Wenn Galaxien zusammenstoßen.

Nach kosmischem Maß offenbar ein alltäglicher Vorgang.
Zum Staunen sind die Größenverhältnisse: Unser Sonnensystem hat den Durchmesser einer DVD. Eine Galaxie wie hier zu sehen – auch unsere Milchstraße – ist dann so groß wie die Erde.

In dem Universum, das sich nachweisbar ausdehnt, scheint immerhin Begegnung möglich. Und sei es die Begegnung von Galaxien.
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Vielleicht eine Form von Karate oder Aikido.
Zwei Gegner prallen hier nicht aufeinander, eher versucht der eine
das Kraftfeld des anderen für sich zu vereinnahmen.

Die Frage stellt sich aber, was man als Alltagsbewältiger und Nichtastronom mit all diesem (zumeist) nutzlosen Wissen macht, das so gut aufbereitet überall herumlungert. Welche Einsichten mir diese Einblicke und Ansichten vermitteln sollen. Oder ob sie letztlich nur für eine postironische Witzelei taugen.

Mir fiel das Wort Wahrnehmungs-Gefüge ein.

Es finden sich dazu auch Simulationen

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Berechnet von wassergekühlten Supercomputern und aufgefüttert mit Beobachtungsdaten, Theorien, Modellen, Algorhythmen,
verdeutlicht man sich die Bewegungsabläufe.

So, wie nach Auskunft der Astrophysiker in ferner Zukunft auch unsere Milchstraße mit der Andromeda-Galaxie zusammenstoßen wird.
Dies alles unter dem Vorbehalt: Nach dem Stand heutiger Erkenntnis.

Als Nichtexperte kann ich kaum einschätzen, wie grob oder genau, wie vorsichtig oder wie annähernd sich eine solche Simulation bemüht, ein über Jahrmillionen ablaufendes hypergigantisches Ereignis in die niedliche Bildschirmübersicht einer kurzen Filmsequenz zu sperren.
Aber als Realist und Techniknutzer denke ich, dass gewisse Simulationen heute mit einer hinreichenden Wirklichkeitsnähe auch an – zum Beispiel – Flugzeugkonstruktionen beteiligt sind, die hinterher tatsächlich in ihren realen Eigenschaften ein simulationsnahes Verhalten zeigen.
Warum also einer solchen Simulation von vorn herein misstrauen.

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Ich sehe zwei spiralförmige Gebilde, die um sich selbst rotierend gleichzeitig aufeinander zu treiben.
Ich sehe auch, das der schwarze Raum um die Galaxien herum relativistisch eingerechnet wurde, oder zumindest, und das ist merkwürdig – „spüre“ ich es beim Anschauen. Der Raum selbst ist, nach den Verhältnissen der Relativität von Massen beeinflusst, gekrümmt, gezerrt etc….

So habe ich beim Anschauen der Simulation das Gefühl, als würden die beiden Spiralgalaxien in einem schwarzen viskosen Honig sich bewegen.
Aber der leere Raum ist keine Substanz, kein schwarzer Honig. Oder ist er vielleicht doch so etwas ähnliches? Eine Dynamik?
Ich sehe eben nur, dass die beiden Spiral-Galaxien, in ihrer Bewegung zu einander hin so ein „Wahrnehmungs-Gefüge“ von einem Verschmiertwerden in einem viskosen, zähfließenden Material vermitteln.

Was mich weiter an der Bewegung interessiert, ist die Wirbelstruktur.

Die Simulation zeigt mir, dass die beiden Spiralgalaxien nicht etwa beim ersten Aufeinandertreffen einfach so miteinander kollidieren und dann miteinander verschmelzen, sondern sie begegnen sich beim ersten Mal in einer Art Streifschuss, der sie beide schon stark verformt. Aber sie treiben noch einmal aneinander vorbei, wobei sie offenbar einen Teil ihrer Bewegungsenergie abgeben.
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Erst dann, nachdem sie noch einmal aneinander vorbei gedriftet sind, geraten sie in eine Rückholbewegung, die sie endlich ein zweites Mal aufeinander zu treiben lässt – in die endgültige Kollision und den Beginn einer Verschmelzung.

Der Vorgang hat eine gewisse Grazie, obwohl er real über riesige Zeiträume gedehnt und im einzelnen katastrophisch chaotisch ablaufen dürfte.
Im einzelnen bleibt außer Betracht, was dabei mit den einzelnen Sternen und Bahnen, den kleinen Umrundungs-Uhrwerken in den beteiligten Galaxien-Armen geschieht.

Aber der Simulationsfilm liefert mir das Bild für eine elementare Überlegung, die sich mir, wenn ich sie sprachlich aufgreife, mit einem kleinen Erkenntniswert anbietet.
Ich sage mir:

Hier sind sich also zwei Weltorte begegnet – und schließlich miteinander verschmolzen.

Wenn sich zwei Weltorte in Vereinigung begegnen sollen, dann prallen sie nicht einfach so platt aufeinander und kleben dann zusammen.
Nein, sie flirten vorher, sie drehen sich in ihre Begegnung hinein, öffnen ihre spiralige Form, verformen sich, ihre Arme, und kommen so – sich ziehend – ineinander verwindend – trotzdem jede für sich weiter rotierend – auf einander zu…

„Halb zog er sie, halb sank sie hin“ – fällt mir dazu ein,
und finde es beinahe in dieser Riesensimulation bestätigt.

Die Galaxien-Welten aber lassen sich Zeit. Sie lassen sich nach dem „Streifstoß“ noch einmal ganz aneinander vorbei treiben, als würden sie sich verfehlen, um erst in einer zweiten Rückholbewegung sich ineinander eindrehend, zusammen zu wirbeln

Ein Tanz, denke ich mir, und finde es noch plausibler, diesen Bildern wenigstens eine gewisse Realitätsnähe zu unterstellen.

Die Simulation zeigt, dass auch nach der zweiten Rückholbewegung,
es nicht bei einem einfachen Verschmelzen oder Zusammenkleben bleibt.

Vielmehr begegnen sich die beiden Galaxien in einem weiteren permanenten Ineinanderschwingen, ihren gemeinsamen Schwerpunkt suchend, findend, und noch einmal verlierend und wieder findend zu ihrer irgendwann neueren – größeren – Formation. Die sich aber ebenfalls immer weiter drehen wird. Nach Angaben der Astronomen verschmelzen dabei auch jeweils die inneren supermassiven Schwarzen Löcher zu noch größeren Monstern.

Was sagt mir das? Was soll ich damit?

Ich sage mir, dass immer dort, wo etwas aufeinander trifft, es eigentlich immer Welten sind, Galaxien – oder zumindest Wirbel – die hier aufeinandertreffen.

Mensch trifft Mensch – in der Kommunikation (Gespräch, Kampf, Liebe., Handel…)

aber auch:

Epoche trifft auf Epoche,

Kultur trifft auf Kultur.

Weltzeit-Raum trifft Weltzeit-Raum.

Text auf Leser u.s.w.

Die Galaxien-Begegnung regt mich zu dem Gedanken an, ob es möglich ist, über die Reflexion von Naturabläufen, wie sie sich in solchen Simulationen zeigen, ein besseres Verhältnis zu Bewegungsmomenten zu erlangen, seien sie nun privater oder gesellschaftlicher Art.

Entwicklungsmomente in der Zeit und dem Raum. Formationsmomente.
Auch psychische.
Auch politische.
Auch gesellschaftliche.
Auch historische.

Bewegungsmomente. Wahrnehmungs-Gefüge.

Die bildgebenden Verfahren der Wissenschaft zeigen mir Prozesse und Formationen, die alle nicht geradlinig ablaufen, Bewegungsmomente, die in ihrer Eingedrehtheit, in ihrem geradezu tänzerischen und schwingenden, ihrem sich ein – und auswirbelnden Charakter so mir präsentieren, dass es kaum wirklich direkte, umweglose Formbildungsprozesse gibt – dass Formfindungen und Formbildungen sich erst über umständliche Streifstöße, Kraftfeldschnitte, über Hin – und Rückholbewegungen etablieren, in sich einfließen. Die aber trotzdem nie in irgend einen festen Endzustand hinein stoppen, vielmehr sich diesem immer nur weiter rotierend annähern.

Ja.. ich komme dann irgendwann wieder zu einem Motiv, dass mir sagt: Auch das, was man als Seele, als Menscheninneres mehr suchend als findend bezeichnet, wahrscheinlich mit so einer Galaxie gut zu vergleichen ist.
Das Schöne an so einer Galaxie ist ja, dass sie eine offene Form ist. Ihr gelingt als Form jederzeit das, wonach Menschen immer fahnden: Form zu sein, quasi-geschlossen, aber doch auch mit offenen Gezeitenarmen in der Welt wirbelnd, anschlussfähig, veränderbar – um nicht zu sagen: elastisch – viskos. Ansprechend, In der Zeit kommunikativ.

Kurioserweise aber können diese Bilder nur erzeugt werden nach einer langen Historie wissenschenschaftlich exakter Ermittlungsarbeit.

Was passiert, passiert, nach bestimmten Gesetzen, von denen einige auf exakten Axiomen fußen.

Da wäre dieser erste „Streifstoß“ zum Beispiel.

Ein erstes „Aneinandervorbeireden“ der Galaxien, das offenbar ebenso normal wie notwendig ist.

Könnte man daraus eine Kultur des Aneinandervorbeiredens ableiten, die positiv grundiert ist?

Wissen, dass ein Aneinandervorbeireden notwendig ist, um sich irgendwann besser zu finden, zu verstehen?

Wissen, dass man vielleicht immer auch ganz notwendig aneinander vorbei redet.

Dass Ziel nicht genau anvisieren, damit man es erreicht?
(chinesische Strategie)

Hier schließlich laufen relativ komplexe Simulationen in uralte Volksweisheiten ein.

Ich gehe nicht auf einen Basar, um zielgenau irgend etwas Bestimmtes zu kaufen.
Ich gehe auf einen Basar, um erstmal bei einer Tasse Tee aneinander vorbei zu reden.
Oder um „an der Sache vorbei“ zu reden. Vielleicht kauft man. Vielleicht nicht.
Aber erst dieses Vielleicht, diese Streifschüsse der Wahrscheinlichkeit, fördern das Zusammentreffen.

Das Feilschen als ein Aneinandervorbeireden, ein
Schwingen, bis man sich irgendwann – vielleicht – geeinigt hat.

Oder ich denke mir: Wenn zwei zusammenkommen wollen, müssen sie sich beide dafür verändern, ihre Spiralarme ausbreiten, sich insgesamt neu formieren.

Der Blick, der mehr sieht, wenn er nicht genau hinschaut. Wenn er vorbeischaut.

Der eine zieht den anderen in sein Kraftfeld hinein. Aber das verändert beide.

In diesem und in weiteren Sinnen vielleicht wären die neueren Bilder und Ergebnisse der Wissenschaft auch philosophisch zu interpretieren.

In einem – Wahrnehmungs-Gefüge.

Im angedachten Fall so, dass sie nicht nur wissend machen, sondern – vielleicht – auch schlauer.

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3 Antworten zu “Wenn Galaxien zusammenstoßen.

  1. Ein echt schönes Blog! Am meisten ist mir dieser Bericht gefallen. Alles was mit Wissenschaft und Astronomie zu tun hat ist für mich immer interessant. Gruß, Jan

  2. O. M. F. G. – W. T. F.?

  3. Arbitrarius Orbit

    Als ich klein war, gab es in der Wohnung meiner Oma phosphoreszierende Lichtschalter, die grünlich schimmern, damit man sie im Dunkeln findet. An denen wunderte mich, dass ich sie nur aus den Augenwinkeln sehen konnte: Wenn ich beide Augen direkt auf den Schalter richtete, das Schimmern also fixieren wollte, war es weg. Ich als zvilisationsgläubiges Wirtschaftswunderkind hielt das damals für eine Fehlfunktion. Heute denke ich lieber, ich hab nen Knick in der Linse.

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