„Verbrennt die Sehnsucht nach dem reinen Reim
Der Welt in Wüste wandelt Tag in Traum.
Reime sind Witze im Einsteinschen Raum.
Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum.
Brechts Denkmal ist ein kahler Pflaumenbaum
Und so weiter was die Sprache hergibt.“
Heiner Müller

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„Verarschen kann ick mir alleene.“
Berliner Volksmund

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Labornotizen Null – Schnipsel…Redundanzen… anläßlich der Lektüre von Hans Werner Richters Aufzeichnungen „Mittendrin“ zur Gruppe 47,  1966 – 1972 (C.H.Beck Verlag, 2012)
Heideggers langwierigste Dehnung: Sich befassen mit der deutschen Sprache – heißt auch Erkenntnis gewinnen zu meinem Deutschland.
„Reime sind Witze im Einsteinschen Raum. Des Lichtes Welle sondert keinen Schaum“ – Am Ende wusste auch Heiner Müller, dass von Brecht womöglich nicht mehr bleibt, als sein kleines frühes Gedicht vom Pflaumenbaum. Und von ihm selbst wohl auch nicht so viel. Die offiziöse Nachkriegsliteratur der DDR/BRD war  ein notwendiger Irrtum…dort, wo sie sich ästhetisch diskursiv definieren wollte. Die Berichte, das real Erlebte, die Bücher von Lothar Günther Buchheim, von Wolfgang Koeppen, oder sogar die frühen Romane von H.W.Richter selbst, werden als echte Literatur wohl Bestand haben.
… Neulich beim Blättern von Hans Werner Richters „Mittendrin“ war ich eine Weile irgendwo abwechselnd fasziniert und eingesunken und hatte mich gefragt: Könnte es sein, dass ein ganzes offiziös-literarisches und ehemals geistbewohntes Deutschland von 1945 bis in die Nachwendezeit, mit Ausnahme von Heidegger, nur eine Eismumie des Kalten Krieges war, oder so etwas wie eine lebende Wachsfigur?

Sicherlich muss man unterscheiden zwischen Literatur und Philosophie, aber diese Unterscheidung bleibt gerade in der deutschen Sprache immer unsicher, weil es im Deutschen das Wort Dichtung gibt und diese muss dem DENKEN/der Fähe, dem Ge-Dächtnis nahestehen, oder sie ist keine Dichtung.
Blöderweise trafen mich Hans Werner Richters Aufzeichnungen auch noch parallel zu den Erinnerungen von Fritz Jörg Raddatz. Eine Art Doppelschlag.
Da dachte ich ein Moment lang: Ende, Aus, Feierabend – die großoffiziöse Literatur der alten „BRD/DDR“ war, nein keine Wachsfigur, keine Eismumie, eher eine Art Schwammpilz im feuchtgeweinten oder feucht-geschwitzten Haus der Nachkriegszeit. Der Schweiß kam vom Wiederaufbau, die Tränen vom Krieg. Ist das Haus fort oder die Feuchte allmählich am Abtrocknen  – verschwindet auch der Schwammpilz. In der DDR war die Lage ja nicht besser.
Realität, Ge-Fahr erzeugt Erfahrungsdruck. Erfahrungsdruck macht Sprache, formt Ausdruck.

Ein Schreiber schreibt einen „stimmigen“ Text, weil hier eine „stimmige“ Resonanz von Teil-Nahme, Mittelung, Ermittelung und Mitteilbarkeit wirkt. Die ziehende Mitte einer Schwerkraft des „Mit“ Mit-Einander. Mitte. Der Text ist dann „rund“ – er „stimmt“ einfach. Er steht in einem Inter-Esse. Er atmet „in sich“ und mit der Welt.
Man könnte auch sagen, der Text „reimt“ sich, weil er sich in Ver-Mählung zur all-mählichen Erfahrung ver-mählt am Erfahrungsort des schreibenden Autors. Diese Art von „Reim“ kann auch in einem ganz normalen Prosatext wirken, ganz ohne Zeilenreime, dann ist er gut.
Man kann ein Gespür dafür ausbilden, mit dem man herausspürt, wann ein Text in einer all-mählichen Reimung wirkt, im Ge-dächtnis der Erfahrung steht, und wann jemand lediglich „Schrift stellt“ oder „Literatur macht.“
Die Probleme der Initiative „Gruppe 47“ hatten sich ergeben, weil sie eben doch einer bestimmten Programmatik verhaftet war. Die Programmatik lautete: Disziplinierung zur Normalität. Programmatiken erzeugen/formen Diskurse, aber Diskurse sind am Ende immer schlecht für Dichtung. Weil die Autoren dann im schleichenden Gift der Diskursivität sich an den inneren Diskursen entlangschreiben, die zumeist „Ästhetik-Debatten“ sind. Aber genau das stört die schreibende Dichtung, wenn sie damit beginnt, sich vor dem Spiegel einer Programmatik oder einer diskursiven Ästhetik die Haare zu kämmen oder die Haare zu raufen. Dann geht sie in die Gefangenschaft. Sie entkommt dieser Gefangenschaft auch dann nicht, wenn sie – wie zum Beispiel Handke – einfach nur wütend auf den diskursiven Spiegel spuckt oder ihn zertrümmern möchte oder in abgewetzten Punk-Klamotten vor den diskursiven Spiegel tritt. Weil auch derjenige, der im „Anti-Diskurs“ auf ein Diskurs reagiert, eben nur re-agiert, als Gefangener des Spiegels. Er kommt nicht hinter die Spiegel. Man muss aber hinter die Spiegel kommen oder den Spiegel krümmen. Es ist leider kein Klisché, dass die diskursiv-ästhetische Be-Spiegelung Kunst tötet und Dichtung kaputt macht. Weil die Diskurse sich zwischen den Reim schieben….Dichtung kommt aus dem ATEM der Erfahrung oder aus dem Denken und aus sonst gar nichts.

Aber im Prinzip ist das auch wieder etwas ganz Normales. Jede Literatur oder jede Sprachkultur, dort, wo sie sich zu einer Art Diskursivität hochpäppelt oder als ein „ismus“ im Sinne von Trends, Vorgaben, Manifesten, Dekreten oder Gegendekreten auswächst, gedeiht zum Schwammerl, dessen luftiger Umbau immer viel voluminöser erscheint, als die vorhandene elementare Substanz… die sich von Feuchten ernährt, manchmal im Nahrungsbedarf spezialisiert und hochangepasst an bestimmte Spuren-Elemente.
Klimaveränderungen oder eine Art von Windwechsel können einen Schwammpilz ebenso schnell wegtrocknen lassen, wie er gekommen ist. Allerdings bleiben immer unauffällige Sporen im Mauerwerk und in der Raumluft. Insofern war die Initiative zur „Gruppe 47“  von H.W. Richter damals eine  kommunikative Feucht-Nieschen-Verwertung. Aber es muss einen Grund geben, warum die deutschsprachige Literatur nach dem Weltkrieg II formal und inhaltlich immer nur den Trends, die von anderen kamen, hinterhergehechelt ist.
Weil ausgerechnet ihre Kern-Kompetenz, das Denken und das dichtende Philosophieren, schon im 19. Jh. so weit fortgeschritten war, dass man dem vorerst nichts mehr hinzufügen konnte.

Wenn man es etwas zugespitzt formulieren wollte: Die deutsche Sprache hat das Pech Hölderlin, das Pech Kleist.
Dichtung – das deutsche Wort bezeichnet etwas, das in der Deutlichkeit in kaum einer anderen Sprache benannt wird – Ver-Dichtung. Das meint noch mal etwas ganz anderes als Lyrik. Lyrik meint die Leier, die Lyra, den Gesang. Dichtung aber meint Ver-Dichtung, Schöpfung. Dichtung kann im Deutschen völlig unlyrisch sein, und bleibt trotzdem Dichtung/Poesie. Genau genommen muss man sogar sagen, dass sich deutsche Dichtung außerhalb eines klassischen Literaturbegriffs stellt. Dichtung ist nicht kritisierbar in einem literaturkritischen Sinne, weil sie dort, wo sie Dichtung ist, zugleich auch der Wa(h)rheit als dem Unverborgenen nahesteht. Das Unverborgene ist nicht kritisierbar mit literaturkritischen Mitteln. Man kann es nur zur Kenntnis nehmen. Dichtung kommuniziert nicht. Sie sagt.

Die deutsche Literatur hat mit dem Unterschied Dichtung/Literatur immer ein Problem. Weil die Dichtung im Gegensatz zur Lyrik den Sog hin zur Ge-Fährnis und zu einem Dreh- Moment in der Sprache hat. Die AHNUNG der deutschen Sprache. Dichtung verlangt im Deutschen etwas ganz anderes als den Sprach-Artisten. Dichtung will die denkende Er-Leidnis, die „Fähe“, wobei damit nicht der leidende Dichter oder die fiebrige Dichterstirn gemeint ist, eher  eine bestimmte Grundhaltung zur Welt-Ent-Sprechung, in die sich der Dichter einbeugen muss. Dichtung kommt aus Einbeugung, aus Demut. Die so genannte Lyrik oder die Literatur läuft im Deutschen zumeist unter „Guck mal, was ich schönes kann und weiß.“ Oder „Guck mal, was ich mir Lustiges ausgedacht habe.“

Deshalb kann es im Deutschen jede Menge „interessante Lyrik“ geben oder jede Menge „interessante Literatur“ die aber trotzdem keine Dichtung ist. Dichtung steht im Deutschen auch jenseits von „Sich etwas Ausdenken“. Hölderlins Texte haben keine Phantasie. Sie haben Wa(h)rheit. Imagination.

Die deutsche Dichtung, in diesem Sinne verstanden, hatte im 19. Jahrhundert einen riesigen Berg aufgeschoben. Verglichen mit Hölderlin, Kleist, Schelling, Schlegel, dann noch Heidegger, blieb alle übrige Dichtung/Philosophie die reinste Schmalspur. Goethe war sowieso immer ein Irrtum gewesen.

Die deutsche Literatur, dort wo sie denkende Dichtung war, hatte das unheimliche Pech, seit dem 19. Jarhundert sich selbst um etwa 200 Jahre voraus gewesen zu sein. Bei Hölderlin oder Kleist, Schlegel und noch bei Schiller gab es dichterische Momente, die sind seit 200 Jahren nicht mehr zu toppen oder zu überbieten. Einige Texte von Kleist fliegen für immer vorraus. Man kann ihm nur nachschreiben. Mit dieser speziellen Besonderheit von Dichtung muss man in der deutschen Sprache immer leben. Das 19. Jahrhundert hat in seinen deutschen Dichtungen etwas artikuliert, das man nur noch verdauen kann. Die Dichtung und die Philosophie hatten im 19. Jahrhundert sehr viel über die kommende Moderne gesagt, was es zu sagen gibt. Aber man hat offenbar nicht richtig hingehört.

Warum es hier lange nicht weiterging, hatte einen Grund: Die Kulturen waren bald getrennt. Der sogenannte Schöngeist agierte nach Schelling überwiegend physiklos, techniklos, ohne Anbindung an die Wissenschaft, ohne Physik, ohne Thermik, ohne Kosmologie. Stattdessen produzierte er Figuren, Bilder.. so wie Nietzsche. Liest man dagegen Texte von Ernst Mach zur Sinnesphysiologie (erscheinen bereits 1886) hat man es sofort mit realer Poesie zu tun. Sozusagen mit Dichtung. Weil Ernst Mach ein Strömungsdynamiker und Philosoph gewesen war. (Genau so, wie man es bei Gustav Kirchhofs Schwarzem Körper mit Dichtung zu tun hat, und nicht mit Lyrik. )
Weil ein Ernst Mach bewusst oder unbewusst an Schelling und Kleist sich anschloß. Dagegen war die sogenannte künstlerische Avantgarde des 20igsten Jahrhunderts nie eine echte Avantgarde gewesen. Immer nur eine Pseudo-Avantgarde, die Ernst Mach nicht willentlich bedenkend zur Kenntnis genommen hatte. Mit der großen Ausnahme von Robert Musil, der über Ernst Mach promoviert hatte.
Die künstlerischen Pseudo-Avantgarden wollten im Grunde etwas ganz Altes in neuem Gewandt: Sie wollten „neue Ästhetiken“ und sie wollte neue „Figuren“ und sie wollten „Genies“. Deshalb haben sie ich zum Beispiel auch Imagisten genannt. Imagination aber meint nicht Ästhetik, sondern den aufklarenden Prozess des Geistes. Ein-bildungs-kraft. Wären Ernst Machs Beiträge zur Sinnes-Physiologie zum allgmeinen Kanon geworden, hätte sich das 20igste Jahrhundert einiges ersparen können. Das 20igste Jahrhundert ist auch an seinen falschen Genie-Begriffen gescheitert. Oder man muss sogar sagen: Das zwanzigste Jahrundert hat seine schlimmsten „Genies“ dann bekommen.
(Robert Musil: „Alles ist heute genial. Das Rennpferd ist genial, der Tennisspieler ist genial…“)

H.W. Richter selbst schreibt in seinen Aufzeichnungen sehr un-genial, was gut ist, und bestätigt mit seinen Aufzeichnungen indirekt: Literarische Ambition schadet der Literatur eher, als dass sie ihr nützt.
Die Herausforderung für einen Künstler heute: Vermeiden, ein so genannter Künstler sein zu wollen. Es muss da etwas wirken, das seinen Weg zu einer Bahn krümmt, ihn ablenkt oder einbeugt, eine gravitationale Ablenkung, die ihn zwingt und bezwingt. Das wäre eine forschende Frage, der er sich unterwirft, forschend unterordnet. Denn in technologischen Zeiten haftet den Dingen und den Produkten immer schon viel mehr Formung an, als es eine  Kunstformung noch erreichen könnte. Es braucht deshalb einen kunstfremden Attraktor als eine bahnende Kraft, die als Bogen-Kraft-Zwinge immer stärker sein muss als jeder  Werkwille, Stilwille, Kunstwille. Nicht die Faulheit oder die Trägheit sind die Widersacher des Künstlers. Der stärkste Widersacher des Künstlers ist der Kunstwille. Diesem muss er ausweichen und stattdessen die all-mähliche Bogenzwingkraft aufsuchen. Er muss die Bogenzwingkraft, die immer stärker sein wird, als sein Ego, regelrecht aufspüren wie eine Thermik, wenn er vermeiden will, dass sein Ton, seine Stimme, sein Farbtopf, der Malpinsel oder was auch immer, sich zu einer bloß gekonnten Masche begradigt und dann verfestigt. Sucht er diese Bogenzwingkraft nicht auf, kommt er bald herunter auf die Schrumpf-Form von Kunst, dem so genannten Künstlertum, dessen traurigste Ausformung dann die so genannte Machenschaft ist. Oder eine sich immerwiederholende Langspielplatte einer Idiosyncrasie. Dann wäre er, wie man so schön sagt, gelandet.

Gerade die Schmucklosigkeit von H.W. Richters Aufzeichnungen machen sie so dicht. Man kann kaum atmen beim Lesen. Man ist sprachlos. Stimmbänder. Suche nach Gedanken, dem Gesagten. Die Bänder unter den Stimmen. Die Bänder sind das Tragende, nicht die Stimme.

Vielleicht war ja das literarische Leben um die „Gruppe 47“ herum, die ja keine homogene Gruppe stellte, deshalb wichtig; um als ein Dokument hinterlegt zu werden, von dem man heute ablesen kann, was in der literarischen Kunst in Deutschland zum überwiegenden Teil schief gelaufen ist. Die Schriftsteller, um die es bei Richter geht, standen mental oder thematisch hinter einer Modernitätsbarriere. Physik, Raumfahrt, Technik, und Wissenschaft waren keine vordergründigen Themen. Der Autor H.W. Richter denkt in seinen Aufzeichnungen etwas melancholisch darüber nach, ob seine Freunde und Schriftsteller aus dem Umfeld der 47iger womöglich den eigenen Bedeutungsverlust spüren in einer Zeit, in der „Raumfahrt und Technik wichtiger werden als die Literatur“. So Richter wörtlich. Aber die Autoren seines Umfelds reagieren darauf mit Selbstbefestigungs-Strategien, entweder als alberne Künstlersubjekte, in eifrigen Harlekiniaden des Autorendarstellers oder mit dem Gang auf sehr falsche oder aber sehr nahe liegende Öffentlichkeitspodien. Uwe Johnson ging in den Alkohol, in den Spiritus hinein. Unfassbar und kaum zu glauben, wie der 60igjährige Opa Richter in seiner Zeitauffassung den damals aufspringenden Garagen-Firmen von Steve Jobs bereits näher gestanden hatte, als seine neuerdings/alterdings wiedervergreisten  Schriftstellerfreunde, die im Schnitt 20 Jahre jünger waren als er.


Aber jede Philosophie, die sich Philosophie nennt, wird wohl an Schelling anschließen, oder sie ist keine. Das ist auch der Grund, warum ausgerechnet das große Cinema als philosophische Kunst der deutschen Nachkriegsliteratur immer voraus war. Denn das Kino, das auch mißbraucht werden konnte für klassizistische Zwecke, hatte im Laufe seiner dramaturgischen Evolution die Chance, den Schellingschen Blick und das Schellingsche „Schauen“ mit seiner genuinen „Lichtgeschwindigkeit“ in die Geist-Mensch-Natur überbiegend einzubeugen. Und hatte diese Chance auch genutzt.

Literatur lebt nicht von Sprache oder von der Form, eher von der Sprachstörung und der Formstörung. Ebenso wie die Philosophie von der Philosophiestörung, die Kunst von der Kunststörung und das Leben von der Lebensstörung lebt. Diese Art von Störung wurde auch bei Raymond Queneau thematisiert.

Zu meinem Schreck im Doppelschlag Raddatz/Richter kam hinzu ein erneutes Lesen von Raymond Queneaus „Stilübungen“ von 1947.
99 stilistische Variationen auf einen Mann in einer Buslinie, der sich angerempelt fühlt und 3 Haltestellen weiter gesagt bekommt, dass ein Knopf an seinem Mantel etwas höher angenäht werden müßte –  ein leider nicht wegzudiskutierendes Paradigma für die Tatsache, dass jede Form der sprachlichen Wendung oder der verbalen Volte simuliert werden kann als Technik und demzufolge abrufbar wird aus einem sprachlichen Abholkatalog. Wenn man diesen Katalog kennt, ihn aufmerksam blättert. Queneau hatte den Abhol-Katalog für grammatische und stilistische Affekte erfunden. Ab sofort hätte sich eigentlich jede Stildiskussion im Sinne einer Qualitäts-Diskussion von „stilistisch richtig“ oder „stilistisch falsch“ erledigt gehabt.
Wenn man Queneau gelesen hat, langweilt man sich hinterher bei allen sprachlich-dramaturgischen  Tricks – die einem in Büchern begegnen. Sogar die Fragen, wo der Autor in seinem Text steht, hatte Queneau bereits gültig beantwortet. Ab sofort war hier nur noch infinte jest möglich. Nach Queneau kann man nur noch ein Second-Order-Verhältnis zur Sprache haben.  Es gibt auf dieser Seite keine neuen Wendungen mehr nach Queneau. Nur noch Anwendungen. Jede nur denkbare Grammatik-Perspektive war nach 1947 auserzählt. Was folgte, waren Redundanzen oder weißes Rauschen.

Stilübung Nr 22 dazu:

„Ich autobusplattformte mit-mengenähnlicherweise in einem lutecio-meridionalen Zeitraum und nachbarlichte mit einem langhalslichen, rotznasigen Kordelumdenhutgetüm. Selbiges sagte zu einem Irgendanonym: ‚Sie anrempelscheinen mich.‘ Dies ausgestoßen, freiplatzte es sich gierig. In einer späteren Raum-Zeitlichkeit sah ich es wieder, wie es mit einem X saint-lazarierte, der zu ihm sagte: ‚Du solltest deinen Überzieher knopfvervollständigen.‘ Und er warumerklärte ihm die Sache.“

Soweit Raymond Queneau in durchaus brauchbarer deutscher Übersetzung bei Suhrkamp.

Es ist kein Wunder, dass Literatur heute nicht mehr vom Geschriebenen oder von Inhalten lebt. Sie hat kein Gewicht mehr als Präsenz-Text. Sie kann nur noch repräsentieren. Zumeist irgendeine Sprach-Krankheit. Sie lebt von ihren Doppel-Bildern, den Nachahmungseffekten, den Projektionen, der Literatur-Ausstellung. Weil nach Schelling, nach Kleist oder nach Hölderlin intellektuell nichts mehr dazu kommen konnte, das einen Mehrwert hätte anbieten können. Das westliche Abendland hatte auf literarischer /poeitischer/philosophischer Ebene kaum etwas zu bieten, was nicht schon bei Schelling, Kleist oder Hölderlin artikuliert war. Oder nur noch grammatische Hysterien. Die Kunst, oder das, was einmal artikulierende oder weltbezügliche Kunst genannt wurde, war mit dem 19. Jahrhundert an die Techniker und Wissenschaftler und Forscher übergegangen. Der einzelne schreibende Künstler, im klassischen Sinne verstanden, war Dekorateur geworden, der für Wohnlichkeit sorgte, Ablenkung oder Zeitvertreibe.  Nur dort, wo sich der Artikulator ganz bewusst auf Erforschung einließ oder von realer Erfahrung berührt wurde, artikulierte sich die Erfahrung als Reportage oder als Vorauswurf wie in den Labortexten von Max Planck, Ernst Mach und Co.
Oder später dann bei Lem und anderen wissenschaftlichen Autoren. Noch Proust kann man als einen Erforscher ansprechen. Ebenso haben Queneaus Stilübüngen noch Forschungscharakter. Dann konnte sie wieder im Sinne von Weltkunst relevant werden. Später dann auch bei Kubrik, Scott, Zemeckies/CarlSagan oder HR Giger in ihrem Kino. Forscherkünstler.

Die künstlerische Durchdringung von Wirklichkeit hatte im 20igsten Jahhrundert das Cinema übernommen, weil Cinema trotz der Regie immer auch technisches Teamworking bleibt – ein realer technologischer Apparat erzählt er aus Technologien heraus – in Technologien –  über Technologien; und wie man sieht, steht das Cinema heute  mit seiner avancierten Narration in Schelling-Nähe. Wer hätte das gedacht, das Schelling so weit vorraus gewesen war. Auch das heutige Cinema und überhaupt alle visuellen Künste münden, wo sie nichtdumm sind, in Schelling ein. Oder sie bleibt Dekoration, Zeitgeräusch. Die Literatur muss dagegen immer schlafmützig wirken.

Lem erzählte schon in den 60iger Jahren eine Geschichte über Roboter, die sich gegenseitig Liebesbriefe schrieben, in denen sie sich mit „mein allerliebstes Röhrchen“ oder mein „glühendstes Drähtchen“ anredeten. Die Liebesbriefe waren unterschrieben mit „dein ewiges Elektrönchen.“ Eine Behörde, die davon Wind bekam, lies die Roboter zur Heilung in eine Anstalt einweisen. Aber auch dort schoben sich die Maschinen weiterhin Briefchen durch die Türschlitze.
Wer braucht noch ein Foucault nach solchen Geschichten. Zu dieser Art von geistesgegenwärtigem Witz hatte es die Literatur in Deutschland in den 60iger Jahren Hans Werner Richters wohl kaum gebracht.
Es gehört es zu den großen Ironien der DDR/BRD-Geschichte, dass man in den 80iger Jahren bereits das meiste von Lem in der DDR zu lesen bekommen hatte und ihn hier bereits als wissenschaftlichen Schriftsteller kennenlernte. Er unterflog oder überflog mit seinen Themen jegliches Zensurradar, weil er cleverer Weise etwas tat, das zu dieser Zeit und bis in die späten Nuller Jahre hinein ganz unbekannt war: Er betrieb wissenschaftliche Poietik. Heidegger hätte so etwas Denken genannt. Blätterte man nach der Wende in Buchhandlungen durch deutschsprachige zeitgenössische „Philosophen“ – langweilte man sich zumeist, weil man in Deutschland eher Jargonwettbewerbe und verbale Positionierungskämpfe austrug, nach dem Motto – wer formuliert am Witzigsten, wer drechselt die hübscheren Sätze oder wer ist der demokratischste und undoktrinärste Kommunikationstheoretiker aller Zeiten. Habermas, Sloterdijk, Luhmann etc…waren, verglichen mit Lems Technopoietik, typische deutsche Nachkriegserscheinungen. Absolut notwendig. Völlig richtig. Sehr in Ordnung. Manchmal super witzig. Herrlich ironisch. Nur leider eben denkerisch eher still, technisch nicht auf der Höhe.

Ansonsten galt für die gute alte Literatur: Wenn sprachliche Affekte aus einem Queneau-Katalog abholbar geworden waren, dann stand die so genannte gekonnte Grammatik  ab jetzt nur noch in einer rein technischen Funktionsbewertung  – wie eine Tiffany-Lampe oder wie bestimmte Schokoladensorten. Es schmeckt einem oder es schmeckt einem halt nicht. 

Stilübung Nr. 17 dazu:

„Mir schien, als sei alles neblig und perlmuttern um mich her, ich nahm zahllose und undeutliche Wesen wahr, unter denen sich indes die Gestalt eines jungen Mannes abzeichnete, dessen zu langer Hals allein schon den zugleich feigen und widerspenstigen Charakter der Person anzuzeigen schien. Anstelle des Bandes trug er ein geflochtenes Seil um den Hut. Er stritt sich darauf mit einem Individuum herum, das ich allerdings nicht sah; dann stürzte er sich, wie von plötzlicher Angst gepackt, in den Schatten eines Ganges. Ein anderer Teil des Traumes zeigt ihn mir in der grellen Sonne, vor der GareSaint-Lazare wandelnd. Er ist in Begleitung eines Gefährten, der zu ihm sagt:“Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Darüber wachte ich auf.“

Der idosynkratische Psychoklasmus eines einzelnen Autoren war nach Queneaus „Stilübungen“ technologisch nicht mehr systemrelevant.
Dass ein Autor irgendwelche Sprach-Störungen hat, wen interessierte das noch, außer das unmittelbare Umfeld oder einen Therapeuten. Eine Fernseh-Dokumentation oder ein aufmerksamer Dokumentarfilm konnte ab sofort eindringlicher und umfassender zur Gegenwart erzählen als die Literatur. So, wie heute auch die wirklich starken amerikanischen Fernsehserien den narrativen Gegenwarts-Job übernommen haben. Im technologischen Medienzeitalter nach Queneau oder Musil kann die Literatur nicht mehr die Höhe erreichen wie noch zu Zeiten Hölderlins. Aber sie wird natürlich immer wichtig bleiben als Hobby oder Zulieferbetrieb für die technologischen Künste.

Die rein individuelle Sprach-Störung, auf die sich die Kunst als Kunststörung bis dato immer so viel eingebildet hatte, sagt im technologischen Zeitalter nichts mehr aus. Weil es keinen Unterschied gegeben hat zwischen einem gut designten Papierkorb und einem gut designten Buch. Beide Gegenstände gehören in die techné-poietische Wechselwirkung von Funktion und Dysfunktion – und damit eben zur HochKultur. Ein Mülleimer neben dem Schreibtisch hat informationell betrachtet die selbe Wertungs-Kultur wie ein Vers oder Satz auf dem Schreibtisch. Es wirkt eben deshalb nicht wertlos oder zweckfrei, ein Buch für den Mülleimer zu schreiben – weil genau dafür sind Mülleimer – als kulturelle Einrichtungen – erfunden worden. Weil ein Mülleimer neben dem Schreibtisch Texte besser macht. Ein Papierkorb neben dem Tisch ist ein Schreibgerät. Wer ihn nicht mindestens so oft benutzt, wie seine Tastatur, hat das Schreiben im technologischen Zeitalter nicht erreicht.
Darüber hinaus gilt: In einer zivilisierten und technologischen Medien-Kultur gibt es keinen techno-poietischen Unterschied mehr zwischen einem Schlosser, Elektriker, Software-Ingenieur, Anlagenbauer und einem Buchschreiber. Jeder macht, was er am besten kann.
Ein Schriftsteller kann sein Buch so anlegen, dass es möglichst von vielen Menschen gelesen wird. Ein Schriftsteller schreibt für Leute oder er schreibt für den Papierkorb. Er kann sich entscheiden. Er macht aber seinen Job genauso gut, wenn er nur für den Papierkorb schreibt. Wenn ein Autor Sprachstörungen hat, dann kann er sie so veredeln oder umarbeiten, bis es nach Design klingt und beim Lesen Spaß macht. Ein Autobauer kann sein Auto so bauen, dass es möglichst viele Menschen fahren wollen. Er kann aber auch eine sogenannte Papierkorb-Studie bauen. Beide bedienen sich in ihren Bereichen einer Zulieferindustrie. Bei einem Schriftsteller wäre das ein Queneau-Katalog aus grammatisch-stilistischen Affekten, den er zusammen mit „Einfällen“ oder „Sujets“ zu einem Ensemble von funktionstüchtigen Einheiten montiert, welche man dann Roman nennt oder Geschichte. Seine indidviduellen Psychoklasmen kann er dabei bindend verwenden als Leim, Schrauben, Bolzen, Schweißpunkte, oder Lack. Darüber hinaus kann ein Schriftsteller auch Innovation wagen, wie ein Autobauer, in dem er die Blinker ein bißchen runder gestaltet oder höher setzt; oder eine neue Art von elektronischer Einparkhilfe in sein Buch einführt. Vielleicht riskiert er auch den Hybrid-Antrieb aus Denken und Schreiben. Aber da muss er sich bereits entsprechend einstellen auf eine kleinere Zielgruppe.
Auch Autobauer riskieren manchmal „ungewöhnliche“ Entwürfe – aber das wird in allen Prozessen von der Produktion bis zum Marketing zumeist streng durchkalkuliert, zum Beispiel, in dem man von vorn herein eine kleinere Zielgruppe oder Käuferschicht anvisiert. Alle aufgewendeten Energien sind dann so dimensioniert, dass selbst ein sogenannter Totalflop für die Konzernbilanz noch verkraftbar bleibt.

Die Nachkriegszeit brachte (leider) etwas sehr Altes in die Sprache zurück – den großen allgemeinen – moralisch erlittenen Überbau, der plötzlich wieder für alle galt, die kollektive Er-Fahrung als Er-Fährnis und Ge-Fährt von Leid, Macht, Ohnmacht, Verlust.  Und warf damit den spielerisch-technologischen Apparat von Queneau tief zurück ins 17. Jahr- hundert. Die Diskussionen der Gruppe 47, wenn man sie an Raymond Queneaus Zuliefer-Katalog mißt –  waren jungvergreiste Wiederholungen von etwas lange schon Bearbeiteten. Komplett überflüssig. Aber als Feuchte-Schwammpilz waren sie damals unvermeidlich, wahrscheinlich notwendig.

Man hätte seit 1947 immer sagen müssen: Das hat Raymond Queneau alles schon besser durchgespielt.

Aber Deutsch ist eben nicht Französisch. Im Deutschen wirkt vertrakter Weise – noch viel stärker – ein ganz überpersönlicher Tiefen-Sog in der Sprache, der sich im besonderen Fall als Dichtung bemerkbar macht. Das deutsche Wort Dichtung und das, was es meint, ist eigentlich für andere Sprachen unübersetzbar. Es zwingt das Denken in die Ver-Dichtung hinein und damit in das strömende – wesenhaft verdichtende – Gedächtnis. Nichts ist läppischer für Dichtung im Deutschen als der sogenannten „eigene Stil“. Der „eigene Stil“ oder „die eigene Stimme“ wirkt im Deutschen immer läppisch. Wenn man ein Ohr für den überpersonalen gedenkenden Sog des Deutschen ausgebildet hat. Je näher man sich darauf einläßt, desto unpersönlicher, aber umso zwingender erscheint das Sagen.

(Deshalb bleibt die Forderung: „Schreibe kein Zeitungsdeutsch und benutze keine abgegriffenen Floskeln, sei originell und rede „deine eigene Sprache“ immer zwiespältig. Weil gerade die sogenannte Floskel manchmal etwas zu sagen hat, das wichtiger und gewichtiger wirkt, als der individuelle Psychoklasmus eines Einzelnen. Denn die Sprache, die alle sprechen, hat einen Grund, warum. Der Grund, warum man zum Beispiel im Deutschen sagt: „Wo-rum geht es. Wo-rum handelt es sich“ oder auch: „Das ge-fällt mir“ )

Ausnahmen, Ausnahmen, Ausnahmen, beide Teile Deutschlands hatten ihr Leben und ihre Literatur. Kempowskies Echolot war ein wichtiges und wertvolles Projekt. Trotzdem bleibt da nach der Lektüre von H.W. Richter ein Stachel. Vor allem, wenn man das parallel zur F.J. Raddatz liest. Die Einsicht einer kompletten teleologische Wirrnis bis zur totalen Sinnlosigkeit jeglicher „ästhetisch“ diskutierten Sprache. Wenn ich so drüber nachdenke –  meine eigene Sprachprägung durchmisst verschiedene Klimazonen. Kindheit/ Frühe Jugend DDR-Sprache/Funktionssprache Technik-Ost/offizieller Propaganda-Sprech und inoffiizell-subkutaner Volksmund/ plus gelesene Literatursprache Prosa/Lyrik west-ost-, erst mehr Pflichtfach russisch/dann englisch / späte Jugend in Wende-und Nachwendezeit/Rhythmus-Ohr durch Theatersprachen aller Art von Hochklassik bis Psychokitsch bis Horror/ Filmdialoge/dann neu und aufregend: Sprachen der Wirtschaftskommunikation, der ganz direkte Werbetext/Dramaturgie /Film/Funk/ Soziologie/ Philosophie/Technik – und immer wieder mündlich: Gespräche mit verschiedensten Menschen. Der Volksmund. Ich bin froh, kein grammatischer-Fach-Idiot zu sein. Oder zumindest ermöglichen mir die vielen Klimazonen, ganz gut abgleichen zu können, wann und warum ein deutscher Text etwas sagt und wann nicht.

Die aufreizende Erkenntnis ungefähr 10 Jahre nach der Wiedervereinigung lautete: In der alten/neuen Bundesrepublik herrschte zwar Gedankenfreiheit aber für viel zu wenige Gedanken. Die Gedanken-frei-heit. In bestimmten Bereichen hatte sich ein seminaristisches Wichtigwelsch und Blähdeutsch etabliert. Die Sprache in vielen sich als philosophisch ausgebenden Büchern war psychosozilogistisch jargongebläht, seifenschaumartig aufgeplustert, oder schwer verfärbt und gebremst mit spätfranzösischer Tertiärphilosophie aus den  80iger Jahren. Andere kultivierten ein Unwohlsein zur Unwohlfühl-Literatur. Aber es gab auch hier Ausnahmen, wie Oswald Schwemmer, der ein toller Philosophievermittler ist. Nur prinzipiell fand sich in Deutschland nicht viel Neues nach Schelling, nach Ernst Mach oder Heidegger. Außer dann eben interessanterweise in der operativen Physik.  Schelling war bereits auf der Höhe Ernst Machs, Gödels, Einsteins  und den „Problemen“ der kosmologischen Physik gewesen. (Ernst Mach muss hier überhaupt einmal ein gesondertes Kapitel gewidmet werden. Er scheint so etwas wie ein Loch im philosophischen Kanon von Europa zu sein) Aber, und das war dann sehr wichtig, man bekam jetzt auch viele Bücher von Gregory Bateson und einigen emigrierten Denkern der Ernst-Mach-Schule/Wiener Kreis. Nur kam das eben nicht aus Deutschland, dafür aus den USA. Und die Literatur?  

Ein  Teil des literarischen Lebens des geteilten Nachkriegs-Deutschlands war nicht einfach nur Kitsch, nicht hoffnungslos bräsig, nicht ausnahmslos stickig oder Wachsfigur, nicht immer nur Gelsenkirchener Barock. So würde ich jetzt den Vater der „Gruppe 47 “ –  H.W. Richter selbst –  zu den interessanteren Schreibern zählen. Seine Aufzeichnungen machen regelrecht neugierig auf seine eigenen Romane.

Der unheimliche materielle Wohlstand, der sich ab 1955 bis etwa 1979 in der alten Bundesrepublik ausbreitete, weist hin auf eine historisch unwiederholbare Episode, auf eine Art Gegenamplitude nach den Abgründen des Zusammenbruchs von 1945. Keinem Land auf der Welt ging es jemals so glänzend wie der alten Bundesrepublik in jenen 20 Jahren zwischen 1955 und 1979. Vielleicht noch Schweden. Das wäre mein Dank an alle Ärmelhochkrempler damals, das muß ausdrücklich gesagt sein. Eine fleißige Generation. Diese Generation durfte erleben, wie etwas aus Trümmern wieder ganz wurde. Etwas wieder ganz machen, etwas konstruieren, ist natürlich am Ende erhebender als etwas kaputtzumachen. Man könnte sagen: Die eigentlichen Dichter,  die eigentlichen Künstler der 50iger und 60iger und 70iger Jahre waren die Aufbauer und Wiederaufbauer, die vielen Ingenieure und  Ärmelhochkrempler, die mit ihrem wirtschaftlichen Fleiß dafür gesorgt haben, dass ich heute in einem halbwegs gediegenen Deutschland lebe. Danke dafür. Und Riesendank auch an die USA für den Marshall-Plan.

Zu den nach wie vor nicht wirklich verwundenen Effekten jener Zeit nach WK2 gehört die Tatsache, dass Nachkriegszeiten eben nicht stille stehen, in Starre verharren und trauern, diese Nachkriegszeit schon garnicht. Sie konnte es sich nicht leisten. Das ‚Es muss jetzt aber weitergehen‘  hatte einen Drive, der beinahe ebenso drängte, schob und beschleunigte wie der schlimme Krieg davor.

Nur kann man halt nicht alles haben: Für Literaturen war diese Zeit offenbar schwierig. Für Sprachen, die sich in ihrem Selbstverständnis entweder im Dagegen-Sein, in der wiederbürgerlichen Einmümmelung oder im formelhaften Wichtigwelsch irgendwelcher Ästhetikdebatten positionieren wollten. Unter solchen Prämissen gedeihen bestenfalls Spiegelgefechte, wiederaufgekochte Klassizismen, muffige Stoa, Repräsentationstete oder eben die stillen Aufzeichnungen von H.W.Richter. Weil die Wirklichkeiten ausserhalb der Literatur immer viel stärker und schneller sind/waren – als das erinnernde und nachlaufende Wort.
Die technischen Ver-Dichter, die Ingenieure und Technologen hatten hier das Sagen als Wieder-Aufbauer. Dazu kam noch der kalte Krieg. Eine enorm komplizierte Situation. Sprache oder das Erzählen lebt prinzipiell vom Erinnern.
Draußen vor den Schreibtischen der Schriftsteller tobte der Wiederaufbau. Aber über dem Ganzen schwebte der unheimliche Himmel des Kalten Krieges. So eine Situation war sehr sehr kompliziert für Literatur.

Es sei denn, man gehörte noch einer älteren Generation an, wie damals H.W.Richter, Wolfgang Koeppen, oder Joseph Beys, Max Bense oder auch, ja..der frühverstobene Wolfgang Borchardt… Paul Celan.

Jetzt lese ich H.W. Richters  Aufzeichnungen, die ich sehr ansprechend geschrieben finde, aber nicht wegen der Enthüllungen oder des Schlüssellocheffekts – dass sich im  weichen Kern der Initiative „Gruppe 47 “ nicht gerade die literarischen Highlander tummelten, war ja länger schon bekannt  –  aber aufschlussreich finde ich Richters Schilderungen zum Verhältnis der Schrift-Steller zur Technologie und zur Raumfahrt. Das muss ich aber einmal gesondert beatmen. Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch.

Bei Hans Werner Richter findet sich die  hohe Schule des witzlosen Schreibens. Keine doppelten Böden in der Aussage, keine musikalischen Kadenzen im Satzbau, keine lustigen Wortschöpfungen, kein Kitzel in den Kommatas, keine semantischen Kringel, keine Anspielungen. Nominalsätze. Aber das nicht ‚tastend‘, gerade nicht ‚bescheiden im Nebel‘, ganz ohne dieses ‚Es könnte vielleicht auch’…nein – einfach so: Es könnte nicht. Es ist hier in der Sache. Klar gefragt oder gesagt. So einfach kann gute Literatur sein. Immer da, wo sie einen klaren Berichtscharakter annimmt, ist sie gut. Aufzeichnungen eben. Wenn es aber so klar und einfach sein kann – worüber und warum wurde dann soviel zur Literatur diskutiert damals? Und was war es, das die „Gruppe 47“ später so verdächtig machte?
Der Hauptpunkt war wohl, dass Richter als Gründer der Initiative in seiner Prämisse einem schwierigen Balanceakt folgte. Einerseits wollte er die Literatur frei halten von jedem keifenden, dogmatischen, kommunistischen, spätexpressionistisch lärmenden oder gar neonationalistischem Ideologie-Ton. Weil das die „Diskutierfähigkeit“ bei den Treffen eingeschränkt hätte. Andererseits bedeutete das aber auch: Die unmittelbare Vergangenheit aus der Literatur ausschließen zu Gunsten jener berüchtigten „Stunde Null.“

Die Amerikaner hatten nach dem Krieg Broschüren an die Deutschen verteilen lasssen, in denen stand drin, wie man in Gruppen-Diskussionen sogar noch am Ende verschiedener Meinung bleiben könne, ohne das man sich anschließend verhaftete oder an die Wand stellte. Das musste zunächst wieder neu gelernt werden. Die demokratische Normalität und die „Zivilität“ wurde gezwungenermaßen pädagogisch hinein behauptet. Daher kamen auch Richters Prämissen zur Gruppe 47. Das bedeutete zumeist: Ausschluß von vielen Stimmen und Tönen aus der Vergangenheit. So etwas blieb natürlich philosophisch betrachtet ganz schwierig, ein riesiges Dilemma. Später dann auch die klassische Geburtskrankheit vielleicht. Weil überhaupt jede Sprache und die deutsche Sprache, zumal wenn sie erzählt, auf die Vergangenheit angewiesen ist. Denn erzählen heißt IMMER Erinnern.

Der Geburtsfehler der gut gemeinten aber philosophisch unhaltbaren Richterschen Programmatik zur „Gruppe 47“  machte sich dann später in einem wohlgerundeten Normalitäts- und Diskutanten-Biedermeiertum  bemerkbar, in dem eine Art falsche Verbürgerlichung oder Frühverformung von Sprache anklang, die nichts mehr zu tun hatte mit den beschleunigten Realitäten sowohl der frühen Vergangenheiten als auch des technologischen Wiederaufbaus. An ihrem schlechten Ende landeten viele Literaturen, welche durch die Gruppe 47 gegangen waren, entweder beim Gelsenkirchener Barock oder später dann nach 68 bei einer sehr fragwürdigen Engagiertheit von  plötzlich wieder lange Haare und Kotelletten tragenden Männern, die sich hinein bogen in den 68iger Trend. Daraus kam dann sehr viel Unwohlfühl-Literatur. Die sogenannte Beat-Generation oder die Beat-Literatur gab sich zwar „links“ aber sie mischte am Wiederaufbau kräftig mit. Die 68iger Bewegung hat das Denken und die Köpfe freigepustet für neue Märkte, für neue Ideen – und die kamen dann von Steve Jobs und Bill Gates. Die 68iger haben den Kapitalismus gerettet und technisch liquide gemacht – was ausdrücklich zu begrüßen bleibt.

Bezeichnend aber für den Widersteit von behaupteter Normalität und Realität bleibt eine programmatische Äusserung von Wolfgang Borchardt (Draußen vor der Tür) kurz nach 1945: „Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre. Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz […] Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv .“

Das klingt nach dem frühen Rainald Goetz, einer der in den „fettesten“ Jahren der BRD gegen den Spiegel spuckte, sogar blutete – aber gesagt hat es Wolfgang Borchardt. Es wäre sehr leicht und einfach, solche Äußerungen zu belächeln als verwirrtes spätexpressionistisches Pathos  – wegen des „heiss und heiser geschluchzten Gefühls“; aber nee nee nee, das sagt jemand, der alles erlebt hat, darunter das Unwohnlichste in kalten russischen Wintern. Jetzt würde man denken, ausgerechnet so einer müsste sich doch nach dem wohl temperierten Klavier regelrecht sehnen. Ausgerechnet so einer müsste doch jetzt die Stille wollen oder das Leise oder das Raffinement oder das raffiniert Gebügelte – aber nein, er will, dass man zu BAUM wieder BAUM sagt, zu WEIB WEIB Und ein JA. wo es ein JA. gibt, und ein Nein, wenn es ein Nein braucht. Deutlich. Ohne Konjunktive. Wolfgang Borchardt wollte keine „gute“ Grammatik. Es war eine lange Zeit vergangen, bis man’s nach gefühlten 500 Jahren wieder begreifen durfte: Da wirkt im Deutschen ein Unterschied zwischen Lyrik und Dichtung.

Ironisch, witzig, parlierend schreiben, mit semantischen Kringeln und syntaktischen Mehrdeutigkeiten – das kann jeder, der so ein bisschen den Stift halten kann, aber wirklich witzlos schreiben… …das witzlose Schreiben, das so anspruchsvoll schwierig geworden war, gelingt  Hans Werner Richter in seinen  Aufzeichnungen vorzüglich. Für einen sprachlich in der ehemaligen DDR sozialisierten Menschen ist dieses Buch sehr wichtig. Danke an den CH-Beck Verlag für diese tolle Herausgabe. Die Gefahr eines jeden Künstlers: Er beginnt tastend, forschend, fahrend, frisch und voller Unruhe; aber  irgendwann findet sich etwas, das er gut kann, oder das er so la la nachahmt, das sich gut einpasst in seinen Weltbezug, vielleicht sogar gut ankommt; dann tappt er in die Bärenfalle des eigenen Talents; dann  reproduziert er sich fort-laufend selbst und wird zum Bediensteten eines Einfalls, einer Proportion oder eines Farbtons, der ihm an einem beschwippsten Nachmittag einmal gelungen war und der ihm fortan immer wieder gelingt in Variationen. Jetzt nennt er es „seinen Stil“ , – aber er weiß natürlich, dass das Blödsinn ist. Später dann möchte er den Tic oder die Masche wieder ablegen, aber es geht nicht mehr, denn er hat jetzt einen Namen. Gefesselt vom eigenen Namen im Atelier steht er dann vor der Leinwand und malt seinen Stiefel. Er unterliegt der Selbsteindummung durch Talent.  Aber im Grunde hat er alles richtig gemacht. Es geht ihm nicht schlecht. Aber es geht auch nicht mehr weg. Er ist jetzt – leider – ein Künstler – eine lebende Wachsfigur. Hans Werner Richters Aufzeichnungen sind ganz Stimmband, kaum Stimme. Das macht sie so stark.

Besonders wertvoll an diesem kürzlich erschienen Buch „Mittendrin“ wirken die Einsichten Hans Werner Richters zum Verhältnis der (deutschen) Literatur zur technologisch-zivilisatorischen Entwicklung. Richters Aufzeichnungen betreffen die Zeit, in der all das begann, was heute im Großen wirksam ist. Damals so genannt: „Die dritte technologisch-industrielle Revolution.“ Was daran so verwirrend ist: Richter selbst war damals schon so etwas wie ein Opa. Bereits 60ig-jährig aber denkt und registriert er offenbar moderner und zeitgemäßer als seine 20 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegen. Darunter schon die heute Prominenten. Der 60igjährige Opa Hans Werner Richter ist damals in der Einschätzung der globalen Entwicklungen einem Steve Jobs näher als die meisten seines Umfelds. Richter spricht von einer Generation, deren Lebensbewegung die ständige Neu-Anpassung und Umpassung geblieben war und als solche sich weiter bewegte, umpasste, vorpasste, nachpasste. Erst noch als ganz Jugendliche im Volkssturm und dann nach dem Krieg oder in Kriegsgefangenenlagern, es musste ja irgendwie weitergehen, umlernend gemäßigte Liberale, „Literaten“, „Künstler“ Dazu die üblichen Schanzen, kleine Rivalitäten… Nur zu dem, was eigentlich ablief, wirkte offenbar kaum Fühlung. Zur „dritten technologisch-industrielle Revolution“ wollte sich niemand mental verhalten. Was mich verwirrt: Die Aufzeichnungen von Hans Werner Richter wirken im Moment so, als seien sie das einzige wirklich literarische Dokument zur deutschen Situation in jener Zeit. Ich empfinde: Das sind gute Texte.

Mundpflaster könnte ich sagen, gemeint bliebe aber der Kuss. Vom Naschvollautomaten könnte ich sprechen, weil mir das Wort Schokoriegel zu profan erschiene. Heute Augenringverschluß nach Komabechern. Trotzdem war’n es (gestern) nur zwei Kasten Bier mit Flaschenöffner. Guck mal, ein Achgottchen! Und meine doch nur das Maskotchen.

Die Weise des verstärkenden Schreibens dreht sich aus der Weise des hantierenden Schreibens heraus. Einige philosophische Schriftsteller hatten sich ja in den vergangenen Jahren einen hantierenden Stil angewöhnt, der ziemlich altvertraute Dinge noch einmal besonders chic novelliert in den Vordergrund rückte. So wurde zum Beispiel hantiert mit dem Wort Vertikalspannung, anstatt mit dem langweiligen Wort Gravitation, die ja garnicht so langweilig ist, würde man sich tatsächlich in Philosophie interessieren, die immer eine physikalische Philosophie zu sein hat. Oder man hätte mit dem guten alten Wort Schwerkraft im Zirkel-Prozess Schellings realer – lichtender –  Philosophie nachforschen können, wenn man den Job der Philosophie ernst genommen hätte..

…im Prinzip wäre ja gegen einen rhetorisch-werblichen Aufputz der Philosophie nichts einzuwenden, weil auch Philosophie durchaus den Werbetext braucht und die vermittelnde Sprache.  Philosophie muss heute sich genau so verkaufen wie auch ein Auto. Die Philosophie hat das Recht, alle Sprachmöglichkeiten zu aktivieren wie ein Naschvollautomat. Insofern kann es manchmal sinnvoll sein, statt Kuss einfach Mundpflaster zu sagen und statt Kaktus eben unrasierter Sukulenten-Bohemien. Wenn es denn dem Image des Kaktus nützt oder das Küssen befördert – ja mei – warum denn nicht…dafür sind Werbetexte da.

..aber ein wirklich guter Werbetext funktioniert eigentlich noch ein bisschen anders. Er sagt nicht: Distinktionseminenz durch anthropo-machinale Innovationsdynamik. Er sagt: Vorsprung durch Technik. Ein guter Werbetext sagt: Freude am Fahren. Er sagt nicht: Euphorisierte Affektlage bei forciertem Dynamikkonsum. Daran sieht man, wie ein guter Werbetext, der sich von der Reclame unterscheidet, eben nicht bläht oder nuschelt, dafür genau das sagt, was Phase ist: Freude am Fahren. Manchmal sagt er es etwas verstärkender oder verspielter, aber trotzdem bleibt er in der Sache immer dicht am relevanten Punkt.

Tim Boson: Bauernfest nach Pieter Breughel, d. Ä.

Mein Mähdrescher Fünfhundertfünfzig – i der Serie T,
<Starfire – ITC im Lösungspaket mit Komponenten:
Klimaanlage, Driftkorrektur, AMS, Satellitensignal,
angezeigt hochaufgelöst im Monitor der Kabine,
rasiert das Feld auch nachts. Die Xenonscheinwerfer,
bei eingeschaltetem Autopilot – beinahe überflüssig.

Das Softwaretool, dimensioniert auf Mehrfachoption,
voreinstellbar nach Tonnage, Mahtgut, Feldausdehnung,
kommuniziert, wenn ich will, mit der Aussensensorik.
Feinanpassung der Messerwinkel an Luftfeuchtigkeit
erfolgt per Knopfdruck (samt Gebläsedrehzahl) dynamisch.

Die Agrarmanagement Systemlösung Doppelpunkt:
Übersichtliche Datenverwaltung am Halm optimiert
Maschinenauslastung, Gewinnmitnahme, Kalkulation,
und erhöht, bei gut reguliertem Verhältnis Investment
versus Verschleiß nachhaltig das betriebliche Endergebnis.

Von Hand selbst umzuschalten wäre nur das Programm
des Fernsehers, digital, Buchse hier neben der Lenksäule,
sechspolig ausgelegt, ist Mehrfachadapter, optional
verwendungsfähig für Handy, Tuner, Kaffemaschine.
Bei Weizen guck ich ARTE, bei Roggen gerne mal Pro 7.

Noch Fragen?

Eine Philosophie oder das Denken nach der Philosophie muss sich deshalb nicht gegen das Philosophiemarketing oder den guten Werbetext verwahren, wohl aber gegen schlechte Werbetexte oder gegen Philosophievortäuschung. Denn die Philosophie, so hat mal jemand gesagt, sei ein  Baum. Aber dieser Baum blüht nicht, weil Kollibris in ihm brummen, oder Schmetterling oder Elfen und kleine Äffchen darin herumklettern. Sondern die Kolibris brummen darin, weil der Baum blüht. Der Baum war VOR-HER da. Der Baum der Philosophie blüht, weil er ein Baum ist, der wie alle Bäume in einem Grund wurzelt. Und seine Wurzeln reichen in ein Grundwasser der Grundfragen hinab, und seine Blätter wechselwirken in Clorophyllprozessen mit dem Licht und der Dunkelheit, mit dem Wind, mit den Jahreszeiten, mit dem Rhythmus von Tag und Nacht. Das ist der Baum der Philosophie. Die Philosophen sind sein Holz, seine Wurzeln, seine Äste, sein  Atmen, seine Blätter und seine Früchte. Ihre Fragen ziehen osmotisch, kapillarisch das Grund-Wasser aus der Grund-Strömung, und ihre Denkbewegungen im Rauschen der Blätter können Kohlendioxyd in Sauerstoff umwandeln und per Abgabe von feinstem Wasserdampf das Klima verbesssern oder ein wenig atembarer machen, während Blüten und Früchte das Auge oder sogar den Magen nähren.  So funktioniert der Baum der Philosophie, wenn man ihn denn als Baum beschreiben wollte, der wächst und lebt und gedeiht, also immer unterwegs bleibt.

Den gut geschriebenen Werbetext kann man wie gut geschriebene Gebrauchsanweisungen (es gibt auch schlecht geschriebene) zur relevanten zeitgenössischen Sprachbewegung zählen, das heißt: Zur Philosophiekultur und zur Literaturkultur. Eben gerade deshalb, weil der Werbetexter niemals von sich spricht. Er übt täglich das anonyme Sprechen. Er spricht für eine Sache, einen Dienst, für eine andere Person oder im Auftrag einer Technik. Insofern wäre der Werbetexter so etwas wie ein Ghostwriter / Geistschreiber.  Dafür geht er täglich durch eine große Übung, die manchmal die härteste Sprachübung überhaupt sein kann. Beinahe schon eine Art Drill. Er muss einerseits seine persönliche Stimme, sein ganz eigenes psychoklastisches Sprechdingsbums so weit beruhigen und anonymisieren können, dass möglichst nur noch das Produkt oder die Dienstleistung spricht – er muss sich selbst gläsern machen – syntaktisch unsichtbar, aber andererseits muss er im Auftrag einer Sache sprexeln und spielen können und dann, an der richtigen Stelle, wo es passst und stimmt, kommt er dann auch straff auf den Punkt.

Die Anforderung des In-vielen-Zungen-Sprechens und des Sich-selbst-gläsern- haltens  – setzt voraus, dass ein Werbetexter sich nicht nur für sein Handwerk oder sein Handwerkszeug, für die Sprache, für die Filme, für die Bilder interessiert; er muss sich zudem immer hineinlassen in die jeweilige Materie. Und Hineinlassen meint zunächst Hineinlassen. Meint zunächst gar nicht erfinden oder phantasieren. Und diese Materie, in die er sich hinein lässt -lässt er auch in sich hinein – heißt zumeist: Dingsprache, Menschensprache. Gegenwartsprache, Techniksprache, Wirtschaftssprache, Lebenssprache, Innovation. Man könnte auch sagen: Sein sprachgebendes Element ist Frau und Himmel, Zahnrad, Bier, Brot und Scheiße. Es dürfen ihn deshalb und darüber hinaus durchaus auch Heidegger, die Bildzeitung, das Internet, Schlager, das Theater und Gedichte interessieren. Sogar die Lyrik.  Denn all das gehört in den Sprachraum, aus dem er schöpfen kann. Aber die hohe Schule eines guten Gebrauchstextes und Werbetextes bleibt noch immer oder gerade deshalb das klare, unmiß-verständliche Sagen –  in dem möglichst viele Menschen zur Sprache kommen in einer ungefähr ähnlichen Weltinterpretation:

Die Pommes-Offensive: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketschup oder Mayo satt.“

Deutlich. Heidegger würde sagen: Hier west die Sprache an. Man könnte bei der Pommes-Offensive beinahe schon, aber jetzt in einem positiven Sinne von einem Jargon der Eigentlichkeit reden. Da weiß man wieder, dass Sprache nicht immer nur um den Mund herum redet. So ein Text steht einer Hölderlin-Elegie „Brot und Wein“ viel näher als manches seminaristische Wichtig-Welsch. Daran sieht man, wie auch innerhalb einer  komplexen Zivilisation die Sprache nicht immer und überall in geblähtes Geschweife und kolloquiale Bescheidhuberei zerfällt. Hier in der Pommes-Offensive bewahrt sie sich ihren klaren und sagenden Charakter mit einem unmißverständlichen Sendungs-Auftrag: Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt. Da fällt mir gerade ein, wie die berühmte babylonische Sprachverwirrung in dieser ersten legendären Stadt oft fehlinterpretiert wurde, in dem man unterstellt hatte, sie beträfe das Zusammenleben verschiedener Ethnien oder Kulturen auf engstem Raum, die sich dann eben wegen verschiedener Sprachen verwirrt hätten.

Aber das kann eigentlich nicht gemeint gewesen sein. Man versteht sich doch in elementaren Angelegenheiten, wie zum Beispiel beim Essen und dem Trinken immer sehr gut mit allen Nationen. Und eigentlich sogar beinahe wortlos.  Der Türke fragt mich: Wüsstu schafff? Und ich sag: Nee, heut ohne. Und er lässt die scharfe Sauce weg. Von Sprachverwirrung kann hier keine Rede sein. Beim Chinesen sage ich einfach eine Zahl. Zum Beispiel: Die 19 bitte. (Mathematik dann doch als Sprache der Welt?) Und er versteht mich auch. Die eigentliche Sprachverwirrung wirkt nicht zwischen verschiedenen Ethnien oder Kulturen. Weil gerade verschiedene Kulturen sich gegenseitig im Umgang miteinander zur Substanzialität anhalten und nicht zur Verkomplizierung.

Die Sprachverwirrung kann innerhalb ein und derselben Kultur einsetzen, gerade dort, wo sie damit beginnt, „Kultur- Kultur“ oder „Geschmacks-Geschmack“ kulturzuüberkultivieren. Auch unsere Zivilisation neigt irgendwann zu Doppelbildern auf der Netzhaut oder im Gehirn. Wenn bestimmte Reflexionsprozesse durchlaufen wurden, dann verdoppeln sich bestimmte Reflexe zu Doppelreflexen. Aus dem Film wird dann der Film-Film, aus dem Roman der Roman-Roman, gemeint ist ein besonders romanhafter Roman, oder man erhält das Doppelbild der Frau-Frau, die (jetzt wieder) besonders frauliche Frau, den (jetzt wieder) besonders männlichen Mann als Mann-Mann, die philosophische Philosophie-Philosophie des Philosophie-Philosophierens. Oder man trinkt einen Kaffee-Kaffee.

Wie in der gediegenen Filiale einer Kaffe-und-Kuchen-Franchise-Kette. Nicht mehr ganz aktuell, aber man kann das noch einmal anführen. Ein alltagssprachlich begabter Satz wie: „Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“ wird hier plötzlich zu einer Sprache, mit der man sich verdächtig macht; oder als zu bemitleidender Kaffee-Komplett-Idiot und Eingeborener seiner sehr simplen Wunschwelt mit einem Mal sehr hilfsbedürftig und sprachbehindert erscheint.

Hier muss man sich als ausgebuffter Kaffee-Erlebnisweltmeister und Geschmacks-Papillen-Professor durch ein Tausend-Meilen-Reich oder eine ganze künstliche Bibliothek von Alexandria in Sachen groß-klein-dick-dünn-schaum-Coconut mit oder ohne Rum-Aroma zu seiner Tasse Kaffee hindurchstammeln –  oder aber, wenn man die Spezialgrammatik einmal drauf hat und zum federnden Establishment der –  tja –  eben der Kaffeeweltbürger gehört und Bescheid weiß, gibt man dann eben seine Bestellung in Spezial-Esperanto auf. Lässig parlierend.

Der Effekt einer solchen Sprachverfeinerung folgt natürlich der thermischen Ding-Verfeinerung und Auffächerung von Wunsch-und Wahl-Dingen zu Wunsch-und Wahl-Grammatiken; das ist ganz normal, gehört eben zum Luxus und zeigt überhaupt nichts Schlechtes.

Aber in einem hypnotisch halluzinatorischen Selbstlauf der Weltzerbröselung und Feinverstäubung  zu immer kleinteiligeren Wunschwelten und vaporisierten oder aufgeschäumten Wahlgrammatiken kann es dann passieren, dass irgendwann niemand mehr weiß, was „eine Tasse Kaffee“ einmal war. Oder dass der Kaffee sogar ganz verschwindet. Dann bekäme man irgendwann nur noch getürmte Milch-Bläschen (Achtung – Turm, Babylon), zu Coconut-Aroma aber keinen Kaffee mehr.
Weil die spezialgrammatische Vaporisation und Kleinteilung von Weltverhältnis zu einer Verpuffungsreaktion führen kann wie bei einer Klein-Teilchen-Staubexplosion, in der „die Tasse Kaffee an sich“  sich in die quasi-metaphysische Sphäre des „Dings an sich“ hinein verabschiedet. Aber an der Angebots-Tafel oben stünde dann immer noch vor jedem Spezial-Esperanto das Wort „Kaffee“. Spätere Generationen könnten  dann als  Nachgeborene gar nicht mehr wissen, dass Milchbläschen mit Coconut-Aroma eben kein Kaffee mehr ist.  Die „Tasse Kaffe“ hätte sich  dann zu einer quasi- metaphysischen Größe verflüchtigt, zu einem „Ding an sich“, dass wir ja nach Kant niemals erkennen können u. s. w…

Deshalb hier noch mal zur Sicherheit für den Kalender: Eine Tasse Kaffee war zu ihrer Zeit keine nurmetaphysische Größe oder ein Wortspiel, kein Kantisches „Ding an sich“, sondern real existierend. Es handelte sich um ein rundes Gefäß mit einem Durchmesser von etwa 8 cm und einer Gefäßtiefe von etwa 5 cm. (Kleine Abweichungen in beiden Richtungen von etwa 1-2 cm,) Das Gefäß-Material heißt Porzellan und wird in diversen Enzyklopädien näher beschrieben. Die „Kaffee“ genannte Flüssigkeit darin zeigte eine tiefbraune bis schwärzliche Färbung und entsprach einem wassergelösten koffeinhaltigem Sud. Dieser wurde erzeugt, indem man kochendes Wasser durch das Mehl von gemahlenen Kaffeebohnen laufen ließ, das man in ein feinporiges Sieb, ein Netz oder ein Filter (sog. Kaffeefilter) hinein portionierte und für den Zeitraum des Durchlaufs über dem Gefäß installierte. Die Stärke des Suds, seine Färbung und der Coffeingehalt war optimal eingestellt, wenn die Flüssigkeit die Tasse (bei oben angegebener Bemaßung) bis kurz unter den Rand befüllt hatte und  bei In-Augenscheinnahme durch einen Prüfblick  in das Gefäß-Innere hinein der Boden des Gefäßes nicht mehr erkennbar war. In einer abgewandelten Version des Brauchtums „Tasse Kaffee“  wurde die Flüssigkeit aufgehellt mittels einer kleinen Portion Milch, die man in so genannten Kaffeehäusern oder Restaurants in einem kleinen Kännchen dazu gestellt bekam. Manchmal nach Absprache mit dem Bedienpersonal und manchmal auch unabgesprochen einfach als alternativ-obligate Zugabe.

Da man als Bürger einer komplexen Zivilisation heute ungefähr fünf sechstel seiner Lebenszeit damit verbringt, Spezialgrammatiken regelrecht zu büffeln, sei es vor einem unergonomischen Fahrkartenautomaten in Bedienungsanleitungen oder beim Bestellen eines Kaffees, kann daraus peu a peu der Lebensirrtum erwachsen, der da lautet: Sich spezialgrammatisch auskennen sei wichtiger als etwas zu kennen oder gar Erkenntnis. Die Sprache des Kaffees sei wichtiger als der Kaffee. Der Fahrkartenautomat sei wichtiger als die Fahrkarte.
Tatsächlich können Wirklichkeits-Verhältnisse eintreten, in denen man zum Beispiel einfach einen bestimmten Zug verpasst, also ganz real nicht mit einem Zug fährt, wie man sich ursprünglich vorgenommen hatte – nicht etwa, weil das Geld fehlte, oder weil man den Bahnhof zu spät erreicht hätte, sondern ganz einfach deshalb, weil der Fahrkartenautomat keine Sprache spricht, die dem an sich trivialen Anliegen: „Ich möchte eine Fahrkarte von Hier nach Dort.“ mit einer ebenso trivialen Grammatik begegnet.   Stattdessen hat man es bei einem Automaten immer mit einer Abfrage-Routine zu tun, die dem Esperanto in der Kaffee-Hauskette nicht unähnlich ist: Mit. Ohne. Dick. Dünn. Groß. Klein. Coconut. Aber der Zug ist dann auch schon mal weg.

Als jemand, der in der DDR noch sozialisiert wurde, erinnere ich mich, wie ich die „Legende Westen“ damals so aufregend fand, weil, so hatte man  gemunkelt,  dort immer genau das zu bekommen sei, was man brauchte –  aber nicht das, was man nicht brauchte. Oder man hatte gemunkelt, dort könne man alles „einfach so sagen, wie es eben sei.“

Aber die Illusion des „alles einfach so sagen, wie es eben sei“ musste sich bald mit der Erfahrung auseinandersetzen, dass man außerhalb der Sphäre der Pommes-Offensive in eine geheimnisvolle Mehrdimensionen-Spiegelkammer von Interpretations-Interpretationen geraten war, insbesondere wenn man in Buchhandlungen aktuelle Philosophie vermutete – betrat man hier zumeist eine Kirmesbude, in der überhaupt nichts mehr so sein sollte wie es eben sei; in der ein BAUM nicht mehr BAUM sein durfte – und in der das einfache „So-Sagen“, geschweige denn das einfache So- Sein kaum noch möglich war.

Ein so genannter „Diskurs-Teilnehmer“, das galt auch für den stillen Zu-Hause-ein-Buch-Leser,  hatte sich zumeist mit seminaristischem Wichtigwelsch an der Diskurs-Zugangskontrolle auszuweisen. Obwohl er dann lediglich durch eine Geisterbahn geschickt wurde. Er musste erstmal beweisen, dass er falsches Wichtigwelsch richtig beherrscht. Mit „Tasse Kaffee“  oder „Pommes zu Ketchup und Mayo satt“ – kam man hier nicht mehr weiter.

Die babylonische Sprachverirrung meinte nie das Nebeneinander verschiedener Sprach-Kulturen. Sie meinte dass allmähliche Überblähen und Substanzloswerden von Sprache innerhalb der jeweils eigenen grammatischen Kultur. Besonders überraschend, geradezu überrumpelnd dann, folgte daraus die Einsicht, dass zum Beispiel Hegel oder Schelling oder Kant, niemals „schwierige Autoren“ gewesen waren – verglichen mit dem schummrigen Sprachgebrösel und dem klandestinen Wortspray zeitgenössischer philosozystischer Diskurse. Verglichen damit lasen sich Kant oder Hegel plötzlich wie leicht eingängige Comic-Hefte. Gegen Deleuzerrida-Kauderwelsch erschien Schelling mit einem Mahl wie ein gut durchrutschender Trivial-Autor. Und Heidegger entkleidete sich vor den lesenden Augen zu einer sehr angenehmen Courts-Mahler des denkklaren Sprachstils.

Luxus-Probleme, zugegeben. Aber in ihrer Gesamtheit kann die grammatische Verblähung eben am Ende zu einem babylonischen Turm-Einsturz führen, weil die innerlich aufgeschäumten Wahlgrammatiken die Wirklichkeiten nur noch schwer gebremst, verspätet oder gar nicht mehr einlöst. Dann kommt es zu einem permanenten grammatischen Wirklichkeits-Verzug von Sprache, die sozusagen immer ratloser vor dem Fahrkartenautomaten herumfummelt und dabei ihren Zug verpasst – oder – weil die Tasse Kaffe unerreichbar bleibt, plötzlich einschläft. Deshalb bleibt der gute Werbetext und der klare Gebrauchstext in einer Zivilisation so wichtig. Doppelte Ladung Pommes zum halben Preis mit Ketchup oder Mayo satt – erinnert daran, wie Sprache durchaus sagend bleiben kann ohne jegliche Verkomplizierung.

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