Tinte und Titte

Von Philosophie und Sophismus in der Nähe der Milchstraße.

Die Fingerkuppen als Tastsinn –  sind der Gaumen.

Die schöpfende Hand, die sich hohl macht, der Magen,
im Greifen der Be-Griff.

Nur die gebeugte aber sorgsam
geschlossene Hand kann Flüssiges schöpfen.

Das Hohlsein der Hand ist Ihr Reichtum.

Die Hand hohl machen heißt zugeben, dass sie leer ist.

Die bloß tastenden Finger ergreifen nichts.

Das Flüssige läuft durch sie hindurch.

Der Appetit schmeckt und tastet.
Vielseitig hierhin und dahin, bleibt aber blind.

Der Hunger greift. Er kann sehen.

Der Sophist befummelt und schmeckt ab.
(mit dem Gaumen seiner  Fingerkuppen)

Deshalb ist der erste Philosoph immer auch der Ingenieur.
Der Sucher, der Finder/Sucher des Papiers, der Erfinder/Sucher der Tinte.

Der, der am Gnomon den Schatten liest.

Der, der das Holz nutzt.

Der, dem der Gallapfel in seinen Traum fällt.

Erst danach, nachdem der Begriff geschaffen wurde, kommt der Sophist und befummelt mit seinen Fingerkuppen die Handarbeit des Philosophen.

Der Sophismus ernährt sich von Philosophie,
aber er ist keine Philosophie.

Der Sophist bleibt immer unangreifbar,
weil er selbst nichts greift.

Er kann mit seinen Fingerkuppen das Wein-Glas entweder so oder so oder so
oder auch anders befummeln.

Der Sophist geht kein Risiko ein, denn er denkt nichts, er baut nichts, er schöpft nichts, er bläst kein Glas, er schöpft keinen Wein.

Philosophie dagegen riskiert Geschöpfe, den Begriff.

Philosophie muss die leere Hand riskieren, um zu greifen.

Der Sophist „befummelt“ die Philosophie und riskiert nichts.

Schelling oder Schopenhauer waren philosophische Sucher/Greifer (Hände)
Nietzsche der sophistische Fummler. (Fingerspitzen)

Das alte Lied: Erst wenn der erste  (sehende) Hunger gestillt ist – erst dann kommt der „abschmeckende“ Appetit. Der sophistische Fummler.

Dieses Muster lässt sich verfolgen bis heute.

Nietzsches sekundäres Epigonentum. Sogar seine Sternen-  und seine Feuer-Bilder  – im Vergleich mit Schillers Gedicht „Die Glocke“ – sind  – auf eine besonders schlechte und falsche Art epigonal.

Es tut mir leid, Friedrich Nietzsche, aber ihre Texte sind Müll.

(Vor mir liegen zwei Bücher mit dem Thema Descartes.
Eins von Otto E. Rössler (Endophysik, Merve, 1992)
Eins von Durs Grünbein ( Der cartesische Taucher, Drei Meditationen,  Suhrkamp 2008,)

Vergleichsprozesse:

Bei Otto E. Rössler hört man jemanden beim F ragen zu. Hier sirrt es und schwirrt es. Heidegger wird zwar nicht erwähnt, er bleibt Persona non grata, aber immerhin geht der Bogen von den Vorsokratikern mit Anaxagoras  bis in die moderne Physik hinein. Insofern ist Heidegger stark anwesend. Der Text wirkt konzentriert und fokussiert. Es stellt die Frage nach den undichten Stellen im Traum der Welt.  Das Buch und die Prosa unternimmt nach Descartes und vor ihm ein echtes Suchen. Der Autor macht sich angreifbar, weil er auf einem hochspannenden, kaum betretenen Gebiet artikuliert. Er schreibt komplett unabgesichert. Das Büchlein ist schmal und leicht gemessen an dem semantischen 600 PS-Motor, der es antreibt. Verglichen mit einem Auto wäre Rösslers Buch eine Art Versuchs-Lamborghini, der noch in der Entwicklungsphase steckt,  aber schon ziemlich gut auf der Teststrecke abgeht. Rössler ist Physiker und Forscher und Frager und auch ein Denker. Und deshalb ist er auch Poet.

Durs Grünbeins Buch zu Descartes ist tuttelige Dritt-Semester-Prosa in beflissener Stoffhuberei. Das Vorzeigen angelesener Bildungspräziosen.
Aussage: Geist und Materie sind echt irgendwie ein spannendes Thema. Irgendwie total interessant irgendwie. Und der Poet ist irgendwie dazwischen. Ein Nicht-Text.
Die Nachricht, dass es früher Menschen gegeben hat, die noch nicht zwischen den  „zwei Kulturen“  getrennt hatten, ist echt neu und echt total überraschend und interessant irgendwie.
Hier sirrt nichts, hier fragt nichts, kein Fokus, keine Sammlung, nichts wird riskiert. Aber man zeigt vor, was man so gelesen oder zusammengegoogelt hat in der Krims-Krams-Kiste von Betulichkeits-Bibliothek.
Wenn man ein bisschen rüttelt und tuttelt, ergibt sich der bekannte „Irgendwie hat alles mit allem irgendwie zu tun-Effekt. Geist und Materie irgendwie auch“  Der sogenannte Wolkenstrass-Effekt.

Eine Meditation dringt in die Tiefe eines einzigen Gedankens vor und lotet ihn erschöpfend aus. Manchmal ist es nur ein Wort.
Aber dieses Buch enthält keine Meditationen.
Es wedelt kompilatorischen Bildungs-Staub.
Darüber hinaus: Das Thema Descartes 2008 ohne Adam Müller, Gödel oder Turing zu behandeln, zeugt entweder von Ahnungslosigkeit oder einfach von Desinteresse oder noch Schlimmeren. Der Text ist eine Karosserie ohne Motor.  Aber um den Fahrzeugvergleich aufrechtzuerhalten: Der Text ist der überladene Trabant Kombi eines Zitate-Touristen. Im Kofferraum ist irgendwann mal flüssige Butter ausgelaufen und hat sich in verschiedene Ritzen verteilt.
Nach zwei Tagen
fängt das ganze Auto an zu riechen. Heidegger oder Adam Müller bleiben Persona non Grata. Grünbein bleibt ein typischer Lyriker, kein Forscher, kein Frager, kein Denker, kein Poet – im Gegensatz zu Descartes unternimmt  er  – nichts.

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