…irgendwas mit Kokospantoffeln

„Wozu Dichter?“ (Hölderlin)

Labornotizen Null….Schnipsel, Redundanzen

Referenzen oder Paraphrasen…

…einen der haltbarsten Halbsätze der letzten 50 Jahre hat womöglich Rainald Goetz geschrieben: „Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY“ – oder so ähnlich…(Klage oder Loslabern…oder)

So gehört Goetz offenbar zu denen, die immer schon eine Frage wach gehalten haben, wenn das Schreiben mehr sein will als das Ausstaffieren der eigenen Vogelscheuchenfigur „Schriftsteller“, mehr als das regelmäßige Absondern von Büchern, mehr als das Aufbereiten von Meinungen, die man heute jederzeit synchron immer schon doppelt oder dreifach woanders schon mal gehört hat – mehr sein will als  ein allgemeines Sprach-Löckchendrehen an „Bildungsgegenständen“, oder „Erfahrungstatsachen“ oder „Ansichtssachen“ der eigenen Soziopathologie in Folge von „technologischer Zivilisation“ – wenn all dieses Schreiben also mehr sein möchte als das durchschnittliche Tages- Radio-Film- und Fernseh-und Internetprogramm – dann muss man sich im Prinzip als Schreibender heute dieser Suche immer wieder stellen. Auch auf die Gefahr hin, dass man ewig sucht.

„Auf der Suche nach eine nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY…“

Tatsächlich gehört der Schriftsteller, der Lyriker oder der Dichter oder auch nur das Wort Schriftsteller das Wort Lyriker oder das Wort Dichter neben dem Wort Künstler spätestens seit Thomas Bernhardts „Holzfällen“ zu den großen Peinlichkeiten des 20igsten Jahrhunderts. Oder wenigstens zu den großen Fragwürdigkeiten. Und selbstverständlich sind die Sprach- und Dichtungs- und Ästhetik-Akadamien heute eine Art Ehepaar Auersberger im Riesenformat mit dem jeweils  dazu gehörigen Ohrensessel. Das Anliegen Thomas Bernhardts war immer sehr ernst. So ernst, dass sogar der Thomas Bernhardt-„Fan“ und Verehrer nicht darum herum kommt, wenn er nicht sehr sehr aufpasst, entweder im Ohrensessel oder beim Ehepaar Auersberger zu landen. Es gibt im deutschsprachigen Raum von poetologologischer Seite her keinen Diskurs- oder Ästhetikzirkel, der nicht früher oder später zu einem Ehepaar Auersberger samt Ohrensessel mutiert.

Jeder Schreibende steht, wenn er mit dem Schreiben beginnt, heute vor der Entscheidung, ob er sternenloses Storytelling betreibt,  ob er Befindlichkeitszeilen produziert – oder –  als peinlichste Autorenerscheinung – ob er im  Paraphrasen-Kanon von gegebenen Paraphrasen diese Paraphrasen erneut paraphrasiert,  in dem er die achtundzwanzigste Paraphrasenbildung der zweiundneunzigsten Paraphrasenbildung auf Sheakespeare, Montaigne, Moliere, Schnitzler, Hemingway, Miller, Queneau, Borroughs, Borges, K. Dick, Musil etc….etc …..jetzt zum neunundzwanzigsten Mal paraphrasiert…

Aber vielleicht müsste erstmal geklärt werden, was hier unter sternenlosem Storytelling verstanden wird.  Sternenloses Storytelling liegt immer dann vor, wenn Autoren so schreiben, wie es nach Maßgabe eines „Lesers“, der nur die Schriften liest aber niemals die Briefe,  gefordert wird:

„Schreib doch mal, was du so in deinem aufregenden oder langweiligen Alltag erlebst mit fleischhaftigen oder langweiligen  Figuren, tollen vielschichtigen und saftigen Charaktären mit skurilen Vorkommnissen und Erlebnissen und möglichst innerhalb einer Geschichte, in der so ganz menschliche und dramatische Themen abgehandelt werden – so wie man es von Balzac bis Sheakespeare bis Moliere, oder von Arthur Schnitzler über Borroughs bis Borges von Musil bis Kafka kennt…etc….
Nur schreib es heute anders, so an die moderne Lebenswelt angepasst, dass darin auch mal ein Iphone, ein Computer, ein Flugzeug etc vorkommt und möglichst noch eine Singlebörse, in der sich zwei Menschen erst verlieben und dann wieder nicht und dann wieder doch etc….“ All das würde ich heute unter sternenlosem Storytelling einordnen.

Dazu kämen mit der „Postmoderne“ noch alle Arten von Ekletizismen und Ästhetizismen in Altformen, Misch- und Nichtformen der Sprach-Löckchen-Dreherei an den immer-schon-uralten „Ansichtssachen“ oder „Erfahrungstasachen“ des menschlichen Glanzes oder seines Elends.
Sehr oft und gerade in der deutschen Literatur wird das noch gerne abgewürzt mit Griechenglutamat  oder Antikeglutamat, oder sogar mit Wissenschaftsglutamat – um einen Geschmacks-Verstärker-Effekt hinein zu streuen von „Geschichtsbewusstsein“ oder oder sogar „Wissenschaftskenntnis“ –  in den jederzeit handfertigen Text-Schnell-Imbiss.

Warum aber stellt sich heute dieser merkwürdige Effekt beim Lesen von Hölderlin oder Rilke oder sogar noch bei Uwe Greßmann ein?  – warum weiß man bei Uwe Greßmann  immer:  Das ist echt. Das ist erwachsene Dichtung. Kein Löckchendrehen. Kein Lyrikfunktionärskarrierismus. Kein Gelehrsamkeitsglutamat. Keine Paraphrasen. (Vergleichsprozesse sind manchmal ein wenig verrückt: Verglichen mit Uwe Greßmann –  wenn man ihn wirklich liest, anstatt ihn nur zu „kennen“ –  geht beinahe der gesamte Heiner Müller krachen.)

„Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY“ – Rainald Goetz Halb-Satz trifft ganz gut.

Vielleich, müsste man dazwischenfragen,  gehört diese Suche selbst zu den miserabilistischen Stimmungen, die irgend einem unsicheren Genre das unsichere Ende einredet, das unsichere Ende der unsicheren Literatur, das unsichere  Ende der unsicheren Dichtung, geäußert von einem saturierten und schlechtgelaunten Wohlstandskind der 50iger Jahre mit Schreibhemmung und dem Hang zur Publikumsbeschimpfung.
Die Ausrufung des Todes der Literatur gehört ja mittlerweile selbst zum Genre der Literatur.  Ebenso wie die Plattitüde vom „Verschwinden des Autors“ lange schon zum Diskursglutamat gehört. Der Effekt ist beinahe so alt wie die Frage, die ihn berührt: Warum wird immer noch so viel geschrieben, obwohl bereits alles wesentliche geschrieben wurde?

Aber was, wenn es wirklich so ist?
Was ist, wenn Uwe Greßmann schon in den 60iger Jahren Recht hatte, als er schrieb, die Literatur sei eine Greisin geworden.
Was, wenn sie jetzt wirklich tot ist oder lange schon tot war?

Klar lebt der weltzugewandte Schreiber seit 1945, Los Alamos und den Folgen in einer kosmologischen Summe seines Geschicks. Und diese Summe wurde vorläufig auserzählt, durcherzählt, abgezählt. Im Guten wie im Schlechten.
Die Welt wurde in einer vorläufigen Summe geblitzt. Von Einstein und den Folgen geblitzt.
Nach Los Alamos und dem Hubble-Teleskop steht man vor einer vorläufigen Zusammenfassung all dessen, was es heißt, Mensch im Kosmos zu sein.
Im Kosmos. Nicht am Kosmos. Nicht neben dem Kosmos. Nicht hinter dem Kosmos. Was muss jetzt noch BE-schrieben werden? Was soll das „Auf“-Schreiben heute noch anderes AB-Bilden außer Physik und Kosmologie, Gespräch, Ursachenforschung?

Wo findet sich die  „nichtpeinliche Autorenposition“?

Was darstellen? Was ab-bilden? Was auf-schreiben? Die fünftausenddreihundertste Variante von Moliere oder Shakespeare auflegen? Den Dreihundertfünfundneunzigsten Arthur Schnitzler?
Das Zweiundachtzigste Rilke-Imitat? Den Neunundfünfzigsten Gottfried-Benn-Verschnitt? Epikuräertümelei? Neo-Ptolemäertum? Queneau-Gebabbel?

Warum sucht Goetz nach einer „nichtpeinlichen Autorenposition“?
Und warum wirkt diese Suche bei Goetz ebenso verkrampft wie  tapfer?

(Die Stimmigkeit des Rainald Goetzschen Halbsatzes konnte kürzlich klarer werden, als man sich die Vorfälle um die Äußerungen von Sibylle Lewitscharoff (Dresdner Rede) in den vergangenen Wochen zu vergegenwärtigen hatte.
Was man bisher nur geahnt hat, aber jetzt immer näher annehmen muss: Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist wahrscheinlich schon seit längerer Zeit ein Hort von immer peinlicher anmutenden Figuren, Nichtdenkern oder komischen Postenverwaltern.  Die Einstellung, jemand könne ein guter Schreiber, sozusagen ein „Künstler“ sein,  jedoch nicht unbedingt ein Denker, wird hier seit langem schon arg strapaziert. Seit geraumer Zeit schon hat man es geahnt, dass diese Institution den Namen Georg Büchners immer eifriger als Figurine benuzt, die von innen mit Stroh vollgestopft wird.  Aber hat Sprache und Dichtung/Denken heute nichts besseres vor, als Löckchen zu wickeln?)

Zurück zu Rainald Goetz: „Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY“ – oder so ähnlich.

Die „nichtpeinliche“ Autorenposition – wo findet sie sich?
Findet Sie sich in einer Neuigkeit – in einer sich ereignet habenden „unerhörten Begebenheit“ – wie man die Novelle charakterisiert hat?
Oder im „großen Roman“ unserer Zeit?

Würde mich heute zum Beispiel eine moderne Version von Balzacschem Erzählergeist interessieren? Würden mich Großromane vom Aufstieg oder dem Abstieg von irgendwem oder irgendwas interessieren? Würde mich ein zweiter moderner Balzac oder ein vierter Hemingway vom Hocker reißen?
Nö, wohl eher  nicht. Weil hier nichts Neues erzählt werden könnte. Sternenloses  Storytelling.  Was so passiert, erfahre ich heute synchron in allen mögliche Kanälen in Echtzeit. Ich muss hier keine Perspektive eines „Individuums“ mehr erfahren.  Schon gar keine „sprachliche“ Roman-Perspektive in einer Roman-Ordnung.  Sprache als  künstlerische Perspektive von Artikulation ist sehr uninteressant geworden.
Weil moderne Welt  heute nur noch und zunehmend von technischen Effekten und Rationalisierungseffekten erzeugt bzw. bewegt wird.

Man könnte sagen – ja – doch – trotzdem – es geht immer weiter, und immer wieder gibt’s was neues zu erzählen! Jede Generation hat ein Recht auf ihre Stimmen.
Das stimmt irgendwie, aber irgendwie auch wieder nicht, denn seit 50ig Jahren werden die Novellen von den Maschinen verbreitet. Das können auch die Sozialfunktionsmaschinen der Programmierer oder der  journalistischen Tagelöhnerei sein plus Radio und Fernsehen.   Der neue Novellist ist der Nachrichtensprecher, der Magazinmoderator und der recherchierende Tagelöhner aller Journalistik.  Die Novellen sind heute so neu wie der tägliche Tinitus im Ohr aller Neuigkeiten und des Unerhörten von Welt-Gegenwart. Die Novellen werden von den Maschinen selbst verfasst.
Hier kann man als „Autor“  keine unerhörte Begebenheit mehr hinzuschreiben. Die Novelle fällt als Refugium einer „nichtpeinlichen Autorenposition“ also aus.

Findet sich die „nichtpeinliche Autorenposition“ vielleicht in kontra-zivilisatorischen Waldspaziergängern und Zu-Fuß-Gehern wie Handke oder Botho Strauß? Wohl kaum.  Dafür steht die Geste des Langsamkeitsfetischisten und absichtlichen Zu-Fuß-Gehers zu sehr im luxurierten Kontext von (sprachlichen) Vermögen, das man ja schließlich erworben hat in dem selben zivilisatorischen Zeitraum, dem man angeblich den Rücken zu kehren vorgibt.

Auch diese Autorenposition bleibt also eine  – nach Maßgabe von Rainald Goetz Suche –  eine peinliche. Hier winkt jederzeit der performative Selbstwiderspruch.

Rainald Goetz: „Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY“ – oder so ähnlich. Wo könnte man noch suchen?

Findet Sie sich vielleicht beim Byronic Hero, der seine Autorenposition innerlich nährt von einem Abstand zur Betriebssamkeit, der er aber in Wirklichkeit so gerne zuarbeiten möchte?
Aber  auch der Byronic Hero  ist heute eine peinliche Autorenposition, weil sie eben nichts weiter hervorbringen kann als byronischen Heroismus, der vor dem eigenen Spiegel seines eigenen byronischen Herosimus immer nur den eigenenen byronischen Heroismus im Spiegel trifft, aber keinen forschenden Welt-Bezug. Keine Dichtung.

„Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenpostion begab ich mich in die Lokalität XY.“…

Findet sich die nichtpeinliche Autorenposition vielleicht  im Gelehrsamkeitsglutamat al la Peter Hacks, Enzensberger, Grünbein, Stefan Hermlin? Das würde aber vorraussetzen, dass hier tatsächlich gedacht, und nicht nur Paraphrasen parapharasiert würden.

An dieser Stelle muss Rainald Goetz als der neuere Initiator aller groß aufgesetzten „Hirn- und Schädel“ – Kopfschmerzen wirklich einmal ausdrücklich benannt werden. Wenn man von Heideggers Kopfzerbrechen  (Denken) einmal absieht.  Oder von Ridley Scotts „Blade-Runner“.
Mit seinem Rasierklingenauftritt war Goetz einst klarer, deutlicher und eleganter als der nach ihm aufsetzende ewige DDR-Lyriker Grünbein.
(Classroom in Space:  Dieser hatte sich kürzlich gemeldet und „Lyrik“ zum Thema Mond auf den Lehrertisch gelegt, in der noch dazu hinten ein Space-Shuttle abgebildet wurde. Der Lehrer hier im Blog hat darin geblättert und eine angeborgte Attitüde bemerkt, die er, gemessen am Rilke-Effekt oder am Yvan Goll- Effekt oder am Uwe Greßmann-Effekt – als eine äußerst angestemmte Attitüde empfand.
Gelehrsamkeitsglutamat „zum Thema Mond“ ist etwas anderes als „Gedichte an den Mond“ oder „Hymnen an den Mond“. Mangelnde Emphase, die stattdessen Paraphrasen paraphrasiert,  produziert dann eine Kataloghaus-Lyrik, die nichts mit Dichtung zu tun haben möchte. Diese Mondlyrik wirkt dann verschwitzt, so, als sollte sie eine Art Werkrettung betreiben im Namen einer ungeheuren Menge an Paraphrasenkitschproduktion, die vorrauslief.
Selbst bei Descartes hält man sich dann lieber an den Spruch des Anaximanders oder an Otto E. Rösslers „Endo-Physik“ aus dem Jahre 1992

Die  Gelehrsamkeitsparaphrasen nach Peter Hacks, Enzensberger, Grünbein oder Stefan Hermlin stehen für einen späten Nachkriegseffekt in Deutschland.
Der so genannte Schöngeist, wenn er im Geräuschekanon des offiziellen Geräuschmachens irgendwie mitrauschen wollte, ist hier seit etwa 4 Jahrzehnten nur noch Mitredender, ein Geräuschemacher, aber kein Forscher mehr. Es  inter-essiert ihn nichts, außer das Mitreden im jeweiligen Jargon seines intellektuellen Zeitraum-Habitats. Dabei werden jederzeit irgendwelche „Alt-Neuigkeiten“ wie die allerfrischesten Schweinchen durchs Dorf getrieben.
Die mangelnde kosmologische Emphase führt zur mangelnder kosmologischen Kompetenz und zum „Verschluß des  Begriffshorizontes“ (Lem) und schließlich zum papiernen Paraphrasenkitsch, Schöngeistigkeits-Kitsch. Zum Kitsch des Vielwissens ohne Kontexte.

Die sprachlichen Erzeugnisse sind dann weder präzise noch genau. Und weil sie beides nicht sind, können sie noch nicht einmal mehr auf dichterische Art exakt sein.  Sondern nur „gelehrsam“ und auf schlechte Art küchenpsychologistisch.  Die Kulturen bleiben  getrennt. Da war der Amerikaner Robinson Jeffers schon mal sehr viel weiter. Es geht um Exaktheit.

„Der Dichter“ interessiert sich dann zumeist für nichts, außer für Gedichte und das Dichtertum. Trotz stark angetäuschter Referenzbildung, die in Wirklichkeit nur „Ansichtssachen“ von Paraphrasen sind,  bleiben wichtige Kettenglieder des Denkens (Anaximander, Thales, Adam Müller, Schelling, Gödel, Mach, Heidegger, Einstein,  etc…) unverknüpft und ohne Kontext, weil bestimmte Namen und Kontexte in echten Referenzen, die keine Paraphrasen sind, sofort den ästhetizistischen Charakter der allermeisten Sprachbemühungen offen legen würde, die immer nur alten Wein in neue Schläuche gießen.
Deshalb versucht man sich dann an besonders peinlichen und verunglückten „Neu“-Denkfiguren – unter Ausschluß oder im Totschweigen von Schelling,  Heidegger&Co unter Ignorierung der neueren Physik, diverser Science-Fiktion-Kunstwerke.
Eine Flasche mit Gummistöpsel (Grünbein) muss dann für Descartes herhalten, obwohl es spätestens nach Heidegger&Planck einen Frage-Komplex  zu Einstein und zur modernen Physik ebenso bei John Wheeler wie auch  auch bei Otto E Rössler gegeben hat.  Und den noch klareren Kant-Bezug bei TSW Salomon.  Von Schelling ganz zu schweigen. Aber da  sich der „Dichter“ eben gerne vom strengen Denken abgrenzt, werden übergreifende Gespräche,  Kontexte und Forschungen in Sprachfeld- Überkreuzungen vermieden. Das Verschweigen, das Umgehen oder das Dummbolzen gegen Heidegger mag diskursopportun sein, bringt einen aber nicht zu seriösen Denkbewegungen innerhalb echter Überlieferung.
(Eben genau so, als sei das Gehirn eine Flasche mit Gummistöpsel ohne Evolution, ohne Historie, ohne Universum, und ohne Dauer.)

Rainald Goetz wenigstens hatte bereits klar gemacht, wie das Gehirn keine Flasche mit Gummistöpsel ist. Warum also danach dieser Rückschritt  in die ästhetisierende Vitrinenschau?

„Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY…“

Wo findet sie sich?

Findet sich die nichtpeinliche Autorenposition vielleicht beim post-postmodernen Phantasten, Fabulierer, Erfinder und Erzähler,
der mit großem sprachlichen Erfindungsreichtum ganz ganz ganz viel Papier vollschreibt? Ja, aber, möchte man da wieder sagen – wer braucht den fünfundzwanzigsten Proust-Foster-Wallace-Borges-Burroughs-Gaddis-Max-Frisch- Verschnitt?  Wer braucht das noch einmal nach Musil und seinem klar gegebenen Frage-Auftrag nach „Genauigkeit und Seele“ – ein  Frageauftrag, dem hier in diesem Blog mit einigem Aufwand nachgegangen wird.
Das Problem bleibt hier: Die allgemeinen Wirklichkeiten erzählen zumeist Phantastischeres, als es ein „Autor“ es je tun könnte.

Wie sieht es beim „Science-Fiktion“- Autor aus? Hat er eine „nichtpeinliche“ Autorenposition gefunden? In ganz seltenenen Fällen ja, wenn kapiert wurde, dass gute  Science-Fiktion ihre Sternen-Projektion immer aus einem Herkunfts-Verständnis speist, das aus Emphase sowie Wissenschaft (Forschung) und nicht aus Papier oder Paraphrasen gebaut ist.  Bei Lem und einigen anderen Autoren war das so.
Guter Science Fiktion braucht vordergründig nicht zwingend Raumschiffe oder Roboter oder Monster – aber in jedem Fall Sterne. Und ja, doch, Raumschiffe sind schön. Aber bissel Denken wäre auch nicht schlecht.
In dem Sinne waren sicher noch viele Autoren der Vergangenheit Science-Fiktion-Autoren, ohne dass man es Ihnen explizit angemerkt hätte.
Aber auch für diese Genre kann wohl angenommen werden, dass es seine bessere Hälfte mittlerweile an den Film übergeben hat.

„Auf der Suche nach einer nichtpeinlichen Autorenposition begab ich mich in die Lokalität XY…“

Neulich wurde in diversen Zeitungen darüber diskutiert, warum die Literatur in Deutschland so schwachmatenhaft wirkt.  So ausrechenbar.  Die Diskussion wurde witziger Weise gerade von denen geführt, die selbst auch nichts vom Hocker reißendes beitragen. Die Antwort, die ich mir hier geben würde, bleibt ganz einfach.  Man zähle einfach mal die Momente, in denen das Wort „Stern“ oder das Wort „Mond“ in einem emphatischen und ganz unphantastischen oder unklügelnden Empfindungs-Zusammenhang literarisch oder „dichterisch“ angerufen wird.  Ein Empfindungszusammenhang, der auch ein Sehnsuchtszusammenhang bleibt. Emphatisch meint hier ganz simpel: Unironisch. Unpapieren.  Eben emphatisch.
Man wird dann finden, dass eben diese hier in Frage stehende deutsche Literatur der letzten 3o bis 40 Jahre nach Uwe Greßmann stumpf und sternenlos war.  Sie wollte immer entweder „ironisch“ oder „cool“ oder „stilistisch“ oder „sexy“  oder „virtuos“ oder „dirty“ oder  „gelehrsam“ oder „unterhaltsam“ sein.
Nur mit kosmologischer Emphase wollte sie selten etwas am Hut haben. Mit einigen großen Ausnahmen beim allerspätesten Heiner Müller, sehr kurzen  Sentenzen bei Rainald Goetz oder auch bei Botho Strauß.

Die Sternenlosigkeit des Denkens, die Sternlosigkeit des Storytellings markiert den schleichenden Wegfall all dessen, was man einmal Schöngeist genannt hat. In sofern war Uwe Greßmann ganz sicher der letzte echte deutsche Dichter. Heute würde ich mir die Suche selbst so beantworten: Wer sich als Philosoph oder Literat artikuliert, ohne dabei wenigstens ein paar mal  konkret und laut über den Realismus  und die Schönheit der Sterne zu sprechen, (in einem Empfindungszusammenhang, nicht einem Paraphrasenzusammenhang) bekleidet eine peinliche oder peinlicher werdende  Autorenposition, die immer weniger Zukunft hat.

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