Höhlenungleichnis

Als Kinder haben wir Höhlen gebaut. Gefangene wollten wir sein.
Suchten uns Laken und Tücher des Hauses. Suchten den größeren Tisch,
da unterzukriechen der Platte hölzernen Himmels.

Gingen in unser Gefängnis. Kein Wasser. Kein Brot.
Nur eine Hand voll Süßigkeiten.
Zogen das Laken dann zu.

Weit ragten vier Säulen des Tischs dem Licht der Taschenlampe.
In Gummibären Regenbögen, der Hand ein kleiner Altar.

Dann löschten wir auch das. Aßen es auf.

Unterm Tisch des Hauses, hinter den Laken, lauschten wir denen,
die da frei waren, den Freien, den Großen, den Hellen, Eltern, die Schatten
ihrer Beine, gehend an den Wänden unsrer Höhle, riefen sie: Wo seid ihr?
Wir brauchen den Tisch, Besuch ist jetzt da!

Wir rüherten uns nicht.

Kein Gefangenenbesuch wollten wir jetzt, kein großes Hallo, kein Besteck. Gefangene wollten wir bleiben im Filz unsrer Stifte, Wände der Höhle bemalen, Laken, Tapeten…
Wir wussten, dass sie wussten und sahen, dass sie sahen
und doch sahen wir mehr.

Vorbei an den Wänden der Höhle zogen die Schatten der ungefangenen Eltern…
…die Hellen, die Freien, die Großen, die riefen: Das Essen ist fertig. Wir brauchen den Tisch. Kommt jetzt raus.

Die ungefangenen Schatten von Mutter und Vater – sie suchten nicht wirklich, wussten ja, wo wir waren. Riefen uns nur nebenbei. Wir sahen es an den Wänden.

Sie wussten nicht wirklich, wo wir waren. Sahen es nicht. Gefangene
waren wir und wollten es bleiben in Höhlen.

Wie anders die Wahrheit zu finden als unter den Tischen der Welt.
Sahen wir jemals wieder mehr Licht?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s