc. Huntsville, Al. Oktober 1982.

Tim Boson:

Haben Sie sich eigentlich die o. a. monströsen Wahrscheinlichkeitswerte aus den Fingern gezogen? Und im Übrigen: Die Publikationsdaten beider Reports lassen keinen unmittelbaren Bezug auf den von Ihnen angegebenen Zeitraum erkennen. Braucht es dafür eine plausible Erklärung?

TSWS:

…. aus den Fingern gezogen? Keineswegs: Es gibt NASA-Studien, basierend auf Interviews mit dem Management & den Ingenieuren am MSFC und Interviews mit Ingenieuren der Rocketdyne. NASA-Offizielle sind flexibel; oft reden sie sich den hohen Grad von Missionserfolgen einfach zu Recht, manchmal ‚wissenschaftlich’ aus der Differenz der unterschiedlichen Philosophien für Raumfahrtprogramme bemannter & unbemannter Missionen, d. h. „Numerical probability usage vs. engineering judgement.“ Um hier einmal eine Quelle zu nennen: Das Zitat findet man in »Space Shuttle Data for Planetary Mission RTG Safety Analysis, NASA JSC, February 15, 1985«.

Im Übrigen treffen Sie mit Ihrer zweiten Frage des Pudels Kern – buchstäblich! Erst als ich erkennen ließ, dass ich bei den kargen Informationen keine Möglichkeit sähe, etwas zu ihren Problemen zu sagen, rückten die Herren mit einer Geschichte heraus, die – wie sich erst im Jahr darauf herausstellte – immer noch ziemlich unvollständig, indes abenteuerlich genug war.

Tim Boson:

Das überrascht mich eigentlich nicht. Schließlich klingt es wenig wahrscheinlich, dass ausgerechnet die NASA allein wegen einer STS-relevanten thermodynamischen Grundsatzfrage ihre Leute nach München schickt, um einen deutschen Professor zu konsultieren. Gibt es ein Geheimnis, eine Verschwörungstheorie?

TSWS:

Die nackten Tatsachen, die relevant sind, lassen sich in aller Kürze zusammenfassen. Das ist auch der Sache angemessen, da ich im Detail nie erfahren habe, warum zwischen den ›Fachinformationen (technical briefs 1969)‹ der Lockheed Missiles & Space Company und deren ›Abschlussprüfung (final report 1982)‹ durch die Continuum Inc. ebenfalls Huntsville, Ala. eine zeitliche Lücke von 12 Jahren klafft. Ergo:

(1) Im Oktober 1969 lag das Lockheed-Gutachten von Mr. P. R. J. der MSFC-Führungscrew vor.

(2) Ab 1970 verließ W. von Braun nach zehnjähriger Tätigkeit das MSFC, um für zwei Jahre an der NASA-Zentrale in Washington D. C. die Stelle als stellvertretender Direktor anzutreten.

(3) Am 14. August 1972 wurde der endgültige Vertrag mit der Firma Rocketdyne über den Bau und die Erprobung der SSME unterzeichnet; er hatte eine Laufzeit von 40 Monaten und einen Wert von über 200 Mio. USD. Verbunden war das Ganze auch damit, dass die NASA „zur Überwachung und Steuerung des Entwicklungs- und Herstellungsprozesses der SSME die ›Design Verification Specification (DVS)‹ etablierte – verknüpft mit Design-Überprüfungen, Triebwerktests & formalen Darstellungen“ (http://www.mainengine.de/ssme/ssme_entwicklg.html).

(4) Ab 1974 begannen Brenntests der Triebwerkskomponenten und ganzer Triebwerke, z. B. am Stennis Space Center, Mississippi in der Nähe von St. Louis am  in der Nähe von St. Louis.

SSME-Test on A-1 in Stennis Space Center • The STS-1 Crew (Commander John W. Young & Pilot Robert L. Crippen) 810412

(5) Der wichtigste Kontrollpunkt der DVS war selbstverständlich der Erstflug des Space Shuttles. Dazu war die rechtzeitige Verfügbarkeit von komplett ausgetesteten Main Engines Voraussetzung. Die erste SSME wurde am 25. März 1975 an die NASA ausgeliefert. Weitere folgten, und sechs Jahre später erfolgte der Erstflug.

In summa: Dreizehn Jahre nach Beginn der Entwicklungsarbeiten fand der Erstflug der neu entwickelten Haupttriebwerke der US-Raumfähren am 12. April 1981, 7 Uhr Ortszeit statt. Anlass war der erste Weltraumflug der Raumfähre Columbia; sie startete vom ›Kennedy-Raumflug-Zentrum in Cape Canaveral, Florida‹ aus – mit den Astronauten John Young und Robert Crippen an Bord.

Tim Boson:

Die fünf Meilensteine markieren eine Zeitspanne, innerhalb der die beiden o. a. in Rede stehenden Gutachten von Mr. P. R. J. –  letztlich der Auslöser unseres gesprächs  –  der NASA vorlagen.

Aber nicht nur das: Die NASA-Abordnung besuchte Sie drei Jahre nach Ablauf der Zeitspanne, also nachdem bereits erste Weltraum-Missionen erfolgt waren. Wieso waren da diese Gutachten überhaupt noch relevant? Das kann doch kein Zufall sein?

TSWS:

Natürlich nicht. Um das folgende Gedächtnisprotokoll zu verstehen, sollte man alle fünf objektiven Items des o. a. ‚Milestone-Schedule’ um das Datum eines eher ‚local event’ ergänzen. Von Brauns Nachfolger als zweiter Zentrumsdirektor wurde Dr. Eberhard Rees (*1908 ‒ † 1998), einer der eng-ster Mitarbeiter aus Peenemünder Tagen. Ein anderer Mitarbeiter & Biograph Wernher von Brauns, Dr. Ernst Stuhlinger, äußerte sich lt. dem MSFC-History Office zur Zusammenarbeit der Beiden in den Jahren der Apollo-Ära wie folgt: „Wernher and Eberhard were a great team. Wernher was the outgoing one. Eberhard the practical one … Eberhard retired in 1973″. Trotz dieser geringen Amtszeit hinterließ Rees unübersehbare Spuren: Er initiierte das später als Hubble-Weltraumteleskop bekannt gewordene astronomische Wunderwerk, dann die erste Raumstation der Amerikaner, Skylab, außerdem das Mondauto LRV und – last but not least – den Umbau des MSFC vom bis dato Mekka der Raketenschmieden zum Wissenschaftszentrum. Diese beeindruckenden Fakten deuten bereits darauf hin, dass sich spätestens ab 1973 am MFC der Wind gedreht hatte. Neue Ziele winkten am MSFC, und das STS-Projekt lief in der Großindustrie entsprechend den vertraglich vereinbarten Abmachungen sowie nach den Spielregeln, wie sie in der ›Design Verification Specification (DVS)‹ der NASA kodifiziert waren.

Nachdem 1974 die umfangreichen Testprogramme der SSME und ihrer Komponenten anliefen, traten bald und erwartungsgemäß beträchtliche Probleme auf. Sie resultierten einerseits aus den SSME-Problemen selbst, andererseits aber auch infolge von Schwierigkeiten mit den (meist aus früheren Raketenversuchen herrührenden) alten Versuchsständen. Der Erstlauf eines SSMEs fand im Oktober 1975 statt. Während der Erprobung kam es zu zahlreichen Komplikationen. Bei einem Test explodierte sogar ein Triebwerk und zerstörte den Teststand.

Tim Boson:

So traurig es ist, aber deshalb flogen die Herren doch nicht nach München! Vielleicht berichten Sie unseren Lesern einfach die für den Besuch maßgebliche Faktenlage, wie sie Ihnen vorgetragen wurde – unabhängig davon, inwieweit sie damals zutraf oder auch nicht.

TSWS:

Ihre Ungeduld verstehe ich, dennoch kann & will ich ihr aber noch nicht folgen, weil die Gefahr nicht auszuschließen ist, dass ein total falscher Eindruck entsteht. Ich will dafür einen Kronzeugen aufrufen, dessen Kompetenz & Prominenz wohl nicht zu toppen sein dürfte: den weltberühmten US-Physiker Richard P. Feynman, Nobelpreisträger 1965 für Quanten-Elektrodynamik. Er spielte noch kurz vor seinem Tod eine herausragende Rolle in der ›Presidential Rogers Commission‹, welche das Challenger-Disaster untersuchte….

Tim Boson: Das müssen wir kurz einschieben: Das Challenger-Desaster hatte technisch nichts mit den SSME zu tun, sondern mit den Feststoffboostern,  aber Sie wollen hier auf etwas grundsätzliches hinaus.  Bitte fahren Sie fort:

TSWS:

Ja… Feynman kam zum Schluss, dass das NASA -Management die Zuverlässigkeit der STS-Technologie völlig falsch eingeschätzt hatte. Er verwendete den vernichtenden Ausdruck „phantastically unrealistic“. Im Anhang zum Abschlussbericht der nach Präsident Nixons Außenminister William Pierce Rogers benannten US-Untersuchungskommission wiederholte er eindringlich seine oft geäußerte Warnung: „For a successful technology, reality must take precedence over public relations, for nature cannot be fooled.“[

Feynman liefert aber auch einen grundlegenden Ansatz zur Sicherheitsproblematik bei Hochgeschwindigkeitsflugsystemen. In seinem Aufsatz „Personal observation on the reliability of the Shuttle” diskutiert er zwei unterschiedliche Arten des Designs von zivilen & militärischen Flugsystemen – bemannt oder unbemannt. Für Flugtriebwerke von Kampfbombern oder Passagierflugzeugen z. B. der AIRBUS S.A.S. gilt nach Feynman: „The usual way that such engines are designed may be called the component system, or ´bottom-up design`.” Aber er dachte weiter, an prinzipiell andere Optionen des Design, an die Alternative zum ´bottom-up design`, ergo dem ´top-down design`, „we might say“. Aber er nannte dafür keine vertrauten Beispiele, dafür beging er einen Kardinalfehler, der beinahe seine ganze Untersuchung, vor allem seine harsche Kritik an den NASA-Managern hinfällig machte: Die SSME ist für ihn ein neues Aggregat, d. h. ohne erprobte Vorläufer, und er erklärt es unumwunden, indes total unbegründet zu einem Paradebeispiel für ´top-down design`!

Aus dieser ‚freien Erfindung’ wird schlagartig der Stellenwert der Gutachten von Mr. P. R. J. festgelegt. Sie sollten dazu dienen, wenigstens für die SSME ´top-down design` auf eine verlässliche physikalische Grundlage zu stellen. Darin lag objektiv ihre wahre Bedeutung! Die Gutachten beziehen sich aber auf eine ´Glockendüsen` -Technologie. Für die ´Aerospike-Nozzle`, die keineswegs eine neue Entwicklung war (s. o.) gelten sie aus geometrischphysikalischen Gründen nicht, ein Sachverhalt, der ganz im Sinn von Feynmans Aufsatz erklären würde, warum Wernher von Braun diese anspruchsvolle Technologie vom SSME-Design-Competition kategorisch ausschloss.

Tim Boson:

Beeindruckend. Aber es ist vielleicht hier angebracht, dem Leser griffige Beispiele aus dem täglichen Umfeld zu nennen, die er mit ´bottom-up design` bzw. ´top-down design` konkret in Verbindung bringen kann. Dabei ist es sicher einfacher, hier negative Beispiele zu finden.  So denke ich, aus einem normalen PKW einen innovativen Rennwagen zu entwickeln, ist sicher kein seriöses Beispiel für eine der beiden Optionen, denn das wäre von vorneherein eine technisch und wirtschaftlich unsinnige Aufgabe. Schon gar nicht lässt sich ‚pimp up’ im Sinn von ‚Etwas aufmotzen’ mit ´bottom-up design` zumindest für komplexe technische Aggregate der Industrie in Verbindung bringen. Auch Beispiele für die Alternativoption ´top-down design` darf man sich in der Industrie nicht zu simple vorstellen. Niemand wird aus einer nicht geprüften Innovation oder von einer so genannten Konzeptstudie aus ‚hinunter’ in ein funktionierendes sicheres Aggregat Millionen auf Verdacht hin investieren. Eine These, wonach man sich im Zweifel für die Erfahrung entscheidet und gegen die noch ‚unerfahrene’ Innovation, wäre nicht nur fahrlässig, sondern auch grottenfalsch: Diese Alternative ist irreal, in der Praxis existiert sie nicht.

Zusammengefasst: Wir kommen nicht umhin, die Funktion und Problematik des Zwillings ´bottom-up design` und ´top-down design` sorgfältiger darzulegen. Das ist Feynmans Botschaft; sie bedeutet wohl die Notwendigkeit, die Unterschiede im Design zwischen (1) bottom-up und (2) top-down signifikant zu untermauern: Ich könnte mir vorstellen, dass für (1) i. a. die dokumentierte Komplexitiät je der Vorgängermodelle die technologischheuristische Basis für das Nachfolgemodell bildet. Für (2) wäre dagegen nur eine adäquate und gut begründete physiko-chemische Theorie – die ´top-down IDEE` – als konzeptionelle Basis zulässig, weil einzig sinnvoll, oder

TSWS:

Dem kann ich nur zustimmen. Wir werden uns im Fortgang unseres GESPRÄCHS also mit Design im ´bottom-up mode` bzw. ´top-down mode` eingehender befassen, zumal uns da eine m. E. dicke Überraschung erwartet. Allerdings sollten gleich die Gewichte richtig verteilt werden: Design im ´top-down mode` lässt sich bei ‚defensiver Definition’ nur sehr selten realisieren. Raketenmotoren & Staustrahlantriebe sind die großen Ausnahmen. Für beide lässt sich in aller Regel je ein idealer Vergleichsprozess konstruieren. Aber bevor wir darauf zurückkommen, sollte ich doch Ihrem o. a. Vorschlag folgen, nämlich die Fakten, welche die Gutachten von Mr. P. R. J. betreffen, jetzt endlich so auf den Tisch zu legen, wie sie mir von der MSFC-Abordnung dargelegt wurden. Aber leider ist das unmöglich, weil der Leser diese ‚Fakten’ nicht verstehen kann, weil ich sie damals in ihrer ganzen Fülle auch nicht verstehen sollte. Ich bin mir inzwischen sogar ziemlich sicher, dass die MSFC-Herren sie selbst nicht stimmig in Einklang bringen konnten. Deshalb kann ich diese ‚Fakten’ nur ‚umständehalber’ vortragen.

Das Lockheed-Gutachten (LFAR) lag dem MSFC im Oktober 1969 vor. Es hatte seine Ursache letztlich in den Erfahrungen mit dem J-2 (-Oberstufen-Triebwerk) der Mondrakete SATURN V.

SATURN V – S-IC_engines_and_Von_Braun

Bis zur SSME war es einst das größte mit flüssigem Wasserstoff betriebene Triebwerk der USA. Die Vehemenz, mit der – wie erwähnt –  Dr. von Braun im SSME-Design-Wettbewerb die Aerospike-Düse diskriminierte und zwar gegenüber der konkurrierenden Glockendüse, wie sie auch in der J-2 Verwendung fand, lässt vermuten, dass er das Lockheed-Gutachten kannte. Dr. Sanford Gordon, einer der Autoren des NASA-Lewis-Code SP 273, Interim Revision, March 1976 (Computer Program for Calculation of Complex Chemical Equilibrium Compositions, Rocket Performance, Incident & Reflected Shocks, and Chapman-Jouguet Detonations), teilte diese Auffassung. Am Rand der Huntsville-Conference, February 1985, an der auch Dr. Gordon teilnahm und auf der es um beide Gutachten sowie um die Prinzipien der von mir entwickelten MÜNCHNER METHODE (MM) ging, äußerte er die Vermutung, dass von Braun sogar das LFAR veranlasst hätte.

Tim Boson:

Ist denn eigentlich etwas Anderes vorstellbar – realiter?

TSWS:

Eigentlich nicht. Einerseits war Dr. von Braun als Center Director – trotz der bevorstehenden Mondmission – bereits von 1968 an stark in den Vorbereitungen des STS-Project involviert. Andererseits kannte er die eminenten spezifischen Probleme der J-2 genau, so dass es undenkbar erscheint, dass die Vergabe des Gutachtens für das MSFC ohne sein Wissen und seine Einwilligung erfolgt ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Projektphase A (jedenfalls ab 23 Januar 1969!) Lockheed auch offiziell für ›Machbarkeitsstudien‹ ein tatsächlicher Mitbewerber, später ein potentieller Konkurrent der anderen Raumfahrtfirmen war. Schaut man indes genauer hin, so läuft alles auf einen eindeutigen Schluss hinaus. Schon im August 1969 – also noch in der Ausarbeitungsphase des LFAR – legte von Braun den „Raketenherstellern des Landes“ einen von ihm auch persönlich geprägten umfangreichen Fragenkatalog vor. Wohl nicht zufällig sprach er darin „Unzulänglichkeiten des Aerospike-Triebwerks von ROCKETDYNE an, das Probleme mit verzögerter Zündung, Instabilitäten des Verbrennungsprozesses“, etc. hatte. Dann, kaum lag dem MSFC das LFAR vor, fiel der Hammer: „Als einziges klar vorgegebenes Designmerkmal wählten die NASA-Shuttle-Manager im Oktober 1969 die Schubdüse aus, die glockenförmig sein sollte, da man damit große Erfahrung gesammelt hatte“ (‹http://www.mainengine.de/ssme/ssme_entwicklg.html› vom 2. September 2007). Diese Begründung erscheint zwar eher als reaktionär denn als fortschrittlich, zumindest als fantasielos. Dennoch ist sie sicher nicht mit jener von Richard Feynman angeprangerten Irrationalität behaftet, die er, der Theoretische Physiker, den verantwortlichen NASA-Manager anlastete. Dann aber muss man seriöserweise konstatieren, dass Dr. von Braun und seine Kollegen in Anbetracht des tatsächlich oder angeblichen Zeitdrucks und unter Bezug auf die erstaunlich vielversprechenden Prognosen des LFAR kaum eine andere Wahl hatten, als alternativlos auf die ‚Glockendüse’ zu setzen.

Tim Boson:

Zugegeben, das ist sehr treffend. Aber solange sich das MSFC auf das Gespür ihres Direktors verlassen konnte – und beim Mond-Projekt funktionierte das ja perfekt – konnte das zuständige MSFC-Management Verantwortung tragen … für das STS-Projekt. Was aber geschah, musste geschehen, als von Braun einige Monate später für neue Aufgaben in die NASA-Zentrale abkommandiert wurde?

TSWS:

Schlimm genug die Situation, wie Sie sie treffend schildern. Aber noch nicht schlimm genug! Es ist ja nicht nur der Abgang des ‚Kapitäns’, von dem man letztlich erwartet, die Verantwortung zu bündeln und gegebenenfalls allein zu tragen. Es ist vor allem die Tatsache, dass bei von Brauns ‚Abgang’ kein Mensch wusste, ob die verheißungsvollen Prognosen des Lockheed-Gutachtens überhaupt stimmen, wissenschaftlich korrekt sind. Bevor Sie mich danach fragen, sage ich Ihnen gleich, dass von Brauns Nachfolger, der neue ‚Kapitän’ – soweit ich weiß  –  zur Aufklärung dieser (für alle ‚Eingeweihten) quälenden Unsicherheit nichts tat. Nach drei Jahren ging er in den verdienten Ruhestand (s. o.).

Tim Boson:

Puh… Das waren jetzt doch eine Menge Fakten: Ich möchte dazu jetzt noch einmal rekonstruieren. Auch für mich selbst, weil es so dicht ist: Wir haben es mit einem komplexen Entwicklungsprozess zu tun, der sich zugleich in einem komplexen technologischen Feld abspielt. Ich muss also immer mit bedenken, dass in einem solchen Prozess stets auch Terminkalender, Schedules eine Rolle spielen, die neben den technischen Sachlagen auch einen gewissen Termindruck mit verursachen. Ebenso wie auch finanziellen Druck, weil auch große Budgets nicht unbegrenzte Budgets sind. Dazu kommt die Frage der Sicherheit. Und ein Chef oder ein Abteilungsleiter oder ein Direktor muss in dieser Situation immer sowohl die Sachlage, die Zeitlage als auch die finanzielle Lage gegeneinander abwägen, und dann Entscheidungen treffen, die dafür sorgen, dass der Hase weiterläuft. Aber diese Entscheidungen können nicht immer so beschaffen sein, dass Alle zufrieden sind. Deshalb wohl ist dann die Entscheidung für die Glockendüse gefallen…. Jetzt aber die Frage:  Wie kam es ihrer Meinung nach dazu, dass das Lockheed-Gutachten solche relativ kühlen Temperaturen in der SSME avisierte. Ein Rechenfehler?

TSWS:

Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass bei den vielen (für Sie und den Leser oft) unbekannten Namen & Fakten sowie den teilweise komplizierten technischen Zusammenhängen das Bedürfnis einer ‚Atem- & ….pause’ besteht. Weiterhin ist es für die Harmonie zwischen uns und unseren Lesern durchaus zuträglich, dass Sie mit untrüglichem Gespür den Arbeitsalltag der Vorgesetzten jedes heutigen Angestellten in Großkonzernen und Investmentbanken beschreiben. Aus meiner Erfahrung kann ich ihn auch für Bundesministerien, Großforschungsanstalten & Universitäten bestätigen. Warum sollte es in den sehr bürokratisch arbeitenden Einrichtungen der NASA anders sein. Soweit Alles schön und gut! Was aber völlig missraten ist, muss auch gesagt sein: Aus Ihrer Allerweltsanalyse zu schließen, dass „die Entscheidung für die Glockendüse“ deshalb gefallen sei, weil halt „Entscheidungen nicht immer so beschaffen sein können, dass Alle zufrieden sind“, ist einfach absurd. Deshalb kann und will ich Ihnen jetzt & hier Ihre zwei abschließenden Fragen nicht beantworten, denn dann müssten wir sofort auf das LFAR im Detail eingehen, ohne die Problematik des zweiten Gutachtens (CG) noch nicht einmal zu kennen. Ich werde also da fortfahren, wo Sie mich mit Ihrem Puh … unterbrochen haben.

Von Braun hatte nun Zeit, über die wirklich wichtigen Items der bemannten Raumfahrt nachzudenken. In den vielen Biographien über ihn kursieren sehr unterschiedliche Angaben, warum & wozu er 1970 nach Washington, D. C. wechselte. In den Mitteilungen des ´MSFC History Office` heißt es dazu lapidar: „In 1970, NASA leadership asked von Braun to move to Washington, D.C., to head up the strategic planning effort for the agency”. Was unterscheidet wohl einen eingefleischten Bürokraten von einem waschechten Visionär auf diesem Posten. Die Antwort lässt sich belegen: Bereits im NASA-Headquarter in Amt & Würden, erklärte er 1971 im Kennedy Space Center, Cape Kennedy: „Die Raumfähre ist zwar sehr nützlich für erdgebundene Anwendungen, aber sie ist auch die Basis für alles, was wir später an bemannten Flügen im ferneren Weltraum machen werden“; vgl. Der SPIEGEL Nr. 7/1971/S. 141. Der „fernere Weltraum“ – das ist eine Vision – vielleicht aus den Jugendjahren seiner Lektüre von Kurd Laßwitz’ Büchern! Selbst, wenn von Braun in seinem Optimismus – gemessen an seiner Prognose über „Forschungsstationen auf dem Mond im Jahr 2000“ – daneben lag.

Tim Boson:

Was waren Ihrer Meinung nach in den ersten vier Jahren nach von Brauns Abschied vom MSFC die Gründe für die wachsende Unsicherheit und Unzufriedenheit derjenigen Mitarbeiter des MSFC, die von Brauns Vorstellungen gut kannten und teilten? Selbst falls Sie für eine Antwort eine gehörige Portion Kaffeesatz lesen müssen.., es muss am MSFC eine solche Stimmung gegeben haben, sonst säßen wir nicht hier. In Frage käme eigentlich nur die Gruppe (‚Branch’ – oder ein Teil davon) vorrangig solcher MSFC-Experten, welche den Entwurf und Bau der Raketenmotoren von ROCKETDYNE während der Abschlussphase des SSME-Wettbewerbs zu begleiten und zu bewerten hatten. Und die auch über …

TSWS:

.. gehörigen Einfluss verfügten – wie sonst wäre zum Thema ‚Korrektur des Nasa Lewis Code‘ die Konferenz 1985 möglich gewesen?

Ich habe mir Ihre Frage in 1991 nach dem Ende meines NASA-Engagements auch gestellt. Aber vergeblich. Antworten aus den USA gibt es zwar deren viele, aber sie sind in aller Regel der berüchtigten »Political Correctness« geschuldet – angeblich wegen der nationalen Sicherheit. Mein amerikanischer Freund G.K. hatte erst mit dem zweiten Gutachten von Mr. P. R. J. von Mitte Oktober 1982 zu tun, wusste also nichts Verbindliches über die früheren Zeitabschnitte zu berichten. Erst viel später als ich Feynmans Shuttle-Analysen kennenlernte und ihre Ergebnisse an den realen Gegebenheiten der Münchner Motorenunion (MTU) dank meiner jahrzehntelangen Freundschaft mit dem früheren Technischen Geschäftführer der MTU reflektieren konnte, fiel der Groschen. Vor allem, als mir jetzt – fast 20 Jahre nach der Betreuung von Stefan Dirmeiers Dissertation – die großen systemischen Qualitäten der Münchner Methode, d. h. der ›Thermofluiddynamik des idealen Vergleichsprozesses für Raketenmotoren & Staustrahlantriebe mit & ohne Kühlung‹ noch klarer geworden sind.

Tim Boson:

Ich weiß, dass der zuletzt angesprochene Grund auf die Generalüberschrift unseres GESPRÄCHS abzielt, auf «Entropie als Kreativpotential», und wir ihn deshalb jetzt nicht weiter vertiefen sollten. Aber einige Bemerkungen zu „Feynmans Shuttle-Analysen“ im Zusammenhang mit dem LFAR würde ich mir schon wünschen.

TSWS:

Die zwei von Feynman angesprochenen Optionen, komplexe Maschinen zu entwerfen, weiter zu entwickeln und schließlich zu bauen, erfasst er durch die zwei Begriffe (1) ´bottom-up design` und (2) ´top-down design`. Damit erreicht er eine griffige Systematik, aber zunächst nicht mehr. Denn die Begriffe eröffnen zunächst nur ein ‚Sprachspiel’, das sich formal in zwei Optionen anbietet. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Im Fall (1): Ausgehend vom Konkreten mit dem Ziel im Abstrakten und im Fall (2): Ausgehend vom Abstrakten mit dem Ziel im Konkreten.
Es wundert nicht, dass sich dieses ‚Paar’ (1) und (2) von der Managementtheorie über die kognitive Psychologie bis zur Nanotechnik anwenden lässt.

Im industriellen Maschinenbau bedeutet das Prinzip – vereinfacht ausgedrückt, aber praxisnah:

(1) steht für einen verfügbaren, bewährten Fundus an Technologie in Form einer erfolgreichen, entwicklungsfähigen Maschine sowie bewährter Teams und

(2) steht für eine Idee. Sie muss wirtschaftlich (oder eben auch militärisch) interessant sein, sollte in einer Konzeptstudie vorliegen. Manchmal ist es ausreichend, wenn es gelingt, die ´Idee` verbal, graphisch, etc. zu präsentieren und einschlägigen Prüfungen zugänglich zu machen. Besser noch, falls sie, was den Kern der Idee betrifft, mittels simpler mathematischer Modelle & statistisch unterlegter Risikofaktoren quantifiziert werden kann, sofern die einschlägigen Experten zur Verfügung stehen.

Tim Boson:

Das klingt vielversprechend, aber ziemlich abstrakt. Wie verhält es sich mit diesem Prinzip in der Praxis, z. B. bei den von Ihnen erwähnten ›luftatmenden Flugtriebwerken‹ der MTU?

TSWS:

Danke Tim, dass Sie mich danach fragen. Ohne auf Details einzugehen, können Sie davon ausgehen, dass die MTU nach dem o. a. Muster verfährt: Item (1) ist die Regel und Item (2) die Ausnahme. Warum? Item (1) wird ‚infinitesimal’ gehandhabt, d. h. ein verbessertes Flugtriebwerk wird an Schwachstellen korrigiert und/oder in der Funktion verbessert (neue Materialien, geringerer Verbrauch, höhere Sicherheit, veränderte Avionik, etc.). Der entscheidende Vorteil: Risiken sind gewöhnlich beherrschbar und Korrekturen sind meist ‚local’; die resultierenden Kosten halten sich in kalkulierbaren Grenzen. Der Fall von Item (2) kommt auch bei der MTU vor, aber selten. Eigentlich nur dann, wenn ein neues Produkt entwickelt werden muss, in dem Sinn, dass bei der Firma keine direkt verwertbaren Vorbilder existieren. Diese Einschränkung kann sich auf die Technologie selber, aber auch auf extreme Betriebsbedingungen beziehen – besonders aber auf Kundenwünsche! Für diesen Fall der ‚top down’- Option, hat Richard Feynman klar ausgedrückt, was Sache ist, ergo was die Risiken sind:

A further disadvantage of the top-down method is that, if an understanding of a fault is obtained, simple fix, such as a new shape for the turbine housing, may be impossible to implement without a redesign of the entire engine.

So korrekt dieses Statement sein mag, so problematisch ist dagegen Feynmans Behauptung:

The Space Shuttle Main Engine was handled in a different manner, top down, we might say. The engine was designed and put together all at once with relatively little detailed preliminary study of the material and components.

Wie kommt Feynman zu dieser Behauptung?

Tim Boson:

Au weija… wie soll die „top-down method“ erfolgreich funktionieren, wenn der Chef abgelöst wird?
TSWS:

Das ist für beide Optionen gleichermaßen problematisch. Ein Grund, warum das LFAR über fünf Jahre hinweg nie nachweislich überprüft und zur Debatte stand, war sicher, dass am MSFC niemand von der Statur von Brauns zur Verfügung stand, der im Prinzip alle für beide Optionen erforderlichen Qualitäten in sich vereinte. Damit meine ich (i) fachliche Breite, (ii) kompromisslose Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Headquarter-Management der NASA und dem MSFC-Team, aber auch im Konflikt mit den Ingenieuren und Managern der Kontraktfirmen und besonders (iii) den Mut, die beispielsweise für eine erfolgreiche „top-down method“ typische „top-down technology“ zu entwickeln und durchzusetzen. Die Entwicklung der Mondrakete wäre dafür m. E. ein Beispiel.

Reicht aber die Abberufung von Brauns aus zur Erklärung, warum sich die Lage des ‚kopflosen MSFC’ in jenen Jahren wirklich als so fatal erwies? Ich denke nein. Denn von entscheidender Bedeutung ist die Tatsache, dass die moderne Trägerraketentechnologie eine deutsche Entwicklung war, die im Dritten Reich ab 1936 entstand und in den USA (aber auch in der UdSSR) mit der SATURN V ihren Höhepunkt erreichte. Maßgeblich für ihren Erfolg war die ‚Philosophie’ Oberths und von Brauns Führungskraft & Mut. Sie lässt sich durch ein Zitat auf den Punkt bringen:

Wesentlichen Anteil hatte die konsequente Anwendung der sogenannten Systemtechnik. Darunter verstehen die Ingenieure den Gesamtprozess, der alle Ingenieurdisziplinen, Arbeitsbereiche und Verwaltungsschritte umfasst, um von einem weißen Blatt Papier zu einem funktionierenden und kompletten System neuer Technologie zu kommen.

–        Axel Kopsch, Generalsekretär des Internationalen Förderkreises für Raumfahrt – Hermann Oberth – Wernher von Braun e.V. –

Auf diese Art der SYSTEMTECHNIK werden bis heute so gut wie alle Luft- & Raumfahrtingenieure in aller Welt eingeschworen; sie beschreibt das Grundmuster der ´bottom-up method`, involviert aber auch, dass für die Anwendung dieser Methode ein entsprechend geschultes Expertenteam unter einem Chef arbeitet, dessen Persönlichkeitsprofil von der Art der o. a. Items (i) bis (iii) ist!

Über 100 Peenemünder Raketenspezialisten brachten unter von Brauns Leitung zuerst für die US Air Force (u. a. Leiter der Redstone-Entwicklung, einer atomaren Kurzstreckenrakete), dann ab 1960 für die NASA die amerikanische Raketentechnologie in Gang – eben nach der ´bottom-up method`. Diesen Begriff gab es aber Mitte der 1930er Jahre noch nicht. Inhaltlich aber schon:

Für die Entwicklung der ersten voll funktionsfähigen Großraketen mit der Typenbezeichnung A4 und dem von Joseph Goebbels stammenden berüchtigten Propagandanamen V2 (V stand für „Vergeltungswaffe“) sollte man sich schon deshalb eher auf das Motto der Universität von Salamanca beziehen,

„Was Gott euch nicht gab, kann auch die Universität von Salamanca euch nicht geben.“,

Aggregat 4  - später V2

Aggregat 4 - später V2

sofern man das Gespann Hermann Oberth & Wernher von Braun als die Vollstrecker der göttlichen Vorsehung akzeptieren mag. Dieser Bezug ist allemal innovativer als ein Anglizismus, dessen Sinnerfüllung für riskante, teuere technologische Entwicklungen alles andere als leicht fällt.

Tim Boson:

Ich muss nachhaken: Die Peenemünder Experten brachten die Peenemünder ´bottom-up method` in die USA. Und Sie schließen daraus, dass allein dieser Sachverhalt schon zu Folge hatte, dass Prof. Feynman irrte, als er die SSME als einen nach der ´top down method` entwickelten gänzlich neuen Raketenmotor definierte? Das sollten Sie dem Leser plausibel machen.

TSWS:

Sie haben ganz Recht. Schon die Typenbezeichnung Aggregat 4 (A4) der V2 verrät auf einen Blick, dass es eine Entwicklung des Raketentyps gegeben haben muss, d. h. der charakteristische Fall des ´bottom-up design` vorlag. Erst die A4 erfüllte alle Erwartungen des Anforderungsprofils von 1936, nämlich eine Tonne Sprengstoff deutlich über 250 km befördern zu können. Die Vorgängermodelle A1, A2, A3 und A3korr. = A5 waren nur teilweise erfolgreich, gehörten aber in die Entwicklungsreihe der A4. Ein besonders wichtiger Gesichtspunkt gehört leider zu den dunkelsten Seiten deutscher Geschichte: Das schon damals technologisch recht komplexe ‚Aggregat 4’ mit tausenden von Einzelteilen setzte geschultes Personal in großer Anzahl voraus. Dafür wurden „spezialisierte, inhaftierte Facharbeiter & Ingenieure aus dem gesamten Reichsgebiet und den besetzten Staaten gezielt ausgewählt (sie konnten sicher sein, dass man sie wegen ihrer Einblicke in dieses Staatsgeheimnis nicht mehr freilassen würde).“

Tim Boson:

Ja, der Fakt, dass fast alle unserer heutigen wichtigen Technologien auch auf großem historischen Leid gebaut sind, hat mich an anderer Stelle schon mal beschäftigt und wird mich sicher noch weiter beschäftigen,  aber das ist ein eigenes Thema….
Deshalb erstmal weiter im Text: Das MSFC, das die Peenemünder Crew übernommen hatte, wurde demnach stark durch Experten bestimmt, die ihr ganzes Berufsleben lang im Sinn von ´bottom-up design` dachten & handelten.  Übrigens: Gehe ich recht in der Annahme, dass auch die Ingenieure, Mathematiker und Naturwissenschaftler der US-Raumfahrtindustrie entsprechend der deutschen Tradition der ´bottom-up method` arbeiteten?

TSWS:

Doch, ich denke schon – etwas Anderes hatten sie nie gelernt, und die US-Tradition auf diesem Feld – sofern es eine nennenswerte gab –  war längst überholt. Diese (unerwünschte) deutsche Einflussnahme auf die Rüstungsindustrie der USA war eine Folge der ab Juli 1945 anlaufenden ‚Operationen’: Speziell für die fundamentalen Felder der Luft- & Raumfahrtmedizin sowie der Raketenentwicklung spielte die o. a. Operation Paperclip die entscheidende Rolle. Sie war indes ein Ableger und ging auf die Operation Overcast zurück. Letztere fußte auf einer Recherche von Werner O. E. Osenberg, dem früheren Leiter des Planungsamtes beim NS-Reichsforschungsrat. Dessen ´Forschungskartei` bildete die Grundlage für die Auswahl deutscher Wissenschaftler, die nach Kriegsende in den USA für die USA arbeiten sollten. Ich erzähle das deshalb so ausführlich, weil es mir darauf ankommt, R. Feynmans Analyse von (1) bottom-up design und (2) top-down design zu relativieren: Ausgehend von deren o. a. Darstellung und ihrer beiderseitigen Verschränkung handelt es sich bei seiner Fallanalyse zumindest von Raketenmotoren um ein arges Missverständnis.

Tim Boson:

Ergo ist die SSME keineswegs ein ‚ top-down’- Produkt – jedenfalls, wie es im Wettbewerb gehandhabt wird/wurde. Die SSME ist also ebenso ‚neu’ wie seinerseits die V2, obwohl die aus der Entwicklungslinie der Peenemünder A-Aggregate hervorgegangen ist.

TSWS:

Die J-2 hätte vielleicht ein ‚ top-down’- Produkt sein können! Das ist mir mittlerweile klargeworden – falls man den Basisbegriff des ‚top-down design`, nämlich die ‚top-down Idee` durch eine für die ganze J-2 modellierte mathematische Theorie realer Zustandsänderungen ersetzt hätte. Gemeint ist der mehrfach von mir angeführte Ideale Vergleichsprozess als eine unüberschreitbare – dank des CARNOT-Prinzips naturgesetzliche – obere Schranke. Von Braun hat es vielleicht geahnt, aber ihm fehlten die dafür erforderlichen thermodynamischen Grundlagen, um die vielen widersprüchlichen Betriebserfahrungen mit diesem Raketenmotor systematisch erklären zu können.

Tim Boson:

À propos IDEALER VERGLEICHSPROZESS. Bevor wir zu Ihrem Beitrag für das STS-Projekt übergehen, sollten Sie jetzt doch den Ablauf der Ereignisse skizzieren, wie sie am MSFC ab 1974 in Bezug auf die längst überfällige Überprüfung des LFAR bis zu Ihrer Einschaltung abgelaufen sind. Dabei sei ausdrücklich auf Item (4) „Brenntests der Triebwerkskomponenten und ganzer Triebwerke“ in Ihrem o. a. Meilensteinplan hingewiesen. Ich erlaube mir auch, den Leser daran zu erinnern, dass in diesem langen Zeitabschnitt von 10 Jahren(!) alle o. a. Erwägungen mit Bezug auf Feynmans Stellungnahmen keine Bedeutung haben konnten, da seine Recherchen erst zum Challenger-Disaster 1986 erfolgten.

TSWS:

Am MSFC begann im Jahr des Starts der Brenntests 1974 auch die Amtszeit von Dr. William R. Lucas als Fourth Center Director. Niemand hatte dieses Amt – früher oder später  –  länger inne als er (der im Jahr der Challenger Tragödie zurücktrat). Lucas war Chemiker und promovierter Metallurge. Er kam mit von Braun zum MSFC; lt. MSFC History Office „then, he became Director of Marshall’s Propulsion and Vehicle Engineering Laboratory and developed the propulsion system for the Saturn V rocket. Under Lucas‘ direction, Marshall was given responsibility for managing three of the four main Shuttle elements-the main engines on the orbiter, the twin solid rocket boosters and the huge external tank”. Das bedeutete eine neue Ausgangsbasis für das Kernteam der MSFC-Ingenieure: Als Werkstoffspezialist & Chemiker war der ‚propulsion-manager’ Lucas prädestiniert für jegliches Verständnis für die mit dem Lockheed-Gutachten LFAR zusammenhängenden Grundlagenprobleme – noch dazu hinsichtlich des Lewis Code NASA SP-273 (1976), dem international standardisierten Gleichgewichtsalgorithmus für komplexe chemische Reaktionen. Es ist deshalb un-wahrscheinlich, dass er, der die ungeklärte Auslegungsproblematik der J-2 im Hinblick auf die Brenntests aus dem ff kannte, nicht bereits zu Beginn seines Amts als MSFC-Chef  in die desolate Situation des LFAR eingeweiht worden wäre. Dafür spricht wiederum eindeutig die Initiative der MSFC-Administration, mit mir 10 Jahre später Verbindung aufzunehmen und eine Konferenz diesbezüglich im Februar 1985 durchzuführen.

Tim Boson:

Man wird sich wohl mit diesem indirekten Nachweis zufriedengeben müssen, zumal ja das eigentliche unverständliche Verhalten der MSFC-Administration erst in 1982 passierte – ich meine das zweite Gutachten diesmal von der Continuum Inc., Huntsville, Ala.

TSWS:

Ja. Aber bevor ich darauf zu sprechen komme, muss ich auf einen anderen Punkt kurz eingehen, der m. W. wenig bekannt ist. Auf den machte mich mein früherer Partner beim ART-Programm Rudi Reichert von der Firma Dornier-System im Frühjahr 1984 aufmerksam.

Um angeblich die (statistische) Sicherheit des einzelnen STS zu steigern, machten die Rocketdyne-Ingenieure aufgrund der Tests im September 1980 einen erwähnenswerten Vorschlag zur Verbesserung der SSME-Brennkammer: Deren Ausgangsquerschnitt sollte um etwa 10% vergrößert werden (i. e. Large Throat Main Combustion Chamber – LTMCC). Abgesehen von dem Allerweltseinwand über die fragliche Stabilität der Verbrennungsprozesse sowie mehrere erst viele Jahre später geklärte Werkstoff- und damit verbundene Wartungsprobleme störte die Experten indes das, was sie für den entscheidenden Nachteil hielten: Der spezifische Impuls vermindere sich durch Querschnittsvergrößerung, so daß ein Großteil der verbesserten Leistung wieder aufgehoben würde.

Um es vorweg zu nehmen: Für mich war dieser Vorgang ein Indiz dafür, dass den Ingenieuren damals kein korrektes theoretisches Instrumentarium zur Verfügung stand, um offene Fragen zu beantworten, wie sie mit dem LFAR dringend geklärt werden sollten.

Tim Boson:

Haben wir hier zum Schluss einen Schlüsselsatz? Das müssen Sie kurz näher begründen!

TSWS:

Der spezifische Vakuumimpuls IEvac amAustrittsquerschnitt E) eines Raketenmotors ist die ‚heilige Kuh’ der Raketenmotor-Ingenieure. Sie ziehen aus ihren Untersuchungen Schlüsse wie „Wie erwartet reduzierte sich der spezifische Impuls um 1,4 Sekunden. Durch Verbesserung des Hauptinjektors konnten 0,4 Sekunden des verlorenen spezifischen Impulses zurück gewonnen werden. Um den restlichen verlorengegangenen spezifischen Impuls zurückzugewinnen, wurden die Triebwerke für 104,5 % Leistung zertifiziert“. Die Münchner Methode [MM] zeigt dazu konträr drei wichtige Erkenntnisse: (1) Das Ergebnis der Rocketdyne-Ingenieure basiert auf Rechnungen der klassischen Gasdynamik; sie sind für Raketenmotoren mit chemischer Verbrennung aus verschiedenen Gründen unzutreffend. (2) IEvac ist in erster Linie von der Treibstoffpaarung und dem Mischungsverhältnis, aber nicht von der gewählten idealtypischen Konfiguration des Raketenmotors abhängig. Letztere hat indes einen signifikanten Einfluss auf den Massenstrom [in kg/s] und den Vakuumschub FEvac [in kN] am Düsenendquerschnitt E. Der Zusammenhang zwischen den drei Größen ist g0IEvac = FEvac / ; mit g0 ist die Erdbeschleunigung in (See-)Höhe Null bezeichnet, d. h. sie ist eine Konstante. (3) Die Kenntnis  a l l e i n  von IEvac erlaubt keine Beurteilung der Leistung des untersuchten Triebwerks! Um von ihm einen konsistenten Wert zu erhalten, benötigt man zusätzlich die unabhängige Information über a als so genannten Eigenwert.

Tim Boson:

Ich kombiniere: Das heißt doch wohl, dass der (Vakuum-)Schub FEvac und der Massenstrom als eigentliche Zielgrößen jeglicher Leistungsrechnung von Raketenmotoren anzusehen sind?

TSWS:

Das ist in der Tat so. M. a. W.: Liegen die geometrischen Daten eines optimierten Raketenmotors sowie Förderdruck und Massenstromverhältnis von Brennstoff & Oxydationsmittel fest, so ist der optimale Schub FEvac eindeutig bestimmt. Die MM liefert dazu einen dem spezifischen Vakuumimpuls IEvac zugeordneten Eigenwert von . Im LFAR geht es durch die Einbeziehung der gewählten idealtypischen Konfiguration des Raketenmotors genau um diese Zusammenhänge! Es ist evident, dass die Rocketdyne-Ingenieure davon im Jahr 1980 nichts wussten. Die verantwortlichen Ingenieure des MSFC zwar auch nicht, aber sie wussten von der Existenz des LFAR, jedoch nicht, ob es korrekte Aussagen liefert. Welche Konsequenzen sich daraus im Einzelnen am MSFC und besonders für die Rocketdyne-Teams ergaben – darüber ist bis heute so wenig bekannt, dass man nur mit bestem Wissen & Gewissen mutmaßen kann.

Tim Boson:

Also – dann mutmaßen Sie einmal.

TSWS:

Zumindest die MSFC-Ingenieure, die Kenntnis vom LFAR hatten, mussten spätestens irritiert worden sein, als der 1980er Vorschlag der Rocketdyne-Ingenieure auf ihrem Schreibtisch lag. Er sprach zwar von großen Fortschritten im Sicherheitsdesign, enthielt aber keinerlei Kommentar betreffend der im LFAR angedeuteten Möglichkeit, über die Wahl der Querschnittsflächen des Raketenmotors gegebenenfalls evtl. Leistungsverluste auch durch Erhöhung der Brennkammertemperaturen auszugleichen. Es ist nicht anzunehmen, dass das MSFC ihren Vertragspartner Rocketdyne über diese Option offiziell informiert hat, bevor die Seriosität dieser Option zweifelsfrei geklärt war. Nach den Ausführungen meiner Gesprächspartner vom MSFC am 15. August 1984 suchten sie seit 1980 nach US-Experten (welcher Provenienz erfuhr ich nicht; es waren wohl, wie man der Teilnehmerliste der Tagung im Februar 1985 entnehmen konnte, die stets anwesenden omniscienten Physiker und einige Thermodynamik-Professoren), die bereit waren ein Gutachten über das LFAR zu erstellen. Das Ergebnis war, wie man mir sagte, gleich Null. Interessanterweise gab es offenbar aber auch keine Inhouse-Expertise des MSFC. Das hat mich – naiv wie ich war – am meisten überrascht, war doch am MSFC zweifellos die Crême de la Crême der Raketenexperten weltweit versammelt.

Heute weiß ich, es ist ein Signum von ‚bottom-up design’, dass sich z. B. Mitarbeiter nach einem Kodex verhalten, der aus dem „bereits Bekannten“ oder dem „modisch Traditionellen“ kommt und daraus auch Ideen schöpft. Leider führt das auch dazu, dass Gewohnheiten oder neuerdings verbreitete Denk- & Sprachmuster nicht wirklich hinterfragt, sondern lediglich reproduziert werden. Das Ganze kann dann in einem SYSTEMFEHLER enden. M. a. W.: Soll ‚bottom-up design’ erfolgreich sein, muss diese Praxis Gleichschaltung im Denken voraussetzen. Das wäre eine Art innersystemische Political Correctness: Wer dagegen ist, fliegt! Das Problem dabei ist, dass eine Gemeinschaft von Mitarbeitern die Tendenz hat, irgendwann nur noch sich selbst zu referieren. Es kommt zur Degeneration durch „systemische Inzucht“. Was ursprünglich scheinbar der bequemere Weg war, nämlich die Selbstbestätigung in der Tradition, kann dann plötzlich zu besagtem Systemfehler kollabieren. Zusammengefasst: Die Strategie eines ‚bottom up design’ fühlt sich am Anfang für alle zwar „bequemer“ oder „sicherer“ an – tatsächlich ist sie aber durchaus riskant, wenn auch begrenzt.

Tim Boson:

Können Sie mir verraten, wieso die missliche Lage, die Sie geschildert haben, ausgerechnet durch eine doch ungewöhnliche Entscheidung des MSFC, sagen wir, ‚eingedämmt’ wurde? Ich meine, den Auftrag an Mr. P. R. J., zum Lockheed-Gutachten eine schriftliche gutachterliche Stellungnahme abzugeben, also sein eigenes Gutachten damit noch einmal zu begutachten?

TSWS:

Verraten kann ich es Ihnen nicht, da ich es nicht weiß. Verraten will ich Ihnen aber, warum ich es nicht wissen kann. Dazu hat mir mein Freund, der Präsident des IFR, Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Peter Kramer am 14. Oktober 2010 in einer Mail eine interessante Beobachtung mitgeteilt. Sie bezog sich auf die derzeitigen Bemühungen der «European Space Agency (ESA)», ab 2008 mit der Studie Lapcat II (Long-Term Advanced Propulsion Concepts and Technologies II) in die Technologieentwicklung von „hydrogen-fuelled Mach 5 and Mach 8 transport concepts“ einzusteigen, in der Hoffnung auf Kooperationsmöglichkeiten mit den USA.

Wie naiv sind die ESA-Leute eigentlich? – meinte Prof Kramer und fügte hinzu: Solche ‚Concepts’ sind bei den Großmächten ‚top secret’. Und er erinnerte daran, dass es deren Fachleuten “strikt untersagt ist, extern zu kommunizieren.“ Um sich unter solchen ´Top-Secret-Projects` wie der Lapcat-Serie wenigstens etwas Konkretes vorstellen zu können, präsentiere ich das folgende Modell von Lapcat MR1 (Mach 8 vom Dorsal-Type), ohne auf Details einzugehen:
LAPCAT- MR1 (Mach 8) Oct. 2008
Tom Boson:

Jetzt verstehe ich, wie groß die Not für die MSFC gewesen sein muss, um sich an einen Ausländer, keinen Engländer, Kanadier, sondern ausgerechnet an einen Deutschen zu wenden, der noch dazu im Jahr der Promotion Wernher von Brauns geboren wurde.

TSWS:

Sie werden sicher verstehen, dass ich unter den mir schon seit Jahren bekannten, damals bereits rigorosen Ausländerbestimmungen der USA, gar im Zusammenhang mit ´Top-Secret-Projects` auf diesbezügliche Befindlichkeiten meiner Gesprächspartner von der NASA Rücksicht genommen habe. Interna im MSFC waren absolut tabu. Dennoch hat mich diese Erfahrung von vorneherein bewogen, meine Zustimmung zu einer Zusammenarbeit mit dem MSFC von zwei Vorbedingungen abhängig zu machen: (i) Meine Beratungsfunktion war (bis auf die Erstattung reiner in den USA anfallender Unkosten) kostenlos und erfolgte ohne jegliche vertragliche Verpflichtung zwischen mir und der NASA; Meine Informationen, welche das MSFC von mir erhielt, waren keineswegs exklusiv; sie konnten von mir jederzeit veröffentlicht werden und (ii) Ich erwartete vom zuständigen Bundesministerium für Forschung & Technologie (BMFT) eine adäquate Unterstützung; sie betraf

– den Auftrag, im Interesse des BMFT meine Beratungsfunktion für die NASA wahrzunehmen und abzuschließen,

– die Option, für meine Reisen in die USA den regelmäßigen Flugdienst der Bundeswehr in die USA und zurück kostenfrei zu nutzen, und

– zuletzt, den zeitlichen & finanziellen Support meines Vorhabens, die wissenschaftlich gewichtigen Items der Beratungstätigkeit in einem Buch zur Theorie moderner Raketentriebwerke zu dokumentieren .

Die Vereinbarung mit dem BMFT erwies sich als optimal, die Kooperation mit der NASA eher als ‚suboptimal’, da meine bis dahin (1985) unveröffentlichten Informationen von der NASA – natürlich entsprechend umgeformt, verformt, ohne Quellenangabe, etc. – als NASA-Report veröffentlicht wurden (1988), bevor mein Raketentriebwerksbuch erscheinen konnte (1989). Als Fazit sind drei uralte Floskeln am ehesten angebracht: (I) C’est la vie. (II) Roma locuta causa finita. Als besonders ‚prophetisch’ erwies sich – die dritte Strichaufzählung betreffend – die Maxime des spätrömischen Kriegstheoretikers Publius Flavius Vegetius Renatus: Si vis pacem para bellum.

Tim Boson:

Ich bin so geprägt worden, dass mich solche starken gemeisselten Worte gleichermaßen anziehen wie auch etwas einschüchtern, aber diese „Prophetie“, auf die Sie anspielen, macht mich ebenso neugierig. Ebenso, wie die Abmachung, derzufolge Ihre Beraterfunktion für die NASA ohne Honorar erfolgte – Sie erscheint mir wahrlich ungewöhnlich für eine solche Anfrage an einen deutschen Professor

TSWS:

So kann man das nicht sagen. Natürlich ist es auch eine Frage der Perspektive: Aus meiner Sicht waren meine Tätigkeiten für die NASA »zwar umsonst, aber nicht vergeblich«. Jedoch stellen Sie sich bloß einmal die Alternativen vor: … »zwar vergeblich, aber nicht umsonst« … oder gar »zwar umsonst, aber auch vergeblich«? Auf die letzte Version muss ich mich leider noch einlassen!

Immerhin erlaubte mir mein BMFT-Auftrag, zu dessen Abschluss einerseits im November 1986 auf Regierungskosten mutterseelenallein zwei Wochen in einem ruhig gelegenen Hotel in Baden-Baden zu verbringen, um konzentriert und völlig ungestört die Konzeption meines Raketentriebwerksbuchs als Dokument meiner Tätigkeit für die NASA zu entwerfen. Zudem war es für das Buch unumgänglich, komplizierte Berechnungen und umfangreiche Literaturrecherchen vorzubereiten. Andererseits war es auch der Anfang einer notwendigen Zeit der Besinnung. Denn der Event damals in Huntsville, Ala war für mich der Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Ich wurde mir nicht gleich, aber zunehmend klarer bewusst, was es persönlich & fachlich für mich bedeutete, als einziger Europäer zur aktiven Unterstützung der NASA in einer für sie heiklen Situation gebeten worden zu sein. Ich lernte dabei, die langfristige Bedeutung bemannter Raumfahrt unter technologischen, aber auch utopischen Perspektiven zu erkennen und zu begreifen, was Verantwortung auch in den theoretischen Wissenschaften bedeutet. Vor allem aber entdeckte ich meine Neigung, schriftstellerisch tätig zu sein, um für meine breiten wissenschaftlichen Interessen an den physikalischen Grundlagen eine schriftliche Plattform zur systematischen Darstellung komplexer Ideen und mathematischer Theorien zu schaffen. Von dieser Arbeitsmethode profitiere ich seitdem täglich – auch in den inzwischen zehn Jahren Ruhestand.

Tim Boson:

Sofern ich Sie richtig verstehe, war der konkrete Auslöser, dass Sie mit der Münchner Methode (MM) zwar ; im Kopf, aber noch unveröffentlicht zum Huntsville-Meeting 1985 anreisten. …

TSWS:

….. um dann 1988 zu meiner Überraschung  den Versuch einer kritischen Beschäftigung & Klärung der im Lockheed-Gutachten (LFAR – 1969) behandelten fundamentalen Problematik in einem NASA-Report entsprechend der abschließenden Empfehlung des Huntsville-Meetings zu entdecken.

Diese Empfehlung wurde von einem durch die Konferenzleitung eingesetzten Gremium bestehend aus 5 Experten, darunter vier Professoren in einer Art ´Konklave` erarbeitet. Sie kam einstimmig zustande und bezog sich auf die von mir auf der Konferenz vorgetragenen Anwendungen der MM; letztere waren durch die fraglichen Reports von Lockheed (1969) & Continuum Inc. (1982) definiert. Die von mir präsentierten Informationen versetzten daraufhin die beiden Autoren des bislang sakrosankten standardisierten Lewis Code NASA SP-273 in die Lage,  bis 1988 zum Thema der Konferenz einen ‚Erfahrungsbericht’ vorzulegen. Es gelang ihnen somit, die ‒ von Mr. P. R. J. am Beispiel der J-2 präsentierte und mit ›Finite Area Combustion (FAC)‹ titulierte ‒ Methode mit dem von mir vorgetragenen Algorithmus zur Berechnung des Massenstroms der Verbrennungsprodukte zu ergänzen. Anschließend war es für sie ein Leichtes, ihr Resultat mit ihrem originalen Code zu verknüpfen. Den ganzen konzeptionellen Hintergrund sowie die theoretische Berechtigung meines Algorithmus konnten sie indes nicht systematisch beweisen; das blieb meinem Buch «Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions: Extended Lewis Code Fundamentals» vorbehalten. Formal entsprach ihr Verhalten bei großzügiger Auslegung durchaus der Konferenzempfehlung, und dem Zweck der Konferenz entsprechend war es wohl der NASA ‚geschuldet’, zumal ja von vorneherein keine Schutzklauseln zwischen dem Konferenz-Veranstalter MSFC und mir vereinbart worden waren.

Tim Boson:

Bevor wir endgültig auf die Zielgerade einbiegen, um uns mit Hintergrund ebenso wie Sinn und Zweck der MM für Raketenmotoren zu befassen, müssen wir wohl noch die Frage beantworten: Wie kam es nun aber zur Huntsville-Konferenz?

TSWS:

Der eigentliche Auslöser war eindeutig eine mir zunächst nur teilweise nachvollziehbare Management-Entscheidung am MSFC. Erst nachdem sich offenbar kein amerikanischer Experte bereit erklärt hatte, das Lockheed-Gutachten kritisch zu durchleuchten und eine schriftliche Expertise anzufertigen, reagierte das MSFC. Continuum Inc. in Huntsville, Ala erhielt den offiziellen Auftrag, den ‚technical brief – 1969’ im Sinn eines Memorandums des Lockheed Konzerns mit einem ‚FINAL REPORT’  ‒ deklariert unter: „An Investigation of Equilibrium Concepts ‒  abzuschließen.  Das war 1982. Diese kleine Firma hatte damals Contracts mit dem Langley Research Center der NASA in Hampton Virginia eingeworben. Somit war der Contract mit dem MSFC nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich erschien allerdings, dass inzwischen Mr. P. R. J. die Leitung der Firma übernommen hatte und den angeforderten ‚Final Report’ erstellte. Von Expertisen war offiziell nie die Rede.

Tim Boson:

Wie zogen sich denn die an diesem ´dubiosen Arrangement` beteiligten Parteien aus der Affäre?

TSWS:

Die Zuspitzung Ihrer Frage scheint mir sehr Ihrem geradlinigen europäischen Gemüt zu entsprechen. Ich musste in Huntsville, Ala erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass keiner meiner amerikanischen & deutsch-amerikanischen Gesprächspartner diesbezügliche Anspielungen machten, Erwägungen anstellten, gar einen Interessenkonflikt vermuteten. Offensichtlich ging es um ´business as usual`. Warum indes diese Art der Begutachtung sogar sachlich unbeanstandet blieb, will ich jetzt kurz darlegen: Alles lief kurz und schmerzlos ab, und sogar die Verzögerung von 12 Jahren bis zur endgültigen Klärung hatte ihr Gutes, lieferte sie doch dem ‚Gutachter’ sowie in Personalunion dem ‚Gutachter-Gutachter’ das passende Argument zu seiner Entlastung.

Tim Boson:

Na, eines gewissen Sarkasmus können Sie sich wohl auch nicht enthalten!

TSWS:

Da haben Sie ganz Recht. Das wirklich Verblüffende an der lediglich 10 DIN-A4-Seiten umfassende Continuum-Expertise (C-E) ist im Vergleich zum LFAR ihre inhaltliche Leere. Mehr noch: Der Leser soll den Eindruck gewinnen, dass es völlig genügt, „Foreword and Summary“ zur Kenntnis zu nehmen, sich gar mit wenigen Schlüsselsätzen daraus zu begnügen:

The information presented here deals with a different approach to modelling of the thermochemistry of rocket engine combustion phenomena. While the approach is essentially unverified by extensive test data, it does advance a rationale that explains some troubling discrepancies in the conventional model. The methodology described here is based on the Continuum, Inc. hypothesis of a new variational principle applicable to compressible fluid mechanics. This hypothesis is extended to treat the thermochemical behavior of a reacting (equilibrium) gas in an open system.

Das war’s, sofern man noch ergänzt, dass auch der Name des MSFC-Controllers erwähnt wird, der die Abwicklung des Contracts (Number NAS 8-34946) zu begleiten hatte.

Ich habe mir erlaubt, das Original zu nutzen, um sprachliche Ausflüchte zu unterlaufen. Meine Interpretation geht also zunächst von o. a. Zitat aus. Sie lässt sich in vier Statements zusammenfassen:

(i)       Die C-E befasst sich mit der mathematischen Beschreibung der thermochemischen Verbrennungs-Phänomene in Raketenmotoren. Im Vergleich zum Standardalgorithmus des NASA-Lewis Code (ursprünglich nach R. J. Zeleznik & S. Gordon, 1962) beschreibt die C-E einen vom NASA-Lewis Code abweichenden ›Zugang‹ (approach) zu den resultierenden Gleichgewichtskonzentrationen des Verbrennungsgases. Dieser neue ›Aproach‹ berücksichtigt entsprechend dem LFAR alle für den Raketenmotor relevanten geometrischen Größen als zusätzliche Betriebsparameter.

(ii)   Das Urteil über den ›Zugang‹ als „im Wesentlichen unbestätigt“ (essentially unverified) bezieht sich auf die umfangreichen Testdaten, die erst ab 1974 für die SSME ermittelt wurden. Über das J-2 Triebwerk heißt es hingegen schon im LFAR: „The excellent comparison with the experimental evidence indicates that for this case at least, finite rate, droplet vaporization, mixing and boundary layer are secondary effects and the principle source of error has been the misstatement of the equilibrium condition”.

(iii)    Der ›Zugang‹ erweitert die logischen Grundlagen (a rationale), wodurch einige lästige Unstimmigkeiten im Standardalgorithmus erklärt werden können.

(iv)    Die Erklärung selbst gelingt mit einem ´Variationsprinzip für die kompressible Fluiddynamik`, das auf  einer von Continuum Inc. neuerdings vertretenen Hypothese basiert.

Tatsächlich kaschieren die Items (i) bis (iv) jene Probleme, um derentwillen sich das MSFC an meiner Unterstützung bei gewissen thermodynamischen Grundlagen moderner Raketenantriebe interessiert zeigte. So fällt auf, dass Mr. P. R. J. als Autor beider Papers von 1969 & 1982 mit keinem Wort auf die unter Item (ii) erwähnten Differenzen zwischen seiner Theorie im LFAR und den Brennkammertests an der SSME eingeht. Nichts findet sich auch zu dem am J-2 Triebwerke exemplifizierten und seit 1969 ungeklärten Problem der ‚wahren’ Brennkammertemperatur! Ungeklärt bleibt somit weiterhin die enorme Temperaturdifferenz von 640 Grad zwischen den Werten 3355 K & 2715 K, wie sie aus dem originalen Code der „Adiabatic Flame Expansion“ nach Gordon & McBride sowie dem „Finite Area Combustion (FAC)“ – Aproach im LFAR resultieren. Zumindest ein banaler Grund für dieses Defizit lässt sich nicht leugnen; er betrifft auch die überraschende Erfahrung, dass der vorgelegte Report keine Analyse der Überschallströmung nach dem Düsenhals enthält, was eine Gesamtbewertung des Report verhindert. Auf p. 9 heißt es dazu im Original:

No success has resulted from a limited attempt to apply the principle beyond the throat. To solve this problem was beyond the scope of work of the contract and beyond the available funds in the contract.

Tim Boson:

Meine Fresse, sage ich da auf berlinisch: Continuum Inc. liefert dem Auftraggeber MSFC einen Torso ab, weil das Geld für den Kontrakt nicht für eine Analyse bis zum Düsenende – sondern nur bis zum Düsenhals reicht! Eigentlich kann so Etwas gar nicht wahr sein. Gibt es eine Erklärung für ein solches Verhalten?

TSWS:

Ja, und Sie werden es nicht glauben: Im LFAR (pp. 22/28) wird dem Leser folgender Kommentar zu den ermittelten Brennkammerdrücken & -temperaturen für den Fall der J-2 zugemutet:

„The figures discussed above are of only academic interest to the propulsion designer who is principally interested in performance”. .. [With respect to] the constrained entropy maximization procedure appears to explain one of the least understood of the combustion phenomena. .. The excellent comparison with the J-2 experimental evidence indicates that for this case at least, finite rate, droplet vaporization, mixing and boundary layer are secondary effects, and the principal source of error has been the misstatement of the equilibrium condition.

Es ist mir nach wie vor schleierhaft, wieso das MSFC 1969 den aberwitzigen Standpunkt von Mr. P. R. J. akzeptiert hat. Geradezu absurd klingt seine apodiktisch vertretene Äußerung, wonach die von ihm ermittelten Werte der Brennkammertemperatur nur von „akademischem Interesse“ seien. Ihm darüber hinaus noch durch einen weiteren ‚Contract’ die Gelegenheit einzuräumen, da fortzufahren, wo er 13 Jahre früher sein „future Work“ angekündigt hatte ‒ lässt sich wohl nur als erfolgreiche Lobby-Arbeit registrieren! Man muss die Chuzpe bewundern, mit der Mr. P. R. J. einzig unter dem Hinweis, dass sich sein „Approach“ durch die mittlerweile vorliegenden Testergebnisse als „essentially unverified“ erwiesen hätte, keineswegs daran dachte, eben jenen Standpunkt zu revidieren ‒ wenigstens zu relativieren! Ganz im Gegenteil: Er nutzte die Gelegenheit, um seinen „Approach“ in die akademischen Höhen naturwissenschaftlichen Rationalität zu hieven, gar zum Ausdruck eines logischen Prinzips avancieren zu lassen. Glücklicherweise lässt sich die Wurzel solcher Hybris identifizieren: In seiner C-E (p. 5) beruft sich Mr. P. R. J. explizite auf  den US-Eisenbahn-ingenieur Josiah Willard Gibbs unter Bezug auf dessen in den Jahren 1876 bis 1878 entstandenes Hauptwerk »On the Equilibrium of Heterogeneous Substances«. Mr. P. R. J. behauptet, dass Gibbs’ statements

deal with isolated systems. Thus Gibbs dealt with thermostatics but not necessarily with thermodynamics.

Diese Behauptung ist falsch! Wie Gottfried Falk in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen hat, beschreibt Gibbs in seinem o. a. Hauptwerk eine völlig neue für die gesamte Physik geltende mathematische Darstellungsmethode – die Falk als ›thermodynamische Methode‹ bezeichnet. Letztere exemplifizierte der geniale amerikanische Yale-Professor mit der damals bekannten Thermostatik. Begriffe wie isolierte oder offene, statische oder dynamische Systeme kommen überhaupt nicht vor. Diese ›thermodynamische Methode‹ bildet auch die physikalische Basis der Münchner Methode.

Timo Boson:

Stopp, ich bin irritiert: Ich dachte immer, die Expertise der Firma Continuum Inc. betrifft die längst überfällige kritische Überprüfung der von Mr. P. R. J. für den Lockheed Konzern in 1969 ausgearbeitete Studie. Letztere überprüft den Einfluss einer finiten Brennkammer-Querschnittsfläche AC auf die Zustands- & Leistungsdaten im Vergleich zum standardisierten NASA-Lewis Code, der für die Modellierung der Verbrennungsgase aller Raketenmotoren stets den Grenzfall AC ; ∞ voraussetzt.

TSWS:

Sollte man meinen! Zudem vertraten Vertreter des MSFC diese Meinung auch beim entscheidenden Gespräch am 15. August 1984 in München. Darin baten sie mich, eine Expertise zu den divergierenden Daten abzugeben, wie sie inzwischen beim Vergleich von Theorie und Brennkammer-experimenten beim SSME-Triebwerk ermittelt worden waren.

An diesen Gesprächsverlauf erinnere ich mich noch deshalb so genau, weil ich große Bedenken hatte, der vorgetragenen Bitte vorbehaltlos zu entsprechen. Ich hatte schon vor Jahren von dem exorbitanten Aufwand gehört, den z. B. ROCKETDYNE beim SSME-Wettbewerb für die Datenbeschaffung getrieben hatte (s. o.), und fürchtete, dass man mir bei einer Zusage zur erwünschten Stellungnahme ein Übermaß an einschlägigen Dokumenten liefern würde.

Nun gut, meine Befürchtung erwiese sich als unbegründet. Nach wenigen Tagen erhielt ich per Post zwei mir unbekannte schmale Papers mit total ca. 40 DIN-A4-Seiten – (1) das Lockheed-Memo-randum LFAR von 1969 und (2) den Continuum-Final-Report von1982 – hier als ‚Continuum-Expertise (C-E) bezeichnet. Nach Rücksprache mit dem BMFT war ich ab sofort ‚im Geschäft’.

Tim Boson:

Erinnern Sie sich noch daran, als Sie die ´Post aus Amerika` in Händen hielten – anstelle der befürchteten Datenflut enthielt sie lediglich zwei kompakte Arbeitsberichte, deren Publikation 13 Jahre auseinander lag und vom selben Autor stammten? Grob formuliert: Beide Papers genügten, damit Sie ins ‚kalte Wasser’ oder gar ins ‚Haifischbecken’ sprangen: Haben Sie es je bereut?

TSWS:

Frage 1 kann ich uneingeschränkt mit Ja beantworten.

Frage 2 mit klarem jein.

a Nein: Ich wiederhole mich; ohne die Erfahrung mit der NASA hätte ich wohl kaum meine Bücher geschrieben, und als Universitätsprofessor an einer Fakultät für Luft- & Raumfahrt fühlte ich mich in vieler Hinsicht verpflichtet, der Bitte zu einer fundierten Expertise für das MSFC zu folgen.

a Ja, weil ich zu viele Fehler gemacht habe: ich war viel zu naiv und gutgläubig. Um es auf den Punkt zu bringen: Wie sich spätestens Ende März 1989 herausstellte, war ich für das MSFC-Meeting im Februar 1985 in Huntsville der nützliche Idiot, um mit der Münchner Methode einen ‚Expertenbeschluss’ herbeizuführen, der gestattete, die beiden Papers von Lockheed und Continuum Inc. kurz & bündig & ein für alle Mal im Orkus zu versenken. Die Verantwortlichen des MSFC waren durch das klare Votum des ‚Expertengremiums’ aus dem Schneider. Sie brauchten mich also nicht mehr! M. a. W.: „Der Mohr hat seine Arbeit getan, // Der Mohr kann gehen. … „ (F. Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua II, 5). ‚Gehen’ reichte ihnen aber nicht.

Tim Boson:

Klar, die NASA stand weltweit im Ruf, die Hohenpriester aller Hochtechnologie zu versammeln. Und dann ausgerechnet wieder einem Deutschen die ‚Schlüsseltheorie’ der SSME zu verdanken…?

TSWS:

… An eine solche Absurdität dachte kein Mensch. Die Herren vom MSFC erwarteten 1984 von mir bestenfalls eine tragfähige & brauchbare Antwort auf das im LFAR angesprochene Temperaturproblem. Dass ich ein Jahr später mit einer neuartigen Theorie im Kopf in Huntsville auftauchen würde, konnte niemand vorhersehen. Deshalb konzediere ich den Herren, die mich zur Teilnahme am Huntsville-Workshop 1985 in den Räumen der Continuum Inc. überredet haben, dass sie nicht von vorneherein ein doppeltes Spiel mit mir in ihre Planungen einbeziehen wollten. Aber der interne Sachzwang sowie die inhärente Konkurrenzsituation unter den NASA-Zentren wurden schnell so stark, dass sie sich ihnen letztlich nicht entziehen konnten. So kam es, wie es kommen musste: Die Doppelstrategie bestand darin, die weltweit als Standard geltenden Computer Codes „for Calculation of Complex Chemical Equilibrium Compositions & Applications, etc.“, nämlich NASA SP-273, 1976 und NASA TM 86885, 1984 der drei Autoren Sanford Gordon, Bonnie J. McBride, und Frank J. Zeleznik um jeden Preis als sakrosankt zu erklären und sie durch ‚Experten’ bestätigen zu lassen. Apodiktisch hatte zu gelten:

(1)  The NASA-computer programs .. were capable of calculating theoretical rocket performance based only on the assumption of an infinite area combustion chamber (IAC).

(2)  An Option has been added to this program which now also permits the calculation of rocket performance based on the assumption of a finite area combustion (FAC).

Die unter Punkt (2) angesprochene Option wurde im April 1988 unter dem Titel „Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance“ als NASA Technical Memorandum 100785 der beiden erstgenannten Autoren publiziert. In diesem Memorandum findet der Leser auch den unter Punkt (1) explizit zitierten Text. Ergänzend sollte er wissen: Dr. Sanford Gordon war im Februar 1985 Teilnehmer beim Huntsville-Meeting; er hörte mein Referat zur Münchner Methode und gehörte zu den Experten, die einstimmig die MM als theoretische Basis zur Lösung der auf der Konferenz behandelten Problematik empfahlen. Im Memorandum 100785 von Gordon & McBride ist davon keine Rede.

Tim Boson:

Dann kam 1989 Ihr Raketentriebwerksbuch (auf Englisch) heraus, und falls ich mich recht erinnere, begann damit der eigentliche Schlamassel?

TSWS:

Ja, das ist richtig! Das war der Beginn jenes Teils der ganzen Story, den ich rückblickend nur als ein Musterbeispiel dessen interpretieren kann, was John Horgan 1996 in seinem provokanten Traktat „The End of Science“ als Ironic Science bezeichnet hat. Lt. Northrop Frye lässt die moderne Literaturtheorie keinen anderen Schluss zu, als dass „alle Texte »ironisch« sind“, d. h. sie besitzen mehrere Bedeutungsebenen, von den keine die maßgebliche ist. Die Folge: Im Prinzip ein unendlicher Regress von Interpretationen! Für die Naturwissenschaften erscheint eine solche Konsequenz als unakzeptabel. Dennoch ist »Ironic Science« für sie keineswegs wertlos. Denn auch die Naturwissenschaftler müssen zugeben, dass es keine Logik der Wissenschaft geben kann; auch sie erarbeiten & verteidigen wissenschaftliche Theorien aus letztlich subjektiven und sogar irrationalen Gründen. Das o. a. Zitat unter Punkt (1) belegt diese Argumentation und gehört zu den Motiven, die zu der Kampagne gegen mich geführt hat, über die ich jetzt kurz berichten will.

Tim Boson:

So wie ich Sie bisher kennengelernt habe, werden Sie den Ausdruck »Kampagne« mit Bedacht gewählt haben – ergo in der Bedeutung von »Feldzug mit zeitlich befristeten Aktionen«?

TSWS:

Diese Bedeutung trifft ins Schwarze. Im April 1988 war wie gesagt, die erste Aktion abgeschlossen: Mit dem Memorandum von Gordon & McBride zur „Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance“ war die Deutungshoheit der NASA mit ihrer jeweils geltenden Version für das Design von Raketentriebwerken wieder hergestellt. Mein Raketentriebwerksbuch war für April 1989 avisiert. Am 28. März 1989 berichtete der Bostoner Amerikarepräsentant E. F. B. meines Schweizer Verlags – Birkhäuser: Basel • Boston • Berlin – per FAX seinem Basler Bevollmächtigten B. Z. von einem aufschlussreichen Gespräch mit einem NASA-Manager des ›NASA John H. Glenn Research Center at Lewis Field‹ (ab 1999). Gegenstand des Gesprächs waren mein Buch und meine Person. Das Erstaunliche ist zweifellos, dass dem ‚NASA Lewis’ (d. h. die im FAX gebräuchliche Abkürzung für dieses NASA Center) ohne mein Wissen detaillierte Informationen über mein Buch lange vor dessen offiziellem Publikationsdatum zugespielt wurden. Immerhin habe ich diesem ernsten Vertrauensbruch zu verdanken, dass ich wenigstens erfuhr, was sich hinter den Kulissen damals zusammenbraute, nämlich der Auftakt einer Kampagne gegen meine Person, die über fünf Jahre dauern sollte. Ich will mich hier kurz fassen und aus dem FAX drei Items im Original zitieren, die für sich sprechen:

Das FAX beginnt kurz & bündig: „ Dear Benno, This memo is to record  the comments from ….. as I outlined to you during our visit. The points he made are:

(1)   „The book will find resistance here for a number of reasons. The criticisms of the USA are put in a very arrogant tone. The Challenger criticism is specious since this analysis hat little if anything to do with its crash. NASA Lewis is very sensitive to criticisms of foreigners”.

(2)   “[NASA Lewis] understands the criticism of the rocket code but doesn’t know if Straub fully describe the alternatives. Doesn’t agree with some of the assertions, e. g. his contention that this analysis applies to air breathing rockets”.

(3)   – “The USA does not traditionally use 2nd Law thermodynamic analysis though other countries do”.

– “NASA is the strongest opponent to 2nd Law analysis (spokesman for which is Kleinburg at NASA Lewis), but they do not build rockets and are not fully influential in what the manufacturing companies will do”.

Ich werde zu diesem Text keine Stellung nehmen, da er primär eine verlagsinterne Korrespondenz wiedergibt, über deren Authentizität ich nichts weiß. Das FAX spart den Namen des Gesprächspartners von NASA Lewis aus; ihn will ich aber nennen: Dr. Frank J. Zeleznik (died Oct. 16, 2009), Senior Research Scientist, Aerothermochemistry Branch am NASA Lewis, wiederholte fünf Jahre später in einer infamen Polemik genau die mir von ihm in Item (1) unterstellte, angeblich nur scheinbar zutreffende „Challenger criticism“. Er zusammen mit Dr. Sanford Gordon entwickelte ab 1959 die Urversion des NASA-Lewis Code for „Equilibrium Compositions & Theoretical Rocket Performance and Propellants und verschaffte damit der NASA praktisch ein weltweites Monopol.

Tim Boson:

Aus der ganzen Abfolge Ihrer Story muss der aufmerksame Leser den Eindruck gewinnen, Sie berichteten über eine Art von Verschwörungstheorie. Oder was wäre die Alternative?

TSWS:

Ihr Eindruck wird durch die unmittelbare Fortsetzung der Geschehnisse eher noch verstärkt werden. Dennoch kann ich ihn – vom heutigen Wissensstand aus beurteilt – nicht bestätigen. Allerdings will ich es nicht riskieren, mit einigen markigen Sätzen hier & jetzt eine abschließende Beurteilung herbeizuzaubern; ohne einige zusätzliche Informationen wäre die Gefahr weiterer Missverständnisse einfach zu groß! Ein solcher Schluss drängt sich schon deshalb auf, weil Ciceros berühmte Frage ‚qui bono’ immer noch nach einer Antwort verlangt: Warum legte das MSFC Wert auf meine Beurteilung der beiden Studien von Mr. P. R. J., wenn die NASA am Lewis Center über die führenden Experten verfügte, die nach dem Konklave vom Februar 1985 plötzlich auftauchten und innerhalb kurzer Zeit nach eigener Bewertung die abschließende Antwort mit dem Report ›Finite Area Combustor Theoretical Rocket Performance‹ präsentierten? Und diese definitive ‚Antwort’ enthielt als Referenzen – abgesehen von einer Ikone der US-Rocket-Propulsion-Theory – nur Papers aus dem Umfeld des Lewis Research Center. Von den beiden Studien der Lockheed Corporation und Continuum Inc. – letztlich die ‚Initialzündung’ der Bemühungen des MSFC – ist dagegen in dem o. a. Report keine Rede.

Tim Boson:

Es war ja noch nichts Schlimmes mit den SSMEs passiert, die Hierarchie des MSFC hatte mit der ‚Ausschaltung’ von Mr. P. R. J. sinistren Theorien nichts mehr zu befürchten. Mehr noch: Eine für endliche Brennkammergeometrien gültige Erweiterung des bewährten NASA-Lewis-Codes stand ab 1988 auch als NASA-Produkt zur Verfügung. Aber da waren bedauerlicherweise Sie noch und Ihre ‚potentiellen’ Prioritätsansprüche, zwar nicht vertraglich begründet, aber doch wohl entsprechend akademischen Gepflogenheiten?

TSWS:

Tim, Sie sind auf der richtigen Spur: Mein 265-Seiten-Raketentriebwerksbuch konkurrierte nicht nur mit einem 16-Seiten-NASA-Report, sondern es wurde sogar durch die Deutsche Bundesregierung öffentlich gefördert: „commissioned by the Federal Minister for Research & Technology“. Dessen Veröffentlichung in der Schweiz zu unterbinden, wäre wohl auch kaum im Interesse der US-Regierung gelegen. Nach der Logik von Dr. Zeleznik – jedenfalls, wie ich sie in den nächsten Jahren kennen lernen sollte  – musste demnach der Autor der »Thermofluiddynamics of Optimized Rocket Propulsions – Extended Lewis Code Fundamentals« in seiner Kompetenz desavouiert und der Buchinhalt selbst als unmotiviert,  physikalisch unbegründet, falsch, etc. angeprangert werden. Vor allem die letzte Maßnahme war für Dr. Z. & Co. von größtem Interesse, da sie am ehesten die angepeilte Breitenwirkung versprach.

Der Rede kurzer Sinn: Ich hatte damals, d. h. ab Mitte 1989 keine Ahnung von den mancherlei Machenschaften, die sich hinter meinem Rücken anbahnten, zumal ich von jenem o. a. Gespräch zwischen dem US-Repräsentanten des Birkhäuser-Verlags und Dr. Zeleznik erst nach 1993 erfahren habe. Für mich war damals mit dem Erscheinen meines Raketentriebwerksbuch das ‚Event NASA’ faktisch abgeschlossen, zumal ich intensiv mit meinem ersten Hauptwerk »Eine Geschichte des Glasperlenspiels • Irreversibilität in der Physik – Irritationen und Folgen« befasst war und das in 1990 ebenfalls im Birkhäuser-Verlag erschien. So war ich doch ziemlich überrascht, ebenfalls im selben Jahr von einem Workshop in Huntsville zu erfahren, der früh im folgenden Jahr stattfinden sollte. Thema: ›Gibbs-Falk-Dynamik & Alternative Theorie‹. Organisator war wieder das MSFC.

Tim Boson:

Stopp: Hier sollten wir dem Leser kurz erläutern, um was es dabei ging. Sie haben mir gegenüber immer wieder betont, dass dieses Thema die physikalische Grundlage der Münchner Methode (MM) sei. Die  «Gibbs-Falk-Dynamik» geht auf den vielleicht berühmtesten amerikanischen Naturwissenschaftler und Eisenbahningenieur Josiah Willard Gibbs (1839 – 1903), Professor in Yale zurück. Sein erstes Meisterstück, seine Thermostatik, erwies sich nach den breit angelegten Untersuchungen von Gottfried Falk, mathematischer Physiker an der Universität Karlsruhe, als ein universelles naturwissenschaftliches Verfahren ‒ Professor Falk nennt es ´THERMODYNAMISCHE METHODE`‒ das für alle Disziplinen der Makrophysik gleichermaßen zutrifft, aber auch für die Quantenphysik gilt. Diese Theorie findet ihre mathematische Beschreibung im Phasenraum, d. heißt in einem hochdimensionalen Raum, der durch die ALLGEMEIN-PHYSIKALISCHEN GRÖSSEN aufgespannt wird; Die üblichen Parameter Raum und Zeit gehören nicht dazu! Spezifiziert man sie als die linear affinen drei Raumkoordinaten sowie die (irreversible) Zeit, so gelingt die Transformation des Phasenraums in den Beobachtungsraum, in dem sich die alltäglichen Ereignisse des Lebens registrieren lassen.  Das Resultat dieser Transformation bezeichnen Sie seit Jahrzehnten bekanntermaßen als ALTERNATIVE THEORIE. Letztere, die AT, beschreibt im 3d-Raum und in der irreversiblen Zeit die in der Natur möglichen physikalischen Prozesse, die ausnahmslos irreversibel sind und in aller Regel im Nichtgleichgewicht ablaufen. Das sollte hier für den Moment genügen.

Wir werden indes gegen Ende unseres Gesprächs näher auf die AT eingehen müssen.

TSWS:

Ich danke Ihnen für diese konzise Zusammenfassung, deren fachlicher Inhalt Gegenstand von zwei Veranstaltungen in Huntsville sein sollte, die für 1991 vorgesehen waren. Dafür gab es angeblich zwei Gründe: Zum einen brauchten die mit den ungeklärten Problemen vertrauten MSFC-Manager, wie sie erstmals 1969 von Mr. P. R. J im LFAR z. B. für die Verbrennungstemperaturen im J-2 Triebwerk aufgeworfen worden waren, dafür endlich eine plausible Erklärung, ja sie wollten die Probleme verständlicherweise endgültig vom Tisch haben. Das bedeutete aber: Zu ihrer Entlastung mussten sie mit Erfolgen bei den von ihnen nach 1985 eingeleiteten Maßnahmen auftreten. In diesem Kontext sind zwei Eckpunkte erwähnenswert:

(I)              Der LFAR wurde endgültig verworfen. Mr. P. R. J verschwand in der Versenkung.

(II)            Weichen wurden gestellt für eine Veränderung des NASA- Lewis-Algorithmus für komplexe chemische Reaktionen, wie sie im ›One Dimensional Equilibrium (ODE) Program‹ zu berücksichtigen waren: Vor allem mussten die Einflüsse charakteristischer Geometrien von Raketentriebwerken auf deren Leistungsdaten einbezogen werden.

Zum anderen aber waren der NASA bereits 1988 von der Bostoner Repräsentanz des Birkhäuser-Verlags detaillierte Informationen zugespielt worden, die mein im nächsten Jahr erscheinendes und vom Bonner Forschungsministerium gesponsertes Buchs betrafen, für das der Titel ´Thermofluid-dynamics of Optimized Rocket Propulsions` vorgesehen war. Damit hatte indes in Huntsville niemand gerechnet, obwohl diese Publikation genau der Logik der Beschlüsse des MSFC-Meeting 1985 entsprach; ausschließlich ihr verdankten ja mein Münchner Kollege Professor Rudi Waibel und ich auch unsere Einladungen zu dieser exklusiven Veranstaltung. Allerdings hatte sich inzwischen augenscheinlich im MSFC, sicher im Lewis Research Center (LeRC or NASA Lewis)  der Wind gedreht und blies mir – metaphorisch ausgedrückt – voll ins Gesicht. Die unmittelbare Konsequenz, die man in Cleveland, Ohio und anschließend in Huntsville, Ala mit allen Registern zog: Die Verfolgungsjagd auf die MM und ihren Autor begann auf breiter Front.

Tim Boson:

Jetzt bin ich doch ziemlich konsterniert. Was haben Sie denn dagegen unternommen?

TSWS:

Nichts! Ich hatte ja keine Ahnung, was da ablief. Offensichtlich bedeutete das Erscheinen meines Raketentriebwerksbuch den Casus belli: Letzterer wird im Final Report NAS8 – 36955 D. O. 77 der University of Alabama in Huntsville (UAH) vom September 1992 etwas verdruckst jedoch unmissverständlich umschrieben; Gegenmaßnahmen werden angekündigt:

„The contents of the book became strongly controversial. To gain further understanding of these differences, MSFC awarded a contract to the UAH to investigate the basic analytical formulations, which are currently used to simulate the physical processes in liquid rocket combustion chambers and nozzles”.

Um dieses Ziel zu erreichen, beschloss das MSFC, beide Veranstaltungen Mitte Januar & Ende Juni 1991 in Huntsville zunächst als ein ‚minute meeting’ und dann als ‚workshop’ durchzuführen. Verbunden damit war die Entscheidung, deren Vorbereitung und Ablauf an die UAH zu ‚outsourcen’. Mehr noch: Ein Zwei-Jahres-Vertrag (1990-1992/NAS8-36955) verpflichtete die beteiligten Universitätswissenschaftler der UAH, die MM in ihren Grundlagen kritisch zu durchleuchten. Damit sollten vorrangig peinliche Fragen unterlaufen werden. Wie wollte man auch erklären, dass das MSFC den Autor der MM zunächst gegen Mr. P. R. J. hatte antreten lassen, um ihn anschließend zu demontieren? Warum das aber? Weil bereits der Beschluss des ‚Konklave’ vom Februar 1985 durch den Veranstalter missachtet und seltsamerweise (mit Datum vom 13. November 1991!) in einer Weise vom MSFC ‚protokolliert’ wurde, als ob ich, wie die anderen drei Professoren im ‚Konklave’ lediglich als (passiver) Besucher  am Workshop 1985 teilgenommen hätte. Entgegen der tatsächlichen Beschlusslage, die Theorie von Mr. P. R. J. ersatzlos zu verwerfen. tritt plötzlich die Forderung auf, an ihrer Stelle

an extended Code, based on rigorous theory, should be developed as a supplement to the Lewis Code.

Fakt war auch, dass im strengen Sinn unter der Apposition „based on rigorous theory“ die MM gemeint war; eine andere ´rigorose Theorie` stand der NASA damals gar nicht zur Verfügung; so war einzig die MM Gegenstand der Diskussion im ‚Konklave’. Das aber änderte sich ab 1987:

As a consequence MSFC initiated modifications of the ›One Dimensional Equilibrium (ODE)‹  program alloted to the NASA Lewis Research Center (LeRC or NASA Lewis) and subcontracted (No. 5312-80) to Sanford Gordon & Associates to include the finite area combustion effect.

Damit lag 1988 endlich die empfohlene Erweiterung des Standard-Lewis-Algorithmus (NASA TM-100785) vor, um den von Mr. P. R. J. propagierten Einfluss der charakteristischen Querschnittsflächen eines Raketenmotors endlich zu berücksichtigen. Dabei springt eine Frage sichtlich ins Auge: Warum  hat das NASA Lewis eine solche Aktion in Konkurrenz zu Mr. P. R. J. Ansatz’ nicht schon fast 20 Jahre vorher mit ihren dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik widersprechenden Methoden durchführen können, gar sollen? Jetzt machte Dr. Zeleznik sogar aus der Not eine Tugend, indem er ›im Namen der NASA‹(!) diesen inzwischen ehernen Grundsatz der modernen Physik für die USA(!) – bis heute unwidersprochen –  öffentlich außer Kraft setzte. Und die der NASA verpflichteten Firmen & Universitäten sollten dann entsprechend der obligatorischen Political Correctness die MM über deren physikalische Basis, die Alternative Theorie (AT), als unbegründet zurückweisen.

Tim Boson:

Warum aber  z w e i  ‚deutsche’ Veranstaltungen? Die erste, geplant mit Gottfried Falk, Karlsruhe, die zweite mit Dieter Straub, München? Beide Namen findet man heute in der Literatur im Kontext mit zwei – von Ihnen, Professor Straub, eingeführten – miteinander untrennbar verbundenen Grundbegriffen moderner Systemtheorie: »Gibbs-Falk-Dynamik (GFD)« und »Alternative Theorie (AT)«. Gibt es einen charakteristischen Unterschied zwischen der GFD und der AT?

TSWS:

Aus meinen beim MSFC deponierten Unterlagen lässt sich unschwer entnehmen, dass die AT nichts anderes ist – als die Gibbs-Falk-Dynamik (GFD), überführt von deren Phasenraum in den Beobachtungsraum der AT mittels der drei Raumkoordinaten sowie der ‚irreversiblen Zeit’. Wie in der AT (und nicht in der GFD!) gezeigt wird, bietet sich erst durch diese Transformation die Möglichkeit, Irreversibilität systematisch durch einen strengen mathematischen Formalismus quantitativ auszudrücken. Traditionell befassen sich damit Naturwissenschaftler & Ingenieure in den Disziplinen ‚Strömungslehre, Gasdynamik, Gaskinetik, Thermofluiddynamik. Für die Praxis bedeutet das zweierlei: Mittels GFD & AT erkennt man zum einen die grundlegenden Fehler in der mathematischen Struktur der konventionellen Navier-Stokes-Strömungsgleichungen (N.-S.-Gln.) sowie in den Verknüpfungen der N.-S.-Gln. mit ihren entropischen Elementen. Klassische Strömungsmechaniker verstehen z. B. den Schlussteil des letzten Satzes meist nicht, da Entropie & Temperatur für ihre rein mechanistisch geprägten Vorstellungen Fremdwörter sind.

Zum anderen lassen sich aus der AT die physikalischen Konsequenzen für die N.-S.-Gln. nachweisen, mit denen man rechnen muss, falls man z. B. einen realen, d. h. dissipativen Strömungsprozess durch einen isentropen (d. h. dissipationsfreien) Ersatzprozess (E idealer Vergleichsprozess) approximieren darf/will. Das sind ganz praktische Optionen, die indes im Final Report (NASA-36955 D. O. 77) der University of Alabama in Huntsville (UAH) – September 1992 – mit einem Verdikt belegt sind:

„It is understandable that the Navier-Saint Venant equation of motion (e. g. the N.S.-Gln. following from the AT) at present cannot be used for actual projects”; (p. 15).

Tim Boson:

Gerade wegen des engen Verbunds von GFD & AT verstehe ich immer noch nicht, wieso die beiden Meetings in 1991 so geplant waren, dass die beiden Vortragenden getrennt von einander anreisen und sich der Kritik stellen sollten. Hatte das organisatorische oder gar nur ‚taktische’ Gründe?

TSWS:

Offensichtlich glaubten einige besonders clevere Strategen in Huntsville, durch eine durchtriebene Aufmerksamkeit gegenüber dem Karlsruher Professor für Mathematische Physik Gottfried Falk selbigen in die USA locken zu können, um ihn gegebenenfalls in seinen Ansichten gegen mich auszuspielen. Eine solche Unterstellung ist an & für sich wenig ‚gentlemanlike’, aber in meinem Fall dank Flavius Vegetsius (s. o.) leider beweisbar.

Unglücklicherweise war Professor Falk damals schon so krank, dass er nicht mehr in die Vereinigten Staaten reisen konnte. Aber Professor Wolfgang Ruppel, sein enger Freund & Co-Autor zweier bekannter Standardwerke über Theoretische Physik (in deutscher Sprache), war gerne bereit, der Einladung an die UAH zu folgen, um zwischen dem 9. & 14. Januar 1991 auf der Basis dieser beiden Lehrbücher zwei Seminare abzuhalten. W. Ruppel wählte dazu als Schlüsselbegriff den Ausdruck ´Gibbsian Thermodynamics`; der ist von vorneherein irreführend, denn dieser Ausdruck kommt bei Falk aus guten Gründen überhaupt nicht vor (und damit auch in keinem der beiden Referenzwerke aus 1976 & 1977 von Falk & Ruppel!). Dennoch kamen Ruppels Darlegungen offensichtlich bei den Seminarteilnehmern gut an. Somit muss man leider vom Fluch der guten Tat sprechen. Denn das Abschlussprotokoll zum ‚Meeting Minutes’ an der UAH enthält zum Thema ´Gibbsian Thermodynamics` das folgende Fazit (p. 47):

„The concept was accepted in its abstract formulation, but questions with respect to some applications were not resolved. Prof. Ruppel will give us his answer shortly, after he has looked at the problems from the different points of view presented at the meetings”.

Vorausgegangen war die Suche nach „a direct correspondence between „Falk-Ruppel’s theory and the Navier-Stokes equations…“ als bekannteste Manifestation von Irreversibilität in Strömungen. In ihren beiden gemeinsamen Büchern werden solche für die Ingenieurwissenschaften wichtigen Items mit keinem Wort erwähnt; sie lagen stets völlig außerhalb der Interessensphären beider Karlsruher Physiker.

Tim Boson:

Jeder unserer Leser, der rückblickend bedenkt, welche Anstrengungen die MSFC-Leute seinerzeit unternommen hatten, Sie zu einem Besuch von Huntsville, Ala zu überreden, kann sich beim jetzigen Stand unseres Gesprächs nur noch wundern. Warum dieser Aufwand, warum die Einladung von Falk & Ruppel mit dermaßen mageren Ergebnissen? Sollte damit eine Art von Spaltpilz eingeschleust werden, der die Atmosphäre des Auditoriums an der UAH und am MSFC beim zweiten Meeting in 1991 von vorneherein vergiftete, bei dem Sie ‚die Hosen herunterlassen’ sollten?

TSWS:

Ich denke nicht, dass eine solche Aktion beabsichtigt war, dazu waren – soweit man dem Protokoll vertrauen darf – die beteiligten Wissenschaftler der UAH einschließlich des Gastredners viel zu unvorbereitet, gar zu naiv. Ihre Auftraggeber erwarteten von ihnen eine indirekte Analyse meines Raketentriebwerkbuchs in Bezug auf einige völlig neue physikalische Begriffe & Zusammenhänge. Deren Funktion sollte für den physikalischen Grenzfall, der die Münchner Methode (MM) definierte, geklärt werden. Dieser »vollständig isentrope Referenzprozess unseres Systems« –  also die physiko-chemischen stationären Zustände des strömenden Verbrennungsgases, beginnend vom Punkt der Zündung entlang der zylindrischen Brennkammer und der Lavaldüse bis zum Düsenaustritt – ist der im Mittelpunkt meines Buchs stehende Ideale Vergleichsprozess. Und siehe da, plötzlich taucht dort die als Manifestation realer Strömungsabläufe bekannte, ehrfurchtgebietende Navier-Stokes-Bewegungsgleichung auf (p. 124f), aber eben nicht als korrekter Grenzfall einer viel allgemeineren Bewegungsgleichung (NavierSaint Venant Equation of Motion). Alles war neu. Für mein Raketentriebwerksbuch war allein relevant, dass im isentropen Grenzfall nur die Venant-Bewegungsgleichung in die korrekte Eulersche Bewegungsgleichung übergeht, aber nicht die N.-S.-Gln. Von daher erweist sich eben die MM als eine vollständig konsistente, physikalisch exakte Theorie. Deren mathematische Basis ist meine über die Gibbs-Falk Dynamik (GFD) hinausreichende – aber erst im Jahr 1997 erstmals in Buchform veröffentlichte – Alternative Theorie (AT). Genauer: Alternative Mathematical Theory of Non-equilibrium Phenomena. Academic Press: San Diego 1997.

Tim Boson:

Ihre Ausführungen zeigen mir, dass Sie für das zweite Meeting gut vorbereitet gewesen sein müssen, denn es ging ja doch überwiegend um Problemstellungen, die in den USA damals eher wenig ‚populär’ waren. Sie haben mir kürzlich erzählt, dass der Workshop-Manager Ihnen am 25. Juni 1991 zur Vorbereitung fast 30 Fragen zu Ihrem Buch  ‒ „Queries for D. Straub“ ‒ vorab übermittelt hat. Was passierte also?

TSWS:

Gar nichts. Oder genauer: ich weiß es nicht mehr mit Sicherheit. Ich hatte am 21. Juni 1991 beim Frühstück einen schweren Herzinfarkt erlitten. Der bereits gebuchte Flug in die USA musste ‚rückabgewickelt werden“. Der Workshop in Huntsville wurde kurzfristig abgesagt. Jede Perspektive damals war spekulativ und erübrigte sich bis Mitte August.

Verehrter Tim Boson: An dieser Stelle erlaube ich mir, ein ganz persönliche Bemerkung in unser Gespräch einzubringen: Besagter Herzinfarkt erfolgte an einem Tag, dessen Datum mir in besonderer Erinnerung geblieben: Es war der 50ste Jahrestag von Hitlers Überfalls der UdSSR. Dieses Datum – 21. Juni 1941 – markierte letztlich den Ausgangspunkt einer Tragödie, die Sie und mich in zwei unterschiedlich konditionierte Hälften deutscher ‚Kriegsverlierer’ aufteilte: Ich verbracht meine Jugend im Wirtschaftswunderteil, Sie in der DDR, von der wir ‚Westler’ kaum Etwas wussten. Und jetzt sprechen wir gemeinsam über Etwas, das genau in der Zeit der Perestroika und der Wiedervereinigung Deutschlands ablief und in der noch die Spielregeln des Kalten Krieges galten. Ich denke, man sollte diesen Aspekt unserer Geschichte mit in Rechnung stellen.

Tim Boson:

Nun ich denke auch, TSWS, ich für mein Teil muss immer wieder daran denken, dass all das Technologische, das man gemeinhin so selbstverständlich hin nimmt – vom Handy – über GPS bis zum Satellitenfernsehen oder auch das Internet ohne Raumfahrt nicht zu denken ist, und somit eine  SPRECHENDE GESCHICHTE hat, und ich hoffe, dass ihre Geschichte und unser Gespräch auch mit dazu beiträgt, dass diese Historie nicht immer nur wortlos und geschluckt einfach so in den Zeitlauf eingebaut wird, sondern sich so auch tatsächlich einmal wenigstens zum Teil reflektieren lässt.
Was den speziellen Zeitabschnitt betrifft, den sie ansprechen, da ist es klar, dass ich zu dieser Zeit ein völlig anderes Grundverhältnis habe. Ich gehöre zu einer Generation, die erlebt haben, dass nichts wirklich sicher ist und alle Mauern irgendwann Risse bekommen und schließlich fallen.  Gut, Sie kennen das ja auch noch. Ob das vielleicht sogar eine zwingende Folge der Entropie ist, frage ich mich hier salopp, aber das heben wir uns wohl für die nächsten Teile unseres Gesprächs auf.  (Fortsetzung folgt)

Tim Boson: Die Lichtgeschwindigkeit: Eine Erinnerung.

Ein Bild unserer Welt: Der Moment des Hörens: Jack Bradlay fotografierte einen taub geborenen Jungen, der zum ersten Mal hört, was „Hören“ ist. Der Moment zeigt den Moment, in dem das Hörgerät eingeschaltet wird.

Tim Boson: Gibt es so etwas wie einen Neid auf das Universum?

Ich, Tim Boson, erinnere mich  – beinahe könnte man sagen – dunkel – an viele viele Menschen, Remineszenzen, schattige Gestalten aus meiner Vergangenheit, die einmal in ihrer so genannten Jugend durchaus angerührt waren vom Kichern der Sterne, ihrem Glanz und von dem Zwinkern des Mondes. Vom Sog dieses Universums. Die Sterne waren unsere Freunde und Träume, die viele von uns einmal hatten. Aber irgendwann wurde dann eben anderes wichtiger.

Tim Boson: Meine Träume sind es noch.

Dann, irgendwann, drangen die Geschmäcker, die Ansichtssachen, aber auch die kleinen Sicherheitsbedürfnisse und irdischen Annehmlichkeiten in unsere Sternen-Kreise ein, die Witzigkeiten, die kleinen Sarkasmen und Lebensführungen, die Tricks,  die Rückversicherungen und die gespielten und wohlüberlegten Lässigkeiten und designten Förmlichkeiten infizierten unsere Töne und Träume mit einer eigenartigen Krankheit. Wir nannten diese Krankheit Klugheit.  Klugheit – nicht Bildung, nicht Wissen, nicht Denken, nicht Unruhe.
Die Klugheit ließ uns plötzlich eine Art Existenz-Mikado spielen. Man passte plötzlich wahnsinnig genau auf, keine Stäbchen mehr zu bewegen. Und wenn, dann sollte es nur das Stäbchen mit der richtigen Farbe sein. Die Farbe, die sich mit den Farben des Milieus vertrugen, mit der richtigen Reihenfolge.  Oder mit den eigenen Idiosynkrasien oder denen eines Publikums, eines Auftraggebers. Vorzeigbare Farben. Oder man bewegte nur noch das Stäbchen, was sich noch einfach, ohne großen Aufwand wegnehmen ließ. Das sich schnell anbot. Existenz-Mikado: Merkwürdige Spielregeln ließen die Sternenträume plötzlich verblassen. Diese Spielregeln hießen: Seinen Platz finden oder sie hießen: Seinen Platz halten……oder sie hießen: Seinen Platz parfümieren. Oder sie hießen: Heute sind wir alle mal dagegen. Oder sie hießen: Heute sind wir mal ein bisschen lustig.

Tim Boson: Naja…ich blieb…mehr oder weniger…von der ganzen Schwere der Spielregeln dieser Art verschont.

Tim Boson: Wirkliche Träume lassen sich aber nicht verarschen.
Nicht auf Dauer.

Tim Boson:
Mich haben die Sterne  erwischt als Sechzehnjähriger in den Mittagspausen unter dem Einsteinturm in Potsdam. Auf einer Bank.  Meine Lehrzeit als Elektroniker beim wissenschaftlichen Gerätebau. In der Tasche den zerknitterten Stanislav Lem von Reclam. Ein früher Roman von ihm hieß:
Der Unbesiegbare.
Klar, so hieß auch gleich mal ein großes Raumschiff.

Aber irgendwie war die Mannschaft, in diesem Roman, ihrem eigenen Raumschiff, das Der Unbesiegbare hieß, und dem Planeten, den es besuchte, oder dem  eigenen Auftrag nicht gewachsen. Die Mannschaft ging an merkwürdigen Symptomen zu Grunde: Sie infantilisierte. Schließlich fand man nur noch die Zahn-Abdrücke versuchter Nahrungsaufnahme in den Seifenstücken der Waschräume. Neben angefressenen Kondom-Verpackungen. Das Raumschiff selbst aber blieb unversehrt.

So sind Träume: Sie sind Raumschiffe. Sie sind unbesiegbar.
Im Positiven wie im Negativen.

Tim Boson: Träume können überfordern. Sie müssen es sogar.

Aber wie heißt es so schön: Man muss es eben dann auch wirklich mal tun. Machen. Und das kann dann anstrengend werden.

Und deshalb kam irgendwann Heinrich von Kleist. Ein absoluter Knall.

Dass Kleist ein Science-Fiktion-Autor ist, aber das ganze Gegenteil von einem Phantasten, war mir irgendwie bald schnell klar.

Und dann: Der Golem: Die Natur der Technik – auch das hat gezackt.

Und Honest Ani , eine gänzlich schweigende artificial intelligence.
Ihr Schweigen hat mich noch einmal stark angesprochen.

Ein großes, etwas schwieriges Projekt in Hellerau bei Dresden über mehrere Jahre zusammen mit einem neugierigen, forschenden und fragenden und deshalb anwesentlichen Freund. Mit einem Co-Regisseur, Dialogpartner und dringenden Fragensteller. Ein Fragensteller – also das ganze Gegenteil von einem Kulissen-Steller. Kein Wände-Anmaler. Kein lausbübischer Gedanken-Simulant.

Träume sind das Ernste und Wirkliche, in das man vom Leben hineingestellt sein kann. Neben der Liebe natürlich. Ihr wesentlicher Inhalt sind Fragen. Ihr Ernst-Sein ist ihr Anspruch und ihre Schönheit und verlangt Ausdauer, Kraft, Energie, Risiko und Mut. Sie binden auch viel Lust und Zeit.
So war es immer auch mit der Luft- und Raumfahrt.
Heinrich von Kleist wusste das.

Träumen wird man nicht damit gerecht, dass man sie so ein bisschen träumt.
Dann hat man sie nicht verstanden.

Oder dass man bloß etwas interessant findet oder merkwürdig oder ästhetisch.

Träume sind Raumfahrt. Und: Man kann sich Träume eigentlich nicht aussuchen.

Träume hat man nicht. Träume sind.

Aber man kann sie natürlich verschludern, überdecken, ausbleichen, zum Schweigen bringen, also verlieren, an das zunächst immer Machbare, an das Leichte, an das Gekonnte, an das schnell und einfach Kommunizierbare. An das Ausgeglichene. Vor allem aber verliert man Träume an die Fähigkeiten, in denen man vermeintlicherweise von Anfang an gut ist. Also man kann Träume auch an das eigene Talent verlieren. Man kann Träume sogar an die Kunst verlieren. An das Artistische. Wo die Kunst beginnt, hört der Traum auf.
Nur im Explosiven, im Strömenden in den Fugen und Rissen, im  Risiko, –  dort lebt der Traum. Nicht im Handwerk. Nicht in der Dienstleistung. Nicht im Interessantheitskatalog. Nicht im Produkt. Nicht im Kolloquium. Nicht in der bloßen Nachdenklichkeit. Nicht im Aperçu. Nicht im Gemachten. Nicht im Meeting. Nicht beim Stammtisch. Und auch nicht in der Simulation von Ästhetik.

Natürlich muss er da auch einmal durch, der Traum. Aber leben und überleben – tut – er woanders.

Oder man findet Entschuldigungen. Ausreden. Sehr sehr taugliche und ehrliche Ausreden. Oder sogar Schuldige. Dann ist man das ewige Opfer. Der Übergangene. Der Verkannte. Und so entschuldigt man sich ein ganzes Leben lang. Und beschuldigt dafür Andere. Man beschuldigt den Commerz, den Pop, den Kapitalismus oder irgendwelche bösen Verhältnisse, eine schwierige Kindheit.., und glaubt, dass das ausreicht für einen Traum. Man glaubt, dass ein Traum schon genug genährt ist, wenn man Schuldige benennt, oder einfach nur „Kritik übt“  Und man selbst sich auf der Seite der „Richtigen“ wähnt. Mit ein paar augenzwinkernden Ironien natürlich, so ganz blöd ist man ja nicht.

Aber für einen Traum reicht das nicht. Dann hat es sich ganz schnell ausgeträumt. Man blättert noch ein paar Bücher, hört ein bisschen Musik, macht seine Arbeit, das war’s.

Wer Träume nur träumt, hat keine. Träume sind reale Wege oder sie sind nicht.
Träume sind keine Werke. Keine Spielpläne. Keine Terminkalender. Sie sind Fluten. Sie sind auch keine Arbeit im einfachen Sinne. Träume sind auch keine Kunst, Hervorbringungen oder Leistungen, Kunst und Arbeit können Träume sogar kaputtmachen. Weil sie damit nichts zu tun haben. Träume sind der Antrieb, eine Brennkammer, ein energetisch-informeller Reaktorkern, ein Motor. Eine Unruhe, ein Motiv. Träume sind Ströme. Der thermische Hauptstrom. Alles, was auf diesem Strom passiert und verwirbelt gehört dazu.

Oder sie sind eine Sonde. Die Richtung für Sondierungen. Eines Weges.

Träume haben noch nicht mal etwas mit dem schnell dahin geworfenen Begriff „Leben“ zu tun. Oder mit der Kitsch-Attribution „Gerne Leben.“

Träume sind keine Kulissen und auch keine Bühnen die man zur Selbstdarstellung hervorkehrt oder um sich den Anstrich von Interessanz oder Tiefe zu geben. Nein, Träume sind der Ernst. Kein „heiliger“ Ernst. Aber ziemlich ernst. Und so wollen sie auch behandelt werden. Genau so. So behandeln sie uns.

Träume sind Anlässe, sich unmöglich zu machen und zwar: sich wirklich unmöglich zu machen, und zwar so unmöglich, dass man sogar sich selbst manchmal dabei peinlich werden kann. Sich selbst peinlich machend bis hin zu unmöglich.

So sind Träume. Oder es sind keine Träume.

Ein Traum sagt: Man muss es dann eben auch wirklich mal tun!
Das ist dann natürlich anstrengend.

Wir also waren damals verzaubert und verwirrt von dem drängenden und so unfassbar klaren  Geruch  dieses Universums, – ja es hat eine Art Geruch – von seiner Offenheit und seiner Möglichkeit von Zukunft und den schönen offenen Horizonten vieler Fiktionen und Visionen.
Die wir in unserer so genannten frühen Jugend besprochen, verschlungen, gelesen – erdacht – oder in die Filme  hineingesehen hatten. Geheimnisse. Weite. Tiefe. Große, langsam dahinschweigende cinematografische Raumschiffe. Schiffe, Ja!  Und wie anrührend: Jedes Hineinspüren, Hineinsehen in dieses Universum will und wollte immer Fiktion, Geheimnis und Rätsel, Entbergung; Lösung und Entdeckung; Gefangensein und Entkommen zugleich.

Und meinte auch immer: Reale Zukunft. Realistische Zukunft. Unterwegs sein.

Aber doch: Das Hineinspüren in das so zukunftsvolle  Universum fühlt sich auch immer an wie eine tiefreichende Erinnerung, eine Remineszenz. An eine weit entfernte Vergangenheit.

Das ist vielleicht das Seltsamste an diesem Hineinsehen in die Sterne: Es will so unbedingt Zukunft und Morgen und Weite und spürt doch ganz automatisch eine tiefe Vergangenheit. Der Blick in den Sternenhimmel ist der einzige wahrhaftige Vergangenheitsblick, der deshalb auch unverlogen Zukunft produziert. Eine futuristische Remineszenz. Für mich die einzig erträgliche Art, Vergangenheit schön zu finden: In das alte neue Licht der Sterne zu blinzeln.

Ein Licht, das von Gestern ist und jedes Mal so unheimlich zukünftig.

Tim Boson: Die Sehnsucht nach den Sternen ist die einzig legitime Sehnsucht nach Vergangenheit. Es gibt keinen besseren Dienst an der Vergangenheit als den Dienst am Universum. Von dort kommt die Zukunft und alles was geliebt werden kann.

Ich, Tim Boson, denke an das Blau, an das funkelnde Schwarz. All dieser zukünftigen Vergangenheiten. Die mich immer gereizt haben.  Ich erinnere mich. Genau so, wie die vielen vielen Menschen, die einmal in ihrer frühen Jugend…..damals… so angefasst waren von diesem Zauber…in Vorstattkinos oder in verschwitzten Paperbackausgaben irritierender Geschichten. In den narrativen Stern-Warten. Den Gegen-Warten eines Blicks.

Irgendwann aber vergeht diese frühe Jugend und man lernt die irdischen Annehmlichkeiten näher kennen und – durchaus – durchaus: schätzen. Und die Sterne und der Mond werden so ganz allmählich stiller und leiser. Viele tauschen ihren frühen unfassbaren, beunruhigten Stern- Warten-Blick in Nähe ein. Gegen das Nahe, das Jetzt, gegen die Erde. Der Alltag ruft. Das Unternehmen. Das Brot. Das Fortkommen. Die Familie. Das Machen und Tun.  Man tauscht die Positionen der Sterne gegen Positiönchen. Nicht alle tun dies. Den Sternen sei dank.  Aber sehr viele dann eben doch. Naja, es ist ja auch notwendig irgendwo….realistisch zu bleiben.

Seien wir doch mal realistisch.

Genau, seien wir realistisch!

Damals…als wir sehr jung waren.

Viele Menschen tauschen das unfassbar schöne und funkelnde Universum ihrer Jugend ein gegen ein halbwackliges, pseudostabilisiertes und pflegeschweres  Ego.

Höchstens dass man die Sterne noch in den Augen einer Liebe wiederentdeckt. Was auch sehr schön ist. Dann ist es schön. Aber dann….

…wenn man die anderen, die großen Sterne, die wirklichen Sterne doch noch im Herzen hat, dann verbirgt man sie jetzt, lässt sie vielleicht manchmal noch halberstickt blinken, findet sie wie Krümel und verbogene Kürzel in den Innentaschen gelegentlicher Flüstereien. Unter dem Tisch zitiert man sie noch. Halbverschämt oder gar witzelnd. Oder ironisch verkleidet. Oder man drückt sich – allein – heimlich vielleicht noch einmal in die Nachmittagsvorstellung irgendeines Programmkinos, das gerade noch einmal einen dieser Sehnsuchts-Schmacht-Streifen von damals hervorgeholt hat für ein paar zerstreute Köpfe in den Stuhlreihen.
Langsam dahingleitende Schiffe mit der so genannten LICHTGESCHWINDIGKEIT der Filme.
Man schaut – wie man sagt: Einen alten Science Fiktion. Angefasst von einem alten Gefühl und einer Tüte mit Studentenfutter.

Irgendwie spürt man: Inmitten einer agenda-gesetteten Kultur wäre kaum etwas  befremdlicher als plötzlich auf dem Spannteppich stehen zu bleiben und auszurufen:

Aber die Sterne!! Das Universum!!

Es sei denn, man ist  selbst Astronom geworden. Es sei denn, man ist selbst ein Berufs-Sach- und Fachverständiger in Sachen Weltenraum. Aber auch hier droht oft die Einmauerung dieses Funkelsten aller Themen in den Berufsalltag zwischen Wasserspender, Farbkopierer, Büro-Intrige, Budjet-Zuteilung, Interessenvertretung und Karriere-Ventilator.

Nicht allen unter den Professionellen passiert das. Den Sternen sei dank.
Aber doch vielen.

So findet man unter den Astrophysikern oder den Raumfahrt-Ingenieuren berufsbedingt nicht sehr viele wirklich ernsthafte Träumer, nicht sehr viele wirklich Angefasste. Also solche Träumer, die auch bereit sind, sich vor sich selbst und vor anderen unmöglich zu machen. Auch wenn sie es vielleicht in ihrer frühen Jugend einmal waren. Denn Leidenschaft und Professionalität – heute würde man sagen – mitteltemperierte oder diplomatische Teamfähigkeit vertragen sich nicht immer sehr gut. Mit eben dieser Leidenschaft. Leider. Merkwürdigerweise. Auch: Notwendigerweise

Ja, auch dieses Manko bleibt irgendwo notwendig. Sehr sehr notwendig. Denn Technik und Forschung  braucht auch die Trockenheit. Die Routine, die Abläufe, das Schema. Die Exaktheit. Die Perfektion. Das Unaufgeregte. Das Professionelle. Die Einhaltung von Abfolgen, das Agenda-Setting. Das Sichere. Das weniger Phantastische.

Aber manchmal kann dieses Sichere, Unaufgeregte und Professionelle, das Agenda-Gesettete eben auch gefährlich werden. Ein Systemfehler, der zum Totalzusammenbruch führt.

Ja, manchmal kann das Nichtaufgeregte oder das „Gentle“ oder der Common sense unter Umständen richtig gefährlich werden.

Ich bin sehr froh, einen Menschen kennen gelernt zu haben, dem es gelang, seine Leidenschaft und seine Neugier bei aller auch schon wieder unfassbaren Professionalität zu bewahren und mit ihr zu verkoppeln.

Ich nenne ihn hier mal „Den Raketenprofessor“ TSW Salomon.

Ich sage „Raketenprofessor“ – weil man so etwas normalerweise nur aus Trickfilmen kennt, die Samstag vormittag im Fernsehen laufen.

Aber es gibt sie wirklich.

Ein Raketenprofessor, Physiker, Mathematiker und Thermodynamiker „vor dem Herrn“ , der ein „Raketenbuch“ geschrieben hat und ein Buch zur Mathematik von Nichtgleichgewichtsprozessen und ein Buch zur Aufklärung historisch-philosophischer Verwickeltheiten in Sachen Physik. Alle sind wohl echte Zukunftsbücher und als solche würde ich Sie hier sogar einem guten Begriff von „Literatur“ zuordnen. Ja, sogar der Philosophie, von der Heidegger sagte: „Das Ende der Philosophie ist erreicht, wenn sie in den Wissenschaften aufgeht.“  Obwohl diese Bücher sicher nicht einfach zu lesen sind und hier und da auch mit Formeln gespickt.  Aber ein Joyce war ja auch nicht einfach so zu lesen und voller Formeln. Nur komischerweise interessiert mich ein Raketenbuch heute – noch etwas mehr als, sagen wir mal: Ein poststrukuralistischer „Roman“ oder ein so genanntes „Drama“.
Kleist und die  anderen echten Raumfahrer unter den Dramatikern mal ausgenommen.

Tja, was gibt es noch zu sagen. Ich wollte mich erinnern an alte Bekannte, die auch mal was wollten, die auch mal mehr wollten als das, was sie so tun. Die einmal angefasst waren vom Zauber des Universums, seiner Faszination seiner Vergangenheit und Zukunft. Aber es kann oder muss auch nicht jeder so einen unbedingt intensiven Wahr-Traum  haben. Der dann wirklich auch anstrengend ist:

Dass man es dann eben einfach auch mal tut.

Das Universum lässt sich nicht verarschen.

Neogravitation. Formodulation der Raumzeit.

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Zur Erweiterung der Relativitätstheorien.

*εντροπία (Entropia altgriech: Hineinwendung, Eindrehung, Kehre)

Zeit, die unsere Persona einlöst. In einer Zeit, die unsere Masken ablöst und auslöst. Zeit, in der wir das System, den Beobachter, das Milieu, unsere Du’s und Ich’s sich ereignen lassen in Ereignissen zu Gewichten, die  aber nicht dort  gewichtet werden oder hier nur gesichtbar sind; die sich immer wieder neu ereignen, herausdrehen und hineinwiegen, nicht nur in einem anderen Raum  – in einer anderen, neuen Zeit.  Zeit, die wir vernehmen, als die sich immer Ereignende im Fliehen wiederkehrend, einkehrend, ins neue Eigene hinein. Das Ereignis. Zeit, die  sich eignet im Gewicht von Sichtung. Die wir nicht mehr aushandeln müssen oder tauschen müssen oder erzählen müssen oder ausmessen müssen: Zeit, die wir nicht eintauschen müssen, weil das Müssen jetzt in einem Können sich erkennt, in dem es als ein Müssen oder Müsste wiedereinkehrt, aus dem dann wieder ein Könnte sich herauskehren kann – dann – in dieser Zeit  – lösen wir die Gleichheitszeichen aus den Formeln ihres Zahlentauschs,  aus den Rechnungen ihres Warentauschs, aus den Taschen ihres Münzentauschs, enteignen die Gleichheitszeichen aus dem Auge des Gesichtertauschs,  aus den Zähnen eines Leistungstauschs, den Kesseln ihres Arbeitstauschs, den Gebeten unseres Gnadentauschs, aus den Zungen  ihres Wahrheitstauschs,  aus den Händen ihres Schlagabtauschs – hinaus holen wir die Gleichheitszeichen aus der lauen Wärme ihres ganz urkalten Schnees und befreien sie hinein in ein großes UNGLEICHHEITSZEICHEN: so in die Welt hinein, dass kein Gleiches mehr verglichen werden kann, wo doch immer nur ein Ungleich nach Ungleich zum Ereignis  sich eignet und wiegt – hier –  – gewogen wird – dort. Vorüberströmend…

Das kollektive Unbewusste: Du sollst Dir kein Bild machen. Denn dieses Bild ist schon wieder das nächste Bild. Ein anderes in einer neuen Zeit. Denn Zeit und Formen fliehen, weil sie fliehen müssen. Keine Konstanten. Du selbst bist dein Bild und bist es nicht.

Zeit, die sich enteignet in Zahlen, Worten, Gedanken, Funktionen, Begriffen, so warm  wie Münder und Hände, wo sie als Begriffe erst im Ergreifen einkehrend ausskehrend sich begreifen, erfahren, und besprechen, als Sprache; als Zahlen sich erzählen, als Formeln sich einformeln und ausformulieren in der Zeit – aus der sie immer schon gekommen waren und gewesen sein werden, in der sie sich eindrehen und wieder hinauskehren: Zeit, die Subjekt und Objekt nicht mehr versteht als einsam oder zweisam oder dreisam oder viersam hin – und – her- schaukelnde Quanten, sie s o nicht mehr erkennt. Zeit, die wir erleben als wiederkehrend Fliehende, gehalten ungehalten, frei wie in Ketten eines Karussells mit wehen Haaren treibend nach aussen, von innen gezogen, nach hinten geworfen, nach vorne rotierend – weiter erfahrend als Ganzes in Fahrt – uns selbst durch die Zeit  zu Formen erschweren und wieder erleichtern nach vorn – dann – erst – können wir die Raumzeit verbiegen. Die Gravitation selbst ereignen. Und werden ganz leicht. Dann haben wir sie schon verbogen, und fahren auf keiner geraden Geraden mehr; und das vielleicht zum aller ersten Mal. Dann erst ist alles wirklich – ungleich. Und damit nicht mehr austauschbar. So werden wir, weil nichts mehr wirklich gleich sein kann, zum ersten mal All uns ähnlich.

Teil 2 : Entropie – Kreativpotential der Natur. Interview mit Prof. T.S.W. Salomon

*

Du hast wohl recht; ich finde nicht die Spur
Von einem Geist, und alles ist Dressur.
– J. W. Goethe: FAUST I. ‚Vor dem Tor’ –


Tim Boson:

))……..und dann bekamen Sie einen Anruf? (Ende 1. Teil)

TSWS:

So weit ich mich erinnere, war es kurz nach dem Geburtstag meiner Frau im Februar 1983, als mich mein Freund und ehemaliger Karlsruher Kollege A. E. zuhause anrief, mir sagte, seine Frau & er wollten kurz meiner Frau gratulieren, und danach müsste er in einer heiklen dienstlichen Sache mit mir sprechen. Er erzählte mir dann, er wäre für einige Wochen in den USA gewesen, vor allem in Huntsville, Alabama, um alte Freunde und Kollegen beim MSFC wieder einmal zu treffen. Er hatte für mehrere Jahre bei der NASA gearbeitet, in Huntsville seine Frau kennengelernt, und wohl um 1964/65 an der Universität Karlsruhe am dortigen Institut für Angewandte Mathematik eine Dozentenstelle angetreten. Wir hatten beide die in der o. a. Vorbereitung zu unserem ‚Gespräch’ eingangs erwähnte Karlsruher AG für »Grenzschicht-Prozesse in Hyperschall-Plasmaströmungen« gegründet und geleitet. Das war der maßgebliche persönliche, fachliche und Vertrauen schaffende Bezug, ohne den es wohl nie zu meiner Kooperation mit der NASA gekommen wäre.

Tim Boson:

Sie nennen keinen Namen? Welche Funktion hatte A. E. bei der NASA?

TSWS:

A. E. will namentlich nicht genannt werden. Ich respektiere das. Er heißt gewiss nicht Albert Einstein! Von zuhause aus ist er Mathematiker, Doktoringenieur und habilitiert in Angewandter Mathematik. Nach seiner Promotion stieß er 1957 zur MSFC-Gruppe von Wernher von Brauns Mondprojekt. Dort beschäftigte er sich u. a. mit mathematischen Problemen der Ablationskühlung für thermisch hochbelastete Oberflächen per Verdampfung geeigneter Materialien, wie sie bei Raketentriebwerken und bei Hitzeschilden von Wiedereintrittsflugkörpern verwendet wurden. Als bekannteste Anwendung gilt die SATURN V, die größte dreistufige Rakete, die je gebaut wurde (10m höher als der Dom zu Unserer Lieben Frau in der Münchner Altstadt!).

Tim Boson:

Jetzt machen Sie es nicht so spannend, was hat er Ihnen mitgeteilt?

TSWS:

Ja, es war wirklich eine abenteuerliche Geschichte – betreffend die Haupttriebwerke (SSME) der Space-Shuttle-Flotte. Ich kann sie nicht in allen Details ausbreiten, kenne selbige auch nur durch A. E. und einige Mitarbeiter des MSFC. Die sind inzwischen alle verstorben oder im Ruhestand, so dass mir ihre genaue Überprüfung auch nicht mehr möglich ist.

Irgendwann 1965/66 in Karlsruhe habe ich A. E. kennengelernt. Er flog des Öfteren nach Huntsville, Alabama, wozu er dem MSFC vertraglich verpflichtet war. In dieser Beraterfunktion vermittelte A. E. auch den Kontakt des MSFC zu mir.

Bei seinem letzten Besuch Anfang 1983 berichtete ihm ein früherer enger Mitarbeiter G. K. von thermodynamischen Grundlagenproblemen, die ungefähr seit dem Erstlauf einer SSME im Oktober 1975 zu internen ‚Schwierigkeiten’ im MSFC führten. Ihm zufolge studierte man am MSFC schon Jahre vor 1969 mit berechtigtem Optimismus auf den bevorstehenden für die USA siegreichen Wettlauf zum Mond mehrere in Frage kommende Nachfolgeprogramme für die bemannte Raumfahrt – z. B. Zero-g-Forschung in SkyLabs oder eine Raumstation auf einer Erdumlaufbahn. Vorrang hatten aber bereits seit Mitte der 1960er Jahre vermehrt die Förderung vielversprechender konzeptioneller & technischer Möglichkeiten mit der Intention, eine wiederverwendbare Raumfähre in vier Phasen A bis D zu entwickeln – ganz offiziell war das Ziel ein Space Transportation System (STS). Damit wollte man – einer Empfehlung Präsident Nixons folgend – (angeblich) die Kosten für den Raumtransport drastisch senken und so die dominierende Kommerzialisierung der Raumfahrt einläuten. Zunächst erschienen vor allem die äußerst lukrativen Satellitenprogramme auf der Wunschliste ‒ besonders die geostationären Satelliten für Spionage, Nachrichten & Kommunikation, Wetterprognosen, Erdbeobachtungs- & Vermessungsprojekte! Im Nachhinein betrachtet ist aber das STS damals nur dank der Einflussnahme des Pentagon und des starken Interesses der Air Force am STS realisiert und nicht aufgegeben worden.

Tim Boson:

Bitte mal kurz stopp. Mir fällt ein, dass man hier vielleicht noch einmal deutlich erwähnen muss, dass die SSME die Haupt-Schubarbeit leisten müssen. Die weißen Feststoffbooster an der Seite brennen am Beginn des Starts zwar viel beeindruckender mit langer Flamme ab, aber diese sorgen nur für einen „Boost“ am Beginn der Startphase. Die eigentlichen Arbeitspferde sind die SSMEs.

Und jetzt noch eine Frage: Hat der Gewährsmann von A. E. keine näheren Angaben zu jenen „internen ‚Schwierigkeiten’ im MSFC“ gemacht? Es macht doch hier nur Sinn, davon überhaupt zu reden, falls jene ‚Hiobsbotschaft’ (immer noch) etwas damit zu tun hatte, was erklären würde, warum die NASA fachliche Unterstützung aus dem Ausland in Betracht zog.

TSWS:

Sie haben ganz Recht. A. E. hat jene ‚Hiobsbotschaft’ von G. K. nur im Kontext seiner Mitteilung erwähnt, wonach er auf Anfrage seiner früheren Kollegen am MSFC meinen Namen ins Spiel brachte als ein Experte, der sich seit Jahren eben mit „thermodynamischen Grundlagenproblemen“ beschäftigt. So bin ich von ihm dort etikettiert worden. Er wird wohl auch unsere Zusammenarbeit in der Karlsruher AG für ´Reentry-Flows’ sowie meine berufliche Tätigkeit Anfang der 1970er als Leiter des Basisprogramms »Rückkehrtechnologie ART« der Bonner Bundesregierung erwähnt haben. Ich habe mich übrigens dank Mr. G. K.’ Hinweis an frühere Kontakte zu ART-Mitarbeitern aus der deutschen Raumfahrtindustrie erinnert, von denen einige früher in Huntsville und anderswo in den USA gearbeitet hatten.

Tim Boson:

Haben Ihnen Ihre „Kontakte“ diesbezüglich etwas Substantielles gebracht? Immerhin ging es ja um eine neue Art von Zeitenwende ´vor und nach dem Mann im Mond`, ergo um historisch relevante Zeiten, die zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme mit Ihnen 10 bis 15 Jahre zurücklagen.

TSWS:

Ich denke schon, ich bin nur dadurch auf eine Spur geraten, über die man im reichhaltigen Schrifttum zum Thema »bemannte Raumfahrt« wenig oder nichts hört. Das STS-Projekt war stark militärisch motiviert, und der Raketen-Papst Wernher von Braun war eher ein Mann der Air Force als der Raumfahrtindustrie und deren Bosse.

Um es vorweg auf den Punkt zu bringen: von Braun nahm bei den frühen Entscheidungen über das STS in ganz ungewöhnlicher & massiver Weise Einfluss. Meine Kontaktleute, meist Deutsche und jahrelang Insider bei der NASA bzw. in der US-Industrie, waren überwiegend der Ansicht, von Braun wollte dadurch zweifellos den Versuch unternehmen, auch gewisse industriepolitische Weichen zu stellen bzw. zu behindern. Um es noch einmal zu betonen: Damals lag dass die Verantwortung für die NASA-Projekte im Fall der SSME beim Marshall Space Flight Center (MSFC) –  eine eigentlich selbstverständliche Regelung, die später unverständlicherweise abgeändert wurde, um Verantwortung(?) auf den je betreffenden US-Großkonzern als Vertragspartner der NASA zu übertragen. Von Brauns Initiative – die viele Zeitgenossen irritierte – war auch dem Wissen/der Ahnung geschuldet, dass – selbst nach seinem ganz persönlichen Triumph mit der Mondlandung sowie seinem verdienten Zugewinn an Autorität und der damit verbundenen eminenten Popularität in der westlichen Welt – die Tage seiner Tätigkeit am MSFC mit noch nicht einmal 60 Lebensjahren gezählt waren. Bereits im Februar 1970 war es ja dann auch soweit!

Tim Boson:

In jener Zeitspanne, um die es hier geht, sagen wir zwischen dem 25 Juli 1961 (dem Datum der berühmten Kennedy-Rede vor dem Kongress mit seiner Mondvision!) und Ende Februar 1983 (s. o), war ich noch garnicht geboren bzw. zu jung, um das, was Sie eben andeuteten, nicht misszuverstehen. Also: Das Alles klingt ziemlich geheimnisvoll. Klären Sie mich auf. Vor allem aber  interessiert mich „von Brauns Initiative“.
Wollte er sich nach seinem großen Mond-Triumph also vorausblickend Einfluss sichern, weil er ahnte, dass ihn sein nationalstaatlicher Arbeitgeber NASA bald in Richtung ‚Frühstücksdirektor’ oder ‚Beraterposten Industrie’ abschieben würde, wie es dann ja auch geschehen ist. Wollen Sie dazu etwas Näheres sagen?

TSWS:

Zweierlei! Einerseits möchte ich mich zu Ihrer Mutmaßung ‚Frühstücksdirektor’ nicht äußern, zumal sie mit Ihrer Unterstellung „Einfluss sichern“ überhaupt nicht zusammenpasst. Das ›MSFC History Office‹ stellte offiziell fest: „In 1970, NASA leadership asked von Braun to move to Washington, D.C., to head up the strategic planning effort for the agency.“ Ein ‚Frühstücksdirektor’-Posten war das bestimmt nicht! Nein, Wernher von Braun  h a t t e  Einfluss und nutzte ihn, um einen schwierigen technischen Konflikt zwischen den beiden industriellen Hauptkonkurrenten um die Definition des SSME-Design auf jeden Fall mit ausschließlich technischen Argumenten und nicht mit industrie-politischen Pseudo-Gründen zu entscheiden. Nebenbei gesagt, berührte diese Entscheidung unmittelbar auch meine spätere Beratertätigkeit für die NASA.

Andererseits bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt direkt auf von Brauns Initiative eingehen soll. Also halte ich mich an die Regel, die einer meiner früheren Chefs meinen Kollegen und mir während unserer Doktorandenzeit eingehämmert hat – dem Sinn nach: Ein Wissenschaftler ist kein Krimi-Autor, d. h. er präsentiert in einer Abhandlung alle notwendigen Voraussetzungen und wichtigen Daten in verständlicher Form so knapp und so früh wie möglich. Evtl. Verständnisschwierigkeiten werden dann an ‚Ort und Stelle’ analysiert, d. h.  dort, wo die Abhandlung ‚klemmt’, werden die Details der o. a. Prämissen hinterfragt, erläutert, gewogen und benutzt.

Tim Boson:

Das klingt nach einem Versuch, unsere weitere Gesprächsführung zu strukturieren: Falls ich Sie richtig verstehe, wollen Sie ‚von Brauns Initiative’ erst zurückstellen und dann später in in einen breiteren – sowie,  wie Sie sagen, „industrie-politischen“ – Hintergrund einbetten?

TSWS:

Ja, so stelle ich es mir vor. Ich halte es also für opportun, hier schon auf eine undurchsichtige (vielleicht) industrie-strategische Konstellation einzugehen, die in den USA für die ganze bisherige Raketenentwicklung und die junge Geschichte der Raumfahrt von Anfang an großen Einfluss genommen hat. Einer meiner besten Freunde, Diplomingenieur und ehemaliger technischer Geschäftsführer des führenden deutschen Triebwerkbauers, hatte selbst gute persönliche und geschäftliche Beziehungen zu einem der Konzerne, die als Player in dieser Konstellation auftraten. Er hat mir versichert, nie eine Andeutung, gar einen Kommentar von seinen amerikanischen Vorstandskollegen diesbezüglich gehört zu haben, obwohl die ihm von mir präsentierte Geschichte ebenfalls dubios vorkommt. Dass letztere mir als Motiv für ‚von Brauns Initiative’ dennoch plausibel erscheint, möchte ich vorab nicht ausschließen.

Tim Boson:

Sie sprechen vermutlich von der MTU, die seit Jahrzehnten mit Pratt & Whitney kooperiert, einem US-Konzern, der ab den 1960er im Apollo-Programm mit North American Aviation, Inc. (NAA) konkurrierte? Soweit ich weiß, handelte es sich dabei auch um einen Wettstreit um Technologien?

TSWS:

Ja, aber eben nicht nur! Man muss immer sehen, dass seit der Wende zum 20. Jahrhundert die US-Gesellschaft faktisch nach der obersten Rechtsdevise der Römer gesteuert wird – Roma locuta, causa finita. Roma steht hier für den Komplex aus WEISSEM HAUS, Hochfinanz & Großindustrie bzw. deren führende Vertreter »übergeordneter Interessen«; dafür repräsentativ war z. B. das ‚Triumvirat’ aus Theodore Roosevelt Jr., Bankier J. P. Morgan und dem Industriemagnaten John D. Rockefeller.

Tim Boson:

Verstehe ich Sie richtig: Die Devise „Wenn Rom gesprochen hat, ist der Fall beendet“ steht auch dafür, dass der ‚wilde Imperialismus im 18./19.Jahrhundert’ der USA überwunden, jetzt in geordnete Bahnen gelenkt wurde, stets auf das Wohl des Landes ausgerichtet, sowie auf die nationale Sicherheit und die stetige Mehrung des Wohlstands der US-Eliten um jeden Preis. Diese Intention galt früher nur für die Außenpolitik, jetzt aber auch für die Innenpolitik?

TSWS:

Ja, vielleicht etwas zugespitzt formuliert, aber korrekt, falls man Ihre Frage – die Vergangenheit betreffend – in den Kontext z. B. von Gustavus Myers’ Monumentalwerk „Die Geschichte der großen amerikanischen Vermögen’ stellt. Gegenwart & Zukunft betreffend, ist indes die Einsicht entscheidend: „Der Imperialismus lässt sich nicht auf eine ökonomische Erklärung reduzieren (L. Panitch & S. Gindin: Globaler Kapitalismus & US-Imperium: 2004).

Aber fahren wir mit unserer Berichterstattung fort: Bei dem Konkurrenten von Pratt & Whitney handelt es sich um ROCKETDYNE, einen US-Konzern, der die ganze technische Entwicklung der Raketenmotoren in der Nachkriegsgeschichte maßgeblich mitbestimmt hat. Aber welcher Konzern ist denn damit überhaupt gemeint? Seine Geschichte repräsentiert vielleicht wie kein zweiter Wotans Slogan „Wandel und Wechsel liebt, wer lebt: Das Spiel drum, kann ich nicht sparen!“ In der kurzen Geschichte der bemannten US-Raumfahrt war die Firma mit wechselnden Mehrheitseignern stets bei den Wettbewerbsgewinnern: ROCKET-DYNE entstand 1955 aus der Abteilung für Raketenmotoren der NAA. Als jetzt eigenständige Firma brachte sie als erste große Entwicklung ihre komplette Neukonstruktion, das Triebwerk „S-3D“ auf den Markt, welches parallel zu der US-Nachfolge-Typ-A-Serie der deutschen Rakete V-2 entwickelt worden war. Dieses so genannte Triebwerk S-3 fand bei den Jupiter-Raketen (einer Weiterentwicklung der Redstone-Rakete) und später bei der wesentlich stärkeren Thor-Rakete Verwendung. Eine noch größere Konstruktion folgte, das LR89/LR105-Triebwerk, welches bei der Atlas-Rakete Verwendung fand. Beide, Thor & Atlas, gehörten zum militärischen Waffen-Arsenal, wurden allerdings zunehmend nur noch für den Satellitenstart während der 1950er & 1960er in verschiedenen Versionen eingesetzt. Unter dem Konzerndach von NAA wurde ROCKETDYNE der Hauptzulieferer bei den Trägerentwicklungen der NASA, lieferte die großen Triebwerke für die Mondrakete Saturn V. Das H-1-Triebwerk der Firma ROCKETDYNE wurde in der Hauptstufe der Saturn I verwendet, welche im Wesentlichen aus einem Verbund aus acht Jupiter-Raketen besteht. Das gewaltige F-1-Triebwerk war in der ersten Stufe der Saturn V integriert, während Triebwerke vom Typ J-2 – dem einst größten mit flüssigem Wasserstoff betriebenen Triebwerk der USA – in den zweiten & dritten Stufen eingesetzt wurden. In summa: 1965 baute ROCKETDYNE  die allermeisten US-amerikanischen Raketentriebwerke und die Belegschaft wuchs auf 65.000!

Tim Boson:

Gab es da nicht mal einen heftigen Skandal mit dieser Firma..?

TSWS:

Allerdings, und zwar mit Folgen, die langfristig das Ende von NAA einleiteten. Der Anfang vom Ende begann 1967: Laut INTERNET wurde NAA (mitsamt ihrer Tochter ROCKET-DYNE) „nach dem Apollo-1-Unglück am 27. Januar 1967 ein Großteil der Mitschuld gegeben, da viele Nachlässigkeiten bei der Ausführung festgestellt wurden“. NAA „fusionierte dann im September 1967 mit Rockwell-Standard zu North American Rockwell“. Erst unter diesem Konzerndach gewann ROCKETDYNE, wie wir noch sehen werden, am 13. Juli 1971 unter undurchsichtigen Umständen den Wettbewerb um den Bau der SSME! Dadurch wurde die Fusion 1973 von North American Rockwell mit Rockwell Manufacturing zur Rockwell International ermöglicht, damals einemder einflussreichsten Industriekonzerne der USA.Zu diesem finanzstarken Firmenimperium gehörte ROCKETDYNE „as a major division“. Der Abstieg der Rockwell International begann fast 20 Jahre später, als ROCKETDYNE ein Teil der „Boeing Integrated Defense Systems“ wurde und Rockwell International letztlich nur noch aus Geschäftsbereichen bestand, die eigentlich nichts mehr miteinander zu tun hatten. Das war praktisch gleichbedeutend mit dem Ende des Konzerns.

Knapp 10 Jahre danach, am 2. August 2005 konnte Boeing denjenigen Konzernanteil an die ‚uralte’ Triebwerksfirma (1860) Pratt & Whitney verkaufen, der seitdem unter ROCKET-DYNE Propulsion & Power firmiert. Diese ‚späte Eheschließung’ kurierte vielleicht jene Wunden, die sich beide Partner während des erbitterten und von Wernher von Braun wider alle Spielregeln aufgeheizten Phase-A-Wettbewerbs um den Zuschlag der NASA für den Bau der SSME zugefügt hatten. Geht man heute ins Internet, so wird dem Leser verkündet, dass die SSME von der Firma »Pratt & Whitney Rocketdyne« gebaut wurde. Tempora mutantur. Soweit vorerst die Hintergrundgeschichte Teil I.

Tim Boson:

Okay, ich fasse mal kurz zusammen: Mit dem Ingangsetzen der Bemühungen um ein wiederverwendbares Space-Transport System kam es zu einer bis dahin unüblichen Groß-Beteiligung und einem Wettbewerbsprocedere verschiedener Konzerne und Firmen und es kam zu einer bis dahin unüblichen Verlagerung der Verantwortung in Bezug auf diverse Komponenten in Richtung Industrie. Diese Verschiebung und Verlagerung von Kompetenzen und Verantwortung ist also ganz wesentlich auf Wernher von Brauns Weichenstellungen zurückzuführen. Bis dahin allerdings denke ich mir auch – wie sonst hätte man ein solches System auch realisieren können? Wurde denn die Mondrakete Saturn V in den NASA-eigenen Werkstätten aus einem Stück gefeilt?  Gut, nun wissen wir, dass es hauptsächlich das Militär und die Air-Force war, die Interesse an dem STS hatte und von Braun vertrat die Interessen der Air Force – insofern macht sein Handeln aus seiner Perspektive natürlich Sinn. Denn ohne jenen Wettbewerbsdruck um Aufträge und ohne massive Beteiligung großer privater Industriezweige, hätte ein so komplexes System wie das STS nicht so schnell aus dem Boden gestampft werden können. Wobei dieses „Stampfen“ ja nun gerade zu Problemen geführt hat. Deshalb wird es wohl noch einen II. Teil ihrer Hintergrundgeschichte geben.

TSWS:

Ich halte Ihren Kommentar nicht für zielführend, weil er auf bösen Missverständnissen beruht und Unterstellungen heranzieht, die nichts mit den Fakten zu tun haben. Deshalb kurz meine Gegendarstellung: Die Verantwortung für das STS-Projekt lag damals uneingeschränkt bei der NASA. Ihr Statement „Diese Verschiebung und Verlagerung von Kompetenzen und Verantwortung ist also ganz wesentlich auf Wernher von Brauns Weichenstellungen zurück-zuführen.“ drückt bestenfalls ein Bauchgefühl aus. Die Frage der ‚Verantwortung’ kam erst später, lange  n a c h  der Amtszeit von Brauns zur Sprache! Weiter: Von Braun arbeitete mit dem US-Militär zusammen, war aber nie ein Interessenvertreter im Sinn eines Lobbyisten z. B. der Air Force! Ihre Unterstellung „Wobei dieses ‚Stampfen’ ja nun gerade zu Problemen geführt hat“ ist irreführend und hat mit „Teil II meiner Hintergrundgeschichte“ – wie Sie gleich erkennen werden – überhaupt nichts zu tun. Was nun besagter Teil II angeht: Leider gibt es ihn. Dieser Teil II ist indes relativ kurz und er betrifft die geopolitische Lage und wirtschaftliche Situation der USA Anfang der 1970er Jahre. Der Anfang vom Ende des brutalen Vietnamkrieges und die psychologischen Folgen der Niederlage für die Amerikaner wurden immer deutlicher erkennbar, Inflation & Arbeitslosigkeit nahmen überall rapide zu, besonders aber bei der NASA und in der ganzen Raumfahrtindustrie. Der Grund dafür ist evident: Noch zehn Jahre vorher, d. h. gegen Ende der 1960er Jahre waren in der ›National Aeronautics and Space Administration‹ sowie in den ›Aerospace Companies‹ alle Mittel & Anstrengungen auf das große Ziel – die MONDLANDUNG – fokussiert, und zwar mit Hilfe von mindestens 500.000 Beschäftigten! Nach dem triumphalen Abschluss des US-Apollo-Programms wurde ein so gigantisch aufgeblähter Personalbestand einfach nicht mehr benötigt. Überall gab es (in Anbetracht der gesellschaftspolitisch ohnehin kritischen Situation) panikartige Wellen von ‚Hire- & Fire-Entlassungen’. Ich will das hier nicht näher ausbreiten, schon gar nicht kommentieren. Es gibt dazu einen außergewöhnlich lesenswerten, höchst kompetenten zeitgenössischen Beleg: Ein seitens der Redakteure knallhart geführtes Spiegel-Gespräch (Ausgabe Nr. 7/1971, S. 137-144) mit Wernher von Braun über die aktuelle US-Raumfahrt unter dem ‚skeptischen’ Titel „Rücksturz zur Erde“. Die o. a. ‚Hiobsbotschaft’ wird daraus in ihrer sozialen Dimension nachvollziehbar und erwies sich leider als schlimm für viele Betroffene.

Tim Boson:

Natürlich gehören beide Teile I & II zu unserem Thema, will man die Motive wirklich verstehen, die A. E. im Auftrag des MSFC wohl bewegt haben wird, Ihnen den Besuch einer kleinen Delegation des MSFC in München zu avisieren. Klar ist auch, es handelte sich damals um »Grundlagen der Thermodynamik« im Kontext des bereits seit mehr als 15(!) Jahren angelaufenen NASA-Projekts ›Space Transportation System (STS)‹. Demnach müsste sich Teil III der Hintergrundgeschichte nach meinem Verständnis auf Alles beziehen, das die Entstehungsgeschichte der Haupttriebwerke (SSME)  des STS betrifft?

TSWS:

Sie haben ganz Recht, gehen wir also in medias res.

Noch unter dem Direktorat Wernher von Brauns begann die Entwicklungsgeschichte der Haupttriebwerke des STS bereits Ende Oktober 1968: Für einen Wettbewerb in Phase A: »Advanced Studies« wurden die drei einzigen Konzerne ausgewählt, die bereits große Raketentriebwerke hergestellt hatten:

Aerojet General Pratt & Whitney Rocketdyne.

Jetzt ging es allerdings darum, ein ›neues, kleines, kompaktes & wiederverwendbares Hoch-leistungs-Flüssigtreibstoff-Triebwerk‹ auszulegen und zu entwerfen. Letzteres musste zudem in seinem Schub während der ganzen aerothermodynamisch stark belasteten Steigflug-Phase des STS geregelt werden können.

Die Teilnahme an diesem vorgezogenen Wettbewerb um das Triebwerk war übrigens angeblich für diejenigen ›US-Companies‹ gesperrt, welche am nachfolgenden Wettbewerb für das SYSTEM SPACE SHUTTLE (SSS), also für den SS-Orbiter plus Booster plus Zusatztanks plus Start- & Lande-Infrastruktur plus Integration der SSMEs teilnehmen wollten bzw. sollten. Es handelte sich um die vier Großkonzerne

General Dynamics  –  Lockheed  –  McDonnell Douglas  – North American Rockwell,

Tim Boson:

Moment mal: Hier taucht Lockheed als ‚Systemfirma’ auf; offensichtlich gehörte sie nicht zu den drei o. a. Triebwerksfirmen. So muss ich jetzt und hier noch einmal etwas Wichtiges dazwischenfragen: In Teil I unseres Gesprächs erwähnten Sie, dass die in Rede stehende gutachterliche Stellungnahme von einem gewissen Mr. P. R. J. von Lockheed kam. Was ich bis jetzt überhaupt nicht verstehe: Wieso baute die Firma Rocketdyne, die damals noch zu North American Rockwell, einer der ‚Systemfirmen’ gehörte, die Triebwerke und benutzte zudem ein Gutachten der Firma Lockheed? Das waren doch immer noch zwei verschiedene Firmen?

TSWS:

Gegenfrage? Wie kommen Sie auf eine solche Vermutung? Davon kann nämlich gar keine Rede sein. Die Firma Lockheed hatte  im internen Auftrag des MSFC eine gutachterliche Stellungnahme zu einer gewissen Problematik erstellt, die schon lange bekannt war und von der befürchtet worden war, dass sie für eine bestimmten Version in Frage kommender SSME-Entwürfe relevant werden könnte. Ob deshalb besagtes Lockheed-Gutachten bei ROCKETDYNE schon 1969 vorlag, weiß ich nicht. Ich vermute: Eher nicht, da deren Triebwerkdesign sich von dem im Gutachten behandelten Designtyp grundlegend unterschied. Lassen Sie mich jetzt über ‚von Brauns Initiative’ sprechen, dann wird Ihre Anfrage sofort irrelevant. Allerdings nur dann, sofern man in selbige die Irritation einbezieht, wieso letztlich trotz des o. a. Sperrverbots North American Rockwell sowohl für Entwurf und Bau der SSME (am 13. Juli 1971) als auch des Orbiters (am 26. Juli 1972) den Zuschlag bekam! Eine gewisse Verschleierung solcher Praktiken geschah dann 20 Jahre später, als schließlich das gesamte ‚Shuttle-Geschäft’ bei ›The Boeing Company‹ landete, dem heute weltweit größten Hersteller von zivilen & militärischen Flugzeugen und Hubschraubern, sowie von Militär- & Weltraum-technik mit in 2008 ca. 60 Mrd. $ Umsatz p. a. und 160.000 (2008) Arbeitsplätzen: »Honi soit qui mal y pense!«  „Beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.“ Aber stimmt dieser berühmte Wahlspruch König Eduards III in Anbetracht von US-Präsident Dwight D. Eisenhowers Abschiedsrede am 17. Januar 1961 vor dem Kon-gress, „in der er eindringlich vor den Gefahren warnte, die ein einflussreicher militärisch-industrieller Komplex für die USA in Zukunft mit sich bringen würde“ (Wikipedia 100904).

Tim Boson:

Woran Sie da am Schluss Ihrer Replik erinnern, klingt unglaublich, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass in dieser mehr oder weniger ‚verdeckten’ Boeing-Ära offenbar der NASA die ‚faktische Verantwortung’ des STS-Projekts entzogen wurde und ebenfalls auf den millitärisch-industriellen Komplex überging.

Aber wir sind ja „in medias res“; bevor wir voll einsteigen, sollten Sie dem Leser und mir jetzt die wichtigsten Elemente des STS-Projekts samt Grundstruktur als Merkposten bestätigen.

Die Idee war, ein STS-Projekt zu realisieren, das die bemannte Raumfahrt der USA auf eine neue technologische Grundlage stellen konnte. Der Orbiter war für den Transport der Crew sowie zur Unterbringung der ‚Lasten’ gedacht, zu denen die Flüssigtreibstoffe nicht gehörten. Speziell für sie ‒ nämlich für flüssigen Sauerstoff als Oxidationsmittel und Flüssig-Wasserstoff als Treibstoff ‒ sind externe, wiederverwendbare Tanks vorgesehen. Angetrieben wird der Orbiter von den drei SSMEs, beim Start unterstützt durch so genannte Feststoff-boosters. Erwähnt werden sollte auch, dass das STS vertikal startet. Sind diese Infos zum STS-Projekt korrekt kompiliert? Wie wurde die Idee konkret umgesetzt – und von wem?

TSWS:

Die damals vier großen Raumfahrtunternehmen der USA

General Dynamics  –  Lockheed  –  McDonnel Douglas  – North American Rockwel

sollten zunächst für eine Umsetzung besagter Idee je ein Konzept einreichen – unter besonderer Gewichtung der konzerneigenen Stärken. Über das dreiteilige Basiskonzept des Shuttles mit der Aufteilung in Orbiter, Außentank, Booster wurde indes von der NASA offiziell erst im März 1972 entschieden. Diese Entscheidung ist auch für das Verständnis der Funktion der SSME fundamental: Letztere hat beim Start eine Brenndauer von ca. achteinhalb Minuten. Für die weitere Mission werden die SSMEs nicht mehr benötigt! M. a. W.: Zum Manövrieren in der Umlaufbahn verwendet die US-Raumfähre nur das Reaction Control System sowie das Orbital Maneuvering System.

Einige Konzeptstudien zum Orbiter.

Einige Konzeptstudien zum Orbiter

Erste detaillierte Entwürfe enthielten völlig utopische Vorstellungen. 1978 stand das gesamte Programm kurz vor dem Aus.

Die US-Luftwaffe rettete das STS-Projekt, für das sie starke militärische Interessen nannte, das ewige MANTRA, die ‚nationale Sicherheit’ sowieso. Letztlich konnte sie den Kongress bewegen, mehr Mittel für das Shuttle-Programm zu bewilligen. Davon profitierte zunächst die PR, da es die Kongress-Gelder ermöglichten, bereits ab September 1975 die erste flugfähige Raumfähre, die Enterprise, verfügbar zu machen. Wenn auch dieser SS-Orbiter nur für atmosphärische Flugtests geeignet war – der besorgten Öffentlichkeit war’s egal: Die USA standen wieder in echter Konkurrenz zur UdSSR! Zwei Jahre später, im August 1977, fand dann bereits der erste Shuttle-Freiflug statt.

Wie sich bald herausstellte, waren die Haupttriebwerke die bei weitem heikelsten Komponenten des Shuttles. Der erste Testlauf erfolgte im Oktober 1975. Während der Tests kam es immer wieder zu Rückschlägen. Die Columbia, der erste raumflugfähige Orbiter, wurde im März 1979 an die NASA ausgeliefert. Im selben Jahr wurden die Triebwerke nach über 700 Test-Läufen als einsatzfähig erklärt. Der erste Start des ersten wieder verwendbaren Raumfahrzeuges gelang nach mehreren Startverschiebungen am 12. April 1981.

Tim Boson:

Sie – TSWS – wurden doch aber erst im Februar 1983 von A. E. angesprochen. Warum das denn überhaupt, wenn in den fünf Jahren nach dem ersten Start mehr als 20 Missionen vornehmlich für Erprobungsflüge sowie den (militärisch begründeten) Satellitentransporten bereits absolviert waren?

TSWS:

Mit Ihrer Frage berühren Sie den Kern des Problems, worüber wir hier reden. Dem kurzen Rückblick über die Entwicklung der US-Raumfahrt zwischen der Mondlandung 1969 und der ersten SS-Mission 1981 kann man entnehmen, dass in einem gewöhnlich für Hochtechnologie extrem knappen Zeitrahmen von 12 Jahren Fakten von bis dahin fast unvorstellbarer Komplexität geschaffen worden sind. Allerdings waren/sind sie technologisch – vorsichtig formuliert – mit enormen Risiken behaftet; dafür sind seit 1961 weit mehr als ein Dutzend Katastrophen in der bemannten Raumfahrt überwiegend der USA und Russlands der traurige Beleg. Ihre Ursachen lassen sich auf zwei neuralgische Schwerpunkte von ´Reentry vehicles` unterschiedlicher Konfiguration fokussieren: Auf Defekte (1) unterschiedlicher Start- & Lande-Installationen, ebenso wie die Hochtemperaturströmungen um das STS während der Start- & Aufstiegsphasen sowie (2) während der Re-entry-phase der verschiedenen Raumflugsysteme definiert durch unterschiedliche Beschleunigungslasten in ballistischen Flugsystemen, wie russische Kapseln vom Sojus-Typ oder dem US-Shuttle. – geplant ab Flughöhen von 70 km und Flugmachzahlen über 20. Übrigens erscheint mir für das Verständnis ›dieser Prozesse des Wiedereintritts‹ deren korrekte Definition hier nützlich zu sein. Unter dem Stichwort ‚Reentry phase’ bevorzuge ich die Formulierung des ›US Military Dictionary‹: „The portion of the trajectory of a ballistic missile or space vehicle where there is a significant interaction of the vehicle and the earth’s atmosphere“.

Schon in der Aufstiegsphase wird das ganze System vom
Luftandruck bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit thermisch belastet.

Re-Entry, über 20igfache Schallgeschwindigkeit verwandelt harmlose Luftmoleküle in Geschosse.

Re-Entry, Wiedereintritt: Über 20igfache Schall-
geschwindigkeit verwandelt harmlose Luftmoleküle in Geschosse.
*

Tim Boson:

Klar, Alles hängt wohl mit Allem auch bei den ›modernen Kathedralen‹ von heute zusammen – den hyperkomplexen Transportsystemen der bemannten Raumfahrt. Unser Thema betrifft indessen primär deren Hochleistungstriebwerke: Letztere aber tauchen doch unter dem von Ihnen angeführten Gefahrenpotential zumindest nicht explizit auf. Wie soll ich das verstehen? Ist die SSME eine Gefahrenquelle ´unter ferner liefen` oder was wollen Sie dem Leser mit der o. a. Verknüpfung von Spitzentechnologie-Zeitrahmen-Gefahrenpotential klarmachen?

TSWS:

Jetzt sind wir am ´crucial point` unseres Gesprächs angelangt. Damals, als A. E. mich ansprach, barg die SSME offensichtlich das größte und vor allem aktuelle Gefahrenpotential für die Eingeweihten im MSFC! Nobelpreisträger Richard Feynman berichtet in seinem Sondervotum zum Schlussbericht 1986 der Challenger-Untersuchungskommission des US-Präsidenten, was ihm die Ingenieure des Jet Propulsion Lab der NASA in Pasadena als jahrelangen Alptraum erzählt haben. Aber darüber wurde öffentlich nie gesprochen; das Thema war in der NASA eine Art sublimes ‚Staatsgeheimnis’ – gemeint ist eine Mixtur aus Tatsachen, Gegenständen oder Erkenntnissen, die indes nur aus scheinbar absichtlosen & nebensächlichen Details zugänglich werden. Deshalb erfuhr ich von A. E. wohl auch nichts Substantielles mit Ausnahme, dass es um ein gravierendes thermodynamisches Problem im Zusammenhang mit den Triebwerken des STS-Projekts ginge.

Tim Boson:

Stand das irgendwie unter  – Geheimhaltung?

TSWS:

Ihre Frage macht vor allem Sinn im Hinblick darauf, dass wir über eine Periode sprechen, die nicht nur durch extrem gravierende »abuses of governmental powers« eines amtierenden US-Präsidenten geprägt war. Ergo Zeiten, die man auch durch das Ende der Entspannungspolitik der 1970er Jahre und eine rasche Verschärfung des Kalten Krieges charakterisieren kann. Deshalb meine Antwort kurz, vielleicht auch etwas nebulös: Vielleicht nicht direkt ‚geheim’; aber die ganze Art und Weise, wie z. B. der Kontakt zwischen dem MSFC und mir über
A. E. in Gang kam, machte einen etwas verdrucksten Eindruck, falls Sie verstehen, was ich meine.  Jedenfalls zeigte ich gegenüber den Anfragen und Bitten von A. E. meine prinzipielle Bereitschaft, eine kleine, verhandlungsbefugte Abordnung des MSFC für ein vertrauliches Gespräch in den Diensträumen meines Institutes an der UniBwMünchen zu empfangen. Allerdings unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass ich derzeit nicht mehr zusagen könnte. Denn – abgesehen von meiner ja keineswegs geklärten Kompetenz für das mir avisierte Problem – hatte ich keinerlei ausreichende Informationen, ob z. B. ein arbeitsintensiver Kontakt mit der NASA überhaupt mit meinen Münchner Amtspflichten konform ginge.

Tim Boson:

Tut mir leid, ich muss da nochmal deutlich nachfragen: Eine überaus heikle Gefahr, die angeblich drohte, und dabei geplante Shuttle-Missionen der NASA ausgerechnet durch die dabei einzusetzenden Hochleistungstriebwerke gefährdete, und von der die US-Öffentlichkeit nichts weiß, vielleicht nichts wissen durfte – die angeblichen Unwägbarkeiten dieses Dilemmas  sollten mit Hilfe eines  d e u t s c h e n  Professors geklärt, wenigstens zuverlässig entschärft werden? Hatten die Amerikaner so eine „Operation“ nicht schon einmal in aller Heimlichkeit präsentiert bekommen?

TSWS:

Sie spielen wohl auf jene »Operation Paperclip« an, als Colonel R. (vom JIOA) 1946 ca. 100 Angehörige der Peenemünder V2-Raketen-Mannschaft – darunter so manch (ehemaligen) „ardent Nazi“ gegen die Weisungen des US-Justizministeriums in die USA schleuste? Mit Folgen: 23 Jahre später führte diese ‚Operation’ zur ersten Mondbesetzung durch US-Helden!

Tim Boson:

Hatten Sie den Eindruck, dass es den Vertretern des MSFC schwer gefallen ist, sich um aktive Hilfe eines ausländischen Experten zu bemühen, der unabhängig und vertrauenswürdig war?

TSWS:

Ich denke schon, aber, wie sich herausstellte, waren sie tatsächlich in einer beschissenen Lage. Ihre Frage betrifft tatsächlich ´a sore spot`. Die Amerikaner wollten keinen offiziellen Kontakt auf Regierungsebene absegnen; es war ihnen aber recht, dass ich erstens vom Militär kam und zweitens den höchsten zuständigen Beamten des Bundesforschungsministeriums gut kannte und in Kenntnis setzte. Bevor ich jedoch darauf näher eingehe, will ich für den Leser kurz klarstellen: Die Situation in 1946 und 1983 war für die USA völlig unterschiedlich. Kurz nach WW II galt es, die ‚Erbmasse des Dritten Reichs, soweit sie erhaltenswert war, primär den Sowjets vorzuenthalten und selbst in punkto ‚Raketentechnologie’ Kapital aus dem damals deutlich überlegenen Wissen Nazideutschlands zu schlagen. Dagegen benötigten 1983, d. h. noch während laufender Shuttle-Missionen, die zuständigen Personen des MSFC dringend Hilfe für ihr akutes Problem mit der SSME. Dass ich Deutscher bin, war dabei eher belanglos, da damals im MSFC immer noch viele Deutsche arbeiteten; erst vier Jahre später schien es, dass außerhalb dieses NASA Center einige NASA-Mitarbeiter mit mir bzw. meiner Staatsangehörigkeit nicht zurecht kamen, gar versuchten, aus persönlichen Motiven einen Konflikt vom Zaun zu brechen: „NASA Lewis Center is very sensitive to criticisms of foreigners.“ faxte E. F. B. Ende März 1989 an den Bostoner Repräsentanten des Verlags, der mein Raketenbuch im selben Jahr publizierte.

Tim Boson:

„Very sensitiv…“ – das hört sich ja direkt bedrohlich an: Was also ist in der Zwischenzeit abgelaufen?

TSWS:

So schlimm war es nun denn doch nicht. Dennoch treffen Sie, denke ich, mit dieser Frage einen weiteren neuralgischen Punkt der ganzen Geschichte. Wir sollten ihn aber jetzt zurückstellen, bis der Leser die Gründe besser versteht, die Herrn E. F. B. zu seiner o. a. indirekten Drohung veranlasst haben könnten. Darf ich Sie also noch um etwas Geduld bitten. Wir sollten endlich besagte Initiative Wernher von Brauns ins Gespräch bringen, da sie entweder absichtlich oder eher zufällig für die von Ihnen geforderte Antwort relevant ist. Ich werde mich auch so kurz wie möglich fassen.

Tim Boson:

Einverstanden…

TSWS:

Für den Wettbewerb in Phase A des Triebwerksdesign bewarb sich, wie erwähnt, auch Aerojet General mit Erfolg. Gegründet 1942 als Aerojet Engineering Corporation – ist sie heute “a major aero-space & defense contractor specializing in missile and space propulsion, defense and armaments”. Im Vergleich zu den in jeder Hinsicht viel größeren Konkurrenten Pratt & Whitney und Rocketdyne war allerdings die kleine, aber feine Belegschaft von Aerojet General von vorne herein nur Außenseiter.

Die Companies arbeiteten an unterschiedlichen Triebwerkdesigns. Pratt & Whitney startete (zusammen mit der Air Force) mit dem Raketentriebwerk XLR-129, das den Schub mittels einer Düse mit glockenförmiger Konfiguration (Bell-Nozzle) liefert. Diese Konfiguration wählte auch Aerojet General. Ganz anders Rocketdyne: Die Firma stellte eine (fast) neue Lösung vor – das Aerospike („Luftstachel“). Diese Bezeichnung für ein Triebwerk meint die Realisierung eines technischen Konzepts, das die geforderte kompakte Bauweise erlaubt sowie den erwarteten Schub im Vakuum wie auf Seehöhe liefert. Eine frühe Version eines Aerospike wurde erstmals im Zweiten Weltkrieg in der ›Messerschmitt Me 262‹ eingesetzt. Die Me 262 (Entwicklung ab 1938) war das technisch fortschrittlichste einsatzfähige Flugzeug seiner Zeit.

Die signifikante Differenz zwischen den zwei Konzepten liegt in der ganz unterschiedlichen Düsenkonfiguration, der Glockendüse und der linearen Aerospike-Düse. Es ist umständlich, den charakteristischen Unterschied zwischen beiden Konfigurationen verbal zu erläutern. Das folgende Bild mag helfen:

Glocke oder Stachel – das war hier die Frage.
*

In der dargestellten Anordnung strömt das Verbrennungsgasgemisch in beiden Fällen von oben nach unten. Der markante Unterschied ist evident und – was für unser Thema  ganz entscheidend ist – bezieht sich darauf, dass nur bei der Bell-Nozzle die Gasströmung durch die festen Begrenzungen der Düse gebündelt und bis zu ihrem Austritt geführt wird. Demgegenüber wird bei der Linear-Aerospike-Nozzle das LH-LOX-Reaktionsgemisch in vielen kleinen, flach ausgerichteten und auf einem V-förmigen Vorbau (dem ´Luftstachel`) angeflanschten Brennkammern erzeugt und danach als Gasstrahl unter Abgabe von Schub unmit-telbar der ‚Umgebung’ – vulgo: der ‚Atmosphäre’ oder dem ‚Weltraum’ – ausgesetzt.

Tim Boson:

Halt: Sind denn diese vielen technischen Details für den Leser von besonderer Bedeutung?

TSWS:

Freilich! Ohne dass der Leser diesen Mechanismus eines Aerospike nicht wenigstens im Prinzip versteht, wird er kaum die im Folgenden geschilderten Entscheidungen der NASA im Allgemeinen und von Brauns im Besonderen mit allen daraus folgenden Konsequenzen verstehen können. Lassen Sie uns also fortfahren:

Wie man aus o. a. Abbildung erkennt, wird das ‚Paket’ der Gasstrahlen entlang der Außenwand des ´Luftstachels` geführt. Aber eben nicht‚ unendlich lang’, wie es die Theorie der Aerospike-Nozzle fordert. Der Stachel ist immer ein ‚Stummel’, manchmal dadurch ‚verbessert’, dass man seinen Abschluss offen hält und durch ihn einen stabilisierenden Gasstrahl aus dem Inneren des ´Luftstachels` austreten lässt. Durch diese Art eines virtuellen ‚spearhead’ lässt sich tatsächlich die infolge der Vereinigung der beiden Gasstrahlen entstehenden Irreversibilitäten durch Wirbelbildung in Grenzen halten. Viel interessanter ist indes der zweite Effekt, der anhand der folgenden Abbildung deutlich wird:

Man erkennt, dass das Verbrennungsgas nach Austritt aus der Schubdüse (Thruster) zwei ‚Begrenzungen’ unterworfen ist: Einerseits der festen Wand des Aerospike (nozzle contour) und andererseits der Erdatmosphäre. Dieser ‚Umgebung’ gegenüber bildet der ausströmende heiße Gasstrahl eine freie Oberfläche (jet boundary)  aus. Deren geometrische Konfiguration wird durch die lokal variablen atmosphärischen Bedingungen, vornehmlich durch den Atmosphärendruck erheblich beeinflusst. An sich aber definiert genau dieser Effekt Sinn & Zweck eines linearen Aerospike: Die resultierende Konfiguration bestimmt die physiko-chemischen Ort-Zeit-Relationen des Gasstrahls, wie sie durch die unterschiedlichen Linien (so genannte Charakteristiken für verschiedene dynamische Variable bzw. Stoßprozesse [Shock]) angedeutet sind. Sie führt theoretisch zur optimal möglichen physikalischen Anpassung – verbunden mit dem jeweils lokal möglichen größten Schub!

Dieses Resultat steht in diametralem Gegensatz z. B. zu den Funktionen der Glockendüse und ihren sehr begrenzten Möglichkeiten: Deren ‚Arbeitspunkt’ verschiebt sich nicht entsprechend den mit der Flughöhe wechselnden Umgebungsbedingungen. Er kann zwar im Hinblick auf die jeweils geplante Missionstrajektorie auf einen bestimmten Arbeitspunkt hin eingestellt (optimiert), aber an veränderte Umweltbedingungen nur eingeschränkt angepasst werden. In diesem Fall arbeitet das Triebwerk aber nicht bei voller Leistung.

Tim Boson:

Jetzt bin ich aber total neugierig: Ganz unprofessionell gefragt: Lassen sich die Funktionen der Glockendüse nicht so beeinflussen, dass der Anpassungsvorteil des Aerospike nicht egalisiert werden kann? Und wieso kennt niemand dieses selbstadjustierende Wunderwerk? Soweit ich informiert bin, gibt es zurzeit kein einziges einsatzfähiges Aerospike.

TSWS:

Das sind zwei unterschiedliche, aber für den Raketenmotoren-Bau ganz zentrale Fragen. Die erste Frage lässt sich durch ein einfaches Ja beantworten – zusammen mit dem Hinweis auf die so genannten »Dual Bell-Düse«. Zur entsprechenden Patentschrift gibt es einen aufschlussreichen Kommentar, den ich der Einfachheit halber auszugsweise zitieren möchte.

A dual-bell base nozzle is designed as a conventional Rao type nozzle (resulted in a wall angle of 7.5° at the nozzle exit) using the methods of characteristics (MOC). As length and expansion ratio are reduced the sea-level mode impulse increases compared to conventional main stage engine nozzles. The flow separates symmetrically & stable.

The exit area of the base nozzle marks the wall inflection where a Prandtl-Mayer expansion is applied. The design requirement of the nozzle extension is a profile of constant wall pressure. This guarantees a certain jump of the separation from the wall inflection to the nozzle exit with a full flowing nozzle extension in high altitude mode (Fig.). It is achieved by applying MOC once again. The dual bell concept is currently under investigation as a potential upgrade path for current launch vehicles.

Der o. a. Konturknick erzeugt während des Trägeraufstiegs zwei verschiedene Zustände für die Strömung der durch die Düse ausgestoßenen Verbrennungsgase. Im Bodenmodus (geringe Höhe und hoher Umgebungsdruck) liegt die Strömung nur im ersten Bereich an der Düsenkontur an – mit vollständiger Strömungsablösung dahinter. Es bildet sich also im zweiten Bereich ein Freistrahl aus. Der beim Aufstieg des Raumfahrzeuges abnehmende Umgebungsdruck fällt in einer bestimmten Höhe unter einen kritischen Wert. Ab dieser Höhe liegt die Strömung in der gesamten Düse vollständig an der Düsenkontur an.

Tim Boson:

Ich möchte Sie an den zweiten Teil meiner letzten Frage erinnern: …. Soweit ich informiert bin, gibt es zurzeit kein einziges einsatzfähiges Aerospike?

TSWS:

Vielleicht ist das heute zutreffend! Ich kann mich dazu nur zur damaligen Situation in Huntsville äußern. Demnach gab es Entwürfe für zwei unterschiedliche Aerospike-Varianten, mit denen sich von Brauns Planungsgruppe am MSFC intensiv beschäftigte. Die Studien führten unerwarteterweise zu erheblichen konzeptionellen Defiziten. Dennoch fand sich die Firma Rocketdyne bereit, für beide Aerospike-Varianten je einen Prototypen zu bauen und zu testen. Die folgende Abbildung zeigt den »Toroidal Truncated Aerospike« – Prototypen

Was wurde daraus? Um eine berühmte Metapher zu bemühen: Kurz vor dem Rubikon hat Wernher von Braun, der die Menschheit über ihre natürlichen Grenzen hinausführte, mit einem Handstreich allem Anschein nach Caesars Übergang – d. h. die teuren Ambitionen des CEO der North American Rockwell Corporation ‒ gestoppt. Dieser scheinbar unerhörte Vorgang war Teil der Wettbewerbsprozedur während besagter Phase A. Seine Inszenierung begann im August 1969 als von Braun an die drei Wettbewerber einen Katalog von Fragen schickte. Der schien noch unter dem Diktat zu stehen, dass von einem zweistufigen, voll wieder verwendbaren Flugsystem auszugehen sei. Das System sollte zweistufig sein, betrieben mit flüssigem Wasser- & Sauerstoff.

Besagter Fragenkatalog bezog sich auf die gesamte Anzahl aller ‒ für die SSME-Entwicklung und den SSME-Betrieb ‒ relevanten technischen Probleme und Sicherheitsaspekte – z. B. im Hinblick auch auf die bislang nicht absehbaren, primär thermischen Materialbelastungen. In diesem Kontext sprach von Braun auch die noch bestehenden Unzulänglichkeiten des gesamten Aerospike-Konzepts von ROCKETDYNE hinsichtlich verzögerter Zündung und mangelnder Stabilität des Verbrennungsprozesses an. Zusätzlich betraf der Fragenkatalog die diversen Einstufungen & Bewertungen der  z e h n  als vorrangig identifizierten Problemstellungen in Bezug auf die (überzogen) hohen Erwartungen an die geforderten Triebwerksleistungen. Damit verbunden waren Prognosen in Form eines differenzierten Meilensteinplanes bis zum Termin Mitte 1974, für den die Lieferung der ersten flugfähigen Triebwerke erwartet wurde.

Im Oktober 1969 war als Folge der Aktion von Brauns die ganze technische Komplexität der unterschiedlichen Entwürfe der Wettbewerber erkennbar, ohne dass sich irgendwo alternativlose Problemlösungen aufdrängten. Umso überraschender kam der offizielle Stopp für das Aerospike-Konzept als Shuttle-Engine-Kandidat vom NASA Headquarter in Washington. Wahrscheinlich ging diese ‚einsame’ Entscheidung aber auf den Einfluss des MSFC-Direktors und seines Teams zurück; sie ließ sich keineswegs aus den bisherigen durch den Fragenkatalog ausgelösten Debatten ableiten. In der Shuttle Chronology von damals hieß es dazu lapidar:

Despite promising classified work on linear and conventional aerospike engines at the time, NASA dictated that the design had to use a conventional bell nozzle.

Demzufolge hatte Rocketdyne – wohlgemerkt angeblich! ‒ acht Jahre auf das falsche Pferd gesetzt. Der Konkurrent Pratt & Whitney hatte dagegen in Kooperation mit der Air Force das erwähnte Triebwerk XLR-129 inklusive der passenden Glockendüse gebaut. Klar,  Pratt & Whitney gewann den Wettbewerb der Phase A (vor Aerojet) – tatsächlich aber nur eine Schlacht, jedoch nicht den Krieg.  Nur mit großem Abstand wurde Rocketdyne Dritter – mit einem arg konservativen Entwurf, bezeichnenderweise basierend auf einem verbesserten J-2-Triebwerk. Aber Rocketdyne gewann den Krieg!

Tim Boson:

Vor allem Ihr Schluss klingt ziemlich martialisch, wenn das Bild auch anschaulich und plausibel erscheint. „Qui desiderat pacem, bellum praeparat.“ Ich denke mal, das war Wernher von Brauns Motiv, die bekannten gravierenden thermodynamischen Probleme, die sein Team beim Bau der Saturn V mit der Entwicklung des J-2-Triebwerks hatte, nicht mit einem Aerospike beim STS-Projekt zu wiederholen.

TSWS:

Ihr Gedanke ist mir sehr sympathisch. Er gibt meiner Meinung nach zeitlich und inhaltlich dem Gutachten einen wirklichen Sinn, welches das MSFC bei Lockheed über die Problematik hoher Temperaturen in Raketentriebwerken in Auftrag gab. Das »Lockheed-Gutachten 1969« war dem MSFC v o r der Entscheidung gegen die Aerospike-Düse bekannt und basierte auf einer thermodynamischen Analyse ausschließlich des J-2. Und hier laufen auch die Entwicklungsfäden zusammen: Die thermischen Probleme bei der J-2 waren deshalb so undurchsichtig, weil die  Berechnungen der chemischen Gleichgewichte mit dem als Standard geltenden NASA-Lewis Code von S. Gordon & B. McBride auf einer Voraussetzung basierten, die bei der J-2 am wenigsten von allen bisher bekannten US-Triebwerken erfüllt war: Normalerweise konnte man davon ausgehen, dass die Strömungsgeschwindigkeit der Verbrennungsgase beim Übergang von der Brennkammer in die Lavaldüse vergleichsweise gering war (praktisch ‚null’ m/s); dies entsprach der erwähnten Voraussetzung für den Lewis Code. Bei der J-2 lag diese Brennkammer-Austrittsge-schwindigkeit aber zum einen bei über 600 m/s, also in einer nicht ohne weiteres zu vernachlässigenden Größenordnung. Zum anderen war auch das Expansionsverhältnis AE/AT von Düsenaustritts- zu Querschnittsfläche im Düsenhals bei der J-2 wiederum im Vergleich zu den bekannten Raketenmotoren mit 27,5 viel kleiner als üblich (z. B. bei der SSME: AE/AT  = 77,5), was die o. a. Voraussetzung noch mehr problematisierte. Man kann davon ausgehen, dass von Braun diese Fakten bekannt waren. Und man muss davon ausgehen, dass er vom Auftrag des MSFC an Lockheed für ein Gutachten über die o. a. skizzierte Problematik wusste. Da es dabei unzweifelhaft primär um den Einfluss der signifikanten Querschnittsflächen der Raketenmotoren ging, konnten ihm die betreffenden Definitionsprobleme bei den Aerospike-Düsen nicht entgangen sein.

Tim Boson:

Ah, jetzt versehe ich, warum Sie darauf bestanden haben, so ausführlich auf die Konkurrenz der Bell-Düsen einzugehen. Dennoch sollten wir jetzt ‒ um den roten Faden nicht zu verlieren ‒ den Fortgang der Wettbewerbe je bis zur Phase D zusammenfassen ‒ den Zuschlag für den  Bau sowohl der SSME als auch des SS-Orbiter betreffend.

TSWS:

Ja, Sie haben Recht: Diese Entwicklungsperiode ist einerseits ja hier deshalb erwähnenswert, weil sie ablief als von Braun das MSFC bereits verlassen hatte und sein Nachfolger als Direktor – Eberhard Rees – inzwischen etabliert war. Andererseits fällt sie eine arbeitsreiche Zeitspanne, in der alle drei Firmen entsprechend der Aufforderung der NASA ihre Vorschläge für Design, Entwicklung und Produktion der SSME am 21. April 1971 mit einer Unmenge an Unterlagen vorgelegt hatten. Allein der Rocketdyne-Vorschlag war mit einer ‚Bibliothek’ von ca. 100(!) Bänden für technische Daten, Betriebsanleitungen, Kostenvoran-schlägen, etc. dokumentiert! Von besonderem Gewicht waren aber vor allem die aufwen-digen experimentellen Nachweise der Brenntests mit dem Demonstrationstriebwerk der Firma auf dem Testgelände des Nevada Field Laboratory. Kein Zweifel: Die Konzernspitze von North American Rockwell – die Muttergesellschaft von Rocketdyne  – hatte den Ernst der Lage begriffen und durch erhebliche Investitionen aus eigenen Mitteln den aktuellen Entwicklungsstand des SSME-Wettbewerbs zu ihren Gunsten drastisch verändert. Der Erfolg war durchschlagend: Die Phase C wurde von der NASA vorzeitig abgebrochen, und am 13. Juli 1971 wurde die ›Rocketdyne Division der North American Rockwell Corporation‹ als Gewinner des Wettbewerbs um die Entwicklung der SSME ausgewählt. Laut WIKIPEDIA erhielt North American Rockwell (heute Boeing) am 9. August 1972 den Auftrag, auch den Orbiter zu bauen. Der Vertrag hatte einen Umfang von 2,6 Mrd. US-Dollar. Der Contract über den Bau der Feststoffbooster ging an Morton Thiokol (heute Alliant Techsystems), und der Außentank sollte von Martin Marietta (heute Lockheed) hergestellt werden.

Glockendüsenbau: Bibliothek der Komplexitäten bei Rocketdyne.

Tim Boson:

Mein Kompliment erstmal – so nach dem Durchlesen..! Ihre Darstellung ist informativ; als Leser hat man den Eindruck, jetzt auch den gesellschaftspolitischen Hintergrund der Shuttle-Story soweit zu begreifen, dass der Teil I unseres Gesprächs weniger mental, als vielmehr emotional ‚in der Luft hängt’! Dort hört sich Alles sehr technisch, formal, abgehoben und für den Laien mit viel Kauderwelsch befrachtet an. Die meisten Erwachsenen in den westlichen Industrieländern verstehen zwar an ihren Arbeitsplätzen das Was, Warum, Wofür ihrer beruf-lichen Tätigkeit vornehmlich in der Industrie wohl auch nur zur Hälfte. Dennoch verbinden sie mit dem Begriff KONZERN auch die Vorstellung von einem sozialwirtschaftlichen Gebilde, das ihnen ‒ den dort Beschäftigten und ihren Angehörigen ‒ in normalen Zeiten den Lebensunterhalt auch für die Zukunft sichert. Dieser elementare Sachverhalt ist von hoher psychologischer Bedeutung, weil er Mut macht: Letzterer ist aber besonders für das Singuläre  schlechthin unabdingbar, indes auch für das Vielfältige, Kreative und Handfest-fachliche, Technische, Wissenschaftliche, Gefährliche an so einer extrem komplexen Apparatur wie das STS für bemannte Raumfahrtmissionen. Die kollektive Leistung bleibt – vergleichbar mit dem Bau der mittelalterlichen gotischen Kathedralen – unvergessen und prägend für die folgenden Generationen – auch dann, wenn sie z. B. mit dem Werden und Vergehen der Bauhütten oder großer US-Konzerne eng verbunden ist.

TSWS:

D’accord. Hinzufügen möchte ich nur, dass das von Ihnen beschriebene Gemisch von Wissen & Emotion auch jenen kollektiven Enthusiasmus entstehen ließ, der 500.000 Personen letztendlich dazu geführt hat, dem Optimismus J. F. Kennedys zu folgen und amerikanischen Helden zu ermöglichen, erstmals auf dem Mond zu landen und wieder wohlbehalten auf die Erde zurückzukehren. Dennoch sollte man auch dem Phänomen gedenken, dass es immer wieder, früher wie heute, singuläre Persönlichkeiten gibt, die in einem gewissen Sinn ganz allein die Welt tatsächlich in Richtung ZUKUNFT verändern. IIn unserem Zeitalter nennen wir zurecht Michail S. Gorbatschow und Nelson Mandela, vor fast 250 Jahren war es George Washington, und wie Sie wissen, verweist der Anfangsbuchstabe T meines ersten Vornamens auf den Athener Staatsmann & Feldherrn Themistokles, den Sieger der Seeschlacht von Salamis gegen den persischen Großkönig im Jahr 480 v. u. Z., ohne dessen Sieg es unser heutiges Europa gewiss nicht gäbe. Sie alle waren Philosophen der Macht, Utopisten, die Unfreiheit ihres Landes zu beseitigen.

Tim Boson:

…des Vertrauens, des Glaubens an eine gemeinsame Sache, der Stärke, und der Tat.

TSWS:

Ja, unter diesem Rubrum zählt m. E. auch Wernher von Braun zu dieser seltenen Spezies von Machern und ´Anführern`. Seine Vision basiert letztlich auf der Idee, die Menschen mittels ihrer Kreativität aus ihrem Gefängnis ‚Erde’ zu befreien und Ihnen auch nach dem Ende unseres Sonnensystems á la longue eine Zukunft ermöglichen zu können.
Wernher von Braun, dessen Charisma, Entschlossenheit, Phantasie, Kreativität, fachlichem Können, Organisationstalent und auch Optimismus wir beim Mond-Projekt sehr viel verdanken, bietet uns zumindest dafür eine Option in dem Sinn, wie es vor tausend Jahren wenige optimistische („gläubige“) Menschen und geniale Baumeister mit ihren Kathedralen als Ausdruck der Hoffnung auf eine bessere Zukunft vorgemacht haben.

Dennoch ist es sicher der tiefsinnige Kernsatz eines zweiten großen Athener Staatsmanns – Perikles –

το ευδαιμον το ελευθερον, το ελευθερον το ευψυχον κριναντες

– in freier Übersetzung: Seid überzeugt, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist –

– der den Schüssel zum Verständnis dessen liefert, was wirklich und letztlich einzig & allein zum grandiosen Abschluss der Mondmission mittels der Saturn V, einer zeitgemäßen Kathedrale, geführt hat: Der MUT des Wernher von Braun: Seinen Namen werden die Menschen kennen, solange es menschliche Geschichte gibt!

Tim Boson:

Ich bin deshalb beeindruckt, weil Ihre Bemerkungen auch dem letzten Zweifler ja nichts anderes interpretieren, was Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond mit seinem Satz

That’s one small step for a man, one giant leap for mankind”.

zum Ausdruck bringen wollte und es auch (trotz jahrelanger weltweiter Kontroversen) tat. Dementsprechend haben Sie hier in unserem Gespräch via einer kleinen, aber konkreten Story dem Leser vermittelt, dass es sich bei bemannter Raumfahrt stets um eine epochale Leistung dreht, die nur im großen gesellschaftlichen, also kollektiven Verbund erfolgen kann. Bei der Mondlandung handelte es sich vielleicht sogar um den Auftakt des ‚Trainings’ oder einer ersten Übung für extraterrestrische Rettungsaktionen von Menschen in sehr fernen Zeiten.

Aber, TSWS, wie war denn das nun  – mit ihrem Münchner Besuch?

Hier zum dritten Teil

The Thing between: Das Spaceshuttle Endeavour (engl: Bemühen, Anstrengung) fotografiert von der internationalen Raumstation ISS.

 

 

Am Personenbeschleuniger: Peter Sloterdijk

Sehr geehrter Herr Sloterdijk,

(eine Rezension zu: Peter Sloterdijk. Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft, Suhrkamp 2010)

Verteiler an:
Mister Buckminster Fuller
Carl Friedrich von Weizsäcker
John Archibald Wheeler.

*
Ich schreibe diese Rezension als ein Brief, Herr Sloterdijk, nicht direkt an Sie persönlich, deshalb auch die Namen in den Verteilern. Ich schreibe diesen Brief an ein Problem und auch an eine bestimmte Art des Sprechens, oder an die Art, wie eine bestimmte Art des Sprechens zu einer bestimmten Art von Fragen oder auch Problemen (ge)führt. (hat.) Wenn ich hier also im folgenden Namen anspreche, dann spreche ich sie als Gefäße oder Träger an, die ein qicklebendiges Denken und Leben beinhalten oder sich „zum Tragen“ darum herum geformt haben, so zum Tragen auch gekommen sind.

Öffnung und Schließung der Kapsel. Einatmen. Ausatmen. Das Raumschiff Erde leben lernen.

Ontologie zwischen Entry und Re-Entry

Persona (griech: Die Maske) hat mich zu einer Modifikation oder Weiterentwicklung meines Illusionenbeschleunigers inspiriert, den ich hier als Personenbeschleuniger in den Bestand des Labors mit aufnehme. Wenn hier also „Personen“ beschleunigt werden, dann nur in einem erweiterten Verfahren der Illusionenbeschleunigung – jedoch nicht – wie man vielleicht meinen könnte, im Sinne einer „Masken“ – Beschleunigung oder „Menschen“ – Beschleunigung.

Deshalb möchte ich Sie vorab meiner Hochachtung versichern; und wenn ich im Folgenden hier und da etwas polemisch werde oder geworden bin, dann zielt das nicht ad hominem oder ad personam, sondern will einfach nur etwas Gewürz beigeben, denn schließlich – wo leben wir denn, und sie wissen es auch: Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht zuletzt diverse Gewürze, die uns zu intelligenten Wesen geformt haben, denn unter ihnen fanden sich immer auch solche Gewürze, welche es vermochten, die Blut-Hirnschranke zu durchdringen, nicht zu zerschlagen oder zu perforieren, das sage ich deutlich – also – Herr Sloterdijk – in dem diese pfefferartigen Gewürze dosiert diese Blut-Hirnschranke evolutionär trainierten, weltempfindlich hielten, und damit den Kontakt mit der wirklichen Wirklichkeit in Intervallen einübten, – also in zeitlichen Wartungsintervallen formulierten – denn eine solche Gegenwärterin in quantisierenden Intervallen ist diese Schranke ganz sicher.

Ausserdem haben Sie, Herr Sloterdijk, auf Ihrer eigenen Internetseite einen schönen und engagierten Text zu einer großen Metapher von Mister Buckminster Fuller eingestellt, auf den ich hier ausdrücklich hinweise:
Ihr Text „Wie groß ist groß“ zu „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“
Dazu möchte ich Ihnen oder Herrn Buckminster Fuller, obwohl er nicht mehr unter uns weilt, gerne etwas antworten und beifügen.

Sie, Herr Sloterdijk, haben in letzter Zeit häufiger den Namen Carl Friedrich von Weizsäcker in ihrem Schreiben erwähnt, und machten dabei immer den Eindruck eines etwas ratlosen oder nachdenklichen Pflichtübenden. – so als könnten Sie selbst nicht so richtig entscheiden, ob dieser Philosoph und Wissenschaftler nun in den Leitzordnern Ihres philosophischen Wahrneh-mungsbüros einfach nur im Regal steht, aussortiert gehört, oder vielleicht doch einmal etwas genauer gelesen werden muss.

Zuletzt in ihrem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dem ich hier auch schon eine Rezension gewidmet hatte, sowie in ihrem letzten Suhrkamp-Heft zum Thema „Wissenschaft und Philosophie.“ Sie erwähnten Weizsäcker auch hier zwar, ließen ihn aber dann doch irgendwie eher unangetastet bei Seite liegen; gerade hier, in diesem letzten Heft von 2010, das eigentlich nur eine längere Rede von Ihnen abdruckte, hatte ich mir dazu etwas mehr versprochen in dieser Richtung. Es kam dann aber nicht, nun gut.

So beschränkten Sie sich auf eine sorgfältige Aufzählung einer Historie der „Monster“ – so nannten Sie die, also einer Historie der Sektierer, der Abgekapselten und Eingeschlossenen, die aus idealisierten Laborbedingungen heraus – sozusagen als scheinbar perfekt daneben stehende Beobachter glaubten, die Welt distinkt beobachten zu können – und ja, auch zum Teil nicht nur beobachtet sondern auch wirklich verändert haben, nicht immer zum Besseren, das wissen wir, aber zumeist dann irreversibel. Etwas marginal und nur zwischen den Zeilen räumten Sie dabei ein, dass man hier auch die eher autarke Vorgehensweise Albert Einsteins wohl zu den Wirkmächtigsten zählen müsse, da auch er – aus einer zunächst ziemlich abgeschotteten Situation heraus eine ungeheure Weltverschiebung in Gang setzte – in dem er nämlich Beobachter beobachtete. Bis heute noch erstaunlich und beunruhigend, wie ein Mensch es vermochte, einen eigentlich grundsätzlich unbeobachtbaren Sachverhalt zu entbergen, indem er gegen alle Kantische Maßstäbe einen Schleier lüftete.

Danach aber zeigten Sie, Herr Slotterdijk, dann sehr vollständig all die „Monsieure Testes‘ “ in die Runde, angefangen von Platons (pythagoräischer) Akademie von vor beinahe 2500 Jahren bis zu Paul Valerys gleichnamigem Held und schließlich auch Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den Sie dann tatsächlich als „Monster“ – kann ich sagen – ein wenig denunzierten?

Herr Sloterdijk, dem aufmerksamen Leser dieser Schrift konnte nicht entgehen, wie sehr sie hier auf dem von ihnen gern beschrittenen Grad zwischen kolloquial seriösem Aufzählen, sich enthaltender Wertung, und einer microdimensionierten Ironie – bei halbem Warnton in dieser Historie herumballancierten – eine Herumbalanciererei – oder Ziererei – die ich manchmal als Stärke und manchmal auch als groteske Masche empfinde, die auch schon mal zum vorzeitigen Zuklappen ihrer Bücher geführt hat. Denn Sie müssen natürlich damit rechnen, dass Sie auch halbwegs informierte Leser haben, auch solche, die „Töne“ in der Sprache mitlesen können.

(Ich komme gleich zu Carl Friedrich von Weizsäcker und weiter unten auf die globale Relevanz des Themas, dass ich hier anschreibe in Richtung Buckminster Fullers schöner Metapher von „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“)

Darüber hinaus waren Sie auch in dieser zuletzt veröffentlichten Rede erneut von einem Gedanken angeregt, den Sie nicht zum ersten Mal vorbrachten, und den ich mal eben kurz zusammenfassen darf:

Sie haben immer mal wieder darauf hingewiesen, dass Platon seine Akademie in einem historischen Zeitfenster begründete, als das hellenistische Imperium bereits auf dem absteigenden Ast sich bewegte, oder anders gesagt: Sie notierten den Eintritt des platonischen, also metaphysischen Denkens der griechischen academia, als Kompensationsgeschäft von „Loosern“, als Symptom eines Zeitalters, als man da draussen, ausserhalb der Akademie, nicht viel mehr vorfand als imperialen Niedergang, von Kriegen ermüdet und fortschreitender Dekadenz gezeichnet – demzufolge Platon sich dann über den Umweg eines Besuchs bei Pythagoras dann flüchtete in die platonischen Gleichgewichtsräume der „platonischen“ Ideen, die ja den großen Vorteil der Unantastbakeit, Unvergänglichkeit und Reinheit haben, im Gegensatz zu Imperien, Straßen und Plätzen und einer dazu gehörigen „unreinen“ Realität.

Ihr Hinweis hat zweifellos etwas Zwingendes, und lässt sich als Muster auch immer wieder vorbringen. So zum Beispiel in der Geschichte des Christentums, das mit Kaiser Constantin genau zu dem Zeitpunkt erst weltmächtig erstarkte und sich kommunikativ im großen Stil vermarkten ließ, als das Römische Imperium – wie man so schön sagt – abkackte.

Man hat es also, wenn man Ihnen darin folgt, bei jeglicher Form von Platonismus – und auch die monotheistischen Religionen sind Derivate des Platonismus – mit einem „Platonismus für Arme“ zu tun; oder anders ausgedrückt: Die platonische Akademie wäre eigentlich nur für „Verlierer“ interessant, die sich an unvergänglichen „reinen“ platonischen Ideen-Konstruktionen aufrichten müssen oder sich an Idealen schadlos halten, heißen Sie nun „Gott“ oder „Oktaeder“ oder „Der Satz des Pythagoras“ oder der so genannte „Ideale Vergleichsprozess“ – den ich hier in meinem Labor mit einem durchaus nicht nur platonisch denkenden und handelnden Menschen gerade untersucht habe und weiter untersuchen werde.

Sogar die so genannte „reine Sinnlichkeit und Körperlichkeit“ ist heute zu einem Platonismus für Verlierer mutiert. Das sind die Verlierer, die heute einen Verlust verspüren, einen Abort des Lebendigen, Vitalen, Chtonischen und Sinnlichen in Richtung technischer oder ökonomischer Ratio – und nun also als Verlierer dagegen eine Religion des Körpers, der Vitalität und der Sinnlichkeit glauben aufrichten zu müssen, so in antidirekter Spiegelung eines Verlierertums im Verlierertum. Diese Entwicklung hatte bekanntlich Stanislav Lem schon mal in den 70iger Jahren vorausgesagt, in einer Prophetie, der heute die Bioläden und die „biologisch somatisch Gestik“ des künstlich wiederhergestellten „Natürlichen“ entsprechen, zu denen auch ganze Sparten von „Berufs-Lebendigen“ zählen.

Herr Sloterdijk, wollen wir dieses Ping-Pong-Spiel nun noch bis in alle Ewigkeit blind weiterspielen? Ich meine jetzt – nicht aufs wahre Leben bezogen – sondern denkerisch, philosophisch?

Vitalismus-Platonismus-Vitalismus-Platonismus/ Somatismus – Technologismus – Somatismus- Rationalismus?
Sicher werden wir das Ping-Pong-Spiel weiter spielen müssen, solange keine anderen globalen Beschäftigungstherapien in Aussicht stehen.

Aber man muss heute einfach auch mal darauf hinweisen dürfen, dass dieses Spiel, also das Ping-Pong-Spiel Platonismus versus Vitalismus bis in alle Ewigkeiten vorhersehbar bleiben wird, wenn wir nicht irgendwann einmal von dieser verrosteten Hin-und-Her-Schaukel, von diesem mäßigem Fahrgeschäft eines vorstädtischen Armuts-Zirkus Abstand nehmen. (Und jetzt schon kann ich hier andeuten: Dieser Abstand wurde bereits genommen.)

Denn zunehmend, das muss man sagen, leben wir – als Philosophen – heute nicht mehr in einer wirklich „Neuen Welt“ – vielmehr stolpern wir uns alle heute mehr oder weniger durch bereits vorgelatschte und denkerisch verausgabte Wellenpfade von philosophischer Weltmaßnahme, so dass man sich – wäre man pessimistisch eingestellt – nur noch als Erfüllungsgehilfe von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (Watzlawik) empfinden könnte. Und hier käme es dann nur noch darauf an, in die sich gerade darbietenden Wellendynamik gut hineinzuspüren – sozusagen als Gegenwartsbegleiterscheinung.

Aus diesem Grunde ist es auch keine große Kunst, heute gewisse Bewegungen vorherzusehen, zwar nicht detailiert, aber wenigstens ihrer Morphologie nach – sie sprachen das in ihrem Text sehr schön an: „Den Erlösern folgen immer auch die Erlöser, die uns von den Erlösern erlösen.“ So sehen Sie eine Epoche der Erlösereitelkeiten heraufziehen, hierin sicher den selben prophetischen Instinkten folgend wie Stanislav Lem zu seiner Zeit.

Wo aber Gefähr ist, da wächst das Rettende auch.

Deshalb ginge es darum, die Vertikalitäten, die hier in den Worten „Wachsen“ und „Stuhlen“ anklingen, zu Amplituden umzudeuten, zwischen denen ein sich vollziehendes planetares Leben wie zwischen den Hoch-und Tief-Punkten einer sich fortpflanzenden Wellendynamik dynamisiert und so in einem Entry/Re-Enty – Verhältnis die katastrophischen Erstarrungen meidet, jedoch die Energien der Vertikal-Spannungen in die ZEIT – hinein – lösend, entspannend, produktiv macht.

Aber was solls – die (fragwürdige) Idee des „Verlierertums im Platonismus“ war ja schon bei Nietzsche deutlich virulent, der aber gerade hier und in genau diesem Punkt sich selbst und anderen gegenüber immer etwas ungreifbar blieb, in Folge dessen sich die Exegeten bei Nietzsche immer heraussuchen können, was Ihnen gerade wichtig erscheint. Aber bis heute stehen wir vor dem Dilemma, dass wir nicht genau sagen können, ob „Die Macht“ im technologischen Zeitalter subjektlos wurde und immer subjektloser wird – sich in Folge dessen auf einen statistischen „Mann ohne Eigenschaften“ überträgt, oder ob sie den so genannten „Übermenschen“ generiert – als „Neues Subjekt.“
Und weil Nietzsche genau in dieser Frage nie so ganz eindeutig interpretiert werden kann, eiert es sich auch so schön bei ihm herum, weil er selbst herumeierte. Ich selbst habe hier schon einmal gesagt, dass man in Kleists Aufsatz zum Marionetten-Theater eine weitaus subtilere oder wenigstens kompensierende Beschreibung der Problematik finden kann, und bleibe auch weiter dabei.

Aber finden Sie nicht, dass es langsam Zeit wäre, von dem Ping-Pong-Spiel Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus Abstand zu nehmen. Ich meine das nicht im budhistischen Sinn.

Denn heute wären wir in solchem Widerstreit doch zum überwiederholten Male eingekehrt, denn – und das wissen Sie auch, Herr Sloterdijk, war es ja gerade seit zweitausendfünfhundert Jahren das platonische Denken, dass die angeblichen Verlierer dann doch verwandelte in technologisch Mächtige, ungeheuer Mächtige, um nicht zusagen: Ungeheuer oder Monster an technologischer Mächtigkeit. Denn unsere Technologien beruhen auf Mathematik und unsere Mathematik beruht auf Platonismus, also auf der ewig verschiebbaren Illusion von Symmetrie, Gleichgewicht oder pythagoräischen Harmonie, welche die „Gleichheitszeichen“ in unseren Köpfen zu unantastbaren IDEALEN VEGLEICHSPROZESSEN stabilisierten, die wir natürlich alle brauchen, weil sie notwendig sind. Und daran ändern auch die hochverfeinerten Methoden der höhere Mathematik nichts, weil auch diese Mathematik nur in einem stabilisierten oder harmoniserten Habitat innerhalb eines Fließgleichgewichts (als stabilisierter Zustand) vor und zurück rechnen kann, das von der Blut-Hirnschranke reguliert und schließlich als kognitives Bewusstsein aktiviert wird.

Sie selbst haben, und das achte ich sehr, in ihren Büchern gelegentlich auf die „Immunologische Geschichte“ der Menschheit hingewiesen, von Menschen, die sich auch mittels psychopolitischer Immunologisierung vor „Kränkungen“ schützten.
Einer These von Siegmund Freud folgend schützen sich diese Menschen immer vor solchen Kränkungen, die Ihn als „das Maß aller Dinge“ aus dem Mittelpunkt des Geschehens rückten, so dass er in den Strom des Geschehens selbst hineingestoßen wurde, was ihm nicht immer angenehm war.

Nietzsches zum Teil hysterische Denkbewegungen sind womöglich auch einem unangenehmen Gefühl aus dieser Ecke heraus geschuldet.

Regelmäßig wurde der Mensch aus der Illusion einer Existenz als Zentralgeschöpf vertrieben von Erkenntnissen, die ihn seiner Zentrumsposition beraubten und in die Peripherie des Geschehens stellten.
Aber diesen Vertreibungen folgten auch immer – um eine Metapher von Ihnen einmal umzudrehen – Ptolemäische Mobilmachungen – Rückbefestigungen hinter neuen, geradezu künstlich errichteten immunologischen Brandmauern.

Immer mussten lange Zeiten vergehen, bis für diesen Menschen die unabweisbare narzisstische Kränkung annehmbar geworden war – so wie die Erde, als Beispiel, nicht im Mittelpunkt der Welt sich drehte; in kleinen Dosen mutete er sich diese Tatsache irgendwann doch zu, begleitet von Kämpfen und Krämpfen und erst nach wiederholt ausgefüllten Anträgen der unabweisbaren Vernunft, nahm er sie dann an.

Oder vielleicht gewöhnte er sich auch nur an Gifte?

Bis die Kränkung schließlich immunologisch eingebaut und akzeptiert wurde als wissenschaftliches Paradigma in den historischen Körper der Entwicklung. Nach langen Krämpfen und Fieberschüben der Verletzung.

Vielleicht haben Sie vergessen zu erwähnen, dass jede eingebaute und als Paradigma akzeptierte Kränkung, die Immunologiserungstendenz dieses Menschen ja nicht aufhebt, sondern sie nur etwas weiter nach innen verschiebt, wo sie dann andere psychopolitischen Immunsysteme gegen nachfolgende Kränkungen zunächst einmal umso stärker rückbefestigt oder aktiviert.

Die Erde also und der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

Sie, Herr Sloterdijk, müssen sich demzufolge auch sehr wohl darüber im Klaren sein, dass der Platonismus und seine Derivate zu den großen Immunologie-Geschichten überhaupt gezählt werden muss. Wenn nicht sogar d i e Immunologisierungs – Revolution schlechthin bedeutet.

Der Platoniker, und wir alle sind immer auch ein wenig Platoniker, „immunisiert“ sich in gleichbleibenden Gleichheitszeichen, in Ideen, sei es als Pfarrer oder Antipfarrer „in Gott“, sei es als Denker „in Gedanken“, sei es als Mathematiker, in „Funktionen“ oder sei es als Psychologe in „Kategorien der Neurose“, sei es als Künstler in „Arbeit und Werken“ oder als Händler „in Geld“ sei es als Systemtheoretiker in der Figur des „Beobachters“ , als Liebende in dem Geliebten – oder einfach als Mensch im „Sein.“

An der Breite meiner Aufzählung können Sie bereits sehen, dass Immuniesierung immer ein Vollzug ist und nicht nur Ergebnis. Weil der Vollzug im Sein uns selbst in Zeit, also Form verwandelt, in Form hält, die Zeit, die wir ohne Vollzug nur einfach erleiden müssten.

Und ja, auch ein Nietzsche war ganz unfreiwillig ein Platoniker, da auch er nur „in Gedanken“ denken konnte.

So also stabilisiert jeder seine Welt oder transportiert sie reflektorisch zunächst in platonischen Waggons der Kategorien und Begriffe, der Zahlen, der Funktionen, der Werke und Ideen auf vital-grammatikalischen Gleisen hinein in die Bahnhöfe seiner Überzeugungen und Haltungen. Und wenn es gut geht – dann auch wieder hinaus in die Weiterfahrt, den Weiterbau.

Tätigkeiten, Beziehungen, Funktionen, Arbeiten, die selbst zugleich im wahrsten Sinne des Wortes ZEITVERWANDLUNG und IMMUNISIERUNG leisten – aber damit immer auch Hoffnung produzieren. Denn solange wir an unseren vital-grammatikalischen, vitalistischen oder ästheischem Gleisbau mit samt den zu Güterzügen verkoppelten Seins-Waggons uns abarbeiten, sind wir unterwegs – doch nicht verloren.

Der sich immunisierende Mensch immunisiert sich also psychopolitisch durch platonistische Aktiva, die entweder Zahlen, Ideen, Zeichen, Begriffe, Funktionen oder Gott genannt werden und physiologisch primär an der Blut-Hirn-Schranke gegen die Entropie der Thermodynamik abgeschirmt oder ausballanciert werden.

Anders gesagt: Der Mensch, seine gesamte Psychopolitik kann nur immer hinter einem Schließmuskel existierend, gedacht werden, der aber zur Öffnung fähig und – verdammt bleibt, solange er lebt. Er ist Bahnhof aber kein Kopfbahnhof.

Und der Primär-Schließmuskel hierfür ist unsere permeable Blut-Hirn-Schranke, an der die Natur über Jahrmillionen von Jahren Abwägung vornahm: Blut gegen Geist – und sich schließlich irgendwann dazu „ermächtigt“ hatte, der Blut-Seite eine Geist-Seite als Tauschobjekt zu offerieren, vielleicht die allergrößte und entscheidendste Öffnungs-Schließung als schwerster immunologischer Vollzug – der einem Wesen von der Natur jemals zugefügt wurde. Wenn auch die konstruktivste und folgenreichste für den Planeten Erde, und dieses Wesens selbst.

So ist der Mensch also per se das gekränkte Wesen, dessen „Gesundheit am Sein“ sich nur durch öffnende und schließende Ballance-Handlungen bei trainierender Schließmuskel-Aktivität in platonische oder vitalistische Funktionen-Modi überführt, wobei eine Einkapselung oder Abkapselung immer auch die totale Entkapselung also Öffnung ausgleichen muss, die totale Öffnung, die nur der Tod leisten kann – schließlich.
Damit ich hier nicht zu einseitig verstanden werde: Solche Schließungs-Öffnungs-Muskel sind auch der sprechende Mund, der schluckende Kehlkopf und letztlich auch das nervös – arterielle und venöse Spiel zwischen Systole und Diastole – bis hinein in die Herzkammern gewährter oder verbotener Blicke, Augenaufschläge und Techniken des Schweigens und der Verlautbarung, welche als Öffnungen und Schließungen von Gesprächs- oder Kommunikations-Zeit-Kapseln verstanden werden können.

Sie selbst nannten all diese platonischen Techniken der Stabiliserung einmal „Homöotechniken“ – ohne jedoch hier auf die Thermodynamik näher einzugehen.

So immunisiert sich der Mensch in einer ständigen Mitte zwischen Klausur und Aperture, Zusammenziehung und Streuung, Entry und Re-Entry.

Aber nicht der Mensch, Pflanzen und Tiere immunisieren sich allein so, sondern sie alle sind das Ergebnis von Vorgänger- immunologsierungen des Universums.

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn ich hier anführe, dass diese Blut-Hirn-Schranke, nun die Primär-Immunologie aller Human-Imunologien abbildet. Und ich sie damit als primäre Homöotechnik der Natur und grundlegende Vorraussetzung für alle nachfolgenden Homöotechniken benenne.
Und dies eben gerade nicht nur in Bezug auf Viren oder Bakterien – nein. Denn diese Schranke markiert ein Gebiet oder ein Strand, an dem sich seit Jahrmillionen von Jahren der Tidenhub und die Wellen-Pulsation des Flüssigen in „gleichgleiche“ Substanz von Festem verwandelt hat – und hier – mit ihrer immunologischen Funktion im Vollzug für die Dauer unseres Lebens auch für ein ungefähres thermodynamisches „Vollzugs-Gleichgwicht“ sorgt – die uns zu dem formuliert, was wir sind – ein ungefähres-Ufer an einem ungefährem Fluss. Ein halb-festes Ufer, das aber eines strömenden Flusses bedarf, um sich als Ufer dagegen abzuheben und zu formulieren, in dem es sich selbst zugleich kenntlich und unkenntlich macht.

Und hier also eine physisch – metaphysische Komplementarität ausbildete, die man ausdrücken kann mit den Worten:

Der Fluss weiß nichts von seinen Ufern, denn der Fluss sind seine Ufer.
Die Ufer wissen nichts von ihrem Fluss, denn die Ufer sind der Fluss.

Und darin, Herr Sloterdijk, wiederholt auch die Blut-Hirnschranke nur eine Immunologische Komplementarität, wie sie unser Planet als „Raumschiff Erde“ stabilisiert in seiner dialogischen Routine um die eigene Achse als auch um die Sonne in „Immunisierung“ also Abkapselung gegen das Anströmen der Entropie zu einem System – im Vollzugs-Gleichgewicht – ; ein System, dass seine „Routinen“ als Lagrange-Gleichgewichte der Immunisierung auslegt – gegen – das treibende expandierende Ungleich-gewicht einer vorangegangenen Supernova, der es aber bedurfte zum Anschub der Stabiliserungsbewegungen in die Routinen hinein.

Denn dass wir uns stabil um unsere Achse drehen, ist eine Folge im Ausgleich von Implosion (Zusammenziehung) und Explosion (Ausdehnung) in einer „immunologischen Routine“ stabilisiert zu einem System mit Namen Erde-Mond-Sonne.

Denn auch eine Drehung kann nach einer Umdrehung als ein Vollzug von Entry nach Re-Entry bezeichnet werden. Sie ist eine Atmung.

Insofern sind Erde Mond und Sonne zwar nicht eine atmosphärisch klimatisierte Kapsel wie die Erde, sehr wohl aber eine mehrkörpermechanisch stabilisierte Kapsel, in einem statistischen „Lagrange-Klima“ des ungefähren Gleichgewichts.

Die informationelle Komplementarität des Universums lässt sich deshalb ungefähr so ausdrücken:
Ohne Explosion (Expansion) gäbe es keine stabilisierten Details, aber nur in Details kann sich eine Explosion ereignen und abbilden.

Mit anderen Worten: Wir selbst sind das wahrscheinliche Ergebnis einer ganzen Abfolge von physikalischen „Immuno-logisierungen“, die sich im Universum immer in Routinen, also Rotationen, zu „Systemen“ also temporären Lagrange-Mehr-Körper-Gleichgewichten stabilisiert haben – gegen – die Expansion – imitten – der Expansion.

Deshalb ist alles, was wir als „stimmige“ oder „funktionierende Funktion“ erleben, nur eine Perpetuierung eines ganz speziellen immunologischen Gleichgewichts, dass uns schließlich hier unten auf der Erde den schwer bürdenden Luxus eines Bewusstsein eröffnete/erschloss als ungefähr gleichbleibend stabilisierte Beobachter hier auf unserem Raumschiff Erde, dass seine Gleich-Gewichte öffnend – schließend und damit GEQUANTELT oder ROTIEREND balancieren muss.

So will ich hier jetzt auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückkommen. Ein durchaus respektabler Physiker und Philosoph, der bekanntlich ahnte, dass so eine Frage wie: Was ist Information? – dringend auf der Tagesordnung steht. Ebenso wie John Archibald Wheeler, der diese Frage ebenfalls stellte.

Vielleicht ahnen Sie es schon, Herr Sloterdijk, ich kann Ihnen dazu nur sagen: Weizsäckers Quantentheorie der Information ist leider falsch, weil er sich selbst nie dazu durchringen konnte, die Quantentheorie, auf der sein Konzept der „Ure“ beruht, als das zu betrachten, was sie ist: Sie ist keine Wahrheit der Natur, sondern das Quantum ergibt sich als Stabilisierung aus der immuno-logischen Stabiliserung von Bewusstsein, das nur in einem gequantelten Modus von Öffnung nach Schließung denkbar ist. Das Bewusstsein muss bis in die Techniken hinein – blinzeln. Das Quantum ist keine Konstante, sondern ein perpetuiertes Verhältnis seines Blinzelns in einer Öffnungs – Schließungs – Routine. ES blinzelt.

Bisher war es üblich, ähnliche (nicht diese) Überlegungen in die Ecke von philosophischer Geschmäcklerei zu rücken, wo man sie dann als „anthropische Prinzipien“ entweder „stark“ oder „schwach“ mehr oder weniger schulterzuckend zu einem Orchideenthema der Ansichtssachen degradierte.

Diese Zeiten sollten nun aber, davon bin ich überzeugt, langsam vorbei sein, da sich bei eingehender Betrachtung herausstellt, dass wir bis heute, bis in die Ingenieur-Akademien hinein eine zum Teil haarsträubend missverstandene oder pragmatisch verkürzte Thermodynamik pflegen, die noch nicht mal in der Lage ist, die beiden Hauptsätze in ihrer dialektischen Komplementarität zu vermitteln. Und nur selten werden historische Zusammenhänge der Wissenschaften in Philosophie-, Ingenieurs- oder Physik-Seminaren mehr als oberflächlich, wenn überhaupt, behandelt. Von den soziologischen und pädagogischen Fakultäten ganz zu schweigen.

Ich will damit also sagen: Unsere Techniken, Geräte, Apparate und Schulen funktionieren wohl, aber wie sie funktionieren, sagt noch nichts darüber aus, ob das Universum als Ganzes so funktioniert und zwar, weil wir die nächste große Kränkung noch nicht einmal anrücken sehen wollen und diese Kränkung lautet, um mit Schopenhauer zu sprechen:

Wir können – vielleicht – tun was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.

So kann hier auch deutlich in Richtung Prof. Holger Lyre und Frau Prof. Brigitte Falkenburg gesagt werden:
Das Quantum und mit ihm auch alle so genannten „Naturkonstanten“ sind stabilisierte und konstruktive „Real-Halluzinationen“ – die sich aus dem Umstand herleiten, dass die gesamte Mathematik, ebenso wie die gesamte anthropotechnische Evolution aus einer platonisch immunologischen Kapsel gegen die Entropie – mit der Entropie – homöostatisch dialektisch stabilisiert wurde in einem bestimmten harmonisierten Verhältnis – und sich auch darin weiter stabilisiert in der ständigen Übergabe von Fehler nach Funktion, von Öffnung nach Schließung, von Entry nach Re-Entry, von Verifikation nach Falsifikation – so in die Ausdifferenzierung weiter überwechselt in Richtung Technik und Erkenntnis. Das „harmonisierte Verhältnis“ soll besagen, dass wir innerhalb nur eines ganz bestimmten Verhältnisses „Teilchen“ zerteilen oder erzeugen können, aber dieses Verhältnis weist eben nur wieder auf u n s e r immunologisch stabilisertes Bewusstseins-Verhältnis hin, das nicht für das gesamte Universum verbindlich ist.
Die Planckzahl ist ein anthropotechnisches kapsel-klimatisches Verhältnis, evolutionär harmonisert, aber keine Naturkonstante. Weil es in einem expandierenden Universum keine echten Konstanten geben kann.

Aus diesem Grunde kommt man hier, kosmologisch betrachtet, mit klassisch mathematischen Argumenten nur noch sehr bedingt bis gar nicht mehr weiter, obschon es für die Zukunft nicht ganz ausgeschlossen bleibt, dass man weiter kommt, wenn man die Mathematik modifiziert, und sie aus ihrer arithmetischen und geometrischen Sterilität heraus bewusst vermischt mit natürlichen dialogischen Gesprächssprachen – und nicht nur unbewusst, wie es bis jetzt Praxis war.

Sonnen, Planeten, Staubkörner, Leben, Menschen und Technik, Funktionen – und sogar Zeichen und Sprachen sind also die platonischen Verlierer – Gewinner. Sie sind in ihrem Verhältnis zu unserem Bewusstsein durchaus real existierend. Aber die Werte und Größen, mit denen wir ihre Funktionen beschreiben sind – in den Werten – nicht verbindlich für das ganze Universum.

Da unser Bewusstsein AUS DER THERMODYNAMISCHEN ZEIT sich herausgedreht und eingekapselt hat, steht es seit dem in einem bestimmten expliziten Verhältnis zu seiner Herausdrehung – in einem bestimmten Gleichgewicht – das es zugleich auch in sich selbst eindreht.

Das bedeutet konkret, Herr Sloterdijk: Es ist völlig sinnlos, gegen die Metaphysik zu ironisieren oder zu polemisieren, (was Sie klugerweise auch immer nur eher verschmitzt getan haben, so weit ich weiß) und zwar deshalb sinnlos, weil weder eine „Meta-Physik“ noch eine davon irgendwie getrennte „Physik“ obwirkt. Das einzige, das real wirkt, wäre ein informationelles Potential, dass sich per Expansion und Explosion (Aktualität) in die Potentiale von Materie (Potentialität) ausdetailiert oder zu Kognition über Falsifikations-Routinen in Erkenntnisse, Begriffen, Symmetrien oder Techniken diversifiziert.

Deshalb muss, Herr Sloterdijk, wer heute ernsthaft Philosophie und kosmologische Physik betreiben will, sich mit der Geschichte der Thermodynamik bezogen auf die evolutionäre Erkennntistheorie beschäftigen und damit also auch mit den immunologischen Blut-Organschranken- die in eine kosmologische und thermodynamische Erwägung von Energie, Rotation, Information UND DIVERSIFIKATION zu ziehen sind. Womöglich auch statistisch. Und zwar seit der Bildung der ersten Protozeller.

Und jetzt schreibe ich Ihnen gleich noch etwas dazu, falls Sie auf die Idee kommen sollten, ich litte an Erlöser – oder Aufklärer-Größenwahn. Mich also mit der Frage befangen wollten, woher ich, also Tim Boson, denn meine Wassersuppe nähme, kraft welcher ich Ihnen das Universum erklärte. Denn auch ich könne mich ja selbst ganz unmöglich ohne blinden Fleck bewegen. Oder gar ausserhalb der Prozesse mich verorten, auf einem Punkt, von dem ich dann das alles überblicken könne. Es müsse sich ja auch unter meinen Füssen ein blinder Fleck befinden, der mir selbst unbeschreibbar bleibt.

Darauf würde ich so antworten: Nun, ich bin ja – hier in diesem Text – nicht ich. Ich bin ein Boson. Zudem wird ja hier auch nicht das ganze Universum erklärt. Durchaus nicht. Aber in der Bewegung von Information, die eine Bewegung von Potentialität nach Aktualität nach Potentialität darstellt, die immer auch eine Reflektion abbildet, wirkt eine sedimentierende Gang-Abfolge, welche die Reflektion in die Lage versetzt, nach einem wiederholtem generationenlangen Durchlauf von Wiederholungen auf eine nächste Reflektionsschwelle zu gelangen. Sie nannten solches Wiederholen einmal „ÜBEN“. Ein solches ÜBEN findet auch im Gang wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis statt.

Sie kennen den berühmten Ausspruch von Gotthard Günther, den er seinerseits sich von einem Lehrer sehr zu Herzen nahm:

Wenn man seit zweitausend Jahren immer wieder die selben Fragen wälzt (routiniert) und keine befriedigenden Antworten erhält, dann könnte es sein, dass nicht die Antworten falsch sind, sondern die Art der Fragen.

Sie wissen, Gotthard Günther war dem Thema sehr nahe auf der Spur. Sein Pech aber war eine zu einseitige Fokussierung des Themas auf der „metapyhsischen“ Zeichen-Seite. Die Thermodynamik hat er nicht im großen Stil behandelt und beachtet.

Man muss es sich klarmachen wie bei den Wachstumsringen eines Baumes oder den sedimentierenden Schichten am Grunde eines Sees. Oder in Eisbohrkernen. Da wirken Grenzschichtereignisse, die auf Zyklen, Routinen, Rotationen, ergo Jahreszeiten verweisen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist eine Routine oder ein Zyklus umrundet und es wächst ein neues Jahr, ein neuer Frühling – ein neuer Baum-Ring der Reflexion, ein neues Sediment, das nun im Abstand zu den Vorgänger-Schichten deutlich erkennbar sich abhebt, in dem es hier Abstandnahme markiert, aber zugleich auch den Vorgängerring mit einschließt und umfasst. Die „Fehler“ oder die Widersprüche einer alten Weltbeschreibung wirken als „negative“ Konstruktionselemente in eine neue Theorie hinein. Die jeweils neue Weltfunktionenbeschreibung „ernährt“ sich von den „Fehlern“ der Vorgängerfunktion.

Die Fehler werden regelrecht aufgegessen oder absorbiert per Falsifikation und immunologisch eingebaut, funktionalisiert, in die neue Funktionenbeschreibung. Ungefähr so, wie die Mitochondrien, die ursprünglich autonome Einzeller waren, sich dann aber im Laufer der Evolution als Energie-Zubringer in die mehrzelligen Organismen integrierten, wo sie heute als „Energie-Kraftwerke“ eine Funktion ausüben.

Deshalb war das Wort „Falsifikation“ von Raymund Popper im Grunde genommen immer zu einseitig in die Diskussion getragen worden oder vielmehr: Undialektisch. Denn in Wahrheit wird nie etwas einfach nur falsifiziert. Die Falsifikation ist zugleich immer der notwendige Nährboden oder die sedimentierende Schicht für „Richtigstellungen“ in Folgeschichten, die dann über diese Falsifikationen wie über Räuberleitern der nächsten Erkenntnisschwelle entgegenklettern oder entgegenwachsen. Den Rest kennen wir von Thomas Kuhn.

Aus genau diesem Grunde konnte auch ein Einstein vor beinahe 100 Jahren die Newtonsche Physik in seine Relativitätstheorien als unteren Ring oder innere Schicht mit einschließen, als Spezialfall. Die Zeit war einfach reif. Und ob es einen Einstein, einen Luther, einen Kopernikus, einen Gallilei oder wen auch immer dann erwischt, der dann die Formulierungsaufgaben übernimmt, das ist beinahe – nur eine Frage der Statistik. Einstein formulierte in vollkommen durchsichtiger Bescheidenheit: „Ich stehe nur als Zwerg auf den Schultern von Riesen.“

Weizsäckers Quantentheorie der Information, bringt uns hier nicht mehr viel weiter als ihn selbst, und das war schon weit, weil sie die ontologisch falsche Quantentheorie zu einer ontologisch falschen Informationstheorie erweitern wollte. Aber natürlich eignet sich die Falsifikation von Weizsäcker als brauchbare Räuberleiter, um weiter zu klettern. So sind alle „Falsifikationen“ zugleich die notwendigen Räuberleitern, um eine nächste Stufe der Reflektionsfähigkeit zu erringen.

Denn Weizsäckers „Ure“ sind als zeitlose – also platonische Elemente konzipiert, und damit eben wieder nur von einem thermo-dynamisch stabilisierten homöostatischen Gehirn her gedacht. Aber die idealen Stabilisierungen existieren nur in unserem Kopf. Sie dienen uns als „platonische Schneiderpuppen“ auf denen wir die Maßanzüge unserer Funktionen schneidern, indem wir ITERIEREN – also mathematisch annähern, bis die Funktion oder ein Gerät funktioniert. Die Dinge funktionieren, aber die Gleichungen bleiben jeweils nur angenähert infinitisimal, jedoch real immer ein wenig unvollständig. Das hat uns bisher nur deshalb nicht interessiert, weil das Gerät selbst ja nicht ewig (infinitisimal) funktionieren soll, und kann, sondern nur solange seine Funktion gebraucht wird. Und weil aber unsere Funktionen und Geräte immer wieder per Energiezufuhr „gewartet“ also erneuert werden, fällt uns nicht auf, dass unter den Funktionen die platonischen Schneiderpuppen derweil weiter sich entropisch bewegt und ausgedehnt haben – wie alles. So halten wir unsere „gleichen Funktionen“  immer für die „selben Funktionen“  – was sie aber nicht sind. Denn auch innerhalb der Wartungs- Intervalle ist ja Zeit vergangen.

Mit anderen Worten: Der Graphitabrieb einer Bleistiftmine, die eine Formel zur Entropie auf ein Blatt Papier schreibt, kann mit dieser Formel nicht vollständig abgebildet werden. Hierin reichen sich sowohl Kurt Goedel als auch Rudolph Clausius die Hand.

Und damit schließt sich ein „meta-physischer“ Cern – Ring. In dem sich aber dieser Ring schließt, können wir ihn jetzt verlassen.

Ein nächster Wachstumsring liegt an.

Man muss deshalb hier wieder auf Eckard von Hochheim verweisen, der das Erkennen selbst als eine Struktur der Welt bezeichnete, allerdings in dem man heute Struktur durch die Worte „Prozess“ oder „Routine“ oder „Diversifikation“ ersetzen muss. Eine Diversifikation, in der die „Erkenner“ also die „Mathematiker“ oder der „Physiker“ selbst mit eingeschlossen bleiben.
Denn die Diversifikation in Details ist die Fortsetzung der Entropie (Expansion) auf der Informationsseite. Zugleich aber integrieren sich die neuen Details wieder in neue technische Funktionen-Gefäße, unsere Geräte, die alle als Homöostate der Information eine „neue Funktion“ – vorrübergehend – stabilisieren – aber zugleich auch weiter in Gang halten – bis zum nächsten Verschleiß. Auch die „neuen Funktionen“ dienen dann als Räuber-Leitern für nächste Erkenntnisse. Siehe Space- Shuttle. Siehe Hubble-Teleskop.

Was hat das alles nun, Herr Sloterdijk, mit ihrem Text zu Buckminster Fuller zu tun –

Zurecht fragen Sie am Beginn ihres Textes auf ihrer Internetseite: Wie groß ist groß? Wie groß dürfen wir denken? Und umspielen dann Buckminster Fullers Metapher vom Raumschiff Erde.

Eine Metapher, die darin Ihre Qualität zeigt, weil Sie klarmacht, dass unser bewohnbarer Raum vorerst begrenzt ist, und wir für die Zukunft uns darüber einig werden müssen, wie wir dieses bewohnbare Raumschiff Erde „betriebsfähig“ halten, so dass solches Raumschiff Erde uns Menschen als darauf lebende „Raumfahrer“ ungefährdet weiter beherrbergt. Dazu haben Sie nun viel Wichtiges gesagt.

Aber – und diese Anmerkung – gehört hier her, Herr Sloterdijk – Das Jahr 1969, in dem Mister Buckminster Fuller seine Metapher vom Raumschiff Erde prägte – war das Jahr der Mondlandung! Und es waren die Jahre, in denen der Mensch zum ersten Mal einen ganzen BLICK ZURÜCK auf diese blaue Erde werfen konnte, ja gezwungen wurde, es zu tun. Und Buckminster Fullers Metapher vom „Raumschiff Erde“ kann nur aus einem großen raumfahrenden Blick zurück generiert worden sein und dadurch verständlich werden. Ich will Ihnen damit andeuten, dass wir uns vor einer allzu blauäugigen oder blauerdigen Naivität und Rhetorik schützen sollten, die unterstellt, wir Menschen bewohnten einfach nur ein Raumschiff Erde, so wie man Käse auf ein Stück Brot legt – nein, Herr Sloterdijk, die Metapher vom Raumschiff Erde muss dahin gehend präzisiert werden, dass wir das Raumschiff Erde nur durch einen Blick weiter ausbauen und betriebsfähig halten können, der selbst nicht mehr von dieser Erde kommt, sondern von ausserhalb. Das ist die Abstandnahme, von der ich oben sprach! Ein Blick der erkennt, dass wir, unsere Gattung samt Erde kein Raumschiff bewohnen, sondern wir selbst sind der BLICK, der das Raumschiff konstruiert. Und dieser Blick eröffnet uns erst einen RE-ENTRY – einen WIEDEREINTRITT in die Unterscheidung!

Und damit Herr Sloterdijk, soll gesagt sein, zum wiederholten Mal gesagt sein, denn ich bin nicht der Erste, dem das auffällt, dass das Jahr 1969 die Überschreitung eine Reflexionsschwelle markiert, hinter die es kein Zurück mehr geben darf und kann. Die Brücken sind verbrannt.

Es sollte also deutlich klar gemacht werden, Herr Sloterdijk, dass das Jahr 1969 ein Monster generierte in einer bis dahin nie da gewesenen Extremform von Abkapselung, Sektierertum, Askese, Klausur und Selbsteinschließung, Autarkie und Akademie. Und diese neue platonische Akademie, diese Abkapselungen waren die KAPSELN der Apollo-Missionen, die uns als fliegende platonische Akademien darüber aufklärten, dass unser Planet ein Raumschiff Erde ist, das man nur deshalb bewusst und sorgsam bewohnen kann, weil diese Erde ab jetzt und für immer auch als ein Objekt von Verlassensein und Verlassenheit erkannt sein wird. Wir haben uns im Jahre 1969 von oben und von hinten gesehen!

Der Blick der Apollomissionen zurück auf die Erde war der Blick eines Sterbenden, die Nahtoderfahrung in einer Agonie, der im Sterben zurück auf seinen ganzen eigenen Körper blickt. Der RE-ENTRY in Form von zurückgefunkten Signalen dieser Bilder und der geglückte Wiedereintritt seiner Astronauten – nun als unfreiwillig platonische Belehrte – liegen in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zur Kuba-Krise, was sicher ein Zufall sein mag, aber man kann auch diesen Zufall als Metapher deuten.

Das bedeutet, dass wir spätestens seit dem Jahr 1969 in ein neues Zeitalter der ANSCHAULICHKEIT eingetreten sind. Dies als Ergebnis von Wegen, welche die Wissenschaften über lange Zeiträume hinweg in aller mathematischen und physikalischen Unanschaulichkeit zurückgelegt hatte.

Und es bedeutet weiterhin, dass wir die „Kapseln“ also die verklausulierten „platonischen Monster“ auch in Zukunft notwendigerweise brauchen, jetzt allerdings mit wissendem Bedacht, um die notwendige Entry-Re-Entry-Dynamik überführen zu können in eine operationsfähige Dialektik, die mit der Rotation und der Entropie der Thermodynamik rechnet. Alle Trennungen zwischen Physik und Metaphysik sind damit obsolet geworden. Die Höhen und Abgründe, die seit Jahrtausenden zwischen Physik und Metaphysik sich vertikal aufgespannt haben, müssen und können nur noch als Tauschprozess einer operativen Dialektik von Entry und Re-Entry zwischen Austritt, Eintritt, Blick und Rückblick, Wiedereintritt und Wiederaustritt erkannt werden!
Wer ab jetzt auf diesem Planeten sein religiöses „Stuhlen“ sein weltliches „Tronen“ oder sein handelndes „Wachsen“ in die physischen Hochsteigerungen oder in die metaphysischen Abgründe als seine persönliche Lebensentscheidung einer bloß subjektiv definierten Kategorie von „Willensfreiheit“ oder „Religionsfreiheit“ oder „Handelsfreiheit“ oder „Meinungsfreiheit“ einbettet, der muss dabei ab sofort immer mitbedenken, dass er – ob er das „will“ oder „nicht will“ in einer historisch begründeten und determinierten fließenden Dynamik mitströmt, die ihn selbst ernährt, ebenso wie auch alle seine „Widerstände“ also Gegenbewegungen, Verweigerungen und Abstoßungen, die er – gegen – den Strom vorbringen mag. Und er sollte wissen, dass nicht er allein wollen kann, was er will, dass nicht er allein verliert, was er verliert, und dass nicht er allein gewinnt, was er gewinnt.

Das Raumschiff Erde bewegt sich nicht durch den Raum, indem es sich als Planet durch den Raum um die Sonne dreht. Das Raumschiff Erde bewegt sich mit seiner Gattung durch die Zeit. Und diese Bewegung heißt EXPLOSION und EXPANSION.
Die EXPLOSION FAHREN LERNEN heißt: Dissipation und Diversifikation unterscheiden lernen und sie als physisch – metaphysische Entry – Re-Entry – Tausch-Dynamik zu ATMEN. In einer Geschichte der Blicke und Rückblicke, der Austritte und Wiedereintritte. Die EXPANSION fahren lernen bedeutet: Physische Explosionen (Entkapselung, Ausstreuung) im Tausch gegen metaphysische Inversion (Verkapselung, Einstreuung, Klausur) als Informations – und Tausch-Dynamik zu begreifen – und so – produktiv in eine gelingende nichtkatastrophische Wellenbewegung einer technischen Zukunft hinein quantisiert zu entspannen.

Wenn verstanden wurde, dass die treibende Kraft dieser operativen Dialektik die informationelle Themodynamik ist, in der Diversifikation und Dissipation als Phänomene ein und des selben Effekts sich blickend und rückblickend austretend und wiedereintretend – also atmend – in einem Verhältnis zueinander konstruiert.

Und die erste Kapsel, oder das erste „Monster“, das sich in einer solchen operationsfähigen Dialektik von Entry nach Re-Entry sich verklausulierte, und sich damit der Entropie dankbar zeigte, indem es sich mit der Entropie gegen die Entropie in ein eigenes inneres Gleichgewicht hinein verkapselte – dieses Monster nennen wir den EINZELLER.