Archiv der Kategorie: Rezensionen.


„Verbrennt die Sehnsucht nach dem reinen Reim
Der Welt in Wüste wandelt Tag in Traum.
Reime sind Witze im Einsteinschen Raum.
Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum.
Brechts Denkmal ist ein kahler Pflaumenbaum
Und so weiter was die Sprache hergibt.“
Heiner Müller

*

„Verarschen kann ick mir alleene.“
Berliner Volksmund

*

Labornotizen Null – Schnipsel…Redundanzen… anläßlich der Lektüre von Hans Werner Richters Aufzeichnungen „Mittendrin“ zur Gruppe 47,  1966 – 1972 (C.H.Beck Verlag, 2012)
Heideggers langwierigste Dehnung: Sich befassen mit der deutschen Sprache – heißt auch Erkenntnis gewinnen zu meinem Deutschland.
„Reime sind Witze im Einsteinschen Raum. Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum“ – Am Ende wusste auch Heiner Müller, dass von Brecht womöglich nicht mehr bleibt, als sein kleines frühes Gedicht vom Pflaumenbaum. Und von ihm selbst wohl auch nicht so viel. Die offiziöse Nachkriegsliteratur der DDR/BRD war  ein notwendiger Irrtum…dort, wo sie sich ästhetisch diskursiv definieren wollte. Die Berichte, das real Erlebte, die Bücher von Lothar Günther Buchheim, von Wolfgang Koeppen, oder sogar die frühen Romane von H.W.Richter selbst, werden als echte Literatur wohl Bestand haben.
… Neulich beim Blättern von Hans Werner Richters „Mittendrin“ war ich eine Weile irgendwo abwechselnd fasziniert und eingesunken und hatte mich gefragt: Könnte es sein, dass ein ganzes offiziös-literarisches und ehemals geistbewohntes Deutschland von 1945 bis in die Nachwendezeit, mit Ausnahme von Heidegger, nur eine Eismumie des Kalten Krieges war, oder so etwas wie eine lebende Wachsfigur?

Sicherlich muss man unterscheiden zwischen Literatur und Philosophie, aber diese Unterscheidung bleibt gerade in der deutschen Sprache immer unsicher, weil es im Deutschen das Wort Dichtung gibt und diese muss dem DENKEN/der Fähe, dem Ge-Dächtnis nahestehen, oder sie ist keine Dichtung.
Blöderweise trafen mich Hans Werner Richters Aufzeichnungen auch noch parallel zu den Erinnerungen von Fritz Jörg Raddatz. Eine Art Doppelschlag.
Da dachte ich ein Moment lang: Ende, Aus, Feierabend – die großoffiziöse Literatur der alten „BRD/DDR“ war, nein keine Wachsfigur, keine Eismumie, eher eine Art Schwammpilz im feuchtgeweinten oder feucht-geschwitzten Haus der Nachkriegszeit. Der Schweiß kam vom Wiederaufbau, die Tränen vom Krieg. Ist das Haus fort oder die Feuchte allmählich am Abtrocknen  – verschwindet auch der Schwammpilz. In der DDR war die Lage ja nicht besser.
Realität, Ge-Fahr erzeugt Erfahrungsdruck. Erfahrungsdruck macht Sprache, formt Ausdruck.

Ein Schreiber schreibt einen „stimmigen“ Text, weil hier eine „stimmige“ Resonanz von Teil-Nahme, Mittelung, Ermittelung und Mitteilbarkeit wirkt. Die ziehende Mitte einer Schwerkraft des „Mit“ Mit-Einander. Mitte. Der Text ist dann „rund“ – er „stimmt“ einfach. Er steht in einem Inter-Esse. Er atmet „in sich“ und mit der Welt.
Man könnte auch sagen, der Text „reimt“ sich, weil er sich in Ver-Mählung zur all-mählichen Erfahrung ver-mählt am Erfahrungsort des schreibenden Autors. Diese Art von „Reim“ kann auch in einem ganz normalen Prosatext wirken, ganz ohne Zeilenreime, dann ist er gut.
Man kann ein Gespür dafür ausbilden, mit dem man herausspürt, wann ein Text in einer all-mählichen Reimung wirkt, im Ge-dächtnis der Erfahrung steht, und wann jemand lediglich „Schrift stellt“ oder „Literatur macht.“
Die Probleme der Initiative „Gruppe 47“ hatten sich ergeben, weil sie eben doch einer bestimmten Programmatik verhaftet war. Die Programmatik lautete: Disziplinierung zur Normalität. Programmatiken erzeugen/formen Diskurse, aber Diskurse sind am Ende immer schlecht für Dichtung. Weil die Autoren dann im schleichenden Gift der Diskursivität sich an den inneren Diskursen entlangschreiben, die zumeist „Ästhetik-Debatten“ sind. Aber genau das stört die schreibende Dichtung, wenn sie damit beginnt, sich vor dem Spiegel einer Programmatik oder einer diskursiven Ästhetik die Haare zu kämmen oder die Haare zu raufen. Dann geht sie in die Gefangenschaft. Sie entkommt dieser Gefangenschaft auch dann nicht, wenn sie – wie zum Beispiel Handke – einfach nur wütend auf den diskursiven Spiegel spuckt oder ihn zertrümmern möchte oder in abgewetzten Punk-Klamotten vor den diskursiven Spiegel tritt. Weil auch derjenige, der im „Anti-Diskurs“ auf ein Diskurs reagiert, eben nur re-agiert, als Gefangener des Spiegels. Er kommt nicht hinter die Spiegel. Man muss aber hinter die Spiegel kommen oder den Spiegel krümmen. Es ist leider kein Klisché, dass die diskursiv-ästhetische Be-Spiegelung Kunst tötet und Dichtung kaputt macht. Weil die Diskurse sich zwischen den Reim schieben….Dichtung kommt aus dem ATEM der Erfahrung oder aus dem Denken und aus sonst gar nichts.

Aber im Prinzip ist das auch wieder etwas ganz Normales. Jede Literatur oder jede Sprachkultur, dort, wo sie sich zu einer Art Diskursivität hochpäppelt oder als ein „ismus“ im Sinne von Trends, Vorgaben, Manifesten, Dekreten oder Gegendekreten auswächst, gedeiht zum Schwammerl, dessen luftiger Umbau immer viel voluminöser erscheint, als die vorhandene elementare Substanz… die sich von Feuchten ernährt, manchmal im Nahrungsbedarf spezialisiert und hochangepasst an bestimmte Spuren-Elemente.
Klimaveränderungen oder eine Art von Windwechsel können einen Schwammpilz ebenso schnell wegtrocknen lassen, wie er gekommen ist. Allerdings bleiben immer unauffällige Sporen im Mauerwerk und in der Raumluft. Insofern war die Initiative zur „Gruppe 47“  von H.W. Richter damals eine  kommunikative Feucht-Nieschen-Verwertung. Aber es muss einen Grund geben, warum die deutschsprachige Literatur nach dem Weltkrieg II formal und inhaltlich immer nur den Trends, die von anderen kamen, hinterhergehechelt ist.
Weil ausgerechnet ihre Kern-Kompetenz, das Denken und das dichtende Philosophieren, schon im 19. Jh. so weit fortgeschritten war, dass man dem vorerst nichts mehr hinzufügen konnte.

Wenn man es etwas zugespitzt formulieren wollte: Die deutsche Sprache hat das Pech Hölderlin, das Pech Kleist.
Dichtung – das deutsche Wort bezeichnet etwas, das in der Deutlichkeit in kaum einer anderen Sprache benannt wird – Ver-Dichtung. Das meint noch mal etwas ganz anderes als Lyrik. Lyrik meint die Leier, die Lyra, den Gesang. Dichtung aber meint Ver-Dichtung, Schöpfung. Dichtung kann im Deutschen völlig unlyrisch sein, und bleibt trotzdem Dichtung/Poesie. Genau genommen muss man sogar sagen, dass sich deutsche Dichtung außerhalb eines klassischen Literaturbegriffs stellt. Dichtung ist nicht kritisierbar in einem literaturkritischen Sinne, weil sie dort, wo sie Dichtung ist, zugleich auch der Wa(h)rheit als dem Unverborgenen nahesteht. Das Unverborgene ist nicht kritisierbar mit literaturkritischen Mitteln. Man kann es nur zur Kenntnis nehmen. Dichtung kommuniziert nicht. Sie sagt.

Die deutsche Literatur hat mit dem Unterschied Dichtung/Literatur immer ein Problem. Weil die Dichtung im Gegensatz zur Lyrik den Sog hin zur Ge-Fährnis und zu einem Dreh- Moment in der Sprache hat. Die AHNUNG der deutschen Sprache. Dichtung verlangt im Deutschen etwas ganz anderes als den Sprach-Artisten. Dichtung will die denkende Er-Leidnis, die „Fähe“, wobei damit nicht der leidende Dichter oder die fiebrige Dichterstirn gemeint ist, eher  eine bestimmte Grundhaltung zur Welt-Ent-Sprechung, in die sich der Dichter einbeugen muss. Dichtung kommt aus Einbeugung, aus Demut. Die so genannte Lyrik oder die Literatur läuft im Deutschen zumeist unter „Guck mal, was ich schönes kann und weiß.“ Oder „Guck mal, was ich mir Lustiges ausgedacht habe.“

Deshalb kann es im Deutschen jede Menge „interessante Lyrik“ geben oder jede Menge „interessante Literatur“ die aber trotzdem keine Dichtung ist. Dichtung steht im Deutschen auch jenseits von „Sich etwas Ausdenken“. Hölderlins Texte haben keine Phantasie. Sie haben Wa(h)rheit. Imagination.

Die deutsche Dichtung, in diesem Sinne verstanden, hatte im 19. Jahrhundert einen riesigen Berg aufgeschoben. Verglichen mit Hölderlin, Kleist, Schelling, Schlegel, dann noch Heidegger, blieb alle übrige Dichtung/Philosophie die reinste Schmalspur. Goethe war sowieso immer ein Irrtum gewesen.

Die deutsche Literatur, dort wo sie denkende Dichtung war, hatte das unheimliche Pech, seit dem 19. Jarhundert sich selbst um etwa 200 Jahre voraus gewesen zu sein. Bei Hölderlin oder Kleist, Schlegel und noch bei Schiller gab es dichterische Momente, die sind seit 200 Jahren nicht mehr zu toppen oder zu überbieten. Einige Texte von Kleist fliegen für immer vorraus. Man kann ihm nur nachschreiben. Mit dieser speziellen Besonderheit von Dichtung muss man in der deutschen Sprache immer leben. Das 19. Jahrhundert hat in seinen deutschen Dichtungen etwas artikuliert, das man nur noch verdauen kann. Die Dichtung und die Philosophie hatten im 19. Jahrhundert sehr viel über die kommende Moderne gesagt, was es zu sagen gibt. Aber man hat offenbar nicht richtig hingehört.

Warum es hier lange nicht weiterging, hatte einen Grund: Die Kulturen waren bald getrennt. Der sogenannte Schöngeist agierte nach Schelling überwiegend physiklos, techniklos, ohne Anbindung an die Wissenschaft, ohne Physik, ohne Thermik, ohne Kosmologie. Stattdessen produzierte er Figuren, Bilder.. so wie Nietzsche. Liest man dagegen Texte von Ernst Mach zur Sinnesphysiologie (erscheinen bereits 1886) hat man es sofort mit realer Poesie zu tun. Sozusagen mit Dichtung. Weil Ernst Mach ein Strömungsdynamiker und Philosoph gewesen war. (Genau so, wie man es bei Gustav Kirchhofs Schwarzem Körper mit Dichtung zu tun hat, und nicht mit Lyrik. )
Weil ein Ernst Mach bewusst oder unbewusst an Schelling und Kleist sich anschloß. Dagegen war die sogenannte künstlerische Avantgarde des 20igsten Jahrhunderts nie eine echte Avantgarde gewesen. Immer nur eine Pseudo-Avantgarde, die Ernst Mach nicht willentlich bedenkend zur Kenntnis genommen hatte. Mit der großen Ausnahme von Robert Musil, der über Ernst Mach promoviert hatte.
Die künstlerischen Pseudo-Avantgarden wollten im Grunde etwas ganz Altes in neuem Gewandt: Sie wollten „neue Ästhetiken“ und sie wollte neue „Figuren“ und sie wollten „Genies“. Deshalb haben sie ich zum Beispiel auch Imagisten genannt. Imagination aber meint nicht Ästhetik, sondern den aufklarenden Prozess des Geistes. Ein-bildungs-kraft. Wären Ernst Machs Beiträge zur Sinnes-Physiologie zum allgmeinen Kanon geworden, hätte sich das 20igste Jahrhundert einiges ersparen können. Das 20igste Jahrhundert ist auch an seinen falschen Genie-Begriffen gescheitert. Oder man muss sogar sagen: Das zwanzigste Jahrundert hat seine schlimmsten „Genies“ dann bekommen.
(Robert Musil: „Alles ist heute genial. Das Rennpferd ist genial, der Tennisspieler ist genial…“)

H.W. Richter selbst schreibt in seinen Aufzeichnungen sehr un-genial, was gut ist, und bestätigt mit seinen Aufzeichnungen indirekt: Literarische Ambition schadet der Literatur eher, als dass sie ihr nützt.
Die Herausforderung für einen Künstler heute: Vermeiden, ein so genannter Künstler sein zu wollen. Es muss da etwas wirken, das seinen Weg zu einer Bahn krümmt, ihn ablenkt oder einbeugt, eine gravitationale Ablenkung, die ihn zwingt und bezwingt. Das wäre eine forschende Frage, der er sich unterwirft, forschend unterordnet. Denn in technologischen Zeiten haftet den Dingen und den Produkten immer schon viel mehr Formung an, als es eine  Kunstformung noch erreichen könnte. Es braucht deshalb einen kunstfremden Attraktor als eine bahnende Kraft, die als Bogen-Kraft-Zwinge immer stärker sein muss als jeder  Werkwille, Stilwille, Kunstwille. Nicht die Faulheit oder die Trägheit sind die Widersacher des Künstlers. Der stärkste Widersacher des Künstlers ist der Kunstwille. Diesem muss er ausweichen und stattdessen die all-mähliche Bogenzwingkraft aufsuchen. Er muss die Bogenzwingkraft, die immer stärker sein wird, als sein Ego, regelrecht aufspüren wie eine Thermik, wenn er vermeiden will, dass sein Ton, seine Stimme, sein Farbtopf, der Malpinsel oder was auch immer, sich zu einer bloß gekonnten Masche begradigt und dann verfestigt. Sucht er diese Bogenzwingkraft nicht auf, kommt er bald herunter auf die Schrumpf-Form von Kunst, dem so genannten Künstlertum, dessen traurigste Ausformung dann die so genannte Machenschaft ist. Oder eine sich immerwiederholende Langspielplatte einer Idiosyncrasie. Dann wäre er, wie man so schön sagt, gelandet.

Gerade die Schmucklosigkeit von H.W. Richters Aufzeichnungen machen sie so dicht. Man kann kaum atmen beim Lesen. Man ist sprachlos. Stimmbänder. Suche nach Gedanken, dem Gesagten. Die Bänder unter den Stimmen. Die Bänder sind das Tragende, nicht die Stimme.

Vielleicht war ja das literarische Leben um die „Gruppe 47“ herum, die ja keine homogene Gruppe stellte, deshalb wichtig; um als ein Dokument hinterlegt zu werden, von dem man heute ablesen kann, was in der literarischen Kunst in Deutschland zum überwiegenden Teil schief gelaufen ist. Die Schriftsteller, um die es bei Richter geht, standen mental oder thematisch hinter einer Modernitätsbarriere. Physik, Raumfahrt, Technik, und Wissenschaft waren keine vordergründigen Themen. Der Autor H.W. Richter denkt in seinen Aufzeichnungen etwas melancholisch darüber nach, ob seine Freunde und Schriftsteller aus dem Umfeld der 47iger womöglich den eigenen Bedeutungsverlust spüren in einer Zeit, in der „Raumfahrt und Technik wichtiger werden als die Literatur“. So Richter wörtlich. Aber die Autoren seines Umfelds reagieren darauf mit Selbstbefestigungs-Strategien, entweder als alberne Künstlersubjekte, in eifrigen Harlekiniaden des Autorendarstellers oder mit dem Gang auf sehr falsche oder aber sehr nahe liegende Öffentlichkeitspodien. Uwe Johnson ging in den Alkohol, in den Spiritus hinein. Unfassbar und kaum zu glauben, wie der 60igjährige Opa Richter in seiner Zeitauffassung den damals aufspringenden Garagen-Firmen von Steve Jobs bereits näher gestanden hatte, als seine neuerdings/alterdings wiedervergreisten  Schriftstellerfreunde, die im Schnitt 20 Jahre jünger waren als er.


Aber jede Philosophie, die sich Philosophie nennt, wird wohl an Schelling anschließen, oder sie ist keine. Das ist auch der Grund, warum ausgerechnet das große Cinema als philosophische Kunst der deutschen Nachkriegsliteratur immer voraus war. Denn das Kino, das auch mißbraucht werden konnte für klassizistische Zwecke, hatte im Laufe seiner dramaturgischen Evolution die Chance, den Schellingschen Blick und das Schellingsche „Schauen“ mit seiner genuinen „Lichtgeschwindigkeit“ in die Geist-Mensch-Natur überbiegend einzubeugen. Und hatte diese Chance auch genutzt.

Literatur lebt nicht von Sprache oder von der Form, eher von der Sprachstörung und der Formstörung. Ebenso wie die Philosophie von der Philosophiestörung, die Kunst von der Kunststörung und das Leben von der Lebensstörung lebt. Diese Art von Störung wurde auch bei Raymond Queneau thematisiert.

Zu meinem Schreck im Doppelschlag Raddatz/Richter kam hinzu ein erneutes Lesen von Raymond Queneaus „Stilübungen“ von 1947.
99 stilistische Variationen auf einen Mann in einer Buslinie, der sich angerempelt fühlt und 3 Haltestellen weiter gesagt bekommt, dass ein Knopf an seinem Mantel etwas höher angenäht werden müßte –  ein leider nicht wegzudiskutierendes Paradigma für die Tatsache, dass jede Form der sprachlichen Wendung oder der verbalen Volte simuliert werden kann als Technik und demzufolge abrufbar wird aus einem sprachlichen Abholkatalog. Wenn man diesen Katalog kennt, ihn aufmerksam blättert. Queneau hatte den Abhol-Katalog für grammatische und stilistische Affekte erfunden. Ab sofort hätte sich eigentlich jede Stildiskussion im Sinne einer Qualitäts-Diskussion von „stilistisch richtig“ oder „stilistisch falsch“ erledigt gehabt.
Wenn man Queneau gelesen hat, langweilt man sich hinterher bei allen sprachlich-dramaturgischen  Tricks – die einem in Büchern begegnen. Sogar die Fragen, wo der Autor in seinem Text steht, hatte Queneau bereits gültig beantwortet. Ab sofort war hier nur noch infinte jest möglich. Nach Queneau kann man nur noch ein Second-Order-Verhältnis zur Sprache haben.  Es gibt auf dieser Seite keine neuen Wendungen mehr nach Queneau. Nur noch Anwendungen. Jede nur denkbare Grammatik-Perspektive war nach 1947 auserzählt. Was folgte, waren Redundanzen oder weißes Rauschen.

Stilübung Nr 22 dazu:

„Ich autobusplattformte mit-mengenähnlicherweise in einem lutecio-meridionalen Zeitraum und nachbarlichte mit einem langhalslichen, rotznasigen Kordelumdenhutgetüm. Selbiges sagte zu einem Irgendanonym: ‚Sie anrempelscheinen mich.‘ Dies ausgestoßen, freiplatzte es sich gierig. In einer späteren Raum-Zeitlichkeit sah ich es wieder, wie es mit einem X saint-lazarierte, der zu ihm sagte: ‚Du solltest deinen Überzieher knopfvervollständigen.‘ Und er warumerklärte ihm die Sache.“

Soweit Raymond Queneau in durchaus brauchbarer deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Es ist kein Wunder, dass Literatur heute nicht mehr vom Geschriebenen oder von Inhalten lebt. Sie hat kein Gewicht mehr als Präsenz-Text. Sie kann nur noch repräsentieren. Zumeist irgendeine Sprach-Krankheit. Sie lebt von ihren Doppel-Bildern, den Nachahmungseffekten, den Projektionen, der Literatur-Ausstellung. Weil nach Schelling, nach Kleist oder nach Hölderlin intellektuell nichts mehr dazu kommen konnte, das einen Mehrwert hätte anbieten können. Das westliche Abendland hatte auf literarischer /poeitischer/philosophischer Ebene kaum etwas zu bieten, was nicht schon bei Schelling, Kleist oder Hölderlin artikuliert war. Oder nur noch grammatische Hysterien. Die Kunst, oder das, was einmal artikulierende oder weltbezügliche Kunst genannt wurde, war mit dem 19. Jahrhundert an die Techniker und Wissenschaftler und Forscher übergegangen. Der einzelne schreibende Künstler, im klassischen Sinne verstanden, war Dekorateur geworden, der für Wohnlichkeit sorgte, Ablenkung oder Zeitvertreibe.  Nur dort, wo sich der Artikulator ganz bewusst auf Erforschung einließ oder von realer Erfahrung berührt wurde, artikulierte sich die Erfahrung als Reportage oder als Vorauswurf wie in den Labortexten von Max Planck, Ernst Mach und Co.
Oder später dann bei Lem und anderen wissenschaftlichen Autoren. Noch Proust kann man als einen Erforscher ansprechen. Ebenso haben Queneaus Stilübüngen noch Forschungscharakter. Dann konnte sie wieder im Sinne von Weltkunst relevant werden. Später dann auch bei Kubrik, Scott, Zemeckies/CarlSagan oder HR Giger in ihrem Kino. Forscherkünstler.

Die künstlerische Durchdringung von Wirklichkeit hatte im 20igsten Jahhrundert das Cinema übernommen, weil Cinema trotz der Regie immer auch technisches Teamworking bleibt – ein realer technologischer Apparat erzählt er aus Technologien heraus – in Technologien –  über Technologien; und wie man sieht, steht das Cinema heute  mit seiner avancierten Narration in Schelling-Nähe. Wer hätte das gedacht, das Schelling so weit vorraus gewesen war. Auch das heutige Cinema und überhaupt alle visuellen Künste münden, wo sie nichtdumm sind, in Schelling ein. Oder sie bleibt Dekoration, Zeitgeräusch. Die Literatur muss dagegen immer schlafmützig wirken.

Lem erzählte schon in den 60iger Jahren eine Geschichte über Roboter, die sich gegenseitig Liebesbriefe schrieben, in denen sie sich mit „mein allerliebstes Röhrchen“ oder mein „glühendstes Drähtchen“ anredeten. Die Liebesbriefe waren unterschrieben mit „dein ewiges Elektrönchen.“ Eine Behörde, die davon Wind bekam, lies die Roboter zur Heilung in eine Anstalt einweisen. Aber auch dort schoben sich die Maschinen weiterhin Briefchen durch die Türschlitze.
Wer braucht noch ein Foucault nach solchen Geschichten. Zu dieser Art von geistesgegenwärtigem Witz hatte es die Literatur in Deutschland in den 60iger Jahren Hans Werner Richters wohl kaum gebracht.
Es gehört es zu den großen Ironien der DDR/BRD-Geschichte, dass man in den 80iger Jahren bereits das meiste von Lem in der DDR zu lesen bekommen hatte und ihn hier bereits als wissenschaftlichen Schriftsteller kennenlernte. Er unterflog oder überflog mit seinen Themen jegliches Zensurradar, weil er cleverer Weise etwas tat, das zu dieser Zeit und bis in die späten Nuller Jahre hinein ganz unbekannt war: Er betrieb wissenschaftliche Poietik. Heidegger hätte so etwas Denken genannt. Blätterte man nach der Wende in Buchhandlungen durch deutschsprachige zeitgenössische „Philosophen“ – langweilte man sich zumeist, weil man in Deutschland eher Jargonwettbewerbe und verbale Positionierungskämpfe austrug, nach dem Motto – wer formuliert am Witzigsten, wer drechselt die hübscheren Sätze oder wer ist der demokratischste und undoktrinärste Kommunikationstheoretiker aller Zeiten. Habermas, Sloterdijk, Luhmann etc…waren, verglichen mit Lems Technopoietik, typische deutsche Nachkriegserscheinungen. Absolut notwendig. Völlig richtig. Sehr in Ordnung. Manchmal super witzig. Herrlich ironisch. Nur leider eben denkerisch eher still, technisch nicht auf der Höhe.

Ansonsten galt für die gute alte Literatur: Wenn sprachliche Affekte aus einem Queneau-Katalog abholbar geworden waren, dann stand die so genannte gekonnte Grammatik  ab jetzt nur noch in einer rein technischen Funktionsbewertung  – wie eine Tiffany-Lampe oder wie bestimmte Schokoladensorten. Es schmeckt einem oder es schmeckt einem halt nicht. 

Stilübung Nr. 17 dazu:

„Mir schien, als sei alles neblig und perlmuttern um mich her, ich nahm zahllose und undeutliche Wesen wahr, unter denen sich indes die Gestalt eines jungen Mannes abzeichnete, dessen zu langer Hals allein schon den zugleich feigen und widerspenstigen Charakter der Person anzuzeigen schien. Anstelle des Bandes trug er ein geflochtenes Seil um den Hut. Er stritt sich darauf mit einem Individuum herum, das ich allerdings nicht sah; dann stürzte er sich, wie von plötzlicher Angst gepackt, in den Schatten eines Ganges. Ein anderer Teil des Traumes zeigt ihn mir in der grellen Sonne, vor der GareSaint-Lazare wandelnd. Er ist in Begleitung eines Gefährten, der zu ihm sagt:“Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Darüber wachte ich auf.“

Der idosynkratische Psychoklasmus eines einzelnen Autoren war nach Queneaus „Stilübungen“ technologisch nicht mehr systemrelevant.
Dass ein Autor irgendwelche Sprach-Störungen hat, wen interessierte das noch, außer das unmittelbare Umfeld oder einen Therapeuten. Eine Fernseh-Dokumentation oder ein aufmerksamer Dokumentarfilm konnte ab sofort eindringlicher und umfassender zur Gegenwart erzählen als die Literatur. So, wie heute auch die wirklich starken amerikanischen Fernsehserien den narrativen Gegenwarts-Job übernommen haben. Im technologischen Medienzeitalter nach Queneau oder Musil kann die Literatur nicht mehr die Höhe erreichen wie noch zu Zeiten Hölderlins. Aber sie wird natürlich immer wichtig bleiben als Hobby oder Zulieferbetrieb für die technologischen Künste.

Die rein individuelle Sprach-Störung, auf die sich die Kunst als Kunststörung bis dato immer so viel eingebildet hatte, sagt im technologischen Zeitalter nichts mehr aus. Weil es keinen Unterschied gegeben hat zwischen einem gut designten Papierkorb und einem gut designten Buch. Beide Gegenstände gehören in die techné-poietische Wechselwirkung von Funktion und Dysfunktion – und damit eben zur HochKultur. Ein Mülleimer neben dem Schreibtisch hat informationell betrachtet die selbe Wertungs-Kultur wie ein Vers oder Satz auf dem Schreibtisch. Es wirkt eben deshalb nicht wertlos oder zweckfrei, ein Buch für den Mülleimer zu schreiben – weil genau dafür sind Mülleimer – als kulturelle Einrichtungen – erfunden worden. Weil ein Mülleimer neben dem Schreibtisch Texte besser macht. Ein Papierkorb neben dem Tisch ist ein Schreibgerät. Wer ihn nicht mindestens so oft benutzt, wie seine Tastatur, hat das Schreiben im technologischen Zeitalter nicht erreicht.
Darüber hinaus gilt: In einer zivilisierten und technologischen Medien-Kultur gibt es keinen techno-poietischen Unterschied mehr zwischen einem Schlosser, Elektriker, Software-Ingenieur, Anlagenbauer und einem Buchschreiber. Jeder macht, was er am besten kann.
Ein Schriftsteller kann sein Buch so anlegen, dass es möglichst von vielen Menschen gelesen wird. Ein Schriftsteller schreibt für Leute oder er schreibt für den Papierkorb. Er kann sich entscheiden. Er macht aber seinen Job genauso gut, wenn er nur für den Papierkorb schreibt. Wenn ein Autor Sprachstörungen hat, dann kann er sie so veredeln oder umarbeiten, bis es nach Design klingt und beim Lesen Spaß macht. Ein Autobauer kann sein Auto so bauen, dass es möglichst viele Menschen fahren wollen. Er kann aber auch eine sogenannte Papierkorb-Studie bauen. Beide bedienen sich in ihren Bereichen einer Zulieferindustrie. Bei einem Schriftsteller wäre das ein Queneau-Katalog aus grammatisch-stilistischen Affekten, den er zusammen mit „Einfällen“ oder „Sujets“ zu einem Ensemble von funktionstüchtigen Einheiten montiert, welche man dann Roman nennt oder Geschichte. Seine indidviduellen Psychoklasmen kann er dabei bindend verwenden als Leim, Schrauben, Bolzen, Schweißpunkte, oder Lack. Darüber hinaus kann ein Schriftsteller auch Innovation wagen, wie ein Autobauer, in dem er die Blinker ein bißchen runder gestaltet oder höher setzt; oder eine neue Art von elektronischer Einparkhilfe in sein Buch einführt. Vielleicht riskiert er auch den Hybrid-Antrieb aus Denken und Schreiben. Aber da muss er sich bereits entsprechend einstellen auf eine kleinere Zielgruppe.
Auch Autobauer riskieren manchmal „ungewöhnliche“ Entwürfe – aber das wird in allen Prozessen von der Produktion bis zum Marketing zumeist streng durchkalkuliert, zum Beispiel, in dem man von vorn herein eine kleinere Zielgruppe oder Käuferschicht anvisiert. Alle aufgewendeten Energien sind dann so dimensioniert, dass selbst ein sogenannter Totalflop für die Konzernbilanz noch verkraftbar bleibt.

Die Nachkriegszeit brachte (leider) etwas sehr Altes in die Sprache zurück – den großen allgemeinen – moralisch erlittenen Überbau, der plötzlich wieder für alle galt, die kollektive Er-Fahrung als Er-Fährnis und Ge-Fährt von Leid, Macht, Ohnmacht, Verlust.  Und warf damit den spielerisch-technologischen Apparat von Queneau tief zurück ins 17. Jahr- hundert. Die Diskussionen der Gruppe 47, wenn man sie an Raymond Queneaus Zuliefer-Katalog mißt –  waren jungvergreiste Wiederholungen von etwas lange schon Bearbeiteten. Komplett überflüssig. Aber als Feuchte-Schwammpilz waren sie damals unvermeidlich, wahrscheinlich notwendig.

Man hätte seit 1947 immer sagen müssen: Das hat Raymond Queneau alles schon besser durchgespielt.

Aber Deutsch ist eben nicht Französisch. Im Deutschen wirkt vertrakter Weise – noch viel stärker – ein ganz überpersönlicher Tiefen-Sog in der Sprache, der sich im besonderen Fall als Dichtung bemerkbar macht. Das deutsche Wort Dichtung und das, was es meint, ist eigentlich für andere Sprachen unübersetzbar. Es zwingt das Denken in die Ver-Dichtung hinein und damit in das strömende – wesenhaft verdichtende – Gedächtnis. Nichts ist läppischer für Dichtung im Deutschen als der sogenannten „eigene Stil“. Der „eigene Stil“ oder „die eigene Stimme“ wirkt im Deutschen immer läppisch. Wenn man ein Ohr für den überpersonalen gedenkenden Sog des Deutschen ausgebildet hat. Je näher man sich darauf einläßt, desto unpersönlicher, aber umso zwingender erscheint das Sagen.

(Deshalb bleibt die Forderung: „Schreibe kein Zeitungsdeutsch und benutze keine abgegriffenen Floskeln, sei originell und rede „deine eigene Sprache“ immer zwiespältig. Weil gerade die sogenannte Floskel manchmal etwas zu sagen hat, das wichtiger und gewichtiger wirkt, als der individuelle Psychoklasmus eines Einzelnen. Denn die Sprache, die alle sprechen, hat einen Grund, warum. Der Grund, warum man zum Beispiel im Deutschen sagt: „Wo-rum geht es. Wo-rum handelt es sich“ oder auch: „Das ge-fällt mir“ )

Ausnahmen, Ausnahmen, Ausnahmen, beide Teile Deutschlands hatten ihr Leben und ihre Literatur. Kempowskies Echolot war ein wichtiges und wertvolles Projekt. Trotzdem bleibt da nach der Lektüre von H.W. Richter ein Stachel. Vor allem, wenn man das parallel zur F.J. Raddatz liest. Die Einsicht einer kompletten teleologische Wirrnis bis zur totalen Sinnlosigkeit jeglicher „ästhetisch“ diskutierten Sprache. Wenn ich so drüber nachdenke –  meine eigene Sprachprägung durchmisst verschiedene Klimazonen. Kindheit/ Frühe Jugend DDR-Sprache/Funktionssprache Technik-Ost/offizieller Propaganda-Sprech und inoffiizell-subkutaner Volksmund/ plus gelesene Literatursprache Prosa/Lyrik west-ost-, erst mehr Pflichtfach russisch/dann englisch / späte Jugend in Wende-und Nachwendezeit/Rhythmus-Ohr durch Theatersprachen aller Art von Hochklassik bis Psychokitsch bis Horror/ Filmdialoge/dann neu und aufregend: Sprachen der Wirtschaftskommunikation, der ganz direkte Werbetext/Dramaturgie /Film/Funk/ Soziologie/ Philosophie/Technik – und immer wieder mündlich: Gespräche mit verschiedensten Menschen. Der Volksmund. Ich bin froh, kein grammatischer-Fach-Idiot zu sein. Oder zumindest ermöglichen mir die vielen Klimazonen, ganz gut abgleichen zu können, wann und warum ein deutscher Text etwas sagt und wann nicht.

Die aufreizende Erkenntnis ungefähr 10 Jahre nach der Wiedervereinigung lautete: In der alten/neuen Bundesrepublik herrschte zwar Gedankenfreiheit aber für viel zu wenige Gedanken. Die Gedanken-frei-heit. In bestimmten Bereichen hatte sich ein seminaristisches Wichtigwelsch und Blähdeutsch etabliert. Die Sprache in vielen sich als philosophisch ausgebenden Büchern war psychosozilogistisch jargongebläht, seifenschaumartig aufgeplustert, oder schwer verfärbt und gebremst mit spätfranzösischer Tertiärphilosophie aus den  80iger Jahren. Andere kultivierten ein Unwohlsein zur Unwohlfühl-Literatur. Aber es gab auch hier Ausnahmen, wie Oswald Schwemmer, der ein toller Philosophievermittler ist. Nur prinzipiell fand sich in Deutschland nicht viel Neues nach Schelling, nach Ernst Mach oder Heidegger. Außer dann eben interessanterweise in der operativen Physik.  Schelling war bereits auf der Höhe Ernst Machs, Gödels, Einsteins  und den „Problemen“ der kosmologischen Physik gewesen. (Ernst Mach muss hier überhaupt einmal ein gesondertes Kapitel gewidmet werden. Er scheint so etwas wie ein Loch im philosophischen Kanon von Europa zu sein) Aber, und das war dann sehr wichtig, man bekam jetzt auch viele Bücher von Gregory Bateson und einigen emigrierten Denkern der Ernst-Mach-Schule/Wiener Kreis. Nur kam das eben nicht aus Deutschland, dafür aus den USA. Und die Literatur?  

Ein  Teil des literarischen Lebens des geteilten Nachkriegs-Deutschlands war nicht einfach nur Kitsch, nicht hoffnungslos bräsig, nicht ausnahmslos stickig oder Wachsfigur, nicht immer nur Gelsenkirchener Barock. So würde ich jetzt den Vater der „Gruppe 47 “ –  H.W. Richter selbst –  zu den interessanteren Schreibern zählen. Seine Aufzeichnungen machen regelrecht neugierig auf seine eigenen Romane.

Der unheimliche materielle Wohlstand, der sich ab 1955 bis etwa 1979 in der alten Bundesrepublik ausbreitete, weist hin auf eine historisch unwiederholbare Episode, auf eine Art Gegenamplitude nach den Abgründen des Zusammenbruchs von 1945. Keinem Land auf der Welt ging es jemals so glänzend wie der alten Bundesrepublik in jenen 20 Jahren zwischen 1955 und 1979. Vielleicht noch Schweden. Das wäre mein Dank an alle Ärmelhochkrempler damals, das muß ausdrücklich gesagt sein. Eine fleißige Generation. Diese Generation durfte erleben, wie etwas aus Trümmern wieder ganz wurde. Etwas wieder ganz machen, etwas konstruieren, ist natürlich am Ende erhebender als etwas kaputtzumachen. Man könnte sagen: Die eigentlichen Dichter,  die eigentlichen Künstler der 50iger und 60iger und 70iger Jahre waren die Aufbauer und Wiederaufbauer, die vielen Ingenieure und  Ärmelhochkrempler, die mit ihrem wirtschaftlichen Fleiß dafür gesorgt haben, dass ich heute in einem halbwegs gediegenen Deutschland lebe. Danke dafür. Und Riesendank auch an die USA für den Marshall-Plan.

Zu den nach wie vor nicht wirklich verwundenen Effekten jener Zeit nach WK2 gehört die Tatsache, dass Nachkriegszeiten eben nicht stille stehen, in Starre verharren und trauern, diese Nachkriegszeit schon garnicht. Sie konnte es sich nicht leisten. Das ‚Es muss jetzt aber weitergehen‘  hatte einen Drive, der beinahe ebenso drängte, schob und beschleunigte wie der schlimme Krieg davor.

Nur kann man halt nicht alles haben: Für Literaturen war diese Zeit offenbar schwierig. Für Sprachen, die sich in ihrem Selbstverständnis entweder im Dagegen-Sein, in der wiederbürgerlichen Einmümmelung oder im formelhaften Wichtigwelsch irgendwelcher Ästhetikdebatten positionieren wollten. Unter solchen Prämissen gedeihen bestenfalls Spiegelgefechte, wiederaufgekochte Klassizismen, muffige Stoa, Repräsentationstete oder eben die stillen Aufzeichnungen von H.W.Richter. Weil die Wirklichkeiten ausserhalb der Literatur immer viel stärker und schneller sind/waren – als das erinnernde und nachlaufende Wort.
Die technischen Ver-Dichter, die Ingenieure und Technologen hatten hier das Sagen als Wieder-Aufbauer. Dazu kam noch der kalte Krieg. Eine enorm komplizierte Situation. Sprache oder das Erzählen lebt prinzipiell vom Erinnern.
Draußen vor den Schreibtischen der Schriftsteller tobte der Wiederaufbau. Aber über dem Ganzen schwebte der unheimliche Himmel des Kalten Krieges. So eine Situation war sehr sehr kompliziert für Literatur.

Es sei denn, man gehörte noch einer älteren Generation an, wie damals H.W.Richter, Wolfgang Koeppen, oder Joseph Beys, Max Bense oder auch, ja..der frühverstobene Wolfgang Borchardt… Paul Celan.

Jetzt lese ich H.W. Richters  Aufzeichnungen, die ich sehr ansprechend geschrieben finde, aber nicht wegen der Enthüllungen oder des Schlüssellocheffekts – dass sich im  weichen Kern der Initiative „Gruppe 47 “ nicht gerade die literarischen Highlander tummelten, war ja länger schon bekannt  –  aber aufschlussreich finde ich Richters Schilderungen zum Verhältnis der Schrift-Steller zur Technologie und zur Raumfahrt. Das muss ich aber einmal gesondert beatmen. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Bei Hans Werner Richter findet sich die  hohe Schule des witzlosen Schreibens. Keine doppelten Böden in der Aussage, keine musikalischen Kadenzen im Satzbau, keine lustigen Wortschöpfungen, kein Kitzel in den Kommatas, keine semantischen Kringel, keine Anspielungen. Nominalsätze. Aber das nicht ‚tastend‘, gerade nicht ‚bescheiden im Nebel‘, ganz ohne dieses ‚Es könnte vielleicht auch’…nein – einfach so: Es könnte nicht. Es ist hier in der Sache. Klar gefragt oder gesagt. So einfach kann gute Literatur sein. Immer da, wo sie einen klaren Berichtscharakter annimmt, ist sie gut. Aufzeichnungen eben. Wenn es aber so klar und einfach sein kann – worüber und warum wurde dann soviel zur Literatur diskutiert damals? Und was war es, das die „Gruppe 47“ später so verdächtig machte?
Der Hauptpunkt war wohl, dass Richter als Gründer der Initiative in seiner Prämisse einem schwierigen Balanceakt folgte. Einerseits wollte er die Literatur frei halten von jedem keifenden, dogmatischen, kommunistischen, spätexpressionistisch lärmenden oder gar neonationalistischem Ideologie-Ton. Weil das die „Diskutierfähigkeit“ bei den Treffen eingeschränkt hätte. Andererseits bedeutete das aber auch: Die unmittelbare Vergangenheit aus der Literatur ausschließen zu Gunsten jener berüchtigten „Stunde Null.“

Die Amerikaner hatten nach dem Krieg Broschüren an die Deutschen verteilen lasssen, in denen stand drin, wie man in Gruppen-Diskussionen sogar noch am Ende verschiedener Meinung bleiben könne, ohne das man sich anschließend verhaftete oder an die Wand stellte. Das musste zunächst wieder neu gelernt werden. Die demokratische Normalität und die „Zivilität“ wurde gezwungenermaßen pädagogisch hinein behauptet. Daher kamen auch Richters Prämissen zur Gruppe 47. Das bedeutete zumeist: Ausschluß von vielen Stimmen und Tönen aus der Vergangenheit. So etwas blieb natürlich philosophisch betrachtet ganz schwierig, ein riesiges Dilemma. Später dann auch die klassische Geburtskrankheit vielleicht. Weil überhaupt jede Sprache und die deutsche Sprache, zumal wenn sie erzählt, auf die Vergangenheit angewiesen ist. Denn erzählen heißt IMMER Erinnern.

Der Geburtsfehler der gut gemeinten aber philosophisch unhaltbaren Richterschen Programmatik zur „Gruppe 47“  machte sich dann später in einem wohlgerundeten Normalitäts- und Diskutanten-Biedermeiertum  bemerkbar, in dem eine Art falsche Verbürgerlichung oder Frühverformung von Sprache anklang, die nichts mehr zu tun hatte mit den beschleunigten Realitäten sowohl der frühen Vergangenheiten als auch des technologischen Wiederaufbaus. An ihrem schlechten Ende landeten viele Literaturen, welche durch die Gruppe 47 gegangen waren, entweder beim Gelsenkirchener Barock oder später dann nach 68 bei einer sehr fragwürdigen Engagiertheit von  plötzlich wieder lange Haare und Kotelletten tragenden Männern, die sich hinein bogen in den 68iger Trend. Daraus kam dann sehr viel Unwohlfühl-Literatur. Die sogenannte Beat-Generation oder die Beat-Literatur gab sich zwar „links“ aber sie mischte am Wiederaufbau kräftig mit. Die 68iger Bewegung hat das Denken und die Köpfe freigepustet für neue Märkte, für neue Ideen – und die kamen dann von Steve Jobs und Bill Gates. Die 68iger haben den Kapitalismus gerettet und technisch liquide gemacht – was ausdrücklich zu begrüßen bleibt.

Bezeichnend aber für den Widersteit von behaupteter Normalität und Realität bleibt eine programmatische Äusserung von Wolfgang Borchardt (Draußen vor der Tür) kurz nach 1945: „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre. Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv .“

Das klingt nach dem frühen Rainald Goetz, einer der in den „fettesten“ Jahren der BRD gegen den Spiegel spuckte, sogar blutete – aber gesagt hat es Wolfgang Borchardt. Es wäre sehr leicht und einfach, solche Äußerungen zu belächeln als verwirrtes spätexpressionistisches Pathos  – wegen des „heiss und heiser geschluchzten Gefühls“; aber nee nee nee, das sagt jemand, der alles erlebt hat, darunter das Unwohnlichste in kalten russischen Wintern. Jetzt würde man denken, ausgerechnet so einer müsste sich doch nach dem wohl temperierten Klavier regelrecht sehnen. Ausgerechnet so einer müsste doch jetzt die Stille wollen oder das Leise oder das Raffinement oder das raffiniert Gebügelte – aber nein, er will, dass man zu BAUM wieder BAUM sagt, zu WEIB WEIB Und ein JA. wo es ein JA. gibt, und ein Nein, wenn es ein Nein braucht. Deutlich. Ohne Konjunktive. Wolfgang Borchardt wollte keine „gute“ Grammatik. Es war eine lange Zeit vergangen, bis man’s nach gefühlten 500 Jahren wieder begreifen durfte: Da wirkt im Deutschen ein Unterschied zwischen Lyrik und Dichtung.

Ironisch, witzig, parlierend schreiben, mit semantischen Kringeln und syntaktischen Mehrdeutigkeiten – das kann jeder, der so ein bisschen den Stift halten kann, aber wirklich witzlos schreiben… …das witzlose Schreiben, das so anspruchsvoll schwierig geworden war, gelingt  Hans Werner Richter in seinen  Aufzeichnungen vorzüglich. Für einen sprachlich in der ehemaligen DDR sozialisierten Menschen ist dieses Buch sehr wichtig. Danke an den CH-Beck Verlag für diese tolle Herausgabe. Die Gefahr eines jeden Künstlers: Er beginnt tastend, forschend, fahrend, frisch und voller Unruhe; aber  irgendwann findet sich etwas, das er gut kann, oder das er so la la nachahmt, das sich gut einpasst in seinen Weltbezug, vielleicht sogar gut ankommt; dann tappt er in die Bärenfalle des eigenen Talents; dann  reproduziert er sich fort-laufend selbst und wird zum Bediensteten eines Einfalls, einer Proportion oder eines Farbtons, der ihm an einem beschwippsten Nachmittag einmal gelungen war und der ihm fortan immer wieder gelingt in Variationen. Jetzt nennt er es „seinen Stil“ , – aber er weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Später dann möchte er den Tic oder die Masche wieder ablegen, aber es geht nicht mehr, denn er hat jetzt einen Namen. Gefesselt vom eigenen Namen im Atelier steht er dann vor der Leinwand und malt seinen Stiefel. Er unterliegt der Selbsteindummung durch Talent.  Aber im Grunde hat er alles richtig gemacht. Es geht ihm nicht schlecht. Aber es geht auch nicht mehr weg. Er ist jetzt – leider – ein Künstler – eine lebende Wachsfigur. Hans Werner Richters Aufzeichnungen sind ganz Stimmband, kaum Stimme. Das macht sie so stark.

Besonders wertvoll an diesem kürzlich erschienen Buch „Mittendrin“ wirken die Einsichten Hans Werner Richters zum Verhältnis der (deutschen) Literatur zur technologisch-zivilisatorischen Entwicklung. Richters Aufzeichnungen betreffen die Zeit, in der all das begann, was heute im Großen wirksam ist. Damals so genannt: „Die dritte technologisch-industrielle Revolution.“ Was daran so verwirrend ist: Richter selbst war damals schon so etwas wie ein Opa. Bereits 60ig-jährig aber denkt und registriert er offenbar moderner und zeitgemäßer als seine 20 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen. Darunter schon die heute Prominenten. Der 60igjährige Opa Hans Werner Richter ist damals in der Einschätzung der globalen Entwicklungen einem Steve Jobs näher als die meisten seines Umfelds. Richter spricht von einer Generation, deren Lebensbewegung die ständige Neu-Anpassung und Umpassung geblieben war und als solche sich weiter bewegte, umpasste, vorpasste, nachpasste. Erst noch als ganz Jugendliche im Volkssturm und dann nach dem Krieg oder in Kriegsgefangenenlagern, es musste ja irgendwie weitergehen, umlernend gemäßigte Liberale, „Literaten“, „Künstler“ Dazu die üblichen Schanzen, kleine Rivalitäten… Nur zu dem, was eigentlich ablief, wirkte offenbar kaum Fühlung. Zur „dritten technologisch-industrielle Revolution“ wollte sich niemand mental verhalten. Was mich verwirrt: Die Aufzeichnungen von Hans Werner Richter wirken im Moment so, als seien sie das einzige wirklich literarische Dokument zur deutschen Situation in jener Zeit. Ich empfinde: Das sind gute Texte.

Mundpflaster könnte ich sagen, gemeint bliebe aber der Kuss. Vom Naschvollautomaten könnte ich sprechen, weil mir das Wort Schokoriegel zu profan erschiene. Heute Augenringverschluß nach Komabechern. Trotzdem war’n es (gestern) nur zwei Kasten Bier mit Flaschenöffner. Guck mal, ein Achgottchen! Und meine doch nur das Maskotchen.

Die Weise des verstärkenden Schreibens dreht sich aus der Weise des hantierenden Schreibens heraus. Einige philosophische Schriftsteller hatten sich ja in den vergangenen Jahren einen hantierenden Stil angewöhnt, der ziemlich altvertraute Dinge noch einmal besonders chic novelliert in den Vordergrund rückte. So wurde zum Beispiel hantiert mit dem Wort Vertikalspannung, anstatt mit dem langweiligen Wort Gravitation, die ja garnicht so langweilig ist, würde man sich tatsächlich in Philosophie interessieren, die immer eine physikalische Philosophie zu sein hat. Oder man hätte mit dem guten alten Wort Schwerkraft im Zirkel-Prozess Schellings realer – lichtender –  Philosophie nachforschen können, wenn man den Job der Philosophie ernst genommen hätte..

…im Prinzip wäre ja gegen einen rhetorisch-werblichen Aufputz der Philosophie nichts einzuwenden, weil auch Philosophie durchaus den Werbetext braucht und die vermittelnde Sprache.  Philosophie muss heute sich genau so verkaufen wie auch ein Auto. Die Philosophie hat das Recht, alle Sprachmöglichkeiten zu aktivieren wie ein Naschvollautomat. Insofern kann es manchmal sinnvoll sein, statt Kuss einfach Mundpflaster zu sagen und statt Kaktus eben unrasierter Sukulenten-Bohemien. Wenn es denn dem Image des Kaktus nützt oder das Küssen befördert – ja mei – warum denn nicht…dafür sind Werbetexte da.

..aber ein wirklich guter Werbetext funktioniert eigentlich noch ein bisschen anders. Er sagt nicht: Distinktionseminenz durch anthropo-machinale Innovationsdynamik. Er sagt: Vorsprung durch Technik. Ein guter Werbetext sagt: Freude am Fahren. Er sagt nicht: Euphorisierte Affektlage bei forciertem Dynamikkonsum. Daran sieht man, wie ein guter Werbetext, der sich von der Reclame unterscheidet, eben nicht bläht oder nuschelt, dafür genau das sagt, was Phase ist: Freude am Fahren. Manchmal sagt er es etwas verstärkender oder verspielter, aber trotzdem bleibt er in der Sache immer dicht am relevanten Punkt.

Tim Boson: Bauernfest nach Pieter Breughel, d. Ä.

Mein Mähdrescher Fünfhundertfünfzig – i der Serie T,
<Starfire – ITC im Lösungspaket mit Komponenten:
Klimaanlage, Driftkorrektur, AMS, Satellitensignal,
angezeigt hochaufgelöst im Monitor der Kabine,
rasiert das Feld auch nachts. Die Xenonscheinwerfer,
bei eingeschaltetem Autopilot – beinahe überflüssig.

Das Softwaretool, dimensioniert auf Mehrfachoption,
voreinstellbar nach Tonnage, Mahtgut, Feldausdehnung,
kommuniziert, wenn ich will, mit der Aussensensorik.
Feinanpassung der Messerwinkel an Luftfeuchtigkeit
erfolgt per Knopfdruck (samt Gebläsedrehzahl) dynamisch.

Die Agrarmanagement Systemlösung Doppelpunkt:
Übersichtliche Datenverwaltung am Halm optimiert
Maschinenauslastung, Gewinnmitnahme, Kalkulation,
und erhöht, bei gut reguliertem Verhältnis Investment
versus Verschleiß nachhaltig das betriebliche Endergebnis.

Von Hand selbst umzuschalten wäre nur das Programm
des Fernsehers, digital, Buchse hier neben der Lenksäule,
sechspolig ausgelegt, ist Mehrfachadapter, optional
verwendungsfähig für Handy, Tuner, Kaffemaschine.
Bei Weizen guck ich ARTE, bei Roggen gerne mal Pro 7.

Noch Fragen?

Eine Philosophie oder das Denken nach der Philosophie muss sich deshalb nicht gegen das Philosophiemarketing oder den guten Werbetext verwahren, wohl aber gegen schlechte Werbetexte oder gegen Philosophievortäuschung. Denn die Philosophie, so hat mal jemand gesagt, sei ein  Baum. Aber dieser Baum blüht nicht, weil Kollibris in ihm brummen, oder Schmetterling oder Elfen und kleine Äffchen darin herumklettern. Sondern die Kolibris brummen darin, weil der Baum blüht. Der Baum war VOR-HER da. Der Baum der Philosophie blüht, weil er ein Baum ist, der wie alle Bäume in einem Grund wurzelt. Und seine Wurzeln reichen in ein Grundwasser der Grundfragen hinab, und seine Blätter wechselwirken in Clorophyllprozessen mit dem Licht und der Dunkelheit, mit dem Wind, mit den Jahreszeiten, mit dem Rhythmus von Tag und Nacht. Das ist der Baum der Philosophie. Die Philosophen sind sein Holz, seine Wurzeln, seine Äste, sein  Atmen, seine Blätter und seine Früchte. Ihre Fragen ziehen osmotisch, kapillarisch das Grund-Wasser aus der Grund-Strömung, und ihre Denkbewegungen im Rauschen der Blätter können Kohlendioxyd in Sauerstoff umwandeln und per Abgabe von feinstem Wasserdampf das Klima verbesssern oder ein wenig atembarer machen, während Blüten und Früchte das Auge oder sogar den Magen nähren.  So funktioniert der Baum der Philosophie, wenn man ihn denn als Baum beschreiben wollte, der wächst und lebt und gedeiht, also immer unterwegs bleibt.

Den gut geschriebenen Werbetext kann man wie gut geschriebene Gebrauchsanweisungen (es gibt auch schlecht geschriebene) zur relevanten zeitgenössischen Sprachbewegung zählen, das heißt: Zur Philosophiekultur und zur Literaturkultur. Eben gerade deshalb, weil der Werbetexter niemals von sich spricht. Er übt täglich das anonyme Sprechen. Er spricht für eine Sache, einen Dienst, für eine andere Person oder im Auftrag einer Technik. Insofern wäre der Werbetexter so etwas wie ein Ghostwriter / Geistschreiber.  Dafür geht er täglich durch eine große Übung, die manchmal die härteste Sprachübung überhaupt sein kann. Beinahe schon eine Art Drill. Er muss einerseits seine persönliche Stimme, sein ganz eigenes psychoklastisches Sprechdingsbums so weit beruhigen und anonymisieren können, dass möglichst nur noch das Produkt oder die Dienstleistung spricht – er muss sich selbst gläsern machen – syntaktisch unsichtbar, aber andererseits muss er im Auftrag einer Sache sprexeln und spielen können und dann, an der richtigen Stelle, wo es passst und stimmt, kommt er dann auch straff auf den Punkt.

Die Anforderung des In-vielen-Zungen-Sprechens und des Sich-selbst-gläsern- haltens  – setzt voraus, dass ein Werbetexter sich nicht nur für sein Handwerk oder sein Handwerkszeug, für die Sprache, für die Filme, für die Bilder interessiert; er muss sich zudem immer hineinlassen in die jeweilige Materie. Und Hineinlassen meint zunächst Hineinlassen. Meint zunächst gar nicht erfinden oder phantasieren. Und diese Materie, in die er sich hinein lässt -lässt er auch in sich hinein – heißt zumeist: Dingsprache, Menschensprache. Gegenwartsprache, Techniksprache, Wirtschaftssprache, Lebenssprache, Innovation. Man könnte auch sagen: Sein sprachgebendes Element ist Frau und Himmel, Zahnrad, Bier, Brot und Scheiße. Es dürfen ihn deshalb und darüber hinaus durchaus auch Heidegger, die Bildzeitung, das Internet, Schlager, das Theater und Gedichte interessieren. Sogar die Lyrik.  Denn all das gehört in den Sprachraum, aus dem er schöpfen kann. Aber die hohe Schule eines guten Gebrauchstextes und Werbetextes bleibt noch immer oder gerade deshalb das klare, unmiß-verständliche Sagen –  in dem möglichst viele Menschen zur Sprache kommen in einer ungefähr ähnlichen Weltinterpretation:

Die Pommes-Offensive: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketschup oder Mayo satt.“

Deutlich. Heidegger würde sagen: Hier west die Sprache an. Man könnte bei der Pommes-Offensive beinahe schon, aber jetzt in einem positiven Sinne von einem Jargon der Eigentlichkeit reden. Da weiß man wieder, dass Sprache nicht immer nur um den Mund herum redet. So ein Text steht einer Hölderlin-Elegie „Brot und Wein“ viel näher als manches seminaristische Wichtig-Welsch. Daran sieht man, wie auch innerhalb einer  komplexen Zivilisation die Sprache nicht immer und überall in geblähtes Geschweife und kolloquiale Bescheidhuberei zerfällt. Hier in der Pommes-Offensive bewahrt sie sich ihren klaren und sagenden Charakter mit einem unmißverständlichen Sendungs-Auftrag: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt. Da fällt mir gerade ein, wie die berühmte babylonische Sprachverwirrung in dieser ersten legendären Stadt oft fehlinterpretiert wurde, in dem man unterstellt hatte, sie beträfe das Zusammenleben verschiedener Ethnien oder Kulturen auf engstem Raum, die sich dann eben wegen verschiedener Sprachen verwirrt hätten.

Aber das kann eigentlich nicht gemeint gewesen sein. Man versteht sich doch in elementaren Angelegenheiten, wie zum Beispiel beim Essen und dem Trinken immer sehr gut mit allen Nationen. Und eigentlich sogar beinahe wortlos.  Der Türke fragt mich: Wüsstu schafff? Und ich sag: Nee, heut ohne. Und er lässt die scharfe Sauce weg. Von Sprachverwirrung kann hier keine Rede sein. Beim Chinesen sage ich einfach eine Zahl. Zum Beispiel: Die 19 bitte. (Mathematik dann doch als Sprache der Welt?) Und er versteht mich auch. Die eigentliche Sprachverwirrung wirkt nicht zwischen verschiedenen Ethnien oder Kulturen. Weil gerade verschiedene Kulturen sich gegenseitig im Umgang miteinander zur Substanzialität anhalten und nicht zur Verkomplizierung.

Die Sprachverwirrung kann innerhalb ein und derselben Kultur einsetzen, gerade dort, wo sie damit beginnt, „Kultur- Kultur“ oder „Geschmacks-Geschmack“ kulturzuüberkultivieren. Auch unsere Zivilisation neigt irgendwann zu Doppelbildern auf der Netzhaut oder im Gehirn. Wenn bestimmte Reflexionsprozesse durchlaufen wurden, dann verdoppeln sich bestimmte Reflexe zu Doppelreflexen. Aus dem Film wird dann der Film-Film, aus dem Roman der Roman-Roman, gemeint ist ein besonders romanhafter Roman, oder man erhält das Doppelbild der Frau-Frau, die (jetzt wieder) besonders frauliche Frau, den (jetzt wieder) besonders männlichen Mann als Mann-Mann, die philosophische Philosophie-Philosophie des Philosophie-Philosophierens. Oder man trinkt einen Kaffee-Kaffee.

Wie in der gediegenen Filiale einer Kaffe-und-Kuchen-Franchise-Kette. Nicht mehr ganz aktuell, aber man kann das noch einmal anführen. Ein alltagssprachlich begabter Satz wie: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“ wird hier plötzlich zu einer Sprache, mit der man sich verdächtig macht; oder als zu bemitleidender Kaffee-Komplett-Idiot und Eingeborener seiner sehr simplen Wunschwelt mit einem Mal sehr hilfsbedürftig und sprachbehindert erscheint.

Hier muss man sich als ausgebuffter Kaffee-Erlebnisweltmeister und Geschmacks-Papillen-Professor durch ein Tausend-Meilen-Reich oder eine ganze künstliche Bibliothek von Alexandria in Sachen groß-klein-dick-dünn-schaum-Coconut mit oder ohne Rum-Aroma zu seiner Tasse Kaffee hindurchstammeln –  oder aber, wenn man die Spezialgrammatik einmal drauf hat und zum federnden Establishment der –  tja –  eben der Kaffeeweltbürger gehört und Bescheid weiß, gibt man dann eben seine Bestellung in Spezial-Esperanto auf. Lässig parlierend.

Der Effekt einer solchen Sprachverfeinerung folgt natürlich der thermischen Ding-Verfeinerung und Auffächerung von Wunsch-und Wahl-Dingen zu Wunsch-und Wahl-Grammatiken; das ist ganz normal, gehört eben zum Luxus und zeigt überhaupt nichts Schlechtes.

Aber in einem hypnotisch halluzinatorischen Selbstlauf der Weltzerbröselung und Feinverstäubung  zu immer kleinteiligeren Wunschwelten und vaporisierten oder aufgeschäumten Wahlgrammatiken kann es dann passieren, dass irgendwann niemand mehr weiß, was „eine Tasse Kaffee“ einmal war. Oder dass der Kaffee sogar ganz verschwindet. Dann bekäme man irgendwann nur noch getürmte Milch-Bläschen (Achtung – Turm, Babylon), zu Coconut-Aroma aber keinen Kaffee mehr.
Weil die spezialgrammatische Vaporisation und Kleinteilung von Weltverhältnis zu einer Verpuffungsreaktion führen kann wie bei einer Klein-Teilchen-Staubexplosion, in der „die Tasse Kaffee an sich“  sich in die quasi-metaphysische Sphäre des „Dings an sich“ hinein verabschiedet. Aber an der Angebots-Tafel oben stünde dann immer noch vor jedem Spezial-Esperanto das Wort „Kaffee“. Spätere Generationen könnten  dann als  Nachgeborene gar nicht mehr wissen, dass Milchbläschen mit Coconut-Aroma eben kein Kaffee mehr ist.  Die „Tasse Kaffe“ hätte sich  dann zu einer quasi- metaphysischen Größe verflüchtigt, zu einem „Ding an sich“, dass wir ja nach Kant niemals erkennen können u. s. w…

Deshalb hier noch mal zur Sicherheit für den Kalender: Eine Tasse Kaffee war zu ihrer Zeit keine nurmetaphysische Größe oder ein Wortspiel, kein Kantisches „Ding an sich“, sondern real existierend. Es handelte sich um ein rundes Gefäß mit einem Durchmesser von etwa 8 cm und einer Gefäßtiefe von etwa 5 cm. (Kleine Abweichungen in beiden Richtungen von etwa 1-2 cm,) Das Gefäß-Material heißt Porzellan und wird in diversen Enzyklopädien näher beschrieben. Die „Kaffee“ genannte Flüssigkeit darin zeigte eine tiefbraune bis schwärzliche Färbung und entsprach einem wassergelösten koffeinhaltigem Sud. Dieser wurde erzeugt, indem man kochendes Wasser durch das Mehl von gemahlenen Kaffeebohnen laufen ließ, das man in ein feinporiges Sieb, ein Netz oder ein Filter (sog. Kaffeefilter) hinein portionierte und für den Zeitraum des Durchlaufs über dem Gefäß installierte. Die Stärke des Suds, seine Färbung und der Coffeingehalt war optimal eingestellt, wenn die Flüssigkeit die Tasse (bei oben angegebener Bemaßung) bis kurz unter den Rand befüllt hatte und  bei In-Augenscheinnahme durch einen Prüfblick  in das Gefäß-Innere hinein der Boden des Gefäßes nicht mehr erkennbar war. In einer abgewandelten Version des Brauchtums „Tasse Kaffee“  wurde die Flüssigkeit aufgehellt mittels einer kleinen Portion Milch, die man in so genannten Kaffeehäusern oder Restaurants in einem kleinen Kännchen dazu gestellt bekam. Manchmal nach Absprache mit dem Bedienpersonal und manchmal auch unabgesprochen einfach als alternativ-obligate Zugabe.

Da man als Bürger einer komplexen Zivilisation heute ungefähr fünf sechstel seiner Lebenszeit damit verbringt, Spezialgrammatiken regelrecht zu büffeln, sei es vor einem unergonomischen Fahrkartenautomaten in Bedienungsanleitungen oder beim Bestellen eines Kaffees, kann daraus peu a peu der Lebensirrtum erwachsen, der da lautet: Sich spezialgrammatisch auskennen sei wichtiger als etwas zu kennen oder gar Erkenntnis. Die Sprache des Kaffees sei wichtiger als der Kaffee. Der Fahrkartenautomat sei wichtiger als die Fahrkarte.
Tatsächlich können Wirklichkeits-Verhältnisse eintreten, in denen man zum Beispiel einfach einen bestimmten Zug verpasst, also ganz real nicht mit einem Zug fährt, wie man sich ursprünglich vorgenommen hatte – nicht etwa, weil das Geld fehlte, oder weil man den Bahnhof zu spät erreicht hätte, sondern ganz einfach deshalb, weil der Fahrkartenautomat keine Sprache spricht, die dem an sich trivialen Anliegen: „Ich möchte eine Fahrkarte von Hier nach Dort.“ mit einer ebenso trivialen Grammatik begegnet.   Stattdessen hat man es bei einem Automaten immer mit einer Abfrage-Routine zu tun, die dem Esperanto in der Kaffee-Hauskette nicht unähnlich ist: Mit. Ohne. Dick. Dünn. Groß. Klein. Coconut. Aber der Zug ist dann auch schon mal weg.

Als jemand, der in der DDR noch sozialisiert wurde, erinnere ich mich, wie ich die „Legende Westen“ damals so aufregend fand, weil, so hatte man  gemunkelt,  dort immer genau das zu bekommen sei, was man brauchte –  aber nicht das, was man nicht brauchte. Oder man hatte gemunkelt, dort könne man alles „einfach so sagen, wie es eben sei.“

Aber die Illusion des „alles einfach so sagen, wie es eben sei“ musste sich bald mit der Erfahrung auseinandersetzen, dass man außerhalb der Sphäre der Pommes-Offensive in eine geheimnisvolle Mehrdimensionen-Spiegelkammer von Interpretations-Interpretationen geraten war, insbesondere wenn man in Buchhandlungen aktuelle Philosophie vermutete – betrat man hier zumeist eine Kirmesbude, in der überhaupt nichts mehr so sein sollte wie es eben sei; in der ein BAUM nicht mehr BAUM sein durfte – und in der das einfache „So-Sagen“, geschweige denn das einfache So- Sein kaum noch möglich war.

Ein so genannter „Diskurs-Teilnehmer“, das galt auch für den stillen Zu-Hause-ein-Buch-Leser,  hatte sich zumeist mit seminaristischem Wichtigwelsch an der Diskurs-Zugangskontrolle auszuweisen. Obwohl er dann lediglich durch eine Geisterbahn geschickt wurde. Er musste erstmal beweisen, dass er falsches Wichtigwelsch richtig beherrscht. Mit „Tasse Kaffee“  oder „Pommes zu Ketchup und Mayo satt“ – kam man hier nicht mehr weiter.

Die babylonische Sprachverirrung meinte nie das Nebeneinander verschiedener Sprach-Kulturen. Sie meinte dass allmähliche Überblähen und Substanzloswerden von Sprache innerhalb der jeweils eigenen grammatischen Kultur. Besonders überraschend, geradezu überrumpelnd dann, folgte daraus die Einsicht, dass zum Beispiel Hegel oder Schelling oder Kant, niemals „schwierige Autoren“ gewesen waren – verglichen mit dem schummrigen Sprachgebrösel und dem klandestinen Wortspray zeitgenössischer philosozystischer Diskurse. Verglichen damit lasen sich Kant oder Hegel plötzlich wie leicht eingängige Comic-Hefte. Gegen Deleuzerrida-Kauderwelsch erschien Schelling mit einem Mahl wie ein gut durchrutschender Trivial-Autor. Und Heidegger entkleidete sich vor den lesenden Augen zu einer sehr angenehmen Courts-Mahler des denkklaren Sprachstils.

Luxus-Probleme, zugegeben. Aber in ihrer Gesamtheit kann die grammatische Verblähung eben am Ende zu einem babylonischen Turm-Einsturz führen, weil die innerlich aufgeschäumten Wahlgrammatiken die Wirklichkeiten nur noch schwer gebremst, verspätet oder gar nicht mehr einlöst. Dann kommt es zu einem permanenten grammatischen Wirklichkeits-Verzug von Sprache, die sozusagen immer ratloser vor dem Fahrkartenautomaten herumfummelt und dabei ihren Zug verpasst – oder – weil die Tasse Kaffe unerreichbar bleibt, plötzlich einschläft. Deshalb bleibt der gute Werbetext und der klare Gebrauchstext in einer Zivilisation so wichtig. Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt – erinnert daran, wie Sprache durchaus sagend bleiben kann ohne jegliche Verkomplizierung.

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Am Personenbeschleuniger: Peter Sloterdijk

Sehr geehrter Herr Sloterdijk,

(eine Rezension zu: Peter Sloterdijk. Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft, Suhrkamp 2010)

Verteiler an:
Mister Buckminster Fuller
Carl Friedrich von Weizsäcker
John Archibald Wheeler.

*
Ich schreibe diese Rezension als ein Brief, Herr Sloterdijk, nicht direkt an Sie persönlich, deshalb auch die Namen in den Verteilern. Ich schreibe diesen Brief an ein Problem und auch an eine bestimmte Art des Sprechens, oder an die Art, wie eine bestimmte Art des Sprechens zu einer bestimmten Art von Fragen oder auch Problemen (ge)führt. (hat.) Wenn ich hier also im folgenden Namen anspreche, dann spreche ich sie als Gefäße oder Träger an, die ein qicklebendiges Denken und Leben beinhalten oder sich „zum Tragen“ darum herum geformt haben, so zum Tragen auch gekommen sind.

Öffnung und Schließung der Kapsel. Einatmen. Ausatmen. Das Raumschiff Erde leben lernen.

Ontologie zwischen Entry und Re-Entry

Persona (griech: Die Maske) hat mich zu einer Modifikation oder Weiterentwicklung meines Illusionenbeschleunigers inspiriert, den ich hier als Personenbeschleuniger in den Bestand des Labors mit aufnehme. Wenn hier also „Personen“ beschleunigt werden, dann nur in einem erweiterten Verfahren der Illusionenbeschleunigung – jedoch nicht – wie man vielleicht meinen könnte, im Sinne einer „Masken“ – Beschleunigung oder „Menschen“ – Beschleunigung.

Deshalb möchte ich Sie vorab meiner Hochachtung versichern; und wenn ich im Folgenden hier und da etwas polemisch werde oder geworden bin, dann zielt das nicht ad hominem oder ad personam, sondern will einfach nur etwas Gewürz beigeben, denn schließlich – wo leben wir denn, und sie wissen es auch: Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht zuletzt diverse Gewürze, die uns zu intelligenten Wesen geformt haben, denn unter ihnen fanden sich immer auch solche Gewürze, welche es vermochten, die Blut-Hirnschranke zu durchdringen, nicht zu zerschlagen oder zu perforieren, das sage ich deutlich – also – Herr Sloterdijk – in dem diese pfefferartigen Gewürze dosiert diese Blut-Hirnschranke evolutionär trainierten, weltempfindlich hielten, und damit den Kontakt mit der wirklichen Wirklichkeit in Intervallen einübten, – also in zeitlichen Wartungsintervallen formulierten – denn eine solche Gegenwärterin in quantisierenden Intervallen ist diese Schranke ganz sicher.

Ausserdem haben Sie, Herr Sloterdijk, auf Ihrer eigenen Internetseite einen schönen und engagierten Text zu einer großen Metapher von Mister Buckminster Fuller eingestellt, auf den ich hier ausdrücklich hinweise:
Ihr Text „Wie groß ist groß“ zu „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“
Dazu möchte ich Ihnen oder Herrn Buckminster Fuller, obwohl er nicht mehr unter uns weilt, gerne etwas antworten und beifügen.

Sie, Herr Sloterdijk, haben in letzter Zeit häufiger den Namen Carl Friedrich von Weizsäcker in ihrem Schreiben erwähnt, und machten dabei immer den Eindruck eines etwas ratlosen oder nachdenklichen Pflichtübenden. – so als könnten Sie selbst nicht so richtig entscheiden, ob dieser Philosoph und Wissenschaftler nun in den Leitzordnern Ihres philosophischen Wahrneh-mungsbüros einfach nur im Regal steht, aussortiert gehört, oder vielleicht doch einmal etwas genauer gelesen werden muss.

Zuletzt in ihrem Buch „Du musst dein Leben ändern“, dem ich hier auch schon eine Rezension gewidmet hatte, sowie in ihrem letzten Suhrkamp-Heft zum Thema „Wissenschaft und Philosophie.“ Sie erwähnten Weizsäcker auch hier zwar, ließen ihn aber dann doch irgendwie eher unangetastet bei Seite liegen; gerade hier, in diesem letzten Heft von 2010, das eigentlich nur eine längere Rede von Ihnen abdruckte, hatte ich mir dazu etwas mehr versprochen in dieser Richtung. Es kam dann aber nicht, nun gut.

So beschränkten Sie sich auf eine sorgfältige Aufzählung einer Historie der „Monster“ – so nannten Sie die, also einer Historie der Sektierer, der Abgekapselten und Eingeschlossenen, die aus idealisierten Laborbedingungen heraus – sozusagen als scheinbar perfekt daneben stehende Beobachter glaubten, die Welt distinkt beobachten zu können – und ja, auch zum Teil nicht nur beobachtet sondern auch wirklich verändert haben, nicht immer zum Besseren, das wissen wir, aber zumeist dann irreversibel. Etwas marginal und nur zwischen den Zeilen räumten Sie dabei ein, dass man hier auch die eher autarke Vorgehensweise Albert Einsteins wohl zu den Wirkmächtigsten zählen müsse, da auch er – aus einer zunächst ziemlich abgeschotteten Situation heraus eine ungeheure Weltverschiebung in Gang setzte – in dem er nämlich Beobachter beobachtete. Bis heute noch erstaunlich und beunruhigend, wie ein Mensch es vermochte, einen eigentlich grundsätzlich unbeobachtbaren Sachverhalt zu entbergen, indem er gegen alle Kantische Maßstäbe einen Schleier lüftete.

Danach aber zeigten Sie, Herr Slotterdijk, dann sehr vollständig all die „Monsieure Testes‘ “ in die Runde, angefangen von Platons (pythagoräischer) Akademie von vor beinahe 2500 Jahren bis zu Paul Valerys gleichnamigem Held und schließlich auch Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den Sie dann tatsächlich als „Monster“ – kann ich sagen – ein wenig denunzierten?

Herr Sloterdijk, dem aufmerksamen Leser dieser Schrift konnte nicht entgehen, wie sehr sie hier auf dem von ihnen gern beschrittenen Grad zwischen kolloquial seriösem Aufzählen, sich enthaltender Wertung, und einer microdimensionierten Ironie – bei halbem Warnton in dieser Historie herumballancierten – eine Herumbalanciererei – oder Ziererei – die ich manchmal als Stärke und manchmal auch als groteske Masche empfinde, die auch schon mal zum vorzeitigen Zuklappen ihrer Bücher geführt hat. Denn Sie müssen natürlich damit rechnen, dass Sie auch halbwegs informierte Leser haben, auch solche, die „Töne“ in der Sprache mitlesen können.

(Ich komme gleich zu Carl Friedrich von Weizsäcker und weiter unten auf die globale Relevanz des Themas, dass ich hier anschreibe in Richtung Buckminster Fullers schöner Metapher von „Unserem Planeten als Raumschiff Erde“)

Darüber hinaus waren Sie auch in dieser zuletzt veröffentlichten Rede erneut von einem Gedanken angeregt, den Sie nicht zum ersten Mal vorbrachten, und den ich mal eben kurz zusammenfassen darf:

Sie haben immer mal wieder darauf hingewiesen, dass Platon seine Akademie in einem historischen Zeitfenster begründete, als das hellenistische Imperium bereits auf dem absteigenden Ast sich bewegte, oder anders gesagt: Sie notierten den Eintritt des platonischen, also metaphysischen Denkens der griechischen academia, als Kompensationsgeschäft von „Loosern“, als Symptom eines Zeitalters, als man da draussen, ausserhalb der Akademie, nicht viel mehr vorfand als imperialen Niedergang, von Kriegen ermüdet und fortschreitender Dekadenz gezeichnet – demzufolge Platon sich dann über den Umweg eines Besuchs bei Pythagoras dann flüchtete in die platonischen Gleichgewichtsräume der „platonischen“ Ideen, die ja den großen Vorteil der Unantastbakeit, Unvergänglichkeit und Reinheit haben, im Gegensatz zu Imperien, Straßen und Plätzen und einer dazu gehörigen „unreinen“ Realität.

Ihr Hinweis hat zweifellos etwas Zwingendes, und lässt sich als Muster auch immer wieder vorbringen. So zum Beispiel in der Geschichte des Christentums, das mit Kaiser Constantin genau zu dem Zeitpunkt erst weltmächtig erstarkte und sich kommunikativ im großen Stil vermarkten ließ, als das Römische Imperium – wie man so schön sagt – abkackte.

Man hat es also, wenn man Ihnen darin folgt, bei jeglicher Form von Platonismus – und auch die monotheistischen Religionen sind Derivate des Platonismus – mit einem „Platonismus für Arme“ zu tun; oder anders ausgedrückt: Die platonische Akademie wäre eigentlich nur für „Verlierer“ interessant, die sich an unvergänglichen „reinen“ platonischen Ideen-Konstruktionen aufrichten müssen oder sich an Idealen schadlos halten, heißen Sie nun „Gott“ oder „Oktaeder“ oder „Der Satz des Pythagoras“ oder der so genannte „Ideale Vergleichsprozess“ – den ich hier in meinem Labor mit einem durchaus nicht nur platonisch denkenden und handelnden Menschen gerade untersucht habe und weiter untersuchen werde.

Sogar die so genannte „reine Sinnlichkeit und Körperlichkeit“ ist heute zu einem Platonismus für Verlierer mutiert. Das sind die Verlierer, die heute einen Verlust verspüren, einen Abort des Lebendigen, Vitalen, Chtonischen und Sinnlichen in Richtung technischer oder ökonomischer Ratio – und nun also als Verlierer dagegen eine Religion des Körpers, der Vitalität und der Sinnlichkeit glauben aufrichten zu müssen, so in antidirekter Spiegelung eines Verlierertums im Verlierertum. Diese Entwicklung hatte bekanntlich Stanislav Lem schon mal in den 70iger Jahren vorausgesagt, in einer Prophetie, der heute die Bioläden und die „biologisch somatisch Gestik“ des künstlich wiederhergestellten „Natürlichen“ entsprechen, zu denen auch ganze Sparten von „Berufs-Lebendigen“ zählen.

Herr Sloterdijk, wollen wir dieses Ping-Pong-Spiel nun noch bis in alle Ewigkeit blind weiterspielen? Ich meine jetzt – nicht aufs wahre Leben bezogen – sondern denkerisch, philosophisch?

Vitalismus-Platonismus-Vitalismus-Platonismus/ Somatismus – Technologismus – Somatismus- Rationalismus?
Sicher werden wir das Ping-Pong-Spiel weiter spielen müssen, solange keine anderen globalen Beschäftigungstherapien in Aussicht stehen.

Aber man muss heute einfach auch mal darauf hinweisen dürfen, dass dieses Spiel, also das Ping-Pong-Spiel Platonismus versus Vitalismus bis in alle Ewigkeiten vorhersehbar bleiben wird, wenn wir nicht irgendwann einmal von dieser verrosteten Hin-und-Her-Schaukel, von diesem mäßigem Fahrgeschäft eines vorstädtischen Armuts-Zirkus Abstand nehmen. (Und jetzt schon kann ich hier andeuten: Dieser Abstand wurde bereits genommen.)

Denn zunehmend, das muss man sagen, leben wir – als Philosophen – heute nicht mehr in einer wirklich „Neuen Welt“ – vielmehr stolpern wir uns alle heute mehr oder weniger durch bereits vorgelatschte und denkerisch verausgabte Wellenpfade von philosophischer Weltmaßnahme, so dass man sich – wäre man pessimistisch eingestellt – nur noch als Erfüllungsgehilfe von sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (Watzlawik) empfinden könnte. Und hier käme es dann nur noch darauf an, in die sich gerade darbietenden Wellendynamik gut hineinzuspüren – sozusagen als Gegenwartsbegleiterscheinung.

Aus diesem Grunde ist es auch keine große Kunst, heute gewisse Bewegungen vorherzusehen, zwar nicht detailiert, aber wenigstens ihrer Morphologie nach – sie sprachen das in ihrem Text sehr schön an: „Den Erlösern folgen immer auch die Erlöser, die uns von den Erlösern erlösen.“ So sehen Sie eine Epoche der Erlösereitelkeiten heraufziehen, hierin sicher den selben prophetischen Instinkten folgend wie Stanislav Lem zu seiner Zeit.

Wo aber Gefähr ist, da wächst das Rettende auch.

Deshalb ginge es darum, die Vertikalitäten, die hier in den Worten „Wachsen“ und „Stuhlen“ anklingen, zu Amplituden umzudeuten, zwischen denen ein sich vollziehendes planetares Leben wie zwischen den Hoch-und Tief-Punkten einer sich fortpflanzenden Wellendynamik dynamisiert und so in einem Entry/Re-Enty – Verhältnis die katastrophischen Erstarrungen meidet, jedoch die Energien der Vertikal-Spannungen in die ZEIT – hinein – lösend, entspannend, produktiv macht.

Aber was solls – die (fragwürdige) Idee des „Verlierertums im Platonismus“ war ja schon bei Nietzsche deutlich virulent, der aber gerade hier und in genau diesem Punkt sich selbst und anderen gegenüber immer etwas ungreifbar blieb, in Folge dessen sich die Exegeten bei Nietzsche immer heraussuchen können, was Ihnen gerade wichtig erscheint. Aber bis heute stehen wir vor dem Dilemma, dass wir nicht genau sagen können, ob „Die Macht“ im technologischen Zeitalter subjektlos wurde und immer subjektloser wird – sich in Folge dessen auf einen statistischen „Mann ohne Eigenschaften“ überträgt, oder ob sie den so genannten „Übermenschen“ generiert – als „Neues Subjekt.“
Und weil Nietzsche genau in dieser Frage nie so ganz eindeutig interpretiert werden kann, eiert es sich auch so schön bei ihm herum, weil er selbst herumeierte. Ich selbst habe hier schon einmal gesagt, dass man in Kleists Aufsatz zum Marionetten-Theater eine weitaus subtilere oder wenigstens kompensierende Beschreibung der Problematik finden kann, und bleibe auch weiter dabei.

Aber finden Sie nicht, dass es langsam Zeit wäre, von dem Ping-Pong-Spiel Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus versus Platonismus versus Vitalismus Abstand zu nehmen. Ich meine das nicht im budhistischen Sinn.

Denn heute wären wir in solchem Widerstreit doch zum überwiederholten Male eingekehrt, denn – und das wissen Sie auch, Herr Sloterdijk, war es ja gerade seit zweitausendfünfhundert Jahren das platonische Denken, dass die angeblichen Verlierer dann doch verwandelte in technologisch Mächtige, ungeheuer Mächtige, um nicht zusagen: Ungeheuer oder Monster an technologischer Mächtigkeit. Denn unsere Technologien beruhen auf Mathematik und unsere Mathematik beruht auf Platonismus, also auf der ewig verschiebbaren Illusion von Symmetrie, Gleichgewicht oder pythagoräischen Harmonie, welche die „Gleichheitszeichen“ in unseren Köpfen zu unantastbaren IDEALEN VEGLEICHSPROZESSEN stabilisierten, die wir natürlich alle brauchen, weil sie notwendig sind. Und daran ändern auch die hochverfeinerten Methoden der höhere Mathematik nichts, weil auch diese Mathematik nur in einem stabilisierten oder harmoniserten Habitat innerhalb eines Fließgleichgewichts (als stabilisierter Zustand) vor und zurück rechnen kann, das von der Blut-Hirnschranke reguliert und schließlich als kognitives Bewusstsein aktiviert wird.

Sie selbst haben, und das achte ich sehr, in ihren Büchern gelegentlich auf die „Immunologische Geschichte“ der Menschheit hingewiesen, von Menschen, die sich auch mittels psychopolitischer Immunologisierung vor „Kränkungen“ schützten.
Einer These von Siegmund Freud folgend schützen sich diese Menschen immer vor solchen Kränkungen, die Ihn als „das Maß aller Dinge“ aus dem Mittelpunkt des Geschehens rückten, so dass er in den Strom des Geschehens selbst hineingestoßen wurde, was ihm nicht immer angenehm war.

Nietzsches zum Teil hysterische Denkbewegungen sind womöglich auch einem unangenehmen Gefühl aus dieser Ecke heraus geschuldet.

Regelmäßig wurde der Mensch aus der Illusion einer Existenz als Zentralgeschöpf vertrieben von Erkenntnissen, die ihn seiner Zentrumsposition beraubten und in die Peripherie des Geschehens stellten.
Aber diesen Vertreibungen folgten auch immer – um eine Metapher von Ihnen einmal umzudrehen – Ptolemäische Mobilmachungen – Rückbefestigungen hinter neuen, geradezu künstlich errichteten immunologischen Brandmauern.

Immer mussten lange Zeiten vergehen, bis für diesen Menschen die unabweisbare narzisstische Kränkung annehmbar geworden war – so wie die Erde, als Beispiel, nicht im Mittelpunkt der Welt sich drehte; in kleinen Dosen mutete er sich diese Tatsache irgendwann doch zu, begleitet von Kämpfen und Krämpfen und erst nach wiederholt ausgefüllten Anträgen der unabweisbaren Vernunft, nahm er sie dann an.

Oder vielleicht gewöhnte er sich auch nur an Gifte?

Bis die Kränkung schließlich immunologisch eingebaut und akzeptiert wurde als wissenschaftliches Paradigma in den historischen Körper der Entwicklung. Nach langen Krämpfen und Fieberschüben der Verletzung.

Vielleicht haben Sie vergessen zu erwähnen, dass jede eingebaute und als Paradigma akzeptierte Kränkung, die Immunologiserungstendenz dieses Menschen ja nicht aufhebt, sondern sie nur etwas weiter nach innen verschiebt, wo sie dann andere psychopolitischen Immunsysteme gegen nachfolgende Kränkungen zunächst einmal umso stärker rückbefestigt oder aktiviert.

Die Erde also und der Mensch ist nicht der Mittelpunkt der Welt.

Sie, Herr Sloterdijk, müssen sich demzufolge auch sehr wohl darüber im Klaren sein, dass der Platonismus und seine Derivate zu den großen Immunologie-Geschichten überhaupt gezählt werden muss. Wenn nicht sogar d i e Immunologisierungs – Revolution schlechthin bedeutet.

Der Platoniker, und wir alle sind immer auch ein wenig Platoniker, „immunisiert“ sich in gleichbleibenden Gleichheitszeichen, in Ideen, sei es als Pfarrer oder Antipfarrer „in Gott“, sei es als Denker „in Gedanken“, sei es als Mathematiker, in „Funktionen“ oder sei es als Psychologe in „Kategorien der Neurose“, sei es als Künstler in „Arbeit und Werken“ oder als Händler „in Geld“ sei es als Systemtheoretiker in der Figur des „Beobachters“ , als Liebende in dem Geliebten – oder einfach als Mensch im „Sein.“

An der Breite meiner Aufzählung können Sie bereits sehen, dass Immuniesierung immer ein Vollzug ist und nicht nur Ergebnis. Weil der Vollzug im Sein uns selbst in Zeit, also Form verwandelt, in Form hält, die Zeit, die wir ohne Vollzug nur einfach erleiden müssten.

Und ja, auch ein Nietzsche war ganz unfreiwillig ein Platoniker, da auch er nur „in Gedanken“ denken konnte.

So also stabilisiert jeder seine Welt oder transportiert sie reflektorisch zunächst in platonischen Waggons der Kategorien und Begriffe, der Zahlen, der Funktionen, der Werke und Ideen auf vital-grammatikalischen Gleisen hinein in die Bahnhöfe seiner Überzeugungen und Haltungen. Und wenn es gut geht – dann auch wieder hinaus in die Weiterfahrt, den Weiterbau.

Tätigkeiten, Beziehungen, Funktionen, Arbeiten, die selbst zugleich im wahrsten Sinne des Wortes ZEITVERWANDLUNG und IMMUNISIERUNG leisten – aber damit immer auch Hoffnung produzieren. Denn solange wir an unseren vital-grammatikalischen, vitalistischen oder ästheischem Gleisbau mit samt den zu Güterzügen verkoppelten Seins-Waggons uns abarbeiten, sind wir unterwegs – doch nicht verloren.

Der sich immunisierende Mensch immunisiert sich also psychopolitisch durch platonistische Aktiva, die entweder Zahlen, Ideen, Zeichen, Begriffe, Funktionen oder Gott genannt werden und physiologisch primär an der Blut-Hirn-Schranke gegen die Entropie der Thermodynamik abgeschirmt oder ausballanciert werden.

Anders gesagt: Der Mensch, seine gesamte Psychopolitik kann nur immer hinter einem Schließmuskel existierend, gedacht werden, der aber zur Öffnung fähig und – verdammt bleibt, solange er lebt. Er ist Bahnhof aber kein Kopfbahnhof.

Und der Primär-Schließmuskel hierfür ist unsere permeable Blut-Hirn-Schranke, an der die Natur über Jahrmillionen von Jahren Abwägung vornahm: Blut gegen Geist – und sich schließlich irgendwann dazu „ermächtigt“ hatte, der Blut-Seite eine Geist-Seite als Tauschobjekt zu offerieren, vielleicht die allergrößte und entscheidendste Öffnungs-Schließung als schwerster immunologischer Vollzug – der einem Wesen von der Natur jemals zugefügt wurde. Wenn auch die konstruktivste und folgenreichste für den Planeten Erde, und dieses Wesens selbst.

So ist der Mensch also per se das gekränkte Wesen, dessen „Gesundheit am Sein“ sich nur durch öffnende und schließende Ballance-Handlungen bei trainierender Schließmuskel-Aktivität in platonische oder vitalistische Funktionen-Modi überführt, wobei eine Einkapselung oder Abkapselung immer auch die totale Entkapselung also Öffnung ausgleichen muss, die totale Öffnung, die nur der Tod leisten kann – schließlich.
Damit ich hier nicht zu einseitig verstanden werde: Solche Schließungs-Öffnungs-Muskel sind auch der sprechende Mund, der schluckende Kehlkopf und letztlich auch das nervös – arterielle und venöse Spiel zwischen Systole und Diastole – bis hinein in die Herzkammern gewährter oder verbotener Blicke, Augenaufschläge und Techniken des Schweigens und der Verlautbarung, welche als Öffnungen und Schließungen von Gesprächs- oder Kommunikations-Zeit-Kapseln verstanden werden können.

Sie selbst nannten all diese platonischen Techniken der Stabiliserung einmal „Homöotechniken“ – ohne jedoch hier auf die Thermodynamik näher einzugehen.

So immunisiert sich der Mensch in einer ständigen Mitte zwischen Klausur und Aperture, Zusammenziehung und Streuung, Entry und Re-Entry.

Aber nicht der Mensch, Pflanzen und Tiere immunisieren sich allein so, sondern sie alle sind das Ergebnis von Vorgänger- immunologsierungen des Universums.

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, wenn ich hier anführe, dass diese Blut-Hirn-Schranke, nun die Primär-Immunologie aller Human-Imunologien abbildet. Und ich sie damit als primäre Homöotechnik der Natur und grundlegende Vorraussetzung für alle nachfolgenden Homöotechniken benenne.
Und dies eben gerade nicht nur in Bezug auf Viren oder Bakterien – nein. Denn diese Schranke markiert ein Gebiet oder ein Strand, an dem sich seit Jahrmillionen von Jahren der Tidenhub und die Wellen-Pulsation des Flüssigen in „gleichgleiche“ Substanz von Festem verwandelt hat – und hier – mit ihrer immunologischen Funktion im Vollzug für die Dauer unseres Lebens auch für ein ungefähres thermodynamisches „Vollzugs-Gleichgwicht“ sorgt – die uns zu dem formuliert, was wir sind – ein ungefähres-Ufer an einem ungefährem Fluss. Ein halb-festes Ufer, das aber eines strömenden Flusses bedarf, um sich als Ufer dagegen abzuheben und zu formulieren, in dem es sich selbst zugleich kenntlich und unkenntlich macht.

Und hier also eine physisch – metaphysische Komplementarität ausbildete, die man ausdrücken kann mit den Worten:

Der Fluss weiß nichts von seinen Ufern, denn der Fluss sind seine Ufer.
Die Ufer wissen nichts von ihrem Fluss, denn die Ufer sind der Fluss.

Und darin, Herr Sloterdijk, wiederholt auch die Blut-Hirnschranke nur eine Immunologische Komplementarität, wie sie unser Planet als „Raumschiff Erde“ stabilisiert in seiner dialogischen Routine um die eigene Achse als auch um die Sonne in „Immunisierung“ also Abkapselung gegen das Anströmen der Entropie zu einem System – im Vollzugs-Gleichgewicht – ; ein System, dass seine „Routinen“ als Lagrange-Gleichgewichte der Immunisierung auslegt – gegen – das treibende expandierende Ungleich-gewicht einer vorangegangenen Supernova, der es aber bedurfte zum Anschub der Stabiliserungsbewegungen in die Routinen hinein.

Denn dass wir uns stabil um unsere Achse drehen, ist eine Folge im Ausgleich von Implosion (Zusammenziehung) und Explosion (Ausdehnung) in einer „immunologischen Routine“ stabilisiert zu einem System mit Namen Erde-Mond-Sonne.

Denn auch eine Drehung kann nach einer Umdrehung als ein Vollzug von Entry nach Re-Entry bezeichnet werden. Sie ist eine Atmung.

Insofern sind Erde Mond und Sonne zwar nicht eine atmosphärisch klimatisierte Kapsel wie die Erde, sehr wohl aber eine mehrkörpermechanisch stabilisierte Kapsel, in einem statistischen „Lagrange-Klima“ des ungefähren Gleichgewichts.

Die informationelle Komplementarität des Universums lässt sich deshalb ungefähr so ausdrücken:
Ohne Explosion (Expansion) gäbe es keine stabilisierten Details, aber nur in Details kann sich eine Explosion ereignen und abbilden.

Mit anderen Worten: Wir selbst sind das wahrscheinliche Ergebnis einer ganzen Abfolge von physikalischen „Immuno-logisierungen“, die sich im Universum immer in Routinen, also Rotationen, zu „Systemen“ also temporären Lagrange-Mehr-Körper-Gleichgewichten stabilisiert haben – gegen – die Expansion – imitten – der Expansion.

Deshalb ist alles, was wir als „stimmige“ oder „funktionierende Funktion“ erleben, nur eine Perpetuierung eines ganz speziellen immunologischen Gleichgewichts, dass uns schließlich hier unten auf der Erde den schwer bürdenden Luxus eines Bewusstsein eröffnete/erschloss als ungefähr gleichbleibend stabilisierte Beobachter hier auf unserem Raumschiff Erde, dass seine Gleich-Gewichte öffnend – schließend und damit GEQUANTELT oder ROTIEREND balancieren muss.

So will ich hier jetzt auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückkommen. Ein durchaus respektabler Physiker und Philosoph, der bekanntlich ahnte, dass so eine Frage wie: Was ist Information? – dringend auf der Tagesordnung steht. Ebenso wie John Archibald Wheeler, der diese Frage ebenfalls stellte.

Vielleicht ahnen Sie es schon, Herr Sloterdijk, ich kann Ihnen dazu nur sagen: Weizsäckers Quantentheorie der Information ist leider falsch, weil er sich selbst nie dazu durchringen konnte, die Quantentheorie, auf der sein Konzept der „Ure“ beruht, als das zu betrachten, was sie ist: Sie ist keine Wahrheit der Natur, sondern das Quantum ergibt sich als Stabilisierung aus der immuno-logischen Stabiliserung von Bewusstsein, das nur in einem gequantelten Modus von Öffnung nach Schließung denkbar ist. Das Bewusstsein muss bis in die Techniken hinein – blinzeln. Das Quantum ist keine Konstante, sondern ein perpetuiertes Verhältnis seines Blinzelns in einer Öffnungs – Schließungs – Routine. ES blinzelt.

Bisher war es üblich, ähnliche (nicht diese) Überlegungen in die Ecke von philosophischer Geschmäcklerei zu rücken, wo man sie dann als „anthropische Prinzipien“ entweder „stark“ oder „schwach“ mehr oder weniger schulterzuckend zu einem Orchideenthema der Ansichtssachen degradierte.

Diese Zeiten sollten nun aber, davon bin ich überzeugt, langsam vorbei sein, da sich bei eingehender Betrachtung herausstellt, dass wir bis heute, bis in die Ingenieur-Akademien hinein eine zum Teil haarsträubend missverstandene oder pragmatisch verkürzte Thermodynamik pflegen, die noch nicht mal in der Lage ist, die beiden Hauptsätze in ihrer dialektischen Komplementarität zu vermitteln. Und nur selten werden historische Zusammenhänge der Wissenschaften in Philosophie-, Ingenieurs- oder Physik-Seminaren mehr als oberflächlich, wenn überhaupt, behandelt. Von den soziologischen und pädagogischen Fakultäten ganz zu schweigen.

Ich will damit also sagen: Unsere Techniken, Geräte, Apparate und Schulen funktionieren wohl, aber wie sie funktionieren, sagt noch nichts darüber aus, ob das Universum als Ganzes so funktioniert und zwar, weil wir die nächste große Kränkung noch nicht einmal anrücken sehen wollen und diese Kränkung lautet, um mit Schopenhauer zu sprechen:

Wir können – vielleicht – tun was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen.

So kann hier auch deutlich in Richtung Prof. Holger Lyre und Frau Prof. Brigitte Falkenburg gesagt werden:
Das Quantum und mit ihm auch alle so genannten „Naturkonstanten“ sind stabilisierte und konstruktive „Real-Halluzinationen“ – die sich aus dem Umstand herleiten, dass die gesamte Mathematik, ebenso wie die gesamte anthropotechnische Evolution aus einer platonisch immunologischen Kapsel gegen die Entropie – mit der Entropie – homöostatisch dialektisch stabilisiert wurde in einem bestimmten harmonisierten Verhältnis – und sich auch darin weiter stabilisiert in der ständigen Übergabe von Fehler nach Funktion, von Öffnung nach Schließung, von Entry nach Re-Entry, von Verifikation nach Falsifikation – so in die Ausdifferenzierung weiter überwechselt in Richtung Technik und Erkenntnis. Das „harmonisierte Verhältnis“ soll besagen, dass wir innerhalb nur eines ganz bestimmten Verhältnisses „Teilchen“ zerteilen oder erzeugen können, aber dieses Verhältnis weist eben nur wieder auf u n s e r immunologisch stabilisertes Bewusstseins-Verhältnis hin, das nicht für das gesamte Universum verbindlich ist.
Die Planckzahl ist ein anthropotechnisches kapsel-klimatisches Verhältnis, evolutionär harmonisert, aber keine Naturkonstante. Weil es in einem expandierenden Universum keine echten Konstanten geben kann.

Aus diesem Grunde kommt man hier, kosmologisch betrachtet, mit klassisch mathematischen Argumenten nur noch sehr bedingt bis gar nicht mehr weiter, obschon es für die Zukunft nicht ganz ausgeschlossen bleibt, dass man weiter kommt, wenn man die Mathematik modifiziert, und sie aus ihrer arithmetischen und geometrischen Sterilität heraus bewusst vermischt mit natürlichen dialogischen Gesprächssprachen – und nicht nur unbewusst, wie es bis jetzt Praxis war.

Sonnen, Planeten, Staubkörner, Leben, Menschen und Technik, Funktionen – und sogar Zeichen und Sprachen sind also die platonischen Verlierer – Gewinner. Sie sind in ihrem Verhältnis zu unserem Bewusstsein durchaus real existierend. Aber die Werte und Größen, mit denen wir ihre Funktionen beschreiben sind – in den Werten – nicht verbindlich für das ganze Universum.

Da unser Bewusstsein AUS DER THERMODYNAMISCHEN ZEIT sich herausgedreht und eingekapselt hat, steht es seit dem in einem bestimmten expliziten Verhältnis zu seiner Herausdrehung – in einem bestimmten Gleichgewicht – das es zugleich auch in sich selbst eindreht.

Das bedeutet konkret, Herr Sloterdijk: Es ist völlig sinnlos, gegen die Metaphysik zu ironisieren oder zu polemisieren, (was Sie klugerweise auch immer nur eher verschmitzt getan haben, so weit ich weiß) und zwar deshalb sinnlos, weil weder eine „Meta-Physik“ noch eine davon irgendwie getrennte „Physik“ obwirkt. Das einzige, das real wirkt, wäre ein informationelles Potential, dass sich per Expansion und Explosion (Aktualität) in die Potentiale von Materie (Potentialität) ausdetailiert oder zu Kognition über Falsifikations-Routinen in Erkenntnisse, Begriffen, Symmetrien oder Techniken diversifiziert.

Deshalb muss, Herr Sloterdijk, wer heute ernsthaft Philosophie und kosmologische Physik betreiben will, sich mit der Geschichte der Thermodynamik bezogen auf die evolutionäre Erkennntistheorie beschäftigen und damit also auch mit den immunologischen Blut-Organschranken- die in eine kosmologische und thermodynamische Erwägung von Energie, Rotation, Information UND DIVERSIFIKATION zu ziehen sind. Womöglich auch statistisch. Und zwar seit der Bildung der ersten Protozeller.

Und jetzt schreibe ich Ihnen gleich noch etwas dazu, falls Sie auf die Idee kommen sollten, ich litte an Erlöser – oder Aufklärer-Größenwahn. Mich also mit der Frage befangen wollten, woher ich, also Tim Boson, denn meine Wassersuppe nähme, kraft welcher ich Ihnen das Universum erklärte. Denn auch ich könne mich ja selbst ganz unmöglich ohne blinden Fleck bewegen. Oder gar ausserhalb der Prozesse mich verorten, auf einem Punkt, von dem ich dann das alles überblicken könne. Es müsse sich ja auch unter meinen Füssen ein blinder Fleck befinden, der mir selbst unbeschreibbar bleibt.

Darauf würde ich so antworten: Nun, ich bin ja – hier in diesem Text – nicht ich. Ich bin ein Boson. Zudem wird ja hier auch nicht das ganze Universum erklärt. Durchaus nicht. Aber in der Bewegung von Information, die eine Bewegung von Potentialität nach Aktualität nach Potentialität darstellt, die immer auch eine Reflektion abbildet, wirkt eine sedimentierende Gang-Abfolge, welche die Reflektion in die Lage versetzt, nach einem wiederholtem generationenlangen Durchlauf von Wiederholungen auf eine nächste Reflektionsschwelle zu gelangen. Sie nannten solches Wiederholen einmal „ÜBEN“. Ein solches ÜBEN findet auch im Gang wissenschaftlich-philosophischer Erkenntnis statt.

Sie kennen den berühmten Ausspruch von Gotthard Günther, den er seinerseits sich von einem Lehrer sehr zu Herzen nahm:

Wenn man seit zweitausend Jahren immer wieder die selben Fragen wälzt (routiniert) und keine befriedigenden Antworten erhält, dann könnte es sein, dass nicht die Antworten falsch sind, sondern die Art der Fragen.

Sie wissen, Gotthard Günther war dem Thema sehr nahe auf der Spur. Sein Pech aber war eine zu einseitige Fokussierung des Themas auf der „metapyhsischen“ Zeichen-Seite. Die Thermodynamik hat er nicht im großen Stil behandelt und beachtet.

Man muss es sich klarmachen wie bei den Wachstumsringen eines Baumes oder den sedimentierenden Schichten am Grunde eines Sees. Oder in Eisbohrkernen. Da wirken Grenzschichtereignisse, die auf Zyklen, Routinen, Rotationen, ergo Jahreszeiten verweisen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist eine Routine oder ein Zyklus umrundet und es wächst ein neues Jahr, ein neuer Frühling – ein neuer Baum-Ring der Reflexion, ein neues Sediment, das nun im Abstand zu den Vorgänger-Schichten deutlich erkennbar sich abhebt, in dem es hier Abstandnahme markiert, aber zugleich auch den Vorgängerring mit einschließt und umfasst. Die „Fehler“ oder die Widersprüche einer alten Weltbeschreibung wirken als „negative“ Konstruktionselemente in eine neue Theorie hinein. Die jeweils neue Weltfunktionenbeschreibung „ernährt“ sich von den „Fehlern“ der Vorgängerfunktion.

Die Fehler werden regelrecht aufgegessen oder absorbiert per Falsifikation und immunologisch eingebaut, funktionalisiert, in die neue Funktionenbeschreibung. Ungefähr so, wie die Mitochondrien, die ursprünglich autonome Einzeller waren, sich dann aber im Laufer der Evolution als Energie-Zubringer in die mehrzelligen Organismen integrierten, wo sie heute als „Energie-Kraftwerke“ eine Funktion ausüben.

Deshalb war das Wort „Falsifikation“ von Raymund Popper im Grunde genommen immer zu einseitig in die Diskussion getragen worden oder vielmehr: Undialektisch. Denn in Wahrheit wird nie etwas einfach nur falsifiziert. Die Falsifikation ist zugleich immer der notwendige Nährboden oder die sedimentierende Schicht für „Richtigstellungen“ in Folgeschichten, die dann über diese Falsifikationen wie über Räuberleitern der nächsten Erkenntnisschwelle entgegenklettern oder entgegenwachsen. Den Rest kennen wir von Thomas Kuhn.

Aus genau diesem Grunde konnte auch ein Einstein vor beinahe 100 Jahren die Newtonsche Physik in seine Relativitätstheorien als unteren Ring oder innere Schicht mit einschließen, als Spezialfall. Die Zeit war einfach reif. Und ob es einen Einstein, einen Luther, einen Kopernikus, einen Gallilei oder wen auch immer dann erwischt, der dann die Formulierungsaufgaben übernimmt, das ist beinahe – nur eine Frage der Statistik. Einstein formulierte in vollkommen durchsichtiger Bescheidenheit: „Ich stehe nur als Zwerg auf den Schultern von Riesen.“

Weizsäckers Quantentheorie der Information, bringt uns hier nicht mehr viel weiter als ihn selbst, und das war schon weit, weil sie die ontologisch falsche Quantentheorie zu einer ontologisch falschen Informationstheorie erweitern wollte. Aber natürlich eignet sich die Falsifikation von Weizsäcker als brauchbare Räuberleiter, um weiter zu klettern. So sind alle „Falsifikationen“ zugleich die notwendigen Räuberleitern, um eine nächste Stufe der Reflektionsfähigkeit zu erringen.

Denn Weizsäckers „Ure“ sind als zeitlose – also platonische Elemente konzipiert, und damit eben wieder nur von einem thermo-dynamisch stabilisierten homöostatischen Gehirn her gedacht. Aber die idealen Stabilisierungen existieren nur in unserem Kopf. Sie dienen uns als „platonische Schneiderpuppen“ auf denen wir die Maßanzüge unserer Funktionen schneidern, indem wir ITERIEREN – also mathematisch annähern, bis die Funktion oder ein Gerät funktioniert. Die Dinge funktionieren, aber die Gleichungen bleiben jeweils nur angenähert infinitisimal, jedoch real immer ein wenig unvollständig. Das hat uns bisher nur deshalb nicht interessiert, weil das Gerät selbst ja nicht ewig (infinitisimal) funktionieren soll, und kann, sondern nur solange seine Funktion gebraucht wird. Und weil aber unsere Funktionen und Geräte immer wieder per Energiezufuhr „gewartet“ also erneuert werden, fällt uns nicht auf, dass unter den Funktionen die platonischen Schneiderpuppen derweil weiter sich entropisch bewegt und ausgedehnt haben – wie alles. So halten wir unsere „gleichen Funktionen“  immer für die „selben Funktionen“  – was sie aber nicht sind. Denn auch innerhalb der Wartungs- Intervalle ist ja Zeit vergangen.

Mit anderen Worten: Der Graphitabrieb einer Bleistiftmine, die eine Formel zur Entropie auf ein Blatt Papier schreibt, kann mit dieser Formel nicht vollständig abgebildet werden. Hierin reichen sich sowohl Kurt Goedel als auch Rudolph Clausius die Hand.

Und damit schließt sich ein „meta-physischer“ Cern – Ring. In dem sich aber dieser Ring schließt, können wir ihn jetzt verlassen.

Ein nächster Wachstumsring liegt an.

Man muss deshalb hier wieder auf Eckard von Hochheim verweisen, der das Erkennen selbst als eine Struktur der Welt bezeichnete, allerdings in dem man heute Struktur durch die Worte „Prozess“ oder „Routine“ oder „Diversifikation“ ersetzen muss. Eine Diversifikation, in der die „Erkenner“ also die „Mathematiker“ oder der „Physiker“ selbst mit eingeschlossen bleiben.
Denn die Diversifikation in Details ist die Fortsetzung der Entropie (Expansion) auf der Informationsseite. Zugleich aber integrieren sich die neuen Details wieder in neue technische Funktionen-Gefäße, unsere Geräte, die alle als Homöostate der Information eine „neue Funktion“ – vorrübergehend – stabilisieren – aber zugleich auch weiter in Gang halten – bis zum nächsten Verschleiß. Auch die „neuen Funktionen“ dienen dann als Räuber-Leitern für nächste Erkenntnisse. Siehe Space- Shuttle. Siehe Hubble-Teleskop.

Was hat das alles nun, Herr Sloterdijk, mit ihrem Text zu Buckminster Fuller zu tun –

Zurecht fragen Sie am Beginn ihres Textes auf ihrer Internetseite: Wie groß ist groß? Wie groß dürfen wir denken? Und umspielen dann Buckminster Fullers Metapher vom Raumschiff Erde.

Eine Metapher, die darin Ihre Qualität zeigt, weil Sie klarmacht, dass unser bewohnbarer Raum vorerst begrenzt ist, und wir für die Zukunft uns darüber einig werden müssen, wie wir dieses bewohnbare Raumschiff Erde „betriebsfähig“ halten, so dass solches Raumschiff Erde uns Menschen als darauf lebende „Raumfahrer“ ungefährdet weiter beherrbergt. Dazu haben Sie nun viel Wichtiges gesagt.

Aber – und diese Anmerkung – gehört hier her, Herr Sloterdijk – Das Jahr 1969, in dem Mister Buckminster Fuller seine Metapher vom Raumschiff Erde prägte – war das Jahr der Mondlandung! Und es waren die Jahre, in denen der Mensch zum ersten Mal einen ganzen BLICK ZURÜCK auf diese blaue Erde werfen konnte, ja gezwungen wurde, es zu tun. Und Buckminster Fullers Metapher vom „Raumschiff Erde“ kann nur aus einem großen raumfahrenden Blick zurück generiert worden sein und dadurch verständlich werden. Ich will Ihnen damit andeuten, dass wir uns vor einer allzu blauäugigen oder blauerdigen Naivität und Rhetorik schützen sollten, die unterstellt, wir Menschen bewohnten einfach nur ein Raumschiff Erde, so wie man Käse auf ein Stück Brot legt – nein, Herr Sloterdijk, die Metapher vom Raumschiff Erde muss dahin gehend präzisiert werden, dass wir das Raumschiff Erde nur durch einen Blick weiter ausbauen und betriebsfähig halten können, der selbst nicht mehr von dieser Erde kommt, sondern von ausserhalb. Das ist die Abstandnahme, von der ich oben sprach! Ein Blick der erkennt, dass wir, unsere Gattung samt Erde kein Raumschiff bewohnen, sondern wir selbst sind der BLICK, der das Raumschiff konstruiert. Und dieser Blick eröffnet uns erst einen RE-ENTRY – einen WIEDEREINTRITT in die Unterscheidung!

Und damit Herr Sloterdijk, soll gesagt sein, zum wiederholten Mal gesagt sein, denn ich bin nicht der Erste, dem das auffällt, dass das Jahr 1969 die Überschreitung eine Reflexionsschwelle markiert, hinter die es kein Zurück mehr geben darf und kann. Die Brücken sind verbrannt.

Es sollte also deutlich klar gemacht werden, Herr Sloterdijk, dass das Jahr 1969 ein Monster generierte in einer bis dahin nie da gewesenen Extremform von Abkapselung, Sektierertum, Askese, Klausur und Selbsteinschließung, Autarkie und Akademie. Und diese neue platonische Akademie, diese Abkapselungen waren die KAPSELN der Apollo-Missionen, die uns als fliegende platonische Akademien darüber aufklärten, dass unser Planet ein Raumschiff Erde ist, das man nur deshalb bewusst und sorgsam bewohnen kann, weil diese Erde ab jetzt und für immer auch als ein Objekt von Verlassensein und Verlassenheit erkannt sein wird. Wir haben uns im Jahre 1969 von oben und von hinten gesehen!

Der Blick der Apollomissionen zurück auf die Erde war der Blick eines Sterbenden, die Nahtoderfahrung in einer Agonie, der im Sterben zurück auf seinen ganzen eigenen Körper blickt. Der RE-ENTRY in Form von zurückgefunkten Signalen dieser Bilder und der geglückte Wiedereintritt seiner Astronauten – nun als unfreiwillig platonische Belehrte – liegen in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zur Kuba-Krise, was sicher ein Zufall sein mag, aber man kann auch diesen Zufall als Metapher deuten.

Das bedeutet, dass wir spätestens seit dem Jahr 1969 in ein neues Zeitalter der ANSCHAULICHKEIT eingetreten sind. Dies als Ergebnis von Wegen, welche die Wissenschaften über lange Zeiträume hinweg in aller mathematischen und physikalischen Unanschaulichkeit zurückgelegt hatte.

Und es bedeutet weiterhin, dass wir die „Kapseln“ also die verklausulierten „platonischen Monster“ auch in Zukunft notwendigerweise brauchen, jetzt allerdings mit wissendem Bedacht, um die notwendige Entry-Re-Entry-Dynamik überführen zu können in eine operationsfähige Dialektik, die mit der Rotation und der Entropie der Thermodynamik rechnet. Alle Trennungen zwischen Physik und Metaphysik sind damit obsolet geworden. Die Höhen und Abgründe, die seit Jahrtausenden zwischen Physik und Metaphysik sich vertikal aufgespannt haben, müssen und können nur noch als Tauschprozess einer operativen Dialektik von Entry und Re-Entry zwischen Austritt, Eintritt, Blick und Rückblick, Wiedereintritt und Wiederaustritt erkannt werden!
Wer ab jetzt auf diesem Planeten sein religiöses „Stuhlen“ sein weltliches „Tronen“ oder sein handelndes „Wachsen“ in die physischen Hochsteigerungen oder in die metaphysischen Abgründe als seine persönliche Lebensentscheidung einer bloß subjektiv definierten Kategorie von „Willensfreiheit“ oder „Religionsfreiheit“ oder „Handelsfreiheit“ oder „Meinungsfreiheit“ einbettet, der muss dabei ab sofort immer mitbedenken, dass er – ob er das „will“ oder „nicht will“ in einer historisch begründeten und determinierten fließenden Dynamik mitströmt, die ihn selbst ernährt, ebenso wie auch alle seine „Widerstände“ also Gegenbewegungen, Verweigerungen und Abstoßungen, die er – gegen – den Strom vorbringen mag. Und er sollte wissen, dass nicht er allein wollen kann, was er will, dass nicht er allein verliert, was er verliert, und dass nicht er allein gewinnt, was er gewinnt.

Das Raumschiff Erde bewegt sich nicht durch den Raum, indem es sich als Planet durch den Raum um die Sonne dreht. Das Raumschiff Erde bewegt sich mit seiner Gattung durch die Zeit. Und diese Bewegung heißt EXPLOSION und EXPANSION.
Die EXPLOSION FAHREN LERNEN heißt: Dissipation und Diversifikation unterscheiden lernen und sie als physisch – metaphysische Entry – Re-Entry – Tausch-Dynamik zu ATMEN. In einer Geschichte der Blicke und Rückblicke, der Austritte und Wiedereintritte. Die EXPANSION fahren lernen bedeutet: Physische Explosionen (Entkapselung, Ausstreuung) im Tausch gegen metaphysische Inversion (Verkapselung, Einstreuung, Klausur) als Informations – und Tausch-Dynamik zu begreifen – und so – produktiv in eine gelingende nichtkatastrophische Wellenbewegung einer technischen Zukunft hinein quantisiert zu entspannen.

Wenn verstanden wurde, dass die treibende Kraft dieser operativen Dialektik die informationelle Themodynamik ist, in der Diversifikation und Dissipation als Phänomene ein und des selben Effekts sich blickend und rückblickend austretend und wiedereintretend – also atmend – in einem Verhältnis zueinander konstruiert.

Und die erste Kapsel, oder das erste „Monster“, das sich in einer solchen operationsfähigen Dialektik von Entry nach Re-Entry sich verklausulierte, und sich damit der Entropie dankbar zeigte, indem es sich mit der Entropie gegen die Entropie in ein eigenes inneres Gleichgewicht hinein verkapselte – dieses Monster nennen wir den EINZELLER.

Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. – Rezension.

„So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. “
(Peter Sloterdijk)

Wenn Dir das Leben eine Zitrone schenkt, mach Limonade daraus.

Peter Sloterdijk hat wieder ein Buch geschrieben und es gehört, nach Meinung des Rezensenten, zu den Interessanteren des Philosophen.
Das Buch folgt einem klaren Gedanken. Sloterdijk spricht von Übungen, Trainings, Exerzitien, Askesen und Athletiken; was er aber meint, sind Wiederholungen, Rekursionen und Kommunikationen. Leben ist zu einem guten Teil Wiederholung. Menschen, und nicht nur Menschen, wohnen nicht (nur) in Räumen, zudem auch in einer permanent sich wiederholenden Oszillation von Übungen, Trainings, die er zum Ende des Buches hin als „Gewohnheiten“ bezeichnet. An diesem Punkt, muss der Leser kurz anmerken, dass auch Sloterdijk stark wiederholt. Allerdings Gedanken von Vorgängern, die namentlich nicht immer genannt werden.

Wiederholungen also können ebenso gute als auch fehlerhafte („maligne“) Gewohnheiten sein. Entscheidend sei, sagt Sloterdijk, dass wir unser Augenmerk auf diese Wiederholungen richten, dann werden sie bewusst und modifizierbar. Er plädiert dringend, am Vorabend des globalen Großproblems, für eine Bewusstmachung und Inventur unserer Übungspläne, denn – und das ist die Pointe des Buches auf Seite 642: „Der Mensch ist das Wesen, das nicht nicht üben kann.“

Diesen wichtigen Satz wiederholt er von Paul Watzlawik. Sloterdijk hat hier statt „kommunizieren“ jetzt „üben“ eingesetzt, was richtig ist, aber er nennt Paul Watzlawek nicht. Sloterdijk schreibt: Seit die wenigen explizit üben, wird evident, dass implizit alle üben, ja mehr noch, dass der Mensch ein Lebewesen ist, dass nicht nicht üben kann – wenn üben heißt, ein Aktionsmuster so wiederholen, dass in Folge seiner Ausführung die Disposition zur nächsten Ausführung verbessert wird.

So wie Herr K. stets seinen nächsten Irrtum vorbereitet, so treffen Menschen immerzu die notwendigen Vorkehrungen, um zu bleiben, wie sie bis zu dieser Minute waren. (Siehe hierzu Eric Bernes therapeutisches Buch „Spiele der Erwachsenen.“ Oder auch Watzlawiks Begriff von der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ im Buch: „Anleitungen zum Unglücklichsein“.)

Der Mensch kann – vielleicht – die schlechten Wiederholungen so verändern, dass sie sich zu Übungen wandeln, die zu vorteilhaften Steigerungen führen. (Hier wiederholt Sloterdijk Villem Flusser, nur sagt dieser nicht Übungen, sondern Diskussionen, die sich im schlechten Fall in einer Diktatur der Diskurse zirkulär verfestigen oder im guten Fall Dialoge erzeugen, die produktive  (technische) In-Formationen hervorbringen – auch Flusser nennt Sloterdijk hier nicht als weiteren Mastermind seiner Wiederholung.)

Sloterdijk hat nun entdeckt, dass wir zum Üben und Diskutieren kein physisches Gegenüber brauchen, dafür die „Vertikalspannung“. Jede Übung wirkt „steigernd“ in dem Sinne, dass sie den Menschen in eine „Vertikalspannung“ hineindehnt. Die Vertikalspannung ist eine metaphysische Kraftlinie, ein unsichtbares Gerät, an der wir unser Dasein übend, wiederholend, ausrichten. Menschen sind prinzipiell dazu verurteilt, sich übungstechnisch, spirituell asketisch oder athletisch, oder modern anthropotechnisch in diese Vertikale einzuüben, die ihn im günstigen Fall gelingend aufsteigen lässt und im schlechten Fall unter die Grasnabe bringt. Nur dauerhaft sich plan legen, das kann die Gattung nicht. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir können uns übend selbst steigernd helfen, weil wir uns immer schon selbst geholfen haben.

Darin ergeht zugleich die Mahnung, den schnarrenden Lautsprecher des Religionen-Begriffs leiser zu drehen, das allzu aufdringliche Glaubens-Geräusch einzumischen in ein allgemeineres Grundrauschen der selbststeigernden Übungen von Menschen.

Vertikalspannung. Goethe lässt zum Ende von Teil 2 seinen Faust sagen: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan.“

Sloterdijk aber besichtigt die Überlieferung, an der er seine These übend im Selbstgespräch trainiert, bringt eine Menge Beispielen, wühlt sich durch Askese-Techniken, eremitäre Einsamkeits-Exerzitien, Stoiker, budhistische Mönchsübungen, Selbstgesprächstechniken, besucht die Vertikal-Überspannten, die Höhenverstiegenen, den ikarischen Abstürzler, den Hungerkünstler, den Säulenheiligen, die frühchristlichen Athleten des Sterbens und Erduldens, gelangt vom geübten Hochleistungspessimisten Cioran bis hinein in die schwachsinnstrainierten Gefilde der Pop-Moderne – um all den Volksweisheiten, die auf diesem Gebiet immer nur frei flottierten, einen reflektierten Hafen zu bauen: Übung macht den Meister. Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade daraus. Und das – ganz unironisch gesagt – macht auch Sloterdijk. Er nimmt die sauren Zitronen der Religionsspiele, presst sie aus und macht daraus eine servierfähige Limonade des Übens, Trainierens und der Widerholung. Er entdeckt das Wunder des Übens, das Besserwerden durch Wiederholung, den Willen zum steigernden Training.

Und noch in den „Sprachspielen“ von Wittgenstein ebenso wie in den „Diskursen“ von Foucauld erkennt Sloterdijk das Wirken von Gewohnheiten, Übungseinheiten von „Kulturordensregeln“, die auch als modifizierbare Gewohnheiten angesprochen werden, wenn man sie als „Diszipliniken.“ begreift.

An dieser Stelle wäre George-Spencer-Browns „Laws of Form“ zu wiederholen gewesen, wo eingehend behandelt wird, wie man eine bewusste Formerzeugung dadurch bewirkt, dass man einen „Unterschied macht“ Eine „Distinktion“  Sloterdijk sagt statt „Form“ hier „Disziplinik.“ Und benennt statt „Distinktion“ die „Sezession“ als Beginn aller Kultur.

Spencer Brown nennt er nicht.

Gelungen scheint mir Sloterdijks komplementäre Umspielung der Arnold Gehlenschen Mängelwesen-Problematik, die „Geschichte des Krüppels“, erzählt an dem armlosen Geiger Unthan, der aus der sauren Zitrone seiner armlosen Existenz durch härteste Übung und einem Hochleistungstraining schließlich die genießbare Limonade eines erklecklichen Virtuosen-Lebens gepresst hatte. Wenn auch „nur“ im Licht der Sensationierung eines Freaks, der sich auf ein erstaunliches Niveau hoch trainiert gehabt hatte, so dass er schließlich mit den Füßen fiedelnd den Zuhörer Franz Liszt doch (nicht ganz) beeindrucken konnte.

Während Arnold Gehlen ja als Mängelwesen-Philosoph die Grundausstattung des Menschen als ein Hineingeborenwerden ins Mangelhafte, also in die Krüppelgrundausstattung beschrieb und deshalb alle kulturellen Institutionen und Techniken als unvermeidliche Prothesen abbildete und einforderte, scheint der armlose Fuß-Geiger Unthan uns zuzurufen: Im Gegenteil – die Prothesen wegwerfen und daraus die Energie und den Übungsmut schöpfen, etwas besonderes aus uns zu machen, nicht einfach nur den Mangel kompensieren, sondern sogar hinaufpflanzende, steigernde, akrobatische, mehr als nur gelingende Wirkung verursachen!

Dieser Eingangsvergleich ist von Sloterdijk gut gewählt, weil es zwingt, darüber nachzudenken, aus welcher Art Materie oder auch Energie eigentlich die kompensierende Prothetik des Lebens ist oder sein könnte. Recht eigentlich wird die Geschichte des Fußgeigers Unthan hier also nicht gegen Gehlen ausgespielt, zumal sich bald herausstellt, über die umfassende „Krüppeltypologie“ eines gewissen Hans Würtz aus den 20iger Jahren, dass das Privileg, ein Krüppel zu sein, beinahe allen Menschen zukommt. Man muss die Krüppeltypologie nur weit genug ausdifferenzieren, dann ist eigentlich jeder ein Krüppel. Der überkompensatorische Trainingseffekt, der immer noch etwas mehr zu leisten im Stande ist, als „nur“ die Kompensation des Mangels, vergleicht Sloterdijk mit dem Hineinstoßen eines Körpers in die Bewegung, die immer auch etwas mehr bewegt als die bloße Überwindung des Hemmungsgrundes. Das ist interessant. Eine anthropokriminelle Energie?

Aus der Ferne kann nicht geprüft werden, wie stark das Krücken- und Krüppel-Buch des „Krüppel-Forschers Würtz“ möglicherweise dem 1. Weltkrieg geschuldet war. Interessant ist, dass Sloterdijk dazu nur einen vagen Hinweis in einer Fußnote gibt.

Der Leser selbst denkt darüber nach, dass hier vielleicht ein brisanter Gedanke vom Philosophen selbst nicht aufgeschrieben wurde. Friedenstechnik als Kriegsprothese. Die Geschichte des „Aufschwungs“ der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg könnte hier ein Beispiel geben als die notfröhliche Überkompensation einer Generation von seelisch Verkrüppelten. Die saure Zitrone des Aktions-Wortes „Krüppel“ in den 30iger Jahren, hat sich über die Zwischenstufen der „Behinderung“ heute wieder zur „Aktion Mensch“ hoch geübt und damit eben wieder in die servierfähige Korrekt-Limonade verdünnt. Das erwähnt dann auch Sloterdijk wieder.

Natürlich ließe sich auch umgekehrt fragen: Ist jeder akrobatische Hochleister an einer verborgenen Stelle notwendig verkrüppelt? Da gerät man unweigerlich in eine Dialektik hinein, die Sloterdijks gewählten Ansatz gefährlich werden könnte, der ja ausdrücklich „parteisch“ also einseitig vorgetragen für eine positive Akrobatik plädiert, wie der Autor gleich am Anfang seines Buches betont.

In Sloterdijks Licht auf den armlosen aber diszipliniert trainierenden Fuß-Geiger Unthan ließe sich dann erhellen, warum die Aufbaugeneration nach dem 2. Weltkrieg mehrheitlich eben nicht „trauerte“  oder gelähmt dem Grauen inne wurde, so wie die Mitscherlichs das gerne gehabt hätten, sondern dafür auf den Stümpfen ihrer Seele fiedelnd dieses Deutschland wieder hoch musizierten. Damit aber wäre dem gesamten 68iger – Projekt auch noch der allerletzte Moral-Teppich entzogen.

Dies denkt sich aber nur der Rezensent. Sloterdijk geht derweil schon in hinauf kreisenden Spiralierungen seinem roten Faden der Übungen nach, der Wiederholungen, der anthropotechnischen Trainings, bis dieser Faden dann auch folgerichtig vom roten ins dunkelrote und schließlich ins blutbraune taucht und leider tauchen muss. Die Hybris des trainierten Könnens und Machens, machte schließlich auch nicht vor dem Menschen als Übungsgerät selbst halt und mündete in die Blutbäder der  Menschenverbesserungspraktiken, den roten Ideologien und braunen ismen, samt ihrer „Lagerkulturen“ und antrainierten Verirrungen und Katastrophen.

So weit so schlecht. Viel Menschen-Gras, das in die Vertikale hinauftrainiert werden sollte, wurde brutal ausgerissen, man weiß es, und dann tief unter die Grasnabe gepflügt.

Aber Sloterdijk betreibt hier weder Religions, – noch Ideologie,- noch Aufklärungskritik. Es geht ihm darum, wie er am Anfang sagt, die ganze Bühne der Betrachtung zu drehen, allerdings vorsichtshalber nur „um 90 Grad“ (?) um klar zu machen, dass dieser Mensch konstant unter „Vertikalspannung“ steht.

Und Friedrich Nietzsche dient ihm dabei als Helfer um Abstand zu gewinnen, indem er sich der Abstandsgewinnung von Nietzsche anschließt. Nietzsche ist ihm eine Art Gewohnheits – oder Übungskoordinate. Der Probenraum ist klassisch dreidimensional. Nietzsche sagt: „Der Mensch ist das Seil, geknüpft zwischen Mensch und Übermensch.“ Die Brücke, die der Mensch zugleich anthropotechnisch, sich immer mehr fortsteigernd, verkörpert, aber auch gefährdet selbst hinüberbalancieren muss, ohne zu verschwinden, und dabei eben immer schön diesen Zug in die Vertikale zu beachten hat, sich gerade halten muss, in der Vertikalen, wenn er als Seiltänzer nicht abstürzen will.

Aber Nietzsche bleibt eben doch ein Problem. Nietzsche ist ein mit antiprotestantischem Zorn gedopter Menschenprotz aus dem Fitnessstudio der Altgriechen. Ein gefährlicher, weil unterbelichteter Türsteher zum Eingang des 20igsten Jahrhunderts. Kaum wirklich subtil einsichtig in die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung seiner eigenen Zeit. Und in diesem Sinne eben „metaphysisch“ gedopt. Wettkampftechnisch problematisch. Problematisch an Nietzsche, und da kann man ihn noch so sehr hin-und her wenden, und man merkt es an der Kraftanstrengung Sloterdijks, der das auch weiß – Nietzsche ist ein Figurendenker und eine Rampensau; und nicht selten ist er auch ein Knattermime. Das Personale und Figurative hat ihn so attraktiv gemacht, aber es macht ihn heute eigentlich untauglich als Trainer, der immer selbst noch mitboxen will, wenn über „Anthropotechnik“ klar nachgedacht werden soll, jedenfalls dann, wenn man Nietzsche, so wie Sloterdijk, allzu ernst als Trainer nimmt und ihn allzu wenig selbst als ernstes Symptom betrachtet. Sloterdijk ist sich dieser Sache zwar bewusst, aber er behandelt es für den Geschmack des Rezensenten nicht befriedigend. Nietzsche wusste ja, dass die Metaphysik eine sehr weltliche Treibladung ist. Deshalb hat er sich damit gedopt. Eben gerade nicht „meta“, „hinter“ oder „nach“ oder „über“  der Physik sich verortet, sondern inmitten. Deshalb spannt Nietzsche sein Menschenseil zum Übermenschen in die Horizontale, nicht in die Vertikale. Aber statt es dabei zu belassen, macht sein Zarathustra dann Theater, stellt auf dieses Seil einen Akrobaten und sofort ergibt sich wieder die selbe falsche parareligiöse Höhensemantik von Himmel und Erde. Aufstieg und Absturz.  Es ist eine schlechte Gewohnheit, Metaphysik und Religion in den selben vertikalen und so verschwitzten Verpackungszusammenhang zu verorten. Eine Angewohnheit des nacharistotelischen christianisierten Menschen. Ebenso wie es eine schlechte Gewohnheit ist, heute von einem „nachmetaphysischen Zeitalter“ zu sprechen, was auch Sloterdijk manchmal noch tut. Und ebenso wie es eine Fehleinschätzung von Nietzsche war, sich selbst als „letzten Metaphysiker“ zu bezeichnen.

Wenn man die Umdeutung, den der Begriff Metaphysik seit Aristoteles verwirrender Weise erfahren hat, nicht sehr genau behandelt, dürfte man sich in Zukunft auf dem Feld der „Anthropotechniken“ nur schwer verrenkt bewegen können. Man kommt dann nie aus dem Nietzsche-Fittness-Studio hinaus und hinein in ein grundlegendes Verstehen. Metaphysik baut keine Türme, sie treibt.  Heute könnte man die Metaphysik der Energoformation zuordnen oder wenigstens der Polspannung zwischen Energie und Form. Aber im Kapitel: „Zur Kritik der Vertikalen“ baut sich Sloterdijk ein Höhenbarometer aus anthropologischen Beobachtungen zusammen. (Beispiel: Kinder, die zu ihren Eltern vertikal hinaufschauen.) Ohne auf die Begriffsgeschichte der Metaphysik näher einzugehen, gelangt er dann recht bald wieder zu einer „Artistenmetaphysik“, die jetzt schon wieder eine Vertikal-und Höhen-Semantik mit „Gipfeln des Unwahrscheinlichen“ ausbildet. Diese „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ holt er sich vom Biologen Richard Dawkins. Sloterdijk scheut sich nicht, von einer „Artistik der Natur zu sprechen.“ welche die Evolution in „unwahrscheinliche Höhen“ treibt. Dann switcht er auf die menschliche Gesellschaft und baut daraus „Artistenpyramiden“, Menschenhaufen, die er hoch geturnt in Zirkusarenen entdeckt, zitiert dann mit Nietzsche- Zarathustra den Seiltänzer in großer Höhe, zu denen das untenstehende Publikum aufschaut, kurzum: Er knetet die christianisierten Höhenhierarchien von Himmel und Hölle in ganz weltliche Vertikalverhältnisse um. In weltliche Könnens-Kathedralen aus Lei(d)-Differenzen, die ich hier extra mit „d“ schreibe, obwohl sie mit „t“ geschrieben werden. Die Menschen sollen sich eben um den „prominenten“ Platz dort oben jetzt wettbeneiden, hochspannen und deshalb trainieren, damit sie auch nach oben kommen. Sloterdijk wird hier plötzlich kathedralisch athletokatholisch.

Sloterdijk sagt nicht: Raumfahrt ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln – was präzise wäre, dafür leiht er bei Nietzsche und Dawkins und baut „unwahrscheinlich hohe“ Menschenpyramiden zu akrobatisierenden Türmen hoch, wobei die eigentliche Dynamik in eine semantische Verrenkung gerät. Die Tatsache, dass der Begriff des „Unwahrscheinlichen.“ neben seinem umgangssprachlichen Gebrauch im Sinne von „Hoch-Steigerung“  auch auf die kühlere Wahrscheinlichkeitsrechnung  und damit eher auf Verteilungen verweist, spricht Sloterdijk nicht an.

Die Einsetzung Nietzsches als Trainer oder Pfadfinder initialisiert dann auch die notfröhliche Aktion, seinen Übermenschen als „Prominenten“, als „heraus stehenden“ Menschen vorzustellen. Sloterdijk will den belasteten Begriff des Übermenschen von Nietzsche dadurch entschärfen, dass er ihn ironisch auf einen „Prominenten“ heruntertrainiert, als den „Herausstehenden“ gleich welcher „Disziplinik“,  ob nun auf dem Seil oder auf einem roten Teppich, der dann „von unten“ gesehen wird und zur Nachahmung anstiften soll. Der Rezensent denkt sich:  Wie trennt man aber eskalatives und de-eskalatives Training? Wo beginnt das Doping?

Nö, da nimmt man als Leser dann doch Abstand und sagt: Herr Sloterdijk, gucken Sie mal, wo sie da entlanggehen; und man möchte beinahe den alten schlimmen Übermenschen wiederhaben. Aber diese seltsam verrenkte Operation belastet das ansonsten interessante Projekt orthopädisch. Es wirkt unfreiwillig komisch, verursacht Rückenschmerzen. Für diese spezielle Turnübung kann man dem Philosophensportler Sloterdijk höchstens eine 3 minus Note geben.

Dies aber in einem Buch, das ansonsten auch Witziges enthält, und wieder jede Menge schöner Sloterdijk-Sätze bereit, wie zum Beispiel diesen hier: „Wer mit sich selbst identisch bleibt, bestätigt sich hierdurch als ein funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung spezialisiert ist.“ In der Nähe davon liest man auch, dass der Homo Sapiens ein „überraschungsoffener Typ“ ist, der seine Identitätspflege als Re-Trivialisierungsoperation betreibt. „Retrivialisierung meint die Operation, dank welcher lernfähige Organismen imstande sind, Neues zu behandeln, als wäre man ihm nie begegnet – sei es durch eine mechanische Gleichsetzung mit Bekanntem, sei es durch offene Leugnung seines Belehrungswerts.“

Der Leser stimmt zu, und fühlt sich deshalb auch aufgefordert zur umgekehrten Operation, die einen lernfähigen Organismus dazu befähigt, dem Bekannten so zu begegnen, als wäre es etwas Neues. Aus diesem Grunde unterlässt er es hier, auf die Lerntheorien von Gregory Bateson hinzuweisen oder auf die Definition des „Neuen“ nach Villem Flusser.

Und macht sich stattdessen darüber Gedanken, ob Sloterdijk demnächst eine „Anthropotechnik des Vergessens“  in Aussicht stellt.  Immerhin nennt Sloterdijk in seinem Buch die Erfindung der Anästhesie als ebenso zwiespältige wie revolutionäre Ohnmachtspraxis.

Den Homo Expander als (hoffentlich langsam) explodierendes Wesen anzusprechen, und damit den Begriff der Vertikalspannung selbst allrichtungsweisend zu entfesseln, unternimmt Sloterdijk im Rückgriff auf Nietzsches „nach vorn abrollendes Rad“, das angerufen wird. Und dann mit Gotthard Günther. Dieses Rad aber hat kein Bewusstsein, ist nicht anrufbar, weil es keine Person ist, sondern ein Potential, das zu einem Aktual wird, ein Rad, das im Abrollen das Selbst-Bewusstsein zu verlieren droht, wenn….. Dieses „Rad“ ist die reine technische Praxis. Deshalb äußert sich Sloterdijk zu dem empfindlichen Thema der Willens-Freiheit, die ja mit dem Ohnmachts-Thema gekoppelt ist, nur undeutlich nuschelnd. Auf Seite 643 schreibt er: „Setzt man sich einer anspruchsvolleren Selbstbeobachtung aus, gerät man in den psychosomatischen Maschinenraum der eigenen Existenz. Dort ist für die übliche Spontanitätsschmeichelei nichts zu holen, auch Freiheitstheoretiker bleiben besser oben. Bei dieser Untersuchung dringt man in ein nicht-psychoanalytisches Unbewusstes vor, dass alles umfasst, was zu den normalerweise unthematischen Rhythmen, Regeln und Ritualen rechnet, gleich ob es auf kollektive Muster oder ideosynkratische Spezialisierungen zurück geht. In diesem Bereich ist alles höhere Mechanik, intimere Einbildungen von Nichtmechanik und unkonditioniertem Für-Sich-Sein inbegriffen. Die Summe dieser Mechaniken erzeugt den Überraschungsraum Persönlichkeit, in dem doch nur äußerst selten Überraschendes geschieht….“

Hier sucht man dann vergeblich nach einem Hinweis, um welche Art von „anspruchsvoller Selbstbeobachtung“ es sich handelt. Man findet dazu auch keine Fußnote. Wenn die Freiheitsproblematik so in der Schwebe bleibt, klingt plötzlich auch die Aufforderung: „Du musst dein Leben ändern.“ leicht geschwächt.

Sloterdijk glaubt, dass die verstiegenen Vertikalisierungen der vergangenen Jahrhunderte mit der Moderne wieder zur Horizontalen gefunden haben, oder wenigstens beobachtet er eine Tendenz zur Einflachung, die er lobenswert findet. Zugleich aber mahnt er dringend. Dem kann man zustimmen. Hoffen wir das Beste.

Das Buch unternimmt, wie vom Autor versprochen, eine 90igGrad-Drehung(?) der anthropotechnischen Bühne.

Wie dreht man sie weiter?

Die Raumfahrt oder der Tod sind die  beiden Pole, zwischen denen der langsam explodierende Homo Expander heute balanciert. Beide Optionen aber führen durch die Landschaft der Ohnmacht (Raumfahrttraining  der Erfahrung) und das heißt: Kleists bewusstlose Marionette mit Nietzsches Seiltänzerin zu vermählen.

Mit dem Einüben des Lebens, dem Raumfahrttraining der Erfahrung, muss sofort begonnen werden. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Kapitel mit einer zu Recht ätzenden Kritik am deutschen Bildungssystem, an dem Sloterdijk kein gutes Haar lässt. In Zeiten von Amokläufen muss diese Kritik sehr in den Ohren klingen. Die deutsche Bildungspolitik ist analog zum Kunstmarkt, den Sloterdijk ebenfalls niederkartätscht, schwer verrottet und lässt scharenweise Desorientierte ohne Weltbezug auf die Gegenwart los.

Die Kritik zur Bildungspolitik findet sich deshalb auch ganz in der Nähe der Warnung vor einer  Globalkatastrophe als unserem vielleicht letzten Monogott, demgegenüber wir uns als planetar trainierende Zivilgemeinschaft zu beweisen haben. Glück auf beim Kampf um freie Übungsräume und hoffentlich genügend verbleibende Zeit im übervollen Trainingskalender.

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