Physik der Antiphysik

Teil 1: Schwellen.

Warum etwas opfern. Ein Opfer ist eine Kommunikation mit einer metaphysischen Macht.
So schreiben es die Lexika.
So sagt es Eliade, der Religionsforscher. Alle Religionen dieser Welt kennen eine solche Kommunikation. Der Angesprochene, der Herbeikommunizierte ist ein Geist, ein Ahne, eine Göttin oder ein Gott. Oder ein Zeichen.
Ein Zeichen von Physis oder Nichtphysis.
Der Opfernde gibt etwas hin. Öl, Reis, eine Maske, Rauch, ein Tier, Feuer, ein Tanz, den Rausch, ein Stück Rinde…. auch ein Menschenleben.
Der Grund: Kommunikation. Aber mit wem? Steht hier nicht Physis gegen Metaphysis, das Unsichtbare?
Und überhaupt, ist diese Art zu kommunizieren nicht eher eine Einbahnstraße?
Gibt es Antworten?
Die Mythen gehen immer selbstverständlich davon aus. Und noch die Sagen berichten davon. Der Drache sagt: Bringt mir jährlich eine Jungfrau und ich lass Euch in Ruhe. Dionysos fordert den Rausch, den Ritus, und sogar das Mysterienspiel, das Theater, die frühe griechische Tragödie. Alles soweit klar. Aber wer hat sie wirklich gesehen die Götter, die Geister, die metaphysischen Mächte?
Vielleicht hat man sie früher einfach öfter gesehen. Sie ließen sich eben blicken, kamen vorbei oder zeigten sich in der Extase. Traten hervor.
Als moderner Mensch, der auch gerne mal zwei oder drei Gläser über den Durst trinkt, kann man sich gerade noch vorstellen, dass man etwas hervortreten sieht.
Dafür tanzten früher Befugte, Beauftragte, Priester, Schamanen, Zaubermänner, Spezialisten – mit der Lizenz zum Betrunkensein, zum Rasen, zum Durchdrehen, zum Rausch, ja, auch zum Töten. Ein Hieb mit der Keule, ein Schnitt mit der Klinge und ein langer roter Faden floss vor der ebenso roten Sonne bald über die heiligen Stufen der Stadt Tenochitlan.
Es geht auch weniger brutal. Ein Paar Kokablätter in den Fluss gerieben, damit der nicht oder gerade deshalb über die Ufer trete. Ein Schluck Wein auf die Erde gegossen für den Gott der Ähren und Ernten. Olivenöl für den Olymp…
Opfern bewegt Physis, ist Handlung. Handeln. Ein Handel. Es müssen auch nicht immer Gaben sein. Handlung kann auch Tanz sein, oder ein Rausch, ein Ritus, eine Zeremonie, eine Liturgie. Auf jeden Fall aber meint das immer: Physis. Physis im Rausch, im Tausch. Aber im Tausch gegen was?
Gibt es das Wesen da draußen? Da oben? Im Fluss? Im Himmel? Im Olymp?
Für den Opfernden ist das keine Frage. Denn indem er handelt, Handlung vornimmt, beweist er es. Er bewegt die Luft, zündet Feuer, lässt bluten, schwitzt, tanzt, raucht, schwenkt Töpfe, zündelt in Schalen – und handelt. Schon die Handlung gehört dazu, zur Zeremonie des Opfers. Auch eine Handlung ist Gabe, Hingabe, Physis, Opfer. Zuhören. Sie ist Anspruch auf Ansprache. Kommunikation. Aber mit wem? Wer ist da draußen? Sind es die Ahnen, die Wesen, die Geister, die Götter? Kann man sie sehen?
Wozu der ganze Aufwand? Muss das sein?
Ja. Es muss sein. Der Wald, das Feld, der Fluss, der Himmel, die Frau, der Mann, das Kind müssen einen Sinn haben. Es muss ein Sinn in ihnen wohnen. Es muss da wer sein, den ich ansprechen kann, den ich bitten kann, dass der Regen kommt, bei dem ich mich beschweren kann, wenn er ausbleibt, oder auch, bei dem ich mich entschuldigen kann, wenn ich ihm zu nahe getreten bin. Dafür muss das sein. Wenn der Fluss überläuft, der Wald brennt, oder die Ernte verdorrt, die Tiere brüllen, da draußen muss es einen Bevollmächtigten geben, mit dem ich sprechen kann. Der mit sich reden lässt. Und mit dem man handeln kann. Die Welt ist so eingerichtet. Ich muss etwas tun, handeln, dann handelt sich etwas, verwandelt sich etwas, dann kriege ich etwas. Regen, Rat, Vergebung oder den Sieg, die Frau, die Heirat, die Schlacht, das Kind. Von nichts kommt nichts. Also handle ich, damit der Regen kommt. Oder damit das Blut ausbleibt. Ich rufe den Bevollmächtigten. Den Abschnittsbevollmächtigten. Ich biete einen Tausch an. Ich kommuniziere. Ich opfere. Ich opfere bis es regnet. Ich opfere bis der Arzt kommt. Ich entzünde mein Feuer, ich brenne eine Maske, vergrabe meinen besten Bogen, oder ich stampfe einfach mit den Füßen auf diesen Grund voller Sinn.
Ich opfere. Gebe eine Gabe, ein Leben, meine Kraft – also, lieber Gott, lieber Geist, mach dass es gut wird. Komm schon.
Opfern ist Handeln für einen Sinn. Handeln. Handlung. Gabe. Gebet.
Pflanze, Blut, Fleisch, Rauch, Feuer, Stimme, Physis. Der Opfernde gibt das Wesentliche und erfährt dabei – das Wesen, den Geist, den Gott. Darin, in diesem Handeln im Wesentlichen zeigt er sich schon. Die Metaphysis zeigt sich in der wesentlich erregten Physis. Das ist das Opfer. Das ist der Handel, die Gabe, das Gebet. Die Handlung ist der Handel. Ein Tausch.
Das Wesen des Ganzen wird sichtbar. Sein Sinn. In der Handlung, im Handel, im Tausch mit dem Wesentlichen. Gott wird sichtbar, ohne dass ich ihn anschauen muss. Und der Geist berührt mich in der aufgewühlten Physis, ohne dass ich ihn anfassen muss. Das ist ES. Das ist SIE. Das ist ER. Das bin ICH. Das sind WIR. Mitten im Rauch, im Tanz, im Feuer ahne ich ihn, den Ahnen. Ich ahne den Ahnen, den Geist; im Blut des Geopferten kann ich ihn auch sehen. Ich spüre ihn. Die Kommunikation ist hergestellt. Das System ist stabilisiert. Das Wesen zeigt sich mir im Wesentlichen, in einer mächtigen physischen Bewegung.

So funktionieren fast alle Religionen. Bis heute. Auch die asiatischen. Nur setzen die ein starkes Minuszeichen vor die Physis, dann folgt aus der Beruhigung eine Verwandlung in den Sinn.

Der tiefere Grund für alle Religion:
Das menschliche Bewusstsein ist als „Form“ ebenso offen wie auch geschlossen.
Es ist ein elektrodynamisches Fließgleichgewicht. Um bewusst zu „sein“, muss es eine permanente Fließgleichgewichts-Verhandlungsroutine „tauschen“ zwischen innen und aussen.

Zeichen lesen tauscht gegen Physis schreiben tauscht gegen Zeichenlesen tauscht …etc..

Die Sinne sind die elektromagnetischen Einlasskanäle (Auch Wärme ist eine elektromagnetische Erscheinung im Spektrum) Die Reflexe – als Reaktionkanäle sind als „Gegen“ – Steuerungskanäle die reaktiven nach aussen gerichteten Stabilisatoren. Das Bewusstsein vibriert oder zittert  in einer Oszillation – innen – aussen. Bewusstsein haben heisst: Eine Innen-Außenbalance zu „verhandeln“ Daher auch der Eindruck, eine Person habe „Schwingung“

Das Gehirn muss – um steuern zu können – eine gewisse Autarkie gegenüber der fließenden reinen Physis der Themodynamik behaupten. Es muss einen UNTERSCHIED behaupten, um steuern zu können. Es braucht eine Isolation. Es muss „schwimmend“ gelagert sein. (Der General darf nicht die Schlacht selbst sein) Es muss selbst  – wie eine – autarke Zelle durch eine halbdurchlässige Membran von der nurfließenden Physis abgeschirmt sein.
Dies Abschirmung leistet die Blut-Hirnschranke – bei allen höheren Säugetieren.

Je stärker die Abschirmung durch die Blut-Hirn-Schranke, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Teil der Oszillation von physisch – elektromagnetischer Aktion – Reaktion innerhalb der Zelle gespiegelt – also reflektierend hin und her geworfen wird. Ein Teil der Oszillation kann den Kopf  nur noch stark verzögert sowohl erreichen als auch verlassen.
Dieses Hin – und Her-Spiegeln von Anteilen der flexiven und reflexiven Balance-Handlungen erreicht irgendwann einen „Schwelle“ – an dem das Gehirn so viele Anteile elektromagnetisch re-flextiv hin und her-spiegelt, dass es selbst „Form“ wird – also „WELT“ – in sich selbst spiegelt und mit dieser Spiegelung zu allem was „da draussen“ physisch ist oder von aussen physisch auf es eindringt ein neues Wort sagt – DU!
Das Wort, das zugleich das ICH miterzeugt.

So trennt aber dies Blut-Hirnschranke auch alle höheren Funktionen von der Physis des eigenen Körper ab.

Deshalb externalisiert der frühe Mensch auch alle unbewussten und phyischen Belange, die Triebe und Gewalten und Mächte des eigenen Körpers mit einem „DU!“

Religion ist und war nichts anderes als diesem „Du“ – da draussen vor der Schranke einen Namen zu geben – also den Namen „Gott“

Drogen und Extasen sind eine Möglichkeit die Blut-Hirnschranke zu überwinden und zu diesem Gott Kontakt aufzunhemen. Opfern, Beten, Sprechen sind Opfer – Techniken(!) eine andere Möglichkeit.

Der größete Anteil des Gehirns ist eine schwimmend – gepuffert gelagerte Blase – eine dissipative offen-geschlossene Form in der Zeit. Innerhalb des Cortex fließt keine Realzeit. Das Gehirn und der Cortex selbst exisiteren für sich –  zeitlos.

So bilden Religionen auch Gemeinschaften bis heute. Aber das ist hier nicht wichtig. Ob die ganze Gemeinschaft den Ritus beging, ein einzelner für sich oder nur ein Schamane oder Priester als Stellvertreter im Schauspiel für alle, ein Ritual aufführte, dessen die Umstehenden ansichtig wurden – das eine große Prinzip von Religionen ist der Tausch. Der Tausch Physis gegen Metaphysis. Und dieses Prinzip hat auch die Bauten erstehen lassen, die Sakrale, die Pyramiden, die Menhire, die Werke und Gewölbe, die Kirchen, Tempel, Kathedralen und Moscheen. Ganze Kulturen wären ohne die Physiken des Opfers, und seien es die Opferphysiken der Arbeitskraft, nicht denkbar gewesen. So wirkt das physische Opfer auch als eines der ersten vornehmsten Kräfte der Techniken und der Ästhetiken, der Wirkungen und Anschaungen. Was dem Abwesenden gewidmet war, hat Anwesenheit geschaffen. Die unsichtbaren Metaphysiken haben also doch geantwortet und sich sogar als Baumeister betätigt. Wer oder was hat den Petersdom gebaut? Die Physik oder die Metaphysik? Das Sichtbare oder das Unsichtbare? Geist oder Materie?

Die Kirche als Bau. Die Kathedrale. Sie ist eine Statik, geweihter Ort, Grabstätte, sakraler Raum, Immobilie. Woraus besteht sie? Besteht sie aus Physik oder Metaphysik? Wer hat die Kirche gebaut? Gott oder die Menschen? Was macht ihre Statik? Geist oder Materie?
Ist eine Kathedrale Stein gewordenen Metaphysik? Die heilige Stadt Jerusalem, was ist sie? Physik oder Metaphysik. Ist sie Energie oder Information, Körper oder Geist, Mensch oder Gott? Oder Beides? Sind es zu Ziegeln und Gewölben auskristallisierte Kommunikationen mit Gott?  Sind es statische Opfer?
Ist ein sakraler Bau wie der Kölner Dom vielleicht schon die frühe Verwandlung von religiöser Energie in Masse, in Stein? Viele Jahre vor Einstein? Was ist dieses Gehirn, das nach Antworten sucht und zu kommunizieren beginnt, Kräfte, Energien zu opfern bereit ist? In die Umwandlung hinein gibt und in das Wesen, in die Masse. Um was zu bekommen?

Klick.

Die Kirche war Ende des 15 Jahrhunderts eine solche Masse. Eine ungeheure Masse. Sie war Weltmacht. Eine Masse, ein Brocken, eine Wucht, ein Brocken auch, und ein schöner Konzern. Ein Weltkonzern nach damaligen Maßstäben. Ihr gehörten ganze Gebiete, Wälder, Seen, Landschaften. Bistümer. Sie war reich. Eine große Immobilienbesitzerin. Ihr gehörte die halbe Welt, gut vielleicht nicht ganz, aber fast, jedenfalls regierte sie heftig mit, der damalige europäische Raum stand unter ihrer Fuchtel, obschon die weltlichen Fürsten darüber murrten. Doch sie war das Wirtschaftsimperium ihrer Zeit. Sie war Physik. Aber diese Physik war recht ordentlich organisiert. Sie hatte ihre Tochter und Franchise-Unternehmen in den klösterlichen Orden. Zisterzienser, Augustiner, Benediktiner, Dominikaner. Ganz ordentliche Tochterunternehmen eben, die wie kleine und große Filialen als Geist-Tankstellen die Karte Europas dicht an dicht mit roten, blauen und grünen Stecknadelköpfen übersähten, hätte es damals schon solche Stecknadeln gegeben. Das Netz lag sogar so dicht, dass es eben durchaus möglich war, als Mönch zu Fuß von Köln nach Rom zu pilgern, was nicht selten vorkam. Wenn es auch dauerte. Man liest von erstaunlich vollen Wegen und von Klöstern und kirchlich oder zwielichtig verwalteten Herbergen, die sich eben beinahe alle 50 Kilometer den Wandernden anboten. Es muss einiges los gewesen sein auf diesen Wegen, wenn sie auch nicht unbedingt ganz sicher waren. Und in Rom saß die Konzernzentrale. Sehr üppig. Sehr weltlich. Die Päpste, zuletzt aus weltlichen Advokatendynastien, namen es eher lässlich, vergnügten sich mit ihren Geliebten hinter den Mauern oder scharmützelten mit Venedig herum. Alles in Butter. Und schließlich, auf dem Höhepunkt ihrer Dekadenz ließen sie sich von den Raffaels und Michelangelos dieser Welt beeindruckende Bilder malen. Rom wurde nun Hollywood. Gott auf Breitwand.
Der Konzern funktionierte gut. Abgesehen davon, dass es immer mal wieder Probleme gab mit dem Besetzen von Posten und Pöstchen, dem Unterbringen Nepoten, dem Versorgen von unehelichen Töchtern oder irgendwelchen Bischöfen, die man loswerden musste, weil sie sich als Dummköpfe untauglich zeigten.
Aber auch diese hierarchische Struktur glich exakt dem heutiger Konzerne. Oben saß Gott als der Vorstandsvorsitzende, es folgten der Papst als sein Stellvertreter und dann die Bischöfe, Bosse, Abteilungsleiter, Äbte, Priester, Diakone, Mönche bis hinunter zu den Schafen und Schäfchen, die geweidet und geschoren wurden. Diese Kirche war eine physische Welt. Eine sinnlich greifbare und anschauliche. Sie hatte alles. Neben ihrem ungeheuren Besitz an Immobilien und Länderein gehörten ihr auch die Universitäten und viele Bibliotheken, Schnappsbrennerein und Kräutergärten. Sie bestimmte wesentlich das Geistesleben. Und das war eigentlich gar nicht mal so schlecht. Wahrscheinlich muss man sagen, dass die Intelligenteren damals eher in den Klöster anzutreffen waren als auf dem Feld oder der Straße. Ach was, natürlich, es gab dort alles an Charaktären, vom Taugenichts, zum Drückeberger, der adligen Tochter, die versorgt sein musste, Fett-und Pfropfmönche, hohlwangige Asketen  Gelehrte. Diese Klöster waren eher selten Sündenpfühle, wie es uns Der Name der Rose erzählt, aber es gab auch solche und solche. Solche, in denen arme Nonnen sich prostituierten und solche in denen gearbeitet und gebetet wurde, solche die verlottert waren und solche die wie straffe Wirtschaften funktionierten und Überschüsse verkauften und wo man sich Witze über den Papst erzählte, solche in denen geforscht, geschwiegen und geschrieben wurde und solche in denen es von allem etwas gab; oder solche, in denen kirchliche Kontrollbeamte, die nach dem Rechten sehen wollten auch schon mal verprügelt und nackt wieder vor die Tür gesetzt wurden. Das Leben in den Klöstern war mindestens so bunt wie draußen. Und es war wesentlich vom Charakter des Ordens bestimmt. Trotzdem blieben auch für die Klöster die Sommer kurz und die Winter lang. Die Kirche gab Arbeit und Aufträge. Für Architekten, Baumeister, Künstler und Statiker. Obschon sie Grundlagenforschung kritisch beäugte, reglementierte oder gar repressierte, förderte sie die technischen Wissenschaften und Fertigkeiten erheblich. Vieles was an Wissen über Wirkungen, in der physische Herstellung und des Handelns war, ging auf ihr Konto. Die Kirche war wissenschaftsskeptisch, aber sie war nicht technikfeindlich. Im Gegenteil.

Woher hatte sie das alles? Woher hatte sie diese enorme Physis? Ja, es waren Eroberungen und Politik und Nepotismus im Spiel und Korruption, wie das bei Konzernen und Imperien so üblich ist. Aber ihre Macht und ihren Reichtum und das Gewicht ihrer Stimme gründete letztlich auf etwas Unsichtbares. Auf etwas Metaphysisches. Es gründete sich auf Angst. Und zwar hatten viele Menschen damals nicht unbedingt Angst vor der Kirche als weltliche Macht, das sicherlich auch, aber vor allem hatten sie Angst vor einem ungnädigen Gott, dessen Stellvertreter die Kirche war, und der sie in der Hölle brennen lassen konnte, für immer brennen. Es fällt heute schwer, sich vorzustellen, wie real, wie ernst zunehmen, wie wirklich entsetzlich wirklich und nah und verzweifelt möglich es für die Menschen damals schien, es vielleicht nicht in den Himmel zu schaffen. Wie greifbar war diese Angst? Das Fegefeuer war so nah wie ein Stück Brot.
Eine Welt, in der es diese Möglichkeit ganz real gab, dass man nach dem Tode im Feuer brennen könnte. Diese metaphysische Größe der Wirkung der Angst vor dem Fegefeuer hatte ein solches Gewicht, flößte solchen Schrecken ein, in ihrer Nähe, dass sie eine Wirklichkeit war. Heute würde man sagen: Der Tod selbst war ein Scheißdreck dagegen. Eine greifbare Angst, so greifbar, dass man damit Handel treiben und ein großes Opfertauschgeschäft in Gang setzen konnte.
Ängste, Hoffnungen, der Glaube, all dies sind Wirkungen des Unsichtbaren. Metaphysische Wirkungen. Aber sie schufen Wirklichkeiten.
Die Wucht, die Masse, der Brocken, die Physis, dieses Imperiums Kirche gründete in einem gut organisierten Handel und Tausch von Opferphysiken gegen – nicht gegen Gott, auch nicht gegen den Teufel oder Geister, nein, man ertauschte sich – Gnade. Es war ein Gnadenhandel.
Gnade war das begehrte Gut, dass nur der Klerus als Vermittler im Tausch anbot. Die Gnade des Gottes zu seinen Sündern. Und sündig waren natürlich immer alle. Daran bestand kein Zweifel. Schließlich war man ja Mensch und spielte als solcher auf der Klaviatur der Begierden, Triebe, Sünden und Register.

So waren im Laufe der Jahrhunderte die Gnade und die Angst in die Schlachten gen Jerusalem gezogen, so hatte die Gnade und die Angst Kirchen, Städte, Stifungen, Klöster und Bistümer erbaut. Die Gnade und die Angst hatten Europa physisch möbliert und ihm eine erste supranationale Infrastruktur gegeben. Die Päpste waren so die ersten Vorsitzenden einer Europäischen Gemeinschaft.
Aber auch die Ehrfurcht, Hoffnung und die Emphase hatten mitgebaut. Und  –
Die Liebe.
Aber Fleischeslust gehörte damals zu den Sünden. Und sie war dies notwendigerweise. Denn diese Liebe, obschon sie sich nicht ganz unterbinden ließ, war streng reglementiert. Sie gehörte ja irgendwie doch zur Physis. Ein Reglement, das ihre nicht reglementierbaren Anteile des Sexus und der Lust und der Übertretungen und das Vergnügen und den Rausch den Sünden zurechnete. Und damit die Wirkung der Angst, wie über ein Hebelgesetz in die Routinen der Entlastungen und des Gnadenhandels trieb. Beichten. Gebete. Opfer. Ablässe. Geisselungen. Kniefälle. Nerven-und körperaufreibende Pilgerorgien und zum Teil blutiger Askesen.
Die katholische Kirche bediente sich eines metaphysischen Hebels, indem sie die Liebe, die Lüste und Genüsse und alle definierten registrierbaren Vergehen aus dem Fleisch in Steine trieb. In Technik verwandelte, wo sie zu hohen Räumen, und kathedralen Kristallen gefror. Bezahlt mit Abgaben und dem schlechten Gewissen der Schäfchen. Aber natürlich auch mit Eroberungen.
Angst und Hoffnung auf Gnade, das sind die Steine ihrer Gründungen und Bauten. Die Angst und die Gnade benutzte sie als Werkzeug.
Und dieses Werkzeug baute Großes. Sehr Hohes.
Denn die weltlichen Fürsten und Könige arbeiteten fleißig mit. Sie betätigten sich als Stifter. Auch sie gaben ein Teil ihres Reichtums an die Kirche hin. Davon zeugen die Stifte, die deshalb so heißen. Auch wenn diese weltlichen Stiftungen für die Kirche oft auch von einem taktischen Interesse motiviert waren, immer ein bisschen Korruption auch im Spiel blieb, letztlich konnten sich auch die mächtigsten weltlichen Herrscher nie sicher sein, wie nah oder fern auch ihnen die Hölle lag.
Und noch die Bilder und Meisterwerke der so genannten Renissance sind mit solchem Hebel-Werkzeug erschaffen, dass sie mit Ablässen, Opfern und Gaben finanzierte aus der Registrierkasse der Sünden.
Die Kirche baute und strukturierte und unterhielt ein metaphysisches Imperium, mit einem unsichtbaren Herrscher an der Spitze.

Klick.

Aber wie gerecht war dieses System? Wie gnädig war diese Physis? Sie funktionierte und war zweifellos gut organisiert. Ein Körper, der hierarchisch von einem Gott-Oben genährt wurde und an seinem Hölle-Unten die Angst-und Gnadenbauten ausschied, die wiederum steil nach oben wiesen.

Aber war dieser Gott wirklich gerecht? Murmelte man nicht schon längst hier und da? Flüsterten man nicht schon längst an den Universitäten aber auch hinter den scholastischen Kathetern, dass hier irgend etwas nicht stimmen konnte? Wenn ein Armer, der fast nichts hatte, auch noch etwas geben musste, und infolge dessen noch ärmer wurde, so dass er womöglich von der blanken Not getrieben erneut sündig wurde. Und was waren das für Bischöfe und Päpste und Manager, die sich einen Dreck um das Sündenregister scherten, aber nur weil sie reich waren und in der Hierarchie weiter oben saßen, sich der Gnade näher wähnen durften. Sie sich erkaufen durften. Wer bestimmte eigentlich die Preise? Waren sie nicht auch, ob sie es wollten oder nicht in einem Sündenmechanismus gefangen?

Wie kriege ich einen gerechten Gott?

Und wie kriege ich einen Gott, der bei diesen
Widersprüchen wirklich gnädig sein kann?

Über diese Frage stürzte Luther in tiefe Verzweiflung.

Diese Frage stellte sich Luther. Sie wurde ihm gestellt. Aber von wem? Wer stellte Luther diese Frage? War es der Zweifel selbst? Ein Reflektionsüberschuss, die Verhältnisse?
Hier muss nun abgekürzt und auf einschlägige Werke verwiesen werden. Es dürfte auch schwierig sein, dass exakt nachzuweisen. Denn diese Frage lag damals in der Luft. Die Zeit war reif. Und er war nicht der einzige, der über diese Frage nachdachte.

Scheinbar exakt nachzuweisen, oder jedenfalls Luthers eigener Aussage nach, ist der Zeitpunkt und der Anlass, der ihm Antwort gab.

Luther kam zu diesem Zeitpunkt als Mönch selber aus der kirchlichen Hierarchie und kannte die einschlägigen Argumente und die inzwischen eigentlich ziemlich festgefahrenen Diskurse der Scholastiker, die in hoch verfeinerten Argumentationen sehr klug durchaus auch stritten, sich fetzten und diskutierten. Aber in den Klöstern gab es Hierarchien und viele Mönche, ja wahrscheinlich die meisten, bekamen ihr ganzes Leben lang die Originalschriften der Testamente, der Bilbel, gar nicht zu Gesicht. Sie hatten die Scholastiker zu studieren und betrieben Kommentarstudien oder Abschreibungen der großen Kirchengründer und Lehrer von Augustinus  über den Gründer der Scholastik wie Thomas von Aquin, bis hin zu den Spätscholastikern wie Wilhelm von Ockham oder Duns Scotus, die ihrerseits verschiedene Ansichten vertraten und so immer mal wieder Anlass zu gepflegten Disputen gaben.  Die Diskurse der Scholastiker waren nicht dumm, sie waren auch nicht in dem Sinne dogmatisch, dass sie Überlegungen oder Diskussionen gänzlich ausschlossen. Ja, es wurde sogar gestritten. Aber worüber stritten sie?

Sie stritten durchaus über sehr interessante Fragen:

Stehen Glaube, Liebe, Wille höher als Vernunft?
(Duns Scotus – Ja! Thomas von Aquin – Nein!)

Kommt den metaphysischen Begriffen wie „Glaube“, „Wille“ oder den Klassebegriffen wie „Zahl“
oder den Kategorienbegriffen wie „Form“ eine reale Existenz zu oder sind es nur abstrakte Benennungen, Nomina?

(Wilhelm von Ockham – ja, sie sind real existierend!
Anselm von Canterbary – nein, sie sind es nicht, aber…!)

Dazwischen andere Fragen, gemäßigte Positionen und Haltungen. Frühe sehr kluge Diskurse. Philosopheme, die sich letztlich auf die Grundprobleme zurückführen lassen, die schon die Vorsokratiker auf ihre Weise und dann auch Platon und Aristoteles aufwarfen und bis ins 20igste Jahrhundert die philosophischen Köpfe erhitzten. Und es gab auch immer schon Positionen des Ausgleichs. Die Nein-abers und Ja -abers wucherten und näherten sich an, bis sie sich in einer Art metaphysisch-physischen Unschärferelation verloren.
(Ganz sicher stecken in der ganzen reichen Scholastik eigentlich schon fast alle Debatten und ein Großteil der Philospopheme des 19. Jahrhundert und mehr noch des 20igsten Jahrhunderts. Nur dass im 20igsten Jahrhundert nicht über Realien und Nomina gestritten wurde, sondern über Phänomene (Husserl) und Sprache (Wittgenstein) )
Auch diese Debatten haben sich scholastisch und diskursiv in die Ja-abers, und Nein – abers ausdifferenziert. Haben Lehrstühle erschaffen, Posten genährt, kleine und Große Meister, Schüler, Kirchlein, Väter und Söhne. Und es gab da bis zu Luther durchaus auch interessante Bewegungen, in denen ein Kopf geächtet, und dann, nach einem Jahrhundert, wieder zugelassen war.

Man kann hier fragen, was macht ein Mensch, ein gottesfürchtiger Denker, der klug ist, der weiß, dass es einen unbezweifelbaren Gott gibt, was macht ein solcher Mensch mit seiner Freizeit? Er wendet sich den durchaus interessanten Detailfragen zu. Er richtet seinen Reflektionsüberschuss auf Detailfragen, die keine Detailfragen bleiben müssen. Die Beschäftigung mit ihnen kann durchaus plötzlich ans Ganze rühren und gefährlich werden, wie bei Duns Scotus, der auf Grund seiner Haltung Schwierigkeiten bekam.

Reflektionsüberschuss? Warum gibt es den?

Es gibt ihn, weil sich im Laufe der Jahrhunderte das physisch-metaphysische Opferritual aus der Balance der Räusche und Extasen und im Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus auf der einen Seite in einen sich verdünnenden Zustand der gemurmelten und geflüsterteten Zeremonien, der  Lithurgien und Beichten, der Gebete und Gaben hinein beruhigt hatte, während die Physis, der Rausch, das Stampfen, das Blut, der Trieb, die Lust über den Werkzeugkasten des Sündenkatalogs und des von der Kirche betriebenen Gnadenhandels zum großen Teil erst in die Rgistrierkassen und dann per bezahlter Arbeitskraft in die mächtigen Bauten und Kathedralen, in die festen Strukturen der Orden und Unternehmen geflossen war, die eine erste wuchtige physische Infrastruktur errichteten. Physik gebaut mit Metaphysik.

Und das hat Nietzsche nicht gesehen. Diesen Tausch hat er nicht gesehen. Er hat lediglich gesehen, dass der Mensch „gezähmt“ wurde. Aber er hat nicht gesehen, dass die physischen Energien in die physischen und energetischen Strukturen und Bauten der Kirche, der Kathedralen und Stifte geflossen sind und dort auskristallisiert waren. In die erste große reale Infrastruktur Europas.

Nicht Zähmung hat hier stattgefunden, sondern Tausch.

Aber zurück zur Scholastik. Was die Scholastik betrifft, gab es interessanter Weise einen „Sieger“, jedenfalls einen Dominator.
Und der heißt Thomas von Aquin.

Thomas von Aquin also setzt die reflektorischen Erkenntnismöglichkeiten in eine ganz klare und eigentlich sehr durchschaubare rationale Hierarchie, in der es ein Oben und ein Unten gibt. Ganz „oben“ ist das „Sein“, das doppelgesichtig und unscharf ist (analog) In ungeteilter Gänze kommt es nur Gott zu, alles was darunter liegt hat lediglich „Anteil am Sein“ und splittet sich dann in Teilen von Teilen zu Teilen des Seins.

Diese Art der Hierarchisierung hat er von Aristoteles übernommen, der in seiner Art zu denken und zu kategorisieren ebenfalls einen Zug zur Matroschkapuppe hatte.

Warum ist das so erfolgreich? Es ist deshalb erfolgreich, weil man das Problem der Doppelgesichtigkeit – dass also das „Sein“ zu beiden Anteilen aus Physis und Metaphysis (Energie und Information) besteht – ans Jenseits, zu Gott hin delegieren kann. Was man erkenntnistechnisch reflektorisch nicht lösen kann, schiebt man weg. Das Ungelöste bleibt dann eben Gott.

Somit hatte man dann zwar im Reflektorischen die Möglichkeit, unendliche Begriffsbildungen und Nominalien zu erzeugen,mit denen es sich durchaus operieren lässt, über die es sich dann auch streiten und disputieren lies, aber was in den blinden Fleck gerät, ist die Physis, sind die Energien.

Die nämlich, also die Physis, die Physik, die Energien, die Handlung, das Handelnde rutschen dann hierarchisch „hinunter“ in die Ethik und in die Frage nach dem richtigen Leben.
Aber damit geraten sie notwendig hierarchisch u n t e r die Meta-Physis. Werden von Ihr getrennt und nähren fortan den Streit um Substanz und Akzidenz, um Potentialität und Aktualität.
Was de fakto ins unglückliche Bewusstsein (Hegel) oder in die unglückliche Praxis führt (Quantenphysik)
Nur die Mystiker (Meister Eckhard oder Johannes Tauler) und Alchimisten als dialektische Praktiker ahnten immer schon von diesem Tausch, und dass hier an dieser Trennung etwas nicht stimmen kann.
Ebenso später der deutsche Idealismus mit seiner Dialektik auf der Reflexionsseite. (Hegel – Phänomenologie des Geistes: Unglückliches Bewusstsein)

Die abendländische Philosophie nach Aristoteles musste deshalb immer trennen zwischen Metaphysis und Physis, Nomina und Realien, Handeln und Erkennen, zwischen Praxis und Theorie, zwischen der praktischen und der reinen Vernunft, zwischen Phänomenen und Begriffen.
Und schließlich hat sie getrennt die „Zwei Kulturen“ von Wissenschaft und Kunst. Explosion und Ästhetik. Ansicht und Blendung. Und gesellschaftlich zeigt es sich in einem eingependelten Zustand zwischen Stoizismus und Skeptizismus oder im Gegensatzpaar von Statik und Dynamik, Gnosis und Emphase.

Warum aber war damals Thomas von Aquins Denken außerdem so erfolgreich? Weil sich seine Hierarchie der Matroschkapuppe, in der es ein Innen und ein außen gab, ein „Oben“ und ein „Unten“ wunderbar dazu eignete, die hierarchische Struktur der Kirche zu rechtfertigen und zu stützen. Und diese Struktur, die zugleich einen Ernährungszusammenhang begründete, setzte sich noch für Jahrhunderte erfolgreich fest und erschuf bis zu Luther eine metaphysische Moderne, das metaphysische Europa mit seinen Kathedralen als hochragende Abschussrampen.

Klick.

Bis Luther und andere darüber nachdachten, ob diese Struktur gerecht war. Und ob man einen Gott, der in einer Hierarchie oben stand, als gerecht bezeichnen konnte, wenn er doch durch diese Hierrarchie seine Untergebenen mehr oder weniger zur Sünde zwang.
Das Opfern der Religionen, dass ursprünglich immer als Kommunikation um den Ausgleich von Physis und Geist gerungen hatte, war heruntergekommen auf einen Handel der Bereicherung, der den Kirchenfunktionär reich machte, und das unterste Schäfchen ärmer aber beide gleichermaßen nicht frei von Sünde ließ, während die ehemals die in Staub, Blut und Extase der Riten aufgewühlte Physis über die Arbeitskraft in die steinernde Infrastruktur der Bauten, der Klöster, der Technik abfloss.

Luther, talentiert und begabt, arbeitete sich in der Kloster-Hierarchie nach oben, wurschtelte sich mühsam durch die Diskurse  und Kommentare und immer feiner werdenden Argumente der Scholastiker, blieb unzufrieden, und durfte schließlich auch die Quelltexte studieren, besorgte sich die Bibel und las. Und irgendwann las er da im Römerbrief einen Satz des Paulus:

D<em>enn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben.</em>

Luther guckt diesen Satz an und überlegt. Er versteht ihn erst nicht ganz, aber er spürt, dass hier irgend etwas sehr wichtiges gesagt wird. Etwas ganz wichtiges.

„…welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt? “

Was soll denn das heißen? Glauben tun wir doch alle irgendwie.

„Der Gerechte wird aus dem Glauben leben…“  Was soll das dann?

Und wann, verflixt, ist denn jemand bitteschön – gerecht?

Luther hat jetzt ein Problem. Dieser Satz ist ein logischer Zirkel, etwas das seit in der aristotelischen Logik verboten ist, weil es sie aufhebt und weil es die klare Hierarchie von Aquin, der ihm allerdings immer unsympathisch war, von oben und unten, von innen und außen in Frage stellt, in dem es sie kurzschließt. Dieser Satz zerstört die schöne Matroschkapuppe, macht sie unmöglich.

Aber dieser Satz ist weder eine klare Aussage, noch eine eindeutige Frage. Er liegt dazwischen.

Luther hat später berichtet, dass er über diese Stelle „meditierte“.

Tagelang? Wochenlang?

Meditieren heißt eigentlich: sich in die Mitte begeben. Vermitteln (meditare)

Der komplementäre Ausdruck für meditieren heißt: Verzweifeln.

Aber ein Sprichwort sagt: Unentschieden ist nur der Tod.

Also meditiert Luther, verzweifelt und stirbt, überwindet den Tod und wird wieder lebendig, indem er für sich eine Entscheidung trifft.

Luther deutet: Der Mensch wird a l l e i n aus dem Glauben leben.

Später steht der Satz auch so da. Das a l l e i n  – ist Luthers Entscheidung und Präzision. Es steht so nicht im griechischen Original, was heute auch allenthalben bekannt ist.

Aber diese Entscheidung hat noch eine Konsequenz. Und Luther ist konsequent.
Wenn der Mensch a l l e i n aus dem Glauben lebt, dann kann Gott nur a l l e i n
aus Gnade gerecht sein.

Dass heißt aber: Es findet kein Handel mehr statt! Kein Opfer!
A l l e i n der Glaube vermittelt jetzt zwischen Gott und dem Menschen. Keine Extasen, keine Räusche mehr, aber auch kein Ablasspredigen und quälenden Busspraktiken mehr.

Allerdings: Das Register der Sünden bleibt.

Glaube, das wäre ein Nomina, eine Metaphysis. Aber was ist mit den Energien, der Physik, der Entlastung, der bequemen Möglichkeit, mich von meinen Sünden frei zu kaufen und frei zu beichten? Was ist mit den Bauten?

Gibt’s alles nicht mehr, sagt Luther. Tut mir leid, wer einen gerecht gnädigen Gott will, muss darauf verzichten. Oder jedenfalls auf das Allermeiste. Und das gilt jetzt für alle Menschen. Für die Schäfchen, wie für den Papst.

Die weitere Geschichte ist bekannt. Luther wollte nicht die Kirche in Frage stellen, auch nicht die Hierarchien. Schon gar nicht die weltlichen. Aber das war naiv. Denn welches Gesetz gab es noch wirklich, außer diesen in sich selbst verschlungenen Glauben.

Und die weltlichen Fürsten, denen die weltliche Macht der Kirche insgeheim immer schon nicht geschmeckt hatten, beschützten Luther nun. Denn sie ahnten oder wussten, dass damit das gesamte meta-physische Kircheneuropa ins Wanken geriet, und die Macht der Kirche gebrochen wurde. Was ihnen nur Recht sein konnte. Schließlich mussten sie sich jahrhunderte lang mit dieser Kirche die Macht teilen – auf ihren eigenen Territorien.

Und so kam es dann auch – wie man weiß.

Luther hatte meditiert und war durch die Mitte des Zweifels und den Tod des Unentschiedens hindurch für sich selbst und für die, die er dann durch glänzende Rhetorik und brilliante Ableitungen überzeugte zu einer Entscheidung gelangt. Aber er konnte nicht sehen, dass diese Entscheidung noch ganz anderer Fragen berührte, die er nicht oder nur wieder apodiktisch beantworten konnte.

Die Folgen sind bekannt. Luthers Entscheidung war eine systemtheoretische und kommunikative Katastrophe. Woher und wie jetzt noch weltliches Recht definieren, wenn vor Gott alle gleich waren?

Unentschieden ist der Tod.

Und dieser Tod kam  über die Bauern, die auch a l l e i n gerecht und also nicht mehr fremdbestimmt leben wollten. Er kam über Thomas Münzer.

Und schließlich fegte der Tod des Unentschieden wie eine metaphysische Atombombe als Krieg durch Deutschland und halb Europa 30 Jahre lang.

Immer hin und her gingen die Fronten.

Glocken wurden zu Kanonen umgegossen und Kanonen zu Glocken.

Die Physiken, die Energien, die im Gnadenhandel der Kirche so gut gebunden waren, für die Luther aber kein Gefäß und keine Verwendung mehr hatte, keine Sammlungsmöglichkeit bereit stellte, wurden destruktiv frei in einer Spaltung dieser Masse mit Namen Kirche. Als plötzliche Bindungsenergie einer metaphysischen Spaltung, die diese Kirchenspaltung war. Viele Klöster und beinahe die gesamte Infrastruktur der Kirche wurden dem Erdboden gleichgemacht, bis die Bevölkerung durch Pest und Krieg und Hunger und das gesamte Land so müde und erschöpft war, so dass es dann nach 30 Jahren endlich zum Frieden kam.

Dieser Krieg war die reine Physik, die Luther aus der Kommunikation mit dem Gott verbannt hatte. Indem er das Opfer verbot, brachte er Opfer hervor.

Es blieben Ruinen und verbrannte Felder und ein Mensch, der fortan zweifeln musste, wenn er Protestant war.
Dieser zweifelnde Mensch, a l l e i n mit seinem Glauben und a l l e i n mit seinem Gott ist der Mensch der Neuzeit.
Der Zweifel Descarts’ der sich dann zu einem ungeteilten „Ich“ überwand ist ohne Luther nicht zu denken.

So erlebt sich der neuzeitliche Mensch sich heute als ein Isotop, als ein Kern mit einer met-physischen Disballance in einem  meta-physischen Zwiespalt, immer unsicheres Überbleibsel, hervorgegangen aus einer Verzweiflung, Meditation und einer Kirchenkernspaltung.

Heiner Müller lässt in seiner Hamletmaschine den Hamlet, der in Wittenberg studiert hat, aber auch den Hamlet, der in jedem ein wenig steckt, einen Text sprechen:

„Ich sitze zu Hause und schlage die Zeit tot mit meinem ungeteilten Selbst.“

Das ist die Situation des neuzeitlichen Menschen nach Luther, und dann nach Descartes.

Denn der protestantische Mensch der Neuzeit, kann sich nie mehr ganz sicher sein, ob er wirklich alles richtig macht, ob er tief und fest genug glaubt. Ob er gerecht ist, und ob er Gott wirklich erreicht in seinem A L L E I N S E I N nach Luther.

Er darf nicht mehr opfern. Er ist das Opfer.

Oder: Er muss wieder handeln.

Aber was handeln, wenn ihm die Opferhandlung, der physische Ritus verwehrt ist?

Er muss tüchtig werden. Tüchtig und gut.

Und an Stelle der hingebenden Physik des  handelnden Opfers tritt eine Form der Tüchtigkeit und des Interesses. Da ihm habituell der Rausch und die Extase und der Ritus als die direkte und handelnde Verbindung zur Physis aber auch der Gnadenhandel verwehrt ist, entdeckt er die Physis neu. Ganz anders. Sie wird ihm Gegenstand nicht der Vermittlung, aber der Anschauung. Er opfert ihr das Licht seiner Augen und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit.

Diese Bewegung Luthers hat den Gott dezentralisiert. Der protestantische Gläubige ist nun jeweils mit seinem Gott allein, und agiert nun als mobiler Server. Die Hierarchie wandelte sich aus einer fest wurzelnden  Oben – Unten – Struktur – in eine Flächenstruktur. Eine Art religiöses Internet begann die Welt zu überziehen. Erst die protestantische Wende machte die Religion flächig, beweglich. Es gab keine Zentrale mehr.

Und er erkennt nun eine Natur die keine Geister mehr kennt und keine Götter. Es ist eine Natur mehr des Wissens als des Glaubens. Mehr des Zwecks als des Sinns. Mehr des Konstruierens als des Hinnehmens. Und mehr des Hineinschauens als des Davorstehens.  Mechaniken, Apparate, Geräte und Maschinen entstehen. Amerika wird bald auch protestantisch/puritanisch tiefer entdeckt besichtigt und besiedelt. Die Erde neu vermessen.

Der von der Physis getrennte Mensch der Neuzeit wird Wissenschaftler, wird Physiker und darin zum Betrachter der Natur und schließlich zu ihrem genauen Beobachter. Er erforscht.

Physis wird Physik.

Oder, wenn er die Metaphysik betrachten und untersuchen möchte, wird er zum wissenden Metaphysiker, zum Mathematiker. Es entstehen die Kraftgleichungen, die Differenzial – und Integralrechnungen von Leibnitz, Descartes, und Newton, die Wahrscheinlichkeitsrechnungen werden weiter entwickelt oder schon angewandt.
Das zweifelnde Ich Luthers und Descartes hat sein Betätigungsfeld entdeckt.
Das Rechnen und die Beobachtung.

Der Zweifel verwandelt sich in Analyse.

Auch dieses ist ein Tausch im Opfer. Wenn auch leiser, defizieler.
Eine Kommunikation innerhalb eines Systems.
Der Tausch heißt nun: Entbergung gegen Geheimnis.
Hypothese gegen Eperiment. Theorie gegen Praxis.
Gesetz gegen Zufall. Wissen gegen Glauben.

Und schließlich: Bild gegen Fluss. Konstruktion gegen Chaos.

Bis im 19. Jahrhundert sich ganz allmählich erneut ein Kreis zu schließen beginnt.

Denn wer die Physis betrachtet, und Physik betreibt, kommt irgendwann nicht darum herum, zu erkennen, dass er selbst zur Physik gehört. Die Entdeckungen Darwins machten die Runde, die Humboldts, die Maxwells, die Fahradays, die Jouls, die Boltzmanns verloren sich in der Physik, dringen immer tiefer in den Dschungel der Physis vor und finden und entbergen und verknüpfen.
Physis wird nun nicht mehr aufgewühlt oder verschwendet oder nur analysisert. Sie wird nun auch neu verknüpft und in Konstruktionen zurückverwandelt.

Das Feuer, die Wärme wird als Kraft erkannt. Als eine gerechte Kraft, denn sie bleibt erhalten. Der Erhaltungssatz ist ein Gerechtigkeitssatz. Der Magnetismus und die Elektrizität werden zusammengeführt und so zur Dynamik, zum Strom.
In der Extase der durch Anschauung und Erforschung hervortretenden Physis zeigt sich dem Aufmerksamen erneut ein Geist, eine Metaphysis. Der Geist zeigt sich als: Das Gesetz. Ein Naturgesetzt. Ein Axiom. Eine Ableitung. Eine Theorie.  Im Umkehrschritt werden sogleich die Begriffe, Gesetze und Zahlen wieder reinvestiert, verknüpft und zu einer neuen zweiten Natur umkonstruiert.

Neue Manufakturen. Die Hebel der angewandten Naturgesetze, die über Forschung und Konstruktionen in die Technik geflossen sind, haben auch den Menschen verändert, sein Weltbild hat einen neuen Kompass bekommen. Und die Welt neue Bauten. Aber diese Bauten sind jetzt nicht mehr so sehr aus Stein wie vor Luther. Sie sind aus Eisen und Stahl, aus Kohle und Koks.
Es sind Bauten nicht aus Gnade oder Glauben, sondern Bauten aus Wissen, aus Gesetzen, Wärme, Luft und aus Feuer. Es sind Wärmekraftmaschinen. Der Mensch ist selbst zum Schöpfer geworden. Er erschuf:

Eine Natur der Technik.

Und der Mensch?

Luthers Frage nach Gerechtigkeit war nie ganz zur Ruhe gekommen, Weil der Zweifel, die Zweiheit, die Ballance, die in dieser Frage steckt, nie ganz eindeutig entschieden werden kann.

So war sich der Mensch erneut selbst in dieser Frage entgegengetreten. Aus der Neuen Welt, die von Mutigen oder verzweifelten bereist erforscht und entdeckt wurde, drangen Nachrichten zurück nach Europa. Eine erste Rückkopplungsschleife, ermöglicht durch die forcierten Techniken der Seefahrt. Man hörte von wilden Völkern und einem Leben in Ballance. Fast paradiesisch. Rousseau hatte das aufgenommen und träumte vom „reinen Wilden“ als freien Menschen.
Das Bürgertum, unterdessen als technische Produzenten selbstbewusst geworden, wurde zunächst tatsächlich wild. Es erfand ein sauberes Gerät. Es opferte auf diesem Gerät, der technischen halbautomatischen Guillotine, Köpfe gegen Freiheit, tauschte Leben gegen Mechanik, befreite die und sich zu einer neuen Kraft.

Was ist der Mensch? Wenn die Physis im 19. Jahrhundert sagt, Wärme ist eine Kraft, die nicht zerstört, nicht erschaffen, sondern nur umgewandelt werden kann, wenn es einen Erhaltungssatz gibt, dann gibt es innerhalb der Physik eine Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit zwischen Plus und Minus stellt den Strom her. Die Gerechtigkeit zwischen Kälte und Wärme im Ausgleich erzeugt die Arbeit in der Maschine.
Aber was ist dann die Gerechtigkeit in der Gesellschaft? Was ist hier der Ausgleich?
Wenn der Mensch auch Physis ist – was ist dann die Wärme für den Menschen? Muss er frieren, während die Maschinen unter Dampf stehen? Muss er hungern, während die elektrischen Pole sich abwechselnd übersättigen und auskotzen im Blitz?
Wenn man eine Maschine regulieren kann, kann man dann nicht auch eine Gesellschaft regulieren? Denn was sind wir anderes als Physik?

Wie kriege ich eine gnädige Gesellschaft? Wie kriege ich einen gerechten Menschen?

Luthers verzweifelte Frage war wach geblieben und wieder zurückgekehrt.

Und weil Marx und Engels ihre Beobachtungen wie gute Naturwissenschaftler und Physiker ihrer Zeit an der Physis der arbeitenden Wärmekraftmaschinen und der dort Arbeitenden vornahmen, kamen sie auf eine Antwort, die der Luthers damals bei seiner Frage nach dem gerechten Gott ganz ähnlich war:

Wenn die gerechte Wärme (Erhaltungssatz) Arbeit leistet, indem sie sich in der Maschine in Arbeit eintauscht, dann kommt die Gesellschaft zur gerechten Wärme, indem sie die Arbeit gerecht verteilt.

Was soviel heißt wie: Arbeit muss so gerecht verteilt werden können wie Wärme.
Und der gerechte Mensch kommt zur Arbeit nur von der Arbeit allein.

Das bedeutet aber, dass die Arbeit allen gehört. Niemand hat mehr das Recht, die Arbeit sein eigen zu nennen und an die, die keine haben, zu verkaufen (gegen Physis der Arbeitskraft)

Ergo: Wer arbeitet, dem muss die Arbeit auch gehören. (Volkseigentum an Produktionsmitteln)

Es geht auch so rum: Die gerechte Gesellschaft kommt zur Arbeit (allein) aus der Arbeit.

(Römerbrief: Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt.)

Und schon wieder war da ein Gedanke, mit einem furchtbaren Potential der Unentschiedenheit und des Zweifels. Das selbe Problem wie bei Luther.

Aber da man diese Unentschiedenheit selber per Reflektion produziert hatte, brauchte man nun wieder eine Praxis, eine Handlung, eine Physik des Opfers.

Denn Gerechtigkeit der Gesellschaft war vorerst eine abwesende Metaphysis, die im Tausch gegen Physis eingelöst werden muss.

Ein neuer Gnadenhandel war gefragt. Ein neuer Sinnhandel. Man brauchte eine neue hierarchisch strukturierte Kirche, die diesen Sinnhandel organisierte Und diese Kirche hieß jetzt Kommunismus.

Und ihre neue Physik des Opfers, der neue Gnadenhandel und Sinnhandel hieß: Klassenkampf. Hieß: Sich opfern für die Gerechtigkeit. Sich entscheiden gegen eine friedliche Gegenwart im Vertrauen auf eine Zukunft, die keine Hölle mehr war, dafür der Himmel auf Erden, in denen schließlich jeder nach seinen Bedürfnissen leben könnte.

Der Tausch hieß nun wieder wie vor Luthers Zeiten: Physik gegen Sinn (Metaphysik) Ein neues Opfern stand ins Haus. Wie bei den ganz frühen Christen. Die Gerechtigkeit der Wärme musste auf die Gesellschaft übertragen werden. Und dazu musste man sie neu entfesseln. Ekstatisch entfesseln.

Endlich. Endlich wusste man wieder wo der Feind stand. Endlich wusste man wieder, wofür man opfern sollte. Also wofür man selbst stand. Man wusste wieder wo Gott wohnte. Und diese neue Kirche mitsamt ihrem Sinnhandel gab sich eine Infrastruktur, bekam ihre verschiedenen Orden, ihre neuen Scholastiken und Streitigkeiten und doch eine neue Weltgeltung. Sie wurde stark. Seid es sie gab, standen die alten zumal noch von einem schwachen König oder einem reinen Bürgertum regierten Gesellschaften unter Spannung, unter Positionszwang. Sie standen zur Disposition.

Sie standen auch zur Disposition, weil die neue zweite Natur der Technik mit ihren Bauten aus Wärme, Eisen, Luft, und Feuer, die Landschaft weiter verändert hatte. Schienen begannen Europa zu durchziehen. Und die elektrodynamischen Funkstrecken sorgten für neue schnelle Rückkopplungsschleifen und eine Beschleunigung des Nachrichtenwesens, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Die zweite neue Natur heiß Industrie, hieß Elektrizität, hieß Mobilität, Eisen, Öl, Kohle, Stahl und Wärme. Viel Wärme. Dynamit und Wärme. Hitze. Die neue zweite Natur zeigte auch eine Tendenz, ebenso schlagartig und katastrophisch auszubrechen oder umzuschlagen, wie es die alte Natur seit Urzeiten konnte.
Der Mensch war in Ihre wieder etwas kleiner geworden. Obschon ihr Schöpfer, sah er darin plötzlich müde und schwach aus. Er konnte ein paar Hebel bewegen, Ventile öffnen oder schließen, einen Abzug betätigen.

Welche Ventile öffnen oder schließen?
Welche Abzüge betätigen? Welche Knöpfe drücken.
Welche Klappen waren es noch mal?

Die neue zweite Natur hatte die Landschaften schlagartig verändert. Die neuen Geschwindigkeiten und Techniken der Übermittlung die Räume verkürzt. Die Kirchen der Gerechtigkeit suchten noch nach ihrer Struktur und ihrer Statik, lieferten sich Scharmützel und Dispute, hatte aber auch Erfolge zu vermelden, wie bürgerliche Gesetze und ein Unternehmerethos, der an manchen Orten seinen Arbeitern ein würdiges Leben in betriebseigenen Siedlungen und Häusern ermöglichte. Unterdessen aber die neue zweite Natur immer weiter wuchs. Die Fragen der Gerechtigkeit waren plötzlich nicht mehr so einfach zu beantworten. Denn den Zwängen und Drücken, die früher von Menschen gegen Menschen ausgeübt wurden, von der Natur gegen den Menschen oder von Menschen gegen die Natur, gesellten sich nun dazu ganz neuartige. Die Drücke in den Kesseln und die Zwänge der Pleuls, Sachzwänge, Dingzwänge, Termin- und Zeitdrücke. Zudem entstanden neue Priesterschaften innerhalb dieser neuen zweiten Natur der Technik. Igenieurspriester waren gefragt, Expertenschamanen, die sich hier noch halbwegs auskannten und diese Natur der Technik zu beschwören verstanden.
Neue Hierarchien wuchsen. Ein Technikadel, nicht von Gottes Gnaden, oder Geburtsrecht aber von Sachverstand und Zweckmäßigkeit, etablierte sich. Auch diese Hierarchien sprachen dem immer unruhiger werdenden Gerechtigkeits – und Austauschgedanken Hohn. Sie trieben die vielen Benachteiligten weiter hinein in eine erhebliche Sinnsuche. Zwar hatte die neue Infrastruktur mitsamt der wissenschaftlich durchdrungenen Landschaft, auch vom rein menschlichen Standpunkt betrachtet, Erfolge erreicht. Die Hygiene hatte sich verbessert, die Medizin, die Kindersterblichkeit war gesungen, die Lebenserwartung gestiegen. Aber diese vielen Lebenden gehörten nicht alle dem Technikadel an und auch nicht den wenigen Glücklichen in den Arbeitersiedlungen der fairen Unternehmer mit Ethos.  Bei diesen weniger Glücklichen und trotzdem aber Lebenden etablierte sich eine Haltung die nach irgend etwas fahndete, wofür es sich zu opfern lohnte, denn Gerechtigkeit und Ausgleich war ein kompliziertes Feld in dieser neuen technischen Landschaft geworden, wo so viele menschliche und nichtmenschliche Verfahren, Drücke und Zwänge sich miteinander vermischten. Die neuen industriellen Zustände förderten immer mehr das Empfinden, dass Wärme sich ganz und gar nicht gleichmäßig verteilte, wie es die Physik versprach. Dafür floss sie sehr deutlich in eine Richtung, nämlich in die Maschinen, in die Technik, die davon immer schneller und heißer wurden, während sich die Gesellschaft immer mehr abzukühlen schien. Wohin sich wenden. Wo hinein sich schließen. Man musste zusammenrücken, um sich zu wärmen, musste wieder Gemeinschaften bilden. Und tat dies auch. In Gartenkollonien und Vereinen und Wandervogelverbindungen, Refombewegungen, antroposophischen Gesprächskreisen, spiritistischen Seancen, wo man erneut zu den ganz alten Wämewesen, Weltbewegern, Dämonen, Ahnenbeschwörungen zurückkehrte. Oder man wandte sich der Kunst zu in kleinen Plainairs, machte Picknick oder wohnte, wenn man es sich leisten konnte, in utopischen Dörfern wie in Worpswede, lauschte der alten Natur, entdeckte wieder den Menschen und sein Gesicht, die Frau und das Kind, die eigene ohne Technik vermittelte Schöpferkraft. Nur Farbtuben, Pinsel und Leinwand lies man gelten.
Überhaupt lagen nun eine Menge Ideen in der Luft. Da nun die Maschinen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit übernahmen und dabei dieses Europa im allgemeinen durchaus voranbrachte und die Lebensbedingungen sich letztlich doch sehr stark und schlagartig veränderten, wühlte das die Menschen auf. Wer nicht vollends in den Maschinenhallen eingetaktet war oder, weil er besserer Bildung besaß, konnte sich Gedanken über diese neue plötzliche Welt machen. Und über diese neue zweite Natur. War sie besser, war sie schlechter als die alte? Wen konnte man da jetzt anrufen. Welchen Geist? Wenn sie nach einem Programm lief, die man selbst immer weniger durchschaute, sollte man sich da nicht auch ein eigenes Programm, einen eigenen Algorithmus zulegen? Und so entstanden die neuen Programmatiken, Manifeste, Begriffe, Ismen, andere Ismen, mehr Ismen, neben denen, die man schon kannte. Philospophisch/künstlerische Hybride des halb schöpferichen halb mechanischen Lebensvollzugs. Sie nannten sich Realismus, Naturalismus, Dadaismus, Impressionissmus,Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Imagismus, Suprematismus, Vitalismus, Diese Programme waren ein Versuch der Zuordnung und Anlehnung, auch von Gemeinschaftsbildung und entsprachen darin doch einem mehr oder weniger bewussten Bedürfnis sich selbst ebenso einem kontrollierbaren oder beinahe strengen Ablauf zu unterziehen, wie es die neue technische Welt zeigte. Auch wenn viele dieser Ismen, später erst benannt wurden, so gab es sie als Versuch der Spiegelung und Welteinvernahme. Wenn man sich selbst ein Programm gab, dann gab man sich auch in gewisser Weise eine Mechanik, eine Technik der eigenen Lebensmaschine, die man dann künstlerisch oder in der Lebenspraxis abarbeitete, ja beinahe auch ganz leicht mechanisch befolgen konnte, so wie es die Pleul der Lokomotiven taten. Man setzte sich innerhalb dieser Programme feste Freiheitsgrade, definierte Spiele und Passungen, in denen das eigenen Spiel und der Lebensvollzug nach Gesetzen funktionierte, die klar umrissen standen wie Axiome, so wie man es an der Technik und in den Wissenschaften beobachtete. Das leicht mechanistische all dieser Programme rief deshalb bei den Künstlern auch „Serien“ hervor, „Phasen“ „Richtungen“ Man experimentierte mit der Idee, dass man womöglich auch selbst Technik, Mechanik sein konnte, was vielleicht auch gar nicht so schlimm war. Denn so war auch Zuordnung möglich. Einreihung in ein Ensemble aus Funktionen, das wiederum Sinn stiftete, einen Sinn den man dann wieder im physischen Opfer gegen „Werk“ eintauschte. Lebenszeit wurde geopfert und physisch getauscht gegen „Lebenswerk“ , der kubistischen Malerei, dem naturalistischem Buch, dem expressionistischem Gedicht… etc….
Das waren alles auch die Gedanken. Gedanken und Praktiken Und dies taten die Maler und  Schriftsteller,  Dichter und Philosophen.
Bis in diese neu gewachsene technische Zeit und die neuen immer noch ein wenig unheimlich sich gebärdende technische Natur dann ganz plötzlich ein neues großes Sinnangebot einbrach, dass zunächst einmal alle kleinen und privaten und mühsam gesuchten Sinnangebote und Programme weit übertraf.
Gerade hatte man sich eigentlich in diese neue Welt irgendwie einfinden wollen, da geschah etwas Merkwürdiges. Dieses neue technische Europa, dass doch eigentlich so gut gedieh und dabei war, sich über die neuen Eisenbahnstrecken zu vernetzten und über die Telegrafie zu verlinken, eine neue Infrastruktur ausbildete, dieses Europa bekam ein Angebot, ein Sinnangebot wie aus einer anderen Zeit, oder jedenfalls kam es aus einer Richtung, die man vielleicht ein wenig vergessen, nicht mehr ganz so wahnsinnig wichtig genommen hatte. Dieses Angebot kam von den alten Aristokratien, und ihren schon schwach gewordenen Ständen. (Dass es die überhaupt noch gab.) Und aus alten Abmachungen, Bündnissen und Versprechungen, lächerlichen Animositäten und Verquickungen, die man in der Hektik der Gründerzeit einfach vergessen hatte zu hinterfragen, aufzulösen, zu klären oder ad Acta zu legen.. aber nein, so nebensächlich waren diese Dinge nicht, und es lag wohl auch nicht an den alten Aristokratien, denn die Techniken hatte ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven des imperialen und globalen Ausgreifens eröffnet. Und das musste jetzt verhandelt werden.
Weil irgendein verzweifelter Mensch in Sarajevo den östereichisch ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau erschossen hatte, kam es von Seiten der KUK – Monarchie zu einem Ultimatum an Serbien, das nicht erfüllt wurde, und damit zur Kriegserklärung und damit zu einem Bündnisfall mit Russland, dem ganz automatisch, ja beinahe könnte man sagen: mechanisch wie in Serie weitere angeschlossene Bündnisfälle folgten und dieses gerade interessant werdende Europa in die Opfer-Ekstasen einer neu aufgewühlten Physis hineinriss, die nun keine Wärmekraftmaschine mehr war, sondern sich von ihrer unheimlichsten Seite zeigte – als aufgewühlte Physis einer heißen Kriegsmaschine. Und Europas Männer waren opferbereit, wollten Physis geben und Vaterland bekommen. Sie gingen da hinein wie in einen Sinn.
Und verteilten sich gleichmäßig wie die Wärme.

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2 Antworten zu “Physik der Antiphysik

  1. Welch wärmendes Lesevergnügen an graukaltem Novembertag.
    Entzückt verrückten Gruß Ihnen. 🙂

    Achso ja – beabsichtigen Sie Fortsetzung?
    Würde mich ausgesprochen freuen.

  2. Na danke sunray, freut mich, wenn es ihnen etwas über oder durch den Tag half, na muss mal sehen….sicher ja den 2. Teil gibt’s auch noch, muss dran arbeiten…

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