Märkischer Sand

Sofort eingeprägt hatte sich dem neunjährigen Dorfschüler Andi Preschke das Wort Endmoräne. „Wir leben hier in einer Endmoräne“ – so sagte es die Klassenlehrerin am 21. Juni 1982, während sie mit einer Unterwasserbewegung ihres Armes die geografische Höhenlinienkarte von Potsdam und Umgebung umkreiste. „Die Weichsel-Eiszeit in ihrer Brandenburg-Phase. Bis zu uns kamen die Eismassen, vierundzwanzigtausend Jahre ist das her, so, und jetzt ist Schluss. Hitzefrei für alle. Ab nach Hause!“
Wir leben hier in einer Endmoräne – hatte Andi sich dann noch einmal innerlich vor- und nachgesprochen, während seine Mitschüler an ihm vorbei nach draußen gerannt waren, in ihr Hitzefrei hinein. Er schaute dabei auf die Flüssigkeitskristallanzeige seiner neuen Casio-Armbanduhr, eine der ersten dieser Art und ein Geschenk seines Onkels, der alle drei Jahre aus Westberlin in einem nikotinfarbenen Opel Senator seinen Neffen in dem Brandenburger Dorf besuchen kam. Es war genau Elfpunktnulldreiuhr.

Das Land Brandenburg, eine Gegend in Deutschland, die einiges zu bieten hat, viel mehr als der Louvre, aber auch noch viel mehr als Elkes Nagelstudio in Wittstock.  Hier haben Worte wie Endmoräne oder Roggenmuhme ihren Land-Sitz. Und im Land Brandenburg ereignen sich Momente einer ganz allgemeinen Frühe. Ein Reiseführer würde schreiben: Im Sommer sind es die heftig nach Harz duftenden Kiefern, der ziemlich eigenartige märkische Sand, hier und da ein zweigeschossiges Gutshaus, das seiner zwei Geschosse wegen gernzuschnell Schloss genannt wird; alte Eggen und Pflüge, liegengeblieben oder stehengelassen als die eisernen Skelette einer frühindustriellen Epoche, bilden sie den rostigen Saum mancher Wiesen.

„Wir kletterten in die rostigen Reste einer ehemals dampfgetriebenen Dreschmaschine und gaben uns den ersten Kuss.“

Dann einiges silbermondäne Gewässer, teils in Seen, teils in Kanälen, die vor rund 250 Jahren in preussischer Initiative bei der Trockenlegung und Urbarmachung große Sumpfgebiete ausgehoben worden waren, dann natürlich die Havel, natürlich der Wannsee, natürlich die Glienicker Brücke, natürlich der Filmpark Babelsberg, die ehemalige Residenz- und Garnisions-Stadt Potsdam mit dem preussisch-blauen aber französisch begrünten „Sans-soucie “

So schaut das Land mit seinen graugrünen Augen und rostiger Pupille auf den interessierten Einwohner oder Touristen mit Ansichtskarte.
Endmoränenland. Preussisches Roggenmuhmenfeld.

Sein Duft: Frisch gemähtes Gras und Motorenöl, ein zur Zugmaschine umgebautes dreirädriges -Motorrad, dessen überhitzter Motor nach dem Ausschalten noch etwas nachknackt.

Oder: das Mutterkorn, eine schwarze Anomalie an der Getreide-Ähre, nicht erwünscht, heute unter Kontrolle aber immer mal wieder hervorkommend. Der Verzehr führt zu Halluzinationen.
Das Land Brandenburg zeigt, obwohl etwas nördlicher in Europa gelegen, manchmal Lichter und Stimmungen, wie man sie von dem französischen Landschafts-Maler Cézanne kennt. Oder es ähnelt Südschweden, dem Land Pipi Langstrumpfs und einem wahren Klisché von Kindheit.

Oder: Das Land wird ernst und still und bekommt den Ton angelaufenen Silbers,
zu unheimlichen Mittagszeiten, bei hochstehender Sonne, liegt hier manche Gegend stiller und schwärzer da als in der Nacht. Die Nächte in Brandenburg sind harmlos. In den Nächten kläffen immernoch noch die Hunde hinter den Toreinfahrten auf den Dörfern. Aber in den hohen Mittagsstunden werden auch diese Hunde still und legen auf heißen Blechen ihre Zungen aus.

Diese Mittagszeit, wenn bei spitziger Sonne in den Getreidefeldern die Roggenmuhme lauert. Wenn sogar das Zirpen den Grillen zu anstrengend ist.  Die Roggenmuhme als etwas Schwarzes im Gold der Getreide-Felder. Eine mythologische Oxidation am Metall der Mittagsstunde.
Die Roggenmuhme als das Foto-Negativ der hochstehenden Sonne….an flimmernden Sommertagen, im flirrenden Sonnenwagen, wenn das Harz in den Kiefernstämmen tickt und kleine Käfer darin festkleben für den kommenden Bernstein, an Tagen, wenn der Teer auf  den Landstraßen weich wird und sogar die Mountainbike-Ausflügler aus Berlin von der Hitze niedergestreckt werden, während die einzig wahnsinnige Stubenfliege der Region gegen eine Fensterscheibe klopft, über einem Stück Streuselkuchen, den Oma Heinrich gebacken hat, im Dorf Güterfelde, kurz vor dem Gewitter.
Brandenburg, das Land, wo der August seine Vorhänge zuzieht und die Wespen in den Birnen wippen und beben, mit ihren eng geschnürten Leiben im schwarzgelben Korsett. Etwas brandet an in Brandenburg.

Warum heißt es: Märkischer Sand?

Der Märkische Sand als der einzige Sand, der im Deutschen so speziell bezeichnet ist. Und Brandenburg liegt unter seinem eignen Himmel, den man auch als Berliner Himmel kennt, nie ganz tiefblau, selten richtig klar, könnte man ihn zu manchen Zeiten als taubengrau bezeichnen und machmal als betonfarben oder auch als erich-honecker-farbenen Himmel, an Eiszeiten erinnernd. Und es ist der Himmel Heinricht von Kleists. Der Himmel über Potsdam und dem Wannsee.

Dieser Himmel wirkt manchmal weit, sehr weit, als würde er hineinfassen in die Mongolei, beinahe russisch manchmal, die Kiefern könnten auch Birken sein, etwas metallisch, nah und niedrig auf die flaschengrünen Wipfel gelegt, gibt dieser Himmel einen stalinesken Einklang zu dem nicht ganz hell sein wollenden märkischen Sand. Der Geschmack von Rüben oder Roter Beete, hat etwas von diesem märkischen Sand. Kann sein, dieser Märkische Sand ist auch das Mehl des Dreissigjährigen Krieges, der in einigen Regionen hier wie ein Radiergummi  immer hin und her radiert hat. Aber laut Geologie ist der Märkische Sand  ein Ergebnis der letzten großen Eiszeit, ein Mehl oder Geschiebemergel im Schürfen, Drücken, Mahlen und Kratzen riesiger Eis- und Gletschermassen, die bis in die Endmoränen des Fläming hinein gedrückt haben. Brandenburg.

Dann sind da viele Ortschaften mit einer slawischen Einstrahlung von   -„ow“ in der Namens-Endung. Höhnow, Teltow, Buckow, Seelow, Machnow, Nudow…

Im Land Brandenburg liegen manchmal viele schwarze Autoreifen hinter  Scheunen unter einer Plane und werden spröde in der Sonne.

Das Sehen schreibt Ansichtskarten an sich selbst. Die Sprache dreht die Karten um und liest. Dabei wird das Denken brandenburgisiert.

Die Gedankenlandmasse

Humboldt-Universität in Berlin. Der Weltreisende Alexander von Humboldt hatte benannt sein Hauptwerk damals „Kosmos.“
Früher musste man noch die Welt bereisen, um den Kosmos zu finden, heute genügt ein kleiner Ausflug in die nähere Umgebung von Berlin, und man gerät aus den höchsten Chimborazzo- Höhen in die tiefste dampfende Trope.

Dem Forscher liefert die Realität selbst einige Zeichen, die imstande sind, ein ganzes Jahrzehnt in gültige Klammern zu setzen oder wenigstens große Teile davon. Eine starke poetische Prozesslupe, die alles bis zur Kenntlichkeit verstärken kann, liefert die Zeit als eine anonyme Poetin oft selbst.

Die Kün(st)lerin Frau Zeit hatte hierfür um die Jahrtausendwende herum im Land Brandenburg ein gigantisches Kunst- oder Kunft-Projekt initiiert, das aber trotzdem absolut unverkäuflich bleibt. Es war nie auf der Dokumenta zu sehen, und doch ist es das Stärkste an Landschafts- und Installations-Kunft, was die letzten 20 Jahre hervorgebracht haben.

Es war einmal im schönen Land Brandenburg Ende der 90iger Jahre bei Kiefernwald im märkischen Sand und nahe dem Ort Brand.

Hier wurde eine der größten – oder sogar d i e größte –  freitragende Luftschiff-Werft-Halle der Welt erdacht und im November des Jahres 2000 fertiggestellt. Riesig, futuristisch, gebläht und schön in den Ausmaßen und der Vision. Das Projekt kann unter Lastenluftschiff, Cargolifter AG in Bildern nachgegoogelt werden.
Ziel des Unternehmens war die Konzipierung und der Bau eines hochmodernen Lastenluftschiffes (größtes Luftschiff der Welt) das mittels eines ausgeklügelten Systems des Ballast-Wechsels (Wasser) schwere und sperrige Lasten über große Entfernungen transportieren sollte.
Eine Idee, als hätte Heinrich von Kleist sie gehabt.
Lasten anheben, nach oben, nach oben! Und dann fahren! Grenzübegreifende Luftschifferei – riesige  Zigarren am Himmel – die moderne Wiederauflage eines ewig futuristischen Geräts – das Luftschiff – Yes!

Die preussische Königin Frau Dauer mit Ihrer Kammerzofe Frau Zeit hatte mit dieser Luftschift-Werft-Halle in die Landschaft Brandenburgs gelegt ein großes Ei, und gegönnt hatte sie diesem Ei ein großes Tor, das man ÖFFNEN konnte, um später  – in  der Vision der Cargolifter AG – das fertiggestellte Luftschiff zu entlassen ins Offene, ins Freie. Damals, Ende der 90iger Jahre erfuhr ich von dem Projekt und dachte: Ja, …genau mit solchen Projekten sollte das neue Jahrtausend mit der Nr. 2000 begrüßt werden. Himmelstürmend und kühn und visionär. Gravitätisch, antigrav.

Das himmelgreifende Ingenieurs-Projekt wurde aus verschiedenen Gründen bald gestoppt. Pionier-Vorhaben sind unsicher im Vorfeld, sie arbeiten sich ab an den technischen Hürden der Praxis und manchmal zermürben vieleicht 100 neue Details, an die man nicht gedacht hatte, die Kalkulationen und Zeitpläne. Aber: Die Projekte bleiben gut, sie werden am Anfang von einem Idealismus getragen, dem man im Nachhinein immer viel mehr Respekt als Kritik zukommen lassen kann. Die Initiatoren-Firma Cargo Lifter AG musste bald Insolvenz anmelden.
Na gut – so what – keine Panik, das kommt vor. Amerika wurde auch nicht von heute auf morgen per Atlantikkabel mit Europa verdrahtet. Kommt Zeit, kommt Last, kommt Luftschiff  – sollte auch heute noch gelten. Es bleibt eine gute Idee.

Die preussische Königin Frau Dauer mit ihrer Kammerzofe Frau Zeit, als die große Künftlerin, zeigte im Land Brandenburg in ihrem Fortgang allerdings ein Zeichen von plastischer Ironie, die nicht mit dem gewöhnlichen oder dem romantischen Ironie-Begriff verwechselt werden darf.

Die gerade fertiggestellte, freitragend luftige Luftschiff-Halle bei dem Ort Brand, in Brandenburg wurde einer ganz neuen und ebenso visionären Idee übergeben, Diese Idee hieß Tropical Island

Eine sehr große Eingebung, die Frau Zeit da hatte.

Die im Moment nicht mehr angesagte Luftschiff-Halle ging in die Metamorphose und verwandelte sich in  ein Bade- und Erlebnisparadies mit Palmen, kleinem Quasi-Dschungel, künstlichen Stränden, Kachel-Wassserbecken, Rutschbahn und Imbiss-Angeboten. Abgedichtet, klimatisiert, und irgendwie auch witzig, so als tropisches Eiland und Biosphäre eine Art Kolonie auf einem ganz fremden Planeten mit dem Namen Brandenburg. Tropical Island.

Diese Eingebung, in gewisser Weise, absolut visionär. Wenn auch in eine andere Richtung. Aus dem Ei wurde ein Eiland. Das große Tor der  freitragenden Luftschiffhalle, aus dem einmal das erste fliegende Lasten-Luftschiffs schlüpfen sollte, ward nach dem Jahre 2003 zugeschweißt, verschlossen – schließlich. Die Vision des Hebens und Schwebens und der Luftschifferei wurde von der Poetin Frau Zeit, nun ja, ein wenig hinwegmodelliert oder gar – verfeinert? Wer braucht Lasten-Luftschiffe in der Höhe, wenn er unten Gummiboote in einem künstlichen Badeparadies haben kann. Warum auch nicht, wenn’s gut gemacht ist.

Warum Lasten in die Höhe tragen, wenn Paradiese sind so nah?

Suchte man heute nach einer Losung, nach einem Satz oder einem sprachlichen Bild, welche die letzten 20 Jahre auf den Punkt bringen, dann könnte man sagen: Das neue Jahrtausend begann mit einer offenen Luftschiff-Werft in der Brandung Brandenburgs und verwandelte sich dann allmählich in eine Badehosen-Tropeninsel für Schwimmer, Kurz-Urlauber, Schnorchelfreunde, Strandliegen etc…, oder frei nach einem Klassiker:

Luftschiffe zu Erlebnisbädern  –

Liebe sehr reale Realität, du bist eine Poeten-Königin, ich bin mir allerdings gerade nicht sicher, ob eventuell meine ungarische Freundin, die Kün(stl)erin Virág Utazási, ihre Hände mit im Spiel hatte. Am Beispiel der Umwandlung einer Luftschiffhalle in ein künstliches Badeparadis mit dem visonären Namen Tropical Island lässt sich auch gut das Über-Flüssige abhandeln zum Thema „Fiktion“ und „Realität“.
Die Poetin Frau Zeit selbst in Ihrem realen Wirken ist all diesen Diskussionen immer um mehrere Schritte vorraus. Die Geschichte der Luftschiffhalle bei dem Ort Brand ist ein Stück realer Dichtung und Wahrheit am Beginn des 21. Jahrhunderts. Diese Geschichte zeigt eine Passgenauigkeit und eine Poesie, hinter der alle Form von Literatur läppisch zurückfällt.

Wo ist das Badetuch?

War das Denken und Sprechen an früh-mythischen  Tagen aufgebrochen als ein Sagen, das erforschen wollte, suchen, erkunden, entdecken, so zieht es die Vokale und Konsonanten irgendwann zusammen, zu Worten, Wortgruppen, Sätzen und Absätzen, ganze Textcluster – und werden schließlich: Bild.
Vieles gerade sich gebildet habende beschwert sich jetzt zum Bild.
Dieses Bild sinkt nach unten und dümpelt nun zwischen den künstlichen Ufern eines klimatisierten Tropical Island vor einem künstlichen Metaphern- und Allegorien-Dschungel in der Denklandmasse Brandenburg.

Der Forscherdrang sendet sich selbst zurück in ein tropisches Erlebnisbad der Ansichtskarten, die das Denken an sich selber schickt.

Was ehemals Auf-Schreiben war, bildet nun – ab. Hier, in einem metaphorischen Jurassic-Park der Ab-Bilder, Metaphern und Allegorien ist alles Reden und Schreiben sicher vor dem Offenen, sicher vor Erkenntnissen, sicher vor dem Leben und wirklicher Kunft. Der Text kann nicht altern, weil er immer schon alt ist. Das Sprechen, die Texte und Kunstwerke können nichts erkennen, weil sie immer schon selbst erkannt sein möchten. Die Kunst versperrt ihnen den Weg zu Kunft. Die Artistik versperrt die Artikulation. Wo Kunft sein wollte, findet sich nur noch der Künstler.
Aber das Lasten-Luftschiff kann warten.
Im Tropical Island des Planeten Brandenburg herrscht das Paradies, ganz ohne Vertreibung. Den Himmel der Denk-Ansichtskarten wird nichts öffnen und nichts aufreissen, außer der nächste große Gedanken-Asteroid.

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