言葉 Wehende Blüten: Mit Dank an einen koreanischen Studenten

Ein koreanischer Student hat um 2010 eine Arbeit  verfasst. Ein Beispiel für klares Fragen und Forschen. Aufatmend nehme ich wahr, dass es offenbar möglich ist, ohne Sympthome der Schwerstbeschädigung nach Heidegger ganz normale Fragen zu stellen.
Warum muss es nun wieder die Arbeit eines koreanischen Studenten sein, die den Deutschen das Anliegen Heideggers erklärt und zeigt, wie man mit dem Thema Sprache denkend umgeht – im Gegensatz zu den inszenatorischen Hilflosigkeiten in aktuellen Lyrikdebatten.
Schöner noch ist, dass mir diese Arbeit erst seit ganz kurzer Zeit bekannt ist, so dass der Kontext hier besonders gut einschlägt und verfängt. Kontext wäre wohl – nach dieser Arbeit – ein Übertragswort für Kosmos.

Die Frage nach dem Wesen der Sprache (Deutsch,
Japanisch und Koreanisch) nach Heidegger
HAN Choong-Su
Universität Freiburg
Seoul National University

1. Einleitung: Fragestellung, Methodendarstellung und Aufriss

Mit einem persönlichen Erlebnis möchte ich die vorliegende Arbeit
beginnen. Ein griechischer Kommilitone fragte mich: Wie heißt der
Weltraum auf Koreanisch? Ich antwortete: 우주 (宇宙) (usu)1.
Während das griechische Wort κόσμος (kosmos) das harmonische Ganze und
die Weltordnung bedeutet, meint 우주 (宇宙) 2. einfach Haus.

Ein gemütliches Haus ist jedoch nicht immer ordentlich. Warum hat dieselbe Sache verschiedene Namen, die auf unterschiedliche Bedeutungen hinweisen?3.
Darauf gab mein Kommilitone als Antwort, dass man den Weltraum mit dem bezeichnet hat, was man für wichtig gehalten hatte. Für Griechen war es die Ordnung (κόσμος) gewesen, für Koreaner das Haus (우주). Meiner Meinung nach zeigen die
griechische und die koreanische Sprache verschiedenen Seiten des
Weltraumes.

1 Nach dem koreanischen Wort 우주 führe ich die chinesischen Schriftzeichen 宇宙 in runden Klammern an, weil es aus dem Chinesischen kommt. Die lateinische Transkription schließt sich an.
2 Das chinesische Zeichen 宇 besteht aus 宀 und 于. Der obere Teil 宀 ist ein
symbolisiertes Zeichen für Dach. Das Zeichen 宇 bedeutet darum Haus und Dach. Das chinesische Zeichen 宙 besteht aus 宀 und 由 und bedeutet ebenfalls Haus und Dach.
3 Das deutsche Wort „Weltraum“ weist darauf hin, dass die Welt, der Stern und die Erde in den Raum gesetzt sind.

Die Frage nach dem Wesen der Sprache nach Heidegger

1.1 Fragestellung: Was ist die Sprache?
Die Sprache hat viel mit dem Wesen des Menschen zu tun. Nach
Theodor Fontane (1819–1898) ist das Menschlichste, was wir haben,
doch die Sprache 4 ; Aristoteles (384–322 v. Chr.) zufolge ist der
Mensch ein Lebewesen mit Sprache (ζῷον λόγον ἔχον)5 . Die beiden
Denker weisen auf die grundlegende Rolle der Sprache in Bezug auf
das Wesen des Menschen hin. 6

Lexikalisch bedeutet das Wort
„Sprache“ jedoch nur „ein Mittel für Kommunikation“, das der
Mensch willkürlich benutzen kann.7

Aber was, wenn Sprache den Menschen braucht?

In der vorliegenden Arbeit frage ich nach dem
ursprünglichen Wesen der Sprache. Dabei helfen uns Heideggers
Überlegungen zur Sprache.

1.2 Methodendarstellung: Komparatistische Forschung,
Textforschung und hermeneutische Phänomenologie

Wie der griechische und der koreanische Name für den Weltraum
schon dessen verschiedenen Eigenschaften zeigen, so werden der
deutsche, der japanische und der koreanische Name für
„Sprache“ deren unterschiedliche Eigenschaften betonen. Aus dem
Vergleich könnte man über das gemeinsame Wesen der drei Sprachen
nachdenken. Daher wählt die vorliegende Arbeit die vergleichende
Methode. Darüber hinaus beruft sich die vorliegende Arbeit auf
Heideggers Aufsätze, in denen er über die Sprache nachdenkt:
„Die Sprache“ (1950) und „Aus einem Gespräch von der Spra-
che“ (1953/54).

Um das Wesen der koreanischen Sprache zu erfassen,
verwende ich die Methode der hermeneutischen Phänomenologie, mit
der die koreanische Sprache aus einem koreanischen Sprichwort sowie
einem koreanischen Gedicht erklärt wird.

4 Theodor Fontane, Romane und Erzählungen (Band 6.), Berlin und Weimar, 1973, S. 99.
5 Aristoteles, Πολιτικά (politika), 1253a. Vgl. Aristoteles, Politik, übers. von Eugen Rolfes, Hamburg, 1981, S. 4.
6 Da die Sprache für den Menschen entscheidend ist, würde sich das Wesen des
Menschen verändern, wenn das Wesen der Sprache neu verstanden würde.
7 Sprache: „historisch entstandenes und sich entwickelndes System verbaler
Zeichen, das einer bestimmten Einheit, Gliederung der menschlichen Gesellschaft als Kommunikationsmittel sowie als Instrument des begrifflichen Denkens dient und das die Fixierung und Speicherung des erworbenen Wissens ermöglicht“

1.3 Aufriss des Hauptteils

Im ersten Teil des Hauptteils wird das Wesen der Sprache mit
Heideggers Aufsatz dargestellt. Danach wird der Unterschied zwischen
der deutschen Sprache und den asiatischen Sprachen (Japanisch und
Koreanisch) im Anschluss an Heidegger gezeigt. Darauf aufbauend
wird im dritten Kapitel das Wesen der japanischen Sprache anhand
von Heideggers Gespräch vorgestellt. Das vierte Kapitel ist der
Erläuterung des Wesens der koreanischen Sprache gewidmet.

2. Hauptteil: Unterwegs zum Wesen der Sprache
(Deutsch, Japanisch und Koreanisch)

2.1 Wesen der [deutschen] Sprache in „Die Sprache“

In seinem Aufsatz über die Sprache (1950) sucht Heidegger das
Wesen der Sprache im Sprechen der Sprache. Ob es sich bei diesem
Genitiv um einen Genitivus subiectivus oder um einen Genitivus
obiectivus handelt, ist noch nicht entschieden.

Da sich das Wesen der Sprache im Gesprochenen, also etwa in
einem Gedicht, findet, führt Heidegger das Gedicht „Ein
Winterabend“ (1913/14) von Georg Trakl (1887–1914) als Beispiel an.

Der Inhalt des Gedichtes ist leicht verständlich, weil es scheinbar
einfach einen Winterabend beschreibt. Ich zitiere die erste Strophe:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Die erste Strophe ruft Dinge, nämlich Schnee, Glocke, Tisch und
Haus. „Der Schneefall bringt die Menschen unter den in die Nacht
verdämmernden Himmel. Das Läuten der Abendglocke bringt sie als
die Sterblichen vor das Göttliche. Haus und Tisch binden die
Sterblichen an die Erde.

Die Frage nach dem Wesen der Sprache nach Heidegger

„Die genannten Dinge versammeln, also gerufen, bei sich Himmel und Erde, die Sterblichen und die Göttlichen.“8
Diese vier Elemente gehören ursprünglich zueinander.9
Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit nennt Heidegger „das Geviert“ als
„Welt“. Die gerufenen Dinge gebären die Welt: Die Welt gönnt den
Dingen ihr Dasein, insofern die Dinge in der Welt erscheinen. Welt
und Ding durchdringen einander und durchqueren eine Mitte.

In dieser Mitte werden Welt und Ding jedoch nicht verschmolzen,
sondern geschieden, ohne getrennt zu werden. Die Mitte verknüpft Welt und Ding nicht nachträglich, sondern Welt und Ding entstehen erst durch die Mitte. Diese Mitte ist eine Eröffnung der Dimension für Welt und Ding in jedem einzelnen Wesen. Das Rufen im Gedicht heißt Welt und Ding mit ihrer Mitte und zugleich in ihre Mitte
kommen.
Dieses Kommen-heißen ist das Wesen des Sprechens der
Sprache. Nun ist es klar, dass dieser Genitiv kein Genitivus obiectivus
ist, sondern ein Genitivus subiectivus, weil das Gedicht selbst ruft und
spricht. Also spricht die Sprache.

Was die Sprache spricht, hört der Mensch zunächst und spricht dann entsprechend dem Gehörten.
Die Weise des menschlichen Sprechens ist das hörende „Ent-sprechen“.
Daher ist das Wesen sowohl des menschlichen Sprechens als auch des
Sprechens der Sprache, Welt und Ding in ihrem eigenen Wesen
kommen zu heißen.

Die vier Elemente, nämlich Himmel, Erde, Göttliche und Sterbliche, werden durch die Sprache versammelt, damit sich Welt und Ding ereignen: „Versammlung in das Ereignis.“

8 Vgl. Martin Heidegger, „Die Sprache“ (1950) in Unterwegs zur Sprache (GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 19.
9 Vgl. Martin Heidegger, „Bauen Wohnen Denken“ (1951) in Vorträge und
Aufsätze (GA 7.), Frankfurt am Main, 2000, S. 151.
10 Vgl. Martin Heidegger, „Die Sprache“ (1950) in Unterwegs zur Sprache
11 Das griechische Wort λόγος (logos) wurde in der vorliegenden Arbeit mit dem
deutschen Wort „Sprache“ und „Versammlung“ übersetzt. Die verbale Form von
λόγος lautet λέγειν (legein). Daraus ist das deutsche Wort „lesen“ hergeleitet. Wie im Wort „Holzleserin“ bedeutet das Wort „lesen“ immer noch, etwas zu
sammeln.
(GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 10.
2.2 Heideggers Bekenntnis zur Differenz zwischen europäischen und
asiatischen Sprachen

Sowohl in Heideggers Hauptwerk Sein und Zeit (1927) als auch im
obengenannten Aufsatz „Die Sprache“ geht es nicht explizit um die
Differenz zwischen europäischen und asiatischen Sprachen. Als Hei-
degger in Sein und Zeit ein Zeitwort des Seins im (deutschen) Satz
„Der Himmel ist blau.“ mit kursivem Druck hervorhebt, handelt es sich
aber um einen Hinweis auf eine Differenz zwischen der deutschen
und der koreanischen Sprache, denn in dem ins Koreanische über-
setzten Satz 그하늘이 파랗다 (g hanli palata) gibt es kein Zeitwort wie
„ist“.

Die Differenz zwischen europäischen und asiatischen Sprachen
wurde erst in Heideggers Gespräch mit einem Japaner (1953/54)
hervorgehoben.

Als Heidegger hörte, dass einer seiner Schüler, ein Japaner 12, als Dozent Vorlesungen über die Ästhetik im Hinblick auf die japanische Kunst in Kyōto gehalten hatte, betrachtete er diesen Versuch sehr skeptisch, weil die europäische Ästhetik der ostasiatischen Kunst im Grunde fremd bleibe:
„Wenn der Mensch durch seine Sprache im Anspruch des Seins wohnt, dann wohnen wir Europäer vermutlich in einem ganz anderen Haus 13 als der ostasiatische Mensch. […] So bleibt denn ein Gespräch von Haus zu Haus beinahe unmöglich.“14
Mit dem Wort „beinahe“ wird uns jedoch nicht vollständig die Möglichkeit des Gespräches genommen.

2.3 Das Wesen der japanischen Sprache in „Aus einem Gespräch von
der Sprache“

Im Gespräch mit dem Japaner stellt Heidegger die Frage nach dem
Wesen der japanischen Sprache: „Was versteht die japanische Welt
unter Sprache? Noch vorsichtiger gefragt: Haben Sie in Ihrer Sprache
ein Wort für das, was wir Sprache nennen? Wenn nicht, wie erfahren
Sie das, was bei uns Sprache heißt?“

12 Es handelt sich um Tezuka Tomio; s. dazu Ogawa Tadashi: Heideggers
Übersetzbarkeit in ostasiatische Sprachen. In: Zur philosophischen Aktualität Heideggers. Bd. III Im Spiegel der Welt: Sprache, Übersetzung, Auseinandersetzung. Internationale Fachgespräche veranstaltet durch die AvH, Bonn-Bad Godesberg. Frankfurt a.M. 1992, S. 180–195, hier S. 193. (Anm. d. Red.)
13 Heidegger spricht von der Sprache als dem Haus des Seins: „Vielmehr ist die
Sprache das Haus des Seins“ (Martin Heidegger, „Brief über den Humanismus“
(1947), Wegmarken, Frankfurt am Main, 2004, S, 333).
14 Martin Heidegger, „Aus dem Gespräch von der Sprache“ (1953/54) in Unterwegs zur Sprache (GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 82.

Die Frage nach dem Wesen der Sprache nach Heidegger

Fragender (Heidegger): Wie heißt das japanische Wort für „Sprache“?
Japaner (Tezuka) (nach einigem Zögern): Es heißt „koto ba“.16
Nach der Erklärung des Japaners entzieht sich koto 言 jeweils in die
Stille, aber zugleich erscheint Koto mit sanftem Wehen der rufenden
Stille als lichtende, verhüllende Botschaft einzig je im unwieder-
holbaren Augenblick. 葉, ha oder ba, bedeutet Blatt und gleichzeitig
Blütenblatt. 17, 18

Woher ein Wind kommt, weiß zwar niemand, aber er weht leise
und löst Blütenblätter von Kirschbäumen, indem er einem Boten-
gänger eine Botschaft überbringt, sodass der Wind sich entziehend
nur einen Moment lang weht und sich entfernt. In dieser Szene wird
das Wesen der japanischen Sprache erfahren.
Wörter und Worte, die der Botengänger spricht, sind eigentlich durch die wehende Botschaft gesprochen.

Das Wesen der japanischen Sprache zeigt sich in den
durch den augenblickshaften Wind bewegten Blütenblättern (kotoba).

2.4 Das Wesen der koreanischen Sprache
Auch Koreaner haben ein Wort für die Sprache, nämlich 말 (mal).
Dieses Wort wurde im 15. Jahrhundert erfunden und benutzt. Um das
Wesen der koreanischen Sprache zu zeigen, berufe ich mich auf ein
koreanisches Sprichwort sowie auf ein koreanisches Gedicht. Das
Sprichwort lautet: 말이 씨가 된다 (mali ssiga dönda), wörtlich übersetzt
„Worte werden Samen“. Wenn jemand etwas in Bezug auf eine
Möglichkeit sagt, deren Verwirklichung als eher unwahrscheinlich
angesehen wird, antwortet man mit diesem Sprichwort, um ihn darauf
hinzuweisen, dass diese Möglichkeit entsprechend dem Gesprochenen
verwirklicht werden könnte. Das Sprechen des Wortes wird damit
gleichgesetzt, Samen zu säen. Wie ein Samen sprießt, wächst und zum
Baum wird, so wird das schlechte Gesprochene zur schlechten
Wirklichkeit.

15 Martin Heidegger, „Aus dem Gespräch von der Sprache“ (1953/54) in Unterwegs
zur Sprache (GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 108.
16 Martin Heidegger, „Aus dem Gespräch von der Sprache“ (1953/54) in Unterwegs zur Sprache (GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 134.
17 Die chinesischen Zeichen im Japanischen (Kanji) werden nach der modi-
fizierten Hepburn-Umschrift mit lateinischen Buchstaben transkribiert.
18 Vgl. Martin Heidegger, „Aus dem Gespräch von der Sprache“ (1953/54) in
Unterwegs zur Sprache (GA 12.), Frankfurt am Main, 1985, S. 132–136 und S.

Darüber hinaus findet sich 말 (mal ) als Samen in einem Gedicht
mit dem Titel 말을 위한 기도 (Mal ühan gido, Das Gebet für Worte). Die
Autorin ist Lee Haein (이해인, *1945), eine Nonne. Ich zitiere einen Teil
des Gedichtes mit einer Übertragung ins Deutsche:

내가 이 세상에 태어나
수없이 뿌려놓은 말의 씨들이
어디서 어떻게 열매를 맺었을까
조용히 헤아려 볼 때가 있습니다.
무심코 뿌린 말의 씨라도 그 어디선가
뿌리를 내렸을지 모른다고 생각하면
왠지 두렵습니다.
더러는 허공으로 사라지고
더러는 다른 이의 가슴 속에서 좋은
열매를 맺고
또는 언짢은 열매를 맺기도 했을 내
언어의 나무
주여, 내가 지닌 언어의 나무에도
멀고 가까운 이웃들이 주고 간
크고 작은 말의 열매들이 주렁주렁

Seit meiner Geburt säe ich unzählbar viele Samen von
Worten. Wo und wie sie Früchte tragen,
darauf besinne ich mich manchmal still.
Dass nur ein Samen von Worten
irgendwo sprießt, die ich unbewusst sprach, denke ich,
macht mir dann Angst. Ins Nichts verschwindet,
in den Seelen der Anderen trägt gute Früchte oder schlechte
ein Baum meiner Worte.

Oh Gott, auch der Baum von mir,
trägt verschiedene viele Früchte
aus mehr oder weniger vertrauten
Nachbarn.

Jeder Mensch hat gleichsam einen eigenen Wald in seiner Seele. Der
Wald hat viele, teils gute, teils schlechte Bäume. Manche Bäume
wachsen aus Samen aus diesem Wald, andere aus Samen aus anderen
Wäldern. Die Worte jedes Menschen werden mit Samen gleichgesetzt.
Wenn z. B. eine Mutter ihrem Sohn gute Worte sagt, nämlich dass
sein Wunsch verwirklicht wird, dann wird der Wunsch des Sohnes zur
Wirklichkeit. Also sind die guten Worte die Samen für die guten
Bäume im Wald des Sohnes. Sowohl im Gedicht als auch im
Sprichwort geht es um Worte als Samen.

Samen sind in Blumen oder Früchten, im Wald tragen Bäume
Früchte mit Samen. Um Samen zu bilden, müssen Bäume zuerst
gewachsen sein und Früchte tragen. Wie Samen werden Worte auch
erst nach der Zeit des Wachstums und des Reifens ausgesprochen,
obwohl Worte spontan vorzukommen scheinen. So wie Samen den
Kern von Fürchten darstellen, sind Worte ein Kern der Seele des
Menschen. In Korea wird die Seele mit dem Herzen gleichgesetzt. Das
Wort „Herz“ heißt auf Koreanisch 마음 (maum) und „Kern“ 알맹이
(almängi ). Zusammengesetzt und verkürzt wird das Wort 마알 (maal )
aus 마음 알맹이 (maum almängi ) zum 말 (mal ). Das Wesen der
koreanischen Sprache kann in dem Bild des Reifens des Wortes als
Kern des Herzens 말 (mal ) zusammengefasst werden.

Die Frage nach dem Wesen der Sprache nach Heidegger

3. Zusammenfassung
Das Wesen der deutschen Sprache ist die Versammlung im Ereignis;
das Wesen der japanischen Sprache zeigt sich im Bild der im
momentanen Wind bewegten Blütenblätter und das Wesen der
koreanischen Sprache im Bild des Reifens des Wortes als Kern des
Herzens. Diese drei Beschreibungen des Wesens der Sprache scheinen
zwar unabhängig voneinander zu sein, aber trotzdem haben sie eine
Gemeinsamkeit in Bezug auf den Zusammenhang zwischen der
Sprache und dem Menschen.

Die versammelnde Sprache wird gesprochen nicht vom
Menschen, sondern durch die Sprache selbst. Der Mensch muss
zuerst der Sprache zuhören und entsprechend dem Zugehörten dann
sammelnd sprechen (λόγος). Wie Blütenblätter nicht durch sich selbst,
sondern durch momentanen Wind fallen, so wachsen menschliche
Worte auch nicht durch den Menschen selbst, sondern durch die
Botschaft: kotoba言葉. Ein Samen fällt auf die Erde und sprießt; sein
Spross wächst und wird zum Baum; der Baum trägt Früchte; die
reifenden Früchte tragen Samen in sich. Damit ein Samen entsteht,
bedarf es viel Zeit, weswegen der Samen als Kern des Baumes
bezeichnet wird. So wie der Samen benötigt auch ein Wort viel Zeit,
um gesprochen zu werden. Denn das Wort ist der Kern des Herzens
des Menschen: 말(mal ) .

Nach der geläufigen Definition ist die Sprache nur ein Mittel zur
Kommunikation. Wie die vorliegende Arbeit gezeigt hat, ist der
Mensch jedoch kein Verwender der Sprache, sondern umgekehrt
muss der Mensch zunächst auf die Sprache hören.19

19 Am Anfang des Beitrags schrieb ich, dass der Weltraum auf Koreanisch 우주
(宇宙) heißt und dass 우주 (宇宙) Haus bedeutet. Wörtlich übersetzt bedeutet 우주 (宇宙) Haus Haus, weil sowohl 우 (宇) als auch 주 (宙) Haus bedeuten. Zwischen Haus und Haus muss etwas im Hinblick auf die Grammatik hinzugefügt werden, damit sich der Sinn des Wortes ergibt. Ich ergänze eine Genitivpräposition, also „von“. Dann bedeutet 우주 (宇宙) „das Haus von Häusern“.

Im Film „Avatar“ (2009) von James Cameron sehen Menschen den Weltraum und sogar den Planeten Pandora nur als eine riesige Mine mit hochwertigem Erz, während die Urbewohner Pandoras den Planeten als ihre Heimat begreifen und für heilig halten. Um das Erz zu gewinnen, versuchen die Menschen, Pandoras Natur zu zerstören, die Urbewohner zu bekämpfen und zu töten.

Würden die Menschen dagegen Pandora als ihre Heimat ansehen, würden sie sich anders verhalten. Wenn man den Weltraum als das Haus von Häusern im Sinne von 우주 (宇宙) verstehen würde, also wenn man auf die Sprache aufmerken würde, würde man den Weltraum nicht verwüsten, weil niemand sein eigenes Haus zerstören will.

Literatur
Aristoteles, Politik, übers. von Eugen Rolfes, Hamburg, 1981.
Fontane, Theodor, Romane und Erzählungen (Band 6.), Berlin und
Weimar, 1973, S. 99.
Heidegger, Martin, Sein und Zeit, Tübingen, 2001.
Heidegger, Martin, „Die Sprache“ (1950) in Unterwegs zur Sprache (GA
12.), Frankfurt am Main, 1985.
Heidegger, Martin, „Bauen Wohnen Denken“ (1951) in Vorträge und
Aufsätze (GA 7.), Frankfurt am Main, 2000.

 

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