Kaminsiki zu Besuch.

Der Sonntag brachte  eine willkommene Ablenkung. Kaminskie (Sektion Physik) stand wieder mal vor meiner Tür. Er hatte „das Bedürfnis zu denken“ – wie er es nennt. Ich kenne Kaminskie und seine Frau vom Powerpoint-Karaoke-e.V. Wir treffen uns dort alle paar Wochen einmal zusammen mit Freunden oder Kollegen von der Fakultät. Ein gemütlicher Raum mit einem Beamer und einem Computer. Jeder bringt einen USB-Stick mit einer Powerpointpräsentation mit, die er irgendwo gefunden oder aus dem Netz gezogen hat. Bier, Chips, und dann geht es los. Die Präsentationen werden gemischt und so per Zufall auf die Anwesenden verteilt. Sinn der Übung ist es, eine plausible Präsentation zu halten, die man selbst nicht kennt und möglichst über ein Thema, von dem man garantiert nichts versteht.
Man könnte nun zu Recht fragen, warum man das nun auch noch in seiner Freizeit macht. Die Antwort wäre: Einfach um zu trainieren. Um im Nichtsverstehen noch besser zu werden. Denn darum geht es im Leben. Nicht nur. Aber meistens.
Sehr beliebt sind Präsentationen, die chinesisch oder arabisch erstellt wurden. Aber auch gefürchtet, nicht weil sie wegen der unlesbaren Schriftzeichen besonders schwierig zu improvisieren wären, sondern ganz im Gegenteil (ggW) Gerade die besondere Fremdheit einer Sache, eines Aufbaus, einer Struktur, entlässt den Präsentator und die Zuhörenden, nach dem man sich engagiert durchgeklickt, durchgestammelt und improvisiert hat, mit dem frapierenden Eindruck, dass man mit dem scheinbar Fernliegensten verspielter, mutiger, produktiver, beinahe vertrauter umgeht als mit Themen, die das so genannte eigene Fach berühren. Diese Einsicht wirkt gleichermaßen frustrierend wie ermutigend. Gegenüber dem Fremden, dem Neuen, ist jeder Mensch ein Anfänger. Und Anfänger haben bekanntlich das sprichwörtliche Glück.
Wie weit dieses Anfängerglück reichen kann, zeigte sich an dem Abend, als Kaminskie zum ersten Mal beim Powerpoint-Karaoke-ev. erschienen war. Ich kam dran und erwischte eine Präsentation zum Thema: „Berechnung lokalisierter Strukturen in dissipativen Systemen im Spezialfall diskreter Dynamiken bei Trajektorie in einer subharmonischen Bifurkation.“ Wirklich nicht mein Fach. Schließlich bin ich Widerspruchsforscher. Eine mathematische Beweisführung in kyrillischer Schrift, die jemand von einem russischen Server gezogen hatte, gehört nicht gerade zu den Gebieten, auf denen ich mich auskenne. (Den Titel habe ich mir hinterher von Kaminskie, der aus dem Baltikum stammt, aber russisch kann, übersetzen lassen.)
Ich erinnere mich, dass Kaminskies baltische Ostseeaugen, während ich mich nun durch das Powerpointdokument hindurchstotterte und improvisierte, erst irgendwie einen bewölkten bis erloschenen Ausdruck annahmen, dann aber öfter heftig blinzelten, schließlich immer konzentrierter schauten, bis er schließlich einen Zettel und einen Stift hervorkramte und sich Notizen machte. Ich hielt Kaminskie für humorlos und mich für komplett ahnungslos aber wenigstens ein bisschen witzig.
Dass sich jemand während einer solchen Präsentations-Karaoke Notizen machte, war selten aber immer schon mal vorgekommen, aber meistens hielten diese Notizen nur ungewöhnliche Formulierungen fest, oder Strichmännchen, wenn die Präsentation gar zu uninspiriert ausfiel, was auch möglich war.
Natürlich fragte ich ihn nach meiner Präsentation, die beim Publikum diesmal für nur mäßigen Unterhaltungswert gesorgt hatte, was er sich denn notiert habe.
Er antwortete mir darauf, dass ich gleich am Anfang und im letzten Drittel zwei Thesen aufgestellt hätte. Eine davon sei interessant. Die andere genial. Er müsse es in der Sektion überprüfen lassen. Ich sagte ihm, dass ich ja wüsste, dass ich genial sei, (Kopernikus, Luther und so weiter), aber ich selbst hätte von dem, was ich geredet hätte, kein Wort verstanden und nun auch alles wieder vergessen.
Kaminskie stellte sich mir also vor. Er sei Physiker. Er erklärte mir, die Präsentation, die ich improvisiert hatte, behandelte Rechenmodelle, die in der Chaosforschung eine Rolle spielten: Dichteverteilung bei Wetterphänomenen, Kristallisiationsbildungen bei Materialsynthesen, aber auch spontane Strukturbildungen in komplexen Molekülverbänden, fließende Dynamiken, Wirbel etc… was ich gesagt hätte, könne er mir nicht weiter auseinandersetzen, weil ich es sowieso nicht verstehen würde. Es sei zu komplex.
Also ein ganz klassischer Fall von Anfängerglück. Wenn ich bedenke, dass mir weder die Formeln noch die kyrillischen Buchstaben der Präsentation auch nur das geringste erdeutet hatten und ich in Wirklichkeit weder Luther, noch Kopernikus, noch Napoleon bin, weder Mathematiker oder Russe, noch genial, also ich muss schon sagen.. stolz bin ich allemal.
Dabei darf es als Widerspruchsforscher für mich kein Gebiet geben, dass mich nicht interessiert. Denn einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch gibt es überall.
Kaminskie wusste das auch schnell zu schätzen. Wir freundeten uns an, aber wirklich nicht nur wegen seiner Frau, die übrigens auch sehr reizvoll ist.
Kaminskie also, Balte, Physiker mit Ostseeaugen, eher klein in einem teuren und taillierten sandfarbenen Hemd, Liebhaber des Käsekuchens, den ich extra für ihn immer bei Kaisers kaufe, wenn er mich besucht, oder bereithalte, denn manchmal kommt er unangemeldet; Kaminskie, der Mann mit einem unklaren Sonderbereich in seiner Sektion, beinahe kreisrunden Fingernägeln und einem erschreckend guten Deutsch; Kaminski, der aussieht wie jemand, der auch die Nachrichten im Fernsehen sprechen könnte, wenn nicht eine Besonderheit in seiner Mimik ihn oft spontan stark blinzelnd dreinschauen ließe, als würde er von einem plötzlichen Licht geblendet, sei es nun da oder auch nicht.
Das erste Mal nach unserem Kennenlernen und einigen weiteren Powerpoint-karaoke-Abenden, als er vor meiner Tür stand, unangemeldet, so erinnere ich mich, sagte Kaminski: „Entschuldigen Sie die Störung,“ – und es klang genau so, wie es die S-Bahn-Verkäufer von Obdachlosenzeitungen immer sagen – „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden, mit dem ich ein wenig denken kann.“
Ich habe ihm sofort das Du angeboten.

Dabei weiß ich nie genau, ob ich mich einfach so freuen soll, wenn Kaminskie vor der Tür steht. Wenn er kommt, wird es oft schwierig. Dann gibt es Arbeit. Er kommt, um mit jemanden zu denken, das sagt er selbst. Dass er als Physiker da so ein ausgesprochenes Bedürfnis hat, wundert mich trotzdem. Kaminskie hält mich für einen Philosophen. Ein Missverständnis, dass ich nur ganz schwer aufklären kann. Ich bin Widerspruchsforscher. Das ist etwas ganz anderes. Ich komme in meinem Bereich nicht ganz ohne Denken aus, das gebe ich gern zu. Bis heute habe ich Ihm nicht erklären können, worin der Unterschied besteht. Wenn ich ihm sage, ich beschäftige mich mit Widersprüchen, nicht mit Philosophie, dann meint er da immer abwinken zu müssen mit der Bemerkung, das eben sei ja Philosophie. Nun habe ich selbst noch nicht definiert, was genau den Unterschied ausmacht. Ich weiß nur, dass ein Widerspruchsforscher kein Philosoph ist. Ganz sicher nicht. Es kann mir aber auch egal sein, was Kaminskie darüber denkt. Es würde auch nichts ändern, wenn er verstünde was ein Widerspruchsforscher tut. Unsere Gespräche sind so oder so für mich erhellend. Ich schneide sie mit und protokolliere die wichtigen Teile. Er weiß das und hat nichts dagegen, weil er es als Wissenschaftler versteht. Gespräche gehören zu meinen Forschungsgegenständen. Dafür hat er das Privileg, mich aufzusuchen wann immer er will. Und er nutzt es. Meistens fängt es ganz harmlos an.

Letzten Sonntag zum Beispiel wollte ich von ihm wissen, ob seine Sektion schon „meine“ Thesen überprüft habe.
Nein, das sei noch nicht geschehen. Es dauere. Das Kauderwelsch, das ich verzapft hätte, müsse erst noch algorithmisiert werden werden, erst dann lasse sich feststellen, ob er sich auf offene oder geschlossene Strukturen anwenden lasse. Das müsse aufwendig berechnet werden. Zudem sei es nicht das Fachgebiet seiner Sektion. Deshalb habe man einen Experten aus Russland angeworben, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt. Aber die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen.

Da es meiner Eitelkeit unendlich schmeichelt, dass ich als mathematischer Blindgänger und Clown einer Powerpoint-Karaoke nun eine Arbeitsgruppe beschäftige, die zudem noch einen russischen Experten anwerben muss, hake ich hier willkürlich ein und tue jetzt so, als ob ich der große Auskenner bin. Und sage folgendes zu Kaminskie:

Beginn des Protokolls

„…allgemein betrachtet sind wir alle doch offene Gebilde. Während wir hier sitzen wird unser Gehirn durchblutet, beatmet, ernährt: Temperiert. Ja, es konnte nur aus dieser Offenheit erwachsen. Zeitlich: Im Prozess der Bildung von Struktur. Räumlich: Im Prozess der Konzentration von Struktur. Von daher und als Ort, an dem eine bestimmte Temperatur und ein Ernährungsstand im Zufluss und im Abfluss geregelt, gehalten und immer wieder neu ermittelt wird, muss es ein offenes Gebilde sein und bleiben. Es schwimmt in und mit der Welt. Wie eine vorübergehende Konzentrationserhöhung, Kräuselung, Strömungs-Verdichtung im allgemeinen Fluss der zeitlichen und stofflichen Bewegtheit, sprich: der stofflichen Weltbewegung. Sein „Innen“ schwimmt im Blut des „Außen“. Und wird von ihm genährt.

Einigermaßen enttäuschend daran ist, dass all dies Gesagte auch von einem Stein gesagt werden kann.

Das behauptet jedenfalls Kaminski.
Und der antwortet so:

„Ein Ort im Universum, wo ein Gehirn ist, verhält sich zu einem Ort im Universum, wo kein Gehirn ist, in gleicher Weise, wie sich ein Ort im Universum, wo ein Stein ist, zu einem Ort im Universum verhält, wo kein Stein ist.“

Kaminskies Terror der Grammatik.

„Willst Du damit sagen, dass es keinen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein gibt.“

„Nein. Ich habe noch gar nichts über den Unterschied gesagt. Ich suche nach der Referenz, die einen Unterschied erst ermöglicht. Sinnvoll macht.“

„Wird auch ein Stein beatmet, durchblutet, ernährt, temperiert?“

„Sieh mal, wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund, vor dem du diese beiden Dinge betrachten kannst. Ein Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.

„Das verstehe ich nicht. Wieso „gleich macht“? Ich will sie doch unterscheiden?“

„Gut, also stell Dir vor, du willst eine Kugel und einen Würfel voneinander unterscheiden. Worin unterscheiden sie sich?
„Das eine Ding ist rund. Das andere Ding hat Ecken und Kanten.“
„Und was bedeutet „rund sein“ oder „Ecken und Kanten haben“ ?
„Sie haben eine Geometrie.“?
„Richtig. Siehst du. Es sind geometrische Körper. Aber dass sie „Geometrie haben“ gilt für beide. Mit dem Wort Geometrie hast du sie beide gleich gemacht, um sie unterscheiden zu können.“

„Kamninskie, willst du damit sagen, dass jede Unterscheidung eigentlich eine Gleichmacherei ist? Das wäre ja ein ausgewachsener gutbürgerlicher Widerspruch, Ein sehr gepflegter noch dazu! Danke dir dafür. Das heißt, wir unterscheiden den Würfel und die Kugel, indem wir sie gleich machen und beide als geometrische Körper bezeichnen. Das ist …

„Eben. Wir „vergleichen“ sie. So heißt das Wort. Meine Frage wäre nun, ob es sinnvoll ist, ein Gehirn und einen Stein danach zu unterscheiden, ob sie durchblutet werden oder nicht? Oder ob es denken kann oder nicht. Wenn du einfach nur sagst, die Kugel ist nicht eckig, der Würfel aber schon, was hast du damit gewonnen? Was weißt du dann mehr?“

„Ich könnte mir jetzt zum Beispiel vorstellen, dass man eine Kugel gut rollen kann, einen Würfel aber nicht. Ist doch sehr praktisch.“

„Na schön. Aber du hast sie damit wieder nicht unterschieden, sondern gleich gemacht. Denn „rollen können“ und „nicht rollen können“ haben welchen gemeinsamen Hintergrund?“

„Die Idee der Bewegung. Verstehe.“

„Siehst Du. Man kommt vom Hundertsten ins Tausenste. Zudem könnte auch ein anderer kommen und sagen, Kugel und Würfel unterscheiden sich gar nicht, denn beide sind rot. Zum Beispiel. Weil er als Referenz die Farbe nimmt. Es gäbe noch zig Möglichkeiten, sie voneinander zu unterscheiden oder gleich zu machen“

„Aber Kaminskie, mal ehrlich, so ein bisschen ist das doch Platon für Arme oder?“

„Für Reiche, mein Lieber! Für Reiche! Dass wir diese Unterscheidungen auf Grund einer Gleichmacherei – du nennst das einen gepflegten Widerspruch – vornehmen können, ist eine Riesenleistung!

Aber was heißt das denn jetzt? Gibt es nun einen Unterschied zwischen einem Gehirn und einem Stein oder gibt es ihn nicht?

Im Grunde interessiert mich diese Frage hier gar nicht. Ich bin weder Philosoph noch Hirnphysiologe, sondern Widerspruchsforscher. Aber mich interessiert die Struktur unseres Gesprächs. Kaminskie weiß das. Auch ihn interessiert diese Frage nur mittelbar. Aber er spielt gut mit. Auch er hat schließlich ein Forschungsgebiet. Ein sehr guter Partner.

Kaminskie antwortet, indem er sich ziemlich lässig zurücklehnt, als würde er meine Frage wie Asche von einer inneren Havanna Cohiba abtippen:

„Also, zunächst ist ein Gehirn nichts weiter als irgendwas zwischen 1200g und 1300g Materie. Aber missversteh mich da bitte nicht, wenn ich sage: „nichts weiter“. 1300g Materie sind zwar nicht gerade eine kosmische Größe, aber physikalisch betracht kann man sich damit schon ein kleines Feuerchen anmachen. Und es braucht auch ein kleines Feuerchen, um 1300g Materie zu erzeugen.“

Er rechnet mir vor, dass nach der Einsteinschen Materie-Energie-Äquivalenz 1300g Materie komplett in Energie dargestellt etwa der Jahresleistung von 4 Kernkraftwerken entspräche.

Leider aber gilt das Selbe auch für einen Stein, der 1300g schwer ist, und für ein Stück Holz ebenso wie für eine 1300g schwere Echse.
Ich bin nicht sehr amüsiert.

Kaminskie sieht es mir an meinem Gesichtsausdruck an. Deshalb sagte er:
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ein Stein kein offenes System ist und nicht so wie unser Gehirn an der stofflichen Bewegtheit des Weltgeschehens teilnimmt? War der Stein etwa keiner zeitlichen Strukturbildung unterworfen? Und gilt für ihn nicht auch, dass sich an seinem Ort eine bestimmte Struktur konzentriert hat? Und steht ein Stein etwa nicht im energetischen Austausch? Zieht er sich nicht zusammen wenn es kalt wird, und dehnt er sich nicht aus, wenn es warm wird, und wird er nicht von Wind und Wasser geformt, geschliffen, verändert und sogar wieder zerstreut wie ein ganzer Mensch mit seinem Gehirn?“

„Ja ja, nein nein, doch doch, aber ich meine….“

Kaminskie fährt fort: „Ich wollte dir mit unserem kleinen Smalltalk über die Kernkraftwerke lediglich zu verstehen geben, dass alle Punkte im Universum, egal ob da nun ein Stein liegt, ein Gehirn herumwabbelt, oder gar nichts ist, zuerst ihrer Temperatur nach bezeichnet werden können. (Kaminski spricht perfekt deutsch, aber immer wenn er Temperatur sagt, dann hört man ihm das Baltische an.) Und wenn wir Physiker von Temperatur sprechen, dann meinen wir immer auch: Energie. Aber es kommt noch besser: Wenn wir von Energie sprechen, dann meinen wir seit Einstein immer auch: Materie. Und dass die Annahme dieses Äquivalents seine Richtigkeit hat, ist – leider – bombensicher, davon kannst Du mal ausgehen.“

„Also sorry“, – sage ich zu ihm – „das klingt jetzt beinahe so, als würdest Du gar keinen Unterscheid zwischen einem Stein und einem Gehirn gelten lassen. Damit bin ich aber nicht einverstanden. Immerhin unterhalten wir uns hier. Könnte es außerdem sein, dass wir irgendwie unterschiedliche Temperaturbegriffe benutzen?

Dazu sagt er dann folgendes:
„Ja, du sprichst da wirklich ein Dilemma an, dass bei Laien oft zu Missverständnissen führt. Ich will es so formulieren: Wir Physiker sprechen zwar immer mal wieder entweder von Temperatur oder von Energie, oder auch Frequenz, und wir benutzen auch verschiedene Maßeinheiten wie Kelvin, Elektronenvolt, Hertz oder Joule, tatsächlich aber meinen wir immer das selbe, nämlich Energie. Wann wir was und warum benutzen, ist abhängig von dem Kontext, verstehst du, was gemessen werden soll, von dem Ort auf der Skala, und von den Formen, in denen sie auftritt. Aber Sie können die verschiedenen Maßeinheiten prinzipiell zueinander in ein Verhältnis setzen, ineinander umwandeln. Ich möchte dich nicht mit Formelkram und Lexikoninhalten langweilen, aber was oft verdrängt wird, ist das:
Energie gibt es nicht. Also so, wie es ein Stück Brot gibt. Energie ist eigentlich so etwas wie eine – hier überlegt er sehr lange und blinzelt – sehr reale Halluzination. Mit Energie wurde lediglich ein Begriff gefunden, der die Fähigkeit eines Systems definiert, Arbeit zu verrichten. Und das immer im Unterscheid zu einem vorher definierten Zustand, in dem keine Arbeit verrichtet wird.
Dass sich Wassermoleküle bei einer bestimmten Temperatur bewegen, bescheinigt Ihnen eben die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Zum Beispiel andere Moleküle anzustoßen. Bescheinigt Ihnen, dass sie energiereich sind. Nur macht es in diesem Kontext eben keinen Sinn, die Temperatur in Elektronenvolt anzugeben, weil uns hier nicht interessiert, welche Bewegungsenergie die beteiligten Neutronen haben, sondern wann mein Wasser so heiß ist, die Moleküle sich so schnell bewegen, dass sie den Dreck aus der Wäsche lösen. Zwischen Molekülen und Neutronen liegt aber eine gigantische, fast schon kosmische Skala. Deshalb hier Kelvin oder im Alltagsgebrauch Celsius. Du kannst es noch allgemeiner formulieren: Der Begriff Energie ist ein sehr brauchbares Werkzeug, um auszudrücken und zu ermitteln, dass überhaupt etwas geschieht, dass sich etwas bewegt, wie stark es sich bewegt, oder ob eben gerade mal überhaupt nichts passiert…. wobei es den absoluten Stillstand eigentlich nicht gibt.
Ich will also damit sagen, dass die Worte Temperatur und Energie für einen Physiker beinahe das Selbe meinen. Da wir aber Prozesse auf riesigen Skalen beschreiben, wechseln wir manchmal die Maßeinheiten und Begriffe. Weil man mit einer Waschmaschine eben etwas ganz anderes verfolgt als etwa mit einem Teilchenbeschleuniger….“

„Warum kommst Du mir mit diesem Zeug? Damit wären wir ja wieder bei der Idee der Bewegung“

„Ich komme dir damit erstens, damit wir unsere Temperaturbegriffe gegeneinander abgleichen können und zweitens, um dir damit, wie sagt man bei Euch, durch die Blume, mitzuteilen, was hinter deinen philosophischen Begriffen von „Strukturbildung“, „Bewegtheit des Weltganzen“ „Strukturkonzentration“ „Durchblutung“, „Ernährung“ „Beatmung“…“Kräuselung“… und was Du noch so erfunden hast, steckt: Es sind Temperaturprozesse, Energie.
Wenn du dich dem Gehirn als Diskussionsgegenstand und energetisch offenem System nähern willst, reicht es eben nicht allein, dass du dort ein Thermometer hinein steckst und dann abliest: 37 Grad Celsius, ein bisschen Blut, ein bisschen Wasser, Zucker, Salz und hoppla: Es kann denken.
Unser Gehirn hat noch eine ganz andere Temperatur, die du in deiner Sichtweise der Sache immer vernachlässigst. Willst Du wissen, welche Temperatur mein oder dein Gehirn nach Einstein hat? Ich sag’s dir: 1300g Gehirnmasse nach der speziellen Relativitätstheorie verlustfrei in Energie umgesetzt (hier pustet er sich kurz ein Fussel vom Ärmel) bringen 117 000 000 000 Mjoul Energie (sprich: Einhundertsiebzehntausendmillionen Megajoul) Soll ich’s Dir in Hiroshimabomben umrechnen?“
„Muss das sein? Du klingst wie so ein Typ von der Scientology-Sekte“
„Du weißt, dass ich von etwas ganz anderem spreche. Es sind zufällig round about 1300 Hiroshimabomben.“
„Willst Du eine ungefähre Vorstellung von der Temperatur haben, die dabei auftritt?
„Du sagst es mir sowieso.“
„Stell Dir einen Blitz vor, der ungefähr 10 Sekunden lang dauert. Dann sind es
im Zentrum des Ereignisses ungefähr Eintausendmilionen und ein paar zerquetschte Grad Celsius. Zehn Sekunden lang. Sprich die Zahl Eintausendmillionen 4 mal aus und 10 Sekunden sind vergangen. Näherungswerte, sehr theoretisch und grob überschlagen. Aber es wird sehr warm.“

„Das nennst du also Vorstellung. 10 Sekunden sind eine lange Zeit.“

„Ja, eine lang lange Zeit. Da kann man sich schon sein Pfeifchen dran anzünden. Und deine Sonnebrille kannst du hinterher auch wegschmeißen, wenn es noch etwas gibt, wo du sie hinschmeißen kannst.“

„Gut, aber was beweist das? Auch der Dreck unter meinem Fingernagel, nach Einstein verlustfrei in Energie umgesetzt, dürfte theoretisch schon einen enormen Heizwert haben.“

„Ich wollte Dir damit gar nichts beweisen. Ich habe dir nur das Äquivalent von Energie vorgerechnet, die in der Masse unseres Gehirns steckt. Vielleicht versteht man ja das Gehirn besser, wenn man seine Strukturbildung und seine grundsätzliche Offenheit nicht nur biologisch betrachtet, sondern auch physikalisch.“

„Gut, wir haben also einen enormen sehr theoretischen Blitz im Kopf, der in Materie gefangen ist, aber dieser Äquivalenzblitz steckt auch in einem Stein von der selben Masse, oder in einer großen Echse von mir aus. Sie steckt eben überall. Du kannst auch den ganzen Menschen nehmen, oder alle Menschen… damit kannst du wahrscheinlich die ganze Welt in die Luft sprengen….das besagt doch gar nichts. Gefragt war doch, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet.“

„Na eine Antwort wäre zum Beispiel: Es kann auf mehr oder weniger erfreuliche Art Masse in Energie verwandeln.“

„Na toll. Wirklich sehr überraschend. Da haben wir uns ja wunderbar im Kreis bewegt. Ich will aber wissen, warum es das kann. Und ein Stein eben nicht. Und es verwandelt ja auch nicht seine eigene Masse in Energie, sondern die von mühselig angereichertem Uran oder anderen Stoffen Und dazu benutzt es Hände, Stift, Papier, Schaufelbagger….“

„Vielleicht hast du oder haben wir einfach die falschen Prämissen zur Unterscheidung angesetzt. Es wird doch wohl erlaubt sein, das Gehirn zunächst einmal auch als physikalisches Objekt zu betrachten, in diesem Fall als Masse…“

„Entschuldige, aber was soll das bringen?“

Also, du hast mich gefragt, was ein Gehirn von einem Stein unterscheidet. Aber wenn du zwei Objekte voneinander unterscheiden willst, dann brauchst du eine Referenz. Du brauchst einen Hintergrund…..

… „Ich weiß, einen Hintergrund, der die Dinge zunächst einmal gleich macht.“

Genau. „Ich habe nach einem Hintergrund gesucht, vor dem eine Unterscheidung überhaupt erst sinnvoll ist, und habe hierfür, also als großen Gleichmacher, die Temperatur, sprich: Die Energie, sprich: die Materie vorgeschlagen. Ob dieser Hintergrund praktikabel oder ganz falsch ist, wissen wir noch nicht.

„Aber das alles haben wir jetzt mit unserem Gehirn gemacht, Kaminskie.“

„Eine Atombombe funktioniert auch außerhalb unseres Gehirns, das kannst du einfach mal glauben.“

Ende des Protokolls

Die Gespräche mit Kaminskie nehmen oft diesen seltsamen Verlauf. Das Problem an Kaminskie und unseren Gesprächen ist, dass er sich mir gegenüber Lässigkeiten und Verallgemeinerungen erlaubt, die er sich gegenüber seinen Fachkollegen nicht erlauben würde. Er tut das mit einem guten Vorsatz. Er möchte unsere Gespräche nicht durch Details verfilzen lassen. Dabei hält er meine Zumutbarkeitsschwelle für niedriger, als sie tatsächlich ist.

Laborintern zur Weiterbearbeitung:
Wenn Kaminskie von „riesigen Skalen“ spricht, könnte er sich ja durchaus zu einem anschaulichen Beispiel bequemen. Auch deshalb bin ich nie so ganz zufrieden, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, weil seine Besuche sich mir oft zu ganzen „Kaminskie-Tagen“ erweitern, an denen ich dann mühsam einigen Details hinterher recherchiere. Wenn er von riesigen Skalen spricht, dann meint er Verhältnisse. Dass etwa der Kern eines Atoms sich zur Atomhülle verhält wie ein Pfirsichkern in der Mitte des Olympiastadions. Wenn ich mir dann vorstelle, dass dieser Pfirsichkern beinahe die gesamte Masse des Olympiastadions enthält, fühlt sich das bereits merkwürdig an. Ein einziges Wassermolekül, dass aus einem H –Atom und zwei O – Atomen besteht, muss ich mir dann als 3 Olympiastadien vorstellen, die aneinander gekoppelt sind, mit jeweils einem Pfirsichkern in der Mitte.
Zudem hat Kaminskie auch allzu lässig die Energieäquivalenz von 1300g Masse nach der speziellen Relativitätstheorie und der berühmten Formel E=mc quadrat berechnet. Obwohl er es besser weiß. Besser als ich. Kann man prinzipiell machen, ist aber dermaßen theoretisch vereinfacht, dass es sich schon beinahe wieder verbietet. Die Vorraussetzungen hierfür sind einigermaßen kompliziert. Wenn sich 1300g Materie einfach so in einem Einsteinofen vollständig in Energie darstellen ließen, hätte man ja alle Energieprobleme gelöst. Bei der Hiroshimabombe wurden aber gerade mal
1 Gramm der beteiligten Uran-Ruhe-Masse (es waren insgesamt ca 50 Kg) auf diese Weise ad hoc in Energie verwandelt. Dass funktionierte aber auch nur deshalb, weil Atomkerne gespalten wurden, die von vornherein instabil waren, angereichert, künstlich aufgepumpt wie übergroße Wassertropfen, die ab einer bestimmten Größe durch einen Anstoß in kleinere Tropfen auseinanderplatzen. Was da an Energie frei wurde, entsprach immer nur der Bindungsenergie von diesen aufgepumpten Urankernen bei jeweils einer Spaltung, schlagartig potenziert in Kettenreaktion.
Zwischennotiz Bindungsenergie – sehr interessanter Effekt, der sich als Widerspruch tarnt, aber keiner ist: Die Teile eines Atomkerns, wenn man ihn spaltet, haben mehr Bindungsenergie, als der Atomkern, wenn man ihn ganz lässt. Dieses Mehr an Bindungsenergie entspricht einer relativistischen Masse, die im Moment der Spaltung nicht als Masse, sondern als Energie, Temperatur und Strahlungsdruck vorliegt. Diese Sache muss ich besser verstehen, weiter untersuchen. Merkwürdiges Phänomen.
Die zwei entstandenen neuen Spaltkerne (Nuklide) wurden dann aber schon nicht mehr in Kettenreaktion gespalten. Sie flogen in der Gegend herum, oder zerstrahlten langsam. Gereicht hat dieses eine Gramm Massedefekt leider trotzdem.
Wollte man 1300g Gehirnmasse auf diese Weise vollständig ad hoc in einen Energieblitz verwandeln, müsste man alle beteiligten Elemente ad hoc spalten, bis sie allesamt zu Wasserstoffkernen mit jeweils einem Proton im Kern zurückverwandelt worden sind. Da aber beginnt schon die Schwierigkeit. Ein Kohlenstoffatomkern ist sehr sehr stabil. Ihn ad hoc einfach zu spalten, fällt sehr sehr sehr schwer. Alle Elemente, die im Periodensystem vor Eisen liegen, lassen sich nur spalten, wenn man mehr Energie dafür aufwendet, als man erhält. Also müsste man sie fusionieren. Alle Elemente schwerer als Wasserstoff sind aber schon Fusionsprodukte, Wasserstoffkinder. Wasserstoffkindeskinder. Wasserstoffenkel.
Dann müsste man zum Schluss auf zauberische Weise alle verbliebenen Wasserstoffkerne mit der gleichen Menge von Antiwasserstoffkernen (ggW?), die man sich auf quantenmechanische Art und Weise irgendwie aus dem Vakuum geborgt hat, zusammenschießen, um alle Materie in einen letzten reinen Energieblitz zu verwandeln. Oder man wartet, bis sie von alleine zerstrahlt sind. Was aber dauert. Kaminskie könnte mir schon etwas mehr zumuten.
Vielleicht geht es aber noch anders. Um an die Energie heranzukommen, die in 1300 g Gehirnmasse materialisiert ist, könnte man alle beteiligten Elemente auf ihren Geburtsweg zurückschicken, durch mehrere Generationen von Sternen hindurch, bei deren Tod sie in ihrem Inneren durch Kernfusion erbrütet wurden, müsste sie noch weiter in ihren Geburts-Zeitkanal zurückstopfen bis zu den ersten Ursternen, die nur aus reinstem Wasserstoff sich bildeten und noch weiter zurück bis in die Zeit als noch gar keine Sterne existierten, sondern nur eine große Wasserstoffwolke, aber auch durch diese Zeit müsste man die Kerne noch rückwärts hindurch tragen, bis zu jenem Augenblick, als noch nicht einmal Kerne existierten und ein ursymmetrischer und ultraheißer Zustand durch eine winzige Unregelmäßigkeit so gestört wurde, dass es nicht mehr genau 50 zu 50 für Materie und Antimaterie stand (Antimaterie – ggW? klären, was das ist.) , die sich in einem Blitz beide vollständig hätten in Energie erlösen können, nein, es stand irgendwie 50,7 für Materie und 49,3 für Antimaterie, vielleicht durch einen Fussel am Ärmel Kaminskies, der dazu führte, dass eben nicht alle Materie wie Antimaterie sich in einen Energieblitz vernichtete, dafür aber ein Dreck von Materie bleiben durfte, aus der wir heute und alles Anfassbare bestehen. Dabei hätte man aber rein gar nichts gewonnen, weil das Energieäquivalent von 1300g Gehirnmasse eben der Energie entspricht, die es brauchte, um sie durch den Geburtszeitkanal in unsere Gegenwart und schließlich in meinen oder Kaminskies Kopf hinein ploppen zu lassen.
Man kann es sich natürlich auch leichter machen, so wie Kaminskie, einfach so
die Masse des Gehirns mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit multiplizieren, und dann sein Pfeifchen dran anzünden. Dabei ist er der Physiker von uns. Gut, er will unsere Gespräche nicht verfilzen lassen.

Kurzum: Kaminskie hat mir in seinem entspannten Sonntagsinteresse für Philosophie, und vielleicht auch weil er mich nicht überfordern wollte, unterschlagen, dass die Quantenmechanik bestimmte Bedingungen stellt, damit E=mc quadrat gilt.
Die Formel ist deshalb nicht falsch, aber davor steht die Zicke Quantenmechanik, die ihre Bedingungen stellt. Und diese Bedingungen sind nicht ohne weiteres zu erfüllen, schon gar nicht zu umgehen. Sie stellt Regeln auf, die verhindern, dass bestimmte Sorten von Teilchen zusammenkommen oder sich trennen dürfen und sich nur unter bestimmten Vorraussetzungen ineinander umwandeln. Soll ich dem nun auch noch hinterher recherchieren, Kaminskie?

Insofern war Einstein eigentlich ein ziemlicher Fußgänger. Das muss man einfach auch mal sagen dürfen. Seine Leistung war doch sehr relativ! Er hat uns mit seiner Superformel Hoffnung gemacht auf Zeitreisen und ein energetisches Schlaraffenland, und was ist davon geblieben? Ein abgenagtes Hühnerbein auf einer Toilettengeld-Untertasse. Und das wird auch noch bewacht von der alten Fettel Quantenmechanik, die eine Atombombe in der Hand hat, von der sich herausstellt, dass man sie wahrscheinlich sogar ohne E=mc quadrat zusammenbasteln kann. Ich finde das alles ein wenig enttäuschend.

Ganz ausdrücklich: Ich bin nicht Albert Einstein!

Okey, das nehme ich zurück. Beides.

Grundsätzlich hat Kaminskie Recht: Jede Masse entspricht einem Energieäquivalent. Hat sogar, wie ich jetzt mühsam recherchiert habe, eine Strahlungsfrequenz. (Planck) Nur ist es Blödsinn von einer Umwandlung zu sprechen. Masse IST Energie in einer anderen Form

Problem: Zwischen einer biologischen Betrachtung und einer physikalischen liegen gigantische Skalen.

37 Grad Celsius. Reden Biologen und Physiker eigentlich miteinander? Können sie sich hören?

Worin Kaminskie auch wieder gut war: Mit seinem Hinweis auf die Referenz, die es braucht, um ein Ding von einem anderen Ding sinnvoll unterscheiden zu können. Ein Gehirn von einem Stein. Überhaupt – die Gleichmacherei in der Unterscheidung. Das Ver-Gleichen.

Willst Du etwas erkennen, musst Du es unterscheiden.
Willst Du etwas unterscheiden, musst Du es erkennen.

Vor welchem Hintergrund. Was bestimmt Ihn?

Allerdings wusste das vor Kaminskie schon George Spencer Brown.

Wie ist es möglich, dass wir gleichzeitig unterscheiden indem wir gleichmachen, ohne uns zu verheddern?

Sehr gepflegter, gut gekämmter und gut angezogener Widerspruch. Mit glänzenden Budapester Schuhen.

Muss Kaminskie das nächste Mal fragen, woran er eigentlich genau arbeitet.

Unsere Gesprächskultur justieren.

Käsekuchen einkaufen.

Nachtbild Ernährung/Notiz

Ob man nun will oder nicht, schickt das Gehirn seine ihm zugespielten Reize immer noch einmal in den Toaster, weil es mit der realen Lappigkeit des Wirklichen nicht umgehen will, nicht umgehen kann. Es gehört ja selbst dazu. Also toastet es die Prozesse, die es ergreift, zu Krusten, damit sie Denk-Gegenstände werden, kognitiv Biss haben, al dente sind. Was Fließen, was Bewegung war, wird Gegenstand. Der krachende Biss hält ein Stück Bewegung fest. Erobert sie. Begreifend. Im Gebiss. Aber es ist immer nur ein Stück. Den Rest muss es am Gebiss vorbeischwimmen lassen. Bis es das nächste Mal danach schnappt. Aber so ganz peu a peu hat es überall schon einmal zugebissen und große Körner gekrustet. So entsteht ein grobkörniges Bild von dem, was IST. Noch kein schönes Bild, und man kann noch kaum etwas erkennen. Aber dann zerbeißt es die Körner feiner und feiner und das Bild wird feinkörniger, schärfer. Wenn man sie verstehen will diese Bewegung, kann man Bewegung nicht gleichsam widerstandslos trinken, atmen, lutschen. Kein Beweis, aber eine Stütze der These: Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte Durst auf Leben oder Durst nach Liebe? Oder dass jemand gesagt hätte: „Ich habe Dich zum Trinken gern.“ Hier regiert der Hunger. Dabei ist der Durst viel mächtiger als Hunger. Man kommt 40 Tage ohne Essen aus, aber schon nach 5 Tagen ohne Trinken beginnt das Sterben. Trotzdem ist es der Hunger, der regiert. Lebenshunger – Liebeshungrig. Der krachende Biss. Aber weil der Biss regiert, heißt das noch lange nicht, dass nun gleich alles zum Beißen ist. Wie ist der Rest? Wo ist das Andere? Und vor allem: Was ist es? Wissensdurst! Ich geh erst mal ins Bett und stell mich dumm.

Wenn ich aufwache, bin ich Künstler.

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