Die Stellen.

1
Nächste Woche werden auch wir nach langem Zögern unsere beiden Kinder in eine Stelle hinein, abgeben.

Wir kennen nicht die wirklichen Fristen. Wir bemerken nur, wie sich das Land unter unseren Häusern verändert. Und die Zeiten. Worauf also warten. Was wir jetzt verhindern, wird uns später davor bewahren. Es ist nichts für die Ewigkeit.

Einige dieser Stellen haben wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder angesehen. Nicht alle scheinen vertrauenswürdig. Vielleicht gehören wir zu den Letzten, die noch wählen dürfen. Manche sind schon jetzt in einem unsicheren Zustand. Man weiß von Wassereinbrüchen, von unfreundlichen Vorarbeitern, mangelhaft ausgebildeten Hilfskräften aber auch von überhellen Flutlichtern, die einer solchen Stelle gerade nachts die Aura eines Landschaft gewordenen Ausnahmezustands verleihen.

Mein Freund Geebauer hat es schon getan. Er hat seine Tochter in eine solche Stelle hinein abgegeben. Er sagte, er hätte es nicht der niedrigen Kosten wegen getan, sondern weil er dort – „weniger Perfektion, weißt du, irgendwie weniger Endgültigkeit gespürt“ habe.

Was auch immer er damit gemeint hat – jetzt bereut er es. Jetzt kann er Eva, seine Tochter, schon nicht mehr besuchen. Als er das letzte Mal unangemeldet dort erschienen ist, haben sie ihn bis an den Rand der Stelle gelassen (es sind eigentlich Gruben), die sehr tief war, und mit dem Handschuh ganz nach unten auf einen orangefarbenen Punkt gezeigt, zwischen vielen anderen orangefarbenen Punkten und winzigen Maschinen, und gesagt – das da wäre seine Tochter. Da hat er geweint und gefragt, woher sie das wüssten und da haben sie gesagt, sie wüssten es eben. Irgendwann hat man ihn dann behutsam am Ellenbogen gefasst, weggeführt, und in einen Werksbus gesetzt. Es sei alles in Ordnung. Er müsse sich keine Sorgen machen.
Geebauer wirkt seit dem leicht sentimental. Auch er wird ja nicht älter. Dabei sollte er sich freuen, dass seine Eva nicht unter die Taucher gekommen ist.
Es gibt Ungereimtheiten mit dem Reglement in den Stellen. Sie ändern es willkürlich. Die Besuchszeiten, den Briefverkehr, Telefonate . . . unerfreulich. Wir müssen damit rechnen, dass uns diese Dinge später vielleicht auch zu schaffen machen.
Mein Freund Geebauer wollte sich über diese Zustände einmal beschweren. Er musste 3 Briefe schreiben, bevor überhaupt jemand eine Antwort gab. Die kam dann aber nicht von der Leitung, sondern von ziemlich weit unten, von einem Instrukteur an einer Kiesrüttelmaschine. Der hat ihm geantwortet, er kenne das Besorgnis der Leute auf Ebene Null sehr gut, weise aber den Beschwerdeführer darauf hin, dass dieser sein Einverständnis gegeben habe, und somit alle Verantwortlichkeiten in Bezug auf den Klienten und das Reglement bis zum Orange-Tag dem Konsortium übertragen worden seien.
Formal mag der Mann Recht haben, aber er hätte sich einfühlender ausdrücken können.
Mit „Ebene Null“ meint er uns hier oben, die Eltern, die wir am Rand der Gruben stehen. Die „Klientin“, das ist der orangefarbene Punkt dort unten, Geebauers Tochter. Seit diesem Briefwechsel ärgert er sich nun regelmäßig über alles Mögliche.
Vorfälle, die uns veranlasst haben, möglichst viele Informationen einzuholen, um zu verhindern, dass es uns später mit unseren Kindern Nina und Tom genauso ergeht.

Wir haben noch lange geglaubt, wir könnten es allein bewältigen und sie hier oben bei uns behalten. Aber irgendwann spürt man, dass einem keine Wahl bleibt. Man hält es nicht zurück, dieses Ding in den Kindern, das von Tag zu Tag in ihnen wächst, mächtiger wird. Es macht sie immer hilfloser. Man schafft es einfach nicht mehr allein. Dann ist es doch gut, dass die Stellen eingerichtet wurden, wo sie betreut werden und ihre Symptome langsam abbauen können, bis auch Sie schließlich die Ebene Null erreichen, wo wir auf sie warten und ihnen die Hand entgegenstrecken – zum Wiederempfang.

Mag sein, manche Leute haben Glück – die lösen sich einfach auf, während das Geschehen in ihren Kindern einfach zum Stillstand kommt. Aber das bleiben Ausnahmen, ungeklärte Fälle. Eigentlich trifft es jeden.

Der Erfinder der Stellen – die eigentlich Gruben sind – ein Deutscher, hat den zuletzt vergebenen Nobelpreis erhalten. Aber wie sie wirklich funktionieren, weiß niemand genau. Gewiss scheint, dass in ihnen Zeit abgebaut wird. Wobei sie nach und nach immer mehr „einflachen“, solange, bis nur noch etwas nachgebende Erde, also eine weiche Reststelle in der Landschaft an diese Grube erinnert.
Manchmal, zum Beispiel beim Pilze suchen, spürt man es. Dann sagt man:

Hier ist wieder was gewesen.

Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wer selbst Kinder hat, wird das verstehen.

2
Es beginnt immer mit dem Körper. Die Masse an Zukunft, die auf ihm lastet, drückt ihn zusammen auf die Größe eines Brotes. Schreie, viele Schreie, Tag und Nacht. Ich deute die Schreie am Anfang als gesunde Lebensäußerungen. Bis es irgendwann auch still bleibt. Dann schalte ich die Nachttischlampe ein und sehe nach. Beuge mich über das Bündel und sehe es da liegen und atmen mit geschlossenen Augen. Die Hände neben dem Kopf, die Handflächen halb geöffnet, scheinen sich gegen etwas zu stemmen, dass ich nicht sehen kann. Es schlägt die Augen auf und sieht mir so ins Gesicht, dass ich mir augenblicklich wünsche, es wieder schreien zu hören. Aber es schreit nicht, sondern schaut nur sehr klein in die Stille. Ich streichle ihm über die Wange. Gehe wieder in das eigene Bett, schalte die Nachttischlampe aus und beginne etwas zu ahnen.

Die Zeit, in der die Stille mit dem Schreien sich abwechselt, erstreckt sich über 1 bis 2 Jahre. Während dessen behauptet sich der Körper auf unerklärliche Weise gegen den Druck der Zukunft. Er wird größer. Wenn ich ihn berühre, fühle ich, um welchen Preis. Er hat an Weichheit verloren und ist fester geworden. Härter. Auch beginnt die Stille zu überwiegen und das Schreien wird seltener. Erschöpfung?

Kaum gewöhne ich mich daran, bildet sich ein neues Symptom heraus. Hatte ich bisher noch geglaubt, der Körper wüchse entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch noch gegen die ungeheure Zukunftslast an, so muss ich eines Tages diese Hoffnung aufgeben. Jeder, der seine Kinder beobachtet, kann das bestätigen. Vielleicht bastelt man gerade an einer Gardinenstange herum, da hört man plötzlich aus dem Kinderzimmer Geräusche, die einem die Hände kalt und fühllos machen. Ich lasse den Schraubenzieher fallen und lausche. Was ich bisher nur geahnt habe: Die Pausen zwischen dem Schreien, die stillen Momente – da dringt die Zeit durch den Mund in das Kind ein und drückt von innen gegen den Körper. Und wird nun auch nicht mehr nachlassen, so dass der Körper über die Jahre an Größe zunimmt.
Sie bläht es.
Und was ich da jetzt höre, während ich blass die Gardinenstange befummle, sind keine Schreie mehr, sondern ist okkupiertes Geräusch, Laute mit irgendwelchen Verbildungen und Zwischenräumen, gestörtes Schwingen, Gemisch aus irgendwas, Überdruck, der wie durch ein geöffnetes Ventil nach außen dringt, unterbrochen von stummen Momenten. Ich muss es benennen. Ich sage:

Jetzt bekommt es das Sprechen.

Es gibt natürlich immer einen Anlass, sich ins Auto zu setzen und mal eben so durchs Land zu fahren. Wichtig sind nicht die Gruben. Wichtig ist das Technische Museum in München oder der Rostocker Hafen. Ich mache einen Ausflug. Gut, ich komme unterwegs an vielen Stellen vorbei und halte auch schon mal an, lasse mir am Informationsstand die orangefarbene Kleidung zeigen, rede mit dem Personal am Eingang und versuche so, mir ein paar erste Eindrücke zu verschaffen. Aber das geschieht nebenher. Denn ich glaube noch nicht wirklich an das Geschehen in den eigenen Kindern. Könnte es nicht auch sein, dass wir Glück haben und von dieser Sache verschont bleiben?

Man hofft das trotz aller bereits vorhandenen Symptome bis zuletzt, bis man am Telefon steht und die Nummer wählt.

Aber so schnell wird niemand eine Nummer wählen. Es folgen Episoden der Ermutigung. Obwohl es nicht sehr angenehm ist, das Kind kämpfen zu sehen. Es versucht, die Zeit, die eingedrungen ist, durchs Ohr hinauszueitern. Oder durch die Nase wegzuschnauben. Oder es begegnet ihr mit brennendem Fieber, Ausschlägen, Durchfall. Das sind die Tage der Hoffnung. Dann schreit es so wie früher oder wird sogar wieder ein wenig kleiner.
Manchen Kindern gelingt es, die kommende Zeit aus ihrem Körper für immer zu vertreiben. Aber das bleiben die Ausnahmen, ungeklärte Fälle.
Meistens wird sie „chronisch“ und breitet sich immer weiter aus. Der Körper nimmt an Umfang zu, wird größer und größer, rollt herum, die Gliedmaßen stülpen sich in den Raum, so dass es dann heißt:

Jetzt bekommt es das Laufen.

Wieder steige ich ins Auto und mache mich auf den Weg. Diesmal schon nicht mehr mit dem Ziel Frankfurt oder Berlin, sondern ich fahre sehr langsam durch die Landschaft, einfach so, und im Schritt-Tempo. Passiere die Gruben und bemerke, wie sie sich ausgebreitet haben, dass ihre Zahl sich erhöht hat. Und ich begegne anderen Familien, die ebenfalls sehr langsam fahren. (Man ist höflich zueinander, lässt sich vorbei und grüßt mit der Lichthupe.) Halte schließlich an und lasse mir die Angelegenheit näher erklären. Führungen hat es in den Anfangszeiten nicht gegeben. Darin sind sie besser geworden.
Potentielle Interessenten werden an den Rand geleitet. Obwohl einem hier oben nichts auf den Kopf fallen kann, soll man einen Helm aufsetzten.
Ich schaue nach unten und sehe die kleinen orangenen Punkte. Das sind die Kinder anderer Leute. Dieser Anblick bleibt sich immer gleich.
Nur die Tiefe der Gruben variiert. Das ist zum einen abhängig vom Datum ihrer Eröffnung und zum anderen von einem komplizierten Koeffizienten, der sich aus dem Zukunftsgehalt der Kinder und der Gesamtkonzentration an Vergangenheit im Erdreich errechnet. Die in den Erdschichten eingelagerte Vergangenheit soll den Zukunftsgehalt der Kinder neutralisieren. Kein Laie kann das wirklich nachvollziehen. Aber es scheint zu funktionieren.
Ich entdecke auch viele Maschinen aber keine Besonderheiten. Nur Bagger, Kiesrüttler, Verdichter und große Bohrer, Generatoren, Handgerät. Die meisten Gruben sind so tief, dass nur ein leises Summen nach oben dringt. Meist 1000 Meter oder noch tiefer. Nur diese tieferen Gruben sind auch der Öffentlichkeit zugänglich.
Die alten und flachen, die sich bald in eine weiche Stelle in der Landschaft verwandeln, bleiben streng abgeschirmt bis zu dem Tag, an dem die Klienten als zeitfrei in die Ebene Null entlassen werden. Deshalb wird gegen Ende auch immer seltener Besuchserlaubnis erteilt. Erst ganz am Schluss benachrichtigt die Zentrale alle Angehörigen und lädt zum Fest.

Erstaunlich ist das Fehlen von Aufschüttungen. Nirgendwo eine Halde. Kein Abraum, keine Förderinstrumente, die aus der Grube hinaus oder in sie hineinführen. Keine Loren oder Schienen. Trotzdem wird gearbeitet. Rütteln, Pressen, Stampfen, Verdichten, Bohren, Lockern, Tauchen.

Zu Hause folgen Tage der Verwirrung.
Das Kind, das chronisch Zukunft hat, sitzt schon mit am Tisch auf einem hochbeinigen Stuhl und verlangt feste Nahrung. Inzwischen freue ich mich über jede Fehlleistung. Das Husten, Spucken, Sabbern und Schmieren – jede Tasse, die herunterfällt – alles Ungelenkte und wenig Exakte zeigt an, dass sie noch nicht sicher die gesamte Hülle durchdrungen hat.

Vielleicht bleibt es ja so.

Dann wieder Momente der Enttäuschung.
Ein Mittagessen ohne Zwischenfall, eine exakt koordinierte Greifbewegung. Die kleine Hand, nur noch ein Ding, das sich spannt und krümmt, ganz ohne Hoffnung machende Abweichung. Der Löffel folgt einer geraden Linie in den Mund. Vom Zukunftsinnendruck fremd gesteuert. Ausgestülpt. Pneumatisch.
Während dessen kann es geschehen, dass ein kurzer Blick aus dem Kind heraus über den Tisch fliegt und mich trifft wie ein winziges Stilett. Es bleibt mir nichts weiter übrig als zu lächeln. Ich sage dann:

Ich geh’ mal ein bisschen raus.

Einen Spaziergang machen. Das Autofahren ist nicht mehr möglich. Zu viele weiche Stellen. Ich treffe andere Spaziergänger, denen ich nicht ausweichen kann. Also bleibe ich stehen, scharre unten mit den Füßen und rede oben übers Wetter. Dann gehe ich weiter. Führe lange Gespräche an den Zäunen. Treffe mich mit leitenden Angestellten und erfahre noch mehr über diese –Stellen
Keine regellosen Krater. Sie verjüngen sich nach unten hin zu einer Art Trichter, sehr exakt, und sind in 12 Ebenen eingeteilt, wenn man Ebene Null als Erdoberfläche mitzählt. Ebene 11 markiert den tiefsten Bereich, die Spitze des Trichters. Ganz oben auf Ebene Null befinden sich alle, die keine Zeiterwartung haben oder nicht mehr haben, nachdem sie mit Hilfe der Grube von ihr befreit wurden. Mit Ausnahme der Kinder, die sich auch noch mit Zunkunft hier oben aufhalten, (die Broschüren nennen es „Zeiteinschuss“ ) weil man abwarten muss, wie hoch der Grad des „Potentials“ sich bei ihnen herausbildet. Um sie in eine Grube zu geben, muss er ein bestimmtes Maß erreichen. Kinder, bei denen man nur wenig oder gar keinen Zeiteinschuss diagnostiziert, können gleich oben bleiben. Oder man schickt sie, um sicher zu gehen, auf Ebene 1. Auch Erwachsene können einen Aufenthalt auf der Ebene 1 beantragen, wenn die Gefahr besteht, dass sie Zukunft bekommen, zum Beispiel im Umgang mit so genannten „schweren Kindern“ Das können auch die eigenen sein. Die „Schweren Kinder“ heißen im Jargon auch „Taucher“, weil sie als „Schwer-Zeiter“ tief unten auf Ebene 11 Segmente unterhalb der Grundwasserlinie bewohnen, wo sie ein Leben unbekannter Art führen. Angehende Frauen oder körperlich instabile Personen müssen natürlich nicht „tauchen“, werden aber trotzdem auf dieser Ebene im Kantinen- oder Bürobereich beschäftigt. Oder man weist ihnen eine nächst flachere Ebene an, da sie ja von vorn herein eher zu den „Leichteren“ zählen.
Wenn sie ein Teil ihrer Zeiterwartung dort unten – vereinfacht ausgedrückt – an das Erdreich abgegeben haben, wandern sie alle gleichzeitig eine Ebene nach oben, also auf Ebene 10. Ebene 11 ist dann komplett deaktiviert. Die Grube wird flacher. Und so weiter. Auf den jeweils folgenden höheren Ebenen wird es ein wenig enger, aber da die Kinder bei Eröffnung proportional verteilt wurden und die Ebenen nach oben hin stufenweise entsprechend vergrößert angelegt sind, gibt es kein Gedränge.

Noch ist es nicht so weit. Noch liege ich in der Nacht wach und starre an die Decke. Trotz Tablette. Lausche. Höre kleine Füße durch die Wohnung trappeln. Ich denke: Jetzt geht die Zukunft nachts mit ihnen durch die Zimmer, trinkt Wasser aus dem Hahn und kichert. Ich besorge mir Stöpsel für die Ohren.

Aber vielleicht bleibt es ja so.

In der Elterngruppe hat man inzwischen gelernt, sich ein Bild zu machen. Sich vorzustellen, wie die Zeit langsam in die Kapillaren vordringt, die äußersten Enden des Körpers besetzt. Kleine Männchen im geschlossenen Raum over head an die Wand geworfen. Jeden Donnerstag. Nebenan die Fahrschule. Aber man kann es heilen.

Morgens hopsen sie mir zu früher Stunde auf die Steppdecke. Ich stelle fest, dass „es“ sie schwerer gemacht hat. Und noch fester. Ich überlege, ob es Taucher werden oder ob Ebene 6 vielleicht ausreicht. Sie sind ahnungslos. Das ist das Tückische an diesem Vorgang. Aber es ist auch wieder gut, dass sie nichts wissen. Sie hopsen immerzu. Es hopst in ihnen.

Es wird darauf hingewiesen, dass alle Kinder grundsätzlich die gleiche Zeit in der Grube verbringen. Es ist also nicht so, dass bei Deaktivierung der jeweils untersten Ebene die gleiche Anzahl Klienten auf Ebene 1 die Grube verlässt, sondern es treffen sich alle an einem vorher bestimmten Datum auf der Ebene 1 und wechseln dann gemeinsam in die zukunftsfreie Nullebene. Das wiederum bedeutet nicht, dass die Klienten, die sich von Beginn an auf der Ebene 1 aufhalten, irgendwie unangemessen lange warten müssen, bis es die „Taucher“ endlich „nach oben geschafft“ haben. Nur so viel lässt man mitteilen: Jede Ebene hat ihre eigene Zeit. Das muss genügen. Der Rest bleibt Geheimnis des Konsortiums. Der Prozess erfordert eine feinfühlige Steuerung und einen enormen logistischen Apparat, der auf Ebene Null am Rand der Grube installiert ist. Mit dem „Weichwerden“ der Grube, wenn alle Klienten bis auf das Niveau der Ebene Null gestiegen sind, wird der Apparat überflüssig und hat somit selbst auch keine Zeiterwartung mehr. Dieser Tag wird salopp als Orange – Day bezeichnet und entsprechend gefeiert.

Längst hat es das Gehirn erfasst. Die Laute, die sie absondern, sind bereits vollständig angegriffen. Eine Art Grammatik hat sich als Symptom herausgebildet, herrscht vor, genau wie es die Broschüren beschreiben:

Sie haben das Fragen bekommen.

Wirres Zeug. Hat Mami immer schon grüne Augen gehabt? Bleibst du heute zu Hause? Gehen wir morgen zu den Tieren ? (?) Wie alt bist du? Gibt es bald Frühstück? Es hört eigentlich nie mehr auf. Die Handbücher empfehlen einfache Aussagesätze zur Linderung, nicht zur Heilung. Ich sage dann: Hm. Nein. Mal sehen. Zweiundvierzig .
Ich sehne mich zurück in die Zeit, als sie nur geschrieen haben.

Schlimm ist, dass man sie immer mehr liebt.

Ich frage mich, ob ich nicht selbst probeweise einen Aufenthalt auf der 1 beantragen soll. Vorbeugend. Vielleicht habe ich es auch schon bekommen. Wie lange soll man überhaupt noch warten? Wäre es nicht besser, sie gleich in die Baustellen zu geben? Dann hätte man sie nach 3 – 4 Jahren wieder. Völlig zukunftsfrei.
Geebauers haben jetzt schon 2 Jahre rum. Aber vielleicht müssen wir ja gar nicht.
Vielleicht bleibt es ja so.
Oder sie ändern die Gesetze, und dann müssen alle. Nix mehr mit freiwillig – die Qualität der Gruben verschlechtert sich und dann kann man es sich nicht mal mehr aussuchen.
Diese Gedanken quälen mich zu früher Morgenstunde beinahe jeden Tag.

Zeitungslektüre. In Sachsen, Baden – Württemberg und Mecklenburg Vorpommern sind jetzt breite Bretter vorgeschrieben, um sie sich bei „schwerem“ Gelände unter die Füße zu schnallen. Nur speziell konstruierte Fahrzeuge dürfen noch fahren. Bald wird auch die letzte Eisenbahnstrecke im Harz stillgelegt. Die ganze Landschaft eine weiche Stelle. Oder Grube an Grube. Es bleibt überall sehr ruhig. Wenn nicht gerade die Hubschrauber unterwegs sind. Wer es sich leisten kann, fliegt.

Ich blättere Broschüren durch. Wie laufen eigentlich die Untersuchungen ab? Wie wird der Grad der Kontamination ermittelt? Wann erfolgt die Einstufung auf welcher Ebene? Genetische Belastungen werden berücksichtigt, psychologische Parameter, Stammbäume, Generationsanalysen, millieubedingte Abweichungen, Wahrscheinlichkeiten, Mutationen, Wiederholungszwänge, Gegensteuerungsfaktoren, Umwelteinflüsse . . .
Das hat doch alles keinen Sinn. Ich weiß, dass ich es nicht verstehe. Helfen kann nur die Erde. Ob man sie nun zu den Tauchern steckt oder auf Ebene 4 den Sand rütteln lässt – Hauptsache, sie werden gut behandelt. Bis jetzt sind noch alle wieder hochgekommen.

Manchmal stehe ich am Fenster und schaue in den Garten und sehe, wie es sie umtreibt. Bald kann ich nichts mehr tun. Konnte ich eigentlich noch nie. Wie es sie bewegt und verschleißt und so aus ihnen herausplatzt, als wäre es ein Lachen. Ich sehe, wie es sich verbündet in den anderen Kindern, mit den anderen Kindern. Wie lange soll ich noch warten? Grenzt das nicht schon an Quälerei? Es wühlt sie in den Rasen. Es treibt sie auf Bäume und Hügel. Es macht diese Geräusche, die durch jede Glasscheibe dringen. Der Vorgang ist progressiv. In den Kindern verstärkt er sich wechselseitig.

Jetzt bekommen sie dieses Gemeinschaftliche.

Ich drücke ein Taschentuch gegen den Mund, obwohl es die Augen nötiger haben.

Es wurden Pfade angelegt. Es käme sonst niemand mehr vorwärts. Trotz der Bretter. Einkaufspfade, Kulturpfade, Pfade für den Weg zur Arbeit. Es gibt auch Notpfade, die nur im Notfall begangen werden dürfen. Von der Feuerwehr, die jetzt immer öfter ausrücken muss mit Stegen, um Leuten zu helfen, die vom Pfad abgekommen sind und mit ihren Einkaufsbeuteln bis zur Hüfte in der Landschaft stecken.
Das Spazierengehen macht eigentlich keinen Spaß mehr.

Sie bekommen die Erde danach nicht mehr verdichtet. Das kann ein Problem werden.

Trotzdem zieht es mich nach draußen. Man trifft sich und besucht die neu eröffneten Gruben. In einer Seilschaft geht es sicherer, man kommt nicht so schnell vom Pfad ab.
Wir stehen am Rand hinter den Zäunen und beobachten die orangefarbenen Punkte in der Tiefe. Es ist gut, dass sie ihnen diese Kleidung gegeben haben. Nur die Taucher sind unsichtbar. Ab Ebene 6 lässt sich näheres erkennen. Die Art, wie ein Punkt sich bewegt. Zumindest lässt sich ausschließen, dass es Geebauers Eva ist. Dafür bewegt es sich zu gleichförmig. Vielleicht Mathies aus der Pfarrersfamilie?
Ebene 6 könnte stimmen bei ihm. Ich hatte nie das Gefühl, dass es ihn besonders schwer erwischt hat.

Manche Leute behaupten, sie könnten schon ab Ebene 8 identifizieren. Das mag zutreffen, wenn es die eigenen Kinder sind. Aber schon dafür muss man eine Menge über die Punkte wissen. Und über das, was dort unten eigentlich geschieht. Die Angestellten sagen einem nicht sehr viel. Wahrscheinlich wissen sie auch nichts. Sie beschreiben es als „leichten Tagebau“. Entscheidend sei die Nähe zum Erdreich. Je mehr Zeiterwartung diagnostiziert werde, desto tiefer u.s.w. Auch soll die Arbeit nicht anstrengen. Schließlich sind es Kinder und Jugendliche.

Wir werden es glauben müssen. Die Kinder, die am Orange – Day nach dem „Weichwerden“ der Gruben zu ihren Eltern in die Nullebene zurückkehren, beschweren sich nie. Erzählen aber auch nichts. Sie sind vier Jahre älter und geheilt. Das ist alles.

Andererseits: Was sind die Jahre? Manchmal hat man den Eindruck, dass auch hier oben etwas mit den Minuten, Tagen, Wochen, Jahren durcheinander gekommen ist.

Am Zaun werden Sandwichs ausgepackt. Einige haben einen Campingstuhl dabei. Sie schließen Wetten ab über die Bewegungsrichtung eines orangefarbenen Punktes auf Ebene 10. Das ist wirklich tief. Da unten wirkt alles schnell und ruckartig, ein Zucken. Es muss mit dem Zeitschema zusammen hängen. Ein Mann aus Bayern hält sich für gewitzt und will einen Feldstecher benutzen. Er legt ihn aber bald wieder beiseite. Die Anderen lächeln. Sie haben es auch schon probiert. Es funktioniert hier nicht.

Hubschrauber.

Zu Hause werden die eigenen Kinder immer fester und größer. Auch das Fragen ist schlimmer geworden. Ich kann ihnen nicht immer aus dem Weg gehen. Sollen sie sich doch in ihrem Zimmer einschließen. Ich werde ungerecht. Natürlich können sie nichts dafür. Ich sollte ihnen die Wahrheit sagen. Aber wozu?
An Weihnachten behaupten sie, man hätte ihnen im Juni irgendwas versprochen. Und überhaupt sei Weihnachten früher schöner gewesen. Zack!

Jetzt haben sie das Erinnern bekommen.

Manchmal riechen sie jetzt so.

Oder sie bleiben still. Dann höre ich tagelang nichts mehr von ihnen. Sehe sie auch nicht mehr. Dann hinterlassen sie nur noch Spuren. Eine angebissene Brotscheibe auf dem Kühlschrank. Am nächsten Tag ist sie verschwunden – interessant. Es bleibt unklar, ob sie das Haus verlassen haben oder sich stundenlang im Bad aufhalten. Wenn ich Glück habe, treffe ich sie morgens blass auf dem Flur. Stumm. Was soll das jetzt wieder? Wieso fragen sie nichts mehr?

Es bewegt sie auch sehr merkwürdig. Schlaff, ungelenk, ungeschickt. Ein bisschen so wie früher. Manchmal benehmen sie sich so, als kämen sie gerade aus der Grube, als hätten sie es hinter sich. Natürlich weiß ich aus den Broschüren, dass es nicht so ist. Obwohl diese Symptome da unterschiedlich beschrieben werden. Manche schreiben:

Sie bekommen das Sehnen.

Andere wieder:

Es beginnt in ihnen zu träumen.

Aber alle schreiben, dass man sich keine Hoffnung zu machen braucht. Darin sind sie sich einig. Es ist hart.

Sie bringen ihre „Freunde“ mit ins Haus. Sie fragen, ob sie hier „schlafen“ dürfen. (Handbuch!) Ich erlaube es. Sollen sie es sich doch noch ein wenig schön machen. Schlimmer kann es eh kaum noch werden. Obwohl ich eigentlich wegen der Ansteckungsgefahr vorsichtig sein müsste.

Abends versuche ich schneller als die eigenen Kinder am Telefon zu sitzen. Manchmal gelingt es. Dann wähle ich mich ein in die „Grube“, so heißt eine Konferenzschaltung mit anderen Eltern. Tausche Erfahrungen aus. Seit sie die Beratungsstellen geschlossen haben, weil kaum noch ein erwachsener Mensch aus dem Haus geht, ist das ein wichtiges Kommunikationsangebot. Aber man redet nicht nur über Zukunft, sondern auch über aktuelle Belange. Über einen Gesetzentwurf, der vorsieht, die Angehörigen von Leuten, die verdächtig oft in die Landschaft einsinken, an den Bergungskosten zu beteiligen. Das Geld soll dafür verwendet werden, die Pfade besser zu markieren.
Breiter machen können sie sie nicht.
Ein Vater, der seinen Aufenthaltsort nicht verraten will, erzählt, er hätte neuerdings kleine Risse an seinem Haus entdeckt, obwohl er es erst vor zwei Jahren neu gebaut hat./! Auf einmal herrscht Stille in der Leitung. Dann höre ich da aus Saarbrücken und Rödelsdorf, aus Herrenhut und Darmstadt ein langsam anschwellendes allgemeines Beipflichten, während ich selbst mit dem Hörer in der Hand dasitze und das Muster unserer Tapete genauer betrachte.

Raufaser oder nicht, das ist jetzt die Frage.

Nach einem ungeschriebenen Gesetz sind bestimmte Reizthemen in der direkten Konferenzschaltung tabu, weil dann alle nur noch über das Eine reden und die Diskussion sich schnell verfestigt, wie in diesem Fall. Das ist nicht Sinn der Sache. Dafür gibt es Newsgroups im Internet, die nach ganz speziellen Themen sortiert sind. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der „Grube“, die stumm mithören, achten darauf und sind angehalten, die Verbindung, mit eben diesem Hinweis, wenn nötig, zu unterbrechen.
Auch wenn es oft so kleinlich endet, bleiben diese Abende wichtig. Es tut einfach gut, dass man reden kann und nicht allein dasteht mit dem Problem. Abgesehen davon, erhält man auf diese Weise wichtige Tipps. Auch den mit der Glaskugel, die man an bestimmten Stellen im Haus auf den Boden legt, um zu prüfen, ob sie nicht wegrollt.
Sie bekommen die Erde danach nicht mehr verdichtet. Es ist ein Problem geworden.

Irgendwann müsste ich es den Kindern sagen. Dass sich da etwas in ihnen ansammelt. Dass man es behandeln lassen muss. Dass es behandelt und geheilt werden kann. Es täte nicht weh. Aber sie würden wieder fragen und dann kann ich es so schwer erklären. Ich weiß ja selbst nicht sehr viel darüber. Soll ich Ihnen erzählen, dass Zeiterwartung, wenn sie akut wird und sich in Gegenwart umwandelt, einen unkontrollierbaren Stoffwechsel antreibt? Sie würden es nicht verstehen. Auch lässt sich hier oben auf Ebene Null kein Mensch mehr vorführen, der sich in diesem akuten Stadium befindet, der etwa gerade dabei wäre, seine Zukunft in Gegenwart zu verstoffwechseln. Zum Glück! Seit die Gruben existieren, bleibt die Ebene davon verschont.
Vielleicht sollte man immer mal wieder einen Klienten oben behalten, der Anschaulichkeit wegen. Es muss ja kein Taucher sein. Ein Vierer oder Fünfer genügte. Dann ließe es sich besser erklären. Andererseits – warum soll ich ihnen von etwas reden, das nach der Behandlung jede Bedeutung verloren haben wird.

Mir fällt auf, dass sich bei mir ein besonderes Interesse für Bewegungen in der Vertikalen herausbildet. Vorlieben der Wahrnehmung: Eine Katze, die sich mit ihren Läufen vom Teppich hoch drückt und auf den Stuhl fliegt. Ein Blatt, das vom Ast knickt und zu Boden zögert. Das kleine Wasser-Ei am Hahn über dem Waschbecken, wie es schmal wird, abreisst und als Kugel durch die Finger schwebt. Oder das dumpfe Geräusch eines Apfels, wenn er in die Wiese sinkt. Abnehmender Schaum; Blasen, die hochsteigen; ein Glas, das sich füllt. Das Ticken des Balls auf der Tischtennisplatte . . .

Vielleicht verstehen sie es bald von allein.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Alles Gute kommt von oben. Das Überlieferte bleibt widersprüchlich.

So vergeht noch ein halbes oder ein ganzes Jahr. Was die Risse in den Wänden betrifft, kann ich mich schon längst nicht mehr auf die Raufasertapete herausreden. Die Glaskugel, egal wo man sie im Haus auf den Boden legt, beginnt zu rollen. Und hört auch nicht mehr auf. Ich weiß das jetzt und suche mir eine andere Beschäftigung. Es gibt genug zu tun. Ich muss neue Möbel kaufen. Schräge Tische oder Regale, die sich mit Gelenken an die jeweils aktuelle Beschaffenheit des Untergrunds flexibel anpassen. Überhaupt ist alles streng Horizontale verpönt. „Sehr daneben“ – wie die Kinder es nennen. Allerdings hat die Zeiterwartung in ihnen inzwischen ein Grad erreicht, der es nahe legt, Vorbereitungen zu treffen. In den Handbüchern häufen sich die Ausrufungszeichen. Das akute Stadium steht kurz bevor.
Dann müsste alles sehr schnell gehen.

3
Ein letztes Weihnachten, beinahe stumm verbracht. Nur am Zweiten Feiertag noch ein versöhnlicher Abend beim Monopolispiel mit der Großmutter. Die Großmutter hat Tom und Nina jeweils ein paar orangefarbene Strümpfe geschenkt. Sie haben sich wahnsinnig darüber gefreut. Zwillinge eben. Mir hat sie wie immer was Praktisches gegönnt. Einen Beutel Gips und einen Spachtel.

Die Oma mit ihren 83 Jahren ist in letzter Zeit so leicht und flink. Unglaublich.

Jetzt haben wir März. Tauwetter. Draußen geht natürlich überhaupt nichts mehr. Die Stützen im Haus halten noch ganz gut, aber beim Fußboden muss ich mir etwas Neues einfallen lassen.

Heute ist es passiert. Wir hatten „das Gespräch“. Genau so, wie es die Broschüren beschreiben. Wenn der Druck zu groß wird.
Tom möchte gern mit seiner „Freundin“ ein halbes Jahr nach Mexiko und Nina an eine Uni nach Colombo.

Jetzt bekommen sie das Gehen.

Es reicht.
Ich höre ihnen zu und nicke mit dem Kopf.
Ich gehe zum Telefon, wähle die Nummer und bestelle den Hubschrauber.
Es ist besser so.
Und in 4 Jahren sind sie ja wieder oben.

(Fin)

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