Die Demut des Hohlspiegels

Der Gang des Blinden.
Ein Stock, der Stock, dieser Stock,
kreuzt er meinen Weg.
(Selbstzitat.)


Sich bewusst  – beugen – unter – ein Gesetz,
von dem man spürt oder ahnt, dass es größer und
mächtiger ist, als man selbst – so übersetze ich mir Demut.

Das Krümmen oder das Nieder-Beugen als philometrischer Beugungs-Akt
einer seelischen Sphäre der Ergebung in Demut  –  solches auf einen Hohlspiegel übertragen – ist das zulässig?

Das Unter-Nehmen, das Unter-Fangen: UNTER

Ist es erlaubt, einem Hohlspiegel, als einem technischen Gerät,
Demut zu unterstellen, weil er sich den Gesetzen
der Licht-Re-Flextion „förmlich“ unterbreitet/unterwirft.

Sich –  in Ergebenheit  –
geometrisch niederbeugt,  sozusagen unter-fängt,
zum –  Ergebnis – der Sammlung  – des Lichts?

Die Demut eines Hohlspiegels –

–  wäre dann ein philometrischer Akt der Ergebenheit.
Seine Beugung unter Lichtgesetze, das Sich-Aushöhlen, das Sich-Krumm-Machen, die förmlich stoffliche Erniedrigung einer sich beugenden und krümmenden, fast schon devot zu nennenden Metall- oder Glasfläche, deren Bestimmung sich ganz ergeben in seine hohlwangige Niederung hinein erniedrigt.

Dem Licht die eigene Leere unterbreiten.
Dem Allgewaltigen in Demut eine leere Schale sein.

Der Hohlspiegel, wie er in Selbstzurücknahme und „förmlicher“ Erniedrigung
jetzt im Hubble-Teleskop seinen ergebenen Dienst tut, gekrümmt, ergeben
und hohläugig sich ergibt als Diener den Gesetzen des Lichts, des Alls,
der stummen Schau.

Der Hohlspiegel, der das Licht Unter-Nimmt in seinem „leeren Grund.“

Warum interessiert mich dieser Übersprungs-Gedanke?

Es ist wieder Kleist.

Warum sprach Kleist davon, die Erkenntnis müsse
wie das Bild des Hohlspiegels gleichsam durch ein Unendliches gegangen
sein, bis es dann wieder „dicht vor uns“ trete?

Und was meint Heidegger, wenn er davon spricht, der Mensch halte
sich in einer „fernsten Nähe“ zum Seyn?

Die Philosophie tut sich bis heute sehr schwer damit,
die „harte“ physikalische Praxis auf einem philosophischen Weg
mit dem zu verbinden, was man Seele oder Moral nennt.

Man kann es auch so sagen:

Die Philosophie tut sich bis heute sehr schwer,
einen überzeugenden philosophischen Weg von der
Theorie hin zur Praxis zu formulieren.

Bisher galt  immer:

Philosophen reden und schauen nur. Die Macher machen.

Wirklich?

Der Hohlspiegel wäre aber nun ein
gebeugtes Instrument der Sammlung
und des Schauens, das von Machern gemacht wird.

Die Herstellung eines guten Hohlspiegels – dauert –  kostet –  Zeit, Sorgfalt,
Geld – (wieso „kosten“? Von was beisst man hier ab.? Wie schmeckt das?)
und bei den großen Exemplaren braucht es eine peinliche Exaktheit
von Technikern und Ingenieuren, die in komplizierten und  – dauernden –
Prozeduren sich ihrem Gegenstand solange peinlich genau zuneigen,
bis er endlich die reine Glätte und Krümmung im Ergebnis demütig
unter-breitet.

Ein großer und wissenschaftlich tauglicher Hohlspiegel ist heute
das Ergebnis von – unter-nehmerischer Techné.

Das Unterbreiten eines demütig eingebeugten Hohlspiegels, wie er im
Hubble-Teleskop hohlwangig oder hohläugig dient, verlangt das
Anspruchvollste an Techné, das Menschen bis heute
unternommen haben: Von raffiniertesten Glüh-Schmelz-Galvanik-und
Verhüttungs-Techniken, über moderne Oberflächen-Bedampfungs-Routinen,
bis hin zu laser-gestützten Prozeduren der Prüf-und Messvorgänge.
Sowie: Des Polieren. Das Herunterputzen.
Sogar die Handarbeit hat hier noch, oder schon wieder – ausnahmsweise –  ein Gewicht.

Der Hohlspiegel, der sich in einem „demütigen“ Akt geometrisch/philometrisch unterbreitet, die geometrische „Niederung“ oder „Erniedrigung“ einer sich senkenden Schale, die sich hohl macht, flexiert, damit das Licht des Alls sich hinein ergieße –

– entspricht sehr genau einigen scholastischen Erwägungen zum Gott-Welt-
Mensch-Verhältnis, sowie den klassischen Prozeduren der Wesens-Schau
bei den Askese- und Meditations-Vorschriften in der  Mystik.

Die asketisch-mystischen Prozeduren und „Versenkungen“ vieler Mönche waren
auf das „Leer-Werden“ gerichtet, auf das Sich-Beugen in die innerste Beuge von Demut. (z.B. Ignatius von Loyola und viele andere)

Das Sich-Zu-Einer-Leeren-Schale-Leerschälen, in Demut, darin sich etwas eingieße, gehört zu den großen immer wiederkehrenden Motiven scholastischer Erwägung und mystischer Askese. Die Demut als eine der Haupttugenden, wenn nicht sogar die  Haupt -Tugend vor allen anderen.

Die Pointe wäre, dass so ein demütiger bis devot gebeugter Hohlspiegel,
wenn seine Spiegeloberfläche in eine Ergebenheit von einigen
tausendstel Nanometern hineinpoliert, hinein-erniedrigt, plangemacht, regelrecht heruntergeputzt wurde, dann ein sehr teures Gerät bereitstellt,
eine ergeben gebeugte und sich erniedrigt habende High-Tec-Krümmung,
die im (scheinbar) säkularisierten Zeitalter an seiner Stelle den Scholasten
oder den demütig „schauenden“ Mystiker vertritt.

Als ein demütiges Gerät, „in seinem leeren Grunde“
gewidmet einem „Unter“nehmen, das dem Mystiker bereits
als Übung von Demut aufgetragen worden war: Schau des Lichts.
Wahrnehmung des Allgewaltigen. Als „Erleuchtung“ In seelischer
„Beugung“ und „Versenkung“

Bei den großen Spiegeln, den Einzelanfertigungen
unter den Hohlspiegeln, kann man davon sprechen, wie die
Macher selbst, die Ingenieure und Techniker, in dem sie
ausgefeilte und ritualisierte Prozeduren der Sorgfalt,
der Sauberkeit, der reinsten Reinheit(!), unter starker Abschirmung
in staubfreien Reinsträumen einhalten – darin plötzlich
selbst zu Mitgliedern werden eines geschlossenen Ordens, der in stark abgeschirmter „Klausur“  einer Reinstraum-Situation jetzt hermetischen (geheimnisvollen) Prozeduren nachgeht.

Man erkennt hier, wie das Unter-Nehmen „Hohlspiegel“ im
Akt seiner Herstellung – ganz automatisch – die handelnden Akteure,
die Ingenieure und Macher in „peinlich“  genaue Prozeduren („Pein“ – Schmerz)
hineinzwingt, in denen sie selbst – allerdings, ohne dass sie dies kümmerte – zu
Demütigen eines Ordens der Erleuchtung werden.

Im Kleistschen Sinne werden auch die Macher eines Hohlspiegels
zu Angestellten des Lichts. Die Beteiligten einer Hohlspiegel-Herstellung
sind wenigstens für die Dauer ihrer Arbeit Mitglieder eines hermetischen
Licht-Ordens.

Die „Macher“ eines Hohlspiegels – beugen – sich ebenfalls
den Gesetzen des Lichts. Das Gesetz drängt die Macher
in hermetische Reinsträume der Reinheit, bekleidet ihre Körper mit
seltsamen Kitteln wie Kutten und bedeckt ihre Köpfe mit
komischen Kapuzen und Haarnetzen. Damit keines Ihrer schmutzigen Haare
das Unternehmen „Hohlspiegel“ verunreinige.

Auch hier  – im Übersprung – erinnert man sich all der
religiösen Thesen von der „inneren Reinheit“ der sich
demütig  – beugenden – Seele

Die Macher eines Hohlspiegels müssen sich zunächst einmal selbst „rein“ machen, werden formiert  – freiwillig? unfreiwillig?
zu „pein-lich – genauen – Prozessoren der Reinheit ihrer Techné.

Die hermetischen und klimatisierten Reinst-Räume, die Ganzkörper-Kutten
und Haar-Kapuzen, die Gold- und Silberfolien, die ständig zu wiederholenden und peinlich genau einzuhaltenden Prozeduren des Messens und Polierens,
das Nachschauen, das Polieren, das Prüfen, das Abschalten, das Auftragen,
das Messen, das Wieder-Einschalten, das Polieren, das Wiederabschalten,
das Nachmessen, das Wiederanschalten, das Prüfen, das Wiederabschalten etc….

All das nimmt jetzt, im Gedanken-Sprung, unter den Bedingungen von klösterlicher Reinst-Raum-Klausur, zwischen Kitteln, Kutten und Kapuzen Gebets- und Ritus- Charakter an. Eine rosenkranzartige Praxis, in der gewisse Arbeitsabläufe wie auf einer unsichtbaren Schnur gereiht, nacheinander, aber sich doch wiederholend, in völliger Ergebenheit  solange wiederholen, bis der Hohlspiegel „IN FORM“ gekommen ist. Die Arbeitsschritte
werden regelrecht abgebetet.

Bei einem Hohlspiegel wie dem des Hubble-Teleskops kann das DAUERN.

Die Prozedur könnte man auch – im Gedankensprung – ein ITERIEREN nennen.
Ein schrittweises, durch wiederholtes Prozessieren routinisiertes Annähern an
ein Ergebnis.

Das leicht mechanisch wirkende Auf – und Niederwerfen der Oberkörper,
das ergebene Wippen und Kippeln in manchen Gebets-Ritualen vor Schreinen und Altären entspräche rein rhythmisch ebenfalls dem regelmäßigen An- und Ab-schalten der Poliermaschine – dem Prüfen, dem Wiederpolieren, dem Wiederprüfen, dem Wiederpolieren etc… dem Auf und Nieder der Poliermaschinen. (Ein excellenter Hohlspiegel für größere Teleskope wird niemals in einem einzelnen Arbeitsgang durchpoliert. Es handelt sich hier um ein rhythmisches von Mess- und Prüfvorgängen unterbrochenes „Nach und Nach“ oder „Auf und Nieder.“ oder auch ein „Hin-und Her“)

Die Prozeduren und Rhythmen, die ganze Gebets-Hermetik ist unbedingt einzuhalten, sonst scheitert das Projekt der GROSSEN SCHAU des Allgewaltigen.

Die Vorschriften und Prozeduren bei der Herstellung eines großen Hohlspiegels
wirken gleichsam – orthodox. Sozusagen streng und reinlich. Die Arbeitsräume
und Instrumente müssen – im Gedankensprung –  koscher sein. Das kleinste Staubkorn, oder irgendein Ding, ein Haar, womöglich sogar Bakterien und Schimmelpilze dürfen hier nicht – „rein“ !

Eine Verletzung der Regeln und Prozeduren, die Verletzung der Hermetik,
könnte den Hohlspiegel „unrein“ machen. Dann hätte er seine „reine“ Beugung verfehlt.

Wenn man sich das innerlich klar macht –

– so übernimmt heute ein Hohlspiegel „Die mystische Schau des Allgewaltigen“
Seine demütige Hohläugigkeit, sein gebeugtes Leersein, in seiner
„förmlich sich beugenden“ und reinen Niederung – wird von einem hochspezialisierten Mönchs-Orden mit Kutten und Kapuzen in „reinigenden“ Ritualen und Prozeduren orthodox erarbeitet.

Thomas von Aquin spricht in seiner Summa von „eingegossenen Tugenden“,
wobei er zwischen den Kardinaltugenden und den „eingegossenen“ Tugenden
unterscheidet. Das Verhältnis der Kardinaltugenden zu den „eingegossenen“
(infusa) Tugenden hat bei ihm den Charakter eines schalenartigen (gebeugten) Gefäß-Verhältnisses, das sich anschmiegsam oder „eingegossen“ zueinander
verhält.

Auch die Wortverwandschaft von Lehrer und Leere erinnert noch daran.

Meister Eckardt: „Nur der leere Mensch kann Gott gewahr werden.“

Gotthardt Günther sprach einmal von einer  „leeren Grammatik.“ (Kenogrammatik)

Überhaupt scheint die Vorstellung, dass der Wahrnehmungsapparat
im Vollzug von kontemplativer Wesens-Schau wesentlich in
einem sphärisch  philometrischen Akt des SICH ZU-EINER-LEEREN-SCHALE-BEUGEN, erfolgt, sehr weit verbreitet, wenn nicht sogar weltweit verbreitet. Und über die Jahrhunderte gehört dieses Motiv zu den immer wiederkehrenden Motiven der Wesensschau. (Wahrnehmung.)

Als ein philometrischer Beugungs-Akt der Ergebenheit, in dem die
kontemplativ gestimmte Seelenfläche sich leer macht, hohl macht,
in eine demütige Niederung sich asketisch niederbeugt.

–  für ein Er-Gebnis aus Ergebenheit.

Ich kann den Übersprungs-Gedanken des kontemplativen
ZUR-SCHALE-SICH-LEER-BEUGEN sogar noch erweitern
auf Radioteleskope, Radargeräte, SatelitenSCHÜSSELN, ja sogar
auf jede Art der „förmlichen“ Materialbeugung und Krümmung,
seien das jetzt Spiegel oder Linsen.

Noch der einfache konstruktive Bogen, den ein Zirkel schlägt…
am Beginn jeder technischen Konstruktion…..das Pi

….wenn man sich das innerlich klar macht –

– stellt sich die Frage, ob womöglich unsere gesamte
technologische Aktivität nicht mehr und nicht weniger als ein
philometrischer Akt der Demut ist. Eine Demut, die sich
unter das Licht BEUGT – konstruktiv KRÜMMT.

Oder noch anders: Wir selbst wären dann eine Kontemplation
von Gebeugtsein im Gebeugten. Des Alls.
Eine Beuge, oder ein sich einkrümmendes Krümmen, in die sich unsere technisch vermittelten Verhältnisse „eingiessen“ …. oder noch anders:

Erst eine bestimmte Ergebenheit im Ergebensein kann aus dem Grund ihrer
Schale (Krümmung) etwas sammeln, dann ver-dichten und dann schöpfen: Ein Er-Gebnis.

Man kann sich jetzt die Frage stellen, ob die
Relativitäts-Theorie(n), deren Hauptakte das LICHT
und die KRÜMMUNG sind, nicht eine Theorie der Demut und letztlich auch eine
Praxis der Demut genannt werden dürfen..

Denn immerhin bedurfte es wiederum einer „Optik“ ,
um sie letztlich zu bestätigen.

…die daran anschließende Frage könnte lauten: Was war zuerst da?
Das Licht, die gekrümmten Linsen und Spiegel und der sich beugende
Kreis-Bogen des konstruktiven Zirkels –

– oder waren die sich einkrümmenden Räume
der Relativitäts-Theorie(n) zuerst da?

Heute würde man sagen: Selbstverständlich sind wir selbst ein
Er-gebnis der Einsteinschen und im Universum real wirkenden
Krümmungs- und Beugungs-und Licht-Verhältnisse.

Aber dann kann man mit Heinrich von Kleist  auch weiter fragen:

Krümmen die Menschen den Spiegel?

Krümmen die Menschen den LHC in den Ring hinein?

Oder krümmt das Licht den Menschen und den Spiegel?

Werden wir selbst vom Licht – in die Demut gebeugt?

Die Demut des Hohlspiegels macht einen gedanklichen Sprung
in die „fernste Nähe.“  – die Heinrich von Kleist zuerst angedeutet hatte.

Ein Sprung, der die Unterscheidung zwischen vita kontemplativa und
vita aktiva, zwischen dem Schauenden, dem Philosophen und dem
UNTER-Nehmer, der etwas macht – aufhebt.

Das UNTER – in Unter-nehmer weist darauf hin, das UNTER allem Machen,
UNTER aller Aktivität, noch unter aller Sprache, ein Unter-Fangen wirkt,
das fängt, auffängt und empfängt….als ein Grund in einer Beuge einem Biegen
oder Krümmen. (Flexion – Reflexion)

Die dauernde Schale UM. Die sich einbeugende Schale des Wa-rum.

Daher rührt der weltweit verbreitete Instinkt, um so allgewaltiger wahrzunehmen, je mehr man sich selbst zu diesem Grund hin beruhigt, niederbeugt und sammelt.

Mit der Demut des Hohlspiegels hätte sich die Unterscheidung
zwischen „Philosophen“ und „Machern“ eigentlich erledigt.

Genau genommen hätte sich auch der gelegentliche lautwerdende
Vorwurf erledigt, unsere abendländische Zivilisation sei
transzendental irgendwie verlottert. Man sieht: Das stimmt gar nicht.

(Man könnte jetzt alle Technikphilosophen ärgern und sagen: Eigentlich gibt es gar keine Technik. Es gibt nur die Demut. Das ist: Die Beuge. Die Krümmung.

Die Demut nämlich ist das ganze UNTER-Nehmen

Mit all unseren technischen Linsen und Spiegeln, mit all unseren
gebeugten Schirmen, den hohlwangigen Sendern und ergebenen
Empfängern, mit jedem Zirkelkreisbogen der Konstruktion sind wir eine
demütige sich ein-beugende Zivilisation. Dauernd und Bedauernd. Philometrisch. Vielleicht hatte man es nur vergessen.

Fallen die beiden Begriffe Mystik und Scholastik heute, werden sie schnell
assoziiert mit Dogma, Denkverbot, Katheder-Regiment (Scholastik)
oder mit Dunkel-Munkel, Weltferne, Hermetik (Mystik). Die Assoziationen
sind nicht ganz unberechtigt, weil jede strenge Disziplin automatisch auch
ihre hypertrophen Auswüchse und Fehlveranstaltungen hervorschäumt.

Die strenge, zum Teil abgeschirmte Klosterei, Klausnerei und Askese
bestimmter Ordensrituale etc…waren nicht gefeit vor Innenschwachsinn und
allzu starrer Ritualbildung.  So haben einige Mystiker das Üben
der Demut und das Spiel „Leer und Rein Werden“ manchmal krass bis
sehr krass bis in die Selbstverachtung hinein übertrieben. Dabei das
Essen und Trinken ganz eingestellt, bis sie daran starben.

Die Scholastiker wiederum wurden gelegentlich der sprichwörtlichen
Haarspalterei bezichtigt. Sie haben Fragen gewälzt wie:
„Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze“ etc…
Die kuriosen Auswüchse mag es gegeben haben, und noch
einige andere mehr. Und es wirkten sicher auch gewisse dogmatische Regulierungen.

Aber all das liest sich heute eher harmlos, beinahe putzig,
gemessen an der Produktion von Sprachschaum, Fußnotenspray
und Nichtgedanken an heutigen Universitäten.

Was dagegen vom  frühmittelalterlichen Gelehrtenwesen bleibt:
Beide, sowohl die Scholastik als auch die Mystik sind das
Geburts-Reservoire der grammatischen Methodiken, der Philosophie
und einiger Wissenschaftszweige.

Oder vielleicht nicht direkt das Geburts-Reservoire, aber doch intensive
Brüter der Weiter-Verfeinerung, manchmal der äußersten Ver-Dichtung
von Artikulation und Wahrnehmung.

Das Ableiten, das Argumentieren, das philosophische Fragen,
all die Questiones, Sermones, Disputatios und Dialogis, das spekulative bis
sehr fokussierte Denken, die Schule der Wesensschau, die Meditation und die logistische Strukturierung von Argumentationen und sehr viel frühe Erkenntnisphilosophie  – all das hat in Mystik und Scholastik – im Sinne von Methodik eine große Verfeinerung erfahren.

Und sie sind eine Schule der Knappheit. Papier war damals noch nicht so einfach zu haben wie heute. Deshalb sind da viele Ausführungen in angenehm knapper und konzentrierter Form gehalten.

Manchmal auch waren es echte Laser-Labore der denkerischen Hochtemperatur. Mit Leuten wie Thomas von Aquine oder Meister Eckardt haben sie überragende Erscheinungen erbrütet.

Man muss selbst gar nicht vordergründig an Gott interessiert sein, um zu erkennen, dass relativ viel, was in den letzten 100 Jahren als „Philosophie“ ausgegeben wurde aus dem Fragenkatalog der Scholastik kommt. Oft sogar aus dem Antworten-Katalog.

Aber zurück zur Demut des Hohlspiegels.

Sie hat noch eine andere Pointe.

Der Hohlspiegel des Hubble-Telekops, als man es in Betrieb
nehmen wollte, litt zunächst unter einem Sehfehler. Die
Enttäuschung war riesig. Eine Art große wiederholte Demütigung.
aller Beteiligten. Man könnte beinahe sagen: Ein Art Prüfung
im Sinne von: Seid ihr wirklich schon „rein“ genug?
Seid ihr „leer“ genug? Seid ihr „demütig“ genug?

Aber nach dem man ihm, dem Hohlspiegel, man muss es so nennen: in einem
Akt erneuter äusserster Demut und Gabe erneut ziemlich viele Taler,
sehr sehr viele Taler, ganz ganz viel Geld in die Schale seine Kollekte
geworfen und Astronoauten unter Einsatz ihres Lebens(!) auf eine
„Pilgerfahrt“ geschickt hatte, ihm eine Art Brille aufzusetzen, da wuchtete
es einen mensch-heitlichen Moment, den man nicht anders als einen
Punch, als einen Faustschlag einen wirklichen Bumms beschreiben kann:
Die ersten Bilder des augenoperierten Teleskops hatten die Wirkung eines Knalls. SO ETWAS hatte man bis dahin noch nicht gesehen!

Der ganze Schweiß, die ganze Anstrengung, die ganze peinliche
Präzision und dann noch einmal die hochnotpeinliche Demütigung
durch einen Sehfehler, die erneute, sehr teure, peinlich exakte
und in hoch präzisen Arbeitsschritten geplante Augenkorrektur, also
die ganze DAUER, das BEDAUERLICHE, die ganze Demut der
Vorbereitungen entluden sich nach der erneuten Inbetriebnahme
in einem optisch- menschheitlichen Faustschlag der SCHAU des
ALL-GEWALTIGEN.

. . .

Lange hatte man sich daran gewöhnt gehabt, den Begriff der Demut zu assoziieren mit Schwäche oder Luschigkeit oder Devotion bis hin zu irgend einer verschwiemelten Lebensunfähigkeit und Untapferkeit. Der Demütige ist im Zweifelsfall der Besiegte, der Melancholische bis Depressive. Überhaupt ist die Demut das Gegenteil von Vertikalspannung oder  Mut oder Stolz oder Kraft…

…was natürlich totaler Blödsinn ist. Die Demut ist eine Sammlung, eine Fokussierung. Die Demut ist das UNTER in UNTERNEHMEN. Und die Demut ist dann –

der PUNCH, der KNALL, eine explosive Entladung. Eine Schöpfung.

Das aktive Verhältnis zur Demut meint das, was ein asiatischer Kampfsportler sein Verhältnis zum Chi nennen würde.

Einige asiatische Kampfsportarten beruhen (ruhen) in  einem philometrischen Unter-Fangen, die der Demut des Hohlspiegels nicht unähnlich ist: Die Bewegung folgt einer Sammlung. Die Bewegung führt nicht. Die Bewegung „lässt“ sich ausführen. Aber an diesem Lassen oder für dieses Lassen muss der Meister sich selbst lassen. Die Meisterschaft erkennt man dann an einem sechsundsiebzigjährigen Mann,  der all-ein dasteht, (Schon das all-ein dastehen ist eine Sache für sich) und Be-weg-ungen aus-führt, die nicht mehr „von ihm“ kommen, weil er sich be-wegen –  lässt. Für ein abendländisch geschultes Auge sehen diese Bewegungen geradezu beleidigend unspektakulär aus.
(Ich habe das einmal live erlebt, und konnte damit erst überhaupt nichts anfangen, (fangen?) ich dachte: Der macht ja garnichts. Da passiert ja garnichts. Bis ich die Bilder des Hubble-Teleskops zu kollidierenden Galaxien sah. Da wurde mir einiges klarer. Und sofort hatte ich den ganzen Kleist verstanden.)

Das Folgenlassen der Bewegung kann beim Meister in den Punch, also in den Brennpunkt des Hohlspiegel geholt werden, wo er sich zu einem plötzlichen Kraftsammelpunkt verdichtet.
Aber was dann schlägt, das hohlt sich seine Energie aus dem Kosmos.
Da sollte man besser nicht im Weg stehen.

(Erstaunlich ist im Deutschen die Verbindung von etwas „holen“ und dem „Hohl sein“.  Nur hat die Standardisierung der Rechtschreibung das h aus dem holen verbannt. Die ohne Rechtschreibung verlotterten Deutschen haben früher gerne mal überall schriftlich ein h eingesetzt, vor allem vor Vokalen. Auch der Ho(h)lspiegel musste erst demütig  auf die Pilgerfahrt in den Orbit geschickt werden, damit er sich dort unter den Bedingungen kosmischer Reinheit seine schlagkräftigen Bilder ab-hohle)

Nach den Erwägungen zur Relativitätstheorie, muss man leider auch
die Schlagkraft einer Atombombe mit einem ontischen/ontologischen
Punch vergleichen. Die philometrische Demut  eines Albert Einstein
und seiner physikalischen Vorgänger, die sich jahrelang einer Forschung
unter-warfen und dann die philometrische Demut im Unter-Fangen einer mittelgroßen Metropole von Wissenschaftlern in Los-Alamos, die aber gleichsam wie ein hermetischer Orden  in Reinheit der demütigen Fokussierung auf einen einzigen Punkt, dort „geheimen“ mysteriösen Prozeduren nachging, hatte irgendwann ihren „Fokus“ – ihren „Brennpunkt“ ihre „Sammlung“  in einer „Licht-Schau“ die sich in das kollektive Gedächtnis einbrannte. Wie eine Art Erleuchtung. Als hätte man der Menschheit eine Brille aufgesetzt, damit sie endlich ein bisschen, ein wenig – tja wie soll man sagen – intelligenter wirke, oder wenigstens den Eindruck macht, als hätte sie irgend etwas studiert und kapiert in einer UNI -VERS-ITÄT.

Heinrich von Kleists Denk mal, sein Hohlspiegel der fernsten Nähe, bleibt eine Erinnerung an die Tatsache von Dichtung ohne Dummheit. Dichtung im Chi. Das ist: Dichtung als Leere der Sammlung. Als Verdichtung. Als Focus. Folgend dem Weg der Demut des Hohlspiegels.

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