„Seit ein Gespräch wir sind…“

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; (Hölderlin)

Lieber Herr Professor Salomon, ich verdanke Ihnen wesentliche Erfahrungen, ein großes Gespräch und viele Anlässe zum Hoffen und Staunen. Zunächst wäre da einmal die Begegnung mit einem Menschen und Forscher, der Offenheit und Interesse riskiert hat, sich einzulassen auf ein nicht immer vorhersehbar vibrierendes dialogisches Feld. Damit waren Sie  – als wesentlich älterer Mensch –  weit entfernt von jenem Zustand der professionalisierten Senilität, die so manchen Zeitgenossen schon um das dreißigste Lebensjahr herum einebnet.
Kurz gesagt: Sie erschienen mir immer sehr jugendlich.

Daran knüpft sich nun bewusst oder unbewusst eine Geschichte an, die ich Ihnen noch garnicht erzählt habe. Auch weil sie mir selbst erst gerade eingefallen war. Sie wissen, ich bin in der DDR aufgewachsen. In diesem nicht mehr existierenden Land gab es ein Buch mit dem Titel:
Weltall, Erde, Mensch
Dieses Buch wurde Jugendlichen über viele Jahrgänge hinweg zur sogenannten Jugendweihe offiziell überreicht und hatte deshalb eine sehr hohe Auflage. Eine der höchsten. Jeder ehemalige Ostdeutsche kennt es.Die Auflage von 1956 sah so aus.
Das Buch sollte helfen, jeden DDR-Bürger zu einer sozialistischen Persönlichkeit zu erziehen. Ausgehend von der naiven Idee eines „Urkommunismus“ in frühen Gentilgesell-schaften, denen man Gleichheit und Brüderlichkeit unterstellte, dabei jedoch unterschlug, dass solche Gesellschaften einen sakralen Bezug zu ihren Tieren, Ihrer Umwelt, ihren Werkzeugen und zu ihrer Mitwelt unterhielten, und zweitens eben durchaus nicht unhierarchisch organisiert waren. Die Geisterwesen, Ahnen, Berg- Wetter- und Tiergötter hatten hier zusammen mit den Schamanen eine gewisse Organisationskompetenz.

Die Auflage von 1963, also nach dem Mauerbau, sah dann so aus.
Beide Titelmotive nehmen urkomischer Weise die Hauptmotive von Stanley Kubriks Film Odyssee  2001 vorweg. Stanley Kubrik war also im Prinzip  ein heimlicher DDR-Bürger,  Nur mit dem kleinen Unterschied, dass er den Schwarzen Körper in die Geschichte einführte.
Die DDR hatte, zumindest, was die Titelstilistik dieses  Buches betrifft, sozusagen Weltniveau. Und sie hat heute auf eine noch komischere Art Weltniveau, (auf sächsisch: Weldnivö! – noch vor Sdänläy Gubrik! ) weil sie sich in ein „Nicht-Ort“ verwandelt hat, nämlich in den Ort von vielen Kindheiten, den es so garnicht mehr gibt. Noch nicht einmal mehr als Landschaft.

Ich bin kein Ostalgiker, und da ist nichts zu verklären, durchaus nicht, außer vielleicht eine Sache. Ich erinnere mich, den Kubrik-Film das allererste Mal auf einem – nach heutigen Maßstäben – als Dampfmaschinenfernseher zu bezeichnenden Ding gesehen zu haben, in krisseligem Schwarz-Weiß mit ständigen Bildstörungen. Und was soll ich sagen, der Film hat mich damals schon umgehauen. Die etwas niedrig limitierte Empfangsbreite des schwarzweißen Dampffernsehmonsters tat seinem philosophischen Gehalt keinen Abbruch.
Zumal ja seine inszenierten Mondlandungsbilder in diesem weißen Rauschen des schlechten Ost-Schwarz-Weiß-Fernsehers damit über die Maßen authentisch wirkten.
Seit dem habe ich mir oft die Frage gestellt, ob mit dem Niveau der technischen Empfangsbreite, der Farbauflösungen und Kontrastschärfen heutiger Medien auch die Emfangsbreite, die Farbauflösungen und die Kontrastschärfe des Denkens, der Dramaturgien oder der Artikulationen gestiegen sind. In einigen Kino-Filmen, so kann man sagen, ist das durchaus geschehen. Aber im geschriebenen Wort?
Nun, in Ihren Forschungsbüchern durchaus.

Wie dem auch sei, ich weiß jetzt, dass es immer dort, wo Dinge einen vordergründigen Ernst verbreiten, sie auf einer tieferen Ebene zumeist auf erschreckende Art urkomisch sind. Gerade wenn man bedenkt, was für Zeiten das waren zwischen 1956 und 1963. In diesem Sinne möchte ich Ihnen diese beiden Bücher zur Jugendweihe überreichen.

 

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