Der zehnte Brief

„Ich weiß, das es einen Unterschied zwischen Wissen und Glauben gibt. Und dieser Unterschied nennt sich Beweis.“
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Eine Leseübung. Schellings 10. Brief aus dem Jahre 1795 ist sicherlich eines der merkwürdigen Fundstücke, die man bei Grabungen in der Geisterstadt Philopolis findet. Merkwürdig, weil er so früh schon das ganz Dilemma der gescheiterten Aufklärung enthält. Der Brief ist eine Art Kristallschädel der Philosophie.
So wird irgendwann klar werden, warum auch viel Tinte und Druckerschwärze im 20igsten Jahrhundert (nach Kurt Gödel) sinnlos vergossen wurden – für nichts??

Nein. Ich widme diesen Artikel gerne Oswald Schwemmer. Für mein Empfinden einer der wenigen echten Philosophen der ehemaligen BRD. Von ihm kann man auch lernen, wie man in Texten nach Gedanken sucht und konstruktive Philosophie von Sprachblähung unterscheidet. (alle im folgenden 10.Brief g e s p e r r t  geschriebenen Worte, hat Schelling selbst genau so hervorgehoben. Meine Anmerkungen in Orange.)

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Philosophische Briefe über Dogmaticismus und Kriticismus

Zehnter Brief. (1795)

Sie haben Recht, noch Eines bleibt übrig – zu w i s s e n , daß es eine objective Macht giebt, die unsrer Freiheit Vernichtung droht, und mit dieser festen und gewissen Ueberzeugung im Herzen –  g e g e n sie zu kämpfen, seiner ganzen Freiheit aufzubieten, und so unterzugehen. Sie haben doppelt Recht, mein Freund, weil diese Möglichkeit, auch dann noch, wenn sie vor dem Lichte der Vernunft längst verschwunden ist, doch für die Kunst – für das Höchste in der Kunst – aufbewahrt werden muss. Man hat oft gefragt, wie die griechische Vernunft die Widersprüche ihrer Tragödie ertragen konnte. Ein Sterblicher – vom Verhängnis zum Verbrecher bestimmt, selbst g e g e n das Verhängniß kämpfend, und doch fürchterlich bestraft für das Verbrechen, das ein Werk des Schicksals war!

Hier wäre als bekanntestes Beispiel Ödipus (Sophokles) zu erinnern. Jede überlieferte  griechische Tragödie behandelt eigentlich einen Gödelschen Mengenkonflikt, eine Schlange die sich in den Schwanz beißt. Die Helden kämpfen gegen ihre zeichenhafte Schickung, gegen ein VOR-HER, aber gerade diese Schickung schickt sie auch in den Kampf – in die Selbstverdauung.  In diesem Absatz wittert bereits  –  leider – das ganze 20igste Jahrhundert, dessen Verlauf bestimmt wurde von Figuren, welche die „kämpfende Regel“ der tragischen Kunst mit der erwägenden Regel der Vernunftsrealität vertauschten und verwechselten und damit eine der größten Real-Tragödien in der Geschichte der Menschheit auslösten.
Nicht umsonst macht Schelling hier auf den gewußten Abstand zwischen dramaturgisch gebauter Tragödien-Kunst und Vernunfts-Realität aufmerksam. Das, was bisher unter dem Titel „Dialektik der Aufklärung“ firmierte, war nichts anderes als eine real existente Tragödie.

Das Geschickte wendet sich als Schicksal gegen den Geschickten. Es dreht sich gegen ihn hinein. Weil die Re-Legio (Rückbindung) in Wirklichkeit nie gelöscht werden kann. Sondern nur verleugnet.  Deshalb  wendet sich diese Re-Legio mit der „Aufklärung“  gegen den Aufklärer und konfrontiert ihn plötzlich und schlagartig mit der ganzen Wucht des Logos. Dieser Logos ist nun ein Potential, angesammelt in Jahrtausenden menschlicher Geschichte, steht er plötzlich in Maschinen und Technik zur Verfügung und wendet sein gesamtes Potential  gegen den Aufklärer (mit Ä ) , der die Re-Legio nur leugnen, aber niemals löschen kann. 

Das Schicksal, die eigene Schickung wendet sich gegen den Geschickten.
Das heißt: Die Schlange kämpft gegen ihr eigenes Schwanz-Ende und verzehrt sich dabei. (Was die wirkliche Schlange aber nur selten tut, weil sie schließlich nicht doof ist. Die wirkliche Schlange bewegt sich in den Wellen ihrer Schickung über den Wüstensand fort ins unendliche.)
Die klassische griechische Tragödie in ihrer Struktur ist nichts anderes als eine Erinnerung daran, das alles ein VOR-HER hat. Die klassische Tragödie kennt keine „Genies“ sondern nur Geschickte.

Was Musil schon wußte: Der kitschige Genie-Begriff im Sinne einer voraussetzungslosen Originalität durchseuchte und verseuchte ein ganzes Jahrhundert. Das Genie war der schlechte große Traum des 20igten Jahrhunderts.  Im 20igten Jahrhundert bedienten die schlimmsten Figuren und Diktatoren diese Sehnsucht nach dem Genie und einem untragischen, sozusagen unlogischen Geniebegriff. Aber spätestens mit der Industrialisierung war jedes „Genie“ potentiell selbsttödlich und massentödlich, das heißt: tragisch.  All das konnte Schelling noch nicht so direkt sehen, und trotzdem ist er für seine Zeit präzise. Er schreibt weiter: 

Der G r u n d  dieses Widerspruchs, das, was ihn erträglich machte, lag tiefer, als man ihn suchte, lag im Streit menschlicher Freiheit mit der Macht der objectiven Welt, in welchem der Sterbliche, wenn jene Macht eine Uebermacht – (ein Fatum) – ist, n o t h w e n d i g unterliegen, und doch, weil er nicht
o h n e  K a m p f unterlag, für sein Unterliegen selbst b e s t r a f t werden mußte. Daß der Verbrecher, der doch nur der Uebermacht des Schicksals unterlag, doch noch b e s t r a f t wurde, war Anerkennung menschlicher Freiheit, E h r e die der Freiheit gebührte. Die griechische Tragödie ehrte menschliche Freiheit dadurch, daß sie ihren Helden [232] gegen die Uebermacht des Schicksal k ä m p f e n  ließ: um nicht über die Schranken der Kunst zu springen, mußte sie ihn u n t e r l i e g e n , aber, um auch diese, durch die Kunst abgedrungne, Demüthigung menschlicher Freiheit wieder gut zu machen, mußte sie ihn – auch für das durch’s S c h i c k s a l  begangene Verbrechen – b ü ß e n lassen. So lange er noch f r e i  ist, hält er sich gegen die Macht des Verhängnisses aufrecht.

Hier kann man  dem Wort Ver-hängniss nachhorchen, das ein Verhangenes oder einen Vorhang meint, der etwas der Sicht entzieht. 
Dieses der Sicht entzogene wird nicht selten über einen „blinden Seher“ (Teiresias) in der Tragödie repräsentiert. Oder über ein Orakel (Delphi) initiiert. Schelling weiter:

So wie er unterliegt, hört er auch auf, frei zu sein. Unterliegend klagt er noch das Schicksal wegen Verlustes seiner Freiheit an. Freiheit und Untergang konnte auch die griechische Tragödie nicht zusammenreimen. Nur ein Wesen, das der Freiheit b e r a u b t war, konnte dem Schicksal unterliegen. –
Es war ein g r o ß e r  Gedanke, willig auch die Strafe für ein
u n v e r m e i d l i c h e s Verbrechen zu tragen, um so durch den Verlust seiner Freiheit selbst eben diese Freiheit zu beweisen, und noch mit einer Erklärung des freien Willens unterzugehen.

Furchtbar. Das ist – bezogen auf die griechische Tragödie als Kunstform – präzise formuliert, aber in Zeiten der Hochtechnologie tritt dem Menschen in der Technik die ganze Wucht des eigenen Logos entgegen.

Ödipus weiß nichts von dem ihn bestimmenden Schicksal, dass ihn zum Verbrecher macht. Er unterliegt dem Schicksal und wird dann auch noch – nach der Regel – dafür bestraft. In der antiken Tragödie. Man  hat den Odipus Hundert Jahre lang mit Siegmund Freud- Schwachsinn zugekleckert, anstatt Schelling zu bedenken. Schelling schreibt weiter:

Wie überall, so ist auch hier die griechische Kunst R e g e l. Kein Volk ist dem Charakter der Menschheit auch herin treuer gebleiben, als die Griechen.
So lange der Mensch im Gebiete der Natur weilt, ist er im eigentlichsten Sinne des Wortes, wie er über sich selbst H e r r  sein kann, H e r r  der Natur. Er weist die objective Welt in ihre bestimmte Schranken, über die sie nicht treten darf. Indem er das Object sich v o r s t e l l t, indem er ihm Form und Bestand giebt, beherrscht er es. Er hat nichts [233] von ihm zu fürchten, denn er selbst hat ihm Schranken gesetzt. Aber so wie er diese Schranken aufhebt, so wie das Object nicht mehr v o r s t e l l b a r  ist, d.h. so wie er selbst über die Gränze der Vorstellung ausgeschweift ist, sieht er sich selbst verloren. Die Schrecken der objectiven Welt überfallen ihn. Er hat ihre Schranken aufgehoben, wie soll er sie überwältigen. Er kann dem schrankenlosen Object keine Form mehr geben, unbestimmt schwebt es ihm vor, wo soll er es fesseln, wo ergreifen, wo seiner Uebermacht Gränzen setzen?

Im technologischen Medien-Zeitalter sind die „Schranken“ der objektiven Welt porös geworden. Weil auch die Technik selbst das Bewusstsein als Handlungszeitraum entgrenzt.  An dieser Stelle kann man jetzt sagen: Die Vor-Stellung ist die ein-bildende –  hinein-drehende Kraft. Das thermische Erwägen. Die Imagination. Aber diese Imagination verwandelt die Aktuale der Natur  – per techné – in Potentiale. Die Technik – verrückt – die Vor-Stellung
zum Ge-Stell (Heidegger)

So lange die griechische Kunst in den Schranken der Natur bleibt, welches Volk ist da natürlicher, aber auch sobald sie jene Schranken verläßt, welches schrecklicher!  Die unsichtbare Macht ist zu erhaben, als daß sie durch Schmeichelei bestochen, ihre Helden zu edel, als daß sie durch Feigheit gerettet werden könnten. Hier bleibt nichts übrig, als – Kampf und Untergang.

Aber ein solcher Kampf ist auch nur zum Behuf der tragischen Kunst denkbar: zum System des Handelns könnte er schon deßwegen nicht werden, weil ein solches System ein Titanengeschlecht voraussetzte, ohne diese Voraussetzung aber, ohne Zweifel zum größten Verderben der Menschheit ausschlüge. Wenn einmal unser Geschlecht bestimmt wäre, durch die Schrecken einer unsichtbaren Welt gepeinigt zu werden; wär‘ es dann nicht leichter, feig gegen die Uebermacht jener Welt, vor dem leisesten Gedanken an Freiheit zu zittern, als kämpfend unterzugehen? In der That aber würden uns dann die Gräuel der gegenwärtigen Welt mehr, als die Schrecknisse der künftigen quälen. Derselbe Mensch, der in der übersinnlichen Welt seine Existenz erbettelt hat, wird in dieser Welt zum Plagegeist der Menschheit, der gegen sich selbst und Andre wüthet. Für die Demüthigungen jener Welt soll ihn die Herrschaft in dieser schadlos halten. Indem er aus den Seeligkeiten jener Welt erwacht, kehrt er in diese zurück, um sie zur Hölle zu machen. Glücklich genug, wenn er sich in den Armen jener Welt einwiegt, um in dieser zum moralischen K i n d  zu werden.

An dem „Kind“ hat  sich der gekränkte Knattermime Nietzsche später „bedient“, um seinen  Zarathustra  auszustaffieren. Und die philosophistische Nietzsche-Rezeption plappert das über 100 Jahre lang nach, ohne Andacht an Schelling. Weiter im Text:

Es ist das höchste Interesse der Philosophie, die Vernunft durch jene unveränderliche Alternative, die der Dogmatismus seinen Bekennern eröffnet, aus ihrem Schlummer aufzuwecken. Denn wenn sie durch dieses Mittel nicht mehr geweckt werden kann, so ist man alsdann wenigstens sicher, das
ä u ß  e r s t e  gethan zu haben. Der Versuch ist um so leichter, da jene Alternative, sobald man sich über die letzten Gründe seines Wissens Rechenschaft zu geben sucht, die einfachste, begreiflichste – ursprünglichste Antithese aller philosophirenden Vernunft ist. „Die Vernunft muß entweder auf eine objective intelligible Welt, oder auf subjective Persönlichkeit; auf ein absolutes Object, oder auf ein absolutes Subject – auf Freiheit des Willens – Verzicht thun.“
Ist diese Antithese einmal bestimmt aufgestellt, so fordert das Interesse der Vernunft auch, mit der größten Sorgfalt zu wachen, daß nicht die Sophistereien der moralischen Trägheit über sie einen neuen Schleier ziehen, der die Menschheit betrügen könne. Es ist Pflicht, die ganze Täuschung aufzudecken, und zu zeigen, daß jeder Versuch, sie der Vernunft erträglich zu machen, nur durch neue Täuschungen gelingen kann, welche die Vernunft in einer beharrlichen Unwissenheit erhalten, und ihr den letzten Abgrund verbergen, in dem sich der Dogmatismus, sobald er auf die letzte große Frage, (Sein oder Nichtsein?) vordringt, unvermeidlich stürzen muß.

Der Dogmatismus – dies ist das Resultat unsrer gemeinschaftlichen Untersuchung – ist  t h e o r e t i s c h unwiderlegbar, weil er selbst das theoretische Gebiet verläßt, um sein System p r a k t i s c h  zu vollenden. Er ist also praktisch w i d e r l e g b a r , dadurch, daß man ein, ihm schlechthin entgegengesetztes System i n  s i c h  realisirt. Aber er ist u n w i d e r l e g b a r für den, der ihn selbst p r a k t i s c h zu realisiren vermag, dem der Gedanke erträglich ist, an seiner eignen Vernichtung zu arbeiten, jede freie Causalität in sich aufzuheben, und die Modification eines Objects zu sein, in dessen Unendlichkeit er früher oder später seinen (moralischen) Untergang findet.

Was ist demnach wichtiger für unser Zeitalter, als daß man diese Resultate des Dogmatismus nicht mehr bemäntle, nicht mehr unter einschmeichelnden Worten, unter Täuschungen der faulen Vernunft verhülle, sondern so bestimmt, so offenbar, so unverhüllt, wie möglich aufstelle. Hierinn allein liegt die letzte Hoffnung zur Rettung der Menschheit, die, nachdem sie lange alle Fesseln des Aberglaubens getragen hat, endlich einmal das, was sie in der objectiven Welt suchte, i n  s i c h  s e l b s t  finden dürfte, um damit von ihrer gränzenlosen Ausschweifung in eine fremde Welt – zu ihrer eignen, von der Selbstlosigkeit – zur Selbstheit, von der Schwärmerei der Vernunft – zur Freiheit des Willens zurückzukehren.

Einzelne Täuschungen waren von selbst gefallen. Das Zeitalter schien nur darauf zu warten, daß auch der letzte Grund aller jener Täuschungen verschwinde. Einzelne Irrthümer hatte es zerstört, nur sollte auch noch der letzte Punkt fallen, an dem sie alle befestigt waren. Man schien auf die Enthüllung zu warten, als Andre dazwischen traten, die in dem Augenblick, da die menschliche Freiheit ihr letztes Werk vollenden sollte, neue Täuschungen ersannen, um den kühnen Entschluß vor der Ausführung noch welken zu machen. Die Waffen entsanken der Hand, und die kühne Vernunft, welche die Täuschungen der objectiven Welt selbst vernichtet hatte, winselte kindisch über ihre Schwäche.

Darin  liegt die einzig mögliche und berechtigte Kritik an Kant begründet. Eine Rationalität kann nicht gleichzeitig „Kritik“ leisten und im selben Atemzug behaupten, dass ein „Ding an sich“ der Erkennntnis entzogen bleibt. Die Vernunft kann nicht die Vernunft gebrauchen, um dann über die Vernunft zu winseln. Der „letzte Grund“ – den Schelling anspricht, betrifft den Unterschied zwischen AufklÄrung mit Ä und einer AufklArung mit A.
Das Vernunftsproblem bei Kant steckt ebenfalls in einem Mengenkonflikt.
All diese Mengenkonflikte können heute gelöst werden, weil man um die Irreversibilität von kosmologischen Prozessen weiß. Keine Schlange muss sich mehr selbst beißen.

(Heideggers Wort Ent-Bergen kann man auch lesen bezogen auf die Gewohnheit, Denken und Fragen zu verwechseln mit Gebirgen von Büchern, angehäuften Papierseiten, vorgezeigtem Lektürepensum und Bescheid-wisserei. Das Wort Ent-bergen meint: Wenn Fragen richtig gestellt und aufmerksam verfolgt werden, dann versetzen und ersetzen sie ganze Berge von Büchern und Papierseiten.
Viele philosophistisch-literarische Versäumungen der letzten 100 Jahre lassen sich mit Schellings 10. Brief heute klar ent-bergen: Dass die Vernunft kritisiert werden kann, beweist die Vernunft. Nur eine Vernunft kann Vernunft kritisieren. Dass die Urteilskraft kritisiert werden kann, beweist die Urteilskraft. Denn nur eine Urteilskraft kann eine Urteilskraft kritisieren.

Dass die Freiheit verloren werden kann, beweist die Bedingungen der Möglichkeit, Freiheit zu er-fahren.

Ihr, die ihr selbst an die Vernunft glaubt, warum klagt ihr die Vernunft darüber an, daß sie nicht zu ihrer eignen Zerstörung arbeiten kann, daß sie eine Idee nicht realisiren kann, deren Wirklichkeit alles zerstören würde, was ihr selbst mühsam genug aufgebaut habt. Daß es die Andern thun, die mit der Vernunft selbst von jeher entzweit sind, und deren Interesse es ist, über sie Klagen zu führen, wundert mich nicht. Aber daß ihr es thut, die ihr selbst die Vernunft als ein göttliches Vermögen in uns preist! – Wie wollet ihr denn  e u r e Vernunft gegen die  h ö c h s t e  Vernunft behaupten, die für die eingeschränkte, endliche Vernunft offenbar nur die absoluteste Passivität übrig ließe. Oder, wenn ihr die Idee eines objectiven Gottes voraussetzt, wie könnt ihr von
G e s e t z e n sprechen, die die Vernunft a u s  s i c h  s e l b s t hervorbringt, da doch Autonomie allein einem a b s o l u t – freien Wesen zukommen kann. Vergeblich meint ihr euch dadurch zu retten, daß ihr jene Idee nur
p r a k t i s c h  voraussetzt. Eben, weil ihr sie nur p r a k t i s c h voraussetzt, droht sie eurer moralischen Existenz nur desto gewisser den Untergang. Ihr klagt die Vernunft an, daß sie von Dingen an sich, von Objecten einer übersinnlichen Welt nichts wisse. Habt ihr nie – nie auch nur dunkel – geahnet, daß nicht die Schwäche eurer Vernunft, sondern die absolute Freiheit in euch die intellectuale Welt für jede o b j e k t i v e Macht unzugänglich macht, daß nicht die Eingeschränktheit eures Wissens, sondern eure uneingeschränkte Freiheit, die Objecte des Erkennens in die Schranken bloßer Erscheinungen gewiesen hat?

Das lässt sich etwas besser sagen: Wenn Fische das Wasser ganz erkennen wollten, müssten sie sofort darin ertrinken. Aber da sie ja im Wasser schwimmen, haben sie es – praktisch vernünftig –  schon erkannt.
Ein Kondor muss die Luft  nicht vollständig „erkennen“, um sie zu nutzen für seinen Flug. Aber indem er die Luft nutzt, hat er sie – praktisch –  schon vernommen. (nunft)
Diese Differenz beschreibt auch die  – notwendige – Differenz zwischen „praktischer“ und „theoretischer“ Vernunft. Es bleibt ein Ver-Nehmen.
Aber weil wir um eine solche Differenz wissen können unterscheiden wir uns von dem Tier. Der Mensch kann die praktische Vernunft eintauchen in das Wasser der  theoretischen Vernunft. Und umgekehrt. 

Verzeihung, mein Freund, daß ich in einem Briefe an Sie zu Fremden spreche, die I h r e m  Geiste – so fremde sind. Lassen Sie uns lieber zu der Aussicht zurückkehren, die Sie selbst am Ende Ihres Briefs vor uns eröffnet haben.

Wir wollen froh sein, wenn wir überzeugt sein können, bis zum letzten großen Problem, zu dem alle Philosophie vordringen kann, vorgerückt zu sein. Unser Geist fühlt sich freier, indem er aus dem Zustande der Speculation zum Genuß und zur Erforschung der Natur zurückkehrt, ohne daß er befürchten muß, durch eine immer wiederkehrende Unruhe seines unbefriedigten Geistes aufs neue in jenen unnatürlichen Zustand zurückgeführt zu werden. Die Ideen, zu denen sich unsre Speculation erhoben hat, hören auf, Gegenstände einer müssigen Beschäftigung zu sein, die unsern Geist nur gar zu bald ermüdet, sie werden zum Gesetz unsers L e b e n s , und befreien uns, indem sie so selbst in Leben und Dasein übergegangen – zu Gegenständen der
E r f a h r u n g werden, auf immer von dem mühsamen Geschäfte, uns ihrer Realität auf dem Wege der Speculation, a priori, zu versichern.

Hier ist, mit der ERFAHRUNG, der ganze Heidegger bereits angelegt. Alles VER-NEHMEN (nunft) ist immer schon ER-FAHRUNG in der DAUER.

Nicht klagen wollen wir, sondern froh sein, daß wir endlich am Scheidewege stehen, wo die Trennung unvermeidlich ist: froh, daß wir das Geheimnis unsers Geistes erforscht haben, kraft dessen der Gerechte v o n  s e l b s t  f r e i wird, während der Ungerechte  v o n  s e l b s t  vor der Gerechtigkeit zittert, die er in sich nicht fand, und die er eben deßwegen in eine andre Welt, in die Hände eines strafenden Richters übergeben mußte. Nimmer wird künftighin der Weise zu Mysterien seine Zuflucht nehmen, um seine Grundsätze vor profanen Augen zu verbergen. Es ist Verbrechen an der Menschheit, Grundsätze zu verbergen, die allgemein mittheilbar sind. Aber die Natur selbst hat dieser Mittheilbarkeit Gränzen gesetzt: sie hat – für die W ü r d i g e n eine Philosophie aufbewahrt, die d u r c h   s i c h  s e l b s t  z u r
e s o t h e r i s c h e n wird, weil sie nicht g e l e r n t, nicht nachgebetet, nicht nachgeheuchelt, nicht auch von geheimen Feinden und Ausspähern nachgesprochen werden kann – ein Symbol für den Bund freier Geister, an dem sie sich alle erkennen, das sie nicht zu verbergen brauchen, und das doch, nur ihnen verständlich, für die Andern ein ewiges Räthsel sein wird.

  e s o t h e r i s c h  meint, wie der Mensch „in“ der Welt ist (eso) Die Natur schlägt – ohne jede „Meta“-Physik –  im – Menschen ihr Auge auf und sieht sich selbst im Menschen an. In der Dauer. Das unterscheidet uns prinzipiell von allen Fischen.

[233] *) Die griechischen Götter standen noch innerhalb der Natur. Ihre Macht war nicht u n s i c h t b a r, nicht unerreichbar für menschliche Freiheit. Oft trug menschliche Klugheit über die physische Macht der Götter den Sieg davon. Selbst die Tapferkeit ihrer Helden jagte oft den Olympiern Schrecken ein. Aber das eigentliche U e b e r n a t ü r l i c h e der Griechen beginnt mit dem F a t u m , mit der unsichtbaren Macht, die keine Naturmacht mehr erreicht, und über die selbst die unsterblichen Götter nichts vermögen. – Je schrecklicher sie sind im Gebiete des Uebernatürlichen, desto natürlicher sind sie selbst. Je süßer ein Volk von der übersinnlichen Welt träumt, desto verächtlicher, unnatürlicher ist es selbst.
Klarer kann man die verhängnisvolle Metaphysik-Dynamik der letzten 100 Jahre kaum vorwegnehmen.

Philosophisches Journal einer Gesellschaft Teutscher Gelehrten.
1795, Bd. 3, Heft 3, S. 231-239.

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