Der Schneemann.

Jubiläum der Zärtlichkeit.

Ein Klavier gefüllt mit Waschmittel der Marke Omo. Hustensaft. Sauerkraut auf einem Notenständer. Den Wald fegen. Eingedrückte Gummibälle. Freitagsgericht 1A gebratene Fischgräte.

Ein Draht an einer Schiefertafel. Reden mit der Axt in der Hand vor einem Mikrophon…

Was hat das alles zu bedeuten?

Es gibt Bilder. Fotos. Portraits. Und alle sind sofort sehr typisch. Sie zeigen ein, nein, kein Gesicht – sie zeigen ein – Face. Das wäre das passende Wort. Besser: Ein Interface. Ein Adapter.

Augen, die mich anschauen wie freie Anschlüsse. Auch der Mund ist stark ausgeprägt. Ein Mund, dem ich ansehe, dass er auch – klemmen könnte, oder beißen, um etwas festzuhalten. Oder um etwas an sich heran zu ziehen. Anschluss gewinnen.

Hier auf dem Foto, ist der Mund geschlossen. Kurzzeitig verschlossen. Wie zugehalten ohne Hand.

Was ich an dem Mund und an den Augen überhaupt nicht wahrnehme: Lässigkeit, Ironie, fertige Lebensklugheit, Kennerschaft, Stoizismus oder Reife. Ich kann mir dieses Face, dieses Interface, nur schwer vor einem Kamin sitzend oder an einem Buffet stehend vorstellen, obwohl es solche Momente in seinem Leben auch gegeben hat, aber hier, auf dem Bild, bereits über 50 Jahre mit den Anschlüssen dieser Welt in Kontakt, liegt das trotzdem sehr fern.

Dieses… Gesicht also… gibt einen Ernst aus. Aber dieser Ernst wirkt nicht behauptet oder kopiert, auch nicht visionär aufgezogen, nein, dieser Ernst kommt unpersönlich, als käme er von woanders. Wie das Portrait eines für den kurzen Moment des Fotos aus seiner Verbindung gezogenen Steckers.

Aber es gibt auch andere, ernstere Bilder von ihm. Und freundlichere.

Über Joseph Beuys etwas schreiben. Einfach so. Ohne besonderen Anlass. Kein runder Geburtstag, kein Todestag. Was daran leicht ist: Alles was man sagt und denkt, kann nur falsch sein. Und wenn man etwas ganz Falsches schreibt, dann trifft es möglicherweise gerade genau zu. Aber da schon so viel über ihn gesagt wurde, und viele sachliche Quellen und Verweise auch im Netz sofort zugänglich sind, nehme ich mir hier die Freiheit heraus, zu meditieren, unvollständig zu bleiben, oder auch etwas abzuschweifen.

Filz, Fettecken, die Honigpumpe, ein Hut, eine Weste – das also sind die zu medialen Erinnerungs-Schneebällen plastifizierten Handlichmachungen eines Werkes, eines Lebens, einer Biographie. Verständlich. Man braucht eine Benutzeroberfläche für etwas, Begriffe für etwas, dass ja eigentlich weit jenseits der Festigkeiten von schnellen Begriffsplastiken in einem Prozess der Bewegung und Gewinnung seinerzeit ermittelt worden war.

Natürlich, man kann ihn, Beuys, wenn man will, leicht irgendwo herausziehen. Fluxus (das Fließen) nannte sich in den 60igern eine der vielen Unruhen und Vorbeben, die entgrenzen wollten und entgrenzt haben. Staubschlachten, Hühnerfedern, Kompositionen für Dachrinne, Farbtopf, Bohrmaschine und kaputtem Radio. Die Entgrenzungen und Überschreitungen sprengten nicht nur das eine oder andere Musik-Event oder verausgabten sich in  Drogenräuschen – auch in der Kunst geschah einiges. Man wollte die Rahmen zerlegen, Freiheiten prüfen, alte Zeichenhaushalte rütteln und schütteln, aber auch: neue Verbindungen schaffen. Anschlüsse herstellen. Fluxus, fließen lassen also. Das Kunstprodukt ersetzen, auflösen und eintauschen gegen den Kunstprozess. Als Akt der Befreiung, der Bewegung. Auch Joseph Beuys fand sich hier in den Feldern dieser Bewegung. Oder besser: Er berührte sie ganz kurz.

Aber Beuys war, damals in den 60igern, ja bereits über 40 und seit 1961 Inhaber des „Lehrstuhls für monumentale Bildhauerei“ der staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Mein Gott – was für ein schönes Wort. Der Traum vieler kleiner Künstler und Kunsthandwerker: Monumentale Bildhauerei. Monumentaler Bildhauer, wer wollte das nicht sein in den heutigen Stadttheatern und an den Plattenspielern der kleinen Affekte und Befindlichkeiten. Aber natürlich, nichts ist verbotener und dümmer, als Gegenwart gegen Vergangenheit auszuspielen. Und Beuys gibt dazu auch gar keinen Anlass, denn er ist blanke Gegenwart.

So klingt das auch sprachlich biografisch zunächst seltsam prickelnd für den heutigen Rezipienten. Beuys, Monumentale Bildhauerei, – und dazu dann: Badewannen voll mit Hansaplast-Pflaster, Margarine.

Aber Beuys gehörte nicht in der Weise in diese 68iger, wie die Generation, die heute so genannt wird. Er war ja älter, selber noch im Krieg gewesen, als junger Mann bei der Luftwaffe. Im heißen Krieg. Bordfunker, Bordschütze eines Sturzkampfbombers, Pilot angeblich auch. So hatte der Körper Beuys schon sehr früh eine enorme Beschleunigung in „monumentalen“ Energien erfahren gehabt. Steigende und stürzende Waffe. Für damalige Verhältnisse komplett adaptiert in Hochtechnologie. An der vordersten Front. Teil und Mitglied einer monumentalen, furchtbaren Maschine. Im März 1944 stürzt er dann tatsächlich zu tief, irgendwo über der Krim, in einem Schneesturm. Schädelbruch, Knochenbrüche, wird er von Nomaden aus seinem Wrack gezogen und gerettet, dann einem deutschen Suchkommando übergeben. Sein Pilot war gestorben.

Ab August 1944 dann schon wieder Fallschirmjäger an der Westfront. Eisernes Kreuz 2. Klasse. Dienstgrad des Feldwebels. Gefangenschaft. Internierung. Das ganze volle Programm also. Dann Freilassung. Mit einem von Granatsplittern und Energien bereits plastisch geformten Körper. In-formierte, re-formierte Körperplastik.

Ausrisse, Lebensläufe, Freiläufe:

„1945 schloss er sich der Künstlergruppe Hans Lamers an.“

„Monumentale Bildhauerei.“

„1947 – 1949 arbeitete er mit an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanskie über den Lebensrhythmus des Wildes in der Lüneburger Heide…“

„Bekanntschaft und Gespräche mit Konrad Lorenz, dem Verhaltensforscher…“

Oh ja, man hört sie, die leicht einschläfernde Heinz Sielmann Nachkriegs-Stimme seiner Tier-Dokumentationen. Bis in die späten 70iger Jahre hinein.

Es ist die Stimme einer zerschossenen und physisch und seelisch verkrüppelten Kriegsgeneration.

Ein alter Schwarz-Weiß-Fernseher mit schlechtem Empfang an einem frühen Sonntagabend, davor sitzt ein Mann mit Beinstumpf, Zigarre rauchend, und dann hört sich dieser ganze 2. Weltkrieg so an:

„In seinem feuchten Lebensraum bewegt sich der Schwarzfußflederich wie ein kleiner König….“

Beuys also hatte auch damit zu tun. Mit diesem merkwürdigem Heinz

Sielmann-Nachkrieg in rundlichen Bildröhren und stoffbespannten Lautsprechern.

Die Stimme Heinz Sielmanns im Ohr denke ich also jetzt an Beuys: Sturzkampfbomber, Bordschütze, Filz, Fettecken, Honigpumpe, Zoologie, Monumentalbildhauerei, Verhaltensforschung, Wildgänse, Schädelriss….

Was bedeutet das alles?

Ich selbst habe den Krieg nicht erlebt. Auch nicht die unmittelbare Nachkriegszeit. Ich gehöre auch nicht zur 68iger Generation. Ich bin in den deutschen Puddingbergen des nicht mehr ganz so kalten Krieges aufgewachsen, wenn auch in den weniger großen. Aber irgend etwas ist an diesem Werk dran. Irgendetwas spricht daraus zu mir.

Ich stehe in der Ausstellung des Hamburger Bahnhofs vor einem tischgroßen, sehr massiven und komplett verhärteten Block aus Talg, „Unschlitt“, einem Produkt aus der Fettgewinnung, der inzwischen krasse Risse zeigt. Interessanterweise wirkt dieser organische Talgklotz auf mich viel härter als Marmor, gerade weil er kein Marmor ist. Steingewordenes Leben. Hart. Harte Zeit. Zeit der Härte. Aber in den Rissen tut sich wiederum etwas. Risse sind auch Flüsse. Nichts bleibt ja wirklich ganz unbewegt. Auch diese Risse sind Bewegungen.

Es kursiert die ewige Geschichte, sie stammt von Beuys selbst, dass er damals nach seinem Absturz mit dem Stuka mit gebrochenen Knochen und gerissenem Schädel einige Tage lang von den Nomaden, die ihn im Schnee aus dem Flugzeugwrack gezogen gehabt hatten, gepflegt wurde. Mit Filz umwickelt. Mit Fett gesalbt. Talg.

Funzelige Talglichter. Knirschende Schritte im Schnee. Zuwendung. Jaulende Hunde im Halbdämmer. Blutunterlaufene Augen. Leise klappernde Blechtöpfe. Fremdartiges Getuschel. Knoblauchatem dicht am Gesicht. Messinggeschmack im Mund. Schmerzen.

All diese Angaben bleiben etwas unsicher und anekdotisch. Vielleicht ist es auch nicht wichtig, ob diese Geschichte wirklich genau so stimmt, ob sie sich wirklich so ereignet hat. Wie auch einige andere Details zu seiner Biografie unsicher bleiben. Ich kann sie auch einfach als Angebot nehmen, als Projektionen, zugehörig dem Gesamtkunstwerk Beuys und dort einen berechtigten Platz einnehmend. Und tue dies hier auch.

Was dagegen wirklich sicher bleibt: Beuys wollte bekanntlich mehr als nur Kunst, mehr als Design, mehr als Ästhetik. Auch das kann man schnell nachschlagen und nachgoogeln, was Beuys alles wollte, meinte, sagte und lehrte – in Katalogen, Lexikas, in Interviews, auf Videomaterial.

„Soziale Plastik“, „Akustische Plastik“  „Wärmeplastik“ Erweiterter Kunstbegriff“, „Baumdiplom“ , „Homöopathische Methode. „Kernfragen des Sozialen“

Hier fließt also ein Engagement in der Kunst mit einem Engagement für Gesellschaft zusammen und wird begleitet auch von Theorie und einem Gestaltungswillen, der durchaus auf etwas Ganzes zielt. Aufs Ganze gehen – das ist etwas, dass mir heute in den Diskurseln einer etwas ratlosen Nach-Postmoderne, die sich mehr oder weniger in Details, Designs und Retrodesigns, Nieschen, Geschmäcker, Ansichtssachen, erotischen Simulationen, Zitaten und Zitatzitaten gemütlich gemacht hat, eher selten bis kaum noch begegnet. Kann sein, dass auch das einer notwendigen Bewegung folgt, und als solche auch anzunehmen ist – ja sogar eigene Chancen birgt. Denn nichts ist dümmer und verbotener als die eigene Gegenwart gegen die Vergangenheit ausspielen zu wollen.

Aber irgendwann stehe ich dann eben doch wieder vor irgendeinem der vielen verstreuten Beuys – Objekte und bin baff. Zwei Metallflaschen mit merkwürdig bedroht und zugleich bedrohlich wirkenden Ausblühungen unterhalb eines Pfahls, an dem ein ausgerissener Zeitungsausschnitt geheftet ist, der mit einem Roten Kreuz bemalt wurde. Oder ein Schlittengespann, das Filzrollen transportiert, so arrangiert, dass man die Hunde davor, die nicht da sind, förmlich hören und riechen kann. Ihre Ausdünstungen. Oder ein verschlossenes Apotheken-Gefäß mit einer winzigen Öffnung im Korpus, durch das plötzlich ein ganzes großes Weltsonnenlicht auf den Betrachter fällt.

Wenn ich dann in der selben Ausstellung irgendwo vor einem Baselitz-Gemälde mit einem auf dem Kopf stehenden Männeken stehe, spüre ich deutlich einen steilen Abfall.

Gut, das bleibt alles subjektiv und schwer verallgemeinerbar.

Trotzdem überlege ich, woher diese Wirkung rühren könnte.

Mir widerfährt es so, dass ich bei den meisten Beuys-Objekten immer den Eindruck einer enormen Verletzlichkeit habe. Ich denke immer, das ist keine Kunst, und zwar im positiven Sinne – keine Kunst.

Vielmehr habe ich den Eindruck von etwas Stehengelassenem, etwas Übriggebliebenen. So berühren sie mich auf eine ähnliche Weise wie ein einzelner Handschuh, den man unterwegs irgendwo in einem Drahtzaun stecken sieht. So wie er berühren kann. Nicht muss. Wie eine Frage. Hier war etwas. Und hier ist noch etwas. Etwas hat sich hier ereignet, ist vorbeigegangen, vorüber gezogen, und hat Spuren hinterlassen. Aber es ist eben nicht – vorbei. Man fragt sich, zu wem oder zu was gehört dieser Handschuh? Wo ist der zweite? Wer vermisst ihn jetzt? Der abwesende zweite Handschuh beobachtet mich.

Dabei sind die Objekte von Beuys alles andere als flotte Readymades. Sie sind keine umgedrehten Pinkelbecken, keine ausgeschütteten Farbeimer, und sie sind auch keine hingeworfenen Fehdehandschuhe der seidigen Provokation. Haben damit nichts zu tun. Sie sind sogar enorm kalkuliert, durchdacht, manche sogar geradezu kompliziert, überhaupt nicht einfach, oder simpel. Oder gar unprätentiös, wie man heute sagen würde. Nein, sie sind sehr sehr prätentiös.

Ich habe wieder die Tierfilmdokumentations-Stimme von Heinz Sielmann im Ohr: „Und der kleine Graureiher flüchtet sich jetzt zu den Erwachsenen. “

Zugleich denke ich: Ju 78, Sturzkampfbomber. Und höre dieses Sirenengeschrei der stürzenden Waffe, dass ich selbst zum Glück nur aus eben diesem Fernsehen kenne. Dann Schritte im Schnee knirschen. Hundegebell. Blechtöpfe.

Beuys. Mann mit Filzhut und Weste und diesem ohne Hand zugehaltenen Mund. Diesem Steckdosengesicht. Silberplatte im Schädel. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden. Dann aber oder vielleicht gerade deshalb wurde er ein Monumentalbildhauer. Doch sein nie stillstehender Zug hin zum Ganzheitlichen und seine auf das Ganze, auf das Begreifen gerichtete Neugier blieb ihm erhalten.

Face Beuys. Interface. So ein Typ muss auch schwierig gewesen sein. Nervös. Unlocker. Angespannt. Vielleicht sogar hin und wieder, ja ganz sicher oft auch wirklich unsympathisch. Nervensäge. Stechender Blick. Unheimlich. Für einen bestimmten Typ Frau vielleicht ganz attraktiv.

Aber dann wieder, angehalten vor und von einem seiner Objekte, einer Installation oder einer Skulptur, spüre ich da diese Zärtlichkeit. In starken Momenten eine ungeheure Zärtlichkeit. Ich frage mich wieder, woher kommt das? Was ist das? Wieso kann ein Fetzen Filz so zärtlich sein? Oder dieser Fettklotz. Oder sogar ein Stück Kupferdraht? Ein Zinkblech. Eine Schiefertafel, Waschpulver. Oder eben seine berühmte Honigpumpe….

Was hat das alles zu bedeuten?

Zumal heute noch, wo ich mich prinzipiell schnell vielleicht zu schnell als etwas genervt, als überschult und meistens auch gelangweilt fühle, wenn irgendwo „moderne Kunst“ droht oder das, was ich nicht an ihr mag: Den Schwachsinn der Farben, seriengedehnte Readymade-Schneisen, Kreativitätssimulation, Individualitätskonzepte, Selbstbespiegelungen, Nachmittagswitze, aufgeblasene Schamhaare, Müllhaufen zweiter Ordnung, Neoerotiken, Zitatzitate von Zitatzitaten auf Bildschirmen oder Glanzpapier etc…

Nichts von alledem bei Beuys. Obwohl auch er nicht unbedingt der einzige und erste Pionier der Filze, Zinke, Roste, Fasern und Profanmaterialien war. Auch schon zu seiner Zeit nicht. Auch das lag in der Luft damals. Insofern gehörte er am Anfang dazu, war Teil einer Bewegung.

Aber sicher war er einer der wenigen, vielleicht dann doch der einzige, denen es gelang, all das entfesselte und vermischende Tun, den Fluxus der Zeit vor der Beliebigkeit zu bewahren, in seiner Obhut vor der Trivialität zu retten, indem er diesem Fluss ein formuliertes Recht gab, in ein gedachtes oder gesprochenes Flussbett leitete. Und das eigentlich ganz im Widerspruch zu dem, wofür der „erweiterte Kunstbegriff“ antreten sollte. Denn die erste Pointe eines „erweiterten Kunstbegriffs“, wo er als solcher formuliert und behauptet wird, ist ja, dass dieser Begriff dann selbst  wieder Programm wird. Sich programmatisch schließt. Und wo Programme, da lauern auch wieder Einschluss und Ausschluss. Er aber machte in einem modernen Sinne das Fließen plastisch. Und dass ist wirklich die originale und seltsamste Leistung von Beuys, auch die innere Grundspannung seiner Arbeiten: dass sie ein modellierter Fluss sind. Aber eben jetzt anders als nur der schön modellierte Fluss einer marmornen Schulterlinie oder einer Falte. Sie sind eben wirkhafter Fluss und wirkhafte Plastik zugleich.

Schlagworte und gelebte Konzepte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ „Basisdemokratie per Volksentscheid“ „Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ „Wir brauchen Sonne statt Reagan.“

Tatsächlich hat Beuys einmal alle Bewerber ohne Vorauswahl in seine Kunsthochschule aufgenommen. Tatsächlich hat er Kassel mit Eichen begrünt. Tatsächlich hat er sich Anfang der 80iger dann auch bei den Grünen engagiert. Beuys hat ernst gemacht, weil er ernst war.

Und er tat auch Seltsames. Dinge, denen ich heute in einer Galerie eher aus dem Weg gehen würde. Er schüttete sich Honig über den Kopf, legte Blattgold auf und saß dann mit einem toten Hasen, den er unverwandt anstarrte, in einer Ecke auf einem Stuhl. Oder er stellte sich mit einer Axt in der Hand vor ein Mikrofon, bellte, pfiff und krächzte dann 10 Minuten lang gestikulierend – dies als Professor einer Kunstakademie vor immatrikulierten Studenten. Oder er schüttete eben Waschpulver in ein Klavier, trank öffentlich Hustensaft u.s.w. u.s.w.

Heute würde ich eher dazu neigen, solchem Aktionismus auszuweichen. Man kennt das auch von Epigonen. Ich würde es als etwas unangenehm ernst oder gar ideologisch empfinden, als ein bisschen zu stechend, zu angespannt.

Aber das sagt natürlich gar nichts. Ich lebe in einer anderen Zeit. Und möglicherweise werden andere, spätere Generationen, einmal auf unsere Zeit ebenso befremdet, vielleicht auch fasziniert zurück gucken. Eine Zeit, in der ja alles irgendwie möglich ist und auch gemacht wird, aber in der sich kaum einer irgend  etwas traut. Außer vielleicht der irgendwo imaginär herbeigesehnte Attentäter, dem dann womöglich von irgendeinem verwirrten Stockhausen das Kunstdiplom verliehen wird.

Aber stimmt das so überhaupt? Es gibt sie ja auch heute noch, die Vermischer und Erweiterer, die Schreier und Kleckerer. Aber es gibt sie eben nach Beuys. Wo sie sind, war Beuys schon gewesen, und so gehen sie jetzt in den gut geölten und diskursiv vorgefetteten Ausdifferenzierungen seiner Spur. Wollen neuerdings Sterbende im Museum ausstellen. Na ja, wie sie meinen, sehr originell, Herr Schneider…

Was wollte Beuys? Was wäre das, woran man anschließen könnte, ohne in die 2134igste Kleckerburg irgend eines Neohappenings, irgendeiner Chaosinszenierung zu geraten, in das nächste noch größer aufgeblasene Achselhaar, die nächste Kapitalismuskritik, in den nächsten hoch dotierten Tabubruch-Generalstab, in die nächste Verwirrspielhölle. Was könnte wirklich konstruktiv sein?

Beuys Face. Interface. Adapter. Steckdosengesicht. Sag was. Sturzkampfbomber, was genau ist deine Zärtlichkeit? Was bedeutet dein Filz, deine Seife, dein Fett? Liegst Du bei den Nomaden im Zelt dicht über dem Schnee, in Filz gewickelt, und schweigst dich aus unter deiner Silberplatte in deinem Kopf, den man dir „zurecht geschossen“ hat?

Es wird berichtet, Beuys habe einmal, eines Morgens, die Skulpturen und Kunstwerke seiner Studenten zerschlagen und gesagt: „Das ist auch Kunst.“ Darauf Heulen und Zähne klappern. Ich glaube das sofort.  Ich glaube, er wollte damit sagen: Ihr sollt Euch nicht für Kunst interessieren, sondern für Wirklichkeit. Für ihre Energien, Wirklichkeiten und Gefährdungen. Denn nur so kommt ihr zur Kunst. Oder nie.

Beuys, die stürzende Waffe, der Hochbeschleunigte. Der ein wenig Unheimliche.

Ja, ich glaube Beuys heute vollständig lesen heißt auch diese Seite zu lesen. Beuys war ein Grüner, ein Basisdemokrat, ein Menschenfreund und Bäumepflanzer, Wärme-Mann und netter Christ. Dass er sich auch als Alchemist und Schamane inszenierte, sich in Filz gewickelt 3 Tage lang mit einem wilden Koyoten in einem Raum einschloss, um zu diesem Tier Kontakt aufzunehmen, sagt mir noch etwas anderes. Es sagt mir, dass Kunst, wenn sie mehr sein will als bloßes Unheimlichkeitsdesign, Chaosdesign, Schmutzdesign, Provokationsdesign, Destruktionsdesign – es sagt mir also, dass Kunst zur Kunst wird, erst dort, wo sie sich in die Konstruktion begibt, Verbindung sucht, und eben erst deshalb und davon berührbar wird und berührend. Weil sie ordnen will, ist ihre Ordnung gefährdet. Und erst diese Gefährdung berührt mich. Beuys ging aufs Ordnen und Richten. Er hat nie einfach herum gefriemelt, Geschmack oder Design produziert. Und er hat seine Aktionen nie als Pyramiden inszeniert, die bereits die Form eines zusammengefallenen Haufens, also ihre Destruktion, feixend vorwegnehmen. Und deshalb fällt mir auch wieder ein, warum seine Arbeiten oft eine solche eigenartige Zärtlichkeit ausstrahlen. Alle seine Materialien streicheln über die Haut der Wirklichkeit. Sie ziehen dort ein, wie ein Film. Aber sie treten auch aus dieser Haut hervor wie Absonderungen. So wie er sie arrangiert und geordnet hat, sind es Schmierstoffe und Absonderungen zugleich. Ihre Viskosität und dass Amorphe beinhalten oder transportieren eine komplementäre Erzählung als Praxis. Seine Metalle blühen auch zu Waffen, rostig oder blank, das Kupfer der Projektile. Das Messing der Hülsen. Das Zink der Blechnäpfe – es blüht aus und blüht uns. Sein Fett ist auch das Motorenöl, das Schmierfett der Gewehre, Maschinen und Panzer, das Öl der Technik. Und sein Filz der Stoff der schrecklichen Winter, der Uniformen, der Stiefel, der Massen und der durchschossenen Filze von Stalingrad. Massentodprodukt. Sein Gold kennt die Gier und das Blut; und der Honig als träge Masse, süß, aber in Litern gepumpt, hochenergetisch, ist eben deshalb irgendwie auch frivol und über-viel, erstickend. Als Aggregatzustände der Seele zeigen diese Materialien: Wärme – und Kälteplastik. Fluss und Erstarrung. Anpassung und Widerstand. Gewinnung und Verbrauch. Der Filz, als Gesellschaft aufgefasst, trägt unangenehme und darin auch zeitgemäße Assoziationen mit sich. Insofern hat Beuys den Filz am konsequentesten alegorisch rekonstruiert. Vielleicht erzählt das Viskose und die träge dahin fließende Substanz, das Schmelzende und Amorphe, das Verfilzte, Ausgeblühte, Fettige und Seifige, diese ganze weiche Schicht und Margarine- Struktur unserer Wirklichkeit von einer wirklichen, sehr tiefen, sozusagen gültigen Wahrheit. Die immer irgendwo in der Mitte liegt, nie ganz fest. Sie sind präzisierte Wirklichkeit und keine Kunst – im positiven Sinne keine Kunst. Und deshalb eben doch wieder Kunst.

Ihr nie ganz entschiedener Aggregatzustand verweist so den Messianismus und Schamanismus, den Ideologie-Komplex, den man Beuys auch unterstellen kann, überraschend in die Richtung eines Realismus mit Weltnähe, in Richtung einer Wirklichkeitsfreundlichkeit, die ich ehrlicher und genauer finde als bloß behauptete Menschenfreundlichkeit. Seine Arrangements sind insofern auch Stoff gewordene Realpolitiken der mittleren Zonen. Die Kanzlerin Angela Merkel könnte eine Plastik von Beuys sein. Kernseife und Jeder-Menschin. Ihr Charisma ist substanzieller, innerlicher.

Gewinnungen also, gewonnene Stoffe, gewonnenes Metall, gewonnener Honig, Fett und Wolle – gewonnene, geronnene Welt. Und genau das, diese Gewinnung eben als ganz unironische Realpolitik von Wirklichkeitsermittlung verleiht ihnen ein inneres Charisma, das sich nicht aufdrängt oder laut verausgabt. Weil es eben da ist und nicht produziert oder simuliert werden muss. Es ist substanzieller, weil es stoffliche Substanz hat und damit mehr Kraft, mehr Physik. So erreicht Beuys auch mich in meiner Gegenwart. Deshalb erscheint er mir so monumental gegenwärtig. Deshalb haben seine Werke eben nichts mit chicer Verwirrungs- oder Irritations-Attitüde zu tun, nichts mit Schmutz-Design und noch viel weniger mit Provokation. Und überhaupt nichts mit neuniedlich behaupteter Profanität. Oder dem, was man gerne „Reduktionen“ nennt. Und schon gar nichts mit Kritik am Zeitgeist. Dieses Werk zeigt womöglich einen sehr puren Realismus, ja auch einen Technologismus und eine Vernünftigkeit, dass selbst der Künstler, also Beuys selbst, das nie so ganz wahrhaben mochte oder ausgehalten hat. Weshalb er eben selbst schamanistische oder para-religiöse Überschmückungen vornahm, die dieses schöne Werk aber gar nicht braucht. Aber das wäre nur eine Spekulation, dass Künstler den eigentliche Charakter ihres Werkes bewusst oder unbewusst auch verschleiern.

Aber nein, das war natürlich gerade ganz falsch gesagt. Weil der unbedingte Ernst und das Messianische geradezu erst den Grund dafür richten, für ein Kunstwerk, ein Lebenswerk, das genau das bekommt: Bums. Telos, ein Ziel, das über seine eigene Zeit selbst noch hinaus weist. Kraft, die einstrahlt, bis hinein in meine retro-möblierte und auch ganz berechtigt mittelmäßig gesplitterte Gegenwart.

Ja, Beuys war anthroposophisch angehaucht, von Rudolph Steiner beeinflusst, auch alchemistisch, hat sich hier und da auch mystisch gebärdet, ja er hat sich Honig über den Kopf gegossen, ja er hatte vielleicht auch, wie man so sagt, nicht immer alle Nadeln an der Tanne, oder jedenfalls nicht immer da, wo sie hingehören. Und er trug eine Silberplatte in seinem „zurecht geschossenen“ Schädel. Nein, er war nicht gelassen.

Was er aber war: Neugierig, als Physiologe, als Naturwissenschaftler, als Materialforscher, als Technologe. Sein Wirken funktioniert auch rational und technologisch. Ins Werk gesetzte Meditation, Ermittlung. Er wollte vor dem Krieg Naturwissenschaftler werden und in einem gewissen Sinne ist er das geworden und geblieben. Dieser Forscherdrang ist etwas ganz anderes als Design, und ist wohl nicht zu haben ohne ein Entsetzen, das ich auch als ein Sichaussetzen respektiere, dass sich aussetzt, einlässt. Im Kontakt mit den Materialen, seien es nun physische oder metaphysische Materialien, oder Menschen, mit den Stoffen und Sirenen der eigenen Biografie, den Energien, den Steigungen und Abstürzen, den Formationen, den Rissigkeiten, den Gefährdungen bei Temperaturen immer dicht um den Schmelzpunkt.

Für mich eines der typischsten und zugleich zärtlichsten Objekte von Beuys ist, und überhaupt eigentlich eines meiner Lieblingskunstwerke:

„Der Schneemann.“

Wie stellt Beuys diesen Schneemann aus? Er zeigt ein Stück Kohle. Die Augen also, die Wärme, das Lächeln.

Man kann hier vorschnell erwärmt sein von diesem schönen Trick und sich mit einer allzu korrekten Interpretation eines „Anti-Schneemanns“, der nur aus seinem Blick und seinem Lächeln besteht, zufrieden geben.

Ein Schneemann, der, wie es so schön heißt – auf etwas reduziert wurde. Auf seine Wärme. Auf das heute so hoch gehandelte Achsomenschliche der Menschlichkeitskirche. Ich bin damit nicht zufrieden. Denn das würde bedeuten, die Idee des Künstlers einfach zu konsumieren. Für mich bleibt es eine dynamische Plastik, die mir sagt: Ohne Schneemann ist auch diese Kohle nur Kohle, und kein Mund, kein Lächeln, keine Augen. Ihr müsst auch den Schnee und die konstruktive Kühle verstehen, achten und annehmen, als etwas, das zu Euch gehört. Auch ein Schneemann wird gebaut. Auch Kohle und Erz müssen gewonnen werden wie ein Lächeln. Den Tausch verstehen zwischen Energie, der Wärme und ihrer physischen auch kristallinen auch rationalen Formation. Ein Tausch, der Wirklichkeiten erst bewegt, sie wirklich macht. Ohne ein Bewusstsein für diesen Tausch, verliere ich mich und schmelze einfach nur weg in die eine Richtung. Oder werde unerheblich. Beuys Werke fordern mich dazu auf, sie im stofflichen Prozess rückwärts zu empfinden. Und dies auch rational. Und wieder vorwärts. Mir vorzustellen, dass hier ein Handschuh liegen geblieben ist, zu dem noch ein zweiter Handschuh gehört. Deshalb ist dieser Schneemann auch ein kleiner Charaktertest. Ohne Schnee bleiben sein Blick und sein Lächeln einfach nur öde Kohle.

Als Kind habe ich gerne Schneemänner gebaut. Der Schnee hat meine Hände heiß gemacht. Und sein warmes mich verkohlendes Lächeln war nur erheblich, weil es aus einer konstruktiven Kältesubstanz herauslächelte. Ich mochte den Winter. Ich liebte die Frau Schnee und ihren Mann. Denn auch die Frau Schnee ist ein schöner Filz mit einem inneren kristallinen Reichtum.

Und jetzt schreibe ich doch einmal etwas, dass vielleicht ganz falsch ist.

Aber trotzdem. Zu seinem erweiterten Kunstbegriff gehört für mich auch die Freiheit der Interpretation. Ich denke mir, Beuys würde heute, wenn er noch lebte, auch Kälteplastiken herstellen.Vielleicht hat er es ja auch damals schon getan. Und er würde sich für Wissenschaft und Technik interessieren, ebenso wie für das Internet. Vielleicht würde er wieder mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Physikern, Klimaforschern vielleicht, Hirnforschern. Oder einen Satelliten ins All schießen. Aber nicht einfach nur ästhetisch, sondern wirklich begreifen wollend.

Warum sollte das weniger warm sein?

Interface. Face. Beuys. Du. Mensch und Wirklichkeitsermittler. Ich glaube nicht, dass Du bei deinen Eichen in Kassel stehen geblieben wärst. Kann unsere Zeit sich an Dich schließen? An deine Unbedingtheit, deinen Willen zum Wirkenden, zur Wirklichkeit, zur Ganzheit. An deinen unheimlichen Ernst. Müssen wir uns den Kopf „zurecht schießen“ lassen?

Ganz sicher, würde er antworten, wird auch Euer Kopf gerade zu recht geschossen. Denn alle Wirklichkeiten sind gleichwertig. Ihr müsst Eure nur anerkennen, erforschen, begreifen wollen. Aber weder müsst ihr zurück in irgend einen staubigen Katholizismus, noch zurück auf die Bäume. Denn Ihr schließt Euch ja schon an. Euer Filz sind Eure Techniken. Der Filz der kleinen und großen Schaltkreise. Der Filz des Internets. Das ist Eure fluide Sozialplastik. Nur ein Beispiel. Macht weiter da und woanders. Holt Euch die kleinen und großen Erfrierungen da und entdeckt auch das Wärmepotential der technischen Filze. Lernt weiter mit ihnen umgehen. Begebt Euch hinein und wieder hinaus. Begreift sie. Versteht sie. Habt keine Angst vor dieser Natur der Technik, denn ihr seid ein Teil davon, lernt sie tiefer und besser benutzen und begreifen. Und wisst, dass man sich vor Rationalität nicht immer nur zu fürchten braucht. Schönen Gruß von der Silberplatte in meinem Kopf: Seht die Risse, macht die Flüsse. Stürzt nicht ab und bleibt zärtlich.

Ich höre noch einmal die Stimme des Tierfilmers Heinz Sielmann:

„Und hier sehen wir deutlich, wie der kleine Gecko mutig sein Reich weiter erobert.“

Oben am Himmel ein leises Flugzeug.

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