Das umklappbare Bewusstsein.

Es könnten bald Zeiten anstehen,
in denen es als phantasielos gilt, eine Idee
zu haben, und in denen das Vermeiden von
Ideen eine Qualifizierung darstellt.

Herrmann von H. Genius der Einfallslosigkeit

Ein kommendes Zeitalter, in dem man sich der Kreativität, der Ideen und der Phantasie nur noch erleichtert erinnert, wie an ein abgelegtes Laster. Der so genannte Kreative oder überhaupt: die alte Kreativität wäre, sofern man noch von ihr belästigt wird – dann nur noch prollig. Wer in diesem Zeitalter noch mit Projekten durch die Gegend läuft, ist einer von Gestern.

Die Kraft der negativen Effizienz

So wäre bald auch ein Nobelpreis für das Nichtentdeckte zu erwarten.
Ein Ehrenpreis für das Verborgene.  Ein Literaturpreis für das Ungesagte.
Dem Genius des größten ausbleibenden Einfalls.

Patente für ungesagte Sätze, Fördergelder für nichterfundene Patente,
Lesungen ungeschriebener Bücher (Schweigungen.)

Diese alte  – hysterische Produktivität – wie war die?

Jahrhundertelang waren Menschen in Mitteleuropa Ideenhaber
und Produzenten, darauf trainiert – gegen – die natürliche Knappheit
und Verfalls-Tendenz aller Dinge stark anwirtschaften zu müssen.
Der Imperativ lautete immer: Tue etwas.

Das Produzieren und Erfinden hatte zur Plausibilisierung als Gegenstand
den natürlichen Verlust, das Abwesende.

Schaffe Anwesendes gegen das Abwesende.
Lass Dir was einfallen. Sei Kreator, denn
der Tod, der Verlust, der Fehler, ist mächtig.

Die Maschine, die den Ingenieur erfindet.

Wenn ein tüchtiger Ingenieur – damals –  eine Maschine konstruierte,
dann erzeugte er sich selbst zugleich mit als Handelnden,
der eine möglichst positive Energiebilanz – im Gerät –  anstrebte.

Die beste Funktion.

Aber die Maschine erzeugte immer auch den Ingenieur.

Dieser Ingenieur hatte versucht, eine Maschine zu bauen,
die möglichst wenig thermische oder informelle „Verluste“ streute.

Er wollte: Dichtigkeit. Positive Effizienz.

Er wollte: Einen Arbeitskreislauf erfinden, entwickeln, bauen, verbessern,
der möglichst viel von der hinein-investierten Energie in möglichst hohen
erwünschten und nutzbaren Effekt/Arbeit umwandelte (Hoher Wirkungsgrad.)

Ein Naturgesetz sagte ihm, dass ein perfekter, optimaler,
Wirkungsgrad 1 nie erreicht werden kann. (Kein perpetuum mobile.)

Und der vorbildliche Ingenieur kannte dieses Naturbeschränkung auch,
aber das trübte seinen Ehrgeiz nicht. Im Gegenteil, er wurde davon
angestachelt, seine Konstruktion noch besser, noch dichter zu verfügen,
denn er wusste, dass er sich diesem Wirkungsgrad unendlich dicht
annähern konnte, obwohl er ihn nie zu 100 Prozent erreichen würde.

Auch wenn er noch so perfekt konstruierte –
ein winziger Verlust blieb – ihm –  immer.

So zeigte sich ein Movens der Evolution erkenntlich.
Der kleine Verlust, der nie und nimmer einzuholende
kleine thermische Fehler –

– dieser Fehler, dieser nicht einzuholende Verlust bewegte den Ingenieur dazu
Ingenieur zu sein – und immer noch eine bessere Idee der Abdichtung zu haben.

Der kleine thermische Fehler – war die Maschine, die den Ingenieur erzeugte.

So gesehen war der Ingenieur, auch der Unternehmer,
eigentlich kein autonom Handelnder, er war logische Folge
eines thermischen Verlustes, einer undichten Stelle.

Der Ingenieur war selbst ein Produkt der Thermik.

Der Verlust, der kleine, die undichte Stelle,
der nächste Fehler – wärmte den Ingenieur, beleuchtete ihn
und ließ ihn beruflich wachsen..in die nächste, bessere Konstruktion.

Der Verlust – erfand den Erfinder.

Das Abwesende zeugte das Anwesende.

Das Gerät schenkte Verluste. Der Konstrukteur bot „Dichtungen“,
und positive Effizienz. Die nächst bessere Funktion. Ein Tausch.

Rudolf C. Vater des Verlustes

Der Verlust war die Mutter des Ingenieurs.

Der Fehler war der Vater des Mathematikers.

Die Fehlstellen waren die Eltern von Ideen.

Ohne Verluste, ohne Fehler, keine Mathematik.

Hier, an dieser Stelle, könnte bald einmal
das ökonomische, das gesellschaftliche Bewusstsein umklappen.

Wenn die Produktivität einer Informationsgesellschaft eine gewisse Schwelle
erreicht, dann kippt etwas, dann macht die alte Plausibilisierung:
Produziere und konstruiere das Anwesende
gegen den Verlust an. – keinen Sinn mehr.

Weil die Abschüssigkeit der verlusthaften Thermik nunmehr
nach der Seite der Produktivität gekippt ist.

Die Entropie streut jetzt nicht mehr Wärme. Sie streut Dinge, Produkte,
Teile, Varianten, Diversifikationen.

Die Ökonomie wird jetzt selbst zu einer undichten Maschine,
die sich immer mehr unerwünscht öffnet. Und ihr Ausstoß wird
jetzt plötzlich zu einer Belastung wie bei einem undichten
Motor in früheren Zeiten.

Die Produktivität selbst ist dann der Verlust.

Undicht ist jetzt immer weniger die einzelne Maschine.
Undicht wird die Ökonomie als solche. Die Produktion,
die Wärmestreuung in unendliche Diversifikationen,
in Klein und Kleinstdifferenzen, Phantsamen, Farb-
kombinationen und Individualabspaltungen in Teilen und Teilesteilen –

Plötzlich ist „die Produktivität“ der Verlust. Ab jetzt gehört „Kreativität“
zu den Verlusten, die zu vermeiden sind.

Jede neue Idee wäre eine Belästigung.

Die vielen Ideen und Verbesserungen werden zum Fehlerbösen,
zum Krebs einer Ökonomie, die in Produktivität hinein wuchert,
sich hinein streut: Die Sinnerzeugung ohne Zeugen. Die Effizienz
ohne natürliche Verlust – Plausibilität.

Ideen, Bücher, Projekte, Konzepte werden zunehmend mechanisch
abgesondert. Die Ökonomie kann – ihr Wasser nicht mehr halten.

Sie wird selbst – undicht.

Schließlich wird sogar die Fortpflanzung der Produzenten selbst
fragwürdig.

Weil „Die Pille“ – oder „Die Verhütung“ nun die Funktion einer „weichen Bombe“ der Menschenvermeidung als informationelle Bombe übernimmt.

Evolution der Anwesenheit: Ein besonders bewegliches Stativ.

Wenn das einmal angekommen ist, dann wäre es möglich,
dass eine Politik, eine Gesellschaft, eine Ökonomie mit Abwesenheiten
ebenso produktiv und konstruktiv umgeht, umgehen muss,
wie mit Anwesenheiten.

Abwesenheit würde plötzlich wertvoll.

Die Kunst, die Herausforderung, bestünde,
dann nicht mehr darin, etwas zu produzieren,
eine Idee zu haben oder ein Buch zu schreiben,
sondern genau umgekehrt:

Man müsste jetzt damit beginnen,
Ingenieure des Nichtstuns auszubilden,
Professoren der Unterlassung,
Spezialisten der Einfallslosigkeit,
Erfinder von klassischen Verlusten…

Universitäten für Irrtümer.

Kurz gesagt: Die Gesellschaft müsste ein produktives
Bewusstsein für „negative Effizienzen“
entwickeln.

Man erkennt  hier, dass die Realität selbst immer und überall
ontologisch „undicht“ ist.

Das thermische  und informationelle Undicht-Sein der Realität
treibt jede Entwicklung voran – in die nächste Funktion/Expansion.

Bis jetzt funktioniert unsere Realitätsmaschine als eine
klassische Maschine, die Fehler gegen Funktionen, Abwesendes
gegen Anwesendes eintauscht.

Da das  klassische Bewusstsein
aber nur mit Anwesenheiten rechnet,
kennt es nur die „positive“ Effizienz.
Die „positive“ Maschine der Anwesenheit.

Weil das eine einseitige Ökonomie ist, häufen sich in ihrem Rücken,
die nicht-bewirtschafteten Fehler an: Umwelt, Kreditblasen, Überproduktion.

Sie selbst aber kennt bis jetzt nur das „Fehlerböse“ – dass der Effizienz
entgegensteht.

Unser Bewusstsein ist  heute noch nicht in der Lage, mit
„Abwesenheiten“  rational  zu rechnen – und sie als
Produktivkraft zu entwickeln, zu pflegen und zu gestalten.

Ein umklappendes Bewusstsein müsste realisieren, dass ab
einer bestimmten Schwelle von Produktivität jedem Tisch,
jedem Ding, jeder Glühlampe – ein Nicht-Tisch, ein Nicht-Ding,
eine Nicht-Glühlampe gegenübersteht.

Ein umklappendes Bewusstsein könnte irgendwann damit beginnen,
dem Nichtvorhandenen, dem Abwesenden, genau so viel Produktion
zu schenken wie dem Anwesenden.

Der Nicht-Tisch würde plötzlich wertvoller
und schwieriger zu realisieren als der Tisch.

Das umklappende Bewusstsein sollte wissen,
dass auch eine Unterlassung, ein Nichthandeln
genau so produktiv ist – also realitätserzeugend, wie
ein „positiv effizientes“ Machen und Tun und Herstellen
und Konstruieren.

Denn ab einer bestimmten Schwelle ist jedes Produzieren simpel,
ontologisch brutal.

Etwas zu produzieren und zu konstruieren kann dann so brutal
und einfallslos sein, wie heute etwas zu zerstören oder kaputt zu machen
oder zu töten.

Es könnte sogar sein, dass ab einer bestimmten Schwelle
der Produktivität den 10 Geboten noch ein 11 hinzugefügt
werden müsste:

Du sollst nicht produzieren.

Und zwar in dem Moment, wenn das Abwesende ontologisch
in der Minderheit ist.

Weil es aber heute für Abwesenheiten nur eine Sprache
und ein Zeichensystem gibt, dass  Abwesenheit sofort
in den Zeichenhaushalt einer Positivität einspiegelt:

„Es ist kein Tisch da.“ – so ist das Bewusstsein selten in
der Lage, sich bewusst produktiv zur Abwesenheit zur verhalten.

Es könnte ja auch anders reagieren – so als Techniker der Abwesenheit:

„Da ist kein Tisch. Warum nur ein Tisch? Wäre es nicht besser,
es würden alle Tische da nicht sein.

DA – ist kein Tisch!

Die Produktion von „positiven Effizienzen“ eskaliert heute
oft noch in die Brutalität des Anwesenheits-Schwachsinns,
weil ihr keine Entsprechung in Produktivität von
„negativen Effizienzen“ gegenüber – gedacht wird.

Der Tisch, der nicht DA ist.

Gäbe es ein ausgeglichenes bewusstseins-seitiges
Verhältnis zur Abwesenheit, könnte sich eine Ökonomie
zumindest teilweise von einem permanenten krebsartigen
Wachstums-Stress emanzipieren, die all ihre „positive“ Effizienz-
produktion irgendwann auf das brutal „Fehlerböse“ eines
Totalzusammenbruchs einer Hyperkrise abläd.

Eine Ökonomie, die bewusst immer kleine Minikrisen produziert,
wäre dann gegen die große sich als Potential anstauende Hyperkrise
abgesichert.

Früher waren Kriege für negative Produktivitäten verantwortlich.
Und heute ist es die Pille als weiche Bombe, welche die Wachstumsraten
in den Industrienationen an den „Entscheider“ oder die „Entscheiderin“
deligiert. Dies aber blind. (Die Pille und die Verhütung sind  als informationeller „Tausch – Effekt“, als Gegenwendung gegen den Produzenten, noch nicht verstanden.)

Eine Gesellschaft, die keinen Krieg mehr will, und auch den weichen Krieg der Menschenvermeidung nicht mehr blind führen will, braucht eine andere
Form von bewusster – negativer Effizienz.

Die Gesellschaft, eine Ökonomie, braucht
in Zukunft mehr Ingenieure des positiv Undichten.

Denkbar wären in Zukunft „negative“ Maschinen zur
geregelten Produktion von Verlusten. Realitätsmaschinen
mit einer offenen Stelle, durch die wir entweichen können.

Gemeint wäre hier also nicht die Abschaffung des Kapitalismus,
die bloße Faulheit oder Lässigkeit, eher ein wissendes,
bewusstes und  produktives Verhältnis zur Abwesenheit, das
die Abwesenheit selbst kapitalisiert. Ein positives Verhältnis zur
negativen Effizienz, dem ein negatives
Verhältnis zur positiven Effizienz gleichberechtigt gegenübersteht.
Ein Unternehmertum dem ein Unterlassertum bewusst
gegenübergestellt wäre, um in der Ballance von positiver und negativer
Effizienz ein Klima der ontologischen Gelassenheit zu erzeugen.

Briefmarke ohne Erfinder

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