Archiv der Kategorie: Tagebuch.

Dem Gedenken allein

Dem Gedenken allein

Nimmst eine Zeitung
Rollst sie zusammen
Schaust da hindurch in den Himmel

Den hältst du still
Wie er dich stille hält

Der Himmel ist still

Die Zeitung gerollt ein Rohr

Sie hält dich in der Hand

Du nicht fällst

Im Gefallen der Sterne

Die ziehen vorbei und halten dich  – inne.

Du hast die Zeitung gerollt
und dein Auge vermählt dem Rohr

Schaust direkt in die Mündung

Ihren Lauf

Ziehen die Sterne in dir

Vorbei an der Mündung

Ma

Ma  ach

Mach

Rohr Rund

Mund

Du bist nicht gefallen

Solange du fällst

Du hältst

Das Rohr in der Hand

Erinnert das Ziel

Innen durch fällt die gerollte Zeit

Inne Du hältst

Du hältst inne

Sie zieht an der Mündung vorbei

Das zieht an dir

Du hältst inne

Au Au

Auge

Auch

Auf

Advertisements

Nostromo

Als wäre die Zeit,
als käme einmal die Gelegenheit,
als sollte man sich Gedanken machen,
als müsste man vorbereitet sein,
als könnte man sich wenigstens – ein bisschen –

– darauf einstellen –

– als läge es in der Luft –

– eingestimmt zu bleiben auf die Frage:

Wie riecht ein Alien?

Wie riecht das für uns?

Was ist sein Geruch?

Wenn man in einen Nahbereichs-Kontakt
mit einem, nennen wir es mal: unheimlichen Wesen –

käme –

sollte man nicht die psychische Belastung
unterschätzen, den davon ausgelösten Stress,
dem man ausgesetzt –

– wäre

gegenüber einem Wesen,
das uns geruchs-wesens-mäßig

– NEU ist.

Hier hätte man sich einzustellen auf – das Fremde?

– das wirklich fremd ist.

Das wirklich Fremde?

Das Allerfremdeste?

Von den Geräuschen noch gar nicht zu reden.

Vorgestellt wird hier nicht ein besonders unfreundliches

oder gefräßiges
oder hungriges

Alien

das mit einem Anliegen aus dem Nahbereich –

– im toten Winkel hinter unserem Nacken

an uns herantritt – witternd –

in einer zehntel Sekunde
als besonders – unhöflich uns gegenüber –

– sich zeigt als kulinarisch nur ein BISS-CHEN interessiert –

Vorgestellt bleibt die Frage,
ob man mental verwinden könnte
den fremdneuen Geruch

bei einem ganz freundlichen Alien.

Die Fremdheit, mit der man es bei einem Nah-Bereichs-Kontakt

„zu tun bekäme“

scheint vorstellbar nur als Schock
oder schwerste Irritation.

Er, Sie, Es käme aus einer anderen Erinnerungsgeschichte
Vielleicht nur ein biss-chen verschieden, aber immerhin….

…darauf sollte man vorbereitet sein, wie so etwas riecht.

Ein solches Wesen würde vielleicht –

– aus Höflichkeit

um sich herum verbreiten
den Geruch von Erkältungssalbe.

Kampfer, Minze, Eukalyptus, etwas Alkohol, Kamille –

– zum Beispiel.

Piment…

Aus Klugheit.

Es will uns nicht erschrecken.

Aber schon, wenn da mittendrin noch etwas

anderes – plötzlich –

– hervor röche –

sagen wir auf die Entfernung von einmetersiebzig –

– ganz überraschend ein bisschen Ozon,

uns vertraut von Farb-Kopierern
auch in Funkenstrecken manchmal
wahrnehmbar –

– würden wir mehr als nur unruhig.

Dabei wäre Ozon noch harmlos.

Nicht auszudenken bleiben die Gerüche,
die man sich nicht ausdenken kann, eben

– weil man sie sich nicht ausdenken kann –

– würde unser Gehirn womöglich Zuordnungen konstruieren.

Indem es meint:

„Hefekloß an Aluminiumspänen.“

Beunruhigend bleibt dann aber,
die Entfernung von Einmetersiebzig

auf der man es riecht.

Auch noch in drei Metern. Deutlich.

Eine wirklich andere, deutlich neue Geschichte.

Später dann, ja, wird man immer leicht sagen können:

Das ist dieser typische Aliengeruch,
Mischung aus frischem Brot,
ausgeglühtem Motorblock, Ozon
und Erkältungssalbe…

….oder so ähnlich.

Man wird sich dann nicht mehr erinnern wollen –

wie schockiert man Anfangs gewesen war

als das alles zusammenkam erstmalig

Wie man – ein bisschen – gezittert hat –

– bis ins Herz.

Die Glühlampe und das Mädchen.

Nach Glühlampen hab ich gesucht.

Kaum durchdringbar, eng, gehitzt, ein dünner Kohlefaden
glomm und später glühte, hellorange bis gelb bis weiß –

– zuströmt mir darin ein Motiv:

Ich sehe eine Villa, irgendwo bei Rudolstadt,
31. Dezember 1899

Vor dem Haus: Silvester, Null Uhr angeknipst – der Hundertjahreswechsel.
Frauen im Pelz, Lavendelsäbel, Herrschaft im Zylinder, Pferdekutschen,
Sektkanonen-Küsse, Lippenstift… und etwas abseits: Wird gepflegt gekotzt.

Ein Streichholz zischt im Schnee.

Ein Kürassier, sehr jung, in straffer Uniform, wirkt abgelenkt,
er steht, er raucht, er schwibbst, er schwankt, er schaut:

Ihn balanciert: Die damals neue Glühlampe.

„Wohl zuviel getrunken“ – fragt ihn der Lavendelsäbel.

Sie feuerwerkt elektrisch hoch das zwanzigste Jahrhundert.

Und hakt sich bei ihm ein.

Die damals neue Glühlampe.

Woher kommt dieses Motiv? Ich muss noch mal zurück.

Im selben Haus, am selben Tag, am Morgen:
Die Katze in der Diele nölt. Sie nölt.
Und fliegt im hohen Bogen – nölend – raus.

„Um Acht Uhr früh kommt der Elektrische…“

– die Dienstfrau sagt’s zum Herrn der Villa –

„..er kommt zum allerletzten Mal …“

Sie meint damit den Mann vom Strom, den Knipser,
Zieher, Schalter, Putzer – den „Elektrischen.“
Den Mann, der richtig kommt, zur rechten Zeit.

Die Villa, irgendwo bei Rudolstadt, sehr nah dem Hundertjahreswechsel,
überfällig längst, bekommt das neue Licht geklemmt zum letzten Tag.
Im Zangengriff, an frischem Putz durch Kupferdraht, und ganz zuletzt:

Die damals neue Glühlampe

„…er schaltet’s heut noch an. In allen Räumen. Seien Sie dabei -??“

„Ich werd’s wohl nicht verpassen wollen.“ – antwortet der Herr der Villa,
wirft den Mantel über – sagt: „Um Zwei bin ich zurück. Mit meinem Neffen.
Zum Fest hol ich ihn her, direkt aus der Kaserne, den Umschlag hier…“ –
– Er reicht der Dienstfrau ein Couvert – „.gib ihn dem Mann vom Strom,
im Falle unser Schimmel lahmt, was ich nicht hoffen will. Wir essen außer Haus.“

So begann – vielleicht – ein letzter Tag des 19. Jahrhunderts.
Ein Haus bekommt elektrisch Licht. So hatte ich’s mir vorgestellt.
Silvester 99, Glühlampen und Kupferdraht an Putz und: Schnee.
Alles ging glatt. Zur letzten Hand um Acht, kam der Elektrische
und stellte die Verbindung her.

Der Schimmel lahmte nicht, der Herr der Villa kehrt zurück
mit seinem Neffen, jungen Kürassier aus der Kaserne,
Das Fest zum Hundertjahresstart begann mit hellem KLICK.

„Ahhh! sieh an, sieh an, es funktioniert! Der gute Mann vom Strom!
Da stoßen wir jetzt schon mal an!“

. . .

Nach Glühlampen hatte ich gesucht –

– im – damals – neuen zwanzigsten Jahrhundert. Das wie begann?
Elektrischer Dezember? Wie war die Zeit?
Mühselig das täglich Brot, und Wärme war nicht überleicht zu haben.
Die Winter standen voller Rauch, geheizt wurde mit Holz und Koks,
in Straßen rückte Schwefel ein, und die ein Kind gebar –
hat oft den Tod dabei die Sichel ziehen sehn.

Wer sich kein Morphium leisten konnte, schrie seinen Krebs
zum dunklen Fenster raus. Kann sein, so manches Viertel in der Stadt
war davon laut. Der Zahn der Zeit biss schneller zu. Und fiel dabei so schmerzhaft langsam aus.

Petroleum oder Gaslicht waren vielerorts die Regel.

Warum begann das dann mit Kohlefäden?

Kohlefäden, die durchdrang ein Strom. Auch Lichtbögen gespannt
in Kohlestiften. Ein Übergang, ein Zwitter aus Gewitter und Karbon.
Gekohltes Cellulose, schwelt in Atem-Not, dann zwangsverpresst
in Luftabschluss, dann angeklemmt, der starke Widerstand,
ein Gleißen – hohes Ohm. Von Schwarz zu Schwarz , da brannte
weißes Licht, ganz atemlos elektrisch…

Lichtkohlewerke, – sie produzierten damals schon.

Wie begann das  neue zwanzigste Jahrhundert?

Ich habe mich gefragt: Wie war sein junges Jahr? Ich stellte mir den Winter vor, idyllisch ganz in Schnee. Ein warmes Haus, elektrisches Silvester, Katze, Kürassier und Magd, die Glühlampen, der Sekt – knallt vor dem Tor.

Gekommen  war dann dieses Bild: Badende am Strand.
Wo aufgenommen weiß ich nicht, das Datum aber stimmt.
Im Jahre 1900 wurde es – geknipst – ein Klick.

Warum hab ich ein Bild gesehn, das nicht zu meinem Thema passt.
Nach Glühlampen hatt ich gesucht. Und mir ein Haus gewünscht im Winter.
Was sieht die Frau, was sie nicht sehen kann, auf ihrem hellen Sand?

Das neue 20. Jahrhundert, beginnt es dort, bei ihr, in diesem Augenblick?

„Badende am Strand“ – so hießen damals viele Bilder. Farbig meistens
und gemalt: Kirchner, Macke, Heckel, Marc…und wie sie alle hießen.
Das neue zwanzigste Jahrhundert –  war noch jung. „Badende am Strand“
hieß sein Versprechen, stark sogar, sehr stark und sehr in Farbe…

Warum guckt sie so? Ist es: Das Bild? Was sieht sie? Sieht sie was?
Wann begann, was dann begann?

Begann es hier – das kohlichte Jahrhundert?

So friedlich plätschert Euer Meer – ist noch kein Blut und kein MG.
Sie wird gleich aufstehen, denke ich, und…

Sie denkt an nichts, ist nur – vielleicht – ein bisschen hungrig. Müde?

Sie bleibt. Und bleibt in ihrem Hundertjahr.

Ein Mythos zwanzigsten Jahrhunderts: „Badende am Strand“
hieß ein Versprechen. Wir alle wollten Luft und Licht.

Zwischen Schenkeln Schützengräben fielen seine Maler dann –
– ins  Schwarz.

Das Photo klickt und schmerzt. Es schämt mich.

Nach Glühlampen hab ich gesucht – warum?

Die neuen hellen Dinger damals – neu. Bei Euch! Du kennst sie doch!
Sie war`n so neu, so rund, so knuff! Ein Klick und hell – ein SCHIMMER!

E l e k t r i z i t ä t – weißt Du noch?
—————————–Ihr ward sooo0000 lichtbegabt.

Das war so neu wie 1900 mit zwei Nullen.

Du dich erinnerst?

Wir kamen vom Spaziergang im dunkler werdenden Dezember
hinein in unser Zimmer –

– schalteten wir – Klack! –

Zogen die Schuhe – nicht aus. Doch machten das Licht wir –
An – sahen wir uns. Mitten im Raum des Dezember.
Die Reifen unserer Münder. Die von draußen eiskalte Hand
fuhr durch den Bund über deine heiße Bauchdecke…unter der warmen Glühbirne
im Raum, am Draht, unter der Decke, vom Kabel –

– die da leuchtete – in ihrer Fassung.

Wir waren fassungslos. Wir glühten. Habt Ihr das damals nicht gesehen?

Es ist Sommer 1900. Du bist am Strand, ich weiß,
Du sitzt in deinem Hundertjahr. Das Photo passt nicht ganz.

Was beginnt in deinem Augenklick?
Die Marne-Schlacht? Ein Gasangriff? Titanic?

Warum guckst du so? Lach mal. Lach doch mal.

Es ist doch noch gar nichts passiert.

Ich sage jetzt ein Wort, du lachst, okay?

Ich sage das Wort: Lamm-Fell-Schuh-Sohle.

Du hast gelacht, ich hab’s gesehen.

. . .

Ihr habt’s versaut, das zwanzigste Jahrhundert, so hoffnungsvoll begann.
Nichts habt ihr gesehen. Die Zeppeline nicht und keine Glühlampen.
nicht die Eisenbahnen, nicht die Telefone. Nichts habt ihr gesehen.

Futuristen hat es nie gegeben.
Futuristen ward ihr nicht.
Nicht reif ward Ihr dafür.

„Badende am Strand“

Ihr wart nicht auf der Höhe damals, habt’s versaut.

Der Typ da, vor dir, was hält der in der Hand?
Ein Marmeladenbrot?
Einen Heiratsantrag?
Einen Teddybärn?

Ich schätze mal und bin mir beinahe sicher:
Es ist ein Photoapparat.

Man drückt den Schalter. Es macht Klick.
Da wird’s gleich schwarz vor Augen – Material, das Negativ: wird schwarz.

Ein Knopf fürs Licht – nur leider in die ganz verkehrte Richtung.

Ein Klick, das Material wird schwarz, das Silber –   20. Jahrhundert.

Ist es das, was Du siehst, und doch nicht sehen kannst?

Ein Jahrhundert, das zu viel Silber belichtete
Aber viel zu wenig Licht gesehen hat.
Dabei immer dunkler wurde.

Nach Glühlampen hatte ich gesucht.

Hab gegen die Schwärze des Sommers auf die Helle des Winters gehofft.

———————-Wir waren so000 lichtbegabt.

Und haben uns doch zu viel Bilder gemacht.

Steh auf. Wenn Du nur jetzt aufstehen wolltest.
Zieh deine Schuhe an, beide Schuhe.

Geh über den Sand zurück auf die Straße.
Geh noch einmal zurück. Es ist noch nichts Schlimmes passiert.
Steh auf. Geh aus dem Bild. Geh aus diesem Bild.

Geh in den Winter zurück. Nimm deinen Lavendelsäbel.

Such den Kürassier.

Hake dich bei ihm ein und erzähl ihm
von der ELEKTROCHEMIE und der  LICHTKOHLE

Sag ihm: Wir dürfen diesen Fehler nicht noch einmal machen.

Oder wir sind alle Zellulose.

Steh auf.
Mach dich auf den Weg.
Geh aus diesem Bild.

Tagebuch: Die zwölf Jahreszeiten.

.
.

Januar

Der Gang des Blinden,
ein Stock, der Stock, dieser Stock,
kreuzt er meinen Weg.
.
.
.

Februar

Silberpapiere
in Zigarettenschachteln
wie auf den Dächern.
.
.
.

März
Unter ihrem Kopf,
versteckt in diesem Kissen
ruht eine Feder.
.
.
.

April
Räder aus Eisen
fahren die Schienen so blank,
für den Wolkenzug
.
.
.

Mai

Der Maulwurfshügel
schwarz auf der Wiese dort links
Ist eine Katze.
.
.
.

Juni

Hellrot schließt der Ring.
Die Schaumgründe der Zunge
sind Mund und Finger.
.
.
.

Juli

Erst Blitz, dann Donner
Leuchtdioden, Pfefferminz
Klappt auf das Fenster!
.
.
.

August:

In der Halle steht
ganz nah am Ventilator
etwas geschrieben.
.
.
.

September:

Über den Fischen
treibt in talberuhigtem Strom
ein Heliumballon
.
.
.

Oktober:

Hinaus! Geht hinaus! –
ruft die Frau mit dem Besen
Dann schließt sie die Tür.
.
.
.

November:

So hell am Tage,
Sehr früh auf den Straßen,
scheinen die Lampen.
.
.
.

Dezember

Die Wände in Kalk,
Eisen, dickes Stroh und heiß
der Atem des Pferds.

Tagebuch: Das Dreikörper-Poem.

.

Lagrange-Punkt, sagte er, stehend vor der Klasse,
hob die Orange hoch und höher neben sein Gesicht,
bei Himmelskörpern, zeigte er, sei das der Punkt,
wo Anziehung von Massen aufgehoben ist im Gleichgewicht.

Raumschiff, wenn eins käme,
die Besucher könnten parken,sie-
die Frucht umkeiste mit dem Finger er

– befänden sich dann etwa hier –

– er stoppte.

Ruhend im Raum,
Gravitation zu Null addiert,
Sie ständen still.

Die Nostromo! – rief ich – Die Nostromo heißt das Schiff! Und groß!
– wie fünfzig Fussballfelder,
ankert es hinter zwei Monden!

Es wartet…

Der vor der Klasse stand, sah überrascht mich an.
Sein Finger schwebte wie vergessen hinter der Orange.

Gut – dann eben die Nostromo – sagte er.
Wo war’n wir stehngeblieben?

Bei dem Lagrange-Punkt, sagte ich und sah –
auf seine Schuhe.

Die standen auf der Erde.

Glänzten schwarz.

Aufräumtag.

Unprätentiös

Seit Monaten schon liegt ein Wort auf diesem Tisch: Unprätentiös.
Und seither überlege ich daran herum, was es wohl an sich hat.
Ich komme nicht drauf. Sicher bin ich mir nur: Das Wort riecht nicht gut.
Von Anfang an. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm.
Wenn ich nur wüsste, was.

Vielleicht ist es auch gar nicht das Wort. Vielleicht sind es die Kontexte,
in denen es erscheint, die es erzeugt, die es erzwingt…

Kontexte, die es dämpft?

Etwas klingt madig daran. Aber diese seine Madigkeit durchseucht
sofort den gesamten Verhältnisraum.

Aber madig trifft es eben nicht genau. Unprätentiös. Wenn man dieses Wort
in die Hand nimmt, fühlt es sich an wie ein Stück Styropor aus der
Deckenverdämmung einer eingesunkenen Garage bei Oranienburg.

Dabei ist das Wort ja harmlos. So harmlos etwa wie eine halbvolle Dose Haarspray in hellgrün.
Man findet sie hinten beim Aufräumen eines Badeschränkchens. Nichts Besonderes.
Außen leicht klebrig, aber nicht gefährlich. Nichts, das Aufsehen erregt. Und trotzdem – etwas stimmt mit dem Wort nicht.

Sicher – es beschreibt  eine Haltung, eine Mentalität, ein Ton. Aber wessen?

Unprätentiös. Ein Wort, als würde man  in einer Wohnung beim Renovieren hinter einem Schrank, den man nie abgerückt hat, auf eine Tapetentür stoßen. Erst fühlt man kleine Huckel, Unebenheiten. Man kratzt an der alten Tapete herum, bis man winzige Scharniere entdeckt. Man weiß dann, dass die Wohnung seit Jahren diesen leicht geduckten zweiten Ausgang bereit hielt. Oder war es ein zweiter Eingang?

Soll man jetzt, nach so vielen Jahren, in der vertrauten Wohnung diese geduckte
Tapetentür mit dem Wort öffnen, mit dem Zauberwort?
Die Schultern rund machen und hindurchschlüpfen.

Man tut es. Ganz kurz. Die Neugier. Und entdeckt: Eine kleine Abstellkammer, leer, fensterlos.
Sie riecht nach altem Putz, sonst nichts. Hat man doch glatt übersehen all die Jahre. Also gibt es nicht etwa zwei-einhalb  Zimmer, wie man immer dachte, sondern zwei-sechsachtel Zimmer. Interessant.

Unprätentiös. Ein kleines Kabuff. Das Rätsel ist gelöst, könnte man denken. Und doch bleibt das Wort unaufgeklärt. Sein Hohlkörper, sein Abgrund, sein Resonanzraum ist mobil, begleitet es. Und trotzdem scheint es auch nicht wirklich hohl. Wenn man sich ihm nähert, verschwindet das, was man aus der Ferne für einen Resonanzraum hielt. Dann pocht man mit dem Finger daran, und es macht  „tock“, wie bei einem ausgetrockneten Schwamm. Etwas an dem Wort bleibt falsch. Nichtig. Egal in welchem Kontext.

Oder schal oder….

Vielleicht ein Gift. Wenn es als Lob daherkommt.
Ein Nervengift. Ein Nervenlob. Wie Botolinum.
Ein Wort, das zum Denkstillstand führt.

Oder Mehltau. Der Mehltau des Unprätentiösen.

Wenn ich’s nur besser einkreisen könnte.

Oder sogar hochgefährlich. Ein Fingerhut voll Unprätentiösem ins Trinkwasser einer Großstadt…

Man darf nicht dran denken.

Vielleicht verliert auch, wer das Wort benutzt oder auch nur denkt, sein ganzes Karma.

Dann wird man in seinem nächsten Leben wiedergeboren als Lebensmittelmotte.

Unprätentiös steigt man dann aus einer Haferflockentüte auf.

Mir gefällt das Wort nicht. Mir gefällt nicht, was es mit Menschen macht,
die es hören, lesen oder aussprechen.

Kann es Worte geben, die eine ganze Sprache, ein ganzes Denken befallen
und schwächen wie ein Virus?

Unprätentiös – und plötzlich hat ein ganzer Kontext HIV.

Aber letztlich ist es doch wieder nichts von all dem. Nur ein Wort.

Die Frage lautet also nicht, was bedeutet ein Wort, sondern:
Was hat es zu bedeuten, dass ein Wort im Gebrauch ist?
Für den Zeitpunkt. Für den Raum. Für den Sprecher. Für den Hörer.

Das trifft den Punkt. Das Wort für sich ist ganz belanglos.

Erleichtert trete ich ins Pedal meines Mülleimers.

Tagebuch: Frühlingsdreieck.

Spielerei zwischen Arktur, Spika und Regulus. Okularprotokoll 2 Uhr 34

Femme, DIE KOMA, heißt ein Wort, dringt vor in deine Nacht.

Weit weit, den Bahnen fern des Jupiter, Saturn und Pluto
schnürt ein Kreis aus Splittern, Fels und Eis – den Gürtel Kuipers.
Hier her strahlt die Sonne punktgleich nur aus Schwarzem.
Als greller Nadelkopf, Billionen Kilometer weg, doch schwer,
im Zentrum Dir und mir, bleibt sie der starke Stern im Ring.

Schläfst du? Störung bald entreisst dem Traum ein Brocken.
Anomalien, Vektoren, Riesen aus Gas, Neptun und Uranus,
Schwerkraftsummanden zerren gewaltsam diesen Fels.
weg von seinem Platz und hin: zu neuem Kurs, auf neue Bahn.

DIE KOMA heißt ein Wort, das zündet an ein Eis.

Gesicht, wenn dieser Berg eins hat, ist stumpf noch, grau
in grau, die Form kartoffelartig, schneeverpackt mit Kratern,
Zacken, eingedellt, nicht eine Schönheit zwar, doch immerhin:
Zweiundzwanzig Kilometer im Kubik – bei Mängeln am Design.

So schwingt er sich, der Ausgerissne, hinein in die Ellipse.
Geschwindigkeit gewinnt er rasend in den Feldern, Massen,
Riesenreich des Jupiter passiert er, so beschleunigt ihn, katapultiert,
Geschoss wird er, nimmt Fahrt auf, Vagabund seines Systems.

Femme, DIE KOMA, so das Wort, wird glühen deinem Aug.

Planeten sind gefährlich seiner Bahn, die helfen, ziehen hier,
doch könn‘ sie Ihn auch fangen, prallen, bremsen stoppen.
Schneller wird er davon, immer schneller, er entweicht
den Kollisionen, verwandelt sein Gesicht dabei, taut auf, wird heller – femme!

Gesicht, das er doch hat! Verwandeln wird sich das im Flug.
Im Wind des Sterns, der näher schon heranrückt –  strahlt
jetzt diesem Fels und Klump von Eis den Dreck aus der Visage.
Sieh da! Kartoffelhässlich war er gerade –  jetzt steht er da als EIN KOMET!

DIE KOMA, so das Wort, es macht die Sonne.

Schmelzen kann sie, lachend machen, das Gemisch aus Stein
und Schnee. Zieht ihn zu sich, bläst mit Teilchenwind dabei
ihm seine Fresse schön. So geht er auf in Abends Himmel, bläht sich,
Spreizt sich über Mensch und Tier mit dickem Kopf und Schweif.

Angeber einer wie er ist, sonnt er sich in seiner Sonne Wind.
Blasen tut die mächtig, macht ihn größer, weiter wachsen.
Unten schenkt man ihm jetzt Namen: Halley, Encke,Tempel Eins.
Angst auch haben manche Menschen, meistens unbegründet.

Femme, DIE KOMA, so das Wort, sie macht das Leben schön.

Erzählt wird auch, KOMETEN sein’s gewesen, Staub vielleicht,
der Leben brachte auf die Erde, stimmt’s, stimmt’s nicht, wer weiß.
Form nach, die er hat, der Wahrheit könntes ja entsprechen.
Schweifstern nannte man ihn früher, vor den Zeiten Teleskops.

Manchmal aber, Femme, all paar Millionen Jahre, kann es sein,
solcher Berg doch näher kommt, näher noch, näher als erlaubt.
Weit auf die Augen dann reisst er den Wesen, die ihn kommen sehen.
Pupillen dehnt zu schwarzen Löchern er und sprühend knallt er da hinein.

DIE KOMA, so das Wort, dringt ein in deinen Tag.

Reissverschluss schnell zieht er den Himmel auf und scharf
mit Fünfundzwanzigtausend Metern pro Sekunde platzt ein Spalt
gleißend über Steppen, Flüsse, Wälder, Wüsten, Meere – Städte
gießt er das All durch diese offene Wunde, seine Kraft, die Zeit, den Tod.

Ja, auch das. Doch besser DER KOMET in großen Augen donnert.
Tauscht im kleinen Tod hier SEINE KOMA dampfend gegen Sonne.
Bleibt im Kraftfeld ihr erhalten näher, manchmal nah, dann wieder ferner.
Und leuchtet dann und wann, hell auf, stößt vor, zieht sich zurück,

streift, kommt wieder…

Femme, DIE KOMA, so das Wort, geht auf.

Tagebuch: Kompliment, verrutschtes.

Was ich Dir immer schon mal sagen wollte:

Du hast den Mund der Mona Lisa,
die Ohren von van Gogh
die Nase von Picasso.
und die Augen von Heike Makatsch.