Was Aristoteles schon über die Finanzkrise wusste.

Potentialität und Aktualität.

So steht man heute wieder vor uralten Fragen, deren Gründe viel tiefer in die Zeit zurückreichen, als nur bis zu Marx.

Die strukturierten Produkte, die Zertifikate des Finanzwesens, waren ja zunächst aus einer ganz sinnvollen Überlegung hervorgegangen. Sie sollten die Risiken eines monoformen Papiers über den Verbund, in der Vermischung mit verschiedenen anderen Papieren, Versicherungen und Rückversicherungen, die sich jeweils dann in geknüllte schwer zu durchschauende Zertifikate einbetteten, in ein polyformes Verbundmaterial verwandeln, das stabiler ist, weniger risikobehaftet. Eine Art Sperrholz oder Damastzenerstahl der Finanzbranche.

Eigentlich funktioniert das ja auch. Man kann ein Anlage-Portfolio so mischen, oder knüllen oder falten, dass es stabiler bleibt, elastischer, aber dann agiert es weniger effizient, weniger produktiv. Es verformt sich dann als geknülltes Portfolio weniger heftig in Richtung Verlustzone aber auch weniger in Richtung Gewinnzone. In dem man zum Beispiel Kauf – und Verkaufsoptionen mit Aktien aus verschiedenen Branchen mischt.

Der Anleger spricht dann von einer „langweiligen“ aber relativ stabilen Anlagestrategie.

Aber warum waren die problematischen Mischstrategien, die ja ebenfalls als Verbund- und Schichtmaterialien konstruiert wurden so brisante „plötzliche“ Sprengstoffe? Warum waren sie instabil?
Faule Zutaten sind das eine. Das andere war der Irrtum, dass man glaubte, etwas könne zugleich enorm effizient, produktiv und und zugleich enorm belastbar, also stabil sein. Das funktioniert nicht, wie man heute mathematisch ebenso wie physikalisch simpel nachweisen kann.

(Ein Raketentriebwerk ist höchst effizient – aber! – Es soll auch nur 8 Minuten durchhalten. Und auch diese 8 Minuten müssen empfindlich gut kalkuliert sein, damit es einen nicht um die Ohren fliegt! Deshalb ist hohe Effizienz immer verbunden mit einer kurzen Funktionsdauer des jeweiligen Systems ebenso wie mit bedrohlicher Gesamtanfälligkeit!)

Der Finanzexperte Bernhard Litaer hat in der Brand1 vom Januar 09 darauf aufmerksam gemacht, dass ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang zwischen Produktivität und Belastbarkeit bei Systemen wirkt. Wenn man Produktivität definiert als eine Durchsatzmenge an Energie oder Information pro Zeiteinheit –  und Belastbarkeit als die Fähigkeit eines Systems, Störungen, Abweichungen, Durchsatzsenken oder Durchsatzspitzen so abzufedern, ohne dass es in seiner Gesamtstruktur bedroht ist oder gleich ganz zusammenbricht.

Ungefähr so, wie ein Blatt Papier als geknüllte Kugel stabiler, krisenresistenter ist, als ein ungeknülltes.

Die andere Antwort liefert möglicherweise wieder die Technikgeschichte.

Ein Portfolio so zu mischen, dass es weniger brisant, also stabiler bleibt, entspricht dem Handeln nach dem, was Alfred Nobel damals mit dem Nitroglyzerin gemacht hat.

Es liefert ein Bild zum aristotelischen Problem von Potentialität und Aktualität.

Reines Nitroglyzerin ist nicht wirklich handlich, zu gefährlich, zu instabil, zu effizient. Es ist – zu aktuell. Also hat Alfred Nobel das allzu aktuelle Nitroglyzerin gemischt, langsam gemacht, belastbarer, geknüllt, mit „langweiligem“ Kieselgur und seine Konzentration so verringert, dass es handlich wurde. Sein Dynamit war plötzlich ein harmloser Stoff. Andere Zusatzstoffe machten es sogar unempfindlich gegen eine Streichholzflamme. Erst eine Initialzündung bringt es zur Explosion.

Hier liegt wohl die Schwierigkeit. Die aktuelle Harmlosigkeit des Dynamits kann viel mehr informell-energetisches Potential anhäufen. 20 Liter reines Nitroglyzerin irgendwo zu lagern oder durch eine Leitung zu pumpen wäre Wahnsinn. Fünfzig Tonnen Dynamit dagegen sind kein Problem.

Allerdings – wenn eine geknüllte polyforme Papierkugel – die sich im Prinzip nicht so schnell entzünden lässt wie ein loses Blatt Papier  – wenn sie aber doch einmal brennt, dann lässt sie sich auch nicht so schnell löschen. Sie schwelt dann durch.

Das Dynamit explodiert.

Die Brisanz des Nitroglyzerins, die eher eine „aktuelle“ Brisanz genannt werden kann, wurde von Alfred Nobel in die „potentielle“ Brisanz der Mischform Dynamit überführt.

Die Philosophiegeschichte hat seit Aristoteles und dann über Thomas von Aquin versucht, den Zusammenhang zwischen Aktualität und Potentialität zu klären. Was nicht ganz einfach ist.

In seiner Metaphysik erläutert Aristoteles, dass die Aktualität der Potentialität vorangeht.

Im Rahmen seiner Argumentation gibt es dafür auch einen Grund.

Für Aristoteles gab es als Ursache aller Dinge nur die Kraft der Bewegung (griechisch: Dynamis) also kein statisches Wesen. Die Bewegung aber, so folgert er, ist immer Aktualität. Also aktuell agierend. Und aus der Aktualität der Bewegung formen sich auch die Begriffe, die Instrumente, die Techniken.

Und deshalb schreibt Aristoteles:

Sie (die Potentialität) ist ein Prinzip der Bewegung, freilich der Bewegung nicht in einem anderen, sondern in dem Wesen selbst, insofern es dieses Wesen ist. Jeder solchen Potentialität also geht die Aktualität dem Begriffe nach und dem Wesen nach voran; auch der Zeit nach, wenigstens in gewissem Sinne; in anderem Sinne freilich wieder nicht. Zunächst, daß sie dem Begriffe nach vorangeht, leuchtet von selber ein. Denn das ursprünglich mit Potentialität Ausgestattete hat Potentialität insofern, als es zur Aktualität zu gelangen vermag, wie z.B. Baumeister ist, wer zu bauen vermag, Sehkraft hat, wer zu sehen vermag, und sichtbar ist, was gesehen werden kann. Das gleiche begriffliche Verhältnis herrscht auch in allem anderen. Mithin ist der Begriff des Aktuellen notwendig der ursprünglichere, und wer den Begriff des Potentiellen erfassen will, der muß zuvor den Begriff des Aktuellen erfaßt haben.

Wenn man jetzt für den Begriff des Aktuellen „Nitroglyzerin“ einsetzt und für den Begriff des Potentiellen das  „Dynamit“, man also weiß, dass das Nitroglyzerin in der menschlichen Entwicklung vor dem Dynamit entborgen war, dann kommt man nicht umhin, Aristoteles für seinen Weitblick und Scharfsinn zu bestaunen.

Tatsächlich scheint sich die mensch-technische Entwicklungsgeschichte immer genau in dieser Reihenfolge abzuspielen. Der Zivilisationsprozess überführt die aktuelle Brisanz der Aktualität in den scheinbar weniger brisanten (aber dafür lauernden) Zustand der Potentialität.

Greifen wird Begriff.

(Er-)zählen wird Zahl.

Dynamis wird Dynamit.

Tauschen wird Geld.

Aus dem Kreisen wird das Rad.

Aus dem Rad wird der Wagen.

Bewegung wird Bewegendes.

Aus der Arbeit wird die Maschine… (was Marx auch schon gewusst hat..)

und schließlich:

aus dem Denken wird die Denkmaschine, die Ideologie (ein Problem, das Marx leider nicht so stark beachtet hat.)

aus dem Fühlen wird Gefühltes, der Roman, der Film, das Theater…etc…

Der überschaubare Tausch zwei Schafe gegen ein Pferd, der sich nur in der reinen Aktualität handeln lässt. (Ein Tausch, der wie das Nitroglyzerin auch sofort platzen kann, weil des Pferd zum Beispiel krank ist und ich ein konkret schlechtes Geschäft gemacht habe)

Dieser überschaubare Tausch wird bereits durch die Erfindung des Geldes in eine handlichere Potentialität überführt. Wenn ich Geld statt ein Pferd nehme, kann das Geld nicht krank sein, es sei denn es wurde gefälscht. Aber prinzipiell ist es das handlichere Geschäft. Aber schon dieses Geld, dass bereits ein Äquvalent ist, hat Dynamiteigenschaften. Ich könnte dieses Geld jetzt verleihen, gegen Zinsen, damit es wächst, sprich: explodiert.

Und so weiter bis hin zu den heutigen Finanzmarktinstrumenten.

Heute weiß man – die Tatsache, dass Sprengstoffe „handlich“ wurden, hat sie global betrachtet erst zur massenhaften Anwendung gebracht, für ihre Verbreitung gesorgt. Ihre potentielle Brisanz ist gestiegen.

Sprengstoffe sind manchmal sinnvoll. Ebenso wie im Prinzip die gemischten Papiere nicht einfach nur destruktiv sind.

Die menschlich-technische Evolution wird den Weg in Richtung Verbundstoff weiter beschreiten. Und dies über Brüche, die notwendig sind, um Dehnungsfugen auszubilden. Dass wir dabei selber in einen globalen Verbundstoff eingegliedert werden, steht ausser Frage.

Wenn Bernard Litaer jetzt vorschlägt, die monoformen und potentiell überbrisanten Finanzhandlungsstrukturen durch einen polyformen Verbund von regionalen Wirtschaftszonen zu entlasten, aufzulockern, dann macht er damit den Vorschlag, das Dynamit nicht mehr an wenigen großen Orten herzustellen oder zu bewegen, sondern an vielen kapillar verteilten. Das ist durchaus vernünftig. Aber unabhängig davon, ob es vernünftig ist oder nicht, wird es sowieso geschehen. Es wird geschehen als etwas, das durch gewaltsames Zerbrechen sowieso geschieht. Durch Krisen. Klüger wäre es natürlich, selbst zu tun, was geschieht.

In seinen regional gedachten Wirtschaftszonen, erfolgt ein Teil des Tausches wieder etwas direkter, also aktueller, über kürzere Wege. Er gewinnt mehr Aktualität und verliert etwas von seiner zerstörerisch sich anhäufenden Potentialität.

So wäre heute also zu bedenken, wie man das Verhältnis von Aktualität zu Potentialität  zivilisations- freundlich moderiert.

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