Abendlandsand

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Hallo Max Planck, Ihnen wollte ich immer schon einen längeren Brief schreiben, einfach deshalb, weil ich Sie für einen unterschätzten Forscher halte. Das mag verwundern. Immerhin sind viele Institute nach Ihnen benannt, und sie gelten als die deutsche Wissenschaftsikone platterdings. Trotzdem. Manchmal, in seltenen Fällen, muss man einen Menschen unter dem ganzen Haufen der Medaillien und Ehrengeklimper hervorziehen, um ihn noch einmal, das erste Mal vielleicht, wirklich zu erkennen. Denn Sie selbst waren zeitlebens mit Ihrer eigenen und größten Entdeckung unzufrieden. Das hat mir immer zu denken gegeben. Ich dachte mir, da hat er an einem Nachmittag lang ein bisschen gerechnet und dann eine Postkarte ans Kaiser Wilhelm-Institut geschickt nach dem Motto – so könnte es vielleicht funktionieren, probiert’s mal aus, Jungs. Und es passte. War ihnen diese Leichtigkeit immer ein wenig verdächtig? Und haben sie deshalb ein Leben lang gezweifelt?

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So etwas kommt äußerst selten vor, Max Planck, dieser ständige Zweifel an der eigenen Entdeckung. Und, Max Planck, Sie haben einen guten Satz formuliert bezogen auf Wahrheiten und wie sie sich allmählich durchsetzen.

Max Planck, über Schwarz und Weiß, Hell und Dunkel, ist nun fast alles gesagt worden. Es bleibt nicht mehr viel. Nur noch die Farbe.

Der Maler Franz Marc, dessen Bild einer Katze Ihnen hier gegenüber hängt, hat uns Briefe hinterlassen. Das Bild hängt auch hier, weil er nicht im platten Sinne zur sogenannten Avantgarde gerechnet werden kann. Er war ein Sonderfall.
Ich selbst lebe in einer Zeit, die den Künstler, mit wenigen Ausnahmen, nur noch als Kunstsucher oder Künstlerdarsteller hervorbringt, aber nicht mehr als Weltsucher. Man will Kunst machen, aber kaum noch die vorhandene Welt befragen. Das zieht Erzeugnisse nach sich, die kein Format mehr haben und auch keine Form. Eben weil Erzeugnisse noch keine Schöpfungen sind. Nur Vorstufen.
Vielleicht markiert das den eigentlichen Abstand zwischen Mensch und Maschine.
Den Erzeuger kennt man in den technischen Sprachen als „Gleichspannungserzeuger“ oder als „Wasserstofferzeuger“ oder als „Drucklufterzeuger“ oder auch als „Holzgaserzeuger“. Niemand käme hier auf die Idee, von einem „Gleichspannungsschöpfer“ zu sprechen. Aber der, der den „Gleichspannungserzeuger“ erfindet, ist ein In-genieur, ein Schöpfer, das heißt ein Künstler. Weil auch ein In-Genieur die Naturgesetze erst in sich hineinlassen muss, er muss sich ihnen beugen, um dann – mit ihnen – etwas zu schöpfen.

Bei Franz Marc war das ähnlich. Franz Marc folgte einem Forschungs-Programm – als Maler. Er beugte sich einem Thema, einer Frage. Wie bekomme ich Tier und Landschaft vermittelt. Wie kann ich ein Wesen zeigen. Wie kann ich das Wesentliche der Landschaft im Tier zeigen. Dazu mußte er sich hohl machen und etwas in sich einlassen. Insofern war Franz Marc auch ein Hohlraumstrahler, ein schwarzer Körper mit einer winzigen Öffnung.

Jedenfalls erwähnen seine Briefe aus der Etappe seine Künstlerkollegin Marianne von Werefkin mit der Bemerkung, die deutschen Maler würden Farbe immer mit Licht gleichsetzen, was ein Fehler sei, denn Farbe habe mit Beleuchtung und Licht gar nichts zu tun.

Max Planck, Sie waren und sind mit ihren Untersuchungen am Strahlungs-Spektrum ein wertvoller Zeitgenosse dieser These um das Thema Licht und Farbe und wissen natürlich, dass das falsch ist.

Selbstverständlich hat Farbe etwas mit dem Licht zu tun. Man kann heute hinzufügen: Farbe hat nicht nur mit Licht, vielmehr auch mit dem Schatten, der Energie (der Temperatur), mit der Zeit und dem Raum zu tun.
Deshalb wäre es an der Zeit, die seelisch-künstlerische Lesart von Farben mit der kosmologischen Lesart zu vermitteln. Beide haben ihr Recht. Sie schließen sich nicht aus.

Längst kennt man in der Astrophysik die Rot- und Blau-Verschiebung, deren Effekte heute benutzt werden zur Bestimmung von Entfernungen. (Ich selbst würde hier von relativistischen Masse-Zeit-Räumen sprechen) Zugleich aber dienen die Farben „Rot“ und „Blau“ zur Bestimmung von Altersmarken und Stern-Generationen

Ein verhältnismäßig „blauer“ Stern gilt zumeist als sehr heiß, „sehr dicht/massiv“ oder als sehr „kompakt/jung“, (Kurz-Weilig: hoher UV-Anteil) oder als „auf uns zukommend“
(Blau-Verschiebung) –

– während ein verhältnismäßig roter Stern als eher moderat temperiert „kühl“ oder als „alt“ oder als undicht „gebläht“ (Roter Riese) gelten kann
(Lang-Weilig: Infrarot-Anteil)

Außerdem deutet eine „Rot-Verschiebung“ hin auf einen „Zug vom Beobachter weg“ in Richtung weiter Entfernung, während eine „Blau-Verschiebung“ einen „Schub auf den Beobachter zu“ kennzeichnet.

Daraus ergibt sich eine Frage an die Malerei, bei der die „Farbseele“ zumeist genau verdreht und entgegengesetzt angezeigt wird:

Blau wirkt „kalt“ oder „weit“ oder „geistig“ oder „gedehnt“ während Rot eher als „nah“, „warm“ oder „dicht“ oder „körperlich“ oder sogar als „aggressiv“ wahrgenommen wird.

Max Planck, ich wollte hier in diesem Brief ursprünglich lang und breit darauf eingehen, wie Farben im weiteren Sinne auf Zeit-Räume verweisen sowie auf den Vorgang des Er-Innerns.
Die Erinnerung wäre der physio-logische Bewusstseinsakt, der wie ein Umkehrungseffekt die seelisch/künstlerische Deutung der Farb-Wellenlängen für jeden Beobachter „umkehrt“ –

– indem ein physikalisch „heißes“ und „dichtes“ und „energiereiches“ und „nahes“ (harte, heiße UV-Strahlung, Blau) im Erinnernden als sein Gegenteil erscheint, nämlich „kalt“ oder „fern“ oder „gedehnt“.

Beim Rot der selbe Umkehr-Effekt:

Was astrophysikalisch als „eher kühl“ als „weit fluchtend“ oder als „alt-gedehnt“ (rot bis infrarot) daherkommt, zeigt sich in der seelisch-künstlerischen Farbdeutung als „Nähe“ „Dichte“ und „Hitze“.

Man könnte aus diesem Umkehreffekt auf die „fernste Nähe“ ebenso schließen wie auf die „naheste Ferne“

Das „junge“ Blau „zieht“ ZIEHT Zukunft VOR.
Während das „alte“ Rot  Zukunft NACH SICH zieht

(Warum heißt der Junge eigentlich Junge und ist meistens blau?)

Dass sich hierin auch ein kosmosophisches Zeit-Thema andeutet im Sinne eines „jüngsten Alters“ oder einer „gealterten Jugend“ liegt auf der Hand. Aber das will ich hier nicht mehr großartig ausführen. Ich möchte sie nicht „lang“- weilen.

Vielleicht eins noch:

Der kurze philosophische Versuch einer Antwort auf die Frage, warum genau beugt eine Linse eigentlich das Licht um?
Wa-HERUM bricht ein Prisma das Licht und zerlegt es in sein Farbspektrum?
Wa-HERUM?

Die Antwort muss philosophisch wohl so ausfallen:
Die „Linse“ als separates DING gibt es so gar nicht.

Die „Linse“ ist etwas GE-WORDENES, wie alles im Kosmos etwas
GE-WORDENES ist. Linsen und Prismen sind VerDICHTUNGEN.
Das heißt Formen des Alls.

Das Licht wird hier nicht „gebeugt“ oder „gebrochen“, vielmehr wirkt innerhalb eines dichten Medium eine Zeit-Raum-Differenz im Verhältnis zu einem weniger dichten Medium. (Physikalisch korrekt: Das Licht/All im Glas dreht etwas langsamer als ausserhalb des Glases)

Innerhalb der Linse „dreht“ sich das ALL langsamer als außerhalb der Linse.
Das erzeugt eine Bogenverzögerung, die eigentlich auf einer relativen Verlangsamung von Bewegung durch Vedichtung beruht. Diese Verzögerung macht den KNICK.

Das Farbspektrum beim Prisma beruht auf dem selben Effekt.
Das Farbspektrum ist eigentlich ein Spektrum der Verzögerung.
Farben sind SÄUME, das heißt: Verzögerungen, quasi VerSÄUMNISSE.

Farben sind Zeiten/Zeiträume. Die Farbe be-dauert.

Blau ist jung und schnell und rot ist alt und langsam.
Aber in der psychologischen Wirkung ist Rot heftiger, weil
Rot bereits etwas GE-WORDENES ist.
Rot zieht ZUKUNFT NACH SICH während Blau noch WERDEN VOR SICH HER SCHIEBT. Deshalb wirkt ROT massiver als
BLAU, obwohl es „alt“ und „langsam“ ist. ROT sind die ROOTS. Die Wurzeln.
(rot, rouge, route, rotieren…?)

Jetzt wäre philosophisch nur noch anzumerken, wie auch das LICHT kein
Licht-Strahl ist, wie man sich das immer vorstellt. Licht ist jederzeit, ebenso wie das Prisma oder die Linse etwas Werdendes
oder Gewordenes, eine Tangente.

Licht ist, wenn das Dunkle eine Pause macht.

Aber ich wollte Ihnen, Max Planck, noch etwas ganz anderes schreiben:
Ein Freund hatte mir neulich von einem Klassentreffen erzählt, und dabei
„die Statistik“ seiner Schule erwähnt.

Ich fragte ihn, welche Statistik er denn meine.

Er sagte darauf, man wisse doch, dass es in allen Schulen Schüler gäbe, die man als prognostisch gefährdet einordnen müsse. Es fände sich doch in jeder Klasse mindestens einer. Einer von denen, „die es – vielleicht – nicht schaffen.“

Was denn? Was denn „nicht schaffen“??- wollte ich von ihm wissen….

„Na du weißt schon, eben die, die irgendwie Pech haben. Schwieriges Elternhaus, früher Alkohol, frühe und andauernde Konflikte, und dann möglicherweise irgendwann schwerer und schwerer, und dann einfach: Zack…die Nadel im Arm, irgendwo auf einem Bahnhofsklo…die es eben irgendwie nicht auf die Reihe kriegen….das Leben.“

„Oder die vielleicht mit 12 oder 13 Jahren nach irgendeinem Komasaufen einfach nicht mehr aufwachen.“

„Du meinst die problematischen bis kritischen Randverteilungen, die es statistisch an jeder Schule gibt.“

Ja…die hatte er gemeint.
Die Schüler, die bei einem ersten Klassentreffen 10 Jahre nach dem
Schul-Abgang nicht mehr erscheinen, weil sie nicht mehr erscheinen können.

Meine Frage, Max Planck, an Sie als Statistiker, wäre, wenn unsere Galaxie vielleicht so viele entwicklungsfähige Zivilisationen aufweist, wie eine Schulklasse Schüler hat, also sagen wir so 19 bis 22 Zivilisationen – vielleicht sind’s auch mehr – ob man dann vielleicht auch mit einer „Statistik der problematischen bis traurigen Fälle“ in dieser Verteilung rechnen müsste? Also mit Zivilisationen, die es „irgendwie nicht schaffen.“? Die problematischen Fälle mit ungünstiger Prognose?

Statistiken sind gleichgültig. Aber sie bleiben trotzdem wirksam.
Man kann immer hoffen, dass man selbst von den nichtsoschönen Anteilen gewisser Statistiken ausgeschlossen bleibt. Aber das Gesetz der Verteilung bleibt.
Wie können wir uns sicher sein, wer wir in dieser Klasse von 19 bis 20 Galaxie-Zivilisationen sind?

Wie können wir etwas über unsere Prognose er-fahren?

Sternzeit Vier Vier Komma Acht Null Drei Neun. Letzter Eintrag.
Ich übergebe an die Initialsequenz zur automatischen Steuerung
im Sommerschlafmodus.

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