Das Krugbild

Spinnweben sind die neueste Neuigkeit in gealterten Räumen.

Der Brunnen, der Baum, das Tor und der Krug – Goethe oder Kleist?

Die Künstlerin Virág Utazási hatte einen Krug entworfen, in seiner  bauchigen Form nachempfunden einer antiken Gebrauchskeramik. Nicht in Ton hatte sie ihn gebaut. Das Gefäß um-wandete und formte sie aus einem flexiblen Display, das sich als Bildschirm erhellte.

Sie kann jetzt Wasser oder Wein in ihn hinein füllen oder Bier, den Krug dann an die Lippen heben, während ringsum seine Gefäßwände einen kleinen Film abspielen, der Wälder zeigt, Städte, Wüsten oder einen Atombombenversuch.

Wer aus dem Krug trinkt, umfasst mit seinen Wänden die Hände des Krugs.
Sie zeigen rauschende Baumwipfel, aufflatternde Krähenschwärme, LKWs auf Autobahnen, scheuende Pferdestärken; oder – wer das will – kann den Krug auch –  programmiersprachlich speisen –  mit einer Micky Mouse Sequenz.

Trinken aus um-wandelnden Bildern – der unzerbrochene Krug.

… zur Goethe-Krankheit: Goethe, der den „Zerbrochenen Krug“ von Kleist zwar in seinem Theater aufführte, aber mit Pausen im Stück…das heißt: Er musste das Stück selbst zerbrechen, unterbrechen, quanteln, um es zu ertragen.
Was damals zu seinem Mißerfolg beitrug und Kleist  sehr geschadet hat.

Gerade dieses Stück darf  niemals inszeniert werden mit einer Pinkel- oder Fresspause zwischen den Akten. Denn der Bruch ist ja im Krug und nicht in den Theaterpausen. Weil der Krug zerbrach – deshalb läuft – etwas – aus. Der Bruch des Krugs ist das dauernde Aus-Laufen. Ein Auf-Bruch.

Was man von Gustav Flaubert erinnern kann: –

Frederic Moreau – das ist Goethe.

Die Nach-Wende-Zeit in Deutschland, eine kurze Zeit, so zwischen 1990 und 1991 – da hatte sich geöffnet kurz ein Spalt, der gleißend war.

Nach-Wende-Zeit im Osten: Das Neue war noch nicht tief eingedrungen und das Alte nicht mehr da. Verlassene Räume fand man vor in dieser Zeit, Wohnungen manchmal, Türen offen, Fenster schlagend – Fabriken standen oft sehr leer.

Räume kann man er-schließen, in dem man sie er-öffnet.

„Hier ist niemand mehr. Alle über Ungarn weg.“

Vom Wind umsorgt, auf rissigen Linoleum-Böden wehend: Akten, Papierblätter, Glasscherben, unter den Sohlen ihr Geknirsch.  All das hatte jetzt nichts mehr zu bedeuten – nicht mehr als das, was es  immer schon gewesen war: Papiere und Glas. Fragmente, eng bedruckt, wenn auch jetzt – sprachlos, ein Zeichen, deutungslos.

Etwas war zerbrochen.

Seit jenen glasknirschenden Tagen der ganz frühen 90iger Jahre in den leeren Fabrikhallen und manchen Verwaltungsgebäuden der DDR weiß man, dass es Zeiten geben kann, in denen bedrucktes Papier nichts mehr bedeutet als das:

Papier.

1991: Alles stand offen, alles war weit. In Dresden, Leipzig, Halle, Berlin. Die Nachwende-Zeit: Die ersten Kneipen und Lokale, gerade neu er-schlossen in den Kellerwohnungen, provisorische Hütten, gegründet auf Obstkisten, Zigarettenkippen auf dem Fußboden, die Wände roh, schmutzig, die Türen aus den Angeln getreten, es wurde geraucht, aus Kästen getrunken und in die Hand bezahlt. Am Boden knirschte Glas.

Dieser  gleissende Zeit-Spalt zwischen 1990 und 1991 hatte uns ehemaligen DDR-Bewohnern ein Angebot unterbreitet. Man konnte es entweder so lesen:

Nutze jetzt die Goldgräberstimmung im letzten Atemzug dieses Jahrhunderts und gehe ins Geschäftliche, ins Wohnliche, hinein, mach dein Geschäft. Er-öffne deine Räume, um dann sie wieder zu er-schließen.

Oder so lesen: Versuche einen Gang in dieses Offene hinein, in dem du diesen Zeit-Spalt immer in dir offen fühlst. Dieses zweite Angebot war zweifellos riskanter. Schwieriger.
Wenn man selbst ein wenig offen blieb, für diese Stimmungen empfänglich, konnte man uns alle dabei sehen, wie wir wurden, was sie waren.
Ankommende in irgend einem Angekommensein – schließlich.

Der gleißende Zeitspalt von 1990 bis 1991 hatte gefragt nach der „inneren DDR“ eines jeden.

Diese „innere DDR“ zeigte sich bei allen und bei sich selbst.
Man erkannte die „innere DDR“ etwas später auch bei vielen so genannten „Wessis“.

Die „innere DDR“ wirkt immernoch fort.

Die „innere DDR“ ist der jeweilige Zirkel, den man um sich herum zieht.

Ästhetik-Zirkel, Dichtungs-Zirkel, Wissenschaftszirkel, Bescheidwisserzirkel, Versorgerzirkel, Empörungszirkel, Auftragszirkel….

Besonders stark zeigte sich die „innere DDR“ bei den „Literatur-Ossis“ – die nach der Wende besonders flink „in der Literatur“ reussieren wollten. Dann bemerkte man eine Bewegung hin zum wohlfeilen Formalisations- und Schönschriftkanon.

…immernoch die Goethe-Krankheit

Etwas später erst überblickte man, wie das „Endlich-Reisen-Dürfen“ oder das
„Die-Welt-Gesehen-Haben“ noch nicht automatisch hineinführte in eine Lebensbürgerschaft, zu einer Welterfahrung, zu einer Fahrung.
Menschen konnte man treffen, die viel gereist, mehrere Jahre im Ausland verbracht, sogar mehrsprachig geworden, und dennoch wenig erfahren zurückgekehrt waren, als seien sie nie unterwegs gewesen.

Wer aber bloß „auf Reisen geht“ –  befindet sich nicht „in Fahrt.“

Gustav Flauberts „Erziehung der Gefühle, oder auch genannt: „Schule der Empfindsamkeit“, obwohl im 19. Jahrhundert für Frankreich artikuliert, beschreibt auch das sprachliche Deutschland der letzten 30-40 Jahre.

Eine quasi Metternich-Zeit der Kunst, Metternichzeit der Kultur, Metternichzeit der Philosophie, Metternichzeit des Denkens.

Ideale Vorraussetzungen für Romantik.

Die „schwarze“ Romantik, als ein Abzweig der britisch-deutschen Romantik, wurde immer mißverstanden als dunkler Miserabilismus oder Mystizismus.

Aber die schwarze Romantik war deshalb schwarz, weil sie den seelischen „schwarzen Körper“ der Sprache und des Empfindens untersuchte, als den physisch-kosmologischen Grund, der  SICHT erst möglich macht.

Es war ja nicht Frederic Moreau, der in seinem eigenen Desinteresse  versumpft. Das ganze 19. Jahrhundert ist an einem ganz bestimmten Ende in seinem Desinteresse  versumpft.

Der Sumpf des 19. Jahhunderts war dann die Goethe-Krankheit.

Die Goethe-Krankheit lautet: Wenig Interesse, viel schultergepolsterte Sprach-Mode.

Der Literatur-Deutsche, der zumeist als „Sturm- und Drang-Jüngling“ oder als Romantiker /Bohemien beginnt… aber wenn er sein 30igste Jahr überlebt hat, verendet er im Goethe-Gips, im Schön-Schrift-Sumpf, als Arthur-Schnitzler-Imitat, als Förmlichkeitslieferant oder als Sprachmodist  – oder heute noch dazu – in irgendeiner Geste von Pseudo-Anarchie oder Pseudo-Barock.

Die Dichtung aber, seit 200 Jahren bleibt sie im Deutschen auf eine seltsame Art unantastbar. Ultra-unantastbar

Die Dichtung deckt im Deutschen immer auf  –  jede Art des Machens, des Werkelns, des Hantierens, des Fuchtelns und des Bastelns.

Die Dichtung ist das Genre, das in sich selbst den
„Schrift-Steller“ als Gentrifikationseffekt sofort abwirft.

Die Goethe-Krankheit: Sie gibt einem Schreiber irgendwann den stilistischen Hautauschlag, der sich für „Form“ ausgibt, aber doch nur Gentrifikation ist.

Die Goethe-Krankheit: Sie führt irgendwann hinein in ein schiefmündisches Belächeln der Romantik. Man lächelt dann wissend und schiefmündisch über „diesen jugendlich verstiegenen Impuls“  aller  Romantiker. Schließlich ist man jetzt reif, hat seinen Platz gefunden und sagt dann: „Ach, wir, damals hinterm Mond, weißt Du noch….naja, man muss aber doch auch sehen, wo man bleibt.“

Hierin zeigt sich der Abstand zwischen Form und Förmlichkeit.

Der Förmlichkeits-Schreiber zählt die lyrischen Hebungen und Senkungen an seinen Fingern ab, sammelt Metaphern, Zitate, Mythen und Alegorien und stoppelt sich seine Stoffe und seine „Rhythmik“ mühsam zusammen.  (Goethe)

Der Form-Schreiber  – erfährt –  und  erhält im Erfahrungs-Druck den „Eindruck“ – die sich in seiner Sprache – verdichtet –  „ausdrückt“. (Büchner, Kleist)

Ein Abstand zwischen Form und Förmlichkeit, so wie zwischen Hoffen und Höflichkeit.

Das Hoffen ist unhöflich.

Das Sehnen ist unansehnlich.

Ohne Hoffen und Sehnen gibt es keine Kunst.

Sarkasmus, fertige Lebensklugheit, Stoizismus, Verseschmiederei, oder die milde lächelnde Kennerschaft in irgendeinem Zitatekanon machen noch keine Kunst.

Zu den allergrößten Barrieren in persönlich-kulturellen Lern-Prozessen gehört: Viele Dichter und Künstler vergangener Zeiten bleiben einem lange Zeit  versperrt und verleidet, weil sie von Kulturgenießern ewig zitiert und „kennerhaft“ in die Diskurse gestellt werden, was sie zugleich ver-stellt.

Schon das Wort „Hölderlin“ findet man lange Zeit irgendwie ranzig.
Altmodisch ohne Ende. Es klingt aber doch nach den beiden schönsten deutschen Worten, nach Hornisse und Hollunder

Man sieht die Menschen, die immerzu „Hölderlin ach! und Kleist und dieser Schiller! und ach Ovid! der herrliche Rilke! und dieser tiefgründige Ibsen!“  – so vor sich hinsagen, dass einem davon ganz schwindlig wird.

Viele Dichter der eigenen Kultur begegnen einem lange Zeit in dieser Genießer-Figur des Gips-Abdruckes.  In ihrem Vitrinen-Dasein, aus-gestellt und von Kulturgenießern kennerhaft herbeizitiert…

Dann dauert es zumeist sehr sehr lange, bei harter Arbeit, bis man sich von diesem figürlichen Effekt emanzipiert, bis man begreift, warum genau gab es diese Typen damals? – Leute wie Kleist, oder Schubert oder Wilhelm Müller. Was wollten die? Um was ging es denen?  Warum genau haben die eigentlich geschrieben? Was war ihr innerer Movens?

Die deutsche Romantik, bis in die Spätromantik hinein, ist in ihrem Denken, in ihrer Musik, in ihrer wissenschaftlich ernsten Universalpoesie und in ihrer Sprache wirklich die einzig unpeinliche und sehr groß entwerfende deutsche Literaturepoche.

Dichtung als Gesamtwissenschaft. Schlegel, Schelling, Novalis,  Müller (Wilhelm und Adam), Büchner, Hauff, Kleist, Hegel, Hölderlin…die Dichter. Berührbar und deshalb ganz unkrank.
Von den Musikern wie Beethoven, Schubert, Wagner noch garnicht  zu sprechen. Diese Musiker haben die Film-Musik erfunden, noch bevor der Film erfunden war. Das Fließen, das Däuen, das Wesen. Das Weben…das ist die deutsche Musik.

Im Prinzip: Das Fließen und Weben der Welt.

Wenn man als sprach-inter-essierter „Ossi“ nach der Wende den „literarischen Westen“  kennenlernte, also dort, wo er literarisch buchförmig betriebsam sich gab, sah man sich schnell konfrontiert mit einer Behauptung, die da sagte:

Sprache habe Ästhetik zu sein – sprich:

Sprache sei ein Interessantheits-Fabrikat.

Sprache müsse geformt sein zu einer „Stimme“, die „unverwechselbar“ ist.

Irgendwann hörte man sogar Behauptungen wie:
Eigentlich sei jede gute Sprache nichts als Klang.

Oder man hörte: Denken sei eigentlich auch nur Musik

Welch ein Irrtum.

Im Umfeld von Buchmessen oder in Zeitungen die immer wieder auf- und abtauchende Frage, wie das digitalen Zeitalter angeblich verändert die so genannte Kunst und Literatur.

Warum sind diese Diskussionen so stumpf?

Die Frage fragt dabei nicht klar: Das digitale Zeitalter geht aus dem hervor, was immer schon  da wa(h)r.
Das Unbedachte der Frage zeigt sich bereits in der falschen Gegenüberstellung oder in der voreiligen Alleinstellung von Kunst, Sprache, Buchdruck, Literatur, Kultur, Poesie, Computer und Digitalität.

Sprache, Bild, Film, Kunst und Artikulation als Text, als Netz, als Textilie, als Verwebung und Verknüpfung, nicht nur in der Fläche, hatte immer schon gewirkt seit Jahrtausenden. Da findet sich rein philosophisch noch nicht viel Neues.

Eine Keramik als Gebrauchsgegenstand, auf der eine mythologische Szene aufgemalt ist – wie auf Kleists zerbrochenem Krug, was ist das Anderes als ein mobile-Net?
So trank oder aß man aus Krügen, Schalen, Keramiken auf denen abgebildet wahr ein Link und ein Verweis-Zusammenhang. Man konnte trinken oder essen aus Schalen der Mythologie. Trinken aus Bildern. Das Nährende, die Vergangenheit war unmittelbar gegen-wärtig, wenn man ein solches Gefäß an die Lippen hob.

Als ein Er-innerungs-Link. Das Internet als Inner-Net.

Aus gedruckten Büchern kam die Idee der HTML-Verknüpfung auf Tim Berner Lee. Geblättert hatte er als junger Mann in einer Enzyklopädie, die nicht starr alphabetisch sortiert war, aber in Kontexten und Verweis-Zusammenhängen. So etwas gab es also schon vom Aufbau her in der normalen Form des gedruckten Buches.

Ebenso das romantische Konzept des „Fragments“, von Schlegel und Novalis, beinhaltet schon einen Verweiszusammenhang zwischen den Fragmenten.

Das Fragment. die Scherbe, macht Sinn, weil sie einen Link gibt.
Der Bruch am Fragment ist zugleich die offene Stelle – als Link.
Als Wink.

Das Fragment, das heißt: Der Abbruch – erschweigt die  Verknüpfung.

Insofern ist überhaupt jedes „Ding“ ein Fragment. Es muss dafür noch nicht mal vordergründig „unvollendet“ sein. Weil jedes Ding (Think) immer unvollendet ist.

Das Fragment ist  das – scheinbar – endliche.
Die Abbruchkante endet. Aber weil sie endet – reicht – sie weiter …einen LINK

Das Fragment, im Abbruch – reicht — hin.

An diesem Beispiel erzählt sich auch die Nichtneuigkeit aller sogenannten postmodernen Literaturkonzepte, die wiedermal etwas, was seit über 200 Jahren bekannt ist, als die neueste Neuigkeit verkauft –

Der Cut- von Borroughs über den Film, „neu-erfunden“ ist nichts anderes als die Abbruchkante des Fragments.

Ebenso der Joiner von David Hockney.

Auch der synaptische Spalt im Gehirn immer mißverstanden als „Spalt“. Denn der „Spalt“ erst ermöglicht das —-reichen, das hinreichen..

Es war nun aber ein Buch…

…ein gedrucktes Buch brachte Tim Berners Lee auf die Idee der HTML-Verknüpfung.

Warum und wozu also die Gegenüberstellung?

Überflüssige Trennungsfiguren (Digitalität gegen Buchkultur) erzeugen überflüssige Vereinigungsdebatten (Wie gehen Buchkultur und Digitalität zusammen?)

Man muss deshalb zunächst zurückfragen: Gab es überhaupt jemals – eine Buchkultur?

Oder anders gefragt: Darf man das Wort Kultur und das Wort Buch einfach ohne weiteres zusammenbringen? Als sei da ein selbstverständlicher Zusammenhang?

Als sei die Anwesenheit von Büchern schon ein Garant für Kultur.

In den letzen 2000 Jahren gab es viele viele Bücher auf der Welt.

Vielleicht sollte gefragt werden nach einer Denk-Kultur.

Die Geschichte des Internets als HTML-Verknüpfung beginnt also mit dem Blättern eines gedruckten Buches. Und sie beginnt, weil jemand darüber nach-GEDACHT hatte, wie Denken sich richtigerweise organisiert.

Das Internet ist also selbst ein Ergebnis von Denken. Und es bildet Denken in eine erweiterte Strutur hinein.

Das Buch, das bei Tim Bernsers Lee den Link-Gedanken anregte, war kein Buch zum fleißigen Durchlesen – aber zum Blättern. Sinnvolle Blätterung braucht aber eine „stimmige“, das heißt an einen bestimmten Attraktor gebundene Anordnung der Verweis-Zusammenhänge zwischen den Fragmenten in der Dauer.

Deshalb ist natürlich auch jedes Buch immer schon ein Fragment.
Es beginnt und fängt an.

Die Abbruchkante des Fragments – fängt – an.

Es ist deshalb auch egal, ob man ein Buch zu Ende schreibt, oder zu Ende liest oder einfach in der Mitte abbricht. Texte leben nicht vom Lesen. Sie leben vom Abbruch, dem Erinnern und Bedauern.

Wer einen Text liest, liest ihn nicht.
Nur wer blättert, überfliegt und sucht und fragt – ist auch ein Leser.

Eine der herausragenden Eigenschaften des menschlichen Denkens:
Es liest Texte nicht buchstäblich durch und genießt dabei  die Sprache.

Es blättert, bedauert die Fragmente und be-deutet die Fragmente in Verweisungszusammenhängen. Erinnert und nimmt dabei wahr. Es stellt Verweiszusammenhänge zwischen Scherben her.

Das Denken ist ein Scherbenhaufen aus Myriaden von Bruchkanten, die sich gegenseitig bedauern. Und nur weil sie sich bedauern, können sie sich dann zu Inhalten und Deutlichungen verlichten.

Das Denken als ein Organ auch der Faulheit. Es versucht zu funktionieren mit möglichst wenig Aufwand. Wichtig für den Abruf sind – zunächst nicht die Inhalte. Wichtiger sind -dauernde – Trigger und Links in Verweisungs-Zusammenhängen zwischen Fragmenten und Abbruchkanten.  Innerhalb eines Netzes braucht man nur eine Abbruchkante zu erspüren und schon wackelt der ganze Zusammenhang. Stoffe oder Inhalte sind wichtig nur dann, wenn sie bedauert werden.

Insofern zeigt das digitale Zeitalter nichts Neues, es verdeutlicht nur wieder etwas Uraltes.

Die Verdeutlichung bringt mit sich: Eine enorme Beschleunigung im Zugriff auf kollektive Fragmente. Dabei  wird Individuelles egal.

Die alte Diskussion, was länger hält: Ein haptisches Buch aus Papier oder gespeicherte Daten, wird sich insofern erledigt haben, weil nachfolgende Generationen unsere Schriften nicht mehr „durch“-lesen werden,
sondern nur die Briefe und die Abbruchkanten. Sie werden blättern.

Sie brauchen nur zu wissen, wie und was die Technik und das Material war und wissen dann schon alles über uns. Individuelles wird sie kaum mehr interessieren.
Sie werden forschen in unseren Hinterlassenschaften wie in einem versteinerten Termitenhügel. Das war die Steinzeit, das war die Bronzezeit, das war die Papierzeit, das war die Computerzeit.

***

Das digitale Netz, wenn man es ganz real, ganz physisch als Spinnennetz betrachtet, lässt in seiner Geschwindigkeit alles und jedes schnell veralten und vergreisen.

Auch darin ist es ähnlich dem Gehirn: Was man gut vernetzt hat, langweilt im nächsten Moment schon wieder. Das Gehirn schiebt dann zum Beispiel die Vernetzung „Autofahrenkönnen“ in die mechanischen Routinen ab und Sedimentierungen. Irgendwann kann man Autofahren und hat dabei den ganzen Kopf frei für neue Lernprozesse.

Gleichgültig und wenig individuell wirkt ein Zeit-Raum, in dem sich viel Spinnen-Netz findet.

Die Fragmente des Raums werden immer fester ineinander verwoben.

Die in Spinnen-Netzen verwobenen Fragmente – sie finden sich all-ein.

Insofern: Starke Vernetzung ist eine Alterserscheinung.

Je fester und dichter das Spinnen-Netz auf einem alten Dachboden, desto älter oder: gleich-gültiger der Raum. Desto länger stehen die alten Radios schon ungebraucht herum.

Ein altes Gehirn ist umso weniger plastisch lernfähig, je mehr und je dichtere Netze es intern bereits voll ausgebildet hat.

Das digitale Spinnen-Netz ist die neueste Neuigkeit in gealterten Räumen.

Lange nicht mehr bewohnt.

Man kann fragen, ob das Spinnen-Netz des Internet zeigt,
dass der kollektive Zeit-Raum nicht mehr gepflegt wird.

Die Putzfrau ist lange nicht mehr gekommen.

Überhaupt kann man fragen, ob Vernetzung, welcher Art auch immer, eigentlich eine Erscheinung des Alters ist. Spinnweben und Altern gehören irgendwie zusammen.

Als Kind fand man Räume mit vielen Spinnennetzen immer ein wenig gruselig, aber auch spannend und geheimnisvoll.

Man konnte hier zumeist interessante alte Truhen finden, vergessene Koffer…seltsame Geräte.

Ein lange nicht bewohnter Raum, mit vielen Spinnweben, in dem lange keine Putzfrau mehr gefeudelt hat, wirkt als ein Gleichmacher.

Auf einem Dachboden oder in einem alten verlassenen Haus mit vielen Spinnen-Netzen wirkt eine fühlbare Gleich-Gültigkeit.

Betritt man diesen Dachboden als Kind, scheint alles umsponnen vom selben Netz. Die Koffer und Truhen sieht man, die alten Fernseher und Radios, und, mittlerweile, auch alte Computer in ihrer Gleich-Gültigkeit da stehen. Niemand braucht sie mehr. Sie sind – aus dem Gebrauch gefallen. In RUHE.

Die Dinge  – wesen.

Sie befinden sich außerhalb eines aktiven Vergleichsprozesses, das heißt: Außerhalb eines taxierten Gebrauchs-Wertes und damit ausserhalb ihres Zeug-Charakters. Die Dinge auf einem alten Dachboden sind kein „Zeug“ mehr. Sie sind WESEN.

Und deshalb ist alles, was da auf dem spinn-webigen Dachboden steht, zunächst gleich-gültig.

Die alten Geräte und Gegenstände hinter Spinnenweben zeigen sich in ihrer ex-tremen Form. Abstrahiert.

Ein Radio hinter Spinnen-Weben wird als Form abstrakt. Ent-individualisiert.

Wesen – die schweben. In den Weben.

Die Geräte sind, jetzt und hier RUHEND. Schwebende in den Weben…
Die Erde ist ein  blauer Planet.
220px-BlaupunktRadio1954

Das Internet, wenn man ihm als Mensch begegnet und nicht nur als „User“, macht einen ähnlichen Effekt.

Das Netz ist ein alter Dachboden im Spinnen-Netz.

Wenn man dem Internet als  „User“ begegegnet, das heißt als aktiver „Nutzer“ – dann gehört man selbst mit zum „Inventar“ des Dachbodens.
Wird selbst eingesponnen.

Als aktiver User ist man selbst sofort vergreist, das heißt: eingesponnen, alt.

Wenn man dem Internet als Mensch begegnet, dann ist man das Kind, das den alten Dachboden entdeckt.

Das Spinnen-Netz des Internets konfrontiert die Erinnerungs-Fähe des Menschen mit dem „Seyn“.

Krug-Bild oder Platt-Form

Meine eigenen Erfahrungen als Blätterer oder Diskutierer in diversen Literatur-Blogs zeigen:

Die literarisierenden Blogs werden als Platt-Formen benutzt. Entweder als Publikations-Platt-Formen oder als Diskussions-Platt-Formen. Oder als Platt-Formen von Figürlichkeit. Das Platte dieser Formen sagt schon in der Sprache alles aus.

Das Internet hat großes poetisches Potential, aber es macht im Poetischen und Literarischen vieles platt -was  dem Internet selbst nur platt begegnet. Die Plattheit kommt zunächst von der Einspinnung in der Fläche.

Selbst die Verlinkung zu anderen Seiten bleibt von literarischer Seite zumeist platt – immer dann, wenn diese Art der Verlinkung lediglich „Benutzeroberflächen“ schaffen. Oder als digitale Verseilungen funktionieren.

Das ist notwendig und erwünscht, solange es um den Gebrauch des Netzes für kommunikative Zwecke geht.  Die Gebrauchsvorzüge des Internets würde niemand mehr missen oder gar leugnen.

Aber wie kann das Internet „poetisch“ werden?

Die Platt- Form bekommt nicht automatisch eine Tiefendimension. Keinen Erinnerungsraum. Keine Dauer. Sie dient zur Ab-Bildung oder als Kulisse für  Figuren oder zum Austausch von An-Sichtssachen.

Flauberts Frederic Moreau….

…ist nicht Frederic Moreau. Sein Frederic Moreau  ist ein ganzes Jahrhundert. Sein Held versumpft mit all dem, was er einmal wollte: Kunst, Leben, Literatur, Eros, Liebe, Musik….Frederic Moreau schaut bereits in seinem 19. Jahrhundert auf Platt-Formen.
Sein Paris des 19. Jahrhundert stellt Kunst dar. Es stellt Lebendigkeit dar. Es stellt den Eros dar. Es stellt Musik dar. Es stellt Gesellschaft dar.
Aber die Vorzeiger und Darsteller sind selbst nichts von all dem, was sie vorzeigen oder darstellen

Flaubert schien mir immer so aktuell, weil sein Frederic Moreau „aus der Provinz in die große Hauptstadt kommt“, wo er es „zu etwas bringen will.“
Er bemerkt nicht, wie platt dieser Vorsatz ist. Wie wenig suchend. – „es zu etwas bringen“

Das Unlustige an Frederic Moreaus  19. Jahrhundert ist das Erstarren der Figuren, das Erstarren der Bilder, der Figuren, der Ästhetiken und das Erstarren der An-Sichtssachen. In denen sie sich spiegeln.

Gustave Flauberts Frederic Moreau versumpft, weile er einer Ansichts-Sache von Kunst und Leben hinterherträumt,  auf den Platt-Formen des Lebens.

Sie alle wollen es in der großen Stadt „zu etwas bringen.“

Die Zweideutige von „Buch-Kultur“ ist in Flauberts „Erziehung der Gefühle“ bereits voll angelegt.

***

Das Internet ist in seinen Ur-Genen schon poetisch angelegt.

Das Inter-Net beantwortet deshalb auch die Frage, warum es heute im Deutschen keine große Literatur-Kunst mehr gibt, keine Dichter mehr als formende Schöpfer oder als große formende Welt-Erzähler – wie noch zu Zeiten Hölderlins, Dostojewskies oder Flauberts.

Nicht mehr geben kann.

Weil der schreibende Künstler im 19. Jahrhundert noch selbst der SERVER war. Dafür musste er sich, wie Flaubert, in ein ruhendes Auge verwandeln. Große Formung kommt aus dem ruhenden Auge oder dem ruhenden Ohr, das sich hohl macht, das im FOCUS serviert.

Flaubert und auch Dostojewskie waren Meister des Sich-Selbst-Hohl-Machens.

Heute machen das aber die elektronischen Schnittstellen, die digitalen Server und die Parabolspiegel.

Aber es bleibt wohl dabei: Der Brunnen, das Tor, der Baum – diese drei Dinge markieren den Standort der Poesie.

Der Brunnen ….ist heute der sogenannte Qellcode eines Betriebssystems
Das Tor….ist heute das Internet-Portal
Der Baum….ist heute zum Beispiel ein Werweisungs-Baum innerhalb einer Programmiersprach-Hierarchie.
Und der Krug – wäre ein FRAGEN.

Man findet den formenden Schriftkünstler aber ebenso wenig im gedruckten Buch. Es sei denn, es ist ein Forschungsbuch mit einem Forschungsinteresse wie bei Stanislav Lem, oder wie in diversen Fachbüchern bei TSW-Salomon.

Die ästhetisch zurechtgefummelte und sentimentalistische Erinnerung-Literatur zu irgendwelchen „Erlebnissen“ wirkt heute immer viel weniger als das reale und ungeformte Material in den Archiven.

Es gibt den formenden Sprach-Künstler deshalb nicht mehr,
weil die klassischen Literaten als Künstler verlernt haben, was Form ist.
Was Kunst kann. Darin ähneln sie den Figuren von Gustave Flaubert.

Form ist kein Selbst-Ausdruck, keine Sprachfuchtel. Die Form ergibt sich aus einem Eindruck, der sich für einen Brennpunkt „hohlt“

Die FORM aber unterscheidet sich von der Förmlichkeit wie das Hoffen von der Höflichkeit.

Die Literaten formen zumeist nicht, weil sie nicht mehr in einem EIN-Druck sind. Sie wollen „sich“ AUS-Drücken. Das „Sich“ ist heute aber längst dabei zu verschmelzen mit den täglich technischen Bildern
Dabei re-produzieren sie Förmlichkeiten für eine Benutzer-Oberfläche.
Die eigentlichen Former und Künstler sind heute die technischen Bewegt-Bild–Ingenieure und Programmierer und viele Wissenschaftler.

Man kann natürlich das Netz „benutzen“ um Buchstaben, Sätze oder Zeilen zu veröffentlichen wie zu Zeiten des Buchdrucks, – klar.

Dann hat man dem guten alten Bibliothekskatalog aber nichts hinzugetan, was da nicht schon existieren würde.

Eine wirklich bedeutsame Qualität des Inter-Netz ist das dichte Beieinander von Gleich-Gültigkeit und Unterscheidung. In der Ver-DICHTUNG und Ver-Webung seiner Algorhytmik.

Ebenso wie das IN-einander von Bild, Licht und Sprache. Das eigentlich poetische Angebot des Internets ist die Versprachlichung und die Ver-Lichtung von Bildern und die Verlichtung der Sprache – und hier – in diesem Feld gibt es womöglich Potential.

Und seine technische Neuigkeit kommt zum Tragen, weil mit den Bild-Schirmen die Bilder selbst Licht abstrahlen. Das ist die Neuigkeit des technischen Zeitalters. Die Bilder werden selbstleuchtend. Aber zum Preis der Ent-Individualisierung.

Gibt man bei Google zum Beispiel drei verschiedene Namen von zeitgenössichen bildenen Künstlern ein und klickt auf Bilder-Suche, dann erhält man eine bunt gemusterte „Tapete“, eine Bilder-Tapete, in der die einzelnen Bilder komplett austauschbar, gleich-gültig und beliebig wirken.

Ein ähnlicher Effekt ergibt sich, wenn man kurz nacheinander oder parallel im Browser die Seiten von literarischen Blogs öffnet.

Springt man eine Weile hin und her, wird alles austauschbar, gleich-gültig, platt. Die Stimmen vermischen und verwässern sich zu einem Rauschen und zu einer Oberfläche.

Die  Blogs präsentieren sich dann als  Geräte,  gleich-gültig,
wie hinter vernetzenden Spinn-Weben. Weil sie vernetzt sind, sind sie spinnwebig.

Genau der selbe Effekt ergibt sich jedoch auch beim Blättern in echten Büchern in einer Buchhandlung.
Das dichte Nebeneinander einer großen Vielfalt macht alles gleich-gültig.

Es zeigt sich ganz allgemein: Der Flach-Bild-Schirm, die Platt-form.

Die Vergleichsprozesse werden so enorm beschleunigt, das, wer den Überblick behalten will, von Einzelheiten absieht.

Plötzlich sieht man den Wald  und nicht die Bäume.
Aber darin liegt  auch die große Chance.

Es zwingt den Suchenden zur – fragenden – EIN-Wahl.

Dann verwandelt sich das Internet zu dem, was es immerschon war, ein TOR, ein PORTAL zu einem großen Fehler.
*

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