Sternburg County



Eine  Einsicht in die Stimmung grammatischer Denkvorgänge lässt sich suchen im Verhältnis von Bier zu Wein.
Vielleicht wie ein real existierender römischer Limes, der sich als kleine, aber nicht undurchlässige Barriere zwischen dem Wein und dem Bier durch die mentalen Landschaften schlängelt.

Man kann erinnern, wie einfaches sauberes Wasser im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein keine Selbstverständlichkeit war.  Nichts wußte man oder nur wenig über Krankheitserreger, aber man wusste oder ahnte, wie das Trinken von Wein und Bier die Gesundheit mitunter weniger gefährdete als das einfache Wasser, unklarer Herkunft.
Hier dürfte auch ein Desinfektions-Effekt gewirkt haben, und man kann sich die Menschen früherer Zeiten auch als pragmatische Überlebensalkoholiker denken, die es vorzogen, wenn sie es sich leisten konnten, lieber immer etwas berauscht dahin zu schweben, als vom unsauberen Wasser angesteckt.

Das Bier, vom etwas trüben, sehr nahrhaften Hefeweizen bis zum sonnenhell aufgeklarten Pils, ebenso das laubig-waldige Bockbier oder das nächtliche Schwarzbier, vermittelt und transportiert Erde  – Getreide – die unmittelbare Anbindung an das Erdige der Saat. In den Bier-Sorten sind außerdem eingeschrieben verschiedenen Tag-und-Nacht Licht-Sonne-Mond-Hell-Dunkel-Töne wie Trübe-und Klarheits-Verhältnisse, die beim Trinken immer auch das Nährende transportieren in verschiedenen Schwere-Graden, Gärungsstufen und Gewichten.

-Sternburg, … Sternquell….Braugold…das Sternbräu

Zuverlässigkeit bezeichnet die Fähigkeit zum Verlassen-Können.
Der alkoholische Rausch bestätigt demnach die Zu-ver-lässlichkeit des Bewusstseins. Dieses Bewusstsein konnte nur „selbst“ – bewusst werden, weil es gelegentlich als ein Zu-verlassendes/verlassens-fähiges Bewusstsein erlebt wird, das sich seiner Verlässlichkeit im zeitweisen Rausch von alkoholischer Verlassenheit er-innert.

Der sogenannte Kater am nächsten Morgen wäre eine Art Wiedereintrittsphase nach der Verlassenheit.

Dabei drängt sich eine Überlegung auf, die Bier und Wein in einen vermittelnden Erkenntnisprozess hineinzieht.

In der Bier-Sorten-Wahl leben „Gärungsstufen“ im Sinne von „obergärig“ oder „untergärig“ oder Jung-Bier und Alt-Bier; und man weiß auch, dass Bier sprichwörtlich als Nahrungsäquivalent für Brot genommen wird.

Der Biertrinker trinkt eigentlich Näh(e)rungs-Prozesse in der Dauer – während ein Weintrinker eher Zeit (abgeschlossene Jahrgänge, Vergangenheiten) als fertiges  – distanziertes – leicht abgespreiztes – Produkt zu sich nimmt.

Bier muss verdaut werden, Wein eher geschmeckt.
Bier darf man saufen. Wein sollte man eigentlich nur trinken.

Bier ist dar NAHRUNG NÄHER, hat durchschnittlich weniger Umdrehungen.

Wein hat immer etwas „Erlesenes“ (Wein-Lese)
Bier wird geerntet oder gepflückt (Hopfen, Gerste etc…)

Wein schmeckt „nach“  – im Abgang.
Das Bier kennt mehr ein „Vorne“ und verlangt bald schon wieder die nächste Flasche.

Bier muss fließen, strömen, sonst wird es schal.
Wein kann auch stehen und warten. (Dann wird er oft noch etwas besser.)

Bier hat etwas Atemloses im kontinuierlichen Fluss der Strömung.
Wein muss (auf-)atmen können.

Bier ist Masse, Strömung und Dauer.
Wein eher Jahrgang und ständige Region.

Bier „macht Stimmung“ und schneller müde
Wein „bringt Gestimmtheit.“ und macht etwas langsamer müde.

Die Blume des Weines entfaltet sich hinten unsichtbar am Gaumen.

Die Blume des Bieres kommt von „vorne“ und ist sichtbar.

Bier kann eiskalt getrunken werden, wird aber heiß gebraut.

Ein Rot-Wein entfaltet sich erst bei Zimmertemperatur.

Rotwein wird etwas wärmer getrunken. Weißwein etwas kühler.

Wein hat „Farbe“. ( dunkelrot, blutrot, bordeaux, rosé..etc)
Bier  ist „golden“ und hat „Ton“ (heller oder dunkler)

Bier ist das Fahren und Fließen . (Bierkutscher, Brauereipferde)
Wein vermittelt Erfahrung. (Warum gibt es hier kein sprachliches Äquivalent zum Brauereipferd und zum Bierkutscher.)

Beim Bier entscheidet der ganze alchemistische Prozess, was und wie das Bier am Ende geraten ist.
Beim Wein spricht noch mehr etwas mit, dass vom Winzer und beim Keltern nicht oder nur bedingt beeinflusst werden kann: Die Lage, die Sonnenenstrahlung, der Boden, das Alter und das Alter und die Art der Fässer
(Der abgeschlossene Jahrgang)

Die Qualität eines Bieres hängt neben dem Geschick des Braumeisters stark von dem Brunnen ab, von der Quelle, von der Qualität des Wasser, das zum Brauen verwendet wird.
Beim Wein entscheidet die „Lage“ und der „Boden“, die Sonne und die Rebsorte, ebenso wie das „Wetter-Jahr“ (wiederum: Jahrgang.)

Der Bierbrauer kann die Stammwürze von vorn herein
absolut selbst bestimmen und beeinflussen.
Der Weinkellerer muss den Most und seinen Zuckergehalt prüfen und ermitteln.

Bier – klart – auf.

Wein – klärt – ab.

Das Bierbrauen ist stärker ein „Tun“.

Das Weinkeltern ist mehr ein „Lassen“  (Stehenlassen, Reifenlassen)

Der Bierbrauer arbeitet bewusst mit gewählten Temperaturen am Kessel.
Der Weinkellerer arbeitet mit seinem Gefühl für „Reifungen“.

Weinkunst ist mehr ein „Warten“ des Reifungsvorgangs.
Bierkunst ist mehr ein „Entgegnen“.

Bier wird gebraut.

Wein wird gekeltert.

Deshalb wirkt es komisch aber nicht weiter verwunderlich, wenn Wilhelm Müller in seinem Gedicht „Stundenglas und Weinglas“ den Wein eher „schüttet“ – ohne von seinem Aroma oder von seinem Geschmack zu sprechen. Er behandelt den Wein, als wäre er Bier. Aber auch hier muss man wohl an die etwas gröberen Trinkgewohnheiten erinnern.

Der Wein ist in den Trauben und seinem Hochranken zwar dem Himmel näher, aber der Erde ferner oder nur in Vermittlung eines Anstellwinkels (Weinberg) nahe; das Bier komischerweise mag zwar geschmacklich nicht so raffiniert daherkommen, aber stofflich und farblich zeigt es sich in den Sorten höchst ausdifferenziert. Bier ist ebenso ein geistiges Getränk. Es vermittelt den himmelrankenden, etwas bitterlichen Hopfen mit der erdnahen Saat der gemälzten Gerste.

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Das Spezielle einer Getreidepflanze wirkt ja, in dem sie ihre Saat von unten aus der Erde im Laufe des Wachstums wieder nach oben in den Himmel trägt, in den Stern der Ähre.

Beim Wein möchte man die Traube und den Saft – nicht die Kerne in den Trauben. Beim Bier sind genau die Kerne (Samen) als Getreide (Gerste) das Ausgangsmoment.

„Vielleicht bin ich ein Hanswurst.“ (Nietzsche in Ecce Homo)

Eine eher unbedeutende Kleinigkeit, zuerst nur eine Art Knistern, dann ein kurzes Stocken, später ein immer stärker sich ausprägender Einsichts-Spalt öffnet sich für den Leser in Nietzsches Ecce Homo.
Dieser – wie ihn Hinz und Kunz heute paraphrasiert – „Philosoph“ des Dionysischen und Apollinischen – erzählt in Ecce Homo  von sich selbst und gibt eine merkwürdige Auskunft: „Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegen jedwedes »geistige« Getränk: ich… weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s.
Man kann sich in diese Äußerung hineinfühlen und finden, wie sie dabei immer auffälliger und heller und sagender sich hervorhebt.

Nee, Wasser allein tuts eben nicht.

Wenn man bedenkt, dass Dionysos, und man kann es so banal nehmen, wie es gesagt ist, der Gott des Weines, des Alkohols und des Rausches ist, dann stimmt es doch ironisch, dass ausgerechnet Nietzsche mit dem abgespreizten Finger des Stubenphilologen…. weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut’s….dort also hinschreibt.

Nietzsche, der sich mit dem oft-und-gerne-sehr-viel-Bier-Trinker Wagner bald überworfen hatte – wen wunderts? – nicht nur wegen des sakralen Moments der Kompositionen, vielleicht auch wegen der schweren Bierhaftigkeit (dem strömenden Bier-Flug) in dieser Musik, (Nietzsche nannte die Wirkung von Bier „entartend“.) hat dann später offenbar noch nicht einmal mehr Wein getrunken.

Nietzsche trägt in sich ein Problem des Deutschtums aus,
das Wagner nicht kannte.

Nietzsche verkörpert einen bestimmten bekannten Typus deutscher Intellektualität. Dieser Typus hält sich für „weltmännisch“, wenn er vorsätzlich allem Deutschen entflieht.
Nietzsche wollte „leicht“ sein, Neitzsche wollte „hell“ sein.  Er wollte „hoch“ sein. Er hasste alles Schwere, Tiefe, Trübe und Plumpe, die schwere deutsche Küche, das Mehlige und Suppige der Speisen, er wollte französisch leicht, geistreich, aromatisch und prickelnd schreiben, und er suchte die südliche Helle und klare Luft der hohen Bergwelt. Nietzsche blieb immer ein Stadt-Mensch.

Deshalb wirkt Nietzsches Wille zur Bergwelt bei ihm immer falsch und künstlich. Nietzsche hat immer nur einen touristischen Bezug zum Denken aber keinen konkreten, wie ihn die Philosophie (und die Dichtung) braucht.

Nietzsche hat Wagner zwar von sich weggestoßen,
aber er blieb immer von ihm affiziert.

Obwohl der Gerne-Viel-Bier-Trinker-Wagner seinen persönlich-künstlerischen Weg auch in starker Berührung mit Frankreich ging, kam es bei ihm nie zu dieser Form von mentaler Nacken-Verpannung wie bei Nietzsche.

Die Frankreich-Berührung war bei Wagner möglicherweise ein kurzzeitiges Ver-Lassen der Prägung, um dann – anders reflektiert einen Wieder-Eintritt zu unternehmen in die deutsche Gestimmtheit.

Einen drittklassigen deutschen Intellektuellen erkennt man seit Nietzsche bis heute immer dann, wenn er sich in seinem Schreib- und Denk-Habitus eher vorsätzlich nicht-deutsch orientiert, also zum Beispiel nach Frankreich oder Italien, – nicht weil die Intellektualität in Frankreich oder Italien drittklassig wäre, aber der deutsch-sozialisierte Sprach-Denker wird sofort drittklassig, wenn er im sprachlichen und denkerischen Millieu vorsätzlich das südlich Milde und Sanfte oder das Hohe aufsucht oder gar vorsätzlich das abgeklärt Leichte oder das „Prickelnde“ – den „hohen Ton“…die Melodie.

Das hat mehrere Gründe:

Es gibt einen bestimmten Typus deutscher Intellektualität, der seinen „gelehrsamen“ Habitus nur über eine Absetzbewegung verfolgen kann, die zugleich ein Abspreizen ist.

„Kultur“  beginnt für diesen Typus erst beim Wein.

Der Wein ist das „Erlesene“ – das Zitat.

Das Bier ordnet dieser Intellektuellen-Typus eher der Unterschicht und dem Volke zu.

Das Bier ist für diesen abgespreizten Typus dumpfer Mainstream, also Strömung.

Die  „Gebildetheit“ dieses deutschen Intellektuellen-Typus folgt zumeist einer Absetzbewegung vom Bier-Strom

Schon das Anfassen eines Weinglases mit zwei Fingern, gibt seiner Hand etwas Feines und Abgespreiztes.

Während der „Humpen Bier“ oder die „Flasche“ immer die ganze Hand erfordert. Der Humpen greift und schöpft voll aus der breiten Bier- Strömung.

Der Wein-Typus muss seine „Distinguiertheit“ immer „erwerben“ in gesonderter Schule. Und dann vorzeigen.

Er hält sein Glas „am Stil“ fest.

Sein Glas hat „einen Stil.“

Dieser Intellektuellen-Typus ist davon überzeugt, dass das Bier eher wenig mit dem hohem Geist zu tun hat, dafür mit Dumpfheit und Stumpfheit.

Demzufolge versucht dieser Intellektuellen-Typus, den „Esprit“ mit den „leichteren“ und prickelnden Getränken zu unterstreichen.  Mit der „Raffinesse“ der Aromen in der Entwicklung am Gaumen.

Das Lieblings-Accessoire dieses deutschen Intellektuellen-Typus ist das Weinglas, dass er zwischen Fingerkuppen „am Stil hält“ und nicht mit der festen Hand ergreift. Man hört ihn oft sprechen vom Genuss, dem Geschmack und dem Aroma.

Dieser „distinguierte“ deutsche Intellektuellen-Typus der ersten Generation, kommt meistens von unten nach oben – er sehnt sich nach dem „Oben“ in den französischem „Esprit“ hinein, das wäre so eine Art Champagner-Traum des deutschen Intellektuellen.

Wobei schon dieser Begriff „Esprit“ ebenso ein gezimmertes Klisché gibt wie der sprichwörtliche deutsche Tiefsinn. Er wird seinen „Esprit“ immer nur im  Vorsatz zusammenschrauben können, oder das, was seinem Klisché von Esprit entspricht – aber letztlich bekommt man doch immer nur Schaumwein-Imitat aus einem Hobbykeller oder mäßige Partywitze.

Umgekehrt das selbe Problem: Was bei Sartre, Deleuze oder auch bei Derrida sich auf den deutschen Tiefsinn (Hegel oder Heidegger) bezieht, ergibt im Französischen zumeist ziemlichen Schwachsinn. Ganz schlimm wird es, wenn das dann wieder ins Deutsche zurückübersetzt und als „Denken“ verkauft wird.

Man kann einem nichtdeutschsprachigen Muttersprachler nur schwer vermitteln, dass deutscher „Tiefsinn“ im Deutschen nicht Schlamm oder Schwafeln oder Sumpf meint…vielmehr Gewicht aus der Dauer und einen Prozess des Aufklarens. Im Endeffekt Klarheit.

Wagner gehört nicht zu diesem beschriebenen Typus, obwohl er nicht nur Künstler sondern auch ein Denker war.

Was Wagner als Gerne-Biertrinker vielleicht wie kein anderer gespürt hat: Der hohe Flug und der Geist erhebt sich aus einer schlummernden Tiefe im Strömen der Gewichte, er erwacht langsam in der Thermik, doch er verzappelt sich nicht in präziösem Geflatter.

Das Helle wird nicht mit grellfarbenen Pinsel auf eine Fläche gefuchtelt, es klart aus dem Dunklen allmählich hervor.

Der hohe Ton wird nicht in verspannter Kehle erpiepst, er wächst aus dem untersten Bauch däuender Tiefe.

Nur was schwer ist, kann auch schweben.

Die klaren Gipfel erobert man im mählichen Aufstieg mit ansteigender Thermik
Man schraubt sich nach oben, aber man jodelt seine Philosophie nicht aus einer Seilbahnkabine heraus.

Wagner hat selten eine Melodie komponiert, dafür öfter Strömungen und Gewichte. Um das zu empfinden, braucht man einen anderen Zeitbegriff, man braucht das Gefühl für Dauer.
Das Bier. Und die Dauer ist dem Bier näher, weil das Bier das fließendere und gewichtigere Getränk ist. Dauer hat Schwerkraft. Während die Zeit (Wein) immer dicht am Zeit-Geist bleibt, also am „Jahrgang“.

Deshalb kann man es eigentlich nur als deutscher Muttersprachler so gründlich empfinden, wie Nietzsche nur ein Anschauer der Philosophie war, aber kein Philosoph, warum Nietzsche als Dichter und Denker drittklassig war. Er war ein philosophisch-touristischer Jodler, aber kein geborener Hochländer. Er hat das Jodeln nicht erfunden. Er hat es imitiert. Er war ein Fahnenwedler aber kein Gipfelbezwinger.

Was Ihn bis heute für den philosophischen Dilletanten interessant macht, ist, dass sein Dilletantismus aufgewühlt war. Nietzsches Verhältnis zur Philosophie blieb immer auf Abstand, exotistisch, philologisch oder sophistisch, aber nirgends war er philosophisch konkret – im Stoff – in der Substanz.

Jedenfalls muss man nicht viel Phantasie aufwenden, um sich klarzumachen, wie die Evolution des Menschen immer auch verkoppelt gewesen sein dürfte mit temporär Schranken öffnenden Rausch-Erfahrungen, ob freiwillig oder unfreiwillig beim zufälligen Verzehr vergorener Früchte oder leicht alkoholisierten Milchderivaten oder anderen biochemisch sich anbietenden Gärungsprodukten.

Dazu zählen dann wohl auch alle kleineren oder größeren Gifte, denen man zufällig oder absichtlich als Jäger und Sammler in freier Natur so begegnet; denn wie anders hätte ein „Selbst-Bewusstsein“ sich über die Jahrtausende ausbilden können, wenn nicht in permanenter Er-Innerung an seine Ver-läss-lichkeit im Rausch, in den auflösenden Derivaten des Zuckers, der Stärke und des Alkohols, zur Öffnung und zum Katerkopfschmerz danach? In einem chronischen Spalt einer Öffnungs-Schließungs-Routine von Vor-dem Kater / Nach-dem-KAter.
Wie anders wären Fabelwesen und mythische Überhöhungen zu erklären, wenn nicht in einer Mischung aus rauschinduzierter Halluzination und narrativer Realisiation in nicht immer ganz kontrollierter Aufarbeitung?

Wenn Nietzsche also von „geistigen Naturen“ spricht, aber im selben Atemzug dem Genuss „geistiger Getränke“ absagt, dann verschließt er die Tür zu einem historisch-evolutionären Prozess, der ihn selbst erst zur geistigen Natur hat werden lassen. Er dichtet sich selbst gegen das ab, das einen wesentlichen Teil seiner Überlegungen „speist“. Wieder einmal will er nichts mit der Sache selbst zu tun haben, die er so eifrig AB-BILDET. oder BE-SCHREIBT.

Letztlich war es immer ein Problem des 20igsten Jahrhunderts, dass es einem Ab-Gebildeten nachjagte, dass er in der Ab-Bildung oder im Ab-Bild sprachlich nicht genügend auflöste und vom Prozess abschnürte, abdichtete, und so zur „Welt-Anschauung“ machte.

„Bildung“ war Ab-Bildung.

Es gibt keine einzige Schrift bei Nietzsche, wo er etwa einmal darüber geschrieben hätte, wie zum Beispiel die flüssige Tinte und das Papier in seiner Herstellung (aus dem Flüssigen) geschöpft wurden. Am Anfang ist auch das Papier erstmal flüssig. Wo kommt die Tinte her? (Eisengalltinte) Wo kommt das Papier her? (Bäume?) Wo kommt die Eisenbahn her?

Nietzsche greift auf Techniken (Papier, Druckmaschinen etc…) zurück, um seine Schreiberexistenz zu vermitteln, aber das Schöpfen des Papiers, das Schöpfen der Tinte als technischer/künstlerischer Prozess – kommt in Nietzsches Texten nicht vor. Deshalb ist sein Text „Vom Nutzen und Nachteil der Historie“ eben nur halbgebildeter Schwachsinn. Denn zu dieser Historie gehört die Tinte ebenso wie das Papier und alle Druckmaschinen.

So wurde Nietzsche genau das, was er selbst am tiefsten abgelehnt hätte. Er war ein Produzent von Welt-An-Schaung. Ein Ästhetiker. Ein Zeit-Geist-Philosoph.
Ein AB-Bildner. In die selbe Misere schlitterte auch der Marxismus. Der Marxismus blieb in seinem inneren Wesen immer eine Art Ästhetik, ein naiver Rousseauismus.
Ihm zu Grunde liegt das naive Bild des „reinen Wilden“ als „Gleichen unter Gleichen“ im Urkommunismus, den es so nie gegeben hatte.

Aber jeder Halbgebildete hätte damals schon wissen können, dass eine archaische Kultur nur in einer kosmologisch zyklischen Anbindung zusammenhält und denkbar ist – wie das schöne Wort sagt: Sie ist „orga -nisiert“, jede archaische Kultur formuliert sich über die Anbindung zur Macht der Ahnen. Und die sind immer in einen Himmel-Erde-Bezug eingeschrieben, die eine konkrete Stofflichkeit zeigt

Höchstwahscheinlich ist es dieser kurze  Spalt im Gesamt-Text Nietzsches, der ihn heute und jeden, die ihn so umstandslos für ein flottes Zitat hernimmt, als schlechten Jodler dastehen lässt. Es gibt keinen „Nutzen und Nachteil der Historie“, es gibt nur die Historie. Den Fluss der Dauer.
Man kann nicht vom Dionysischen reden, aber dann vom geistigen  Getränk abraten. Ist Tinte ein geistiges Getränk? Oder das Papier? Nietzsche hat nie etwas geschöpft. Er war kein Künstler. Er hatte Keine Tinte im Füller und kein Papier auf dem Tisch. Er hatte noch nicht mal einen Tisch. Dass er es letztlich wohl ahnte, ändert nichts daran.

Dionysos auf der Suche nach seinem Stil

Irgendeiner ist da immer, der sich freut, wenn du Ihn besuchen kommst und sagst: Ich liebe den roten Wein wie die Lebensart südlicher Länder, aber, mein Freund, heut hab ich mal was  ganz Besonderes für dich mitgebracht: In meinem knisternen Beutel hier, klimpert das Sternburger Bier.  Schau mal, 10 Flaschen Sterni vom Späti – wie gefällt dir das?
Der Freund, ein Feinstschmecker, Tausendgourmet, Lyrikgaumen, Literatur-Anbeter und Sammler und Kenner jeglicher Art von seltenen und abseitigen Kunstpräzisosen des 20igsten Jahrhunderts, steht mit seinem Mund so offen wie in seiner Tür und bittet mich herein.
Selten sah ich ihn ein Wort so voller Andacht hauchen: „Sternburg“ und dann noch: …“in Flaschen aus ziemlich dunklem Glas – doch sonnenhell schäumend. Den feinsten Geschmack, den bringst du mir. Jetzt schon verdanke ich Dir viele  weiße Blumen!

Ja, das Sterni..sage ich flüsternd der Genießerschaft, die plastische Tüte knisterlich öffnend: Quasi die blaue Mauritius unter den Getränken. Eiskalt vom nächtlichen Späti, Mondbläschen später im Glas und ebenso sonnenklar. Worauf trinken wir?  Trinken wir zunächst auf die Berge von Büchern in Stapeln. Abstellen werden wir auf ihnen all die Flaschen, die geleert. Ein großer Schluck auf all die Worte, die trinkend wir noch reden werden.

Zitationszitadellen
Lyrizitätslyrizysten
Sprachifikationsssprachikanten
Künstlerizitätskünstlichkeitisten
Interpretationsinterprezysten
Förmlichkeitsformaldehydrauliker
Grammatizitätgrammatikalisten
Ästhetitizitätsanästhesisten
Erotizitätserotogrobmotoriker

(Noch können wir sauber aussprechen all diese Worte,
weil wir noch nicht betrunken sind.)

Ich erhebe mein Sternburg-Pils auf  John Wheelers große Frage:
Wie kommt es zur Bedeutung?

Wir trinken auf die Bedeutsamkeitsbedeutizismen und auf den nächsten großen Prägnanz-Verschieber, auf den, der sagt, dass alles vielleicht irgendwie auch ganz anders sein könnte irgendwie. Etwas weniger prägnant.

…auf unser Prägnanzprobleme, unsere Prägnanzkrise.

auf den Skandal im Saal, auf die Liebe, die Eltern und auf alle
Debatten, und Methodenstreiterein, die noch kommen werden.

Wir trinken auf den nächsten Generationenkonflikt – sowie auf die Geschlechterfrage

Ganz genau! Wir trinken jetzt auf Mann und Frau!

sowie auf das Sternburger Pils, das sonnengelb,

und auf den Spätkauf um die Ecke, der noch bei Vollmond offen hat.

Und auf das Vögeln trinken wir!

Schreibt es auf jede Marmorwand:
Neues Vögeln braucht das Land.

Wir trinken auf den formvollendeten Alexandriner,
den fünfhebigen Jambus,  den perfekten Hexameter, das elegisch Distichon…

Des Springquells flüssige Säule undsoweiter… fällt auch wieder herab.

Doch vergessen wir nicht das Knittelversum,
den Bescheidwisser, den Förmchenanwender
den Geprägtsamkeitsgeprägten.

den Interpretationsinterpretifikationsinterpreten mit 3 Promille

Wir leeren unsere Flasche auf den geheimen Rat und den Pysychoanalytiker

Halt! Stop mal! – sagt jetzt mein schon
etwas angetrunkener Zechgenosse – wir trinken ja auf Alle!

Gibt’s überhaupt noch jemand, den nicht wir trinkend zelebrieren?

Wieso? – frage ich: Wir alle sind doch alle.

Wenn man alle ist – da kann man doch auch mal wieder voll werden.

Keine halben Sachen! Man kann doch nicht immer nur alle sein.

Da kann man doch jedem etwas auf die Lampe gießen!

Auf dass wir alle endlich voll werden und nicht immer nur alle sind.

Ich bin voll. Aber du bist das Volk.
Du bist dicht. Aber ich bin Dichter.

Erst waren wir das Volk, dann waren wir Volker
und jetzt sind wir alle endlich voll.
Voll mit Sternburger Bier.

Jawoll – ganz voll. Total toll. Wir sind das Voll!
Ich bin das Voll aber du bist noch voller!

Ein Schluck auf die Augenbrauer,  die unsere Augenbögen brauen mit Hopfen und Malz….Getreide….und die Kornkreise nicht zu vergessen….

Ein Lied auf das Augenbrauerlid-Lied!

Wir waren Müll, aber jetzt sind wir noch Müller!

– hier kracht jetzt ein Kalauer nach dem anderen!

Karnevall im All! Und wie sich das reimt!

Nein, ich hau mir auf die Schenkel meiner Lederhose!

Auf das Leben ein Sternburg-Toast!
Ich erhebe meine Flasche! Prost!

Trinken wir zu Abwechslung mal auf uns und auf NIEMAND

Trinken wir auf NIEMAND.

NIEMAND hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Darauf trinken wir! Trinken das Sternburger Bier!

Jawoll – into the wall!

All diese Flaschen wenden die Not:
Sternburger Bier ist flüssiges Brot.

Das Allerneueste, wusstest Du’s schon?
Bier trinkt man nicht, man mietet es nur.

Das Klo ist übern Flur.

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