MILD ZEITUNG: Lebens Echtigkeit

Neulich über das Phänomen der Gentrifizierung von Sprache nachgedacht. Dabei lange lange, beinahe einen ganzen Tag lang, in einer großen Buchhandlung geblättert durch viele Lyrikbände zeitgenössischer deutscher Gedichte.

Ein Stadtviertel nennt man heute gentrifiziert, wenn das, was früher
an den Häusern, Hinterhöfen und Straßen nur schrundig gewesen war, schrammelig, strukturproblematisch, bierdunstig, durchfeuchtet –  aber dafür enorm mietbillig und partyfreundlich  – jetzt von einer empfindsam geschulten Klientel entdeckt worden ist als „irgendwie herrlich authentischer Kiez.“

Dann dauert es zumeist nicht sehr lange, bis der Rost und der Schrund
Lebens Echtigkeit annehmen. Irgendwann zieht dann der erste Kunststudent in einen „wunderbar unsanierten Fabrik-Hinterhof“  und setzt die Gentrifizierungsspirale in Gang.
Nach etwa 10 Jahren rollt dann eine Division von Mamas durch die Straßen, garnichtmal unhübsch, und absolut alles hier ist jetzt korrekt und total in Ordnung. Dann wohnt man in einem zauberhaften Viertel mit geschichtsbewußt sanierten Altbauten, blitzenden Fahrradständern, relativ verkehrsberuhigten Straßen, gemütlichen Eck-Kaffees und sehr hoher Lebens Echtigkeit.

Man steht vor den Häusern und denkt sich: Es ist alles richtig so und gut jetzt.  Man befindet sich in einem Qualitätsstadtteil, der behutsam und mit viel Aufmerksamkeit für die Historie in eine Gegenwart hineingeführt wurde,  kindergerecht, zukunftsgerecht, telektrisch. Und dabei überhaupt nicht stumpf. Im Gegenteil: Es herrscht hier Einfallsreichtum, Sensibilität und Gestaltungsfreude; und man hat sogar einen verantwortlichen Sinn für das Vergangene.
Deshalb wurden die Risse in den ehemals schrundigen Wänden nicht einfach unsensibel übergeputzt, nein, die Risse in den Wänden hat man mit einem konservatorischen High-Tec-Verfahren so bearbeitet, dass die Spuren und Zeichen der vergangen Zeit nun wie gefrorene Kanäle unter einem chemisch (aber trotzdem ökologisch) ausgehärteten Schneewittchen-Sarg immernoch sichtbar bleiben für jedermann.
Die Wände sehen alt aus aber sind jetzt innen trocken, hammerfest und top-saniert. Trotzdem können sie atmen. Nur sieht man ihnen das alles nicht so platt an wie noch in den 7oger Jahren. Wir haben dazugelernt. Intelligente Sanierung nennt sich das.

Auch die Sprache und die Lyrik können gentrifizieren.
Man verfertigt dann kreative Qualitätslyrik. Die Verse und Schriftzeilen  blitzen  wie Fahrradständer, die in der Form noch nie gesehen vom Bürgermeister bei der Designklasse einer anliegenden Gestaltungshochschule in Auftrag gegeben wurden. Und in den Geschäftsauslagen, die im unteren Teil der ehemals schrundigen Mietskasernen neuerdings eröffnet haben, finden sich superoriginelle Worte und interessante grammatische Wendungen, gemacht wie von einem New-Yorker Kreativen, der die Gußeisenverstrebungen alter Jugendstilzäune mit dem Gummi von Autoreifen zu total originiellen Küchengeräten kombiniert.
Daneben ein Laden von jemanden, der aus alten Feuerwehrschläuchen Jacken näht, aber so ein bisschen im Florentiner Stil.

Zeitgenössische Lyrik.

Sie ist kreativ. Sie ist originell. Und hier und da im Rückgriff auf alte Materialien, Formen und Themen sogar geschichtsbewußt.
Sie ist irgendwie echt gut.

Gelegentlich werden die gentrifizierten Lyrik-Stadtteile  besucht von Lyrikern, die in ihren Gedichten die Häuserwände besprühen mit auch schon mal wieder provozierenden Worten wie „Möse“ oder „Schwanz“ oder „Zigarette“. Dann freut sich der Leser über einen neuen Einbruch von Lebens Echtigkeit und denkt: Jetzt ist es im Gedichteviertel der Lyrikstadt doch wieder ein wenig so wie früher, vor der Gentrifizierung. Aber womöglich täuscht er sich da auch.

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