Neulich.

Neunzehnhundertfünfundsiebzig war sie eine kleine Sirene an der Hand ihrer Mutter. Ein Mädchen, fünf Jahre alt, hüpfte über das Pflaster von Doberlug Kirchhain, Kindheit am Faden gestrickter Fäustlinge, die ihr aus den Ärmeln baumelten. Sie sagt: „Ich bin aufgewachsen in Doberlug Kirchhain.“
Sophie, mit der ich ins Gespräch komme beim Haareschneiden in einem Laden, der Cut&Fon heißt, hier in Berlin.
Ich frage: „Warum eigentlich Cut&Fon?“
Sie: „Vielleicht weil hier vorher ein Telefonladen drin war. Oder vielleicht, weil man hier auch telefonieren kann, während man die Haare geschnitten bekommt. Aber das kann man woanders auch. Ist ja nichts Besonderes.“
„Du arbeitest nicht immer hier?“
„Nein. Ich mache das selbstständig. Nur Dienstags bis Donnerstags.“
Sie schneidet gut. Schnell. Geschickt. Ihre Schere kichert in den Spitzen über meinem Ohr.
„Gelernt?“
„Ja. Gelernt. Noch zu DDR-Zeiten. PGH Friseure. In Doberlug Kirchhain. Und ich mach’s immer noch gern.“

Ich denke, ich kenne diesen Ort von finsteren Durchfahrten. Sehr finster mit dem Zug, wenn man nach Dresden wollte. Damals ein Geisterbahnhof mit funzligem Natriumdampflicht im Nebel der Braunkohleheizungen. Manchmal eine Rangierlok unter Bahnhofslampen, die aussahen wie schwarze Kappen, solche, die man zum elektrischen Stuhl Verurteilten auf den Kopf setzt. Und jetzt schneidet Doberlug Kirchhain mir die Haare. Sophie.
„Und dann bist du nach Berlin?“
„Na ja, nicht gleich. Ich war nach der Wende kurz in London.“
„Haareschneiden?“
„Ja. In London hat man einen guten Stand, wenn man als Friseurin aus Deutschland kommt. Friseur als Lehrberuf mit Ausbildung, das gibt’s da so nicht. Gelernte Friseure aus Deutschland sind gefragt. So hieß es damals, und es stimmte auch. Also bin ich hin.“

Meine Vorstellung: Sophie, die im Funzellicht unter schwarzen Kappen auf dem Bahnsteig von Doberlug Kirchhain steht und plötzlich in London sehr gefragt ist. Sie ist 19 und macht sich auf den Weg. „Das war wann?“
„So um Neunzehnhundertneunzig.“
„Schön. Von Doberlug Kirchhain nach London. Mutig. Hat’s funktioniert?“
„Ja, ich hätte bei Tony Gard anfangen können, einem großen Modelabel.“
„Das kennt man. Schon gehört. Aber….?“
„Tja, das war irgendwie verrückt. Als ich da bei der Vorstellung war, haben die mich gefragt,
was ich machen wollte – Schneiden oder Färben.“
„Ach…“
„Ja. Dort trennen sie es. Die einen färben, die anderen schneiden. Ich war auch komplett überrascht. Ich mache ja beides gern.“
„Und dann?“ „Na ja, ich habe denen gesagt, dass ich mir das gar nicht überlegt hätte und wollte darüber nachdenken.“
„Färben oder Schneiden.“
„Ja. Dabei hätte ich sofort anfangen können.“
„Und?“
„Na ja… ich war dann noch 2 Wochen in London, bin aber nicht mehr hingegangen, weil ich nicht wußte, was ich machen sollte. Und bin dann wieder zurück. Nach Doberlug Kirchhain. Und nach einem Jahr dann hier her. Weil hier mein Freund dann gewohnt hat.“
„Bereust du’s manchmal?“
„Nein. Ist aber alles ganz gut, wie es so gekommen ist. Und in Berlin lässt es sich ja auch super leben.
Soll ich ein bisschen Wachs rein machen?“
„Ja. Gern.“

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