Das Auto und der Baum

Ein Autofahrer, der bemerkt, wie er in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert – was empfindet der?

Ich nähere mich in dieser Sekunde einem vom Frühherbst gefärbten – kanadischen – Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…?

Seine Wahrnehmung dürfte für die Sekunde, wenn überhaupt,
sich eher abstrakt einfühlen in die Situation:

Baum.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer nähert sich dem vom Frühherbst gefärbten kanadischen Zucker-Ahorn  – ohne Adjektive.

Sein BAUM hat keine Eigenschaften mehr. Er verliert alle Blätter und Äste, wird abstrakt, platonisch kahl.  Eigenschaftslos, wie ohne Licht.

Der Baum wird GEGEN-WART.

Die „Fähe“ zur Abstraktion scheint ein sehr alter Gang.

Der detailversonnene Naturfreund würde immer sagen:  (Sinn. Sonne. Versonnenheit.)

Den Baum – an sich –  gibt es garnicht.

Der Baum ist eine reine Mengenbezeichnung, eine Abstraktion.

Die technokratische Trockenheit, welche die Welt der kleinen liebenswürdigen Details und Unterschiede mißachtet und in  Mengen-Abstraktionen hineinreglementiert, sei das ganze Gegenteil von Wirklichkeit, ja es mißachte alle Sinnlichkeit und Versonnenheit.

Der aus der Kurve getragene Autofahrer aber befindet sich gerade in der sinnlichsten und wirklichsten Situation, die überhaupt möglich  ist. Er befindet „sich in Fahrt.“ Fern jeder Kontrolle über den Vorgang.

(Dem Eros darin sehr nahe. Zumal er gerade dabei ist, sich mit dem Baum im Konflikt „zu paaren“. – ) – ver-gleichen. ( )

Seine Wahrnehmung muss jetzt abstrahieren, um zu überleben. Er „hat gerade keinen Sinn dafür“ – sich darüber Gedanken zu machen, welche Art von Baum da auf ihn zukommt in welcher jahreszeitlichen Schönheitshypothese.
Jeder geklügelte Satz und jedes geblümelte Adjektiv wäre in dieser Sekunde zuviel.

BAUM!

Das gibt einen guten Grund zur Einsicht, wie die Fähigkeit zur Abstraktion aus der Gefahr kommt, b.z.w. aus der Geschwindigkeit und der Bewegung in die NOT-WENDUNG läuft.

Das Lenkrad herumreißen – JETZT! ) Re-Flex (

In der Bewegung ver-dichten sich alle Details zu abstrakten Mengen-Wesen.

Der Autofahrer muss den kanadischen Zuckerahorn „bannen“ oder „bändigen“,
in dem er ihn auf sein Wesentliches abstrahiert.

– BAUM!

Der Kampf des Autofahrers gegen den BAUM lautet jetzt:
Wer abstrahiert wen zuerst?

Man begegnet und schaut sich – „gebannt“.

Der Bewegte er-fährt selbst die stärkste Sinnlichkeit – während der BAUM, indem er kahl und abstrakt ohne Adjektive als „gebannte“ Mengenbezeichnung BAUM! auf ihn zukommt, sich gerade darin ganz besonders und plötzlich  verwandelt in einen sehr KONKRETEN GEGENSTAND . Ganz und garnicht abstrakt. Der BAUM wird auf eine unangenehme Art an-wesend.

Der Baum – kommt – auf  –  ihn –  zu.

Der BAUM! wird für den Autofahrer in einer Art und Weise konkret und sinnlich, wie es der „vom Frühherbst gefärbte kanadische Zucker-Ahorn, dessen windspiegelnde Blätter besprenkelt werden von einem whiskyfarbenen Licht…“ nie und nimmer gewesen war.

Autofahrer und Baum werden  zum GE-DICHT.

Diese Art der Ge-DICHTUNG markiert den poietischen Bereich aller
Er-Fahrung, die ihren Gegenstand aus der Bewegung  und der
WACHHEIT gewinnt. Sehr konkret in PAARUNG und
VER-MÄHLUNG in Gegenwart von Gefahr.

Das Ergebnis heißt: Sprachlosigkeit. Bann. Stummheit. MAHL. Gründung:
Handlung – NOT-WENDUNG – sprich: POESIE.

In der kahl-abstrakten Menge BAUM begegnet der Autofahrer dem WESEN
aller Bäume.

Er begegnet dem GEBÄUMTEN

Aber gerade dieses Wesen wird geboren aus Bewegung und Vermählung.
(Ge-Fahr)

Die Fähe zur Abstraktion kommt aus der Erinnerung von Ge-FAHREN. Abstraktion ist eine Not-Wendung, die wir in GEGENWART von Ge-FAHR vollziehen im erotischen Tausch von Details mit/gegen WIRK-lichkeit. Das Ergebnis heißt: Ge-DICHT.

Der umgekehrte Fall – die Liebe zum Detail des kanadischen Zucker-Ahorns – wäre die „Lösung des Banns“ –

– das Ge-DICHT lockert sich, entspannt sich (explodiert) in die Er-Zählung von Details hinein.

Es wird „Lyrik.“

(Vergleiche hierzu Totalenthalpie in einem Raketentriebwerk: Erhitzung – Verdichtung/Entspanung – Abkühlung – Lockerung)

Hier an dieser Stelle erkennt man, wie ein Erzeuger von Texten, gerade dann, wenn er besonders detailversonnen und beschreibungsfreudig daherkommt, selbst im Effekt der thermischen Abkühlung und Entspannung schreibt.

Sein Sprechen kommt immer postpoietisch – nach dem Ge-dicht.

Gelockert. Entfährdet. Entdichtet. Gelichtet. Auf-atmend.

Sprechen entspannt. Es lichtet. Es ent-spricht. Es löst das Dickicht. Es atmet auf.

Noch einmal Glück gehabt.

Literatur, die etwas taugt, macht sich bemerkbar, weil sie ihren Text in einem engen Verhältnis zur Sprachlosigkeit oder um die Sprachlosigkeit herum organisiert. Sie bezieht ihre Spannungs-Dichte aus einer Nähe zum Dickicht der Stummheit, aus der Nähe zum Moment einer poietischen Gefährdung.
Nur in einem solchen Verhältnis bleibt sie halbwegs entfernt vom Geschwafel,  dem bloßen „Stellen von Schrift“.

Jeder gute Schreiber kämpft sein ganzes Leben lang darum, kein Schrift-Steller zu sein. Meistens verliert er diesen Kampf. Dann „stellt“ er Schrift.

(Thomas Bernhardt: „Da schreiben sie, wie sie vom Haus in den Garten gehen, und schon sind 30 Seiten getippt.“)

Das Sagen sehnt sich nach dem Tod im Gedicht. Aber es ekelt sich vor dem Dichter.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s