Physik des Phönix

„Mancher vermeint, wenn verwest im verschlossenen Grabe das Rückgrad
Werde das menschliche Mark zur gewundenen Schlange gewandelt.
Doch dies alles empfängt des Geschlechts Anfänge von andrem;

Nur ein Vogel besteht, der selbst sich zeugt und erneuert,
Phoinix bei den Assyrern genannt. Nicht Kräuter und Feldfrucht
Nähren ihn, sondern der Saft von Amomum und Tränen des Weihrauchs.

Wenn er erfüllte die Zeit und fünf Jahrhunderte lebte,
Macht er ein Nest sich zurecht (im Wipfel der schwankenden Palme
Oder im Eichengezweig) mit Krallen und reinlichem Schnabel.

Wenn er sich Kassia dann und Ähren der öligen Narde
Untergelegt und Stücke von Zimt samt gelblicher Myrrhe
Setzt er sich oben darauf und endet in Düften das Leben.

Dann steigt neu, wie es heißt, vom Leibe des Vaters ein kleiner
Phoinix, welchem bestimmt, gleich viele der Jahre zu leben.
Wenn den kräftig gemacht und der Bürde gewachsen das Alter,
Hebt er des Nestes Gewicht von den Ästen des ragenden Baumes
Trägt in kindlicher Treue die eigene Wieg und des Vaters
Grab durch wehende Luft, und gelangt zu der Stadt Hyperions,
Legt er es hin vor dem Tor im geweihetem Raum Hyperions“

Ovid, Metamorphosen 15

„Ich kannte mal einen kleinen Jungen in England, der seinen Vater fragte: »Wissen Väter immer mehr als Söhne?«, und der Vater sagte: »ja«. Die nächste Frage war: »Papi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der Vater sagte: »James Watt«. Darauf der Sohn: »- aber warum hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?« (aus: Gregory Bateson,
Metalog „Wieviel weisst du“?)

Bei Gregory Bateson blättern hilft immer, um in die stilistische Hochform philosophischen Fragens zu gelangen.

Was mich bei Botho Strauß immer irritiert hat: Ein gewisser Hang zur Verklärung der Dummheit. Ein unstimmiger Dummheitsbegriff. Es ist eine Berufskrankheit von Intellektuellen, dass sie sich Dummheit herbeisehnen, oder versuchsweise mit ihr flirten. Man versteht’s ja auch. Zu oft muss der Intellektuelle erfahren, dass es sich dumm scheinbar einfacher lebt und produziert. Aber es stimmt eben am Ende dann doch nicht. Dumm produziert schneller, aber eben nicht nachhaltig und letztlich immer mittelmäßig.
Leonardo, Bach,  Dürer, Wagner etc….das ist mit Dummheit nicht zu machen.

Trotzdem leben manche Dichter  heute in ständiger Sorge vor dem Allzugescheiten, vor dem allzu starken „Gewissen“ in ihren Artikulationen.

Es kursiert da ein Gerücht, dass große Kunst niemals aus Gewissen oder Intelligenz erwächst, sondern aus Instinkt und Intuition, einem Quäntchen Dummheit und aus einem  – irgendwie als „positive Idiotie“  – ettiketiertem Abseitsstehen.

Das Gerücht sagt: Ein Kunstwerk und ein Künstler dürfe im Moment der Schöpfungserregung sich selbst nie ganz durchsichtig sein – denn: Wo bliebe dann sein „blinder Rücken“, der sich „blind-sehend“ zur Zukunft wendet?

Das ist alles Quatsch. Die verlorene Unschuld des „Idioten“ ist schon seit mindestens 200 Jahren verloren. Es gibt kein zurück in die Idiotie.

John Searle sagt: „Die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass sie sich selbst rationaler Mittel bedient. Weil jedes Geschäft der Kritik ein rationales Geschäft ist und ein Weltverhältnis vorraussetzt, das unzweideutig ist.“

Was sicherlich richtig ist: Man darf als Dichter und Künstler auch dumm sein. Nur eben nicht gewollt oder absichtlich. Die Frage ist also, auf welchem Niveau die Dummheit sich bespricht. Dichter und Künstler sind verpflichtet, Ihre Dummheit auf das höchst mögliche Niveau von Konkretion und Zeitgenossenschaft zu hieven.

Kubricks beste Film-Arbeiten hatten technologische Zeit-Höhe in Konkretion. Dafür musste er kein großer Physiker oder Ovid-Kenner sein. Aber die interessantesten Sequenzen in seinen Filmen wurden nicht „phantasievoll erfunden“ – sie haben sich „er-geben“ in Prozessen eines fragenden Such-Gangs innerhalb von tatsächlich obwirkender Technologie. Kubrik war ein meisterhafter Optiker und Film-Technologe.

Wilhelm Müllers Gedicht „Stundenglas und Weinglas“ hat große Konkretion und Klarheit des Wahrnehmens. Es ist „in der Sache“…sehr konkret, ohne „dunkel-raunenden“ Sprachbrei a la Botho Strauß.

Nur so erreicht die „gewünschte“ Dummheit  den angemessenen Grad von Zeitgenossenschaft, sozusagen einen hochtechnologischen Grad der Dummheit, die dem Text oder dem Kunstwerk seinen „blinden“ aber sehenden Rücken gibt;
Diese sehende Form der Dummheit findet man in Reinstform aber nur in der Ethymologie von Worten, in der absolut klaren Konkretion der techné, im technologischen Gesamtkunstwerk und im Mythos.

Der Berufsdichter heute schreibt zumeist nur halbdumm oder dreivierteldumm. Das heißt: Man schreibt Gelehrsamkeitsparaphrasen und versucht dabei  seine reale Dummheit zu verbergen hinter stilistischen Nebelkerzen oder im Mustopf irgendeines Formenkrampfes einer schlappen Lithurgie, die man mit der Laubsäge in sein steifes Textbrett sägt.

Man nennt das dann das „Raunen des Verborgenen“ oder „Musik“.

Das ergibt dann immer nur halbdumme oder dreivierteldumme Texte, deren Semantik nie das erforderliche Niveau der produktiven Dummheit in einem sehenden Sinne erreicht. Das sind dann die furchtbar schlechten Texte.

Warum hat die Dampfmaschine nicht James Watts Vater erfunden?

Zur Frage der historischen Überlieferung gehört die Frage nach dem Generationenverhältnis selbst. Wie funktioniert Historie? Wie funktioniert die Übergabe (Tradierung) von Generation X zur nächsten Generation Y?

Oft wird von den Alten beklagt, die Jugend würde sich von den Traditionen abwenden und ihr eigenes Ding machen.

Wie „richtig“ ist eine solche Diagnose?

Man kennt zu dieser Frage einen tiefer reichenden Aphorismus.
Thomas Morus sagte sinngemäß:

„Tradition ist die Übergabe der Glut, nicht der Asche.“

Wenn man diesen Ausspruch heute hört, muss man gezwungener Maßen zustimmen. Seit dem mythischen Prometheus als Feuerbringer wirkt eine absolut bruchlose Überlieferung.
Die Behauptung der „Postmoderne“, dass irgendein Faden der Überlieferung gerissen sei (Foucauld), ist in dieser Perspektive also unrichtig.

Aber warum klagen dann die Älteren so oft über die ach so traditionsvergessene Jugend? Wieso und warum gibt es den „Generationenkonflikt“, wenn das Feuer und die Glut über die Dampfmaschine, den Verbrennungsmotor, die Mondrakete, die Atombombe, dem Laser bis zum Fusionsreaktor eine klar funktionierende Überlieferung beweist? Welcher Faden soll hier gerissen sein? Welche Tradition wurde mißachtet?

Es kann ja durchaus sein, dass die „Glut“ – die übergeben wird, ebenso der „Mut“ ist. Oder eine Art von Wut. Eine Wut-Glut der Jungen gegen die Alten. Man spricht von glühender Wut. Insofern bleibt Thomas Morus Gedanke zur Überlieferung in Kraft. Die einzig sinnvolle und korrektive Anmerkung bestünde darin, zu erkennen, dass auch die „Wut“ von den Ahnen in die Jüngeren hinein-induziert wird. Ebenso der „Mut“ Dann ließe sich abwandeln:

Tradition ist die Übergabe von Mut und nicht von Asche. Oder anders:

Tradition ist die Übergabe der Wut und nicht der Asche.

Wenn man dass aber nun weiß, dann kann man sich vielleicht von bestimmten unbedachten historischen Automatismen befreien…in dem Sinne, dass mit der Glut eine Art „Sinn“ immer in Kraft bleibt – und sei es nur als Elektrizität, die vom Bernstein über die galvanischen Frosch-Schenkel bis zur Glühlampe und dem Laser übertragen wird.

Wie funktioniert ein gutes Lehrer-Schüler-Verhältnis?
Der jüngere Schüler übernimmt vom älteren Lehrer zunächst den Mut des Fragens, der Unruhe, des Zweifelns und der Neugier, aber er übernimmt nicht – unbesehen und automatisch –  die ganze Asche der zu Kenntnissen und Katechismen erkalteten Antworten.
Der Lehrer „unter“-richtet.

Ein guter Lehrer lehrt das Fragen und die Geschichte des Fragens und erst in zweiter Linie sehr vorsichtig gewisse vorläufige Antworten. Deshalb war Heidegger ein guter Lehrer. Sein Fragen lauteteten – Woher? – und Wozu? und Warum? Deshalb bleibt er eine Autorität, die nicht peinlich oder angemaßt daherkommt.

Thomas Morus Überlieferung der Glut im Verhältnis zur Asche beschreibt das Verhältnis zwischen der „gespeisten“ und „speisenden“ Glut in den Zeitläufen und den darin zugleich sich immer wieder – einäschernden – „Gewissheiten“. (von der Glut verzehrte Gewissheiten, zum Beispiel so genannte Paradigmenwechsel)

Damit wäre Überlieferung zwischen den Generationen ein Art
Vogel Phönix: Entflammtes in Wut oder in Glut oder in Mut.

Obwohl bei Ovid inter-essanter Weise nicht direkt von Glut die Rede ist, jedoch von „Düften“…der alte Vogel Phönix der Assyrer löst sich auf, – hinauf – zu etwas, das „in der Luft liegt“…das kann ein Verwesungsgeruch sein oder ein Gemisch aus den zimtigen Gewürzpflanzen oder Räucherpflanzen, Rauch oder beides, aber im Prinzip wird hier von thermodynamischen Aggregatwechseln gesprochen, der Vogel  – löst  – sich –  auf, er ana-lysiert sich, wird zum Hauch, zum Aroma, zum Rausch, zum „odoribus aevum“…im Lateinischen – der Phönix verwandelt sich zum VIELLEICHT der statistischen Thermodynamik – und zweitens überliefert dieser Vogel Phönix durchaus nicht nur Düfte, sondern auch das „Gewicht“ des Grabs seines Vaters….als sein eignes Nest, seine eigene Kinderstube, die er später wieder „vom hohen Baum durch die Lüfte“ trägt…in Synthese mit seinen Ahnen. Er bringt die „Asche“ seiner Kinderstube „vor das Tor.“

Hier dürften auch Astrophysiker die Tradierung von „Elementen“ bei den Brennprozessen in Sternen wiedererkennen, von der ersten Verdichtung – über das weitere Schalenbrennen – bis zur explodierenden Supernova, deren Elemente ja unsere Asche ausmacht, die Sternen-Asche, aus der wir gemacht sind. Der Stern „beginnt“ mit dem „leichten“ Wasserstoff…und später und peu a peu erreicht er die Phasen bis zur Eisen-Schwelle. Eisen ist – nach dem Stand heutiger Erkenntnis – genau die Schwelle, das letzte Element nach einer Reihe von Reaktionen, das durch klassische Fusionsreaktionen in Sternen erbrütet wird.  Alle „schwereren“ Elemente nach Eisen im Periodensystem, werden in „roten Riesen“ und extremen Novae-Prozessen (Explosionen, Auflösungen) erbrütet. (Nach dem Stand heutiger „An-Sichts-Sachen“ zum Thema „Brüten“ von Elementen in Sternen)
Es ist ein bis heute wenig beachteter Fakt, dass alles „Material“ unserer Erde älter ist als unsere eigene Sonne. Vor unserer Sonne muss es schon einmal eine große Sonne gegeben haben, die explodiert ist. Weil das Eisen, und alle Elemente auf der Erde nicht von der jetzigen Sonne stammen können. (Die ist ja noch nicht explodiert.)

Doch in der Asche glimmt die Stirn.

Ebenso durchlaufen der Start und der Wiedereintritt eines Space-Shuttles eine Art Vogel-Phönix–Zyklus.

Bei Ovid durchläuft der Phönix einen Zyklus von 500 Jahren. Da wäre man jetzt zurückgerechnet bei Albrecht Dürer in der Renaissance angekommen.

Generationen-Konflikte, Generations-Brüche, ergeben sich immer dann, wenn bestimmte kulturelle Lebensgewohnheiten und zunftbildenende Verabredungen durch allzu kreisschlüssiges Wiederholen in immer die selben Verhaltenskreisläufe „eingekreuzt“ werden.

Man kennt dazu ein Beispiel aus der Genetik.

Tierzüchter aber auch Tierschützer können ein Lied davon singen:
Bestimmte erwünschte Wesensmerkmale bei Hunden oder Katzen kann man nicht beliebig oft redundant in nachfolgende Generationen „einkreuzen“  weil es dann zu schweren Degenerationserscheinung der gesamten Erbmasse kommt.
Die Tiere leiden dann früher oder später an gesundheitlichen Inzucht-Problemen durch mangelnde genetische Varianz – sogenannte Qualzuchten mit monogenetischen Deffekten. (verlegte Atemwege, Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, Knochenanomalien etc…)

Je tiefer die „reinrassige“ Angora-Katze in das Sofakissen hineingezüchtet wird, also quasi selbst zum Sofakissen umgeformt wird, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit für eine generell krankhafte und In-Zucht-geschädigte Konstitution der Tiere.

Je „reiner“ die „Rassigkeit“ (sog. Aus-Stellungs-Erfolge) von Züchtern herausgearbeitet werden soll, desto mehr verliert die genetische Gesundheit des Gesamtorganismus über mehrere Generationen innerhalb eines schleichenden Prozesses. Eben deshalb die genetische Varianz verloren geht.

Die Natur wehrt sich gegen das monogenetische, monothematische  Inzüchten des Genpools (Das Heraus-Stellen gewisser „Aus-Stellungs-Erfolge“) irgendwann mit Abbau oder Degeneration.

So kann man sich das auch bei Traditionen, Kulturen, Sprachen etc…denken:

Wird eine bestimmte Tradition oder ein bestimmtes Brauchtum oder eine kulturelle Verabredung oder eine Verhaltensgewohnheit von Generation zu Generation allzu kreisschlüssig monothematisch immer wieder in das eigene Sofakissen der bewährten Gewissheiten und Katechismen eingekreuzt,
leidet der ganze Überlieferungszirkel spätestens mit der 6. oder 7. Generation irgendwann an  monogenetischen Defekten des Denkens, die bis zur intellektuellen Schwerstbehinderung ausarten kann. Das heißt – der Kulturkreis bekommt In-Zucht-Schwäche, wird brüchig. Es verliert seine genetische Varianz.Es kann zu habituellen oder organischen Katastrophen kommen

Andererseits: Überlieferung von Fertigkeiten in handwerklichen Zünften ist in jedem Fall wünschenswert. Ein klassischer Geigenbauer in der 7. Generation ist sicher einer der besten Geigenbauer der Welt…und deshalb auch unverzichtbar – aber er ist extrem darauf angewiesen, dass sich der Bedarf und die Definition für die Art seiner Geigen nicht allzu plötzlich ändert. Wie gut wäre er vorbereitet, sollte sich der Bedarf bei bestimmten Musikinstrumenten plötzlich verschieben?

Wird er den „Synthesizer“ oder die „Hammond-Orgel“  erfinden? Oder das Grammophon?

Warum wurde der Syntheziser oder die Hammond-Orgel von Elektronikern und Bastlern erfunden, aber nicht von klassischen Instrumentenbauern?

Warum wurde das Grammophon nicht von einem Dirigenten erfunden?

Warum wurde das Grammophon überhaupt erfunden?

Warum war Kolumbus der Sohn eines Wollwebers und nicht ein Kapitän
in 5. Generation?

Genetiker wissen heute, dass die Epigenetik äußerer Umwelteinflüsse mindestens 50 Prozent der Überlieferung ausmacht und die Varianz ebenso beeinflusst wie das Immunsystem und die Auslese. Wird Epiginetik und Varianz-Streuung ausgeschlossen durch allzustarke Abdichtung innerhalb eines sehr hermetischen Überlieferungszirkels, kommt es zu monogenetischen Deffekten.

Das Risiko durch monogenetische Tradierungen kann man gelegentlich auch spüren in geschlossenen Akademien, in bestimmten Forschungszirkeln, Universitäten und auch in Literatur-„Kreisen“.

Wo Menschen sich ausschließlich in immer wieder den selben verabredeten Paraphrasen von Codes und Gegencodes bewegen, (in den selben Retourkutschen aus Spruch und Widerspruch, die selben Abgrenzungs/Zustimmungs-Mechanismen ) kommt es zuerst zu einer Art von Vereins-Stickluft, einschließlich der berühmten deformation professionelle und schließlich zum informellen Totalversagen des Gesamt-Organismus. Das heißt: Die Akademien und Universitäten und „Zirkel“ ersterben und vertrocknen in leblosen Diskurs-Spinnweben und in Zitate-Seilschaften. Sie dienen nur noch sich selbst als Seilschaft oder zur Versorgung im leeren Networking der Vernetzung, aber sie dienen nicht mehr der Erkenntnis oder dem Fragen in ein Offenes hinaus.

Die Seilschaften besteigen keine Berge mehr. Diese Zirkel können nichts mehr von außen empfangen oder nach innen einlassen und trocknen schließlich ganz aus. Sie verblöden zu intellektuellen Qualzuchten in monothematischen Redundanzen.

Die Spinnen haben irgendwann das Haus verlassen, oder sind vertrocknet, weil nichts mehr an-zufangen ist. Alles leergefangen, die Luft ist tot, Türen und Fenster werden nicht mehr geöffnet. Zurück bleibt leeres Gehänge. Niemand spinnt mehr.

Eben deshalb waren kulturelle Generationen-Auf-Brüche in den vergangenen Zeiten notwendig und immer folgerichtig. Generations-Aufbrüche öffnen allzu stark geschlossene Verabredungskreisläufe oder Brauchtumsgewohnheiten und vermeiden die kulturelle Inzucht samt intellektueller Schwerstbehinderung und monothematischer Deformation.

(Auch wenn sich heutige Eltern allzu tolerant geben; die Kinder finden immer etwas, womit sie die „Alten“ ärgern können und sei es nur, indem diese Kinder heute eine provozierende Spießigkeit an den Tag legen. (Jetzt extra wieder total angepasst mit Trachtenjanker, Kochkurs, Bionade und Golfplatz-Abo, obwohl man erst 22 Jahre alt ist.)

Aber die Formulierung: „Tradition ist die Übergabe der Glut/Mut/Wut  und nicht der Asche.“  bleibt deshalb sehr menschen-sinnvoll und immer noch nicht in der Tiefe verstanden.

Denn „die Glut“ bezeichnet ja auch das Sehen, und die „Sicht“ des Vogels Phönix. Also die Tatsache, dass der Vogel Phönix Sicht hat und „gesehen“ werden kann.

Zu den unbefragtesten Asche-Floskeln der letzten 150 Jahre gehört auch die Behauptung: Mit dem Vordringen der modernen Wisschenschaft könne sich der Mensch nicht mehr einfach so auf seine „Sinne“ verlassen, wenn er die Welt wahrheitsgemäß erkennen oder verstehen will.
Alles sei ja  – ach so0000 abstrakt geworden.

Übersehen wird bei dieser unbefragten Asche-Floskel jedoch immer, dass dieses Vordringen der modernen Wissenschaften von Menschen betrieben wurde, die zunächst auch immer nur ihre Sinne angestrengt hatten – in dem Sinne – wie ein „Sinn“ nur „Sinn“ macht, wenn es einen „Sinn“ gibt.

Mathematik und jede Abstraktion gründet in den Sinnen, die einen „Sinn“ geben innerhalb von Besonnenheit. Deshalb ist die Rede: Der Mensch könne sich seit der modernen Wissenschaft nicht mehr einfach so auf seine Sinne verlassen, ein sinnloser Stumpfsinn. Und bezogen auf die achso abstrakte und unsinnliche Atom-Bombe sogar eine Frechheit.

Bei der Sondierung abendländischen Denkens fällt auf, dass ein Mißverhältnis herrscht zwischen einer hochgradigen Verehrung gewisser Köpfe der Vergangenheit und Ihrem Ernstnehmen als Impulsgeber für Problemlösungen. So kennt jeder heute als Beispiel Albert Einstein, man weiß beinahe alles über ihn, man verehrt ihn, man zitiert ihn sogar, und er ist sogar eine Art Pop-Figur.

Wenn Einstein schreibt: „Probleme lassen sich niemals mit dem selben Denken lösen, das in die Probleme hineingeführt hat.“ – dann ist das doch bedenkenswert. Eine Inzucht-Warnung. Dann heißt das so viel wie: Probleme sind Folge von Denkmentalitäten und Methoden, die in allzustarker Wiederholung zu gewissen Inzucht-Deformationen geführt haben.

„Tradition ist das Überliefern der Glut und nicht der Asche.“

Zugeben, nach 1945- 1946 sah es so aus, oder es gab Gründe, keine Gluten mehr überliefern zu wollen. Das war einsehbar. Aber es ändert ja nichts daran, dass die Moderne im 20igsten Jahrhundert eine in ihrer Helligkeit nicht mehr zu überbietende Glut und eine Wut überliefert hat, die man schwerlich ignorieren kann.

Die Philosophie der letzten Jahrzehnte aber hat Asche geredet.

Deshalb bleibt ein großes Problem bis heute das große Originelle, das sich vor das Originale schiebt. Der originelle Schreiber, artikuliert originell, weil er sich als „originelles“ Individuum vor der „Leserschaft“ legitimieren muss. Er hat etwas „Neues“ zu bringen. Das heißt aber in Wirklichkeit, er produziert immer schon Asche, noch bevor er überhaupt die Glut oder die Wut oder den Mut der Überlieferung in seinen Text einlässt. Ironien sind Asche. Paraphrasen sind Asche. Syntaktische Löckchen sind Asche und schlechter Stil.

Sogar „Kenntnisse“ und angelesene Fakten sind Asche, solange sie nicht die Glut und den Mut der Überlieferung mit hinübertragen. Legitimität wird dann durch Pseudo-Neuheit (Originellheit) von Artikulation erkauft.

Zu einem sehr hohen Preis: Dem Aschedenken und dem Ascheschreiben. Deshalb werden „originelle“ Begriffe erfunden, oder „originelle Bezugsrahmen“,  die sich dann vor das Originale schieben. („ab origine“ – von Beginn an)

Selbst dort, wo man scheinbar rückbezüglich mit irgendeinem Homer-Zitat beginnt, bleibt das meiste im Paraphrasenkitsch eines „Philsophierens als ob.“

Das heißt, man redet in paraphrasenhaften „originellen Wendungen“ nur noch von der Asche – innerhalb der Asche  – aber man kommt innerhalb der Asche nicht mehr zur Glut, zur Kohle, zum Holz, zum Funken, ….

Warum hat das 20igste Jahrhundert Wittgenstein hyperventiliert und Schelling unbeachtet gelassen? Warum musste da ein „origineller“  Wittgenstein „neu“-reden, man hätte doch die Schelling-Schriften einfach nur mit den neueren Erkenntnissen der Relativitätstheorie und mit Goedel konfrontieren können…oder mit Adam Müller oder mit Aristoteles…aber gut…das sind so die Um-Wege..

Man generiert heute nicht viele Fans, wenn man sagt, dass Dichtung und „Philosophie“ der vergangenen 30 bis 50 Jahre – wenigsten hier im deutschsprachigen Raum eher im Bedienmodus von Simulation betrieben wurde; noch schlimmer der Gedanke, dass in den Simulatoren vielleicht selbst nur Simulationspuppen saßen, die man an Stelle von echten Philosophen und echten Dichtern in die Sessel der Simulatoren geschnallt hatte.
Die Sprache war diesen augenlosen aber stark vernetzten und verdrahteten Simulationspuppen ein Flugsimulator mit vielen bunten Knöpfen, die blinkten und piepten und flackerten. Und Ihre Hände aus Schaumgummi patschten in die Tastatur.
Und dann blinkte und fiepte es um so stärker. Aber niemand flog. Kein Phönix.

 Wirklich und höchstselbst und in echt – wollte niemand nach irgendwohin hinaus…

Also saß man (oder etwas) in den letzten 50 Jahren in Philosophie-Simulatoren und simulierte Philosophie, man saß in Dichtungs- und Poesie-Simulatoren und simulierte „Poesie“.  Niemand wollte sich auf das denk-sprachliche Apollo-Programm eines echten poetisch-wissenschaftlichen Erkenntnis-Unternehmens einlassen.
Na gut, aber Raumfahrtprogramme brauchen im Vorfeld auch die Puppen und die Simulation – Insofern: Alles richtig, alles gut.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Bewegungen vergangener Jahrhunderte auf monogenetische oder monothematisch Deffekte verweisen. Verurssacht durch eine mangelnde Einsicht in den dauernden Überlieferungsgang von Analyse nach Synthese.

Gut möglich, dass gewisse Konflikte in Zukunft stark beeinflusst werden von der Art und Weise, wie ein jeweiliger Kultur-Zirkel sein Verhältnis zur Überlieferung definiert. Deshalb kann man wohl sagen, dass immer dort, wo sich räumliche Fronten in „Gegenwart“ auftun, in Wirklichkeit noch etwas anderes vor sich geht: „Gegen-Warten“ sind Konflikte, in denen verschiedene Definitionen aufeinander stoßen und einen Streit über die Frage austragen, was eigentlich Überlieferung ist.

Zwei Reiche wechselwirken bis heute in Georg Büchners Stück Leonce und Lena. Das Reich Pipi (Lena) und ein Reich Popo (Leonce).
Jederzeit lesbar, damals wie heute, als fühlbare Allegorie für Kleinstaaterei.

Hatte Charles Percy Snow in den 50iger Jahren noch von „2 Kulturen“ gesprochen, muss man heute mindestens 85 Kulturen oder mehr annehmen.
Die Lage hat sich verschärft. Die neue Metternichzeit zeigt sich heute in einer Kleinstaaterei der Sprachen, Kulturen, Zeichen, und Codes..
Ebenso wie in den tausend kleinen Imperien eines Redens „als ob“.

Zu den schönsten aller wiederkehrenden Komödien der letzten 50 Jahren gehören 45 minütige Podiumsgespräche, nach-23-Uhr-Talks im Radio oder sogenannte „Arbeitsgruppen“, in denen „Künstler“ und „Wissenschaftler“ ein bisschen so tun, als interessierten sie sich für einander. Als sei das anliegende Problem irgendwie zu fassen, wenn man „mal so ein bisschen drüber redet.“

So gehört es seit Jahren zum guten Ton in Salongesprächen, wenn man als „Künstler“ hier und da Worte einstreut wie „Unschärferelation“ oder „Quantenphysik“ oder „Hirnforschung.“ Kann nicht schaden. Hört sich immer up to date an.

Ebenso kann es nicht schaden, wenn man als Wissenschaftler sich gelegentlich entzückt zeigt von einem „herrlich vielschichtigen“ Kunstwerk. Dann fühlen sich alle im Salon sehr problembewusst irgendwie und irgendwie echt auf der Höhe der Zeit – irgendwie.

Was dabei herauskommt: Esotherik im schlecht vernutzten, im schief gelegten Sinne des Begriffs. Dann sitzen Künstler und Wissenschaftler im Dunst imaginärer Räucherstäbchen auf einer mentalen Lamafelldecke in sprachlicher Yoga-Stellung (die grammatisch-syntaktischen Beine hinter dem Hals) und tauschen im 45 Minuten Talk An-Sichtssachen und Gelehrsamkeiten aus.

Die schlecht vernutzte, weil seit 200 Jahren schief verstandene Esotherik vernebelt als Denk-Gift die hirnforschenden Gehirne ebenso wie die quantenphysikalischen Poesie-Interessenten.

Die Unschärferelation* als das gern genommene Esotherik-Räucherstäbchen für
vernebelte Gesprächskreise und Arbeitsgruppen zum Thema Kunst und
Quantenphysik.

Deshalb zurück zu Leonce und Lena von Georg Büchner:

Reich Pipi und Reich Popo…was sind die beiden Reiche heute?

Reich Pipi Ort / Reich Popo Impuls

Reich Pipi Bumsdings/ Reich Popo Dingsbums

Reich Pipi Identität/ Reich Popo Zweifel

Reich Pipi Lyrik/Reich Popo Mathematik

Reich Pipi Vielfalt/ Reich Popo Statisitk

Reich Pipi Analyse/ Reich Popo Synthese

Reich Pipi Kunst/ Reich Popo Leben

Reich Pipi JA / Reich Popo NEIN

Reich Pipi Emphase / Reich Popo Extase

Reich Pipi von Dichter X / Reich Popo von Wissenschaftler Y

Reich Pipi Ansichtssache x/ Reich Popo Ansichtssache y

Reich Pipi von Philosoph X / Reich Popo von Philosoph Y

Liste kann vervollständigt werden.

Die größte Katastrophe – in der Literatur  – für die Literatur – ist der sogenannten  Literatur bisher erspart geblieben: Dass irgendjemand einmal auf die Idee gekommen wäre, die Einsichten dieser Literatur auf die Literatur selbst anzuwenden.

Leonce: „Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“

„Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“

Die endgültige Definition für das rätselhafte deutsche Wort „Kitsch“:

KITSCH ist alles, das von Reich Pipi nach Reich Popo Zeichen generiert,
die mehr bedeuten wollen als eine Scheidung, die sich im Scheiden bereits selbst wieder neu die Heiratsurkunde ausstellt.

*Jeder normal denkende Mensch wird einsehen, dass die „Unschärferelation“ eine tautologische Formulierung darstellt, weil sie sagt, dass der „Ort“ und der „Impuls“ eines „Teilchens“ nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden kann. Demzufolge gibt es in der Natur keine zwei exakt gleichzeitigen Startpunkte für Bewegung.  „Gleichzeitigkeit.“ wird also prinzipiell ausgeschlossen.
Wenn aber prinzipiell „Gleichzeitigkeit“ ausgeschlossen wird, dann ist die Aussage der Unschärferelation tautologisch, selbstbezüglich und damit entweder unendlich sinnlos oder unendlich sinnvoll, ebenso wie das Konzept „Teilchen“.
Die Unschärferelation sagt dann: Einen „Ort“ gibt es prinzipiell nicht.
Wenn es aber prinzipiell keinen „Ort“ gibt, dann ist das Konzept
„Ort und / oder Impuls“ als Aussage hinfällig oder nichtsagend.

Niemand braucht mit großem intellektuellen Aufwand einen „Ort“ verneinen, den es nie gegeben hat. Oder anders gesagt: Man muss keinen Fisch mühsam ins Wasser tauchen, um ihm das schwimmen zu lehren. Man muss keinen Schneemann weiß anmalen, damit er schön weiß ist. Die Unschärferelation hebt sich als Aussage selbst auf. Deshalb kommt es zur „spukhaften Fernwirkung“ bei verschränkten „Teilchen“, weil „kein Ort“ soviel heißt wie:
Der „Ort“ (Impuls) ist dann überall.
Ich plädiere aus realistischen Gründen und weil es so schön ist, zu sagen: Seien wir doch mal realistisch. –  für die Option: Überall.
Wie unscharf sind die Sterne?

Sehr witzig, Herr Schrödinger...

Sehr witzig, Herr Schrödinger…

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