Knüllpapier als Lebensberater.

Ein Blatt Papier, ungeknüllt, verbrennt schneller als eine geknüllte Papierkugel. Wer sein Leben wie eine geknüllte Papierkugel organisiert, lebt länger und stabiler. Das gilt auch für die Wirtschaft.

Effizienz und Belastbarkeit.

Ein Fluss, der innerhalb einer Landschaft mäandert, sich schlängelt, fließt nicht sehr schnell, dafür aber kann die Landschaft als Ganzes Hochwasser und Niedrigwasser besser verteilen, ausgleichen. Die mäandernde Fluss-Landschaft verhält sich nicht maximal effizient. Sie lebt umständlich, langsam, aber sie reagiert belastbarer gegenüber Durchsatzspitzen und Durchsatzsenken.

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer in der brandeins vom Januar 09 spricht über die Dynamik von Effizienz und Belastbarkeit.

Seine Pointe: Das Finanzsystem sei zu effizient. Und deshalb zu wenig belastbar.

Effizienz definiert er als den Durchsatz von Energie, Information und Stoff innerhalb eines Zeitintervalls.

Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Fehler, Störungen, Abweichungen vom Normalmodus wegstecken zu können, ohne dass es als Ganzes kollabiert.

Lietaer definiert eine „Vitalitätszone“, in der eine Balance zwischen Effizienz und Belastbarkeit von 1:2 sich einstelle.

Darüber hinaus gelte: Je effizienter ein System sei, desto weniger belastbar.

Ein System müsse immer doppelt so belastbar wie effizient sein. Bei zunehmender Effizienz sinkt die Belastbarkeit. Deshalb müsse das Finanzsystem als Ganzes weniger effizient gestaltet werden. Lietaers Ansatz ist nicht ganz neu und entspricht auch sonst durchaus der Alltagserfahrung in anderen Bereichen.

Ein Mensch, ein System, das sich ausschließlich über seinen „Durchsatz“ definiert, Durchsatz an Produktionen, Durchsatz an Verhältnissen, Durchsatz an Energien und Informationen – muss irgendwann zur Bypassoperation, die ihm am Herzen oder sonstwo jetzt einen technischen Mäander legt, wenn er Glück hatte und nicht schon geplatzt oder kolabiert ist.

Die Alltagserfahrung sagt: Der klassische Karrierist, der sich nur über die Höhe seines „Durchsatz“ definiert, ist kein mäandernder Fluss, sondern ein starrer Kanal mit betonierten Ufern. Ohne jegliche Beziehung zur Landschaft. Meistens also auch noch ein Soziopath und Beziehungskrüppel, der sich hinter immer höheren Deichen mit Sandsäcken verschanzt, bis auch die nicht mehr halten.

Der Finanzexperte Litaer schlägt vor, Bypässe zu legen. Ein mäanderndes Kapillarsystem auszubilden. Die monokulturalistisch organisierte Finanzwelt, die nur Hauptschlagadern kennt, aber keine Kappilargefässe, in kleinere Wirtschaftszonen zu zerlegen, das System aufzulockern. Damit würde es umständlicher, komplexer, weniger effizient aber um so belastbarer.

Er schlägt Regionalwährungen vor oder regionale Verrechnungseinheiten, wie sie schon in der Schweiz (WIR) oder auch in den USA (Time-Dollar) benutzt werden. Wobei er ausdrücklich dafür plädiert, eine Globalwährung zu erhalten. Die kleinen regionalen Verrechnungseinheiten nennt er „Komplementärwährungen.“

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass sich diese regionalen Komplementärwährungen antizyklisch verhielten und damit die Regionen und Kommunen vor einem Durchschlagen globaler Turbulenzen schützten.

Lietaers Überlegungen sind konstruktiv. Weil in einem höheren Organismus, zum Beispiel im menschlichen Körper, das Versorgungssystem genau so strukturiert ist. Zwar fließt da ein Globalblut, das als Währung und Tauschmedium den ganzen Körper durchströmt, aber beinahe jedes Organ arbeitet mit einem regionalen Wirtschaftsblut, dass je nach Bedürfnis des Organs durch die Blut-Organ-Schranken modifiziert ist. Das klingt umständlich, trägt aber zur Belastbarkeit bei.

Der menschliche Organismus ist viel weniger effizient als belastbar.

Damit sind Lietaers Überlegungen sowohl natürlich als auch technologisch.

Die moderne Materialwissenschaft weiß längst: Stabil und belastbar sind nicht die monostrukturierten Konstruktionen, sondern Schicht – und Verbundmaterialien, die in einer Polykontextur als Schicht- oder Verbundstoffen hergestellt werden. Das ist umständlich und aufwendig, kostet Energie oder Zeit wie beim Holz. Aber der Aufwand lohnt sich.

Ein anderes Beispiel aus der Materialwissenschaft sind Sicken und Pfalzungen. Ein Stück Papier kann stabiler und belastbarer werden, wenn ich es knicke, pfalze, falte – wenn ich diesem Papier also aus seiner monoformalen Existenz in eine polyformale Existenz hineinhelfe.

Das Papier wird in sich als Struktur langsamer, umwegiger, aber dafür belastbarer. Es brennt nicht so schnell ab. Es verliert seine Form nicht so schnell. Eine geknüllte Papierkugel ist viel krisenresistenter als ein Blatt Papier.

Lietaers Überlegungen verlangen nach einem gesellschaftsplastischem Umdenken.

Der monoforme Charakter –

Die monoforme Karriere –

Der monoforme Betrieb –

Die monoforme Biografie –

sind in sich betrachtet „effiziente“ Charaktere, Karrieren, Betriebe, Biografien… Zugleich aber auch dumm, hochgefährdet und wenig belastbar. Bruchanfällig. Hochentzündlich.

Die Zukunft gehört dem polyformen Mäandern, dem Geknüllten, dem Kappilaren.

Das Gehirn selbst ist etwas Geknülltes, ein Viel-Falt.

Vordergründig klingt das nun alles sehr ökologisch, nach Verlangsamung etc… sogar ein wenig postmodern. Es klingt menschlich, beinahe poetisch. Es klingt danach, als könne man die Gesellschaft poetisch organisieren.

Auch die Poesie sagt ja von sich, dass sie in einer geknüllten oder geschichteten oder mäandernden Sprache spreche und deshalb belastbarer gegenüber einer monoformen Wahrheitszumutung ist. Die Vieldeutigkeit sei ihre Stärke. Die Undeutlichkeit, das Raunen und Mäandern. Noch Heidegger war davon überzeugt, dass die Sprache der Poesie in ihrer Geknülltheit die wahre „Tiefe“ existenzieller Verhältnisse wiedergebe. Das muss heute aber als liebenswerte Folklore sich darstellen in einer Zeit, in der die technische Umwelt selbst vielfältig geworden ist. Das so genannte Schöpferische, die Intuition, das Raunen, der Genius, das Vielschichtige – dies alles findet sich in einem Autoscheinwerfer ebenso wieder wie in einem Kohlefaserverbundmaterial.

Tatsächlich also organisiert sich die Gesellschaft längst poetisch und vielschichtig. Aber sie tut dies im Technischen. Der Alltag selbst ist längst magisch geworden.

Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer wirklich mal ganz genau angeschaut?

Wer – ich?

Ja – Sie. Haben Sie sich einen Autoscheinwerfer einmal mit dem selben Interesse angesehen wie eine Zeichnung von Dürer, also ganz nah, so mit Herunterbeugen und so ?

Sind Sie immernoch davon überzeugt, das die tägliche Tagesschau keine Kunst ist?

Man steht in einer Austellung vor einem Kunstwerk und rätselt lustvoll. Oder man liest ein Gedicht und hört es raunen, nickt mit dem Kopf ins Leere irgendwie hinein.

Dabei ist schon ein Schuh aus Goretex mindestens so geheimnisvoll vielschichtig wie ein Gedicht von Trakl. Aber das Thema ist nun auch durch. Duchamp ist durch. Warhol ist durch.

Zurück zum Thema.

Die polyforme Klein-Region in einem polyformen Verbundkomplex steht vor dem Problem, dass sie beweisen muss, ob ihre eigene kapilare Existenz, die eigenen Partikelwirtschaft, die eigene Pfalzung in den Verbundkomplex passt oder nicht. An der Form eines Mäanders ist nichts Zufälliges. Das Bett eines Flusses, wenn er dieses Bett gefunden hat, ist notwendig, funktional, folgerichtig.

Ein Gesellschaftsmodell, dass sogenannte „natürliche“ Verhältnisse, also die sozialökologischen Verhältnisse in einem Korallenriff oder in einem menschlichen Körper nachahmen möchte, übersieht allzu gern, dass der Metabolismus des Stoffwechsels bei natürlichen Systemen einem harten Selektionsmechanismus unterliegt.

(Deshalb macht Lietaer hier auch ausdrücklich eine Einschränkung, was die 100 prozentige Übertragbarkeit betrifft.)

Die Natur ist alles andere als niedlich oder freundlich. Sie ist funktional.

Die Vielfalt in einem Korallenriff oder in einem anderen komplexen Organismus ist nicht nach Schönheitsgesichtspunkten organisiert, sondern nach Funktionalität. Wer in einem Korallenriff als in einem polyformalen Verbundkomplex nichts anbieten kann, was wirklich auf der informellen oder stofflichen Seite gebraucht wird, gehört nicht dazu, wird abgestoßen, fliegt raus. Dasselbe gilt für den Verbundstoffwechsel in einem höhren Organismus.

Trotzdem oder gerade deshalb enthält, wie ich es sehe, Bernard Lietaers Vorschlag eine Menge Zukunft. Gerade weil er sich aus der modernen Materialwisenschaft herleiten lässt.

Die Globalisierung als Prozess hat die Tendenz, irgendwo zwischen einer mittleren Effizienz und einer mittleren Belastbarkeit in diesem Sinne die Blöcke zu zerbrechen und zu partikularisieren. Gefrorenes bricht und schmilzt metathermisch. Aber in dem sie partikularisiert und regionalisiert, bildet sie einen polyformen Verbundorganismus heraus, mit vielen Tennschichten und Dehnungsfugen, der in sich relativ tolerabel und stabil gegenüber informellen oder energetischen Belastungen ist. Nicht zuletzt deshalb empfindet man die letzten zwanzig Jahre als einen komplementären Prozess zwischen Auseinanderbrechen (Singel-Wirtschaft, Ich-Ag, Kosovo) und elastischer Neuverknüpfung (Internet, Patchwork)

Das Auseinanderbrechen der Blöcke 1989, das Auseinanderbrechen der Kapitalriesen in letzter Zeit – könnte man als allgemeine Kosovoisierung bezeichnen. Aber die Bruchkanten verwandeln sich in Dehnungsfugen. Ähnlich wie bei Sperrholz oder Kohlefaserverbundstoffen. Je mehr Dehnungsfugen ein Material aufweist, je mehr Trennschichten innerhalb des Materials, desto elastischer, flexibler und stabiler kann es sich verhalten.

Die Damaszener-Schmiedetechnik ist so ziemlich das Gewaltsamste, das man einem Material antun kann. Brechen. Falten. Schlagen. Glühen. Und wieder brechen, falten, schlagen, glühen. Abschrecken. Aber am Ende erhält man einen „intelligenten“ Stahl, ein hochgefaltetes Material. Eine Klinge. Hart und elastisch zugleich. Einen krisenresistenten Stoff. Elastizizät wäre ein anderes Wort für Belastbarkeit.

Das bedeutet aber für das einzelne Individuum als flussbewegtes Molekül im Verbund, dass es beinahe sekündlich zu überprüfen hat, ob seine Existenz nachfragetauglich ist. Es muss selbst flexibel bleiben und permanent lernfähig. Es muss Schläge, Energien aushalten, wegstecken oder sofort weiterleiten können.

Darin zeigt sich der Preis, der auch innerhalb einer solchen sozialökologisch gedachten Struktur, für Stabilität zu entrichten ist.

Wer Stabilität will, bekommt sie nur als Elastizität.

Ein wirklich stabiles System braucht den elastisch felxiblen Mitläufer und Anpasser.

Elastizität aber ist das Gegenteil von Gemütlichkeit. Elastizität des Systems verlangt von den Individuen (Litaers autonome Wirtschaftsregionen) Flexibilität, Adaptionsfähigkeit. Übertragen auf ein Individuum bedeutet das: Der dynamische Typus ist deshalb zugleich auch immer ein Mitläufer- und Anpassertypus. Eine „innere Haltung“ zu haben, wäre für ihn tödlich. Denn die Elastizität im dynamischen Verbund verlangt permanente Dehnfähigkeit.

Der adaptierfähige und lernfähige, der elastisch dehnfähige Typus, ist aber genau der Typus, den nachfolgende Generationen dann zumeist als „Mitläufer“ seiner Epoche identifizieren. Der Typ, der immer und in jeder Zeit gut durchkommt.

Die Frage ist dann, wieviel Flexibilität und Adaptionsfähigkeit ein Individuum verträgt, ohne dabei aufzuhören, ein Individuum zu sein. Eine definierte Region, mit regionalen Eigenheiten.

Die Frage ist also, ob wir wirklich ein krisenresistentes System wollen. Ob man eine höhere Belastbarkeit will. Oder ob es nicht besser ist, wenn zwischendurch immer mal wieder alles zusammenbricht.

Ziemlich krisenresistente Populationen sind Schaben, Ratten, Skorpione und viele Bakterienarten. Diese Populationen sind krisenresistent und kaum auszurotten, weil sie eine hohe Mutationsrate bei schneller Generationenfolge besitzen, was ihnen eine enorme Anpassungsfähigkeit sichert. Sie haben eine hohe statistische Streurate. Hohe Generationsfolge heißt: Sie haben ganz viel Tod in ihrer Population. Aber auch Leben. Es wird schnell geboren und schnell gestorben. Deshalb kommt es im „Globalsystem Schabe“ kaum zu wirklichen „Globalkrisen“. Die einzelne Schabe, der einzelne Skorpion, die einzelne Ratte sind nicht wichtig. Wichtig ist die Population, das Aufrechterhalten der Dynamik.

Bernard Lietaers Finanzmodell, das ein pysisches Streumodell ist und auf Belastbarkeit hinauswill, klingt trotzem oder gerade deshalb sehr plausibel.

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